Sämtliche Werke 1-2: Rodion Raskolnikoff (Schuld und Sühne)

By Fyodor Dostoyevsky

The Project Gutenberg EBook of Sämtliche Werke 1-2: Rodion Raskolnikoff
(Schuld und Sühne), by Fjodor Michailowitsch Dostojewski

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Title: Sämtliche Werke 1-2: Rodion Raskolnikoff (Schuld und Sühne)

Author: Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Contributor: Dmitri Mereschkowski

Editor: Arthur Moeller van den Bruck

Translator: E. K. Rahsin

Release Date: November 5, 2018 [EBook #58238]
Last updated: September 5, 2019

Language: German


*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SAMTLICHE WERKE 1-2: RODION RASKOLNIKOFF ***




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                   F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke

            Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski
                herausgegeben von Moeller van den Bruck

                      Übertragen von E. K. Rahsin


                Erste Abteilung: Erster und zweiter Band


                           F. M. Dostojewski




                          Rodion Raskolnikoff


                           (Schuld und Sühne)

                                 Roman


                     R. Piper & Co. Verlag, München


                  R. Piper & Co. Verlag, München, 1922
                            23.--35. Tausend
                Druck: Otto Regel, G. m. b. H., Leipzig.
                    Buchausstattung von Paul Renner.


                   Copyright 1922 by R. Piper & Co.,
                           Verlag in München.




                     Zur Einführung in die Ausgabe


Wir brauchen in Deutschland die voraussetzungslose russische
Geistigkeit. Wir brauchen sie als ein Gegengewicht gegen ein Westlertum,
dessen Einflüssen auch wir ausgesetzt waren, wie Rußland ihnen
ausgesetzt gewesen ist, und das auch uns dahin gebracht hat, wohin wir
heute gebracht sind. Nachdem wir solange zum Westen hinübergesehen
haben, bis wir in Abhängigkeit von ihm gerieten, sehen wir jetzt nach
dem Osten hinüber -- und suchen die Unabhängigkeit. Aber wir werden sie
nicht im Osten, wir werden sie immer nur bei uns selbst finden.

Der Blick nach dem Osten erweitert unsern Blick um die Hälfte der Welt.
Die Fragen des Ostens sind für uns zunächst eine Frage der geistigen
Universalität. Und wenn wir uns mit ihnen beschäftigen, dann handeln wir
nur im Geiste unserer besten Überlieferung. Aber diese Fragen sind noch
mehr. Sie sind zugleich eine Frage der geistigen Souveränität. Nachdem
wir sie im neunzehnten Jahrhundert an den Westen verloren haben, wollen
wir sie im zwanzigsten Jahrhundert für Deutschland zurückerringen.

Es wird immer zu unseren Unbegreiflichkeiten gehören, daß wir es dahin
kommen ließen, daß wir uns dem Westen bis zu dieser völligen
Selbstvergessenheit hingaben. Es ist um so unbegreiflicher, als wir im
Gegensatze zu Rußland, das sich seine geistigen Werte erst erringen
mußte, die unseren im festen Besitze hielten, und als unter ihnen nicht
wenige waren, die wir noch nicht einmal vor der eigenen Nation
aufgeschlossen und ihr mitgeteilt hatten. Doch wir bevorzugten die
fremden Werte. Heute sehen wir die Wirkung. Und wir leben unter den
Folgen.

Wir haben im Verlaufe unserer langen Bildungsgeschichte schon manches
fremde und ferne Bildungsgebiet einbezogen, ob es das griechische war,
oder das italienische. Aber noch nie wurde eines so gefährlich, wie das
westliche geworden ist. Wir werden uns hüten müssen, daß nicht auch der
Osten zu einer Gefahr wird.

Es ist kein anderes Verhältnis zu ihm möglich als das des völligen
Vertrautseins, aber auch des sicheren Abstandes. Wenn wir unsere
geistige Souveränität, und aus ihr folgend unsere politische
Souveränität, wiedergewonnen haben, dann wird auch Rußland nicht mehr
und nicht weniger für uns sein, als eines jener großen Bildungsgebiete,
die uns reicher machten, aber auch selbständiger.

Bis dahin teilen wir mit Rußland, aus verschiedenen Gründen, das gleiche
Schicksal.

                                                           M. v. d. B.




                          Rodion Raskolnikoff


Die beiden gleichzeitigen und doch so verschiedenen Auseinandersetzungen
des russischen Geistes mit Napoleon als der Verkörperung des
westeuropäischen Geistes -- gleichsam zwei Wiederholungen des Jahres
1812 -- sind in der russischen Literatur: »Krieg und Frieden« und
»Rodion Raskolnikoff«.

Die erste Auseinandersetzung hat nicht mit einem Siege, sondern nur mit
einer Religionsverdrehung geendet. Ob der russische Geist auch in der
zweiten eine Niederlage erlitten hat oder nicht, das bleibe
dahingestellt. Jedenfalls hat er hier gezeigt, daß er würdig ist, seine
Kräfte mit einem solchen Gegner wie Napoleon zu messen, hier ist er dem
Feinde entgegengetreten -- ... Auge in Auge, wie es dem Kämpfer im
Kampfe gebührt.

Dostojewski hat vor uns die Kraftlosigkeit der napoleonischen Idee
aufgedeckt, nicht die politische und nicht einmal die sittliche
Kraftlosigkeit, sondern die religiöse: bevor man in Europa die Idee der
altrömischen Monarchie, die Idee des universalen Caesar-Vereinigers, des
Menschengottes auferweckte, mußte man zuerst die entgegengesetzte Idee
der christlichen universalen Vereinigung, die Idee des Gottmenschen
überwinden. Doch der historische Napoleon hat diese Idee in seinen Taten
ganz ebensowenig bewältigt, wie Napoleon-Raskolnikoff es in der
Anschauung tat, ja, sie sind nicht einmal an sie herangetreten, sie
haben sie überhaupt nicht gesehen. Wenn dieser Napoleon Raskolnikoff
tatsächlich ein »Prophet zu Pferde mit dem Schwert in der Hand«
erscheint, so ist er doch immerhin -- ohne einen »neuen Koran«, ein
Prophet nicht von Gott und nicht gegen Gott, sondern nur ohne Gott; und
in diesem Sinne ist er natürlich -- _Pseudoantichrist_. »Wenn es Gott
nicht gibt, so bin ich Gott!« folgert der irrsinnige und furchtlose
Kiriloff -- nicht etwa deswegen furchtlos, weil irrsinnig? »Wenn ich es
mir einfallen ließe, mich für Gottes Sohn auszugeben, so würde man mich
in allen Jahrmarktsbuden verspotten!« meinte der nicht gar zu
vorsichtige und vernünftige Napoleon. Versteht sich, hier ist vom
Erhabenen, vom Furchtbaren zum Lächerlichen -- »nur ein Schritt«. Ist
aber die Furcht vor dem Lächerlichen bei Napoleon nicht zu gleicher Zeit
eine ebenso lächerliche Furcht, wie die Furcht des Usurpators vor der
Krone des legitimen Nachfolgers? »Gott hat sie mir gegeben. Wehe dem,
der an sie rührt.« -- Hat sie wirklich Gott selbst gegeben? -- Noch
niemand hat ihn mit einem so höhnischen Lächeln danach gefragt, niemand
hat mit einer solchen Vermessenheit an seine Krone gerührt wie
Dostojewski.

                   *       *       *       *       *

»Ich wollte ein Napoleon werden, darum erschlug ich. Ich stellte mir
einmal die Frage: wie, wenn zum Beispiel an meiner Stelle Napoleon
gewesen wäre und er weder Toulon noch Ägypten, noch einen Übergang über
den Montblanc gehabt hätte, um seine Laufbahn zu beginnen, sondern
anstatt all dieser schönen und großartigen Dinge nur irgendein
lächerliches Weib, eine alte Registratorenwitwe, die er noch dazu hätte
erschlagen müssen, um aus ihrem Kleiderkasten Geld stehlen zu können
(für den Anfang seiner Laufbahn -- du verstehst doch?). Nun also, würde
er sich denn dazu entschlossen haben, wenn ein anderer Ausweg für ihn
nicht möglich gewesen wäre? Hätte ihn das nicht abgestoßen, weil es doch
gar zu wenig >großartig< war und ... Sünde wäre? Nun sieh, ich sage dir,
über dieser >Frage< habe ich mich entsetzlich lange abgequält, so daß
ich mich fürchterlich schämte, als ich endlich erriet (ganz plötzlich,
irgendwie), daß es ihn nicht nur niemals abgestoßen haben würde, sondern
ihm sogar überhaupt nicht in den Sinn gekommen wäre, daß so etwas gar
nicht >großartig< sei ... Er hätte sogar überhaupt nicht begriffen, was
ihn dabei abstoßen könnte, und sobald das nur sein einziger Ausweg
gewesen wäre, würde er sie in einer Weise erwürgt haben, daß ihr nicht
einmal Zeit zum Mucksen geblieben wäre, -- ohne das geringste Bedenken!
Nun, und ich ... befreite mich von den Bedenken, erwürgte -- nach dem
Beispiel seiner Autorität ... Und so war es auch buchstäblich.«

Raskolnikoff begreift nur zu gut den Unterschied zwischen Napoleons
»geglücktem« und seinem eigenen »mißglückten« Verbrechen, aber nur den
_ästhetischen_, den Unterschied in der »Form« und in der Eigenart der
geistigen Kraft. Er vergleicht sein Verbrechen mit den blutigen
Heldentaten berühmter, gekrönter, historischer Verbrecher, doch Dunja,
seine Schwester, protestiert gegen einen solchen Vergleich: »Aber das
ist doch etwas ganz anderes, Bruder, das ist doch nie und nimmer
dasselbe!« -- Da ruft er wie rasend aus: »Ah! Es ist nicht dieselbe
_Form_! Es hat kein so ästhetisch schönes Äußere! Ich aber verstehe
wirklich nicht, warum eine regelrechte Schlacht, mit Kanonenkugeln auf
die Menschen feuern -- eine ehrenwertere Form sein soll? Die Furcht vor
dem Unästhetischen ist das erste Anzeichen der Kraftlosigkeit!« --
»Napoleon, die Pyramiden, Waterloo -- und eine hagere, häßliche
Registratorenwitwe, eine alte Wucherin mit einem roten Koffer unter dem
Bett, -- nun, wie soll das selbst ein Porphyri Petrowitsch (der
Untersuchungsrichter) verdauen! ... Wie sollen die an ein solches
Problem heranreichen! ... Die Ästhetik stört: >wird denn<, heißt es,
>Napoleon unter das Bett eines alten Weibes kriechen?<«

Ja, gerade die konventionelle Ästhetik, die Rhetorik der Lehrbücher,
jene historische Lüge, die wir mit der Milch unserer erziehenden Mutter,
der Schule, einsaugen, entstellt und verunstaltet unsere sittliche
Wertung der universalhistorischen Erscheinungen. Von dieser
»ästhetischen« Schale wird nun Raskolnikoff durch die Frage nach den
Verbrechen der Helden befreit, wird von ihr, wie Sokrates sagt, »vom
Himmel auf die Erde herabgeführt«, d. h. von jener abstrakten Höhe, wo
die akademische Vergötterung der Großen stattfindet, auf die Ebene des
lebendigen Lebens: und er stellt uns Angesicht gegen Angesicht dieser
Frage in ihrer ganzen grauenvollen Einfachheit und Verschlungenheit
gegenüber. Hat doch ein jeder von uns, uns Nichthelden, wenigstens
einmal im Leben mehr oder weniger bewußt für sich entscheiden müssen, so
wie Raskolnikoff es tut: »Bin ich zitternde Kreatur oder habe ich das
Recht,« bin ich ein »Fressender« oder ein »Gefressener«? Und diese
Frage, dem Anscheine nach die der umfassendsten und allgemeinsten
universalhistorischen Anschauung, ist hier mit der ersten und
wichtigsten sittlichen Frage jedes einzelnen Menschenlebens, jeder
einzelnen menschlichen Persönlichkeit untrennbar eng verbunden. Ohne
diese Frage mit dem Verstande und dem Herzen gelöst zu haben -- oder hat
man sie nur mit dem Verstande oder nur mit dem Herzen gelöst, -- kann
man nicht leben, kann man keinen Schritt im Leben tun.

Wenn wir uns nun von der »Furcht vor der Ästhetik« befreien, werden wir
dann nicht zugeben, daß der erste, sagen wir mathematische Ausgangspunkt
der sittlichen Bewegung Napoleons und Raskolnikoffs -- ein und derselbe
ist? Beide sind sie aus derselben Nichtigkeit hervorgegangen: der kleine
Korsikaner, der auf die Straßen von Paris hinausgeworfen war, der
Fremdling ohne Titel, ohne Herkunft, dieser Bonaparte -- ist ganz ebenso
ein unbekannter Vorübergehender, ein junger Mann, »der einmal in der
Dämmerstunde aus seiner Dachkammer heraustrat,« wie der Student der
Petersburger Universität Rodion Raskolnikoff. »Er war auffallend schön,
er hatte dunkle Augen und dunkelblondes Haar, war schlank und
wohlgestaltet« -- das ist alles, was wir zu Anfang der Tragödie von
Raskolnikoff wissen, und nur ein wenig mehr wissen wir von -- Napoleon.
Das »Menschenrecht« und die »Freiheit«, die die »Große Revolution«
erobert hatten, sind für beide in erster Linie das Recht und die
Freiheit, vor Hunger zu sterben; »Gleichheit und Brüderlichkeit« sind
für sie Gleichheit und Brüderlichkeit mit denen, die von ihnen verachtet
oder gehaßt werden. Beim Anblick dieser »Nächsten« und »Gleichen« --
sagt Dostojewski von Raskolnikoff -- »drückte sich die Empfindung des
tiefsten Ekels in den feinen Zügen des jungen Mannes aus«, und wir
können dabei ebensogut an Napoleon denken. Brüderlichkeit und Gleichheit
-- tiefster Ekel; Freiheit -- tiefste Verschmähung, Einsamkeit. Weder
Vergangenheit noch Zukunft. Weder Hoffnungen, noch Überlieferungen. »Ein
einziger gegen alle, sterbe ich morgen, bleibt nichts von mir übrig« --
das ist die erste Empfindung beider. Und der Einfall dieser »zitternden
Kreatur«, ein »Herrscher« zu werden, wäre ein ebenso verrückter Einfall
-- oder Größenwahnsinn -- bei Napoleon wie bei Raskolnikoff: zuerst ins
Krankenhaus, dann in die Zwangsjacke und -- aus ist es. Raskolnikoff hat
vor Napoleon sogar einen gewissen Vorzug: er sieht nicht nur die
äußeren, sondern auch die inneren Schranken und Hindernisse, die er
»übertreten« muß, um »das Recht zu haben«. Napoleon sieht sie überhaupt
nicht. Übrigens war vielleicht gerade diese Blindheit teilweise die
Quelle seiner Kraft -- allerdings nur bis zu einer gewissen Zeit: zu
guter Letzt wird der Mangel an Erkenntnis jeglicher Kraft doch nicht
verziehen; und auch Napoleon wurde dieser Mangel nicht verziehen.
Raskolnikoff erkühnt sich zu Größerem, weil er mehr, weil er Größeres
sieht. Hätte er gesiegt, so wäre sein Sieg endgültiger, unumstößlicher
gewesen, als der Sieg Napoleons. In jedem Fall aber ist infolge der
Gleichheit oder Einheit des Ausgangspunktes, trotz des ganzen
unermeßlichen Unterschiedes der zurückgelegten Wege, das sittliche
Gericht über Raskolnikoff zu gleicher Zeit auch Gericht über Napoleon.
Die Frage, die in »Rodion Raskolnikoff« erhoben wird, ist dieselbe
Frage, die Tolstoj in »Krieg und Frieden« erhebt; der ganze Unterschied
besteht nur darin, daß Tolstoj sie umfängt, während Dostojewski sich in
sie vertieft; der eine tritt von außen an sie heran, der andere von
innen; bei dem einen ist es Beobachtung, beim anderen Experiment.

Die Revolution war ein ungeheurer politischer, schon in viel geringerem
Maße sozialer, die Stände betreffender, und überhaupt kein moralischer
Umsturz. »Du sollst nicht töten«, »du sollst nicht stehlen«, »du sollst
nicht ehebrechen« -- alles ist geblieben, wie es war, wie es die Tafeln
Moses vorschreiben; alles hat, ganz abgesehen von den äußeren
kirchlichen und monarchischen Überlieferungen, seine innere sittliche
Notwendigkeit vor dem Henker (Robespierre), ebenso wie vor dem Opfer
(Louis XVI.) aufrecht erhalten. Trotz der »Göttin der Vernunft« war
Robespierre ein ebensolcher »Deïst« wie Voltaire, und trotz der
Guillotine ein ebensolcher »Menschenfreund« wie Jean Jacques Rousseau.
Man muß seinen Nächsten lieben, man muß sich für seine Nächsten opfern
-- dem widersprach kein einziger, weder die Henker, noch die Opfer.
Hierbei vollzog sich keinerlei Umwertung der sittlichen Werte. Die
Persönlichkeit war der Allgemeinheit in der neuen Regierungsform nicht
etwa weniger untergeordnet, sondern mehr. Bei der mittelalterlichen
Verfassung war diese Unterordnung ganz natürlich, innerlich bedingt,
nicht willkürlich gewesen, war die Unterordnung des einen Gliedes im
lebendigen Volkskörper unter ein anderes durch eine vielleicht sogar
falsch aufgefaßte, aber immerhin religiöse, uneigennützige Idee. Jetzt
wird die Politik zur Mechanik; die Persönlichkeit ordnet sich dem
äußeren Zwang des »Gesellschaftsvertrages« unter -- der Stimmenmehrheit;
sie wird zum Hebel inmitten aller Hebel der vernünftig und richtig
gebauten Maschine, zur Eins unter Einern, zur mathematisch berechenbaren
Ziffernhöhe dieser Mehrheit. Der Druck der neuen anmaßenden Freiheit
war, wie es sich erwies, furchtbarer als der Druck der alten
unverhohlenen Knechtschaft.

Und die Persönlichkeit hielt es nicht aus und empörte sich in der
letzten, in der Welt noch nie dagewesenen Empörung.

Versteht sich: am allerwenigsten dachte an die Rechte der
Menschenpersönlichkeit, an die Umwertung aller sittlichen Werte --
Napoleon, als er die Läufe der Touloner Kanonen auf den revolutionären
Volkshaufen richten ließ, um, nach dem Ausdruck Raskolnikoffs, »mit
Kanonenkugeln auf Schuldige und Unschuldige zu feuern, ohne sie auch nur
eines Wortes der Erklärung zu würdigen«. Und darauf folgt eine ganze
Reihe ganz ebenso geglückter Verbrechen. -- »Ich erriet damals,« sagt
Raskolnikoff »daß Macht nur dem gegeben wird, der es wagt, sich zu
bücken und sie zu nehmen. Hierbei ist ja nur eines, nur eines
erforderlich: man muß nur wagen, nur erkühnen muß man sich! ... Es stand
plötzlich sonnenklar vor mir, wie denn noch kein einziger bis jetzt
gewagt hat und nicht wagt, wenn er an diesem ganzen Blödsinn
vorübergeht, einfach alles am Schwanz zu nehmen und zum Teufel zu
schleudern! Ich wollte mich dazu erkühnen!« Dem Bewußtsein Napoleons
zeigte sich dasselbe natürlich nicht »sonnenklar«: nur aus dem dunklen,
uranfänglichen Instinkt der sich empörenden Persönlichkeit heraus
»wollte _er_ sich erkühnen«.

Napoleon ging aus der Revolution hervor und nahm sogar ihre
Offenbarungen an, nur veränderte er sie für seine Zwecke. »Alle sind
gleich« -- damit stimmte er überein, nur fügte er hinzu: »Alle sind
gleich _für mich_, alle sind gleich _unter mir_.« »Alle sind frei« --
und er will Freiheit, will freien Willen, aber »_nur für sich allein_«
will er freien Willen.

Vom Gesichtspunkte der alten, mosaischen, und der scheinbar neuen, in
Wirklichkeit aber ebenso alten menschenfreundlichen Sittlichkeit aus,
die Jean Jacques Rousseau mit der Feder und Robespierre mit dem
Henkerbeil verkündet haben, ist Napoleon ein Dieb und Mörder, »ein
Räuber außerhalb des Gesetzes«. Uns erdrückt das Pathos der historischen
Ferne, wir sind geblendet von der Sonne von Austerlitz. »Napoleon, die
Pyramiden, Waterloo -- und eine hagere, häßliche Registratorenwitwe,
eine alte Wucherin mit einem roten Koffer unter dem Bett -- wie sollen
sie denn das verdauen! Wird denn, heißt es, Napoleon unter das Bett
eines alten Weibes kriechen?« Und doch, in der Tat, geben wir zu, wenn
nur die »Ästhetik uns nicht störte«, daß für die Kritik der reinen
Sittlichkeit die Zerstörung Toulons und das unter das Bett des alten
Weibes nach dem roten Koffer Kriechen -- ein und dasselbe ist. Furchtbar
und gemein ist es, scheußlich und widerlich! Er kroch unter das Bett und
verkroch sein ganzes Leben. Warum ist das nun in dem einen Falle
»Übertretung (Schuld) und Sühne«, und im anderen -- Übertretung
(Verbrechen) und Krönung mit dem in der Geschichte einzig dastehenden
universalhistorischen Lorbeerkranz? »Gott hat sie mir gegeben« (die
Krone der römischen Cäsaren); »wehe dem, der an sie rührt.« Was Wunder,
wenn der verschüchterte und ruhmberauschte Pöbel dem glaubte! Wie aber
konnten die freien, rebellischen Byron und Lermontoff daran glauben? Wie
konnten sie diesen »Tyrann«, der den größten Versuch der
Menschenbefreiung, die Revolution, enthauptete, als ihren Helden
anerkennen? Wie, endlich, konnten so ruhige und nüchterne Leute wie
Puschkin und Goethe von ihm betrogen werden? Und doch ist es so. Als
hätte er ihren geheimsten, für sie selbst noch furchtbaren Traum erraten
und verkörpert! Und geradezu dankbar dichten sie die letzte wundervolle
»Sage« Europas von ihm, dem Märtyrer-Imperator auf Sankt Helena, von dem
neuen Prometheus, der an den einsamen Fels inmitten des Ozeans
angeschmiedet ist. Dem Märtyrer welchen Gottes? -- Das wissen sie nicht,
das sehen sie nicht, nur dunkel ahnt ihr Instinkt, daß gerade hier, bei
Napoleon, ein anderer Geist umgeht, einer, der ihnen wie näher und
verwandter, der wie neuer und sogar freier, befreiender und
schöpferischer ist, als der Geist der Revolution. Erwachte nicht in dem
alten, bereits zur Ruhe gekommenen und ein wenig sogar schon
verknöcherten Goethe, als er sich an Napoleon wie an einer
übernatürlichen, »dämonischen« Erscheinung der Natur und der Menschheit
begeisterte, -- erwachte da nicht in ihm etwas Jünglinghaftes,
grenzenlos Rebellisches, Unterirdisches, jenes selbe, aus dem auch sein
Prometheusruf geboren scheint:

   Ihr Wille gegen meinen!
   Eins gegen Eins ...
   -- -- -- -- -- --
   Götter? Ich bin kein Gott,
   Und bilde mir so viel ein als einer.
   Unendlich? -- Allmächtig? --
   Was könnt ihr? ......
   Vermögt ihr, zu scheiden
   Mich von mir selbst?

Auch bei Byron nimmt die Erscheinung Napoleons nicht umsonst die Gestalt
Prometheus, Kains, Lucifers an -- aller Verstoßenen, Verfolgten, die
sich gegen Gott erhoben und vom Baume der Erkenntnis gegessen haben.
Dieser Geist, der weder hell noch dunkel ist, wie das fahle Dämmerlicht
der ersten Morgenstunden, dieser neue Dämon Europas mit seinem frommen,
leidenschaftslosen Lächeln -- um wieviel ist er aufrührerischer als
Robespierre oder Saint Just, um wieviel will er mehr, als Rousseau oder
Voltaire! Es scheint, daß hier auch des Rätsels Lösung ist. Aber
vielleicht ist niemand entfernter von diesem Erraten, als -- Napoleon
selbst. Vielleicht würde sich niemand so sehr darüber wundern, niemand
so entrüstet sein wie er, wenn er begreifen könnte, welch eine Folgerung
aus seinen Sätzen gezogen, welch eine Bedeutung seiner Persönlichkeit
beigelegt werden wird. Schien es doch nicht nur anderen, sondern auch
ihm selbst, daß er das gestörte Gleichgewicht der Welt wieder
herstellte, daß er unerschütterliche Ordnung einführte, das
auseinanderfallende Gebäude des europäischen Staatskörpers stützte und
der Revolution ein Ende machte. Wenn nur er selbst und die anderen den
»ersten Schritt«, seinen Ausgangspunkt, vergessen könnten -- diesen
bleichen jungen Menschen mit den blutigen Händen, der nach dem roten
Koffer unter das Bett der alten Wucherin -- der Revolutionsgöttin
»Vernunft« -- kriecht! »_Dio mi la dona._ Gott hat _sie_ mir gegeben,«
-- die Krone oder die rote Truhe? Und ist es wirklich Gott? Wirklich der
christliche Gott oder der Gott des fünften Buches Moses? Immerhin hat er
doch getötet und gestohlen! Er aber ist ein einzelner; für die anderen
heißt es nach wie vor: »Du sollst nicht töten«, »Du sollst nicht stehlen
...« Wenn _er_ -- warum dann schließlich nicht auch _ich_? Ist er denn
nicht aus derselben Nichtigkeit hervorgegangen wie ich, nicht aus einem
ebenso abstrakten mathematischen Nichtigkeitspunkt wie ich? Er ist --
Gott; ich bin -- »zitternde Kreatur«. Aber auch in meinem Herzen erhebt
sich der Schrei des Titanen:

   Götter? Ich bin kein Gott,
   Und bilde mir soviel ein als einer.

Wenn er »beim Vorübergehen einfach alles am Schwanz nahm und
fortschleuderte zum Teufel,« warum soll dann nicht auch ich einmal
dasselbe versuchen, und wäre es auch nur, sagen wir -- aus Neugier?
»Denn hier ist ja nur eines, nur eines erforderlich: man muß sich nur
dazu entschließen.«

Nein, Napoleon hat den Brand der großen Revolution nicht gelöscht, er
hat nur den Feuerfunken derselben aus dem äußeren, politischen, weniger
gefährlichen Gebiet in das innere, sittliche, um wieviel mehr
explosionsfähige geworfen. Er wußte selbst nicht, was er tat, ahnte
selbst nicht, »wes Geistes er war«; aber mit seinem ganzen Leben, durch
sein Beispiel, durch die Größe seines Glücks und die Größe seines
Unterganges hat er die tiefsten Grundfesten der ganzen christlichen und
vorchristlichen Sittlichkeit erschüttert: ohne seinen Willen, gegen
seinen Willen hat er die »Umwertung aller Werte« begonnen, hat er noch
nie dagewesene Zweifel an die Uroffenbarungen des Menschengewissens
erweckt, hat er -- wenn auch mit halbverschlafenen Augen -- in das
»Jenseits von Gut und Böse« geblickt, und hat er auch anderen erlaubt
und auch andere gezwungen, dorthin zu blicken. Das aber, was der Mensch
dort erblickt hat, das kann er nie mehr vergessen. Die alte politische
»Große« Revolution erscheint uns trotz all ihrer äußeren blutigen Greuel
vollkommen unverletzend und ungefährlich, fast gutmütig und klein wie
ein Kinderspiel, fast wie Schülerunart -- im Vergleich zu diesem kaum
sehbaren, kaum hörbaren innerlichen Umsturz, der sich noch bis auf den
heutigen Tag nicht vollzogen hat und dessen Folgen wir unmöglich
voraussehen können.

Eines ganzen Jahrhunderts angestrengten philosophischen und religiösen
Denkens Europas hat es bedurft -- von Goethes »Prometheus« bis zu
Nietzsches »Antichrist« --, um den ewigen Sinn der napoleonischen
Tragödie als universalhistorischer Erscheinung zu erfassen: die
antichristliche und doch dabei heilige Liebe zu sich selbst, zu seinem
»fernen« Selbst, die der Liebe zu anderen, zum »Nächsten«
entgegengesetzt ist; der titanische unterirdische Anfang der
Persönlichkeit: »ich allein gegen alle« --

   »Ihr Wille gegen meinen« --

der Wille der Selbstbejahung, der »Wille zur Macht«, der dem Willen zur
Selbstverleugnung, zur Selbstvernichtung entgegengesetzt ist; die
Empörung gegen die alte, gegen die neue, gegen jede gesellschaftliche
Einrichtung, jeden »gesellschaftlichen Verband«, gegen alle »beengenden
Fesseln der Zivilisation«, nach dem Ausdruck Napoleons, den er gleichsam
von dem Urahn der Anarchisten, Jean Jacques Rousseau, entlehnt hat; die
Empörung gegen die Menschheit (Kain), gegen Gott (Lucifer), gegen
Christus (der Antichrist-Nietzsche) -- das sind die emporführenden
Stufen dieser neuen sittlichen Revolution. Unbegrenzte Freiheit,
unbegrenztes Ich, vergöttertes Ich, Ich-Gott, -- das ist das letzte,
kaum zu Ende gesprochene Wort dieser Religion, die Napoleon mit so
genialem Instinkt vorausgesehen hat -- »ich habe eine Religion
geschaffen« --, und über die er mit so unverzeihlichem Leichtsinn
scherzen konnte: »In allen Jahrmarktsbuden würde man mich verspotten,
wenn ich es mir einfallen ließe, mich für Gottes Sohn auszugeben.«

Und von diesem selben unterirdischen vulkanischen Stoß, der scheinbar
aus dem Westen kam (wie wir späterhin sehen werden, _nicht nur_ aus dem
Westen), von diesem selben unklaren, bald mitfühlenden, bald
spöttischen, aber immer aufregenden und tiefen Gedanken, an die
napoleonische Persönlichkeit, an die Raubvögel und aufrührerischen
Helden, die »Menschen des Fatums« -- angefangen von dem kaukasischen
Gefangenen, Onjégin, Aleko, Petschorin und dem Dämon[1], begann auch die
Wiedergeburt der russischen Literatur. Dieser Gedanke, der sich wohl
zeitweilig verbarg, sich gleichsam unter die Erde versenkte, niemals
aber endgültig versiegte, da er immer wieder mit neuer und neuer
Kraft hervorbrach, dieser Gedanke begleitet die ganze große
universalhistorische Entwicklung des russischen Geistes in der
russischen Literatur, von den »Moskowitern im Child Harold-Mantel«, an
deren Händen »Blut klebt«, von Aleko-Petschorin, der »nur für sich
allein Willen haben will« -- bis zum Nihilisten Kiriloff, der sich für
»verpflichtet« hält, »Eigenwille zu zeigen«, bis Stawrogin, der »in
beiden entgegengesetzten Polen (in der Freveltat und in der Heiligkeit)
den gleichen Genuß findet« -- bis zu »Iwan Karamasoff«, der es endlich
begreift, daß »alles erlaubt ist« und somit Friedrich Nietzsches »alles
ist erlaubt« voraussagt.

Ein junger Mann[2], mit dem bleichen Gesicht, »mit wundervollen Augen
und ebensolchem Äußeren« (und nicht nur Äußeren), der an Bonaparte vor
Toulon erinnert, stiehlt sich nachts in das Schlafzimmer der alten
Gräfin, um ihr mittels Gewalt das Kartengeheimnis zu erpressen. Die
Pistole, die er mitgenommen hat, um die Alte zu erschrecken, ist nicht
geladen. Dennoch fühlt er sich als Mörder. Hier handelt es sich übrigens
nicht um die Alte: »Die Alte ist Unsinn,« vielleicht auch ein Irrtum,
»nicht die Alte, sondern das Prinzip« erschlug er, er bedurfte nur des
»ersten Schrittes«: »ich wollte nur den ersten Schritt tun -- mich in
eine unabhängige Stellung bringen, Mittel erlangen, und dann, später,
hätte sich alles durch verhältnismäßig unermeßlichen Nutzen
ausgeglichen. _Ich wollte das Gute den Menschen._« Und für das Gute
erschlug er. Das sagt Raskolnikoff, aber dasselbe könnte auch von
Puschkins Herrman in der »Pique Dame« gesagt sein. Wie Raskolnikoff, so
ist auch Herrman ein Nachahmer Napoleons. Wie flüchtig auch sein innerer
Mensch von Puschkin gezeichnet ist, es ist trotzdem klar, daß er kein
gewöhnlicher Verbrecher ist, daß hier noch etwas Komplizierteres,
Rätselhafteres dahintersteckt. Puschkin selbst berührt natürlich, wie
das so seine Art ist, kaum, kaum diese Rätsel, um dann sofort an ihnen
vorüberzugehen und sich mit seinem unerhaschbar gleitenden, lächelnden
Spott von ihnen loszumachen. Aber aus der wie zufällig von Puschkin
hingeworfenen Skizze »Die Pique Dame« sind _nicht zufällig_ Gogols »Tote
Seelen« und Dostojewskis »Rodion Raskolnikoff« hervorgegangen. So gehen
auch hier die Wurzeln der russischen Literatur auf Puschkin zurück:
gleichsam, als hätte er im Vorübergehen auf die Türe des Labyrinths
gewiesen. Nachdem Dostojewski einmal in dieses Labyrinth eingetreten
war, konnte er sich später sein Leben lang nicht mehr herausfinden:
immer tiefer und tiefer drang er in dasselbe hinein, forschte, prüfte,
versuchte, suchte und fand doch keinen Ausgang.

Die Verwandtschaft Raskolnikoffs mit Herrman hat Dostojewski, wie es
scheint, nicht nur gefühlt, sondern auch klar erkannt. »Der Puschkinsche
Herrman in der >Pique Dame< ist eine kolossale Gestalt, ein
ungewöhnlicher, durch und durch Petersburger Typ -- ein Typ aus der
Petersburger Zeit!« läßt Dostojewski seinen Helden in der »Jugend«
sagen, der gleichfalls einer von Raskolnikoffs geistigen
Zwillingsbrüdern ist. Er sagt es bei der Beschreibung des Eindrucks, den
der Petersburger Morgen auf ihn macht -- »der scheinbar prosaischste auf
der ganzen Welt«, den er aber für den »allerphantastischsten der Welt«
hält. »An einem solchen modernden, feuchten, nebligen Petersburger
Morgen mußte der wilde Einfall eines Puschkinschen Herrman, wie mir
scheint, noch mehr Wurzel fassen. Wohl hundertmal ist mir inmitten
dieses Nebels der sonderbare, doch um so aufdringlichere Gedanke
gekommen: Wie, wenn nun dieser Nebel verfliegt und sich emporhebt, wird
dann nicht auch diese ganze modernde, sumpfig schlüpfrige Stadt zusammen
mit dem Nebel emporschweben und verschwinden, wie Rauch verfliegen und
nur den früheren finnischen Sumpf zurücklassen, inmitten desselben
meinetwegen wie zum Schmuck der _Eherne Reiter_[3] auf dem heiß
atmenden, überjagten Tiere?«

Ebenso wie von Puschkins Herrman kann man auch von Raskolnikoff sagen,
daß er ein »durch und durch Petersburger Typ« ist, »ein Typ aus der
Petersburger Zeit«. In keiner einzigen anderen, weder russischen noch
europäischen Stadt -- außer in Petersburg -- in keinem einzigen anderen
Zeitabschnitt der russischen oder europäischen Geschichte hätte dieser
Herrman sich entwickeln und auswachsen können zu einem -- Raskolnikoff.
Und hinter diesen zwei »kolossalen«, »außergewöhnlichen« Gestalten hebt
sich eine dritte Gestalt ab -- tritt die noch kolossalere und
außergewöhnlichere Gestalt des Ehernen Reiters auf dem Granitfels
hervor. Was zuerst fremd, aus dem »angefaulten Westen« importiert,
romantisch, byronisch, napoleonisch erschien, wird verwandt, volklich,
russisch, wird zum Geiste Puschkins, Peters; was aus den Tiefen Europas
kam, trifft mit aus den Tiefen Rußlands Kommendem zusammen. Ist der
Traum unseres sagenhaften Recken der Steppe, unseres Ilja von Murom,
nicht der Traum vom »Wundertäter«, dem »Riesen«? Ja, in diesem Nebel der
finnischen Sümpfe und in dem Granit der aus ihnen emporgewachsenen Stadt
fühlt man deutlich die Verbindung aller kleinen und großen Helden der
aufständischen oder nur andrängenden russischen Persönlichkeit von
Onjégin bis Herrman, von Herrman bis Raskolnikoff, bis Iwan Karamasoff
-- mit demjenigen,

   -- durch dessen Fatumswille
   Die Stadt sich aus dem Meer erhob --

diese »absichtlichste aller Städte der Erdkugel«, die Stadt der
abstraktesten Erscheinungen, der größten Vergewaltigung der Menschen und
der Natur, des historischen »lebendigen Lebens«, die Stadt der
anscheinend geometrischen Ordnung, des mechanischen Gleichgewichts, in
Wirklichkeit aber -- der gefahrvollsten Aufhebung der Lebensordnung und
des Lebensgleichgewichts. Nirgendwo in der Welt sind so
unerschütterliche Massen auf so schwankendem Grunde aufgetürmt: Granit,
der sich in Nebel auflöst, Nebel, der sich zu Granit verdichtet. Der
»Geist der Knechtschaft« -- der »stumme und taube« Geist, von dem es zu
Raskolnikoff hinüberweht, während er auf der Brücke steht und auf das
»großartige Panorama« der Petersburger Kais schaut; der Geist der
Unfreiheit und des »Verhängnisses«, des widernatürlichen und
übernatürlichen »Willens«. Der »wilde Einfall« Raskolnikoffs »hätte noch
mehr Wurzel fassen müssen« -- gerade hier in dieser phantastischen Stadt
»mit der allerphantastischsten Entstehungsgeschichte der Welt«, durch
die Berührung dieser Wirklichkeit, die selbst einem wilden Einfall,
einem Fieberwahn gleicht. »Vielleicht ist das alles nur irgend jemandes
Traum? ... Irgend jemand, dem alles das träumt, wird plötzlich erwachen
-- und alles wird dann plötzlich verschwinden.«

Bereits Puschkin hat die Ähnlichkeit Peters mit Robespierre bemerkt. Und
in der Tat sind die sogenannten »Reformen« Peters die größte Revolution,
der größte Umsturz, die Empörung, der Aufstand von oben, »der weiße
Terror«. Peter ist Tyrann und Rebell zu gleicher Zeit, Rebell im
Verhältnis zum Vergangenen, Tyrann im Verhältnis zum Zukünftigen,
Napoleon und Robespierre in einer Person. Und sein Umsturz ist nicht nur
politisch, sozial, sondern in noch viel größerem Maße sittlich, er ist
ein unerbittlicher, unbarmherziger, wenn auch unbewußter Bruch aller
kategorischen Imperative des Volksgewissens, ist die zügellose Umwertung
aller sittlichen Werte. Ich glaube, daß, wenn in den Annalen alle
menschlichen Verbrechen aufgezeichnet wären, man keines finden würde,
das das Gewissen, wenn nicht mehr empören, so doch mehr befangen machen
könnte, als die Ermordung des Zarewitsch Alexei. Ist sie doch nicht
wegen des fraglos Verbrecherischen furchtbar, sondern wegen der immerhin
möglichen _Gerechtigkeit_ und _Schuldlosigkeit_ des Sohnmörders; dieses
Verbrechen ist furchtbar dadurch, daß man sich darüber auf keine Weise
beruhigen kann, nachdem man zugegeben hat, daß er doch kein gewöhnlicher
Missetäter ist, ein »Verbrecher außerhalb des Gesetzes«. Eine so
rätselhafte Tragödie finden wir in Napoleons Leben nicht. Doch am
fruchtbarsten ist hierbei die Frage: wie aber, wenn Peter so handeln
_mußte_? wie, wenn er durch die Unterlassung dieser Tat das größte und
wahre Heiligtum seines Zarengewissens zerstört hätte? Tötete er denn den
Sohn um seinetwillen -- für sich selbst? Aber Peter konnte doch
tatsächlich nicht -- er verstand es einfach nicht -- sich von Rußland
unterscheiden, sich und Rußland nicht als eins fühlen: er empfand sich
als Rußland, liebte Rußland wie sich selbst, liebte es mehr als sich
selbst. Wer wagt zu sagen, daß er nicht tausendmal für Rußland gestorben
wäre? Er wollte Rußlands Bestes, »wollte das Gute den Menschen bringen«,
darum tötete er denn auch, darum »übertrat« er das Gesetz, trat er über
das Blut, da er glaubte, daß dieser Schritt »später durch
verhältnismäßig unermeßlichen Nutzen wieder gut gemacht werden wird«. Er
»lud sich das Blutvergießen -- auf sein Gewissen«.

Und da steht Peter -- wie Puschkin sagt -- »bis zum Knie im Blute«,
eigenhändig foltert und enthauptet er. Der Sohn des »Stillsten Zaren«
ist -- Henker auf dem Roten Felde[4]. Und in dem Augenblick ahmt er
niemandem nach, in dem Augenblick ordnet er sich keinerlei fremden
Einflüssen des Westens unter, in dem Augenblick ist er im höchsten Grade
russischer Zar, Nachfolger Iwans des Grausamem. Der Moskauer Zar-Henker
ist ebenso autochthon, wie der Zaardamer Zimmermann, der einfache
Arbeiter. Selbst seine ärgsten Feinde, die Abtrünnigen[5], fühlen doch,
wenn sie ihn auch den »Fremden«, den »Untergeschobenen« nennen, daß er
mit ihnen blutsverwandt ist. Und auch die Slawophilen hassen ihn als
Blutsverwandten, hassen ihn mit dem größten Bluthaß, denn sie fühlen,
daß er ihr eigen Fleisch und Blut ist, und was ihren Haß erzeugt, ist
dasselbe Blut, das in Puschkin seine ebenso starke Liebe zu Peter
erzeugt hat. Nein, nie noch hat es in der Weltgeschichte eine solche
Verirrung, eine solche Erschütterung des Menschengewissens gegeben, wie
sie Rußland in der Zeit der »Reformen Peters« erfahren hat. Wahrlich,
nicht nur bei den Raskolniken allein konnte darob der Gedanke an den
Antichrist entstehen! Es scheint, daß diese Erschütterung sich noch bis
auf den heutigen Tag nicht nur im russischen _Volke_, sondern auch in
unserer kultivierten Gesellschaft bemerkbar macht. Es scheint, daß der
sumpfige Grund des finnischen Moores immer noch unter dem Ehernen Reiter
schwankt. Wenn nicht heute, dann kommt morgen ein -- neuer Umsturz in
dieser »phantastischen Geschichte«, eine neue Überschwemmung, wie sie
Puschkin in seinem »Ehernen Reiter« geschildert ...

Die Kraft der Wirkung ist gleich der Kraft der Gegenwirkung, dem Aufruhr
von oben antwortet der Aufruhr von unten, dem weißen Terror der rote.
Der russische Sozialismus oder der russische Terrorismus -- gleichfalls
eine »durch und durch Petersburger« Erscheinung, eine Erscheinung des
»Petersburger«, peterschen Zeitabschnitts -- ist einer der ewigen und
prophetischen Träume des »Giganten auf dem ehernen Pferde«, ist einer
der steilen Abhänge jenes »Abgrunds«, über dem er mit seinem Zügelruck
»Rußland sich aufbäumen macht«. Hier muß der »wilde Gedanke« des
Terrorismus durch die Berührung mit der »wilden« und phantastischen
Wirklichkeit noch fester Fuß fassen. Und das ist jener gespenstische
Nebel, der Nebel des Petersburger Tauwetters, der Nebel der Winde aus
dem »faulenden Westen«, mit dem zusammen die bereiften Granitblöcke sich
sofort erheben und wie Nebel verflattern und sich in nichts auflösen
werden ...

»Es begann mit der Anschauung der Sozialisten,« sagt der Student
Rasumichin über die Lehre Raskolnikoffs vom Verbrechen -- diese Lehre,
aus der die ganze Tragödie entstanden ist.

In Europa war der Sozialismus abstrakte, wissenschaftliche Anschauung,
oder private Anwendung dieser allgemeinen Anschauung, die durch die
geschichtlichen Lebensbedingungen der Kultur hervorgerufen worden
war. Erst in Rußland wurde der Sozialismus zur allgemeinen,
allesverschlingenden, philosophischen, metaphysischen (denn der äußerste
Materialismus ist bereits Metaphysik), teilweise sogar zur mystischen
Lehre vom Sinn des Lebens, dem Ziel und Zweck der Weltentwicklung --
mystisch natürlich ohne Wollen und Wissen ihrer Verkündiger. Und
wiederum nur hier, in Rußland, in dem Rußland Petersburgs und Peters,
kommt der Sozialismus bis zu seinen letzten (seinen ersten Lehrsätzen in
bedeutendem Maße widersprechenden, mitunter dieselben unmittelbar
verneinenden) -- _anarchistischen_ Folgerungen. Anarchismus ist ein
furchtbares russisches Wort, ist die russische Antwort auf die Frage der
westeuropäischen Kultur. Das haben wir nicht von Europa entlehnt, das
haben wir Europa gegeben. Rußland hat hier zuerst, zum ersten Male das
ausgesprochen, was Europa nicht zu sagen wagte. Hierin hat sich jene
besondere Neigung, die mit religiöser Verblendung viel Gemeinsames hat,
die Neigung zu allem dialektisch Äußersten, Zügellosen,
Überschreitenden, selbst über den letzten »Strich« gehenden, die dem
russischen Geiste eigen ist, wieder einmal ausgesprochen. Und so ist es
selbstverständlich auch kein gewöhnlicher Zufall, daß diese unerhörte
Entwicklung dieser beiden anscheinend so entgegengesetzten und
unvereinbaren äußersten Pole -- die Idee der Selbstherrschaft und die
Idee der Herrschaftslosigkeit, der Monarchie und der Anarchie -- sich
gerade in dem Rußland Peters vollzogen hat. Sind sie doch beide aus
»einem Geiste« hervorgegangen, aus dem »stummen und tauben« Geiste, aus
dem Geiste des größten Selbstherrschers und des größten Rebellen der
Neuen Geschichte: sie sind die zwei steilen Abhänge, die zwei Ränder
immer derselben Kluft, desselben »Abgrundes«, über dem sich das Pferd
des Ehernen Reiters bäumt. In der Politik -- Anarchismus, in der
Sittlichkeit -- Nihilismus. Und auch hier, im Nihilismus, ist der
»letzte Punkt« erreicht; auch hier ist der »ganze historische Weg
zurückgelegt, es gibt nichts mehr, wohin man weitergehen könnte«.
Wiederum das russische Extrem, die äußerste, dialektisch-zügellose,
nichtwissenschaftliche Folgerung aus der westeuropäischen
wissenschaftlichen »Kritik der reinen Sittlichkeit«, die sich als
unerfüllbarer erwies, als die »Kritik der reinen Vernunft«,
die Folgerung aus den westeuropäischen, unvergleichlich
zaghafteren und gemäßigteren, weil mehr lebenskulturellen, mehr
geschichtlich-realistischen »Versuchen, sich auf der Erde ohne Gott
einzurichten« -- ohne himmlische wie auch ohne irdische Macht, -- die
Folgerung aus der, wie man meint, ausschließlich materialistischen und
mechanistischen Weltauffassung.

Wenn Rasumichin recht hat, daß die Lehre Raskolnikoffs mit der
Anschauung der Sozialisten begonnen habe, so ist das natürlich nicht im
Sinne des westeuropäischen Sozialismus zu verstehen, sondern in einem
besonderen, russischen Sinne, im Sinne des Anarchismus und Nihilismus.

»Nun, die Auffassung der Sozialisten ist ja bekannt,« fährt Rasumichin
fort, »das Verbrechen sei ein Protest gegen die Anormalitäten der
sozialen Einrichtung -- und nichts weiter, irgend welche anderen
Ursachen werden überhaupt nicht zugelassen -- und das sei alles!«
Raskolnikoff aber geht bereits hier in seinem Ausgangspunkte viel weiter
als die Sozialisten. Die Sozialisten sagen: der Protest -- die
Verneinung des Vorhandenen -- muß zusammen mit dem, gegen was er
gerichtet ist, verschwinden, die Verbrechen müssen in demselben
Verhältnis, wie die »ungerechte Einrichtung oder Einteilung der
Gesellschaft sich durch eine gerechte ersetzt«, seltener werden oder gar
gänzlich aufhören. Raskolnikoff aber faßt es anders auf: das Verbrechen
ist für ihn nicht nur Verneinung, Zerstörung des Alten, sondern auch
Bejahung, Schaffung von Neuem, die nicht mit zeitlichen, veränderlichen
Bedingungen der menschlichen Gesellschaft verbunden ist, sondern mit den
ewigen, unveränderlichen Gesetzen der Natur. »_Nach dem Naturgesetz_,«
sagt er zu Porphyri Petrowitsch, dem Untersuchungsrichter, indem er
seine Lehre auseinandersetzt, »zerfallen die Menschen im allgemeinen in
zwei Arten: in eine niedrigere Art, das sind die Gewöhnlichen, oder
sagen wir einfach das Material, das einzig zur Erzeugung von
Seinesgleichen dient, und in die eigentlichen Menschen, d. h. solche,
die die Gabe oder das Talent besitzen, in ihrer Mitte ein _neues Wort_
zu sagen ... Die zur zweiten Abteilung gehörenden übertreten alle das
Gesetz, das sind die Umstürzler ... Und wenn ein solcher für seine Idee
selbst über Leichen, über Blut schreiten muß, so darf er -- meiner
Meinung nach -- innerlich, vor seinem Gewissen, sich die Erlaubnis
geben, meinetwegen auch Blut zu vergießen -- übrigens, je nach der Idee
und ihrem Umfange, das nicht zu vergessen.« -- »Wenn die Entdeckungen
eines Kepler oder Newton, sagen wir, infolge irgendwelcher Kombinationen
auf keine andere Weise den Menschen bekannt werden könnten, als durch
das Opfer von einem, zehn, hundert oder noch mehr Menschen, die der
Bekanntmachung der Entdeckung hinderlich wären oder sich als
unüberwindliches Hindernis auf ihren Weg gestellt hätten, so hätte
Newton das Recht und wäre sogar verpflichtet, diese zehn oder hundert
Menschen zu ... _beseitigen_, um seine Entdeckungen der ganzen Welt
kundtun zu können.« -- »Ferner ... alle Gesetzgeber oder Ordner der
Menschheit, angefangen von den ältesten, fortgefahren mit Lykurg, Solon,
Mahomet, Napoleon und so weiter (wie interessant, daß in dieser
Aufzählung nicht auch Peter genannt wird, wen aber, sollte man meinen,
müßte wohl Raskolnikoff der >durch und durch Petersburger< petrische
Typ, wohl nennen, wenn nicht Peter?) -- alle sind sie bis auf den
letzten Verbrecher, Übertreter schon allein durch den einen Umstand, daß
sie, indem sie ein neues Gesetz gaben, das alte, von der Gesellschaft
heilig gehaltene und von den Vätern überkommene zerstörten, und weil sie
selbstverständlich auch vor dem Blutvergießen für ihr neues Wort nicht
zurückgeschreckt sind, wenn dieses Blut (das mitunter vollkommen
unschuldig war und heldenmütig für das alte Gesetz hingegeben wurde)
ihnen nur helfen konnte. Es ist wirklich auffallend, daß die meisten von
diesen Ordnern und Wohltätern der Menschheit vor allem furchtbare
Blutvergießer gewesen sind. Mit einem Wort, ich folgere daraus, daß
alle, nicht nur die ganz Großen, sondern die auch nur etwas aus dem
alten Geleise Heraustretenden, ich meine, wenn sie auch nur etwas Neues
-- mag es noch so klein sein -- zu sagen vermögen, ihrer Natur gemäß
unbedingt Verbrecher oder >Übertreter< sein müssen, versteht sich, mehr
oder weniger. Anders, d. h. ohne Übertretung, würde es ihnen nicht gut
möglich sein, aus dem alten Geleise herauszukommen, in ihm aber zu
bleiben, das können sie natürlich nicht, und zwar wiederum _ihrer Natur
gemäß_ nicht, und meiner Meinung nach sind sie sogar unmittelbar
verpflichtet, nicht sich darein zu fügen, nicht den anderen zu folgen.«

Am auffallendsten ist hierbei die aufrichtige oder vorgetäuschte Ruhe,
die Selbstbeherrschung, mit der er seine Lehre wie irgend ein
abstraktes, mathematisches Axiom auseinandersetzt. Ein Mensch spricht
von Menschlichem, als wäre er selbst kein Mensch, sondern ein Wesen aus
einer anderen Welt, oder wie ein Naturforscher von einem Ameisenhaufen
oder Bienenstock spricht. Er untersucht nicht das, was sein sollte,
sondern das, was ist, nicht Gewünschtes, sondern Vorhandenes. Als gäbe
es zwischen der sittlichen und der religiösen Welt überhaupt keine
Verbindung, als gäbe es zwischen dem Gedanken an das Wohl der Menschen
und dem Gedanken an Gott keinerlei Beziehung, als hätte es diesen
Gedanken an Gott überhaupt nie im Menschengewissen gegeben! Aber man muß
Raskolnikoff Gerechtigkeit widerfahren lassen: seit Machiavelli hat kein
einziger von sittlichen und politischen Fragen, die doch die größten
Leidenschaften erregen, mit einer solchen Leidenschaftslosigkeit
gesprochen. Und selbst die Sprache des Petersburger Nihilisten erinnert
durch ihre schneidende Schärfe, Kälte und Klarheit der Dialektik, die
»scharf wie ein Rasiermesser« ist, an die Sprache des Sekretärs der
florentinischen Republik.

Nur ein einziges Wort zum Schluß des Gespräches fällt aus dieser
zynischen Leidenschaftslosigkeit heraus und enthüllt zu gleicher Zeit
unter den abstrakten Gedanken eine noch viel größere Tiefe, als selbst
Raskolnikoff ahnt.

»Nun, aber die wahrhaft Genialen,« unterbricht Rasumichin halb
ärgerlich, »diese, denen das Recht zu morden gegeben ist -- die müssen
dann also überhaupt nicht leiden, auch nicht einmal für vergossenes
Blut?«

»Wozu hier das Wort >müssenProphet<, wenn er
irgendwo mitten auf der Straße eine _gu--ute_ Batterie aufstellt und auf
Gerechte und Ungerechte feuern läßt, ohne sie auch nur eines Wortes der
Erklärung zu würdigen! Gehorche, zitternde Kreatur, und -- _laß dich
nicht gelüsten_, denn -- das kommt dir nicht zu!!!« -- Von welch einem
Rechte der Masse auf Existenz kann danach noch die Rede sein? Es sei
denn -- von dem Recht auf ewiges Zittern, ewiges Nichtsein vor dem
»Propheten«. Gibt es doch für Raskolnikoff kein größeres Entsetzen und
keinen größeren Ekel, als sich als Menschen, wie alle, zu fühlen. Er hat
ja auch nur deshalb den Mord begangen, um den Strich, der den Helden von
dem Nichthelden scheidet, zu überschreiten, um sich selbst zu beweisen,
daß er ein -- Mensch ist und nicht ein Ungeziefer, nicht eine »Laus«. --
»Ich mußte damals unbedingt erfahren, ich mußte mich sobald als möglich
überzeugen, _ob ich ein Ungeziefer bin, wie alle, oder ein Mensch_? ...
Bin ich nur eine zitternde Kreatur, oder _habe ich das Recht_?« -- »Da
hasten sie alle hin und her durch die Straßen und ist doch ein jeder von
ihnen ein Schuft und Spitzbube allein schon seiner Natur gemäß, sogar
schlimmer als das -- ein Idiot! ... O, wie ich sie alle hasse!« In
seinem Herzen ist kein Körnchen von jener Liebe und Achtung vorhanden,
ja nicht einmal von jener Gerechtigkeit zu den »Fortsetzern«, den
»Erhaltern« der Menschheit, die er mit dem Verstande anerkennt.
Augenscheinlich besteht hier zwischen dem Lebensgefühl und dem
abstrakten Gedanken Raskolnikoffs irgendein klaffender Widerspruch.

Die zweite Konzession, die er dem Sozialismus macht, ist die Anerkennung
des »Wohles der Menschheit« als höchstes bewußtes Ziel der Helden. Die
Helden sind, wie er sagt, »Ordner und Wohltäter der Menschheit«. Sie
übertreten das Gebot nicht nur _aus dem Grunde_, weil ihre Natur derart
beschaffen ist, sondern auch _zu dem Zweck_, nur das höhere Gebot zu
erfüllen. Sie zerstören das Bestehende im Namen eines besseren
Zukünftigen, im Namen des »neuen Jerusalem«. Sie opfern wenige für das
Glück vieler, die Minderheit der Mehrheit. Ihre Verbrechen sind nicht
nur natürlich, sondern auch vernünftig, denn verderblich sind sie nur
für einzelne, vorteilhaft aber für Millionen, und somit können sie sogar
durch die mathematische Berechnung gerechtfertigt werden: »läßt sich
denn nicht ein einziges kleines Verbrechen durch Tausende von guten
Taten wieder gut machen? Für ein Leben tausend Leben. Ein Tod und zum
Ersatz dafür hundert Leben -- das ist doch Arithmetik!«

Aber auch der zweiten Konzession kann man keine größere Bedeutung
beilegen als der ersten; übrigens sieht er das zum Schluß auch selbst
ein und zerreißt dann endgültig die letzte Verbindung mit der
»Anschauung der Sozialisten«: -- »Weswegen schimpfte doch Rasumichin
vorhin über die Sozialisten? Das sind doch arbeitsame, handeltreibende
Leutchen, bemühen sich um das >allgemeine Glück< ... Nein, mir wird das
Leben nur einmal gegeben, und niemals werde ich es wieder haben! -- Ich
will nicht das >allgemeine Glück< abwarten. _Ich will auch selbst leben_
-- oder sonst lieber überhaupt kein Leben! Nun was? Ich wollte nur nicht
an einer hungrigen Mutter vorübergehen und, in der Erwartung des
>allgemeinen Glücks<, in der Tasche meinen Rubel festhalten.« -- »Ich
bringe, wie man sagt, >einen Stein zum Bau des allgemeinen Glücks und so
kann mein Herz ruhig sein<. Haha! Warum habt ihr mich denn
durchgelassen? Ich lebe doch im ganzen nur einmal, ich will doch auch
...« Und er lacht, -- »zähneknirschend« -- über die mathematische
Berechnung des Vorteils, des menschlichen Wohles: »Unternehme es,
sozusagen, nicht im Interesse meines eigenen Fleisches, und der eigenen
Lust, sondern habe ein ungeheures, erhabenes Ziel im Auge, -- haha! ...
Beschloß jede nur mögliche Gerechtigkeit zu beobachten, Maß und Gewicht,
und Arithmetik. Von allen Läusen wählte ich die allerüberflüssigste aus,
und indem ich sie tötete, beschloß ich, genau nur soviel zu nehmen,
wieviel ich für den ersten Schritt brauchte, nicht mehr und nicht
weniger (und das übrige wäre dann nach dem Testament sowieso einem
Kloster zugefallen, -- haha! ...). O Erbärmlichkeit! ... O Gemeinheit!
...« Und bereits kurz vor der »Beichte« gesteht er Ssonja Marmeladoff:
»Die ganze Qual dieser _Schwätzerei_ habe ich ertragen, Ssonja, und da
wollte ich sie denn endlich von den Schultern wälzen: ich wollte ohne
Kasuistik erschlagen, versteh mich recht, Ssonja, _für mich wollte ich
erschlagen, für mich allein_! Darin wollte ich niemanden belügen, selbst
mich nicht! Nicht um meiner Mutter helfen zu können, habe ich erschlagen
-- Unsinn! Ich habe auch nicht erschlagen, um nach der Erlangung von
Mitteln und Macht ein Wohltäter der Menschheit zu werden -- Unsinn! Ich
habe einfach erschlagen, _für mich selbst habe ich erschlagen, nur für
mich allein_!« ...

Hier geht in der Seele Raskolnikoffs etwas Furchtbares und Rätselhaftes
vor sich. Man sollte meinen, wenn er für andere, zum Wohle der Menschen
erschlagen hätte, dann wäre eine Rechtfertigung noch möglich: zwar ist
es, würde man sagen, ein schlechtes Mittel, aber dafür hat er ein edles
Ziel gehabt. Hat er es aber »für sich allein« getan, »für sein eigen
Fleisch und zur eigenen Lust«, dann gibt es hierfür keine Rechtfertigung
mehr, dann ist er ein gewöhnlicher Dieb und Mörder, ein einfacher
Missetäter, ein »Verbrecher außerhalb des Gesetzes«. Indessen ahnt
Raskolnikoff dunkel, daß es in diesem Falle doch nicht so ist: ja, er
hat für sich erschlagen, _für sich allein_, aber doch nicht für sein
Fleisch und seine Lust allein, sondern noch für etwas Höheres in sich,
für etwas Unzweifelhafteres und zu gleicher Zeit Uneigennützigeres,
_Ferneres_, als das Wohl des Nächsten, als das »allgemeine Glück«.
Natürlich ist auch »Egoismus« dabei, aber dieser Egoismus ist wiederum
von einer besonderen Art. Das Verbrechen wird vielleicht noch
furchtbarer, jedenfalls aber nicht einfacher, nicht roher, -- im
Gegenteil, hier erst beginnt seine Kompliziertheit, Verfeinerung und das
Verführerische an ihm. Raskolnikoffs von Qual und Leidenschaft
geschärfter Blick sieht bereits die ganze hoffnungslose Flachheit und
Erbärmlichkeit der sozialistischen »handelsmäßigen« Abwägungen,
Abmessungen des allgemeinen Nutzens. In diesem »für sich, für sich
allein« aber dämmert es weit, weit wie eine Ahnung von irgendeiner
unbekannten Tiefe der Berührung mit der Ordnung unermeßlich höherer,
allerschwerster, edelster Werte, als es alle sozialistischen Vorteile
und der ganze allgemeine Nutzen sind; er ist sich dessen noch nicht
bewußt, aber dunkel fühlt er schon, daß hierin -- wenn auch nicht die
Rechtfertigung, so doch immerhin irgendeine letzte Wahrheit ist, die
Befreiung, Reinigung von der ganzen »Kasuistik«, dem »Geschwätz und der
Lüge« vom neuen sozialistischen »Jerusalem«. Das also ist der Grund,
warum er sich mit einer so verzweifelten Hartnäckigkeit und Anspannung
aller Kräfte an dieses »für mich, für mich allein« klammert, als wolle
er seine Gedanken zu Ende führen, und dennoch, als könne, als wage er es
nicht. Hier ist alles noch -- gar zu dunkel, gar zu tief; grauenvoll ist
es für ihn, -- gerade durch die unerwartet sich aufdeckende Tiefe ist es
furchtbar. Vielleicht ist hier selbst die Rechtfertigung furchtbarer als
jede Verurteilung. Die lecke Barke des Sozialismus begann unter ihm zu
sinken, und da sieht er, wie ein Ertrinkender, als einzigen festen
Punkt, als einzigen unerschütterlichen Fels in den Wellen -- dieses »für
mich allein«, aber noch weiß er nicht, ob er an jenem nackten scharfen
Felsen endgültig zerschellen oder ob er sich auf ihn retten wird. Rodion
Raskolnikoff erfährt denn auch nicht, begreift noch nicht, daß er sich
nicht anders retten kann, als wenn er die Rechtfertigung durch die Liebe
zu sich selbst nicht nur zu einer sozialen, moralischen, philosophischen
Rechtfertigung macht, sondern auch zu einer _religiösen_.

                                               _Dmitri Mereschkowski._




                              Vorbemerkung


»Rodion Raskolnikoff« ist als das erste der fünf großen Roman-Epen, die
Dostojewski geschrieben hat, im Jahre 1866 vollendet worden. Das Werk
hat im Russischen einen Titel, dessen Übertragung sich der Begriffswelt
»Schuld und Sühne« nähert. Dieser Titel ist von Dostojewski aus
nachweisbar ein Nottitel. Die Lösung des Problemes, die der Titel
andeutet, bringt das Werk gar nicht. Der geplante zweite Teil, auf den
sich der Titel bereits bezieht, ist nie geschrieben worden. Daher ist
das Werk hier mit demjenigen Namen genannt, den sein Inhalt verlangt und
an den sich das allgemeine und natürliche Empfinden längst gewöhnt hat:
mit dem Namen seines Helden, in dem die Gestalt des jungen russischen
Studenten und Ideologen ein für allemal Typ und beinahe Symbol geworden
ist.

                                                              E. K. R.




                              Erster Teil


                                   I.

Anfangs Juli, es war eine außerordentlich heiße Zeit, trat ein junger
Mann gegen Abend aus seiner Kammer, die er in einem Hause der S.schen
Gasse bewohnte, auf die Straße hinaus und ging langsam, wie
unentschlossen, in der Richtung auf die K.sche Brücke.

Er hatte glücklich eine Begegnung mit seiner Wirtin auf der Treppe
vermieden. Seine Kammer lag unmittelbar unter dem Dache des hohen
fünfstöckigen Hauses und glich eher einem Schrank, als einer Wohnung.
Seine Wirtin aber, von der er diese Kammer mit Mittagessen und Bedienung
gemietet hatte, wohnte eine Treppe tiefer in einer separaten Wohnung und
jedesmal, wenn er auf die Straße hinausging, mußte er unbedingt an der
Küche der Wirtin vorbeigehen, deren Tür fast immer sperrweit offen
stand. Und jedesmal fühlte der junge Mann beim Vorbeigehen eine
krankhafte und feige Empfindung, deren er sich schämte und bei der er
das Gesicht verzog. Er war bei der Wirtin stark verschuldet und
fürchtete sich, ihr zu begegnen.

Nicht weil er so feige und scheu war, ganz im Gegenteil, aber seit
einiger Zeit war er in einem gereizten und überanstrengten Zustand, der
der Hypochondrie ähnelte. Er hatte sich so ganz und gar in sich selbst
vertieft und hatte sich so vollständig von allen abgeschlossen, daß er
sich sogar vor der gleichgültigsten Begegnung fürchtete, nicht bloß vor
der mit der Wirtin. Er war von Armut erdrückt; aber selbst diese
bedrängte Lage hatte in der letzten Zeit aufgehört auf ihm zu lasten. Er
hatte es ganz und gar aufgegeben, mit seiner Tagesarbeit sich zu
befassen, und hatte auch keine Lust dazu. Im Grunde genommen fürchtete
er sich freilich nicht vor tausend Wirtinnen, was die auch gegen ihn im
Schilde führen mochten. Aber auf der Treppe stehenbleiben, jeden Unsinn
über alltäglichen Kram, der ihn gar nicht interessierte, anhören, all
diese ewigen Mahnungen, seine Schulden zu bezahlen, die Drohungen, die
Klagen anhören und sich dann den Kopf nach Ausreden zerquälen, sich
entschuldigen und lügen zu müssen, -- nein, da war es schon besser, wie
eine Katze die Treppe hinunterzuschleichen und sich davonzumachen, ohne
von irgendeinem Menschen sich sehen zu lassen.

Übrigens, dieses Mal setzte die Furcht vor einer Begegnung mit seiner
Gläubigerin ihn selbst in Erstaunen, als er auf die Straße hinaustrat.

»Solch eine Sache will ich wagen ... und fürchte mich vor solchen
Kleinigkeiten!« dachte er über sich lächelnd. -- »Hm ... ja ... alles
liegt in den Händen eines Menschen und er läßt alles vorbeigehen, einzig
und allein aus Feigheit ... das ist ein Axiom ... Ich möchte wissen, was
die Menschen am meisten fürchten? Sie fürchten sich am meisten vor einem
neuen Schritt, vor einem neuen, eigenen Worte ... Ich schwatze übrigens
viel zu viel. Darum handle ich nicht, weil ich schwatze. Vielleicht ist
es aber auch so: ich schwatze darum, weil ich nicht handle. Und das
Schwatzen habe ich in diesem letzten Monat gelernt, indem ich ganze Tage
und Nächte in der Ecke lag und ... unnütz träumte. Warum gehe ich jetzt
fort? Bin ich denn dazu fähig? Soll _es_ denn Ernst werden? Natürlich
nicht. Bloß des Einfalls wegen spiegle ich mir selbst was vor.
Spielerei! Ja, natürlich ist es Spielerei.«

Die Hitze auf der Straße war beängstigend; dazu die schwüle Luft, das
Gedränge, überall lagen Kalk, Ziegelsteine, standen Baugerüste, überall
war Staub und jener besondere Sommergestank, der jedem Petersburger
wohlbekannt ist, der nicht ein Landhäuschen mieten kann, -- dies alles
erschütterte die ohnedies schon angegriffenen Nerven des jungen Mannes
auf das unangenehmste. Der unerträgliche Geruch aus den Schenken, die in
diesem Stadtteile besonders zahlreich sind, und der Anblick Betrunkener,
denen man alle Augenblicke begegnete, -- trotz des Werktages, --
vollendeten die widerwärtige und traurige Stimmung des Bildes. Ein
Ausdruck des tiefsten Abscheus huschte einen Augenblick über die feinen
Züge des jungen Mannes. Beiläufig gesagt, er war außergewöhnlich hübsch,
hatte schöne dunkle Augen, dunkelblondes Haar, war fein und schlank und
von mehr als mittlerem guten Wuchse. Bald aber versank er in sein tiefes
Sinnen, oder richtiger gesagt, in Selbstvergessenheit, und ging weiter,
ohne seine Umgebung zu beachten, ohne den Wunsch, sie zu bemerken. Hin
und wieder murmelte er etwas vor sich hin, nach seiner Gewohnheit
Selbstgespräche zu halten, wie er es soeben sich selbst eingestanden
hatte. Dabei wurde er es sich bewußt, daß seine Gedanken sich zuweilen
verwirrten und daß er sehr schwach war -- es war ja der zweite Tag, daß
er fast nichts gegessen hatte.

Er war so schlecht angezogen, daß mancher, auch der es gewöhnt war, sich
geschämt hätte, in solchen Lumpen am Tage auf die Straße zu gehen.
Freilich war dieses Viertel derart, daß man hier schwerlich jemand durch
seine Kleidung in Erstaunen setzen konnte. Die Nähe des Heumarktes, die
Überzahl gewisser Häuser und die Bevölkerung, die ausschließlich aus
Handarbeitern besteht und in diesen Straßen und Gassen zusammengepfercht
haust, belebten genugsam das allgemeine Bild mit solchen Gestalten, daß
es sonderbar gewesen wäre, wenn eine solche Figur aufgefallen wäre. Und
in der Seele des jungen Mannes hatte sich soviel böse Verachtung
angesammelt, daß er trotz seines zuweilen sehr jugendlichen
Selbstgefühls sich fast nicht mehr seiner Lumpen schämte. Anders
freilich war es, wenn er zufällig Bekannten oder früheren Kameraden
begegnete, denen er naturgemäß gern aus dem Wege ging. Indessen, als ein
Betrunkener, den man von ungefähr in diesem Augenblicke in einem großen
Wagen, mit einem großen Lastpferd davor, durch die Straße fuhr,
plötzlich im Vorbeifahren ihm zurief: »He, du da mit dem deutschen
Hute!« -- und mit der Hand auf ihn wies, -- blieb der junge Mann stehen
und faßte krampfhaft nach seinem Hute. Der Hut war hoch und rund, in
einem guten Laden gekauft, aber völlig abgetragen und verschossen,
voller Löcher und Flecken, ohne Rand und auf der einen Seite häßlich
eingedrückt. Nicht Scham, sondern ein ganz anderes Gefühl, das eher
Schrecken war, hatte ihn erfaßt.

»Ich wußte es!« murmelte er verlegen. »Ich dachte es mir! Das ist das
allerschlimmste! So eine Dummheit, irgendeine sinnlose Kleinigkeit kann
das ganze Vorhaben vernichten! Ja, der Hut fällt zu sehr auf ... Er ist
lächerlich, darum fällt er auf ... Zu meinen Lumpen brauche ich
unbedingt eine Mütze und wenn es auch eine alte Kappe ist, aber nicht
dies Ungetüm. Niemand trägt solch einen Hut, von ferne schon sieht man
ihn, kann sich ihn merken ... und die Hauptsache, man wird ihn sich für
später merken, und ein Indizium ist da. Unauffällig muß man sein ... Die
Kleinigkeiten, die Kleinigkeiten sind die Hauptsache! ... Diese
Kleinigkeiten verderben stets alles ...«

Er hatte nicht weit zu gehen; er wußte sogar, wieviel Schritte es von
seiner Haustür waren -- genau, siebenhundertunddreißig. Er hatte sie
einmal gezählt, als er stark ins Träumen gekommen war. Damals glaubte er
diesen Träumen selbst noch nicht, und sie reizten ihn bloß durch ihre
abscheuliche, aber verführerische Verwegenheit. Jetzt, nach einem Monat,
schaute er es anders an und hatte sich unwillkürlich daran gewöhnt, den
»abscheulichen« Traum -- ungeachtet aller stets wachen Selbstvorwürfe
über seine eigene Kraftlosigkeit und Unentschlossenheit, -- als ein
Vorhaben anzusehen, obwohl er sich immer noch nicht recht traute. Jetzt
ging er _eine Probe_ seines Vorhabens zu machen, und mit jedem Schritt
wuchs stärker und stärker seine Aufregung.

Mit erstarrendem Herzen und nervösem Zittern näherte er sich einem
riesigen Hause, das mit der einen Seite auf den Kanal hinausging, mit
der anderen an der R.schen Straße lag. Dieses Haus hatte lauter kleine
Wohnungen und war von allerhand Handarbeitern bewohnt, -- von
Schneidern, Schlossern, Köchinnen, von Deutschen, von Mädchen, die ihre
eigene Wohnung besaßen, kleinen Beamten und dergleichen. Durch die
beiden Tore und die beiden Höfe des Hauses huschten in einem fort aus-
und eingehende Menschen. Hier waren drei oder vier Hausknechte
angestellt. Der junge Mann war sehr zufrieden, als er keinem von ihnen
begegnete, und schlüpfte unbemerkt rechts vom Tore die Treppe hinauf.
Die Treppe war dunkel und schmal, -- es war eine Hintertreppe, -- er
kannte das alles schon, hatte es genau studiert, und die ganze Umgebung
gefiel ihm; in solcher Dunkelheit ist ein neugieriger Blick
ungefährlich.

»Wenn ich mich jetzt schon so fürchte, wie wird es dann sein, wenn ich
wirklich an _die Tat_ selbst gehe?« dachte er unwillkürlich, während er
zum vierten Stockwerk hinaufstieg. Hier versperrten ihm Packträger,
verabschiedete Soldaten, die aus einer Wohnung Möbel hinaustrugen, den
Weg. Er wußte von früher, daß in dieser Wohnung ein Deutscher, ein
Beamter, mit seiner Familie lebte.

»Dieser Deutsche zieht jetzt also aus, also bleibt im vierten Stock für
einige Zeit nur die Wohnung der Alten bewohnt. Das ist gut ... auf jeden
Fall ...« dachte er und klingelte an der Tür der Alten. Die Glocke
schlug schwach an, als wäre sie aus Blech. In solchen kleinen Wohnungen
findet man immer solche Glocken. Er hatte den Ton dieser Glocke
vergessen, und jetzt schien ihn dieser eigenartige Klang plötzlich an
etwas zu erinnern und eine klare Vorstellung von etwas zu geben ... Er
zuckte zusammen, seine Nerven waren sehr herunter. Kurz darauf öffnete
sich die Türe zu einem winzigen Spalt -- die Bewohnerin blickte hindurch
mit sichtbarem Mißtrauen, und man sah bloß ihre kleinen, dunkel
leuchtenden Augen. Als sie aber auf dem Flure viele Menschen erblickte,
faßte sie sich ein Herz und öffnete die Tür ganz. Der junge Mann trat
über die Schwelle in ein dunkles Vorzimmer, das durch eine Wand in zwei
Teile geteilt war, dahinter befand sich eine kleine Küche. Die Alte
stand schweigend vor ihm und blickte ihn fragend an. Es war eine kleine
vertrocknete alte Frau, etwa sechzig Jahre alt, mit stechenden und
bösen, kleinen Augen, einer kleinen, spitzen Nase und ohne
Kopfbedeckung. Ihr hellblondes, leicht ergrautes Haar war mit Öl
eingefettet. Um den dünnen und langen Hals, der dem Beine eines Huhnes
glich, war ein Flanellappen gewickelt und über die Schultern hing, trotz
der Hitze, eine abgetragene und gelbgewordene Pelzjacke. Die Alte
hustete und räusperte sich fortwährend. Wahrscheinlich hatte der junge
Mann ihr einen sonderbaren Blick zugeworfen, denn plötzlich tauchte in
ihren Augen wieder das frühere Mißtrauen auf.

»Ich heiße Raskolnikoff, bin Student, war bei Ihnen vor einem Monat,«
beeilte sich der junge Mann mit einer leichten Verbeugung zu sagen, sich
erinnernd, daß man hier freundlich sein müsse.

»Ich erinnere mich, Väterchen, ich erinnere mich gut, daß Sie da waren,«
sagte die Alte, ohne ihre fragenden Augen von seinem Gesichte
abzuwenden.

»Also ... ich komme wieder in einer ähnlichen Angelegenheit ...« fuhr
Raskolnikoff fort, ein wenig verwirrt und erstaunt über das Mißtrauen
der Alten.

»Vielleicht ist sie immer so, ich habe es damals bloß nicht gemerkt,«
dachte er mit unangenehmer Empfindung.

Die Alte schwieg eine Weile, wie in Gedanken vertieft, trat dann zur
Seite, zeigte auf die Tür zu der Stube und sagte, indem sie den Besucher
vorbei ließ:

»Treten Sie näher, Väterchen!«

Das kleine Zimmer, in das der junge Mann eintrat, hatte eine gelbe
Tapete, Geranien standen dort und die Fenster umrahmten
Mousselingardinen. In diesem Augenblick wurde es von der untergehenden
Sonne hell erleuchtet.

»Die Sonne wird auch _dann_ ebenso leuchten! ...« durchfuhr es plötzlich
Raskolnikoff, und mit einem schnellen Blick überflog er alles in dem
Zimmer, um nach Möglichkeit die Lage zu studieren und sie sich zu
merken. In dem Zimmer aber gab es nichts Besonderes. Die Möbel aus
gelbem Holze, alle sehr alt, bestanden aus einem Sofa mit
ungeheuerlicher, gebogener hölzerner Rückenlehne, einem runden Tisch vor
dem Sofa, einem Toilettentisch mit einem kleinen Spiegel an der Wand
zwischen den Fenstern, aus Stühlen an den Wänden und einigen billigen
Bildern in gelben Rahmen, die deutsche Damen mit Vögeln in den Händen
darstellten, -- das war die ganze Ausstattung. In der Ecke brannte vor
einem kleinen Heiligenbilde ein Lämpchen. Alles war sehr sauber, -- die
Möbel und die Diele waren blank poliert; alles glänzte. »Das ist
Lisawetas Arbeit,« dachte der junge Mann. Kein Stäubchen konnte man in
der ganzen Wohnung finden. »Bei bösen und alten Witwen findet man so
eine Sauberkeit,« dachte Raskolnikoff weiter und warf einen neugierigen
Seitenblick auf den Vorhang aus Kattun vor der Tür zu dem zweiten
kleinen Zimmer, in dem das Bett und die Kommode der Alten standen,
dahinein hatte er noch nicht geschaut. Die ganze Wohnung bestand aus
diesen zwei Zimmern.

»Was wünschen Sie?« fragte die kleine Alte scharf, als sie ihm in das
Zimmer gefolgt war, und stellte sich wieder gerade vor ihm hin, um ihm
ins Gesicht sehen zu können.

»Ich habe etwas zu verpfänden,« und er zog eine alte, flache, silberne
Uhr aus der Tasche. Auf der Rückseite war ein Globus eingraviert. Die
Kette war aus Stahl.

»Die Frist für das früher Versetzte ist schon um. Vorgestern ist der
Monat abgelaufen.«

»Ich will Ihnen die Zinsen noch für einen Monat bezahlen; warten Sie
noch ein wenig.«

»Das ist mein guter Wille, Väterchen, zu warten oder Ihr Ding sofort zu
verkaufen.«

»Wieviel geben Sie für die Uhr, Aljona Iwanowna?«

»Immer kommen Sie mit Kleinigkeiten, Väterchen, sie ist ja fast nichts
wert. Für den Ring habe ich Ihnen voriges Mal zwei Rubel gegeben, und
man kann ihn bei jedem Juwelier neu für anderthalb Rubel kaufen.«

»Geben Sie mir für die Uhr vier Rubel, ich werde sie einlösen. Sie hat
meinem Vater gehört. Ich erhalte bald Geld.«

»Ich will Ihnen anderthalb Rubel dafür geben und die Zinsen abziehen,
wenn Sie damit einverstanden sind.«

»Anderthalb Rubel!« rief der junge Mann aus.

»Wie Sie wünschen.«

Und die Alte reichte ihm die Uhr. Der junge Mann nahm sie; er war so
böse, daß er schon fortlaufen wollte, aber er besann sich, daß er sonst
nirgends hingeben konnte, und daß er noch aus einem anderen Grunde
gekommen war.

»Geben Sie das Geld!« sagte er grob.

Die Alte fuhr in die Tasche nach den Schlüsseln und ging hinter den
Vorhang in das andere Zimmer. Als der junge Mann allein zurückblieb,
lauschte er voll Neugier und überlegte. Man hörte, wie die Alte die
Kommode aufschloß. »Wahrscheinlich ist es die obere Schublade,« dachte
er. »Die Schlüssel trägt sie in der rechten Tasche ... Alle sind sie an
einem Stahlring ... Und da ist ein Schlüssel, größer als die anderen,
dreimal so groß, mit zackigem Barte; er ist selbstverständlich nicht von
der Kommode ... Also, muß es noch eine Schatulle geben oder eine kleine
Truhe ... Das ist zu beachten. Truhen haben immer solche Schlüssel ...
Aber, wie gemein ist dies alles ...« Da kam die Alte zurück.

»Hier haben Sie das Geld, Väterchen. Den Zins zu zehn Kopeken pro Rubel
und Monat gerechnet, bekomme ich von Ihnen für anderthalb Rubel und für
einen Monat im voraus fünfzehn Kopeken. Außerdem erhalte ich von Ihnen
für die zwei früheren Rubel nach derselben Berechnung weitere zwanzig
Kopeken im voraus. Zusammen also fünfunddreißig Kopeken. Sie erhalten
für Ihre Uhr einen Rubel und fünfzehn Kopeken. Da haben Sie's.«

»Wie? Jetzt macht es bloß einen Rubel und fünfzehn Kopeken?«

»Ganz richtig.«

Der junge Mann stritt nicht weiter und nahm das Geld. Er blickte die
Alte an und zögerte zu gehen, als wolle er noch irgend etwas sagen oder
tun, ohne selber zu wissen, was er wolle ...

»Ich werde Ihnen, Aljona Iwanowna, in diesen Tagen vielleicht noch eine
Sache bringen ... ein silbernes ... gutes ... Zigarettenetui ... sobald
ich es von einem Freunde zurückerhalte ...«

»Nun, dann wollen wir darüber reden, Väterchen.«

»Leben Sie wohl ... Sie sitzen immer allein zu Hause. Ihre Schwester ist
nicht da?« fragte er möglichst ungezwungen, während er in das Vorzimmer
ging.

»Was geht Sie die an, Väterchen?«

»Nichts Besonderes. Ich fragte bloß so. Sie denken gleich ... Leben Sie
wohl, Aljona Iwanowna!«

Raskolnikoff schritt völlig verwirrt hinaus. Und seine Verwirrung
verstärkte sich immer mehr und mehr. Während er die Treppe hinabstieg,
blieb er sogar einige Mal stehen, als hätte ihn plötzlich etwas
übermannt. Schließlich, schon auf der Straße, rief er aus:

»Oh, Gott! ... Wie abscheulich ist dies alles! Und werde ich es
tatsächlich, tatsächlich ... nein, das ist ja Unsinn, ein unmöglicher
Gedanke!« fügte er entschlossen hinzu. »Wie konnte mir bloß so etwas
fürchterliches in den Sinn kommen! Und doch, zu welchem Schmutz ist mein
Herz fähig! Die Hauptsache bleibt, -- es ist schmutzig, niederträchtig,
gemein, abscheulich ... Und ich habe einen ganzen Monat ...«

Er konnte weder durch Worte noch durch Ausrufe seine Erregung
ausdrücken. Das Gefühl eines grenzenlosen Abscheus, das sein Herz schon
bedrückte und verwirrte, als er zu der Alten ging, erreichte nun solch
einen Umfang und äußerte sich in einer Stärke, daß er nicht wußte, wohin
er vor seiner Qual sollte. Er ging auf der Straße wie ein Betrunkener,
ohne die Vorübergehenden zu bemerken, stieß mit ihnen zusammen und kam
erst in der nächsten Straße zu einiger Besinnung. Er schaute um sich und
ward gewahr, daß er neben einer Schenke stand, zu der von der Straße aus
eine Treppe in das Kellergeschoß führte. Soeben kamen zwei Betrunkene
heraus, stützten sich gegenseitig und stiegen schimpfend die Treppe
hinauf. Ohne lange nachzudenken, sprang Raskolnikoff eilig hinab. Er war
noch nie in einer Schenke gewesen, jetzt aber schwindelte ihn und ein
brennender Durst quälte ihn. Er wollte kaltes Bier trinken, um so mehr,
als er seine plötzliche Schwäche dem Umstande zuschrieb, daß er nichts
im Magen hatte. Er ließ sich in einer dunkeln und schmutzigen Ecke an
einem schmierigen Tische nieder, verlangte Bier und trank gierig das
erste Glas aus. Sofort wurde es ihm leichter, und seine Gedanken wurden
klarer. »Das alles ist Unsinn,« sagte er voll Hoffnung. »Nichts braucht
mich aus der Fassung zu bringen. Es ist bloß physische Zerrüttung. Ein
Glas Bier, ein Stück Zwieback, -- und im Nu ist der Verstand da, die
Gedanken klar und die Absichten im Lot! Pfui, wie ist dies alles
erbärmlich! ...«

Aber trotz des verächtlichen Ausspeiens sah er schon heiter aus, als
hätte er sich plötzlich einer schrecklichen Last entledigt, und blickte
die Anwesenden freundlich an. Aber selbst in diesem Augenblicke überkam
ihn die leise Ahnung, daß diese Empfänglichkeit für das Bessere auch
krankhaft sei.

In der Schenke waren um diese Stunde wenige Menschen. Außer den zwei
Betrunkenen, denen er auf der Treppe begegnet war, hatte gleich darauf
eine ganze Gesellschaft, etwa fünf Männer und ein Mädchen, mit einer
Ziehharmonika die Schenke verlassen. Darauf war es still und freier
geworden. Es waren übrig geblieben: ein Angetrunkener, der aber nicht zu
stark berauscht war; er saß hinter einer Flasche Bier, dem Aussehen nach
ein Kleinbürger; sein Kamerad, ein dicker übergroßer Mann, in einem
dicken Mantel, mit grauem Bart, stark berauscht, duselte auf einer Bank;
ab und zu begann er plötzlich, wie im Schlafe, mit den Fingern zu
schnippen, wobei er die Arme ausbreitete, hin und wieder hüpfte er mit
dem Oberkörper, ohne sich von der Bank zu erheben, sang dazu irgendeinen
Unsinn und versuchte sich auf Verse wie folgende zu besinnen:

   »Ein ganzes Jahr hab' ich mein Weib geliebt, gehätschelt,
   Ein gan--zes Jahr hab' ich mein Weib ge--liebt, ge--hät--schelt ...«

Oder er erwachte plötzlich und sang:

   »Längs der Podjatscheskoi bin ich gegangen,
   Hab' mein früheres Weib gefunden ...«

Aber niemand nahm Anteil an seinem Glück; sein schweigender Kamerad sah
diese Ausbrüche sogar feindselig und mißtrauisch an. Es war noch ein
Mann da, dem Aussehen nach ein verabschiedeter Beamter. Er saß allein
vor seiner Flasche, trank hin und wieder einen Schluck und blickte um
sich. Auch er schien in einer gewissen Aufregung zu sein.


                                  II.

Raskolnikoff war an Menschenmengen nicht gewöhnt und wie gesagt, mied er
besondere in der letzten Zeit jegliche Gesellschaft. Jetzt aber zog ihn
plötzlich etwas zu den Menschen hin. Es ging in ihm etwas vor,
anscheinend etwas Neues, und gleichzeitig machte sich ein starker Drang
nach Menschen bemerkbar. Er war so müde von dieser einen Monat schon
währenden bohrenden Qual und düsteren Aufregung, daß er wenigstens für
einen Augenblick in einer anderen Welt, ganz gleichgültig in welcher, --
aufatmen wollte, und so blieb er jetzt trotz des Schmutzes dieser
Umgebung mit Vergnügen in der Schenke ...

Der Besitzer des Lokals hielt sich in einem anderen Zimmer auf, kam aber
öfters in das Schenkzimmer; er mußte dabei ein paar Stufen hinabsteigen,
und es zeigten sich zuerst seine eleganten Schmierstiefel mit breitem
roten Rande an den Schäften. Er stak in einem faltigen Mantel und in
einer fürchterlich verschmierten schwarzen Atlasweste, war ohne Halstuch
und sein ganzes Gesicht schien, gleich einem eisernen Schlosse, mit Öl
eingefettet zu sein. Hinter dem Schenktisch stand ein Junge von vierzehn
Jahren; es war noch ein anderer, ein jüngerer, da, der die Gäste
bediente, wenn etwas verlangt wurde. Auf dem Tische lagen Gurken, in
Scheiben geschnitten, schwarze Zwiebacke und in kleine Stücke zerteilter
Fisch; dies alles roch sehr schlecht. In dem Raume war es so dumpf, daß
es unerträglich war, darinnen zu sitzen und alles war von
Branntweingeruch so durchdrungen, daß man von dieser Luft allein in fünf
Minuten berauscht werden konnte. -- Es kommt vor, daß wir sogar völlig
unbekannten Menschen begegnen, für die wir uns vom ersten Augenblick an,
ehe wir noch ein Wort mit ihnen getauscht haben, zu interessieren
beginnen. Einen ähnlichen Eindruck hatte auf Raskolnikoff der Gast
gemacht, der einem verabschiedeten Beamten glich und abseits an einem
Tische saß. Raskolnikoff erinnerte sich später mehrmals dieses ersten
Eindruckes und schrieb ihn sogar einer Vorahnung zu. Er blickte
ununterbrochen den »Beamten« an, sicher auch darum, weil der ebenso
hartnäckig zu ihm herüberschaute; man merkte, daß er sehr gern ein
Gespräch angeknüpft hätte. Die übrigen Gäste, den Besitzer nicht
ausgenommen, übersah der »Beamte« gewohnheitsmäßig und voll Langeweile,
und zugleich mit einem Ausdrucke von hochmütiger Geringschätzung, wie
Menschen von niedriger Stellung und Bildung, mit denen er nichts gemein
habe. Es war ein Mann, über fünfzig Jahre, von mittlerem Wuchse und
kräftigem Bau, mit ergrautem Haar und einer großen Glatze, mit einer vom
Trinken gedunsenen, gelben oder vielmehr grünlichen Gesicht und
geschwollenen Augenlidern, unter denen winzige aber lebhafte, gerötete
Augen hervorstachen. Etwas Sonderbares war jedoch an ihm; in seinen
Augen leuchtete eine gewisse Begeisterung, vielleicht lag auch Verstand
und Klugheit in ihnen, -- aber gleichzeitig schimmerte es drinnen wie
Irrsinn. Er war mit einem alten völlig heruntergerissenen schwarzen
Frack mit losen Knöpfen bekleidet. Ein einziger Knopf saß noch
einigermaßen fest, und mit ihm knöpfte er ihn zu, da er offenbar die
gesellschaftlichen Formen nicht vernachlässigen wollte. Unter der
Nankingweste zeigte sich ein ganz zerknülltes, beschmutztes und
vertropftes Vorhemd. Das Gesicht war nach Beamtenart rasiert, aber vor
längerer Zeit schon, so daß bläuliche Stoppeln hervorstanden. Selbst in
seinen Bewegungen lag etwas Solides, Beamtenartiges. Aber er war in
ständiger Unruhe, fuhr sich durch die Haare, stemmte die zerrissenen
Ellenbogen zuweilen auf den begossenen und klebrigen Tisch und stützte,
wie in schwerem Gram, mit beiden Händen den Kopf. Zuletzt faßte er
Raskolnikoff fest ins Auge und sagte laut und energisch:

»Darf ich es wagen, mein verehrter Herr, mich mit einem anständigen
Gespräch an Sie zu wenden? Denn obgleich Ihr Äußeres nicht viel vermuten
läßt, unterscheidet meine Erfahrung in Ihnen doch einen gebildeten und
ans Trinken nicht gewöhnten Menschen. Ich habe stets Bildung geachtet,
die mit Herz und Gefühl verbunden ist, und außerdem bin ich im Range
eines Titularrates. Marmeladoff -- so ist mein Name, Titularrat. Darf
ich erfahren, ob Sie im Staatsdienste gewesen sind?«

»Nein, ich studiere ...« antwortete der junge Mann, erstaunt über den
sonderbaren, verschnörkelten Ton der Anrede und auch darüber, daß man
sich so direkt an ihn wandte. Trotz des Wunsches vor kurzem noch, in
irgendeine Fühlung mit Menschen zu kommen, empfand er plötzlich bei dem
ersten tatsächlich an ihn gerichteten Worte, seine gewöhnliche,
peinliche und gereizte Abscheu vor jedem fremden Menschen, der sich ihm
zu nähern versuchte.

»Sie sind ein Student oder gewesener Student!« fuhr der Beamte fort.
»Ich dachte es mir gleich. Das macht die Erfahrung, mein Herr, die lange
Erfahrung!« und selbstgefällig berührte er die Stirn mit dem Finger. --
»Sie waren Student, haben gelehrten Studien obgelegen! Gestatten Sie
aber ...«

Er erhob sich schwankend, nahm seine Flasche und sein Gläschen und
setzte sich dem jungen Manne schräg gegenüber. Er war berauscht, sprach
aber rasch und geläufig, hin und wieder blieb er ein wenig stecken und
zog die Sätze in die Länge. Mit einer gewissen Gier hatte er sich auf
Raskolnikoff gestürzt, als hätte auch er einen ganzen Monat mit niemand
gesprochen.

»Verehrter Herr!« begann er fast feierlich, »Armut ist kein Laster, das
ist wahr. Ich weiß, daß der Trunk auch keine Tugend ist, und das ist
noch wahrer. Aber Bettelarmut, mein Herr, bettelarm zu sein ist ein
Laster, ja. In der Armut bewahrt man noch die Anständigkeit der
angeborenen Gefühle, wenn man aber bettelarm ist -- nie und nimmer. Wenn
man bettelarm ist, so wird man nicht mal mit einem Stocke herausgejagt,
sondern mit einem Besen aus der menschlichen Gesellschaft hinausgefegt,
damit es beleidigender sein soll; und das ist gerecht, denn wenn ich
bettelarm bin, so bin ich selbst, als erster, bereit, mich zu
beleidigen. Daher auch das Trinken! Mein Herr, vor einem Monat hat Herr
Lebesjätnikoff meine Gattin verprügelt, und meine Gattin ist etwas
Besseres als ich! Verstehen Sie? Gestatten Sie mir eine Frage, so, aus
reiner Neugier, -- haben Sie schon auf der Newa, in den Heubarken
geschlafen?«

»Nein, das habe ich noch nicht,« antwortete Raskolnikoff. »Was ist das?«

»Nun, ich komme von dort, schlafe schon die fünfte Nacht in den Barken
...«

Er goß sich ein Glas ein, trank es leer und versank in Gedanken. Man sah
tatsächlich an seinen Kleidern und in den Haaren hie und da Heuhalme. Es
war leicht möglich, daß er sich fünf Tage weder ausgekleidet noch
gewaschen hatte. Am schmutzigsten waren seine fetten, roten Hände mit
schwarzen Fingernägeln.

Sein Gespräch schien allgemeine, wenn auch etwas flaue Aufmerksamkeit
erregt zu haben. Die Knaben hinter dem Schenktische begannen zu kichern.
Der Wirt war, wohl absichtlich aus dem oberen Zimmer gekommen, um den
»Kauz« zu hören; er setzte sich abseits und gähnte faul, aber würdevoll.
Marmeladoff war offenbar hier längst bekannt. Auch die Neigung für
gesuchte Ausdrücke hatte er wahrscheinlich durch die Gewohnheit,
Wirtschaftsunterhaltungen mit allerhand Unbekannten anzuknüpfen,
ausgebildet. Diese Gewohnheit wird bei manchen Trinkern zum Bedürfnis
und besonders bei denen, die zu Hause streng behandelt werden. Darum
versuchen sie in Gesellschaft von Trinkern sich stets eine
Rechtfertigung und wenn möglich sogar Achtung der anderen zu
verschaffen.

»Komischer Kauz!« sagte laut der Wirt. »Warum arbeitest du nicht, warum
bist du nicht im Dienst, wenn du Beamter bist?«

»Warum ich nicht im Dienste bin, mein Herr?« sagte Marmeladoff, sich
ausschließlich an Raskolnikoff wendend, als hätte der ihm die Frage
vorgelegt. -- »Warum ich nicht im Dienste bin? Tut mir denn das Herz
nicht weh, daß ich unnütz herumlungere? Als Herr Lebesjätnikoff vor
einem Monat eigenhändig meine Gattin verprügelte und ich berauscht
dalag, habe ich da nicht gelitten? Erlauben Sie, junger Mann, ist es
Ihnen passiert, ... hm ... nun, daß Sie aussichtslos jemanden baten,
Ihnen Geld zu leihen?«

»Das ist mir passiert ... das heißt, wie meinen Sie -- aussichtslos?«

»Das heißt völlig aussichtslos, wenn man schon im voraus weiß, daß
nichts daraus wird. Sagen wir, Sie wissen zum Beispiel vorher und
zweifellos, daß dieser Mann, dieser wohlgesinnte und äußerst nützliche
Bürger Ihnen um keinen Preis Geld geben wird, denn -- ich frage Sie --
warum soll er es tun? Er weiß doch, daß ich es nicht zurückgeben werde.
Etwa aus Mitleid? Herr Lebesjätnikoff aber, der neue Gedanken und Ideen
mit Interesse verfolgt, hat vor kurzem erklärt, daß in unserer Zeit
Mitleid sogar von der Wissenschaft verboten sei, und daß man in England,
woher die politische Ökonomie kommt, schon danach handle. Warum also --
frage ich Sie -- sollte er geben? Und sehen Sie, obwohl Sie im voraus
wissen, daß er nicht geben wird, machen Sie sich doch auf den Weg und
...«

»Warum geht man denn hin?« sagte Raskolnikoff.

»Wenn es aber niemanden mehr gibt, wenn man nirgendwo anders hingehen
kann! Es müßte doch so sein, daß jeder Mensch irgendwo hingehen könnte.
Denn es kommen Zeiten, wo man unbedingt irgendwo hingehen muß! Als meine
einzige Tochter zum erstenmal mit dem gelben Schein[6] ging, ging ich
auch ... (meine Tochter lebt nämlich auf den gelben Schein) ...« fügte
er hinzu und blickte mit einiger Unruhe den jungen Mann an. »Hat nichts
zu sagen, mein Herr, hat nichts zu sagen!« beeilte er sich, sofort und
scheinbar ruhig zu erklären, als die beiden Knaben hinter dem
Schenktische in Lachen ausbrachen und auch der Wirt lächelte. »Hat
nichts zu sagen! Durch dieses Tuscheln laß ich mich nicht stören, denn
es ist längst bekannt, und alles Verborgene wird offenbar, und nicht mit
Verachtung, sondern mit Demut ertrage ich es. Mögen sie! Mögen sie!
>_Ecce homo!_< Erlauben Sie, junger Mann, können Sie vielleicht ... Aber
nein, man muß sich stärken und deutlicher ausdrücken: nicht _können_
Sie, sondern _wagen Sie_, indem Sie mich dabei ansehen, zu behaupten,
daß ich kein Schwein bin?«

Der junge Mann antwortete nicht.

»Nun,« fuhr der Redner gesetzter und sogar noch würdevoller fort,
nachdem er gewartet hatte, bis das Kichern in dem Zimmer aufhörte, »nun
gut, ich mag ein Schwein sein, sie aber ist eine Dame. Ich sehe aus wie
ein Vieh, Katerina Iwanowna, meine Gattin, aber ist eine gebildete
Person und die Tochter eines Stabsoffiziers. Mag ich, mag ich ein Schuft
sein, sie aber ist hochherzig und ist durch Erziehung voll edler
Gefühle. Indessen aber ... oh, wenn sie mit mir Mitleid hätte! Mein
Herr, verehrter Herr, es müßte doch so sein, daß jeder Mensch wenigstens
eine Stelle habe, wo er Mitleid fände! Katerina Iwanowna ist wohl eine
großmütige Dame, aber ungerecht ... Und obwohl ich verstehe, daß sie
mich an den Haaren zerrt, aus keinem anderen Grunde als aus Mitleid des
Herzens -- denn ich wiederhole es, ohne mich zu schämen, sie zerrt mich
an den Haaren, junger Mann,« bestätigte er mit verstärkter Würde, als er
wieder Kichern vernahm. »Aber mein Gott, was würde geschehen, wenn sie
wenigstens ein einziges Mal ... Aber nein! Nein! Das alles ist umsonst,
und es lohnt sich nicht, davon zu sprechen! Lohnt sich nicht zu
sprechen! ... Denn mehr als einmal war das Gewünschte dagewesen, und
mehr als einmal hatte man mit mir Mitleid gehabt, aber ... meine Natur
ist schon so, ich bin ein geborenes Vieh!«

»Und ob!« bemerkte der Wirt gähnend.

Marmeladoff schlug entschlossen mit der Faust auf den Tisch.

»So ist meine Natur! Wissen Sie, wissen Sie, mein Herr, ich habe sogar
ihre Strümpfe vertrunken! Nicht die Stiefel, denn das würde noch in der
Ordnung der Dinge liegen, sondern die Strümpfe, ihre Strümpfe habe ich
vertrunken! Ihr Tuch aus Ziegenwolle habe ich vertrunken, man hat es ihr
einst geschenkt, es gehörte ihr, nicht mir; wir leben in einem kalten
Zimmer und sie hat sich in diesem Winter erkältet und begann zu husten,
sogar Blut kam. Wir haben noch drei kleine Kinder, und Katerina Iwanowna
ist vom frühen Morgen bis in die Nacht bei der Arbeit; sie scheuert und
wäscht, auch die Kinder wäscht sie, denn sie ist von Kindheit auf an
Reinlichkeit gewöhnt, aber sie hat eine schwache Brust und neigt zur
Schwindsucht, und ich fühle es! Fühle ich es denn nicht? Und je mehr ich
trinke, um so stärker fühle ich. Darum trinke ich auch, weil ich in
diesem Tranke Mitleid und Gefühl suche ... Ich trinke, weil ich doppelt
leiden will!«

Und er neigte wie in Verzweiflung seinen Kopf auf den Tisch.

»Junger Mann,« fuhr er fort und hob wieder den Kopf, »in Ihrem Gesichte
lese ich etwas wie Kummer. Als Sie hereintraten, habe ich es gesehen,
und darum habe ich mich auch sofort an Sie gewandt. Denn, indem ich
Ihnen die Geschichte meines Lebens erzählte, will ich mich nicht an den
Schandpfahl vor diesen Tagdieben stellen, die übrigens alles wissen,
sondern ich suche einen fühlenden und gebildeten Menschen. Sie sollen
wissen, -- meine Gattin ist in einem adligen Gouvernementspensionat
erzogen und hat bei der Schlußprüfung vor dem Gouverneur und anderen
Persönlichkeiten mit dem Schal getanzt, wofür sie eine goldene Medaille
und ein Ehrenzeugnis erhielt. Die Medaille ... nun die Medaille haben
wir verkauft ... schon lange ... hm ... das Ehrenzeugnis liegt noch in
ihrem Kasten, und sie hat es vor kurzem unserer Wirtin gezeigt. Obwohl
sie mit der Wirtin ständig, ununterbrochen Streitigkeiten hat, wollte
sie doch vor jemand sich rühmen und von vergangenen glücklichen Tagen
erzählen. Und ich verurteile sie nicht, ich verurteile nicht, denn das
allein ist nur in ihrer Erinnerung geblieben, alles übrige ist zu Staub
geworden. Ja, ja, sie ist eine hitzige, stolze und unbeugsame Dame. Sie
wäscht selbst den Fußboden, ißt Schwarzbrot, aber Mißachtung duldet sie
nicht. Darum wollte sie auch nicht die Grobheit des Herrn Lebesjätnikoff
dulden, und als Herr Lebesjätnikoff sie verprügelte, da legte sie sich
zu Bett -- weniger der Schläge, als des Schimpfes wegen. Ich habe sie
als Witwe geheiratet, mit drei ganz kleinen Kindern. Ihren ersten Mann,
einen Infanterieoffizier, heiratete sie aus Liebe und war aus dem
Elternhause mit ihm geflohen. Sie liebte ihren Mann grenzenlos, er fing
aber an Karten zu spielen, kam vors Gericht und starb. Er hat sie oft
geschlagen in den letzten Jahren, und obwohl sie sich nichts von ihm
gefallen ließ, wie ich es bestimmt und aus Schriftstücken weiß, --
erinnert sie sich doch seiner heute noch mit Tränen und hält ihn mir als
Muster vor, und ich freue mich, ich freue mich, weil sie sich wenigstens
in der Phantasie als einstmals glücklich fühlt ... Nach seinem Tode
blieb sie mit drei kleinen Kindern in einem abgelegenen und
weltvergessenen Kreise, wo ich mich auch damals befand, und in solch
hoffnungsloser Armut, daß ich sie nicht beschreiben kann, obwohl ich
vieles und allerhand gesehen habe. Ihre Verwandten hatten sich alle von
ihr losgesagt. Ja und sie war so stolz, zu stolz ... Und da bot ich,
mein Herr, auch ein Witwer mit einer vierzehnjährigen Tochter von meiner
ersten Frau, ihr meine Hand an, denn ich konnte solch eine Qual nicht
mit ansehen. Sie können danach beurteilen, wie stark ihre Not war, daß
sie, gebildet, gut erzogen und aus angesehener Familie, bereit war, mich
zu heiraten. Sie heiratete mich! Weinend, schluchzend und händeringend
-- heiratete sie mich doch! Denn sie konnte ja nirgendwo hin. Verstehen
Sie, verstehen Sie, mein Herr, was es heißt, wenn man nirgendwo mehr hin
kann? Nein! Das können Sie noch nicht verstehen ... Ein ganzes Jahr
erfüllte ich meine Pflicht treu und redlich und rührte das da nicht an
(er wies auf die Branntweinflasche), denn ich habe Gefühl. Aber auch
damit konnte ich sie nicht zufrieden stellen; ich verlor meine Stelle
und nicht eines Vergehens, sondern einer Änderung im Etat wegen, und nun
wandte ich mich dem zu! ... Es sind schon anderthalb Jahre, seit wir
nach langen Irrfahrten und vielfach großer Not endlich in dieser
prächtigen und mit unzähligen Denkmälern geschmückten Residenz
eintrafen. Ich fand hier eine Stelle ... Ich fand und verlor sie wieder.
Verstehn Sie? Diesmal verlor ich die Stelle aus eigener Schuld, denn
meine Neigung brach durch ... Jetzt wohnen wir in einem Winkel bei der
Wirtin Amalie Fedorowna Lippewechsel, wovon wir aber leben und womit wir
bezahlen -- das weiß ich nicht. Außer uns leben noch viele dort ... Ein
entsetzliches Drunter und Drüber ... hm ... ja ... Indessen wurde mein
Töchterchen aus der ersten Ehe erwachsen, und was sie, mein Töchterchen,
von ihrer Stiefmutter zu erdulden hatte, als sie heranwuchs, darüber
schweige ich. Obwohl Katerina Iwanowna von großmütigen Gefühlen
durchdrungen ist, so ist sie doch eine hitzige und gereizte Dame und
schneidet einem schnell das Wort ab ... Ja! Nun, es lohnt sich nicht,
dessen zu gedenken! Eine Erziehung hat Ssonja, wie Sie sich denken
können, nicht erhalten. Ich habe versucht, etwa vor vier Jahren,
Geographie und Weltgeschichte mit ihr durchzunehmen, aber da ich selbst
nicht ganz sattelfest war und keine anständigen Bücher besaß, denn die
Bücher, die wir hatten ... hm ... na, diese Bücher sind nicht mehr da
... So endigte auch damit der ganze Unterricht. Wir blieben bei Cyrus
von Persien stehen. Später, als sie reifer und älter wurde, las sie
einige Bücher romanhaften Inhalts, ja und vor kurzem erhielt sie von
Herrn Lebesjätnikoff ein Buch -- Physiologie von Lewis -- kennen Sie es?
Sie las es mit großem Interesse und teilte uns auch einige Abschnitte
daraus mit, -- das ist ihr ganzes Wissen. Jetzt wende ich mich an Sie,
mein Herr, mit einer persönlichen Frage, so von mir aus, -- wieviel
kann, nach Ihrer Meinung, ein armes, ehrliches, junges Mädchen durch
ehrliche Arbeit verdienen? ... Sie wird kaum fünfzehn Kopeken pro Tag
verdienen, mein Herr, wenn sie ehrlich ist und keine besonderen Talente
hat, und da muß sie, ohne einen Augenblick zu ruhen, ununterbrochen
arbeiten! Und dabei hat der Staatsrat Iwan Iwanowitsch Klopstock, --
haben Sie von ihm gehört? -- bis heute nicht bloß das Geld für Nähen
eines halben Dutzend Hemden aus holländischem Leinen nicht bezahlt,
sondern hat sie sogar unter Kränkungen hinausgejagt, hat mit den Füßen
getrampelt und sie in unanständiger Weise beschimpft, unter dem
Vorwande, daß der Hemdkragen nicht nach Maß und dazu schief genäht sei.
Und die Kinder sitzen hungrig zu Hause ... Katerina Iwanowna geht
händeringend im Zimmer herum und auf ihren Wangen zeigen sich rote
Flecke, -- was bei dieser Krankheit stets vorkommt. Du lebst bei uns,
Müßiggängerin, sagte sie, -- ißt, trinkst und genießt die Wärme, -- was
gibt es aber denn zu essen und zu trinken, wenn die Kinder nicht mal
eine Brotrinde drei Tage lang zu sehen bekommen! Ich lag damals
berauscht da ... nun, was ist da viel zu sagen, ich lag berauscht da und
hörte, wie meine Ssonja sagt -- sie ist so still und ihr Stimmchen so
sanft ... hellblond ist sie, das Gesichtchen ist immer bleich und mager
-- also, sie sagt: >Wie, Katerina Iwanowna, soll ich denn auf so was
eingehen?< Darja Franzowna, ein böses und der Polizei gut bekanntes
Weib, hatte sich schon dreimal durch unsere Wirtin erkundigt. >Was
sonst,< antwortet Katerina Iwanowna spöttisch. >Wozu es hüten? So ein
Kleinod!< Klagen Sie sie aber nicht an, mein Herr, klagen Sie nicht an,
verurteilen Sie nicht! Es war gesagt nicht bei gesundem Verstande,
sondern in erregter Stimmung, in Krankheit und beim Anblick der
weinenden Kinder, die nichts gegessen hatten, und es war eher um zu
kränken, als im genauen Sinne des Wortes gesagt ... Denn Katerina
Iwanowna hat nun einmal so einen Charakter, und wenn die Kinder anfangen
zu weinen, und sei es aus Hunger, schlägt sie sie sofort. Und da sah ich
-- es war gegen sechs Uhr -- wie Ssonjetschka aufstand, das Tüchlein
umnahm, ihr Pelzchen anzog und die Wohnung verließ, in der neunten
Stunde aber kam sie zurück. Sie kam, ging direkt zu Katerina Iwanowna
und legte schweigend auf den Tisch dreißig Rubel hin. Kein einziges
Wörtchen hat sie gesagt, nicht mal hingeblickt; sie nahm unser großes
grünes Umlegetuch -- wir besitzen so ein gemeinsames Umlegetuch --
bedeckte damit den Kopf und das Gesicht ganz und gar und legte sich auf
das Bett mit dem Gesichte zur Wand; bloß die schmalen Schultern und der
ganze Körper bebten ... Ich aber lag, wie vorher, in demselben Zustande
... Und da sah ich, junger Mann, da sah ich, wie Katerina Iwanowna, ohne
ein Wort zu sagen, an das Bettchen von Ssonjetschka herantrat und den
ganzen Abend auf den Knien zu ihren Füßen lag, ihr die Füße küßte, nicht
aufstehen wollte, und wie sie beide schließlich umschlungen einschliefen
... beide ... beide zusammen ... ja ... und ich lag berauscht da.«

Marmeladoff schwieg, als versage ihm die Stimme. Dann schenkte er sich
plötzlich ein, trank schnell aus und krächzte.

»Seit der Zeit, mein Herr,« -- fuhr er nach kurzem Schweigen fort, --
»seit der Zeit ist meine Tochter Ssofja Ssemenowna gezwungen worden --
dank einem ungünstigen Zufalle und dank der Denunziation
schlechtgesinnter Menschen, wobei Darja Franzowna sich besonders
hervorgetan hat, weil man ihr angeblich die ihr gebührende Achtung
versagt habe, -- den gelben Schein zu nehmen und hat infolgedessen bei
uns nicht länger bleiben können. Denn unsere Wirtin, Amalie Fedorowna
wollte es nicht zulassen, -- vorher aber hat sie Darja Franzowna, dazu
verholfen -- und auch Herr Lebesjätnikoff ... hm ... Ja, sehen Sie, die
Geschichte zwischen ihm und Katerina Iwanowna passierte ja wegen Ssonja.
Zuerst stellte er Ssonjetschka selbst nach, mit einem Mal aber wurde er
empfindlich. >Wie kann ich, als ein gebildeter Mann -- sagte er -- mit
so einer in derselben Wohnung leben?< Katerina Iwanowna nahm es nicht
stillschweigend hin, trat für Ssonja ein ... nun, und da passierte es
... Ssonjetschka besucht uns nun meist in der Dämmerung, hilft Katerina
Iwanowna und gibt nach Möglichkeit Geld ... Wohnen aber tut sie bei dem
Schneider Kapernaumoff; sie hat bei ihm eine Stube gemietet.
Kapernaumoff ist lahm und stottert, und seine sehr zahlreiche Familie
stottert auch. Auch seine Frau stottert ... Sie leben alle in einem
Zimmer. Ssonja aber hat ihr eigenes mit einer Scherwand ... Hm ... ja
... Es sind furchtbar arme Leute und dazu stottern sie noch ... ja ...
Ich stand also am Morgen auf, zog meine Lumpen an, hob die Hände gen
Himmel und ging zu Seiner Exzellenz Iwan Afanassjewitsch. Geruhen Sie
Seine Exzellenz Iwan Afanassjewitsch zu kennen? ... Nein? ... Nun, dann
kennen Sie nicht einen Gottesmenschen! Er ist wie Wachs ... Wachs vor
dem Angesichte Gottes; er schmilzt wie Wachs ... Er vergoß sogar Tränen,
nachdem er geruht hat alles anzuhören. >Nun, -- sagte er -- einmal hast
du meine Erwartung getäuscht, Marmeladoff ... Ich gebe dir noch einmal
eine Stelle, -- auf meine persönliche Verantwortung hin,< -- so sprach
er -- >denk daran -- sagte er -- und geh jetzt!< Ich küßte den Staub zu
seinen Füßen -- in Gedanken nur, denn in Wirklichkeit hätte er es nicht
gestattet, als Würdenträger und als ein Mann der neuen Staatsideen und
Bildung. Ich kehrte nach Hause zurück, und als ich mitteilte, daß ich in
den Staatsdienst aufgenommen wäre und Gehalt erhalten würde, --
Herrgott, was geschah da ...«

Marmeladoff hielt von neuem in großer Erregung inne. In diesem
Augenblick drang von der Straße eine Schar von Trunkenbolden herein, die
schon bezecht waren, und am Eingange ertönten die Klänge eines
Leierkastens und die gesprungene Stimme eines siebenjährigen Kindes, das
ein Gassenlied sang. Es wurde lärmend. Der Wirt und die Knaben bedienten
die Neuangekommenen. Marmeladoff setzte seine Erzählung fort, ohne die
Eingetretenen zu beachten. Er schien sehr schwach geworden zu sein, aber
je stärker der Branntwein auf ihn wirkte, um so redseliger wurde er. Die
Erinnerung an den kürzlichen Erfolg und die Aufnahme in den Dienst
schien ihn zu beleben und spiegelte sich sogar auf seinem Gesichte
gleich einem frohen Schimmer wieder. Raskolnikoff hörte ihm aufmerksam
zu.

»Das geschah, mein Herr, vor fünf Wochen. Ja ... Kaum hatten sie beide,
Katerina Iwanowna und Ssonjetschka es erfahren, da schien ich -- oh
Gott! -- ins Himmelreich geraten zu sein. Früher lag ich da wie ein Vieh
und hörte bloß Schimpfen! Nun aber gingen sie auf den Fußspitzen, die
Kinder wurden angehalten ruhig zu sein. >Ssemjon Sacharytsch ist müde
vom Dienste, ruht sich aus ... pst!< Ehe ich in den Dienst mußte, bekam
ich Kaffee; Sahne wurde gekocht. Sie verschafften wirkliche Sahne, hören
Sie! Und woher sie elf Rubel und fünfzig Kopeken zu einer anständigen
Equipierung zusammengekratzt haben, begreife ich bis jetzt noch nicht.
Stiefel, ein prachtvolles Kalikohemd, einen Uniformrock -- alles haben
sie in ausgezeichnetem Zustande für elf Rubel und fünfzig Kopeken
aufgebracht. Den ersten Tag kam ich früh aus dem Dienste und was sehe
ich, -- Katerina Iwanowna wartet mit zwei Speisen auf -- Suppe und
Pökelfleisch mit Meerrettich, wovon wir vorher nicht mal einen Begriff
hatten. Sie hat eigentlich keine Kleider ... wirklich gar keine, aber
nun war sie angezogen, als wollte sie einen Besuch machen; sie hatte
sich geschmückt, und im Grunde genommen war nichts Besonderes da, aber
sie hatte es verstanden, aus nichts alles zu schaffen, -- hatte ihr Haar
geordnet, einen reinen Kragen, Manschetten angelegt und hatte aus sich
einen ganz anderen Menschen gemacht, sah jünger und hübscher aus.
Ssonjetschka, mein Täubchen, hatte nur mit Geld geholfen, denn es gehe
jetzt nicht an, sagte sie, daß sie uns oft besuchte, höchstens in der
Dämmerung, damit niemand es sehe. Hören Sie, hören Sie? Nach dem Essen
legte ich mich ein wenig hin -- wie meinen Sie, was geschah da, --
Katerina Iwanowna konnte es doch nicht über sich bringen, und lud unsere
Wirtin, Amalie Fedorowna, trotzdem sie sich vor einer Woche mit ihr
gehörig gezankt hatte, nun zu einer Tasse Kaffee ein. Zwei Stunden saßen
sie und flüsterten fortwährend. >Ssemjon Sacharytsch -- erzählte
Katerina Iwanowna -- ist jetzt im Staatsdienste und erhält Gehalt; er
erschien bei Seiner Exzellenz, und Seine Exzellenz kam selbst heraus,
ließ alle anderen warten, nahm Ssemjon Sacharytsch an der Hand und
führte ihn in sein Zimmer!< -- Hören Sie, hören Sie! -- >Ich erinnere
mich selbstverständlich Ihrer Verdienste, Ssemjon Sacharytsch -- sagte
er -- und obwohl Sie diese leichtsinnige Schwäche haben, -- da Sie es
mir aber versprechen und es bei uns außerdem ohne Sie nicht gut gegangen
ist< -- (Hören Sie, hören Sie!) -- >So verlasse ich mich jetzt auf Ihr
Ehrenwort< -- sagte er -- das heißt, ich muß Ihnen sagen, sie hatte sich
das alles ausgedacht, nicht aus Geschwätzigkeit und auch nicht um damit
zu prahlen. Nein, sie glaubt selbst daran, ergötzt sich an ihrer eigenen
Phantasie, bei Gott! Und ich verurteile es nicht, nein, ich verurteile
es nicht, nein, ich verurteile es nicht! ... Als ich nun, vor sechs
Tagen, mein erstes Gehalt -- dreiundzwanzig Rubel vierzig Kopeken ihr
vollzählig abgab, nannte sie mich ihr Püppchen. >So ein Püppchen bist
du!< -- sagte sie. Und unter vier Augen hat sie es gesagt, verstehen
Sie? Nun, bin ich denn etwa schön, und was bin ich für ein Gatte? Sie
hat mich in die Wange gekniffen und >so ein Püppchen< gesagt.«

Marmeladoff hielt inne, wollte lächeln, plötzlich aber zitterte sein
Kinn. Er beherrschte sich. Diese Schenke, das verkommene Aussehen, die
fünf Nächte auf den Heubarken, die Branntweinflasche und dazu nun diese
krankhafte Liebe zu Frau und Familie verwirrten den Erzähler.
Raskolnikoff hörte ihm gespannt zu, jedoch mit einem peinvollen
Empfinden. Er ärgerte sich, daß er hierher gekommen war.

»Mein Herr, verehrter Herr!« -- rief Marmeladoff aus, nachdem er sich
völlig beherrscht hatte -- »Oh, mein Herr, vielleicht erscheint Ihnen
das alles lächerlich, wie den anderen, und ich belästige Sie bloß mit
dem Kram und all diesen kleinlichen Einzelheiten meines häuslichen
Lebens, -- nun, für mich aber ist es nicht lächerlich! Denn ich kann
dies alles fühlen ... Und diesen himmlischen Tag meines Lebens, wie auch
den Abend verbrachte ich in flüchtigen Träumereien, -- wie ich alles
einrichten, den Kindern Kleidung verschaffen, ihr die Ruhe geben und
meine einzige Tochter aus der Schande in den Schoß der Familie
zurückbringen werde ... Und viel mehr, viel anderes noch ... Es war ja
verzeihlich, mein Herr. Nun, mein Herr -- (Marmeladoff fuhr plötzlich
auf, erhob den Kopf und blickte seinem Zuhörer ins Gesicht) -- nun, am
andern Tage nach all diesen Träumen, heute sind es genau fünf Tage her,
-- entwandt ich gegen Abend durch einen listigen Betrug, wie ein Dieb in
der Nacht, Katerina Iwanowna den Schlüssel zu ihrem Kasten, nahm den
Rest von dem heimgebrachten Gehalt, -- wieviel es war, weiß ich nicht
mehr, -- und nun sehen Sie mich an, seht Ihr alle mich an. Den fünften
Tag bin ich von Hause weg, man sucht mich, und der Dienst ist aus, der
Uniformrock liegt in einer Schenke bei der Ägyptischen Brücke und an
seiner Stelle habe ich diese Kleidung erhalten ... und alles ist nun
aus!«

Marmeladoff schlug sich mit der Faust an die Stirn, preßte die Zähne
zusammen, schloß die Augen und stützte sich schwer mit den Ellbogen auf
den Tisch. Nach einem Moment aber veränderte sich plötzlich sein
Gesicht, er blickte mit geheuchelter Verschmitztheit und gespielter
Frechheit Raskolnikoff an, lachte und sagte: »Und heute war ich bei
Ssonja, habe sie gebeten mir Geld für einen Schnaps zu geben!
He--he--he!« ... »Hat sie dir wirklich gegeben?« -- rief jemand von den
Neuangekommenen, rief es und lachte aus vollem Halse.

»Diese halbe Flasche ist für ihr Geld gekauft,« -- sagte Marmeladoff,
sich ausschließlich an Raskolnikoff wendend. -- »Dreißig Kopeken gab sie
mir, mit ihren eigenen Händen, die letzten, alles, was sie hatte, ...
ich habe es selbst gesehen ... Sie hat nichts, nichts gesagt, hat mich
bloß schweigend angesehen ... So grämt und weint man nicht auf Erden
über Menschen ... sondern dort oben ... und keinen Vorwurf, keinen
einzigen Vorwurf ... Und es tut einem mehr weh, wenn man keinen Vorwurf
hört! ... Dreißig Kopeken, ja. Und sie braucht sie selbst jetzt, ah? Wie
meinen Sie, mein lieber Herr! Sie muß ja doch jetzt auf Sauberkeit
achten. Diese Sauberkeit, diese besondere Sauberkeit kostet Geld,
verstehen Sie? Verstehen Sie es? Nun, und dann muß sie hin und wieder
Pomade oder so was kaufen, es geht ja nicht ohne dem; steife Unterröcke
muß sie haben. Stiefel, hübsche Stiefel müssen da sein, um das Füßchen
zu zeigen, wenn sie über eine Pfütze gehen muß. Verstehen Sie, verstehen
Sie, mein Herr, was diese Sauberkeit zu bedeuten hat? Nun, und ich, der
leibliche Vater, nahm ihr diese dreißig Kopeken zu einem Schnaps! Und
ich trinke hier! Habe sie schon vertrunken! ... Nun, wer soll denn mit
so einem, wie ich, Mitleid haben? Ah? Tue ich Ihnen jetzt leid oder
nicht, mein Herr? Sagen Sie, mein Herr, tue ich Ihnen leid oder nicht?
He--he--he--he!«

Er wollte sich einschenken, aber es war nichts mehr da. Die Flasche war
leer.

»Warum soll man auch mit dir Mitleid haben?« -- rief der Wirt, der sich
in ihrer Nähe befand.

Starkes Lachen erscholl und Schimpfworte wurden laut. Alle lachten, die
Marmeladoff zugehört und auch die, welche nicht zugehört hatten, und
schimpften ohne Grund, allein schon beim Anblick der Person des
verabschiedeten Beamten.

»Mit mir Mitleid haben! Mitleid haben!« -- rief Marmeladoff plötzlich
laut und erhob sich mit ausgestreckter Hand, sich gebärdend, als hätte
er bloß auf diese Worte gewartet. -- »Warum Mitleid mit mir haben, sagst
du? Ja! Es gibt nichts, weswegen man mich bemitleiden kann. Man muß mich
kreuzigen, mich ans Kreuz nageln und nicht Mitleid haben! Kreuzige,
kreuzige, Richter und nachdem du gekreuzigt hast, habe Mitleid. Und da
will ich selbst zur Kreuzigung zu dir kommen, denn ich suche nicht
Fröhlichkeit, sondern Kummer und Tränen! ... Meinst du, du Krämer, daß
diese Flasche mir zur Freude war? Kummer, Kummer suchte ich auf ihrem
Boden, Kummer und Tränen, und ich habe sie gefunden und habe von ihnen
gekostet. Mitleid aber mit uns wird der haben, der mit allen Mitleid
hat, und der alles und alle verstanden hat, Er, der einzige; er ist auch
der Richter. Er wird an jenem Tage kommen und fragen: >Wo ist die
Tochter, die sich der bösen und schwindsüchtigen Stiefmutter und den
fremden kleinen Kindern geopfert hat? Wo ist die Tochter, die mit ihrem
irdischen Vater, dem lasterhaften Trunkenbold, Mitleid hatte, ohne sich
vor seiner Tierheit zu erschrecken?< Und er wird sagen, -- >komm! Ich
habe dir schon einmal vergeben ... Habe dir einmal vergeben ... Vergeben
sind dir auch jetzt deine vielen Sünden, weil du viel geliebt hast ...<
Und er wird meiner Ssonja vergeben, wird ihr vergeben; ich weiß es, daß
er ihr vergeben wird ... Ich habe es, als ich jetzt bei ihr war, im
Herzen gefühlt! ... Und er wird allen gerecht sein und wird vergeben,
wie den guten, so auch den bösen, wie den weisen, so auch den
einfältigen ... Und wenn er mit allen schon zu Ende sein wird, da wird
er auch zu uns sprechen -- >kommet auch ihr< -- wird er sagen >kommt ihr
Betrunkenen, kommt ihr Schwächlinge, kommt ihr Sündigen!< Und wir alle
werden hervortreten, ohne uns zu schämen, und werden dastehn. Er aber
wird sagen: >Ihr Schweine! Ihr Ebenbilder des Tieres, ihr viehischen
Gesichter, ihr -- kommt auch ihr!< Und die Weisen und die Klugen werden
ausrufen: >Herr! Warum nimmst du sie auf?< Und er wird sagen -- >Ich
nehme sie auf, ihr Weisen. Ich nehme sie auf, ihr Klugen, weil sich kein
einziger von ihnen für dessen würdig hielt ...< Und er wird seine Hände
gegen uns ausstrecken, und wir werden niedersinken ... und werden weinen
... und alles verstehn! Dann werden wir alles verstehen! ... Und alle
werden verstehn ... auch Katerina Iwanowna ... auch sie wird verstehn
... Herr, dein Reich komme.«

Er ließ sich auf die Bank nieder, erschöpft und geschwächt, ohne jemand
anzusehen, als hätte er die Umgebung vergessen, und versank in tiefes
Sinnen. Seine Worte hatten einen gewissen Eindruck hervorgerufen; für
einen Augenblick trat Schweigen ein, bald darauf aber ertönte von neuem
Lachen und Schelten.

»Er hat gerichtet!«

»Hat sich vergaloppiert!«

»Ist auch Beamter!«

und solcherlei mehr hörte man.

»Wollen wir gehen, mein Herr!« -- sagte Marmeladoff plötzlich, hob den
Kopf und wandte sich an Raskolnikoff. -- »Begleiten Sie mich ... Haus
Kosel ... im Hofe. Es ist Zeit ... für mich ... zu Katerina Iwanowna
...«

Raskolnikoff hatte längst schon weggehen wollen, und auch selbst
gedacht, ihm behilflich zu sein. Marmeladoff zeigte sich viel schwächer
in den Beinen, als in seinen Reden, und stützte sich stark auf den
jungen Mann. Sie hatten zwei- bis dreihundert Schritte zu gehen.
Verwirrung und Angst packten immer stärker und stärker den Säufer, je
mehr sie sich dem Hause näherten.

»Ich fürchte mich jetzt nicht vor Katerina Iwanowna,« -- murmelte er
erregt, -- »auch nicht davor, daß sie mich an den Haaren raufen wird.
Was sind Haare! ... Dummes Zeug sind die Haare! Das sage ich! Es ist
sogar besser, daß sie mich raufen wird, aber ich fürchte mich nicht
davor ... ich ... ich ... fürchte mich vor ihren Augen ... ja ... vor
ihren Augen ... Auch vor den roten Flecken auf den Wangen fürchte ich
mich ... und ich fürchte mich -- vor ihrem Atem ... Hast du gesehen, wie
die Menschen bei dieser Krankheit atmen ... wenn sie erregt sind? Auch
vor den weinenden Kindern fürchte ich mich ... Wenn Ssonja ihnen nichts
zu essen gegeben hat, dann ... weiß ich nicht, wie ... Ich weiß nicht!
Vor Schlägen fürchte ich mich nicht ... Du sollst wissen, mein Herr, daß
solche Schläge mir keinen Schmerz, sondern Genuß bereiten ... Denn ohne
die kann ich selbst nicht auskommen. Es ist besser. Mag sie mich
schlagen, mag sie ihrem Herzen Luft machen ... es ist besser ... Da ist
ja das Haus. Es gehört Kosel, einem Schlosser, einem reichen Deutschen
... führe mich!«

Sie traten in den Hof und stiegen in das vierte Stockwerk. Je höher sie
die Treppe hinaufstiegen, um so dunkler wurde es. Es war fast elf Uhr,
und obwohl es um diese Jahreszeit in Petersburg keine Nacht gibt, war es
doch sehr dunkel oben auf der Treppe.

Eine kleine verräucherte Tür am Ende der Treppe war geöffnet. Ein
Lichtstumpf beleuchtete ein sehr ärmliches, etwa zehn Schritte langes
Zimmer; vom Flur aus konnte man es vollständig übersehen. Alles lag
verstreut und in Unordnung umher, besonders zerlumpte Kinderkleider. Vor
den hintersten Winkel war ein verlöchertes Bettlaken gezogen. Dort stand
wahrscheinlich das Bett. Im Zimmer waren im ganzen zwei Stühle und ein
sehr abgerissenes mit Wachstuch bezogenes Sofa, vor dem ein alter
ungestrichener Küchentisch ohne Decke, aus Fichtenholz, stand. Auf einer
Ecke des Tisches brannte in einem eisernen Leuchter der Lichtstumpf. Es
erwies sich, daß Marmeladoff nicht in dem Winkel schlief, sondern in
einem Zimmer für sich war, das aber ein Durchgangszimmer war. Die Tür zu
den andern Räumen oder vielmehr Käfigen, in die die Wohnung von Amalie
Lippewechsel eingeteilt war, stand offen. Dort ging es geräuschvoll und
laut zu. Man hörte Lachen. Wie es schien, spielte man dort Karten und
trank Tee. Hin und wieder ertönten höchst ungesellschaftliche Reden.

Raskolnikoff erkannte Katerina Iwanowna sofort. Sie war eine furchtbar
abgemagerte Frau, von ziemlich hohem Wuchse, und schlank, mit noch
schönem, dunkelblondem Haar; auf den Wangen waren die roten Flecke zu
sehen. Sie wanderte in dem kleinen Zimmer auf und ab, die Hände an die
Brust gepreßt, mit vertrockneten Lippen, und atmete stoßweise und
unregelmäßig. Ihre Augen glänzten wie im Fieber, der Blick aber war
scharf und unbeweglich, und dieses schwindsüchtige und erregte Gesicht
machte einen schmerzlichen Eindruck bei der Beleuchtung des sterbenden
Lichtes, das auf dem Gesichte zitterte. Sie schien Raskolnikoff etwa
dreißig Jahre alt zu sein und in der Tat zu Marmeladoff nicht zu passen
... Die Eintretenden hatte sie nicht gehört und nicht bemerkt; ihre
Gedanken schienen abwesend zu sein, sie hörte und sah nichts. Im Zimmer
war es dumpf, das Fenster war verschlossen; von der Treppe her kam ein
mörderlicher Gestank, und die Tür zur Treppe war offen, aus den inneren
Räumen drangen durch die geöffnete Tür Wolken von Tabakrauch, -- sie
hustete, schloß aber die Tür nicht zu. Das kleinste Mädchen im Alter von
sechs Jahren etwa, saß zusammengekauert auf der Diele und schlief mit
dem Gesicht ans Sofa gelehnt. Der Knabe, ein Jahr älter, stand in einem
Winkel, am ganzen Körper zitternd, und weinte. Er hatte wahrscheinlich
soeben Schläge bekommen. Das älteste Mädchen, von neun Jahren, hoch und
dünn, wie ein Streichholz, stand in einem schlechten und völlig
zerrissenen Hemdchen und in einem alten wattierten Mantel, der um die
nackten Schultern geworfen und wahrscheinlich vor zwei Jahren gemacht
war, da er ihr jetzt kaum bis zu den Knien reichte, in dem Winkel neben
dem kleinen Bruder und hielt seinen Hals mit ihrem langen, dünnen Arm
umschlungen. Sie schien ihn zu trösten, flüsterte ihm etwas zu und hielt
ihn in jeder Weise zurück, damit er ja nicht weine, und gleichzeitig
beobachtete sie voll Angst die Mutter mit ihren übergroßen, dunklen
Augen, die in dem abgemagerten und erschrockenen Gesichtchen noch größer
erschienen. Marmeladoff kniete, ohne das Zimmer zu betreten, an der Tür
nieder und schob Raskolnikoff vor sich her. Als die Frau einen Fremden
erblickte, blieb sie zerstreut vor ihm stehen, kam auf einen Augenblick
zu sich und schien nachzudenken, warum er eingetreten sei. Aber sie
meinte wohl, daß er in die andern Räume wollte, da der ihrige nur ein
Durchgangszimmer war. Nachdem sie sich's so überlegt hatte, ging sie,
ohne ihn weiter zu beachten, zu der Flurtür, um sie zu schließen. Da
schrie sie plötzlich auf, als sie auf der Schwelle ihren knienden Mann
erblickte.

»Oh!« -- rief sie in blinder Wut. -- »Du bist zurückgekehrt! Du
Zuchthäusler! Du Unmensch! ... Wo ist das Geld? Was hast du in der
Tasche, zeige mir's! Und die Kleider sind nicht dieselben! Wo ist deine
Uniform? Wo ist das Geld? Sprich! ...«

Und sie stürzte sich auf ihn, um ihn zu durchsuchen. Marmeladoff
streckte gehorsam und unterwürfig die Arme nach beiden Seiten aus, um
ihr die Durchsuchung der Taschen zu erleichtern. Vom Gelde war keine
Kopeke mehr da.

»Wo ist das Geld?« -- schrie sie. -- »Oh, Gott, er wird doch nicht alles
vertrunken haben! Es waren doch zwölf Rubel in dem Kasten! ...«

Plötzlich packte sie ihn in rasender Wut an den Haaren und zerrte ihn in
das Zimmer hinein. Marmeladoff erleichterte ihr die Mühe, indem er auf
den Knien demütig hinter ihr herkroch.

»Das ist mir ein Genuß! Das ist für mich kein Schmerz, sondern ein
Ge--nuß, mein Herr!« -- rief er aus, während er an den Haaren gezerrt
wurde und sogar einmal mit der Stirn gegen den Boden schlug.

Das Kind, das auf der Diele schlief, wachte auf und begann zu weinen.
Der Knabe im Winkel fuhr zusammen, erschauerte, schrie auf und stürzte
in furchtbarem Schreck, wie in einem Anfalle, zu der Schwester hin. Das
älteste Mädchen bebte an allen Gliedern, wie ein Blatt unter einem
Windstoß.

»Du hast das Geld vertrunken! Hast alles, alles vertrunken!« -- schrie
die arme Frau in Verzweiflung. -- »Und die Kleider sind nicht dieselben.
Die da sind hungrig, hungrig!« -- (und händeringend zeigte sie auf die
Kinder) -- »Oh, verfluchtes Leben! Und Sie ... schämen Sie sich nicht«
-- mit diesen Worten stürzte sie sich unversehens auf Raskolnikoff. --
»Sie da aus der Schenke! Du hast mit ihm getrunken? Hast mit ihm
getrunken! Hinaus!« Der junge Mann schritt eilends hinaus, ohne ein Wort
zu sagen. Die Türe zu den anderen Zimmern wurde sperrweit geöffnet, und
einige Neugierige schauten herein. Dreiste, lachende Gesichter mit
Zigaretten und Pfeifen im Munde, mit Mützen auf dem Kopfe zeigten sich.
Man sah Gestalten in Schlafröcken und mit völlig nackter Brust, in
leichter Bekleidung, die an Unanständigkeit grenzte, manche mit Karten
in den Händen. Sie amüsierten sich vortrefflich und lachten, als
Marmeladoff an den Haaren gezerrt ausrief, daß dies ihm ein Genuß sei.
-- Man drängte sich sogar in das Zimmer; plötzlich erscholl ein wütendes
Gekreische, -- Amalie Lippewechsel war herbeigeeilt, um selbst auf ihre
Weise Ordnung zu schaffen und zum hundertsten Mal die arme Frau durch
den zornigen Befehl, morgen schon die Wohnung zu räumen, zu erschrecken.
Beim Fortgehen gelang es Raskolnikoff die Hand in die Tasche zu stecken,
soviel von dem Kupfergelde, das man ihm in der Schenke auf den Rubel
herausgegeben hatte, hervorzuholen, als er erfassen konnte, und es
unbemerkt auf das Fensterbrett zu legen. Auf der Treppe besann er sich
und wollte umkehren. »Was habe ich für eine Dummheit gemacht?« dachte
er. »Sie haben ja Ssonja und ich brauche es doch selbst.«

Nachdem er aber eingesehen hatte, daß es unmöglich war, das Geld
zurückzunehmen, und daß er es sowieso nicht zurückgenommen hätte, machte
er eine Bewegung mit der Hand und ging nach Hause.

»Ssonja braucht Pomade,« fuhr er fort, während er auf der Straße ging,
und lächelte bitter. »Diese Sauberkeit kostet Geld ... Hm! Ssonjetschka
kann vielleicht heute Fiasko machen, denn es ist immer ein Risiko -- die
Jagd auf dieses Wild ... wie das Graben nach Gold ... da würden sie dann
alle ohne mein Geld morgen auf dem Trockenen sitzen ... Ja, die Ssonja!
Welch einen Brunnen haben sie zu finden verstanden! Und sie benutzen
ihn! Sie benutzen ihn trotz allem! Und haben sich daran gewöhnt! Sie
haben geweint und haben sich daran gewöhnt. An alles gewöhnt sich der
Schuft -- der Mensch!«

Er verfiel in Nachdenken.

»Wenn ich aber gelogen habe,« rief er plötzlich unwillkürlich aus. »Wenn
der Mensch tatsächlich _kein Schuft_ ist, das ganze Geschlecht
überhaupt, das heißt das menschliche Geschlecht es nicht ist, so
bedeutet das, daß alles Vorurteil ist, bloß eingebildeter Schrecken, und
es gibt also keine Hindernisse und so muß es auch sein! ...«


                                  III.

Er erwachte am anderen Tage spät nach einem unruhigen Schlafe; der
Schlaf hatte ihn nicht gestärkt. Er erwachte griesgrämig, gereizt und
böse, und blickte voll Haß seine Kammer an. Es war ein winziger Raum,
sechs Schritt lang, und machte mit seiner gelblichen, staubigen und
überall an den Wänden losgelösten Tapete einen kläglichen Eindruck; das
Zimmer war so niedrig, daß es einem einigermaßen großen Manne bange
wurde, und immer schien es, als könnte man jeden Augenblick mit dem Kopf
an die Decke stoßen. Die Möbel entsprachen dem Raume, -- es waren drei
alte Stühle da, in nicht ganz brauchbarem Zustande, in einer Ecke stand
ein gestrichener Tisch, auf dem ein paar Hefte und Bücher lagen; schon
aus dem Umstande, wie verstaubt sie waren, konnte man schließen, daß sie
lange nicht berührt worden waren. Außerdem stand in dem Zimmer noch ein
plumpes, großes Sofa, das fast die ganze Wand und die Hälfte des Zimmers
einnahm, einst war es mit Kattun bezogen, jetzt war es zerfetzt; es
diente Raskolnikoff als Bett. Er schlief darauf oftmals so, wie er ging
und stand, ohne sich auszuziehen, ohne Laken, bedeckt mit einem alten,
abgerissenen Studentenmantel, unter dem Kopfe ein kleines Kissen,
worunter er alles, was er an Wäsche, reiner und getragener, besaß,
stopfte, um die Kopfstelle höher zu machen. Vor dem Sofa stand ein
kleines Tischchen. Es hielt schwer, noch verkommener und zerlumpter zu
sein, Raskolnikoff aber war das in seiner jetzigen Gemütsverfassung
gerade angenehm. Er hatte sich, wie eine Schildkröte in ihrer Behausung,
von allen völlig zurückgezogen; und das Gesicht des Mädchens, das
verpflichtet war, ihn zu bedienen und das zuweilen in sein Zimmer einen
Blick warf, reizte schon seine Galle und verursachte ihm Krämpfe. Das
kommt bei manchen Leuten vor, die von einer Manie befallen sind, und die
sich auf etwas besonders stark konzentriert haben. Seine Wirtin hatte
seit zwei Wochen schon aufgehört, ihm Essen zu geben und er hatte noch
nicht gedacht, zu ihr zu gehen, um sich mit ihr auseinanderzusetzen,
obwohl er ohne Mittag saß. Nastasja, die Köchin und das einzige Mädchen
der Wirtin, war über die Stimmung des Mieters zum Teil froh und hatte
aufgehört, sein Zimmer aufzuräumen und auszukehren; ab und zu jedoch,
vielleicht einmal in der Woche, ergriff sie, wie zufällig, den Besen.
Sie hatte ihn jetzt geweckt.

»Steh auf, was schläfst du!« rief sie ihm zu. »Es ist schon zehn Uhr.
Ich habe dir Tee gebracht. Willst du Tee? Bist wahrscheinlich schon ganz
abgemagert?«

Der junge Mann öffnete die Augen, zuckte zusammen und erkannte Nastasja.

»Ist der Tee von der Wirtin?« fragte er und erhob sich langsam und mit
schmerzlicher Miene vom Sofa.

»Was dir einfällt, -- von der Wirtin!«

Sie stellte ihre eigene gesprungene Teekanne mit altem aufgebrühtem Tee
vor ihm hin und legte zwei Stück gelben Zucker daneben.

»Nimm das, bitte, Nastasja,« sagte er, indem er in der Tasche suchte --
(er hatte angekleidet geschlafen) -- und eine Handvoll Kupfermünzen
hervorholte. »Gehe und kaufe mir Weißbrot. Hole auch ein wenig Wurst aus
dem Laden, aber billige ...«

»Weißbrot will ich dir sofort bringen, willst du aber nicht anstatt
Wurst etwas Kohlsuppe haben? Die Kohlsuppe ist gut, sie ist von gestern.
Ich hatte gestern für dich etwas aufbewahrt, aber du kamst erst so spät.
Es ist eine gute Kohlsuppe.«

Nachdem sie die Kohlsuppe gebracht hatte, setzte sich Nastasja neben ihm
auf dem Sofa hin und begann, während er aß, zu plaudern. Sie war vom
Lande und ein sehr geschwätziges Frauenzimmer.

»Praskovja Pawlowna will dich bei der Polizei verklagen,« sagte sie.

Er verzog das Gesicht.

»Bei der Polizei? Was will sie denn?«

»Du zahlst nicht und räumst das Zimmer nicht. Es ist begreiflich, was
sie will.«

»Zum Teufel, das fehlte noch,« murmelte er und knirschte mit den Zähnen.
»Nein, das kommt mir jetzt ... sehr ungelegen ... Sie ist dumm,« fügte
er laut hinzu. »Ich will heute noch zu ihr gehen und mit ihr sprechen.«

»Sie ist dumm, ebenso wie ich; aber du, Kluger, was liegst du da, wie
ein Sack, nichts hat man von dir. Früher, sagst du, hast du Kinder
unterrichtet, warum machst du aber jetzt nichts?«

»Ich mache ...« antwortete Raskolnikoff unwillig und finster.

»Was machst du denn?«

»Ich arbeite ...«

»Was arbeitest du denn?«

»Ich denke,« antwortete er nach einem Schweigen finster.

Nastasja schüttelte sich vor Lachen. Sie war von den Lachlustigen, und
wenn man sie zum Lachen reizte, lachte sie lautlos, aber am ganzen
Körper bebend und sich schüttelnd, bis sie nicht mehr konnte.

»Hast du viel Geld mit dem Denken verdient?« brachte sie endlich hervor.

»Ohne Stiefel kann man doch nicht unterrichten. Und übrigens pfeife ich
auf alles.«

»Sei nicht zu stolz.«

»Den Unterricht bezahlt man in Kupfer. Was soll man mit ein paar Kopeken
anfangen?« fuhr er unwillig fort, als antworte er den eigenen Gedanken.

»Du möchtest wohl ein ganzes Kapital auf einmal haben?«

Er blickte sie sonderbar an.

»Ja, ein ganzes Kapital,« antwortete er nach einem Schweigen
entschlossen.

»Fang mit kleinem an; du erschreckst einen ja. Soll ich dir jetzt
Weißbrot holen oder nicht?«

»Wie du willst!«

»Ach, ich vergaß; gestern ist für dich ein Brief angekommen.«

»Ein Brief! Für mich! Von wem?«

»Von wem er ist -- das weiß ich nicht. Ich habe dem Briefträger drei
Kopeken aus meiner eigenen Tasche gegeben. Gibst du sie mir wieder?«

»Bring doch den Brief, um Gottes Willen, bring ihn gleich!« rief
Raskolnikoff ganz erregt. »Oh, Gott!«

Nach einer Minute kam der Brief. »Wirklich! Er ist von der Mutter, aus
dem R.schen Gouvernement.« Er erbleichte sogar, als er ihn nahm. Lange
schon hatte er keine Briefe erhalten, und jetzt bedrückte noch etwas
anderes sein Herz.

»Nastasja, geh fort, um Gotteswillen. Da hast du deine drei Kopeken, geh
nur schnell fort, um Gotteswillen.«

Der Brief zitterte in seinen Händen; er wollte ihn nicht in ihrer
Anwesenheit öffnen, er wollte mit dem Briefe _allein_ sein. Als Nastasja
gegangen war, führte er schnell den Brief an seine Lippen und küßte ihn;
dann blickte er lange die Schrift auf dem Kuvert an, die bekannte und
liebe, feine und schräge Schrift seiner Mutter, die ihn einst lesen und
schreiben gelehrt hatte. Er zögerte, den Brief zu öffnen, schien sich
sogar vor etwas zu fürchten. Endlich öffnete er den Brief, einen langen,
gewichtigen Brief; zwei große Briefbogen waren dicht beschrieben.

»Mein lieber Rodja,« schrieb die Mutter, »es ist über zwei Monate her,
seit ich mit dir brieflich gesprochen habe; darunter habe ich selbst
gelitten, und manche Nacht haben mich die Gedanken nicht schlafen
lassen. Aber du wirst mich sicher nicht verurteilen wegen meines
ungewollten Schweigens. Du weißt, wie ich dich liebe; du bist unser
Einziges, mir und Dunja, du bist unser alles, unsere ganze Hoffnung,
unser Trost. Ach, wenn du wüßtest, wie mir war, als ich erfuhr, daß du
die Universität schon einige Monate verlassen hast, weil es dir an
Mitteln mangelte, und daß das Stundengeben und deine anderen Arbeiten
ein Ende genommen haben. Und wie hätte ich dir mit meiner Pension von
hundertzwanzig Rubel jährlich helfen können? Die fünfzehn Rubel, die ich
vor vier Monaten schickte, hatte ich, wie du auch weißt, von unserem
hiesigen Kaufmann Wassilij Iwanowitsch Wachruschin auf die Pension hin
geliehen. Er ist ein guter Mensch und war ein Freund deines Vaters. Aber
da ich ihm das Recht, die Pension für mich zu empfangen, gegeben hatte,
mußte ich warten, bis die Schuld abgetragen war, und das ist soeben erst
geschehen, so daß ich die ganze Zeit dir nichts schicken konnte. Jetzt
aber, Gott sei Dank, denke ich, dir wieder etwas schicken zu können, und
überhaupt wir können jetzt sogar von einem Glück sprechen, und das
beeile ich mich, dir mitzuteilen. Zuerst also kannst du es dir
vorstellen, lieber Rodja, daß deine Schwester bereits anderthalb Monate
bei mir lebt, und daß wir uns nie mehr, in aller Zukunft nicht, trennen
werden. Gott sei Dank, ihre Qualen haben ein Ende gefunden, aber ich
will dir alles der Reihe nach erzählen, damit du erfährst, wie alles war
und was wir bis jetzt vor dir verheimlichten. Als du mir vor zwei
Monaten schriebst, du hättest von irgend jemand gehört, daß Dunja stark
unter der Grobheit im Hause der Herrschaften Sswidrigailoff zu leiden
habe, und von mir genaue Aufklärung verlangtest, -- was hätte ich dir
damals antworten können? Wenn ich dir die ganze Wahrheit mitgeteilt
hätte, so hättest du wahrscheinlich alles liegen lassen, wärest, und sei
es zu Fuß, zu uns gekommen, denn ich kenne deinen Charakter und deine
Gefühle, du hättest nicht geduldet, daß deine Schwester beleidigt wird.
Ich war ganz verzweifelt, aber was sollte ich tun? Und wußte damals
selber nicht die ganze Wahrheit. Das Haupthindernis bestand darin, daß
Dunetschka, bei ihrem Eintritt in das Haus als Gouvernante im vorigen
Jahre volle hundert Rubel voraus erhalten hatte, unter der Bedingung,
die Summe monatlich von ihrem Gehalte abzuzahlen, und so konnte sie die
Stelle nicht eher aufgeben, als die Schuld getilgt war. Diese Summe aber
(jetzt kann ich dir alles erklären, teurer Rodja) hatte sie eigentlich
deshalb genommen, um dir die sechzig Rubel zu schicken, die du damals
nötig brauchtest, und die du auch im vorigen Jahre von uns erhalten
hast. Wir haben dich damals getäuscht; wir schrieben dir, es sei von dem
Gelde, das Dunetschka sich früher erspart habe, aber es verhielt sich
nicht so, jetzt erst teile ich dir die volle Wahrheit mit, weil sich
alles jetzt plötzlich nach Gottes Willen zum besten gewendet hat, und
damit du weißt, wie Dunja dich liebt und welch unschätzbares Herz sie
hat. Herr Sswidrigailoff behandelte sie zuerst sehr grob und erlaubte
sich ihr gegenüber allerhand Unhöflichkeiten und Spöttereien bei Tisch
... Aber ich will all diese trüben Einzelheiten nicht aufzählen, und
dich nicht unnütz aufregen, da alles nun ein Ende hat. Kurz, trotz der
guten und anständigen Behandlung seitens Marfa Petrownas, der Gemahlin
des Herrn Sswidrigailoff, und aller Hausgenossen, hatte es Dunetschka
sehr schwer, besonders wenn Herr Sswidrigailoff nach alter
Regimentsgewohnheit unter dem Einflusse des Bacchus stand. Aber was
geschah später? Stelle dir vor, dieser Wahnwitzige hatte schon seit
langem eine Leidenschaft für Dunja gefaßt, aber er verbarg sie immer
unter dem Scheine eines groben und hochfahrenden Wesens ihr gegenüber.
Vielleicht schämte er sich auch und war unmutig auf sich selbst, daß er,
als älterer Mann und Familienvater, sich solchen leichtfertigen Wünschen
hingab und war darum auf Dunja unwillkürlich böse. Vielleicht wollte er
auch durch seine Grobheit und durch seinen Spott die Wahrheit vor
anderen verbergen. Schließlich aber hielt er es nicht mehr aus und wagte
Dunja offen einen gemeinen Antrag zu machen und versprach ihr hohe
Belohnung. Alles wollte er sogar im Stiche lassen und mit ihr auf ein
anderes Gut oder ins Ausland reisen. Du kannst dir ihre Leiden
vorstellen! Sofort ihre Stellung aufgeben, konnte sie nicht, -- nicht
bloß wegen der Schuld, sondern auch um Marfa Petrowna zu schonen, die
dadurch Verdacht fassen mußte; damit wäre der Zwist in die Ehe gekommen.
Ja, auch für Dunetschka hätte es einen großen Skandal gegeben; so ganz
ohne Aufsehen wäre die Sache nicht vorübergegangen. Es gab noch manche
andere Gründe, so daß Dunja, noch vor sechs Wochen, in keinem Falle
rechnen konnte, aus diesem schrecklichen Hause fortzukommen. Du kennst
ja Dunja, weißt, wie klug sie ist, und welch festen Charakter sie
besitzt. Dunetschka kann vieles ertragen, und im alleräußersten Falle
findet sie immer noch so viel Stärke in sich, daß sie ihre Festigkeit
bewahrt. Sie hat nicht mal mir über alles berichtet, um mich nicht
aufzuregen, wir haben aber sonst einander oft geschrieben. Es kam jedoch
eine unerwartete Lösung. Marfa Petrowna hörte zufällig, wie ihr Mann
Dunetschka im Garten anflehte, und da sie alles falsch aufgefaßt hatte,
gab sie Dunetschka die Schuld, in der Meinung, sie habe es eingefädelt.
Es spielte sich im Garten zwischen ihnen eine fürchterliche Szene ab, --
Marfa Petrowna hat sogar Dunetschka geschlagen, wollte nichts hören,
schrie aber selbst stundenlang fort und befahl schließlich, Dunja sofort
zu mir in die Stadt zu bringen, -- auf einem gewöhnlichen Bauernwagen,
in den man alle ihre Sachen, -- Wäsche, Kleider, alles, wie man es
vorfand, ohne es zusammenzulegen und ohne einzupacken, hineinwarf. Bei
strömendem Regen mit Schande und Schmach bedeckt, mußte Dunja siebzehn
Werst weit im offenen Bauernwagen fahren. Nun überlege, was hätte ich
dir, als Antwort auf deinen Brief vor zwei Monaten schreiben sollen? Ich
war verzweifelt; die Wahrheit durfte ich dir nicht mitteilen, denn du
wärest unglücklich, zornig und empört geworden, ja und was hättest du
tun können? Vielleicht hättest du dich ins Verderben gestürzt. Und
Dunetschka hatte es mir verboten. Den Brief aber mit Lappalien
ausfüllen, während im Herzen solcher Kummer gräbt, habe ich nicht
gekonnt. Einen Monat lang gingen in der ganzen Stadt allerhand
Klatschereien über diese Geschichte herum, und es war so weit gekommen,
daß ich mit Dunja vor verächtlichen Blicken und hämischem Flüstern nicht
mal in die Kirche gehen konnte, selbst in unserer Gegenwart wurde laut
darüber gesprochen. Alle Bekannten hatten sich von uns abgewandt, alle
hatten aufgehört, uns zu grüßen, und ich erfuhr mit Bestimmtheit, daß
die Kommis und einige Schreiber die Absicht hatten, uns eine
niederträchtige Beleidigung anzutun, indem sie das Tor unseres Hauses
mit Teer beschmieren wollten, so daß unsere Wirtsleute verlangten, wir
möchten die Wohnung räumen. Das alles war das Werk von Marfa Petrowna;
es war ihr gelungen, Dunja in allen Häusern zu beschuldigen und schlecht
zu machen. Sie ist ja hier mit allen bekannt, und in diesem Monat kam
sie fortwährend in die Stadt, und da sie ziemlich geschwätzig ist und
über ihre Familienangelegenheiten zu erzählen liebt, besonders aber bei
jedem und allen über ihren Mann klagt, was doch sehr häßlich ist, so
hatte sich die ganze Geschichte in kurzer Zeit nicht bloß in der Stadt,
sondern auch im Kreise verbreitet. Mich griff's hart an, Dunetschka aber
war stärker, hättest du doch sehen können, wie sie alles ertrug, wie sie
mich tröstete und mir Mut zusprach! Sie ist ein Engel! Aber dank der
Barmherzigkeit Gottes nahmen unsere Qualen ein Ende, Herr Sswidrigailoff
kam zur Besinnung, bereute alles, und wahrscheinlich aus Mitleid mit
Dunja legte er Marfa Petrowna volle und klare Beweise der völligen
Unschuld von Dunetschka vor, und zwar, -- einen Brief, den Dunja noch
bevor Marfa Petrowna sie im Garten überraschte, ihm zu schreiben und zu
übersenden sich gezwungen sah, um persönliche Erklärungen und das
Verlangen geheimer Zusammenkünfte abzulehnen; dieser Brief war nach der
Abreise von Dunetschka in den Händen des Herrn Sswidrigailoff geblieben.
In diesem Briefe hatte sie ihn in eindringlichster Weise und mit voller
Entrüstung gerade wegen seines ehrlosen Benehmens Marfa Petrowna
gegenüber getadelt, ihm vorgehalten, daß er Vater und Gatte sei, und ihm
schließlich zu verstehen gegeben, wie niedrig es von ihm sei, ein
wehrloses und ohnedem schon unglückliches Mädchen zu quälen und noch
unglücklicher zu machen. Mit einem Worte, lieber Rodja, dieser Brief ist
so edel und rührend geschrieben, daß ich schluchzend ihn las und ihn
jetzt noch nur unter Tränen lesen kann. Außerdem kamen zur
Rechtfertigung Dunjas die Aussagen der Dienstboten hinzu, die wie
gewöhnlich viel mehr gesehen und gehört hatten, als Herr Sswidrigailoff
ahnte. Marfa Petrowna war außergewöhnlich bestürzt und >von neuem
zerschmettert,< wie sie uns selbst gestand, aber völlig von der
Schuldlosigkeit Dunetschkas überzeugt; am anderen Tage noch, einem
Sonntage, fuhr sie direkt in die Kirche und flehte zur Mutter Gottes
kniefällig und mit Tränen, ihr die Kraft zu geben, diese neue Prüfung zu
überstehen und ihre Pflicht zu erfüllen. Aus der Kirche kam sie zu uns,
ohne jemand anderen zu besuchen, erzählte uns alles, weinte bitter und
umarmte Dunja voller Reue und bat inständig um ihre Verzeihung. Am
selben Morgen noch ging sie gleich von uns in alle Häuser der Stadt, und
überall erzählte sie unter Tränen und in für Dunetschka
schmeichelhaftesten Ausdrücken von Dunjas Unschuld und ihrem edlen Gemüt
und Benehmen. Und nicht genug damit, sie zeigte allen den eigenhändigen
Brief Dunetschkas an Sswidrigailoff, las ihn laut vor und erlaubte sogar
Abschriften von dem Briefe zu nehmen, -- was mir wirklich zu viel
scheint. In dieser Weise mußte sie einige Tage nacheinander alles in der
Stadt besuchen, weil mancher sich gekränkt fühlte, daß anderen der
Vorzug erwiesen war; es wurde also eine Reihenfolge bestimmt, so daß man
sie in jedem Hause zu einer festgesetzten Zeit erwartete, und alle
wußten, daß an dem und dem Tage Marfa Petrowna dort und dort den Brief
vorlesen würde, und zu jedem Vorlesen kamen Leute, auch solche, die den
Brief schon ein paarmal, sowohl in ihrem eigenen Hause, als auch bei
Bekannten, gehört hatten. Meiner Meinung nach war hierbei vieles, sehr
vieles überflüssig, aber Marfa Petrowna hat nun mal so einen Charakter.
Sie hat wenigstens die Ehre von Dunetschka vollkommen wiederhergestellt
und was an dieser Sache prekär, fiel wie eine untilgbare Schande ihrem
Mann, als dem allein Schuldigen zu Lasten, so daß er mir doch zuletzt
leid tat; man ist zu streng mit diesem Wahnwitzigen umgegangen. Dunja
wurde sofort aufgefordert, in einigen Häusern Unterricht zu geben,
allein sie schlug es ab. Überhaupt begannen alle mit einem Male ihr eine
besondere Achtung zu zeigen. Dies alles half hauptsächlich ein Ereignis
herbeiführen, durch das sich, man kann wohl sagen, jetzt unser ganzes
Schicksal ändert. Du sollst wissen, lieber Rodja, daß Dunja einen Antrag
von einem Herrn erhalten hat und daß sie ihre Einwilligung bereits
gegeben hat, was ich dir eilends hierdurch mitteile. Obwohl die Sache
sich auch ohne deinen Ratschlag entschieden hat, wirst du wahrscheinlich
weder über mich noch über deine Schwester ungehalten sein; du wirst
selbst aus dem Verlauf der Angelegenheit ersehen, daß wir unmöglich
warten und die Antwort bis zu dem Empfang deines Briefes hinausschieben
konnten. Ja, und du hättest auch nur an Ort und Stelle alles genau
beurteilen können. Es ging also folgendermaßen vor sich: Er ist schon
Hofrat, heißt Peter Petrowitsch Luschin und ist ein weitläufiger
Verwandter von Marfa Petrowna, die diese Angelegenheit sehr gefördert
hat. Er begann damit, daß er durch Marfa Petrowna den Wunsch äußern
ließ, mit uns bekannt zu werden; er wurde, wie es sich ziemt, empfangen,
trank bei uns Kaffee, und am nächsten Tage schickte er einen Brief, in
dem er sehr höflich seinen Antrag machte und um eine baldige und
bestimmte Antwort bat. Er ist ein arbeitsamer und vielbeschäftigter Mann
und will jetzt schleunigst nach Petersburg reisen, so daß für ihn jeder
Augenblick kostbar ist. Selbstverständlich waren wir zuerst sehr
überrascht, da dies schnell und unerwartet gekommen war. Wir erwogen und
überlegten den ganzen Tag miteinander. Er ist ein zuverlässiger Mann, in
gesicherten Verhältnissen, nimmt zwei Stellungen ein und besitzt schon
eigenes Vermögen. Gewiß, er ist schon fünfundvierzig Jahre alt, hat aber
ein ganz angenehmes Äußere und kann noch Frauen gefallen; ja, er ist
überhaupt ein sehr solider und anständiger Mann, bloß ein wenig düster
und anscheinend hochmütig. Aber vielleicht scheint es bloß so beim
ersten Anblick. Ja, und ich gebe dir den guten Rat, lieber Rodja, wenn
du ihn in Petersburg sehen wirst, was sehr bald geschehen kann, urteile
nicht zu schnell und hitzig, wie es dir eigen ist, wenn bei der ersten
Begegnung dir etwas an ihm nicht so gut gefallen will. Ich sage das bloß
für alle Fälle, denn ich bin überzeugt, daß er auf dich einen angenehmen
Eindruck machen wird. Zudem, um einen fremden Menschen einzuschätzen,
muß man sich ihm allmählich und vorsichtig nähern, damit man keinen
Fehler begeht und keine Voreingenommenheit faßt, die später sehr schwer
zu berichtigen und zu beseitigen ist. Peter Petrowitsch ist, wenigstens
nach vielen Anzeichen, ein sehr ehrenwerter Mann. Bei seinem ersten
Besuche schon erklärte er, daß er ein resoluter Mann sei, aber daß er in
vielem >die Überzeugungen der jüngeren Generation< -- wie er sich
ausdrückte -- teile, und ein Feind von allen Vorurteilen sei. Er sprach
noch über vieles, denn er scheint ein wenig eingebildet zu sein und es
zu lieben, daß man ihm zuhöre, aber das ist ja kein Fehler. Ich habe
natürlich wenig davon begriffen, aber Dunja versicherte mir, daß er
keine sehr große Bildung besitze, aber ein kluger und wie es scheint,
auch guter Mensch sei. Du kennst den Charakter deiner Schwester Rodja.
Sie ist ein starkes, vernünftiges, geduldiges und großmütiges Mädchen,
freilich auch feurigen Herzens, so wie ich sie kenne. Gewiß ist weder
auf ihrer, noch auf seiner Seite eine besondere Liebe vorhanden, aber
Dunja ist nicht allein ein kluges Mädchen, sondern gleichzeitig auch ein
edles Wesen, ein Engel, und wird es sich zur Aufgabe stellen, das Glück
des Mannes auszumachen, der seinerseits für ihr Glück Sorge tragen wird;
daran aber zu zweifeln haben wir vorläufig keine Ursache, obwohl --
offen gestanden -- die Sache mir ein wenig zu schnell zustande kam.
Außerdem ist er ein berechnender Mann, der sicher einsehen wird, daß
sein eigenes Glück in der Ehe um so fester begründet ist, je glücklicher
er Dunetschka macht. Was aber irgendwelche Unebenheiten des Charakters,
irgendwelche alte Gewohnheiten und sogar ein gewisses Auseinandergehen
in den Anschauungen anbetrifft -- (und das ist auch in den glücklichsten
Ehen nicht zu vermeiden) -- so sagte mir Dunetschka, daß sie in dieser
Hinsicht auf sich vertraut, daß es keinen Grund gibt, darüber beunruhigt
zu sein und daß sie vieles ertragen kann, wenn nur gegenseitige
Ehrlichkeit und Gerechtigkeit herrscht. Mir schien er zum Beispiel
zuerst etwas hart, aber das kann auch von seiner Offenherzigkeit kommen
und so wird es wohl auch sein. Bei seinem zweiten Besuche, als er das
Jawort hatte, äußerte er im Gespräch, daß er schon früher, ehe er Dunja
kennengelernt habe, beschlossen habe, ein ehrliches, aber armes Mädchen
zu heiraten und unbedingt eines, das die Armut schon gekostet habe, denn
ein Mann solle nach seiner Meinung seiner Frau durch nichts verpflichtet
sein, sondern das sei das richtige, daß die Frau den Mann als ihren
Wohltäter betrachte. Ich will hinzufügen, daß er sich ein wenig weicher
und zarter ausdrückte, als ich es schreibe, denn ich habe den richtigen
Wortlaut vergessen, erinnere mich bloß des Sinnes, und zudem hatte er
das keineswegs mit Absicht gesagt, sondern hatte sich offenbar in Eifer
gesprochen, darum versuchte er später, es abzuschwächen und zu mildern.
Dennoch erschien es mir ein wenig zu scharf, und ich sprach darüber
nachher mit Dunja. Sie aber antwortete mir sogar, daß >Worte noch keine
Taten sind,< und das ist auch wahr. Ehe Dunja sich zu diesem Schritt
entschloß, verbrachte sie eine schlaflose Nacht, und in der Meinung, daß
ich schliefe, stand sie auf und ging die ganze Nacht im Zimmer auf und
ab; schließlich ließ sie sich auf die Knie nieder und betete lange und
inbrünstig vor der Mutter Gottes, und am andern Morgen erklärte sie mir,
sie hätte sich entschieden.

Ich habe schon erwähnt, daß Peter Petrowitsch sich jetzt nach Petersburg
begibt. Er hat dort große Geschäfte vor, will in Petersburg ein
öffentliches Bureau als Advokat eröffnen. Er beschäftigt sich seit
langem schon mit Vertretung von allerhand Zivilklagen und Prozessen, und
hat vor kurzem einen bedeutenden Prozeß gewonnen. Nach Petersburg muß er
auch deswegen reisen, weil er dort im Senate eine bedeutende Sache zu
vertreten hat. So kann er auch dir, lieber Rodja, sehr nützlich sein, ja
in jeder Hinsicht, und wir -- ich und Dunja -- meinen nun, daß mit dem
heutigen Tage deine künftige Karriere mit Sicherheit beginnt und daß
dein Schicksal klar vor Augen liegt. Oh, wenn es sich schon verwirklicht
hätte! Das wäre so ein Glück, daß man es nicht anders, als eine
unmittelbare Gnadenspende des Allmächtigen an uns betrachten müßte. Das
ist Dunjas Traum. Wir haben schon gewagt, ein paar Worte in dieser
Hinsicht Peter Petrowitsch zu sagen. Er äußerte sich vorsichtig und
meinte, daß er gewiß ohne einen Sekretär nicht auskommen könne, und da
sei es selbstverständlich besser, das Gehalt dafür einem Verwandten als
einem Fremden zu zahlen, wenn er sich bloß für den Posten eigne, -- (du
solltest dich dazu nicht eignen!) -- gleichzeitig aber zweifelte er, daß
das Universitätsstudium die Zeit für die Arbeiten in seinem Bureau übrig
ließe. Diesmal blieb die Angelegenheit dabei stehen, aber Dunja denkt an
nichts anderes mehr als an diese Aussicht. Sie ist seit einigen Tagen
fieberhaft erregt, und hat sich einen ganzen Plan ausgedacht, daß du
nämlich späterhin Mitarbeiter und sogar Kompagnon von Peter Petrowitsch
in seinen Rechtssachen werden könntest, um so mehr, als du in der
juristischen Fakultät bist. Ich bin mit ihr vollkommen einig, lieber
Rodja, teile alle ihre Pläne und Hoffnungen und halte ihre völlige
Verwirklichung für möglich. Und trotzdem Peter Petrowitsch sich jetzt
zurückhaltend verhält, was sehr erklärlich ist, da er dich noch nicht
kennt, so ist Dunja fest überzeugt, daß sie alles durch ihren guten
Einfluß auf ihren künftigen Mann erreichen wird. Wir haben uns natürlich
in acht genommen, Peter Petrowitsch etwas von unseren Zukunftsträumen
und hauptsächlich davon, daß du sein Kompagnon werden sollst, merken zu
lassen. Er ist ein nüchterner Mann und hätte es vielleicht sehr kalt
aufgenommen, weil er alles für Phantasterei angesehen hätte. Ebensowenig
haben wir, weder ich, noch Dunja, einen Ton über unsere feste Hoffnung
gesprochen, daß er uns helfen soll, dich mit Geld zu unterstützen,
solange du auf der Universität bist; wir haben es deswegen unterlassen,
weil es sich späterhin jedenfalls von selbst ergeben und weil er sicher
ohne viele Worte es uns anbieten wird -- (er wird doch Dunetschka es
nicht abschlagen können!) -- um so mehr, als du seine rechte Hand im
Bureau werden kannst, und diese Unterstützung nicht als eine Wohltat,
sondern als verdientes Gehalt empfangen sollst. Dunetschka will es so
einrichten, und ich bin mit ihr vollkommen einverstanden. Außerdem
unterließen wir es, darüber zu sprechen, weil ich bei eurer
bevorstehenden Begegnung dich auf gleichem Fuße mit ihm stehen sehen
wollte. Wenn Dunja mit ihm voll Entzücken über dich sprach, antwortete
er, daß man jeden Menschen selbst zuerst sehen, und zwar sehr nah sehen
müsse, um über ihn urteilen zu können, und daß er sich das Recht
vorbehalte, seine Meinung über dich zu bilden, erst nachdem er dich
kennengelernt habe. Weißt du was, mein teurer Rodja, mir scheint es aus
gewissen Gründen, -- die übrigens gar nichts mit Peter Petrowitsch zu
tun haben, sondern so meine eigenen gewissen, persönlichen, vielleicht
auch altweibischen Launen sind, -- also mir scheint es, daß ich
vielleicht besser tue, wenn ich nach ihrer Verheiratung allein, so wie
jetzt, und nicht mit ihnen zusammenleben werde. Ich bin völlig
überzeugt, daß er so erkenntlich und zartfühlend sein wird, selber mir
das Angebot zu machen, bei der Tochter zu bleiben und wenn er darüber
bis jetzt nicht gesprochen hat, so kam es selbstverständlich daher, weil
es auch ohne Worte so anzunehmen ist, aber ich will es ablehnen. Ich
habe in meinem Leben mehr als einmal erfahren, daß Schwiegermütter den
Männern nicht besonders genehm sind, und ich möchte niemandem im
geringsten zur Last fallen und möchte auch selbst vollkommen frei sein,
solange ich noch einen Bissen zu essen und solche Kinder, wie dich und
Dunetschka, zu lieben habe. Wenn es mir möglich ist, will ich mich in
der Nähe von euch beiden niederlassen, denn das angenehmste habe ich zum
Schluß des Briefes aufgehoben, Rodja. Erfahre nun, mein lieber Freund,
daß wir alle vielleicht sehr bald wieder zusammen sein und alle drei uns
nach fast dreijähriger Trennung umarmen werden! Es ist schon _bestimmt_
beschlossen, daß ich und Dunja nach Petersburg kommen, wann aber -- das
weiß ich noch nicht, in jedem Falle sehr, sehr bald, vielleicht schon in
einer Woche. Alles hängt von den Anordnungen Peter Petrowitschs ab, der
uns sofort, wenn er sich in Petersburg umgesehen hat, Nachricht geben
will. Er will die Vorbereitungen zur Heirat aus verschiedenen Erwägungen
möglichst beschleunigen, und wenn möglich, die Hochzeit noch vor dem
großen Fasten feiern, sollte es aber infolge der kurzen Frist nicht
ausführbar sein, dann gleich nach den Osterfeiertagen. Oh, mit welch
einem Glück werde ich dich an mein Herz pressen! Dunja ist vor Freude
dich wiederzusehen ganz aufgeregt und sagte einmal im Scherz, daß sie
schon deswegen allein Peter Petrowitsch heiraten würde. Sie ist ein
Engel! Sie schreibt dir nicht, hat mich aber gebeten, dir zu schreiben,
daß sie über so vieles mit dir sprechen müsse, über so vieles, daß ihre
Hand sich jetzt gegen die Feder sträube, denn in ein paar Zeilen könne
man nichts mitteilen, sondern sich nur aufregen. Sie bat mich, dich
innig, innig zu umarmen und dir unzählige Küsse zu senden. Trotzdem wir
uns vielleicht sehr bald sehen werden, will ich dir doch in diesen Tagen
Geld, soviel ich vermag, zuschicken. Jetzt, wo alle wissen, daß
Dunetschka Peter Petrowitsch heiratet, hat sich auch mein Kredit
plötzlich gebessert, und ich weiß bestimmt, daß Afanassi Iwanowitsch mir
jetzt auf Konto der Pension sogar bis zu fünfundsiebzig Rubel zu leihen
bereit ist, so daß ich dir vielleicht fünfundzwanzig oder auch dreißig
Rubel schicken kann. Ich würde noch mehr schicken, aber ich fürchte
unsere Reisekosten. Obwohl Peter Petrowitsch so gut war, einen Teil der
Ausgaben für unsere Reise nach der Residenz zu übernehmen, -- er hat
sich nämlich selbst angeboten, unser Gepäck und einen großen Koffer für
seine Rechnung hinzuschicken (er arrangiert es in irgendeiner Weise
durch Bekannte), müssen wir doch mit der Reise nach Petersburg rechnen
und damit, daß man dort nicht ohne einen Groschen ankommen kann und
wenigstens für die ersten paar Tage das Nötige haben muß. Wir haben
übrigens alles genau überschlagen, und es zeigte sich, daß uns die Reise
nicht zu teuer zu stehn kommt. Von uns bis zur Eisenbahn sind es nur
neunzig Werst, und wir haben für jeden Fall mit einem bekannten Bauern
schon abgeschlossen; die Fortsetzung der Reise aber werden wir, ich und
Dunetschka, glücklich und zufrieden in der dritten Klasse machen. Dann
kriege ich es vielleicht fertig, dir nicht nur fünfundzwanzig, sondern
dreißig Rubel zu schicken. Nun aber genug: zwei Bogen habe ich voll
geschrieben und es ist kein Platz mehr da. Unsere ganze Geschichte habe
ich dir erzählt, -- nun, es hat sich auch ein Haufen Ereignisse
angesammelt. Jetzt, mein teurer Rodja, umarme ich dich bis zu unserem
nahen Wiedersehen und sende dir meinen mütterlichen Segen. Rodja, liebe
deine Schwester Dunja; liebe sie so, wie sie dich liebt, und vergiß
nicht, daß sie dich grenzenlos, mehr als sich selbst, liebt. Sie ist ein
Engel und du Rodja, bist unser alles, unsere ganze Hoffnung und unser
Trost. Sei du bloß glücklich, dann werden auch wir glücklich sein.
Betest du zu Gott, Rodja, wie früher und glaubst du auch an die Güte des
Schöpfers und unseres Erlösers? Ich fürchte im Herzen, daß der neueste
moderne Unglaube auch dich berührt haben kann. Wenn es so ist, dann bete
ich für dich. Erinnerst du dich, mein Lieber, wie du, als dein Vater
noch lebte, in deiner Kindheit auf meinen Knien deine Gebete
stammeltest, und wie glücklich waren wir alle damals. Lebe wohl, oder
besser, -- _auf Wiedersehen_! Ich umarme dich innig, innig und küsse
dich unzähligemal.

                                                     Dein bis zum Tode
                                              Pulcheria Raskolnikowa.«

Fast die ganze Zeit, während Raskolnikoff den Brief las, von den ersten
Zeilen an, war sein Gesicht naß von Tränen; als er aber geendet hatte,
war sein Gesicht bleich und zuckte, und ein hartes, bitteres, böses
Lachen lag auf seinen Lippen. Er lehnte seinen Kopf an das dünne und
abgenutzte Kissen und dachte lange, lange nach. Sein Herz schlug stark,
und die Gedanken wogten hin und her. Es wurde ihm schließlich zu dumpf
und eng in dieser gelben Kammer, die einem Käfig oder einem Kasten
glich. Die Augen und die Gedanken verlangten eine freie Weite. Er nahm
seinen Hut und ging hinaus, diesmal ohne Angst, jemand auf der Treppe zu
begegnen: das hatte er vergessen. Er schlug den Weg in der Richtung nach
Wassiljew Ostroff ein, den W.ski-Prospekt entlang, als hätte er dort
eine eilige Angelegenheit, er ging aber, wie es seine Gewohnheit war,
ohne den Weg zu beachten, flüsterte vor sich hin und sprach hin und
wieder laut mit sich selbst; so daß er den Vorübergehenden auffiel, und
viele hielten ihn für betrunken.


                                  IV.

Der Brief der Mutter hatte ihn sehr erschüttert. Über die Hauptsache
aber, das Moment, um das sich alles drehte, war er auch nicht einen
Augenblick im Zweifel, nicht einmal während des Lesens. Ihrem Wesen nach
war die Sache für ihn entschieden: »Diese Heirat kommt nicht zustande,
solange ich lebe, und hol' der Teufel den Herrn Luschin!«

»Die ganze Geschichte ist klipp und klar,« murmelte er höhnisch lachend
und im voraus triumphierend über die Folgen seines Entschlusses. »Nein,
liebe Mama, nein, Dunja, ihr könnt mich nicht täuschen! ... Und da
entschuldigen sie sich, daß sie mich nicht um Rat gefragt und ohne mich
die Sache gemacht haben! Haben auch Grund dazu! Sie meinen, daß man es
nicht mehr zerreißen kann; wir wollen mal sehen, ob es möglich ist oder
nicht! Sie haben auch eine glänzende Ausrede gefunden -- Peter
Petrowitsch sei so beschäftigt, so beschäftigt, daß er nicht anders, als
per Postpferde, fast per Eisenbahn, heiraten kann. Nein, Dunetschka, ich
durchschaue alles und weiß, worüber du mit mir _so viel_ sprechen
möchtest. Ich weiß auch, worüber du die ganze Nacht im Zimmer auf- und
abgehend nachgedacht hast, und was du vor dem Bilde der Gottesmutter,
das bei Mama im Schlafzimmer hängt, gebetet hast. Es ist schwer,
Golgatha hinaufzugehen ... Hm ... Also es ist endgültig beschlossen.
Awdotja Romanowna, Sie geruhen also einen tüchtigen und resoluten Mann
zu heiraten, der eigenes Vermögen besitzt -- (der _schon_ eigenes
Vermögen besitzt, das ist solider und ehrfurchtgebietender) -- der zwei
Stellungen einnimmt und der die Überzeugungen unserer jüngeren
Generation teilt (wie Mama sagt) und der, wie es scheint, gut ist, wie
Dunetschka selbst sagt. Dieses >_wie es scheint_< ist das großartigste
dabei! Und Dunetschka heiratet dieses >_wie es scheint_die jüngere Generation<
geschrieben hat? Bloß um die Person zu charakterisieren oder mit einer
weitliegenden Absicht, -- um mich für Herrn Luschin günstig zu stimmen?
Oh, ihr Schlauen! Es wäre auch interessant, noch einen Umstand
aufzuklären, -- wie weit war an jenem Tage und in jener Nacht ihre
beiderseitige Offenherzigkeit und auch in der folgenden Zeit? Wurde
_alles_ unter ihnen Wort für Wort besprochen, oder haben beide gefühlt,
daß sie, eine wie die andere, ein und dasselbe auf dem Herzen hatten, so
daß es überflüssig war, alles laut werden zu lassen und womöglich zu
viel zu sagen. Sicher war es größtenteils so gewesen; man sieht's aus
dem Briefe. Mama schien er _ein wenig_ hart, und die naive Mama wandte
sich sofort an Dunja mit Bemerkungen. Die wurde selbstverständlich böse
und >antwortete verstimmt<. Das ist begreiflich! Wen wird es nicht
wütend machen, wenn eine Sache auch ohne naive Fragen klar genug ist,
und wenn ausgemacht ist, daß daran nicht mehr zu rütteln ist. Und warum
schreibt sie mir: >Rodja, liebe Dunja! Sie liebt dich mehr als sich
selbst<. Wird sie etwa im geheimen von Gewissensbissen gequält, daß sie
eingewilligt hat, die Tochter für den Sohn zu opfern. >Du bist unser
Trost, du bist unser Alles! Oh, Mama! ...<«

Der Zorn packte ihn immer stärker, und wäre Herr Luschin ihm jetzt
begegnet, er hätte sich an ihm vergriffen!

»Hm ... das ist wahr,« spann er die Gedanken weiter, die sich wie im
Wirbelwinde in seinem Kopfe drehten. »Das ist wahr, daß man sich >einem
Menschen allmählich und vorsichtig nähern muß, um ihn kennenzulernen,<
Herr Luschin ist einem auch so verständlich. Die Hauptsache ist >ein
tüchtiger und _wie es scheint_ guter Mensch<; es hat ja was zu sagen,
daß er das Gepäck übernommen hat und für seine Rechnung den großen
Koffer transportiert! Nun, ist er denn nicht gut? Die beiden aber, _die
Braut_ und die Mutter, akkordieren mit einem Bauern und reisen in einem
mit Strohmatten gedeckten Wagen -- ich kenn es ja selber! Das hat ja
auch nichts zu sagen! Es sind bloß neunzig Werst, weiter aber >fahren
wir zufrieden und glücklich dritter Klasse< -- also über tausend Werst.
Es ist auch vernünftig, -- man muß sich nach der Decke strecken; aber
Sie, Herr Luschin, was denken Sie dabei? Es ist ja Ihre Braut ...
Sollten Sie etwa nicht wissen, daß Mutter sich das Geld zur Reise auf
ihre Pension hin leiht? Gewiß, Sie haben hier ein gemeinsames
kaufmännisches Geschäft, ein Unternehmen auf gegenseitigen Vorteil und
mit gleichlautenden Anteilen, folglich fallen die Ausgaben auch in
gleiche Teile; wie nach dem Sprichworte, -- Salz und Brot zusammen,
Tabak aber jeder für sich. Ja, aber auch hier hat der geschäftstüchtige
Mann die beiden ein wenig übers Ohr gehauen, -- das Gepäck kommt ihm
billiger als ihre Reise zu stehen, und vielleicht kostet das Gepäck ihm
gar nichts. Sehen denn beide es nicht oder wollen sie es nicht sehen?
Sie sind ja zufrieden, sind beide zufrieden! Wenn man aber denkt, daß
dies erst der Anfang ist und daß das dicke Ende später nachkommt! Was
fällt einem hier am meisten auf, -- nicht der Geiz, nicht die schmutzige
Rechnerei, sondern _der Ton_ des Ganzen. Das ist ja der künftige Ton
nach der Verheiratung, die warnende Prophezeiung ... Ja, und die Mama,
warum ist sie so flott? Mit was kommt sie nach Petersburg? Mit drei
Rubel oder mit zwei >Scheinchen,< wie die ... Alte sagt ... hm! Wovon
will sie denn in Petersburg leben? Sie hat schon aus irgendwelchen
Anzeichen herausgefunden, daß sie mit Dunja nach der Verheiratung nicht
zusammenleben kann, nicht mal in der ersten Zeit. Der liebe Mensch hat
sich auch hier sicher irgendwie versprochen, hat es zu verstehen
gegeben, obwohl Mama sich mit beiden Händen dagegen sträubt, -- >ich
will,< sagt sie, >es selbst ablehnen<. Ja, auf was hofft sie denn noch
-- mit ihrer Pension von hundertundzwanzig Rubel, von der noch die
Schuld an Afanassi Iwanowitsch abgezogen wird? Sie strickt dann zu Hause
Tücher, stickt Manschetten und verdirbt sich die alten Augen, und das
bringt ihr zwanzig Rubel im Jahre ein zu der Pension, das kenne ich.
Also, hofft man doch und baut auf die Freigiebigkeit und die Großmut des
Herrn Luschin. >Er wird es mir selbst anbieten,< meint sie, >wird mich
darum bitten.< Nein, darauf kann sie lange warten. So geht es stets
diesen schönen Schillerschen Seelen, -- bis zum letzten Moment schmücken
sie einen Menschen mit Pfauenfedern, bis zum letzten Moment glauben sie
an das Gute und nicht an das Böse im Menschen; obwohl sie die Kehrseite
der Medaille ahnen, belügen sie sich lieber selbst, weil sie sich vor
der Wahrheit fürchten. Mit beiden Händen wehren sie sich dagegen, bis
ihnen schließlich der ausgeschmückte Mensch eigenhändig einen
Nasenstüber gibt. Es wäre interessant zu wissen, ob Herr Luschin Orden
hat; ich gehe eine Wette ein, daß er den Orden der heiligen Anna im
Knopfloche stecken hat und daß er ihn zu Diners bei allerhand Kaufleuten
und Lieferanten trägt. Vielleicht wird er ihn auch zur Feier seiner
Hochzeit anlegen! übrigens, hol ihn der Teufel! ... Nun, gegen Mama ist
nichts zu sagen, sie ist einmal so, aber was ist mit Dunja? Liebe
Dunetschka, ich kenne sie doch! Sie war bereits zwanzig Jahre alt, als
wir uns zum letztenmal sahen, ihren Charakter habe ich schon damals
verstanden. Die Mama schreibt >Dunetschka kann vieles ertragen<. Das
wußte ich schon früher. Das wußte ich bereits vor zweiundeinhalb Jahren,
und seit jener Zeit habe ich nachgedacht, zweiundeinhalb Jahre habe ich
gerade darüber nachgedacht, wie vieles Dunetschka ertragen kann? Denn
Herrn Sswidrigailoff mit all dem Folgenden ertragen zu können, heißt
viel ertragen können. Jetzt aber meint sie, wie auch Mama, daß man den
Herrn Luschin als zukünftigen Ehemann ebenfalls ertragen kann, der die
Theorie über die Vorzüge von Frauen vertritt, die von Hause aus
bettelarm sind und folglich von ihren Männern nur Wohltaten empfingen,
und der dies fast bei der ersten Zusammmkunft auseinandersetzt. Nun,
gut, wollen wir annehmen, er habe >sich versprochen,< obwohl er doch ein
verständiger Mann ist, der sich vielleicht gar nicht versprochen,
sondern sofort ihre richtige Stellung klargestellt wissen wollte, aber
Dunja, Dunja, was ist mit ihr? Sie durchschaut doch den Menschen klar
und deutlich, und muß mit ihm leben. Sie würde lieber schwarzes Brot
essen und Wasser dazu trinken, als ihre Seele verkaufen; sie würde ihre
sittliche Freiheit für keinen Komfort hergeben; für ganz
Schleswig-Holstein würde sie sie nicht hergeben, geschweige denn für
einen Herrn Luschin. Nein, Dunja war nicht so, soweit ich sie kannte,
und ... hat sich sicher nicht verändert! ... Was ist da zu sagen!
Sswidrigailoffs sind bitter! Es ist bitter, sein ganzes Leben als
Gouvernante für zweihundert Rubel in der Provinz herumzuwandern, aber
ich weiß, daß meine Schwester lieber als Neger zu einem
Plantagenbesitzer oder als lettischer Bauer zu einem Deutschen in den
Ostseeprovinzen sich verdingen würde, als ihren Geist und ihr sittliches
Empfinden durch die Verbindung mit einem Manne zu besudeln, den sie
nicht achtet und mit dem sie nichts verbindet -- auf ewig, aus
persönlichem Vorteil bloß! Und wäre Herr Luschin sogar aus reinstem
Golde oder aus einem einzigen Brillanten, auch dann würde sie nie
einverstanden sein, die gesetzliche Bettgenossin des Herrn Luschin zu
werden! Warum willigt sie denn ein? Wo ist der Schlüssel? Wo ist die
Lösung? Die Sache ist klar, -- ihrer selber wegen, um eigener
Annehmlichkeiten willen, selbst um sich vor dem Tode zu retten, wird sie
sich nicht verkaufen, für einen anderen aber verkauft sie sich! Für
einen geliebten, für einen vergötterten Menschen verkauft sie sich! Da
haben wir das ganze Rätsel, -- für den Bruder, für die Mutter verkauft
sie sich, verkauft ihr Bestes. Oh, hier wird man auch bei Gelegenheit
das sittliche Empfinden unterdrücken; man wird die Freiheit, die Ruhe,
das Gewissen sogar, alles, alles -- auf den Trödelmarkt bringen. Fahr
dahin, Leben! Mögen bloß diese geliebten Wesen glücklich sein! Nicht
genug dessen, man denkt sich noch eine eigene Kasuistik aus, geht bei
den Jesuiten in die Lehre und beruhigt sich selbst vielleicht für eine
Zeit, überzeugt sich selbst, daß es so gut sei, tatsächlich für einen
guten Zweck nötig sei. Man ist nun einmal so, und alles ist so klar wie
der Tag. Es ist ja selbstredend, daß hier niemand anders als Rodion
Romanowitsch Raskolnikoff mitspricht und im Vordergrunde steht. Nun,
warum denn auch nicht, -- man kann sein Glück begründen, ihn auf der
Universität unterstützen, ihn zum Teilhaber machen, sein ganzes
Schicksal sichern. Vielleicht wird er später ein reicher Mann, wird als
angesehener, geachteter, auch vielleicht als berühmter Mann sein Leben
beenden! Und die Mutter? Ja, es handelt sich um Rodja, den teuren Rodja,
den Erstgeborenen! Und warum soll man nicht um solch eines Erstgeborenen
willen selbst die Tochter opfern! Oh, ihr lieben und einfältigen Seelen!
Man wird in diesem Falle vielleicht auch das Los einer Ssonjetschka
nicht verschmähen! Ssonjetschka, Ssonjetschka Marmeladowa, die ewige
Ssonjetschka, solange die Welt besteht! Habt ihr beide auch das Opfer,
dieses Opfer genau ermessen? Habt ihr es? Reicht die Kraft aus? Ist es
zum Besten? Ist es vernünftig? Wissen Sie auch Dunetschka, daß das Los
von Ssonjetschka in keiner Weise schlimmer ist als Ihr Los mit Herrn
Luschin? >Liebe ist nicht vorhanden,< schreibt die Mama. Was, wenn aber
außer Liebe auch keine Achtung vorhanden ist, sondern im Gegenteil sich
Widerwille, Verachtung und Ekel schon eingestellt haben, was dann? Und
es kommt dabei auf eins heraus, daß man auch hier _auf Sauberkeit
achtgeben_ muß. Ist es nicht etwa so? Verstehen Sie, verstehen Sie auch,
was diese Sauberkeit zu bedeuten hat? Verstehen Sie, daß die Sauberkeit
der Frau von Luschin gleichbedeutend mit der Sauberkeit von Ssonjetschka
ist, vielleicht aber auch schlimmer, gemeiner und ekliger, weil Sie,
Dunetschka, doch mit einem Überschuß von Annehmlichkeiten rechnen, dort
aber handelt es sich einfach ums Verhungern! Diese Sauberkeit kommt
teuer, sehr teuer zu stehen, Dunetschka! Und wenn nun die Kräfte nicht
ausreichen, werden Sie es bereuen? Wieviel Kummer, Trauer, Flüche und
Tränen folgen nach, tief verborgen, da Sie doch keine Marfa Petrowna
sind! Und was wird dann aus der Mutter werden? Sie ist jetzt schon voll
Unruhe und quält sich; wie dann, wenn sie alles klar und deutlich
durchschauen wird? Und was wird mit mir? ... Ja, was haben Sie denn
tatsächlich von mir gedacht? Ich will Ihr Opfer nicht, Dunetschka, ich
will es nicht, Mama! Es soll nicht geschehen, solange ich lebe, es soll
nicht sein, nicht sein! Ich nehme es nicht an!«

Er kam plötzlich zu sich und blieb stehen.

»Es soll nicht geschehen! Was willst du denn tun, damit es nicht
geschieht? Willst du es verbieten? Was für ein Recht hast du? Was kannst
du ihnen versprechen, um dir solch ein Recht anzueignen? Dein ganzes
Schicksal, die ganze Zukunft ihnen widmen, _wenn du die Universität
absolviert und eine Stelle erhalten hast_? Davon haben wir gehört, das
sind aber _Träume_, was nun, jetzt? Es muß doch jetzt etwas, sofort
etwas getan werden, verstehst du? Was tust du jetzt? Du beraubst sie.
Sie erhalten das Geld, indem sie die Pension von hundert Rubel versetzen
und sich bei den Herrschaften Sswidrigailoff verdingen. Wie willst du
sie, du zukünftiger Millionär, du Zeus, der über das Schicksal verfügt,
wie willst du sie vor Sswidrigailoffs, vor Afanassi Iwanowitsch
Wachruschin bewahren? Etwa nach zehn Jahren? Inzwischen wird die Mutter
vor lauter Stricken, vielleicht auch von Weinen, längst erblindet sein;
vielleicht vor lauter Fasten zugrunde gehen. Und die Schwester? Denk mal
nach, was nach zehn Jahren oder in diesen zehn Jahren mit der Schwester
geschehen kann? Ist es dir gegenwärtig?«

So quälte er sich und peitschte sich mit diesen Fragen; es bereitete ihm
sogar einen gewissen Genuß. Und alle diese Fragen sie waren ihm nicht
neu und unerwartet; sie waren alt, lange herumgetragen und längst
vorhanden. Sie marterten sein Herz schon lange. Seit langer, sehr langer
Zeit war in ihm diese Schwermut entstanden, war gewachsen, hatte sich
angesammelt, war zur Reife gekommen, hatte sich konzentriert und die
Form der entsetzlichen, wilden und phantastischen Frage angenommen, die
sein Herz und seinen Kopf marterte und nach einer Lösung schrie. Der
Brief von der Mutter hatte ihn jetzt wie ein Blitz getroffen. Jetzt war
keine Zeit mehr, schwermütig zu sein, passiv zu leiden und zu erwägen,
daß die Fragen unlösbar sind, sondern es muß unbedingt gehandelt werden,
schnell gehandelt werden. Um jeden Preis muß ich mich für etwas
entscheiden oder ...

»Oder sich vom Leben ganz und gar lossagen!« rief er plötzlich in
größter Erregung aus. -- »Das Schicksal, so wie es ist, ein für allemal
geduldig hinnehmen und alles in sich ersticken, sich von jeglichem
Rechte zu wirken, zu leben und zu lieben, lossagen!«

»Verstehen Sie, verstehen Sie, mein Herr, was es heißt, wenn man
nirgendwo mehr hingehen kann?« erinnerte er sich plötzlich der gestrigen
Frage Marmeladoffs, »denn es müßte doch so sein, daß jeder Mensch
irgendwo hingehen könnte ...«

Plötzlich zuckte er zusammen, -- ein Gedanke, auch von gestern, ging
wieder durch seinen Kopf. Er zuckte aber nicht zusammen, weil dieser
Gedanke ihm neu war. Er kannte ihn schon, _er ahnte_, daß er unbedingt
»kommen wird« und erwartete ihn sogar; auch war er nicht erst vom
gestrigen Tage. Aber das andere war, daß dieser Gedanke vor einem Monat
und von gestern noch bloß ein Traum war, jetzt aber ... jetzt erschien
er ihm nicht mehr als Traum, sondern in einem neuen drohenden und völlig
unbekannten Lichte, und er wurde dessen plötzlich bewußt ... Mit
Keulenhieben schlug es ihn nieder, und vor seinen Augen wurde es dunkel.
Er sah sich schnell um, als suche er etwas. Er wollte sich hinsetzen und
suchte eine Bank; er war auf dem K.schen Boulevard. Nicht weit von ihm,
etwa hundert Schritte, bemerkte er eine. Er ging eiligst darauf zu, auf
dem Wege dahin aber ereignete sich ein Zwischenfall, der auf einige
Minuten seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Während er sich nach einer Bank umsah, bemerkte er -- ungefähr zwanzig
Schritte vor sich -- eine Frauensperson, zuerst schenkte er ihr so wenig
Beachtung, wie all den Gegenständen, die an ihm vorbeiglitten. Es
geschah ihm oft, daß er nach Hause kam und sich des Weges nicht entsann,
den er gegangen war; so dahinzuwandern war ihm zur Gewohnheit geworden.
Die Frauensperson aber, die vor ihm ging, hatte so etwas Sonderbares und
Auffallendes an sich, daß seine Aufmerksamkeit allmählich an ihr haften
blieb, -- zuerst gegen seinen Willen und zu seinem Verdruß, dann aber
mit sich steigerndem Interesse. Er wollte sich klarmachen, was an dieser
Frauensperson Sonderbares war. Sie war wahrscheinlich ein noch sehr
junges Mädchen; ging in dieser Hitze mit unbedecktem Kopfe, ohne
Sonnenschirm und ohne Handschuhe und pendelte eigentümlich mit den
Armen. Sie hatte ein leichtes seidenes Kleidchen an, das sehr bedenklich
angezogen und kaum zugeknöpft war, und hinten an der Taille, gerade, wo
der Rock anfing, war es zerrissen, ein ganzes Stück hing lose herunter.
Um den entblößten Hals war ein kleines Tuch umgeworfen und fiel auf der
einen Seite schief herab. Außerdem fiel es ihm auf, daß das Mädchen
unsicher ging, stolperte und sogar schwankte. Diese Erscheinung erregte
also die ganze Aufmerksamkeit Raskolnikoffs. Er holte das Mädchen bei
der Bank ein; sie aber warf sich in eine Ecke der Bank, lehnte den Kopf
an die Rücklehne und schloß die Augen, anscheinend vor äußerster
Ermattung. Als Raskolnikoff sie näher ansah, begriff er sofort, daß sie
völlig betrunken war. Es war ein so sonderbarer und widerwärtiger
Anblick, daß er an seiner Wirklichkeit zweifelte. Er sah vor sich ein
junges Gesichtchen von sechzehn, oder gar erst fünfzehn Jahren, mit
hellblonden Haaren, sehr hübsch, aber unnatürlich gerötet und allem
Anscheine nach ein wenig aufgedunsen. Das junge Mädchen schien nicht
ganz bei Bewußtsein zu sein; das eine Bein hatte sie über das andere
geschlagen und weiter vorgestreckt, als anständig war; jedenfalls war es
ihr nicht bewußt, daß sie auf der Straße war.

Raskolnikoff setzte sich nicht hin, wollte aber auch nicht weggehen; er
blieb unschlüssig vor ihr stehen. Dieser Boulevard ist immer ziemlich
leer, jetzt aber in der zweiten Nachmittagsstunde und bei dieser Hitze
war fast niemand zu sehen. Nur etwa fünfzehn Schritte weiter, am Ende
des Boulevards war seitwärts ein Herr stehengeblieben, der allem
Anscheine nach die größte Lust hatte, an das junge Mädchen mit gewissen
Absichten heranzutreten. Er hatte sie wahrscheinlich von weitem erblickt
und war ihr nachgeeilt, Raskolnikoff aber hatte seinen Weg gekreuzt. Er
warf ihm feindliche Blicke zu, die unbemerkt bleiben sollten und wartete
voll Ungeduld, bis der Lump fortgegangen wäre, und er zu seinem Rechte
käme. Die Sache war klar. Der Herr war etwa dreißig Jahre alt, kräftig,
wohlgenährt, mit roten Lippen und kleinem Schnurrbart, und sehr elegant
gekleidet. Raskolnikoff ärgerte sich über ihn; er bekam plötzlich Lust,
diesen gutgenährten Gecken in irgendeiner Weise zu beleidigen. So
verließ er das junge Mädchen und trat an den Herrn heran.

»He, Sie Sswidrigailoff! Was suchen Sie hier?« rief er ihm zu, ballte
die Fäuste und lachte mit vor Wut bleichen Lippen.

»Was soll das heißen?« fragte der Herr streng, zog die Augenbrauen
zusammen und maß ihn mit einem hochmütigen Blick.

»Sie sollen sich packen, heißt das!«

»Wie wagst du, Kanaille! ...«

Und er erhob sein Stöckchen. Raskolnikoff stürzte sich mit geballten
Fäusten auf ihn, vollständig vergessend, daß der kräftige Herr mit ein
_paar_ solchen, wie er, fertig würde. In diesem Augenblicke aber packte
ihn jemand von hinten, und zwischen beide trat ein Schutzmann.

»Ich bitte, meine Herren, sich nicht an öffentlichen Plätzen zu prügeln.
Was wünschen Sie? Wer bist du?« wandte er sich streng an Raskolnikoff,
nachdem er dessen Lumpen erblickt hatte.

Raskolnikoff sah ihn aufmerksam an. Es war ein braves Soldatengesicht
mit grauem Schnurrbart und Backenbart und einem verständigen Blick.

»Sie brauche ich gerade,« rief er aus und faßte ihn bei der Hand. »Ich
bin der ehemalige Student Raskolnikoff ... Das können auch Sie
erfahren!« wandte er sich an den Herrn. »Kommen Sie bitte mit, ich will
Ihnen etwas zeigen ...«

Er nahm den Schutzmann bei der Hand und führte ihn zu der Bank.

»Sehen Sie, sie ist ganz betrunken, soeben kam sie von dem Boulevard
her. Wer weiß, wer sie ist, aber sie sieht nicht aus, wie eine
gewerbsmäßige. Es ist wahrscheinlicher, daß man sie irgendwo betrunken
gemacht und verführt hat ... zum erstenmal ... verstehen Sie ... und hat
sie dann auf die Straße gebracht. Sehen Sie, wie das Kleid zerrissen
ist, sehen Sie, wie es angezogen ist, -- man hat sie angekleidet, nicht
sie selber, und ungeschickte Hände, Männerhände haben sie angekleidet.
Das sieht man doch. Sehen Sie aber bitte dorthin, -- diesen Geck, mit
dem ich mich soeben beinahe geprügelt hätte, kenne ich nicht, ich sehe
ihn zum erstenmal. Er hat sie auch auf der Straße bemerkt, hat gesehen,
daß sie betrunken, besinnungslos betrunken ist, und nun möchte er
furchtbar gern an sie herankommen, und sie abfangen, und sie in diesem
Zustande irgendwo hinschleppen ... Es ist sicher so, glauben Sie mir,
ich irre mich nicht. Ich habe gesehen, wie er sie beobachtet und
verfolgt hat, ich habe ihn bloß daran gehindert, und er wartet nun, bis
ich weggehe. Sehen Sie, er ist jetzt ein paar Schritte weitergegangen
und bleibt stehen, als drehe er sich eine Zigarette ... Wie können wir
sie ihm entreißen? Wie können wir sie nach Hause schaffen, -- denken Sie
doch darüber nach!«

Der Schutzmann hatte im Nu alles verstanden und begriffen. Die Absichten
des kräftigen Herrn waren ihm klar, mit dem jungen Mädchen aber mußte
etwas geschehen. Der Veteran beugte sich über sie, um sie näher zu
betrachten und ein aufrichtiges Mitleid drückte sich in seinen Zügen
aus.

»Ach, wie schade!« sagte er und schüttelte den Kopf. »Sie ist ja noch
ein Kind. Man hat sie verführt, das ist sicher. Hören Sie, mein
Fräulein,« begann er sie zu rufen. »Wo wohnen Sie?«

Das junge Mädchen öffnete die müden, schläfrigen Augen, blickte stumpf
den Fragenden an und machte eine abwehrende Handbewegung.

»Hören Sie,« sagte Raskolnikoff. »Hier haben Sie,« er suchte in der
Tasche und zog zwanzig Kopeken hervor, die er noch fand, »hier haben Sie
zu einer Droschke, und lassen Sie sie durch einen Kutscher nach Hause
bringen. Wenn wir bloß Ihre Wohnung erfahren könnten.«

»Fräulein, hören Sie, Fräulein!« begann von neuem der Schutzmann,
nachdem er das Geldstück in Empfang genommen hatte. »Ich will Ihnen
sofort eine Droschke besorgen und will Sie selbst begleiten. Wohin
befehlen Sie? Ah? Wo wohnen Sie?«

»Geht fort! ... Laßt mich in Ruhe! ...« murmelte das Mädchen und wehrte
von neuem mit der Hand ab.

»Ach, wie schlecht! Ach, welch eine Schande, Fräulein, welch eine
Schande!« sagte der Schutzmann und schüttelte mit dem Kopfe, in
Entrüstung und Mitleid. »Das ist eine Aufgabe!« wandte er sich an
Raskolnikoff und sah ihn wieder flüchtig von Kopf bis zu Füßen an.
Wahrscheinlich erschien er ihm merkwürdig, -- ein Mensch in solchen
Lumpen, der Geld hergab.

»Haben Sie sie weit von hier gefunden?« fragte er ihn.

»Ich sagte Ihnen -- sie ging mit wankenden Schritten vor mir, hier, auf
dem Boulevard. Als sie zu der Bank kam, fiel sie sofort hin.«

»Ach, welch eine Schande jetzt in der Welt herrscht, Herrgott! So
blutjung und schon betrunken! Man hat sie verführt, das ist sicher. Auch
das Kleidchen ist zerrissen ... Ach, wie stark die Unsittlichkeit jetzt
um sich greift ... Ja, sie wird wahrscheinlich eine Adlige sein, von den
armen ... Jetzt gibt es viele solche. Dem Aussehen nach ist sie von den
zarten, ganz wie ein Fräulein ...« und er beugte sich wieder über sie.

Vielleicht wuchsen bei ihm zu Hause auch solche Töchter heran, »ganz wie
Fräuleins und von den zarten,« mit Gewohnheiten der Feinerzogenen und
mit angenommener Modesucht ...

»Die Hauptsache ist,« sagte Raskolnikoff, »daß dieser Schuft sie nicht
bekommt! Warum soll er sie noch schänden! Man sieht ja, was er will,
sehen Sie, der Schuft, er geht nicht weg.«

Raskolnikoff sprach laut und zeigte mit der Hand auf ihn. Jener hörte es
und wollte wieder böse werden, aber besann sich und begnügte sich mit
einem verächtlichen Blick. Dann ging er langsam zehn Schritt weiter und
blieb wieder stehen.

»Das kann man verhindern, daß er sie bekommt,« antwortete der Schutzmann
in Gedanken. »Wenn sie bloß sagen würde, wohin man sie bringen soll, so
aber ... Fräulein, hören Sie, Fräulein!« er beugte sich zu ihr.

Sie öffnete plötzlich die Augen, blickte aufmerksam die beiden an, als
hätte sie etwas verstanden, stand von der Bank auf und ging in dieselbe
Richtung zurück, woher sie gekommen war.

»Pfui, schämt euch, könnt ihr mich nicht in Ruhe lassen!« sagte sie und
wehrte wieder mit der Hand ab.

Sie ging schnell, aber auch, wie früher, stark schwankend.

Der feine Herr ging ihr nach, aber in einer anderen Allee, und verlor
sie nicht aus den Augen.

»Haben Sie keine Sorge, ich will schon aufpassen!« sagte entschlossen
der bärtige Schutzmann und folgte dem Mädchen.

»Ach, wie stark die Unsittlichkeit jetzt um sich greift!« wiederholte er
laut und seufzte.

Plötzlich schien Raskolnikoff mit einem Schlage wie verwandelt.

»Hören Sie mal!« rief er dem Schutzmann nach. Der wandte sich um.

»Lassen Sie es. Was geht es Sie an? Lassen Sie es. Möge er sich
amüsieren« (er zeigte auf den Stutzer). »Was geht es Sie an?«

Der Schutzmann begriff ihn nicht und starrte ihn an. Raskolnikoff lachte
auf.

»Na nu!« sagte der Schutzmann, machte eine abwehrende Handbewegung und
ging dem Stutzer und dem jungen Mädchen nach; wahrscheinlich hielt er
Raskolnikoff entweder für einen Verrückten oder für etwas Schlimmeres.

»Meine zwanzig Kopeken hat er mitgenommen!« sagte Raskolnikoff wütend,
als er allein zurückgeblieben war. »Nun, mag er auch von dem, von dem
andern nehmen und das Mädchen mit ihm gehen lassen, damit wird es auch
enden ... Und wozu habe ich mich hineingemischt? Um zu helfen? Steht es
mir denn zu, jemand zu helfen? Habe ich denn ein Recht dazu? Mögen sie
doch einander lebendig auffressen, -- was geht es mich an? Und wie
durfte ich diese zwanzig Kopeken fortgeben? Gehören sie denn mir?«

Bei diesen sonderbaren Worten wurde es ihm schwer zumute. Er setzte sich
auf die nun leere Bank. Seine Gedanken waren verwirrt ... Und es war ihm
kaum möglich, in diesem Augenblicke einen Gedanken zu fassen. Er wollte
sich vollkommen vergessen, alles vergessen, dann erwachen und ganz von
neuem beginnen ...

»Armes Mädchen!« sagte er, nachdem er die leere Ecke der Bank erblickte.
»Sie wird zu sich kommen, wird weinen, und dann erfährt es die Mutter
... Zuerst wird sie sie schlagen, ihr die Rute geben, schmerzhaft und
schmachvoll, vielleicht wird sie sie aus dem Hause jagen ... Und wenn
sie sie nicht verjagt, werden es doch allerhand Darjas Franzowna
erfahren, und das Mädchen wird aus einer Hand in die andere gehen ...
Dann folgt das Krankenhaus -- und das passiert stets mit denen, die bei
sehr ehrenwerten Müttern leben und im geheimen lose Streiche verüben, --
nun, und dann ... folgt wieder das Krankenhaus ... Wein ... Kneipen ...
und dann nochmals das Krankenhaus ... und in zwei oder drei Jahren ist
sie ein Krüppel, und im ganzen hat sie ein Alter von neunzehn oder auch
bloß achtzehn Jahren erreicht ... Habe ich denn nicht genug solche
gesehen? Wie sind sie aber so geworden? So und nicht anders sind sie es
geworden ... Pfui! Mögen Sie es! Man sagt, es muß so sein. Jedes Jahr,
sagt man, muß ein gewisser Prozentsatz draufgehen ... irgendwohin ...
wahrscheinlich zum Teufel, um die übrigen zu erfrischen und ihnen nicht
hinderlich zu sein. Prozentsatz! Die Menschen haben in der Tat herrliche
Worte gefunden, -- sie sind so beruhigend und wissenschaftlich noch
dazu. Es ist gesagt -- ein Prozentsatz muß sein, also kein Anlaß, um
sich zu beunruhigen. Ja, hätte man ein anderes Wort dafür, nun dann ...
würde es vielleicht beunruhigender sein ... Was aber, wenn auch
Dunetschka in irgendeiner Weise in diesen Prozentsatz hineinkommt! ...
Und wenn nicht in diesen, dann in einen anderen! ... Aber wohin gehe ich
denn?« -- dachte er plötzlich. -- »Sonderbar. Ich ging doch aus
irgendeinem Grunde von Hause weg. Als ich den Brief gelesen hatte, ging
ich fort ... Ich ging zu Rasumichin auf Wassiljew Ostroff ... jetzt
erinnere ich mich. Aber wozu denn eigentlich? Und warum kam mir gerade
jetzt der Gedanke zu Rasumichin zu gehen? Das ist sonderbar.«

Er wunderte sich über sich selbst. Rasumichin war einer von seinen
früheren Kommilitonen. Raskolnikoffs Eigentümlichkeit auf der
Universität war, daß er fast keine Bekannten hatte, sich von allen
zurückzog, zu niemandem hinging und ungern jemand bei sich empfing. Bald
wandte man sich auch von ihm ab. Weder an gemeinsamen Zusammenkünften,
noch an Gesprächen, noch an Zerstreuungen -- an nichts nahm er teil. Er
arbeitete sehr eifrig, ohne auf sich Rücksicht zu nehmen; man achtete
ihn deswegen, aber niemand liebte ihn. Er war sehr arm, abweisend stolz
und unmitteilsam, als ob er etwas zu verheimlichen hätte. Manchem seiner
Kommilitonen schien es, als sehe er auf sie alle, wie auf Unmündige
herab, als hätte er sie alle in der Entwicklung, im Wissen und in
Lebensanschauung überholt und als betrachte er ihre Anschauungen und
ihre Interessen wie etwas Unreifes.

Rasumichin war er aus irgendeinem Grunde nähergekommen, das heißt,
eigentlich nicht so nähergekommen, daß er ihm gegenüber mitteilsam und
offener geworden wäre. Man konnte eben zu Rasumichin in keinem anderen
Verhältnisse stehn. Er war ein ungemein lustiger und mitteilsamer
Bursche und gut bis zur Einfalt. Unter dieser Einfalt verbargen sich
jedoch Tiefe und Würde. Die besten seiner Kameraden wußten es, und alle
liebten ihn. Er war sehr klug, konnte aber zuweilen wirklich täppisch
sein. Sein Äußeres war charakteristisch -- hochgewachsen, hager,
schwarzhaarig und immer schlecht rasiert. Zuweilen suchte er Händel und
genoß den Ruf eines bärenstarken Menschen. Eines Nachts hatte er in
einer lustigen Gesellschaft mit einem Hiebe einen baumlangen Hüter der
Ordnung niedergeschlagen. Trinken konnte er unmenschlich, aber er konnte
auch wieder gar nicht trinken; manchmal verübte er Streiche, die ans
Unerlaubte grenzten, aber er konnte auch Ruhe halten. Rasumichin war es
auch eigen, daß ihn kein Mißerfolg verblüffte, und das Schlimmste schien
ihn nicht beugen zu können. Er vermochte es, gegebenenfalls auf einem
Dachboden zu hausen, höllischen Hunger und ungewöhnliche Kälte zu
ertragen. Er war sehr arm und verschaffte sich ganz und gar seinen
Unterhalt durch alle möglichen Arbeiten, für die er eine Unmenge Quellen
hatte. Einmal verbrachte er einen ganzen Winter im ungeheizten Zimmer
und begründete es damit, daß es sich in der Kälte besser schliefe.
Gegenwärtig war er ebenfalls gezwungen, die Universität zu verlassen,
aber nicht auf lange Zeit, und er mühte sich aus allen Kräften, seine
Verhältnisse zu verbessern, um das Studium wieder fortsetzen zu können.
Raskolnikoff war seit vier Monaten nicht bei ihm gewesen, Rasumichin
aber wußte sogar nicht dessen Wohnung. Vor zwei Monaten war er ihm
einmal zufällig auf der Straße begegnet. Raskolnikoff aber hatte sich
abgewandt und war sogar auf die andere Seite hinübergegangen, damit
Rasumichin ihn nicht sehen sollte. Rasumichin hatte ihn wohl erkannt,
ging aber ebenso vorbei, weil er _den Freund_ nicht stören wollte.


                                   V.

»Ich hatte noch vor kurzem wirklich die Absicht, Rasumichin um Arbeit zu
bitten, daß er mir Stunden oder etwas anderes verschaffen solle ...«
dachte Raskolnikoff. -- »Aber womit kann er mir jetzt helfen? Gesetzt
den Fall, er verschafft mir Stunden, ja, gesetzt den Fall, er teilt mit
mir sein letztes Gerstchen, wenn er eines hat, so daß ich mir selbst
Stiefel kaufen und meine Kleidung instand setzen kann, um Stunden zu
geben ... hm ... Aber was weiter? Was kann ich mit den paar Groschen
machen? Ist es das, was ich jetzt brauche? Es ist lächerlich, daß ich zu
Rasumichin gehe ...«

Die Frage, warum er jetzt zu Rasumichin gehe, beunruhigte ihn mehr, als
er sich selbst eingestehen wollte, und voll Unruhe suchte er eine böse
Bedeutung in dieser anscheinend ganz gewöhnlichen Handlung.

»Wie will ich nur die ganze Angelegenheit durch Rasumichin in Ordnung
bringen, habe ich denn als letzten Ausweg nur Rasumichin gefunden?«
fragte er verwundert sich selbst.

Er dachte nach und rieb sich die Stirn, und plötzlich, ganz unerwartet,
überraschte ihn nach langem Sinnen ein neuer Gedanke.

»Hm ... zu Rasumichin ...« sagte er auf einmal völlig ruhig, wie fest
entschlossen. »... zu Rasumichin gehe ich bestimmt ... aber nicht jetzt
... Ich will zu ihm hingehen ... am andern Tage _nach dem_ ... wenn
_das_ schon vorbei ist, und wenn ich von vorne anfange ...«

Da kam er zu sich.

»Nach dem,« rief er aus und sprang von der Bank auf. »Ja, wird _das_
überhaupt geschehen? Wird es tatsächlich geschehen?«

Er ging fort, ja er rannte beinahe fort; er wollte nach Hause
zurückkehren, doch das war ihm entsetzlich, zu Hause, -- dort in der
Ecke, zwischen den vier öden Wänden, über einen Monat schon reifte der
grausige Plan -- und er ging, wohin die Füße ihn führten.

Sein nervöses Zittern ging in ein fieberhaftes über; er empfand
Schüttelfrost, Frost in dieser Hitze! Fast bewußtlos, mit großer
Überwindung begann er alles, was ihm begegnete, zu betrachten, als suche
er Zerstreuung, aber das gelang ihm schlecht, er überraschte sich immer
wieder bei seinem Gespenst. Wenn er aber auffahrend wieder den Kopf
erhob und sich ringsum umblickte, vergaß er sofort, worüber er soeben
nachgedacht hatte und wo er war. In dieser Weise durchwanderte er den
ganzen Wassiljew Ostroff, kam zu der kleinen Newa hinaus, überschritt
die Brücke und wandte sich den Inseln zu. Das frische Grün und die
erquickende Luft taten seinen müden Augen wohl, die an Stadtstaub, Kalk
und an beengende und bedrückende Häuser doch gewöhnt waren. Hier gab es
weder eine dumpfe Luft, noch Gestank, noch Schenken. Doch es währte
nicht lange, und es gingen auch diese neuen angenehmen Empfindungen in
krankhafte und aufregende über. Ab und zu blieb er vor einer aus üppigem
Grün lugenden Villa stehn, blickte durch den Zaun hindurch und sah in
der Ferne auf den Balkonen und Terrassen elegante Frauen und in den
Gärten spielende Kinder. Besondere Aufmerksamkeit schenkte er den
Blumen, sie schaute er am längsten an. Er begegnete auch schönen Wagen,
Reitern und Amazonen, verfolgte sie voll Neugier mit den Blicken und
vergaß sie, wenn sie kaum seinen Augen entschwunden waren. Einmal blieb
er auch stehn und zählte sein Geld nach -- es waren etwa dreißig
Kopeken.

»Zwanzig gab ich dem Schutzmann, drei für den Brief an Nastasja, also
habe ich gestern Marmeladoffs siebenundvierzig oder fünfzig Kopeken
hinterlassen,« dachte er, indem er aus irgendeinem Grund nachrechnete,
bald aber hatte er vergessen, warum er das Geld aus der Tasche
hervorgeholt hatte.

Er erinnerte sich wieder daran, als er an einer Speiseanstalt, einer Art
Garküche, vorbeiging und fühlte, daß er Hunger hatte. Er trat ein, trank
ein Gläschen Branntwein und nahm eine Pastete, die er auf dem Wege zu
Ende aß. Er hatte sehr lange schon keinen Branntwein mehr getrunken, der
tat denn auch im Nu seine Wirkung, obwohl es nur ein einziges Gläschen
war. Seine Füße wurden schwer, und er fühlte einen starken Drang zu
schlafen. Er kehrte um, um nach Hause zu gehen, als er aber Petrowski
Ostroff schon erreicht hatte, blieb er in völliger Erschöpfung stehen,
ging abseits des Weges in ein Gebüsch, fiel aufs Gras hin und schlief im
selben Augenblick ein. In krankhaften Zuständen zeichnen sich Träume oft
durch ungewöhnliche Deutlichkeit, Klarheit und außerordentliche
Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit aus. Es erscheint zuweilen ein
seltsames Bild, die Umgebung aber und der ganze Gang der Vorstellung
sind so wahrscheinlich und mit solchen feinen unerwarteten und dem
Gesamtbilde künstlerisch entsprechenden Einzelheiten verbunden, daß
derselbe Träumer sie in Wirklichkeit nicht so ausdenken kann, mag er
auch selbst ein Künstler, wie Puschkin oder Turgenjeff sein. Solche
krankhafte Träume bleiben stets lange in der Erinnerung haften und üben
einen starken Eindruck auf den zerrütteten und angegriffenen Organismus
eines Menschen aus. Raskolnikoff hatte solch einen Traum. Er träumt sich
als Kind in der kleinen Provinzialstadt. Er ist sieben Jahre alt und
geht an einem Feiertage gegen Abend mit seinem Vater außerhalb der Stadt
spazieren. Es ist eine graue trübe Zeit, der Tag drückend, die Gegend
genau so, wie sie in seiner Erinnerung lebt; in seiner Erinnerung ist
sie ihm nicht so klar, als sie ihm jetzt im Traume erscheint. Das
Städtchen liegt vor ihm, wie ein aufgeschlagenes Buch; ringsum kein
Weidenstrauch; sehr weit, ganz am Horizonte hebt sich dunkel ein
Wäldchen ab. Einige Schritte von dem äußersten städtischen Gemüsegarten
steht eine Schenke, eine große Schenke, die auf ihn stets einen höchst
unangenehmen Eindruck machte, ihm Furcht einflößte, wenn er auf dem
Spaziergange mit dem Vater vorbeiging. Dort traf man stets eine große
Menge an; sie brüllten, lachten, schimpften, sangen so scheußlich und
heiser, und prügelten sich so oft; rings um die Schenke lungerten stets
betrunkene und schreckliche Gestalten ... Wenn er ihnen begegnete,
drückte er sich fester an den Vater und zitterte am ganzen Körper. Neben
der Schenke führte ein Weg, ein Landweg vorbei, stets mit schwarzem
Staub bedeckt. Der Weg zog sich schlängelnd weiter, und etwa nach
dreihundert Schritten bog er rechts um den städtischen Friedhof ab.
Mitten auf dem Friedhofe erhob sich eine steinerne Kirche mit grüner
Kuppel, in die er ein paarmal im Jahre mit Vater und Mutter zum
Gottesdienst ging, wenn für seine längst verstorbene Großmutter, die er
nie gesehen hatte, eine Seelenmesse abgehalten wurde. Da nahmen sie
stets »Kutje«[7] auf einem weißen Teller, in einer Serviette, mit, und
die »Kutje« war aus Zucker, Reis und Rosinen zubereitet, und die Rosinen
waren in Form eines Kreuzes in den Reis gesteckt. Er liebte diese Kirche
und die alten Heiligenbilder, die meist ohne Einfassung waren, und den
alten Priester mit dem zitternden Haupte. Neben dem Grabhügel der
Großmutter, auf dem ein Grabstein war, lag auch das kleine Grab seines
jüngsten Bruders, der sechs Monate alt gestorben war, und den er auch
nicht gekannt hatte, an dessen Dasein er sich nicht erinnern konnte. Man
hatte ihm aber erzählt, daß er einen kleinen Bruder gehabt habe, und
jedesmal, wenn er den Friedhof besuchte, bekreuzigte er sich voll
Andacht an dem kleinen Grabhügel, verneigte sich und küßte die Erde. Und
nun träumte er: er geht mit dem Vater zum Friedhof, und sie gehen an der
Schenke vorbei; er hält den Vater an der Hand und blickt voll Schrecken
zu der Schenke hin. Ein besonderer Umstand fesselt seine Aufmerksamkeit,
-- diesmal scheint hier ein Volksfest zu sein, ein Haufen geputzter
Bürgerfrauen, Weiber, Männer und allerhand Gesindel steht da herum. Alle
sind betrunken, alle singen, und neben der Treppe der Schenke steht ein
Wagen -- ein seltsamer Wagen. Es ist ein großer Wagen, vor den große
Lastpferde gespannt werden, und auf dem man Waren und Weinfässer
befördert. Er liebt es, diesen ungeschlachten Gäulen mit den langen
Mähnen und den dicken Beinen zuzusehen, wie sie langsam in gleichmäßigem
Schritt dahinschreiten, einen ganzen Berg ohne die geringste Anstrengung
hinter sich herziehend, als wäre es ihnen leichter mit dem Wagen als
ohne ihn zu gehen. Jetzt aber war merkwürdigerweise vor solch einen
großen Wagen ein kleines, mageres, braunes Bauernpferd gespannt, eines
von jenen, die -- wie er es oft gesehen hatte -- sich mit hochbeladenen
Wagen voll Holz oder Heu abquälen müssen, um so mehr, wenn der Wagen im
Schmutze oder in alten Wagenspuren stecken bleibt. Dann hauen die Bauern
darauf los, peitschen sie schmerzhaft, oft auf das Maul und über die
Augen. Das tut ihm so weh, so weh anzusehen, daß ihm die Tränen kommen;
die Mutter führt ihn dann immer von dem Fenster fort. -- Plötzlich
erhebt sich ein Lärm -- aus der Schenke kommen mit Geschrei, Gesang und
mit Balalaikas[8] betrunkene, völlig betrunkene, große Bauern heraus, in
blauen und roten Hemden, mit übergeworfenen Mänteln.

»Setzt euch, setzt euch alle!« ruft einer, ein junger Bursche mit dickem
Halse und fleischigem, dunkelrotem Gesichte. -- »Ich fahre euch alle
hin, setzt euch darauf!« Mit lautem Lachen erschollen die Ausrufe:

»So eine Schindmähre soll uns ziehen.«

»Bist du von Sinnen, Mikolka, -- so eine kleine Stute vor diesen Wagen
zu spannen?«

»Das Pferdchen ist sicher seine zwanzig Jahre alt, Brüder!«

»Setzt euch, ich fahre euch alle zusammen!« ruft von neuem Mikolka,
springt als erster auf den Wagen, ergreift die Zügel und pflanzt sich in
seiner ganzen Größe vorne auf dem Wagen auf. »Mit dem Braunen ist Matwei
vorhin losgezogen,« schreit er vom Wagen. »Diese Mähre treibt mir bloß
die Galle ins Blut, ich möchte sie totschlagen, frißt umsonst den Hafer.
Ich sage -- setzt euch! Ich lasse sie im Galopp laufen! Sie muß Galopp
laufen!« Und er nimmt die Peitsche in die Hand und bereitet sich voll
Wonne vor, das Pferd zu schlagen.

»Setzt euch doch!« ruft man lachend in der Menge. »Hört doch, sie wird
im Galopp laufen.«

»Sie ist wahrscheinlich schon zehn Jahre nicht mehr im Galopp gelaufen.«

»Sie wird schön springen!«

»Keine Angst, Brüder, nehmt jeder eine Peitsche, und drauf los!«

»Was ist da zu schonen! Schlagt los!«

Alle springen mit Gelächter und Witzen in den Wagen. Sechs Mann sind
hereingekrochen, und noch ist Platz. Sie nehmen ein dickes und
rotbäckiges Weib noch hinauf, ein Weib in einem Kleide von rotem Kattun,
mit einem Kopfputze aus Glasperlen, an den Füßen lederne Bauernschuhe;
sie knackt Nüsse und lacht. Ringsum in der Menge lacht man auch, und in
der Tat, warum soll man auch nicht lachen, -- so eine abgemagerte Mähre
soll solch eine Last im Galopp ziehen! Zwei Burschen im Wagen nehmen je
eine Peitsche, um Mikolka zu helfen. »Los!« ruft er, die Mähre zieht aus
Leibeskräften an; vom im Trabe laufen kann nicht die Rede sein, sie kann
nicht mal im Schritt losgehen, sie trippelt bloß auf einem Fleck, stöhnt
und keucht unter den Hieben der drei Peitschen, die auf sie wie Hagel
niederprasseln. Das Gelächter auf dem Wagen und in der Menge wird
stärker, Mikolka aber wird wütend und peitscht immer heftiger, als
glaube er wirklich, sie zum Galopp treiben zu können.

»Nehmt mich auch mit, Brüder!« ruft ein Bursche aus der Menge, der Lust
bekommen hatte, mitzufahren.

»Setzt euch! Setzt euch alle hinein!« schreit Mikolka. »Sie wird alle
ziehen. Ich peitsche sie zu Tode!« Und er schlägt los, schlägt das Pferd
in einem fort und weiß vor Raserei nicht, womit er es noch schlagen
soll.

»Papa, lieber Papa!« ruft der Knabe dem Vater zu. --

»Papa, was tun sie? Papa, sie schlagen das arme kleine Pferd!«

»Komm, laß uns gehen!« sagte der Vater. »Betrunkene Dummköpfe treiben
ihren Unfug; laß uns gehen, sieh nicht hin!« und er will ihn fortführen,
der Knabe aber reißt sich los und läuft zu dem Pferde hin. Dem aber geht
es schon schlecht. Es schnappt nach Luft, steht still, zieht von neuem
an und fällt beinahe hin.

»Peitscht es zu Tode!« schreit Mikolka. »Mag es kaput gehen. Ich
peitsche es zu Tode!«

»Bist du kein Christ, du Scheusal?« ruft ein alter Mann aus der Menge.

»Hat man es je erlebt, daß so ein Pferd diese Last ziehen soll,« fügte
ein anderer hinzu.

»Du quälst es zuschanden!« ruft ein dritter.

»Schweigt still! Es ist mein Eigentum. Ich kann damit tun, was ich will.
Setzt euch noch dazu in den Wagen! Setzt euch alle hinein! Ich will, daß
es im Galopp läuft! ...«

Ein lautes Lachen übertönte plötzlich alles, -- die Mähre wollte sich
der scharfen Schläge erwehren und begann in ihrer Bedrängnis
auszuschlagen. Sogar der alte Mann mußte lächeln. Es war auch ein zu
komisches Bild, -- so eine abgebrauchte Mähre schlägt plötzlich aus.
Zwei Burschen aus der Menge verschaffen sich Peitschen und springen
herzu, um das Pferd von zwei Seiten zu schlagen.

»Schlagt sie auf das Maul, peitscht sie über die Augen, über die Augen!«
schreit Mikolka.

»Brüder, wollen wir ein Lied singen!« ruft jemand vom Wagen, und alle
darinnen folgten sogleich der Aufforderung. Ein ausgelassenes Lied
erschallt, ein Tamburin rasselt, der Refrain wird gepfiffen. Das Weib
knackt Nüsse und lacht vergnügt.

... Er läuft neben dem Pferde, er eilt nach vorne, er sieht, wie man es
über die Augen schlägt, direkt über die Augen! Er weint. Sein Herz
krampft sich zusammen, die Tränen fließen. Einer von den Peitschenden
fährt ihm ins Gesicht; er fühlt es nicht, er ringt die Hände, schreit
auf, stürzt zu dem alten Manne mit dem grauen Barte hin, der seinen Kopf
schüttelt und das mißbilligt. Ein Weib packt seine Hand und will ihn
fortführen, er reißt sich los und läuft wieder zu dem Pferde hin. Es hat
keine Kraft mehr, noch einmal schlägt es aus.

»Hol dich der Teufel!« schreit Mikolka wütend. Er wirft die Peitsche von
sich, bückt sich und zieht vom Boden des Wagens eine lange und dicke
Deichselstange hervor, ergreift sie mit beiden Händen und schwingt sie
mit gewaltiger Anstrengung auf das Pferd nieder.

»Er schlägt das Pferd tot!« schreit einer.

»Er zerschmettert es!«

»Es ist mein Eigentum!« brüllt Mikolka und läßt die Stange mit voller
Wucht niedersausen.

Ein dumpfer Schlag.

»Haut es mit der Peitsche! Warum steht ihr da!« ruft man aus der Menge.

Mikolka holt zum zweiten Male aus, und ein neuer Schlag saust auf den
Rücken der unglücklichen Mähre nieder. Sie fällt beinahe auf die
Hinterbeine, springt aber auf und ruckt und ruckt aus letzter Kraft hin
und her, um den Wagen von der Stelle zu bringen; von allen Seiten
empfängt sie Peitschenhiebe, die Deichselstange erhebt sich von neuem
und saust zum dritten und vierten Male nieder. Mikolka ist wütend, daß
er das Pferd nicht mit einem Schlage töten kann.

»Es ist zäh!« ruft man ringsum.

»Es fällt gleich hin, Brüder, nun geht es mit ihm zu Ende!« schreit
jemand aus der Menge.

»Ist es nicht besser, mit einem Beile es totzuschlagen? Macht doch ein
Ende!« ruft ein anderer.

»Zum Teufel mit dir! Geht alle aus dem Wege!« brüllt Mikolka, wirft die
Deichsel fort, bückt sich von neuem und holt eine Eisenstange hervor.
»Nehmt euch in acht!« ruft er und läßt sie mit voller Kraft auf das arme
Pferd niedersausen. Dieser Schlag traf; das Pferd taumelte, krümmte sich
und wollte ziehen, aber die Eisenstange sauste wieder auf seinen Rücken
herab, und das Pferd stürzte zu Boden, als wären ihm alle vier Beine mit
einemmal abgeschlagen.

»Schlagt zu!« schreit Mikolka und springt wie toll vom Wagen herab.
Einige Burschen, ebenso rot im Gesichte wie er und betrunken, ergreifen,
was ihnen in die Hände kommt -- mit Peitschen, Stöcken, der
Deichselstange laufen sie zu dem verendenden Pferde. Mikolka stellt sich
auf der einen Seite hin und fängt an, sinnlos mit der Eisenstange auf
seinen Leib zu schlagen. Die Mähre streckt den Kopf, holt schwer Atem
und verendet. »Nun hast du ihm den Garaus gemacht!« ruft man aus der
Menge.

»Warum lief es nicht im Galopp!«

»Es ist mein Eigentum!« schreit Mikolka mit blutunterlaufenen Augen und
hält die Eisenstange noch in den Händen. Er steht da, als täte es ihm
leid, daß er niemanden mehr habe, den er niederschlagen könnte.

»Du bist wirklich kein Christ!« rufen einige Stimmen aus der Menge.

Der arme Knabe aber ist außer sich. Mit einem Schrei durchbricht er die
Menge, läuft auf das Pferd zu, umarmt den blutüberströmten toten Kopf
und küßt ihn; er küßt die Augen, die Lefzen ... Dann springt er auf und
stürzt sich voller Wut mit seinen kleinen Fäustchen auf Mikolka. In
diesem Augenblick erwischt ihn der Vater, der ihm nachgelaufen war, und
trägt ihn fort.

»Gehen wir! Gehen wir!« sagt der Vater zu ihm. »Gehen wir nach Hause!«

»Papa, lieber Papa! Warum haben sie ... das kleine Pferd ...
erschlagen!« schluchzte er, sein Atem stockt und die Worte kommen wie
Schmerzensschreie aus seiner gepreßten Brust.

»Sie sind betrunken ... versündigen sich, uns geht es nichts an ...
gehen wir!« sagt der Vater. Er aber umfaßt den Vater mit beiden Händen,
es schnürt ihm die Kehle zu. Er will Atem holen, schreien und -- er
erwacht. Er erwachte ganz mit Schweiß bedeckt, mit feuchten Haaren,
schwer atmend, und erhob sich zitternd.

»Gottlob, es war nur ein Traum!« sagte er, setzte sich unter den Baum
und seufzte tief auf. »Aber was ist mit mir? Fange ich an zu fiebern, --
so ein gräßlicher Traum!«

Sein ganzer Körper war wie zerschlagen, und in seiner Seele war es
dunkel und trübe. Er stützte die Ellenbogen auf die Knie und hielt sich
mit beiden Händen den Kopf.

»Mein Gott,« rief er aus. »Werde ich denn, werde ich wirklich ein Beil
nehmen, werde es ihr auf den Kopf schlagen, das Gehirn ihr zerschmettern
... in klebrig warmem Blute tasten, das Schloß aufbrechen, stehlen und
zittern, mich verstecken, ganz mit Blut bedeckt ... mit einem Beile ...
Oh, Gott, werde ich es denn tun?«

Es durchschauerte ihn am ganzen Körper, als er das aussprach. »Ja, was
ist denn mit mir?« fuhr er fort, sich aufraffend und mit tiefem Staunen.
»Ich weiß doch, daß ich es nicht ertragen kann, warum habe ich mich denn
bis jetzt gequält? Gestern, gestern schon, als ich hinging, diesen ...
Versuch zu machen, gestern begriff ich vollkommen, daß ich es nicht zu
tun vermöge ... Was will ich denn jetzt noch? Warum hatte ich bis jetzt
noch Zweifel? Ich sagte mir schon gestern, als ich die Treppe
hinunterging, daß es gemein, niedrig, schuftig sei ... mir wurde ja beim
bloßen Gedanken übel und ein kalter Schauer ging mir durch alle Glieder
... Nein, ich werde es nicht aushalten, werde es nicht aushalten! Mag es
auch keinen einzigen Fehler in diesen Berechnungen geben, mag all das,
was in diesem Monat beschlossen wurde, klar wie der Tag, und richtig wie
eine mathematische Formel sein. Herrgott! Ich kann mich nicht dazu
entschließen! Ich werde es ja nicht aushalten, nicht aushalten! Was ist
denn mit mir immer noch, was denn?«

Er stand auf, sah sich verwirrt um, als sei er erstaunt, daß er hierher
gekommen war, und ging zu der T.-W.-Brücke. Er war bleich, die Augen
brannten, in seinen Gliedern lag tiefste Ermattung, plötzlich aber
konnte er leichter atmen. Er fühlte, daß er diese furchtbare Last, die
ihn solange bedrückt hatte, abgeworfen habe, und in seiner Seele wurde
es mit einem Male leicht und frei.

»Oh Gott!« flehte er. »Zeig mir meinen Weg, und ich sage mich los von
diesem verfluchten Trugbild!« Als er über die Brücke ging, blickte er
still und ruhig auf die Newa und auf die untergehende grellrote Sonne.
Trotz seiner Schwäche empfand er keine Müdigkeit. Es war, als sei das
Geschwür an seinem Herzen, das den ganzen Monat heranreifte, plötzlich
aufgegangen. Freiheit! Freiheit! Er ist jetzt von dieser Verzauberung,
von dieser Hexerei, von diesem Reiz, von dieser Versuchung befreit!

Später, als er an diese Zeit und all das dachte, was mit ihm in diesen
Tagen, Minute für Minute, Punkt für Punkt, Strich für Strich vorgegangen
war, setzte ihn fast bis zum Aberglauben ein Umstand stets in Erstaunen,
der im Grunde genommen nicht besonders ungewöhnlich war, der ihm aber
später wie die Fügung seines Schicksals erschien. Und zwar, -- er konnte
es gar nicht verstehen und erklären, warum er, ermüdet und abgespannt,
statt auf dem kürzesten und geradesten Weg nach Hause zu gehen,
plötzlich über den Heumarkt, den zu durchqueren für ihn ganz überflüssig
war, nach Hause zurückkehrte. Es war kein bedeutender Umweg, aber doch
ein augenscheinlich und eben völlig überflüssiger. Gewiß, er war
Dutzende von Malen nach Hause zurückgekehrt, ohne sich der Straßen zu
erinnern, durch die er gewandert war. Warum aber, fragte er sich immer,
warum passierte so eine wichtige, so eine entscheidende und gleichzeitig
so eine höchst zufällige Begegnung auf dem Heumarkte -- über den zu
gehen er gar keine Veranlassung hatte -- gerade zu der Stunde, in dem
Augenblicke seines Lebens, in solch einer Seelenstimmung und unter
solchen Umständen, unter denen diese Begegnung auch die entscheidenste
und endgültigste Wirkung auf sein ganzes Schicksal ausüben mußte? Als
hätte es auf ihn hier absichtlich gelauert! -- Es war gegen neun Uhr,
als er über den Heumarkt ging. Alle Verkäufer an den Tischen, in den
Läden und Buden schlossen ihre Geschäfte oder kramten ihre Waren
zusammen, packten sie ein und waren ebenso, wie ihre Käufer, auf dem
Wege nach Hause. Bei den Garküchen, in den Kellern, in den schmutzigen
und stinkenden Höfen der Häuser am Heumarkte, besonders aber bei den
Schenken drängte sich eine Menge allerhand Händler und verlumpter
Gestalten. Raskolnikoff liebte diese Gegend, ebenso auch alle
umliegenden Gassen, ganz besonders aber, wenn er ohne ein bestimmtes
Ziel bummeln ging. Hier erregten seine Lumpen keine hochmütige
Aufmerksamkeit, hier konnte man gekleidet gehen, wie man wollte, ohne
sich zu blamieren. An der Ecke der K.schen Gasse handelte ein
Kleinbürger mit seiner Frau an zwei Tischen mit allerhand Waren, --
Zwirn, Bändern, Kattuntüchern und dergleichen mehr. Sie waren auch beim
Aufbruch, wurden aber durch ein Gespräch mit einer Bekannten
aufgehalten. Diese Bekannte war Lisaweta Iwanowna oder einfacher
Lisaweta, wie sie allgemein genannt wurde, die jüngere Schwester
derselben Alten, Aljona Iwanowna, der Witwe eines Kollegienregistrators,
der Wucherin, bei der Raskolnikoff gestern gewesen war, um seine Uhr zu
versetzen und seine _Probe_ zu machen ... Er wußte längst alles über
diese Lisaweta, und sie kannte ihn auch ein wenig. Sie war ein
hochgewachsenes, plumpes, zaghaftes und stilles Mädchen, fast eine
Idiotin, fünfunddreißig Jahre alt, die bei ihrer Schwester lediglich die
Dienstmagd war, für sie Tag und Nacht arbeitete, vor ihr zitterte und
sogar von ihr Schläge bekam. Sie stand nachdenklich mit einem Bündel vor
dem Händler und seiner Frau und hörte ihnen aufmerksam zu. Die redeten
mit besonderem Eifer auf sie ein. Als Raskolnikoff sie unvermutet
erblickte, überkam ihn eine eigentümliche Empfindung, die einer sehr
starken Verwunderung glich, obwohl diese Begegnung nichts
Verwunderliches an sich hatte.

»Sie wollen einmal selbst entscheiden, Lisaweta Iwanowna,« sagte der
Händler laut. »Kommen Sie morgen so gegen sieben Uhr. Die werden auch
herkommen.«

»Mor--gen?« sagte Lisaweta gedehnt und nachdenklich, als ob sie sich
nicht entschließen könne.

»Aljona Iwanowna hat Ihnen viel zu viel Furcht eingejagt!« sagte die
Frau des Händlers, ein flinkes Weib. »Sie sind ganz wie ein Kind. Und
dabei ist sie nicht mal Ihre leibliche, sondern Ihre Stiefschwester und
hat doch solch eine große Macht über Sie!«

»Sie sollten Aljona Iwanowna nichts davon erzählen,« unterbrach der
Mann, »ich gebe Ihnen den Rat, und Sie kommen zu uns ohne Erlaubnis. Es
ist ein vorteilhaftes Geschäft. Ihre Schwester wird es später selbst
einsehen.«

»Soll ich kommen?«

»Morgen, um sieben Uhr, auch von denen kommt jemand her. Dann können Sie
selbst entscheiden.«

»Wir stellen den Samowar auf und machen Tee,« fügte die Frau hinzu.

»Gut, ich will kommen,« antwortete Lisaweta, immer noch in Nachdenken
versunken, und ging langsam weiter.

Raskolnikoff war schon vorüber und hörte nichts mehr. Er war langsam
gegangen, unbemerkt, und bestrebt, kein Wort vom Gespräche zu verlieren.
Seine Verwunderung verwandelte sich allmählich in Schrecken, als wäre
ihm etwas Kaltes über den Rücken gelaufen. Er hatte erfahren, vollkommen
unerwartet hatte er erfahren, daß morgen abend punkt sieben Uhr
Lisaweta, die Schwester der Alten und ihre einzige Mitbewohnerin, nicht
zu Hause sein werde, und daß also die Alte Punkt sieben Uhr _ganz allein
zu Hause war_.

Bis zu seiner Wohnung waren es bloß einige Schritte. Er ging, wie ein
zum Tode Verurteilter. Er dachte an nichts und konnte auch an gar nichts
denken, aber mit seinem ganzen Wesen fühlte er plötzlich, daß er weder
die Freiheit der Erwägung noch einen Willen besitze, und daß alles mit
einem Male endgültig entschieden sei.

Es war sicher, daß er, selbst bei jahrelangem Warten auf solch einen
günstigen Zufall, sicher nicht auf einen deutlicheren Wink für den
Erfolg rechnen konnte, als der war, der sich ihm jetzt urplötzlich bot.
In jedem Falle würde es schwer sein, am Abend vorher und sicher, mit
größter Genauigkeit und geringstem Risiko, ohne gefährliches Ausfragen
und Untersuchen, zu erfahren, daß am anderen Tage um die und die Stunde
die Alte, auf die man einen Anschlag vorbereitet, ganz allein zu Hause
sein werde.


                                  VI.

Später erfuhr Raskolnikoff ganz zufällig, warum der Händler und dessen
Frau Lisaweta zu sich eingeladen hatten. Es handelte sich um eine rein
alltägliche Sache und enthielt gar nichts Besonderes. Eine zugereiste,
verarmte Familie wollte ihre Sachen, Kleider und ähnliches verkaufen. Da
es unvorteilhaft war, auf dem Markte zu verkaufen, suchte man unter der
Hand eine Händlerin; Lisaweta nun befaßte sich mit dergleichen, -- sie
übernahm Aufträge, besorgte allerhand Gänge und hatte eine recht
ansehnliche Praxis, weil sie sehr ehrlich war und immer den äußersten
Preis bot, -- und bei dem Preis, den sie nannte, blieb sie stets. Sie
redete überhaupt wenig und war, wie gesagt, still und verschüchtert ...

Raskolnikoff war in der letzten Zeit abergläubisch geworden. Und Spuren
dieses Aberglaubens blieben in ihm noch für lange hinaus untilgbar
haften. Und er war später stets geneigt, in dieser ganzen Angelegenheit
eine gewisse Bestimmung, eine geheimnisvolle Fügung, wie die Existenz
besonderer Einflüsse und Zufälle, zu sehen. Noch im Winter hatte ihm
sein Bekannter, ein Student, Pokoreff, bei seiner Abreise nach Charkoff
beiläufig im Gespräche die Adresse der Alten, Aljona Iwanowna,
mitgeteilt, für den Fall, daß er einmal etwas versetzen möchte. Er ging
lange nicht zu ihr, da er Stunden gab und sich damit einigermaßen
durchschlug. Vor anderthalb Monaten erinnerte er sich der Adresse; er
hatte zwei Sachen, die zum Versetzen taugten, -- eine alte silberne Uhr
von seinem Vater und einen kleinen goldenen Ring mit drei roten
Steinchen, den seine Schwester ihm beim Abschied als Andenken geschenkt
hatte. Er beschloß den Ring hinzubringen; nachdem er die Alte gefunden
hatte, empfand er vom ersten Augenblick an, ohne von ihr etwas Näheres
zu wissen, einen unwiderstehlichen Widerwillen gegen sie; er nahm von
ihr zwei »Scheinchen« und ging auf dem Rückwege in ein schlechtes
Wirtshaus. Da bestellte er Tee, setzte sich hin und verfiel in ein
tiefes Nachdenken. Ein unheimlicher Gedanke löste sich in seinem Kopfe
aus, wie ein Küchlein aus den Eierschalen, und nahm Besitz von ihm.

An einem anderen Tische, fast neben ihm, saß ein Student, den er nicht
kannte, und dessen er sich nicht erinnerte, und ein junger Offizier. Sie
hatten eine Partie Billard gespielt und tranken nun Tee. Da hörte
Raskolnikoff, wie der Student dem Offiziere von einer Wucherin Aljona
Iwanowna, der Witwe eines Kollegienregistrators, erzählte und ihm ihre
Wohnung nannte. Das berührte Raskolnikoff seltsam, -- er kommt soeben
von dort und hier unterhält man sich von ihr. Gewiß, es ist ein Zufall,
aber er kann sich gerade jetzt nicht von einem äußerst ungewöhnlichen
Gefühl losmachen, ihm ist es, als wolle ihm jemand dazu behilflich sein,
-- der Student erzählte allerhand Einzelheiten von dieser Aljona
Iwanowna. »Sie ist ausgezeichnet,« sagte er, »man kann bei ihr stets
Geld erhalten. Sie ist reich wie ein Jude, kann auf einmal fünftausend
geben, geniert sich aber auch nicht, ein Pfand von einem Rubel
anzunehmen. Viele von meinen Bekannten waren bei ihr. Aber sie ist ein
Scheusal ...«

Und er erzählte, wie böse und launisch sie sei, und daß das Pfand
verfallen sei, wenn man den Termin bloß um einen Tag versäume. Sie gibt
den vierten Teil des Wertes, nimmt fünf und sogar sieben Prozent pro
Monat und dergleichen mehr. Der Student kam ins Plaudern und teilte
unter anderem auch mit, daß die Alte eine Schwester Lisaweta habe, die
sie, so klein und unansehnlich sie selbst sei, alle Augenblicke schlage
und in völliger Bevormundung wie ein kleines Kind halte, trotzdem
Lisaweta mindestens dreimal größer und stärker sei ...

»Ja, sie ist eine Zierde ihres Geschlechts!« rief der Student aus und
lachte laut.

Er fing an von Lisaweta zu erzählen; erzählte mit augenscheinlichem
Genuß und lachte dabei fortwährend; der Offizier hörte mit großem
Interesse zu und bat den Studenten, ihm die Lisaweta zu schicken, um
seine Wäsche auszubessern. Raskolnikoff verlor kein einziges Wort von
der Unterhaltung und erfuhr somit alles, -- Lisaweta war die jüngere
Stiefschwester der Alten -- von anderer Mutter -- und war schon
fünfunddreißig Jahre alt. Sie arbeitete Tag und Nacht für die Schwester,
ersetzte die Köchin und Wäscherin, nähte außerdem um Lohn, ging
außerhalb des Hauses Dielen scheuern und gab jeden Verdienst der
Schwester ab. Keine einzige Bestellung und keine Arbeit wagte sie ohne
die Erlaubnis der Alten zu übernehmen. Diese hatte bereits ihr Testament
gemacht, was Lisaweta bekannt war, hatte ihr keinen Groschen Geld,
sondern nur die bewegliche Habe, wie Stühle und ähnliches vermacht; das
ganze Geld war für ein Kloster in dem N.schen Gouvernement zu ewigen
Seelenmessen bestimmt. Lisaweta war Kleinbürgerin, nicht aus dem
Beamtenstande, unverheiratet, ungewöhnlich plump gebaut, übergroß, mit
breiten Füßen, hatte immer schiefgetretene Schuhe, war aber sonst
reinlich gekleidet. Was aber den Studenten am meisten belustigte, war,
daß Lisaweta alljährlich schwanger war ...

»Du sagst doch, sie sei häßlich!« bemerkte der Offizier.

»Ja, sie hat eine dunkle Gesichtsfarbe, wie ein Soldat, ist aber sonst,
weißt du, nicht häßlich. Sie hat so ein gutes Gesicht und gute Augen,
sehr gute Augen; Grund genug, daß sie vielen gefällt. Sie ist still,
sanft und anspruchslos, zu allem bereit. Ihr Lachen ist sogar
einnehmend.«

»Sie scheint dir zu gefallen!« lachte der Offizier.

»Ja, ihrer Eigentümlichkeit wegen. Doch, was ich dir sagen wollte. Ich
könnte diese verfluchte Alte ermorden und berauben, und, glaube mir, ich
täte es ohne Gewissensbisse,« fügte der Student eifrig hinzu.

Der Offizier lachte wieder auf, Raskolnikoff aber fuhr zusammen. Wie
seltsam dies alles war!

»Erlaube mal, ich will dir eine ernste Frage vorlegen,« sagte der
Student voll Eifer. »Ich habe mir soeben einen Scherz erlaubt, aber sieh
mal an -- einerseits gibt es ein dummes, bedeutungsloses,
minderwertiges, böses, krankes, altes Weib, das keinem Menschen nützt,
im Gegenteil allen schadet, das selbst nicht weiß, wozu es lebt, und das
morgen ohne fremde Hilfe sterben wird. Verstehst du? Verstehst du mich?«

»Nun, ich verstehe es,« antwortete der Offizier und sah aufmerksam
seinen in Eifer geratenen Freund an.

»Höre nun weiter. Anderseits gibt es junge, frische Kräfte, die unnütz
zugrunde gehen, ohne Hilfe und das zu tausenden und allerorts. Hundert,
tausend gute Taten und Hilfeleistungen könnte man für das Geld der Alten
tun, das einem Kloster zufallen soll. Hundert, vielleicht tausend
Existenzen könnten damit auf den richtigen Weg gebracht werden; dutzende
Familien könnten vor Hunger, Verfall, Untergang, Laster und vor
venerischen Krankheiten geschützt werden -- und all das für ihr Geld.
Ermorde sie und nimm ihr Geld, um dich später mit seiner Hilfe der
ganzen Menschheit und der gemeinnützigen Sache zu widmen, -- was meinst
du, wird nicht ein einziges unbedeutendes, winziges Verbrechen durch
Tausende guter Taten wettgemacht? Für ein Leben -- Tausende von Leben,
gerettet vor Fäulnis und Verfall. Ein einziger Tod und hunderte Leben an
seiner Statt, das ist doch ein einfaches Rechenexempel. Ja, und was
bedeutet auf der allgemeinen Wage das Leben dieser schwindsüchtigen,
dummen und bösen Alten. Nicht mehr als das Leben einer Laus, einer
Wanze, und nicht mal soviel, weil die Alte schädlich ist. Sie untergräbt
das Leben eines anderen; vor ein paar Tagen hat sie Lisaweta aus Wut in
den Finger gebissen, man mußte ihn fast abnehmen lassen!«

»Gewiß, sie ist des Lebens nicht wert,« bemerkte der Offizier. »Aber das
ist doch Sache der Natur.«

»Ach, Bruder, die Natur korrigiert man doch auch und zeigt ihr den
richtigen Weg, wir müßten ja sonst in Vorurteilen ersticken. Ohne das
würde es keine großen Männer geben. Man redet von Pflicht und Gewissen,
-- ich will nichts gegen Gewissen und Pflicht sagen, aber was verstehen
wir darunter? Doch ich will dir noch eine Frage vorlegen. Gib acht!«

»Nein, warte du mal, jetzt will ich dir eine Frage vorlegen. Höre zu.«

»Nun!«

»Sieh, du redest jetzt und ereiferst dich, sage mir aber -- würdest _du
selbst_ die Alte ermorden oder nicht?«

»Selbstverständlich nicht! Ich rede nur aus Gerechtigkeit ... Ich habe
mit der Sache nichts zu tun ...«

»Meiner Meinung nach kann von Gerechtigkeit gar nicht die Rede sein,
wenn du dich nicht selbst dazu entschließt. Komm, wir wollen noch eine
Partie Billard spielen!«

Raskolnikoff war äußerst aufgeregt. Gewiß, das Gespräch war eins von den
gewöhnlichsten Gesprächen und Gedanken, die er mehr als einmal unter
jungen Leuten gehört hatte, vielleicht in einer anderen Form und über
einen anderen Gegenstand. Warum aber kam er jetzt gerade dazu, dieses
Gespräch und diese Gedanken zu hören, wo in seinem eigenen Kopfe ...
_ebensolche Gedanken_ aufgetaucht waren? Und warum stößt er gerade
jetzt, wo in ihm dieser Gedanke auftauchte, als er die Alte verließ, auf
ein Gespräch über dieselbe Alte? ... Ihm erschien dieses Zusammentreffen
stets merkwürdig. Diese nichtssagende Unterhaltung in dem Wirtshause
hatte auf ihn einen außergewöhnlichen Einfluß für die weitere
Entwicklung der Sache, -- als wäre hierbei tatsächlich eine
Vorausbestimmung, ein Fingerzeig gewesen ...

                   *       *       *       *       *

Nach Hause zurückgekehrt, warf er sich auf das Sofa und blieb eine volle
Stunde sitzen, ohne sich zu rühren. Es war inzwischen dunkel geworden;
ein Licht besaß er nicht, es kam ihm gar nicht der Gedanke, ein Licht
anzustecken. Er konnte sich später niemals erinnern, ob er in dieser
Stunde an etwas gedacht hatte. Er spürte noch immer das Fieber von
früher her und den Schüttelfrost, und es war ihm ein angenehmer Gedanke,
daß er sich auf das Sofa hinlegen konnte. Ein fester bleierner Schlaf
überfiel ihn und legte sich schwer auf ihn.

Er schlief ungewöhnlich lange und traumlos. Nastasja, die am nächsten
Morgen um zehn Uhr in das Zimmer kam, konnte ihn nur mit Mühe aufwecken.
Sie brachte ihm Tee und Brot, den Tee wie immer alt aufgegossen in ihrer
eigenen Teekanne.

»Sieh, wie er schläft!« rief sie entrüstet aus. »Er tut nichts wie
schlafen!«

Er erhob sich mühsam. Der Kopf tat ihm weh; er versuchte aufzustehen,
drehte sich um und fiel wieder auf das Sofa zurück.

»Willst du weiter schlafen!« rief Nastasja. »Bist du gar krank?«

Er antwortete nicht.

»Willst du Tee trinken?«

»Nachher,« sagte er mit Anstrengung, schloß die Augen und wandte sich
der Wand zu.

Nastasja blieb eine Weile neben ihm stehn.

»Vielleicht ist er wirklich krank,« sagte sie, kehrte um und ging
hinaus.

Um zwei Uhr kam sie wieder herein mit einer Suppe. Er lag noch wie
früher. Der Tee war unberührt. Nun fühlte Nastasja sich gekränkt und
begann ihn ärgerlich zu rütteln.

»Was, schnarchst du noch?« rief sie und sah ihn mit Unwillen an.

Er stand auf und setzte sich, sagte aber nichts und blickte zu Boden.

»Bist du krank oder nicht?« fragte Nastasja, und wieder erhielt sie
keine Antwort.

»Du solltest auf die Straße gehen,« sagte sie nach einer Weile, »die
Luft würde dich erquicken. Willst du nicht essen?«

»Nachher,« antwortete er mit schwacher Stimme. »Geh jetzt fort!«

Und er winkte mit der Hand ab. Sie blieb noch eine Weile stehen, blickte
ihn voll Mitleid an und ging hinaus.

Nach einigen Minuten hob er den Blick und schaute lange den Tee und die
Suppe an. Dann nahm er ein wenig Brot, griff nach dem Löffel und begann
zu essen.

Er aß nicht viel, ohne Appetit, rein mechanisch etwa vier Löffel Suppe.
Der Kopf tat ihm nicht mehr so weh. Nachdem er gegessen hatte, legte er
sich wieder auf das Sofa, konnte aber nicht einschlafen und lag still
da, das Gesicht ins Kopfkissen vergraben. Er träumte, wachend, in einem
fort, und alle Träume waren seltsam, zumeist schien es ihm, als wäre er
irgendwo in Afrika, in Ägypten, in einer Oase. Die Karawane ruht aus,
die Kamele liegen still; ringsum im großen Kreise stehn Palmen, alles
labt sich. Er aber trinkt unausgesetzt Wasser, direkt aus einem Bache,
der hier neben ihm dahinfließt und plätschert. Es ist so kühl, und das
Wasser ist so wundervoll, so blau und kalt, es fließt über bunte Steine
und über reinen mit goldenem Schimmer besäten Sand ... Plötzlich hörte
er deutlich eine Uhr schlagen. Er fuhr auf, kam zu sich, erhob den Kopf,
sah zum Fenster hin, rechnete sich die Zeit aus und sprang auf, als
hätte ihn jemand von dem Sofa heruntergerissen. Er ging auf den
Fußspitzen zu der Türe, öffnete sie leise und lauschte auf die Treppe
hinaus. Sein Herz klopfte gewaltig. Auf der Treppe war alles so still,
als ob alles schliefe ... Höchst sonderbar und merkwürdig erschien es
ihm, daß er von gestern auf heute in solcher Bewußtlosigkeit hatte
durchschlafen können, wo er doch nichts getan und unvorbereitet war ...
Vielleicht hat die Uhr gar sechs geschlagen ... Und eine ungewohnte
fieberhafte und kopflose Hast überfiel ihn, nun nach dem Schlafe und
stumpfen Brüten. Es waren übrigens keine großen Vorbereitungen nötig. Er
strengte alle Kräfte an, um alles zu bedenken und nichts zu vergessen;
das Herz klopfte immer noch heftig und schlug so stark, daß ihm das
Atmen schwer fiel. Zuerst mußte er eine Schlinge machen und an seinen
Mantel annähen, -- das war die Sache einer Minute. Er fuhr mit der Hand
unter das Kopfkissen und fand unter der Wäsche, die dort lag, ein altes
ungewaschenes Hemd, das schon völlig zerrissen war. Von diesem riß er
einen Streifen ab, etwa fünf Zentimeter breit und sechsunddreißig
Zentimeter lang. Diesen Streifen legte er zusammen, zog einen weiten
starken Sommermantel aus dickem baumwollenen Stoffe -- sein einziges
Oberkleid -- aus und begann die beiden Enden des Streifens innen unter
der linken Achselhöhle anzunähen. Seine Hände zitterten beim Halten der
Nadel, er überwand sich aber und hatte den Streifen so angenäht, daß man
von außen nichts bemerken konnte, wenn er den Mantel angezogen hatte. Er
hatte sich schon vor langer Zeit Nadel und Zwirn besorgt, und sie lagen
in einem Stück Papier eingewickelt in dem Tischchen. Die Schlinge war
seine eigene, sehr schlaue Erfindung, sie war für das Beil bestimmt. Man
konnte doch nicht auf der Straße das Beil in der Hand tragen. Und wenn
man es unter dem Mantel versteckt trug, mußte man es doch mit der Hand
festhalten, was wiederum auffallen konnte. Jetzt aber brauchte man bloß
das Beil in die Schlinge zu stecken, und es wird den ganzen Weg unter
der Achsel ruhig hängen. Und wenn er die Hand in die Seitentasche des
Mantels steckt, kann er auch das Ende des Beilschaftes festhalten, damit
es nicht baumelt, und da der Mantel sehr weit war, ein richtiger Sack,
so konnte niemand wahrnehmen, daß er etwas mit der Hand in der Tasche
festhalte. Diese Schlinge hatte er schon vor zwei Wochen erfunden.

Nachdem er mit der Schlinge fertig war, steckte er seine Finger in einen
kleinen Spalt zwischen seinen »türkischen« Diwan und der Diele, suchte
im linken Winkel nach und zog _das Versatzobjekt_ heraus, das er schon
vor langer Zeit hergestellt und dort versteckt hatte. Es war gar kein
Versatzstück, sondern ein einfaches, glatt abgehobeltes Stück Holz, in
der Größe und Dicke eines silbernen Zigarettenetuis. Dieses
Holzbrettchen hatte er zufällig bei einem seiner Spaziergänge auf einem
Hofe gefunden, wo in einem Nebengebäude eine Werkstatt war. Nachher
hatte er zu dem Brette ein glattes und dünnes Stück Eisen --
wahrscheinlich irgendein Bruchstück -- beigelegt, das er auch damals auf
der Straße gefunden hatte. Beides, das eiserne Stück war kleiner, hatte
er zusammengelegt und mit einem Bindfaden kreuzweise fest
zusammengebunden; dann hatte er das Ganze peinlich und mit einer
gewissen Sorgfalt in ein reines weißes Papier eingewickelt und so fest
zusammengeschnürt, daß das Paket nicht gleich zu öffnen war. Dies tat
er, um auf eine Spanne Zeit die Aufmerksamkeit der Alten abzulenken,
wenn sie sich mit dem Lösen des Knotens abmühte, um so den passenden
Augenblick zu gewinnen. Das Eisenstück war des Gewichtes wegen
hinzugefügt, damit die Alte wenigstens nicht sofort erriet, daß das
»Versatzstück« nur aus Holz sei. Dies alles lag bis zur gegebenen Zeit
unter dem Diwan verwahrt. Als er gerade das Paket hervorholte, rief
plötzlich jemand auf dem Hofe:

»Die Uhr geht schon gleich auf sieben!«

»Schon gleich auf sieben! Mein Gott!«

Er stürzte zur Tür, lauschte einen Augenblick, nahm seinen Hut und
begann die dreizehn Stufen vorsichtig, leise wie eine Katze
hinabzusteigen. Das Wichtigste stand ihm noch bevor -- das Beil aus der
Küche zu stehlen. Daß das Werk mit einem Beile vollbracht werde hatte er
längst beschlossen. Er hatte wohl noch ein zusammenlegbares
Gartenmesser, aber er mochte sich nicht auf das Messer und zum wenigsten
auf seine Kräfte verlassen, darum hatte er sich endgültig für das Beil
entschieden. Bei dieser Gelegenheit wollen wir eine Eigentümlichkeit von
ihm bei seinen endgültigen Entscheidungen hervorheben, die er in dieser
Sache schon getroffen hatte. Sie hatten alle eine besondere Eigenschaft:
je endgültiger sie wurden, desto abscheulicher, sinnloser wurden sie
sofort in seinen Augen. Trotz des qualvollen innerlichen Kampfes, den er
führte, konnte er die ganze Zeit über keinen Moment an die
Durchführbarkeit seiner Pläne glauben.

Und wenn er jemals alles bis zum letzten Punkte durchgedacht und
endgültig beschlossen hätte und es gar keine Zweifel mehr gegeben hätte,
dann hätte er offenbar sich von dem ganzen Plane losgesagt, als von
einem sinnlosen, ungeheuerlichen Unding. Aber jetzt gab es noch einen
ganzen Abgrund von ungelösten Punkten und Zweifeln. Woher er sich ein
Beil verschaffen konnte, diese Kleinigkeit beunruhigte ihn gar nicht,
nichts ist leichter als das. Die Sache lag so, daß Nastasja öfters,
besonders aber abends, nicht zu Hause war, -- entweder lief sie zu den
Nachbarn oder in einen Laden, die Türe aber ließ sie stets offen stehn.
Die Wirtin schalt sie immer wieder deshalb. Also, man mußte nur leise
zur rechten Zeit in die Küche gehen und das Beil nehmen, um es nach
einer Stunde, wenn alles vorüber ist, wieder an seinen Platz zu legen.
Aber auch hier tauchten Zweifel auf. Angenommen, er kommt nach einer
Stunde zurück, um das Beil zurückzubringen, und Nastasja ist aber gerade
heimgekehrt. Gewiß, man muß dann vorbeigehen und abwarten, bis sie
wieder fortgeht. Wenn sie aber nun in dieser Zeit das Beil vermißt hat,
es zu suchen begann und danach laut jammerte, -- so ist der Verdacht
oder wenigstens das Moment zu einem Verdacht gegeben.

Aber das waren Kleinigkeiten, an die zu denken er keine Lust und keine
Zeit mehr hatte. Er dachte an die Hauptsache und hob die Kleinigkeiten
für den gegebenen Moment auf. Das letzte aber erschien ihm selber
unfaßbar. Er konnte sich zum Beispiel in keiner Weise vorstellen, daß er
jemals aufhören werde, bloß an dieses Vorhaben zu denken, daß er
aufstehn und einfach dorthin gehen werde ... Sogar seine kürzliche
_Probe_ (d. h. den Besuch in der Absicht, endgültig sich den Tatort
anzusehen) hatte er nur _versucht_ auszuführen, nicht etwa in vollem
Ernste, sondern eben bloß in dem Gedanken: »ich will mal hingehen und
probieren, anstatt hier davon zu träumen!« und natürlich, er hielt es
nicht aus, ließ gleich die Absicht fallen und war in rasender Wut über
sich selbst davongelaufen. Indessen, wie es schien, war die ganze
Analyse im Sinne der moralischen Lösung der Frage von ihm ins reine
gebracht; seine Kasuistik war geschärft wie ein Rasiermesser, und er
fand in sich selbst keine klare Entgegnung mehr. Zu guter Letzt glaubte
er dann einfach sich selbst nicht und suchte hartnäckig in allen
Richtungen tastend nach Entgegnungen, als ob ihn jemand dazu zwänge und
herbeizöge. Der letzte Tag aber, der so unerwartet eintrat, und der
alles mit einem Male zur Entscheidung brachte, wirkte auf ihn fast rein
mechanisch, -- wie wenn ihn jemand an die Hand genommen und
unwiderstehlich, blindlings mit einer unnatürlichen Kraft und
widerstandslos nach sich gezogen hätte, wie wenn er mit einem Zipfel
seines Rockes in das Rad einer Maschine geraten und mit fortgerissen
worden wäre.

Von Anfang an, -- übrigens schon lange vorher -- beschäftigte ihn die
Frage: warum fast alle Verbrecher so leicht aufgespürt und entdeckt
werden, und warum die Spuren fast aller Verbrecher so deutlich
wahrzunehmen sind? Er kam allmählich zu vielseitigen und interessanten
Schlüssen, und nach seiner Meinung lag die Hauptursache nicht so sehr in
der materiellen Unmöglichkeit, ein Verbrechen zu verbergen, als in dem
Verbrecher selbst. Der Verbrecher selbst, und fast jeder verliert im
Augenblick des Handelns an Willen und Verstand, an dessen Stelle ein
kindischer phänomenaler Leichtsinn tritt, und gerade in dem Augenblicke,
wo Verstand und Vorsicht am notwendigsten sind. Nach seiner Überzeugung
ergab es sich, daß diese Verdunkelung des Verstandes und der
Zusammenbruch des Willens einen Menschen gleich einer Krankheit packen,
sich allmählich entwickeln und kurz vor der Vollbringung des Verbrechens
ihren höchsten Punkt erreichen, bei der Ausführung, oder noch etwas
länger, je nach Veranlagung, auf demselben Höhepunkt anhalten und dann
ebenso vergehen, wie jede andere Krankheit. Die Frage aber, ob eine
Krankheit das Verbrechen erzeugt oder ob das Verbrechen selbst irgendwie
infolge seiner eigentümlichen Natur stets von etwas Ähnlichem wie
Krankheit begleitet wird, -- zu lösen, fühlte er sich nicht imstande.

Nachdem er das erwogen hatte, schloß er, daß mit ihm persönlich bei
seiner Tat ein ähnlicher krankhafter Umschwung nicht stattfinden könne,
daß sein Verstand und Wille während der ganzen Zeit der Vollführung
völlig intakt sein werde, einzig schon aus dem Grunde, weil sein
Unternehmen -- »kein Verbrechen« sei ... Lassen wir den ganzen Prozeß
beiseite, durch den er zu dem letzten Schlusse gekommen war; wir sind
schon ohnedem viel zu weit gegangen ... Wir wollen bloß hinzufügen, daß
die tatsächlichen, rein materiellen Hindernisse der Tat überhaupt in
seinem Verstande eine untergeordnete Rolle spielten. »Man muß nur den
ganzen Willen und den ganzen Verstand bewahren, und sie alle werden
seinerzeit besiegt werden, wenn es darauf ankommt, alle Einzelheiten der
Tat bis zum kleinsten Punkt zu übersehen ...«

Aber die Tat war noch nicht in Angriff genommen. An die endgültige
Ausführung glaubte er eben fortgesetzt selber am wenigsten, und als die
Stunde schlug, kam alles gar nicht so, sondern wie zufällig, ja fast
unerwartet.

Ein ganz geringfügiger Umstand machte ihn stutzig, noch ehe er die
Treppe hinabgestiegen war. Als er an der Tür zu der Küche vorbeiging,
die wie immer weit geöffnet war, warf er einen vorsichtigen Seitenblick
hinein, um sich vorher zu vergewissern, ob nicht während der Abwesenheit
von Nastasja die Wirtin selbst da sei, und wenn sie nicht da war, ob die
Türe zu ihrem Zimmer auch gut verschlossen sei, damit sie ja nicht
plötzlich herauskommen könne, wenn er das Beil holen würde? Aber wie
groß war seine Betroffenheit, als er plötzlich Nastasja diesmal nicht
nur in der Küche sah, sondern dazu mit einer Arbeit beschäftigt; sie
nahm aus einem Korbe Wäsche und hing sie auf. Als sie ihn erblickte,
hörte sie auf, wandte sich zu ihm und schaute ihn die ganze Zeit an,
während er vorbeiging. Er wandte die Augen ab und ging weiter, als ob er
sie nicht gesehen hätte. Die Sache aber war abgetan, -- er hatte kein
Beil! Er war tief niedergeschlagen.

»Und woher kam mir der Gedanke,« sagte er sich, indem er sich dem Tore
näherte. »Woher kam mir der Gedanke, daß sie unbedingt in diesem
Augenblicke nicht zu Hause sein dürfe? Warum, warum, warum war ich so
sicher davon überzeugt?«

Er war verstört, kam sich erniedrigt vor; wollte über sich selbst vor
Ärger lachen ... Eine dumpfe tierische Wut bemächtigte sich seiner.

Er blieb in Gedanken versunken unter dem Tore stehen. Auf die Straße zu
gehen, um des Scheines willen zu spazieren, war ihm widerlich; nach
Hause zurückkehren noch widerlicher. »Welch eine Gelegenheit hab ich für
immer verloren!« murmelte er, indem er unschlüssig unter dem Tore
stehenblieb, gerade gegenüber der dunklen Kammer des Hausknechts, die
auch offen war. Plötzlich zuckte er zusammen. In der Kammer des
Hausknechts, zwei Schritte von ihm entfernt, schimmerte unter der Bank
rechts etwas Blankes ... Er sah sich um -- niemand war in der Nähe. Auf
den Fußspitzen ging er zu der Kammer hin, stieg zwei Stufen hinab und
rief mit leiser Stimme nach dem Hausknecht.

»Es stimmt, er ist nicht da! Wahrscheinlich ist er irgendwo in der Nähe
auf dem Hofe, da die Türe weit offen steht.«

Er stürzte sich in aller Hast auf das Beil (es war ein solches) und zog
es unter der Bank, wo es zwischen zwei Holzscheiten lag, hervor;
befestigte es gleich in der Schlinge, steckte beide Hände in die Taschen
und verließ die Kammer. Niemand hatte es gesehen!

»Wenn der Verstand nicht hilft, so tut es der Teufel!« dachte er mit
einem sonderbaren Lächeln. Dieser Zufall hatte ihn außerordentlich
ermutigt.

Er ging langsam und _bedächtig_, ohne sich zu beeilen, um ja keinen
Verdacht zu erwecken. Er sah die Vorübergehenden wenig an, versuchte
ihnen nicht ins Gesicht zu sehen, um selber möglichst unerkennbar zu
sein. Plötzlich fiel ihm sein Hut ein. »Mein Gott! Geld hatte ich
vorgestern noch gehabt und bin nicht auf den Gedanken gekommen, mir eine
Mütze zu kaufen!«

Ein Fluch kam über seine Lippen. Als er zufällig in einen Laden
hineinblickte, sah er, daß die Wanduhr dort schon zehn Minuten über
sieben zeigte. Nun mußte er sich beeilen und gleichzeitig einen Umweg
machen, -- er wollte das Haus von der anderen Seite erreichen ...
Früher, als er ab und zu sich dies alles in der Phantasie vorstellte,
hatte er gemeint, daß er große Angst haben werde. Aber er fürchtete sich
jetzt nicht besonders, ja eigentlich gar nicht. In diesem Augenblicke
beschäftigten ihn selbst ganz andere Gedanken, doch nur immer kurze
Zeit. Als er an dem Jussupowschen Garten vorbeiging, vertiefte er sich
ziemlich stark in die Idee, hohe Springbrunnen zu errichten, und malte
sich aus, wie gut sie die Luft auf allen Plätzen erneuern würden.
Allmählich kam er zu der Überzeugung, daß, wenn man den Sommergarten
über den ganzen Exerzierplatz erweitern und ihn womöglich mit dem
Michailoffschen Schloßpark vereinigen würde, die Stadt dadurch einen
schönen großen Nutzen haben würde. Dabei interessierte ihn wiederum die
Frage, warum gerade in allen großen Städten der Mensch nicht bloß aus
reiner Notwendigkeit, sondern aus anderen Gründen geneigt ist, sich in
solchen Stadtteilen niederzulassen und zu leben, wo es keine Gärten,
keine Springbrunnen gibt, wo Schmutz und Gestank und allerhand
Abscheuliches herrscht. Es kamen ihm auch seine eigenen Spaziergänge
über den Heumarkt in den Sinn, und er besann sich auf sein Vorhaben.

»Was für ein Unsinn!« dachte er. »Nein, besser, ich denke an gar
nichts.«

»Wahrscheinlich in ähnlicher Weise heften sich die Gedanken derer, die
man zur Hinrichtung führt, an alle Gegenstände, die sie auf ihrem Wege
treffen,« fuhr es blitzartig durch seinen Kopf. Er verjagte schnell
diesen Gedanken ... da ist das Haus, er sieht das Tor. Irgendwo schlug
plötzlich eine Uhr einmal. »Was, ist es schon halb acht? Das kann nicht
sein, sie geht wahrscheinlich vor!«

Zu seinem Glück ging unter dem Tore alles wieder gut vonstatten. Wie
absichtlich fuhr in diesem Augenblicke unter das Tor ein ungeheurer
Wagen voll Heu, so daß er ihn die ganze Zeit, während er das Tor
passierte, verdeckte, und als der Wagen in den Hof hineinfuhr, huschte
er in einem Nu nach rechts. Dort, auf der anderen Seite des Wagens,
hörte man, wie einige Stimmen schrien und sich stritten, ihn aber hatte
niemand bemerkt und er begegnete auch niemandem. Viele Fenster, die auf
den großen viereckigen Hof hinausgingen, standen offen, aber er erhob
nicht den Kopf, -- er hatte keine Kraft dazu. Die Treppe zu der Wohnung
der Alten lag in der Nähe, gleich rechts von dem Tore. Er war schon auf
der Treppe ...

Er holte Atem, hielt die Hand auf das klopfende Herz, fühlte dabei nach
dem Beile, rückte es zurecht und begann vorsichtig und leise die Treppe
hinaufzusteigen, alle Augenblicke horchend. Auch die Treppe war um diese
Zeit vollkommen leer; alle Türen waren verschlossen; er begegnete auch
da niemandem. Im zweiten Stocke stand wohl eine leere Wohnung weit
offen, und in ihr arbeiteten Maler, aber auch die sahen nicht zu ihm
hin. Er stand einen Augenblick still, dachte nach und ging weiter. --
»Gewiß, es wäre noch besser, wenn sie nicht da wären, aber ... über
ihnen liegen noch zwei Stockwerke. Aber da ist nun der vierte Stock, da
ist die Türe, und die Wohnung gegenüber, die ist unbewohnt. Im dritten
Stocke steht die Wohnung, die unter der Wohnung der Alten liegt, allen
Anzeichen nach auch leer, -- die Visitenkarte, die an der Türe mit
Nägeln befestigt war, ist abgenommen, -- also sind sie ausgezogen!« ...
Sein Atem stockte. Einen Augenblick durchzuckte ihn der Gedanke: »Soll
ich nicht fortgehen!« Er gab sich aber keine Antwort und begann an der
Türe zu der Wohnung der Alten zu horchen, -- es war totenstill. Dann
lauschte er nochmals die Treppe hinab, lauschte lange und aufmerksam ...
Dann sah er sich zum letzten Male um, nahm sich zusammen, faßte sich und
tastete noch einmal nach dem Beil in der Schlinge.

»Bin ich nicht zu ... blaß?« dachte er. »Bin ich nicht zu erregt? Sie
ist mißtrauisch ... Soll ich nicht besser noch ein wenig warten ... bis
das Herz sich beruhigt? ...«

Das Herz aber beruhigte sich nicht. Im Gegenteil, es klopfte, wie
absichtlich, immer stärker und stärker ... Er hielt es nicht aus,
langsam streckte er die Hand nach der Klingel und schellte. Nach einer
halben Minute schellte er noch einmal etwas lauter.

Keine Antwort. Unnütz zu klingeln ging nicht an und paßte außerdem nicht
für ihn. Die Alte ist selbstverständlich zu Hause, aber sie ist
mißtrauisch und allein. Er kannte teilweise ihre Gewohnheiten ... und er
legte noch einmal sein Ohr fest an die Türe. Waren seine Sinne so
geschärft (was überhaupt sich schwer vorstellen läßt) oder war
tatsächlich es deutlich zu hören, er unterschied das vorsichtige Tasten
einer Hand an der Türklinke und das Rascheln eines Kleides an der Türe.
Jemand stand unbemerkbar innen am Schlosse selbst und lauschte ebenso,
wie er hier von außen, mit angehaltenem Atem und wie es schien, ebenso
mit dem Ohre an der Türe ... Er machte absichtlich eine Bewegung und
murmelte laut etwas vor sich hin, um zu zeigen, daß er sich nicht
verstecke. Dann schellte er zum dritten Male, aber leise, mit Anstand
und ohne Ungeduld. Wenn er sich später dessen erinnerte, deutlich und
klar, -- dieser Augenblick hat sich ihm auf ewig eingeprägt, -- konnte
er nicht begreifen, woher soviel Schlauheit über ihn gekommen war,
besonders, da sein Verstand sich zeitweise verdunkelte und er seinen
Körper fast gar nicht fühlte ... Einen Augenblick nachher hörte man, daß
der Verschluß abgenommen wurde.


                                  VII.

Die Türe wurde, wie auch damals, um einen einzigen Spalt geöffnet, und
wieder hafteten auf ihm zwei scharfe und mißtrauische Augen aus der
Dunkelheit. Da verlor Raskolnikoff die Fassung und machte beinahe einen
großen Fehler.

In der Befürchtung, daß die Alte erschrecken würde, weil sie allein sei,
und da er nicht glauben konnte, daß sein Anblick sie beruhigen würde,
griff er nach der Türe und zog sie zu sich, damit die Alte nicht auf den
Gedanken komme, sich wieder einzuschließen. Als die Alte das sah, zog
sie die Türe nicht zurück, ließ aber auch nicht die Türklinke los, so
daß er sie beinahe mit der Türe auf die Treppe hinauszog. Da er aber
sah, daß sie quer vor der Türe stand und ihn nicht durchlassen wollte,
ging er direkt auf sie los. Die Alte sprang erschreckt zurück, wollte
etwas sagen, aber schien es nicht zu können und sah ihn unverwandt an.

»Guten Tag, Aljona Iwanowna,« begann er möglichst ungezwungen, aber die
Stimme gehorchte nicht, sie brach ab und zitterte. »Ich habe Ihnen ...
ein Versatzstück gebracht ... aber wir gehen besser hierher ... wo es
hell ist ...« Er ließ sie stehn und ging ohne Aufforderung in das
Zimmer. Die Alte lief ihm nach, ihre Zunge hatte sich gelöst.

»Herrgott! Was wollen Sie? ... Wer sind Sie? Was wollen Sie?«

»Erlauben Sie, Aljona Iwanowna ... ich bin Ihnen bekannt ...
Raskolnikoff ... da haben Sie, ich habe ein Versatzstück gebracht, wie
ich vor ein paar Tagen versprach ...«

Und er reicht ihr das Versatzstück hin.

Die Alte warf einen leichten Blick auf das Versatzstück, aber richtete
sofort ihre Augen direkt ins Gesicht des ungebetenen Gastes. Sie sah ihn
aufmerksam, böse und mißtrauisch an. Es verging eine Minute; ihm schien
sogar, in ihren Augen liege etwas wie Spott, als ob sie schon alles
erraten hätte. Er fühlte, daß er die Fassung verlor, und daß ihn die
Furcht packte, eine so starke Furcht, daß ihm schien, wenn sie ihn noch
eine halbe Minute so weiter angesehen hätte, er ohne ein Wort zu sagen
weggelaufen wäre.

»Warum sehen Sie mich so an, als ob Sie mich nicht wiedererkennen?«
sagte er plötzlich ebenfalls böse. »Wenn Sie wollen, nehmen Sie es zum
Versatz, wenn nicht, -- gehe ich zu anderen, ich habe keine Zeit.«

Er wußte selbst nicht, wie er zu diesen Worten kam.

Die Alte kam zu sich, und der entschlossene Ton des Besuchers gab ihr
anscheinend Mut.

»Warum sind Sie hergekommen, Väterchen, was ist das?« fragte sie und
blickte auf das Versatzstück.

»Ein silbernes Zigarettenetui; ich sprach vorigesmal davon!«

Sie streckte die Hand aus.

»Warum sind Sie so blaß? Auch Ihre Hände zittern! Haben Sie gebadet?«

»Fieber habe ich,« antwortete er kurz. »Unwillkürlich wird man blaß ...
wenn man nichts zu essen hat,« fügte er, die Worte kaum aussprechend,
hinzu. Die Kräfte verließen ihn wieder. Die Antwort aber erschien
wahrheitsgetreu; denn die Alte nahm das Versatzstück.

»Was ist es?« fragte sie, indem sie Raskolnikoff noch einmal prüfend
ansah und das Versatzstück in der Hand wog.

»Ein Ding ... ein Zigarettenetui ... aus Silber ... Sehen Sie nach.«

»Hm, mir scheint es nicht aus Silber ... Sieh, wie er es zugeschnürt hat
...« Indem sie versuchte, den Bindfaden zu lösen und sich zum Fenster
gegen das Licht wandte (alle Fenster waren trotz der schwülen Hitze
geschlossen), ließ sie ihn auf ein paar Sekunden aus dem Auge und
stellte sich mit dem Rücken gegen ihn. Er knöpfte seinen Mantel auf und
zog das Beil aus der Schlinge, aber er holte es noch nicht hervor,
sondern hielt es mit der rechten Hand unter dem Mantel. Seine Hände
waren furchtbar schwach; er fühlte selbst, wie sie mit jedem Augenblick
immer mehr erlahmten und erstarrten. Er fürchtete, daß er das Beil
fallen lassen werde ... plötzlich schwindelte ihm der Kopf.

»Was hat er denn da umgewickelt!« rief die Alte ärgerlich aus und machte
eine Bewegung nach seiner Seite. Kein Moment länger durfte verloren
gehen. Er zog das Beil ganz hervor, hob es, kaum daß er sich dessen
bewußt war, mit beiden Händen empor und ließ es fast ohne Anstrengung,
fast mechanisch mit der breiten Seite auf den Kopf der Alten
niederfallen. Er hatte, wie es schien, dabei keine Kraft angewandt. Aber
kaum hatte er das Beil zum ersten Male fallen lassen, da kamen auch die
Kräfte.

Die Alte war wie immer barhäuptig. Ihre hellen, leicht ergrauten dünnen
Haare, wie gewöhnlich fettig geölt, waren in rattenschwanzartige kleine
Flechten geflochten und wurden von einem abgebrochenen Hornkamme, der
auf ihrem Hinterkopfe saß, zusammengehalten. Der Schlag hatte sie bei
ihrer Kleinheit direkt auf den Scheitel getroffen. Sie schrie auf, aber
sehr leise, ihre beiden Hände gegen den Kopf erhebend. In der einen Hand
hielt sie das »Versatzstück« fest. Da schlug er aus aller Kraft ein
zweites und ein drittes Mal zu, immer mit der breiten Seite und immer
gegen den Scheitel. Das Blut strömte hervor wie aus einem zersprungenen
Glase, und der Körper fiel zu Boden mit dem Gesichte nach oben. Er trat
einen Schritt zurück, ließ den Körper liegen und beugte sich über ihr
Gesicht; sie war schon tot. Die Augen waren weit aufgerissen, als ob sie
herausspringen wollten, und die Stirn und das ganze Gesicht waren
verzogen und krampfhaft verzerrt.

Er legte das Beil auf die Diele neben die Tote, langte eilends in ihre
Tasche, in dieselbe rechte Tasche, aus der sie das vorige Mal die
Schlüssel hervorgeholt hatte, und suchte zu verhindern, daß er sich mit
dem fließenden Blute beschmiere. Er war bei klarem Verstande,
Verdüsterungen und Schwindel fühlte er nicht mehr, aber die Hände
zitterten immer noch. Er erinnerte sich später, daß er sogar sehr
aufmerksam und vorsichtig war und immer versuchte, sich nicht zu
beschmutzen ... Die Schlüssel zog er sofort heraus; sie hingen alle wie
damals an einem Schlüsselbunde, an einem Ringe von Stahl. Er lief sofort
mit ihm in das Schlafzimmer. Das war ein sehr kleines Zimmer mit einer
großen Sammlung Heiligenbilder. An der anderen Wand stand ein großes
Bett, sehr reinlich, mit einer wattierten Decke, die mit bunten
Seidenflicken besetzt war. An der dritten Wand stand eine Kommode. Wie
seltsam, kaum begann er die Schlüssel an der Kommode zu probieren, kaum
hörte er ihr Rascheln, da kam der Krampf über ihn. -- Er bekam wieder
Lust, alles liegenzulassen und fortzugehen. Aber das dauerte nur einen
Augenblick; es war zu spät, fortzugehen. Er lächelte sogar über sich
selbst, als plötzlich ein anderer beunruhigender Gedanke durch seinen
Kopf fuhr. Ihm däuchte plötzlich, daß die Alte vielleicht noch lebe und
zu sich kommen könne. Er ließ die Schlüssel fallen, lief zurück zu der
Toten, ergriff das Beil und erhob es noch einmal über die Alte, ließ es
aber nicht niedersausen. Es gab keinen Zweifel, sie war tot. Indem er
sich über sie beugte und sie wieder in der Nähe betrachtete, sah er
deutlich, daß der Schädel zerschmettert und sogar ein wenig nach der
Seite verschoben war. Er wollte mit dem Finger es befühlen, aber er riß
die Hand zurück; es war ja ohnedem zu sehen. Indessen war schon eine
ganze Pfütze Blut zusammengelaufen. Plötzlich bemerkte er an ihrem Halse
eine Schnur, er riß daran, aber die Schnur war stark und ließ sich nicht
zerreißen, außerdem war sie mit Blut durchtränkt. Er versuchte sie so
unter dem Busen hervorzuziehen, aber etwas hielt die Schnur fest.
Ungeduldig wollte er wieder das Beil emporheben, um die Schnur von oben
über den Körper durchzuschlagen, aber er wagte es nicht, und mit großer
Mühe zerschnitt er nach einer Arbeit von zwei Minuten die Schnur, ohne
mit dem Beile den Körper zu berühren, wobei er aber seine Hände und das
Beil mit Blut besudelt hatte; er hatte sich nicht geirrt -- an der
Schnur hing ein Beutel. Außerdem hingen daran zwei Kreuze, eins von
Zypressen und das andere von Kupfer, und ein Heiligenbildchen aus
Emaille; es war ein kleiner beschmutzter Beutel aus Sämischleder mit
einer stählernen Spanne und kleinem Ringe. Der Beutel war sehr voll
gepackt. Raskolnikoff steckte ihn, ohne ihn näher zu betrachten, in die
Tasche, die Kreuze warf er der Alten auf die Brust, nahm diesmal das
Beil auch mit und stürzte in das Schlafzimmer zurück.

Er war in schrecklicher Hast, nahm die Schlüssel und versuchte sie von
neuem. Aber es gelang ihm immer nicht, sie paßten nicht für die
Schlösser. Nicht, weil seine Hände zitterten, aber er irrte sich immer;
er sah zum Beispiel, daß es nicht der richtige Schlüssel war, daß er
nicht paßte, trotzdem probierte er ihn immer wieder. Plötzlich dachte er
daran und es leuchtete ihm ein, daß dieser große Schlüssel mit dem
zackigen Barte, der an dem Ringe mit den anderen kleinen zusammenhing,
gar nicht zu der Kommode gehörte (wie es ihm schon vorigesmal in den
Sinn gekommen war), sondern unbedingt zu einer Truhe gehören mußte, und
daß in dieser Truhe vielleicht alles aufbewahrt war. Er verließ die
Kommode und kroch sofort unter das Bett, da er wußte, daß die Truhen
gewöhnlich bei alten Frauen unter dem Bette stehen. Es stimmte, es stand
darunter eine ziemlich große Truhe, ungefähr ein Meter lang, mit einem
halbrunden Deckel, mit rotem Saffian beschlagen. Der zackige Schlüssel
paßte und schloß die Truhe auf. Oben, unter einem weißen Laken, lag ein
mit rotem Stoff bezogener Pelz aus Hasenfellen; unter ihm ein seidenes
Kleid, ein Schal und in der Tiefe lagen, wie es schien, allerhand
Kleidungsstücke. Zuerst begann er seine mit Blut besudelten Hände an dem
roten Stoff abzuwischen. »Der Stoff ist rot und bei rot ist Blut nicht
so auffallend,« dachte er und plötzlich kam er zu sich. »Mein Gott!
Verliere ich den Verstand?« sagte er sich erschreckt.

Kaum aber hatte er die Lumpen angerührt, als plötzlich unter dem Pelze
eine goldene Uhr hervorglitt. Er machte sich daran, alles in der Truhe
umzuwerfen. Zwischen den Kleidungsstücken waren in der Tat goldene
Sachen untergebracht -- wahrscheinlich alles versetzte Sachen, gekaufte
oder nicht ausgelöste Armbänder, Ketten, Ohrringe, Busennadeln und
dergleichen mehr. Manche Pfänder waren in Futteralen, andere wieder
einfach in Zeitungspapier eingeschlagen, aber peinlich und sorgfältig in
doppelte Bogen und mit Bindfaden zugeschnürt. Ohne einen Moment zu
zögern, begann er seine Hosentaschen und die Taschen im Mantel mit den
Sachen zu füllen; er untersuchte nicht und öffnete nicht die Pakete und
die Futterale, aber er kam nicht dazu, viel einzustecken ...

Denn plötzlich hörte er in dem Zimmer, wo die Alte lag, Schritte. Er
ließ das Kramen und verhielt sich still, wie ein Toter. Alles war aber
ruhig, also hatte er nur geträumt. Aber da hörte er deutlich einen
leisen Schrei, als wenn jemand leise und abgerissen stöhnte und darauf
schwieg. Wieder trat eine Totenstille ein, eine Minute oder zwei Minuten
lang. Er horchte neben der Truhe und wartete mit angehaltenem Atem,
plötzlich aber sprang er auf, ergriff das Beil und lief aus dem
Schlafzimmer.

Mitten im Zimmer stand Lisaweta mit einem großen Bündel in der Hand und
sah erstarrt die ermordete Schwester an; sie war weiß wie Linnen und
schien außerstande zu schreien. Als sie ihn hereinlaufen sah, erzitterte
sie wie ein Blatt, und ihr ganzes Gesicht zuckte; sie erhob die eine
Hand, öffnete den Mund, schrie aber trotzdem nicht und begann langsam
rückwärts vor ihm in eine Ecke zurückzuweichen, ihm unverwandt ins
Gesicht sehend, aber immer noch nicht schreiend, als ob es ihr an Luft
mangele. Er stürzte sich auf sie mit dem Beile. Ihre Lippen verzogen
sich so kläglich, wie es ganz kleine Kinder tun, wenn sie sich vor etwas
fürchten, den Gegenstand ihrer Furcht unverwandt ansehen und sich
anschicken zu schreien. Diese unglückliche Lisaweta war so einfältig und
so völlig eingeschüchtert, daß sie nicht einmal ihre Hände erhob, um das
Gesicht zu schützen, obwohl das doch die unwillkürlichste und
natürlichste Bewegung in diesem Augenblicke gewesen wäre, während das
Beil über ihrem Kopfe schwebte. Sie erhob nur ein wenig ihre freie linke
Hand, aber bei weitem nicht bis zum Gesichte und streckte sie ihm
langsam entgegen, als ob sie ihn zur Seite schieben wollte. Der Schlag
traf direkt den Schädel mit der scharfen Seite des Beiles und
durchschnitt mit einem Male den ganzen oberen Teil der Stirn fast bis
zur Schläfe. Sie stürzte sofort hin. Raskolnikoff verlor beinahe die
Fassung, er ergriff ihr Bündel, warf es wieder hin und lief in das
Vorzimmer.

Die Angst packte ihn mehr und mehr nach diesem zweiten, vollkommen
unerwarteten Morde. Er wollte schnell von hier fort. Und wenn er in
diesem Augenblicke imstande gewesen wäre, klarer zu sehen und zu denken,
wenn er sich alle Schwierigkeiten seiner Lage, die ganze Verzweiflung,
den ganzen Ekel und den ganzen Wahnsinn der Situation hätte vorstellen
können und dabei verstanden hätte, wieviel Hindernisse, vielleicht auch
Verbrechen er noch überwinden und vollbringen mußte, um von hier
loszukommen und nach Hause zu gelangen, dann hätte er wahrscheinlich
alles im Stiche gelassen und wäre sofort hingegangen und hätte sich
selbst gestellt; und er hätte es nicht aus Furcht getan für seine
Person, sondern nur aus Schrecken und Widerwillen allein vor dem, was er
vollbracht hatte. Besonders der Widerwillen stieg und wuchs in ihm mit
jedem Augenblicke. Um keinen Preis in der Welt würde er jetzt zu der
Truhe oder in das Zimmer zurückgegangen sein.

Aber eine Zerstreutheit, eine Nachdenklichkeit kam allmählich über ihn;
einige Minuten blieb er wie verloren stehen oder besser, er verlor sich
in Kleinigkeiten und vergaß die Hauptsache. Als er übrigens einen Blick
in die Küche warf und auf einer Bank einen Eimer sah, der zur Hälfte mit
Wasser gefüllt war, kam er auf den Gedanken, seine Hände und das Beil
abzuwaschen. Seine Hände waren blutig und klebten. Das Beil steckte er
mit der Schneide einfach ins Wasser, ergriff ein Stück Seife, das auf
dem Fensterbrette auf einer zerschlagenen Untertasse lag und begann im
Eimer selbst seine Hände zu waschen. Nachdem er die Hände gereinigt
hatte, zog er auch das Beil heraus, wusch das Eisen ab und wusch lange,
gegen drei Minuten lang, die Blutflecken vom Holze ab und versuchte
sogar das Blut mit Seife abzuwaschen. Dann trocknete er alles mit
Wäschestücken ab, die hier an einem Stricke trockneten, und besah lange
voll Aufmerksamkeit am Fenster das Beil. Spuren waren nicht da, nur das
Holz war noch feucht. Er steckte sorgfältig das Beil in die Schlinge
unter dem Mantel. Darauf besah er den Mantel, die Hosen und die Stiefel,
soweit es ihm das Licht in der halbdunklen Küche erlaubte. Beim ersten
Blick schien man außen nichts zu sehen; nur auf den Stiefeln waren
Flecken. Er machte einen Lappen naß und wischte die Stiefel ab. Er wußte
übrigens, daß er nicht gut sehen konnte, daß es vielleicht etwas in die
Augen Fallendes gab, was er nicht bemerkte. In Nachdenken versunken,
stand er mitten im Zimmer. Ein quälender dunkler Gedanke erstand in ihm
-- der Gedanke, daß er den Verstand verliere, und daß er in diesem
Augenblicke weder denken noch sich verteidigen könne, daß vielleicht gar
nicht das zu tun sei, was er jetzt tue ...

»Mein Gott! Ich muß fort, fort!« murmelte er und stürzte in das
Vorzimmer. Aber hier erwartete ihn ein Schrecken, wie er ihn sicher noch
nie erlebt hatte.

Er stand, sah hin und traute seinen Augen nicht: die Türe, die
Außentüre, die aus dem Vorzimmer auf die Treppe ging, dieselbe, an der
er vor kurzem geschellt und durch die er hineingekommen war, stand
offen, sogar eine Hand breit offen, weder das Schloß war zu, noch der
Riegel vor -- die ganze, die ganze, ganze Zeit! Die Alte hatte hinter
ihm nicht abgeschlossen, vielleicht aus Vorsicht. Aber, mein Gott! Er
hat aber doch später Lisaweta gesehen! Und wie konnte, wie konnte er
nicht auf den Gedanken kommen, daß sie doch irgendwie hereingekommen
war! Sie war nicht durch die Wand gekommen!

Er stürzte zur Türe und legte den Riegel vor.

»Aber nein, das war wieder nicht das richtige! Ich muß fort, fort! ...«

Er zog den Riegel zurück, öffnete die Türe und begann zur Treppe hin zu
lauschen.

Er horchte lange. Irgendwo weit unten, wahrscheinlich unter dem Tore,
schrien laut und kreischend zwei Stimmen, stritten sich und schimpften.

»Was haben die? ...«

Er wartete geduldig. Endlich wurde mit einem Male alles still, wie
abgeschnitten; sie sind fortgegangen.

Er wollte schon hinaustreten, aber plötzlich öffnete sich geräuschvoll
ein Stock tiefer eine Tür zur Treppe, jemand begann die Treppe
hinabzusteigen und summte vor sich irgend etwas her.

»Wie sie alle lärmen!« ging es durch seinen Kopf.

Er zog wieder die Türe zu und wartete. Endlich verstummte alles, keine
Seele war zu hören. Er tat schon einen Schritt zur Treppe, als er
plötzlich wieder neue Schritte vernahm.

Diese Schritte kamen von sehr weit her, ganz vom Anfange der Treppe,
aber er erinnerte sich sehr gut und deutlich, daß er schon beim ersten
Schritte damals aus irgendeinem Grunde den Verdacht faßte, daß man
unbedingt _hierher_, in den vierten Stock, zu der Alten komme. Warum?
Klangen die Schritte so sonderbar, so bedeutungsvoll? Es waren schwere
gleichmäßige Schritte von einem Menschen, der keine Eile hat. Den ersten
Stock hat _er_ schon erreicht, nun steigt er weiter die Treppe hinauf,
-- deutlicher und deutlicher hört man es. Er vernahm das schwere Atmen
des Kommenden. Nun ist er schon im dritten Stock. Er kommt hierher! Und
plötzlich erschien es Raskolnikoff, als wäre er versteinert, als wäre er
im Traume, wenn es einem träumt, daß man verfolgt wird, daß die Mörder
ganz nahe hinter einem sind, man aber wie angewachsen dasteht und die
Hände nicht rühren kann.

Endlich, als der Besucher schon den vierten Stock heraufstieg, fuhr er
plötzlich zusammen und es gelang ihm doch schnell und geschmeidig, von
dem Treppenabsatz in die Wohnung hineinzuschlüpfen und die Türe hinter
sich zuzumachen. Dann nahm er den Haken und legte ihn leise, unhörbar
vor. Der Instinkt half ihm. Als er das in Ordnung gebracht hatte,
stellte er sich mit angehaltenem Atem direkt an die Türe. Der unbekannte
Besucher war schon da. Sie standen jetzt einander gegenüber, wie er vor
kurzem der Alten gegenüberstand, als die Türe sie voneinander trennte,
und er lauschte.

Der Besucher atmete ein paarmal schwer.

»Er ist wahrscheinlich dick und groß,« dachte Raskolnikoff und nahm das
Beil fester in die Hand. Ihm war wieder alles wie im Traume. Der
Besucher faßte die Klingel und läutete stark.

Als die Klingel blechern erklirrte, schien es ihm, als ob in dem Zimmer
sich jemand rühre. Einige Sekunden lauschte er. Der Unbekannte schellte
noch einmal, wartete ein wenig und begann plötzlich ungeduldig aus aller
Kraft mit der Türklinke zu klappern. Mit Schrecken blickte Raskolnikoff
auf den hüpfenden Haken und wartete mit stumpfer Angst, daß der Haken
jeden Augenblick herausspringen werde. Es schien in der Tat möglich zu
sein, -- so stark riß jener an der Türe. Er wollte den Haken mit der
Hand niederhalten, aber der _andere_ konnte es merken. Es begann ihm
wieder schwindlig zu werden.

»Ich breche noch zusammen!« durchzuckte es ihn, aber der Unbekannte
begann zu sprechen, da kam er zu sich. »Ja, schlafen die denn da oder
sind sie tot? Verflucht noch einmal!« wetterte er. »He, Aljona Iwanowna,
alte Hexe! Lisaweta Iwanowna, du wundervolle Schönheit! Öffnet! Ach,
verflucht, schlafen sie wirklich?«

Und er riß von neuem rasend gegen zehnmal nacheinander aus voller Kraft
an der Klingel. Es war wohl ein Mann, der etwas galt und im Hause gut
bekannt war.

In diesem Augenblick vernahm man unweit auf der Treppe kurze eilige
Schritte. Es kam noch jemand. Raskolnikoff hatte es zuerst nicht gehört.

»Ist niemand da; unmöglich?« rief laut der Angekommene und wandte sich
freundlich an den ersten Besucher, der noch immer an der Klingel riß.
»Guten Abend, Koch!«

»Nach der Stimme zu urteilen, muß es ein sehr junger Mann sein,« dachte
Raskolnikoff.

»Das weiß der Teufel, ich habe fast das Schloß abgerissen,« antwortete
Koch. »Aber woher kennen Sie mich denn?«

»Warum nicht! Vorgestern habe ich Ihnen drei Partien Billard im
>Gambrinus< abgewonnen.«

»Ah ...«

»Also, sie sind nicht zu Hause. Merkwürdig. Das ist aber dumm. Wo mag
nur die Alte hingegangen sein? Ich habe Geschäfte mit ihr.«

»Ich auch, mein Lieber.«

»Was ist da zu tun? Wohl oder übel müssen wir wieder gehen. Ach! Und ich
hoffte Geld zu bekommen!« rief der junge Mann aus.

»Selbstredend müssen wir gehen, aber wozu gibt man eine Zeit an? Die
alte Hexe hat mir selbst die Stunde bestimmt. Für mich bedeutet das
einen weiten Weg. Zum Teufel, ich verstehe nicht, wo sie sich
herumtreiben kann. Das ganze Jahr sitzt sie im Hause, die Hexe, rührt
sich nicht vom Fleck, die Füße tun ihr weh, und nun plötzlich macht sie
Ausflüge!«

»Sollen wir nicht den Hausknecht fragen?«

»Wonach denn?«

»Wohin sie gegangen ist und wann sie wiederkommt?«

»Hm ... zum Teufel ... sollen wir fragen ... Ja, sie geht doch nie aus
...« und er riß noch einmal an der Türklinke.

»Zum Teufel, es bleibt nichts übrig, wir müssen fortgehen.«

»Warten Sie!« rief plötzlich der junge Mann. »Sehen Sie einmal, wie die
Türe nachgibt, wenn man daran reißt!«

»Na, und?«

»Also ist sie nicht abgeschlossen, sondern nur eingehakt, auf den Haken!
Hören Sie, wie der Haken klirrt?«

»Nun?«

»Verstehn Sie denn nicht? Also ist jemand von ihnen zu Hause. Wenn alle
fortgegangen wären, hätten sie die Türe mit dem Schlüssel abgeschlossen,
und nicht von innen mit dem Haken. Hören Sie nun, wie der Haken klirrt?
Um aber von innen die Türe mit dem Haken abzuschließen, muß man zu Hause
sein, verstehen Sie? Also, sitzen sie zu Hause und öffnen nicht!«

»Hm! Ja, das ist wahr!« rief erstaunt Koch. »Was ist denn mit ihnen
los?« Und er begann voll Wucht an der Türe zu zerren.

»Warten Sie!« rief von neuem der junge Mann. »Halten Sie ein! Hier ist
etwas nicht in Ordnung ... Sie haben doch geklingelt, an der Türe
gerüttelt, -- und sie öffnen nicht, also, liegen sie entweder in
Ohnmacht oder ...«

»Was?«

»Hören Sie mal, holen wir den Hausknecht, möge er sie aufwecken.«

»Gut.«

Sie gingen beide zur Treppe.

»Warten Sie! Bleiben Sie mal hier, ich aber laufe nach dem Hausknecht.«

»Warum soll ich bleiben?«

»Es ist so besser ...«

»Meinetwegen ...«

»Ich bereite mich zum Untersuchungsrichter vor! Hier stimmt offenbar,
offen--bar ... nicht alles!« rief voll Eifer der junge Mann und lief
eilig die Treppe hinab.

Koch blieb, rührte noch einmal leise die Klingel und es klirrte ein
einziges Mal; dann begann er sachte, als ob er es überlegte und prüfte,
die Türklinke zu bewegen, er zog sie auf und ließ sie niedergleiten, um
sich noch einmal zu vergewissern, daß die Türe bloß mit einem Haken
geschlossen sei. Darauf bückte er sich schwer atmend und blickte durch
das Schlüsselloch, aber darin stak von innen der Schlüssel, und er
konnte nichts sehen.

Raskolnikoff stand und hielt krampfhaft das Beil, fieberhaft erregt. Er
war bereit zu kämpfen, wenn sie hereinkommen sollten. Schon als sie
klopften und sich besprachen, kam ihm einigemal der Gedanke, allem ein
Ende zu machen und ihnen durch die Türe zuzurufen. Es wandelte ihn an,
sie zu schimpfen, sie zu reizen, bevor sie die Türe aufmachten. »Möchte
es doch schneller zu Ende gehen!« fuhr es ihm durch den Kopf. »Zum
Teufel noch einmal ...«

Die Zeit verrann, eine Minute nach der andern ging vorüber, niemand kam.
Koch begann unruhig zu werden.

»Zum Teufel noch einmal! ...« rief er plötzlich aus, und voll Ungeduld
verließ er seinen Posten, ging die Treppe eilig hinab, und stapfte fest
auf.

»Mein Gott, was ist nun zu tun!« Raskolnikoff hob den Haken ab, öffnete
ein wenig die Türe, es war nichts zu hören, er trat plötzlich vollkommen
gedankenlos heraus, zog die Türe hinter sich möglichst dicht zu und ging
hinab. Er war schon drei Treppen hinabgestiegen, als plötzlich unten ein
starker Lärm hörbar wurde, -- wohin sich wenden? Er konnte sich nirgends
verstecken und wollte schon zurück in die Wohnung laufen.

»He Teufel! Halt!«

Mit einem Schrei stürzte jemand unten aus einer Wohnung heraus und lief
so schnell hinunter, daß er die Treppe beinahe hinunterzufallen schien.

»Mitjka, Mitjka! Mitjka! Mitjka! Mitjka! Hol dich der Kuckuck!«

Der Schrei endete mit Kreischen; die letzten Töne hörte man schon vom
Hofe her; alles wurde still. Aber im selben Augenblick begannen ein paar
Menschen, die laut und schnell sprachen, geräuschvoll die Treppe
hinaufzusteigen, vielleicht drei oder vier. Raskolnikoff unterschied die
helle Stimme des jungen Mannes.

»Das sind sie.«

In größter Verzweiflung ging er ihnen direkt entgegen, -- mochte nun
kommen, was wollte. Wenn sie ihn anhielten, war alles verloren, wenn sie
ihn vorbeiließen, war auch alles verloren, -- denn sie werden ihn
wiedererkennen. Sie kamen bedenklich näher; zwischen ihnen war nur eine
einzige Treppe -- da kam die Rettung. Einige Stufen vor ihm rechts stand
weit geöffnet eine leere Wohnung, dieselbe Wohnung im zweiten Stock, in
der Arbeiter malten und jetzt wie mit Absicht fortgegangen waren. Das
waren sicher die Leute gewesen, die soeben mit solch einem Geschrei
hinabgelaufen waren. Die Dielen waren frisch gestrichen, mitten im
Zimmer stand ein kleiner Eimer und eine Scherbe von einem Topfe mit
Farbe und Pinsel. Im Nu schlüpfte er durch die offene Tür und verbarg
sich hinter einer hohen Wand, es war hohe Zeit. Sie waren schon auf dem
Treppenabsatz. Dann wandten sie sich nach oben und gingen laut sprechend
nach dem vierten Stock. Er wartete eine Zeitlang, ging auf Fußspitzen
hinaus und lief nach unten.

Auf der Treppe war niemand! Auch unten nicht. Er ging schnell durch das
Tor und ging nach links die Straße hinunter. Er wußte es nur zu gut, daß
sie in diesem Augenblicke schon in der Wohnung waren, daß sie erstaunt
waren, die Türe offen zu sehen, die noch eben verschlossen war, daß sie
schon die Leichen erblickten, und daß sie in weniger als einer Minute
erraten würden, daß der Mörder hier soeben noch dagewesen war und Zeit
gefunden hatte, sich irgendwo zu verbergen, an ihnen vorbeizuhuschen und
zu fliehen; sie werden vielleicht auch auf den Gedanken gekommen sein,
daß er in der leeren Wohnung stak, als sie nach oben gingen. Indessen
aber durfte er um keinen Preis seinen Gang zu sehr beschleunigen,
obgleich bis zur ersten Seitenstraße gegen hundert Schritte waren.

»Soll ich nicht in ein Tor hineinschlüpfen und irgendwo in einer
unbekannten Straße abwarten? Nein, das ist gefährlich! Soll ich nicht
das Beil fortwerfen? Soll ich nicht eine Droschke nehmen? Es ist zu
gefährlich, zu gefährlich!«

Endlich kam die Seitenstraße, er bog in sie halbtot ein. Hier war er
schon zur Hälfte gerettet, und ward es inne, -- hier erregte er kaum
Verdacht, zudem war diese Straße stark belebt, und er ging wie ein
Sandkorn in der Menge verloren. Aber alle diese Qualen hatten ihn so
erschöpft, daß er sich kaum mehr fortbewegen konnte. Der Schweiß rann
ihm in Tropfen herunter, sein Hals war ganz naß.

»Sieh mal, wie der voll ist!« rief ihm jemand zu, als er auf den Kanal
hinauskam.

Er hatte fast keinen Gedanken mehr; je weiter er ging, um so schlimmer
wurde es. Er erschrak plötzlich, als er an den Kanal hinauskam; denn
dort gab es wenig Menschen, hier konnte er leichter auffallen, und er
wollte wieder in die Seitengasse zurückkehren. Trotzdem er am Umfallen
war, machte er doch einen Umweg und kam von einer anderen Seite nach
Hause.

Noch fast besinnungslos schritt er durch das Tor seines Hauses; er war
schon die Treppe hinaufgestiegen, da erst entsann er sich des Beiles.
Eine überaus wichtige Aufgabe stand ihm noch bevor, das Beil
zurückzulegen und es unbemerkt zu tun. Er hatte nicht mehr die Kraft, zu
überlegen, ob es vielleicht nicht viel besser wäre, das Beil gar nicht
mehr auf seinen früheren Platz zurückzubringen, sondern es irgendwo auf
einen fremden Hof, wenn auch nicht sofort, zu werfen.

Doch es ging alles gut vonstatten. Die Türe zu der Wohnung des
Hausknechts war zugemacht, aber nicht verschlossen, also war der
Hausknecht sehr wahrscheinlich zu Hause. Und so weit hatte er schon die
Fähigkeit zu überlegen verloren, daß er einfach auf die Wohnung losging
und die Türe öffnete. Hätte der Hausknecht ihn in diesem Augenblick
gefragt, was er wolle, er hätte ihm einfach das Beil in die Hand
gegeben. Der Hausknecht war aber auch diesmal nicht da und er konnte das
Beil auf seinen Platz unter die Bank legen; er bedeckte es sogar wieder
mit einem Holzscheit. Keine Seele begegnete ihm bis zu seinem Zimmer;
die Türe zur Wohnung der Wirtin war abgeschlossen. Nachdem er in sein
Zimmer eingetreten war, warf er sich auf den Diwan, so wie er war. Er
schlief nicht, verfiel aber in einen Halbschlummer. Wenn jemand jetzt in
sein Zimmer getreten wäre, wäre er aufgesprungen und hätte geschrien.
Abgerissene, verworrene Gedanken wirbelten in seinem Kopfe, aber er
konnte keinen einzigen erfassen, keinen festhalten, trotz aller
Anstrengung.




                              Zweiter Teil


                                   I.

So lag er sehr lange da. Manchmal wachte er vom Schlafe auf und dann
bemerkte er, daß es schon längst Nacht war. Endlich nahm er wahr, daß es
schon heller Tag war. Er lag auf dem Diwan ausgestreckt, noch erstarrt
von der kaum überwundenen Bewußtlosigkeit. Schrill tönte fürchterliches
verzweifeltes Geheul von der Straße herauf, das er jede Nacht unter
seinem Fenster in der dritten Morgenstunde hörte. Das hatte ihn auch
jetzt wieder aufgeweckt.

»Ah! Es kommen die Betrunkenen schon aus den Kneipen,« dachte er. »Es
ist drei Uhr!« und er sprang auf, als hätte ihn jemand von dem Diwan
heruntergestoßen.

»Wie! Es ist schon drei!«

Er setzte sich -- und da fiel ihm alles ein! Plötzlich fiel ihm alles
ein!

Im ersten Augenblicke dachte er, er würde den Verstand verlieren. Eine
furchtbare Kälte erfaßte ihn, aber die Kälte kam vom Fieber, das schon
längst während des Traumzustandes angefangen hatte. Es packte ihn ein
Schüttelfrost, daß die Zähne zusammenschlugen, und alles zitterte an
ihm. Er öffnete die Türe und begann zu lauschen: im Hause schlief alles.
Erschreckt betrachtete er sich selbst und alles ringsum im Zimmer und
begriff nicht -- wie konnte er nur gestern die Türe nicht zuhaken und
sich nicht nur angekleidet, sondern sogar mit dem Hute auf den Diwan
werfen; der Hut war ihm heruntergefallen und lag dort auf der Diele in
der Nähe des Kissens.

»Wenn jemand gekommen wäre, was hätte er denken müssen? Daß ich
betrunken, aber ...«

Er stürzte zum Fenster. Es war genügend hell und er besah sich schnell
ganz vom Kopfe bis zu den Füßen, seine ganze Kleidung, ob nicht Spuren
daran waren. Aber man konnte so nichts sehen; zitternd vor Frost, zog er
alles aus und wieder betrachtete er es von allen Seiten. Er drehte alles
um bis zum letzten Faden und Fetzen, und da er sich selber nicht traute,
wiederholte er dreimal die Besichtigung. Aber er fand nichts, scheinbar
keine Spur; nur an einer Stelle, wo die Hosen unten abgerieben und in
Fransen hingen, waren an diesen Fransen dicke Flecken eingetrockneten
Blutes. Er nahm ein großes Taschenmesser und schnitt die Fransen ab.
Mehr schien es nicht zu sein. Da fiel ihm ein, daß der Beutel und die
Sachen, die er aus der Truhe bei der Alten herausgenommen, sich noch
immer in seinen Taschen befanden. Er hatte nicht mehr daran gedacht, sie
herauszunehmen und zu verstecken. Nicht einmal jetzt sogar hatte er sich
ihrer gleich erinnert, als er seine Kleider besah. War denn das möglich?
Hastig nahm er sie heraus und warf sie auf den Tisch. Nachdem er alles
herausgenommen und die Taschen umgekehrt hatte, um sich zu vergewissern,
daß nichts übriggeblieben war, brachte er den ganzen Haufen in eine
Ecke. Dort in der Ecke waren unten an einer Stelle die von der Wand
losgelösten Tapeten zerrissen; sofort begann er alles in dieses Loch
unter dem Papier hineinzustopfen.

»Es ist hineingegangen! Alles ist fort, sogar der Beutel!« dachte er
voller Freude, indem er aufstand und stumpf in die Ecke sah, auf das
Loch, wo die Tapete jetzt weiter abstand.

Da schrak er wieder zusammen.

»Mein Gott,« flüsterte er verzweifelt, »was ist mit mir? Ist denn das
versteckt? Versteckt man das so?«

Natürlich hatte er mit solchen Gegenständen gar nicht gerechnet; er
dachte, daß es nur Geld bei ihr geben würde und darum hatte er keinen
Platz vorher ausgesucht.

»Aber jetzt, jetzt, worüber freute ich mich denn?« dachte er. »Versteckt
man denn so? In der Tat, der Verstand verläßt mich!«

Erschöpft setzte er sich auf den Diwan und von neuem schüttelte ihn ein
unerträglicher Fieberanfall. Mechanisch hüllte er sich in seinen
früheren Studentenmantel, einen gefütterten, aber schon recht schäbigen
Winterüberzieher; er deckte sich mit ihm zu, und alsbald überfielen ihn
wieder Schlaf und Fieberträume.

Doch schon nach fünf Minuten sprang er wieder auf und stürzte außer sich
von neuem zu seinen Kleidern. »Wie konnte ich nur wieder einschlafen, wo
noch nichts getan ist! Da haben wir es, da haben wir es, die Schlinge
unter der Achsel habe ich noch nicht abgenommen! Ich habe es vergessen,
habe solch eine Sache vergessen! Solch ein Verdachtsmoment!«

Er riß die Schlinge ab und begann sie schnell in Stücke zu zerreißen und
versteckte sie unter dem Kissen in der Wäsche.

»Stücke von zerrissener Leinwand können in keinem Falle Verdacht
erregen; es scheint so, es scheint so!« wiederholte er, mitten im Zimmer
stehend, und begann von neuem mit schmerzhaft angespannter
Aufmerksamkeit ringsum, auf der Diele und überall, herumzuspähen, ob er
nicht noch etwas vergessen habe. Die Überzeugung, daß alles, sogar das
Gedächtnis, sogar das einfache Denken ihn verließ, -- begann ihn
unerträglich zu quälen.

»Was! fängt es schon jetzt an, kommt schon jetzt die Strafe? Sieh da,
sieh es stimmt!«

Die abgeschnittenen Fransen, die er von den Hosen abgetrennt hatte,
lagen in der Tat auf der Diele mitten im Zimmer, damit sie ja der erste
beste sehen konnte.

»Was ist denn nur mit mir!« rief er wieder aus, wie verloren.

Da kam ihm ein seltsamer Gedanke: vielleicht war auch seine ganze
Kleidung blutig, vielleicht hat sie viele Flecken, aber er sieht sie
bloß nicht, er bemerkt sie nicht, weil sein Denken geschwächt, verworren
... der Verstand verdüstert ist ... Plötzlich erinnerte er sich, daß an
dem Beutel auch Blut war.

»Bah, also muß in der Tasche auch Blut sein, da ich den noch feuchten
Beutel hineinsteckte!«

Schnell kehrte er die Hosentasche um, und -- tatsächlich, -- auf dem
Futter der Tasche waren Spuren, Flecken.

»Also hat mich der Verstand noch nicht ganz verlassen, also besitze ich
noch Urteilsfähigkeit und Gedächtnis, wenn ich mich hierauf besinnen
konnte!« dachte er triumphierend und atmete aus voller Brust tief und
freudig auf. »Es ist einfach fieberhafte Schwäche, eine vorübergehende
Anwandlung.«

Und er riß das ganze Futter aus der linken Hosentasche. In diesem
Augenblicke beleuchtete ein Sonnenstrahl seinen linken Stiefel; auf dem
Strumpfe, der aus dem Stiefel hervortrat, schienen Flecken zu sein. Er
zog den Stiefel aus, -- es waren wirklich Spuren. Die ganze Fußspitze
war mit Blut durchtränkt; wahrscheinlich war er unvorsichtigerweise in
die Pfütze getreten ... »Aber was nun damit tun? Wohin diesen Strumpf
tun? Wohin diesen Strumpf, die Franse, die Hosentasche?« Er knüllte
alles in der Hand zusammen und blieb mitten im Zimmer stehen. »In den
Ofen? Aber im Ofen wird man zuerst nachstöbern. Verbrennen? Ja, aber
womit brennen? Er hat nicht mal Streichhölzer. Nein, besser, irgendwo
hingehen und alles fortwerfen. Ja! das beste ist fortwerfen!«
wiederholte er und setzte sich von neuem auf den Diwan. »Und sofort muß
ich es tun, in diesem Augenblick, ohne Zeit zu verlieren! ...«

Indessen fiel sein Kopf von neuem auf das Kissen; wieder durchrüttelte
ihn eisig der unerträgliche Schüttelfrost; wieder zog er den
Wintermantel über sich. Und lange noch, ein paar Stunden, träumte er ab
und zu, »ich muß sofort ohne Zögern irgendwo hingehen und alles
fortwerfen, damit es schnell aus den Augen kommt!« Einigemal erhob er
sich vom Diwan, wollte aufstehn, konnte aber nicht mehr. Endlich weckte
ihn ein starkes Klopfen an der Türe.

»Öffne doch, lebst du oder nicht? Und immer schläft er!« schrie Nastasja
und schlug mit der Faust an die Türe. »Den ganzen geschlagenen Tag
schläft er wie ein Hund! Er ist auch ein Hund! Öffne doch. Es ist schon
elf Uhr.«

»Vielleicht ist er nicht zu Hause,« sagte eine männliche Stimme.

»Ha, das ist die Stimme des Hausknechtes ... Was will er?«

Er sprang auf und setzte sich auf den Diwan. Das Herz klopfte so stark,
daß es ihn schmerzte.

»Wer hat denn die Türe zugehakt?« erwiderte Nastasja. »Sieh mal, er
fängt an, sich einzuschließen! Fürchtet er, daß man ihn holen könnte?
Öffne. Mensch, wach auf!«

»Was wollen sie? Warum ist der Hausknecht da? Alles ist bekannt. Soll
ich Widerstand leisten oder öffnen? Mag alles zugrunde gehen ...«

Er erhob sich ein wenig, beugte sich nach vorn und nahm den Haken ab.

Das ganze Zimmer war nur so groß, daß man den Türhaken abnehmen konnte,
ohne vom Bette aufzustehen.

Er hatte richtig geraten, -- vor ihm standen Nastasja und der
Hausknecht. Nastasja blickte ihn eigentümlich an. Er warf dem
Hausknechte einen herausfordernden und verzweifelten Blick zu. Der
reichte ihm schweigend ein graues zusammengelegtes Stück Papier, das mit
gewöhnlichem Siegellack zugesiegelt war.

»Vorladung aus dem Bureau,« sagte er, indem er das Papier überreichte.

»Aus welchem Bureau? ...«

»Selbstredend vom Polizeibureau.«

»Von der Polizei! ... Warum?«

»Woher soll ich es wissen. Man verlangt es und da müssen Sie gehen.«

Er sah ihn aufmerksam an, warf einen Blick ins Zimmer und wandte sich,
um fortzugehen.

»Bist du ganz krank geworden?« bemerkte Nastasja, die ihre Augen nicht
von ihm abwandte.

Der Hausknecht drehte auch einen Augenblick seinen Kopf um.

»Seit gestern hat er Fieber,« fügte sie hinzu.

Er antwortete nichts und hielt das Schriftstück in den Händen, ohne es
zu öffnen.

»Bleib liegen,« fuhr Nastasja fort; sie wurde weicher gestimmt, als sie
sah, daß er die Füße vom Diwan herabließ.

»Da du krank bist, so gehe nicht hin: es brennt doch nicht. Was hast du
da in der Hand?«

Er blickte hin. In der rechten Hand hielt er die abgeschnittenen Fransen
von der Hose, den Strumpf und die Fetzen der ausgerissenen Tasche. So
hatte er mit ihnen geschlafen. Als er später darüber nachsann, erinnerte
er sich, daß er im Fieber aufwachend, dies alles nur fester in seiner
Hand zusammenballte und wieder einschlief.

»Sieh, was für Lumpen er gesammelt hat und schläft mit ihnen, als wären
sie ein kolossaler Schatz ...« Und Nastasja fiel in ihr lautes nervöses
Lachen.

Im Nu steckte er alles unter den Mantel und heftete auf sie einen
forschenden Blick. Obwohl er in diesem Augenblicke wenig mit Verstand
sich die Sache überlegen konnte, fühlte er doch, daß man einen Menschen
nicht in dieser Weise behandeln würde, wenn man ihn verhaften wollte ...

»Aber ... die Polizei?«

»Du solltest etwas Tee trinken. Willst du? Ich bringe ihn dir; es ist
etwas übriggeblieben ...«

»Nein ... ich will hingehen; ich will sofort hingehen,« murmelte er
aufstehend.

»Du kannst ja nicht mal die Treppe hinuntergehen.«

»Ich will hingehen ...«

»Wie du willst.«

Sie folgte dem Hausknechte.

Sofort stürzte er zum Licht, um den Strumpf und die Hosenfransen zu
besehen.

»Flecken sind da, aber kaum sichtbar. Alles ist beschmutzt, abgerieben
und verblichen. Wer es nicht weiß -- wird nichts bemerken. Nastasja
konnte wahrscheinlich von weitem nichts sehen. Gott sei Dank.« Dann
öffnete er mit Bangen die Vorladung und begann zu lesen; er las lange,
und schließlich begriff er. Es war eine gewöhnliche Vorladung, vom
Polizeirevier, heute um halb zehn in dem Bureau des Revieraufsehers zu
erscheinen.

»Das ist mir noch nie passiert. Ich habe nichts mit der Polizei zu tun.
Und warum gerade heute!«

Er wollte sich schon auf die Knie werfen, um zu beten, lachte dann aber
selbst darüber, -- nicht über das Beten, sondern über sich selbst. Er
begann sich eilig anzuziehen.

»Soll ich zugrunde gehen, na, dann ist nichts zu machen. Soll ich den
Strumpf anziehen!« dachte er plötzlich. »Er wird noch mehr im Staub
beschmutzt und die Spuren werden verschwinden.«

Kaum aber hatte er ihn angezogen, als er ihn voll Ekel und Schrecken
herunterriß. Er hatte ihn vom Fuß heruntergerissen, aber nachdem er
überlegt hatte, daß er keinen anderen hatte, zog er ihn wieder an -- und
lachte wieder.

»All das ist Vorurteil, alles ist nur wie man's nimmt, all das sind nur
Formen,« dachte er einem flüchtigen Gedanken nach und zitterte dabei am
ganzen Körper. »Ich habe ihn doch angezogen. Hab es fertig gebracht, ihn
anzuziehen.«

Aber das Lachen verwandelte sich sogleich in Verzweiflung.

»Nein, das ist über meine Kräfte ...« dachte er. Seine Füße zitterten.

»Aus Angst,« murmelte er vor sich hin. Der Kopf schwindelte ihm und
schmerzte vor Fieber.

»Eine List ist es! Sie wollen mich mit List hinlocken und mich plötzlich
aus der Fassung bringen,« fuhr er fort vor sich hinzumurmeln und ging
auf die Treppe hinaus. »Das ist schlimm, daß ich fieberig bin ... ich
kann irgendeine Dummheit machen ...«

Auf der Treppe besann er sich, daß er alle Sachen so in dem Loche unter
der Tapete liegen ließ. »Und gerade jetzt konnte absichtlich in seiner
Abwesenheit eine Haussuchung vorgenommen werden,« fiel es ihm ein, und
er blieb stehn. Aber solch eine Verzweiflung und solch ein, wenn man
sich so ausdrücken darf, -- Zynismus über seinen Untergang hatten ihn
gepackt, daß er unbekümmert weiterging.

»Möge es bloß schnell vorbei sein! ...« Auf der Straße war es wieder
unerträglich heiß; kein Regentropfen in all diesen Tagen. Wieder gab es
Staub von Ziegeln und Kalk, wieder den Gestank aus den Läden und
Wirtshäusern, wieder tauchten alle Augenblicke Betrunkene, finnische
Höcker und halbzerfallene Droschken auf. Die Sonne strahlte hell in
seine Augen, so daß es ihm weh tat, und der Kopf schwindelte ihm, -- das
gewöhnliche Gefühl eines Fieberkranken, der plötzlich auf die Straße an
einem heißen sonnigen Tage hinaustritt.

Als er um die Ecke in die _gestrige_ Straße einbog, blickte er dorthin,
auf _jenes_ Haus voll qualvoller Unruhe ... und wendete sogleich die
Augen ab.

»Wenn man mich frägt, werde ich es vielleicht sagen,« dachte er, indem
er sich dem Polizeibureau näherte.

Das Bureau war ein paar hundert Schritte von seinem Hause entfernt. Es
war kürzlich in neuen Räumen in einem neuen Hause im vierten Stocke
untergebracht worden. In dem alten Bureau war er einmal, aber vor
längerer Zeit, gewesen. Als er in das Tor eintrat, erblickte er zur
rechten Hand eine Treppe, von der ein Mann mit einem Buche in der Hand
herunterkam. »Ein Bureaudiener also; folglich ist auch hier das Bureau,«
und er begann aufs Geratewohl die Treppe hinaufzusteigen. Er wollte
niemanden um Auskunft fragen.

»Ich trete ein, werfe mich auf die Knie und erzähle alles ...« dachte
er, indem er die letzte Treppe zum vierten Stock hinaufstieg.

Die Treppe war sehr schmal, steil und voll Unrat. Alle Küchen von allen
Wohnungen in all den vier Stockwerken mündeten auf diese Treppe und
standen fast den ganzen Tag offen. Daher war dort eine furchtbare,
stickige Luft. Es kamen und gingen Hausknechte mit Büchern unter dem
Arm, Schutzleute und allerhand Volk beiderlei Geschlechts, die da zu tun
hatten. Die Türe zu dem Polizeibureau stand auch sperrweit auf. Er trat
ein und blieb im Vorzimmer stehn. Überall standen, überall warteten
Bauern. Auch hier war die Luft schrecklich dumpf und außerdem roch es
zum Übelwerden nach frischer, nicht ausgetrockneter Farbe mit ranzigem
Öl von den neugestrichenen Dielen. Er wartete ein wenig und beschloß,
weiter in das nächste Zimmer zu gehen. Alle Zimmer waren klein und
niedrig. Eine quälende Ungeduld zog ihn immer weiter und weiter. Niemand
beachtete ihn. In dem zweiten Zimmer saßen und schrieben einige
Schreiber, die vielleicht ein wenig besser gekleidet waren als er, dem
Äußeren nach komische Menschen. Er wandte sich an einen von ihnen.

»Was wünschest du?«

Er zeigte die Vorladung.

»Sie sind Student?« fragte der Schreiber, nachdem er einen Blick auf die
Vorladung geworfen hatte.

»Ja, ich bin gewesener Student.«

Der Schreiber blickte ihn ohne jegliche Neugier an. Er war ein besonders
zerzauster Mensch mit einem unbeweglichen Ausdruck im Blicke.

»Von diesem erfahre ich nichts, denn ihm ist es gleichgültig,« dachte
Raskolnikoff.

»Gehen Sie dorthin, zu dem Sekretär,« sagte der Schreiber und wies mit
dem Finger auf das allerletzte Zimmer.

Er trat in dieses Zimmer, das vierte der Reihe nach; es war eng und
vollgestopft von Menschen, die ein wenig besser gekleidet waren, als in
den ersten Zimmern. Unter den Besuchern waren auch zwei Damen. Die eine
in Trauer, ärmlich gekleidet, saß an einem Tisch gegenüber dem Sekretär
und schrieb etwas nach seinem Diktat. Die andere Dame, eine sehr dicke,
purpurrote, ansehnliche Frau mit Flecken im Gesichte, sehr auffällig
gekleidet, mit einer Brosche in der Größe einer Untertasse stand
seitwärts und schien auf etwas zu warten. Raskolnikoff schob dem
Sekretär seine Vorladung zu. Dieser besah sie flüchtig, sagte: »warten
Sie« und fuhr fort, sich mit der Dame in Trauer zu beschäftigen.

Raskolnikoff atmete erleichtert auf.

»Es ist sicher nicht das!« Allmählich begann er Mut zu fassen, er sprach
sich mit aller Macht zu, sich zusammenzunehmen und besonnen zu sein.

»Irgendeine Dummheit, irgendeine geringfügige Unvorsichtigkeit, und ich
kann mich verraten! Hm ... schade, daß hier keine frische Luft ist,«
fügte er hinzu, »diese Schwüle ... Der Kopf schwindelt mir noch mehr ...
und der Verstand auch ...«

Er fühlte in seinem ganzen Körper eine furchtbare Zerrüttung und
fürchtete auch, sich nicht beherrschen zu können. Nun versuchte er, sich
an etwas anzuklammern, und an irgend etwas vollkommen Nebensächliches zu
denken, aber das gelang ihm absolut nicht. Der Sekretär interessierte
ihn übrigens sehr stark, -- er wollte gern aus seinem Gesichte etwas
erraten und ihn durchschauen. Es war ein sehr junger Mann von etwa
zweiundzwanzig Jahren, mit einem beweglichen Gesichte von dunkler Farbe,
das ihn älter erscheinen ließ; er war nach der Mode und stutzerhaft
gekleidet, hatte einen Scheitel am Hinterkopf, war frisiert und
pomadisiert und trug eine Menge Ringe an den weißen, peinlich sauberen
Fingern und eine goldene Kette auf der Weste. Mit einem anwesenden
Ausländer wechselte er sogar ein paar Worte französisch, und tat es
ziemlich gut.

»Louisa Iwanowna, setzen Sie sich doch,« sagte er flüchtig zu der
geputzten purpurroten Dame, die die ganze Zeit dastand, als wage sie
nicht sich hinzusetzen, obwohl ein Stuhl neben ihr stand.

»Ich danke,« sagte sie deutsch und setzte sich, seiderauschend, auf den
Stuhl. Ihr hellblaues Kleid, mit weißen Spitzen besetzt, umgab gleich
einem Luftballon ihren Stuhl und nahm beinahe das halbe Zimmer ein. Ein
Duft von Parfüm verbreitete sich. Aber der Dame schien es peinlich zu
sein, daß sie das halbe Zimmer einnahm und daß sie so stark nach Parfüm
duftete, obgleich sie halb ängstlich, halb frech, jedoch voll deutlicher
Unruhe lächelte.

Die Dame in Trauer war endlich fertig und erhob sich von ihrem Platze.
Plötzlich trat mit einigem Geräusch, bei jedem Schritte sehr rasch und
eigentümlich die Schultern bewegend, ein Offizier ein, warf die Mütze
mit der Kokarde auf den Tisch und setzte sich in den Sessel. Bei seinem
Anblicke sprang die geputzte Dame von ihrem Platze auf und begann mit
besonderem Entzücken zu knixen, der Offizier aber schenkte ihr nicht die
geringste Beachtung und sie wagte es nicht mehr, sich in seiner
Gegenwart hinzusetzen. Es war der Gehilfe des Revieraufsehers, er hatte
einen horizontal abstehenden rötlichen Schnurrbart, sein Gesicht wies
unbedeutende Züge auf, die außer einer gewissen Frechheit nichts
ausdrückten. Er blickte von der Seite und unmutig auf Raskolnikoff;
dessen Anzug war schlecht, und dennoch entsprach seine Haltung nicht der
Ärmlichkeit seiner Kleidung. Raskolnikoff hatte aus Unvorsichtigkeit ihm
zu lange ins Gesicht gestarrt, so daß jener sich sogar beleidigt fühlte.

»Was willst du?« schrie er ihn an, entrüstet, daß solch ein zerlumpter
Mensch nicht daran dachte, vor seinem blitzesprühenden Blicke sich zu
verziehen.

»Man hat mich bestellt ... laut Vorladung ...« antwortete Raskolnikoff
zusammenhanglos.

»Es handelt sich um eine Geldforderung an ihn, _er ist Student_,«
beeilte sich der Sekretär zu bemerken, indem er von seiner Arbeit
aufschaute. »Da ist es!« und er warf Raskolnikoff ein Heft zu und zeigte
ihm die Stelle. »Lesen Sie es durch!«

»Geld? Was für Geld?« dachte Raskolnikoff, »aber, ... es ist also nicht
das!«

Und er fuhr vor Freude zusammen. Es wurde ihm urplötzlich unbeschreibbar
leicht. Alles war verflogen.

»Um welche Stunde aber sind Sie hierher bestellt, mein Herr!« schrie der
Leutnant, der sich aus unbekannten Gründen immer mehr ärgerte. »Man
bestellte Sie um neun und jetzt ist schon die zwölfte Stunde.«

»Man hat mir die Vorladung erst vor einer Viertelstunde zugestellt,«
antwortete laut und über die Schulter hinweg Raskolnikoff, der auch
plötzlich und unerwartet ärgerlich geworden war und darin ein gewisses
Vergnügen fand. »Es ist schon genug, daß ich trotz meines Fiebers
hergekommen bin.«

»Belieben Sie nicht zu schreien!«

»Ich schreie gar nicht, sondern spreche sehr ruhig, aber Sie schreien
mich an; ich bin Student und erlaube nicht, daß man mich anschreit.«

Der Gehilfe war so erregt, daß er im ersten Augenblick kein Wort
hervorbringen konnte, er zischte nur und sprang von seinem Platze auf.

»Schwei--gen Sie bitte! Sie stehen vor einer Behörde. Sie dürfen nicht
grob sein, mein Herr!«

»Auch Sie sind bei einer Behörde,« rief Raskolnikoff, »und Sie schreien
nicht allein, sondern rauchen auch, verletzen uns also in jeder Weise.«

Als Raskolnikoff dies gesagt hatte, empfand er einen unbeschreiblichen
Genuß. Der Sekretär blickte sie lächelnd an. Der hitzige Leutnant war
sichtbar verblüfft.

»Das geht Sie nichts an!« schrie er endlich unnatürlich laut. »Belieben
Sie aber besser eine Antwort auf die Forderung zu geben. Zeigen Sie sie
ihm, Alexander Grigorjewitsch. Klagen laufen gegen Sie ein! Sie zahlen
nicht! Schaut mal den noblen Herrn an!«

Raskolnikoff aber hörte nicht mehr, nahm aufgeregt das Papier vor und
suchte schnell die Lösung. Er las es einmal, ein zweites Mal, und
begriff nichts.

»Was ist es denn?« fragte er den Sekretär.

»Man verlangt von Ihnen Geld laut Schuldschein, eine Forderung ist es.
Sie müssen entweder die Summe mit allen Unkosten, Strafgeldern und so
weiter bezahlen oder eine schriftliche Erklärung abgeben, wann Sie
imstande sind zu bezahlen, gleichzeitig aber auch sich verpflichten, die
Hauptstadt bis zur Tilgung der Schuld nicht zu verlassen und Ihr
Eigentum weder zu veräußern noch zu verheimlichen. Der Gläubiger aber
hat das Recht, Ihr Eigentum zu verkaufen und mit Ihnen nach dem Gesetze
zu verfahren.«

»Ja ... aber ich schulde niemand etwas.«

»Das geht uns nichts an. Wir haben zur Einkassierung einen verfallenen
und gesetzlich protestierten Schuldschein auf hundertundfünfzehn Rubel
erhalten, den Sie der Witwe des Kollegienassessors Sarnitzin vor neun
Monaten ausgestellt haben und der von der Witwe Sarnitzin an den Hofrat
Tschebaroff durch Kauf übergegangen ist, und darum fordern wir von Ihnen
eine Erklärung.«

»Sie ist ja meine Zimmerwirtin!«

»Nun, und was ist dabei, daß sie Ihre Zimmerwirtin ist?«

Der Sekretär blickte ihn mit herablassendem mitleidigen Lächeln an,
gleichzeitig aber ein wenig triumphierend, wie über einen Neuling, den
man soeben beginnt zu rupfen, als wollte er sagen: »Nun, wie fühlst du
dich jetzt?«

Aber was kümmert ihn jetzt der Schuldschein, eine Forderung! Lohnt es
sich jetzt, darüber sich auch nur ein wenig aufzuregen, es auch nur zu
beachten! Er stand da, las, hörte, antwortete, fragte sogar selbst, aber
alles nur mechanisch. Der Triumph der Selbsterhaltung, die Rettung aus
der drohenden Gefahr, -- das erfüllte in diesem Augenblick sein ganzes
Wesen, ohne Ausblick, ohne Analyse, ohne Deutung und Enträtselung der
Zukunft, ohne Zweifel und ohne Fragen. Es war ein Augenblick
unmittelbarer, rein tierischer Freude. Aber in diesem Momente ereignete
sich im Bureau etwas wie die Entladung eines Gewitters. Der Leutnant,
immer noch aus dem Gleichgewicht wegen der Unehrerbietigkeit, ganz
aufgeregt und wahrscheinlich mit dem Wunsche, die gekränkte Ehre
herzustellen, stürzte sich mit seinem ganzen Zorn auf die unglückliche
»pompöse Dame,« die ihn seit seinem Eintritt mit einem äußerst dummen
Lächeln anblickte.

»Ach du, so eine,« schrie er sie plötzlich aus vollem Halse an (die Dame
in Trauer war schon fortgegangen), »was ist bei dir in der vorigen Nacht
passiert? Ah? Wieder gibt es bei dir Schimpf und Skandal in der ganzen
Straße? Wieder Schlägerei und Sauferei. Du träumst wohl vom
Arbeitshause! Ich habe dir doch schon gesagt, habe dich schon zehnmal
gewarnt, daß ich dir das elfte Mal nichts schenken werde! Und du tust es
wieder, du, du ...«

Das Papier entfiel den Händen Raskolnikoffs und er blickte entsetzt die
prachtvolle Dame an, mit der man so ungeniert herumsprang; aber bald
darauf begriff er, was los sei, und sofort gefiel ihm diese Sache
ausgezeichnet. Er hörte mit Vergnügen zu, so daß er Lust bekam, laut zu
lachen, zu lachen, zu lachen ... Alle seine Nerven zuckten.

»Ilja Petrowitsch!« versuchte der Sekretär zu besänftigen, aber er hielt
inne, um die rechte Zeit abzuwarten, denn den in Aufregung geratenen
Leutnant konnte man nicht anders beruhigen als durch Festhalten der
Hände, was er aus eigener Erfahrung kannte.

Was aber die prachtvolle Dame anging, so begann sie zuerst beim Donner
und Blitz zu beben; aber sonderbar, je zahlreicher und kräftiger die
Schimpfwörter wurden, um so liebenswürdiger wurde ihr Aussehen, um so
bezaubernder wurde ihr Lächeln dem zornigen Leutnant gegenüber. Sie
trippelte auf einem Fleck, knixte ununterbrochen und wartete voll
Ungeduld, daß sie endlich auch zu Wort kommen würde, was ihr schließlich
gelang.

»Gar kein Lärm und keine Schlägerei waren bei mir, Herr Kapitän,«
plapperte sie plötzlich los, so schnell, als schüttete man Erbsen aus,
-- mit einem stark deutschen Akzent, aber doch fließend russisch, --
»und gar kein Skandal, gar keiner, und sie kamen betrunken hin, und ich
will alles erzählen, Herr Kapitän, und ich bin nicht schuld ... ich habe
ein anständiges Haus, Herr Kapitän, und ein anständiger Ton ist bei mir,
Herr Kapitän, und ich will nie, will selbst nie einen Skandal haben. Sie
aber kamen ganz betrunken hin und haben dann drei Flaschen verlangt, und
dann erhob einer seine Füße und begann mit den Füßen auf dem Klavier zu
spielen, und das paßt sich gar nicht in einem anständigen Hause, und er
hat das ganze Klavier zerschlagen, und das ist doch keine Manier, und da
habe ich es ihm gesagt. Er aber nahm eine Flasche und begann alle von
hinten mit der Flasche zu stoßen. Und da habe ich den Hausknecht
gerufen, und als Karl kam, hat er Karl das Auge ausgeschlagen, und
Henriette hat er auch das Auge ausgeschlagen, und mich hat er fünfmal
auf die Backe geschlagen. Und das ist nicht fein in einem anständigen
Hause, Herr Kapitän, und ich habe geschrien. Und er hat das Fenster zu
dem Kanal geöffnet und hat wie ein kleines Schwein aus dem Fenster
gequiekt; das ist doch eine Schande. Wie kann man auch wie ein kleines
Schwein aus dem Fenster quieken? Pfui, pfui, pfui! Und Karl hat ihn an
seinem Frack vom Fenster gezogen, und das ist wahr, Herr Kapitän, daß er
ihm da seinen Rock zerrissen hat. Und da begann er zu schreien, daß man
ihm fünfzehn Rubel Strafe zahlen müsse. Und ich selbst habe ihm fünf
Rubel für seinen Rock bezahlt, Herr Kapitän. Und das ist ein
unanständiger Gast, Herr Kapitän, und er hat allen Skandal gemacht. Ich
werde, hat er gesagt, eine große Satire über Sie drucken lassen, denn
ich kann in allen Zeitungen über Sie schreiben.«

»Also ein Zeitungsschreiber?«

»Ja, Herr Kapitän, und welch ein unanständiger Gast, Herr Kapitän, wenn
er in einem anständigen Hause ...«

»Nun, nun, genug! Ich habe dir doch gesagt, habe dir doch gesagt ...«

»Ilja Petrowitsch!« sagte von neuem der Sekretär bedeutungsvoll.

Der Leutnant blickte ihn schnell an, der Sekretär nickte leicht mit dem
Kopfe.

»... Also es ist mein letztes Wort, verehrteste Louisa Iwanowna, und
auch zum letztenmal,« fuhr der Leutnant fort, »wenn in deinem
anständigen Hause nur noch ein einziges Mal ein Skandal vorkommt, so
werde ich dich selbst beim Wickel nehmen, wie man sich poetisch
ausdrückt. Hast du gehört? Also ein Literat, ein Schriftsteller war es,
der in einem >anständigen Hause< fünf Rubel für einen Rockschoß genommen
hat? So sind sie, diese Schriftsteller!« und er warf einen verächtlichen
Blick auf Raskolnikoff. »Vorgestern passierte in einem Restaurant
dieselbe Geschichte, -- hat einer zu Mittag gegessen, wünscht aber nicht
zu zahlen; >ich werde<, sagt er, >Sie in einer Satire schildern<. Ein
anderer wieder beschimpft mit den gemeinsten Worten in der vorigen Woche
auf einem Dampfschiffe die achtbare Familie eines Staatsrates, Frau und
Tochter. Vor ein paar Tagen hat man einen dritten aus einer Konditorei
herausgeschmissen. So sind sie alle, die Schriftsteller, Literaten,
Studenten, Großmäuler ... pfui! Und du kannst dich packen! Ich will mal
selbst dich aufsuchen ... dann nimm dich in acht! Hast du gehört?«

Louisa Iwanowna begann mit eiliger Liebenswürdigkeit nach allen Seiten
hin zu knixen und trippelte knixend bis zur Türe, hier aber stieß sie
von hinten auf einen stattlichen Offizier mit einem offenen frischen
Gesichte und schönem dichten, blonden Backenbart. Es war Nikodim
Fomitsch selbst, der Revieraufseher. Louisa Iwanowna beeilte sich einen
tiefen Knix zu machen und flog mit eiligen kleinen Schritten hüpfend aus
dem Bureau hinaus.

»Wieder Gepolter, wieder Donner und Blitz, Wirbelwind und Orkan!« wandte
sich Nikodim Fomitsch liebenswürdig und freundschaftlich an Ilja
Petrowitsch. »Wieder hat man Ihr Herz in Aufruhr gebracht, wieder sind
Sie erregt worden! Ich hab' es schon auf der Treppe gehört.«

»Ach, was!« sagte mit nobler Gleichgültigkeit Ilja Petrowitsch und ging
mit einigen Papieren zu einem anderen Tisch, wobei er bei jedem Schritt
elegant mit den Schultern zuckte. »Da, bitte sehen Sie es sich mal an --
der Herr Schriftsteller, pardon Student, ein gewesener wollte ich sagen,
zahlt nicht, stellt Wechsel aus, räumt die Wohnung nicht, fortwährende
Klagen laufen ein, -- er aber war doch gekränkt, daß ich in seiner
Gegenwart mir eine Zigarette ansteckte. Selbst aber gaunert diese Sorte,
bitte sehen Sie sich ihn doch an, -- da steht er in seinem reizenden
Aussehen.«

»Armut ist kein Laster, mein Freund, na, aber wozu reden. Es ist ja
bekannt, du bist wie Pulver, konntest eine Kränkung nicht ertragen. Sie
fühlten sich durch irgend etwas von ihm gekränkt und konnten sich nicht
beherrschen,« fuhr Nikodim Fomitsch fort, sich liebenswürdig an
Raskolnikoff wendend, »aber das war überflüssig, er ist der
an--stän--dig--ste Mensch, sage ich Ihnen, aber wie Pulver, wie Pulver!
Flammt auf, kocht über, brennt ab -- und Schluß. Und alles ist vorbei!
Und zu guter Letzt bleibt nur das goldene Herz! Man hat ihn schon im
Regiment >Leutnant Pulver< genannt!«

»Und was für ein Regiment es war!« rief Ilja Petrowitsch aus, sehr
zufrieden, daß man ihm so angenehm geschmeichelt hatte, aber immer noch
schmollend. Raskolnikoff bekam plötzlich Lust, ihnen allen etwas äußerst
Angenehmes zu sagen.

»Aber bitte, Herr Kapitän,« begann er ziemlich ungezwungen, sich
plötzlich an Nikodim Fomitsch wendend, »berücksichtigen Sie auch meine
Lage ... Ich bin sogar bereit, um Entschuldigung zu bitten, wenn ich
gegen etwas verstoßen habe. Ich bin ein armer und kranker Student,
erdrückt (er sagte >erdrückt<) von Armut. Ich bin ehemaliger Student, da
ich jetzt meinen Unterhalt nicht verdienen kann, aber ich erhalte Geld
... Ich habe Mutter und Schwester im --schen Gouvernement. Sie werden
mir Geld schicken und ich werde ... bezahlen. Meine Wirtin ist eine gute
Frau, aber sie ist so böse geworden, weil ich meine Stunden verloren
habe und ihr den vierten Monat nicht zahle, daß sie mir sogar kein
Mittagessen mehr schickt ... Und ich begreife gar nicht, was das für ein
Wechsel ist. Jetzt verlangt sie von mir, ihn einzulösen, aber wie kann
ich denn zahlen, urteilen Sie selbst!«

»Aber das geht ja uns nichts an ...« versuchte der Sekretär wieder zu
bemerken ...

»Erlauben Sie, erlauben Sie, ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden,
aber erlauben Sie, Ihnen klar zu machen,« unterbrach ihn Raskolnikoff,
indem er sich nicht an den Sekretär, sondern, wie schon die ganze Zeit,
an Nikodim Fomitsch wandte und dabei aus aller Kraft versuchte, sich
auch an Ilja Petrowitsch zu wenden, obgleich dieser sich hartnäckig den
Anschein gab, als wühle er in den Papieren und beachte ihn nicht,
»erlauben Sie mir auch meinerseits Ihnen zu erklären, daß ich schon drei
Jahre bei ihr wohne, seit meiner Ankunft aus der Provinz und früher ...
früher ... übrigens warum soll ich es nicht gestehen, gleich im Anfang
gab ich ihr das Versprechen, daß ich ihre Tochter heiraten werde, es war
ein mündliches, vollkommen freiwilliges Versprechen ... Sie war ein
junges Mädchen ... übrigens sie gefiel mir sogar ... obgleich ich nicht
in sie verliebt war ... mit einem Worte Jugend, d. h. ich will sagen,
daß meine Wirtin mir damals viel Kredit einräumte und ich führte
teilweise ein solches Leben ... ich war sehr leichtsinnig ...«

»Man verlangt von Ihnen gar nicht solche intime Geständnisse, mein Herr,
außerdem haben wir keine Zeit dazu,« unterbrach ihn grob und
triumphierend Ilja Petrowitsch, aber Raskolnikoff beeilte sich voll
Eifer weiter zu sprechen, obwohl es ihm plötzlich äußerst schwer fiel.

»Aber erlauben Sie, erlauben Sie mir, teilweise, alles zu erzählen ...
wie die Sache vor sich ging und ... wiederum ... obgleich es überflüssig
ist zu erzählen, ich bin darin mit Ihnen einverstanden, -- aber vor
einem Jahre starb dies junge Mädchen am Typhus, ich aber blieb in Miete,
wie vorher, und meine Wirtin sagte mir, als sie in ihre jetzige Wohnung
einzog, und ... sagte es mir freundschaftlich ... daß sie mir vollkommen
vertraue und daß alles ... aber ob ich ihr nicht einen Schuldschein von
hundertundfünfzehn Rubel ausstellen möchte, das war die Summe, die ich
ihr schuldete. Erlauben Sie, -- sie sagte mir nämlich, daß, wenn ich ihr
dies Papier ausgestellt habe, sie mir von neuem kreditieren würde,
soviel ich nur wünschte, und daß sie niemals, niemals -- das sind ihre
eigenen Worte -- von diesem Papier Gebrauch machen würde, bis ich selbst
bezahlen werde ... Und jetzt, wo ich meine Stunden verloren und nichts
zu essen habe, verklagt sie mich ... Was soll ich dazu sagen?«

»Alle diese rührenden Einzelheiten gehen uns gar nichts an, mein Herr,«
schnitt Ilja Petrowitsch dreist ab. »Sie müssen eine Erklärung abgeben
und eine Verpflichtung ausstellen, ob Sie aber verliebt waren, und all
diese tragischen Sachen gehen uns ganz und gar nichts an.«

»Nun, du bist aber ... auch zu grausam ...« murmelte Nikodim Fomitsch,
indem er sich an seinen Tisch setzte und Papiere zu unterschreiben
begann.

Er schien sich zu schämen.

»Schreiben Sie also,« sagte der Sekretär zu Raskolnikoff.

»Was soll ich schreiben?« fragte er besonders grob.

»Ich werde Ihnen diktieren.«

Raskolnikoff schien es, als wäre der Sekretär herablassender und
geringschätziger ihm gegenüber nach seiner Beichte geworden, -- aber
merkwürdig, -- ihm war plötzlich die Meinung eines anderen so vollkommen
gleichgültig, und dieser Umschwung hatte sich in einem Augenblick, in
einem Nu vollzogen. Wenn er nur ein wenig hätte nachdenken wollen, so
würde er sicher verwundert gewesen sein, wie er so mit ihnen vor einer
Minute hatte sprechen und sich sogar mit seinen Gefühlen hatte
aufdrängen können? Und woher kam dieses Gefühl? Jetzt, wenn das Zimmer
plötzlich nicht mit Revieraufsehern, sondern mit seinen besten Freunden
angefüllt wäre, würde er kein einziges menschliches Wort für sie finden,
so leer war plötzlich sein Herz geworden. Ein düsteres Empfinden der
qualvollen endlosen Einsamkeit und Entfremdung teilte sich plötzlich
bewußt seiner Seele mit. Nicht die Erniedrigung vor Ilja Petrowitsch
durch seine Herzensergießung, auch nicht die Erniedrigung durch den
Triumph des Leutnants hatten sein Herz plötzlich so umgewandelt. Oh, was
ging ihn jetzt die eigene Schuftigkeit an, all der Ehrgeiz, was gingen
ihn alle Leutnants, deutsche Frauen, Geldforderungen, Bureaus an und so
weiter und so weiter! Hätte man ihn in diesem Augenblicke zum
Scheiterhaufen verurteilt, er hätte sich auch dann nicht gerührt, hätte
kaum das Urteil aufmerksam angehört. In ihm vollzog sich etwas ihm
völlig Unbekanntes, Neues, Unerwartetes und Niedagewesenes. Er konnte es
nicht begreifen, aber fühlte es ganz klar mit der ganzen Kraft des
Empfindens, daß er von jetzt ab weder mit gefühlvollen Ereignissen, wie
vorhin, noch mit anderen Dingen sich an diese Menschen im Polizeibureau
wenden konnte; auch dann wäre es für ihn überflüssig, sich an sie jemals
im Leben zu wenden, wenn es sogar seine leiblichen Brüder und Schwestern
gewesen wären, und nicht Polizeileutnants. Er hatte bis zu diesem
Augenblick noch nie eine ähnliche seltsame und fürchterliche Empfindung
erlebt. Und das Quälendste dabei war, -- daß es ein Empfinden war, kein
bewußtes Begreifen, eine unmittelbare Empfindung, die qualvollste von
allen, die er im Leben gekostet.

Der Sekretär begann ihm die Form einer in diesem Falle gebräuchlichen
Erklärung zu diktieren, d. h. ich kann nicht zahlen, verspreche es in
der Frist (irgendwann) zu tun, werde die Stadt nicht verlassen und mein
Eigentum weder verkaufen, noch verschenken und dergleichen mehr.

»Sie können ja gar nicht schreiben, die Feder fällt Ihnen aus der Hand,«
-- bemerkte der Sekretär und blickte voll Neugier Raskolnikoff an. --
»Sie sind krank?«

»Ja ... der Kopf schwindelt mir ... diktieren Sie weiter.«

»Das ist alles. Unterschreiben Sie es.«

Der Sekretär nahm das Papier und wendete sich andern Besuchern zu.

Raskolnikoff gab die Feder zurück, aber anstatt aufzustehen und
wegzugehen, stützte er die Ellbogen auf den Tisch und preßte mit den
Händen den Kopf zusammen. Es war, als ob man ihm einen Nagel in die
Schläfe hineinschlüge. Ein wunderlicher Gedanke kam ihm plötzlich, --
sofort aufzustehen, zu Nikodim Fomitsch zu gehen und ihm das gestrige zu
erzählen, alles bis auf die letzte Einzelheit, dann mit ihm in seine
Wohnung zu gehen und ihm die Sachen in dem Winkel im Loche zu zeigen.
Der Drang war so stark, daß er sich schon erhob, um es auszuführen.

»Soll ich nicht einen Moment nachdenken?« -- fuhr es ihm durch den Kopf.
»Nein, besser nicht nachdenken und die Sache ist abgetan!«

Aber plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen: Nikodim Fomitsch sprach
voll Eifer mit Ilja Petrowitsch, und er vernahm folgende Worte:

»Es kann nicht sein, man wird beide freilassen. Erstens, widerspricht
alles der Annahme; urteilen Sie selbst, -- warum holten sie den
Hausknecht, wenn sie es getan haben? Etwa um sich selbst anzuzeigen?
Oder aus Schlauheit! Nein, das wäre schon zu schlau! Und schließlich,
den Studenten Pestrjakoff haben beide Hausknechte und eine Frau am Tore
im selben Momente gesehen, als er hineinging, -- er ging mit drei
Bekannten zusammen und verabschiedete sich von ihnen am Tore, und dann
fragte er die Hausknechte nach der Wohnung in Gegenwart seiner
Bekannten. Nun, wird jemand nach der Wohnung fragen, wenn er so eine
Absicht hat? Und Koch, -- der hat, bevor er zu der Alten ging, eine
halbe Stunde unten bei dem Silberarbeiter gesessen und er ist genau ein
viertel vor acht zu der Alten hinaufgegangen. Jetzt erwägen Sie ...«

»Aber erlauben Sie, woher denn der Widerspruch bei ihnen -- sie
behaupten selbst, daß sie geklopft haben, und daß die Türe verschlossen
war, und nach drei Minuten, als sie mit dem Hausknecht heraufkamen,
erwies sich, daß die Türe offen war?«

»Das ist ja der Haken, -- der Mörder saß unbedingt drinnen und hatte
sich eingeschlossen, und man hätte ihn sicher gefaßt, wenn Koch nicht
die Dummheit begangen hätte, selbst nach dem Hausknecht zu gehen. _Dem_
aber gelang es währenddessen, die Treppe hinunterzugehen und irgendwie
an ihnen vorbeizuschlüpfen. Koch bekreuzt sich mit beiden Händen: >wenn
ich geblieben wäre,< sagt er, >würde er herausgekommen sein und hätte
mich totgeschlagen<. Er will ein russisches Dankgebet abhalten lassen
... ha--ha!«

»Und den Mörder hat niemand gesehen?«

»Wie denn? Das Haus ist eine Arche Noah,« -- bemerkte der Sekretär, der
von seinem Platze zuhörte.

»Es ist ganz klar, es ist ganz klar!« wiederholte Nikodim Fomitsch
eifrig.

»Nein, die Sache ist sehr unklar,« blieb Ilja Petrowitsch bei seiner
Ansicht.

Raskolnikoff nahm seinen Hut und ging zur Türe, aber kam nicht so weit
... Als er zu sich kommt, sieht er, daß er auf einem Stuhl sitzt; daß
rechts ihn jemand stützt, links ein anderer steht mit einem gelben
Glase, gefüllt mit gelbem Wasser, und daß Nikodim Fomitsch vor ihm steht
und ihn unverwandt anblickt. Er stand vom Stuhle auf.

»Was ist Ihnen, sind Sie krank?« -- fragte Nikodim Fomitsch ziemlich
scharf.

»Schon als er unterschrieb, konnte er kaum die Feder führen,« bemerkte
der Sekretär, indem er seinen Platz einnahm und in seinen Papieren
wieder blätterte.

»Sind Sie schon lange krank?« rief Ilja Petrowitsch von seinem Platze
aus, indem er auch in Papieren blätterte.

Er hatte selbstverständlich auch den Kranken betrachtet, als er
ohnmächtig war, war aber sofort auf die Seite getreten, als jener zu
sich kam.

»Seit gestern ...« murmelte Raskolnikoff zur Antwort.

»Und sind Sie gestern ausgegangen?«

»Ja.«

»Krank?«

»Ja.«

»Um wieviel Uhr?«

»In der achten Stunde abends.«

»Und wohin, wenn man fragen darf?«

»Auf die Straße.«

»Kurz und bündig.«

Raskolnikoff antwortete scharf, kurz, bleich wie ein Taschentuch, ohne
seine schwarzen entzündeten Augen vor dem Blick Ilja Petrowitsch' zu
senken.

»Er kann kaum auf den Füßen stehen und du ...« versuchte Nikodim
Fomitsch zu bemerken.

»Tut nichts!« -- sagte Ilja Petrowitsch sehr eigentümlich.

Nikodim Fomitsch wollte noch etwas hinzufügen, schwieg aber, als er den
Sekretär anblickte, der ihn auch sehr aufmerksam ansah. Plötzlich
schwiegen alle. Es war merkwürdig.

»Nun gut!« -- schloß Ilja Petrowitsch.

»Wir halten Sie nicht auf.«

Raskolnikoff ging hinaus. Er konnte noch hören, wie nach seinem
Fortgange plötzlich ein lebhaftes Gespräch begann, in dem am lautesten
die fragende Stimme von Nikodim Fomitsch hervortrat ... Auf der Straße
kam er ganz zu sich.

»Eine Haussuchung, Haussuchung, sie werden sofort bei mir suchen!« --
wiederholte er vor sich hin, indem er sich beeilte nach Hause zu kommen.
-- »Räuber! Sie haben Verdacht!«

Wieder erfaßte ihn vom Kopf bis zu Füßen die Angst von vorhin.


                                  II.

»Wie, wenn die Haussuchung schon vorgenommen ist? Wie, wenn ich sie
jetzt schon bei mir antreffe?«

Aber da ist er schon in seinem Zimmer. Nichts und niemand; niemand war
dagewesen. Sogar Nastasja hat nichts angerührt. Aber, mein Gott! Wie
konnte er nur vorhin alle diese Sachen in dem Loche liegen lassen?

Er stürzte zu dem Winkel, steckte die Hand unter die Tapeten und begann
die Sachen hervorzuholen und in die Taschen zu stecken. Im ganzen waren
es acht Stück, -- zwei kleine Schachteln mit Ohrgehängen oder etwas
ähnlichem, -- er hatte es nicht genau angesehen; dann vier kleine Etuis
aus Saffian. Eine kleine Kette war bloß in Zeitungspapier eingewickelt.
Es war noch etwas in einem Zeitungspapier, wie es schien, ein Orden ...
Er steckte alles in die verschiedenen Taschen, in den Paletot und in die
übriggebliebene rechte Hosentasche und gab sich Mühe, daß nichts von
außen zu merken war. Den Beutel nahm er gleichfalls mit. Dann verließ er
das Zimmer und ließ diesmal die Tür weit offen stehen.

Er ging schnell und fest, und obgleich er fühlte, daß er vollkommen
zerschlagen war, war doch sein Bewußtsein klar. Er fürchtete eine
Verfolgung, fürchtete, daß nach einer halben Stunde, nach einer
Viertelstunde schon vielleicht der Befehl gegeben würde, ihn zu
beobachten, also mußte er um jeden Preis, ehe es zu spät war, alles
beiseite schaffen. Er mußte fertig sein, solange ihm noch die geringste
Kraft und klarer Verstand zur Seite standen ... Wohin aber gehen?

Das war längst entschieden: »Alles in den Kanal werfen, und das ist das
Ende«. So hatte er noch in der Nacht, im Fieber, beschlossen, in den
Augenblicken, wo er -- er entsann sich dessen -- ein paarmal versuchte
aufzustehen und fortzugehen: »Schnell, schnell, alles fortwerfen«. Aber
das erwies sich als sehr schwer.

Er wanderte den Jekaterinenkanal schon über eine halbe Stunde entlang,
vielleicht auch länger, und schaute nach den Treppen, die zum Kanal
hinabführten. Aber es war nicht mal daran zu denken, das Vorhaben
auszuführen: entweder lagen an den Treppen Flöße, und Wäscherinnen
wuschen dort, oder Kähne hatten angelegt, und überall wimmelte es von
Menschen, außerdem aber konnte man von allen Seiten hersehen, es war
schon verdächtig, wenn ein Mensch hinabging, stehen blieb und etwas ins
Wasser warf. Und gar wenn die Etuis nicht untergingen, sondern obenauf
schwammen? Ja, und so wird es auch kommen. Jeder wird es sehen. Schon
jetzt sehen alle ihn an, als ob sie sich nur um ihn kümmerten.

»Woher kommt das, oder scheint es mir nur so?« -- dachte er.

Endlich kam ihm der Gedanke, ob es nicht besser wäre, irgendwohin an die
Newa zu gehen? Dort sind weniger Menschen, und es würde weniger
bemerkbar und in jedem Falle bequemer sein, hauptsächlich aber wäre es
weit von hier. Und er wunderte sich plötzlich, wie er eine volle halbe
Stunde an den gefährlichen Stellen in Trübsal und Unruhe herumgewandert
war, ohne früher auf diesen Gedanken zu kommen.

Und er hatte nur darum eine halbe Stunde nutzlos verbraucht, weil er so
im Traume, im Fieber beschlossen hatte. Er war sehr zerstreut und
vergeßlich geworden und fühlte es. Entschieden mußte er sich beeilen.

Er ging zur Newa den W.schen Prospekt entlang und unterwegs kam ihm
plötzlich der Gedanke: »Warum denn zur Newa? Warum ins Wasser werfen?
Ist es nicht besser, irgendwohin ganz weit hinzugehen, vielleicht auf
die Inseln, und dort irgendwo an einer einsamen Stelle, im Walde, unter
einem Busche alles zu verscharren und vielleicht sich den Baum zu
merken?«

Und obgleich er fühlte, daß er nicht imstande sei, alles klar und
vernünftig in diesem Augenblicke zu überlegen, schien ihm doch der
Gedanke einwandfrei zu sein.

Aber auch das war ihm nicht bestimmt auszuführen, es geschah etwas
anderes: -- als er vom W.schen Prospekt auf den Platz kam, erblickte er
plötzlich links das Tor zu einem von vollkommen fensterlosen Mauern
umgebenen Hof. Rechts zog sich von dem Eingange tief in den Hof hinein
die fensterlose, ungekalkte Mauer des vierstöckigen Nachbarhauses. Links
vom Eingange, parallel der kahlen Mauer, lief ein hölzerner Zaun, der
weiterhin, etwa zwanzig Schritte vom Eingange eine Biegung nach links
machte. Es war ein leerer, umzäunter Platz, wo allerhand Baumaterialien
lagen. Weiter, tief im Hofe, blickte hinter dem Zaune die Ecke einer
niedrigen, verräucherten Scheune aus Stein hervor, wahrscheinlich der
Teil einer Werkstatt. Hier war sicher eine Werkstatt für Wagenbauer oder
eine Schlosserei oder etwas ähnliches, denn überall lag viel schwarzer
Kohlenstaub. »Hier könnte man es wegwerfen und fortgehen!« --
durchzuckte es ihn plötzlich. Da er niemand auf dem Hofe bemerkte,
durchschritt er das Tor und erblickte sofort am Eingange eine am Zaune
angebrachte Rinne, wie man sie oft in solchen Häusern antrifft, in denen
es viele Arbeiter, Kutscher usw. gibt, und über der Rinne war am Zaune
mit Kreide die übliche witzige Bemerkung angeschrieben: »Hier ist es
verboten, stehen zu bleiben!« Dieser Umstand war also ausgezeichnet, es
konnte keinen Verdacht erregen, daß er hineingegangen und hier stehn
geblieben war. »Alles mit einem Ruck fortwerfen und fortgehen!«

Er blickte sich noch einmal um und wollte schon die Hand in die Tasche
stecken, als er plötzlich an der äußeren Mauer, zwischen dem Tore und
der Rinne, wo es höchstens einen Meter breit war, einen großen
unbehauenen Stein bemerkte, der vielleicht einen halben Zentner schwer
sein mochte und an die Straßenmauer angelehnt war. Hinter dieser Mauer
war die Straße, der Fußsteg, man hörte, wie die Vorbeigehenden
schlurften, aber hinter dem Tore konnte ihn niemand sehen, wenn nicht
jemand von der Straße eintrat, was übrigens sehr leicht passieren
konnte, und darum mußte er sich beeilen.

Er beugte sich zu dem Steine, packte die obere Spitze mit beiden Händen
fest an, nahm alle seine Kräfte zusammen und wandte den Stein um. Unter
dem Steine hatte sich eine kleine Vertiefung gebildet; er begann sofort
alles aus der Tasche hineinzuwerfen. Der Beutel kam obenauf zu liegen,
und trotzdem war noch Platz in der Vertiefung. Dann packte er den Stein
von neuem an, drehte ihn mit einem Ruck um, und er kam genau auf die
frühere Stelle zu liegen, nur schien er ein wenig hervorzuragen. Er
scharrte Erde ringsum zusammen und trat sie fest. Es war nichts zu
merken. Dann ging er hinaus und wandte sich dem Platze zu. Wieder packte
ihn auf einen Augenblick eine starke, überwältigende Freude, wie vorhin
in dem Polizeibureau.

»Alle Spuren sind verwischt! Und wem, wem könnte es in den Sinn kommen,
unter diesem Steine nachzusuchen? Er liegt hier, vielleicht seitdem das
Haus gebaut ist und wird vielleicht noch ebensolange liegen. Und wenn
man es auch finden würde, wer würde an mich denken? Alles ist vorüber!
Es gibt keine Beweise!« und er lachte. Ja, er entsann sich später, daß
ihn ein nervöses stilles Lachen überfallen und daß er solange gelacht
hatte, als er über den Platz ging. Als er aber den K.schen Boulevard
erreichte, wo er vorgestern dem jungen Mädchen begegnet war, verging ihm
das Lachen. Andere Gedanken kamen ihm in den Kopf. Ein Abscheu ergriff
ihn, an jener Bank vorbeizugehen, auf der er damals nach dem Fortgehen
des Mädchens gesessen und nachgedacht hatte, und er fürchtete sich, dem
Polizisten wieder zu begegnen, dem er damals zwanzig Kopeken gegeben
hatte. »Hol ihn der Teufel!« Er ging und blickte sich zerstreut und
ärgerlich um. Alle seine Gedanken drehten sich jetzt um einen einzigen,
anscheinend um den Hauptpunkt, und er fühlte, daß dies wirklich der
Hauptpunkt sei, und daß er jetzt, gerade jetzt, mit diesem Hauptpunkte
unter vier Augen zu tun habe, -- und daß es das erstemal seit diesen
zwei Monaten sei.

»Ah, hol der Teufel all das!« dachte er plötzlich in einem Anfalle von
unermeßlicher Wut. »Na, wenn es mal begonnen hat, mag es auch dabei
bleiben, hol der Teufel das neue Leben. Oh Gott, wie das dumm ist! ...
Und wieviel habe ich heute zusammengelogen und wie gemein war ich! Wie
gemein habe ich vorhin geschwänzelt und dem charakterlosen Ilja
Petrowitsch geschmeichelt. Was war das für ein Blödsinn! Ich pfeife auf
sie alle und auch auf das, daß ich geschwänzelt und geschmeichelt habe.
Das ist es nicht, das ist es gar nicht!«

Plötzlich blieb er stehn; eine neue, völlig unerwartete und
außerordentlich einfache Frage brachte ihn von diesem Gedanken ab und
ließ ihn bitter erstaunen:

»Wenn das ganze in der Tat bewußt und nicht in alberner Weise vollführt
wurde, wenn du tatsächlich ein bestimmtes und sicheres Ziel hattest, --
wie kam es dann, daß du bis jetzt nicht einmal in den Beutel
hineinblicktest und nicht weißt, was dir zugefallen ist, warum hast du
alle Qualen auf dich genommen und solch eine gemeine, häßliche, niedrige
Tat bewußt übernommen? Du wolltest doch soeben ihn ins Wasser werfen,
den Beutel mit all den Sachen, die du auch noch nicht gesehen hast ...
Wie ist denn das?«

Ja so ist es, es ist einmal so. Er hatte es vorher gewußt, und es war
gar keine neue Frage für ihn. Auch als es in der Nacht beschlossen
wurde, ohne jedes Schwanken und jeden Widerspruch, sondern so, als
gehörte es sich so, als wäre es anders unmöglich ... Ja, er wußte dies
alles und erinnerte sich daran; ja, schon gestern war es vielleicht so
beschlossen in demselben Moment, als er über den Kasten gebückt dasaß
und die Futterale hervorholte ... Es ist doch so! ...

»Das kommt daher, daß ich sehr krank bin,« entschied er schließlich
finster, »ich habe mich selbst gemartert und abgequält und weiß selbst
nicht, was ich tue ... Auch gestern und vorgestern und die ganze Zeit
habe ich mich gemartert ... Ich werde gesund werden und ... werde mich
dann nicht mehr martern ... Aber wenn ich nun gar nicht gesund werde? Oh
Gott! Wie ich all dessen überdrüssig bin ...«

Er ging weiter ohne stehn zu bleiben. Er wollte sehr gern sich irgendwie
zerstreuen, aber er wußte nicht, was er tun und unternehmen sollte. Eine
neue unbezwingbare Empfindung erfaßte ihn immer stärker und stärker mit
jedem Augenblick, -- es war ein grenzenloser, fast physischer Widerwille
gegen alles, was ihm begegnete und was ihn umgab; es war ein
hartnäckiges, böses und quälendes Gesicht. Alle Begegnenden waren ihm
widerwärtig, -- ihre Gesichter, ihr Gang, ihre Bewegungen waren ihm
widerwärtig. Er hätte sie am liebsten angespien, ja, vielleicht gar
gebissen, wenn man ihn angeredet hätte.

Er blieb stehn, als er an das Ufer der kleinen Newa, auf Wassiljew
Ostroff bei der Brücke hinauskam.

»Da wohnt er ja, in diesem Hause,« dachte er. »Was ist denn das, bin ich
etwa zu Rasumichin mit Willen gegangen? Es ist dieselbe Geschichte wie
damals ... Es ist mir nun doch sehr interessant, -- bin ich mit Absicht
hierhergekommen oder lenkte das Schicksal meine Schritte. Es ist mir
übrigens gleichgültig. Ich sagte mir ... vorgestern ... daß ich am
andren Tage _nach dem_ hingehen werde; na, ich werde es tun, was ist
denn dabei! Als ob ich jetzt nicht zu ihm gehen könnte ...«

Er ging hinauf zu Rasumichin in das fünfte Stockwerk.

Rasumichin war in seinem Zimmerchen und mit Schreiben beschäftigt; er
öffnete ihm selbst. Seit vier Monaten etwa hatten sie sich nicht
gesehen. Rasumichin stak in einem zerfetzten abgetragenen Schlafrock,
hatte Pantoffeln an den bloßen Füßen und saß ungekämmt, unrasiert und
ungewaschen da. Auf seinem Gesichte zeigte sich großes Erstaunen.

»Was ist mit dir?« rief er aus und betrachtete den eingetretenen
Kameraden vom Kopf bis zu den Füßen. Dann schwieg er und tat einen
leisen Pfiff.

»Steht es mit dir wirklich so schlecht? Ja, du hast sogar unsereinen
übertroffen,« fügte er hinzu und blickte auf Raskolnikoffs Lumpen. »Aber
so setz' dich doch, du bist wahrscheinlich müde!«

Und als dieser auf das türkische Sofa von Wachstuch hinsank, sah
Rasumichin plötzlich, daß sein Besucher krank sei.

»Du bist ja ernstlich krank, weißt du das?«

Er begann seinen Puls zu fühlen, Raskolnikoff aber riß die Hand weg.

»Ist nicht nötig,« sagte er, »ich bin gekommen ... die Sache ist -- ich
habe keine Stunden zu geben ... ich wollte ... übrigens, ich brauche
keine Stunden ...«

»Weißt du was? Du phantasierst ja!« bemerkte Rasumichin, der ihn
aufmerksam beobachtete.

»Nein, ich phantasiere nicht ...«

Raskolnikoff erhob sich vom Sofa. Indem er zu Rasumichin ging, dachte er
nicht daran, daß er Auge in Auge ihm gegenüberstehen müsse. Jetzt aber,
in einem Nu, wurde es ihm durch diese Erfahrung klar, daß er jetzt am
allerwenigsten aufgelegt sei, irgend jemandem auf der ganzen Welt Auge
in Auge gegenüberzutreten. Die Galle stieg in ihm auf. Er verlor fast
den Atem vor Wut über sich selbst, darüber, daß er diese Schwelle
überschritten hatte.

»Lebe wohl!« sagte er plötzlich und ging zur Tür.

»Aber warte doch, warte, du komischer Kauz!«

»Nicht nötig! ...« wiederholte der und stieß seine Hand zurück.

»Weshalb aber bist du denn gekommen, zum Teufel noch einmal! Bist du von
Sinnen? Das ist doch ... fast beleidigend. Ich laß dich nicht so.«

»So hör nun, -- ich bin zu dir gekommen, weil ich niemand außer dir
kenne, der mir helfen würde ... anzufangen ... weil du besser, d. h.
klüger als alle anderen bist und beurteilen kannst ... Jetzt aber sehe
ich, daß ich nichts brauche, hörst du, gar nichts brauche ... keinen
Dienst und Teilnahme ... Ich selbst ... allein ... Nun, genug davon!
Laßt mich in Ruhe!«

»Aber warte doch einen Augenblick, du Schornsteinfeger! Bist ja ganz
verrückt! Meinetwegen tue, wie du willst. Siehst du, Stunden habe ich
nicht mal selber und pfeife auch darauf, aber auf dem Trödlermarkt gibt
es einen Buchhändler Heruwimoff, der ist mir lieber als Stunden. Ich
möchte ihn nicht gegen fünf Stunden bei Kaufleuten vertauschen. Er
verlegt allerhand kleine Sachen und gibt naturwissenschaftliche
Broschüren heraus, -- und wie die gehen? Die Titel allein sind schon was
wert! Siehst du, du hast immer behauptet, ich wäre dumm; bei Gott, es
gibt noch Dümmere als ich, Bruder mein! Jetzt macht er sogar in der
modernen Literatur; selbst versteht er rein gar nichts davon, ich aber
unterstütze ihn selbstverständlich darin. Hier siehst du mehr als zwei
Bogen deutschen Text, -- meiner Ansicht nach, von der allerdümmsten
Charlatanerie; mit einem Worte, es wird erörtert, ob die Frau ein Mensch
ist oder nicht? Selbstredend wird mit Glanz bewiesen, daß sie ein Mensch
ist. Heruwimoff bringt es, als zur Frauenfrage gehörend, heraus. Ich
übersetze; er wird diese zwei und einen halben Bogen auf sechs
ausdehnen, wir erfinden dann einen prachtvollen Titel; eine halbe Seite
lang, und schlagen es zu fünfzig Kopeken los. Es wird sicher gehen! Für
die Übersetzung bekomme ich sechs Rubel pro Bogen, also für das Ganze
fünfzehn, und sechs Rubel habe ich Vorschuß. Wenn wir damit fertig sind,
fangen wir an, über Walfische zu übersetzen, dann folgen einige
langweilige Klatschgeschichten aus dem zweiten Teil der >Konfessions,<
die schon vorgemerkt sind und übersetzt werden sollen. Jemand hat
Heruwimoff gesagt, Rousseau wäre eine Art Radischtscheff.[9] Ich
widerspreche selbstverständlich nicht, hol ihn der Teufel! Willst du nun
den zweiten Bogen von >Ist die Frau ein Mensch?< übersetzen? Wenn du
willst, nimm sofort den Text, Federn und Papier -- dies alles wird
gratis geliefert -- und nimm drei Rubel. Da ich für die ganze
Übersetzung, für den ersten und zweiten Bogen, vorausbekommen habe, so
kommen gerade auf diesen Teil drei Rubel. Und wenn du mit dem Bogen
fertig bist, -- erhältst du noch drei Rubel. Ja, noch eins, -- bitte,
sieh' es nicht als einen Dienst meinerseits an. Im Gegenteil, als du
eintratest, dachte ich gleich, wie nützlich du mir sein könntest.
Erstens bin ich in der Orthographie schlecht und zweitens bin ich im
Deutschen öfters recht schwach, so daß ich meistens selbst hinzu dichte
und mich bloß damit tröste, daß es dadurch noch besser wird. Aber wer
weiß, vielleicht wird es nicht besser, sondern schlechter ... Tust du
mit oder nicht?« Raskolnikoff nahm schweigend die Blätter der deutschen
Artikel, nahm die drei Rubel und ging ohne ein Wort zu sagen hinaus.
Rasumichin blickte ihm erstaunt nach. Als Raskolnikoff aber schon ein
Stück gegangen war, kehrte er plötzlich um, ging wieder zu Rasumichin
hinauf, legte auf den Tisch die Blätter und die drei Rubel und ging
wieder schweigend von dannen.

»Hast du etwa das Delirium?« schrie Rasumichin, der schließlich wütend
geworden war. »Warum führst du hier eine Komödie auf? Hast mich sogar
konfus gemacht ... Warum bist du denn hergekommen, zum Teufel?«

»Ich brauche keine ... Übersetzungen ...« murmelte Raskolnikoff, als er
schon die Treppe hinabstieg.

»Ja, was brauchst du denn, zum Teufel?« rief von oben Rasumichin.

Der ging jedoch schweigend hinunter.

»He, du! Wo wohnst du?«

Es erfolgte keine Antwort.

»Na, so hol dich der Teu--fel!« ...

Raskolnikoff war schon auf der Straße angelangt.

Auf der Nikolaibrücke passierte es ihm, daß er infolge eines für ihn
sehr unangenehmen Zwischenfalles wieder zur völligen Besinnung kam. Der
Kutscher einer Privatequipage hatte ihm einen starken Peitschenhieb über
den Rücken versetzt, weil er beinahe unter die Pferde geraten war,
trotzdem er ihn einigemal angerufen hatte. Der Peitschenhieb verursachte
eine solche Wut in ihm, daß er bis ans Geländer sprang -- (es war
unklar, warum er in der Mitte der Brücke, auf dem Fahrweg, ging) und mit
den Zähnen knirschte. Ringsherum erklang lautes Lachen.

»Geschieht ihm recht!«

»Ist wahrscheinlich ein Spitzbube.«

»Selbstverständlich, stellt sich betrunken, kriecht absichtlich unter
die Räder, und unsereiner muß es verantworten.«

»Davon leben sie, Verehrtester, damit verdienen sie ...«

In dem Augenblicke, als er am Geländer stand, den Rücken reibend und
immer noch sinnlos vor Wut der davonfahrenden Equipage nachschaute,
fühlte er, daß ihm jemand Geld in die Hand drückte. Er blickte auf, --
es war eine ältliche Kaufmannsfrau mit einem Kopftuche, und neben ihr
ein junges Mädchen im Hute, mit einem grünen Sonnenschirme,
wahrscheinlich die Tochter. »Nimm, mein Lieber, um Christi willen!« Er
nahm das Geld, und sie gingen weiter. Es waren zwanzig Kopeken. Seiner
Kleidung und dem Aussehen nach konnten sie ihn sehr leicht für einen
Bettler, für einen echten Groschensammler von der Straße halten, daß sie
ihm aber ganze zwanzig Kopeken gaben, hatte er sicher dem Peitschenhiebe
zu danken, der sie mitfühlend gestimmt hatte.

Er drückte die Münze fest in die Hand, ging etwa zehn Schritte und
wandte sich mit dem Gesichte zur Newa, in der Richtung des Winterpalais.
Der Himmel war ohne die geringste Wolke und das Wasser fast blau, was so
selten auf der Newa vorkommt. Die Kuppel des Domes, der von keinem
Punkte sich besser hervorhebt, als von der Brücke aus, leuchtete
förmlich, durch die reine Luft konnte man jede Verzierung deutlich
wahrnehmen. Der Schmerz vom Peitschenhieb hatte nachgelassen, und
Raskolnikoff hatte den Hieb vergessen; ein unruhiger und nicht ganz
klarer Gedanke beschäftigte ihn jetzt ausschließlich. Er stand und
schaute lange und unverwandt in die Ferne; diese Stelle kannte er
besonders gut. Als er noch zur Universität ging, geschah es gewöhnlich,
-- meistens auf dem Rückwege nach Hause, -- daß er gerade an dieser
Stelle stehn blieb, um unverwandt dieses prachtvolle Panorama zu
betrachten, und jedesmal mußte er über den Eindruck, den er sich nicht
erklären konnte, staunen. Eine unerklärliche Kälte wehte ihm stets von
diesem wundervollen Panorama entgegen; dieses prächtige Bild war für ihn
von einem stillen und dumpfen Geiste erfüllt ... Er wunderte sich
jedesmal über seinen düsteren und rätselhaften Eindruck und schob die
Lösung, ohne zu wissen warum, in die Zukunft. Jetzt erinnerte er sich
deutlich seiner früheren Fragen und Zweifel, und es schien ihm, als
hätte er sich nicht rein zufällig ihrer erinnert. Schon der Umstand
erschien ihm merkwürdig und wunderlich, daß er auf derselben Stelle, wie
früher, stehengeblieben war, als bilde er sich wirklich ein, daß er
jetzt über dasselbe, wie ehedem, nachsinnen und sich für ebensolche
Themen und Bilder interessieren könne, wie er es früher ... noch
unlängst getan. Ihm wurde fast lächerlich zumute und gleichzeitig
schnürte es ihm die Brust zu. In der Tiefe, tief unten in einem
ungeheuren Abgrunde versunken, erschien ihm jetzt die ganze
Vergangenheit, die früheren Gedanken, die alten Ziele und Probleme, die
damaligen Eindrücke und dieses ganze Panorama, und er selbst und alles
... Ihm schien, als fliege er irgendwo hinauf, und alles verschwinde aus
seinen Augen ... Indem er eine unwillkürliche Bewegung mit der Hand
machte, fühlte er wieder in seiner geballten Faust die zwanzig Kopeken.
Er öffnete die Hand, blickte aufmerksam das Geldstück an und schleuderte
es ins Wasser; dann wandte er sich um und ging nach Hause. Ihm schien
es, als hätte er in diesem Augenblick seine ganze Vergangenheit mit
einer Schere abgeschnitten.

Es war am Abend, als er nach Hause kam, also mußte er im ganzen gegen
sechs Stunden gewandert sein. Welchen Weg, und wie er zurückgekommen
war, erinnerte er sich gar nicht. Er kleidete sich aus, und zitternd am
ganzen Körper, wie ein abgehetztes Pferd, legte er sich auf das Sofa,
zog seinen Mantel über sich und fiel sofort in Bewußtlosigkeit ...

Er wurde in völliger Dämmerung von einem furchtbaren Geschrei
aufgestört. Oh, Gott, was ist das für ein Geschrei! Solche unnatürlichen
Töne, solch ein Geheul, Stöhnen, Knirschen, Weinen, Schläge und
Schimpfen hatte er noch nie vernommen. Er konnte sich nicht mal solchen
Greuel, solche Raserei vorstellen. Voll Schrecken erhob er sich und
setzte sich in seinem Bette auf; schwer atmend litt er Qualen. Die
Schläge, das Geschrei und die Schimpfwörter wurden immer stärker und
stärker. Er vernahm zu seiner größten Verwunderung die Stimme seiner
Wirtin. Sie heulte, kreischte und klagte, sie sprach die Worte in so
eiliger Hast, daß man nicht verstehen konnte, um was sie flehte, --
gewiß, daß man aufhören sollte, sie zu schlagen, denn man prügelte sie
auf der Treppe unbarmherzig. Die Stimme des Schlagenden war so
schauerlich vor Wut und Raserei, daß er bloß noch röchelte, und er
sprach ebenso unverständlich, hastig und sich verschluckend. Plötzlich
bebte Raskolnikoff am ganzen Körper; er hatte die Stimme von Ilja
Petrowitsch erkannt. Er ist hier und schlägt die Wirtin! Er schlägt sie
mit Fäusten, stößt ihren Kopf auf die Stufen, -- das ist klar, man hörte
es an dem Ton, am Geheul, an den Schlägen! Was ist denn geschehen, hat
sich die Welt gewendet? Man hörte, wie aus allen Stockwerken, auf der
ganzen Treppe sich Menschen ansammeln, Stimmen, Ausrufe erschallen, man
läuft, trampelt, schlägt die Türen zu, rennt zusammen. »Aber weshalb
denn, weshalb und wie ist es denn möglich?« wiederholte er und glaubte
in allem Ernste, er hätte den Verstand verloren. Aber nein, er hört es
doch zu deutlich! ... Also wird man auch zu ihm gleich kommen, »denn ...
das ist sicher wegen desselben ... wegen des gestrigen ... Oh, Gott!« Er
wollte die Tür zuhaken, konnte aber die Hand nicht erheben ... und es
wäre ja nutzlos. Die Angst lag auf seiner Seele wie Eis, hatte ihn
zermartert, ihn erstarrt ... Aber nach und nach hörte dieser Spektakel,
der sicher gegen zehn Minuten gedauert hatte, auf. Die Wirtin stöhnte
und ächzte, Ilja Petrowitsch drohte und schimpfte noch immer ... Endlich
schien auch er ruhiger geworden zu sein; jetzt hörte man ihn nicht mehr.
»Ist er fortgegangen? Oh, Gott!« Ja, nun geht auch die Wirtin fort, sie
stöhnt und weint noch immer ... nun schlug sie auch ihre Türe zu ...
Jetzt gehen die Menschen die Treppe hinunter in ihre Wohnungen, -- sie
bedauern, streiten, rufen einander zu, bald erhebt sich ihr Gerede bis
zum Geschrei, bald sinkt es zum Flüstertone. Wahrscheinlich waren es
viele gewesen, fast das ganze Haus war zusammengelaufen. »Aber, mein
Gott, ist denn das alles möglich! Und warum, warum kam er hierher!«

Raskolnikoff fiel kraftlos auf das Sofa hin, aber er konnte kein Auge
schließen; er lag etwa eine halbe Stunde in solcher Qual, in dem
unausstehlichen Gefühle eines grenzenlosen Schreckens, wie er ihn noch
nie empfunden hatte. Plötzlich erhellte ein greller Schein sein Zimmer,
-- Nastasja kam mit einem Lichte und einem Teller Suppe herein. Sie sah
ihn aufmerksam an und als sie bemerkte, daß er nicht schlafe, stellte
sie das Licht auf den Tisch und begann das Mitgebrachte aufzustellen:
Brot, Salz, einen Teller und Löffel ...

»Hast seit gestern wahrscheinlich nichts gegessen? Hast dich den ganzen
Tag umhergetrieben, -- im Fieber, wie du bist.«

»Nastasja ... warum schlug man die Wirtin?«

Sie sah ihn aufmerksam an.

»Wer hat die Wirtin geschlagen?«

»Soeben ... vor einer halben Stunde. Ilja Petrowitsch, der Gehilfe des
Revieraufsehers, auf der Treppe ... Warum hat er sie so geschlagen. Und
... warum kam er her?«

Nastasja betrachtete ihn schweigend und mit zusammengezogenen
Augenbrauen, und sah ihn lange so an. Ihm wurde dieses Anstarren sehr
unangenehm, beängstigend.

»Nastasja, warum schweigst du?« sagte er schließlich zaghaft mit
schwacher Stimme.

»Das ist das Blut,« antwortete sie leise, als rede sie mit sich selbst.

»Blut! ... Was für ein Blut? ...« murmelte er erbleichend und rückte zur
Wand.

Nastasja fuhr fort ihn schweigend zu betrachten.

»Niemand hat die Wirtin geschlagen,« sagte sie endlich in strengem und
entschiedenem Tone.

Er sah sie an und atmete kaum.

»Ich habe selbst gehört ... ich habe nicht geschlafen ... ich saß,«
sagte er noch zaghafter. »Ich habe lange zugehört ... Der Gehilfe des
Revieraufsehers war gekommen ... Alle waren auf der Treppe
zusammengelaufen, aus allen Stockwerken ...«

»Niemand ist dagewesen. Es ist das Blut, das in dir spricht. Wenn es
keinen Ausweg hat und sich in Klumpen zusammenballt, dann erscheinen
einem allerhand Dinge ... Wirst du essen?«

Er antwortete nicht. Nastasja stand immer noch bei ihm, blickte ihn
aufmerksam an und ging nicht weg.

»Gib mir zu trinken ... liebe Nastasja.«

Sie ging hinunter und nach ein paar Minuten kehrte sie mit Wasser in
einer weißen Tasse zurück, weiter erinnerte er sich nichts mehr, nur
noch, wie er einen Schluck kalten Wassers genommen und aus der Tasse auf
die Brust verschüttet hatte. Dann hatte er das Bewußtsein verloren.


                                  III.

Er war jedoch nicht ganz besinnungslos während seiner Krankheit; es war
ein fieberhafter Zustand mit Traumgesichten und halbem Bewußtsein. An
vieles konnte er sich später erinnern. Bald schien es ihm, als versammle
sich eine Menge Menschen um ihn, die ihn irgendwohin fort tragen wollten
und sich seinetwegen sehr viel stritten und zankten. Bald war er wieder
allein im Zimmer, alle waren weggegangen und fürchteten sich vor ihm,
nur zuweilen öffnete man die Türe, um ihn zu betrachten, man drohte ihm,
verabredete unter sich etwas, lachte und reizte ihn. Nastasja sah er oft
um sich, auch unterschied er noch einen Menschen, der ihm sehr bekannt
schien, aber wer es war -- konnte er nicht herausbekommen, das peinigte
ihn, und er weinte sogar. Manchmal schien es ihm, als liege er schon
einen Monat, ein anderes Mal aber -- als wäre es noch derselbe Tag.
_Jenes_ aber, _jenes Ereignis_ hatte er völlig vergessen; dafür aber
dachte er immerfort, daß er etwas vergessen habe, was er nicht hätte
vergessen dürfen, -- er quälte sich, marterte sich, um darauf zu kommen,
stöhnte, es überfiel ihn eine rasende Wut oder eine schreckliche
unerträgliche Angst. Dann versuchte er aufzustehen, wollte fliehen, aber
stets hielt ihn jemand mit Gewalt zurück und er verfiel wieder in
Schwäche und Bewußtlosigkeit. -- Endlich kam er ganz zu sich.

Das geschah an einem Morgen um zehn Uhr. Um diese Stunde zog an heiteren
Tagen die Sonne stets einen langen Streifen über die rechte Wand des
Zimmers und beleuchtete die Ecke an der Tür. An seinem Bette stand
Nastasja und noch ein Mann, der ihn mit großem Interesse betrachtete und
der ihm völlig unbekannt war. Das war ein junger Bursche in langem Rock,
mit einem kleinen Barte, der seinem Aussehen nach ein Kontordiener sein
mochte. Hinter der halbgeöffneten Tür blickte die Wirtin hervor.
Raskolnikoff erhob sich.

»Wer ist das, Nastasja?« fragte er und wies auf den Burschen.

»Sieh mal, er ist zu sich gekommen!« sagte sie.

»Zu sich gekommen,« wiederholte der Kontordiener.

Als sie hörte, daß er zu sich gekommen sei, schloß die Wirtin sofort die
Tür und verschwand. Sie war immer schon schüchtern und vertrug mit Mühe
Gespräche und Auseinandersetzungen; sie war gegen vierzig Jahre alt,
dick und fett, hatte schwarze Augenbrauen und schwarze Augen, war
gutmütig aus Wohlgenährtheit und Faulheit, ziemlich hübsch, genierte
sich aber über alle Maßen.

»Wer sind ... Sie?« wandte sich fragend Raskolnikoff an den
Kontordiener. In diesem Augenblicke wurde die Türe von neuem weit
geöffnet, und gebückt, da er viel zu groß war, trat Rasumichin ein.

»Das ist ja die reinste Schiffskajüte,« rief er beim Eintreten, »immer
stoße ich mit der Stirn an. Und das nennt sich eine Wohnung? Und du bist
zu dir gekommen, Bruder! Die liebe Praskovja sagte es mir.«

»Er ist soeben zu sich gekommen,« sagte Nastasja.

»Soeben zu sich gekommen,« bestätigte wieder der Kontordiener mit einem
Lächeln.

»Wer sind Sie aber, mein Herr?« fragte er plötzlich Rasumichin, sich an
ihn wendend. »Ich bin, sehen Sie, Rasumichin, Student, Sohn eines
Edelmannes, und er ist mein Freund. Nun, und wer sind Sie?«

»Ich bin in unserm Kontor Diener, beim Kaufmann Schelopajeff, und komme
in Geschäften.«

»Nehmen Sie bitte Platz auf diesem Stuhl.«

Rasumichin setzte sich auf einen andern, an der anderen Seite des
Tischchens.

»Das hast du gut getan, Bruder, daß du zu dir gekommen bist,« fuhr er
fort, sich an Raskolnikoff wendend. »Den vierten Tag schon hast du kaum
etwas gegessen oder getrunken. Löffelweise hat man dir ein wenig Tee
gegeben. Ich brachte ein paarmal Sossimoff mit. Erinnerst du dich
seiner? Er hat dich genau untersucht und sagte sofort, es sei nichts von
Bedeutung, -- es hat sich in den Kopf gezogen. Irgendein Unsinn mit den
Nerven, sagt er, schlechte Ernährung, zu wenig Bier und Meerrettich habe
man dir gegeben, daher auch die Krankheit, aber es habe nichts auf sich,
wird bald vergehen und gut werden. Sossimoff ist ein tüchtiger Kerl!
Fängt glänzend an damit, daß er dich kuriert. Na, ich will Sie nicht
aufhalten,« wandte er sich wieder an den Kontordiener, »wollen Sie Ihre
Wünsche erklären? Denk dir, Rodja, das ist schon der zweite Bote aus dem
Kontor, mit dem ersten habe ich gesprochen. Wer war es, der vor Ihnen da
war?«

»Ich glaube, es war vorgestern; ja es stimmt. Das war Alexei
Ssemenowitsch, er ist auch aus unserem Kontor.«

»Er ist wohl gescheiter als Sie, he?«

»Ja, Sie haben recht, er ist solider.«

»Das lobe ich mir, nun, fahren Sie fort.«

»Also, Afanassi Iwanowitsch Wachruschin, von dem, wie ich annehme, Sie
öfter gehört haben, sendet Ihnen auf Wunsch Ihrer Frau Mutter, durch
unser Kontor eine Anweisung,« begann der Diener, sich direkt an
Raskolnikoff wendend.

»Falls Sie wieder bei Bewußtsein sind, soll ich Ihnen fünfunddreißig
Rubel überreichen, die an Ssemjon Ssemenowitsch von Afanassi Iwanowitsch
auf Wunsch Ihrer Frau Mutter, wie in früheren Fällen, überwiesen werden.
Sie kennen ihn doch?«

»Ja ... ich erinnere mich ... Wachruschin ...« sagte Raskolnikoff
sinnend.

»Hören Sie -- er kennt den Kaufmann Wachruschin!« rief Rasumichin aus.
»Ist er nun nicht bei Bewußtsein? Übrigens, ich merke jetzt auch, daß
Sie ebenfalls ein gescheiter Mann sind. Na! Kluge Reden hört man gern.«

»Ja, er ist es, Wachruschin, Afanassi Iwanowitsch, und zufolge des
Wunsches Ihrer Frau Mutter, die schon einmal auf diesem Wege Ihnen Geld
gesandt hatte, hat er es auch diesmal nicht abgelehnt und hat Ssemjon
Ssemenowitsch in diesen Tagen Order erteilt, Ihnen fünfunddreißig Rubel
bis auf weiteres zu übergeben.«

»Das ist gut: >bis auf weiteres,< nicht übel war auch das >von Ihrer
Frau Mutter<. Nun, also wie ist Ihre Ansicht, -- ist er bei vollem
Bewußtsein oder nicht, he?«

»Mir ist es gleich. Sehen Sie, nur die Unterschrift müßte ich haben.«

»Er wird sie schon hinkritzeln. Was haben Sie da, ein Buch etwa?«

»Ein Quittungsbuch, hier.«

»Geben Sie es her. Nun, Rodja, erhebe dich. Ich will dich stützen;
unterschreibe mal, nimm die Feder, denn Geld brauchen wir jetzt mehr als
Syrup, Bruder.«

»Ist nicht nötig,« sagte Raskolnikoff und stieß die Feder von sich.

»Was ist nicht nötig?«

»Ich werde nicht unterschreiben.«

»Zum Teufel, wie denn ohne Quittung?«

»Ich brauche nicht ... das Geld ...«

»Das Geld brauchst du nicht? Nun, da lügst du, Bruder, ich kann es
bezeugen! ... Bitte, beachten Sie es nicht, er tut bloß so ...
phantasiert wieder. Das passiert ihm übrigens auch in wachem Zustande
... Sie sind ein verständiger Mann und wir wollen ihn leiten, das heißt,
einfach seine Hand führen, er wird dann unterschreiben. Helfen Sie ...«

»Übrigens, ich kann auch ein andres Mal kommen.«

»Nein, nein, warum wollen Sie sich bemühen. Sie sind ein verständiger
Mann ... Nun, Rodja, halte den Besuch nicht auf ... du siehst, er
wartet,« und er schickte sich in allem Ernste an, Raskolnikoffs Hand zu
führen.

»Laß, ich will selbst ...« sagte jener, nahm die Feder und quittierte im
Buche.

Der Kontordiener zählte das Geld auf und ging.

»Bravo! Willst du nun essen, Bruder?«

»Ich will essen,« antwortete Raskolnikoff.

»Haben Sie Suppe?«

»Ja, von gestern,« antwortete Nastasja, die die ganze Zeit dabei
gestanden hatte.

»Mit Kartoffel und Reis?«

»Ja, mit Kartoffel und Reis.«

»Ich kenne das auswendig. Bringe die Suppe und gib auch Tee.«

»Gleich.«

Raskolnikoff blickte auf alles mit großem Erstaunen und einer dumpfen
sinnlosen Angst. Er beschloß zu schweigen und abzuwarten, was weiter
kommen würde. »Ich träume nicht, wie es scheint,« dachte er, »es scheint
Wirklichkeit zu sein ...«

Nach ein paar Minuten kam Nastasja mit der Suppe zurück und erklärte,
daß sofort auch der Tee da sein werde. Mit der Suppe erschienen auch
zwei Löffel, zwei Teller und das ganze Zubehör: ein Salzfaß, Pfeffer,
Senf für das Fleisch und alles übrige, in einer Ordnung, die schon lange
nicht mehr geherrscht hatte. Sogar das Tischtuch war sauber.

»Es wäre nicht schlecht, liebe Nastasja, wenn Praskovja Pawlowna ein
paar Flaschen Bier beordern würde. Wir würden sie gerne trinken.«

»Auch noch!« murmelte Nastasja, ging aber, den Befehl auszuführen.

Raskolnikoff begann starr und angestrengt zu beobachten. Unterdessen
hatte sich Rasumichin zu ihm auf das Sofa gesetzt; ungeschickt, wie ein
Bär, umfaßte er mit der linken Hand Raskolnikoffs Kopf, trotzdem dieser
selber sich erheben konnte, und brachte ihm mit der rechten Hand den
Suppenlöffel an seinen Mund, nachdem er ein paarmal vorher darauf
geblasen hatte, damit er sich nicht verbrenne. Die Suppe war kaum warm.
Raskolnikoff verschlang voll Gier einen Löffel, dann einen zweiten und
einen dritten. Nachdem er aber ihm noch einige Löffel gereicht, hielt
Rasumichin plötzlich inne und erklärte, daß man des weiteren wegen
Sossimoff fragen müsse.

Nastasja kam mit zwei Flaschen Bier herein.

»Willst du Tee?«

»Ja, ich möchte gern.«

»Bring mal schnell den Tee, Nastasja, denn was Tee anbelangt, so kann
man wohl auch ohne Konsultation auskommen. Na, und hier ist Bier!«

Er setzte sich auf seinen Stuhl, rückte die Suppe und das Fleisch zu
sich und begann mit solch einem Appetit zu essen, als hätte er drei Tage
nichts bekommen.

»Ich esse jetzt jeden Tag bei euch zu Mittag, lieber Rodja,« brummte er,
soweit es ihm der vollgestopfte Mund erlaubte, »und zwar bewirtet mich
so die liebe Praskovja, deine Wirtin, und ehrt mich von ganzer Seele.
Ich bestehe selbstverständlich nicht darauf, aber protestiere auch nicht
dagegen. Da ist Nastasja mit dem Tee. Wie flink du bist! Nastasja,
willst du Bier?«

»Ne, du Spaßvogel.«

»Und wie steht es mit Tee?«

»Tee möchte ich wohl.«

»Gieß ein. Warte, ich will dir selbst eingießen; setz dich an den
Tisch.«

Er machte sich sofort daran, goß eine Tasse ein, dann eine zweite, ließ
sein Essen stehen und setzte sich wieder auf das Sofa hin. Wie früher,
umfaßte er mit der linken Hand den Kopf des Kranken, richtete ihn auf
und begann ihm den Tee löffelweise einzuflößen, wobei er wieder
ununterbrochen und sehr eifrig auf den Löffel blies, als bestände in
diesem Blasen das wesentlichste und heilsamste Moment für die Genesung.
Raskolnikoff schwieg und sträubte sich nicht, obwohl er genügend Kraft
in sich fühlte, sich zu erheben und ohne fremde Hilfe auf dem Sofa zu
sitzen, nicht bloß die Hände zu benutzen, um den Löffel oder die Tasse
zu halten, sondern vielleicht auch herumzugehen. Aber aus einer
eigentümlichen, fast tierischen Schlauheit heraus kam es ihm plötzlich
in den Sinn, vorläufig seine Kräfte zu verheimlichen, sich zu verstellen
und sich auch nötigenfalls den Anschein zu geben, als verstünde er noch
nicht alles, indessen aber zuzuhören und zu erfahren, was um ihn
vorgehe. Übrigens überwand er nicht seinen Widerwillen, -- nachdem er
etwa zehn Löffel Tee geschlürft hatte, befreite er plötzlich seinen Kopf
von der Umarmung, stieß den Löffel von sich und sank wieder auf die
Kissen zurück. Unter seinem Kopfe lagen jetzt wirklich Kissen, --
gefüllt mit weichem Flaum und mit sauberen Überzügen bezogen; das hatte
er auch schon bemerkt und darüber nachgedacht.

»Die liebe Praskovja muß uns heute noch Himbeersaft schicken, um ihm ein
Getränk zu machen,« sagte Rasumichin, indem er seinen Platz wieder
einnahm und sich an die Suppe und das Bier machte.

»Wo soll sie den Himbeersaft für dich hernehmen?« fragte Nastasja, die
die Untertasse auf ihren ausgespreizten fünf Fingern hielt und den Tee
durch ein Stück Zucker hindurchsog.

»Den Himbeersaft wird sie im Laden erhalten, mein Freund. Siehst du,
Rodja, während du krank warst, ist hier eine ganze Geschichte passiert.
Als du in solcher spitzbübischen Weise von mir ausrücktest und mir deine
Wohnung nicht sagtest, packte mich plötzlich eine Wut, daß ich beschloß,
dich aufzusuchen und zu strafen. Am selben Tage begann ich schon. Ich
wanderte und wanderte umher, fragte hier und fragte dort! Deine jetzige
Wohnung hatte ich vergessen, erinnerte mich ihrer auch nicht, weil ich
sie gar nicht kannte. Nun, und von der früheren Wohnung wußte ich bloß,
daß sie an den Fünfecken lag, im Hause Karlamoff. Ich suchte und suchte
dies Haus von Karlamoff, -- und später fand sich's, daß es gar nicht
Karlamoff, sondern Buch gehörte, wie man sich zuweilen im Klange irren
kann. Na, ich wurde böse, und ging auf gut Glück am anderen Tage in das
Adreßbureau, und stell dir vor, -- in zwei Minuten hatte man dich dort
herausgefunden. Du bist dort eingetragen.«

»Ich bin dort eingetragen.«

»Das stimmt, aber den General Koboleff, siehst du, konnte man dort gar
nicht finden. Na, darüber ließe sich viel reden. Kaum war ich hier
eingebrochen, als ich sofort mit allen deinen Angelegenheiten bekannt
wurde; mit allen, mit allen, Bruder, ich weiß alles. Nikodim Fomitsch
lernte ich kennen, Ilja Petrowitsch zeigte man mir, auch mit dem
Hausknecht wurde ich bekannt, ebenso Herrn Alexander Grigorjewitsch
Sametoff, dem Sekretär in dem Polizeibureau und zu guter Letzt mit der
lieben Praskovja, -- das war die Krone vom ganzen. Sie, Nastasja, weiß
es auch ...«

»Er hat sich eingeschmeichelt,« murmelte Nastasja mit einem schelmischen
Lächeln.

»Versüßen Sie doch Ihren Tee, Nastasja Nikiforowna.«

»Zum Kuckuck mit dir!« rief plötzlich Nastasja und prustete vor Lachen.
»Ich heiße übrigens Nastasja Petrowna und nicht Nikiforowna,« fügte sie
hinzu, nachdem sie aufgehört hatte zu lachen.

»Das will ich mir merken. Na, also, Bruder, um nicht viel Worte zu
verlieren, ich wollte, siehst du, zuerst hier einen elektrischen Strom
durchlassen, um alle Vorurteile in hiesiger Gegend mit einem Male zu
vertilgen, aber die liebe Praskovja siegte. Ich hatte gar nicht
erwartet, Bruder, daß sie so ... lieb sein würde ... Was meinst du?«

Raskolnikoff schwieg, obwohl er keinen Augenblick seinen erregten Blick
von ihm gewandt hatte, und jetzt noch fortfuhr, ihn starr anzublicken.

»Und sogar sehr lieb,« fuhr Rasumichin fort, ohne sich durch
Raskolnikoffs Schweigen stören zu lassen, und als bekräftige er dessen
Antwort, »und in bester Ordnung in jeder Hinsicht.«

»Das ist einer!« rief Nastasja wieder aus, der dieses Gespräch eine
unbeschreibliche Wonne zu bereiten schien.

»Schlimm war es, Bruder, daß du von Anfang an nicht verstanden hast, die
Sache richtig anzufassen. Mit ihr mußte man anders verfahren. Sie ist
sozusagen ein problematischer Charakter! Doch vom Charakter später ...
Eins nur, zum Beispiel, wie konntest du es soweit kommen lassen, daß sie
wagte, dir kein Mittagessen zu schicken? Oder zum Beispiel dieser
Wechsel? Bist du etwa verrückt geworden, Wechsel zu unterzeichnen. Oder
wiederum diese in Aussicht genommene Ehe, als noch die Tochter, Natalja
Jegorowna, lebte ... Ich weiß alles! übrigens, ich sehe, daß das eine
zarte Angelegenheit ist und ich ein Esel bin; entschuldige bitte.
Apropos: Dummheit; Praskovja Pawlowna ist gar nicht so dumm, Bruder, wie
man auf den ersten Blick meinen könnte, he?«

»Ja ...« sagte Raskolnikoff gedehnt, indem er zur Seite blickte, aber er
begriff, daß es vorteilhafter war, vom Thema nicht abzulenken.

»Nicht wahr?« rief Rasumichin aus, sichtlich erfreut, daß er Antwort
bekommen hatte. »Aber auch nicht klug, wie? Ein ganz, ganz
unberechenbarer Charakter! Zum Teil bin ich mir selber nicht ganz klar,
sage ich dir, Bruder ... Sie wird sicher ihre vierzig sein. Sie sagt,
sie sei sechsunddreißig, und das ist ihr gutes Recht. Übrigens, ich
schwöre dir, daß ich über sie mehr nach meinem Verstande, rein
metaphysisch urteile; hier haben sich Verwicklungen eingestellt,
schlimmer, als in der Algebra. Ich begreife nichts! -- Na, das ist
lauter Unsinn. Als sie sah, daß du nicht mehr Student bist, weder
Stunden noch Kleidung hast, bekam sie Furcht und da sie es nicht nötig
hat, nach dem Tode ihrer Tochter dich verwandtschaftlich zu behandeln,
und da du deinerseits dich in den Winkel verkrochst und den früheren
Verkehr nicht unterhieltest, faßte sie den Entschluß, dich aus der
Wohnung hinauszuwerfen. Sie hatte schon lange diese Absicht gehabt, aber
der Wechsel tat ihr leid. Außerdem hast du ja selbst versichert, daß
deine Mutter bezahlen würde ...«

»Das habe ich aus Schuftigkeit gesagt ... Meine Mutter muß beinahe
betteln gehen ... und ich log, damit man mich wohnen ließe und ... mir
zu essen gebe,« sagte Raskolnikoff laut und deutlich.

»Ja, das hast du vernünftig gemacht. Nur die Sache war die, daß sich ein
Herr Tschebaroff einfand, Hofrat und Geschäftsmann. Die liebe Praskovja
hätte ohne ihn nichts unternommen, sie ist doch zu schüchtern. Na, ein
Geschäftsmann aber ist nicht schüchtern, und das erste, was er
selbstverständlich tat, war, ihr die Frage vorzulegen, ob Aussicht da
sei, daß der Wechsel eingelöst werde? Die Antwort lautete, --
ja, denn es gibt so eine Mutter, die mit ihrer Pension von
hundertundfünfundzwanzig Rubel dem Rodenka helfen würde, wenn sie auch
selbst hungern müßte, und es gibt noch eine Schwester, die für ihren
Bruder sich schinden lassen würde. Darauf baute der Geschäftsmann ...
Halte dich nur ruhig! Ich habe jetzt alle deine Geheimnisse erfahren,
Bruder, du warst nicht umsonst gegen die liebe Praskovja offen, als du
noch auf verwandtschaftlichem Fuße mit ihr standest, jetzt aber sage ich
dir dies alles in aller Liebe ... Da haben wir es, ein ehrlicher und
gefühlvoller Mensch ist offen, spricht sich aus, ein Geschäftsmann aber
hört zu und kaut dazu und verspeist zu guter Letzt. Sie überließ also
diesen Wechsel, als hätte sie dafür Zahlung erhalten, jenem Tschebaroff,
und er genierte sich nicht und forderte die Summe auf gesetzlichem Wege.
Ich wollte, als ich dies alles erfuhr, ihm zur Beruhigung meines
Gewissens mit einem kalten Strahl kommen, aber da begann zwischen mir
und der lieben Praskovja die Harmonie, und ich ordnete an, daß die Sache
im Keime sozusagen erstickt werden sollte, indem ich mich verbürgte, daß
du bezahlen wirst. Ich habe mich für dich verbürgt, Bruder, hörst du?
Tschebaroff wurde hergerufen, man warf ihm zehn Rubel in den Rachen,
nahm den Wechsel ihm ab, und da habe ich die Ehre, ihn Ihnen zu
übergeben, -- man glaubt Ihnen nun aufs Wort -- nehmen Sie ihn, er ist
von mir, wie es sich gehört, eingerissen.«

Rasumichin legte den Wechsel auf den Tisch; Raskolnikoff blickte ihn an
und wandte sich ohne ein Wort zu sagen gegen die Wand. Rasumichin
berührte es peinlich.

»Ich sehe, Bruder,« sagte er nach einer Weile, »daß ich wieder eine
Dummheit gemacht habe. Ich dachte dich zu zerstreuen und mit Geplauder
zu erheitern, habe aber, wie es scheint, deine Galle aufgerührt.«

»Du warst es, den ich im Fieber nicht erkannte?« fragte Raskolnikoff
nach einigem Schweigen, ohne den Kopf umzuwenden.

»Ja, ich war es, und du gerietest sogar aus diesem Grunde in Wut,
besonders, als ich einmal Sametoff mitbrachte.«

»Sametoff? ... Den Sekretär? ... Warum?« Raskolnikoff wandte sich
schnell um und starrte Rasumichin an.

»Ja, was ist dir ... Warum regst du dich auf? Er wollte mit dir bekannt
werden; hatte selbst den Wunsch geäußert, weil ich viel mit ihm über
dich gesprochen habe ... Von wem hätte ich denn sonst soviel über dich
erfahren. Er ist ein prächtiger Bursche, Bruder, wundervoll ...
selbstverständlich in seiner Art. Jetzt sind wir Freunde, fast täglich
sehen wir uns. Ich bin in dieses Revier übergesiedelt. Du weißt es noch
nicht? Ich bin soeben umgezogen. Bei der Louisa waren wir ein paarmal.
Erinnerst du dich an Louisa Iwanowna?«

»Habe ich phantasiert?«

»Und ob? Du warst ja ganz ohne Bewußtsein.«

»Worüber habe ich phantasiert?«

»Nanu! Worüber du phantasiert hast? Es ist begreiflich, worüber man
phantasiert ... Nun, Bruder, wir wollen jetzt keine Zeit mehr verlieren,
zur Arbeit.«

Er stand vom Stuhle auf und nahm seine Mütze.

»Worüber habe ich phantasiert?«

»Er läßt nicht davon. Hast du Angst vor einem Geheimnis? Sei ruhig, von
-- einer Gräfin wurde nichts geredet. Aber von einer Bulldogge, von
Ohrgehängen und von allerhand Ketten, von der Krestowski-Insel und von
einem Hausknecht, von Nikodim Fomitsch und von Ilja Petrowitsch, seinem
Gehilfen hast du viel gesprochen. Ja, und außerdem geruhtest du dich
sogar sehr für deinen Strumpf zu interessieren. Klagtest: >Gebt ihn,<
sagtest du, >bitte<. Sametoff suchte in eigener Person in allen Winkeln
deine Strümpfe zusammen und überreichte dir den Schund mit seinen
parfümierten und mit Ringen besetzten Händen. Dann erst beruhigtest du
dich und hieltest diesen Schund Tag und Nacht in den Händen, man konnte
es dir nicht wegnehmen. Wahrscheinlich liegt er auch jetzt irgendwo
unter deiner Decke. Und dann batest du um Fransen von den Hosen, du
batest mit Tränen darum. Wir versuchten zu erfahren, was für Fransen du
wünschtest? Aber man konnte nichts verstehen ... Nun, an die Arbeit.
Hier sind fünfunddreißig Rubel, ich nehme zehn davon, und nach ein paar
Stunden werde ich Rechenschaft darüber abgeben. Unterdessen will ich
Sossimoff benachrichtigen, obwohl er ohnedem längst hier sein müßte,
denn es geht auf zwölf. Sie aber, Nastasja, sehen öfters nach, während
ich fort bin, und sorgen für ein Getränk oder etwas anderes, was er
wünschen sollte ... Und der lieben Praskovja werde ich selbst gleich
sagen, was nötig ist. Auf Wiedersehen!«

»Liebe Praskovja nennt er sie! Ach, du schlauer Kerl!« -- sagte Nastasja
hinter ihm drein.

Dann öffnete sie die Tür und begann zu horchen, aber sie hielt es nicht
aus und lief hinunter. Es interessierte sie doch zu sehr, was er mit der
Wirtin sprach; überhaupt konnte man sehen, daß sie von Rasumichin ganz
bezaubert war.

Kaum schloß sich die Tür hinter ihr, als der Kranke die Decke von sich
warf und wie wahnsinnig aus dem Bette sprang. Mit brennender,
krampfhafter Ungeduld hatte er gewartet, daß sie schneller fortgehen
würden, um sofort etwas zu tun. Aber was denn, was wollte er tun? -- ihm
schien es, als mußte es so sein, jetzt vergessen zu haben.

»Oh, Gott! Sag' du mir nur eins -- wissen sie alles oder wissen sie noch
nichts? Aber wenn sie schon alles wissen und sich bloß so anstellen,
mich irreführen, solange ich liege, um dann plötzlich einzutreten und zu
sagen, daß alles schon längst bekannt sei und daß sie bloß so ... Was
soll ich jetzt tun? Ich habe es vergessen, vergessen; plötzlich ist es
mir entschwunden und eben noch wußte ich es! ...«

Er stand mitten im Zimmer und blickte in qualvoller Unentschlossenheit
ringsumher; er ging zur Tür, öffnete sie und lauschte, aber das war es
nicht. Plötzlich, als hätte er sich erinnert, stürzte er zu der Ecke, wo
hinter den Tapeten das Loch war, sah alles nach, steckte die Hand in das
Loch und scharrte nach, aber auch das war es nicht. Er ging zum Ofen,
öffnete die Tür und begann in der Asche zu scharren; die Fransen von der
Hose und die Fetzen der zerrissenen Tasche lagen noch umher, wie er sie
hineingeworfen hatte, also hat niemand nachgesehen. Da erinnerte er sich
des Strumpfes, von dem Rasumichin soeben erzählt hatte. In der Tat, er
lag auf dem Sofa unter der Decke, aber er war so abgenutzt und
beschmutzt, daß Sametoff sicher nichts hatte sehen können.

»Bah, Sametoff ... das Polizeibureau! ... Warum ladet man mich ins
Polizeibureau? Wo ist die Vorladung? Bah! ... ich verwechsele ... das
war damals! Ich habe schon da den Strumpf besehen und jetzt ... jetzt
war ich krank. Warum ist aber Sametoff hergekommen? Warum hat Rasumichin
ihn mitgebracht? ...« murmelte er, ganz schwach, und setzte sich auf das
Sofa. »Was ist denn? Phantasiere ich weiter oder ist es Wirklichkeit? Es
scheint Wirklichkeit zu sein ... Ah, ich erinnere mich, ich muß fliehen!
Schnell fliehen, unbedingt, unbedingt fliehen! Ja ... aber wohin? Und wo
sind meine Kleider? Die Stiefel sind nicht da. Man hat sie weggeschafft!
Hat sie versteckt! Ich verstehe es! Ah, da ist der Mantel -- den haben
sie übersehen. Hier auf dem Tische liegt auch Geld, Gott sei Dank! Da
ist auch der Wechsel ... Ich nehme das Geld und gehe fort, will mir eine
andere Wohnung mieten, sie werden mich nicht finden! ... Ja, aber das
Adreßbureau? Sie werden mich finden! Rasumichin wird mich finden. Es ist
besser, ganz weit zu fliehen ... nach Amerika ... und ich pfeif' auf
sie! Ich will auch den Wechsel nehmen ... dort kann er von Nutzen sein
... Was soll ich noch mitnehmen? Sie denken, ich sei krank. Sie wissen
es nicht, daß ich gehen kann, hehehe! ... Ich habe es an ihren Augen
erraten, daß sie alles wissen. Wenn ich nur die Treppe hinunterkäme!
Aber wenn sie dort Wächter aufgestellt haben ... Polizeibeamte! Ist das
Tee? Ah, Bier ist auch übriggeblieben, eine halbe Flasche, es ist kalt!«

Er nahm die Flasche, in der noch ein ganzes Glas übrig war, und trank
sie in einem Zuge mit Genuß aus, als lösche er ein Feuer in seiner
Brust. Aber es verging kaum eine Minute, da stieg ihm das Bier zu Kopfe
und längs dem Rücken durchzog ihn ein leichtes, doch angenehmes
Frösteln. Er legte sich hin und zog die Decke über sich. Seine Gedanken,
die ohnedem krankhaft und ohne Zusammenhang waren, verwirrten sich immer
mehr, und bald überfiel ihn ein leichter und angenehmer Schlaf. Mit
Wonne suchte er mit dem Kopf eine Stelle in den Kissen aus, wickelte
sich fester in die weiche wattierte Decke ein, die jetzt an Stelle des
zerrissenen Mantels über ihm lag, seufzte leise und fiel in einen
tiefen, festen, kräftigenden Schlaf.

Er erwachte, als er jemand in das Zimmer eintreten hörte, öffnete die
Augen und erblickte Rasumichin, der die Türe weit geöffnet hatte und auf
der Schwelle stand, unentschlossen, ob er eintreten solle oder nicht.
Raskolnikoff erhob sich schnell und blickte ihn an, als gäbe er sich
Mühe, sich auf etwas zu besinnen.

»Ah, du schläfst nicht; nun, da bin ich! Nastasja, schlepp' das Bündel
her!« rief Rasumichin hinunter. »Du erhältst sofort Abrechnung ...«

»Wieviel Uhr ist es?« fragte Raskolnikoff und blickte erregt um sich.

»Du hast tüchtig geschlafen, Bruder; es ist Abend, etwa um sechs Uhr. Du
hast über sechs Stunden geschlafen ...«

»Oh, Gott! Was ist mit mir! ...«

»Ja, was soll denn sein? Zur Gesundheit ist's! Wohin treibt's dich denn?
Zu einem Stelldichein etwa? Die ganze Zeit gehört jetzt uns. Ich warte
schon drei Stunden, war ein paarmal hier, da du schliefst. Bei Sossimoff
war ich auch zweimal, er ist nicht zu Hause und basta! Das tut nichts,
er wird schon kommen! ...

In eigenen Angelegenheiten war ich auch fortgewesen. Ich bin ja heute
umgezogen, fix und fertig umgezogen mit meinem Onkel zusammen. Ich habe
nämlich jetzt einen Onkel ... Nun aber zum Teufel damit, jetzt zur
Sache. Gib mal das Bündel her, Nastasja. Wir wollen es gleich besorgen.
Und wie fühlst du dich?«

»Ich bin gesund, bin nicht krank ... Rasumichin, bist du schon lange
hier?«

»Ich sage dir, ich warte seit drei Stunden.«

»Nein, ich meine vorher?«

»Was vorher?«

»Seit wann kommst du hierher?«

»Ich habe es dir doch erzählt oder erinnerst du dich nicht?«

Raskolnikoff sann nach. Wie im Traume schwebte ihm das vorhin Geschehene
vor. Allein er konnte sich nicht entsinnen und blickte fragend
Rasumichin an.

»Hm!« sagte dieser. »Du hast es vergessen. Mir schien es schon damals,
daß du noch nicht ganz ... Jetzt nach dem Schlafe hast du dich erholt
... Tatsächlich, du siehst besser aus. Braver Junge! Nun aber zur Sache.
Du wirst dich gleich erinnern. Sieh mal her, lieber Bursche.«

Er begann das Bündel aufzumachen, das ihn sichtlich außerordentlich
interessierte. »Das, glaube mir, lag mir besonders auf dem Herzen. Denn
man muß doch aus dir einen Menschen machen. Wollen wir anfangen, und
zuerst von oben. Siehst du dieses Kaskett?« sagte er, indem er aus dem
Bündel eine ziemlich hübsche, aber auch sehr einfache und billige Mütze
hervorholte. -- »Laß es dir mal anprobieren.«

»Nachher ... später,« -- sagte Raskolnikoff, sich mürrisch wehrend.

»Nein, Rodja, sträube dich nicht, sonst wird es zu spät und auch ich
werde die ganze Nacht nicht einschlafen können, weil ich es ohne Maß
aufs Geratewohl gekauft habe. Es paßt genau!« -- rief er triumphierend
aus, nachdem er die Mütze anprobiert hatte, -- »paßt, wie angemessen!
Die Kopfbedeckung, Bruder, ist der wichtigste Teil des Anzuges, eine
tote Empfehlung. Mein Freund Tolstjakoff muß jedesmal seine
Kopfbedeckung abnehmen, wenn er irgendwo hinkommt, wo alle anderen in
Hüten und Mützen herumstehen. Alle glauben, er tue es aus sklavischer
Empfindung, nein, er schämt sich einfach seines Vogelnestes; er ist mal
schon so schüchtern. Nun, Nastenka, hier haben Sie zwei Kopfbedeckungen
(er holte aus einer Ecke den zerdrückten runden Hut von Raskolnikoff,
den er Gott weiß warum Palmerston nannte) -- diesen Palmerston und
dieses Kleinod. Taxiere mal. Rodja, was meinst du, das ich dafür bezahlt
habe? Nastasjuschka?« -- wandte er sich an sie, als er sah, daß
Raskolnikoff schwieg. »Zwanzig Kopeken wirst du wahrscheinlich gegeben
haben«, -- antwortete Nastasja.

»Zwanzig Kopeken, Dummkopf!« -- rief er beleidigt aus, -- »heutzutage
kauft man auch dich nicht mal für zwanzig Kopeken. Achtzig Kopeken habe
ich bezahlt! Und auch deshalb nur, weil sie schon getragen ist. Jedoch
mit der Bedingung, daß du im nächsten Jahre eine andere umsonst
erhältst, wenn diese abgetragen ist, bei Gott! Nun wollen wir zu den
Vereinigten Staaten von Amerika, wie man bei uns im Gymnasium sagte,
übergehen. Ich sage im voraus, daß ich auf die Hosen stolz bin!« -- und
er breitete vor Raskolnikoff ein paar graue Beinkleider aus leichtem,
wollenem Sommerstoff aus. -- »Weder ein Löchlein, noch ein Fleckchen,
dafür aber sehr anständig, obwohl sie getragen sind, ebensolch eine
Weste, in derselben Farbe, wie es die Mode verlangt. Und daß sie
getragen sind, ist offen gestanden auch besser, sie sind weicher, zarter
... Siehst du, Rodja, um in der Welt eine Karriere zu machen, genügte
es, meiner Meinung nach, sich stets nach der Saison zu richten; wenn man
im Monat Januar keinen Spargel ißt, behält man im Beutel ein paar Rubel
mehr; ebenso ist es mit diesem Kauf. Wir haben jetzt die Sommersaison,
und da habe ich auch danach den Einkauf gemacht, denn zur Herbstsaison
wird so wie so ein wärmerer Stoff vonnöten sein, also muß man es
fortwerfen ... um so mehr, als dies alles bis dahin von selbst verfallen
wird, wenn nicht aus stärker gewordenem Luxusbedürfnis, so aus inneren
Zerrüttungen. Nun taxiere sie mal. Wieviel meinst du? -- Zwei Rubel
fünfundzwanzig Kopeken! Und vergiß nicht mit derselben Bedingung, hast
du sie vertragen, erhältst du im nächsten Jahre ein anderes Paar
umsonst. In Fedjajeffs Laden handelt man nicht anders: man bezahlt nur
einmal und hat fürs ganze Leben genug, denn ein zweites Mal geht man
selbst nicht hin. Jetzt zu den Stiefeln, -- wie gefallen sie dir? Man
sieht es wohl, daß sie getragen sind, aber ein paar Monate halten sie
noch aus, denn es ist ausländische Arbeit und ausländische Ware; der
Sekretär der englischen Botschaft hat sie vorige Woche auf dem
Trödelmarkte losgeschlagen, er hat sie nur sechs Tage getragen, brauchte
aber sehr notwendig Geld. Der Preis ist ein Rubel fünfzig Kopeken. Ist
das nicht ein glücklicher Einkauf?«

»Aber vielleicht passen sie nicht!« -- bemerkte Nastasja.

»Nicht passen! Und was ist das?« -- er zog aus der Tasche den alten,
eingetrockneten, zerrissenen, ganz mit altem Schmutz bedeckten Stiefel
Raskolnikoffs. -- »Ich bin mit Vorrat hingegangen; nach diesem Scheusal
hat man das richtige Maß festgestellt. Alles war sorgfältig bedacht. Und
wegen der Wäsche habe ich mich mit der Wirtin beraten. Da sind drei
leinene Hemden, mit modernen Kragen ... Also nun die Rechnung: achtzig
Kopeken die Mütze, zwei Rubel fünfundzwanzig die übrigen Kleider, im
ganzen drei Rubel und fünf; ein Rubel und fünfzig die Stiefel, -- weil
sie gar so gut sind, -- macht vier Rubel fünfundfünfzig und die ganze
Wäsche fünf Rubel -- wir haben einen Engrospreis gemacht, -- ist in
Summa neun Rubel fünfundfünfzig Kopeken. Den Rest -- fünfundvierzig
Kopeken in Kupfer bitte ich zurückzunehmen, da lege ich sie hin. Und
nun, Rodja, bist du in deiner ganzen Kleidung hergestellt, denn dein
Mantel kann, meiner Meinung nach, nicht bloß weiterdienen, sondern er
macht sogar einen besonders anständigen Eindruck; das macht, wenn man
bei einem guten Schneider arbeiten läßt. Was Strümpfe und das übrige
anbelangt, das überlasse ich dir selbst; wir haben an Geld noch
fünfundzwanzig Rubel; wegen der lieben Praskovja und der Miete kannst du
ruhig sein. Ich sage dir, du hast einen unbegrenzten Kredit. Jetzt aber
erlaube mal, dir die Wäsche zu wechseln, Bruder, vielleicht steckt die
Krankheit jetzt bloß noch im Hemde ...«

»Laß es! Ich will nicht!« wehrte sich Raskolnikoff, der voll Widerwillen
dem gesucht neckischen Bericht Rasumichins über den Einkauf der Sachen
zugehört hatte.

»Das geht nicht an, Bruder. Warum habe ich mich denn abgeschunden!«
bestand Rasumichin auf seinem Verlangen. »Nastasjuschka, genieren Sie
sich nicht, sondern helfen Sie, -- so, so!«

Und ungeachtet des Widerstandes Raskolnikoffs, hatte er ihm doch die
Wäsche gewechselt. Der aber fiel auf die Kissen zurück und ein paar
Minuten redete er kein Wort.

»Die werde ich noch lange nicht los!« dachte er.

»Von welchem Gelde ist denn dies alles gekauft?« fragte er endlich,
indem er nach der Wand blickte.

»Von welchem Gelde? Das ist mal eine Frage! Doch von deinem eigenen.
Vorhin war doch der Bureaudiener von Wachruschin hier, deine Mutter hat
es dir gesandt, oder hast du auch das vergessen?«

»Jetzt erinnere ich mich ...« sagte Raskolnikoff nach langem und
düsterem Nachdenken. Rasumichin sah ihn hin und wieder voll Unruhe mit
zusammengezogenen Brauen an. Da öffnete sich die Türe und ein großer
kräftiger Mann trat ein, der dem Aussehen nach Raskolnikoff schon ein
wenig bekannt vorkam.

»Sossimoff! Endlich!« rief Rasumichin erfreut aus.


                                  IV.

Sossimoff war groß und dick, mit einem gedunsenen, farblosen, blassen
und glattrasierten Gesichte, hatte helles glattes Haar, trug eine Brille
und an einem seiner fetten Finger saß ein großer goldener Ring. Er war
etwa siebenundzwanzig Jahre alt. Unter einem weiten, eleganten, leichten
Überzieher sahen helle Sommerbeinkleider hervor; alles war an ihm weit,
elegant und nagelneu, die Wäsche war tadellos und die Uhrkette massiv.
Seine Bewegungen waren langsam, es lag in seiner Trägheit gleichzeitig
eine gesuchte Ungezwungenheit; eine Überhebung, die er übrigens stark zu
verbergen suchte, kam immer wieder zum Vorschein. Alle, die ihn kannten,
fanden ihn schwerfällig, gaben jedoch zu, daß er seine Sache verstände.

»Ich bin zweimal bei dir gewesen, Bruder ... Siehst du, er ist zu sich
gekommen!« rief Rasumichin aus.

»Ich sehe, sehe es. Nun, wie fühlen wir uns jetzt?« wandte sich
Sossimoff an Raskolnikoff, indem er ihn aufmerksam betrachtete und sich
zu ihm auf das Sofa zu seinen Füßen setzte, wobei er sich sofort nach
Möglichkeit breit machte. »Er ist immer schlechter Laune,« fuhr
Rasumichin fort, »wir haben ihm soeben die Wäsche gewechselt, da fing er
fast zu weinen an.«

»Das ist begreiflich; die Wäsche konnte man auch später wechseln, wenn
er es selbst wünscht ... Der Puls ist prächtig. Der Kopf tut immer noch
ein wenig weh, ja?«

»Ich bin gesund, bin vollkommen gesund!« sagte hartnäckig und gereizt
Raskolnikoff, indem er sich gleichzeitig vom Sofa erhob und mit den
Augen blitzte, er fiel aber sofort auf das Kissen zurück und wandte sich
der Wand zu.

Sossimoff beobachtete ihn aufmerksam.

»Sehr gut ... alles, wie es sich gehört,« sagte er träge. »Hat er etwas
gegessen?«

Man sagte es ihm und fragte, was man geben könne.

»Ja, alles kann man ihm geben ... Suppe, Tee ... Pilze und Gurken
selbstverständlich nicht, na, und Fleisch ist auch nicht nötig und ...
was ist da weiter zu reden! ...«

Er wechselte einen Blick mit Rasumichin.

»Die Arznei weg und alles weg; morgen will ich wieder nachsehen ... Es
wäre heute ... na, einerlei ...«

»Morgen abend gehe ich mit ihm spazieren!« beschloß Rasumichin. »In den
Jussupoff-Garten, und nachher gehen wir in den Kristallpalast.«

»Morgen würde ich ihm noch nicht raten, sich Bewegung zu machen,
übrigens aber ... ein wenig ... na, wir wollen sehen.«

»Ach, es ist schade, heute weihe ich gerade meine Wohnung ein, es sind
ja nur zwei Schritte von hier; wenn er auch dabei sein könnte! Er könnte
ja auf dem Sofa unter uns liegen. Du wirst doch kommen?« wandte sich
Rasumichin plötzlich an Sossimoff. »Vergiß es nicht, du hast
versprochen.«

»Vielleicht komme ich, aber ein wenig später. Was hast du denn?«

»Ja, nichts besonderes, Tee, Schnaps, Hering. Eine Pirogge gibt es; nur
die nächsten Bekannten kommen.«

»Wer denn?«

»Ja, alle aus der nächsten Nachbarschaft und fast lauter neue,
ausgenommen den alten Onkel und neu ist der auch. Er ist gestern nach
Petersburg in eigenen Angelegenheiten gekommen; alle fünf Jahre sehen
wir uns.«

»Wo ist er?«

»Er hat sein Lebelang in einer Kreisstadt als Postmeister vegetiert ...
erhält eine kleine Pension, ist fünfundsechzig Jahre alt, es lohnt sich
nicht, darüber zu sprechen ... Ich habe ihn übrigens gern. Porphyri
Ssemenowitsch wird auch kommen, der hiesige Untersuchungsrichter ... er
ist aus dem Richterstande. Ja, du kennst ihn doch ...«

»Ist er auch ein Verwandter von dir?«

»Ganz weitläufig; warum siehst du so verdrießlich aus? Weil ihr euch
einmal gezankt habt, wirst vielleicht deshalb nicht kommen?«

»Ah, ich pfeife auf ihn ...«

»Das ist auch das beste. Nun und außerdem -- Studenten, ein Lehrer, ein
Beamter, ein Musiker, ein Offizier, Sametoff ...«

»Sag mir bitte, was kann zwischen dir oder dem da,« Sossimoff wies auf
Raskolnikoff, »und einem Sametoff gemeinsames sein?«

»Ach, du Nörgler! Prinzipienreiter! ... Du bist ja ganz mit Prinzipien
ausgestopft wie ein Kissen mit Federn, bist schon ganz ihr Sklave. Meine
Meinung ist, wenn ein Mensch gut ist, -- so ist er mir angenehm, und das
ist mein Prinzip. Und Sametoff ist ein ganz prächtiger Bursche.«

»Und läßt sich schmieren.«

»Nun ja, was macht es, wenn er sich schmieren läßt, ich pfeife darauf.
Was ist da dabei, wenn er sich schmieren läßt!« rief plötzlich
Rasumichin unnatürlich gereizt aus, -- »hab ich ihn denn gelobt, weil er
sich schmieren läßt? Ich sagte, daß er nur in seiner Art gut sei. Und
wenn man alle so genau nach jeder Seite besehen würde, dann würden nicht
viel gute Menschen übrig bleiben. Ich bin überzeugt, daß man dann für
mich, mit allen Eingeweiden zusammen, eine gebackene Zwiebel geben
würde, und auch nur mit dir als Zugabe! ...«

»Das ist wenig; ich will für dich zwei geben ...«

»Und ich für dich nur eine! Mach mir keine weiteren Witze! Sametoff ist
noch ein dummer Junge, ich werde ihn noch oft an den Haaren zupfen, man
muß ihn an sich ziehen und nicht von sich stoßen. Wenn man einen
Menschen abstößt, verbessert man ihn nicht, um so mehr, wenn er ein
unreifer Junge ist. Mit einem Jungen soll man noch einmal so vorsichtig
sein. Ach, ihr progressiven Dummköpfe, nichts versteht ihr! Ihr achtet
nicht den Menschen, und schadet euch selbst ... Und wenn du es wissen
willst, wir haben ein gemeinsames Interesse.«

»Das möchte ich wissen.«

»Ja, es ist in der Sache mit dem Maler, das heißt dem Anstreicher ...
Wir werden ihn schon loskriegen! Übrigens ist jetzt auch keine Gefahr
mehr. Die Sache ist jetzt klipp und klar! Wir wollen sie bloß
beschleunigen.«

»Was ist das für ein Anstreicher?«

»Wie, habe ich dir denn nicht davon erzählt? Ja, richtig, ich habe dir
nur den Anfang erzählt ... von der Ermordung der alten Pfandleiherin,
der Beamtenwitwe ... nun und darein ist jetzt ein Anstreicher verwickelt
...«

»Von diesem Morde habe ich schon früher gehört, bevor du es mir
erzähltest, und ich interessiere mich sehr für diese Sache ... teilweise
... aus einem besonderen Grunde ... ich las in den Zeitungen darüber.
Aber siehst du ...«

»Lisaweta hat man auch ermordet!« platzte plötzlich Nastasja heraus,
indem sie sich an Raskolnikoff wandte.

Sie hatte die ganze Zeit an die Tür gelehnt zugehört.

»Lisaweta?« murmelte Raskolnikoff mit kaum hörbarer Stimme.

»Lisaweta, die Händlerin, weißt du es nicht? Sie kam öfters hierher in
unser Haus, hat dir auch ein Hemd ausgebessert.«

Raskolnikoff wandte sich zu der Wand, wählte auf der schmutzigen gelben
Tapete mit weißen Blümchen eine plumpe weiße Blume mit braunen Strichen
aus und begann sie zu betrachten, wieviel Blätter sie habe, was für
Zacken an den Blättern und wieviel Striche sie durchzogen. Er fühlte,
daß seine Hände und Füße erstarrten, als wären sie gelähmt, aber er
versuchte nicht mal sich zu rühren und blickte unverwandt die Blume an.

»Nun, was ist mit dem Anstreicher?« unterbrach Sossimoff sehr unwillig
Nastasjas Geschwätz.

Sie seufzte und schwieg.

»Er soll auch der Mörder sein!« fuhr Rasumichin eifrig fort.

»Hat man denn Beweise?«

»Gar keine, zum Teufel! Übrigens hat man doch einen, aber dieser Beweis
ist kein Beweis und siehst du, das muß man erst nachweisen. Es ist genau
so, wie sie zuerst diese ... wie heißen sie doch ... ja Koch und
Pestrjakoff verdächtigt und eingesperrt haben. Pfui! Wie dumm dies alles
gehandhabt wird, einen Unbeteiligten ekelt es an. Pestrjakoff, der eine
von ihnen, wird vielleicht auch heute bei mir sein ... Apropos, Rodja,
du kennst ja diese Geschichte, sie passierte noch vor deiner Krankheit,
gerade am Abend vorher, als du im Polizeibureau ohnmächtig wurdest, als
man darüber sprach ...«

Sossimoff blickte Raskolnikoff neugierig an, er rührte sich aber nicht.

»Weißt du, Rasumichin? Ich muß mich über dich wundern, daß du dich
überall hineinmischest,« bemerkte Sossimoff.

»Mag sein, aber wir wollen ihn doch loskriegen!« rief Rasumichin aus und
schlug mit der Faust auf den Tisch. »Was einen dabei aber am meisten
ärgert, ist nicht, daß sie so viel lügen. Lügen kann man immer
entschuldigen, Lügen ist ein gutes Ding, wenn es zur Wahrheit führt.
Aber das ist ärgerlich, daß sie lügen und an ihre eigenen Lügen
unerschütterlich glauben. Ich achte Porphyri, aber ... Was hat sie zum
Beispiel ganz am Anfang aus dem Konzept gebracht? Die Türe war
verschlossen, und als sie später mit dem Hausknecht kamen, war sie
offen, also haben Koch und Pestrjakoff gemordet! Siehst du, so ist ihre
Logik!«

»Rege dich doch nicht auf; man hat sie einfach eine kurze Zeit in Haft
behalten, man kann doch nicht ... Nebenbei gesagt, ich habe diesen Koch
irgendwo kennengelernt. Es hat sich herausgestellt, daß er von der Alten
verfallene Pfandobjekte ankaufte?«

»Ja, er ist ein Gauner! Er kauft auch Wechsel auf. Ein dunkler
Ehrenmann. Aber hol ihn der Teufel! Versteh mich doch, worüber ich mich
am meisten ärgere. Über ihre veraltete, sinnlose, verkehrte Methode
ärgere ich mich ... Hier aber, in dieser Sache allein, muß man einen
ganz neuen Weg entdecken. Nach den psychologischen Momenten allein kann
man schon zeigen, wie die richtige Spur gefunden werden soll. Wir haben
Indizien, sagen sie! Ja, aber Indizien ist doch nicht alles; wenigstens
die Hälfte der Sache besteht darin, wie man mit den Indizien umzugehen
versteht!«

»Und verstehst du mit den Indizien umzugehen?«

»Man kann aber doch nicht schweigen, wenn man fühlt, handgreiflich
fühlt, daß man der Sache nützen könnte, wenn ... Ach! ... Kennst du die
Sache ausführlich?«

»Ich warte darauf, über den Anstreicher zu hören.«

»Ach ja! Höre also die Geschichte, -- genau am dritten Tage nach dem
Morde, am Morgen, als sie sich noch mit Koch und Pestrjakoff abgaben, --
obwohl die jeden ihrer Schritte nachgewiesen hatten, alles war schreiend
klar, -- wird plötzlich ein ganz unerwartetes Faktum offenbar. Ein
gewisser Duschkin, ein Bauer, Besitzer einer Kneipe gerade gegenüber
jenem Hause, erscheint in dem Polizeibureau, bringt ein Etui mit
goldenen Ohrgehängen mit und erzählt eine ganze Geschichte. >Vorgestern
abend ungefähr nach acht Uhr,< -- merk du dir Tag und Stunde! -- >kommt
zu mir ein Arbeiter, ein Anstreicher, Nikolai, der auch schon früher im
Laufe des Tages dagewesen war, und bringt mir dieses Kästchen mit
goldenen Ohrgehängen und mit den Steinen und bittet, ihm zwei Rubel
darauf zu leihen; auf meine Frage aber, woher er sie habe, erklärte er
mir, daß er sie auf dem Trottoir gefunden hätte. Mehr habe ich ihn nicht
ausgefragt,< das alles sagt Duschkin, >sondern gab ihm einen Schein,<
das heißt also einen Rubel, >denn ich dachte, wenn ich sie nicht nehme,
versetzt er sie bei einem anderen, und wird das Geld sowieso vertrinken.
Mögen besser die Sachen bei mir liegen; sollte sich aber etwas zeigen
oder sollten Gerüchte auftauchen, bringe ich sie zur Polizei.<
Selbstverständlich schwindelt er, lügt wie ein Pferd, denn ich kenne
diesen Duschkin, er ist selbst Pfandleiher, schafft Gestohlenes zur
Seite und hat dem Nikolai das Ding, das dreißig Rubel wert ist, nicht
abgeluchst, um es zur Polizei zu bringen. Er hat einfach Angst bekommen.
Hol' ihn der Teufel! -- höre weiter,« fuhr Rasumichin fort: »>Ich kenne
ihn, den Nikolai Dementjeff von klein auf,< erzählt Duschkin weiter, >er
stammt aus demselben Rjasanschen Gouvernement wie ich, und aus demselben
Kreise. Nikolai ist kein Säufer, trinkt aber doch hin und wieder eins,
und ich wußte, daß er in jenem Hause mit Dmitri arbeitet, denn Dmitri
stammt auch aus derselben Gegend. Als er von mir den Schein erhalten
hatte, wechselte er ihn sofort, trank auf einmal zwei Gläschen, nahm den
Rest des Geldes und ging seiner Wege, Dmitri war aber damals nicht mit
ihm. Am anderen Tage hörte ich, daß Aljona Iwanowna und ihre Schwester
Lisaweta mit einem Beile erschlagen sind, -- ich habe sie gekannt, --
und da packten mich Zweifel wegen der Ohrgehänge, denn mir war es
bekannt, daß die Verstorbene Geld gegen Pfand auslieh. Ich ging hinüber
und begann vorsichtig und still auszuhorchen und zu allererst frug ich,
ob Nikolai da sei! Dmitri erzählte mir, daß Nikolai zu trinken
angefangen habe, er wäre bei Tagesanbruch betrunken nach Hause gekommen,
ungefähr zehn Minuten dageblieben und wieder fortgegangen; Dmitri habe
ihn nicht mehr gesehen und beende die Arbeit allein. Sie arbeiteten aber
im zweiten Stock desselben Hauses, in dem die Ermordeten lebten. Als ich
dies hörte, habe ich niemanden etwas davon mitgeteilt,< sagte Duschkin,
>ich versuchte vielmehr alles über die Ermordung in Erfahrung zu bringen
und bin mit denselben Zweifeln nach Hause zurückgekehrt. Heute morgen
nun gegen acht Uhr,< das heißt, am dritten Tage, verstehst du? >sehe ich
Nikolai hereinkommen, nicht nüchtern, aber auch nicht ganz betrunken, so
daß er ganz gut ausgehört werden konnte. Er setzt sich auf eine Bank und
schweigt. Außer ihm war in der Kneipe zu der Zeit noch ein fremder
Mensch da, auf einer Bank schlief ein anderer, ein Bekannter von mir,
auch die zwei Laufjungens waren zur Stelle. Hast du Dmitri gesehen,
fragte ich ihn. -- Nein, sagte er, ich habe ihn nicht gesehen. -- Und
warst du auch nicht bei ihm? -- Nein, antwortete er, seit vorgestern war
ich nicht bei ihm. -- Und wo hast du die Nacht geschlafen? -- Bei
Bekannten auf den Peßki. -- Und woher, fragte ich, hast du die
Ohrgehänge genommen? -- Ich habe sie auf dem Trottoir gefunden, -- und
er sagte es so, als sei es nicht wahr, und ohne mich anzublicken. --
Hast du auch gehört, fragte ich ihn, daß dies und dies, und erzählte ihm
nun die Geschichte, am selben Abend und zur selben Stunde auf jener
Treppe geschehen ist? -- Nein, sagte er, ich habe nichts gehört. -- Er
hörte mit weit aufgerissenen Augen auf das, was ich ihm erzählte, und
ward plötzlich weiß wie Kalk. Ich erzähle weiter, siehe da, er nimmt
seine Mütze und will aufstehen. Da wollte ich ihn festhalten und sage,
warte ein wenig, Nikolai, willst du nicht eins trinken? Ich gab einem
Jungen ein Zeichen, daß er die Tür zuhalten soll, und kam hinter dem
Ladentisch hervor, er aber springt auf, stürzt auf die Straße und läuft
um die Ecke, -- weg war er. Da verlor ich meine Zweifel, es ist sein
Werk, sein Verbrechen ...<«

»Sicher! ...« sagte Sossimoff.

»Warte! Höre zu Ende! Selbstverständlich beeilte man sich schleunigst,
Nikolai zu finden; Duschkin wurde verhaftet und Haussuchung bei ihm
gehalten, Dmitri sperrte man auch ein; die Bekannten von Nikolai, bei
denen er die letzte Nacht geschlafen hat, wurden gleichfalls hergenommen
-- und vorgestern brachte man Nikolai selbst; man hatte ihn in der Nähe
des N.schen Schlagbaums in einer Spelunke aufgefangen. Er war dorthin
gekommen, hatte sein silbernes Kreuz vom Halse genommen und ein Glas
Schnaps dafür verlangt. Man hatte es ihm auch gegeben. Nach einer Weile
ging die Frau in den Kuhstall und sah durch eine Ritze, daß Nikolai in
der Scheune nebenan an einen Balken seinen Gürtel gebunden hatte und
eine Schlinge gemacht hatte; dann stieg er auf einen Klotz und wollte
die Schlinge um den Hals legen; die Frau schrie aus vollem Halse, und
man lief zusammen. -- >Du bist so einer!< -- >Führt mich,< sagte er,
>auf das Polizeibureau, ich will alles bekennen.< Nun, man schaffte ihn
mit den gehörigen Ehrenbezeigungen in das Polizeibureau, das heißt
hierher. Allerhand Fragen wurden ihm dort gestellt, wer, woher, wie alt
-- >zweiundzwanzig< und dergleichen. Frage: >Als du und Dmitri
arbeitetet, habt ihr nicht jemand auf der Treppe in der und der Stunde
gesehen?< Antwort: >Gewiß sind Menschen vorbeigegangen, aber wir haben
sie uns nicht gemerkt.< >Habt ihr nicht Lärm oder ähnliches gehört?<
>Wir haben nichts besonderes gehört.< >Wußtest du aber, Nikolai, daß am
selben Tage die Witwe so und so an diesem Tage und zu der und der Stunde
mit ihrer Schwester ermordet und beraubt wurde?< >Ich habe gar nichts
gewußt, zum ersten Male hörte ich davon in der Kneipe am dritten Tage
von Afanassi Pawlowitsch.< >Und woher hast du die Ohrgehänge?< >Ich habe
sie auf dem Trottoir gefunden.< >Warum bist du am anderen Tage nicht mit
Dmitri zur Arbeit gekommen?< >Weil ich angefangen hatte zu bummeln.<
>Und wo hast du gebummelt?< >Ja, dort und dort.< >Warum liefst du von
Duschkin weg?< >Weil ich große Angst bekam.< >Warum bekamst du Angst?<
>Daß man mich verhören wird.< >Wie konntest du denn davor Angst
bekommen, wenn du dich vollkommen unschuldig fühlst??< ... Nun, glaub
oder glaub mir nicht, Sossimoff, diese Frage wurde gestellt und
buchstäblich mit diesen Worten, ich weiß es bestimmt, man hat es mir
genau mitgeteilt! Wie findest du das? Wie findest du das?«

»Aber, es existieren doch Beweise.«

»Ich spreche jetzt nicht von den Beweisen, sondern von der
Fragestellung, darüber, wie sie ihre Aufgabe auffassen! Aber, zum Teufel
damit! ... Also sie haben so lange gepreßt und gequetscht, bis er
bekannte, >ich habe sie,< sagte er, >nicht auf dem Trottoir, sondern in
der Wohnung gefunden, wo ich mit Dmitri arbeitete.< >Wie verhält sich
denn das?< >Wir arbeiteten den ganzen Tag bis acht Uhr und wollten schon
nach Hause gehen, da nahm Dmitri einen Pinsel, schmierte mir in die
Fratze Farbe und lief davon und ich ihm nach. Und ich lief hinter ihm
her und schrie aus vollem Halse; wie ich aber von der Treppe unter den
Torweg kam, stieß ich im vollen Laufe mit dem Hausknecht und einigen
Herren zusammen, -- wieviel Herren es waren, erinnere ich mich nicht,
der Hausknecht schimpfte mich aus, auch der andere Hausknecht schimpfte
mich, die Frau des Hausknechtes kam heraus und schimpfte; ein Herr, der
mit einer Dame durch den Torweg kam, schimpfte auch, weil ich und Dmitri
quer im Wege lagen, -- ich hatte Dmitri an den Haaren gepackt, ihn
hingeworfen und versetzte ihm Püffe, Dmitri hatte, unter mir liegend,
mich auch an den Haaren und puffte mich, wir taten es nicht im Ernst,
sondern in aller Freundschaft, im Scherze. Dmitri machte sich von mir
los und lief auf die Straße, ich lief ihm nach, holte ihn aber nicht ein
und ging in die Wohnung allein zurück, -- es mußte noch aufgeräumt
werden. Ich begann das Werkzeug zu sammeln und wartete auf Dmitri,
vielleicht kommt er noch. Und bei der Türe im Vorzimmer, an der Wand, in
einem Winkel, trat ich auf ein Kästchen. Ich sehe, es liegt da,
eingeschlagen in Papier. Das Papier nahm ich ab und sah solche ganz
winzige Häkchen, ich machte sie auf und im Kästchen lagen die Ohrgehänge
...<«

»Hinter der Tür? Hinter der Tür lag es? Hinter der Tür?« rief plötzlich
Raskolnikoff, sah Rasumichin mit einem trüben, erschreckten Blick an und
erhob sich langsam, sich mit der Hand stützend, vom Sofa.

»Ja ... aber was ist denn los? Was ist mit dir? Was hast du?« Rasumichin
erhob sich auch von seinem Platze.

»Nichts! ...« antwortete kaum hörbar Raskolnikoff, sank wieder auf das
Kissen zurück und wandte sich von neuem zu der Wand.

Alle schwiegen eine Weile.

»Er war wahrscheinlich eingeschlummert, noch halb im Schlafe,« sagte
endlich Rasumichin und blickte Sossimoff fragend an; jener machte eine
leichte verneinende Bewegung mit dem Kopfe.

»Na, fahr fort,« sagte Sossimoff, »was weiter?«

»Ja, was weiter? Als er die Ohrgehänge erblickte, vergaß er sofort die
Wohnung und Dmitri, nahm seine Mütze und lief zu Duschkin hin und
erhielt von ihm, wie es dir bekannt ist, einen Rubel, ihm log er aber
vor, daß er sie auf dem Trottoir gefunden hätte, und fing sofort an zu
bummeln. Von dem Morde aber bestätigt er das früher gesagte: >Ich weiß
von gar nichts, habe es erst am dritten Tage gehört!< >Und warum bist du
bis jetzt nicht gekommen?< >Vor Angst.< >Und warum wolltest du dich
erhängen?< >Vor lauter Gedanken.< >Was für Gedanken?< >Daß man mich
verurteilen würde.< Nun, das ist die ganze Geschichte. Jetzt, was meinst
du, daß sie daraus gefolgert haben?«

»Ja, was ist da zu denken, es ist eine Spur, wenn sie auch unbedeutend
ist, so ist es doch eine Spur. Eine Tatsache. Soll man deinen
Anstreicher etwa in Freiheit setzen?«

»Ja, sie halten ihn jetzt einfach für den Mörder! Sie haben keinen
Zweifel mehr ...«

»Das geht zu weit, du bist hitzig. Nun aber die Ohrgehänge? Du mußt doch
selbst zugeben, -- wenn am selben Tage und zur selben Stunde die
Ohrgehänge aus dem Kasten der Alten in die Hände von Nikolai geraten, --
daß sie in irgendeiner Weise zu ihm hingekommen sein müssen? Das hat
doch nicht wenig zu sagen bei solch einer Untersuchung.«

»Wie hingekommen! Wie sie hingekommen sind?« rief Rasumichin aus. »Und
du als Arzt, du, der vor allen Dingen verpflichtet ist, den Menschen zu
studieren und der Gelegenheit hat, eher als jeder andere, die
menschliche Natur kennenzulernen, -- kannst du denn nicht nach all
diesen gegebenen Anzeichen sehen, was für eine Natur dieser Nikolai ist?
Kannst du denn nicht auf den ersten Blick sehen, daß alles, was er bei
den Verhören ausgesagt hat, die heiligste Wahrheit ist? Sie sind genau
so in seine Hände geraten, wie er ausgesagt hat. Er ist auf ein Kästchen
getreten und hat es aufgehoben.«

»Heiligste Wahrheit! Er hat aber doch selbst eingestanden, daß er das
erstemal gelogen hat?«

»Höre mich an, höre aufmerksam zu, -- der Hausknecht, Koch und
Pestrjakoff, auch der andere Hausknecht, die Frau des ersten
Hausknechtes und eine Bekannte von ihr, die zur selben Zeit in der
Wohnung des Hausknechtes saßen, und der Hofrat Krjukoff, der in
demselben Augenblick aus einer Droschke gestiegen und mit einer Dame Arm
in Arm durch den Torweg gegangen war, -- alle, also acht oder zehn
Zeugen, sagen einstimmig aus, daß Nikolai den Dmitri zu Boden gedrückt,
auf ihm lag und ihn schlug, und daß jener ihn an den Haaren gepackt
hatte und ebenso auf ihn schlug. Sie liegen beide quer im Wege und
versperren den Durchgang; sie werden von allen geschimpft und sie liegen
da, wie >kleine Kinder< aufeinander (buchstäblicher Ausdruck der
Zeugen), kreischen, prügeln sich und lachen, lachen beide um die Wette,
mit den komischsten Fratzen und laufen auf die Straße, gleich Kindern,
hinaus einander zu fangen. Hast du gehört? Nun merke dir jetzt, -- oben
liegen die Körper noch warm, hörst du, noch warm, so fand man sie! Wenn
sie oder auch Nikolai nur allein, gemordet und dabei den Kasten
aufgebrochen und geraubt hätten oder auch nur einigermaßen an dem Raube
beteiligt gewesen wären, erlaube mir nur die eine Frage dir vorzulegen,
-- ist solch eine seelische Stimmung, das heißt, Kreischen, Lachen,
kindisches Prügeln in dem Torwege -- mit Beilen, Blut, mit
verbrecherischer Schlauheit, Vorsicht, Raub vereinbar? Sie haben soeben
noch vor fünf oder zehn Minuten gemordet, -- denn es muß so stimmen, die
Körper waren ja noch warm -- und plötzlich lassen sie die Leichen liegen
und die Wohnung offen, wobei sie wissen, daß soeben Menschen dorthin
gegangen sind, kümmern sich nicht um die Beute und wälzen sich wie
kleine Kinder auf dem Wege, lachen und lenken die allgemeine
Aufmerksamkeit auf sich -- und dies alles bezeugen einstimmig zehn
Zeugen!«

»Sicher ist es sonderbar! Selbstverständlich ist dies doch unmöglich,
aber ...«

»Nein, Bruder, es gibt kein aber, -- sondern wenn die Ohrgehänge, die
zur selben Stunde und am selben Tage in Nikolais Hände geraten sind,
tatsächlich einen wichtigen ihn belastenden Beweis ausmachen, -- der
jedoch durch seine Aussagen einfach erklärt wird, also noch ein
_strittiger Beweis ist_, -- muß man doch auch die entlastenden Tatsachen
in Erwägung ziehen und um so mehr, als dies _unwiderlegbare_ Tatsachen
sind. Und glaubst du wohl, nach der Art unserer Jurisprudenz, daß sie
dies anerkennen wird, oder daß sie fähig ist, solch eine Tatsache, --
die ausschließlich auf rein psychologischer Unmöglichkeit, nur auf
seelischer Stimmung allein begründet ist, -- als eine unanfechtbare und
alle belastenden und sachlichen Momente, wie sie auch sein mögen,
widerlegende Tatsache anzuerkennen? Nein, sie werden es nicht
anerkennen, keineswegs, denn man hat das Kästchen gefunden, werden sie
sagen, und der Mensch wollte sich erhängen, -- >was nicht geschehen
könnte, wenn er sich nicht schuldig fühlte<. Das ist die Hauptfrage,
darum ereifere ich mich auch! Verstehe es doch!«

»Ja, ich sehe es auch, daß du dich ereiferst. Warte, ich vergaß dich zu
fragen, wodurch ist es nachgewiesen, daß das Kästchen mit den
Ohrgehängen tatsächlich von der Alten stammt?«

»Das ist nachgewiesen,« antwortete Rasumichin mit gerunzelten
Augenbrauen und anscheinend mit Unlust. »Koch hat das Ding erkannt und
den Pfandgeber genannt, und dieser hat bewiesen, daß die Ohrgehänge ihm
gehören.«

»Das ist schlimm. Jetzt noch eins, -- hat jemand Nikolai gesehen, als
Koch und Pestrjakoff allein hinaufgingen, und kann man es nicht
irgendwie beweisen?«

»Das ist es ja, daß niemand ihn gesehen hat,« antwortete Rasumichin
ärgerlich, -- »das ist ja das Schlimme; sogar Koch und Pestrjakoff haben
Nikolai und Dmitri nicht bemerkt, als sie hinaufgingen, obgleich ihr
Zeugnis jetzt nicht viel bedeuten würde. >Wir haben gesehen,< sagen sie,
>daß die Wohnung offen war, daß man darin wahrscheinlich arbeitete, aber
wir haben im Vorübergehen nicht darauf geachtet und erinnern uns nicht
genau, ob in dem Momente dort Arbeiter waren oder nicht.<«

»Hm. Also gibt es nur eine einzige Rechtfertigung: die, daß sie einander
Püffe versetzt und gelacht haben. Angenommen, dies ist ein starker
Beweis, aber ... Erlaube mal, wie erklärst du selbst den ganzen Vorgang?
Wodurch willst du den Fund der Ohrgehänge erklären, wenn er sie
tatsächlich so gefunden hat, wie er angibt?«

»Wie ich es erkläre? Ja, was ist da zu erklären, die Sache ist klar.
Wenigstens der Weg, den man bei dieser Sache gehen muß, ist klar und
bewiesen, und gerade das Kästchen hat ihn gezeigt. Der wirkliche Mörder
hat die Ohrgehänge verloren. Der Mörder war oben, als Koch und
Pestrjakoff klopften, und saß eingeschlossen dort. Koch machte die
Dummheit und ging nach unten, da sprang der Mörder heraus und lief
ebenfalls nach unten, denn er hatte keinen anderen Ausweg. Auf der
Treppe versteckte er sich vor Koch, Pestrjakoff und dem Hausknecht in
der leeren Wohnung, und zwar in dem Augenblicke, als Dmitri und Nikolai
herausgelaufen waren; er stand hinter der Türe, als der Hausknecht und
die anderen nach oben gingen, wartete bis die Schritte verhallten und
ging in aller Seelenruhe hinunter, genau im selben Augenblicke, als
Dmitri und Nikolai auf die Straße gelaufen waren, alles fort und niemand
im Torwege war. Vielleicht hat man ihn auch gesehen, aber nicht
beachtet; es gehen ja nicht wenige Menschen dort aus und ein. Und das
Kästchen ist ihm aus der Tasche gefallen, als er hinter der Tür stand,
und er hat es nicht gemerkt, denn er mußte an anderes denken. Das
Kästchen aber beweist klar, daß er dort gestanden hat. So ist die ganze
Sache!«

»Das ist schlau. Nein, Bruder, das ist sehr schlau. Das ist zu schlau!«

»Aber warum denn, warum?«

»Ja, weil alles viel zu glücklich verlief ... und sich gestaltete ...
wie auf dem Theater.«

»Ach,« rief Rasumichin und wollte fortfahren, aber in diesem Augenblicke
öffnete sich die Tür und es trat eine neue, von keinem der Anwesenden
gekannte Person herein.


                                   V.

Es war ein Herr, nicht mehr jung, geziert, würdevoll, mit einem
lauernden und verdrießlichen Gesichte; er begann damit, daß er an der
Tür stehen blieb und sich mit unverkennbar beleidigtem Erstaunen
umblickte, als ob er fragen würde: »wohin bin ich denn geraten?«
Mißtrauisch, mit dem Ausdruck eines affektierten Überraschtseins, fast
eines Schreckens, sah er sich in Raskolnikoffs enger und niedriger
»Schiffskajüte« um. Mit gleichem Erstaunen richtete er seine Blicke auf
Raskolnikoff selbst, der entkleidet, ungekämmt und ungewaschen auf
seinem unansehnlichen, schmutzigen Sofa lag und ihn ebenso unverwandt
betrachtete. Dann begann er mit gleicher Bedächtigkeit die abgerissene,
unrasierte und ungekämmte Gestalt Rasumichins zu betrachten, der
seinerseits ihm frech und fragend direkt in die Augen blickte, ohne sich
von seinem Platze zu rühren. Das gespannte Schweigen dauerte etwa eine
Minute und endlich trat, wie man es auch erwarten konnte, ein kleiner
Stimmungswechsel ein. Nachdem der eingetretene Herr wahrscheinlich aus
gewissen, übrigens sehr deutlichen Anzeichen entnommen hatte, daß mit
einer herrischen Miene hier in dieser »Schiffskajüte« nichts zu wollen
sei, wurde er etwas freundlicher und sagte höflich, obgleich nicht ohne
eine gewisse Strenge, indem er sich an Sossimoff wandte und jede Silbe
seiner Frage betonte: »Rodion Romanytsch Raskolnikoff, Herr Student oder
ehemaliger Student?«

Sossimoff rührte sich ein wenig und hätte auch vielleicht geantwortet,
wenn Rasumichin, an den die Worte gar nicht gerichtet waren, ihm nicht
zuvorgekommen wäre.

»Da liegt er auf dem Sofa! Und was wollen Sie?« Dieses familiäre »Und
was wollen Sie?« traf den gezierten Herrn wie ein Hieb, und fast hätte
er sich zu Rasumichin umgewandt, aber er hielt sich noch rechtzeitig
zurück und wandte sich schnell wieder an Sossimoff.

»Da ist Raskolnikoff!« brummte Sossimoff und wies auf den Kranken hin,
dann gähnte er, wobei er ungewöhnlich weit seinen Mund aufsperrte und
ihn ungewöhnlich lange in dieser Lage behielt. Dann bewegte er die Hand
langsam zu der Westentasche, zog eine riesige, dicke, goldene Uhr
hervor, öffnete den Deckel, sah nach und steckte sie ebenso langsam und
träge wieder ein.

Raskolnikoff selbst lag die ganze Zeit schweigend auf dem Rücken und
blickte unverwandt, scheinbar gedankenlos, den Eingetretenen an. Sein
Gesicht, das er jetzt von der interessanten Blume in der Tapete
abgewandt hatte, war außerordentlich bleich und drückte ein
ungewöhnliches Leiden aus, als hätte er soeben eine qualvolle Operation
durchgemacht, oder als hätte er eine Tortur hinter sich. Der
eingetretene Herr aber begann allmählich seine Aufmerksamkeit mehr und
mehr zu erregen, es tauchten in ihm Zweifel, Mißtrauen und sogar
anscheinend Furcht auf. Als aber Sossimoff auf ihn hinwies und »da ist
Raskolnikoff« sagte, erhob er sich schnell, wie auffahrend, setzte sich
auf sein Bett und sagte mit fast herausfordernder, aber schwankender und
schwacher Stimme:

»Ja. Ich bin Raskolnikoff! Was wollen Sie?«

Der Besucher blickte ihn aufmerksam an und sagte mit Betonung:

»Peter Petrowitsch Luschin. Ich habe die sichere Hoffnung, daß mein Name
Ihnen nicht ganz unbekannt sei.«

Raskolnikoff aber, der etwas ganz anderes erwartet hatte, blickte ihn
stumpf und nachdenklich an und antwortete nichts, als ob er Peter
Petrowitschs Namen entschieden zum erstenmal höre.

»Wie? Haben Sie bis jetzt noch keine Nachrichten über mich erhalten?«
fragte Peter Petrowitsch mit einer Bewegung unangenehmer Überraschung.

Anstatt zu antworten, ließ sich Raskolnikoff langsam auf das Kissen
nieder, steckte die Hände unter den Kopf und begann die Zimmerdecke zu
betrachten. Eine bedrückte Stimmung zeigte auf Luschins Gesicht starke
Betroffenheit. Sossimoff und Rasumichin fingen an, ihn mit noch größerer
Neugierde anzusehen, und er wurde sichtlich verlegen.

»Ich nahm an und rechnete bestimmt darauf,« murmelte er, »daß der Brief,
der schon vor mehr als zehn Tagen, vielleicht sogar vor vierzehn Tagen
abgesandt ist ...«

»Hören Sie mal, was sollen Sie denn die ganze Zeit an der Türe stehen?«
unterbrach ihn Rasumichin, »wenn Sie etwas mitzuteilen haben, setzen Sie
sich doch, für Sie und Nastasja ist es dort zu eng. Nastasja, mach mal
Platz, laß ihn durchgehen! Kommen Sie hierher, da haben Sie einen Stuhl!
Kriechen Sie hier durch!«

Er rückte seinen Stuhl von dem Tische ab, machte zwischen dem Tisch und
seinen Knien einen Durchgang frei und wartete in dieser unbequemen
Stellung, bis der Gast durch diesen Spalt »hindurchkriechen« würde. Der
Moment war so gewählt, daß man nicht gut ablehnen konnte, und der
Besucher kroch durch den engen Durchgang, sich beeilend und stolpernd,
hindurch. Als er den Stuhl erreicht hatte, setzte er sich und blickte
Rasumichin argwöhnisch an.

»Seien Sie übrigens nicht verlegen,« platzte dieser hervor. »Rodja ist
schon den fünften Tag krank und hat drei Tage phantasiert, jetzt aber
ist er zu sich gekommen und hat sogar mit Appetit gegessen. Dort sitzt
sein Arzt, er hat ihn soeben untersucht, und ich bin Rodjas Kamerad,
auch ein ehemaliger Student, und pflege ihn nun; also, achten Sie nicht
auf uns und genieren Sie sich nicht, fahren Sie nur fort und sagen Sie,
was Sie zu sagen haben.«

»Ich danke Ihnen. Werde ich aber nicht durch meine Anwesenheit und mit
meinem Gespräch den Kranken aufregen?« wandte sich Peter Petrowitsch an
Sossimoff.

»N--nein,« sagte Sossimoff langsam, »Sie können ihn vielleicht
zerstreuen.«

Und er gähnte wieder.

»Oh, er ist schon lange bei Besinnung, seit heute morgen!« fuhr
Rasumichin fort, dessen Familiarität den Stempel solch einer
unverfälschten Treuherzigkeit trug, daß Peter Petrowitsch allmählich
seine Fassung wiedergewann, zum Teil wohl auch darum, weil dieser
zerlumpte und freche Mensch sich als Student vorgestellt hatte.

»Ihre Frau Mutter ...« begann Luschin.

»Hm!« äußerte sich Rasumichin vernehmlich.

Luschin blickte ihn fragend an.

»Das hat nichts zu sagen, ich tat es nur so; fahren Sie fort ...«

Luschin zuckte die Achseln.

»... Ihre Frau Mutter begann noch während meiner Anwesenheit dort einen
Brief an Sie. Nachdem ich hier eingetroffen war, ließ ich absichtlich
einige Tage vergehen und kam nicht gleich zu Ihnen, um ganz gewiß zu
sein, daß Sie von allem unterrichtet sind, jetzt aber zu meinem
Erstaunen ...«

»Ich weiß, ich weiß!« sagte plötzlich Raskolnikoff mit dem Ausdrucke des
ungeduldigsten Ärgers. »Sie sind es? Der Bräutigam? Nun, ich weiß ...
und genug!«

Peter Petrowitsch fühlte sich entschieden beleidigt, aber er schwieg. Er
dachte eifrig nach, was dieses alles zu bedeuten habe. Es herrschte ein
minutenlanges Schweigen.

Indessen begann Raskolnikoff, der sich bei seiner Antwort nur ein wenig
ihm zugekehrt hatte, ihn von neuem aufmerksam und mit einer gewissen
Neugier anzusehen, als hätte er vorhin nicht Zeit gefunden, ihn ganz zu
betrachten oder als wäre ihm etwas Neues an ihm aufgefallen; er erhob
sich zu dem Zwecke sogar absichtlich von dem Kissen. In dem ganzen
Aussehen von Peter Petrowitsch lag wirklich etwas Besonderes, und zwar
etwas, das die Bezeichnung »Bräutigam,« die ihm soeben so ungeniert
zugeteilt wurde, zu rechtfertigen schien. Man konnte sehen, und zwar
ziemlich deutlich, daß Peter Petrowitsch sich sehr beeilt hatte, die
paar Tage seines Aufenthaltes in der Residenz auszunutzen, um sich in
Erwartung der Braut neu auszustaffieren und zu verschönern, was gewiß
sehr unschuldig und statthaft war. Sogar die eigentümliche, vielleicht
ein wenig zu ausgeprägte Selbstzufriedenheit über seine angenehme
Veränderung konnte in diesem Falle verzeihlich erscheinen, denn Peter
Petrowitsch war ja in dem Stande eines Bräutigams. Seine ganze Kleidung
war soeben vom Schneider gekommen und alles war gut, nur daß eben alles
zu neu war und zu sehr den bestimmten Zweck verriet. Auch der elegante,
nagelneue, runde Hut deutete auf diesen Zweck hin, -- Peter Petrowitsch
behandelte ihn zu ehrerbietig und hielt ihn mit zu großer Vorsicht in
Händen. Auch das reizende Paar Handschuhe von heller lila Farbe bezeugte
das, wenn auch nur damit, daß man sie nicht anzog, sondern in der Hand
hielt. Helle und jugendliche Farben herrschten in Peter Petrowitschs
Kleidung vor. Er hatte ein sehr hübsches Sommerjackett von hellbrauner
Farbe an, helle leichte Beinkleider, ebensolch eine Weste, neugekaufte
feine Wäsche, eine leichte Krawatte aus Batist mit rosa Streifen, und
das allerbeste war dabei, daß alles Peter Petrowitsch sehr gut kleidete.
Sein Gesicht, sehr frisch und sogar hübsch, schien auch ohnedem jünger
als fünfundvierzig Jahre. Ein dunkler Backenbart umrahmte es zu beiden
Seiten und verdichtete sich ziemlich hübsch um das glänzende, vorzüglich
rasierte Kinn. Auch die Haare, übrigens nur stellenweise und kaum
bemerkbar grau, waren von einem Friseur gekämmt und gekräuselt,
erhielten aber dadurch nichts Lächerliches oder gaben ein dummes
Aussehen, was gewöhnlich bei gekräuselten Haaren der Fall ist, weil es
dem Gesichte eine unvermeidliche Ähnlichkeit mit einem Deutschen, der
zum Altar schreitet, verleiht. Wenn in diesem ziemlich hübschen und
soliden Gesichte etwas tatsächlich Unangenehmes und Abstoßendes war, so
hatte dies einen anderen Grund. Nachdem Raskolnikoff Herrn Luschin
ungeniert betrachtet hatte, lächelte er sarkastisch, ließ sich wieder
auf das Kissen nieder und begann, wie früher, die Zimmerdecke anzusehen.

Herr Luschin aber nahm sich zusammen und schien entschlossen zu sein,
diese Sonderbarkeiten vorläufig nicht zu beachten.

»Ich bedauere sehr, sehr, Sie in solch einer Lage zu finden,« begann er
von neuem, mit Mühe das Schweigen brechend. »Wenn ich von Ihrem
Unwohlsein gewußt hätte, wäre ich früher gekommen. Aber, wissen Sie, die
Plackereien ... Ich habe außerdem eine sehr wichtige Angelegenheit im
Senat, in meiner Eigenschaft als Advokat. Ich erwähne nicht die Sorgen,
die auch Sie erraten können. Die Ihrigen, das heißt Ihre Frau Mutter und
Schwester, erwarte ich stündlich ...«

Raskolnikoff machte eine Bewegung und wollte etwas sagen; sein Gesicht
drückte eine gewisse Erregung aus. Peter Petrowitsch hielt in Erwartung
inne, aber da nichts erfolgte, fuhr er fort: »... Stündlich. Ich habe
ihnen fürs erste eine Wohnung gesucht ...«

»Wo?« fragte leise Raskolnikoff.

»Gar nicht weit von hier, im Hause von Bakalejeff.«

»Das ist auf dem Wosnesensky-Prospekt,« unterbrach ihn Rasumichin, »dort
sind zwei Stockwerke, als möblierte Zimmer eingerichtet; der Kaufmann
Juschin ist Inhaber; ich bin dort gewesen.«

»Ja, es sind möblierte Zimmer ...«

»Es ist fürchterlich dort; Schmutz, Gestank und ein verdächtiger Ort
auch; mancherlei ist da vorgefallen. Ja, und weiß der Teufel, was da
nicht alles wohnt! ... Ich selbst bin dort aus einem skandalösen Grunde
gewesen. Übrigens ist es billig.«

»Ich konnte selbstverständlich nicht soviel erfahren, da ich selbst vor
kurzem angekommen bin,« antwortete Peter Petrowitsch empfindlich, »es
sind übrigens zwei sehr, sehr saubere kleine Zimmer, und da es auf eine
sehr kurze Zeit nur ist ... Ich habe schon eine wirkliche, das heißt
unsere künftige Wohnung gefunden,« wandte er sich an Raskolnikoff, »und
jetzt wird sie instand gesetzt; unterdessen aber behelfe ich mich auch
selbst mit einem möblierten Zimmer, zwei Schritte von hier, bei Frau
Lippewechsel, in der Wohnung eines jungen Freundes von mir, Andrei
Ssemenytsch Lebesjätnikoff; er hat auch mir das Haus von Bakalejeff
empfohlen ...«

»Lebesjätnikoff?« sagte langsam Raskolnikoff, als ob er sich auf etwas
besinne.

»Ja, Andrei Ssemenytsch Lebesjätnikoff, er ist im Ministerium
angestellt. Kennen Sie ihn?«

»Ja ... nein ...« antwortete Raskolnikoff.

»Entschuldigen Sie, mir scheint es so nach Ihrer Frage. Ich war einmal
sein Vormund ... ein sehr lieber junger Mann ... und mit Interessen ...
Und ich bin froh, mit der Jugend zusammenzukommen; durch sie erfährt man
alles Neue ...«

Peter Petrowitsch blickte erwartungsvoll alle Anwesenden an.

»Wie meinen Sie das?« fragte Rasumichin.

»Nun, im besten Sinne des Wortes,« sagte Peter Petrowitsch, als wäre er
über die Frage erfreut. »Ich war, sehen Sie, seit zehn Jahren nicht mehr
in Petersburg. Alle unsere Neuerungen, Reformen und Ideen, dies alles
hat auch uns in der Provinz erreicht, aber um klarer zu sehen und um
alles zu sehen, muß man in Petersburg sein. Nun, und meine Meinung ist,
daß man am meisten bemerkt und erfährt, indem man unsere jüngere
Generation beobachtet. Und offen gestanden, ich bin erfreut ...«

»Worüber denn?«

»Ihre Frage ist zu umfassend. Ich kann mich irren, aber es scheint mir,
ich finde einen klareren Blick, sozusagen mehr Kritik, mehr Tüchtigkeit
...«

»Das ist wahr,« sagte gelassen Sossimoff.

»Du lügst, Tüchtigkeit ist nicht da,« mischte sich Rasumichin ein.
»Tüchtigkeit erwirbt sich schwer und fällt nicht umsonst vom Himmel. Wir
sind aber fast seit zweihundert Jahren von jeder Arbeit entwöhnt ... Ich
gebe zu, Ideen hat man,« wandte er sich an Peter Petrowitsch, »auch
Wünsche für das Gute sind da, wenn auch kindische, auch Ehrlichkeit
findet man vor, ungeachtet dessen, daß hierher unzählige Gauner gekommen
sind, aber Tüchtigkeit gibt es doch nicht! Nur in Ausnahmefällen.«

»Ich bin mit Ihnen nicht einverstanden,« erwiderte mit sichtbarem
Behagen Peter Petrowitsch, »sicher gibt es Übertreibung,
Unregelmäßigkeiten, aber man muß auch nachsichtig sein; Übertreibung
zeugt von Eifer für die Sache und von der unrichtigen äußeren Umgebung,
in der die Sache sich befindet. Wenn noch wenig getan ist, so war auch
die Zeit zu kurz. Von den Mitteln rede ich gar nicht. Meiner
persönlichen Auffassung nach ist sogar, wenn Sie wollen, etwas getan, --
es sind neue nützliche Gedanken, einige neue nützliche Werke, an Stelle
der früheren schwärmerischen und romantischen, verbreitet; die Literatur
zeigt ein reiferes Gepräge; viele schädliche Vorurteile sind ausgerottet
und werden verspottet ... Mit einem Worte, wir haben uns unwiderruflich
von der Vergangenheit losgesagt, und das ist meiner Meinung nach schon
eine Tat ...«

»Hat er das auswendig gelernt! Empfiehlt sich damit!« sagte plötzlich
Raskolnikoff.

»Was?« fragte Peter Petrowitsch, da er nicht recht gehört hatte, aber er
erhielt keine Antwort.

»Das ist alles wahr,« beeilte sich Sossimoff zu bemerken.

»Ja, nicht wahr?« fuhr Peter Petrowitsch fort und blickte Sossimoff
freundlich an. »Geben Sie selbst zu,« wandte er sich an Rasumichin,
jetzt aber im Tone des Triumphes und der Überlegenheit, und beinahe
hätte er »junger Mann« hinzugefügt, »daß es einen Fortschritt oder, wie
man sich jetzt ausdrückt, einen Prozeß gibt, wenigstens in der
Wissenschaft und in den wirtschaftlichen Gesetzen ...«

»Das ist ein Gemeinplatz!«

»Nein, es ist kein Gemeinplatz! Wenn man mir zum Beispiel bis jetzt
sagte: >Liebe deinen Nächsten<, und ich tat es, -- was kam dabei
heraus?« fuhr Peter Petrowitsch fort, vielleicht mit zu großem Eifer.
»Es kam das heraus, daß ich meinen Rock in zwei Hälften zerriß, ihn mit
dem Nächsten teilte, und wir beide blieben halbnackt, wie nach dem
russischen Sprichworte: >Wer ein paar Hasen gleichzeitig nachjagt, fängt
keinen einzigen.< Die Wissenschaft aber sagt: >Liebe vor allem zuerst
dich selbst, denn alles in der Welt ist auf persönlichem Interesse
begründet.< Wenn man sich selbst liebt, wird man seine Angelegenheiten,
wie es sich gehört, in Ordnung bringen, und der Rock bleibt einem ganz
und heil. Die wirtschaftlichen Gesetze fügen noch hinzu, daß, je mehr es
in der Gesellschaft geordnete Privatangelegenheiten und sozusagen ganze
und heile Röcke gibt, daß sie um so mehr Grundlagen hat, und daß um so
mehr das Allgemeinwohl gefördert wird. Also, indem ich allein und
ausschließlich für mich selbst erwerbe, erwerbe ich dadurch auch für
alle und trage dazu bei, daß mein Nächster etwas mehr als einen
zerrissenen Rock erhält, und nicht mehr als Wohltat von einzelnen
Privatpersonen, sondern infolge des allgemeinen Fortschritts. Der
Gedanke ist einfach, aber zum Unglück tauchte er zu spät auf, verdeckt
durch Überschwänglichkeit und Schwärmerei, und es möchte scheinen, daß
man nicht viel Witz braucht, um darauf zu kommen ...«

»Entschuldigen Sie, ich habe auch nicht viel Witz,« unterbrach ihn
Rasumichin schroff, »hören wir besser auf. Ich habe nur aus einem
bestimmten Zweck begonnen, sonst ist mir dies ganze Geschwätz, dieses
Sichselbst-Trösten, diese endlosen unaufhörlichen Gemeinplätze und dies
ewige Einerlei in drei Jahren so zuwider geworden, daß ich bei Gott
erröte, wenn auch andere, nicht ich bloß, in meiner Gegenwart davon
sprechen. Sie haben sich selbstverständlich beeilt, sich mit Ihren
Kenntnissen einzuführen, das ist sehr verzeihlich, und ich verurteile
Sie nicht. Ich aber wollte bloß erfahren, wer Sie sind; denn sehen Sie,
in der letzten Zeit haben sich so viel und allerhand Industrieritter an
der allgemeinen Sache angeklebt und haben alles, womit sie in Berührung
kamen, so zu ihrem Vorteil zugerichtet, daß sie entschieden die ganze
Sache beschmutzt haben. -- Nun genug davon!«

»Mein Herr,« begann Luschin, sich mit der größten Würde aufrichtend,
»wollen Sie etwa damit ausdrücken, daß auch ich ...«

»Oh, bitte, bitte ... Könnte ich es denn! ... Nun genug!« schnitt
Rasumichin ab und wandte sich unmittelbar an Sossimoff, um das frühere
Gespräch fortzusetzen.

Peter Petrowitsch zeigte sich so klug, sofort der Erklärung zu glauben,
beschloß aber, nach ein paar Minuten wegzugehen.

»Ich hoffe, daß unsere jetzt geschlossene Bekanntschaft,« wandte er sich
an Raskolnikoff, »nach Ihrer Genesung und infolge der Ihnen bekannten
Umstände sich noch mehr befestigen wird ... Besonders wünsche ich Ihnen
gute Besserung ...«

Raskolnikoff wandte nicht mal den Kopf um. Peter Petrowitsch schickte
sich an, aufzustehen.

»Der Mörder war sicher ein Pfandgeber!« Sossimoff stimmte zu.

»Unbedingt ein Pfandgeber!« wiederholte Rasumichin. »Porphyri verrät
seine Gedanken nicht, aber er verhört doch die Pfandgeber ...«

»Verhört die Pfandgeber?« fragte Raskolnikoff laut.

»Ja, was ist denn?«

»Nichts.«

»Wo findet er sie denn?« fragte Sossimoff.

»Einige hat Koch genannt; von anderen waren die Namen auf den Umschlägen
der Sachen notiert, und manche kamen von selbst, als sie hörten ...«

»Na, das muß doch eine gewandte und erfahrene Kanaille sein! Welche
Kühnheit! Welche Entschlossenheit!«

»Das ist es ja, daß dies nicht der Fall ist!« unterbrach Rasumichin.
»Das bringt auch alle von der Spur ab. Ich aber sage -- er war ungewandt
und unerfahren und sicher war es das erstemal. -- Nimm Berechnung und
eine gewandte Kanaille an, und es erscheint unglaublich. Nimm aber einen
Unerfahrenen an, und es zeigt sich, daß nur der Zufall ihn unterstützt
und gerettet hat, und was tut nicht der Zufall? Ich bitte dich, er hat
vielleicht nicht einmal Hindernisse vorausgesehen! Und wie führt er die
Tat aus? -- Er nimmt Sachen im Werte von zehn und zwanzig Rubel, stopft
sich damit die Taschen voll, wühlt in dem Kasten, in allerhand
Weiberlumpen, -- und in der Kommode, in der oberen Schublade findet man
nachher in einer Schatulle an barem Gelde gegen anderthalb tausend,
außer den Wertpapieren. Er hat nicht mal verstanden zu rauben, er hat
bloß verstanden zu morden! Ich sage dir, es ist sein erster Fall, sein
allererster; er hat seine Fassung verloren. Und nicht durch Berechnung,
sondern durch Zufall ist er entkommen.«

»Mir scheint, Sie sprechen von der kürzlichen Ermordung der alten
Beamtenwitwe,« mischte sich Peter Petrowitsch ein, sich an Sossimoff
wendend. Er stand schon mit dem Hute und Handschuhen in der Hand, aber
vor dem Fortgehen wollte er noch einige geistreiche Worte fallen lassen.
Er mühte sich sichtlich, einen guten Eindruck zu hinterlassen und die
Eitelkeit überwand die Vernunft.

»Ja. Haben Sie davon gehört?«

»Selbstverständlich, es ist ja in der Nachbarschaft ...«

»Kennen Sie die Einzelheiten?«

»Das kann ich nicht behaupten. Mich aber interessiert dabei ein anderer
Umstand, sozusagen die ganze Frage. Ich spreche nicht davon, daß in den
letzten fünf Jahren die Verbrechen in der unteren Klasse sich vermehrt
haben; ich spreche nicht von den ununterbrochenen Raubanfällen und
Feuersbrünsten, die überall nun vorkommen; am auffallendsten aber
erscheint mir, daß die Verbrechen auch in den höheren Klassen sich
ebenso vermehren und sozusagen in paralleler Weise. Dort, hört man, hat
ein ehemaliger Student auf offener Straße die Post beraubt; dort wieder
fabrizieren Menschen, die nach ihrer gesellschaftlichen Stellung zu den
ersten gehören, falsches Papiergeld; in Moskau ertappt man eine ganze
Gesellschaft beim Fälschen von Scheinen der letzten Prämienanleihe, --
und einer der Hauptbeteiligten ist ein Professor der Weltgeschichte;
dort, im Auslande ermordet man einen von unsern Botschaftssekretären aus
rätselhaften Gründen ... Und wenn jetzt diese alte Pfandleiherin von
jemand aus der besseren Gesellschaft getötet ist, -- denn einfache Leute
versetzen keine Goldsachen, -- wie kann man denn diese Verdorbenheit des
gebildeten Teiles unserer Gesellschaft erklären?«

»Es gibt viele ökonomische Verschiebungen,« bemerkte Sossimoff.

»Wie erklären?« unterbrach ihn Rasumichin.

»Gerade durch die uns anhaftende Untüchtigkeit kann man es erklären.«

»Wieso denn?«

»Was antwortete Ihr Professor in Moskau auf die Frage, warum er die
Scheine gefälscht habe? Alle werden durch allerhand Mittel reich, da
wollte ich auch schnell reich werden -- das war seine Antwort. Des
Wortlautes entsinne ich mich nicht genau; aber der Sinn war, daß er auf
fremde Kosten schnell, ohne zu arbeiten, reich werden wollte. Wir sind
gewohnt, Hilfe zu erhalten, am Gängelbande zu gehen, Vorgekautes zu
essen ... Nun, und schlägt die große Stunde, da zeigt sich jeder in
seiner wahren Gestalt ...«

»Aber es gibt doch Moral. Und sozusagen Begriffe ...«

»Ja, was ereifern Sie sich denn?« mischte sich Raskolnikoff plötzlich
ins Gespräch. »Es ist doch nach Ihrer Theorie!«

»Wieso nach meiner Theorie?«

»Ziehen Sie doch die Konsequenzen dessen, was Sie vorhin predigten, und
es ergibt sich, daß man Menschen umbringen darf ...«

»Aber ich bitte!« rief Luschin aus.

»Nein, so ist das nicht!« bemerkt Sossimoff.

Raskolnikoff lag bleich mit zuckender Lippe da und atmete schwer.

»Alles hat seine Grenzen,« fuhr Luschin hochmütig fort, »eine
ökonomische Idee ist noch keine Aufforderung zum Mord, und wenn man nur
annimmt ...«

»Ist es wahr, daß Sie,« unterbrach ihn von neuem Raskolnikoff mit vor
Wut zitternder Stimme, aus der man die Freude zu beleidigen heraus
merkte, »ist es wahr, daß Sie Ihrer Braut ... in derselben Stunde, als
Sie ihr Jawort erhielten, gesagt haben, daß Sie sich am meisten darüber
freuten ... daß sie eine Bettlerin sei ... weil es vorteilhafter sei,
eine bettelarme Frau zu nehmen, um über sie später herrschen ... und ihr
vorhalten zu können, daß Sie ihr Wohltäter seien? ...«

»Mein Herr!« rief Luschin betroffen und gereizt aus und wurde rot und
verwirrt. »Mein Herr ... so meine Worte zu entstellen ... Entschuldigen
Sie, aber ich muß Ihnen sagen, daß die Gerüchte, die zu Ihnen gedrungen
sind, oder besser gesagt, die Ihnen zugetragen sind, auch nicht den
Schatten eines vernünftigen Grundes haben, und ich ... vermute, wer ...
mit einem Worte ... dieser ... Pfeil ... mit einem Worte, Ihre Frau
Mutter ... Sie erschien mir auch ohnedem, bei allen ihren übrigens
ausgezeichneten Eigenschaften, in ihrer Auffassung ein wenig
schwärmerisch und romantisch angehaucht ... Aber ich war doch tausend
Meilen entfernt von der Voraussetzung, daß sie die Sache in solch einer
von der Phantasie verunstalteten Weise auffassen und auslegen würde ...
Und schließlich ... schließlich ...«

»Wissen Sie was?« rief Raskolnikoff aus, erhob sich auf dem Kissen und
sah ihn mit durchdringendem, scharfem Blicke an. »Wissen Sie was?«

»Was denn?« Luschin hielt inne und wartete mit gekränkter und
herausfordernder Miene.

Das Schweigen dauerte einige Sekunden.

»Daß, wenn Sie noch einmal ... wagen, nur ein Wort ... von meiner Mutter
zu erwähnen, ich Sie die Treppe hinunterwerfe!«

»Was ist dir?« rief Rasumichin aus.

»Ah, so ist die Sache!« Luschin erbleichte und biß sich auf die Lippen.
»Hören Sie, Herr,« begann er stockend und mit aller Kraft an sich
haltend, aber dennoch atemlos, »ich habe schon vorhin beim ersten
Schritt Ihre Feindseligkeit erraten, aber ich blieb absichtlich hier, um
noch mehr zu erfahren. Vieles konnte ich einem Kranken und Verwandten
zugute halten, jetzt aber ... Ihnen ... niemals ...«

»Ich bin nicht krank!« rief Raskolnikoff aus.

»Um so schlimmer ...«

»Scheren Sie sich zum Teufel!«

Luschin ging schon von selbst, ohne seine Rede zu vollenden, indem er
wieder zwischen dem Tisch und Stuhl hindurchkroch; Rasumichin stand
diesmal auf, um ihn durchzulassen. Ohne jemand anzusehen und ohne sogar
Sossimoff mit einem Kopfnicken zu grüßen, der ihm längst schon Zeichen
gegeben hatte, den Kranken in Ruhe zu lassen, ging Luschin hinaus, und
als er durch die Tür gebückt hindurchging, hielt er vorsichtshalber
seinen Hut in Schulterhöhe. Sogar die Krümmung seines Rückens schien
ausdrücken zu wollen, daß er sich furchtbar beleidigt fühle.

»Aber wie kann man denn, wie kann man denn so ...« sagte der verblüffte
Rasumichin und schüttelte den Kopf.

»Laßt mich, laßt mich alle in Ruhe!« rief Raskolnikoff rasend. »Ja,
wollt ihr endlich mich in Ruhe lassen, ihr Quälgeister! Ich fürchte euch
nicht! Ich fürchte jetzt niemand, niemand! Geht fort! Ich will allein
sein, allein, allein sein!«

»Gehen wir!« sagte Sossimoff und winkte Rasumichin.

»Erlaube, kann man ihn denn so lassen?«

»Gehen wir,« bestand Sossimoff und ging hinaus.

Rasumichin sann nach und lief dann hinaus, ihn einzuholen.

»Es könnte schlimmer werden, wenn wir nicht gehorcht hätten,« sagte
Sossimoff, schon auf der Treppe. »Man darf ihn nicht reizen ...«

»Was ist mit ihm?«

»Wenn ihm bloß etwas Glückliches widerfahren wollte, das wäre gut.
Vorhin war er bei Kräften ... Weißt du, er hat etwas auf dem Herzen.
Etwas Starkes, Bedrückendes ... Das fürchte ich sehr!«

»Ja, vielleicht ist es dieser Herr Peter Petrowitsch! Aus dem Gespräche
konnte man entnehmen, daß er seine Schwester heiraten will, und daß
Rodja darüber kurz vor der Krankheit einen Brief erhalten hat ...«

»Ja; der Teufel hat ihn jetzt hergeführt; vielleicht hat er die ganze
Sache verdorben. Hast du aber gemerkt, daß er gegen alles gleichgültig
ist, über alles schweigt, außer den einen Punkt, wo er aus sich
herausgeht -- den Mord ...«

»Ja, ja!« bestätigte Rasumichin. »Ich habe es sehr gut gemerkt. Er
interessiert sich dafür, gerät in Aufregung. Man hat ihn am Tage, als er
krank wurde, in dem Polizeibureau damit erschreckt; er fiel in
Ohnmacht.«

»Erzähle mir darüber genauer heute abend, ich will dir auch später etwas
sagen. Er interessiert mich sehr! Nach einer halben Stunde will ich ihn
aufsuchen ... Ein Fieber wird übrigens nicht folgen.«

»Ich danke dir. Ich will unterdessen bei der lieben Praskovja warten und
will durch Nastasja ihn beobachten lassen ...«

Raskolnikoff blickte voll Ungeduld und traurig Nastasja an; sie aber
zögerte wegzugehen.

»Willst du jetzt Tee trinken?« fragte sie ihn.

»Nachher! Ich will schlafen! Laß mich ...« Er wandte sich krampfhaft der
Wand zu. Nastasja ging hinaus.


                                  VI.

Kaum aber war sie hinausgegangen, als er aufstand, die Tür zuhakte, das
Bündel mit Kleidern, das Rasumichin vorhin gebracht und wieder
zugebunden hatte, aufmachte und sich anzukleiden begann. Merkwürdig,
plötzlich schien er völlig ruhig geworden zu sein, weder das
halbwahnsinnige Phantasieren, wie vorhin, noch die panische Angst, wie
in der ganzen letzten Zeit, waren vorhanden. Es war der erste Augenblick
einer seltsamen Ruhe. Seine Bewegungen waren bestimmt und klar, eine
feste Absicht lag in ihnen. »Heute noch, heute noch! ...« murmelte er
vor sich hin. Er begriff jedoch, daß er noch schwach sei, aber eine
starke, seelische Spannung, die sich bis zur Ruhe, bis zu einer
unerschütterlichen Idee gesteigert hatte, verlieh ihm Kraft und
Selbstbewußtsein; er hoffte auch, daß er auf der Straße nicht hinstürzen
würde. Nachdem er sich neu angezogen hatte, erblickte er das Geld, das
auf dem Tische lag, dachte nach und steckte es in die Tasche. Es waren
fünfundzwanzig Rubel. Er nahm auch das Kupfergeld, den Rest von den zehn
Rubeln, die Rasumichin für die Kleidung ausgegeben hatte. Dann hob er
leise den Haken ab, ging aus dem Zimmer, stieg die Treppe hinab und warf
einen Blick in die weit geöffnete Küche! Nastasja stand mit dem Rücken
gegen ihn und blies gebückt in den Samowar. Sie hatte nichts gehört. Wer
konnte auch voraussetzen, daß er fortgehen würde? Nach einer Minute war
er schon auf der Straße.

Es war gegen acht Uhr, die Sonne ging unter. Es herrschte die frühere
Schwüle, aber er atmete gierig diese stinkende, staubige, durch die
Stadt verpestete Luft ein. Der Kopf begann ihm ein wenig zu schwindeln;
eine wilde Energie blitzte in seinen entzündeten Augen und in seinem
abgemagerten, bleichen, gelben Gesichte auf. Er wußte nicht und dachte
auch nicht nach, wohin er wollte; er wußte bloß eins, »daß man _alles_
heute noch, mit einem Schlage, sofort beenden müsse, daß er anders nicht
nach Hause zurückkehren würde, weil er nicht so weiterleben wolle. Wie
enden? Wodurch? Davon hatte er keinen Begriff und wollte auch daran
nicht denken. Er verscheuchte den Gedanken, der ihn quälte. Bloß eins
fühlte und wußte er, daß alles sich ändern müsse, so oder so; einerlei
wie,« wiederholte er mit einer verzweifelten, starren Entschlossenheit
und Festigkeit.

Nach seiner Gewohnheit ging er wieder dem Heumarkt zu. Kurz vor dem
Heumarkte stand auf der Straße vor einem kleinen Laden ein junger
schwarzhaariger Mann mit einem Leierkasten und spielte ein rührseliges
Stück. Er begleitete ein fünfzehnjähriges Mädchen, das vor ihm auf dem
Fußsteig stand und wie eine Dame mit Krinoline, Mantille, Handschuhen
und einem Strohhut mit einer Feder von flammendem Rot bekleidet war;
alles war alt und abgetragen. Sie sang in Erwartung einer
Zweikopekenmünze eine Romanze mit zitternder, aber nicht unangenehmer
und kräftiger Straßenstimme. Raskolnikoff blieb neben ein paar anderen
Zuhörern stehen, hörte zu, nahm ein Fünfkopekenstück und legte es in die
Hand des jungen Mädchens. Sie brach bei der höchsten und rührseligsten
Note ab, rief dem Leiermann scharf »Schluß!« zu, und beide wanderten
weiter zu dem nächsten Laden.

»Haben Sie Straßengesang gern?« wandte sich plötzlich Raskolnikoff an
einen nicht mehr jungen Mann, der neben ihm stand und das Aussehen eines
Bummlers hatte. Dieser blickte ihn erschrocken und verwundert an.

»Ich habe es gern,« fuhr Raskolnikoff fort, und mit einem Ausdrucke, als
rede er gar nicht über Straßengesang. »Ich liebe es, wenn nach einer
Leierkastenmelodie gesungen wird an einem kalten, dunklen und feuchten
Herbstabend, unbedingt an einem feuchten, wenn alle Vorübergehenden
blaßgrüne und kranke Gesichter haben, oder noch besser, wenn ein nasser
Schnee kerzengerade, ohne Wind, niederfällt, wissen Sie, und die
Gasflammen hindurchschimmern ...«

»Ich weiß nicht ... Entschuldigen Sie ...« murmelte der Herr, betroffen
über die Worte und das sonderbare Aussehen Raskolnikoffs, und ging auf
die andere Seite der Straße hinüber.

Raskolnikoff schritt weiter und kam zu der Ecke auf dem Heumarkte, wo
der Kleinbürger und seine Frau, die sich damals mit Lisaweta
unterhielten, ihren Handel trieben, aber sie waren jetzt nicht da. Als
er die Stelle erkannt hatte, blieb er stehen, sah sich um und wandte
sich an einen jungen Burschen im roten Hemde, der am Eingange eines
Mehlladens gähnte.

»Hier an der Ecke handelt doch ein Kleinbürger und seine Frau, nicht
wahr?«

»Es handeln hier viele Leute,« antwortete der Bursche und blickte
Raskolnikoff von oben herab an.

»Wie heißt er?«

»Wie man ihn getauft hat, so heißt er auch.«

»Bist du nicht aus dem Rjasanschen Gouvernement? Aus welcher Gegend bist
du denn?«

Der Bursche sah Raskolnikoff wieder an.

»Wie soll ich es denn wissen, Eure Durchlaucht, bin zu dumm, um es zu
wissen ... Entschuldigen Sie gütigst, Durchlaucht.«

»Ist dort oben eine Schenke?«

»Das ist ein Restaurant, hat auch ein Billard und schöne Damen findet
man dort auch ... Tra-la-la.«

Raskolnikoff ging quer über den Platz. Dort auf der anderen Ecke stand
eine dichte Volksmenge, lauter Bauern. Er zwängte sich durch den
dicksten Knäuel und sah die Gesichter an. Aus irgendeinem Grunde zog es
ihn an alle anzureden. Aber die Bauern schenkten ihm keine Beachtung und
lamentierten alle unter sich. Er blieb stehen, dachte nach und ging nach
rechts, auf den Fußsteg, in der Richtung zu dem W.-schen Prospekt. Als
er den Platz verlassen hatte, geriet er in die N.-Gasse.

Er war auch früher oft durch diese sehr kurze Gasse gegangen, die eine
Biegung macht und von dem Platze auf die Ssadowaja führte. In der
letzten Zeit zog es ihn sogar an, wenn es ihm schwer zumute war, in
dieser Gegend herumzuirren, damit »es ihm noch schwerer werden sollte«.
Jetzt aber war er hierhergekommen, ohne etwas zu wollen. Hier gab es ein
großes Haus, das ganz mit Schenken und anderen Speise- und
Trinkanstalten angefüllt war; alle Augenblicke kamen von dort
Frauenzimmer herausgelaufen, gekleidet, wie man »in der Nachbarschaft«
herumzugehen pflegt -- ohne Kopfbekleidung und Überrock. Sie sammeln
sich auf dem Fußsteig an, ein paar stehen in Gruppen, besonders bei den
Eingängen in das Erdgeschoß, wo man zwei Stufen tiefer in allerhand sehr
lustige Lokale gelangen konnte. In einem von diesen Etablissements
herrschte in diesem Augenblicke starker Lärm und Geschrei, so daß man es
in der ganzen Straße hören konnte, auf einer Guitarre wurde geklimpert,
es wurde gesungen, es ging sehr bunt zu. Eine große Gruppe von Frauen
drängte sich am Eingange; einige saßen auf den Stufen, andere auf dem
Fußsteig, andere wieder standen und unterhielten sich. Auf dem Fahrdamme
daneben schlenderte ein betrunkener Soldat mit einer Zigarette,
schimpfte laut und wie es schien, wollte er irgendwo hineingehen, aber
wahrscheinlich hatte er vergessen, wohin er wollte. Ein zerlumpter Kerl
schimpfte einen anderen und ein total Betrunkener lag quer über der
Straße. Raskolnikoff blieb bei der großen Gruppe von Weibern stehen. Sie
sprachen mit heiseren Stimmen, alle hatten sie Kattunkleider an und
billige Stiefel und waren barhaupt. Einige waren über vierzig Jahre alt,
es waren aber auch siebzehnjährige dabei, fast alle hatten sie zerbläute
Gesichter. -- Aus irgendeinem Grunde interessierte ihn der Gesang und
dieser ganze Lärm und Tumult dort unten ... Man konnte hören, wie unter
Lachen und Kreischen jemand mit einer hohen Fistelstimme burschikos zu
einer Guitarre sang und wie ein anderer toll dazu tanzte und mit den
Absätzen den Takt schlug. Er hörte aufmerksam, düster und nachdenklich
zu, indem er, am Eingange stehend und sich vorbeugend, neugierig in das
Vorzimmer hineinblickte.

   Oh, mein schöner Schutzmann
   Schlägt mich so ohne Grund! ...

ertönte die dünne Stimme des Sängers. Raskolnikoff hatte schreckliche
Lust zu hören, was man sang, als wäre das jetzt die Hauptsache.

»Soll ich nicht hineingehen?« dachte er. »Sie lachen laut! Aus
Betrunkenheit. Warum soll ich mich nicht auch betrinken?«

»Kommen Sie doch herein, lieber Herr!« sagte eine der Frauen mit
ziemlich heller und nicht ganz heiserer Stimme. Sie war jung und gar
nicht abstoßend -- die einzige von der ganzen Gruppe.

»Sieh mal, wie hübsch du bist!« antwortete er, den Kopf erhebend und
blickte sie an.

Sie lächelte; das Kompliment hatte ihr sehr gefallen.

»Sie sind auch selbst sehr hübsch,« sagte sie.

»Wie mager Sie sind!« bemerkte eine andere mit einer Baßstimme. »Kommen
wohl eben aus dem Krankenhause?«

»Ihr seid alle aus feiner Familie, aber die Nasen sind zu platt!«
unterbrach sie plötzlich ein herantretender Bauer, ein wenig
angeheitert, mit einem listig lächelnden Gesichte. -- »Das ist aber ein
Vergnügen!«

»Geh hinein, wenn du schon da bist!«

»Ich will auch hineingehen. Du Süße!«

Und er stolperte hinunter.

Raskolnikoff ging weiter.

»Hören Sie, mein Herr!« rief ihm das Mädchen nach.

»Was?«

Sie tat schämig.

»Ich würde mich freuen, mein Herr, mit Ihnen die Zeit zu vertreiben, ich
bin aber ganz außer Fassung vor Ihnen. Schenken Sie mir, hoher Herr,
sechs Kopeken zu einem Trunk.«

Raskolnikoff nahm heraus, was er erfaßt hatte -- es waren fünfzehn
Kopeken.

»Ach, was für ein guter Herr!«

»Wie heißt du?«

»Fragen Sie nach Duklida.«

»Nein, das geht nicht an,« sagte plötzlich eine aus der Gruppe und
schüttelte den Kopf über Duklida. »Ich verstehe nicht, wie man so
betteln kann. Ich würde vor lauter Scham in die Erde sinken ...«

Raskolnikoff blickte neugierig die Sprechende an. Es war ein
pockennarbiges Mädchen, etwa dreißig Jahre alt, voll blauer Flecken mit
geschwollener Lippe. Sie sprach und tadelte ruhig und ernst.

»Wo habe ich,« dachte Raskolnikoff, während er weiterging, »wo habe ich
es gelesen, wie ein zum Tode Verurteilter eine Stunde vor seinem Ende
spricht oder denkt, daß wenn er irgendwo auf einer Höhe, auf einem
Felsen und auf einem schmalen Streifen, wo er bloß seine zwei Füße
hinsetzen könnte, leben sollte, -- umgeben von Abgründen, von Ozean, von
ewiger Finsternis, ewiger Einsamkeit und ewigem Sturm, -- und so, auf
diesem ellenbreiten Streifen stehend, sein ganzes Leben, tausend Jahre,
eine Ewigkeit verbringen müßte, -- daß es besser sei so zu leben, als
sofort zu sterben! Nur leben, leben, leben! Wie, ganz gleich! -- bloß
leben! ... Wie wahr! Herrgott, wie wahr! Der Mensch ist ein Schuft! ...
Und ein Schuft ist der, welcher ihn darum einen Schuft nennt,« fügte er
nach einer Weile hinzu.

Er kam auf eine andere Straße hinaus.

»Ah! Das ist ja der Kristallpalast! Rasumichin sprach vorhin vom
Kristallpalast! Ja, was wollte ich aber? Ah, ich wollte lesen! ...
Sossimoff erzählte, daß er in den Zeitungen gelesen hätte ...«

»Haben Sie Zeitungen?« fragte er, indem er in ein ziemlich geräumiges
und sogar reinliches Restaurant mit mehreren jetzt ziemlich leeren
Räumen eintrat. Zwei, drei Gäste tranken Tee und in einem der
Hinterzimmer saßen etwa vier Menschen und tranken Champagner.
Raskolnikoff glaubte unter ihnen Sametoff zu erkennen. Von weitem konnte
man es nicht unterscheiden.

»Und wenn auch!« dachte er.

»Befehlen Sie Branntwein?« fragte der Kellner.

»Bringe mir Tee. Und bringe mir Zeitungen, alte Zeitungen, so von den
letzten fünf Tagen, ich gebe dir ein Trinkgeld dafür.«

»Jawohl. Hier sind die heutigen. Befehlen Sie auch Branntwein?«

Alte Zeitungen und der Tee erschienen. Raskolnikoff setzte sich hin und
begann zu suchen: -- »Isler ... Isler ... Azteken ... Azteken ... Isler
... Bartola ... Massimo ... Azteken ... Isler ... pfui, zum Teufel! ah,
da ist die Lokalchronik ... von der Treppe herabgestürzt ... ein
Kleinbürger gestorben an Alkoholvergiftung ... Feuersbrunst ...
Feuersbrunst ... noch eine Feuersbrunst ... und noch eine Feuersbrunst
... Isler ... Massimo ... Isler ... Isler ... Massimo ... Ah, da ist es
...«

Er hatte endlich gefunden, was er suchte und begann zu lesen; die Zeilen
hüpften vor seinen Augen, trotzdem las er die ganze »Nachricht« zu Ende
und begann voll Gier in den weiteren Nummern die Fortsetzung zu suchen.
Seine Hände zitterten vor starker Ungeduld, indem er in den Zeitungen
blätterte. Plötzlich setzte sich jemand neben ihn, an seinen Tisch. Er
schaute hin -- es war Sametoff, derselbe Sametoff und mit demselben
Äußern, mit Ringen, Uhrketten, mit einem Scheitel in seinen schwarzen
gekräuselten und pomadisierten Haaren, in einer eleganten Weste, in
einem etwas abgetragenen Rocke und nicht ganz reiner Wäsche. Er war
lustig gestimmt, wenigstens lachte er sehr vergnügt und gutmütig. Sein
gebräuntes Gesicht war vom genossenen Champagner ein wenig erhitzt.

»Wie! Sie hier?« begann er mit Staunen und in einem Tone, als wäre er
ein ewigalter Bekannter. »Mir erzählte gestern noch Rasumichin, daß Sie
immer noch bewußtlos daliegen. Das ist merkwürdig! Wissen Sie, ich war
bei Ihnen ...«

Raskolnikoff hatte sich's gedacht, daß er zu ihm herankommen würde. Er
legte die Zeitungen beiseite und wandte sich zu Sametoff. Auf seinen
Lippen spielte ein hämisches Lächeln, aber in diesem Lächeln lag eine
gereizte Ungeduld.

»Ich weiß es, daß Sie da waren,« antwortete er, »ich habe es gehört. Sie
haben meinen Strumpf gesucht ... Wissen Sie, Rasumichin ist ganz
entzückt von Ihnen, er erzählte, daß Sie mit ihm bei Louisa Iwanowna
waren, wissen Sie, wegen der Sie damals so angelegentlich dem Leutnant
Pulver zuzwinkerten und er immer nicht begriff, erinnern Sie sich noch?
Und es war doch nicht viel zu verstehen -- es war ja eine klare Sache
... nicht?«

»Was für ein Schwätzer er ist!«

»Pulver?«

»Nein, Ihr Freund Rasumichin ...«

»Sie haben es gut, Herr Sametoff; zu den angenehmsten Orten zollfreien
Eintritt! Wer hat Ihnen soeben Champagner spendiert?«

»Wir haben ... ein wenig getrunken ... Und Sie sagen -- spendiert?!«

»Ein wenig Honorar! Sie ziehen eben aus allem Nutzen!« Raskolnikoff
lachte. »Hat nichts zu sagen, mein guter junger Mann, tut nichts!« fügte
er hinzu und schlug Sametoff auf die Schulter. »Ich sage es nicht aus
Bosheit, sondern >aus Freundschaft, im Scherze,< so wie der Arbeiter
sagte, als er Dmitri schlug, wissen Sie, in der Sache der Alten ...«

»Woher wissen Sie es?«

»Ich weiß vielleicht mehr als Sie ...«

»Wie komisch Sie sind ... Wahrscheinlich sind Sie noch sehr krank. Es
war unvorsichtig von Ihnen auszugehen.«

»Erscheine ich Ihnen komisch?«

»Ja. Was lesen Sie da, Zeitungen?«

»Ich lese Zeitungen.«

»Es wird viel von Feuersbrünsten geschrieben.«

»Nein, ich lese nicht über Feuersbrünste.« Hier blickte er Sametoff
rätselhaft an; ein höhnisches Lächeln verzog wieder seine Lippen. »Nein,
ich las nicht über Feuersbrünste,« fuhr er fort und zwinkerte Sametoff
zu. »Gestehen Sie nur, lieber junger Mann, daß Sie furchtbar gern wissen
möchten, was ich gelesen habe?«

»Ich will es gar nicht wissen; ich habe bloß so gefragt. Darf man denn
nicht fragen? Was haben Sie nur immer ...«

»Hören Sie, Sie sind doch ein gebildeter, belesener Mensch?«

»Ich habe die Sekunda eines Gymnasiums,« antwortete Sametoff mit Würde.

»Die Sekunda! Ach, Sie kleiner Spatz! Mit einem Scheitel, mit Ringen --
ein reicher Mann! Nein, welch ein lieber Junge!« Hier verfiel
Raskolnikoff in ein nervöses Lachen und lachte Sametoff direkt ins
Gesicht. Der fuhr zurück und war, wie es schien, nicht gekränkt, eher
sehr verwundert.

»Nein, wie komisch Sie sind!« wiederholte Sametoff ernsthaft. »Mir
scheint, Sie phantasieren immer noch.«

»Ich phantasiere? Das lügst du, mein Spätzchen! ... Also, ich bin
komisch? Nun errege ich aber Ihre Neugier? Nicht wahr?«

»Ja, Sie erregen meine Neugier.«

»Soll ich Ihnen also sagen, was ich gelesen, was ich gesucht habe? Sehen
Sie, wieviel Nummern ich mir bringen ließ. Erscheint das nicht
verdächtig?«

»Sagen Sie mir ...«

»Sind Ihre Ohren gespitzt?«

»Warum sollen sie gespitzt sein?«

»Ich will es Ihnen nachher sagen, jetzt aber erkläre ich Ihnen, mein
Lieber ... nein, besser, >ich gestehe< ... Nein, das ist auch nicht das
richtige, >ich gebe es Ihnen zu Protokoll und Sie schreiben es,< so
lautet's doch. Also, ich gebe zu Protokoll, daß ich gelesen, mich
interessiert, gesucht habe ... nachgeforscht ...«

Raskolnikoff kniff die Augen zusammen und wartete eine Weile.
»Nachgeforscht habe, -- und bin auch darum hierher gekommen, -- betreffs
der Ermordung der Alten, der Beamtenwitwe,« sagte er endlich, fast im
Flüstertone, wobei er mit seinem Gesichte außerordentlich nahe dem
Sametoffs kam.

Sametoff sah ihn unverwandt an, ohne sich zu bewegen und ohne sein
Gesicht zurückzuziehen. Am merkwürdigsten erschien es Sametoff nachher,
daß das Schweigen wohl eine volle Minute gedauert hatte und daß sie
solange einander anblickten.

»Nun, was ist dabei, daß Sie darüber gelesen haben?« rief er plötzlich
ungehalten und ungeduldig aus. »Was geht das mich an? Was ist denn
dabei?«

»Das ist dieselbe Alte,« fuhr Raskolnikoff fort, in demselben
Flüstertone und ohne sich bei dem Ausrufe Sametoffs zu rühren, »es ist
dieselbe, von der man, erinnern Sie sich, im Polizeibureau zu sprechen
begann, wobei ich in Ohnmacht fiel. Merken Sie was?«

»Ja, was denn? Was ... soll ich merken?« sagte Sametoff unruhig.

Das unbewegliche und ernste Gesicht Raskolnikoffs veränderte sich
plötzlich und wieder verfiel er in das nervöse Lachen von vorhin, als
hätte er keine Macht darüber. Und auf einen Augenblick schwebte ihm
außerordentlich klar und intensiv jener Moment vor Augen, als er mit dem
Beil hinter der Türe stand, wie der Haken hüpfte, und wie die hinter der
Tür schimpften und an der Türe rissen, und wie er plötzlich Lust bekam,
ihnen zuzurufen, sie zu schimpfen, ihnen die Zunge zu zeigen, sie zu
verhöhnen, zu lachen, laut zu lachen, lachen und lachen!

»Sie sind entweder verrückt oder ...« sagte Sametoff -- und hielt inne,
als hätte er über einem plötzlichen Gedanken die Sprache verloren.

»Oder? Was -- >oderMoskowskije Wedomosti<, daß man in Moskau eine Bande
Falschmünzer festgenommen habe. Es war eine ganze Gesellschaft ... Sie
fälschten Papiergeld.«

»Oh, das ist schon lange her. Ich habe es vor einem Monat gelesen,«
antwortete Raskolnikoff ruhig.

»Also, das sind Ihrer Meinung nach Gauner!« fügte er lächelnd hinzu.

»Warum nicht Gauner?«

»Die? Das sind Grünspechte, aber keine Gauner! Ganze fünfzig Menschen
vereinigen sich zu diesem Zwecke! Geht denn das an? Bei so einer Sache
sind schon drei zu viel, da muß jeder dem andern mehr als sich selbst
vertrauen. Es braucht bloß einer in Betrunkenheit mit anderen zu
plappern, und alles ist verloren! Grünspechte waren es! Sie mieteten
sich unzuverlässige Menschen, um das Geld in allerhand Banken umwechseln
zu können, -- so eine Sache dem ersten besten anvertrauen! Nun gut,
nehmen wir an, daß es ihnen geglückt wäre, jeder hat eine Million
eingewechselt, nun, was weiter, das ganze Leben hindurch? Jeder ist von
dem anderen sein Lebelang abhängig! Da ist es besser, sich gleich zu
erhängen! Und sie verstanden nicht mal einzuwechseln, -- der eine geht
in eine Bank zum wechseln, empfängt fünftausend und die Hände beginnen
zu zittern. Viertausend zählt er nach, das fünfte Tausend aber nimmt er
ohne nachzuzählen, auf gut Glauben, um es schneller in die Tasche
stecken zu können und fortzulaufen. Er erregte Verdacht, und die ganze
Sache ging in die Brüche bloß wegen eines einzigen Dummkopfes! Ja, ist
das denkbar?«

»Daß die Hände zitterten?« unterbrach Sametoff.

»Das ist denkbar. Ich bin vollkommen überzeugt, daß es möglich ist.
Manchmal kann man so etwas nicht standhalten.«

»So etwas?«

»Könnten Sie standhalten? Ich hielte es nicht aus! Für eine Bezahlung
von hundert Rubel diese Angst auf sich nehmen! Nein! Mit einem
gefälschten Papier hingehen -- und wohin noch -- in ein Bankhaus, wo sie
so gewitzt sind, -- nein, ich hätte die Fassung verloren. Und Sie hätten
nicht die Fassung verloren?«

Raskolnikoff hatte plötzlich wieder große Lust, »die Zunge zu zeigen«.
Ein Schüttelfrost packte ihn wieder.

»Ich würde nicht so gehandelt haben,« begann er, weit ausholend. »Ich
hätte so gewechselt, -- ich hätte das erste Tausend so gegen viermal von
allen Seiten nachgezählt, jeden Schein betrachtet, und hätte mich dann
an das zweite Tausend gemacht; ich hätte angefangen zu zählen, wäre bis
zur Hälfte gekommen, hätte dann irgendeinen Schein von fünfzig Rubel
hervorgeholt, und ihn gegen das Licht gehalten, dann ihn umgedreht und
wieder gegen das Licht gehalten, -- ob er nicht gefälscht ist? Ich bin
ängstlich -- hätte ich gesagt, -- eine Verwandte von mir hat auf diese
Weise vor kurzem fünfundzwanzig Rubel eingebüßt, -- und hätte nun eine
Geschichte zum Besten gegeben. Und wenn ich das dritte Tausend zu zählen
angefangen hätte, -- würde ich sagen, -- erlauben Sie, ich habe, scheint
mir, in dem zweiten Tausend das siebente Hundert nicht richtig
nachgezählt, ich bin im Zweifel. -- Ich hätte das dritte Tausend zur
Seite gelegt und wieder das zweite Tausend nachgezählt, -- und in dieser
Weise hätte ich es mit allen fünf gemacht. Und wenn ich damit fertig
gewesen wäre, hätte ich aus dem zweiten und aus dem fünften Tausend je
einen Schein herausgenommen, gegen das Licht gehalten und voll Zweifel
gebeten, ihn umzutauschen, -- und ich hätte den Angestellten zum
Schwitzen gebracht, so daß er alles getan hätte, um mich endlich los zu
werden. Und nach dem allen wäre ich schließlich zur Türe gegangen, hätte
sie geöffnet -- und wäre wieder zurückgegangen, um unter Entschuldigung
irgend etwas zu fragen oder mich über etwas zu erkundigen, -- sehen Sie,
so hätte ich es gemacht!«

»Oh, was für Schauergeschichten Sie erzählen!« sagte Sametoff lachend.
»Das redet man so, bei der Ausführung aber würden Sie schon stolpern.
Bei so einer Sache, sage ich Ihnen, kann nicht mal ein geübter,
geriebener Mensch für sich einstehen, geschweige denn wir beide. Wozu so
weit ausholen, -- da haben Sie ein Beispiel, in unserem Revier hat man
eine alte Frau ermordet. Allem Anschein nach ein verwegener Bursche, am
hellen lichten Tage hat er's gewagt, nur durch ein Wunder rettete er
sich, -- die Hände aber haben doch versagt; er hat nicht verstanden zu
stehlen, hat nicht standgehalten; man sieht es aus dem Tatbestande ...«

Raskolnikoff schien sich gekränkt zu fühlen.

»Man sieht es! So nehmen Sie ihn doch fest!« rief er höhnisch aus, um
Sametoff zu reizen.

»Man wird ihn schon kriegen.«

»Wer? Sie? Sie wollen ihn kriegen? Das wird lange dauern! Sehen Sie, was
ist denn bei Ihnen die Hauptsache, -- ob ein Mensch viel Geld ausgibt
oder nicht? Hatte er vor kurzem keins, gibt jetzt plötzlich Geld aus, --
so muß er das sein! In dieser Weise kann Sie jedes kleine Kind
irreführen, wenn es will.«

»Das ist es ja, daß sie alle so handeln,« antwortete Sametoff. »Erst
morden sie mit Bedacht, riskieren ihr Leben und gehen dann fort ohne
Beute in eine Schenke und werden dort festgenommen. Beim Geldausgeben
werden sie festgenommen. Nicht alle sind so schlau wie Sie. Sie würden
selbstverständlich in keine Schenke gehen!«

Raskolnikoff zog die Augenbrauen zusammen und blickte Sametoff scharf
an.

»Sie haben, wie es scheint, Appetit bekommen und möchten wissen, wie ich
auch in diesem Falle gehandelt hätte?« fragte er bitter.

»Ich möchte es sehr gern wissen,« antwortete jener fest und bestimmt.
Seine Stimme und sein Blick waren jetzt fast zu ernst geworden.

»Sehr?«

»Sehr.«

»Gut. Ich hätte folgendermaßen gehandelt,« begann Raskolnikoff, indem er
plötzlich sein Gesicht wieder dem Sametoffs näherte, ihn unverwandt
anblickte und wieder im Flüstertone sprach, so daß jener diesmal
zusammenzuckte. »Ich hätte folgendermaßen gehandelt, -- ich hätte das
Geld und die Sachen an mich genommen und kaum entkommen, wäre ich sofort
ohne Aufenthalt zu einem abgelegenen Platz gegangen, wo es nur Zäune
gibt und wo es fast menschenleer ist, -- zu einem Gemüsegarten oder
etwas ähnlichem. Ich hätte mir dort auf diesem Hofe schon früher
irgendeinen Stein, ungefähr im Gewichte von zwanzig Kilo oder mehr
ausgesucht, irgendwo in einer Ecke am Zaune einen Stein also, der,
seitdem das Haus gebaut ist, dort liegt; ich hätte diesen Stein
aufgehoben -- unter ihm muß es eine Vertiefung geben, -- und in diese
Vertiefung hätte ich alle Sachen und das Geld hineingelegt. Dann hätte
ich den Stein auf seinen alten Platz gerückt, die Erde ringsum mit dem
Fuße ausgeglättet und wäre fortgegangen. Ja, und ich würde ein Jahr,
zwei oder auch drei Jahre nichts angerührt haben, -- nun, sucht mal! Es
war da und nun ist es weg.«

»Sie sind verrückt!« sagte Sametoff auch fast im Flüstertone und rückte
plötzlich von Raskolnikoff weg.

Raskolnikoffs Augen funkelten; er war furchtbar bleich, seine Oberlippe
zuckte und zitterte. Er beugte sich zu Sametoff noch näher hin und
bewegte die Lippen, ohne etwas zu sagen; das währte eine halbe Minute;
er wußte, was er tat, aber er konnte sich nicht mehr halten. Ein
fürchterliches Wort, wie damals der Haken an der Türe, hüpfte auf seinen
Lippen -- jeden Augenblick konnte es sich lösen, er brauchte es nur
entschlüpfen zu lassen, nur auszusprechen!

»Wie, wenn ich die Alte und Lisaweta ermordet hätte?« sagte er plötzlich
und -- kam zu sich. Sametoff blickte ihn wild an und wurde so weiß wie
das Tischtuch. Sein Gesicht verzog sich zu einem Lächeln.

»Wie wäre das möglich?« sagte er kaum hörbar.

Raskolnikoff blickte ihn zornig an.

»Gestehen Sie, daß Sie es glaubten? -- Ja? Nicht wahr?«

»Nein, nicht! Jetzt weniger als je!« sagte Sametoff hastig.

»Nun haben Sie sich verraten! Das Spätzlein ist erwischt! Also haben Sie
es früher geglaubt, wenn Sie es >jetzt weniger als je< glauben?«

»Aber gar nicht!« rief Sametoff sichtlich betroffen. »Sie haben mich
deshalb erschreckt, um mich dahin zu bringen?«

»Also Sie glaubten es nicht? Worüber aber sprachen Sie damals, als ich
aus dem Bureau fortging? Und warum verhörte mich der Leutnant Pulver
nach meiner Ohnmacht? Hör mal, du!« rief er dem Kellner zu, stand auf
und nahm seine Mütze. »Was habe ich zu zahlen?«

»Dreißig Kopeken im ganzen!« antwortete der Kellner.

»Da hast du noch zwanzig Kopeken als Trinkgeld. Sehen Sie, wieviel Geld
ich habe,« er streckte Sametoff seine zitternde Hand mit Papiergeld hin,
-- »rote und blaue Scheine, fünfundzwanzig Rubel sind es. Woher habe ich
es? Und woher stammt die neue Kleidung? Sie wissen doch, daß keine
Kopeke da war! Sie haben doch sicher meine Wirtin ausgefragt ... Nun,
genug! _Assez causé!_{[2]} Auf Wiedersehen ... auf angenehmes
Wiedersehen! ...«

Er ging hinaus, am ganzen Körper von einer wilden, hysterischen
Erregtheit zitternd, in die sich das Gefühl eines qualvollen Genusses
mischte, -- sonst aber düster und todmüde. Sein Gesicht war verzerrt,
wie nach einem Anfalle. Und seine Ermattung nahm rasch überhand. Seine
Kräfte ließen sich spannen und zeigten sich beim ersten Anlaß, beim
ersten Empfinden des Reizes und erschlafften ebenso schnell, in dem
Maße, wie der Reiz nachließ.

Nachdem Sametoff allein geblieben war, saß er noch lange sinnend auf
demselben Platz. Raskolnikoff hatte seine Gedanken in diesem Punkte zum
Umschlagen gebracht, und eine neue Auffassung hatte sich in ihm
endgültig befestigt.

»Ilja Petrowitsch ist ein Dummkopf!« sagte er endlich.

Kaum hatte Raskolnikoff die Türe zur Straße geöffnet, als er plötzlich
auf der Außentreppe mit dem eintretenden Rasumichin zusammenstieß. Sie
hatten beide einander nicht gesehen, so daß sie fast mit den Köpfen
zusammenstießen. Eine Weile maßen sie sich mit den Blicken. Rasumichin
war höchst erstaunt, aber plötzlich flammte der Zorn, ein wirklicher
Zorn, drohend in seinen Augen auf.

»Also hier bist du!« schrie er aus vollem Halse. »Du bist dem Bette
entsprungen! Und ich habe dich sogar unter dem Sofa gesucht! Wir sind
auf dem Boden gewesen. Ich habe Nastasja deinetwegen beinahe verprügelt
... Und nun bist du hier! Rodjka! Was soll das bedeuten? Sag die
Wahrheit! Gestehe! Hörst du?«

»Es bedeutet, daß ich euch alle ernstlich satt habe, und daß ich allein
sein will,« antwortete Raskolnikoff ruhig.

»Allein sein? Wo du nicht mal gehen kannst, wo deine Fratze noch bleich
wie Leinwand ist, und wo du den Atem verlierst! Dummkopf! ... Was hast
du im Kristallpalast gesucht? Gestehe es sofort!«

»Laß mich!« sagte Raskolnikoff, und wollte an ihm vorbeigehen.

Das brachte Rasumichin ganz außer sich, er packte ihn fest an der
Schulter.

»Laß mich? Du wagst zu sagen >Laß michWarum ist das Blut abgewaschen<, fragte er. >Hier ist
doch ein Mord geschehen und ich möchte nun die Wohnung mieten.< Und an
der Klingel hat er gerissen, beinahe hätte er sie abgerissen. Wir
wollen, sagt er, auf das Polizeibureau gehen, dort will ich alles
erklären. Wir konnten gar nicht von ihm loskommen.«

Der Hausknecht betrachtete mißtrauisch und finster Raskolnikoff.

»Wer sind Sie eigentlich?« rief er barsch.

»Ich heiße Rodion Romanytsch Raskolnikoff, bin ehemaliger Student, und
wohne im Hause Schill, hier in der Seitengasse, nicht weit von hier, in
Wohnung Nr. 14. Frage den Hausknecht ... er kennt mich.«

Raskolnikoff sagte dies träge und nachdenklich, ohne sich umzuwenden,
und blickte dabei stier auf die dunkel gewordene Straße.

»Ja, warum sind Sie in die Wohnung gegangen?«

»Um sie zu sehen.«

»Was ist dort zu sehen?«

»Nehmt ihn doch und bringt ihn auf das Polizeibureau!« warf der
Kleinbürger ein und verstummte wieder.

Raskolnikoff blickte ihn über die Schulter aufmerksam an und sagte
ebenso leise und träge:

»Wollen wir hingehen.«

»Bringt ihn doch hin!« wiederholte der Kleinbürger, der wieder Mut
gefaßt hatte. »Warum hat er _danach_ gefragt, was hat er im Sinn?«

»Betrunken scheint er nicht zu sein, weiß Gott, was er ist,« murmelte
der Arbeiter.

»Ja, was wollen Sie denn?« rief von neuem der Hausknecht, der ernstlich
böse wurde. »Was suchst du hier?«

»Dir ist Angst, mit aufs Polizeibureau zu gehen!« sagte Raskolnikoff
höhnisch.

»Mir Angst? Was suchst du hier?«

»Spitzbube!« rief das Weib.

»Was _ist_ da viel zu reden,« rief der andere Hausknecht, ein sehr
großer Bauer, in einem offenen langen Mantel und mit Schlüsseln am
Gürtel. »Pack dich! ... Ist wahrhaftig ein Spitzbube ... Pack dich!«

Und er nahm Raskolnikoff an der Schulter und stieß ihn auf die Straße.

Dieser wäre beinahe gefallen, fing sich jedoch noch, reckte sich, sah
schweigend alle Zuschauer an und ging weiter.

»Närrischer Mensch,« sagte der Arbeiter.

»Närrische Leute gibt es heutzutage viele,« meinte das Weib.

»Besser wäre es doch, ihn aufs Polizeibureau zu bringen,« fügte der
Kleinbürger hinzu.

»Es lohnt sich nicht, mit so einem anzubinden,« sagte der große
Hausknecht. »Man sieht doch, daß er ein Spitzbube ist! Er will es ja
selbst, und wenn man ihm den Willen tut, wird man ihn nicht los ... Wir
kennen das.«

»Also soll ich hingehen oder nicht?« dachte Raskolnikoff, indem er
mitten auf der Straße an einer Kreuzung stehen blieb und sich umsah, als
erwarte er von jemand das entscheidende Wort. Aber von keiner Seite kam
es; alles war still und tot, wie die Steine, über die er ging, für ihn
war alles tot, für ihn allein ... Da, zweihundert Schritt vor ihm,
unterschied er am Ende der Straße in der Dunkelheit eine Menschenmenge,
hörte Stimmen, Geschrei ... Mitten im Gewühl stand eine Equipage ... Ein
Licht schimmerte in der Straße. »Was ist da geschehen?« Raskolnikoff
wandte sich nach rechts und ging auf die Menge zu. Er schien sich an
alles anzuklammern, und lächelte kalt, als er es inne ward, denn er war
schon fest entschlossen, auf das Polizeibureau zu gehen und glaubte
sicher, daß alles sogleich ein Ende haben würde.


                                  VII.

Mitten in der Straße stand eine elegante herrschaftliche Equipage mit
zwei feurigen grauen Pferden. In der Equipage saß niemand, der Kutscher
war vom Bock gestiegen und stand daneben; die Pferde hielt man am Zügel.
Ringsherum drängten sich die Menschen, ganz vorne standen Polizisten.
Einer von ihnen hielt eine kleine brennende Laterne in der Hand, mit der
er, sich bückend, etwas auf der Straße dicht bei den Rädern der Equipage
beleuchtete. Alle redeten, schrien und stießen Ah!-Rufe aus; der
Kutscher schien bestürzt zu sein und rief mehrmals:

»Welch ein Unglück! Herrgott, welch ein Unglück!«

Raskolnikoff drängte sich nach Möglichkeit nach vorne und erblickte
endlich die Ursache dieses Zusammenlaufs und der Neugierde. Auf dem
Boden lag ein von den Pferden getretener Mann, ohne Besinnung,
anscheinend schlecht gekleidet, ganz mit Blut bedeckt. Das Blut floß ihm
vom Gesicht und Kopf; sein Gesicht war vollkommen zerschlagen, zerrissen
und verstümmelt. Man sah, daß er schwer verwundet war.

»Liebe Leute!« klagte der Kutscher. »Habe ich Schuld daran? Ja, wenn ich
die Pferde gejagt oder ihm nicht zugerufen hätte, ich fuhr aber langsam,
gleichmäßig. Alle haben es gesehen und können es bezeugen ... Ich sah
ihn, wie er über die Straße ging, hin und her wankte, beinahe hinfiel,
-- ich rief ihm einmal zu, noch einmal und zum drittenmal, hielt die
Pferde zurück, aber er fiel direkt unter ihre Hufe! Hat er es
absichtlich getan oder war er zu stark angetrunken ... Die Pferde sind
jung und ängstlich, -- sie zogen an und wurden wild, als er aufschrie
... und das Unglück war geschehen.«

»Es ist so, wie er sagt!« rief ein Augenzeuge.

»Er hat ihm zugerufen, das ist wahr, dreimal hat er gerufen,« sagte eine
andere Stimme.

»Genau dreimal hat er gerufen, wir haben es alle gehört,« rief ein
dritter.

Der Kutscher war übrigens nicht allzu sehr niedergeschlagen und
erschrocken. Man konnte sehen, daß die Equipage einem reichen und
angesehenen Herrn gehöre, der irgendwo abgeholt werden sollte; die
Polizisten gaben sich deshalb nicht Mühe, diesen letzten Umstand zu
berücksichtigen. Den Überfahrenen wollte man auf das Polizeibureau und
ins Krankenhaus schaffen. Niemand kannte ja seinen Namen.

Unterdessen hatte sich Raskolnikoff nach vorn gedrängt und beugte sich
über ihn. Plötzlich beleuchtete die Laterne hell das Gesicht des
Unglücklichen, -- er erkannte ihn.

»Ich kenne ihn, kenne ihn!« rief er aus und drängte sich ganz nach
vorne. »Es ist ein verabschiedeter Beamter, Titularrat Marmeladoff! Er
wohnt hier, nebenan, im Hause Kosel ... Holt schnell einen Arzt! Ich
will bezahlen, hier ist Geld!«

Er zog aus der Tasche sein Geld hervor und zeigte es einem Schutzmann.
Er war in merkwürdiger Aufregung.

Die Polizeibeamten waren sehr zufrieden, daß sie erfahren hatten, wer
der Überfahrene sei. Raskolnikoff nannte auch seinen Namen, gab seine
Wohnung an und bat inständig, als gelte es seinem leiblichen Vater, den
besinnungslosen Marmeladoff schnell in dessen Wohnung zu schaffen.

»Er wohnt hier, drei Häuser weit,« sagte er, »im Hause Kosel, eines
reichen Deutschen ... Er ging wahrscheinlich betrunken nach Hause. --
Ich kenne ihn ... Er ist ein Trinker ... Er hat Familie, Frau und Kinder
und noch eine Tochter. Ihn ins Krankenhaus zu schleppen, dauert zu
lange, hier im Hause aber ist sicher ein Arzt. Ich bezahle, bezahle
alles! ... Er wird doch Pflege bei den Seinigen finden, man wird ihm
sofort helfen, auf dem Wege zum Krankenhause aber kann er sterben ...«
Er hatte sogar Zeit gefunden, etwas dem Schutzmanne unbemerkt in die
Hand zu drücken; übrigens war die Sachlage gesetzlich klar und
jedenfalls war Hilfe hier näher. Man hob den Verunglückten auf und trug
ihn; es fanden sich bereitwillige Hände. Das Haus Kosel war nur dreißig
Schritte entfernt. Raskolnikoff ging hinterher, stützte vorsichtig den
Kopf des Verletzten und wies den Weg. »Hierher, hierher! Die Treppe
hinauf muß man ihn mit dem Kopfe voran tragen; dreht euch um ... so
ist's gut! Ich will's bezahlen, ich will's euch danken!« murmelte er.

Katerina Iwanowna spazierte, wie immer, wenn sie einen freien Augenblick
hatte, in ihrem kleinen Zimmer auf und ab, vom Fenster bis zum Ofen und
zurück, wobei sie die Hände über der kranken Brust gekreuzt hatte und
mit sich selbst redete. In der letzten Zeit hatte sie angefangen, öfter
und mehr mit dem älteren Mädchen, der zehnjährigen Poljenka, zu
sprechen, die vieles noch nicht begriff, dafür aber sehr gut verstanden
hatte, daß die Mutter sie brauchte, und die darum ihr stets mit ihren
großen, klugen Augen folgte und sich mit aller Kraft den Anschein gab,
als verstehe sie alles. Jetzt zog Poljenka gerade ihren kleinen Bruder
aus, der sich den ganzen Tag nicht wohl gefühlt hatte, um ihn schlafen
zu legen. Der Knabe wartete darauf, daß man ihm das Hemdchen wechselte,
das in der Nacht noch gewaschen werden mußte, und saß auf einem Stuhl
schweigend, mit ernstem Gesichte, kerzengerade und unbeweglich, mit nach
vorn gestreckten Füßen. Er horchte auf das, was die Mutter mit der
Schwester sprach, mit offenem Munde, seine kleinen Augen schauten starr,
er rührte sich nicht, alles so, wie gewöhnlich brave Kinder dasitzen
müssen, wenn sie ausgekleidet werden, um schlafen zu gehen. Das jüngste
Mädchen, in Lumpen gehüllt, stand bei dem Bettschirm und wartete, bis
sie an die Reihe kam. Die Türe nach der Treppe zu war offen, wegen der
Tabakswolken, die aus den anderen Zimmern hereindrangen und die die arme
Schwindsüchtige alle Augenblicke zwangen, lange und qualvoll zu husten.
Katerina Iwanowna schien in diesen acht Tagen noch magerer geworden zu
sein, und die roten Flecken auf ihren Wangen brannten noch greller als
früher.

»Du kannst nicht glauben, du kannst es dir nicht vorstellen, Poljenka,«
sagte sie, indem sie auf und ab ging, »wie lustig und prachtvoll wir im
Hause meines Papas lebten, und wie dieser Trinker mich zugrunde
gerichtet hat und euch alle zugrunde richten wird! Mein Papa war Oberst
im Zivildienst und beinahe schon Gouverneur; er war ganz nahe daran, so
daß alle zu ihm kamen und sagten: >Wir sehen Sie, Iwan Michailytsch,
schon als unseren Gouverneur an.< Als ich ... khe! ... als ich ... khe
... khe--khe ... oh, verfluchtes Leben!« rief sie aus, als sie
ausgehustet hatte, und griff nach der Brust. »Als ich ... ach, auf dem
letzten Balle ... bei dem Adelsmarschall ... mich die Fürstin
Bessemeljanja erblickte, -- die mir späterhin den Segen gab, als ich
deinen Papa heiratete, Polja, -- frug sie mich sofort: >Sind Sie nicht
das liebe Mädchen, das mit dem Shawl beim Schlußexamen getanzt hatte?<
... (Das Loch muß man zunähen, nimm eine Nadel und stopfe es sofort,
sonst ... khe ... khe ... zerreißt es ... khe--khe--khe ... mor--gen
noch mehr! rief sie fast erstickend aus.) ... Damals war aus Petersburg
soeben der Kammerjunker Fürst Tschegolski angekommen ... er tanzte mit
mir Mazurka und wollte am anderen Tage kommen, mir einen Antrag zu
machen, aber ich dankte ihm in der schmeichelhaftesten Weise und sagte,
daß mein Herz längst einem anderen gehöre. Dieser andere war dein Vater,
Polja. Mein Papa war furchtbar böse ... Ist das Wasser fertig? Nun, gib
das Hemd ... wo sind die Strümpfe? ... Lida,« wandte sie sich an die
jüngste Tochter, »schlaf diese Nacht einmal ohne Hemd ... und lege die
Strümpfe nebenan hin ... Ich will gleich mitwaschen ... Warum kommt der
Lump nicht, der Trinker! Er trägt sein Hemd schon lange, es ist wie ein
schmutziger Lappen, hat es auch zerrissen ... Ich würde es jetzt
waschen, um mich nicht zwei Nächte nacheinander zu quälen! Herr Gott!
Khe--khe--khe--khe! Schon wieder! Was ist das?« rief sie aus, als sie
die Menge auf der Treppe erblickte, und ein paar Männer, die etwas in
ihr Zimmer hineintrugen. »Was ist das? Was bringen sie da? Oh, Gott!«

»Wo soll man ihn hinlegen?« fragte ein Schutzmann und sah sich um,
nachdem man den blutbedeckten und besinnungslosen Marmeladoff in das
Zimmer hineingebracht hatte.

»Auf das Sofa! Legen Sie ihn auf das Sofa, mit dem Kopfe hierher!«
zeigte Raskolnikoff.

»Er ist überfahren worden, auf der Straße! Er war betrunken!« rief
jemand von der Treppe aus.

Katerina Iwanowna stand bleich und atmete schwer. Die Kinder waren
erschrocken. Die kleine Lida schrie auf, stürzte zu Poljenka hin,
umfaßte sie und erzitterte am ganzen Körper.

Nachdem Marmeladoff gebettet war, eilte Raskolnikoff zu Katerina
Iwanowna hin.

»Beruhigen Sie sich, um Gotteswillen, erschrecken Sie nicht!« sagte er
hastig. »Er ging über die Straße, eine Equipage hat ihn überfahren,
beruhigen Sie sich, er wird zu sich kommen, ich habe angeordnet, daß man
ihn hierher bringe ... ich war schon bei Ihnen, erinnern Sie sich ... Er
wird zu sich kommen, ich will bezahlen!«

»So weit hat er's gebracht!« schrie Katerina Iwanowna verzweifelt auf
und stürzte zu ihrem Manne.

Raskolnikoff merkte bald, daß diese Frau keine von denen war, die sofort
in Ohnmacht fallen. Im Nu ward unter den Kopf des Unglücklichen ein
Kissen geschoben, an das niemand gedacht hatte; Katerina Iwanowna begann
ihn zu entkleiden, besah ihn, war die ganze Zeit um ihn und verlor nicht
die Fassung; sie hatte ihr eigenes Leid vergessen, biß die zitternden
Lippen zusammen und unterdrückte den Schrei, der sich ihrer Brust
entringen wollte.

Raskolnikoff hatte indessen jemand veranlaßt, einen Arzt zu holen. Wie
es sich zeigte, wohnte im Nebenhause ein Arzt.

»Ich habe nach einem Arzt geschickt,« sagte er zu Katerina Iwanowna,
»beunruhigen Sie sich nicht, ich will bezahlen. Haben Sie Wasser? ...
Geben Sie mir auch eine Serviette oder ein Handtuch, irgend etwas,
schnell; man kann noch nicht sehen, wie stark er verletzt ist ... Er ist
nur verletzt und nicht tot, seien Sie überzeugt. -- Wir wollen sehen,
was der Arzt sagt!«

Katerina Iwanowna rannte zum Fenster; dort stand in der Ecke auf einem
durchgesessenen Stuhl eine große tönerne Schüssel mit Wasser, zum
Waschen der Kinderwäsche und der Wäsche des Mannes. Diese nächtliche
Wäsche vollzog Katerina Iwanowna selbst, wenigstens zweimal in der
Woche, zuweilen auch öfters, denn sie waren so heruntergekommen, daß sie
fast gar keine Wäsche zum Wechseln besaßen und daß jedes Mitglied der
Familie nur hatte, was es auf dem Leibe trug; Katerina Iwanowna aber
konnte Unreinlichkeit nicht vertragen und lieber quälte sie sich in der
Nacht und über ihre Kraft, um bis zum Morgen die nasse Wäsche trocknen
und ihnen reine Wäsche geben zu können, als Schmutz im Hause zu dulden.
Sie ergriff die Schüssel, um sie Raskolnikoff hinzubringen, wäre aber
fast damit hingefallen. Raskolnikoff hatte schon ein Handtuch gefunden,
angefeuchtet und begann das mit Blut bedeckte Gesicht Marmeladoffs
abzuwaschen. Katerina Iwanowna stand neben ihm, atmete schwer und hielt
die Hände auf die Brust gepreßt. Sie brauchte selbst Hilfe. Raskolnikoff
fing an, zu begreifen, daß er vielleicht töricht daran getan hatte, den
Überfahrenen hierher schaffen zu lassen. Der Schutzmann stand noch
unschlüssig da.

»Polja!« rief Katerina Iwanowna, »laufe zu Ssonja, schnell. Wenn du sie
nicht zu Hause triffst, sag, sag dort jedenfalls, daß Vater überfahren
sei und daß sie sofort herkommen soll ... wenn sie nach Hause kommt.
Schnell, Polja! Da hast du ein Tuch, bedecke dich!«

»Lauf, was du kannst!« rief plötzlich der Kleine von seinem Stuhle, dann
fiel er wieder in sein früheres Schweigen zurück und saß auf dem Stuhle
kerzengerade, mit starren Augen und mit vorgestreckten Füßchen.

Indessen füllte sich das Zimmer so an, daß man sich kaum rühren konnte.
Die Polizeibeamten waren, außer einem, fortgegangen, der blieb eine
Weile da und bemühte sich, die Zuschauer, die von der Treppe
hereingedrungen waren, wieder hinauszutreiben. Aus den anderen Zimmern
dagegen waren fast alle Mieter der Frau Lippewechsel erschienen, zuerst
drängten sie sich nur an der Türe, dann aber überfluteten sie in einem
Haufen das ganze Zimmer. Katerina Iwanowna geriet in Zorn.

»Laßt ihn doch wenigstens ruhig sterben!« schrie sie die Menge an.
»Meint ihr, hier wird eine Vorstellung gegeben? Mit Zigaretten im Munde
kommen sie her! Khe--khe--khe! Setzt doch noch die Hüte auf den Kopf!
... Da ist ja auch einer im Hute ... Hinaus mit euch! Habt doch
wenigstens vor einem Sterbenden Achtung!«

Der Husten erstickte sie fast, aber ihr Appell half. Man hatte offenbar
vor Katerina Iwanowna Respekt; die Mieter zogen sich, einer nach dem
anderen, zurück zu der Türe, mit dem eigentümlichen Gefühle der
Befriedigung, das sich stets, sogar bei den Allernächsten, bemerklich
macht, wenn einen ihrer Nebenmenschen ein Unglück trifft. Von diesem
Gefühle ist kein Mensch, ohne jede Ausnahme, frei, mag er noch so
aufrichtiges Mitleid und Teilnahme hegen.

Hinter der Türe wurden Stimmen laut, die vom Krankenhaus sprachen und
meinten, es gehöre sich nicht, hier unnütze Aufregung hervorzurufen.

»Es gehört sich nicht, zu sterben!« rief Katerina Iwanowna und stürzte
zur Türe hin, um sie zu öffnen und ihrem Zorne Luft zu machen, aber bei
der Türe stieß sie mit Frau Lippewechsel zusammen, die soeben von dem
Unglücke vernommen hatte und gelaufen kam, um Ordnung zu schaffen. Sie
war eine außerordentlich alberne und fahrige Deutsche.

»Ach mein Gott!« schlug sie die Hände zusammen. »Ihr Mann ist betrunken
unter die Pferde geraten. Er muß ins Krankenhaus! Ich bin die Wirtin!«

»Amalie Ludwigowna! Ich bitte Sie, sich zu überlegen, was Sie sagen,«
begann Katerina Iwanowna hochmütig (mit der Wirtin sprach sie stets im
hochmütigen Tone, damit die »ihre Stellung nicht vergesse,« und konnte
sich auch jetzt dieses Vergnügen nicht versagen), »Amalie Ludwigowna
...«

»Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß Sie mich nicht Amalie
Ludwigowna nennen sollen, ich heiße Amalie Iwanowna.«

»Sie heißen nicht Amalie Iwanowna, sondern Amalie Ludwigowna, und da ich
nicht zu den schuftigen Schmeichlern gehöre, wie Herr Lebesjätnikoff,
der jetzt hinter der Türe lacht« (hinter der Türe hörte man wirklich
Lachen und den Ruf: »Sie sind sich in die Haare gefahren!«), »so werde
ich Sie stets Amalie Ludwigowna nennen, obgleich ich gar nicht verstehen
kann, warum Ihnen dieser Name nicht gefällt. Sie sehen selbst, was mit
Ssemjon Sacharowitsch ist, -- er stirbt. Ich bitte Sie, diese Türe
sofort abzuschließen und niemanden hereinzulassen. Lassen Sie ihn
wenigstens ruhig sterben! Sonst, versichere ich Sie, wird über Ihre
Handlungsweise noch morgen der Generalgouverneur selbst erfahren. Der
Fürst kannte mich, als ich noch ein junges Mädchen war, und erinnert
sich sehr gut Ssemjon Sacharowitschs, dem er viele Male geholfen hat. Es
ist allen bekannt, daß Ssemjon Sacharowitsch viele Freunde und Gönner
hatte, von denen er sich selbst in edlem Stolz zurückgezogen hatte, weil
er sich seiner unglücklichen Schwäche bewußt war, jetzt aber (sie zeigte
auf Raskolnikoff) hilft uns ein großmütiger junger Mann, der Mittel und
Verbindungen besitzt, und den Ssemjon Sacharowitsch noch als Kind
gekannt hat, und seien Sie versichert, Amalie Ludwigowna ...«

Dies alles wurde mit außerordentlicher Schnelligkeit hervorgestoßen, und
je länger desto schneller; aber der Husten unterbrach mit einem Male die
Rede von Katerina Iwanowna. In diesem Augenblicke kam der Sterbende zu
sich und stöhnte auf, und sie lief zu ihm hin. Er öffnete die Augen, und
ohne jemand zu erkennen und etwas zu verstehen, begann er den über ihn
gebeugten Raskolnikoff zu betrachten. Er atmete schwer, tief und mit
großen Pausen: auf den Lippen zeigte sich Blut; der Schweiß trat ihm auf
die Stirn. Da er Raskolnikoff nicht erkannt hatte, begann er unruhig die
Augen hin und her zu wenden. Katerina Iwanowna blickte ihn voll
Traurigkeit, aber streng an; aus ihren Augen quollen Tränen.

»Mein Gott! Seine ganze Brust ist zerquetscht! Sehen Sie, wieviel Blut!«
sagte sie voll Verzweiflung.

»Man muß ihn ausziehen! Dreh dich etwas um, Ssemjon Sacharowitsch, wenn
du kannst,« rief sie ihm zu.

Marmeladoff erkannte sie.

»Einen Priester!« sagte er mit heiserer Stimme. Katerina Iwanowna ging
zum Fenster, lehnte die Stirn an den Fensterrahmen und rief verzweifelt
aus:

»Oh, dreimal verfluchtes Leben!«

»Priester!« sagte nach einer Weile von neuem der Sterbende.

»Man holt ihn schon!« schrie ihn Katerina Iwanowna an; da schwieg er.

Mit schüchternem, traurigem Blicke suchte er sie; sie war wieder zu ihm
zurückgekehrt und stellte sich an seinem Kopfe hin. Er beunruhigte sich
ein wenig, aber es dauerte nicht lange. Seine Augen blieben bald an der
kleinen Lidotschka (seinem Liebling) in der Ecke haften, die wie im
Fieber zitterte und ihn mit erstaunten, weit aufgerissenen Augen ansah.

»Ach ... ach ...« zeigte er voll Unruhe auf sie. Er wollte etwas sagen.

»Was ist denn?« rief Katerina Iwanowna.

»Barfuß. Barfuß!« murmelte er und zeigte mit einem irren Blick auf die
nackten Füßchen des Kindes.

»Schweig!« rief gereizt Katerina Iwanowna. »Du weißt selbst, warum sie
barfuß ist.«

»Gott sei Dank, da ist der Arzt!« rief erfreut Raskolnikoff.

Der Arzt, ein sorgfältig gekleideter, alter Mann, ein Deutscher, trat
ein und blickte mißtrauisch um sich; er trat zu dem Verunglückten heran,
fühlte seinen Puls, betastete aufmerksam den Kopf, öffnete das mit Blut
völlig durchtränkte Hemd und machte die Brust frei. Die Brust war ganz
zerquetscht, eingedrückt und zerrissen, einige Rippen auf der rechten
Seite waren gebrochen. Auf der linken Seite, ganz am Herzen, war ein
schrecklicher, großer, gelblich schwarzer Fleck, ein furchtbarer
Hufschlag. Des Arztes Blick wurde trüb. Der Schutzmann erzählte ihm, daß
der Verunglückte von einem Rade erfaßt und etwa dreißig Schritte auf der
Straße geschleift worden sei.

»Merkwürdig, daß er noch zu sich gekommen ist,« flüsterte der Arzt leise
Raskolnikoff zu.

»Was meinen Sie?« fragte der.

»Er wird gleich sterben.«

»Gibt es gar keine Hoffnung?«

»Nicht die geringste. Er liegt in den letzten Zügen ... Außerdem ist der
Kopf sehr gefährlich verletzt ... Hm. Vielleicht könnte man ihn noch zu
Ader lassen ... aber ... es ist nutzlos. Nach fünf oder zehn Minuten
stirbt er unbedingt.«

»Lassen Sie ihn doch zu Ader!«

»Gut ... Ich sage aber im voraus, es ist völlig nutzlos.«

In diesem Augenblicke ertönten Schritte, die Menge auf der Treppe machte
Platz und auf der Schwelle erschien der Priester, ein alter Mann, mit
den Sakramenten. Ihn hatte ein Schutzmann sofort nach dem Unglück
geholt. Der Arzt trat ihm sofort seinen Platz ab und wechselte mit ihm
einen bedeutungsvollen Blick. Raskolnikoff bat den Arzt, noch eine Weile
zu bleiben. Der zuckte die Achseln und blieb.

Alle traten zurück. Die Beichte dauerte nicht lange. Der Sterbende
schien kaum etwas zu verstehen; er konnte bloß abgerissene, unklare
Laute hervorbringen. Katerina Iwanowna hatte Lidotschka an die Hand
genommen, den Knaben vom Stuhle heruntergeholt, war mit ihnen in eine
Ecke am Ofen gegangen, auf die Knie gesunken, die Kinder vor sich. Das
kleine Mädchen zitterte; der Knabe aber lag auf seinen nackten Knien
ernst da, erhob sein Händchen, schlug ein großes Kreuz und beugte sich
zum Boden nieder, wobei er mit der Stirne anstieß, was ihm anscheinend
Vergnügen machte. Katerina Iwanowna biß sich auf die Lippen und hielt
die Tränen zurück; sie betete auch; ab und zu zog sie dem Knaben das
Hemdchen zurecht, und warf über die nackten Schultern des Mädchens ein
Tuch, das sie von der Kommode nahm, ohne sich zu erheben und weiter
betend. Indessen wurde die Türe zu den anderen Zimmern wieder von
Neugierigen geöffnet. Im Treppenflure drängten sich immer mehr und mehr
Zuschauer, Mieter vom ganzen Hause, aber ohne die Schwelle des Zimmers
zu überschreiten. Ein Lichtstümpfchen beleuchtete die ganze Szene.

In diesem Augenblicke drängte sich durch die Menge auf dem Flure
Poljenka, die gelaufen war, die Schwester zu holen. Sie kam atemlos vom
schnellen Laufen, nahm ihr Tuch ab, suchte mit den Augen die Mutter,
trat an sie heran und sagte: »Sie kommt! Ich habe sie auf der Straße
getroffen!« Die Mutter zog sie neben sich auf die Knie. Durch die Menge
drängte sich leise und schüchtern ein junges Mädchen, und ihre
Erscheinung in diesem Zimmer, mitten in dieser Armut, Lumpen, Tod und
Verzweiflung war grotesk. Sie war auch in Lumpen; ihre Kleidung war von
billiger Sorte, aber straßenmäßig geschmückt, mit Geschick und
Verständnis für ihren besonderen Zweck und diesen Zweck in peinlich
aufdringlicher Weise unterstreichend. Ssonja blieb im Flure neben der
Schwelle stehen, trat nicht in das Zimmer und blickte wie verloren vor
sich hin; sie schien ganz fassungslos, schien vergessen zu haben, daß
sie ein seidenes, farbiges, aus vierter Hand gekauftes und hier
unpassendes Kleid anhatte, mit einer langen und lächerlichen Schleppe
und einer ungeheuren Krinoline, die die ganze Türe einnahm, auch daß sie
helle Stiefel und einen Sonnenschirm trug, den sie doch in der Nacht
nicht brauchte, und einen lächerlichen runden Strohhut mit einer grell
feuerroten Feder aufhatte. Unter diesem keck aufgesetzten Hute blickte
ein mageres, bleiches und erschrockenes Gesichtchen hervor, mit
geöffnetem Munde und vor Schreck unbeweglichen Augen. Ssonja war klein
von Wuchs, etwa achtzehn Jahre alt, mager, aber eine hübsche Blondine
mit wundervollen blauen Augen. Sie blickte starr auf das Sofa und auf
den Priester und atmete schwer vom schnellen Gehen. Wahrscheinlich hatte
sie das Flüstern und einige Worte unter der Menge vernommen. Sie senkte
den Kopf, tat einen Schritt über die Schwelle und blieb im Zimmer
stehen, wieder aber ganz an der Türe.

Die Beichte und das Abendmahl waren beendet. Katerina Iwanowna ging
wieder an das Lager ihres Mannes. Der Priester trat zurück und wandte
sich beim Weggehen an Katerina Iwanowna, um ihr ein paar Worte zum Trost
und als Beileid zu sagen.

»Wo soll ich denn mit diesen hin?« unterbrach sie ihn scharf und gereizt
und zeigte auf die Kleinen.

»Gott ist gnädig. Vertrauen Sie auf die Hilfe des Allmächtigen,« begann
der Priester.

»Ja--a! Er ist gnädig, aber nicht für uns!«

»So etwas zu sagen ist eine Sünde, meine Dame,« bemerkte der Priester
und schüttelte den Kopf.

»Und ist das keine Sünde?« rief Katerina Iwanowna aus und wies auf den
Sterbenden.

»Vielleicht werden die, welche die unwillkürliche Ursache waren, bereit
sein, es Ihnen zu entgelten, wenigstens hinsichtlich des verlorenen
Verdienstes ...«

»Sie verstehen mich nicht!« rief gereizt Katerina Iwanowna und winkte
mit der Hand ab. »Ja, wofür sollen sie mich entgelten? Er ist ja selbst
betrunken unter den Wagen geraten? Was für ein Verdienst? Wir hatten von
ihm keinen Verdienst, sondern nur Qual. Er vertrank doch alles! Er
bestahl uns und schleppte es in die Schenke, das Leben der Kinder und
meines hat er in der Schenke verpraßt. Und Gott sei Dank, daß er stirbt!
Weniger Ausgaben bedeutet es!«

»Sie sollten lieber in der Todesstunde verzeihen. Solche Gefühle zu
haben, ist eine große Sünde!« Katerina Iwanowna war um den Sterbenden
bemüht, sie reichte ihm zu trinken, trocknete den Schweiß und das Blut
von seinem Kopfe, machte die Kissen zurecht und während der Arbeit
unterhielt sie sich mit dem Priester, wobei sie sich nur selten zu ihm
wandte. Jetzt aber stürzte sie sich fast rasend auf ihn.

»Ach, Väterchen! Das sind nur Worte und weiter nichts! Verzeihung! Sehen
Sie, wenn er nicht überfahren wäre, wäre er heute betrunken nach Hause
gekommen, -- er hat nur ein Hemd, ganz schmutzig und zerrissen, -- er
hätte sich schlafen gelegt, ich aber hätte bis zum frühen Morgen im
Wasser geplantscht, seine Lumpen und die Kinderwäsche gewaschen, hätte
es vor dem Fenster getrocknet, und wenn der Morgen gekommen wäre, hätte
ich mich hingesetzt und die Sachen ausgebessert, -- sehen Sie, das wäre
meine Nachtruhe gewesen! ... Also, was ist da vom Verzeihen zu reden!
Ich habe auch so verziehen!«

Ein hohler, schrecklicher Husten unterbrach sie. Sie hustete, spie in
ein Taschentuch, hielt die eine Hand vor Schmerz an die Brust und zeigte
mit der anderen dem Priester das Taschentuch. Das Taschentuch war voll
Blut ...

Der Priester senkte den Kopf und schwieg.

Marmeladoff lag in den letzten Zügen; er wandte von Katerina Iwanowna,
die sich wieder über ihn gebeugt hatte, seine Augen nicht ab. Er wollte
ihr immer etwas sagen, er begann auch, bewegte voll Anstrengung die
Zunge und sprach die Worte unklar aus, aber Katerina Iwanowna, die
verstanden hatte, daß er sie um Verzeihung bitten möchte, rief ihm
sofort in befehlendem Tone zu:

»Schweig ... schweig! Ist nicht nötig! ... Ich weiß, was du sagen
willst! ...«

Und der Sterbende verstummte, aber in diesem Augenblicke fiel sein
irrender Blick auf die Türe, und er erblickte Ssonja.

Vorher hatte er sie nicht bemerkt, -- sie stand im Schatten in der Ecke.

»Wer ist das? Wer ist das?« sagte er plötzlich mit heiserer,
erstickender Stimme, ganz aufgeregt und zeigte voll Schrecken mit den
Augen auf die Türe, wo seine Tochter stand, und versuchte sich zu
erheben.

»Bleib liegen!« rief Katerina Iwanowna. Ihm war es mit unnatürlicher
Anstrengung gelungen, sich auf seine Hand zu stützen. Er sah wild und
unbeweglich eine Weile die Tochter an, als ob er sie nicht erkenne. Er
hatte sie auch noch nie in diesem Aufzuge gesehen. Plötzlich erkannte er
sie, die gedemütigte, völlig niedergeschlagene, geputzte und sich
schämende, die demütig wartete, bis an sie die Reihe kam, vom sterbenden
Vater Abschied zu nehmen. Ein grenzenloses Leid zeigte sich auf seinem
Gesichte.

»Ssonja! Tochter! Verzeih!« rief er und wollte nach ihr die Hand
ausstrecken, aber er verlor das Gleichgewicht und stürzte vom Sofa mit
dem Gesichte zu Boden. Man lief hin, um ihn aufzuheben und legte ihn auf
das Sofa hin, aber er war schon im Sterben. Ssonja schrie schwach auf,
lief hin, umarmte ihn und blieb bewegungslos stehen. Er starb in ihren
Armen.

»Er hat's erreicht!« rief Katerina Iwanowna, als sie ihren Mann tot sah.
»Aber was soll ich jetzt tun! Womit soll ich ihn beerdigen? Und womit
soll ich diese hier füttern?«

Raskolnikoff trat zu Katerina Iwanowna.

»Katerina Iwanowna,« begann er. »Ihr verstorbener Gatte erzählte mir in
der vorigen Woche sein ganzes Leben und alle seine Verhältnisse ...
Seien Sie versichert, daß er von Ihnen mit Wärme und Achtung sprach.
Seit diesem Abend, als ich erfuhr, wie er an Ihnen hing und wie er Sie,
Katerina Iwanowna, besonders hochschätzte und liebte, trotz seiner
unglücklichen Schwäche, seit diesem Abend waren wir Freunde ... Erlauben
Sie mir jetzt also ... Ihnen behilflich zu sein ... meinem verstorbenen
Freunde die letzte Ehre erweisen zu können. Sehen Sie, hier habe ich ...
zwanzig Rubel, glaube ich ... und wenn dies Ihnen eine Hilfe sein kann,
so ... ich ... will mit einem Worte wiederkommen, ... ich komme
unbedingt ... ich komme unbedingt ... ich komme vielleicht schon morgen
zu Ihnen ... Leben Sie wohl!«

Und er ging schnell aus dem Zimmer und drängte sich durch die Menge, da
aber stieß er plötzlich mit Nikodim Fomitsch, dem Polizeikommissar,
zusammen, der von dem Unglück gehört hatte und persönlich Anordnungen
treffen wollte. Seit dem Auftritt im Polizeibureau hatten sie einander
nicht gesehen, aber Nikodim Fomitsch erkannte ihn sofort.

»Ah, Sie sind hier?« fragte er.

»Er ist gestorben,« antwortete Raskolnikoff. »Ein Arzt war dagewesen,
auch ein Priester war da, alles ist in Ordnung. Regen Sie die arme Frau
nicht auf, sie hat ohnedem die Schwindsucht. Flößen Sie ihr Mut ein, so
gut Sie können ... Sie sind ja ein guter Mensch, ich weiß es ...« fügte
er mit einem schiefen Lächeln hinzu und blickte ihm in die Augen.

»Wie Sie sich mit Blut befleckt haben,« bemerkte Nikodim Fomitsch, als
er beim Lichte der Laterne einige frische Flecken auf der Weste
Raskolnikoffs erblickte.

»Ja, ich habe mich bespritzt ... ich bin mit Blut bedeckt!« sagte
Raskolnikoff mit einem eigentümlichen Ausdruck, lächelte, nickte ihm zu
und ging die Treppe hinab. Er stieg langsam hinab, ohne sich zu beeilen,
tief ergriffen, voll von einem einzigen, neuen, unermeßlichen Gefühl,
das als volle und mächtige Lebenswelle über ihn gekommen war. Ein
Gefühl, das dem eines zu Tode Verurteilten gleichen mochte, dem man
unerwartet die Begnadigung mitgeteilt hatte. Auf der Treppe überholte
ihn der Priester, der nach Hause ging; Raskolnikoff ließ ihn schweigend
an sich vorübergehen und wechselte mit ihm einen stummen Gruß. Als er
aber die letzten Stufen hinabschritt, hörte er eilige Schritte hinter
sich. Jemand wollte ihn einholen. Es war Poljenka, sie lief ihm nach und
rief: »Hören Sie, hören Sie doch!«

Sie kam die letzte Treppe herab und blieb eine Stufe über ihm stehen.
Ein schwaches Licht drang vom Hofe herein. Raskolnikoff schaute in das
magere, aber liebe Gesichtchen des kleinen Mädchens, das ihm zulächelte
und ihn fröhlich, nach Kinderart, ansah. Sie war mit einem Auftrage
gekommen, der ihr selbst sehr zu gefallen schien.

»Sagen Sie mir, wie heißen Sie denn? ... und noch ... wo wohnen Sie
denn?« fragte sie ihn hastig mit erstickendem Stimmchen.

Er legte beide Hände auf ihre Schultern und blickte sie glücklich an. Es
war ihm wohltuend, sie anzusehen, -- er wußte selbst nicht warum.

»Wer hat dich zu mir geschickt?«

»Schwesterchen Ssonja hat mich geschickt,« antwortete das kleine Mädchen
und lächelte noch freundlicher.

»Ich wußte, daß Schwesterchen Ssonja dich geschickt hat.«

»Mama hat mich auch geschickt. Als Schwesterchen Ssonja mich schickte,
kam Mama auch und sagte: Ja, lauf schnell, Poljenka!«

»Liebst du Schwesterchen Ssonja?«

»Ich liebe sie mehr als alle anderen!« sagte Poljenka mit besonderer
Festigkeit, und ihr Gesicht wurde plötzlich ernst.

»Wirst du mich auch lieben können?«

Anstatt einer Antwort näherte sich ihm das Gesichtchen des Kindes, und
die kleinen Lippen streckten sich ihm zum Kuß entgegen. Ihre Ärmchen,
streichhölzchendünn, umschlangen ihn kräftig, ihr Kopf senkte sich auf
seine Schulter, und das kleine Mädchen fing leise an zu weinen und
preßte sich immer fester und fester mit dem Gesicht an ihn.

»Papa tut mir so leid!« sagte sie nach einer Weile, hob ihr verweintes
Gesichtchen in die Höhe und wischte sich mit den Händen die Tränen ab.
»Wir haben immer Unglück,« fügte sie unerwartet hinzu und mit jenem
besonders wichtigen Ausdruck, den Kinder annehmen, wenn sie wie
Erwachsene sprechen wollen.

»Papa hat dich auch geliebt?«

»Er hat Lidotschka mehr als uns alle geliebt,« fuhr sie mit dem gleichen
Ernste fort, »er liebte sie, weil sie klein und krank ist, und er
brachte ihr immer etwas mit, uns aber lehrte er das Lesen, und mich
Grammatik und Religion,« fügte sie mit Stolz hinzu, »Mama sagte nichts
dazu, aber wir wußten doch, daß sie das gern hatte, und Papa wußte es
auch. Mama will mich Französisch lehren, es ist Zeit, daß ich eine
Erziehung erhalte.«

»Kannst du auch beten?«

»Oh, gewiß können wir es. Schon lange, ich bete, seitdem ich groß bin,
allein für mich, Kolja und Lidotschka beten laut mit Mama; zuerst sagen
sie das Gebet an die Gottesmutter und dann noch ein Gebet, >lieber Gott,
verzeihe und segne Schwesterchen Ssonja,< und dann >lieber Gott,
verzeihe und segne unsern andern Papa,< denn unser älterer Papa ist
schon gestorben, dieser war unser zweiter Papa, doch wir beten auch für
ihn.«

»Poletschka, ich heiße Rodion; bete auch für mich einmal, -- >für den
Gottesknecht Rodion< -- und mehr nicht.«

»Ich werde mein ganzes künftiges Leben für Sie beten,« sagte eifrig das
kleine Mädchen, lachte wieder heiter und umarmte ihn von neuem.
Raskolnikoff nannte ihr seinen Namen, gab ihr seine Adresse und
versprach, morgen unbedingt zu ihr zu kommen. Das kleine Mädchen ging
völlig entzückt von ihm. Es war die elfte Stunde, als er auf die Straße
hinaustrat. Nach fünf Minuten stand er auf der Brücke, genau an
derselben Stelle, wo vorhin die Frau sich ins Wasser gestürzt hatte.

»Genug!« sagte er entschlossen und feierlich, »fort mit den
Traumgebilden, fort mit den eingebildeten Schrecken, fort mit den
Gespenstern! ... Es gibt noch ein Leben! Habe ich eben nicht gelebt?
Mein Leben ist noch nicht mit der alten Witwe gestorben! Möge ihr das
Himmelreich beschieden sein und, -- und genug, Mütterchen, es ist Zeit
für dich zu ruhen! Das Reich der Vernunft und des Lichtes ist jetzt
gekommen! ... und ... und des Willens ... und der Kraft ... und nun
wollen wir sehen! Wir wollen unsere Kräfte messen« fügte er
herausfordernd hinzu, als wende er sich an eine dunkle Macht und fordere
sie zum Kampfe auf. »Und ich war schon bereit, mich auf den ellenlangen
Raum einzurichten!«

»... Sehr schwach fühle ich mich in diesem Augenblicke, aber ... es
scheint, die Krankheit ist vorüber. Ich wußte, daß sie vergehen wird,
als ich vor kurzem wegging. Wie ist mir denn -- ist nicht das Haus
Potschinkoff kaum zwei Schritte von hier. Jetzt gehe ich zu Rasumichin,
wenn es auch nicht nur zwei Schritte wären ... mag er die Wette
gewinnen! ... mag er auch sein Vergnügen haben, -- tut nichts, mag er es
haben! Kraft, Kraft ist nötig, -- ohne Kraft kann man nichts überwinden,
und die Kraft muß wieder durch Kraft erworben werden, aber davon haben
sie keine Ahnung,« fügte er stolz und selbstbewußt hinzu, und konnte
kaum seine Füße noch heben. Der Stolz und das Selbstvertrauen wuchsen
mit jeder Minute in ihm; im nächsten Augenblicke war er schon ein
anderer Mensch als in dem vorhergehenden. Was war mit ihm Besonderes
vorgegangen, das ihn so verwandelt hatte? Er wußte es selbst nicht; ihm
war es wie einem Menschen, der nach einem Strohhalm greift, um sich zu
retten; und es war ihm, als ob es noch Leben gab für ihn, als ob sein
Leben mit der Alten nicht gestorben sei. Vielleicht war er zu eilig mit
der Schlußfolgerung, aber daran dachte er nicht.

»Den Gottesknecht Rodion soll sie im Gebet nennen,« durchfuhr es ihn,
»und das ist ... für alle Fälle!« fügte er hinzu, und mußte selber über
den Einfall lachen.

Er befand sich in ausgezeichneter Stimmung.

Rasumichin fand er mit Leichtigkeit; im Hause Potschinkoff kannte man
schon den neuen Mieter, und der Hausknecht zeigte ihm sogleich den Weg.
Auf der halben Treppe konnte man den Lärm und die lebhaften Stimmen
einer großen Gesellschaft vernehmen. Die Türe zur Treppe war
sperrangelweit auf; man hörte, wie geschrien und gestritten wurde.
Rasumichins Zimmer war ziemlich groß, und es waren etwa fünfzehn
Menschen bei ihm. Raskolnikoff blieb im Flure stehen. Hier, hinter einer
Rollwand, waren zwei Mädchen der Wirtsleute mit zwei großen Samowars
beschäftigt, hier standen Flaschen, Teller und Schüsseln mit Pasteten
und Imbiß, die aus der Küche der Wirtsleute hierher geschafft worden
waren. Raskolnikoff ließ Rasumichin herausholen. Der kam freudig
überrascht herausgelaufen. Man merkte beim ersten Blick, daß er
ungewöhnlich viel getrunken hatte, und obwohl Rasumichin sich nie
betrunken hatte, konnte man es ihm dieses Mal doch anmerken.

»Höre,« beeilte sich Raskolnikoff zu sagen, »ich bin nur hergekommen, um
dir zu sagen, daß du die Wette gewonnen hast, und daß tatsächlich
niemand wissen kann, was alles mit ihm geschieht. Hineingehen kann ich
nicht, -- ich fühle mich zu schwach, so daß ich fürchten muß,
hinzufallen. Und darum sage ich dir gleich >Guten Abend< und >LebewohlIch bin den kleinen Finger dieses
Menschen nicht mal wert<, sagt er. Das heißt _deinen_ kleinen Finger. Er
hat zuweilen schöne Gefühle, Bruder. Aber die Lehre, die heutige Lehre
im Kristallpalast -- das ist der Hauptcoup! Du hast ihn zuerst
erschreckt und fast zum Wahnsinn gebracht! Du hast ihn fast gezwungen,
wieder an diesen ganzen scheußlichen Unsinn zu glauben und dann
plötzlich zeigtest du ihm die Zunge, -- als würdest du sagen, -- na, da
hast du es jetzt, glaubst du nun? Es war köstlich! Er ist jetzt
zermalmt, zerknirscht! Du bist ein Meister, bei Gott, so muß man mit
ihnen umspringen! Schade, daß ich nicht dabei war! Er erwartete dich
jetzt sehnlichst bei mir. Porphyri will dich auch kennenlernen ...«

»Ah ... auch der ... Und warum halten sie mich für verrückt?«

»Das heißt nicht für verrückt. Ich habe, scheint mir, da zuviel gesagt
... Siehst du, es setzte ihn in Erstaunen, daß dich diese Sache
interessiert; wo er alle Umstände kennt ... und er sah, wie es dich
gereizt hatte und wie es mit deiner Krankheit zusammenfiel ... Ich bin
ein wenig betrunken, Bruder, aber weiß der Teufel, er hat so seine
eigene Idee ... Ich sage dir, -- er ist jetzt auf Geisteskrankheiten
versessen. Pfeif' ihm darauf ...«

Beide schwiegen eine Weile.

»Höre, Rasumichin,« begann Raskolnikoff, »ich will dir offen gestehen;
ich war soeben bei einem Sterbenden, Beamter ist er gewesen ... dort
habe ich mein ganzes Geld hergegeben ... außerdem hat mich soeben ein
Wesen geküßt, das auch, wenn ich wirklich jemand ermordet hätte, ebenso
... mit einem Worte, ich habe dort noch ein anderes Wesen gesehen ...
mit einer feuerroten Feder ... übrigens, aber ich phantasiere ... ich
bin sehr schwach, stütze mich ... gleich sind wir bei der Treppe ...«

»Was ist mit dir? Was ist mit dir?« fragte Rasumichin ängstlich.

»Mir schwindelt ein wenig der Kopf, aber das ist es nicht, mir ist so
traurig, so traurig ... wie jener Frau ... es ist wahr! Sieh, was ist
das? Sieh! Sieh!«

»Was denn?«

»Siehst du denn nicht? Siehst du nicht, in meinem Zimmer ist Licht!
Durch die Ritze ...«

Sie standen schon auf dem letzten Treppenabsatz, neben der Türe zu der
Wirtin Wohnung; man konnte wirklich von unten aus sehen, daß
Raskolnikoffs Kammer erleuchtet war.

»Sonderbar! Es ist vielleicht Nastasja,« bemerkte Rasumichin.

»Sie ist niemals um diese Zeit bei mir, und außerdem schläft sie schon
längst, doch ... mir ist es einerlei. Lebe wohl!«

»Was ist dir? Ich begleite dich doch, wir gehen beide hinein!«

»Ich weiß, daß wir zusammen hineingehen werden, aber ich will hier deine
Hand drücken und hier von dir Abschied nehmen. Da, gib mir die Hand,
lebwohl!«

»Was ist dir, Rodja?«

»Nichts ... komm, wir gehen ... du wirst Zeuge sein ...«

Sie begannen die Treppe hinaufzusteigen, und Rasumichin durchzuckte der
Gedanke, daß Sossimoff doch vielleicht recht habe. »Ach! Ich habe ihn
mit meinem Geschwätz verwirrt!« murmelte er vor sich hin. Als sie an die
Türe kamen, hörten sie Stimmen im Zimmer.

»Was ist da los?« rief Rasumichin aus.

Raskolnikoff ergriff zuerst die Türklinke und öffnete die Türe weit und
blieb wie versteinert auf der Schwelle stehen.

Seine Mutter und Schwester saßen auf dem Sofa und warteten auf ihn schon
seit anderthalb Stunden. Sie hatte er am allerwenigsten erwartet und
noch weniger an sie gedacht, trotzdem ihm heute noch einmal die
Mitteilung geworden war, daß sie abgereist, unterwegs wären und jeden
Augenblick ankommen könnten. Sie hatten die anderthalb Stunden, einander
unterbrechend, Nastasja ausgefragt, die auch jetzt noch vor ihnen stand
und ihnen schon alles erzählt hatte, und waren vor Schreck fast gelähmt,
als sie hörten, daß er »heute weggelaufen sei,« krank, wie er war, und
sicher nicht bei vollem Bewußtsein, wie man aus der Erzählung entnehmen
konnte! »Mein Gott, was wird mit ihm geschehen sein!« Sie weinten beide,
und beide hatten in diesen anderthalb Stunden Folterqualen erlitten.

Ein freudiger, entzückter Schrei begrüßte Raskolnikoffs Erscheinen.
Beide stürzten auf ihn zu. Er aber stand wie leblos da; eine
unerträgliche Empfindung hatte ihn wie ein Blitz getroffen. Seine Hände
erhoben sich nicht, um sie zu umarmen, -- sie konnten sich nicht
erheben. Die Mutter und Schwester erdrückten ihn in ihrer Umarmung,
küßten ihn, lachten und weinten ... Er tat einen Schritt, schwankte und
stürzte ohnmächtig zu Boden.

Aufregung, erschreckte Ausrufe, Gestöhn ... Rasumichin, der auf der
Schwelle stand, flog ins Zimmer herein, packte den Kranken mit seinen
kräftigen Armen, und jener lag im Nu auf dem Sofa.

»Hat nichts zu sagen! Tut nichts!« rief er Mutter und Schwester zu, »das
ist eine Ohnmacht, das ist nichts! Soeben hat noch der Arzt gesagt, daß
es ihm bedeutend besser gehe, daß er vollkommen gesund sei! Wasser her!
Sehen Sie, er kommt schon zu sich, er ist bei Bewußtsein!«

Er ergriff die Hand Dunetschkas so stark, daß er sie beinahe verrenkte,
und zog sie näher, damit sie sich überzeuge, daß »er schon bei
Bewußtsein sei«. Mutter und Schwester blickten Rasumichin wie die
Vorsehung, mit Rührung und Dankbarkeit an; sie hatten schon von Nastasja
gehört, was dieser »eifrige junge Mann,« wie ihn am selben Abend
Pulcheria Alexandrowna Raskolnikowa selbst in einem intimen Gespräche
mit Dunetschka genannt hatte, für ihren Rodja gewesen war.




                              Dritter Teil


                                   I.

Raskolnikoff erhob sich und setzte sich auf das Sofa. Er winkte mit der
Hand schwach Rasumichin ab, damit er dem Strome seiner eifrigen
Trostspendung an Mutter und Schwester ein Ende mache, nahm beider Hände
und blickte etwa zwei Minuten schweigend bald die eine, bald die andere
an. Die Mutter erschrak vor seinem Blick. In diesem Blicke lag ein bis
zur Qual gesteigertes Gefühl, aber gleichzeitig etwas Starres, fast
Irrsinniges. Pulcheria Alexandrowna begann zu weinen.

Awdotja Romanowna war bleich, ihre Hand zitterte in der des Bruders.

»Geht nach Hause ... mit ihm,« sagte er mit stockender Stimme und wies
auf Rasumichin, »bis morgen; morgen wird alles ... Seid ihr schon lange
angekommen?«

»Heute abend, Rodja,« antwortete Pulcheria Alexandrowna, »der Zug hat
sich schrecklich verspätet. Rodja, ich will aber jetzt um keinen Preis
der Welt von dir gehen! Ich schlafe hier neben dir ...«

»Quält mich nicht!« sagte er und machte eine gereizte Bewegung mit der
Hand.

»Ich bleibe bei ihm!« rief Rasumichin. »Ich will ihn keinen einzigen
Augenblick verlassen, und hol der Teufel alle meine Gäste, mögen sie
außer sich sein! Mein Onkel mag dort repräsentieren.«

»Wie, wie soll ich Ihnen danken!« begann Pulcheria Alexandrowna und
drückte von neuem Rasumichin die Hand, aber Raskolnikoff unterbrach sie.

»Ich kann nicht, kann nicht,« wiederholte er gereizt, »quält mich nicht!
Genug, geht weg ... Ich kann nicht! ...«

»Gehen wir, Mama, gehen wir wenigstens auf einen Augenblick aus dem
Zimmer heraus,« flüsterte die erschrockene Dunja, »wir martern ihn, man
sieht's doch.«

»Soll ich denn gar nicht bei ihm sein, nach drei Jahren langer
Trennung!« weinte Pulcheria Alexandrowna.

»Wartet!« hielt Raskolnikoff sie zurück, »ihr unterbrecht mich immer,
und meine Gedanken verwischen sich ... Habt ihr Luschin gesehen?«

»Nein, Rodja, aber er weiß schon, daß wir angekommen sind. Wir haben
gehört, Rodja, daß Peter Petrowitsch so gut war und dich heute besucht
hat,« fügte ein wenig schüchtern Pulcheria Alexandrowna hinzu.

»Ja ... er war so gut ... Dunja, ich habe vorher Luschin gesagt, daß ich
ihn die Treppe hinunterwerfen werde und habe ihn zum Teufel gejagt ...«

»Rodja, was ist dir! Du hast sicher ... du willst doch nicht sagen,«
begann Pulcheria Alexandrowna erschreckt, hielt aber vor einem Blick
Dunjas inne.

Awdotja Romanowna sah den Bruder aufmerksam an und wartete auf das, was
er weiter sagen würde. Beide waren schon von dem Streite durch Nastasja
benachrichtigt, so weit sie es selber begriffen hatte und mitteilen
konnte, und hatten unter der Ungewißheit und Erwartung gelitten.

»Dunja,« fuhr Raskolnikoff mit Mühe fort, »ich wünsche diese Heirat
nicht, und darum mußt du morgen noch Luschin absagen, damit er völlig
verschwinde.«

»Mein Gott!« rief Pulcheria Alexandrowna aus.

»Bruder, überlege, was du sprichst!« begann Awdotja Romanowna erregt,
aber hielt sofort an sich. »Du bist vielleicht jetzt nicht imstande, du
bist müde,« fügte sie sanft hinzu.

»Gar im Fieber? Nein ... Du heiratest Luschin um meinetwillen. Ich aber
nehme das Opfer nicht an. Und darum schreibe morgen den Brief ... mit
der Absage ... Gib ihn mir morgen früh zu lesen, und Schluß damit!«

»Ich kann es nicht tun!« rief das gekränkte Mädchen aus. »Mit welchem
Recht ...«

»Dunetschka, du bist zu hitzig, hör auf, morgen ... Siehst du denn nicht
...« suchte die erschrockene Mutter zu beruhigen. »Ach, gehen wir besser
fort!«

»Er redet im Fieber!« rief der berauschte Rasumichin. »Sonst würde er
das nicht sagen! Morgen ist dieser ganze Unsinn verschwunden ... Heute
hat er ihn wohl hinausgejagt. Das ist wahr. Nun, und jener wurde böse
... Er hat hier schöne Reden gehalten, seine Kenntnisse ausgekramt und
ging dann mit eingezogenem Schwanz weg ...«

»Also, es ist wahr?« rief Pulcheria Alexandrowna aus.

»Bis auf morgen, Bruder!« sagte Dunja mitleidsvoll. »Gehen wir, Mama ...
Leb wohl, Rodja!«

»Hörst du, Schwester,« rief er ihnen mit letzten Kräften nach, »ich
phantasiere nicht; diese Heirat ist eine Schuftigkeit. Mag ich ein
Schuft sein, du aber darfst nicht ... einer von beiden ... und wenn ich
auch ein Schuft bin, aber so eine Schwester will ich nicht als Schwester
anerkennen. Entweder ich oder Luschin! Geht ...«

»Du bist verrückt geworden! Despot!« brüllte Rasumichin, aber
Raskolnikoff antwortete nicht mehr, vielleicht hatte er auch nicht mehr
die Kraft, zu antworten.

Er hatte sich auf das Sofa gelegt und sich in völliger Ermattung der
Wand zugekehrt. Awdotja Romanowna blickte Rasumichin voll Interesse an;
ihre schwarzen Augen funkelten, -- Rasumichin zuckte unter diesem Blicke
zusammen. Pulcheria Alexandrowna stand, wie vom Donner gerührt, da.

»Ich kann nicht weggehen!« flüsterte sie fast verzweifelt Rasumichin zu,
»ich bleibe hier, irgendwo ... begleiten Sie Dunja.«

»Und Sie werden die ganze Sache verderben!« flüsterte Rasumichin außer
sich. »Gehen wir wenigstens auf die Treppe hinaus. Nastasja, leuchte
uns! Ich schwöre Ihnen,« fuhr er im Flüstertone fort, als sie schon auf
der Treppe waren, »daß er vorhin beinahe mich und den Arzt verprügelt
hätte! Verstehen Sie! Selbst den Arzt! Und der gab nach, um ihn nicht zu
reizen und ging fort, ich aber blieb unten, um auf ihn aufzupassen, er
hatte sich aber inzwischen angekleidet und entschlüpfte mir. Er wird uns
auch jetzt entschlüpfen, wenn Sie ihn reizen werden, und es ist Nacht,
und er kann sich etwas antun ...«

»Ach, was sagen Sie?«

»Und Awdotja Romanowna kann auch nicht ohne Sie allein in diesen
möblierten Zimmern bleiben! Denken Sie nach, wo Sie abgestiegen sind!
Dieser Schuft Peter Petrowitsch konnte Ihnen doch eine bessere Wohnung
... Übrigens, wissen Sie, ich bin ein wenig betrunken und habe darum ...
ihn geschimpft; beachten Sie es nicht ...«

»Ich gehe zu seiner Wirtin,« bestand Pulcheria Alexandrowna auf ihrer
Absicht, »ich will sie bitten, mir und Dunja einen Platz für diese Nacht
zu geben. Ich kann ihn nicht so verlassen, ich kann nicht!«

Während sie darüber sprachen, standen sie auf dem Treppenabsatz vor der
Türe zu der Wohnung der Wirtin. Nastasja leuchtete ihnen von der letzten
Stufe herab. Rasumichin war ungewöhnlich erregt. Vor einer halben Stunde
noch, als er Raskolnikoff nach Hause begleitete, war er wohl übermäßig
geschwätzig und wußte es auch, er war aber völlig munter und ganz
frisch, ungeachtet des fürchterlichen Quantums Wein, das er an diesem
Abend getrunken hatte. Jetzt aber geriet er in Ekstase und der ganze
Wein schien mit einem Male mit verstärkter Macht ihm zu Kopf gestiegen
zu sein. Er stand vor den beiden Damen, hatte sie beide an den Händen
gefaßt, redete auf sie ein und machte ihnen mit erstaunlicher Offenheit
Vorstellungen und wahrscheinlich, um sie besser zu überzeugen, preßte er
bei jedem Worte, wie mit Klammern, ihre Hände, daß ihnen die Tränen
kamen und schien Awdotja Romanowna mit den Augen zu verschlingen, ohne
sich dabei groß zu genieren. Vor Schmerz suchten sie ihre Hände aus
seiner großen und knochigen Hand zu befreien, aber er merkte den Grund
nicht und zog beide noch stärker zu sich. Wenn sie ihm in diesem
Augenblicke befohlen hätten, ihnen zuliebe sich von der Treppe kopfüber
hinabzustürzen, er hätte es getan, ohne sich zu besinnen und zu zögern.
Pulcheria Alexandrowna, ganz aufgeregt im Gedanken an ihren Rodja,
fühlte wohl, daß der junge Mann sehr exzentrisch sei und zu schmerzhaft
ihre Hand drücke, aber da er doch für sie ein Stück Vorsehung war, so
wollte sie alle diese exzentrischen Einzelheiten nicht bemerken. Trotz
ihrer Aufregung wegen des Bruders und obwohl sie nicht ängstlicher Natur
war, bemerkte Awdotja Romanowna doch voll Staunen und fast mit Schrecken
die in wildem Feuer funkelnden Augen des Freundes ihres Bruders, und
bloß das grenzenlose Vertrauen, das ihr die Erzählung Nastasjas über
diesen sonderbaren Menschen eingeflößt hatte, hielt sie ab, wegzulaufen
und die Mutter von ihm wegzubringen. Sie begriff aber auch, daß sie von
ihm jetzt nicht loskommen könne. Nach etwa zehn Minuten aber hatte sie
sich schon gefaßt, -- Rasumichins Art war es, sich schnell restlos zu
zeigen, in welcher Stimmung er auch war, so daß alle sehr bald wußten,
mit wem sie es zu tun hatten.

»Bei der Wirtin ist es unmöglich, und ein greulicher Unsinn ist es!«
fiel er Pulcheria Alexandrowna in die Rede. »Mögen Sie auch die Mutter
sein, wenn Sie aber hier bleiben, versetzen Sie ihn in Raserei und dann
weiß der Teufel, was folgen wird! Hören Sie, ich will es so machen, --
jetzt bleibt bei ihm Nastasja sitzen, ich aber begleite Sie beide zu
Ihrer Wohnung, denn Sie können nicht allein auf der Straße gehen. Bei
uns in Petersburg ist es in dieser Hinsicht ... Nun, lassen wir das ...
Ich laufe dann sofort hierher zurück und bringe Ihnen nach einer
Viertelstunde, mein heiliges Ehrenwort darauf, Rapport, -- wie es mit
ihm steht, ob er schläft oder nicht und dergleichen. Dann, hören Sie
weiter! Dann laufe ich von Ihnen auf einen Sprung zu mir, -- ich habe
Gäste, alle sind betrunken, -- nehme Sossimoff -- das ist der Arzt, der
ihn behandelt, er sitzt jetzt bei mir, ist nicht betrunken, er ist nie
betrunken. Ich schleppe ihn zu Rodja und bin wieder sofort bei Ihnen,
also im Laufe von einer Stunde haben Sie zwei Rapporte über ihn, -- und
vom Arzte, verstehen Sie, vom Arzte selbst, das ist mehr wert als von
mir! Sollte es schlimmer sein, ich schwöre Ihnen, so bringe ich Sie
selbst hierher, steht aber alles gut, so gehen Sie schlafen. Ich aber
werde diese Nacht hier schlafen, im Flure, er wird nichts hören, und
Sossimoff werde ich sagen, er soll bei der Wirtin schlafen, damit er da
ist, wenn man ihn braucht. Nun, was ist für ihn jetzt besser, -- Sie
oder der Arzt? Der Arzt ist doch nützlicher, nützlicher. Nun, gehen Sie
also nach Hause! Zu der Wirtin ist es unmöglich; mir ist es möglich,
Ihnen aber nicht, -- sie wird Sie nicht hereinlassen, weil ... weil sie
eine Närrin ist. Sie wird auf Awdotja Romanowna meinetwegen eifersüchtig
sein, wenn Sie es wissen wollen, und auch auf Sie selbst ... Auf Awdotja
Romanowna aber unbedingt. Sie ist ein vollkommen, vollkommen
unberechenbarer Charakter! Übrigens, ich bin auch ein Narr ... Ich
pfeife darauf! Gehen wir! Glauben Sie mir? Nun, glauben Sie mir oder
nicht? ...«

»Gehen wir, Mama,« sagte Awdotja Romanowna, »er wird bestimmt so tun,
wie er versprochen hat. Er hat schon einmal den Bruder zum Leben
erweckt, und wenn der Arzt wirklich damit einverstanden ist, hier zu
schlafen, dann ist es am besten so.«

»Sehen Sie ... Sie ... Sie verstehen mich, weil Sie ein Engel sind!«
rief Rasumichin entzückt aus. »Gehen wir! Nastasja! Schnell herauf und
setze dich mit dem Lichte zu ihm; ich komme in einer Viertelstunde ...«

Obwohl Pulcheria Alexandrowna nicht ganz überzeugt war, widersetzte sie
sich nicht mehr. Rasumichin bot ihnen beiden seinen Arm und zog sie die
Treppe hinab. Es beunruhigte sie übrigens eins -- »obwohl er flink und
gut ist, kann er aber auch erfüllen, was er verspricht? Er ist doch in
solchem Zustande! ...«

»Sie haben Angst, weil Sie glauben, daß ich nicht ganz klar im Kopfe
bin!« unterbrach Rasumichin ihren Gedankengang, als ob er ihn erraten
hätte, während er mit Riesenschritten weiterging, ohne zu bemerken, daß
die beiden Damen ihm kaum folgen konnten. »Unsinn! das heißt ... ich bin
wie ein Stück Holz betrunken, aber das hat nichts zu sagen; denn ich bin
nicht vom Wein betrunken. Als ich Sie erblickte, da stieg mir das Blut
zu Kopfe ... Aber pfeifen Sie auf mich! Achten Sie nicht darauf, -- ich
lüge; ich bin Ihrer unwürdig! ... Wenn ich Sie nach Hause gebracht habe,
gieße ich mir schleunigst hier aus diesem Kanal zwei Eimer Wasser über
den Kopf, damit ich wieder zur Besinnung komme ... Wenn Sie nur wüßten,
wie ich Sie beide liebe! ... Lachen Sie nicht und seien Sie mir nicht
böse! ... Seien Sie auf alle böse, aber auf mich sollen Sie nicht böse
sein! Ich bin sein Freund, also bin ich auch Ihr Freund. Ich will es so
... Ich habe es geahnt, ... im vorigen Jahre gab es so einen Augenblick
... Übrigens, ich habe gar nichts geahnt, denn Sie sind wie vom Himmel
gefallen. Ich werde vielleicht auch die ganze Nacht nicht schlafen ...
Dieser Sossimoff fürchtete vorhin, daß er den Verstand verlieren könnte
... Darum muß man ihn nicht reizen ...«

»Was sagen Sie?« rief die Mutter aus.

»Hat das der Arzt gesagt?« fragte erschrocken Awdotja Romanowna.

»Er hat gesagt, aber nicht das, sondern ganz was anderes. Er hat ihm
auch eine Arznei gegeben, ein Pulver, ich habe es gesehen, und da kamen
Sie ... Ach! ... Es wäre besser, Sie wären morgen gekommen! Insofern ist
es gut, daß wir weggingen. Nach einer Stunde wird Ihnen Sossimoff selbst
über alles Rapport erstatten. Sehen Sie, der ist nicht betrunken! Auch
ich wäre nicht betrunken ... Warum aber habe ich so viel getrunken? Wie
sie mich in eine Diskussion hineingebracht haben, die Verfluchten! Ich
habe mir selbst das Versprechen gegeben, nicht zu streiten! ... Nun
redeten sie aber so einen Blödsinn zusammen! Ich habe mich beinahe mit
ihnen geprügelt! Ich habe nun meinen Onkel als Präsidium hinterlassen
... Können Sie es glauben, -- sie verlangen völlige Unpersönlichkeit des
einzelnen und finden darin den Sinn des Lebens! Bloß nicht für sich
selbst sein, möglichst wenig eigenartig sein! Und das halten sie für den
allergrößten Fortschritt. Und wenn sie wenigstens auf eigene Art lügen
würden, so aber ...«

»Hören Sie,« unterbrach ihn schüchtern Pulcheria Alexandrowna, aber das
brachte ihn noch mehr in Eifer.

»Ja, was meinen Sie?« rief Rasumichin und erhob seine Stimme noch mehr.
»Meinen Sie, ich rede so, weil sie lügen? Unsinn! Ich liebe es, wenn man
lügt. Das Lügen ist das einzige menschliche Privilegium vor allen
Organismen. Wenn du lügst, -- kommst du zur Wahrheit! Ich bin darum auch
Mensch, weil ich lüge. Keine einzige Wahrheit ist erreicht, ohne daß man
vorher vierzigmal, vielleicht auch hundertundvierzigmal gelogen hat, und
das ist in seiner Art höchst ehrenvoll. Wir aber verstehen nicht einmal,
auf eigene Art zu lügen! Lüge mir vor, aber lüge in deiner Weise, und
ich gebe dir dann einen Kuß. In seiner eigenen Weise zu lügen ist besser
noch als Wahrheit nur aus fremder Quelle; im ersten Falle bist du ein
Mensch, im letzteren bist du bloß ein Papagei. Die Wahrheit wird nicht
fortlaufen, das Leben aber kann man dabei mit Brettern zunageln; wir
haben Beispiele dafür. Nun, was sind wir jetzt? Wir alle, alle ohne
Ausnahme, sitzen in bezug auf Wissenschaft, Entwicklung, Denken,
Erfindungen, Ideale, Wünsche, Liberalismus, Vernunft, Erfahrung und
alles, alles, alles und alles noch in der ganz untersten Klasse des
Gymnasiums! Uns hat es genügt, mit fremder Weisheit auszukommen, -- wir
haben Geschmack daran gefunden! Ist es nicht so? Habe ich recht?«

»Oh, mein Gott, ich weiß es nicht,« sagte die arme Pulcheria
Alexandrowna.

»Es ist so, so ... obwohl ich mit Ihnen nicht in allem einverstanden
bin,« fügte Awdotja Romanowna ernst hinzu, aber gleich darauf schrie sie
auf, weil er ihr diesmal zu stark die Hand gedrückt hatte.

»So? Sie sagen, es sei so? Ach, dann sind Sie ... Sie ...« rief er voll
Entzücken aus. »Sie sind die Quelle der Güte, Reinheit, der Vernunft und
... der Vollkommenheit! Geben Sie mir Ihre Hand, geben Sie ... geben
auch Sie Ihre Hand, ich will Ihnen beiden die Hände küssen, hier,
sofort, auf den Knien!«

Und er warf sich mitten auf dem Trottoir, das zum Glück leer war, auf
die Knie hin.

»Hören Sie auf, ich bitte Sie, was machen Sie?« rief die äußerst
betroffene Pulcheria Alexandrowna.

»Stehen Sie doch auf, stehen Sie doch auf!« lachte Dunja, aber mit einer
gewissen Unruhe.

»In keinem Falle, Sie müssen erst Ihre Hände gegeben haben! So ist es
gut, nun genug, ich bin aufgestanden und nun wollen wir weitergehen! Ich
bin ein unglückseliger Tolpatsch, ich bin Ihrer unwürdig und bin
betrunken und schäme mich ... Ich bin nicht wert, Sie zu lieben, aber
die Knie vor Ihnen zu beugen ist die Pflicht eines jeden, wenn er nicht
ein vollkommenes Tier ist! Und ich habe vor Ihnen die Knie gebeugt ...
Da sind auch Ihre möblierten Zimmer, und schon ihretwegen allein war
Rodion im Rechte, als er vorhin Ihren Peter Petrowitsch hinauswarf! Wie
durfte er es wagen, Sie in solchen Zimmern unterzubringen? Das ist ein
Skandal! Wissen Sie, wer hier absteigt? Sie sind doch seine Braut! Sie
sind seine Braut, nicht wahr? Und nun sage ich Ihnen, daß Ihr Bräutigam
nach diesem ein Schuft ist!«

»Hören Sie, Herr Rasumichin, Sie haben vergessen ...« begann Pulcheria
Alexandrowna.

»Ja, ja, Sie haben recht, ich habe mich vergessen, ich schäme mich!«
rief Rasumichin erschrocken. »Aber ... aber ... aber ... Sie können mir
nicht böse sein, daß ich so rede! Denn ich sage es aufrichtig und nicht
weil ... hm! das wäre gemein; mit einem Worte, nicht weil ich Sie ...
hm! ... nun, also, es ist nicht nötig, ich will nicht sagen, warum, ich
darf es nicht! ... Wir hatten alle vorhin gleich begriffen, als er
hereinkam, daß dieser Mensch nicht zu uns paßt. Nicht weil er mit
gebrannten Locken vom Friseur kam, nicht weil er sich beeilte, seinen
Verstand zu zeigen, sondern weil er ein Aushorcher und Spekulierer ist,
weil er ein Jude und Gauner ist, und das sieht man. Sie denken, er ist
klug? Nein, er ist ein Dummkopf! Nun, paßt er denn zu Ihnen? Oh, mein
Gott! Sehen Sie, meine Damen,« er blieb plötzlich auf der Treppe stehen,
»wenn sie alle bei mir auch betrunken sind, dafür aber sind sie alle
ehrlich, und obgleich wir auch lügen, denn ich lüge auch, aber wir
werden uns schließlich bis zur Wahrheit durchlügen, weil wir auf einem
anständigen Wege gehen, Peter Petrowitsch jedoch ... geht nicht auf
einem anständigen Wege. Ich habe wohl soeben sie alle tüchtig
geschimpft, aber ich achte sie alle; sogar Sametoff, wenn ich ihn auch
nicht achte, so liebe ich ihn doch, denn er ist noch wie ein junger
Hund! Selbst dieses Vieh von Sossimoff, weil er auch ehrlich ist und
seine Sache versteht ... Aber genug, alles ist gesagt und wird
verziehen. Ist es verziehen? Ist es wirklich? Nun, gehen wir. Ich kenne
diesen Korridor, bin hier ein paarmal gewesen; sehen Sie hier, in Nummer
drei, war einmal ein Skandal ... Nun, wo wohnen Sie? Welche Nummer?
Acht? Nun, schließen Sie sich für die Nacht ein, lassen Sie niemand
herein. Nach einer Viertelstunde kehre ich mit einer Nachricht zurück
und dann noch einmal nach einer halben Stunde mit Sossimoff, Sie werden
sehen! Leben Sie wohl, ich springe!«

»Mein Gott, Dunetschka, was wird geschehen?« sagte Pulcheria
Alexandrowna und wandte sich voll Unruhe und Angst an die Tochter.

»Beruhigen Sie sich, Mama,« antwortete Dunja, indem sie ihren Hut und
die Mantille abnahm. »Uns hat Gott selbst diesen Mann gesandt, obgleich
er direkt von einer Kneiperei kommt. Man kann sich auf ihn verlassen,
ich versichere Sie. Was hat er alles schon für den Bruder getan ...«

»Ach Dunetschka, Gott weiß, ob er kommen wird? Wie konnte ich mich dazu
entschließen, Rodja allein zu lassen! ... Und ich habe es mir nicht,
durchaus nicht vorgestellt, ihn so zu finden! Wie ernst er war, als wäre
er um uns nicht froh ...«

Tränen zeigten sich in ihren Augen.

»Nein, das ist nicht wahr, Mama. Sie konnten ihn nicht gut sehen, weil
Sie fortwährend weinten. Er ist von einer schweren Krankheit sehr
mitgenommen, -- das ist der ganze Grund.«

»Ach, diese Krankheit! Was soll noch werden, was soll daraus werden! Und
wie er mit dir sprach, Dunja!« sagte die Mutter und blickte schüchtern
der Tochter in die Augen, um ihre Gedanken zu erraten, und teilweise
schon dadurch getröstet, weil Dunja ihren Bruder in Schutz nahm, somit
ihm verziehen habe. »Ich bin überzeugt, daß er morgen seinen Sinn ändern
wird,« fügte sie hinzu, sie weiter auszuforschen.

»Und ich dagegen bin überzeugt, daß er auch morgen dasselbe sagen wird
...« schnitt Awdotja Romanowna ab, und man sprach nicht mehr darüber,
denn es berührte einen Punkt, über den jetzt zu sprechen Pulcheria
Alexandrowna sich zu sehr fürchtete.

Dunja trat an die Mutter heran und küßte sie. Diese umarmte sie
schweigend und innig. Dann setzte sie sich in unruhiger Erwartung
Rasumichins hin, begann scheu die Tochter zu beobachten, die mit
gekreuzten Armen und selbst voll Erwartung in Gedanken versunken im
Zimmer auf und ab ging. Das Auf- und Abgehen in Gedanken war die
Angewohnheit von Awdotja Romanowna, und die Mutter hütete sich immer,
ihr Nachdenken zu stören.

Rasumichin war selbstverständlich lächerlich mit seiner plötzlichen, in
der Trunkenheit entflammten Leidenschaft zu Awdotja Romanowna. Aber wenn
man Awdotja Romanowna gesehen hatte, besonders jetzt, wo sie mit
gekreuzten Armen, traurig und nachdenklich auf und ab ging, würden
vielleicht viele ihn entschuldigt haben, ganz abgesehen von seinem
exzentrischen Zustande. Awdotja Romanowna war sehr schön, --
hochgewachsen, wundervoll schlank, kräftig und selbstbewußt, -- das
äußerte sich in jeder ihrer Bewegungen, tat aber der Weichheit und
Grazie derselben in keiner Weise Eintrag. Ihr Gesicht ähnelte dem des
Bruders, man konnte sie mit Recht eine Schönheit nennen. Ihr Haar war
dunkelblond, ein wenig heller als das des Bruders; die Augen waren fast
schwarz, ihr Blick stolz und doch wieder zuweilen von ungewöhnlicher
Güte. Sie war bleich, aber nicht krankhaft; ihr Gesicht hatte vielmehr
die Frische der Gesundheit. Ihr Mund war etwas klein, die Unterlippe,
frisch und rot, stand kaum merklich hervor; ebenso das Kinn, das war
aber auch die einzige Unregelmäßigkeit in diesem schönen Gesichte und
verlieh ihm dafür eine besondere Eigentümlichkeit und vielleicht auch
etwas wie Hochmut. Der Ausdruck ihres Gesichtes war in der Regel mehr
ernst und sinnend als fröhlich; wie stand aber dafür ein Lächeln diesem
Gesichte, wie kleidete sie ein lustiges, junges und sorgloses Lachen! Es
war begreiflich, daß der hitzige, offene, schlichte, ehrliche,
reckenhafte und betrunkene Rasumichin, der noch nie etwas Ähnliches
gesehen hatte, beim ersten Blick den Kopf verlor. Außerdem zeigte ihm
der Zufall gleich zuerst Dunja, wie absichtlich, in dem schönen Momente
der Liebe zum Bruder und der Freude des Wiedersehens. Er sah dann, wie
ihre Unterlippe vor Entrüstung gegenüber den ungestümen und undankbar
grausamen Wünschen des Bruders zuckte, -- und er konnte nicht mehr
widerstehen.

Er hatte übrigens die Wahrheit gesagt, als er vorhin in seiner
Trunkenheit auf der Treppe damit herausplatzte, daß die exzentrische
Wirtin Raskolnikoffs, Praskovja Pawlowna, nicht bloß wegen Awdotja
Romanowna, sondern vielleicht auch wegen Pulcheria Alexandrowna auf ihn
eifersüchtig sein würde. Trotzdem Pulcheria Alexandrowna schon
dreiundvierzig Jahre alt war, wies ihr Gesicht immer noch Zeichen der
früheren Schönheit auf und außerdem erschien sie bedeutend jünger als
sie war, was so oft der Fall ist bei Frauen, die die Klarheit des
Geistes, die Frische der Eindrücke und das ehrliche, reine Feuer des
Herzens bis zum Alter sich bewahrten. Wir wollen in Parenthese
hinzufügen, daß dies zu bewahren das einzige Mittel ist, auch seine
Schönheit bis ins Alter zu behalten. Ihr Haar zwar begann grau und dünn
zu werden, kleine strahlenartige Runzeln hatten sich schon lange um die
Augen gelegt, die Wangen waren eingefallen und vor Kummer und Sorgen
hager geworden, und dennoch war dieses Gesicht schön. Es war Dunetschkas
Abbild, nur zwanzig Jahre älter und ohne den besonderen Ausdruck der
Unterlippe, die bei ihr nicht hervorstand. Pulcheria Alexandrowna war
empfindsam, aber nicht bis zur Süßlichkeit, sie war schüchtern und
nachgiebig, aber nur bis zu einer gewissen Grenze, -- sie konnte in
vielem nachgeben, konnte mit vielem sich abfinden, selbst wenn es ihrer
Überzeugung widersprach, aber zur Verleugnung der Ehrlichkeit und ihrer
tiefsten Überzeugungen konnten sie keine Umstände bringen.

Genau nach zwanzig Minuten, seit Rasumichin weggegangen war, wurde
zweimal nicht laut, aber hastig an die Türe geklopft; er war
zurückgekehrt.

»Ich komme nicht herein, habe keine Zeit!« sagte er hastig, als die Türe
geöffnet wurde. »Er schläft einen Herkulesschlaf, ausgezeichnet, ruhig
und geb's Gott, daß er zehn Stunden fortschläft. Nastasja sitzt bei ihm;
ich habe ihr befohlen, nicht wegzugehen, bis ich zurückgekommen bin.
Jetzt schleppe ich Sossimoff her, er wird Ihnen Rapport erstatten, und
dann legen Sie sich schlafen; ich sehe, Sie sind abgespannt bis zum
äußersten ...« Und er lief den Korridor hinab.

»Welch ein flinker und ... ergebener junger Mann!« rief die Pulcheria
Alexandrowna außerordentlich erfreut aus.

»Er scheint ein prächtiger Mensch zu sein!« antwortete Awdotja Romanowna
mit einem gewissen Eifer und begann von neuem im Zimmer hin und her zu
wandern.

Fast nach einer Stunde vernahm man Schritte auf dem Korridor, und bald
darauf wieder ein Klopfen an der Türe. Beide Frauen warteten, diesmal
vollkommen dem Versprechen Rasumichins vertrauend, -- und er hatte auch
tatsächlich Sossimoff mitgeschleppt. Sossimoff hatte sich sofort bereit
erklärt, das Fest zu verlassen und Raskolnikoff zu besuchen, aber zu den
Damen ging er unwillig und mißtrauisch, da er dem betrunkenen Rasumichin
nicht geglaubt hatte. Seine Eigenliebe war aber sofort beruhigt und er
fühlte sich sogar geschmeichelt, -- er sah, daß man wirklich auf ihn,
wie auf einen Propheten, gewartet hatte. Er blieb genau zehn Minuten und
hatte es verstanden, Pulcheria Alexandrowna vollkommen zu beruhigen. Er
sprach voll ungewöhnlicher Teilnahme, aber zurückhaltend und sehr ernst,
ganz wie ein siebenundzwanzigjähriger Arzt bei einer wichtigen
Konsultation, mit keinem Worte schweifte er vom Gegenstande ab und
zeigte nicht den geringsten Wunsch, mit den Damen in ein persönlicheres
und privates Verhältnis zu kommen. Als er beim Eintritt gesehen hatte,
wie blendend schön Awdotja Romanowna war, vermied er, sie zu beachten
und wandte sich während des ganzen Besuches ausschließlich an Pulcheria
Alexandrowna. Dies alles gewährte ihm eine außerordentliche innere
Genugtuung. Über den Kranken äußerte er, daß er ihn gegenwärtig in
durchaus befriedigendem Zustande gefunden habe. Seinen Beobachtungen
nach, habe die Krankheit des Patienten, außer der schlechten materiellen
Lage in den letzten Monaten, noch einige seelische Ursachen, »sie ist
sozusagen das Resultat vieler komplizierter, moralischer und materieller
Einflüsse, Aufregungen, Sorgen, gewisser Ideen ... und dergleichen«. Als
er zufällig bemerkte, daß Awdotja Romanowna besonders aufmerksam
zuzuhören begann, ging er auf dieses Thema näher ein. Auf die aufgeregte
und schüchterne Frage Pulcheria Alexandrownas, wegen seines »gewissen
Verdachts von geistiger Störung,« antwortete er mit ruhigem und offenem
Lächeln, daß man seine Worte übertrieben habe, daß man bei dem Kranken
wohl eine fixe Idee, etwas, das auf Monomanie deute, konstatieren könne,
-- er, Sossimoff, verfolge jetzt besonders diesen äußerst interessanten
Zweig der Medizin, -- aber man dürfe auch nicht vergessen, daß der
Kranke bis heute in fieberhaften Phantasien befangen war, und ... und,
selbstverständlich werde die Ankunft der Verwandten auf ihn kräftigend,
zerstreuend und heilbringend wirken, »wenn nur neue, besondere
Erschütterungen vermieden würden,« fügte er bedeutungsvoll hinzu. Dann
erhob er sich, verabschiedete sich einfach und freundlich, begleitet von
Segnungen, heißer Dankbarkeit und Bitten; das Händchen Awdotja
Romanownas streckte sich sogar, ohne daß er es suchte, zum Abschied ihm
entgegen, und er ging fort, außerordentlich zufrieden mit seinem Besuche
und noch mehr mit sich selbst.

»Morgen wollen wir weiter sehen; legen Sie sich jetzt unbedingt nieder!«
sagte Rasumichin, indem er mit Sossimoff fortging. »Morgen bin ich
möglichst früh mit einem Rapport bei Ihnen.«

»Welch ein reizendes kleines Mädchen diese Awdotja Romanowna ist!«
bemerkte Sossimoff und schnalzte mit der Zunge, als sie beide auf die
Straße hinaustraten.

»Reizend? Du hast reizend gesagt!« brüllte Rasumichin, stürzte sich
plötzlich auf Sossimoff und packte ihn an der Kehle. »Wenn du es noch
einmal wagst ... Verstehst du? Verstehst du?« schrie er, schüttelte ihn
am Kragen und drückte ihn an die Wand. »Hast du gehört?«

»Laß mich los, betrunkener Teufel!« wehrte sich Sossimoff, blickte ihn
dann, nachdem Rasumichin ihn losgelassen hatte, aufmerksam an und
schüttelte sich plötzlich vor Lachen.

Rasumichin stand mit gesenkten Armen und in düster ernstem Nachdenken
vor ihm.

»Selbstverständlich bin ich ein Esel,« sagte er finster, wie eine
Gewitterwolke, »aber auch du ... bist einer.«

»Nein, Bruder, nein, ich bin keiner. Ich träume nicht von Dummheiten.«

Sie gingen schweigend weiter und erst, als sie sich der Wohnung
Raskolnikoffs näherten, unterbrach Rasumichin mit sorgenvollem Gesichte
das Schweigen.

»Höre,« sagte er zu Sossimoff, »du bist ein prächtiger Bursche, aber du
bist, außer all deinen üblen Eigenschaften, noch ein Stromer, das weiß
ich, und außerdem einer von den ärgsten. Du bist ein nervöser, schwacher
Lappen, hast verrückte Anwandlungen, hast Fett angesetzt und kannst dir
nichts versagen, -- und das nenne ich schon gemein, denn es führt zum
Gemeinen. Du hast dich so verwöhnt, daß ich -- offen gesagt, -- nicht im
geringsten verstehe, wie du dabei ein guter und sogar aufopfernder Arzt
sein kannst. Du -- ein Arzt -- schläfst auf einem Pfühle und stehst für
einen Kranken in der Nacht auf! Nach drei Jahren wirst du nicht mehr
wegen eines Kranken aufstehen ... Nun, zum Teufel damit, das ist es
nicht, sondern folgendes, -- du schläfst heute Nacht in der Wohnung der
Wirtin, -- ich habe sie mit Mühe dazu überredet, -- und ich in der
Küche, -- da habt ihr Gelegenheit, einander näher kennenzulernen! Nicht
etwa, wie du meinst, um ...! Davon ist keine Rede!«

»Ich meine auch gar nichts.«

»Hier findest du, Bruder, Schamhaftigkeit, Schweigsamkeit,
Schüchternheit, eine gräßliche Keuschheit und dabei -- Seufzer, und sie
schmilzt wie Wachs! Befreie mich von ihr, im Namen aller Teufel in der
Welt! Sie ist sehr ansprechend! ... Ich vergelte es dir, tausendfach
vergelte ich es dir!«

Sossimoff lachte noch stärker als vorher.

»Sieh mal, wie du aus dem Häuschen bist! Was soll ich denn mit ihr?«

»Ich versichere dich, du brauchst dich wenig mit ihr abzugeben, rede
bloß irgendeinen Unsinn, sprich, was du willst, setze dich aber neben
sie und rede frisch drauf los. Du bist ja auch Arzt, fange an, sie zu
behandeln. Ich schwöre dir, du wirst es nicht bereuen. Sie hat ein
Klavier; du weißt, ich klimpere ein bißchen; ich habe bei ihr ein
kleines Lied, ein echtes russisches Lied liegen, >Ich vergieße bittre
Tränen ...< Sie liebt echte Volkslieder, -- nun, mit einem Liede fing es
auch an; und du spielst doch Klavier, wie ein Virtuos, wie ein Meister,
wie Rubinstein ... Ich versichere, du wirst es nicht bereuen! ...«

»Hast du ihr denn etwas versprochen? Hast du ihr etwas Schriftliches
gegeben? Hast du ihr versprochen, sie zu heiraten ...«

»Nein, nichts, rein gar nichts! Und sie ist gar nicht so; Tschebaroff
wollte ihr einen Antrag ...«

»Nun, so laß sie doch laufen!«

»Man kann sie nicht so ohne weiteres laufen lassen!«

»Warum denn nicht?«

»Man kann es nicht tun, und basta! Es ist da etwas, was mich festhält.«

»Warum hast du sie denn verleitet?«

»Ich habe sie gar nicht verleitet, ich habe mich selbst vielleicht aus
Dummheit verleiten lassen, ihr aber wird es gleichgültig sein, ob du
oder ich, nur, daß jemand neben ihr sitzt und seufzt. Es ist Bruder ...
Ich kann es dir nicht erklären, es ist ... nun, du kannst doch gut
Mathematik, und beschäftigst dich noch jetzt damit, soviel ich weiß ...
fang an mit ihr die Integralrechnung durchzunehmen, bei Gott, ich
scherze nicht, ich spreche im Ernst, ihr wird es vollkommen gleich sein,
-- sie wird dich ansehen und seufzen, und so wird es ein Jahr dauern.
Ich habe ihr unter anderem sehr lange, zwei Tage nacheinander, von dem
Herrenhaus in Preußen erzählt, -- denn was soll man mit ihr reden? --
sie seufzte bloß und schwitzte! Nur über Liebe sprich nicht, -- sie wird
furchtbar verlegen, -- aber zeige doch, daß du nicht weggehen kannst, --
das genügt. Es ist sehr komfortabel dort; man ist ganz wie zu Hause, --
kann lesen, sitzen, liegen oder schreiben ... Man kann sogar einen Kuß
geben, mit Vorsicht jedoch ...«

»Was soll ich aber mit ihr?«

»Ach, ich kann dir es nicht erklären. Siehst du, -- ihr paßt
ausgezeichnet zueinander! Ich habe schon früher an dich gedacht ... Du
wirst schon damit enden! Ist es denn dir nicht einerlei, -- ob früher
oder später? Hier ist, Bruder, so etwas wie ein Pfühl, -- ach! und auch
nicht das allein! Hier lockt es einen und zieht, hier ist das Ende der
Welt, hier wirft man den Anker, hat einen stillen Zufluchtsort,
sozusagen das Zentrum der Erde, die Essenz von Pfannkuchen,
Abendsamowars, stillen Seufzern und warmen gestrickten Jacken und
geheizten Ofenbänken -- nun, es ist, als ob du gestorben wärest und
gleichzeitig am Leben bist, von beidem die Vorteile auf einen Schlag!
Nun, Bruder, zum Teufel, ich habe zu viel geschwätzt, es ist Zeit,
schlafen zu gehen! Höre, -- ich wache in der Nacht zuweilen auf, und da
will ich nach ihm sehen. Es ist aber nichts, Unsinn, alles ist gut.
Beunruhige dich nicht besonders, wenn du aber willst, sieh auch mal
nach. Wenn du aber etwas merken solltest, Fieber zum Beispiel oder
Phantasieren oder etwas anderes, weck mich sofort auf. Übrigens, es wird
nichts passieren ...«


                                  II.

Am andern Morgen gegen acht Uhr wachte Rasumichin ernst und sorgenvoll
auf. Eine Menge von neuen und unvorhergesehenen Fragen tauchte in ihm
auf. Er hätte sich's früher nicht träumen lassen, daß er jemals so
aufwachen würde. Er erinnerte sich bis aufs geringste alles gestern
Vorgefallenen und begriff, daß ihm etwas nicht Alltägliches widerfahren
sei; daß er in sich einen ihm bis jetzt völlig neuen Eindruck, der
keinem früheren ähnelte, aufgenommen habe. Gleichzeitig war er sich
vollkommen klar, daß der Traum, der in seinem Kopfe entflammt war, im
höchsten Grade unerfüllbar sei, -- so unerfüllbar, daß er sich seiner
schämte, und er sich schleunigst anderen, alltäglichen Sorgen und
Plagen, die ihm der »verfluchte gestrige Tag« gebracht hatte, zuwandte.

Die unangenehmste Erinnerung war für ihn, wie »niedrig und gemein« er
sich gestern benommen hatte, nicht allein, weil er betrunken war,
sondern weil er vor dem jungen Mädchen aus dummer übereilter Eifersucht,
ihre Lage ausnutzend, ihren Bräutigam geschimpft hatte, ohne daß er ihr
gegenseitiges Verhältnis und die Verpflichtungen, geschweige denn den
Mann selbst ordentlich kannte. Und welches Recht hatte er, so schnell
und übereilt über ihn zu urteilen? Und wer hatte ihn zum Richter
berufen? Und kann denn solch ein Wesen, wie Awdotja Romanowna, sich
einem unwürdigen Menschen des Geldes wegen hingeben? Also, muß er doch
auch Tugenden haben. Die möblierten Zimmer? Woher sollte er denn in der
Tat erfahren, was für möblierte Zimmer er genommen hatte? Er läßt doch
eine Wohnung instand setzen ... pfui, welche Erniedrigung! War das etwa
eine Entschuldigung, daß er betrunken war? Eine dumme Ausrede, die ihn
noch mehr bloßstellte. Im Weine liegt die Wahrheit, und da hat sich auch
die ganze Wahrheit, »das heißt, der ganze Schmutz seines neidischen,
rohen Herzen«, gezeigt! Ist denn solch eine Idee ihm, Rasumichin,
überhaupt erlaubt? Wer ist er im Vergleiche mit solch einem jungen
Mädchen, -- er, der betrunkene Skandalmacher und gestrige Prahlhans?
»Ist denn so eine zynische und lächerliche Zusammenstellung überhaupt
möglich?« Rasumichin wurde bei diesem Gedanken rot, dazu erinnerte er
sich noch, wie absichtlich, deutlich, daß er ihnen gestern auf der
Treppe erzählt hatte, die Wirtin werde um seinetwillen auf Awdotja
Romanowna eifersüchtig sein ... nein, es war unerträglich. Wütend schlug
er mit der Faust auf den Küchenherd, verletzte sich die Hand und schlug
einen Ziegelstein heraus.

»Gewiß,« -- murmelte er nach einer Weile vor sich hin, im Gefühle seiner
Erniedrigung, -- »gewiß, alle diese Scheußlichkeiten lassen sich nie
mehr beschönigen und verwischen ... also, soll man auch daran nicht
denken, sondern man muß schweigend seine Pflichten erfüllen ... nicht
um Verzeihung bitten, überhaupt nichts sagen, und ... und
selbstverständlich ist jetzt alles verloren!«

Trotzdem besah er beim Ankleiden seinen Anzug sorgfältiger als sonst.
Einen anderen Anzug besaß er nicht, und wenn er auch einen anderen
gehabt hätte, hätte er ihn vielleicht nicht angezogen, -- »gerade nicht
angezogen«. Auf keinen Fall aber durfte man ein Zyniker und Schmutzfink
bleiben, -- er hatte kein Recht, die Gefühle anderer zu beleidigen, um
so mehr, als sie, die anderen, ihn brauchten und ihn selbst zu sich
riefen. Also bürstete er aufs peinlichste seine Kleider aus. Seine
Wäsche war stets erträglich, darauf hielt er etwas.

Er wusch sich an diesem Morgen mit großer Sorgfalt, -- bei Nastasja fand
er Seife, -- er wusch sein Haar, den Hals und besonders die Hände. Als
aber die Frage an ihn herantrat, ob er seine Borsten rasieren sollte
oder nicht, -- Praskovja Pawlowna hatte noch von ihrem verstorbenen
Manne, Herrn Sarnitzin, ausgezeichnete Rasiermesser, -- da wurde sie
unbarmherzig abgelehnt, -- »so soll es bleiben! Wenn sie meinen, daß ich
mich rasiert habe, um ... und sie würden es meinen! Nein, ich tue es
nicht, um keinen Preis in der Welt!«

»Und ... und die Hauptsache ist, daß er so grob, schmutzig ist und
Manieren wie aus der Kneipe hat, und ... und er weiß auch wohl, daß er
nun wenigstens ein bißchen ein anständiger Mensch ist ... nun, was ist
denn da stolz zu sein, daß er ein anständiger Mensch ist? Jeder muß ein
anständiger Mensch sein und mehr ... er aber hat -- das weiß er --
manches auf dem Kerbholz ... nichts Unehrenhaftes zwar, aber doch
allerlei! ... Und was für Gedanken hatte er gehabt? Hm ... und kann man
denn dies alles auf eine Stufe mit Awdotja Romanowna stellen? Nun, aber
zum Teufel damit! Mag es so bleiben! Ich will absichtlich so schmutzig,
schmierig, wie aus der Kneipe sein, und pfeife auf alles andere! Ich
will es noch mehr zeigen! ...«

Bei diesen Selbstgesprächen traf ihn Sossimoff an, der in der Wohnstube
von Praskovja Pawlowna geschlafen hatte. Er wollte nach Hause gehen und
sich vorher noch einmal den Kranken ansehen. Rasumichin teilte ihm mit,
daß derselbe wie ein Murmeltier schlafe. Sossimoff ordnete an, ihn nicht
zu wecken, bis er selbst aufwache. Er versprach, in der elften Stunde
wiederzukommen.

»Wenn er nur zu Hause bleiben wird,« -- fügte er hinzu. --

»Pfui, Teufel! Man hat noch nicht einmal Macht über seinen Kranken und
soll ihn behandeln! Weißt du es, geht _er_ zu denen, oder kommen _die_
hierher?«

»Ich glaube, die kommen her,« -- antwortete Rasumichin, als er den Zweck
der Frage verstanden hatte, -- »und sie werden sicher über ihre
Familienangelegenheiten sprechen. Ich gehe fort. Du als Arzt hast
selbstverständlich mehr Rechte als ich.«

»Ich bin doch kein Beichtvater; ich will kommen und sofort weggehen. Ich
habe noch mehr zu tun.«

»Mich beunruhigt eins,« -- unterbrach ihn Rasumichin mit verdüstertem
Gesichte, -- »ich habe gestern in der Trunkenheit ihm auf dem Wege
hierher allerhand Dummheiten erzählt, -- allerhand ... unter anderem
auch, daß du fürchtest, daß er anscheinend ... zum Irrsinn neige ...«

»Du hast auch gestern den Damen davon geschwatzt.«

»Ich weiß, daß es dumm war. Meinetwegen kannst du mich verhauen! Sag'
mir aber, hattest du wirklich daran geglaubt?«

»Ich sage doch, es ist Scherz gewesen; was soll ich geglaubt haben? Du
hast ihn mir selbst als einen Monomanen geschildert, als du mich zu ihm
brachtest ... Nun, und gestern haben wir noch mehr geschürt, das heißt,
eigentlich du, mit deiner Erzählung ... von dem Anstreicher; ein schönes
Gespräch, wenn vielleicht gerade damit seine Verwirrung zusammenhängt!
Wenn ich alles genau gewußt hätte, was damals im Polizeibureau
vorgefallen war und daß ihn dort irgendeine Kanaille mit diesem Verdacht
... gekränkt hatte, ich hätte gestern ein solches Gespräch nicht
zugelassen. Diese Monomanen machen doch aus einem Tropfen einen Ozean
und sehen die unsinnigsten Dinge deutlich im wachen Zustande ... Wie ich
mich erinnere, ist mir gestern aus der Erzählung von Sametoff schon die
Sache zur Hälfte klar geworden. Das ist noch gar nichts. Ich kenne einen
Fall, wo ein Hypochonder, ein vierzigjähriger Mann, nicht imstande war,
den täglichen Spott eines achtjährigen Knaben bei Tische zu ertragen und
ihn deshalb ermordete! Und hier, er zerlumpt, ein frecher
Polizeikommissar, beginnende Krankheit, und -- so ein Verdacht! Einem
ausgesprochenen Hypochonder gegenüber! Mit einer wahnsinnigen, besonders
ausgeprägten Eigenliebe! Vielleicht sitzt gerade hier der Ausgangspunkt
der Krankheit! Nun, aber zum Teufel! ... Apropos, dieser Sametoff ist
wirklich ein lieber Junge, aber hm ... es war doch überflüssig, daß er
gestern dies alles erzählte. Ein furchtbarer Schwätzer!«

»Wem hat er denn alles erzählt? Mir und dir!«

»Und Porphyri.«

»Nun, was tut denn das?«

»Hm, sag' mal, hast du irgendeinen Einfluß auf die Mutter und Schwester?
Man müßte heute ihm gegenüber vorsichtiger sein ...«

»Sie werden sich schon einigen!« -- antwortete Rasumichin unwillig.

»Und warum ist er so gegen den Luschin? Ein Mensch mit Geld, ihr, wie es
scheint, nicht unangenehm ... und sie haben doch keinen blanken Heller!«

»Was forschest du mich aus?« -- rief Rasumichin gereizt. -- »Woher soll
ich wissen, ob sie einen Heller haben oder nicht? Frage sie doch selbst,
vielleicht sagen sie es dir ...«

»Na, wie dumm du zuweilen bist! Der gestrige Rausch sitzt noch in dir
... Auf Wiedersehen! Danke in meinem Namen deiner Praskovja Pawlowna für
das Nachtlager. Sie hat sich eingeschlossen, auf meinen >Guten Morgen<
hat sie durch die Tür geantwortet, war aber um sieben Uhr aufgestanden,
man brachte ihr aus der Küche durch den Korridor den Samowar ... Ich
hatte nicht die Ehre, sie zu sehen ...«

Punkt neun Uhr erschien Rasumichin in Bakalejeffs »Möbliertem Zimmer«.
Beide Damen erwarteten ihn schon lange mit nervöser Ungeduld. Sie waren
schon vor sieben Uhr aufgestanden. Er trat finster wie die Nacht ein,
machte eine linkische Verbeugung, worüber er sofort ärgerlich wurde --
selbstverständlich auf sich selbst. Er hatte die Rechnung ohne den Wirt
gemacht, -- Pulcheria Alexandrowna stürzte buchstäblich zu ihm hin,
erfaßte ihn an beiden Händen und küßte sie beinahe. Er warf einen
schüchternen Blick auf Awdotja Romanowna, aber auch auf diesem stolzen
Gesichte lag in diesem Augenblicke solch ein Ausdruck von Dankbarkeit
und freundlicher Gesinnung, solch eine vollkommene und unerwartete
Achtung -- (an Stelle von spöttischen Blicken und unwillkürlicher
schlecht verborgener Verachtung) -- daß es ihm tatsächlich angenehmer
gewesen wäre, wenn man ihn mit Scheltworten begrüßt hätte, es war zu
beschämend. Zum Glück gab es ein Thema zur Unterhaltung, und er benutzte
es sofort.

Als Pulcheria Alexandrowna vernahm, daß er zwar noch nicht aufgewacht,
aber »daß alles ausgezeichnet gehe,« erklärte sie, das wäre sehr gut,
weil sie noch vorher mit ihm, Rasumichin, über sehr, sehr vieles zu
sprechen habe. Er wurde gefragt, ob er schon Tee getrunken habe und dann
eingeladen, mit ihnen den Tee zu trinken, -- sie hatten in Erwartung
Rasumichins noch nicht gefrühstückt. Awdotja Romanowna klingelte, auf
ihr Zeichen erschien ein schmutziger, zerlumpter Kerl, und bei ihm wurde
der Tee bestellt, der auch endlich gereicht wurde, aber so schmutzig und
so unanständig, daß die Damen sich schämten. Rasumichin begann energisch
über diese möblierten Zimmer zu schimpfen, erinnerte sich aber Luschins,
verstummte, wurde verlegen und war sehr froh, als Pulcheria Alexandrowna
ihn mit ihren Fragen nicht mehr losließ.

Er beantwortete sie alle, sprach drei Viertelstunden lang, wurde
beständig unterbrochen und von neuem befragt, und teilte alles
Hauptsächliche und Notwendige, das er aus dem letzten Jahre kannte, mit,
und schloß mit einer genauen Erzählung von der Krankheit Rodion
Romanowitschs. Er ließ aus, was verschwiegen werden mußte, unter anderem
den Auftritt in dem Polizeibureau mit allen seinen Folgen. Man lauschte
gierig seiner Erzählung; als er aber glaubte, daß er zu Ende sei und
seine Zuhörerinnen befriedigt habe, zeigte es sich, daß er für sie kaum
begonnen zu haben schien.

»Sagen Sie, sagen Sie mir, wie meinen Sie ... ach, entschuldigen Sie,
ich kenne ja noch nicht einmal Ihren und Ihres Vaters Namen!« -- sagte
Pulcheria Alexandrowna eilig.

»Dmitri Prokofjitsch.«

»Also, Dmitri Prokofjitsch, ich möchte sehr gern erfahren ... wie er
überhaupt ... wie er jetzt die Dinge betrachtet, das heißt, verstehen
Sie mich ... wie soll ich es Ihnen erklären, das heißt, besser gesagt,
-- was liebt er und was liebt er nicht? Ist er immer so gereizt? Was hat
er für Wünsche und Träume, wenn man so sagen kann? Was hat auf ihn jetzt
einen besonderen Einfluß? Mit einem Worte, ich möchte ...«

»Ach, Mama, wie kann man denn das alles auf einmal beantworten!« --
bemerkte Dunja.

»Ach, mein Gott, ich habe doch nicht, gar nicht erwartet, ihn so zu
finden, Dmitri Prokofjitsch.«

»Das ist sehr natürlich,« -- antwortete Rasumichin. -- »Ich habe keine
Mutter mehr, aber mein Onkel kommt jedes Jahr hergereist und erkennt
mich jedesmal beinahe nicht mehr, selbst dem äußeren nach nicht, und ist
doch auch ein kluger Mann. Nun, und in den drei Jahren Ihrer Trennung
ist viel Wasser den Berg hinuntergeflossen. Ja, und was soll ich Ihnen
sagen? Anderthalb Jahre kenne ich Rodion, -- er ist verschlossen,
düster, selbstbewußt und stolz; in der letzten Zeit -- vielleicht aber
auch schon früher -- argwöhnisch und hypochondrisch. Dabei großmütig und
gut. Er liebt nicht seine Gefühle zu zeigen, und würde lieber hart
erscheinen, als sein Herz zu offenbaren. Zuweilen erscheint er übrigens
gar nicht hypochondrisch, sondern einfach kalt und gefühllos bis zur
Unmenschlichkeit, als ob in ihm zwei entgegengesetzte Charaktere
abwechselten. Er ist zuweilen schrecklich einsilbig! Er hat nie Zeit,
immer stören ihn die anderen, dabei liegt er still und tut nichts. Er
ist nicht spöttisch, nicht als ob es ihm an Witz mangelte, sondern weil
er keine Zeit für solche Nichtigkeiten übrig hat. Er hört nicht bis zu
Ende, wenn man ihm erzählt. Er interessiert sich nie für Dinge, für die
sich alle im gegebenen Augenblicke interessieren. Er schätzt sich hoch
ein und ich glaube, nicht ohne ein gewisses Recht dazu. Nun, was noch
... Mir dünkt, Ihre Ankunft wird auf ihn einen sehr heilsamen Einfluß
ausüben.«

»Ach, möge es Gott geben!« -- rief Pulcheria Alexandrowna aus, die durch
die Ansicht Rasumichins über ihren Rodja niedergedrückt war.

Rasumichin aber blickte endlich Awdotja Romanowna mit etwas mehr Mut an.
Er hatte sie während des Gespräches öfters angesehen, aber nur flüchtig,
auf einen kurzen Augenblick, und wandte immer gleich seine Augen ab.
Awdotja Romanowna setzte sich bald an den Tisch und hörte aufmerksam zu,
bald stand sie wieder auf, begann nach ihrer Gewohnheit mit gekreuzten
Armen und zusammengepreßten Lippen im Zimmer auf und ab zu gehen und
stellte zuweilen Fragen, ohne ihre Wanderung zu unterbrechen, und in
Gedanken versunken. Auch sie hatte die Gewohnheit, nicht bis zu Ende
zuzuhören. Sie war mit einem dunklen Kleide aus leichtem Stoff
bekleidet, um den Hals war ein weißes durchsichtiges Tüchlein
geschlungen. Aus vielen Anzeichen hatte Rasumichin bald die dürftigsten
Verhältnisse der beiden Frauen ersehen. Wenn Awdotja Romanowna wie eine
Königin gekleidet gewesen wäre, hätte er sich wohl vor ihr gar nicht
gefürchtet; jetzt aber hatte sich vielleicht gerade aus dem Grunde, weil
sie so ärmlich gekleidet war, und weil er die ganze ärmliche Umgebung
bemerkt hatte, in seinem Herzen eine gewisse Scheu eingenistet, und er
ängstigte sich für jedes seiner Worte und für jede Bewegung, was für
einen Menschen, der ohnedem sich nicht traute, sicher unbequem war.

»Sie haben viel Interessantes über den Charakter meines Bruders erzählt
und ... haben es unparteiisch gesagt. Das ist gut; ich dachte, Sie beten
ihn an,« -- bemerkte Awdotja Romanowna mit einem Lächeln. -- »Es scheint
auch besser, wenn um ihn eine Frau ist,« -- fügte sie nachdenklich
hinzu.

»Das habe ich nicht gemeint, aber Sie haben vielleicht auch darin recht,
nur ...«

»Was?«

»Er liebt doch niemand; vielleicht wird er auch nie lieben,« -- schnitt
Rasumichin ab.

»Das heißt, er ist unfähig, jemand zu lieben?«

»Wissen Sie, Awdotja Romanowna, daß Sie Ihrem Bruder auffallend ähnlich
sehen, in allem!« -- platzte er plötzlich heraus, sich selber
überraschend, als er sich aber erinnerte, was er ihr soeben über den
Bruder gesagt hatte, wurde er rot wie ein Krebs und stark verlegen.

Awdotja Romanowna mußte bei seinem Anblicke laut auflachen.

»In bezug auf Rodja könntet ihr beide euch irren,« -- sagte Pulcheria
Alexandrowna etwas pikiert. -- »Ich rede nicht von dem jetzigen,
Dunetschka. Das, was Peter Petrowitsch in diesem Briefe schreibt ... und
was wir mit dir voraussetzten, -- kann unwahr sein, aber Sie können sich
nicht vorstellen, Dmitri Prokofjitsch, wie phantastisch er ist und --
wie soll ich es sagen -- launisch er ist. Ich konnte mich nie auf seinen
Charakter verlassen, selbst als er erst fünfzehn Jahre alt war. Ich bin
überzeugt, daß er auch jetzt plötzlich irgend etwas tun kann, woran
keiner je dachte ... Wir brauchen nicht weit zu gehen, -- ist es Ihnen
bekannt, wie er vor anderthalb Jahren mich überraschte, erschütterte, ja
fast bis zum Tode erschreckte, als er diese, wie heißt sie doch, -- die
Tochter von dieser Sarnitzin heiraten wollte?«

»Wissen Sie etwas Näheres über diese Geschichte?« -- fragte ihn Awdotja
Romanowna.

»Glauben Sie,« -- fuhr Pulcheria Alexandrowna voll Eifer fort, -- »ihn
hätten damals meine Tränen, meine Bitten, meine Krankheit, mein Tod
vielleicht aus Gram, unsere große Armut, zurückgehalten? Er würde über
alle Hindernisse in größter Ruhe hinweggeschritten sein. Aber ist es
möglich, ist es möglich, daß er uns nicht liebt?«

»Er hat mir nie selbst etwas über diese Geschichte gesagt,« --
antwortete Rasumichin vorsichtig, -- »aber ich habe einiges von Frau
Sarnitzin selbst gehört, die in ihrer Art auch nicht von den
Mitteilsamen ist, und was ich gehört habe, ist vielleicht ein wenig
seltsam.«

»Und was, was haben Sie gehört?« -- frugen gleichzeitig beide Frauen.

»Es ist nichts gar so Besonderes. Ich erfuhr nur, daß diese Heirat, die
schon eine vollständig abgemachte Sache war und bloß wegen des Todes der
Braut nicht zustande kam, Frau Sarnitzin selbst sehr mißfiel ...
Außerdem erzählt man, daß die Braut nicht hübsch war, das heißt, man
sagt, sie sei sogar häßlich gewesen ... und sehr kränklich ... und
eigentümlich ... sie hatte aber, wie es scheint, auch ihre Vorzüge. Es
mußten unbedingt irgendwelche Vorzüge dagewesen sein, sonst konnte man
so was nicht verstehen ... Mitgift hatte sie gar keine, und auf Mitgift
hätte er auch nicht gerechnet ... Es ist überhaupt schwer in solch einer
Sache zu urteilen.«

»Ich bin überzeugt, daß sie ein würdiges junges Mädchen war,« bemerkte
Awdotja Romanowna kurz.

»Gott wird es mir verzeihen, ich habe mich aber doch über ihren Tod
gefreut, obwohl ich es nicht weiß, wer von ihnen den andern zugrunde
gerichtet hätte, -- er sie oder sie ihn,« schloß Pulcheria Alexandrowna.

Dann begann sie vorsichtig mit Unterbrechungen, wobei sie ständig Dunja
anblickte, was jener offenbar unangenehm war, wieder über den gestrigen
Auftritt zwischen Rodja und Luschin zu fragen. Dieser Vorfall
beunruhigte sie, wie man merken konnte, am meisten, bis zu Angst und
Zittern. Rasumichin erzählte von neuem alles bis ins einzelne und fügte
diesmal noch seine Ansicht hinzu, -- er beschuldigte Raskolnikoff, daß
er Peter Petrowitsch vorsätzlich gekränkt habe und entschuldigte ihn
sehr wenig durch seine Krankheit.

»Er hat es sich noch vor der Erkrankung ausgedacht,« -- fügte er hinzu.

»Das denke ich auch« -- sagte Pulcheria Alexandrowna niedergeschlagen.

Sie war aber sehr überrascht, daß Rasumichin heute sich so vorsichtig
und mit Achtung über Peter Petrowitsch äußerte. Auch Awdotja Romanowna
war erstaunt.

»Ist das Ihre Meinung über Peter Petrowitsch?« -- konnte sich Pulcheria
Alexandrowna nicht enthalten zu fragen.

»Über den künftigen Mann Ihrer Tochter kann ich auch keine andere
Meinung haben,« -- antwortete Rasumichin fest und eifrig. -- »Und ich
sage es nicht aus fader Höflichkeit, sondern weil ... weil ... nun,
sagen wir, aus dem Grunde allein, weil Awdotja Romanowna selbst
freiwillig diesen Menschen mit ihrer Wahl beehrte. Wenn ich ihn aber
gestern so geschimpft habe, so war es, weil ich gestern schmählich
betrunken und außerdem ... ohne Verstand war, ja, ohne Verstand, ich
hatte den Verstand verloren, vollkommen ... und heute schäme ich mich
dessen! ...« Er errötete und verstummte. Auch Awdotja wurde rot, aber
unterbrach nicht das Schweigen. Sie hatte kein einziges Wort seit dem
Augenblicke gesagt, als man über Luschin zu sprechen begann. Und
Pulcheria Alexandrowna war ohne ihre Unterstützung offenbar unschlüssig.
Schließlich sagte sie, stockend und ununterbrochen die Tochter
anblickend, daß ein Umstand sie jetzt außerordentlich beunruhige.

»Sehen Sie, Dmitri Prokofjitsch,« -- begann sie. »Ich will gegenüber
Dmitri Prokofjitsch vollkommen offen sein, Dunetschka.«

»Selbstverständlich, Mama,« -- bemerkte Awdotja Romanowna nachdrücklich.

»Sehen Sie, die Sache ist die,« -- beeilte sie sich nun, ihren Kummer
mitzuteilen, als hätte man ihr durch die Erlaubnis eine schwere Bürde
abgenommen. -- »Heute, in aller Frühe, erhielten wir von Peter
Petrowitsch einen Brief, als Antwort auf unsere gestrige Mitteilung von
unserer Ankunft. Sehen Sie, er sollte uns gestern auf dem Bahnhofe
selbst, wie er auch versprochen hatte, empfangen.

Anstatt dessen war ein Diener zu unserem Empfang auf den Bahnhof gesandt
worden, mit der Adresse von diesen möblierten Zimmern und um uns den Weg
zu zeigen. Peter Petrowitsch aber ließ uns mitteilen, daß er heute
morgen hier bei uns erscheinen werde. Anstatt dessen kam heute früh
dieser Brief von ihm ... Es ist das beste, Sie lesen ihn selbst; in ihm
ist ein Punkt, der mich sehr beunruhigt ... Sie werden selbst sofort
sehen, welchen Punkt ich meine, und ... sagen Sie mir Ihre aufrichtige
Meinung, Dmitri Prokofjitsch! Sie kennen besser als alle den Charakter
Rodjas und können uns am besten raten. Ich sage Ihnen im voraus, daß
Dunetschka schon alles vom ersten Schritt an beschlossen hat, ich aber,
ich weiß noch nicht, wie ich handeln soll und ... und wartete die ganze
Zeit auf Sie.«

Rasumichin entfaltete den Brief, der mit dem gestrigen Datum versehen
war, und las folgendes:

»Sehr verehrte Pulcheria Alexandrowna!

Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß ich infolge plötzlich
eingetretener Hindernisse Sie auf dem Bahnsteige nicht empfangen konnte,
ich sandte darum einen gewandten Menschen. Ebenso werde ich auch morgen
früh nicht die Ehre einer Zusammenkunft mit Ihnen haben können,
infolge unaufschiebbarer Angelegenheiten im Senat, und um Ihre
verwandtschaftliche Zusammenkunft mit Ihrem Sohne und Awdotja Romanownas
mit ihrem Bruder nicht zu stören. Ich will mir aber die Ehre nehmen, Sie
spätestens morgen, Punkt acht Uhr abends, aufzusuchen, um Ihnen meine
Aufwartung in Ihrer Wohnung zu machen, wobei ich mir erlaube, eine
inständige und -- ich füge hinzu -- dringende Bitte auszusprechen, daß
bei unserer gemeinsamen Zusammenkunft Rodion Romanowitsch nicht anwesend
sein soll, da er mich bei meinem gestrigen Besuche während seiner
Krankheit beispiellos und schwer gekränkt hat, und weil ich außerdem mit
Ihnen persönlich eine notwendige und ausführliche Erklärung über einen
Punkt haben möchte, über den ich Ihre eigene Deutung zu erfahren
wünsche. Ich habe die Ehre, im voraus mitzuteilen, daß, falls ich,
entgegen meiner Bitte, Rodion Romanowitsch antreffen sollte, ich
gezwungen sein würde, mich zu entfernen, woran Sie allein sich die
Schuld zuzuschreiben hätten.

Ich schreibe es in der Voraussetzung, daß Rodion Romanowitsch, der bei
meinem Besuche so schwer krank zu sein schien, nach zwei Stunden
plötzlich genas, ausgehen und also zu Ihnen kommen kann. Ich habe mich
davon mit meinen eigenen Augen überzeugt, als er gestern in der Wohnung
eines von Pferden überfahrenen Trunkenboldes, der an den Verletzungen
gestorben ist, dessen Tochter, einem Mädchen von verrufenem
Lebenswandel, etwa fünfundzwanzig Rubel aushändigte, unter dem Vorwande,
die Kosten der Beerdigung zu tragen, was mich sehr überraschte, weil ich
wußte, mit welcher Mühe Sie diese Summe erhielten. Hierbei übermittele
ich meine besondere Achtung der geehrten Awdotja Romanowna und bitte
Sie, meine achtungsvolle Ergebenheit entgegenzunehmen.

                                             Ihr untertänigster Diener
                                                          P. Luschin.«

»Was soll ich jetzt tun, Dmitri Prokofjitsch?« -- sagte Pulcheria
Alexandrowna fast weinend. -- »Wie kann ich Rodja zumuten, nicht zu
kommen? Er verlangte gestern so eindringlich die Absage an Peter
Petrowitsch, und nun verlangt man, ihn selber abzuweisen. Ja, er wird
absichtlich kommen, wenn er es erfährt und ... was geschieht dann?«

»Handeln Sie so, wie Awdotja Romanowna beschlossen hat,« -- antwortete
ruhig und sofort Rasumichin.

»Ach, mein Gott! Sie sagt ... sie sagt -- Gott weiß was, und erklärt mir
nicht den Zweck! Sie sagt, es würde am besten sein, das heißt, nicht am
besten sein, sondern es sei aus einem Grunde unbedingt nötig, daß auch
Rodja heute um acht Uhr abends bestellt werde, und daß sie unbedingt
hier einander träfen ... Und ich wollte ihm nicht einmal den Brief
zeigen, und es irgendwie durch Ihre Vermittelung einrichten, daß er
nicht herkäme ... denn er ist so gereizt ... Ja, und ich verstehe gar
nicht, was für ein Trunkenbold dort gestorben ist und was das für eine
Tochter ist, und in welcher Weise konnte er dieser Tochter das letzte
Geld abgeben ... das ...«

»Das Ihnen so teuer zu stehen kam, Mama,« -- fügte Awdotja Romanowna
hinzu.

»Er war gestern außer sich,« -- sagte Rasumichin nachdenklich. -- »Wenn
Sie erst wüßten, was er gestern in einer Restauration angerichtet hat,
es war ja klug ... hm! Von einem Verstorbenen und von einem Mädchen
sprach er tatsächlich gestern etwas zu mir, als wir nach Hause gingen,
aber ich habe kein Wort verstanden ... übrigens, war ich gestern auch
...«

»Mama, am besten gehen wir zu ihm hin und dort, versichere ich Sie,
werden wir sofort sehen, was zu tun ist. Und außerdem ist es Zeit, --
Herrgott! Es ist über zehn Uhr!« -- rief sie aus, nachdem sie einen
Blick auf ihre prachtvolle goldene Uhr mit Emaille warf, die an einer
sehr feinen venetianischen Kette um ihren Hals hing, und mit der übrigen
Kleidung gar nicht harmonierte.

»Ein Geschenk des Bräutigams,« -- dachte Rasumichin.

»Ach, es ist Zeit ... es ist Zeit, Dunetschka, es ist Zeit!« -- regte
sich Pulcheria Alexandrowna auf. »Er wird denken, daß wir ihm noch von
gestern her böse sind, weil wir solange nicht kommen. Ach, mein Gott!«

Indem sie es sagte, warf sie eilig ihre Mantille um und setzte den Hut
auf; auch Dunetschka zog sich an. Ihre Handschuhe waren nicht bloß
abgetragen, sondern sogar zerrissen, wie Rasumichin bemerkte, indessen
verlieh diese augenscheinliche Armut der Kleidung den Damen eine Art
Würde, was immer bei denen der Fall ist, die ein ärmliches Kleid zu
tragen verstehen. Rasumichin blickte voll Ehrfurcht Dunetschka an und
war stolz, daß er sie begleiten durfte. »Die Königin,« -- dachte er im
stillen, -- »die ihre Strümpfe in Gefängnissen stopfte, sah sicher in
jenem Augenblicke wie eine echte Königin aus und königlicher als zur
Zeit der prachtvollsten Feste und Empfänge.«

»Mein Gott!« -- rief Pulcheria Alexandrowna aus, -- »habe ich je
gedacht, daß ich ein Wiedersehen mit meinem Sohne, mit meinem lieben,
lieben Rodja fürchten werde, wie ich es jetzt tue! ... Ich fürchte mich,
Dmitri Prokofjitsch!« -- fügte sie hinzu und blickte ihn schüchtern an.

»Fürchten Sie sich nicht, Mama,« sagte Dunja und küßte sie, -- »glauben
Sie besser an ihn. Ich glaube.«

»Ach, mein Gott! Ich glaube auch, habe aber die ganze Nacht nicht
geschlafen!« -- rief die arme Frau aus.

Sie traten auf die Straße hinaus.

»Weißt du, Dunetschka, als ich gegen Morgen erst ein wenig einschlief,
träumte ich plötzlich von der verstorbenen Marfa Petrowna ... sie war
ganz in weiß ... sie kam auf mich zu, nahm mich an der Hand, schüttelte
den Kopf über mich, und so streng, so streng, als ob sie mich verdamme
... Ist das auch ein gutes Zeichen? Ach, mein Gott, Dmitri Prokofjitsch,
Sie wissen es noch nicht, -- Marfa Petrowna ist gestorben!«

»Nein, ich weiß es nicht. Was für eine Marfa Petrowna?«

»Nachher, Mama,« -- mischte sich Dunja ein, -- »er weiß ja noch nicht,
wer Marfa Petrowna war.«

»Ach, Sie wissen es nicht? Und ich dachte, Sie kennen schon alles.
Entschuldigen Sie mich, Dmitri Prokofjitsch, ich verliere in diesen
Tagen völlig den Verstand. Ich sehe Sie wirklich wie unsere Vorsehung
an, und darum war ich auch so überzeugt, daß Sie alles schon kennen. Ich
betrachte Sie wie einen Verwandten ... Seien Sie mir nicht böse, daß ich
so spreche. Ach, mein Gott, was ist mit Ihrer rechten Hand? Haben Sie
sie verletzt?«

»Ja, ich habe sie verletzt,« -- murmelte glückselig Rasumichin.

»Ich spreche zuweilen so offenherzig, daß Dunja mich korrigiert ...
Aber, mein Gott, in was für einer Kammer er lebt! Ist er wohl schon
aufgewacht? Und diese Frau, seine Wirtin, rechnet dies für ein Zimmer?
Hören Sie, Sie sagen, er liebt nicht, sein Herz zu zeigen, so daß ich
vielleicht ihm auch überdrüssig werden kann ... mit meinen Schwächen?
... Können Sie mir nicht sagen, Dmitri Prokofjitsch, wie ich ihm
gegenüber sein soll? Wissen Sie, ich gehe ganz wie verloren umher.«

»Fragen Sie ihn nicht zu sehr aus, wenn Sie merken, daß er das Gesicht
verzieht; besonders über seine Gesundheit fragen Sie ihn nicht zu viel,
er liebt es nicht.«

»Ach, Dmitri Prokofjitsch, wie schwer ist es, Mutter zu sein.«

»Hier ist die Treppe ... Was für eine schreckliche Treppe ...«

»Mama, Sie sind so bleich, beruhigen Sie sich, meine Liebe,« -- sagte
Dunja und schmiegte sich an sie, -- »er muß glücklich sein, Sie zu
sehen, und Sie quälen sich so,« -- fügte sie mit funkelnden Augen hinzu.

»Warten Sie, ich sehe zuerst nach, ob er aufgewacht ist.«

Die Damen folgten langsam Rasumichin, der vorher die Treppe
hinaufgegangen war, und als sie im vierten Stock an der Türe der Wirtin
vorbei gingen, bemerkten sie, daß die Türe zu deren Wohnung ganz
unbedeutend geöffnet war, und daß zwei schwarze Augen sie beide schnell
in der Dunkelheit betrachteten. Als ihre Blicke sich kreuzten, wurde die
Türe plötzlich zugeschlagen und mit solch einem Knall, daß Pulcheria
Alexandrowna vor Schreck beinahe aufgeschrien hätte.


                                  III.

»Er ist gesund, gesund!« -- rief den Eintretenden Sossimoff fröhlich zu.

Er war schon vor zehn Minuten gekommen und saß in seiner gestrigen Ecke
auf dem Sofa. Raskolnikoff saß in der andern Ecke ihm gegenüber,
vollkommen angekleidet und frisch gewaschen und gekämmt, was schon lange
nicht mehr vorgekommen war. Das Zimmer war mit einem Male voll, aber
Nastasja fand doch Zeit, den Besuchern zu folgen, um zuzuhören.

In der Tat, Raskolnikoff war fast gesund, besonders im Vergleiche mit
gestern, er war bloß sehr blaß, zerstreut und düster. Dem Äußeren nach
glich er einem Verwundeten oder einem, der einen starken physischen
Schmerz duldet, -- seine Augenbrauen waren zusammengezogen, die Lippen
aufeinander gepreßt und der Blick fieberhaft. Er sprach wenig und
widerwillig, wie mit großer Anstrengung oder als erfülle er eine
Pflicht, und eine Unruhe zeigte sich zuweilen in seinen Bewegungen.

Es fehlte bloß die Binde um den Arm oder ein Verband um den Finger, um
die völlige Ähnlichkeit mit einem Verletzten vollzumachen.

Aber dieses bleiche und düstere Gesicht erhellte sich auf einen
Augenblick, als Mutter und Schwester eintraten, aber sein Gesicht nahm
rasch statt der früheren düsteren Zerstreutheit den Ausdruck innerer
Pein an, und Sossimoff, der seinen Patienten mit dem ganzen Eifer des
Anfängers beobachtete und studierte, bemerkte voll Verwunderung, statt
Freude über die Ankunft der Verwandten, die mühsam versteckte
Entschlossenheit, eine mehrstündige Folterqual zu ertragen, die man
nicht umgehen kann. Er sah später, wie fast jedes Wort der
nachträglichen Unterhaltung irgendeine Wunde seines Patienten zu
berühren und aufzuwühlen schien, gleichzeitig aber war er wieder
erstaunt, wie dieser heute verstand, sich zu bemeistern und seine
Gefühle zu verbergen, -- der gestrige Monomane, der wegen des geringsten
Wortes fast in Raserei geriet.

»Ja, ich sehe jetzt selbst, daß ich fast gesund bin,« sagte
Raskolnikoff, und küßte die Mutter und die Schwester freundlich, worüber
Pulcheria Alexandrowna in Entzücken geriet, »und ich spreche nicht mehr
wie _gestern_,« fügte er hinzu, sich an Rasumichin wendend, und drückte
ihm freundschaftlich die Hand.

»Ich habe mich heute nicht wenig über ihn gewundert,« begann Sossimoff,
der über die Eingetretenen sehr erfreut war, weil er in den zehn Minuten
den Faden des Gespräches mit seinem Kranken schon verloren hatte. »Nach
drei oder vier Tagen, wenn es so weiter geht, wird alles beim alten
sein, das heißt, wie es vor einem oder zwei Monaten ... vielleicht auch
vor drei Monaten war. Es hat sich doch seit langem vorbereitet und
entwickelt ... ah? Wollen Sie jetzt eingestehen, daß Sie selbst
vielleicht mit daran schuld waren?« fügte er mit einem vorsichtigen
Lächeln hinzu, als fürchte er, ihn schon dadurch zu reizen.

»Es ist sehr möglich,« antwortete Raskolnikoff kalt.

»Ich sage es nur aus dem Grunde,« fuhr Sossimoff fort, »weil Ihre
völlige Genesung jetzt hauptsächlich von Ihnen allein abhängt. Jetzt, wo
man mit Ihnen reden kann, möchte ich Ihnen vorhalten, daß es notwendig
ist, die ursprünglichen, sozusagen die Grundursachen zu beseitigen, die
Ihren Krankheitszustand hervorgerufen haben, dann werden Sie auch
genesen, sonst kann es wieder schlimmer werden. Diese ursprünglichen
Ursachen kenne ich nicht, aber Ihnen müssen Sie bekannt sein. Sie sind
ein kluger Mensch und haben sich selbst sicher beobachtet. Mir scheint,
der Anfang Ihrer Krankheit fällt teilweise mit Ihrem Austritt aus der
Universität zusammen. Sie dürfen nicht ohne Beschäftigung sein, und
darum können Arbeit und ein fest vorgenommenes Ziel, wie mich dünkt,
Ihnen von sehr großem Werte sein.«

»Ja, ja, Sie haben vollkommen recht ... ich will sofort die Universität
besuchen, und dann wird alles ... wie geschmiert gehen ...«

Sossimoff, der seine klugen Ratschläge teilweise wegen der Wirkung auf
die Damen erteilt hatte, war natürlich verblüfft, als er seine Rede
beendete und auf dem Gesicht seines Zuhörers einen entschieden
spöttischen Ausdruck bemerkte. Das währte übrigens nur einen Augenblick.
Pulcheria Alexandrowna begann sofort, Sossimoff zu danken, besonders für
seinen Nachtbesuch im Hotel.

»Wie, er ist in der Nacht bei euch gewesen?« fragte Raskolnikoff
anscheinend beunruhigt. »Also habt ihr auch nach der Reise nicht
geschlafen?«

»Ach, Rodja, das war doch vor zwei Uhr. Wir haben uns auch zu Hause
nicht früher als um zwei Uhr schlafen gelegt.«

»Ich weiß nicht, wie ich ihm danken soll,« fuhr Raskolnikoff finster
fort und den Blick senkend, »abgesehen von der Geldfrage --
entschuldigen Sie, daß ich es erwähnte« (er wandte sich an Sossimoff),
»ich weiß gar nicht, wodurch ich so eine besondere Aufmerksamkeit
Ihrerseits verdient habe? Ich verstehe es einfach nicht ... und ... es
lastet auf mir sogar, weil es mir unverständlich ist, -- ich sage es
Ihnen ganz offen --.«

»Werden Sie nur nicht gereizt,« lachte Sossimoff gezwungen. »Stellen Sie
sich vor, daß Sie mein erster Patient sind, nun, und unsereiner, der
soeben zu praktizieren anfängt, liebt seine ersten Patienten wie eigene
Kinder, und manche sogar verlieben sich in sie. Und ich bin an Patienten
nicht reich.«

»Ich will gar nicht reden von dem dort,« fügte Raskolnikoff hinzu und
wies auf Rasumichin, »auch er hat außer Kränkungen und Sorgen nichts von
mir erfahren.«

»Was er faselt! Bist du etwa heute in einer gerührten Stimmung?« rief
Rasumichin.

Wenn er etwas scharfsinniger gewesen wäre, hätte er gesehen, daß hier
nichts von einer gerührten Stimmung da war, eher das Gegenteil. Awdotja
Romanowna aber hatte es gemerkt. Sie beobachtete durchdringend und voll
Unruhe den Bruder.

»Von Ihnen, Mama, wage ich nicht zu sprechen,« fuhr er fort, als sage er
etwas vorher auswendig Gelerntes auf. »Heute erst konnte ich
einigermaßen einsehen, wie Sie sich gestern hier in Erwartung meiner
Rückkehr gequält haben müssen.«

Dann reichte er plötzlich stumm und mit einem Lächeln der Schwester die
Hand. In diesem Lächeln schimmerte ein wahres, unverfälschtes Gefühl.
Dunja erfaßte sofort, erfreut und dankbar, die ausgestreckte Hand und
drückte sie innig. Zum erstenmal wandte er sich an sie nach dem
gestrigen Zerwürfnis. Das Gesicht der Mutter leuchtete vor Entzücken und
Glück beim Anblick dieser endgültigen und wortlosen Aussöhnung zwischen
Bruder und Schwester.

»Dafür liebe ich ihn!« flüsterte, sich energisch auf dem Stuhle wendend,
Rasumichin, der sich leicht begeisterte. »Er hat solche Regungen! ...«

»Und wie alles sich bei ihm gut macht,« dachte die Mutter, »was für edle
Regungen er hat, und wie schlicht und zart er das gestrige
Mißverständnis mit der Schwester beseitigt hat -- nur dadurch, daß er
ihr die Hand im richtigen Augenblicke reichte und sie lieb anblickte ...
Und was für schöne Augen er hat und wie schön das ganze Gesicht ist ...
Er ist sogar schöner als Dunetschka ... Aber, mein Gott, was für einen
Anzug hat er an, wie schrecklich ist er gekleidet! Der Markthelfer
Wassja im Laden Atanassi Iwanowitsch ist besser gekleidet! ... Und ich
möchte mich ihm an den Hals werfen und ihn umarmen, und ... weinen --
aber ich fürchte mich, ich fürchte ... wie er es auffassen könnte, oh
Gott! Er spricht wohl freundlich, aber ich fürchte mich! Nun, warum
fürchte ich mich? ...«

»Ach, Rodja, du wirst nicht glauben,« beeilte sie sich plötzlich, seine
Bemerkung zu beantworten, »wie wir gestern, ich und Dunetschka ...
unglücklich waren! Jetzt, wo alles vorüber und beendet ist, und wir alle
wieder glücklich sind, -- kann man es sagen. Stell dir vor, wir laufen
hierher, um dich zu umarmen, fast direkt von der Eisenbahn, und diese
Frau, -- ah, da ist sie auch! Guten Tag, Nastasja! ... Sie sagt uns
plötzlich, daß du im starken Fieber liegst und daß du soeben ohne Wissen
des Arztes im Fieber weggelaufen seist, und daß man dich suchen gegangen
sei. Du glaubst nicht, wie das uns traf! Ich stellte mir sofort vor, wie
der Leutnant Potantschikoff, unser Bekannter, ein Freund deines Vaters,
-- du kannst dich seiner nicht erinnern, Rodja -- tragisch endete, er
hatte auch starkes Fieber und war in derselben Weise weggelaufen und in
einen Brunnen im Hofe hineingefallen, am anderen Tage erst konnte man
ihn herausziehen. Und wir haben es uns selbstverständlich noch schwärzer
ausgemalt. Wir wollten hinausstürzen und Peter Petrowitsch suchen, um
mit seiner Hilfe wenigstens ... denn wir waren allein, vollkommen
allein,« sagte sie mit kläglicher Stimme und verstummte plötzlich, als
sie sich erinnerte, daß es noch ziemlich gefährlich sei, über Peter
Petrowitsch zu sprechen, ungeachtet dessen, »daß alle schon wieder
vollkommen glücklich sind.«

»Ja, ja ... das alles ist sicher ärgerlich ...« murmelte Raskolnikoff,
aber mit solch einem zerstreuten und fast unaufmerksamen Ausdrucke, daß
Dunetschka ihn voll Erstaunen ansah.

»Was wollte ich doch sagen,« fuhr er fort und versuchte sich zu
besinnen, »ja, -- bitte, Mama, und du, Dunetschka, denkt nicht, daß ich
nicht als erster heute zu euch kommen wollte und etwa auf euren Besuch
wartete.«

»Ja, was fällt dir ein, Rodja!« rief Pulcheria Alexandrowna, die jetzt
auch erstaunte, aus.

»Weshalb spricht er so konventionell?« dachte Dunetschka. »Er söhnt sich
aus und bittet um Verzeihung, als erfülle er eine Pflicht oder sage das
Gelernte auf!«

»Ich bin soeben aufgewacht und wollte zu euch gehen, aber mich hielten
meine Kleider auf; ich hatte vergessen, ihr ... Nastasja zu sagen ...
dieses Blut auszuwaschen ... Jetzt, soeben erst habe ich mich
angezogen.« --

»Blut! Was für Blut?« sagte Pulcheria Alexandrowna erschrocken.

»Es ist nichts ... regen Sie sich nicht auf. Das Blut kommt daher, weil
ich, als ich gestern besinnungslos herumirrte, auf einen überfahrenen
Menschen stieß ... auf einen Beamten ...«

»Besinnungslos? Aber du erinnerst dich an alles,« unterbrach ihn
Rasumichin.

»Das ist richtig,« antwortete ihm Raskolnikoff mit Bedacht, »ich
erinnere mich an alles, bis auf die geringste Kleinigkeit, aber dennoch,
denk dir, -- warum ich das getan und dort gewesen bin und jenes gesagt
habe, -- kann ich mir nicht erklären.«

»Das ist eine sehr bekannte Tatsache,« mischte sich Sossimoff ein,
»zuweilen ist die Ausführung einer Sache meisterlich, glänzend, die
Direktion der Handlungen aber, der Ursprung der Handlungen, ist dunkel
und hängt von allerhand krankhaften Empfindungen ab. Es ist wie im
Traume.«

»Es ist vielleicht gut, daß er mich beinahe für einen Irrsinnigen hält,«
dachte Raskolnikoff.

»Aber das kann man vielleicht auch von Gesunden sagen,« bemerkte
Dunetschka und sah Sossimoff besorgt an.

»Ihre Bemerkung ist ziemlich richtig,« antwortete er, »in diesem Sinne
gleichen wir fast alle tatsächlich und sehr oft Verrückten, nur mit dem
kleinen Unterschiede, daß die >Kranken< ein bißchen mehr verrückt sind
als wir, man muß hier eine Grenze festhalten. Einen ganz harmonischen
Menschen aber, -- das ist wahr, -- gibt es fast nicht; auf Zehntausende,
vielleicht aber auch auf viele Hunderttausende findet man einen ...«

Bei dem Worte »verrückt,« das Sossimoff unvorsichtigerweise
entschlüpfte, als er auf sein Lieblingsthema zu sprechen kam, verzogen
alle die Gesichter. Raskolnikoff saß in Gedanken und mit einem seltsamen
Lächeln auf den bleichen Lippen da, als schenke er dem keine
Aufmerksamkeit. Er fuhr fort etwas zu erwägen.

»Nun, was ist mit dem Überfahrenen? Ich habe dich unterbrochen!« rief
schnell Rasumichin.

»Was?« schien er zu erwachen, »ja ... nun, da habe ich mich mit Blut
beschmutzt, als ich half, ihn in seine Wohnung zu tragen ... Ja, Mama,
ich habe gestern etwas Unverzeihliches getan, -- ich war wirklich nicht
bei Verstand. Ich habe gestern alles Geld, das Sie mir geschickt haben,
... seiner Frau ... zur Beerdigung gegeben. Sie ist jetzt Witwe, eine
schwindsüchtige, beklagenswerte Frau ... drei kleine Kinder, Waisen,
hungrig ... im Hause ist nichts ... und es ist noch eine Tochter da ...
Vielleicht hätten Sie auch selbst gegeben, wenn Sie gesehen hätten ...
Ich hatte übrigens gar kein Recht, ich gestehe es ein, besonders weil
ich weiß, wie Sie dieses Geld sich verschafft haben. Um zu helfen, muß
man erst ein Recht dazu haben, sonst -- >_Crevez, chiens, si vous n'êtes
pas contents_{[3]}<.« Er lachte. »Ist es nicht wahr, Dunja?«

»Nein, es ist nicht wahr,« antwortete Dunja fest.

»Bah! Auch du hast ... Ansichten! ...« murmelte er und blickte sie fast
mit Haß an und lächelte spöttisch. »Ich hätte dies in Betracht ziehen
müssen ... Nun, was ist dabei, es ist lobenswert und für dich besser ...
und wenn du bis zu einer Grenze kommst, die du nicht übertreten kannst
-- wirst du unglücklich sein, und wenn du sie überschreitest, -- wirst
du vielleicht noch unglücklicher sein ... Übrigens aber, dies ist alles
Unsinn!« fügte er gereizt hinzu, ärgerlich über seine unwillkürliche
Offenheit. »Ich wollte bloß sagen, daß ich Sie, Mama, um Verzeihung
bitte,« schloß er scharf und bündig.

»Aber Rodja, ich bin überzeugt, daß alles, was du tust, gut ist!« sagte
erfreut die Mutter.

»Seien Sie nicht davon überzeugt,« antwortete er und verzog den Mund zu
einem Lächeln.

Ein Schweigen trat ein. Etwas Gespanntes lag in diesem ganzen Gespräche
und im Schweigen, wie auch in der Versöhnung und Verzeihung, und alle
fühlten es.

»Als ob sie sich vor mir fürchteten,« dachte Raskolnikoff und blickte
die Mutter und die Schwester unter der gesenkten Stirn hervor an.

Pulcheria Alexandrowna wurde immer ängstlicher, je länger sie schwieg.

»Aus der Ferne schien sie doch zu lieben,« durchzuckte es ihn.

»Weißt du, Rodja, Marfa Petrowna ist gestorben!« platzte plötzlich
Pulcheria Alexandrowna heraus.

»Was für eine Marfa Petrowna?«

»Ach, mein Gott, Marfa Petrowna Sswidrigailowa! Ich habe dir so viel
über sie geschrieben.«

»Ach, ja ich erinnere mich ... also sie ist gestorben? Ach, in der Tat?«
fuhr er plötzlich auf, als sei er erwacht. »Ist sie wirklich gestorben?
Woran denn?«

»Stell dir vor, ganz plötzlich!« beeilte sich Pulcheria Alexandrowna ihm
zu antworten, ermutigt durch seine Neugier, »und gerade in der Zeit, als
ich dir den Brief schickte, sogar an demselben Tage! Denk dir, dieser
schreckliche Mensch scheint auch die Ursache ihres Todes zu sein. Man
erzählt, er habe sie furchtbar verprügelt!«

»Leben sie denn in dieser Weise?« fragte er, sich an die Schwester
wendend.

»Nein, im Gegenteil. Er war ihr gegenüber stets sehr geduldig und
höflich. In vielen Fällen sogar zu duldsam ihrer Art gegenüber, volle
sieben Jahre ... Mit einem Male scheint er die Geduld verloren zu
haben.«

»Also ist er gar nicht so schrecklich, wenn er sieben Jahre ausgehalten
hat? Du scheinst ihn, Dunetschka, zu entschuldigen?«

»Nein, nein, er ist ein schrecklicher Mensch! Ich kann mir nichts
Schrecklicheres vorstellen,« antwortete Dunja fast erbebend, zog die
Augenbrauen zusammen und wurde nachdenklich.

»Es geschah am Morgen,« fuhr Pulcheria Alexandrowna eilig fort. »Dann
befahl sie, sofort anzuspannen, um gleich nach dem Mittagessen in die
Stadt zu fahren, weil sie stets in solchen Fällen in die Stadt fuhr; sie
aß zu Mittag, wie man sagt, mit großem Appetit ...«

»Verprügelt, wie sie war?«

»... Sie hatte übrigens auch immer diese ... Angewohnheit, und kaum als
sie gegessen hatte, ging sie, um nicht zu spät abzufahren, sofort in die
Badestube ... Siehst du, sie nahm aus Gesundheitsrücksichten Bäder; sie
haben dort eine kalte Quelle, und sie badete dort jeden Tag, und als sie
ins Wasser stieg, traf sie plötzlich der Schlag!«

»Kein Wunder,« sagte Sossimoff.

»Und hat er sie stark verprügelt?«

»Das ist aber doch gleichgültig,« sagte Dunja.

»Hm. Übrigens, was haben Sie für ein Vergnügen, Mama, solch einen Unsinn
zu erzählen,« kam es gereizt und plötzlich von den Lippen Raskolnikoffs.

»Ach, mein Freund, ich wußte nicht mehr, worüber ich sprechen soll,«
sagte Pulcheria Alexandrowna.

»Ja, was ist das, fürchtet ihr mich etwa?« sagte er mit einem
gezwungenen Lächeln.

»Das ist wahr,« antwortete Dunja und sah den Bruder offen und streng an.
»Als Mama die Treppe hinaufging, schlug sie sogar ein Kreuz vor Angst.«

Sein Gesicht verzog sich wie im Krampf.

»Ach, Dunja, was ist mit dir! Sei nicht böse, Rodja, ich bitte dich ...
Warum hast du das gesagt, Dunja!« sagte Pulcheria Alexandrowna verlegen,
»das ist wahr, als ich hierherreiste, träumte ich den ganzen Weg, wie
wir uns wiedersehen, wie wir einander alles erzählen werden ... und war
so glücklich, daß ich die Reise nicht einmal belästigend fand! Ja, was
sage ich! Ich bin auch jetzt glücklich ... Du hast unrecht, Dunja ...
Ich bin schon allein dadurch glücklich, daß ich dich sehe, Rodja ...«

»Lassen Sie es, Mama,« murmelte er in Verlegenheit und drückte ihr die
Hand ohne sie anzublicken, »wir werden schon Zeit haben uns
auszusprechen.«

Nachdem er das gesagt hatte, wurde er wieder verlegen und erbleichte, --
wieder durchzog eine kurze schreckliche Empfindung in toter Kälte seine
Seele, wieder wurde es ihm plötzlich vollkommen klar, daß er soeben eine
furchtbare Lüge gesagt hatte, daß er nie wieder sich aussprechen könne,
daß er nie mehr, niemals und mit niemandem, überhaupt _sprechen_ dürfe.
Der Eindruck dieses qualvollen Gedankens war so stark, daß er auf einen
Moment sich fast vergaß, von seinem Platze aufstand und ohne jemand
anzublicken, aus dem Zimmer zu gehen im Begriffe war.

»Was ist dir?« rief Rasumichin und faßte ihn an der Hand.

Er setzte sich wieder hin und begann sich schweigend umzusehen; alle
blickten ihn befremdet an.

»Ja, warum seid ihr alle so langweilig!« rief er plötzlich, ganz
unerwartet. »Sagt doch etwas! Warum sitzen wir so herum! Nun, so redet
doch! Wollen wir uns unterhalten ... Sind zusammengekommen und schweigen
... redet doch etwas!«

»Gott sei dank! Ich dachte, mit ihm geschieht irgend etwas wie gestern,«
sagte Pulcheria Alexandrowna und bekreuzigte sich.

»Was ist mit dir, Rodja?« fragte Awdotja Romanowna mißtrauisch.

»Nichts, ich denke gerade an etwas Komisches,« antwortete er und lachte
plötzlich.

»Nun, wenn es etwas Komisches ist, so ist es gut! Ich dachte beinahe
selbst ...« murmelte Sossimoff und erhob sich vom Sofa. »Ich muß jetzt
gehen; ich komme noch einmal her, vielleicht ... wenn ich Sie antreffe
...« Er verabschiedete sich und ging hinaus.

»Welch ein prächtiger Mensch!« bemerkte Pulcheria Alexandrowna.

»Ja, er ist prächtig, ausgezeichnet, gebildet, klug ...« sagte plötzlich
Raskolnikoff schnell und mit einer an ihm nicht gewohnten Lebhaftigkeit,
»ich erinnere mich nicht, daß ich ihn vor meiner Krankheit getroffen
hätte ... und doch ist mir, als hätte ich ihn irgendwo schon getroffen
... Dieser da ist auch ein guter Mensch!« er wies mit dem Kopfe auf
Rasumichin, -- »gefällt er dir, Dunja?« fragte er sie und lachte
plötzlich, ohne daß man wußte warum.

»Er gefällt mir sehr,« antwortete Dunja.

»Pfui, wie ... gemein du bist!« sagte Rasumichin furchtbar verlegen und
errötend und stand vom Stuhle auf.

Pulcheria Alexandrowna lächelte ein wenig und Raskolnikoff lachte laut.

»Wohin willst du denn?«

»Ich muß auch ... gehen.«

»Du mußt gar nicht, bleibe hier! Sossimoff ist fortgegangen und da mußt
du auch gehen? Bleib nur. Wieviel Uhr ist es? Ist es schon zwölf? Was du
für eine nette Uhr hast, Dunja! Ja, warum schweigt ihr wieder? Bloß ich,
ich allein rede die ganze Zeit! ...«

»Die Uhr ist ein Geschenk von Marfa Petrowna,« antwortete Dunja.

»Und eine sehr teure Uhr,« fügte Pulcheria Alexandrowna hinzu.

»So--o! Wie groß ist sie, fast keine Damenuhr mehr.«

»Ich habe solche gern,« sagte Dunja.

»Also, es ist kein Geschenk vom Bräutigam,« dachte Rasumichin und wurde
froh darüber.

»Ich dachte, sie ist ein Geschenk von Luschin,« bemerkte Raskolnikoff.

»Nein, er hat Dunetschka noch nichts geschenkt.«

»So--o! Erinnern Sie sich noch, Mama, daß ich verliebt war und heiraten
wollte,« sagte er plötzlich und sah die Mutter an, die von der
unerwarteten Bemerkung und dem Tone, mit dem er sprach, betroffen war.

»Ach, mein Freund, ja ich erinnere mich!« Pulcheria Alexandrowna
wechselte mit Dunetschka und Rasumichin einen Blick.

»Hm! Ja! Was soll ich Ihnen erzählen? Ich erinnere mich dessen ganz
wenig. Sie war ein sehr krankes Mädchen,« fuhr er fort, anscheinend
wieder in Gedanken versunken und mit gesenktem Blicke, »ganz krank war
sie; sie liebte Almosen zu geben und träumte immer vom Kloster, und
einmal weinte sie arg, als sie mir davon erzählte. Ja, ja ... ich
erinnere mich ... ich erinnere mich dessen gut. Sie sah so ... häßlich
aus. Ich weiß wirklich nicht, warum ich damals eine Neigung zu ihr
faßte, vielleicht weil sie immer krank war ... Wäre sie noch lahm oder
buckelig gewesen, ich hätte sie dann, glaube ich, noch mehr geliebt ...«
(er lächelte nachdenklich). »Es war so ... ein Frühlingstraum ...«

»Nein, es war nicht allein ein Frühlingstraum,« sagte Dunetschka innig.

Er blickte aufmerksam und durchdringend die Schwester an, ohne ihre
Worte recht gehört oder gar verstanden zu haben. Dann stand er in tiefem
Nachdenken auf, trat an die Mutter heran, küßte sie, kehrte auf seinen
Platz zurück und setzte sich wieder.

»Du liebst sie auch jetzt noch!« sagte Pulcheria Alexandrowna gerührt.

»Sie? Jetzt? Ach ja ... Sie meinen sie! Nein. All das ist jetzt wie aus
einer anderen Welt ... und so lange her. Ja und alles, was hier rings um
mich geschieht, ist, als geschähe es nicht hier ...«

Er blickte sie aufmerksam an.

»Auch euch ... ich sehe euch, wie tausend Werst weit von hier ... Ja,
und zum Teufel, warum sprechen wir darüber! Und warum fragt ihr mich
aus?« fügte er ärgerlich hinzu und verstummte, kaute an den Fingernägeln
und wurde von neuem nachdenklich.

»Wie schlecht deine Wohnung ist, Rodja, sie ist wie ein Sarg,« sagte
plötzlich Pulcheria Alexandrowna, das peinliche Schweigen unterbrechend,
»ich bin überzeugt, daß zur Hälfte dich diese Wohnung zu einem
Melancholiker gemacht hat.«

»Die Wohnung? ...« antwortete er zerstreut. »Ja, diese Wohnung hat viel
dazu beigetragen ... ich habe es auch gedacht ... Wenn Sie aber wüßten,
welchen merkwürdigen Gedanken Sie soeben aussprachen,« fügte er
plötzlich hinzu und lächelte eigentümlich.

Noch ein Weniges, und diese Gesellschaft, seine nächsten Verwandten, die
er nach dreijähriger Trennung wiedersah, und diese Art von Gesprächen,
die kein Thema festzuhalten vermochten, mußten ihm schließlich ganz
unerträglich werden. Es gab jedoch noch eine unaufschiebbare
Angelegenheit, die heute noch, so oder so, aber unbedingt entschieden
werden sollte, -- so hatte er vorhin schon, als er erwachte,
beschlossen. Jetzt freute er sich darüber, wie über einen Ausweg.

»Höre, Dunja,« begann er ernst und trocken, »ich bitte
selbstverständlich wegen des Gestrigen um Verzeihung, aber ich halte es
für meine Pflicht, dich noch einmal zu erinnern, daß ich von meinem
Hauptverlangen nicht zurücktrete. Entweder ich oder Luschin. Mag ich ein
Schuft sein, du aber darfst es nicht werden. Einer allein. Wenn du
Luschin heiratest, höre ich sofort auf, dich als meine Schwester
anzusehen.«

»Rodja, Rodja! Das ist doch dasselbe wie gestern,« rief Pulcheria
Alexandrowna kummervoll aus, »und warum nennst du dich immer einen
Schuft, ich kann es nicht ertragen! Auch gestern war dasselbe ...«

»Bruder,« antwortete Dunja fest und ebenso trocken, »in alledem liegt
ein Irrtum deinerseits. Ich habe es heute überlegt und den Irrtum
gefunden. Die Hauptsache ist, daß du, wie es mir scheint, denkst, ich
bringe mich jemandem und um jemandes willen zum Opfer. Das ist nicht
richtig. Ich heirate nur meinethalben, weil mir das Leben so zu führen
selbst schwer fällt; dann aber will ich auch sicher froh sein, wenn es
mir gelingen sollte, meinen Verwandten nützlich zu sein, zu meinem
Entschlusse aber ist dies nicht der hauptsächlichste Beweggrund ...«

»Sie lügt!« dachte er und kaute vor Wut an seinen Nägeln. »Sie ist
stolz! Sie will es nicht eingestehen, daß sie Wohltaten erweisen möchte!
Oh, diese niedrigen Charaktere! Sie lieben, als haßten sie ... Oh, wie
ich sie alle ... hasse!«

»Mit einem Worte, ich heirate Peter Petrowitsch,« fuhr Dunetschka fort,
»weil ich von zwei Übeln das kleinste wähle. Ich habe die Absicht, alles
ehrlich zu erfüllen, was er von mir erwartet, also betrüge ich ihn nicht
... Warum lächelst du jetzt?«

Sie errötete und in ihren Augen blitzte der Zorn.

»Du willst alles erfüllen?« fragte er mit einem giftigen Lächeln.

»Bis zu einer gewissen Grenze. Die Art und die Form des Antrages von
Peter Petrowitsch haben mir sofort gezeigt, was er braucht. Er schätzt
sich gewiß vielleicht zu hoch ein, aber ich hoffe, daß er auch mich
schätzt ... Warum lachst du wieder?«

»Und warum errötest du wieder? Du lügst, Schwester, du lügst bewußt,
bloß aus weiblichem Eigensinn, um nur auf deinem Willen vor mir zu
bestehen ... Du kannst Luschin nicht achten, -- ich habe ihn gesehen und
mit ihm gesprochen. Also, verkaufst du dich für Geld und also handelst
du in jedem Falle niedrig, und ich freue mich, daß du wenigstens noch
erröten kannst!«

»Es ist nicht wahr, ich lüge nicht! ...« rief Dunetschka, ihre ganze
Kaltblütigkeit verlierend, »ich würde ihn nicht heiraten, wenn ich nicht
überzeugt wäre, daß er mich schätzt und auf mich etwas gibt; ich würde
ihn nicht heiraten, wenn ich nicht fest überzeugt wäre, daß ich ihn
selbst achten kann. Zum Glück kann ich mich davon sicher und heute noch
überzeugen. Und solch eine Heirat ist keine Schuftigkeit, wie du sagst!
Und wenn du auch recht hättest, wenn ich tatsächlich mich zu einer
Schuftigkeit entschlossen hätte, -- ist es dann nicht grausam von dir,
so mit mir zu sprechen? Warum verlangst du von mir ein Heldentum, das du
vielleicht selbst nicht hast? Das ist Despotismus, das ist
Gewalttätigkeit! Wenn ich jemand zugrunde richte, doch höchstens mich
selbst ... Ich habe noch niemanden getötet ... Warum schaust du mich so
an? Warum bist du so bleich geworden? Rodja, was ist dir? Rodja, lieber
...«

»Herrgott! Sie hat ihn bis zur Ohnmacht gebracht!« -- rief Pulcheria
Alexandrowna aus.

»Nein, nein ... das ist Unsinn ... es ist nichts! ... Der Kopf
schwindelt mir nur ein wenig. Es ist keine Ohnmacht ... Ihr wittert
überall Ohnmachten ... Hm! ja ... was wollte ich sagen? Ja, -- wie
willst du dich heute überzeugen, daß du ihn achten kannst, und daß er
dich ... schätzt etwa, wie du sagtest? Du sagtest, schien mir, heute?
Oder habe ich mich verhört?«

»Mama, zeigen Sie dem Bruder den Brief von Peter Petrowitsch,« -- sagte
Dunetschka.

Pulcheria Alexandrowna reichte ihm mit zitternden Händen den Brief. Er
nahm ihn mit großer Neugierde. Ehe er ihn aber öffnete, blickte er
plötzlich verwundert Dunetschka an.

»Sonderbar,« -- sagte er langsam, als wäre er durch einen neuen Gedanken
überrascht, »warum rege ich mich so auf? Warum dieses ganze Geschrei?
Heirate, wen du willst!«

Er sagte es scheinbar für sich selbst, sprach es aber laut aus und
blickte eine Weile die Schwester wie verblüfft an.

Er öffnete endlich den Brief, wobei er immer noch den Ausdruck einer
seltsamen Verwunderung behielt; dann begann er langsam und aufmerksam zu
lesen und las den Brief zweimal. Pulcheria Alexandrowna war in großer
Unruhe, auch die anderen erwarteten etwas Besonderes.

»Mich wundert es,« -- begann er nach einigem Nachdenken und gab den
Brief der Mutter zurück, wandte sich aber zu keinem einzelnen, -- »er
führt doch Prozesse, ist Advokat, und seine Weise zu sprechen hat auch
so einen ... Anstrich, -- aber wie ungebildet er schreibt.« Alle rührten
sich, das hatten sie nicht erwartet.

»Sie schreiben doch alle so,« -- bemerkte Rasumichin kurz.

»Hast du den Brief gelesen?«

»Ja.«

»Wir haben ihn gezeigt, Rodja, wir ... haben vorhin uns beratschlagt,«
-- begann Pulcheria Alexandrowna verlegen.

»Es ist eigentlich der Gerichtsstil,« -- unterbrach Rasumichin, --
»Gerichtspapiere werden heute noch so geschrieben.«

»Gerichtsstil? Ja, wirklich, Gerichtsstil, Geschäftsstil ... Er ist
nicht ganz ungebildet geschrieben und auch nicht sehr literarisch; ein
Geschäftsbrief!«

»Peter Petrowitsch verheimlicht auch nicht, daß er wenig gelernt hat,
und ist sogar stolz darauf, daß er seinen Weg selbst gemacht hat,« --
bemerkte Awdotja Romanowna, neuerlich durch den Ton des Bruders
gekränkt.

»Nun, wenn er stolz darauf ist, hat er auch ein Recht dazu, -- ich
widerspreche nicht. Du, Schwester, scheinst gekränkt zu sein, daß ich
aus dem ganzen Brief nur so eine frivole Schlußfolgerung gezogen habe,
und meinst, daß ich absichtlich über solche Kleinigkeiten gesprochen
habe, um mich über dich aus Ärger lustig zu machen. Im Gegenteil, mir
kam in bezug des Stils ein in diesem Falle nicht ganz überflüssiger
Gedanke. In dem Briefe ist ein Ausdruck -- >woran Sie allein sich die
Schuld zuzuschreiben hätten<, der sehr bedeutungsvoll und klar
hingesetzt ist, und außerdem enthält der Brief die Drohung, daß er
sofort fortgehen werde, wenn ich hinkomme. Diese Drohung fortzugehen,
ist gleichbedeutend der Drohung, euch beide zu verlassen, wenn ihr
unfolgsam sein werdet, und gerade jetzt zu verlassen, wo er euch nach
Petersburg gebracht hat. Nun, was meinst du, -- kann man durch solch
einen Ausdruck seitens Luschins ebenso gekränkt sein, wie wenn er es
geschrieben hätte« -- (er zeigte auf Rasumichin) -- »oder Sossimoff oder
einer von uns?«

»N--nein,« -- antwortete Dunetschka, -- »ich habe sehr gut verstanden,
daß es zu naiv ausgedrückt ist, und daß er vielleicht bloß nicht
versteht zu schreiben ... Das hast du gut beurteilt, Bruder. Ich habe
das nicht mal erwartet ...«

»Das ist in Gerichtssprache ausgedrückt und im Gerichtsstil kann man es
anders nicht schreiben, und es ist gröber herausgekommen, als er
vielleicht wollte. Übrigens, ich muß dich ein wenig enttäuschen, -- in
diesem Briefe gibt es noch eine Äußerung, eine Verleumdung in bezug auf
mich, und eine ziemlich gemeine. Ich habe das Geld gestern der Witwe,
einer schwindsüchtigen und niedergeschmetterten Frau, gegeben, und nicht
unter dem Vorwande, die Beerdigungskosten zu tragen, sondern einfach zur
Beerdigung, auch nicht der Tochter, -- einem Mädchen, wie er schreibt,
>von verrufenem Lebenswandel< -- und die ich gestern zum ersten Male in
meinem Leben gesehen habe, sondern tatsächlich der Witwe. In diesem
allen sehe ich den zu eiligen Wunsch, mich mit Schmutz zu bewerfen und
mit euch zu verzwisten. Es ist wiederum in der Gerichtssprache
ausgedrückt, das heißt mit einer zu deutlichen Klarlegung des Zweckes
und einer sehr naiven Eile. Er ist ein kluger Mann, aber um klug zu
handeln genügt nicht, nur Verstand zu haben. Dies alles zeigt den
Menschen und ... ich glaube nicht, daß er dich hochschätzt. Ich teile es
dir nur zur Belehrung mit, denn ich wünsche aufrichtig dein Gutes ...«

Dunetschka antwortete nicht; ihr Entschluß war schon vorhin gefaßt, sie
erwartete bloß den Abend.

»Wie entschließt du dich denn, Rodja?« -- fragte Pulcheria Alexandrowna,
noch mehr beunruhigt als vorhin, durch den plötzlichen, neuen,
_geschäftlichen_ Ton seiner Rede.

»Was heißt -- entschließest du dich?« --

»Peter Petrowitsch schreibt doch, daß du heute abend nicht bei uns sein
sollst, und daß er fortgehen werde ... wenn du doch kommen solltest.
Also, wie ... wirst du kommen?«

»Die Entscheidung hierüber kommt doch selbstverständlich nicht mir,
sondern erstens Ihnen zu, wenn Sie dieses Verlangen von Peter
Petrowitsch nicht kränkt, und zweitens Dunja, wenn sie sich auch nicht
gekränkt fühlt. Und ich will handeln, wie es für sie am besten ist,« --
fügte er trocken hinzu.

»Dunetschka hat schon beschlossen, und ich bin mit ihr völlig
einverstanden,« -- beeilte sich Pulcheria Alexandrowna zu bemerken.

»Ich habe beschlossen, dich, Rodja, zu bitten, eindringlich zu bitten,
unbedingt bei dieser Zusammenkunft zugegen zu sein,« -- sagte Dunja, --
»willst du kommen?«

»Ich will kommen.«

»Auch Sie bitte ich, bei uns um acht Uhr zu sein,« -- wandte sie sich an
Rasumichin, -- »Mama, ich fordere ihn auch auf.«

»Sehr gut, Dunetschka. Nun, wie ihr beschlossen habt, möge es bleiben,«
-- fügte Pulcheria Alexandrowna hinzu. -- »Und für mich ist es auch
leichter; ich liebe nicht, mich zu verstellen und zu lügen; besser
wollen wir die ganze Wahrheit sagen ... Mag Peter Petrowitsch jetzt böse
sein oder nicht!«


                                  IV.

In diesem Augenblicke wurde die Türe leise geöffnet und ins Zimmer trat,
sich schüchtern umblickend, ein junges Mädchen herein. Alle wandten sich
mit Erstaunen und Neugier zu ihr um. Raskolnikoff erkannte sie nicht
gleich auf den ersten Blick. Es war Ssofja Ssemenowna Marmeladowa.
Gestern hatte er sie zum ersten Male gesehen, aber in solch einem
Augenblicke, in solcher Umgebung und solch einem Aufzuge, daß in seiner
Erinnerung das Bild einer ganz anderen Person haften geblieben war.
Jetzt war es ein einfach und sogar ärmlich angezogenes Mädchen, noch
sehr jung, fast einem Kinde ähnlich, mit bescheidenem und anständigem
Wesen, und mit einem klaren, aber anscheinend verängstigten Gesichte.
Sie hatte ein sehr einfaches Hauskleid an und auf dem Kopfe einen alten
Hut von früherer Mode; nur in den Händen trug sie den Sonnenschirm von
gestern. Als sie plötzlich ein Zimmer voll Menschen erblickte, wurde sie
nicht bloß verlegen, sondern verlor die Fassung und ward verzagt wie ein
kleines Kind, und machte sogar eine Bewegung, als wollte sie wieder
gehen.

»Ach ... Sie sind es? ...« sagte Raskolnikoff außerordentlich
verwundert, und wurde plötzlich selbst verlegen. Er dachte sofort daran,
daß die Mutter und die Schwester aus dem Briefe Luschins schon etwas von
einem gewissen Mädchen »von verrufenem Lebenswandel« wußten. Soeben
hatte er noch gegen die Verleumdung Luschins protestiert und erwähnt,
daß er dieses Mädchen zum ersten Male gesehen habe, und plötzlich tritt
sie selbst ein. Er erinnerte sich auch, daß er gar nicht gegen den
Ausdruck -- »von verrufenem Lebenswandel« protestiert habe. Dies alles
durchzog unklar und flüchtig seinen Kopf. Als er aber aufmerksamer
hinblickte, sah er, wie gedrückt dieses erniedrigte Wesen war, und sie
tat ihm plötzlich leid. Als sie aber im Schreck sich anschickte
wegzulaufen, schlug seine Stimmung um.

»Ich habe Sie nicht erwartet,« -- sagte er hastig und hielt sie mit
seinem Blicke zurück. -- »Setzen Sie sich bitte. Sie kommen sicher im
Auftrage Katerina Iwanownas. Erlauben Sie, setzen Sie sich nicht
hierhin, sondern dorthin« ... Bei Ssonjas Eintritt war Rasumichin, der
auf einem der drei Stühle Raskolnikoffs gerade neben der Türe gesessen
hatte, aufgestanden, um ihr zum Hereingehen Platz zu machen. Zuerst
wollte ihr Raskolnikoff den Platz in der Ecke des Sofas anbieten, wo
Sossimoff gesessen hatte, aber es fiel ihm ein, daß dieses Sofa ein zu
_familiärer_ Platz sei, ihm als Bett diene und beeilte sich, ihr den
Stuhl Rasumichins anzubieten.

»Und du setzt dich hierher,« -- sagte er zu Rasumichin und wies ihn in
die Ecke, wo Sossimoff gesessen hatte.

Ssonja setzte sich, fast zitternd vor Angst, und blickte schüchtern auf
die beiden Damen. Man sah, daß sie selbst nicht begriff, wie sie sich
neben sie hinsetzen konnte. Als es ihr bewußt wurde, erschrak sie so,
daß sie wieder aufstand und sich in völliger Verwirrung an Rasumichin
wandte.

»Ich ... ich ... bin nur auf einen Augenblick gekommen, verzeihen Sie,
daß ich Sie gestört habe,« -- sagte sie stockend.

»Ich komme im Auftrage Katerina Iwanownas, sie hatte sonst niemanden zum
Schicken ... Und Katerina Iwanowna läßt Sie sehr bitten, zu der
Totenmesse morgen früh ... zu kommen. Nach dem Gottesdienst ... auf dem
Mitrofaniewschen Friedhof und nachher bei uns ... bei ihr ... zu essen
... Ihr die Ehre zu erweisen ... Sie läßt Sie bitten.«

Sie stockte und verstummte.

»Ich will es unbedingt versuchen ... unbedingt,« -- antwortete
Raskolnikoff, indem er sich auch erhob, ebenso stockte und nicht
ausredete. -- »Bitte, tun Sie mir den Gefallen, setzen Sie sich,« --
sagte er plötzlich, -- »ich muß mit Ihnen sprechen. Bitte, -- Sie haben
es vielleicht eilig, -- tun Sie mir aber den Gefallen und schenken Sie
mir nur noch zwei Minuten ...« und er schob ihr den Stuhl hin. Ssonja
setzte sich wieder, und wieder warf sie schüchtern und verstört einen
schnellen Blick auf die beiden Damen und senkte sogleich wieder die
Augen.

Das bleiche Gesicht Raskolnikoffs errötete; er schien wie umgewandelt,
seine Augen funkelten.

»Mama,« -- sagte er fest und eindringlich, -- »das ist Ssofja Ssemenowna
Marmeladowa, die Tochter des unglücklichen Herrn Marmeladoff, der
gestern vor meinen Augen vom Pferde zu Boden getreten wurde, was ich
Ihnen schon erzählt habe ...«

Pulcheria Alexandrowna blickte nach Ssonja und kniff ein wenig die Augen
zusammen. Trotz ihrer Verlegenheit vor dem eindringlichen und
herausfordernden Blicke Rodjas konnte sie sich dieses Vergnügen nicht
versagen. Dunetschka sah ernst und unverwandt dem armen Mädchen ins
Gesicht und betrachtete sie unschlüssig. Als Ssonja diese Vorstellung
hörte, erhob sie die Augen auf einen Augenblick und wurde noch mehr
verlegen.

»Ich wollte Sie fragen,« -- wandte sich Raskolnikoff schnell zu ihr, --
»wie hat sich heute alles bei Ihnen gemacht? Hat man sie nicht
belästigt? ... Zum Beispiel die Polizei.«

»Nein, alles ging glatt ... Es war doch deutlich zu sehen, woran er
gestorben ist; man hat uns weiter nicht belästigt, nur die Mieter sind
böse.«

»Warum?«

»Weil die Leiche so lange steht ... jetzt ist es doch heiß, es gibt
einen Geruch ... so daß man die Leiche heute zur Abendmesse auf den
Friedhof tragen wird, und läßt sie dort bis morgen in der Kapelle
stehen. Katerina Iwanowna wollte es zuerst nicht, jetzt aber sieht sie
selbst ein, daß es so besser ist ...«

»Also heute?«

»Sie bittet Sie, uns die Ehre zu erweisen, morgen bei der Totenmesse in
der Kirche zu sein, und dann bei ihr zu essen.«

»Sie gibt zu seinem Andenken ein Essen?«

»Ja, einen Imbiß; sie läßt Ihnen sehr danken, daß Sie gestern uns
geholfen haben ... ohne Sie wäre gar nichts da, womit man ihn hätte
beerdigen können.«

Ihre Lippen und ihr Kinn bebten plötzlich, aber sie nahm sich zusammen,
hielt an sich, und senkte wieder die Augen zu Boden.

Während des Gespräches schaute sie Raskolnikoff unverwandt an. Sie hatte
ein zartes, ganz mageres und blasses Gesichtchen, ziemlich unregelmäßige
Züge, mit einer spitzen kleinen Nase und ebensolchem Kinn. Man konnte
sie nicht einmal hübsch nennen, aber ihre blauen Augen waren so klar,
und, wenn sie sich belebten, wurde der Ausdruck ihres Gesichtes so gut
und schlicht, daß sie einen unwillkürlich anzog. In ihrem Gesichte und
auch in ihrer ganzen Gestalt lag außerdem etwas besonders
Charakteristisches, -- trotz ihrer achtzehn Jahre sah sie jünger aus als
sie war, fast wie ein Kind, und dies zeigte sich zuweilen in gelungener
Weise bei einigen ihrer Bewegungen.

»Aber wie konnte denn Katerina Iwanowna mit so wenig Mitteln auskommen,
und hat dazu noch die Absicht, ein Essen zu geben?« ... fragte
Raskolnikoff, bestrebt, das Gespräch fortzuführen.

»Der Sarg ist einfach ... und alles ist einfach, so daß es nicht teuer
kommt ... wir haben vorhin mit Katerina Iwanowna alles ausgerechnet, es
bleibt noch so viel übrig, um sein Andenken zu ehren ... und Katerina
Iwanowna möchte das so sehr gern. Man kann nichts dagegen sagen ... ihr
ist es ein Trost ... so ist sie nun, Sie wissen doch ...«

»Ich verstehe, verstehe ... Selbstverständlich ... Warum betrachten Sie
so mein Zimmer? Meine Mama sagt auch, daß es einem Sarge ähnelt.«

»Sie haben gestern uns alles gegeben!« -- sagte plötzlich Ssonjetschka
leise und hastig, und schlug wieder die Augen nieder.

Ihre Lippen und ihr Kinn bebten wieder. Sie war längst schon von der
ärmlichen Umgebung Raskolnikoffs überrascht, und jetzt waren ihr diese
Worte entschlüpft. Es trat Schweigen ein. Dunetschkas Augen schienen zu
leuchten, und Pulcheria Alexandrowna blickte Ssonja freundlich an.

»Rodja,« -- sagte sie, sich erhebend, -- »wir essen selbstverständlich
zusammen zu Mittag. Dunetschka, komm ... Rodja, du solltest ausgehen,
etwas spazieren gehen, dann dich ausruhen, hinlegen, und dann kommst du
zu uns ... Ich fürchte, wir haben dich ermüdet ...«

»Ja, ja, ich will kommen,« -- antwortete er eilig im Aufstehen, -- »...
ich habe übrigens noch zu tun ...«

»Ja, werdet ihr nicht mal zusammen zu Mittag essen?« -- rief Rasumichin
und blickte erstaunt Raskolnikoff an. -- »Was ist mit dir?«

»Ja, ja, ich komme selbstverständlich ... Bleibe noch einen Augenblick.
Sie brauchen ihn doch jetzt nicht, Mama? Oder nehme ich ihn euch
vielleicht weg?«

»Ach, nein, nein! Und Sie, Dmitri Prokofjitsch, kommen Sie zu Mittag,
seien Sie so gut.«

»Bitte, kommen Sie,« -- bat auch Dunetschka.

Rasumichin verbeugte sich und strahlte förmlich. Auf einen Augenblick
waren alle sonderbar verlegen.

»Lebwohl, Rodja, das heißt, auf Wiedersehen! Ich liebe nicht >lebwohl<
zu sagen. Lebwohl, Nastasja, ... ach, wieder habe ich >lebwohl< gesagt!
...«

Pulcheria Alexandrowna wollte sich auch vor Ssonjetschka verbeugen, aber
sie brachte es nicht fertig und ging eilig aus dem Zimmer.

Awdotja Romanowna wartete, bis die Reihe an sie kam, und als sie hinter
der Mutter an Ssonja vorbeiging, verabschiedete sie sich von ihr mit
einem aufmerksamen, höflichen und achtungsvollen Gruß. Ssonjetschka
wurde verlegen, grüßte hastig und erschrocken, und ein schmerzliches
Empfinden drückte sich in ihrem Gesichte aus, als ob die Höflichkeit und
Aufmerksamkeit Awdotja Romanownas sie bedrückte und peinigte.

»Dunja, lebwohl!« -- rief Raskolnikoff ihr auf der Treppe nach, -- »gib
mir doch die Hand!«

»Ich habe sie dir doch gereicht, hast du es vergessen?« antwortete Dunja
innig und wandte sich zu ihm um.

»Nun, was tut es, gib sie mir noch einmal!«

Und er drückte stark ihre kleinen Finger. Dunetschka lächelte ihm zu,
errötete, riß schnell ihre Hand aus der seinen und ging glücklich der
Mutter nach.

»Nun, das ist prächtig!« -- sagte er zu Ssonja, indem er in sein Zimmer
zurückkehrte und sie klar anblickte, -- »gebe Gott den Toten die Ruhe
und lasse die Lebenden leben! Nicht wahr? Nicht wahr? Es ist doch so?«

Ssonja sah verwundert in sein plötzlich erhelltes Gesicht; er blickte
sie einige Augenblicke schweigend und unverwandt an, -- was ihr
verstorbener Vater von ihr erzählt hatte, lebte in dieser Minute in
seiner Erinnerung auf ...

                   *       *       *       *       *

»Herrgott, Dunetschka!« -- sagte Pulcheria Alexandrowna, als sie kaum
auf der Straße waren, -- »ich freue mich, daß wir weggegangen sind; es
wird mir leichter zumute. Wie hätte ich mir gestern im Eisenbahnwagen
denken können, daß ich darüber froh sein könnte!«

»Ich sage Ihnen noch einmal, Mama, daß er noch sehr krank ist. Können
Sie es denn nicht sehen? Vielleicht ist er so aufgeregt, weil er
unseretwegen litt. Man muß nachsichtig sein, und man kann vieles, vieles
verzeihen.«

»Du aber warst nicht nachsichtig!« -- unterbrach sie eifrig und
eifersüchtig Pulcheria Alexandrowna. -- »Weißt du, Dunja, ich sah euch
beide an, du bist sein Ebenbild, und nicht so sehr äußerlich als
seelisch, beide seid ihr schwerblütig, beide seid ihr düster und
jähzornig, beide hochmütig und beide hochherzig ... Es kann doch nicht
sein, daß er ein Egoist ist, Dunetschka, he? ... Und wenn ich daran
denke, was uns heute abend bevorsteht, so steht mir das Herz still!«

»Regen Sie sich nicht auf, Mama, es wird geschehen, was geschehen muß.«

»Dunetschka! Denk doch nur, in welcher Lage wir jetzt sind! Was
geschieht, wenn Peter Petrowitsch sich zurückzieht?« -- sagte
unvorsichtigerweise die arme Pulcheria Alexandrowna.

»Ja, und was ist er dann wert?« -- antwortete Dunetschka scharf und
verächtlich.

»Wir haben gut getan, daß wir jetzt weggingen,« -- beeilte sich
Pulcheria Alexandrowna fortzufahren, -- »er hatte etwas Eiliges vor; mag
er ausgehen, er wird frische Luft amten ... es ist furchtbar dumpf bei
ihm ... aber wo kann man hier frische Luft atmen? Auch auf den Straßen
hier ist es wie in einem Zimmer ohne Ventilation -- Herrgott, was ist
das für eine Stadt! ... Warte doch, geh aus dem Wege, man wird dich noch
umstoßen, sie tragen da etwas! Ein Klavier tragen sie, wirklich ... wie
sie stoßen ... Dieses Mädchen fürchte ich auch sehr ...«

»Was für ein Mädchen, Mama?«

»Ja, diese dort, Ssofja Ssemenowna, die soeben da war ...«

»Warum denn?«

»Ich habe so eine Ahnung, Dunja. Nun, glaube mir oder nicht, aber als
sie hereinkam, dachte ich im selben Augenblick, daß hier die Hauptsache
sei ...«

»Nichts ist da!« -- rief Dunja ärgerlich aus. -- »Was haben Sie auch für
Ahnungen, Mama! Er kennt sie erst seit gestern, und jetzt, als sie
hereintrat, erkannte er sie nicht einmal gleich.«

»Nun, du wirst sehen! ... Sie bringt mich in Verwirrung, du wirst sehen,
wirst sehen! Und ich bin so erschrocken, -- sie blickt mich an und
blickt mich an, hat solche Augen, ich konnte kaum auf dem Stuhle sitzen
bleiben, erinnerst du dich, als er sie vorstellte? Und sonderbar
erscheint es mir, -- Peter Petrowitsch schreibt über sie in solcher
Weise, und er stellt sie uns vor und dir noch dazu! Sie muß ihm doch
teuer sein!«

»Er schreibt über vieles! Über uns hat man auch gesprochen und
geschrieben, haben Sie es vergessen? Und ich bin überzeugt, daß sie ...
gut ist, und daß alles Unsinn ist!«

»Möge es Gott geben!«

»Und Peter Petrowitsch ist ein häßliches Klatschmaul,« -- schnitt
plötzlich Dunetschka ab.

Pulcheria Alexandrowna fuhr zusammen. Das Gespräch war plötzlich
abgebrochen. -- --

                   *       *       *       *       *

»Höre, höre mal, ich habe etwas mit dir vor ...« -- sagte Raskolnikoff
und führte Rasumichin zum Fenster hin.

»Also, ich will Katerina Iwanowna ausrichten, daß Sie kommen ...« wollte
sich Ssonjetschka verabschieden.

»Sofort, Ssofja Ssemenowna, wir haben keine Geheimnisse, Sie stören
nicht ... Ich möchte Ihnen noch ein paar Worte sagen ... Höre mal,« --
wandte er sich wieder an Rasumichin. -- »Du kennst doch diesen ... Wie
heißt er? ... Porphyri Petrowitsch?«

»Und ob? Er ist doch verwandt mit mir. Weshalb?« -- fügte jener mit
Neugier hinzu.

»Er führt doch jetzt diese Sache ... nun, über den Mord ... worüber ihr
gestern gesprochen habt ...?«

»Ja ... und?« -- Rasumichin sperrte die Augen auf.

»Er hat die Pfandgeber befragt, ich habe auch dort versetzt,
Kleinigkeiten, jedoch auch einen Ring von der Schwester, den sie mir zum
Andenken schenkte, als ich abreiste, und die silberne Uhr meines Vaters.
Alles das kostet fünf oder sechs Rubel, mir aber sind sie zu teuer als
Andenken. Was soll ich jetzt tun? Ich will nicht, daß die Sachen
verloren gehen, besonders die Uhr. Ich bebte davor, daß die Mutter
danach fragen würde, als wir über Dunetschkas Uhr sprachen. Es ist das
einzige, was vom Vater herrührt. Sie wird krank werden, wenn die Uhr
verloren geht! Frauen sind einmal so! Also, was soll ich tun, sage es
mir! Ich weiß, daß ich im Polizeibureau es anmelden muß. Ist es aber
nicht besser, sich an Porphyri selbst zu wenden?? Ah! He! Wie meinst du?
Man müßte es schnell tun. Du wirst sehen, daß die Mutter mich vor dem
Mittage danach noch fragt.«

»Keinesfalls im Polizeibureau, unbedingt sich an Porphyri wenden!« rief
Rasumichin in ungewöhnlicher Aufregung. -- »Nun, wie ich froh bin! Ja,
was ist da viel zu denken, gehen wir sofort hin, es sind bloß zwei
Schritte, wir treffen ihn bestimmt an.«

»Meinetwegen ... gehen wir zu ihm ...«

»Und er wird sehr, sehr erfreut sein, dich kennenzulernen! Ich habe ihm
viel von dir gesprochen, zu verschiedenen Malen ... Auch gestern wieder.
Gehen wir! ... Also du hast die Alte gekannt? So so! ... Ausgezeichnet
hat sich alles gemacht! ... Ach, ja ... Ssofja Iwanowna ...«

»Ssofja Ssemenowna,« -- korrigierte ihn Raskolnikoff. -- »Ssofja
Ssemenowna, das ist mein Freund Rasumichin, und ein guter Mensch ist er
...«

»Wenn Sie jetzt gehen müssen ...« -- begann Ssonja, wobei sie Rasumichin
gar nicht angesehen hatte, was sie noch mehr verwirrt machte.

»Nun, gehen wir!« -- beschloß Raskolnikoff, -- »ich komme zu Ihnen heute
noch, Ssofja Ssemenowna, sagen Sie mir, wo Sie wohnen.«

Er war nicht verwirrt, aber er schien es eilig zu haben und vermied
ihren Blick. Ssonja gab ihre Adresse und errötete dabei. Sie gingen
gleichzeitig fort.

»Schließt du denn das Zimmer nicht ab?« -- sagte Rasumichin, hinter
ihnen die Treppe hinabsteigend.

»Nie! ... ich will schon seit zwei Jahren ein Schloß kaufen,« -- fügte
er nachlässig hinzu. -- »Glücklich sind die Menschen, die nichts
abzuschließen haben, nicht wahr?« -- wandte er sich lachend an Ssonja.

Auf der Straße blieben sie am Tore stehen.

»Sie müssen nach rechts, Ssofja Ssemenowna! Wie haben Sie mich denn
gefunden?« -- fragte er sie, schien aber etwas ganz anderes sagen zu
wollen.

Er wollte die ganze Zeit in ihre stillen klaren Augen blicken, und es
gelang ihm immer nicht ...

»Sie gaben doch gestern Poletschka Ihre Adresse.«

»Polja? Ach ja ... Poletschka! Das ist ... die Kleine ... das ist Ihre
Schwester? Also, ich gab ihr meine Adresse!«

»Haben Sie es denn vergessen?«

»Nein ... ich erinnere mich ...«

»Und ich habe von Ihnen noch durch den Verstorbenen gehört ... Ich
kannte bloß damals Ihren Namen nicht, und auch er selbst wußte ihn nicht
... Jetzt aber kam ich ... und als ich gestern Ihren Namen hörte ... da
fragte ich heute: wo wohnt hier Herr Raskolnikoff? ... Und ich wußte
nicht, daß Sie auch ein Zimmer gemietet ... Leben Sie wohl ... Ich will
Katerina Iwanowna ...«

Sie war sehr froh, daß sie endlich loskam; und ging mit gesenktem Kopfe
eilig, um nur schneller aus ihren Augen zu verschwinden, um nur
schneller diese zwanzig Schritte bis zur Biegung nach rechts in die
Seitenstraße zu durcheilen und endlich allein zu sein; um im schnellen
Gehen, ohne jemand anzublicken und unbeachtet, nachzudenken, sich zu
erinnern und jedes Wort und jeden Umstand sich zurückzurufen. Nie, nie
hatte sie Ähnliches empfunden. Eine ganz neue Welt war unbekannt und
dunkel in ihre Seele gedrungen. Sie erinnerte sich plötzlich, daß
Raskolnikoff heute selbst zu ihr kommen wollte, vielleicht schon heute
morgen, vielleicht gleich!

»Besser nicht heute, bitte, nicht heute!« -- murmelte sie mit stockendem
Herzen, als flehe sie jemand an, wie ein erschrecktes Kind. --
»Herrgott! Zu mir ... in dies Zimmer ... er wird sehen ... oh, Gott!«

Sie konnte sicher in diesem Augenblicke den fremden Herrn nicht
bemerken, der eifrig sie beobachtete und ihr auf den Fersen folgte. Er
begleitete sie schon von dem Tore der Wohnung Raskolnikoffs an. In dem
Augenblicke, als alle drei, Rasumichin, Raskolnikoff und sie auf dem
Fußsteige, um ein paar Worte zu wechseln, stehen blieben, schien dieser
Vorübergehende plötzlich aufzufahren, als er an ihnen vorbeiging und
zufällig die Worte Ssonjas auffing, -- »da fragte ich, wo wohnt hier
Herr Raskolnikoff?« Er warf einen schnellen, aber aufmerksamen Blick
allen dreien zu, besonders aber Raskolnikoff, an den sich Ssonja wandte,
sah dann das Haus an und merkte es sich. Dies alles war in einem kurzen
Augenblick, im Vorbeigehen geschehen und unauffällig, nun verminderte er
seine Schritte, als wartete er. Er wartete auf Ssonja, denn er hatte
gesehen, daß sie sich verabschiedete und wohl sofort nach Hause gehen
würde.

»Aber wohin nach Hause? Ich habe dieses Gesicht irgendwo gesehen,« --
dachte er und forschte in seiner Erinnerung nach dem Gesicht Ssonjas, --
»... ich muß es erfahren.« Als er die Biegung erreichte, ging er auf die
andere Seite der Straße hinüber, wandte sich um und sah, daß Ssonja
denselben Weg wie er eingeschlagen hatte und ihn nicht gewahrte. Sie bog
in dieselbe Straße ein. Er verlor sie nicht aus den Augen und ging nach
etwa fünfzig Schritten wieder auf dieselbe Seite hinüber, auf der Ssonja
dahinschritt, holte sie ein und folgte ihr auf fünf Schritt Entfernung.
-- Es war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, etwas mehr als
mittelgroß, wohlbeleibt, mit breiten und schrägen Schultern, was ihm ein
etwas gebücktes Aussehen verlieh. Er war elegant und bequem gekleidet
und sah ansehnlich aus. In den Händen trug er einen hübschen Stock, den
er bei jedem Schritt auf das Trottoir aufstieß, und seine Hände staken
in neuen Handschuhen. Sein breites Gesicht mit hervorstehenden
Backenknochen war nicht unangenehm, und seine Gesichtsfarbe frisch,
nicht von Petersburger Art. Sein noch sehr dichtes Haar war ganz
hellblond und kaum leicht ergraut, und der breite dichte Bart, der wie
eine Schaufel herabhing, war noch heller als das Kopfhaar. Seine blauen
Augen blickten kalt, durchdringend und sinnend; die Lippen waren rot.
Überhaupt war er ein ausgezeichnet konservierter Mann und schien
bedeutend jünger zu sein, als er war.

Als Ssonja auf den Kanal hinauskam, waren sie beide allein auf dem
Fußsteige. Während er sie beobachtete, hatte er schon ihre
Nachdenklichkeit und Zerstreutheit bemerkt. Als Ssonja ihr Haus
erreichte, ging sie durch das Tor, er folgte ihr und schien überrascht
zu sein. Im Hofe bog sie rechts in die Ecke ab, wo die Treppe zu ihrer
Wohnung war. »Ah!« -- murmelte der Unbekannte und begann hinter ihr her
die Stufen hinaufzusteigen. Hier erst bemerkte ihn Ssonja. Sie ging bis
ins dritte Stockwerk, bog in den Korridor ein und klingelte an der Türe
Nr. 9, wo mit Kreide -- »_Kapernaumoff, Schneider_« -- angeschrieben
war. »Ah!« -- wiederholte der Unbekannte, verwundert über dieses
seltsame Zusammentreffen, und klingelte an der Türe Nr. 8. Beide Türen
waren voneinander kaum sechs Schritte entfernt.

»Sie wohnen bei Kapernaumoff!« sagte er, blickte Ssonja an und lachte.
»Er hat mir gestern eine Weste umgeändert. Und ich wohne hier neben
Ihnen bei Madame Gertrude Karlowna Rößlich. Wie sich das trifft!« Ssonja
schaute ihn aufmerksam an.

»Wir sind also Nachbarn,« fuhr er besonders freundlich fort. »Ich bin
erst seit drei Tagen in der Stadt. Nun, vorläufig auf Wiedersehen.«

Ssonja antwortete nicht; die Tür wurde geöffnet und sie schlüpfte
hinein. Sie schämte sich und schien sich zu ängstigen ...

                   *       *       *       *       *

Rasumichin war auf dem Wege zu Porphyri in besonders aufgeregtem
Zustande.

»Das ist prächtig, Bruder,« wiederholte er ein paarmal, »und ich freue
mich! Ich freue mich!«

»Ja, worüber freut er sich?« dachte Raskolnikoff.

»Ich wußte gar nicht, daß du auch bei der Alten versetzt hast. Und ...
und ... ist es lange her? Das heißt, warst du vor längerer Zeit bei
ihr?«

»Wie naiv und dumm er ist!«

»Wann? ...« Raskolnikoff blieb stehen und besann sich: »Ja, drei Tage
vielleicht vor ihrem Tode war ich dort. Übrigens, ich gehe doch nicht
jetzt hin, um die Sachen auszulösen,« sagte er hastig und wie besorgt um
seine Sachen, »ich habe ja wieder bloß einen einzigen Rubel in Silber
... infolge des gestrigen verfluchten Fieberanfalls ...«

Den Fieberanfall betonte er besonders.

»Nun, ja, ja, ja,« bestätigte Rasumichin eilig, »also darum auch hat
dich ... er damals überrascht ... und weißt du, du hast auch im Fieber
von allerhand Ringen und Ketten immer phantasiert! ... Nun, ja, ja ...
Das ist klar, alles ist jetzt klar.«

»Also doch! Wie dieser Gedanke bei ihnen sich festgesetzt hat! Dieser
da, dieser Mensch ließe sich für mich ans Kreuz schlagen, und er ist
doch froh, daß es sich geklärt hat, warum ich im Fieber von Ringen
redete! Wie tief es bei ihnen allen wurzelt! ...«

»Werden wir ihn auch antreffen?« fragte er laut.

»Wir treffen ihn bestimmt an,« beeilte sich Rasumichin zu antworten. »Er
ist ein prächtiger Bursche, du wirst sehen! Ein wenig plump, das heißt,
er ist wohl Weltmann, aber ich meine in anderem Sinne ist er plump. Ein
kluger Bursche. Er hat nur eine eigentümliche Denkweise. Mißtrauisch,
skeptisch, ein Zyniker ... liebt er zu betrügen, das heißt nicht zu
betrügen, sondern einen anzuführen ... Er hat die alte Mode auf Indizien
... versteht aber seine Sache, versteht sie gut ... Er hat im vorigen
Jahre das Dunkel über einen Mord ausgetüftelt, wo fast alle Spuren schon
verloren waren! Er wünscht sehr, dich kennenzulernen!«

»Ja, warum denn sehr?«

»Das heißt, nicht etwa so ... siehst du, in der letzten Zeit, als du
krank wurdest, hatte ich viel und oft Gelegenheit, dich zu erwähnen ...
Nun, er hörte zu ... und als er erfuhr, daß du Jura studiert hast und
infolge allerhand Umstände den Kursus nicht beenden konntest, sagte er,
wie schade! Ich folgerte daraus ... das heißt, dies alles zusammen,
nicht nur dies eine ... gestern hat Sametoff ... Siehst du, Rodja, ich
habe dir gestern in meiner Betrunkenheit, als wir nach Hause gingen,
etwas erzählt ... und ich fürchte nun, Bruder, daß du es übertreiben
könntest, siehst du ...«

»Was denn? Daß man mich für verrückt hält? Ja, vielleicht ist es auch
wahr.«

Er lächelte gezwungen.

»Ja, ja ... das heißt, pfui, nein! ... Nun, alles, was ich sprach ...
und auch über anderes, ist Unsinn und in Betrunkenheit gesagt.«

»Ja, wozu entschuldigst du dich! Wie mir das alles zum Ekel ist!« rief
Raskolnikoff mit übertriebener, zum Teil gespielter Gereiztheit.

»Ich weiß, ich weiß, verstehe es. Sei überzeugt, daß ich es verstehe.
Ich sollte mich schämen, davon nur zu sprechen ...«

»Wenn du dich schämst, was sprichst du darüber!«

Beide verstummten. Rasumichin war äußerst vergnügt und Raskolnikoff
fühlte es voll Widerwillen. Ihn beunruhigte auch das, was Rasumichin
soeben über Porphyri erzählt hatte.

»Vor dem muß man auch ein Klagelied anstimmen,« dachte er erbleichend
und mit Herzklopfen, »und es recht natürlich machen. Am besten wäre
vielleicht, nichts vorzuklagen. Absichtlich nichts vorklagen! Nein,
absichtlich wäre wieder nicht natürlich ... Nun, wie es sich macht ...
wir werden ja sehen ... bald genug ... aber ist es gut oder nicht gut,
daß ich hingehe? Der Schmetterling fliegt von selbst ins brennende
Licht. Mein Herz klopft, das ist nicht gut! ...«

»In diesem grauen Hause wohnt er,« sagte Rasumichin.

»Am wichtigsten ist es, ob Porphyri es weiß oder nicht, daß ich gestern
in der Wohnung dieser Hexe war ... und von dem Blut sprach? Sogleich muß
ich es erfahren, beim ersten Schritt, wenn ich hineinkomme, muß ich es
ihm am Gesichte anmerken; sonst ... und wenn ich zugrunde gehe, ich muß
es erfahren!«

»Weißt du auch?« wandte er sich plötzlich an Rasumichin mit einem
schelmischen Lächeln, »ich habe bemerkt, Bruder, daß du dich seit heute
früh in einer ungewöhnlichen Aufregung befindest? Ist es so?«

»In was für einer Aufregung? In gar keiner Aufregung,« fuhr Rasumichin
auf.

»Nein, Bruder, es ist dir tatsächlich anzusehen. Auf dem Stuhl saßest du
vorhin, wie du sonst nie sitzest, so nur auf einem Endchen und die ganze
Zeit durchzuckte es dich, wie wenn du Krämpfe hättest. Du sprangst mir
nichts dir nichts auf. Bald sahst du böse aus, bald verzog sich dein
Gesicht plötzlich zu einem süßen Lächeln. Sogar rot wurdest du,
besonders als man dich zu Mittag einlud.«

»Nichts von alledem ist wahr, du lügst! ... Was denkst du dir?«

»Ja, und jetzt drehst und wendest du dich wie ein Schulbube? Pfui!
Teufel! Er ist schon wieder rot geworden!«

»Was du für ein Schwein bist!«

»Ja, warum wirst du so verlegen? Romeo! Warte, ich will es irgend
jemanden heute noch erzählen, ha--ha--ha! Ich werde Mama zum Lachen
bringen ... und noch jemand ...«

»Höre mal, höre, aber im Ernste, es ist doch ... Was soll das bedeuten,
zum Teufel!« Rasumichin wurde ganz verwirrt und starr vor Schrecken.
»Was willst du ihnen erzählen? Ich bin, Bruder ... Pfui, welch ein
Schwein du bist!«

»Du bist wie eine Frühlingsrose! Und wie es dir steht, wenn du es nur
wüßtest. Romeo, ein neuer Romeo! Und wie du dich heute gewaschen hast,
vielleicht auch die Nägel gereinigt? Ah? Wann war dies zuletzt der Fall?
Und du hast dich, bei Gott, mit Pomade eingeschmiert! Beuge dich mal!«

»Schwein!«

Raskolnikoff lachte so stark, daß er sich nicht mehr halten konnte, mit
Lachen traten sie auch in die Wohnung von Porphyri Petrowitsch ein. Das
wollte eben Raskolnikoff bezwecken, -- drinnen in den Zimmern konnte man
es hören, daß sie lachend ins Vorzimmer eingetreten waren und dort immer
noch lachten.

»Kein Wort hier, oder ich ... zerschmettere dich!« flüsterte Rasumichin
und packte wütend Raskolnikoff an der Schulter.


                                   V.

Sie gingen hinein. Raskolnikoff sah aus, als hielte er mit Gewalt an
sich, um nicht loszuplatzen. Ihm folgte mit gänzlich verändertem
Gesichte Rasumichin, rot wie eine Päonie, vor Scham und Wut, und
verlegen. Sein Gesicht und die ganze Gestalt waren in diesem Augenblicke
lächerlich und rechtfertigten Raskolnikoffs Heiterkeit. Raskolnikoff,
dem Hausherrn noch nicht bekannt, verbeugte sich vor ihm, der mitten im
Zimmer stand und sie fragend anblickte, reichte ihm die Hand und drückte
die seinige, immer noch mit sichtlicher, großer Mühe seine Lustigkeit
bekämpfend, um wenigstens ein paar Worte sagen und sich vorstellen zu
können. Aber kaum war es ihm gelungen, eine ernste Miene anzunehmen und
etwas hinzumurmeln, -- als er plötzlich, wie unwillkürlich wieder
Rasumichin anblickte und da hielt er es nicht mehr aus, -- sein
unterdrücktes Lachen brach um so ungestümer hervor, je stärker er es bis
jetzt zurückgehalten hatte. Die ungewöhnliche Wut, mit der Rasumichin
dieses »herzliche« Lachen auffaßte, verlieh diesem ganzen Auftritt das
Aussehen von aufrichtigster Lustigkeit und, was die Hauptsache war,
Natürlichkeit. Rasumichin trug, als beabsichtigte er's, noch viel dazu
bei.

»Pfui, zum Teufel!« brüllte er, holte mit der Hand aus und traf einen
kleinen runden Tisch, auf dem ein leeres Teeglas stand. Alles fiel hin
und zerbrach.

»Ja, warum müssen denn gleich Stühle zerschlagen werden, meine Herren,
das ist ein Verlust für den Staat!« rief Porphyri Petrowitsch lachend
aus.

Der Auftritt stellte sich wie folgt dar, -- Raskolnikoff lachte weiter,
seine Hand in der Hand des Hausherrn lassend, aber er kannte das Maß und
wartete nur auf den Augenblick, um schnell und natürlich zu enden.
Rasumichin, durch den Fall des Tisches und des zerschlagenen Glases
völlig verwirrt, blickte düster auf die Scherben, spie aus und drehte
sich schroff nach dem Fenster, wo er sich mit dem Rücken gegen die
übrigen hinstellte und mit fürchterlich finsterem Gesichte
hinausschaute, aber nichts sah. Porphyri Petrowitsch lachte und hätte
noch mehr gelacht, wenn er nur eine Erklärung dafür gehabt hätte. In der
Ecke auf einem Stuhle hatte Sametoff gesessen, der sich beim Eintritt
der Besucher erhob und in Erwartung dastand; sein Mund war zu einem
Lächeln verzogen, aber er schaute stutzig und mißtrauisch dem ganzen
Auftritt zu und sah Raskolnikoff verwirrt an. Die unerwartete
Anwesenheit Sametoffs überraschte Raskolnikoff unangenehm.

»Da muß man sich in acht nehmen!« dachte er.

»Entschuldigen Sie, bitte,« begann er plötzlich ganz verlegen,
»Raskolnikoff ...«

»Erlauben Sie aber, sehr angenehm, und Sie kamen so angenehm herein ...
Was, will er nicht mal >Guten Tag< sagen?« wies Porphyri Petrowitsch auf
Rasumichin.

»Bei Gott, ich weiß nicht, warum er auf mich wütend ist. -- Ich sagte
ihm bloß auf dem Wege hierher, daß er Romeo ähnlich sei und ... habe es
bewiesen, sonst war nichts.«

»Du bist ein Schwein!« rief Rasumichin, ohne sich umzuwenden.

»Er hatte also sehr ernste Gründe, um wegen dieses einzigen Wortes so
böse zu werden,« lachte Porphyri Petrowitsch.

»Nun auch der Untersuchungsrichter! ... Zum Teufel mit euch allen!«
schnitt Rasumichin ab, plötzlich aber lachte er selbst und ging mit
heiterem Gesichte, als wäre nichts vorgefallen, auf Porphyri Petrowitsch
zu.

»Schluß damit! Alle seid ihr Dummköpfe. Jetzt zur Sache, -- hier ist
mein Freund, Rodion Romanytsch Raskolnikoff, der erstens von dir viel
gehört hat und mit dir bekannt werden wollte, und der zweitens ein
kleines Ansuchen an dich hat. Ah! Sametoff! Wie kommst du hierher? Kennt
ihr denn einander? Seid ihr schon lange bekannt?«

»Was bedeutet das!« dachte Raskolnikoff voll Unruhe.

Sametoff schien ein wenig verlegen zu werden.

»Wir haben uns gestern doch bei dir kennengelernt,« sagte er
ungezwungen.

»Also hat mich Gott vor Schererei behütet; in der vorigen Woche hat er
mich geplagt, ihn mit dir, Porphyri, irgendwie bekannt zu machen, und
nun habt ihr euch, ohne meine Hilfe, gefunden ... Wo hebst du deinen
Tabak auf?«

Porphyri Petrowitsch war in Hauskleidung, -- in einem Schlafrock, sehr
reiner Wäsche und in abgetretenen Pantoffeln. Es war ein Mann von etwa
fünfunddreißig Jahren, unter Mittelgröße, dick, mit einem Bäuchlein,
glattrasiert, ohne Schnurrbart, mit kurz geschnittenem Haare auf dem
großen runden Kopfe, der nach hinten zu besonders gewölbt war. Sein
volles, rundes und ein wenig stumpfnäsiges Gesicht hatte eine
kränkliche, dunkelgelbe Farbe, war aber munter und sogar spöttisch. Es
wäre gutmütig zu nennen, wenn nicht der Ausdruck der Augen, die mit fast
weißen, zwinkernden Wimpern bedeckt waren, mit ihrem wässerigen Glanze
störend gewirkt hätte. Der Blick dieser Augen paßte wenig zu der ganzen
Gestalt, die entschieden etwas Weibisches an sich hatte, und machte ihn
viel ernster, als man beim ersten Anblick vermutete.

Als Porphyri Petrowitsch vernahm, daß der Besucher ein kleines Ansuchen
an ihn habe, bat er ihn sofort, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Er setzte
sich selbst in die andere Ecke und sah den Besucher voll Erwartung mit
einer starken und zu ernsten Aufmerksamkeit an, die bedrücken und
vollends gleich beim ersten Zusammensein verwirren mußte, um so mehr,
wenn das, was man vorzubringen hat, durchaus in keinem Verhältnisse zu
einer so ungewöhnlichen Aufmerksamkeit zu stehen scheint. Raskolnikoff
jedoch legte seine Angelegenheit in kurzen und bündigen Worten, deutlich
und klar dar, und war mit sich so zufrieden, daß er noch Gelegenheit
fand, Porphyri Petrowitsch genau zu betrachten. Auch Porphyri
Petrowitsch wandte keinen Augenblick seine Augen von ihm ab. Rasumichin
hatte an demselben Tische ihnen gegenüber Platz genommen und verfolgte
eifrig und ungeduldig die Darstellung der Sache, wobei er alle
Augenblicke und ziemlich auffällig seine Augen von einem zu dem andern
gleiten ließ.

»Dummkopf!« schimpfte Raskolnikoff bei sich.

»Sie müssen eine Eingabe an das Polizeibureau machen,« antwortete mit
Geschäftsmiene Porphyri, »daß Sie über diesen Vorfall, das heißt von
diesem Mord erfahren haben, und bitten den Untersuchungsrichter, der
diese Sache führt, zu benachrichtigen, daß die und die Sachen Ihnen
gehören, und daß Sie sie einlösen möchten ... oder Ähnliches ... man
wird Ihnen das übrigens sagen.«

»Das ist ja das Unbequeme, daß ich in diesem Augenblicke,« Raskolnikoff
bemühte sich, möglichst verlegen zu werden, »nicht recht bei Kassa bin
... und sogar so eine Kleinigkeit nicht kann ... sehen Sie, ich möchte
jetzt nur erklären, daß es meine Sachen sind, und daß, wenn ich Geld
haben werde, ich ...«

»Das ist einerlei,« antwortete Porphyri Petrowitsch, die Erklärung über
die Finanzlage kalt aufnehmend, »übrigens, Sie können auch direkt an
mich, wenn Sie wollen, in demselben Sinne schreiben, daß Sie das und das
in Erfahrung gebracht haben und die und die Sachen als Ihr Eigentum
angeben und bitten ...«

»Man kann es auf einfachem Papiere schreiben?« beeilte sich
Raskolnikoff, ihn zu unterbrechen, wieder ein Interesse für die
Geldfrage zeigend.

»Oh, auf dem allereinfachsten Papiere!« und plötzlich blickte ihn
Porphyri Petrowitsch spöttisch mit zusammengekniffenen Augen an und
schien ihm zuzuzwinkern.

Vielleicht hatte es auch Raskolnikoff bloß so geschienen, denn es
dauerte nur einen Augenblick. Etwas war wenigstens gewesen. Raskolnikoff
hätte darauf schwören mögen, daß er ihm zugezwinkert habe, weiß der
Teufel warum.

»Er weiß alles!« durchzuckte es ihn wie ein Blitz.

»Entschuldigen Sie, daß ich Sie mit solchen Kleinigkeiten belästigt
habe,« fuhr er etwas verwirrt fort, »meine Sachen sind im ganzen
höchstens fünf Rubel wert, aber sie sind mir besonders teuer, als ein
Andenken an die, von denen ich sie erhalten habe und, offen gestanden,
als ich es hörte, erschrak ich sehr ...«

»Darum fuhrst du auch gestern so auf, als ich Sossimoff erzählte, daß
Porphyri die Pfandgeber ausfrage!« bemerkte Rasumichin mit deutlicher
Absicht.

Das war schon unerträglich. Raskolnikoff konnte sich's nicht versagen,
ihn wütend mit seinen vor Zorn funkelnden schwarzen Augen anzublicken.
Er besann sich aber sofort.

»Du scheinst dich über mich lustig zu machen, Bruder?« wandte er sich an
ihn mit geschickt gespielter Gereiztheit. »Ich sehe es ein, daß ich
vielleicht meine Sorge um diesen Schund übertreibe, der er doch in
deinen Augen ist, aber man darf mich darum weder für einen Egoisten,
noch für einen habgierigen Menschen halten, und für mich brauchen diese
zwei geringen Gegenstände gar kein Schund zu sein. Ich sagte dir schon
vorhin, daß diese silberne Uhr, die einen Spottwert hat, das einzige
ist, was mir von meinem Vater geblieben ist. Du kannst dich über mich
amüsieren, aber soeben ist meine Mutter angekommen,« wandte er sich
plötzlich an Porphyri, »und wenn sie erfahren würde,« kehrte er sich
wieder schnell zu Rasumichin und gab sich besondere Mühe, um mit der
Stimme zu zittern, »daß diese Uhr verloren sei, so würde sie -- schwöre
ich -- in Verzweiflung sein! Sie ist doch eine Frau!«

»Ich sagte es gar nicht in dem Sinne! Ganz im Gegenteil!« rief
Rasumichin gekränkt.

»War es auch gut? War es natürlich? Habe ich nicht übertrieben?« sagte
Raskolnikoff bebend zu sich selbst. »Warum sagte ich -- sie ist doch
eine Frau!«

»Ihre Frau Mutter ist zu Ihnen gekommen?!« erkundigte sich aus
irgendeinem Grunde Porphyri Petrowitsch.

»Ja.«

»Wann denn?«

»Gestern abend.«

Porphyri Petrowitsch schwieg, als überlege er etwas.

»Ihre Sachen konnten in keiner Weise verloren gehen,« fuhr er ruhig und
kalt fort. »Ich erwarte Sie schon seit langem.«

Und als wäre nichts vorgefallen, schob er sorgsam einen Aschbecher
Rasumichin zu, der unbarmherzig die Asche von seiner Zigarette auf den
Teppich streute. Raskolnikoff zuckte zusammen, aber Porphyri schien ihn
nicht anzublicken, noch immer um Rasumichins Zigarette besorgt.

»Was? Du hast ihn erwartet! Wußtest du denn, daß auch er dort versetzt
hatte?« rief Rasumichin aus.

»Ihre beiden Sachen, der Ring und die Uhr, waren _bei ihr_ in einem und
demselben Stück Papier eingewickelt, und auf dem Papier war mit
Bleistift deutlich Ihr Name vermerkt, ebenso auch das Datum, wann sie
sie von Ihnen erhalten hatte ...«

»Wie genau Sie sind! ...« lächelte ein wenig ungeschickt Raskolnikoff
und versuchte, ihm in die Augen zu sehen, er konnte sich aber nicht
enthalten, hinzuzufügen:

»Ich sage das nur deshalb, weil wahrscheinlich sehr viele Pfandgeber
waren ... so daß es Ihnen doch schwer fallen mußte, sich aller zu
erinnern ... Sie aber erinnern sich im Gegenteil an alles so deutlich,
und ... und ...«

»Es war dumm! Schwach! Warum habe ich es hinzugefügt!«

»Alle Pfandgeber sind jetzt schon bekannt, so daß Sie der einzige sind,
der sich noch nicht meldete,« antwortete Porphyri Petrowitsch mit einem
kaum merklichen Anfluge von Spott.

»Ich war nicht ganz gesund.«

»Auch davon habe ich gehört. Habe sogar gehört, daß Sie von etwas sehr
mitgenommen waren. Sie sind auch jetzt noch etwas bleich!«

»Ich bin gar nicht bleich ... im Gegenteil, ich bin ganz gesund!«
schnitt ihn grob und böse Raskolnikoff ab, plötzlich seinen Ton
verändernd.

Die Wut pochte in ihm und er konnte sie nicht unterdrücken. »Und in der
Wut werde ich mich versprechen!« durchzuckte es ihn von neuem. »Und
warum quälen sie mich! ...«

»Nicht ganz gesund!« hub Rasumichin an. »Wie er aufschneidet! Bis
gestern noch phantasierte er und war bewußtlos ... Du kannst es mir
glauben, Porphyri, er konnte kaum mehr auf den Füßen stehen, und
trotzdem, als wir, Sossimoff und ich, gestern uns nur auf einen
Augenblick entfernten, -- zog er sich an, lief heimlich weg und irrte
irgendwo fast bis Mitternacht herum, und das, sage ich dir, ganz im
Fieber, kannst du dir so etwas vorstellen! Ein ganz merkwürdiger Fall!«

»Und geschah es wirklich ganz im Fieber? Sagen Sie mal?« Mit einer
weibischen Bewegung schüttelte Porphyri Petrowitsch den Kopf.

»Ah, Unsinn! Glauben Sie ihm nicht! Übrigens, Sie glauben es ja auch
sowieso nicht!« entschlüpfte es Raskolnikoff in seiner Wut.

Aber Porphyri Petrowitsch schien diese seltsamen Worte überhört zu
haben.

»Wie konntest du dann weggehen, wenn du nicht im Fieber warst?«
ereiferte sich Rasumichin. »Warum bist du weggegangen? Wozu? ... Und
warum gerade heimlich? Sag, warst du damals bei gesundem Verstande?
Jetzt, wo die ganze Gefahr vorbei ist, sage ich es dir offen!«

»Ich war ihrer gestern überdrüssig geworden,« wandte sich rasch
Raskolnikoff an Porphyri Petrowitsch mit einem dreisten,
herausfordernden Lächeln, »und ich lief von ihnen fort, mir eine Wohnung
zu mieten, damit sie mich nicht wiederfinden sollten, und habe einen
Haufen Geld mitgenommen. Herr Sametoff hat das Geld gesehen. Und sagen
Sie, Herr Sametoff, war ich gestern vernünftig oder im Fieber,
entscheiden Sie unseren Streit!«

Er hätte in diesem Augenblicke Sametoff erwürgen können. Dessen Blick
und sein Schweigen waren ihm äußerst peinlich.

»Meiner Ansicht nach redeten Sie sehr vernünftig und sogar schlau, Sie
waren bloß sehr reizbar,« erklärte Sametoff trocken.

»Und heute sagte mir Nikodim Fomitsch,« bemerkte Porphyri Petrowitsch,
»er hätte Sie gestern noch sehr spät in der Wohnung eines überfahrenen
Beamten getroffen ...«

»So nehmen wir diesen Fall her!« begann Rasumichin, »warst du nicht
verrückt bei diesem Beamten? Das letzte Geld hat er der Witwe für die
Beerdigung gegeben! Und, wenn du helfen wolltest, -- konntest du ihr
fünfzehn oder zwanzig Rubel geben und wenigstens drei Rubel für dich
behalten, du schenktest ihnen aber alle fünfundzwanzig.«

»Vielleicht habe ich irgendwo einen Schatz gefunden, was du noch nicht
weißt? Darum war ich gestern auch so freigebig ... Herr Sametoff weiß,
daß ich einen Schatz gefunden habe! ... Entschuldigen Sie, bitte,«
wandte er sich mit bebenden Lippen an Porphyri Petrowitsch, »daß wir Sie
mit solchem kleinlichen Geschwätz eine halbe Stunde belästigen. Sie sind
unserer überdrüssig, ja?«

»Erlauben Sie, im Gegenteil, im Ge--gen--teil! Wenn Sie wüßten, wie Sie
mich interessieren! Es ist amüsant, zuzusehen und zuzuhören ... und ich
bin, offen gesagt, so froh, daß Sie endlich einmal gekommen sind ...«

»Gib aber doch wenigstens Tee! Die Kehle trocknet einem ein!« rief
Rasumichin aus.

»Eine ausgezeichnete Idee! Vielleicht beteiligen Sie sich alle. Willst
du aber nicht ... etwas Wesentlicheres vor dem Tee haben?«

»Nein, laß gut sein!«

Porphyri Petrowitsch ging hinaus, um Tee zu bestellen.

Die Gedanken drehten sich wie im Wirbelwinde in Raskolnikoffs Kopfe. Er
war aufs äußerste gereizt.

»Das schönste ist, daß sie sich nicht mal verbergen und nicht einmal den
Anstand wahren wollen! Aus welchem Grunde aber sprach er, wenn er mich
gar nicht kennt, mit Nikodim Fomitsch über mich? Also wollen sie nicht
mal verbergen, daß sie wie eine Koppel Hunde mich verfolgen! Sie speien
mir ganz offen ins Gesicht!« Er zitterte vor Wut. »Schlagt doch offen zu
und spielt nicht wie die Katze mit der Maus. Das ist doch geschmacklos.
Porphyri Petrowitsch, das erlaube ich dir einfach nicht! ... Ich stehe
auf und schleudere allen die ganze Wahrheit ins Gesicht und Sie werden
wenigstens sehen, wie ich Sie verachte!« Er holte schwer Atem. »Wenn mir
aber dies alles nur so vorkommt? Wenn dies aber bloß ein Spiel meiner
Phantasie ist und ich mich irre, aus Unerfahrenheit mich ärgere und
meine gemeine Rolle nicht gut spiele? Vielleicht ist alles ohne jede
Absicht? Ihre Worte sind alle gewöhnlich, aber etwas liegt doch in ihnen
... All dieses kann stets gesagt werden, aber etwas ist doch dabei.
Warum sagte er einfach -- >bei ihr?< Warum fügte Sametoff hinzu, daß ich
schlau gesprochen habe? Warum reden sie in solch einem Tone? Ja ... der
Ton ... Aber Rasumichin saß doch auch hier, warum fiel ihm nichts auf?
Diesem naiven Holzklotze fällt eben nie etwas auf! Ich habe wieder
Fieber! ... Zwinkerte mir Porphyri Petrowitsch vorhin zu oder nicht? Es
war sicher nichts; warum sollte er mir zuzwinkern? Wollen sie meine
Nerven reizen, oder führen sie mich an der Nase herum? Entweder ist
alles ein Phantasiespiel oder sie wissen es! Sogar Sametoff ist dreist
... Ist Sametoff wirklich dreist? Sametoff hat sich's über Nacht
überlegt. Ich ahnte es doch, daß er es sich überlegen wird! Er benimmt
sich wie zu Hause, ist aber zum ersten Male hier. Porphyri betrachtet
ihn nicht als seinen Gast, sitzt mit dem Rücken zu ihm. Sie stecken
unter einer Decke! Sie stecken unbedingt meinetwegen unter einer Decke!
Sie haben sicher vor unserem Kommen über mich gesprochen! ... Wissen sie
etwas von der Wohnung gestern? Mag es schneller herauskommen! ... Als
ich sagte, daß ich gestern weggelaufen wäre, mir eine Wohnung zu mieten,
ließ er es gelten, erfaßte nicht die Gelegenheit ... Mit der Wohnung
habe ich's fein angedeutet, -- es kann mir später nützen! ... Im Fieber
war es, kann ich sagen! ... Ha--ha--ha! Er weiß alles über den gestrigen
Abend! Von der Ankunft der Mutter wußte er nicht! ... Und die Hexe hat
auch das Datum mit Bleistift vermerkt! ... Ihr lügt, ich ergebe mich
nicht! Das sind doch keine Tatsachen, bloß Phantasiegebilde! Nein, rückt
mal mit Tatsachen heraus! Auch der Besuch der Wohnung ist keine
Tatsache, sondern Fieber, -- ich weiß, was ich ihnen sagen muß ...
Wissen sie, daß ich in der Wohnung war? Ich gehe nicht fort, ehe ich es
nicht erfahre! Warum bin ich hergekommen? Daß ich mich jetzt ärgere, das
ist vielleicht eine Tatsache! Wie reizbar ich bin! Vielleicht aber ist
es auch gut; es ist die Rolle eines Kranken ... Er betastet mich. Er
wird mich verwirren wollen. Warum bin ich überhaupt gekommen?«

Dies alles fuhr ihm durch den Kopf wie ein Blitz.

Porphyri Petrowitsch kehrte bald zurück. Er war auf einmal vergnügter
geworden.

»Mein Kopf brummt von dem gestrigen Abend bei dir, Bruder ... und ich
bin ganz zerschlagen,« begann er in einem ganz anderen Tone und wandte
sich lachend an Rasumichin. »War es interessant? Ich verließ euch doch
gestern bei dem interessantesten Punkte. Wer siegte?«

»Niemand, selbstverständlich. Wir kamen später zu den ewigalten Fragen,
schwebten in höheren Regionen.«

»Was meinst du, Rodja, worauf sie gestern zu sprechen kamen, -- gibt es
oder gibt es keine Verbrecher? Ich sag dir, sie schwatzten das Blaue vom
Himmel herunter!«

»Was ist da Merkwürdiges dran? Eine gewöhnliche soziale Frage,«
antwortete Raskolnikoff zerstreut.

»Die Frage war nicht so formuliert,« bemerkte Porphyri Petrowitsch.

»Nein, nicht ganz so, das ist wahr,« pflichtete Rasumichin wie
gewöhnlich eilig und sich ereifernd bei. »Sieh, Rodion, höre mich an und
sage dann deine Meinung. Es wäre mir lieb. Ich wollte gestern geradezu
aus der Haut fahren, ich wartete auf dich, denn ich hatte ihnen gesagt,
daß du kommen wirst ... Es begann mit der Anschauung der Sozialisten.
Die Anschauung ist bekannt, -- das Verbrechen ist ein Protest gegen die
anormale soziale Einrichtung, und -- mehr nichts, keine andern Gründe
wurden zugelassen, -- nichts mehr! ...«

»Da schwindelst du schon!« rief Porphyri Petrowitsch. Er wurde sichtbar
belebter und lachte alle Augenblicke, indem er Rasumichin ansah, der
dadurch noch mehr in Hitze kam.

»Sonst wurde nichts zugelassen!« unterbrach ihn Rasumichin voll Eifer,
»ich schwindle nicht! ... Ich will dir ihre Bücher zeigen, -- an allem
soll die sogenannte >gute Gesellschaft schuld sein< -- und weiter
nichts! Das ist ihre Lieblingsphrase! Und daraus geht hervor, daß, wenn
die Gesellschaft normal eingerichtet sein wird, mit einem Male auch alle
Verbrecher verschwinden werden, weil es nichts mehr geben wird, dagegen
zu protestieren, und alle werden auf einmal gerecht werden. Die Natur
wird nicht in Betracht gezogen, die Natur wird hinausgejagt, die Natur
hat keinen Platz! Bei ihnen wird die Menschheit nicht von selbst sich in
eine normale Gesellschaft verwandeln, indem sie den historischen,
lebendigen Entwicklungsgang durchmacht, sondern im Gegenteil, ein
soziales System, irgendeinem mathematischen Kopfe entsprungen, soll
sofort die ganze Menschheit verändern und im Nu sie gerecht und
sündenlos machen, ohne jeden historischen und lebendigen
Entwicklungsgang, ohne jeglichen lebendigen Prozeß! Darum hassen sie
auch so instinktiv die Geschichte, -- >in ihr kommen bloß
Scheußlichkeiten und Dummheiten vor<, -- und alles wird bloß durch
Dummheit allein erklärt! Darum lieben sie auch nicht den lebendigen
Lebensprozeß, -- sie brauchen keine lebendige Seele. Eine lebendige
Seele wird Leben verlangen, eine lebendige Seele will nicht einem
Mechanismus gehorchen, eine lebendige Seele ist mißtrauisch, eine
lebendige Seele ist rückschrittlich! Und bei ihnen kann man die Seele
aus Kautschuk machen, tut nichts, daß sie Leichengeruch hat, -- sie ist
dafür nicht lebendig, ohne Willen, eine Sklavenseele und wird sich nicht
empören. Und im Resultate kommt es darauf hinaus, daß sich alles nur um
das Zusammensetzen von Ziegelsteinen und um die Lage der Korridore und
der Zimmer in der kommunistischen Kolonie dreht! Die kommunistische
Kolonie ist fertig, sie verlangt Leben, hat ihren Lebensprozeß noch
nicht abgeschlossen, es ist zu früh für sie, auf den Kirchhof zu kommen!
Mit der Logik allein kann man nicht die Natur überspringen! Die Logik
will drei Fälle voraussetzen, und es gibt ihrer eine Million! Soll man
die ganze Million Fälle abschneiden und alles bloß zur Frage des
Komforts konzentrieren? Die leichteste Lösung der Aufgabe! Sie ist
verlockend einfach und man braucht nicht zu denken! Und das ist die
Hauptsache -- man braucht nicht zu denken! Das ganze Lebensgeheimnis
findet auf zwei Druckbogen Platz!«

»Wie es dich gepackt hat, du schlugst fest die Trommel! Man muß dich
festhalten,« lachte Porphyri Petrowitsch. »Stellen Sie sich vor,« wandte
er sich an Raskolnikoff, »so war es auch gestern abend, und das in einem
Zimmer, angefüllt mit sechs Mann, die er dazu noch vorher mit Punsch
bewirtet hat, -- können Sie sich so was vorstellen? Nein, Bruder, du
schwindelst, -- >die Gesellschaft< hat bei einem Verbrechen viel zu
bedeuten; das kann ich dir bestätigen.«

»Ich weiß es selbst, daß sie viel zu bedeuten hat, aber sage mir, --
wenn ein Vierzigjähriger ein Mädchen von zehn Jahren vergewaltigt, --
hat ihn etwa die Gesellschaft, die Umgebung dazu gezwungen?«

»Ja, im strengen Sinne vielleicht auch die Gesellschaft,« bemerkte
Porphyri Petrowitsch mit merkwürdiger Wichtigkeit, »ein Verbrechen an
einem kleinen Mädchen kann man sehr, sehr gut durch >die Gesellschaft<
erklären.«

Rasumichin geriet nun fast in Wut.

»Nun, willst du, so werde ich dir sofort beweisen,« brüllte er »daß du
weiße Wimpern einzig und allein darum hast, weil der Turm von Iwan
Weliki fünfundsiebzig Meter hoch ist, und ich will es dir klar, genau,
fortschrittlich, und sogar mit einem liberalen Anfluge beweisen! Ich
übernehme es! Nun, willst du mit mir wetten?«

»Ich nehme die Wette an! Wollen wir mal hören, wie er es beweisen will!«

»Ja, du stellst dich bloß so an, zum Teufel!« rief Rasumichin aus,
sprang von seinem Stuhle und wehrte mit der Hand ab. »Nun, lohnt es sich
mit dir zu sprechen? Er tut dies nur absichtlich, du kennst ihn noch
nicht, Rodion! Auch gestern war er auf ihrer Seite, bloß, um sie alle
anzuführen. Und was er gestern alles sagte, oh Gott! Und die waren um
ihn froh! ... Er kann in dieser Weise zwei Wochen aushalten. Im vorigen
Jahre erzählte er uns aus irgendeinem Grunde, daß er ins Kloster gehe,
-- zwei Monate blieb er dabei! Vor kurzem wollte er uns aufbinden, daß
er heiraten würde, und daß alles schon zur Hochzeit bereit sei. Sogar
einen neuen Anzug hatte er sich bestellt. Wir fingen schon an, ihm zu
gratulieren. Keine Braut, nichts war da, -- alles Phantasiespiel!«

»Da hast du wieder geschwindelt! Den Anzug hatte ich vorher bestellt!
Wegen des neuen Anzuges kam es mir auch in den Sinn, euch alle
anzuführen!«

»Können Sie sich wirklich so verstellen?« fragte Raskolnikoff
nachlässig.

»Und Sie glauben es nicht? Warten Sie, auch Sie will ich anführen --
ha--ha--ha! Nein, hören Sie, ich will Ihnen die Wahrheit sagen. Bei
allen diesen Fragen, Verbrechen, Gesellschaft, kleinen Mädchen erinnere
ich mich plötzlich, -- übrigens habe ich mich stets dafür interessiert,
-- an einen Aufsatz von Ihnen, -- >Über Verbrechen ...< oder wie er
heißt, ich habe den Titel vergessen, ich erinnere mich nicht genau an
ihn. Vor zwei Monaten hatte ich das Vergnügen, ihn in dem >Periodischen
Worte< zu lesen.«

»Meinen Aufsatz? In dem >Periodischen Worte?<« fragte verwundert
Raskolnikoff, »ich habe tatsächlich vor einem halben Jahre, als ich die
Universität verließ, einen Aufsatz geschrieben, aber ich habe ihn damals
der Zeitung >Das wöchentliche Wort< und nicht dem >Periodischen<
übergeben.«

»Er ist aber im >Periodischen< erschienen.«

»Das >Wöchentliche Wort< hörte damals auf zu erscheinen, darum druckte
man ihn auch nicht ...«

»Das ist richtig; und das >Wöchentliche Wort< verschmolz mit dem
>Periodischen< und darum erschien auch Ihr Aufsatz vor zwei Monaten
dort. Sie wußten es nicht?«

Raskolnikoff wußte tatsächlich nichts davon.

»Erlauben Sie, Sie können doch Geld für den Aufsatz verlangen! Was Sie
für ein Mensch sind! Sie leben so einsam, daß Sie selbst von solchen
Dingen, die Sie doch direkt angehen, keine Ahnung haben.«

»Bravo, Rodja! Auch ich wußte nichts,« rief Rasumichin aus. »Ich gehe
heute noch in die Lesehalle und verlange die Nummer. Vor zwei Monaten
war es! Welches Datum? Na, einerlei, ich werde ihn schon finden! Das ist
mal eine Sache! Und er sagte nichts davon!«

»Woher haben Sie zu wissen bekommen, daß der Aufsatz von mir ist? Er ist
nur mit einem Buchstaben unterzeichnet.«

»Zufällig, und auch erst in diesen Tagen. Durch den Redakteur; ich kenne
ihn ... Ich war sehr interessiert.«

»Ich betrachtete, soweit ich mich erinnere, den psychologischen Zustand
eines Verbrechers während des ganzen Vorganges.«

»Ja, und Sie behaupteten, daß die Vollbringung eines Verbrechens stets
von einer Krankheit begleitet wird. Sehr, sehr originell, aber ... mich
interessierte eigentlich nicht dieser Teil Ihres Aufsatzes, sondern ein
gewisser Gedanke, der zum Schlusse vorkommt, den Sie aber leider nur
unklar andeuteten ... Wenn Sie sich entsinnen, es ist da angedeutet, daß
in der Welt offenbar Menschen existieren, die tun können ... das heißt
nicht bloß können, sondern volles Recht dazu haben, allerhand
Scheußlichkeiten und Verbrechen zu vollbringen, und daß für sie das
Gesetz nicht geschrieben ist.«

Raskolnikoff lächelte über die starke absichtliche Verdrehung seiner
Idee.

»Wie? Was? Ein Recht auf Verbrechen? Aber doch nicht aus dem Grunde,
weil die Gesellschaft schuld ist?« erkundigte sich Rasumichin voll
Schrecken.

»Nein, nein, nicht aus dem Grunde,« antwortete Porphyri Petrowitsch.
»Die ganze Sache dreht sich darum, daß in seinem Aufsatze die Menschen
in >gewöhnliche< und >ungewöhnliche< eingeteilt werden. Die Gewöhnlichen
müssen in Gehorsam leben und haben kein Recht, ein Gesetz zu
überschreiten, weil sie -- eben Gewöhnliche sind. Und die Ungewöhnlichen
haben das Recht, allerhand Verbrechen zu vollbringen und in jeder Weise
das Gesetz zu verletzen, und das, weil sie Ungewöhnliche sind. So
scheint es mir in Ihrem Aufsatze zu stehen, wenn ich nicht irre?«

»Aber wie ist denn das? Es kann nicht sein, daß es so gemeint ist!«
murmelte Rasumichin zweifelnd.

Raskolnikoff lächelte wieder. Er hatte sofort verstanden, wie die Sache
stand und worauf man ihn bringen wollte; er entsann sich der Stelle und
beschloß, die Herausforderung anzunehmen.

»Es steht nicht ganz so in meinem Aufsatze,« begann er schlicht und
bescheiden. »Übrigens, ich muß gestehen, daß Sie ihn nahezu richtig
wiedergegeben haben, und wenn Sie es wünschen, auch vollkommen richtig
...« Es paßte ihm anscheinend, zuzugeben, daß der Gedanke vollkommen
richtig wiedergegeben war. »Der Unterschied besteht einzig darin, daß
ich gar nicht behauptete, daß die ungewöhnlichen Menschen unbedingt
allerhand Scheußlichkeiten vollbringen müssen und dazu verpflichtet
sind, wie Sie es sagen. Ich glaube auch, daß man einen solchen Aufsatz
in der Presse nicht zugelassen hätte. Ich habe einfach angedeutet, daß
ein >ungewöhnlicher< Mensch das Recht habe ... das heißt kein
offizielles Recht, sondern in sich selbst das Recht trage, seinem
Gewissen zu gestatten ... einige Hindernisse zu überschreiten, und
einzig in dem Falle, wenn die Erfüllung seiner Idee, -- die zuweilen
vielleicht für die ganze Menschheit heilbringend ist, -- dieses
verlangt. Sie beliebten zu sagen, daß mein Aufsatz nicht deutlich sei;
ich bin bereit, ihn Ihnen nach Möglichkeit zu erklären. Ich irre mich
vielleicht nicht, wenn ich annehme, daß Sie es wünschen, gut. Meine
Ansicht geht dahin, -- wenn die Entdeckungen von Newton und Kepler,
infolge irgendwelcher Kombinationen, in keiner Weise der Menschheit
anders bekannt werden konnten als durch den Verlust des Lebens von
einem, zehn, hundert und mehr Menschen, die der Erfindung störend waren,
oder ihr als ein Hindernis im Wege standen, so hätte Newton das Recht
gehabt und wäre sogar verpflichtet gewesen ... diese zehn oder hundert
Menschen zu beseitigen, um seine Erfindungen der ganzen Menschheit
bekannt zu machen. Daraus läßt sich übrigens gar nicht schließen, daß
Newton das Recht hatte, jeden beliebigen, den ersten besten zu ermorden
oder jeden Tag auf dem Markte zu stehlen. Weiter entwickelte ich --
soweit ich mich erinnern kann -- in meinem Aufsatze, daß alle ... nun,
nehmen wir zum Beispiel die Gesetzgeber und Führer der Menschheit,
angefangen von den allerältesten Lykurg, Solon bis Mahomet, Napoleon und
so weiter herauf: alle waren ohne Ausnahme Verbrecher, schon dadurch
allein, daß sie ein neues Gesetz gaben, das alte, von der Gesellschaft
heilig geehrte und von den Vätern übernommene Gesetz verletzten, -- und
sie schraken sicher nicht vor dem Blutvergießen zurück, wenn ihnen nur
das Blut, -- und es war zuweilen ganz unschuldiges und tapfer für das
alte Gesetz vergossenes Blut -- helfen konnte. Es ist sogar auffallend,
daß der größte Teil dieser Wohltäter und Führer der Menschheit besonders
grausame Blutvergießer waren. Mit einem Worte, ich ziehe den Schluß, daß
auch alle, nicht bloß die Großen, sondern auch die kaum über das Maß
hervortretenden Menschen, das heißt, die auch nur eine geringe Fähigkeit
haben, etwas Neues zu sagen, unbedingt ihrer Natur nach mehr oder
weniger Verbrecher sein müssen. Anders würde es ihnen schwer fallen, aus
dem Gleise herauszukommen; und im Gleise zu bleiben können sie gar nicht
wollen, wiederum ihrer Natur nach, und meiner Ansicht nach sind sie
sogar verpflichtet, es nicht zu wollen. Mit einem Worte, Sie sehen, daß
bis dato etwas besonders Neues nicht in dem Aufsatze steht. Das wurde
schon tausendmal gedruckt und gelesen. Was meine Einteilung der Menschen
in gewöhnliche und ungewöhnliche anbetrifft, gebe ich zu, daß sie ein
wenig willkürlich ist, aber ich klammere mich auch nicht an genaue
Zahlen. Ich glaube nur an meinen Hauptgedanken. Er besteht gerade darin,
daß die Menschen infolge eines Naturgesetzes überhaupt in zwei Gattungen
zerfallen, -- eine niedrige, die gewöhnlichen, das heißt sozusagen das
Material, das einzig zur Weitererzeugung dient, und eigentliche
Menschen, das heißt solche, die die Begabung oder das Talent haben, in
ihrem Kreise ein neues Wort zu sagen. Selbstverständlich gibt es hier
endlose Unterabteilungen, aber die bezeichnenden Merkmale beider
Gattungen sind ziemlich scharf, -- die erste Gattung, das heißt das
Material, besteht, im allgemeinen gesagt, aus Menschen, die ihrer Natur
nach konservativ und gesittet sind, in Gehorsam leben und es lieben,
gehorsam zu sein. Meiner Ansicht nach sind sie auch verpflichtet,
gehorsam zu sein, denn das ist ihre Bestimmung und dabei ist entschieden
nichts Erniedrigendes für sie. Die zweite Gattung, -- die überschreiten
alle das Gesetz, sind Zerstörer oder neigen dazu, je nach ihren
Fähigkeiten. Die Verbrechen dieser Menschen sind selbstverständlich
relativ und verschieden; meistens verlangen sie die Zerstörung des
Gegenwärtigen im Namen eines Besseren. Wenn er aber seiner Idee wegen,
-- sagen wir -- über eine Leiche schreiten oder Blut vergießen muß, so
kann er, meine ich, innerlich von seinem Gewissen aus sich die Erlaubnis
geben, über diese Leiche hinwegzuschreiten, -- das heißt, je nach der
Idee und ihrem Umfange, -- halten Sie das fest! Nur in diesem Sinne
spreche ich auch in meinem Aufsatze über ihr Recht auf Verbrechen. Sie
entsinnen sich doch, daß wir mit einer juristischen Frage anfingen.
Übrigens, es ist nicht wert, sich viel aufzuregen, -- die Menge erkennt
fast nie dieses Recht für sie an, sie läßt sie hinrichten und hängen --
mehr oder weniger -- und erfüllt dadurch vollkommen richtig ihre
konservative Bestimmung, jedoch mit dem Unterschiede, daß dieselbe Menge
in den folgenden Generationen die Hingerichteten auf das Piedestal
stellen und sie anbeten wird -- mehr oder weniger. Die erste Gattung ist
immer der Herr der Gegenwart, die zweite -- der Herr der Zukunft. Die
ersten bewahren die Welt und vermehren sie der Zahl nach; die zweiten
bewegen die Welt und führen sie zum Ziele. Wie die einen, so haben auch
die anderen das vollkommen gleiche Recht, zu existieren. Mit einem
Worte, in meinem Aufsatze haben alle gleich großes Recht und -- _vive la
guerre éternelle_{[1]}, -- bis zum Neuen Jerusalem, versteht sich!«

»Also, Sie glauben trotzdem an Neu-Jerusalem?«

»Ich glaube daran,« antwortete Raskolnikoff fest. Indem er dies sagte,
blickte er zu Boden, wie er auch während seiner langen Rede auf einen
Punkt des Teppiches geblickt hatte.

»Und, und glauben Sie auch an Gott? Entschuldigen Sie meine Neugier.«

»Ich glaube an ihn,« wiederholte Raskolnikoff und hob die Augen zu
Porphyri Petrowitsch empor.

»Und, und glauben Sie an die Auferstehung des Lazarus?«

»Ich glau--be. Warum wollen Sie das wissen?«

»Glauben Sie buchstäblich daran?«

»Buchstäblich.«

»So, so ... ich fragte bloß aus Neugier. Entschuldigen Sie. Aber
erlauben Sie, -- ich kehre zu dem Gesagten zurück, -- jene werden doch
nicht immer hingerichtet, manche ganz im Gegenteil ...«

»Triumphieren während ihres Lebens? Oh ja, manche erreichen es auch
während ihrer Lebenszeit, und dann ...«

»Beginnen sie selbst hinzurichten?«

»Wenn es nötig ist, und wissen Sie, eigentlich meistenteils. Ihre
Bemerkung war treffend.«

»Danke. Aber sagen Sie bitte, wie soll man diese Ungewöhnlichen von den
Gewöhnlichen unterscheiden? Gibt es etwa bei der Geburt solche Merkmale?
Ich meine, daß hier mehr Klarheit, sozusagen mehr äußerliche Genauigkeit
sein müßte, -- entschuldigen Sie bei mir die natürliche Besorgnis eines
praktischen und loyalen Menschen, aber könnte man hier nicht zum
Beispiel eine besondere Kleidung einführen, irgend etwas tragen,
irgendwie sie kennzeichnen? ... Denn, gestehen Sie selbst, wenn eine
Verwechslung stattfindet, und einer aus der einen Gattung sich
einbildet, daß er zu der anderen Gattung gehöre und anfängt >alle
Hindernisse zu beseitigen<, wie Sie sich sehr treffend ausdrückten, so
kann dabei ...«

»Oh, das kommt sehr oft vor! Ihr letzter Einwurf ist noch besser als der
vorige ...«

»Danke sehr ...«

»Keine Ursache; aber ziehen Sie doch in Betracht, daß ein Irrtum nur
seitens der ersten Gattung, das heißt der >gewöhnlichen< Menschen, wie
ich sie vielleicht sehr unglücklich genannt habe, möglich ist. Trotz
ihrer angeborenen Neigung zum Gehorsam lieben es sehr viele von ihnen,
aus einem gewissen, lebhaften Naturell, das auch einer Kuh nicht versagt
ist, sich einzubilden Fortschrittsmänner, >Zerstörer<, zu sein und
glauben es mit einem neuen Worte erreicht zu haben, und sie tun
vollkommen aufrichtig. Und die tatsächlich Neuen bemerken sie darüber
sehr oft nicht, verachten sie sogar als rückschrittliche und
untergeordnete Menschen. Meiner Ansicht nach aber kann hier keine große
Gefahr vorliegen, denn sie erreichen nie viel im Leben. Für ihre
Verblendung könnte man sie zuweilen züchtigen, um sie an ihren Platz zu
erinnern, aber auch nicht mehr; man braucht aber dabei oftmals keinen
Vollstrecker, sie werden sich selbst züchtigen, weil sie sehr
wohlgesittet sind, -- manche erweisen einander diesen Dienst, andere
aber tun es eigenhändig ... Sie legen sich dabei allerhand öffentliche
Bußen auf, -- es macht sich das hübsch und wirkt belehrend: mit einem
Worte, Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen ... Für sie besteht ein
Gesetz.«

»Nun, in diesem Punkte haben Sie mich wenigstens etwas beruhigt, aber da
haben wir noch einen bösen Punkt, -- sagen Sie mir bitte, gibt es viele
solche Leute, die das Recht haben, andere zu morden, sogenannte
>Ungewöhnlicheungewöhnlichen< Menschen hielten,
der ein neues Wort -- in Ihrem Sinne, versteht sich, -- sagt ... War es
nicht so?«

»Sehr möglich,« antwortete Raskolnikoff verächtlich. Rasumichin machte
eine Bewegung.

»Und wenn es so ist, würden Sie in diesem Falle sich entschließen, --
nun, sagen wir, wegen irgendwelcher Fehlschläge und beschränkter
Verhältnisse oder auch um irgendwie die Menschheit zu fördern, -- über
ein Hindernis hinweg zu schreiten? ... Nun, zum Beispiel, zu morden und
zu rauben? ...«

Und wieder schien er ihm plötzlich mit dem linken Auge zuzuzwinkern und
lachte unhörbar, -- genau wie vorhin.

»Wenn ich auch über eines hinweg schreiten würde, so würde ich es Ihnen
sicher nicht sagen,« antwortete Raskolnikoff mit herausfordernder
hochmütiger Verachtung.

»Ach was, ich interessiere mich doch in rein literarischer Hinsicht, um
eigentlich Ihren Aufsatz mehr zu verstehen ...«

»Jetzt wird er deutlich und unverschämt!« dachte Raskolnikoff voll
Widerwillen.

»Gestatten Sie mir gütigst zu bemerken,« antwortete er trocken, »daß ich
mich weder für einen Mahomet noch für einen Napoleon halte ... für keine
von solchen Persönlichkeiten, also kann ich, da ich keiner von denen
bin, Ihnen auch keine befriedigende Erklärung geben, wie ich handeln
würde.«

»Nun, aber bitte, wer hält sich jetzt in Rußland nicht für einen
Napoleon?« sagte Porphyri Petrowitsch plötzlich mit großer Familiarität.

Sogar im Tone seiner Stimme lag diesmal etwas besonders Deutliches.

»Möglicherweise hat auch ein künftiger Napoleon unsere Aljona Iwanowna
in der vorigen Woche mit dem Beile erschlagen?« platzte Sametoff heraus.

Raskolnikoff schwieg und blickte unverwandt und fest Porphyri
Petrowitsch an. Rasumichins Gesicht verfinsterte sich. Ihm war schon
vorher etwas aufgefallen. Er blickte zornig um sich. Eine Minute
düsteren Schweigens verging. Raskolnikoff wandte sich, um wegzugehen.

»Sie wollen schon fortgehen?« sagte Porphyri Petrowitsch freundlich und
reichte ihm außerordentlich liebenswürdig die Hand. »Ich freue mich
sehr, sehr über Ihre Bekanntschaft. Und was Ihre Bitte anbetrifft, seien
Sie ohne Sorge. Schreiben Sie nur so, wie ich Ihnen sagte. Oder noch
besser, kommen Sie selber einmal zu mir ... vielleicht in diesen Tagen
... morgen ... ich werde gegen elf Uhr da sein. Wir wollen dann alles
besorgen ... uns auch etwas unterhalten ... Sie, als einer der letzten,
die dort gewesen waren, könnten uns vielleicht etwas mitteilen ...«

»Sie wollen mich offiziell, mit allem Zubehör, verhören?« fragte
Raskolnikoff scharf.

»Warum denn? Vorläufig ist das gar nicht nötig. Sie haben das falsch
verstanden. Sehen Sie, ich lasse mir keine Gelegenheit entgehen und ...
und habe schon mit allen Pfandgebern gesprochen ... manche Aussagen habe
ich zu Protokoll genommen ... und Sie, als der letzte ... Ja, a propos!«
rief er plötzlich, sich über etwas freuend, »ich erinnere mich jetzt,
was ist denn mit mir! ...« wandte er sich an Rasumichin. »Siehst du, du
hast mir von diesem Nikolai die Ohren vollgeblasen ... nun, ich weiß
auch selbst, ich weiß,« wandte er sich an Raskolnikoff, »daß der Bursche
unschuldig ist, aber was ist da zu machen, ich mußte auch Dmitri
belästigen ... ja, die Sache ist nun die, -- als Sie damals die Treppe
hinaufgingen ... erlauben Sie, -- Sie waren doch in der achten Stunde
dort?«

»Ja, in der achten,« antwortete Raskolnikoff und empfand es im selben
Momente unangenehm, da er dies doch nicht zu sagen brauchte.

»Also, als Sie die Treppe in der achten Stunde hinaufgingen, haben Sie
da nicht im zweiten Stock, in einer offenstehenden Wohnung -- erinnern
Sie sich? -- zwei Arbeiter oder wenigstens einen von ihnen gesehen? Sie
strichen dort an, haben Sie sie nicht bemerkt? Das ist sehr, sehr
wichtig für die beiden! ...«

»Anstreicher? Nein, ich habe sie nicht gesehen ...« antwortete
Raskolnikoff langsam und wie in seiner Erinnerung suchend, dabei spannte
er unter schweren Qualen sein ganzes Wesen an, um alsbald die gestellte
Falle zu erkennen und nichts zu übersehen. »Nein, ich habe sie nicht
gesehen und eine offenstehende Wohnung auch nicht bemerkt ... aber ich
erinnere mich -- (er hatte die Falle jetzt erkannt und triumphierte) --
daß im vierten Stock ein Beamter aus der Wohnung auszog ... gerade
gegenüber Aljona Iwanowna ... ich erinnere mich dessen ... erinnere mich
klar ... Soldaten trugen ein Sofa hinaus und preßten mich dabei an die
Wand ... Anstreicher, nein, deren erinnere ich mich nicht ... und eine
offenstehende Wohnung habe ich nirgends gesehen. Ja, nirgends ...«

»Ja, was ist denn das!« rief plötzlich Rasumichin, als sei er zu sich
gekommen und hätte es sich überlegt, »ja, die Anstreicher arbeiteten
doch am Tage des Mordes dort und er war drei Tage vorher dort? Was
fragst du denn?«

»Ach! Ich habe es verwechselt!« schlug sich Porphyri Petrowitsch vor die
Stirn. »Zum Teufel, ich verliere noch den Verstand durch diese Sache!«
wandte er sich wie entschuldigend an Raskolnikoff. »Uns ist es so
wichtig, zu erfahren, ob man jemand in der achten Stunde in der Wohnung
gesehen hat und da bildete ich mir ein, daß Sie es auch sagen könnten
... ich habe es rein verwechselt!«

»Man muß eben aufmerksamer sein,« bemerkte Rasumichin grimmig.

Die letzten Worte wurden schon im Vorzimmer gesagt. Porphyri Petrowitsch
begleitete sie außerordentlich liebenswürdig bis zur Türe. Beide traten
finster und verdrießlich auf die Straße hinaus und redeten einige
Schritte kein Wort. Raskolnikoff tat einen tiefen Atemzug.


                                  VI.

»... Ich glaube nicht daran! Ich kann es nicht glauben!« wiederholte
Rasumichin bestürzt und versuchte mit aller Kraft die Einwände
Raskolnikoffs zu widerlegen.

Sie näherten sich schon den »Möblierten Zimmern« von Bakalejeff, wo
Pulcheria Alexandrowna und Dunja sie seit langem erwarteten. Rasumichin
blieb alle Augenblicke im Eifer des Gespräches stehen, verwirrt und
schon dadurch allein aufgeregt, daß sie zum erstenmale _darüber_ klar
gesprochen hatten.

»Du glaubst es nicht!« antwortete Raskolnikoff mit einem kalten und
nachlässigen Lächeln. »Du hast nach deiner Gewohnheit nicht acht gehabt,
aber ich wog jedes Wort ab.«

»Du bist argwöhnisch, darum legtest du auch jedes Wort auf die Wage ...
Hm ... in der Tat, ich gebe zu, der Ton von Porphyri war ziemlich
merkwürdig; besonders aber dieser Schuft Sametoff! ... Du hast recht,
etwas war an ihm, -- aber warum? Warum?«

»Er hat sich's über Nacht überlegt.«

»Aber im Gegenteil, im Gegenteil! Wenn sie diesen hirnlosen Gedanken
wirklich hätten, so würden sie mit allen Kräften ihn zu verbergen suchen
und ihre Karten verdeckt halten, um dich später plötzlich zu fangen ...
Jetzt aber ist es unverschämt und unvorsichtig!«

»Wenn sie Tatsachen, das heißt wirklich Tatsachen oder einen
einigermaßen begründeten Verdacht hätten, dann würden sie wirklich
versuchen, ihr Spiel zu verbergen, -- in der Hoffnung, noch mehr zu
gewinnen und ... hätten übrigens auch längst eine Haussuchung
vorgenommen! Aber sie haben keine Tatsache, keine einzige, -- alles ist
Phantasie, alles hat zwei Seiten, sie haben nur im allgemeinen eine
Idee, -- so versuchen sie durch Unverschämtheit zu verwirren. Vielleicht
aber ist er auch wütend darüber, daß er keine Tatsachen hat, und aus
Ärger läßt er sich gehen. Vielleicht aber hat er auch damit einen Zweck
verfolgt ... Er scheint ein kluger Mann zu sein ... Er wollte mich
vielleicht erschrecken damit, daß er etwas weiß ... Hier, Bruder, liegt
eine eigene Psychologie ... Übrigens aber, ist es gemein, dies alles zu
erklären. Laß es!«

»Und beleidigend, beleidigend! Ich verstehe dich! Aber ... da wir schon
einmal deutlich darüber reden -- und es ist gut, daß wir endlich klar
darüber sprechen können, ich freue mich darüber, -- so will ich dir
jetzt offen gestehen, daß ich lange schon bei ihnen diesen Gedanken, in
dieser ganzen Zeit gemerkt habe, selbstverständlich in einer kaum
merkbaren, in einer schleichenden Form. Warum aber? Wie können sie es
wagen? Wo liegen bei ihnen die Gründe? Wenn du wüßtest, wie ich wütend
war! Wie, -- aus dem Grunde, weil da ein armer Student ist,
heruntergekommen durch große Armut und Hypochondrie, am Vorabend einer
schrecklichen Krankheit, verbunden mit Fieberwahn, die vielleicht längst
in ihm saß, -- merk dir das! -- ein argwöhnischer, ehrgeiziger Mensch,
der seinen Wert kennt und der sechs Monate in einem Winkel gesessen und
niemand gesehen hat; er steht in Lumpen und in Stiefeln ohne Sohlen vor
allerhand Polizisten und leidet unter ihren Schmähungen; dazu kommt noch
eine unerwartete Schuld, ein nicht eingelöster Wechsel von Hofrat
Tschebaroff, dumpfer Farbengeruch, dreißig Grad Wärme, stickige Luft,
eine Menge Menschen, die Erzählung von der Ermordung einer Person, bei
der er am Vorabend war, und dies alles -- auf leeren Magen! Ja, wie soll
man dabei nicht ohnmächtig werden! Und darauf, darauf wird alles
begründet! Zum Teufel! Ich verstehe, daß es einen ärgert, aber an deiner
Stelle, Rodja, würde ich ihnen allen ins Gesicht lachen, oder noch
besser, ihnen allen ordentlich in die Fratze spucken, ich würde noch ein
paar Dutzend Ohrfeigen verteilen, selbstverständlich in kluger Weise,
wie man sie stets geben muß, und würde damit die Sache abschließen.
Pfeif darauf! Halt dich fest! Es ist eine Schande!«

»Er hat es gut dargestellt,« dachte Raskolnikoff.

»Pfeif darauf? Und morgen ist wieder Verhör!« sagte er bitter. »Soll ich
mich etwa in Verhandlungen mit ihnen einlassen? Ich ärgere mich schon,
daß ich mich gestern in dem Restaurant bis zu Sametoff erniedrigt habe
...«

»Zum Teufel! Ich will selbst zu Porphyri gehen! Und ich will ihn schon
_in verwandtschaftlicher Weise_ vorkriegen; er soll mir alles haarklein
erzählen. Und Sametoff ...«

»Endlich kommt er auf ihn!« dachte Raskolnikoff.

»Halt!« rief Rasumichin und packte ihn plötzlich an der Schulter, »halt!
Du hast geschwindelt! Ich habe es mir überlegt, du hast geschwindelt!
Wieso ist das eine Falle? Du sagst, daß die Frage über die Anstreicher
eine Falle war? Denk doch nach, -- wenn du _es_ getan hättest, hättest
du es zugegeben, daß du gesehen hast, wie die Wohnung gemalt wurde ...
und die Arbeiter? Im Gegenteil, -- du hättest gesagt, ich habe nichts
gesehen, wenn du es auch gesehen hättest! Wer zeugt denn gegen sich
selbst?«

»Wenn ich _es_ getan hätte, so würde ich unbedingt gesagt haben, daß ich
wie die Anstreicher, so auch die Wohnung gesehen habe,« antwortete
Raskolnikoff unwillig und mit sichtlichem Ekel.

»Ja, warum gegen sich selbst aussagen?«

»Weil nur Bauern oder ganz unerfahrene Neulinge beim Verhör offen und
alles nacheinander leugnen. Ein einigermaßen gebildeter und schlauer
Mann versucht unbedingt und nach Möglichkeit alle äußeren,
unverfänglichen Tatsachen zu bestätigen; er sucht bloß andere Gründe
anzuführen, bringt seine eigene besondere und unerwartete Erklärung
hinein, die eine vollkommen andere Bedeutung gibt und alles in einem
anderen Lichte erscheinen läßt. Porphyri konnte gerade damit rechnen,
daß ich unbedingt in dieser Weise antworten und sicher sagen würde, daß
ich sie gesehen habe, nur der Wahrscheinlichkeit halber, und dabei
irgend etwas zur Erklärung hinzufügen würde.«

»Er hätte dir sofort gesagt, daß zwei Tage vorher keine Arbeiter dort
gewesen sein konnten, und daß also du gerade am Tage des Mordes, um acht
Uhr, dort gewesen bist. Er hätte dich mit dieser Kleinigkeit gefangen.«

»Er rechnete auch damit, daß ich keine Zeit haben werde, es mir zu
überlegen und mich beeilen würde, wahrheitsgetreuer zu antworten und
dabei vergessen würde, daß zwei Tage vorher keine Arbeiter da sein
konnten.«

»Wie kann man aber das vergessen?«

»Sehr leicht! Auf solche geringfügigen Dinge fallen am ehesten schlaue
Menschen herein. Je schlauer ein Mensch ist, um so weniger ahnt er, daß
man ihn bei etwas Einfachem ertappen würde. Den schlauesten Menschen muß
man gerade mit dem Einfachsten verwirren. Porphyri ist gar nicht so
dumm, wie du denkst ...«

»Er ist nach alledem ein Schuft!«

Raskolnikoff konnte sich des Lachens nicht erwehren. Aber im selben
Augenblicke erschien ihm seine eigene Lust und die Begeisterung, mit der
er seine letzte Erklärung abgegeben hatte, überaus sonderbar; das ganze
vorangehende Gespräch hatte er mit einem düsteren Widerwillen, nur unter
dem Zwange der Situation geführt.

»Ich bekomme noch Geschmack daran!« dachte er.

Jedoch gleich darauf wurde er unruhig, als hätte ihn ein unerwarteter
und beunruhigender Gedanke überrascht. Seine Unruhe wuchs. Sie waren
schon am Eingange zu den möblierten Zimmern von Bakalejeff.

»Geh allein hinein,« sagte plötzlich Raskolnikoff, »ich komme sofort
zurück.«

»Wohin willst du? Wir sind ja schon da!«

»Ich muß, ich muß; ich habe etwas zu tun ... ich komme nach einer halben
Stunde wieder ... Sage es ihnen.«

»Wie du willst, ich begleite dich aber!«

»Was, willst auch du mich quälen!« rief er mit solcher bitteren
Gereiztheit und solcher Verzweiflung im Blicke, daß Rasumichin
fassungslos wurde.

Er blieb eine Weile auf der Außentreppe stehen und sah finster zu, wie
jener schnell in der Richtung nach seiner Wohnung dahinschritt.
Schließlich biß er die Zähne zusammen, ballte die Faust, schwur sich
selbst, daß er heute noch den ganzen Porphyri wie eine Zitrone
ausquetschen würde, und ging die Treppe hinauf, um Pulcheria
Alexandrowna, die durch ihre lange Abwesenheit schon aufgeregt war, zu
beruhigen.

Als Raskolnikoff bei seinem Hause anlangte, waren seine Schläfen mit
Schweiß bedeckt und er atmete schwer. Er eilte die Treppe hinauf, trat
in seine nicht abgeschlossene Wohnung und hakte sofort die Türe zu. Dann
stürzte er erschreckt und wie wahnsinnig zu der Ecke, zu dem Loche
hinter den Tapeten, wohin er damals die Sachen gelegt hatte, steckte die
Hand hinein und scharrte einige Minuten aufs höchste erregt in dem Loche
und untersuchte alle Ecken und Falten der Tapete. Als er nichts fand,
stand er auf und holte tief Atem. Als er sich vorhin der Treppe von
Bakalejeff näherte, war es ihm plötzlich in den Sinn gekommen, daß
irgendeine Sache, eine Kette oder ein Manschettenknopf etwa, oder auch
ein Stück Papier, in dem sie eingewickelt waren, mit einem Vermerk von
der Hand der Alten auf irgendeiner Spalte liegen geblieben sein konnte
und als ein unerwarteter und unabwendbarer Beweis vor ihnen auftauchen
konnte.

Er stand, wie in Nachdenken versunken und ein sonderbares, demütiges,
halb sinnloses Lächeln umspielte seine Lippen. Er nahm seine Mütze und
ging langsam hinaus. Seine Gedanken irrten umher. Nachdenklich trat er
unter das Tor.

»Da ist der Herr selbst!« rief eine laute Stimme; er erhob den Kopf.

Der Hausknecht stand an der Türe seiner Kammer und zeigte auf einen
nicht sonderlich großen Mann, der wie ein Kleinbürger aussah, und der
mit einem Mantel, einem Schlafrock ähnlich, und einer Weste bekleidet
war und von weitem eine große Ähnlichkeit mit einem Weibe hatte. Sein
Kopf, mit einer fettigen Mütze bedeckt, hing nach vorne, die ganze
Gestalt schien gekrümmt. Sein schlaffes, runzeliges Gesicht deutete auf
ein Alter über fünfzig; die kleinen verschwommenen Augen blickten
finster, ernst und mißvergnügt drein.

»Was soll's?« fragte Raskolnikoff und trat zu dem Hausknechte.

Der Kleinbürger wendete seine Augen zu ihm und blickte ihn unter der
Stirn hervor durchdringend, aufmerksam und andauernd an; dann wandte er
sich um und ging, ohne ein Wort gesagt zu haben, zum Tore auf die Straße
hinaus.

»Ja, was ist denn das?« rief Raskolnikoff.

»Dieser da fragte, ob hier ein Student wohne, nannte Ihren Namen, und
bei wem Sie wohnen. Sie kamen gerade, ich zeigte Sie ihm, nun ist er
fortgegangen. Das ist komisch.«

Der Hausknecht hatte auch gewisse Bedenken, er dachte eine kleine Weile
nach, drehte sich aber um und ging in seine Kammer.

Raskolnikoff stürzte dem Kleinbürger nach und erblickte ihn sofort, wie
er auf der anderen Seite der Straße gleichmäßig und nicht eilig, mit zu
Boden gerichteten Augen und anscheinend nachdenklich dahinschritt. Er
holte ihn bald ein, ging eine Weile hinter ihm; schließlich trat er
neben ihn und blickte ihm von der Seite ins Gesicht. Der Kleinbürger
bemerkte ihn sofort und schaute ihn schnell von oben bis unten an, ließ
aber wieder die Augen sinken, und in dieser Weise gingen sie eine
Strecke nebeneinander her, ohne ein Wort zu sagen.

»Haben Sie nach mir gefragt ... beim Hausknecht?« sagte Raskolnikoff
endlich, aber nicht sehr laut.

Der Kleinbürger gab ihm keine Antwort und blickte ihn nicht an. Wieder
gingen sie stumm dahin.

»Ja, warum ... kommen Sie und fragen ... und schweigen jetzt ... ja, was
ist denn das?« Raskolnikoffs Stimme stockte und die Worte kamen ihm
schwer über die Lippen.

Der Kleinbürger erhob diesmal die Augen und sah mit einem drohenden,
finsteren Blicke Raskolnikoff an. »Mörder!« sagte er plötzlich mit
leiser, aber klarer und deutlicher Stimme ...

Raskolnikoff ging neben ihm weiter. Seine Füße wurden plötzlich
schrecklich schwach, im Rücken fühlte er Kälte und sein Herz schien auf
einen Augenblick still zu stehen; dann fing es an zu klopfen, als wollte
es sich losreißen. So gingen sie etwa hundert Schritte nebeneinander und
wieder vollkommen stumm.

Der Kleinbürger blickte ihn nicht an.

»Was fällt Ihnen ein ... was ... wer ist ein Mörder?« murmelte
Raskolnikoff kaum hörbar.

»_Du_ bist ein Mörder,« sagte jener, noch deutlicher und
bedeutungsvoller und blickte mit dem Lächeln eines haßerfüllten
Triumphes in das bleiche Gesicht Raskolnikoffs und seine erloschenen
Augen.

Sie kamen zu einer Straßenkreuzung. Der Kleinbürger bog links in eine
Straße ein und ging weiter, ohne sich umzusehen. Raskolnikoff blieb
stehen und sah ihm lange nach. Er sah, wie jener nach fünfzig Schritten
ungefähr sich umwandte und ihn, der immer noch unbeweglich auf derselben
Stelle stand, anblickte. Man konnte nicht sehen, aber Raskolnikoff
schien es, als hätte er auch diesmal sein kaltes, haßvolles und
triumphierendes Lächeln gehabt.

Mit langsamen, schweren Schritten, mit zitternden Knien und fröstelnd
kehrte Raskolnikoff zurück und ging in sein Zimmer hinauf. Er nahm seine
Mütze ab und legte sie auf den Tisch hin und stand etwa zehn Minuten
unbeweglich daneben. Dann legte er sich völlig ermattet auf das Sofa und
streckte sich mit einem schwachen, krankhaften Stöhnen aus; seine Augen
waren geschlossen. So lag er eine halbe Stunde.

Er dachte an nichts. Es waren wohl Gedanken oder Fetzen von Gedanken da,
Vorstellungen, ohne Ordnung und Zusammenhang, -- Gesichter von Menschen,
die er noch als Kind gesehen hatte, oder denen er irgendwo nur ein
einziges Mal begegnet war, und an die er sich nie mehr erinnert hatte,
-- der Turm der W.schen Kirche, ein Billard, Zigarrengeruch in einem
Tabaksladen im Kellergeschosse, eine Kneipe, eine Küchentreppe, ganz
dunkel, ganz mit Unrat begossen und mit Eierschalen bedeckt, und
irgendwo ertönte das Sonntagsgeläute der Glocken ... Die Gegenstände
wechselten und drehten sich wie im Wirbelwinde. Manche gefielen ihm
sogar und er wollte sich an ihnen festklammern, aber sie erloschen, es
bedrückte ihn innerlich etwas, aber nicht sehr stark. Zuweilen war es
sogar gut ... Ein leichtes Frösteln blieb und selbst das war fast
angenehm. Er hörte die eiligen Schritte Rasumichins und seine Stimme, er
schloß die Augen und stellte sich schlafend. Rasumichin öffnete die Türe
und blieb eine Weile auf der Schwelle, wie unschlüssig, stehen. Dann
trat er leise in das Zimmer und ging vorsichtig zu dem Sofa. Man hörte
Nastasja flüstern.

»Laß ihn; mag er schlafen; er kann nachher essen.«

»Das ist wahr,« antwortete Rasumichin.

Beide gingen leise hinaus und machten die Türe zu. Noch eine halbe
Stunde verging. Raskolnikoff öffnete die Augen, legte sich wieder auf
den Rücken und steckte die Hände unter den Kopf ...

»Wer ist er? Wer ist dieser wie aus der Erde hervorgewachsener Mensch?
Wo war er und was hat er gesehen? Er hat alles gesehen, das ist
zweifellos. Wo war er damals und von wo sah er es? Warum erscheint er
erst jetzt, wie aus der Erde gestiegen? Und wie konnte er es sehen, --
ist es denn möglich? ... Hm ...« fuhr Raskolnikoff fort, erstarrend und
zusammenfahrend, »aber das Etui, das Nikolai hinter der Türe gefunden
hat, -- war denn das nicht auch möglich? Beweise? Ein Hunderttausendstel
übersieht man, -- und der Beweis wächst zu einer ägyptischen Pyramide!
Eine Fliege ist vorbeigeflogen, sie hat es gesehen! Aber ist es denn
möglich?«

Und er fühlte mit Ekel, wie er plötzlich schwach, physisch schwach
geworden war.

»Ich hätte es wissen müssen,« dachte er mit einem bitteren Lächeln, »und
wie durfte ich, indem ich mich kannte und ahnte, wie ich sein würde, ein
Beil nehmen und mit Blut mich besudeln. Ich war verpflichtet, es vorher
zu wissen ... Ach! Ich wußte es doch vorher!« ...

Zuweilen blieb er unbeweglich an irgendeinem Gedanken haften.

»Nein, die Menschen sind nicht so gemacht; ein wahrer Herrscher, dem
alles erlaubt ist, zerstört Toulon, veranstaltet eine Abschlachtung in
Paris, vergißt eine Armee in Ägypten, verbraucht eine halbe Million
Menschen im russischen Feldzuge und wird in Wilna durch ein Wortspiel
damit fertig; und ihm stellt man nach dem Tode Standbilder auf, -- somit
ist auch alles erlaubt. Nein, solche Menschen sind offenbar nicht aus
Fleisch und Blut, sondern aus Eisen!«

Ein plötzlicher Nebengedanke brachte ihn fast zum Lachen.

»Napoleon, Pyramiden, Waterloo, -- und eine magere Beamtenwitwe,
Wucherin, mit einer roten Truhe unter dem Bett, -- nun, wie soll das --
sagen wir selbst Porphyri Petrowitsch -- verdauen können! ... Wie sollen
sie es auch verdauen! ... Die Ästhetik wird sie hindern. >Will ein
Napoleon,< werden sie sagen, >unter das Bett zu einer Alten kriechen!<
Ach, Unsinn! ...« Ab und zu fühlte er, daß er phantasiere, -- er verfiel
dann einer fieberhaften verzückten Stimmung.

»Die Alte ist Unsinn!« dachte er und wühlte eifrig und heftig seine
Gedankengänge weiter:

»Daß es diese Alte war, war vielleicht ein Irrtum, aber die Hauptsache
liegt nicht an ihr. Die Alte war nur eine Krankheit ... ich wollte
schneller darüber hinweg schreiten ... ich habe nicht einen Menschen
getötet, ich habe ein Prinzip getötet! Das Prinzip habe ich wohl
getötet, bin aber nicht darüber hinweg geschritten, ich bin auf dieser
Seite geblieben ... Ich habe bloß verstanden, zu töten. Auch das habe
ich nicht mal verstanden, wie es sich zeigt ... Prinzip? Warum hat
vorhin der Dummkopf Rasumichin die Sozialisten gescholten? Sie sind
fleißige Leute und arbeitsam; sie beschäftigen sich mit dem >allgemeinen
Glück<. Nein, mir ist das Leben einmal gegeben und nie kommt es wieder;
ich will nicht auf das >allgemeine Glück< warten. Ich will auch selbst
leben, sonst lieber gar nicht. Was denn? Ich konnte nicht an einer
hungrigen Mutter vorbeigehen und meinen Rubel in der Erwartung des
>allgemeinen Glücks< in der Tasche festhalten. >Ich trage<, konnte ich
sagen, >einen kleinen Stein bei zum allgemeinen Glück, und darum habe
ich Seelenruhe.< Ha--ha--ha! Warum seid ihr an mir vorbeigegangen? Ich
lebe doch bloß einmal, ich will doch auch ... Ach was, ich bin eine
ästhetische Laus und mehr nicht,« fügte er hinzu und lachte plötzlich
wie ein Irrsinniger. »Ja, ich bin tatsächlich eine Laus,« fuhr er fort,
indem er sich voll Schadenfreude an den Gedanken klammerte, sich
hineinbohrte, mit ihm spielte und sich mit ihm amüsierte, »und schon aus
dem Grunde allein, weil ich erstens jetzt darüber räsonniere, daß ich
eine Laus bin, und zweitens, weil ich einen ganzen Monat die allgütige
Vorsehung belästige, indem ich sie als Zeuge anrief, daß ich es nicht
meines Fleisches und meiner Lust willen unternehme, sondern ein
prächtiges und herrliches Ziel im Auge habe, -- ha--ha--ha! Drittens,
weil ich mir vorgenommen hatte, möglichst Gerechtigkeit bei der
Ausführung walten zu lassen und Gewicht und Maß, wie auch Berechnung
einzuhalten, -- von allen Läusen wählte ich die allernutzloseste und
beschloß, nachdem ich sie ermordet haben würde, genau so viel zu nehmen,
als ich zum ersten Schritt brauche, -- nicht mehr und nicht weniger ...
und das übrige würde also laut dem Vermächtnis dem Kloster zugefallen
sein ... ha--ha--ha! Und zu guter Letzt bin ich selber eine Laus,« fügte
er mit Zähneknirschen hinzu, »weil ich vielleicht selbst noch schlimmer
und abscheulicher bin als die getötete Laus, und weil ich im voraus
ahnte, daß ich mir dies sagen würde, nachdem ich sie ermordet haben
würde! Kann ich denn mit diesem Entsetzen irgend etwas vergleichen! Oh,
Trivialität! Oh, Gemeinheit! ... Oh, wie ich den >Propheten< zu Pferde
mit einem Säbel in der Hand begreife, -- Allah befiehlt und die
>zitternden< Kreaturen sollen gehorchen! Der >Prophet< ist
tausendmal im Rechte, wenn er irgendwo mitten in der Straße eine
aus--ge--zeich--ne--te Batterie aufstellt und auf Unschuldige und
Schuldige schießt, ohne sich herabzulassen, eine Erklärung abzugeben!
Gehorcht, zitternde Kreaturen und -- wünscht nichts, denn -- ihr _habt_
nichts zu wünschen! ... Oh, um nichts in der Welt, um keinen Preis will
ich der Alten verzeihen!« Sein Haar war mit Schweiß bedeckt, die
bebenden Lippen waren trocken und der unbewegliche Blick auf die
Zimmerdecke gerichtet.

»Mutter und Schwester, -- wie ich sie geliebt habe! Warum hasse ich sie
jetzt? Ja, ich hasse sie, hasse sie physisch, ich kann sie nicht mehr
neben mir ertragen ... Vorhin ging ich zur Mutter hin und küßte sie, ich
erinnere mich dessen ... Sie zu umarmen und denken zu müssen, wenn sie
es wüßte, so ... soll ich ihr es sagen? Man kann mir das zutrauen ...
Hm! Sie muß ebenso sein wie ich ...« fügte er hinzu, mühsam seinen
Gedanken verfolgend, als kämpfe er mit dem ihn packenden Fieber. »Oh,
wie ich jetzt diese Alte hasse! Ich könnte sie noch einmal ermorden,
wenn sie zu sich käme! Arme Lisaweta! Warum kam sie hinzu? ...
Sonderbar, warum ich an sie fast gar nicht denke, als hätte ich sie
nicht ermordet! ... Lisaweta! Ssonja! Ihr armen sanften Geschöpfe mit
euren sanften Augen ... Ihr Lieben! ... Warum weinen sie nicht? Warum
stöhnen sie nicht? ... Sie geben alles hin ... blicken sanft und still
... Ssonja, Ssonja! Stille Ssonja! ...«

Er verlor das Bewußtsein; merkwürdig erschien es ihm, daß er sich nicht
entsann, wie er auf die Straße gekommen. Es war schon später Abend. Die
Dämmerung nahm zu, der volle Mond leuchtete immer heller und heller;
aber die Luft war besonders dumpf. Menschen gingen in Haufen in den
Straßen; Handwerker und Geschäftsleute wanderten nach Hause; andere
gingen spazieren; es roch nach Kalk, Staub und stehendem Wasser.
Raskolnikoff schritt traurig und sorgenvoll dahin, -- er erinnerte sich
sehr gut, daß er zu irgendeinem Zwecke aus dem Hause gegangen sei und
daß er etwas tun sollte und sich dabei beeilen müßte, was es aber war,
-- hatte er vergessen. Plötzlich blieb er stehen und sah, daß auf der
anderen Seite der Straße, auf dem Fußwege, ein Mann stand und ihm mit
der Hand winkte. Er ging über die Straße zu ihm hin, da wandte sich
dieser Mann um, ging weiter, als wäre nichts gewesen, mit gesenktem
Kopfe, ohne sich umzuwenden und ohne merken zu lassen, daß er ihn
gerufen habe. »Ja, hatte er mich auch gerufen?« dachte Raskolnikoff und
ging ihm nach. Kaum zehn Schritte entfernt von ihm, erkannte er ihn
plötzlich -- und erschrak; es war der Kleinbürger von vorhin, im selben
Schlafrocke und ebenso gekrümmt. Raskolnikoff folgte ihm von weitem;
sein Herz klopfte; sie bogen in eine Gasse ein, -- der Kleinbürger
wandte sich noch immer nicht um.

»Weiß er, daß ich ihm folge?« dachte Raskolnikoff. Der Kleinbürger trat
in das Tor eines großen Hauses. Raskolnikoff ging schnell zu dem Tore
hin, um hineinzusehen, ob er sich nicht umschaue und ihn rufen würde.
Und in der Tat, als der Kleinbürger durch das Tor geschritten war und
schon in den Hof trat wandte er sich wieder um und schien ihm wieder zu
winken. Raskolnikoff durchschritt sofort das Tor, aber der Kleinbürger
war nicht mehr auf dem Hofe. Also muß er hier die erste Treppe
hinaufgegangen sein. Raskolnikoff stürzte ihm nach. Ein paar Treppen
höher vernahm man gleichmäßige, nicht eilige Schritte. Sonderbar, die
Treppe kam ihm bekannt vor! Hier im ersten Stock ist ein Fenster; durch
die Scheiben schimmert traurig und geheimnisvoll der Mond; da ist auch
der zweite Stock. Oh! Das ist dieselbe Wohnung, in der die Arbeiter
anstrichen ... Wie hatte er das Haus nicht sofort wiedererkennen können?
Die Schritte des vorangehenden Menschen waren verhallt, »er ist also
stehen geblieben oder hat sich irgendwo versteckt«. Da ist der dritte
Stock; soll ich weitergehen? Und welch eine Stille hier herrscht, es ist
zum Fürchten ... Er ging jedoch höher hinauf. Das Geräusch seiner
eigenen Schritte erschreckte und beunruhigte ihn. Mein Gott, wie dunkel
es ist! Der Kleinbürger hat sich sicher irgendwo in einer Ecke
versteckt. Ah! Die Wohnung ist weit offen; er dachte nach und trat ein.
Im Vorzimmer war es sehr dunkel und leer, keine Menschenseele, als hätte
man alles fortgebracht; leise, auf den Fußspitzen ging er in die
Wohnstube hinein, -- das ganze Zimmer war hell vom Mondenschein
überflutet; alles war hier wie vorher, -- die Stühle standen da, der
Spiegel, das gelbe Sofa und die eingerahmten Bilder. Der große, runde,
kupferrote Mond blickte durch die Fensterscheiben hinein. »Diese Stille
kommt vom Monde,« dachte Raskolnikoff, »er gibt jetzt sicher ein Rätsel
auf.« Er stand und wartete, wartete lange, und je stiller der Mond war,
um so stärker klopfte sein Herz, es tat ihm sogar weh. Und immer noch
diese Stille. Plötzlich ertönte ein kurzes trockenes Knacken, als hätte
man einen Holzspan zerbrochen und wieder wurde alles still. Eine
aufgewachte Fliege stieß im Fluge an die Scheibe und summte kläglich. Im
selben Augenblicke entdeckte er in der Ecke zwischen einem kleinen
Schrank und dem Fenster, wie es ihm schien, einen an der Wand hängenden
Pelzmantel. »Warum hängt da ein Pelzmantel?« dachte er, »er war doch
früher nicht da ...« Er trat sehr leise heran und erriet; daß hinter dem
Pelzmantel sich jemand versteckt hielt. Er schob vorsichtig mit der Hand
den Mantel zur Seite und entdeckte einen Stuhl, und auf dem Stuhle in
der Ecke saß die Alte, ganz zusammengekauert und mit gesenktem Kopfe, so
daß er das Gesicht gar nicht sehen konnte, aber sie war es. Er stand
eine Weile vor ihr; »sie fürchtet sich!« dachte er; zog dann leise das
Beil aus der Schlinge und versetzte der Alten einen Schlag auf den Kopf
und noch einen zweiten. Aber merkwürdig, -- sie rührte sich nicht bei
den Schlägen, als wäre sie aus Holz. Er erschrak, beugte sich über sie
und begann sie zu betrachten, da ließ sie den Kopf noch mehr sinken. Er
beugte sich dann fast zu Boden und blickte ihr von unten ins Gesicht; er
sah sie an und erstarrte, -- die Alte saß und lachte, -- sie schüttelte
sich vor Lachen, ein leises, unhörbares Lachen, sie hielt aus
Leibeskräften an sich, damit er es nicht hören solle. Da schien es ihm,
als würde die Tür zum Schlafzimmer ein wenig geöffnet, und auch da
schien man zu lachen und zu flüstern. Die Wut übermannte ihn, -- er
begann aus voller Kraft der Alten auf den Kopf zu schlagen, aber mit
jedem Schlage hörte man immer stärker das Lachen und Flüstern im
Schlafzimmer, und die Alte schüttelte sich nur so vor Lachen. Er stürzte
hinaus, da war das ganze Vorzimmer schon voll von Menschen, die Tür zu
der Treppe war weit geöffnet und auf dem Flure, auf der Treppe und dort
unten standen Menschen, Kopf an Kopf, und blickten alle auf ihn, sie
waren alle still, sie schienen auf etwas zu warten und schwiegen! ...
Sein Herz krampfte sich, die Füße ließen sich nicht mehr bewegen, waren
wie angewachsen ... Er wollte schreien und -- wachte auf.

Er holte schwer Atem, -- aber merkwürdig, der Traum schien sich immer
noch fortzusetzen, -- seine Tür war weit geöffnet und auf der Schwelle
stand ein völlig unbekannter Mann und betrachtete ihn aufmerksam.

Raskolnikoff hatte die Augen noch nicht ganz geöffnet und schloß sie
auch sofort wieder. Er lag auf dem Rücken und rührte sich nicht. »Ist
das noch der Traum oder nicht?« dachte er und hob kaum merklich die
Wimpern, um zu sehen, -- der Unbekannte stand auf derselben Stelle und
blickte ihn weiter unverwandt an. Auf einmal trat er vorsichtig über die
Schwelle, schloß leise die Türe hinter sich zu, ging an den Tisch und
wartete eine Weile, -- während dieser Zeit wandte er kein Auge von
Raskolnikoff ab, -- er setzte sich leise auf einen Stuhl neben das Sofa
hin; seinen Hut stellte er auf den Boden neben sich, stützte sich mit
beiden Händen auf seinen Stock und legte das Kinn auf die Hände. Man
konnte sehen, daß er sich anschickte, lange zu warten. Soweit
Raskolnikoff durch die blinzelnden Wimpern sehen konnte, war dieser Mann
nicht mehr jung, und hatte einen dichten, hellblonden, fast weißen Bart.

Es vergingen etwa zehn Minuten. Es war noch hell, aber der Abend nahte
schon. Im Zimmer herrschte eine vollkommene Stille. Sogar von der Treppe
drang kein Ton herein. Bloß eine große Fliege summte und schlug sich im
Fluge an die Fensterscheibe. Dies wurde endlich unerträglich. --
Raskolnikoff erhob sich plötzlich und setzte sich auf das Sofa hin.

»Nun sagen Sie, was wünschen Sie?«

»Sehen Sie, ich wußte es doch, daß Sie nicht schlafen, sondern sich bloß
den Anschein geben,« antwortete der Unbekannte eigentümlich und lachte
ruhig. »Erlauben Sie mich Ihnen vorzustellen: Arkadi Iwanowitsch
Sswidrigailoff ...«




                              Vierter Teil


                                   I.

»Ist das etwa die Fortsetzung des Traumes?« dachte Raskolnikoff noch
einmal.

Er betrachtete vorsichtig und mißtrauisch den unerwarteten Besucher.

»Sswidrigailoff? Welch ein Unsinn! Es kann nicht sein!« sagte er
schließlich laut und zweifelnd.

Der Besucher schien über diesen Ausruf gar nicht erstaunt zu sein.

»Ich bin zu Ihnen aus zwei Gründen gekommen, -- erstens wollte ich Sie
persönlich kennenlernen, da ich längst über Sie sehr Interessantes und
Vorteilhaftes gehört habe; zweitens aber bilde ich mir ein, daß Sie sich
vielleicht nicht weigern werden, mir bei einem Vorhaben zu helfen, das
besonders die Interessen Ihrer Schwester Awdotja Romanowna betrifft.
Mich allein, ohne Empfehlung, wird sie vielleicht jetzt nicht mal ins
Haus lassen infolge eines Vorurteiles; mit Ihrer Hilfe rechne ich
darauf.«

»So rechnen Sie schlecht,« unterbrach ihn Raskolnikoff.

»Ihre Angehörigen sind doch erst gestern angekommen, erlauben Sie mir
die Frage?«

Raskolnikoff antwortete nicht.

»Ja, gestern, ich weiß es. Ich bin selbst erst seit vorgestern hier.
Doch, was soll ich Ihnen weiter sagen, Rodion Romanowitsch; ich halte es
für überflüssig, mich zu rechtfertigen, nur eins lassen Sie mich
bemerken, -- habe ich denn tatsächlich etwas verbrochen, wenn man alles
ohne Vorurteile, mit ruhiger Vernunft betrachtet?«

Raskolnikoff betrachtete ihn immer noch schweigend.

»Der Umstand, daß ich in meinem Hause ein wehrloses, junges Mädchen
verfolgt und >sie mit meinen abscheulichen Anerbieten beleidigt habe<,
soll ein Verbrechen sein? Ich komme Ihnen zuvor. -- Denken Sie doch
daran, daß ich auch nur ein Mensch bin, _et nihil humanum_ ... mit einem
Worte, daß ich auch fähig bin, Reize zu empfinden und zu lieben, -- was
sicher nicht mit unserem Wollen geschieht, sondern in unserer Natur
liegt, und damit läßt sich alles auf die allernatürlichste Weise
erklären. Die Frage ist nur die, bin ich ein Scheusal oder selbst ein
Opfer? Nun, und wenn ich das Opfer bin? Und sehen Sie, indem ich dem
Gegenstande meiner Liebe anbot, mit mir nach Amerika oder in die Schweiz
zu fliehen, empfand ich dabei die allerehrerbietigsten Gefühle und
glaubte uns zum gegenseitigen Glück zu verhelfen! ... Der Verstand dient
doch der Leidenschaft, und ich richtete mich selbst dabei zugrunde, das
müssen Sie doch auch in Betracht ziehen! ...«

»Darum handelt es sich gar nicht,« unterbrach ihn Raskolnikoff voll
Widerwillen. »Sie sind mir einfach widerlich, ob Sie schuldig sind oder
nicht, und man will mit Ihnen nichts zu tun haben, man jagt Sie fort und
so gehen Sie doch Ihrer Wege! ...«

Sswidrigailoff lachte laut auf.

»Aber Sie sind ... man kann Sie nicht verwirren!« sagte er und lachte
offen heraus, »ich dachte es schlau angefangen zu haben, aber es gelang
nicht, Sie stellten sich gleich auf den richtigsten Standpunkt.«

»Ja, und Sie wollen auch in diesem Augenblicke schlau sein.«

»Was wäre dabei? Nun, was wäre dabei?« wiederholte Sswidrigailoff und
lachte weiter. »Es ist doch _bonne guerre_{[4]}, wie man es nennt und
eine höchst erlaubte Schlauheit! ... Aber Sie haben mich unterbrochen;
ich wiederhole noch einmal, ob es so oder anders gekommen wäre, es wären
keine Unannehmlichkeiten vorgefallen, wenn nicht noch der Auftritt im
Garten hinzugekommen wäre. Marfa Petrowna ...«

»Marfa Petrowna, sagt man, haben Sie auch ins Grab gebracht?« unterbrach
ihn schroff Raskolnikoff.

»Sie haben auch davon gehört? Wie sollten Sie es übrigens nicht zu hören
bekommen ... Hier weiß ich wirklich nicht, was ich Ihnen sagen soll,
obwohl mein eigenes Gewissen in dieser Beziehung im höchsten Maße ruhig
ist. Glauben Sie ja nicht, daß ich irgend etwas dabei fürchte; dies
alles ist in völliger Ordnung und mit Genauigkeit geprüft worden, -- die
ärztliche Untersuchung hat einen Herzschlag nachgewiesen, der infolge
sofortigen Badens nach einem reichlichen Mittagessen erfolgt ist, wobei
fast eine ganze Flasche Wein geleert wurde, und anderes konnte nicht
festgestellt werden ... Nein, sehen Sie, ich habe eine Zeitlang,
besonders im Eisenbahnwagen auf dem Wege hierher nachgedacht, ob ich zu
diesem ... Unglück irgendwie, moralisch, durch Reizung oder etwas
ähnliches, nicht beigetragen habe? Ich bin zu dem Resultate gekommen,
daß dies positiv nicht der Fall sein konnte.«

Raskolnikoff lachte.

»Warum fällt es Ihnen denn noch ein, sich so zu beunruhigen?«

»Worüber lachen Sie denn? Denken Sie doch nach, -- ich habe sie nur
zweimal mit der Reitgerte geschlagen, ohne daß Spuren zu sehen waren ...
Halten Sie mich, bitte, nicht für frivol; ich weiß sehr wohl, daß das
schändlich von mir war ... und so weiter; aber ich weiß auch sicher, daß
Marfa Petrowna vielleicht froh war über meinen, sagen wir, Mangel an
Beherrschung. Die Geschichte mit Ihrer Schwester war bis zum letzten
Tropfen erschöpft. Marfa Petrowna sah sich gezwungen, den dritten Tag
schon zu Hause zu sitzen; sie hatte nichts, womit sie sich im Städtchen
zeigen konnte, und außerdem war sie allen mit diesem Briefe -- über das
Vorlesen dieses Briefes haben Sie doch gehört, -- lästig geworden. Da
kamen ihr diese zwei Schläge mit der Reitgerte wie vom Himmel geschickt,
-- ihr erstes war, sofort den Wagen vorfahren zu lassen! ... Ich spreche
nicht mal davon, daß es bei Frauen Fälle gibt, wo es ihnen sehr, sehr
angenehm ist, beleidigt worden zu sein, trotz der zur Schau getragenen
Entrüstung! Diese Fälle kommen bei allen vor. -- Der Mensch liebt es im
allgemeinen sehr, beleidigt zu sein; haben Sie das noch nicht bemerkt?
Bei Frauen aber ist dies besonders der Fall. Man kann so weit gehen und
sagen, daß sie sich damit gern die Zeit vertreiben.«

Einen Augenblick dachte Raskolnikoff aufzustehen und wegzugehen, um
dadurch diesem Besuche ein Ende zu machen. Eine gewisse Neugier aber und
vielleicht Berechnung hielten ihn für eine Weile zurück.

»Sie prügeln wohl gerne?« fragte er ihn zerstreut.

»Nein, nicht besonders,« antwortete Sswidrigailoff ruhig. »Und mit Marfa
Petrowna habe ich mich fast nie geprügelt. Wir lebten in großer
Eintracht und sie war stets mit mir zufrieden. Die Gerte habe ich in den
sieben Jahren nur zweimal gebraucht, wenn man ein drittes Mal, das
übrigens sehr zweifelhaft ist, nicht mitzählt; das erste Mal war es zwei
Monate nach unserer Heirat, gleich nach der Ankunft auf dem Gut, und nun
der jetzige, letzte Fall. Sie dachten schon, ich sei so ein Scheusal,
Rückschrittler und Anhänger der Leibeigenschaft? He--he--he ... Ja,
nebenbei gesagt, -- erinnern Sie sich nicht, Rodion Romanowitsch, wie
vor einigen Jahren, noch zu Zeiten der wohltätigen Pressefreiheit, man
einen Edelmann -- ich habe seinen Namen vergessen, -- der eine Deutsche
im Eisenbahnwagen verprügelte, öffentlich an den Pranger stellte,
erinnern Sie sich noch? Es war im selben Jahre, glaube ich, als die
>Egyptischen Nächte< öffentlich vorgetragen wurden und ein Skandal
passierte, erinnern Sie sich jetzt? >Schwarze Augen! Oh, wo bist du,
goldene Zeit unserer Jugend! ...< So, und hier haben Sie meine Meinung,
-- für den Herrn, der die Deutsche verprügelte, habe ich keine
Sympathie, denn warum soll man in der Tat ... mit dem sympathisieren!
Hierbei kann ich nicht umhin zu bemerken, daß zuweilen sich solche
anregende >Deutsche< finden, und daß es keinen einzigen Fortschrittler,
wie es mir scheint, gibt, der für sich vollkommen garantieren könnte.
Von diesem Standpunkte hatte damals niemand die Sache betrachtet,
indessen aber ist er der eigentlich humane Standpunkt wahrhaftig, so ist
es!«

Nachdem er das gesagt hatte, lachte Sswidrigailoff von neuem.
Raskolnikoff war es klar, daß dieser Mensch, der sich etwas fest
vorgenommen hatte, darauf bestimmt lossteuerte.

»Sie haben jedenfalls einige Tage nacheinander mit niemandem
gesprochen?« fragte er ihn.

»Das könnte stimmen. Warum? Sie wundern sich wohl, daß ich so gesprächig
bin.«

»Nein, ich wundere mich, daß Sie so vernünftig reden.«

»Weil ich mich durch die Grobheit Ihrer Zwischenfragen nicht gekränkt
fühlte? Ist es so? Ja ... warum sollte ich gekränkt sein? Wie man mich
fragte, so antwortete ich auch,« fügte er mit wunderbarer Gutmütigkeit
hinzu. »Ich interessiere mich fast für nichts, bei Gott,« fuhr er fort,
wie sinnend. »Ich bin besonders jetzt mit nichts beschäftigt ...
Übrigens ist es begreiflich, wenn Sie denken, ich wollte mich bei Ihnen
einschmeicheln und um so mehr, weil ich ein Anliegen, wie ich selbst
erklärte, an Ihre Schwester habe. Aber ich will Ihnen offen sagen, --
mir ist es langweilig, besonders seit diesen drei Tagen, so daß ich mich
auf Ihre Gesellschaft freute ... Seien Sie mir aber nicht böse, Rodion
Romanowitsch, Sie kommen mir aber selbst sehr merkwürdig vor. Fassen Sie
es auf wie Sie wollen, aber es ist etwas an Ihnen und gerade jetzt,
nicht nur in diesem Augenblicke, sondern überhaupt jetzt ... Nun, nun,
ich will nicht mehr davon reden, verziehen Sie nur nicht gleich die
Stirn! Ich bin doch nicht solch ein Bär, wie Sie glauben.«

Raskolnikoff blickte ihn finster an.

»Sie sind vielleicht gar kein Bär,« sagte er. »Mir scheint es sogar, Sie
gehören zur guten Gesellschaft oder Sie verstehn wenigstens bei
Gelegenheit auch ein anständiger Mann zu sein.«

»Ich interessiere mich auch nicht besonders für irgend wessen Meinung
über mich,« antwortete Sswidrigailoff trocken, mit einem Anfluge von
Hochmut, »und warum soll man nicht fade sein, wenn diese Art unserem
Lande so geläufig ist und ... und wenn man noch eine natürliche Neigung
dazu hat,« fügte er hinzu und lachte wieder.

»Ich habe gehört, daß Sie hier viele Bekannte haben. Sie sind doch nicht
ohne das, was man >Verbindungen< nennt. Wozu haben Sie mich denn nötig,
wenn nicht zu einem bestimmten Zwecke?«

»Ganz richtig, ich habe Bekannte hier,« fuhr Sswidrigailoff fort, ohne
die Hauptfrage zu beantworten, »ich habe auch einige getroffen; ich
wandre schon den dritten Tag herum, erkenne manche selbst wieder und
mich scheint man auch wiederzuerkennen. Ich bin anständig angezogen und
werde für keinen armen Menschen gehalten; uns hat die Aufhebung der
Leibeigenschaft nicht berührt, -- uns sind Wälder und Wiesen geblieben,
das Einkommen ist demnach nicht vermindert worden. Aber ... ich will
meine Beziehungen nicht pflegen, auch früher waren sie mir langweilig.
Ich gehe nun den dritten Tag herum und gebe mich nicht zu erkennen ...
Dazu kommt noch diese Stadt! Sagen Sie mir bitte, wie ist sie
entstanden! Eine Stadt von Beamten und allerhand Seminaristen! Ich habe
wirklich früher vieles nicht bemerkt, als ich vor acht Jahren mich hier
herumtrieb ... Ich setzte alle meine Hoffnungen nur noch ganz allein auf
die Anatomie, bei Gott!«

»Was für eine Anatomie?«

»Nun, ich hoffe auf alle diese Klubs und französischen Restaurants und
vielleicht noch auf den Fortschritt, -- nun, der möge nach unserem Tode
kommen,« fuhr er fort, ohne wieder die Frage zu beachten. »Und was ist
das für ein Vergnügen, Falschspieler zu sein?«

»Waren Sie denn auch Falschspieler?«

»Warum denn auch nicht? Wir waren eine ganze Gesellschaft vor acht
Jahren und eine höchst anständige; wir vertrieben uns die Zeit, und
wissen Sie, es waren alles Menschen mit guten Umgangsformen, es waren
Dichter und reiche Leute darunter. Ja, und überhaupt bei uns in der
russischen Gesellschaft trifft man bei denen, die schon Prügel bekommen
haben, die allerbesten Umgangsformen, -- haben Sie es noch nicht
gemerkt? Ich bin auf dem Lande ein wenig heruntergekommen. Und trotzdem
wollte mich damals ein Griechenkerl aus Njeschin wegen Schulden ins
Gefängnis einsperren lassen. Da tauchte Marfa Petrowna auf, handelte ein
wenig und löste mich für dreißigtausend Silberlinge aus -- im ganzen
schuldete ich siebzigtausend. Wir traten in den gesetzlichen Ehestand
und sie brachte mich sofort auf ihr Gut, als habe sie einen Schatz
gehoben. Sie war um fünf Jahre älter als ich. Liebte mich sehr. Sieben
Jahre habe ich dort gelebt. Und stellen Sie sich vor, sie hatte ihr
ganzes Leben das Dokument in Händen, es war auf einen fremden Namen über
diese dreißigtausend von mir ausgestellt, so daß, wenn ich
beabsichtigte, mich gegen sie zu empören, -- ich sofort ins Loch
gekommen wäre. Und sie hätte es getan! Bei Frauen ist alles möglich.«

»Und wäre das Dokument nicht vorhanden gewesen, so wären Sie auch
sicherlich schon lange ausgekniffen?«

»Ich weiß nicht, was ich Ihnen da sagen soll. Dieses Dokument genierte
mich fast gar nicht. Ich hatte keine Lust, irgendwohin zu reisen, und
Marfa Petrowna riet mir selbst ein paarmal eine Auslandsreise, als sie
merkte, daß ich mich langweile. Wozu aber? Im Auslande war ich vorher
gewesen und da war es mir immer langweilig. Eigentlich langweilte ich
mich nicht, aber sehen Sie, man sieht die Sonne untergehen, ringsum ist
das Meer -- die Bucht von Neapel, und es wird einem traurig zumute. Am
unangenehmsten ist es, daß man tatsächlich Sehnsucht nach Hause bekommt.
Nein, in der Heimat ist es besser, -- hier schiebt man die Schuld immer
den andern zu und nimmt sich selbst in Schutz. Ich würde mich vielleicht
jetzt gegebenenfalls an einer Expedition nach dem Nordpol beteiligen,
denn -- _j'ai le vin mauvais_{[5]}, es widert mich an, zu trinken, und
außer dem Wein bleibt mir nichts übrig. Man sagt, daß Berg am Sonntag im
Jussupoffschen Garten in einem großen Ballon aufsteigen will und
Mitreisende gegen eine bestimmte Bezahlung auffordert, ist das wahr?«

»Was, Sie wollen wohl mitfliegen?«

»Ich? Nein ... so ...« murmelte Sswidrigailoff und wurde wirklich
nachdenklich.

»Was ist mit dem nur los?« dachte Raskolnikoff.

»Nein, das Dokument genierte mich nicht,« fuhr Sswidrigailoff sinnend
fort. »Ich verließ freiwillig nicht das Gut. Ja und es wird bald ein
Jahr, seit Marfa Petrowna mir zu meinem Namenstage dieses Dokument
zurückgab und außerdem mir noch eine nennenswerte Summe schenkte. Sie
hatte ein schönes Vermögen. >Sehen Sie, wie ich Ihnen vertraue, Arkadi
Iwanowitsch<, wahrhaftig, so sagte sie. Sie glauben nicht, daß sie so
gesagt hat? Wissen Sie, ich bin auf dem Lande ein anständiger Hauswirt
geworden; man kennt mich im ganzen Umkreise. Ich ließ mir auch Bücher
kommen. Marfa Petrowna fand es zuerst gut, später aber fürchtete sie
immer, ich könnte mich durch zu vieles Lesen überanstrengen.«

»Sie vermissen Marfa Petrowna, wie es scheint, sehr?«

»Ich? Vielleicht. Wahrhaftig, vielleicht. Ja, nebenbei gesagt, glauben
Sie an Gespenster?«

»Was für Gespenster?«

»An gewöhnliche Gespenster!«

»Sie glauben daran?«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht, _pour vous plaire_{[6]} ... Das
heißt eigentlich, glaube ich ...«

»Erscheinen sie bei Ihnen etwa?«

Sswidrigailoff blickte ihn sonderbar an.

»Marfa Petrowna geruht mich zu besuchen,« sagte er und verzog seinen
Mund zu einem merkwürdigen Lächeln.

»Was heißt es, sie geruht Sie zu besuchen?«

»Ja, sie ist schon dreimal dagewesen. Zum erstenmal sah ich sie am Tage
der Beerdigung, eine Stunde nach ihrem Begräbnis. Das war am Tage vor
meiner Abreise. Das zweitemal war es vorgestern auf der Reise, am frühen
Morgen auf der Station Malaja Wischera, und zum dritten Male heute, vor
zwei Stunden, in der Wohnung, wo ich abgestiegen bin; ich war allein.«

»Sehen Sie sie im wachen Zustande?«

»Vollkommen. Alle dreimal im wachen Zustande. Sie tritt herein, spricht
einen Augenblick und geht durch die Tür hinaus, stets durch die Türe.
Man kann es sogar hören.«

»Ich habe es mir gleich gedacht, daß mit Ihnen unbedingt irgend etwas
dieser Art vorgehen muß!« sagte plötzlich Raskolnikoff und staunte im
selben Augenblicke, daß er das gesagt hatte. Er war in großer Aufregung.

»So, so? Sie haben es sich gedacht?« fragte Sswidrigailoff verwundert.
»Ist es möglich? Sagte ich nicht, daß es zwischen uns einen gemeinsamen
Punkt geben muß.«

»Das haben Sie nie gesagt!« antwortete scharf und außer sich
Raskolnikoff.

»Habe ich es nicht gesagt?«

»Nein!«

»Mir war, als hätte ich es gesagt. Als ich vorhin eintrat und sah, daß
Sie mit geschlossenen Augen liegen und sich bloß schlafend stellten, da
sagte ich mir, >er ist derselbe!<«

»Was heißt das -- er ist derselbe? Was meinen Sie damit?« rief
Raskolnikoff aus.

»Was ich meine? Wirklich, ich weiß es nicht ...« murmelte Sswidrigailoff
offenherzig und scheinbar selbst verwirrt vor sich hin. Sie schwiegen
etwa eine Minute und blickten einander unablässig an.

»Das ist alles Unsinn!« rief Raskolnikoff ärgerlich. »Was sagt sie Ihnen
denn, wenn sie erscheint?«

»Sie? Stellen Sie sich vor, sie spricht über die geringsten
Kleinigkeiten und mögen Sie sich über mich wundern oder nicht, -- gerade
das ärgert mich. Das erstemal, als sie erschien, -- wissen Sie, ich war
müde nach der Totenmesse und dem Begräbnis und dem Essen und war in
meinem Schreibzimmer allein geblieben, hatte mir eine Zigarre angesteckt
und war in Gedanken versunken, -- da trat sie also durch die Türe ein
und sagte: >Arkadi Iwanowitsch, Sie haben heute bei all dem Trubel
vergessen, die Uhr im Speisezimmer aufzuziehen.< Diese Uhr habe ich
tatsächlich all die sieben Jahre jede Woche selbst aufgezogen, und wenn
ich es vergessen hatte, erinnerte sie mich stets daran. Am anderen
Morgen war ich schon auf der Reise hierher. Ich komme am frühen Morgen
auf einer Station an, hatte die Nacht nur wenig geschlummert, fühlte
mich zerschlagen, die Augen waren müde, und als ich mir eine Tasse
Kaffee nahm, sah ich plötzlich, wie sich Marfa Petrowna neben mich mit
einem Kartenspiel in der Hand hinsetzte. >Soll ich Ihnen nicht die
Karten legen, Arkadi Iwanowitsch?< fragte sie mich. Sie war eine
Meisterin im Kartenlegen. Nein, ich werde es mir nie verzeihen, daß ich
mir die Karten nicht legen ließ. Ich lief im Schrecken fort, es war auch
höchste Zeit, denn es wurde zum Abfahren geläutet. Heute sitze ich nun
nach einem sehr schlechten Essen aus einer Stadtküche mit schwerem Magen
da und rauche, -- da erscheint wieder Marfa Petrowna sehr geputzt, in
einem neuen grünen Seidenkleide mit einer sehr langen Schleppe. >Guten
Tag, Arkadi Iwanowitsch!< sagte sie. >Wie gefällt Ihnen mein Kleid?
Anisja kann es nicht so gut machen.< Anisja, wissen Sie, ist unsere
Schneiderin auf dem Lande, eine frühere Leibeigene, hat ihr Handwerk in
Moskau erlernt, -- ein hübsches Mädel. Also, Marfa Petrowna steht vor
mir und zeigt sich von allen Seiten. Ich besah mir das Kleid und blickte
ihr dann aufmerksam ins Gesicht. >Was ist es für ein Vergnügen, Marfa
Petrowna, wegen solcher Kleinigkeiten zu mir zu kommen und mich zu
belästigen.< -- >Ach, mein Gott, man darf Sie auch nicht mal fragen!<
Und ich sagte ihr, um sie zu necken: >Ich will mich verheiraten, Marfa
Petrowna.< -- >Das kann man von Ihnen erwarten, Arkadi Iwanowitsch; Sie
legen damit nicht viel Ehre ein, da Sie kaum Ihre Frau beerdigt haben
und schon heiraten wollen. Und wenn Sie noch gut gewählt hätten, so aber
-- ich weiß es -- werden weder Sie selbst, noch Ihre Auserwählte es gut
haben.< Darauf ging sie hinaus mit rauschender Schleppe. Ist das nicht
alles Unsinn?«

»Ich glaube, das sind alles ausgedachte Lügen?« erwiderte Raskolnikoff.

»Ich lüge selten,« antwortete Sswidrigailoff sinnend und als hätte er
die Grobheit der Frage gar nicht gemerkt.

»Haben Sie nie vorher Gespenster gesehen?«

»Nein, ich habe wohl ein einziges Mal im Leben vor sechs Jahren ein
Gespenst gesehen. Ich hatte einen Diener Filka; gerade, als man ihn
beerdigt hatte, rief ich in der Zerstreutheit: >Filka, die Pfeife!< und
er kam herein und ging zu dem Pfeifenständer. Ich saß und dachte, >er
wird sich wohl rächen wollen<, denn vor seinem Tode hatten wir uns
ordentlich gezankt. >Wie, wagst du<, sagte ich zu ihm, >zu mir mit einem
zerrissenen Ellenbogen zu kommen, -- hinaus, Hallunke!< Er wandte sich
um, ging hinaus und erschien nie mehr. Ich habe es Marfa Petrowna nicht
erzählt. Ich wollte für ihn eine Totenmesse abhalten lassen, aber
genierte mich.«

»Gehen Sie zu einem Arzte!«

»Ich weiß auch ohne Sie, daß ich nicht gesund bin, obwohl ich wahrhaftig
nicht weiß, wo es mir fehlt; meiner Ansicht nach bin ich sicher fünfmal
gesünder als Sie. Ich habe Sie jedoch nicht danach gefragt. Ich habe Sie
vielmehr gefragt, glauben Sie, daß es Gespenster gibt?«

»Nein, ich kann um nichts in der Welt daran glauben!« rief Raskolnikoff
wütend aus.

»Wie spricht man von solchem Falle gewöhnlich?« murmelte Sswidrigailoff
vor sich hin, sah dabei zur Seite und hatte ein wenig den Kopf gesenkt.
»Die einen sagen, -- du bist krank, und das, was sich dir vorstellt, ist
ein nicht existierender Wahn. Das ist aber doch unlogisch. Ich gebe zu,
daß Gespenster nur Kranken erscheinen, aber das beweist doch bloß, daß
die Gespenster niemand anderen als Kranken erscheinen können, jedoch
nicht, daß sie an und für sich nicht existieren.«

»Gewiß, sie existieren auch nicht!« bestand Raskolnikoff gereizt auf
seiner Ansicht.

»Nicht? Sie meinen es?« fuhr Sswidrigailoff langsam fort und blickte ihn
an. »Nun, man kann es auch so betrachten, -- Sie müssen mir helfen, --
Gespenster sind sozusagen Teile und Stückchen aus anderen Welten, ihr
Anfang. Ein gesunder Mensch braucht sie selbstverständlich nicht zu
sehn, denn ein Gesunder ist der meist irdische Mensch und soll also der
Ordnung und Vollständigkeit wegen nur das gegenwärtige Leben leben. Nun,
wenn er aber erkrankt und wenn die normale irdische Ordnung im
Organismus ein wenig ins Wanken geraten ist, beginnt sich sofort die
Möglichkeit einer anderen Welt zu zeigen, und je stärker er erkrankt, um
so mehr gibt es für ihn Berührungspunkte mit dieser Welt, bis er, wenn
er schließlich stirbt, in die andere Welt übergeht. Ich habe darüber
seit langem nachgedacht. Wenn Sie an ein zukünftiges Leben glauben, so
können Sie auch an diesen Gedanken glauben.«

»Ich glaube nicht an ein zukünftiges Leben,« sagte Raskolnikoff.

Sswidrigailoff saß nachdenklich da.

»Wenn es aber dort drüben nur Spinnen oder dergleichen gibt,« sagte er
rasch.

»Er ist verrückt,« dachte Raskolnikoff.

»Uns erscheint immer die Ewigkeit als eine Idee, die man nicht erfassen
kann, als etwas ungeheuer Großes. Aber warum soll sie denn unbedingt
ungeheuer groß sein? Und schließlich stellen Sie sich vor, anstatt
dessen wird dort ein kleines Zimmer sein, ähnlich einer Badestube auf
dem Lande; verräuchert, in allen Ecken Spinnen, und das wird die ganze
Ewigkeit sein. Wissen Sie, ich stelle sie mir zuweilen in dieser Art
vor.«

»Und stellen Sie sich tatsächlich nichts tröstlicheres und gerechteres
vor, als dieses!« rief Raskolnikoff aufgeregt.

»Gerechteres? Woher wissen wir es, vielleicht _ist_ dies auch gerecht;
und wissen Sie, _ich_ würde es unbedingt so einrichten!« antwortete
Sswidrigailoff und lächelte unbestimmt.

Es überlief Raskolnikoff bei dieser abscheulichen Antwort kalt.
Sswidrigailoff erhob den Kopf, blickte ihn aufmerksam an und lachte
plötzlich laut auf.

»Nein, bedenken Sie bloß,« rief er aus, »vor einer halben Stunde hatten
wir einander noch nicht gesehen, hielten uns für Feinde, hatten eine
Angelegenheit auszutragen; wir ließen die Sache fallen und verwirren uns
in diese Ideen! Nun, habe ich nicht die Wahrheit gesagt, daß wir von
_einem_ Stamme sind?«

»Tun Sie mir den Gefallen,« fuhr Raskolnikoff gereizt fort, »erklären
Sie sich schneller und teilen Sie mir mit, warum Sie mir die Ehre
erwiesen haben, mich zu besuchen ... und ... und ich habe Eile, habe
keine Zeit, ich will fortgehen ...«

»Bitte, bitte. Ihre Schwester Awdotja Romanowna heiratet Herrn Peter
Petrowitsch Luschin?«

»Können Sie nicht jede Frage über meine Schwester vermeiden und ihren
Namen unerwähnt lassen? Ich begreife nicht, wie Sie es wagen, in meiner
Gegenwart ihren Namen auszusprechen, wenn Sie tatsächlich Sswidrigailoff
sind.«

»Ich bin doch gekommen, um über sie zu sprechen, wie soll ich denn ihren
Namen nicht erwähnen?«

»Gut. Reden Sie, aber schnell!«

»Ich bin überzeugt, daß Sie sich Ihre Meinung über diesen Herrn Luschin,
einen Verwandten meiner Frau, schon gebildet haben, wenn Sie ihn nur
eine halbe Stunde gesehen oder irgend etwas Sicheres und Genaues über
ihn gehört haben. Er paßt nicht für Awdotja Romanowna. Meiner Ansicht
nach bringt sich Awdotja Romanowna hier sehr großmütig und uneigennützig
zum Opfer für ... für ihre Familie. Mir schien es, auf Grund all dessen,
was ich über Sie gehört habe, daß Sie Ihrerseits sehr zufrieden sein
würden, wenn diese Heirat ohne Verletzung der Interessen nicht
zustandekommen würde. Jetzt aber, nachdem ich Sie persönlich
kennengelernt habe, bin ich davon sogar überzeugt.«

»Ihrerseits ist dies alles sehr naiv, entschuldigen Sie, ich wollte
sagen, frech,« erwiderte Raskolnikoff.

»Das heißt, Sie sagen damit, daß ich für meinen eigenen Nutzen sorge.
Seien Sie ruhig, Rodion Romanowitsch, wenn ich meine eigenen Vorteile im
Auge haben würde, so hätte ich mich nicht so offen ausgesprochen, ich
bin doch nicht ganz dumm. In dieser Beziehung will ich Ihnen eine
psychologische Merkwürdigkeit offenbaren. Vorhin sagte ich, als ich
meine Liebe zu Awdotja Romanowna rechtfertigte, daß ich selbst ein Opfer
dieser Liebe sei. Nun, mögen Sie wissen, daß ich jetzt gar keine Liebe
mehr, absolut gar keine empfinde, so daß ich mich über mich selbst
wundere, denn ich hatte doch tatsächlich so empfunden ...«

»Aus Müßiggang und Unsittlichkeit,« unterbrach ihn Raskolnikoff.

»Ich bin wirklich ein Nichtstuer und Wüstling. Aber, Ihre Schwester hat
so viele Vorzüge, daß ich einem gewissen Eindrucke unterliegen mußte.
Doch das ist alles Unsinn, wie ich es selbst jetzt auch einsehe.«

»Haben Sie es seit langem eingesehen?«

»Ich habe es schon früher gemerkt, mich aber vorgestern im Augenblicke
meiner Ankunft in Petersburg endgültig davon überzeugt. Übrigens, in
Moskau noch stellte ich mir vor, daß ich nur reise, um mit Herrn Luschin
in Konkurrenz zu treten und um Awdotja Romanownas Hand anzuhalten.«

»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, aber tun Sie mir den
Gefallen, sich kürzer zu fassen und direkt auf den Zweck Ihres Besuches
überzugehen. Ich habe Eile, ich muß fortgehen ...«

»Mit größtem Vergnügen. Als ich hier angekommen war und mich
entschlossen hatte, jetzt eine ... Reise anzutreten, wollte ich einige
notwendige Anordnungen vorher treffen. Meine Kinder sind bei der Tante
geblieben und sind reich; mich persönlich brauchen sie nicht. Was für
ein Vater wäre ich auch? Ich habe mir selbst nur das genommen, was mir
Marfa Petrowna vor einem Jahre geschenkt hatte. Für mich reicht es.
Entschuldigen Sie, ich komme sofort zur Sache selbst. Vor meiner Reise,
die vielleicht bald verwirklicht wird, will ich aber mit Herrn Luschin
abrechnen. Nicht etwa, daß ich ihn gar nicht ausstehen kann, aber um
seinetwillen entstand der Streit mit Marfa Petrowna, nachdem ich
erfahren hatte, daß sie diese Heirat eingeleitet hat. Ich möchte jetzt,
durch Ihre Vermittlung, Awdotja Romanowna sehen und meinetwegen in Ihrer
Anwesenheit ihr erklären, daß sie von seiten des Herrn Luschin nicht nur
nicht den geringsten Vorteil, sondern sicher eine unbedingte
Enttäuschung erfahren wird. Dann möchte ich, nachdem ich sie wegen aller
Unannehmlichkeiten um Entschuldigung gebeten habe, mir die Erlaubnis
einholen, ihr zehntausend Rubel anzubieten, um ihr in dieser Weise den
Bruch mit Herrn Luschin zu erleichtern; ich bin überzeugt, daß sie sich
gegen einen Bruch mit ihm nicht sträubt, wenn sich nur eine Möglichkeit
bietet.«

»Sie sind aber tatsächlich, tatsächlich verrückt!« rief Raskolnikoff,
mehr erstaunt als ärgerlich. »Wie können Sie sich unterstehen, so zu
sprechen!«

»Ich wußte es, daß Sie mich anschreien werden, aber trotzdem ich nicht
reich bin, kann ich vollkommen über diese zehntausend Rubel verfügen,
ich brauche sie gar nicht. Wenn Awdotja Romanowna sie nicht annehmen
will, werde ich sie vielleicht in der dümmsten Art verwenden. Das ist
das eine. Mein Gewissen ist vollkommen ruhig, ich biete sie ohne
jeglichen Hintergedanken an. Nun zweitens. Glauben Sie es, oder glauben
Sie es nicht, später werden Sie und Awdotja Romanowna es erfahren. Die
ganze Sache dreht sich doch darum, daß ich tatsächlich Mühe und
Unannehmlichkeiten Ihrer verehrten Schwester verursacht habe; und da ich
eine aufrichtige Reue empfinde, wünsche ich von Herzen, -- mich nicht
etwa loskaufen und die Unannehmlichkeiten bezahlen, sondern einfach ihr
etwas Vorteilhaftes aus dem Grunde zu erweisen, weil ich doch
schließlich kein Privilegium habe, nur Böses zu tun. Wenn sich in meinem
Anerbieten eine winzige Spur von Berechnung fände, so würde ich ihr doch
nicht bloß zehntausend anbieten, da ich vor fünf Wochen ihr viel mehr
angeboten habe. Außerdem werde ich vielleicht sehr, sehr bald ein junges
Mädchen heiraten, folglich muß dadurch der ganze Verdacht, daß ich gegen
Awdotja Romanowna etwas im Schilde führe, fortfallen. Zum Schlusse
möchte ich noch sagen, daß Awdotja Romanowna, indem sie Herrn Luschin
heiratet, dasselbe Geld nimmt, nur von anderer Seite ... Ärgern Sie
bitte sich nicht, Rodion Romanowitsch, überlegen Sie es sich ruhig und
kaltblütig ...«

Sswidrigailoff war, während er dies sagte, selbst außerordentlich
kaltblütig und ruhig.

»Ich bitte Sie, zu Ende zu kommen,« sagte Raskolnikoff. »Jedenfalls ist
es unverzeihlich frech.«

»Keineswegs. Demnach könnte ein Mensch einem anderen in dieser Welt nur
Böses zufügen und hat im Gegenteil kein Recht wegen leerer
konventioneller Formalitäten, ihm ein bißchen Gutes zu erweisen. Das ist
unsinnig. Wenn ich zum Beispiel gestorben wäre und diese Summe Ihrer
Schwester laut Testament hinterlassen hätte, würde sie sich auch dann
weigern, sie anzunehmen?«

»Sehr möglich.«

»Nein, das glaube ich nicht. Übrigens, wenn sie nein sagt, mag es dabei
bleiben, zehntausend aber sind unter Umständen eine angenehme Sache. In
jedem Falle bitte ich Sie, Awdotja Romanowna das Gesagte mitzuteilen.«

»Nein, ich werde es ihr nicht mitteilen.«

»In diesem Falle, Rodion Romanowitsch, werde ich gezwungen sein, eine
persönliche Zusammenkunft herbeizuführen, also auch sie belästigen.«

»Und wenn ich es ihr mitteilen werde, wollen Sie dann von einer
persönlichen Zusammenkunft absehen?«

»Ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen sagen soll. Einmal möchte ich
sie doch gerne sehen.«

»Hoffen Sie nicht darauf!«

»Schade. Sie kennen mich noch nicht. Vielleicht werden wir uns
näherkommen.«

»Sie meinen, daß wir einander näherkommen werden?«

»Warum denn nicht?« sagte Sswidrigailoff lächelnd, stand auf und nahm
seinen Hut. »Nicht, daß es mir Spaß machte, Sie zu belästigen, und als
ich hierher ging, rechnete ich nicht mit dieser Möglichkeit, obwohl mir
Ihr Gesicht schon vorhin, heute morgen, auffiel ...«

»Wo haben Sie mich heute früh gesehen?« fragte Raskolnikoff voll Unruhe.

»Zufällig ... Mir kommt es immer vor, als wäre etwas in Ihnen, was
meinem Wesen entspricht ... Regen Sie sich nicht auf, ich bin nicht
aufdringlich; ich bin mit Falschspielern gut ausgekommen, war dem
Fürsten Sswirbei, einem entfernten Verwandten und Würdenträger, nicht
zur Last gefallen, habe es verstanden, Frau Prilukoff ins Album ein
Gedicht über die Raphaelsche Madonna zu schreiben, habe mit Marfa
Petrowna sieben Jahre auf einem Fleck verlebt, in früheren Zeiten im
Hause Wjasemski auf dem Heumarkte geschlafen und werde nun vielleicht
mit Berg im Luftballon aufsteigen.«

»Nun, schon gut. Erlauben Sie mir die Frage, wollen Sie bald Ihre Reise
antreten?«

»Welch eine Reise?«

»Von der Sie sprachen ... Sie sagten es doch selbst.«

»Ach ja! ... in der Tat, ich sprach von der Reise ... Nun, das ist eine
große Frage ... Wenn Sie aber wüßten, wonach Sie mich soeben fragten!«
fügte er hinzu und lachte laut und kurz. »Ich werde vielleicht anstatt
zu reisen, mich verheiraten. Man freit mir eine Braut.«

»Hier?«

»Ja.«

»Wann haben Sie denn dazu Zeit gefunden?«

»Mit Awdotja Romanowna jedoch möchte ich sehr gern einmal
zusammentreffen. Ich bitte Sie in allem Ernst. Nun, auf Wiedersehen, ach
... ja! Ich hätte bald vergessen, Rodion Romanowitsch! Teilen Sie bitte
Ihrer Schwester mit, daß sie im Testamente Marfa Petrownas mit
dreitausend Rubeln bedacht ist. Das ist absolut richtig. Marfa Petrowna
hat es eine Woche vor ihrem Tode angeordnet, und zwar in meiner
Anwesenheit. Nach zwei oder drei Wochen kann Awdotja Romanowna auch das
Geld erhalten.«

»Sagen Sie die Wahrheit?«

»Die volle Wahrheit. Teilen Sie es ihr mit. Nun, Ihr Diener. Ich wohne
nicht sehr weit von Ihnen.«

Beim Weggehen stieß Sswidrigailoff in der Tür mit Rasumichin zusammen.


                                  II.

Es war schon fast acht Uhr; beide eilten zu Bakalejeff, um früher als
Luschin da zu sein.

»Wer war denn das?« fragte Rasumichin, als sie auf die Straße
hinaustraten.

»Es war Sswidrigailoff, derselbe Gutsbesitzer, in dessen Hause meine
Schwester als Gouvernante Kränkungen dulden mußte. Weil er ihr
nachstellte, verließ sie das Haus, von seiner Frau Marfa Petrowna
hinausgejagt. Dieselbe Marfa Petrowna hat nachher Dunja um Verzeihung
gebeten und ist jetzt plötzlich gestorben. Vorhin sprachen wir von ihr.
Ich weiß nicht warum, aber ich fürchte diesen Menschen sehr. Er reiste
sofort nach der Beerdigung seiner Frau hierher, ist sehr sonderbar und
hat sich zu etwas entschlossen ... Er scheint etwas zu wissen ... Man
muß Dunja vor ihm schützen ... und das wollte ich dir auch sagen, hörst
du?«

»Schützen! Was kann er denn gegen Awdotja Romanowna vorhaben? Nun, ich
danke dir, Rodja, daß du so zu mir sprichst ... Wir wollen sie schützen!
... Wo lebt er?«

»Ich weiß es nicht.«

»Warum hast du ihn nicht gefragt? Ach, schade! Ich werde es übrigens
bald erfahren!«

»Hast du ihn gesehen?« fragte Raskolnikoff nach einigem Schweigen.

»Nun ja, ich habe ihn mir gemerkt; gut gemerkt!«

»Hast du ihn wirklich gesehen? Deutlich gesehen?« wiederholte
Raskolnikoff.

»Freilich, ich erinnere mich seiner deutlich; unter tausend erkenne ich
ihn wieder, ich habe ein gutes Gedächtnis für Gesichter.«

Sie schwiegen wieder.

»Hm ... das ist gut ...« murmelte Raskolnikoff. »Sonst, weißt du ...
dachte ich ... mir scheint es manchmal, als wenn es eine Einbildung von
mir wäre.«

»Was meinst du damit? Ich verstehe dich nicht ganz.«

»Ihr sprecht doch alle davon,« fuhr Raskolnikoff fort und verzog den
Mund zu einem Lächeln, »daß ich verrückt sei; mir schien es nun
augenblicklich, als ob ich tatsächlich verrückt sei und bloß ein
Gespenst gesehen habe.«

»Was fällt dir ein?«

»Wer weiß es denn! Vielleicht bin ich wahrhaftig verrückt, und alles,
was in diesen Tagen vorgefallen ist, geschah vielleicht nur in meiner
Einbildung ...«

»Ach, Rodja! Man hat dich wieder aufgeregt! ... Ja, was sagte er denn,
warum kam er?«

Raskolnikoff antwortete nicht, Rasumichin sann eine Weile nach.

»Nun, höre mir zu,« begann er. »Ich war bei dir gewesen, da schliefst
du. Dann aßen wir zu Mittag und ich ging nachher zu Porphyri. Sametoff
war noch immer da. Ich wollte anfangen mit ihm zu sprechen, aber es kam
nichts heraus. Ich konnte nie in richtiger Weise beginnen. Sie schienen
auch nicht zu begreifen und wollten nichts begreifen und waren gar nicht
beschämt. Ich führte Porphyri zum Fenster hin und begann zu sprechen,
aber es kam wieder nichts dabei heraus, -- er blickte zur Seite und ich
blickte zur Seite. Schließlich streckte ich ihm die Faust drohend
entgegen und sagte, daß ich ihn in verwandtschaftlicher Weise
zerschmettern werde. Er sah mich bloß an und sagte nichts. Ich ließ die
Sache fallen und ging weg, das ist alles. Sehr dumm, nicht wahr. Mit
Sametoff redete ich kein Wort. Siehst du aber, -- ich dachte anfangs,
ich habe die Sache verschlimmert, aber wie ich die Treppe hinunterstieg,
kam mir, nein besser, erleuchtete mich der Gedanke, warum beunruhigen
wir uns eigentlich? Wenn dir wenigstens eine Gefahr drohen würde oder
etwas ähnliches in Aussicht wäre, nun, dann wäre es verständlich! Was
geht es aber dich an? Du hast mit der Sache nichts zu tun, also pfeife
auf sie; wir werden noch später über sie lachen und ich würde an deiner
Stelle sie noch mystifizieren. Wie sie sich nachher schämen werden!
Pfeif darauf; wir können sie auch nachher verprügeln, jetzt aber wollen
wir über sie lachen!«

»Du hast recht, versteht sich!« antwortete Raskolnikoff.

»Aber was wirst du morgen sagen?« dachte er sofort.

Sonderbar, bis jetzt war ihm noch nie der Gedanke gekommen, »was wird
Rasumichin denken, wenn er es erfährt?« Und bei diesem Gedanken blickte
Raskolnikoff ihn gespannt an. An dem jetzigen Berichte Rasumichins über
seinen Besuch bei Porphyri hatte er weniger Interesse, -- seit der Zeit
war vieles verschwunden und hinzugekommen! ...

Im Korridor stießen sie mit Luschin zusammen, -- er war punkt acht Uhr
erschienen und suchte das Zimmer, so daß alle drei zugleich eintraten,
ohne aber einander anzublicken und ohne sich zu grüßen. Die jungen Leute
gingen sofort in die Stube hinein, Peter Petrowitsch verblieb aus
Anstand eine Weile im Vorzimmer und nahm den Mantel ab. Pulcheria
Alexandrowna ging ihm sofort entgegen, um ihn an der Schwelle zu
empfangen. Dunja begrüßte den Bruder.

Peter Petrowitsch trat ein und verneigte sich ziemlich liebenswürdig,
aber auch mit besonderer Zurückhaltung vor den Damen. Er sah aus, als
wäre er ein wenig verwirrt und als ob er sich noch nicht gefaßt hätte.
Pulcheria Alexandrowna, auch ein wenig aufgeregt, beeilte sich sofort,
alle um einen Tisch, auf dem ein Samowar brannte, zu placieren. Dunja
und Luschin setzten sich einander gegenüber zu beiden Seiten des
Tisches. Rasumichin und Raskolnikoff kamen Pulcheria Alexandrowna
gegenüber zu sitzen, -- Rasumichin neben Luschin, Raskolnikoff neben der
Schwester.

Es trat Schweigen ein. Peter Petrowitsch zog langsam ein
Batisttaschentuch hervor, das nach Parfüm duftete und schneuzte sich mit
der Miene eines tugendhaften, in seiner Würde gekränkten Menschen, der
fest entschlossen ist, Erklärungen zu verlangen. Im Vorzimmer war ihm
der Gedanke gekommen, -- den Mantel nicht abzunehmen und fortzugehen und
dadurch die Damen streng und nachdrücklich zu bestrafen, um sie mit
einem Male ihr Unrecht fühlen zu lassen. Aber er konnte sich nicht dazu
entschließen. Außerdem liebte er keine Ungewißheit, und hier galt es,
festzustellen, aus welchem Grunde sein Befehl so offensichtlich nicht
befolgt wurde, es mußte irgend etwas Besonderes sein, und so war es
besser abzuwarten; zu strafen war immer Zeit genug, es lag ja in seinen
Händen.

»Ich hoffe, die Reise ist glücklich abgelaufen?« wandte er sich im
offiziellen Tone an Pulcheria Alexandrowna.

»Gottlob ja, Peter Petrowitsch.«

»Sehr angenehm zu hören. Und Awdotja Romanowna ist auch nicht ermüdet?«

»Ich bin jung und stark und werde nicht müde, aber für Mama war es sehr
schwer gewesen,« antwortete Dunetschka.

»Was ist da zu machen; die Entfernungen in unserm Lande sind groß. Groß
ist das sogenannte >Mütterchen Rußland< ... Ich aber konnte beim besten
Willen Sie gestern nicht empfangen. Ich hoffe jedoch, daß alles ohne
Aufregung gut verlaufen ist?«

»Ach nein, Peter Petrowitsch, wir waren sehr mutlos,« beeilte sich
Pulcheria Alexandrowna mit besonderer Betonung zu bemerken, »und wenn
uns nicht Gott selbst Dmitri Prokofjitsch gestern gesandt hätte, so
wären wir sehr verlassen gewesen. Das ist er, Dmitri Prokofjitsch
Rasumichin,« fügte sie hinzu, ihn Luschin vorstellend.

»Ich hatte schon das Vergnügen ... gestern,« murmelte Luschin und sah
Rasumichin dabei feindselig von der Seite an, sein Gesicht verdüsterte
sich und er schwieg.

Peter Petrowitsch gehörte zu den Leuten, die in der Gesellschaft
außerordentlich liebenswürdig sind und auf Liebenswürdigkeit besonderen
Anspruch erheben, die aber auch sofort, wenn das geringste nicht nach
ihrem Geschmack ist, alle ihre guten Eigenschaften verlieren und eher
Mehlsäcken als gewandten und die Gesellschaft belebenden Kavalieren
gleichen. Alle verstummten wieder eine Weile, -- Raskolnikoff schwieg
hartnäckig und Awdotja Romanowna wollte das Schweigen nicht vorzeitig
unterbrechen. Rasumichin hatte nichts zu sagen, so daß Pulcheria
Alexandrowna wieder unruhig wurde.

»Marfa Petrowna ist gestorben, Sie haben es wohl gehört?« begann sie zu
einem ihrer Hauptaushilfemittel greifend.

»Ich habe es gehört. Ich wurde sofort benachrichtigt und bin sogar jetzt
gekommen, Ihnen mitzuteilen, daß Arkadi Iwanowitsch Sswidrigailoff
unverzüglich nach der Beerdigung seiner Gattin nach Petersburg abgereist
ist. So lauten wenigstens die sichersten Nachrichten, die ich empfangen
habe.«

»Nach Petersburg? Hierher?« fragte Dunja voll Unruhe und wechselte mit
der Mutter einen Blick.

»Ja, es ist ganz sicher und er kommt selbstverständlich nicht ohne
Absichten, wenn man die Eile der Abreise und überhaupt die
vorangegangenen Umstände in Betracht zieht.«

»Mein Gott! Will er etwa auch hier Dunetschka nicht in Ruhe lassen?«
rief Pulcheria Alexandrowna aus.

»Mir scheint es, weder Sie noch Awdotja Romanowna brauchen sich
besonders aufzuregen, wenn Sie natürlich nicht selbst mit ihm in
Verbindung treten wollen. Was mich anbetrifft, so werde ich nach ihm
forschen und mich erkundigen, wo er abgestiegen ist ...«

»Ach, Peter Petrowitsch, Sie werden nicht glauben, wie Sie mich jetzt
erschreckt haben!« fuhr Pulcheria Alexandrowna fort. »Ich habe ihn bloß
zweimal gesehen, er erschien mir schrecklich, fürchterlich! Ich bin
überzeugt, daß er die Ursache von Marfa Petrownas Tode ist.«

»Darüber läßt sich nichts sagen. Ich habe genaue Nachrichten. Ich
bestreite nicht, daß er vielleicht den Gang der Dinge sozusagen durch
den moralischen Einfluß von Kränkungen beschleunigt habe; denn im Urteil
über sein Benehmen und überhaupt über seinen sittlichen Charakter bin
ich mit Ihnen völlig einig. -- Ich weiß nicht, ob er jetzt reich ist und
was Marfa Petrowna ihm hinterlassen hat, darüber werde ich in kürzester
Zeit erfahren, aber hier, in Petersburg, wird er selbstverständlich,
wenn er nur einigermaßen Mittel besitzt, sofort seinen alten
Gewohnheiten nachgehen. Er ist der verdorbenste und in Lastern
verkommenste Mensch seines Geschlechts. Ich habe einen triftigen Grund
anzunehmen, daß Marfa Petrowna, die das Unglück hatte, sich in ihn zu
verlieben und ihn vor acht Jahren von Schulden befreite, auch in anderer
Hinsicht ihm geholfen hat, -- einzig und allein dank ihrer Bemühungen
und Opfer wurde eine kriminelle Sache mit einem Beigeschmack von
tierischer und sozusagen phantastischer Roheit vertuscht, für die er mit
größter Wahrscheinlichkeit nach Sibirien geschickt worden wäre. Sehen
Sie, so ist dieser Mensch, wenn Sie es wissen wollen.«

»Ach, mein Gott!« rief Pulcheria Petrowna aus.

Raskolnikoff hörte aufmerksam zu.

»Sagen Sie die Wahrheit, daß Sie darüber genaue Nachrichten besitzen?«
fragte Dunja streng und nachdrücklich.

»Ich erzähle bloß das, was ich selbst, als Geheimnis, von der
verstorbenen Marfa Petrowna gehört habe. Ich muß bemerken, daß diese
Sache vom juristischen Standpunkte sehr dunkel ist. Hier lebte und
scheint noch jetzt eine gewisse Rößlich zu leben, eine Ausländerin, eine
kleine Wucherin, die aber sich auch mit anderen Geschäften abgibt. Zu
dieser Rößlich stand seit langem Herr Sswidrigailoff in gewissem sehr
nahem und geheimnisvollem Verhältnisse. Bei der Rößlich wohnte eine
entfernte Verwandte, eine Nichte, glaube ich, ein taubstummes Mädchen
von fünfzehn oder vierzehn Jahren, die diese Rößlich grenzenlos haßte,
der sie jedes Stück Brot vorwarf und die sie sogar unmenschlich schlug.
Eines Tages wurde dieses Mädchen auf dem Boden erhängt aufgefunden. Es
wurde festgestellt, daß sie mit Selbstmord geendet hatte. Nach den
gewöhnlichen Formalitäten wurde die Sache abgeschlossen, später aber
lief eine Denunziation ein, daß das Kind von Herrn Sswidrigailoff ...
grausam mißhandelt worden sei. Es ist wahr, die Sache war sehr dunkel,
die Denunziation stammte von einer anderen Deutschen, einem
verwerflichen Frauenzimmer, die kein Vertrauen genoß; schließlich ergab
es sich dank den Bemühungen und dem Gelde Petrownas, daß im Grunde
genommen gar keine Denunziation eingelaufen sei; alles beschränkte sich
auf ein Gerücht. Aber dieses Gerücht war bedeutsam genug. Sie, Awdotja
Romanowna, haben sicher auch von der Geschichte mit dem Diener Filka
gehört, der vor sechs Jahren, noch zur Zeit der Leibeigenschaft, an
Mißhandlungen gestorben ist.«

»Ich habe im Gegenteil gehört, daß dieser Filka sich selbst erhängt
habe.«

»Das stimmt, aber die ununterbrochenen Verfolgungen und Strafen des
Herrn Sswidrigailoff haben ihn gezwungen oder besser gesagt, zum
Selbstmorde getrieben.«

»Davon weiß ich nichts,« antwortete Dunja trocken, »ich habe bloß eine
sehr sonderbare Geschichte gehört, -- dieser Filka war ein Hypochonder,
ein Philosoph, die Menschen sagten von ihm, er habe zu viel gelesen, und
er hat sich eher wegen der Spötteleien, als wegen der Schläge von Herrn
Sswidrigailoff erhängt. Als ich dort im Hause war, behandelte er die
Leute gut, und die Leute liebten ihn sogar, obwohl sie ihm an dem Tode
Filkas die Schuld gaben.«

»Ich sehe, Awdotja Romanowna, daß Sie auf einmal geneigt sind, ihn zu
entschuldigen,« bemerkte Luschin und verzog den Mund zu einem
zweideutigen Lächeln. »Er ist in der Tat ein schlauer Mensch und für
Damen verführerisch, wofür Marfa Petrowna, die eines eigentümlichen
Todes gestorben ist, als trauriges Beispiel dient. Ich wollte bloß Ihnen
und Ihrer Frau Mutter mit meinem Ratschlage einen Dienst erweisen,
in Anbetracht seiner neuen und zweifellos bevorstehenden
Annäherungsversuche. Was mich anbetrifft, so bin ich fest überzeugt, daß
dieser Mensch selbstverständlich wieder im Schuldgefängnisse
verschwinden wird. Marfa Petrowna hat nie und nimmer die Absicht gehabt,
irgend etwas auf seinen Namen zu übertragen, weil sie die Kinder im Auge
hatte, und wenn sie ihm etwas hinterlassen hat, so ist es höchstens das
Notwendigste, kaum nennenswert und was für einen Menschen von seinen
Gewohnheiten auch nicht ein Jahr ausreicht.«

»Peter Petrowitsch, ich bitte Sie,« sagte Dunja, »hören wir auf, von
Herrn Sswidrigailoff zu sprechen. Es macht mich schwermütig.«

»Er war soeben bei mir,« sagte plötzlich Raskolnikoff, zum ersten Male
sein Schweigen brechend.

Von allen Seiten ertönten Ausrufe und alle wandten sich an ihn. Sogar
Peter Petrowitsch wurde aufgeregt.

»Vor anderthalb Stunden, als ich schlief, kam er herein, weckte mich auf
und stellte sich vor,« fuhr Raskolnikoff fort. »Er war ziemlich
ungezwungen und lustig und hofft sicher, daß ich mit ihm in nähere
Beziehungen treten werde. Unter anderem bittet er sehr um eine
Zusammenkunft mit dir, Dunja, und bat mich, der Vermittler dieser
Zusammenkunft zu sein. Er will dir ein Anerbieten machen; worin dies
besteht, hat er mir mitgeteilt. Außerdem teilte er mir positiv mit, daß
Marfa Petrowna Zeit gefunden hat, eine Woche vor ihrem Tode, dir, Dunja,
dreitausend Rubel zu vermachen, und daß du dieses Geld in sehr kurzer
Zeit erhalten kannst!«

»Gott sei Dank!« rief Pulcheria Alexandrowna und schlug ein Kreuz. »Bete
für sie, Dunja, bete!«

»Das ist tatsächlich wahr?« entschlüpfte es Luschin.

»Nun und weiter?« drängte Dunja.

»Dann sagte er, daß er selbst nicht reich sei und das ganze Vermögen
seinen Kindern, die jetzt bei der Tante sind, zufällt. Er sagte auch,
daß er irgendwo nicht weit von mir abgestiegen sei, wo aber -- das weiß
ich nicht, ich habe ihn nicht gefragt ...«

»Aber, was will er denn Dunetschka anbieten?« fragte die erschrockene
Pulcheria Alexandrowna. »Hat er es dir gesagt?«

»Ja, er hat es gesagt.«

»Was ist es denn?«

»Ich will es nachher sagen.« Raskolnikoff verstummte und wandte sich zu
seinem Glase Tee.

Peter Petrowitsch sah auf seine Uhr.

»Ich muß in einer notwendigen Angelegenheit weggehen und werde dann
nicht stören,« fügte er mit merklich gekränkter Miene hinzu und erhob
sich halb vom Stuhle.

»Bleiben Sie, Peter Petrowitsch,« sagte Dunja, »Sie hatten doch die
Absicht, den ganzen Abend hier zu verbringen. Außerdem schrieben Sie
selbst, daß Sie wünschen, über etwas mit Mama zu sprechen.«

»Das ist richtig, Awdotja Romanowna,« sagte Peter Petrowitsch mit
Nachdruck, setzte sich wieder hin, behielt aber den Hut in der Hand,
»ich wollte tatsächlich mit Ihnen und mit Ihrer verehrten Frau Mutter,
und sogar über sehr wichtige Punkte, sprechen. Aber, wie Ihr Bruder in
meiner Gegenwart sich über einige Angebote Herrn Sswidrigailoffs nicht
näher erklären kann, so wünschte ich auch nicht und kann nicht ... in
Gegenwart von anderen ... über einige äußerst wichtige Punkte sprechen.
Außerdem ist meine Haupt- und eindringlichste Bitte nicht erfüllt worden
...« Luschin nahm eine bittre Miene an und schwieg würdevoll.

»Ihre Bitte, daß mein Bruder bei unserer Zusammenkunft nicht zugegen
wäre, ist einzig auf mein Verlangen nicht erfüllt worden,« sagte Dunja.
»Sie schrieben, daß Sie von meinem Bruder beleidigt worden sind; ich
denke, daß sich dies sofort aufklären läßt und Sie beide werden sich
vertragen. Und wenn Rodja Sie tatsächlich beleidigt hat, so _muß_ und
_wird_ er Sie um Entschuldigung bitten.«

Peter Petrowitsch wurde sofort kouragierter.

»Es gibt gewisse Beleidigungen, Awdotja Romanowna, die man beim besten
Willen nicht vergessen kann. In allem gibt es eine Grenze, die zu
überschreiten gefährlich ist; denn, _ist_ sie einmal überschritten, so
ist es unmöglich, zurückzukehren.«

»Ich sprach eigentlich nicht darüber, Peter Petrowitsch,« unterbrach ihn
Dunja ein wenig ungeduldig, »verstehn Sie mich so, daß die ganze Zukunft
jetzt davon abhängt, ob dieses alles sich möglichst schnell aufklären
und erledigen wird oder nicht? Ich sage offen, daß ich anders es nicht
ansehen kann, und wenn Sie mich nur ein wenig schätzen, so muß die ganze
Geschichte, wie schwer es auch sein mag, heute noch beigelegt werden.
Ich wiederhole Ihnen, wenn mein Bruder die Schuld trägt, wird er um
Verzeihung bitten.«

»Ich bin erstaunt, daß sie die Frage so stellen, Awdotja Romanowna,«
wurde Luschin immer mehr gereizt, »wenn ich Sie schätze und sozusagen
verehre, brauche ich doch gleichzeitig nicht jeden aus Ihrer Familie
besonders gern zu haben. Wenn ich auf den glücklichen Besitz ihrer Hand
Anspruch erhebe, brauche ich doch nicht gleichzeitig Verpflichtungen zu
übernehmen, die unvereinbar ...«

»Ach, lassen Sie diese Empfindlichkeit, Peter Petrowitsch,« unterbrach
ihn Dunja mit Wärme, »und seien Sie der kluge und edle Mensch, für den
ich Sie stets gehalten habe und halten will. Ich habe Ihnen ein großes
Versprechen gegeben, ich bin Ihre Braut geworden; vertrauen Sie doch mir
in dieser Sache und glauben Sie mir, ich werde die Kraft haben,
unparteiisch zu urteilen. Der Umstand, daß ich die Rolle eines Richters
übernehme, ist für meinen Bruder ebenso eine Überraschung wie für Sie.
Als ich ihn heute nach dem Empfang Ihres Briefes aufforderte, unbedingt
zu unserer Zusammenkunft zu kommen, habe ich ihm nichts von meinen
Absichten mitgeteilt. Verstehn Sie doch, daß, wenn Sie sich nicht
vertragen, ich zwischen Ihnen beiden wählen muß, -- entweder Sie oder
ihn. So ist die Frage, wie von seiner, so auch von Ihrer Seite gestellt.
Ich will und darf mich nicht in der Wahl irren. Ihretwegen muß ich mit
meinem Bruder brechen; meines Bruders wegen muß ich mit Ihnen brechen.
Ich will und kann jetzt sicher erfahren, -- ist er mir wirklich ein
Bruder? Und von Ihnen, ob ich Ihnen teuer bin, ob Sie mich schätzen und
Sie mir ein Gatte sein können?«

»Awdotja Romanowna,« sagte Luschin verletzt. »Ihre Worte sind für mich
zu bedeutungsvoll, ich will sogar sagen, kränkend, in Anbetracht der
Stellung, die ich die Ehre habe Ihnen gegenüber einzunehmen. Ich spreche
schon gar nicht von der kränkenden und sonderbaren Gegenüberstellung
zwischen mir ... und einem aufgeblasenen Jüngling, aber in Ihren Worten
geben Sie mir die Möglichkeit zu, das mir gegebene Versprechen zu
brechen. Sie sagen, >entweder Sie, oder erlies mir vor, Ssonja,< sagte er, >mein
Kopf tut mir etwas weh, lies mir vor ... hier ist ein Buch<, er hatte
irgendein Buch von Andrei Ssemenowitsch Lebesjätnikoff erhalten; er
wohnt auch dort und hat immer solche spaßige Bücher. Und ich sagte, >ich
muß gehen<, wollte ihm also nicht vorlesen. Ich war hauptsächlich zu
ihnen gekommen, um Katerina Iwanowna die Kragen zu zeigen, hübsche, neue
und ausgewählte Kragen und Manschetten, die mir Lisaweta, eine
Händlerin, billig besorgt hatte. Und Katerina Iwanowna gefielen sie
sehr, sie legte einen Kragen um, besah sich im Spiegel, und sie gefielen
ihr sehr. >Schenk sie mir, Ssonja,< sagte sie, >bitte schenk sie mir.<
Sie hatte bitte gesagt, und sie wollte sie so gern haben. Wann soll sie
aber die Kragen umlegen? Sie dachte nur an die frühere, glücklichere
Zeit. Sie sah sich im Spiegel, betrachtete sich mit Wohlgefallen und hat
doch keine passenden Kleider, gar keine Sachen dazu, -- wer weiß, wie
viele Jahre schon! Und niemals wird sie etwas von jemand erbitten, --
sie ist stolz und gibt eher das letzte fort, nun aber hatte sie mich
gebeten, -- so hatten ihr die Kragen gefallen! Mir aber tat es leid sie
wegzugeben. >Wozu brauchen Sie sie, Katerina Iwanowna<, sagte ich, so
direkt: wozu? Das hätte ich ihr nicht sagen dürfen. Sie blickte mich
schmerzlich an und wurde sehr traurig, daß ich sie ihr abgeschlagen
hatte, und es war so traurig anzusehen ... Nicht der Kragen wegen,
sondern weil ich es ihr abgeschlagen habe, ich hatte doch ... Ihnen ist
dies doch gleichgültig!«

»Haben Sie diese Händlerin Lisaweta gekannt?«

»Ja ... Sie auch?« fragte Ssonja ihn mit einigem Erstaunen.

»Katerina Iwanowna hat die Schwindsucht im höchsten Grade, sie wird bald
sterben,« sagte Raskolnikoff nach einigem Schweigen, ohne auf ihre Frage
zu antworten.

»Ach nein, nein, nein!« Und Ssonja ergriff unbewußt seine beiden Hände,
als ob es an ihm läge, dies zu verhindern und als könnte sie das von ihm
erflehen.

»Es ist doch besser, wenn sie stirbt!«

»Nein, es ist nicht, es ist gar nicht besser!« wiederholte sie
erschrocken und ohne Überlegung.

»Und was wird aus den Kindern? Sie werden sie sicher zu sich nehmen?«

»Ach, ich weiß es nicht!« rief Ssonja fast in Verzweiflung aus und faßte
sich an den Kopf.

Man merkte, daß dieser Gedanke schon viele Male ihr aufgetaucht war und
daß sie ihn immer wieder abgewiesen hatte.

»Und wenn Sie noch bei Katerina Iwanownas Lebzeiten krank werden und man
Sie ins Krankenhaus schafft, was dann?« drang er erbarmungslos weiter in
sie.

»Ach, wie ist es möglich! Das kann doch nicht sein!« und Ssonjas Gesicht
verzog sich in furchtbarem Schrecken.

»Wieso kann es nicht sein?« fuhr Raskolnikoff mit einem harten Lächeln
fort. »Sie sind doch nicht davor geschützt? Was wird dann mit jenen
geschehen? Sie werden auf die Straße alle zusammen gehen, Katerina
Iwanowna wird husten und betteln und mit der Stirn an die Wand schlagen,
wie heute, und die Kinder werden weinen ... Dann wird sie hinfallen, man
bringt sie zur Wache, nachher ins Krankenhaus, nachher wird sie sterben,
und was wird aus den Kindern ...«

»Ach nein! ... Gott wird es nicht zulassen!« entrang es sich der
zusammengeschnürten Brust Ssonjas.

Sie hörte ihm ängstlich zu, blickte ihn flehend an und faltete in
stummer Bitte die Hände, als hinge alles von ihm ab. Raskolnikoff stand
auf und begann im Zimmer auf- und abzugehen. Es vergingen Minuten.
Ssonja stand mit gesenktem Kopfe und herabhängenden Händen da in
unsäglichem Leid.

»Kann man nicht sparen? Einen Notgroschen sammeln?« fragte er und blieb
vor ihr stehen.

»Nein,« flüsterte Ssonja.

»Versteht sich, nein! Haben Sie es aber auch schon versucht?« fragte er
spöttisch.

»Ich habe es versucht.«

»Und es gelang nicht! Nun, das ist ja selbstverständlich! Was ist da
noch zu fragen!«

Und er wanderte wieder im Zimmer auf und nieder. Es verstrich wieder
eine Weile.

»Sie erhalten nicht jeden Tag Geld?«

Ssonja wurde noch mehr betreten, und wieder stieg ihr das Blut ins
Gesicht.

»Nein,« flüsterte sie mit qualvoller Anstrengung.

»Mit Poletschka wird sicher dasselbe geschehen,« sagte er plötzlich.

»Nein, nein! Das darf nicht sein, unmöglich!« rief sie laut, vollkommen
verzweifelt, als hätte man ihr einen Stich ins Herz gegeben. »Gott, Gott
wird so was Schreckliches nicht zulassen! ...«

»Bei Ihnen läßt er es doch zu.«

»Nein, nein! Gott wird sie schützen! ...« wiederholte sie ganz außer
sich.

»Ja, vielleicht gibt es gar keinen Gott,« antwortete Raskolnikoff mit
einem Anflug von Schadenfreude, lachte und blickte sie an. Ssonjas
Gesicht verzerrte sich krampfhaft. Mit einem unbeschreiblichen Vorwurf
schaute sie ihn an, wollte etwas sagen, konnte aber nichts
herausbringen, bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte dann
bitterlich.

»Sie sagen, Katerina Iwanownas Verstand sei gestört. Ihr eigener ist
auch gestört,« sagte er nach einigem Schweigen.

Es vergingen wieder etwa fünf Minuten, während er schweigend auf und ab
ging, ohne sie anzublicken. Endlich trat er an sie heran; seine Augen
funkelten. Er packte sie mit beiden Händen an den Schultern und sah in
ihr weinendes Gesicht. Seine Augen hatten einen heißen, trockenen,
durchdringenden Blick, und seine Lippen bebten vor Erregung ...
Plötzlich beugte er sich nieder, warf sich auf den Boden und küßte ihren
Fuß. Ssonja fuhr entsetzt vor ihm zurück, wie vor einem Irrsinnigen. Er
sah wirklich ganz wie ein Irrsinniger aus.

»Was ist mit Ihnen, was tun Sie? Vor mir!« murmelte sie erbleichend, und
ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen.

Er stand sofort auf.

»Ich habe mich nicht vor dir verneigt, sondern vor dem ganzen
menschlichen Leiden,« sagte er mit eigentümlichem Ton und ging zum
Fenster hin. »Höre,« setzte er hinzu, als er nach einem Augenblick zu
ihr zurückkam, »ich habe vorhin zu einem bösen Menschen gesagt, daß er
deinen kleinen Finger nicht wert sei ... und daß ich meiner Schwester
heute eine Ehre erwiesen habe, indem ich sie neben dich hingesetzt habe
...«

»Ach, was haben Sie gesagt! Und in ihrer Gegenwart?« rief Ssonja
erschrocken aus. »Neben mir zu sitzen! Eine Ehre! Ja, ich bin doch ...
ehrlos ... Ach, warum haben Sie das gesagt?«

»Nicht wegen deiner Ehrlosigkeit und Sünde habe ich es von dir gesagt,
sondern wegen deines großen Leides. Daß du eine große Sünderin bist, ist
wahr,« fügte er fast entzückt hinzu, »und am meisten bist du dadurch
eine Sünderin, weil du dich _umsonst_ getötet und verkauft hast. Ist das
nicht entsetzlich! Ist es nicht entsetzlich, daß du in diesem Schmutze
lebst, den du so haßt und gleichzeitig es selbst weißt, -- man braucht
dir nur die Augen zu öffnen -- daß du niemandem damit hilfst und
niemanden dadurch rettest! Ja, sage mir doch endlich,« fuhr er fast in
Wut fort, »wie kannst du solche Schande und solche Gemeinheit mit deinen
anderen besten und heiligsten Gefühlen in dir vereinigen? Es wäre doch
gerechter, tausendmal gerechter und vernünftiger, sich mit dem Kopfe
voran ins Wasser zu stürzen und allem ein Ende zu machen!«

»Und was wird mit ihnen allen geschehen?« fragte Ssonja mit schwacher
Stimme, blickte ihn leidend an, zeigte aber über seinen Vorschlag gar
kein Erstaunen. Raskolnikoff blickte sie eigentümlich an.

Er hatte alles in ihrem Blicke gelesen. Auch sie hatte tatsächlich schon
selbst diesen Gedanken gehabt. Vielleicht hatte sie sich in der
Verzweiflung oft und ernstlich überlegt, dem Leben schneller ein Ende zu
machen, so daß sie jetzt gar nicht über seinen Vorschlag erstaunt war.
Sie hatte selbst die Härte seiner Worte nicht empfunden, auch den Sinn
seiner Vorwürfe und seine besondere Ansicht über ihre Schande hatte sie
nicht erfaßt, das konnte er sehen. Er aber begriff vollkommen, wie
grauenhaft und schmerzlich sie schon seit langem der Gedanke an ihre
ehrlose und schmachvolle Lage gequält hatte. Was aber war es, was konnte
es sein, -- dachte er, -- das ihren Entschluß, mit einem Schlage allem
ein Ende zu machen, aufhielt? Jetzt erst verstand er völlig, was für sie
diese armen, kleinen verwaisten Kinder und diese beklagenswerte
halbverrückte Katerina Iwanowna mit ihrer Schwindsucht und mit ihrer
Verzweiflung bedeuteten.

Aber ebenso klar war es ihm, daß Ssonja mit ihrem Charakter und ihrer
Bildung, die sie doch immerhin genossen hatte, in keinem Falle weiter in
dieser Lage aushalten konnte. Und dennoch blieb die Frage offen, -- wie
hatte sie so lange, zu lange schon, in dieser Lage aushalten können,
ohne den Verstand zu verlieren, wenn sie nicht die Kraft besaß, sich ins
Wasser zu stürzen? Gewiß, er begriff, daß Ssonjas Lage eine häufige
Erscheinung in der Gesellschaft war, und unglücklicherweise bei weitem
keine einzelne Ausnahme. Aber dieser Umstand selbst, ihre Bildung und
ihr ganzes vorheriges Leben hätten sie doch sofort beim ersten Schritt
auf diesem widerwärtigen Wege töten müssen. Was hielt sie denn? Doch
nicht die Unzucht? Diese ganze Schande hatte sie offenbar nur mechanisch
berührt; die echte Unzucht war noch mit keinem Tropfen in ihr Herz
gedrungen; er sah es; sie stand völlig rein vor ihm da ...

»Sie hat drei Wege,« dachte er, »entweder sich in den Kanal zu stürzen,
ins Irrenhaus zu kommen oder ... oder sich schließlich wirklich dem
Laster zu ergeben, das den Verstand betäubt und das Herz versteinert«.

Der letzte Gedanke war ihm am widerwärtigsten; aber er war schon zu sehr
Skeptiker, er war jung, abstrakt und somit grausam, darum mußte er auch
glauben, daß der letzte Ausweg, das heißt das Laster, am
allerwahrscheinlichsten sei.

»Aber ist es denn möglich,« rief er innerlich aus, »soll sich auch
dieses Wesen, das sich noch die Reinheit des Herzens bewahrt hat, bewußt
in diesen abscheulichen stinkenden Schlamm hinabziehen lassen? Hat diese
Erniedrigung schon begonnen und konnte sie etwa dieses Leben schon aus
diesem Grunde leben, weil das Laster ihr nicht mehr widerwärtig
erschien? Nein, nein, es kann nicht sein!« rief er bei sich aus, wie
vorhin Ssonja laut gerufen, »nein, vom Wasser hielt sie bis jetzt der
Gedanke an die Sünde zurück und an _jene_ ... Wenn sie aber bis jetzt
den Verstand nicht verloren hat ... aber wer sagt es denn, daß sie den
Verstand noch nicht verloren hat? Ist sie denn bei gesundem Verstande?
Kann man denn so reden, wie sie es tut? Kann man denn bei gesundem
Verstande so urteilen, wie sie es tut? Kann man denn so über dem
Abgrunde, über dem stinkenden Schlamm sitzen und in der Gefahr, jeden
Augenblick hineingezogen zu werden, trotzdem mit den Händen sich gegen
die Mahnungen wehren und sich die Ohren zuhalten? Was, erwartet sie etwa
ein Wunder? Sicher, so ist es. Sind dies nicht Anzeichen von
Geistesstörung?«

Er blieb hartnäckig bei diesem Gedanken stehen. Dieser Ausweg gefiel ihm
sogar besser, als jeder andere. Er begann sie aufmerksamer zu
betrachten.

»Also du betest sehr oft zu Gott, Ssonja?« fragte er sie.

Ssonja schwieg, er stand neben ihr und wartete auf die Antwort.

»Was wäre ich denn ohne Gott?« flüsterte sie schnell und energisch,
indem sie ihn flüchtig mit funkelnden Augen anblickte und seine Hand
stark drückte.

»Ja, es ist so, wie ich gedacht!« sagte er zu sich.

»Und was tut Gott dir dafür?« fragte er sie weiter ausforschend.

Ssonja schwieg lange, als könnte sie nicht antworten. Ihre schwache
Brust hob und senkte sich in heftiger Aufregung.

»Schweigen Sie! Fragen Sie nicht! Sie sind es nicht wert ...« rief sie
plötzlich und sah ihn streng und zornig an.

»Es ist so! Es ist so!« wiederholte er hartnäckig vor sich hin.

»Alles tut er!« flüsterte sie schnell und schlug wieder die Augen
nieder.

»Das ist ihr Ausweg! Das ist die Lösung!« entschied er bei sich und
betrachtete sie mit gesteigertem Interesse.

Mit einem neuen, eigentümlichen, fast krankhaften Gefühle schaute er in
dieses bleiche magere und regelmäßig eckige Gesichtchen, diese sanften
blauen Augen, die mit so einem Feuer, mit so einem strengen energischen
Blick leuchten konnten, diesen kleinen Körper, der vor Empörung und Zorn
noch bebte, und dies alles erschien ihm noch merkwürdiger und
unfaßlicher.

»Sie ist närrisch! Sie hat den religiösen Wahnsinn!« wiederholte er für
sich.

Auf der Kommode lag ein Buch. Jedesmal, wenn er auf und ab ging, hatte
er es bemerkt; jetzt nahm er es und sah es sich an. Es war das Neue
Testament in russischer Übersetzung. Das Buch, in Leder gebunden, war
alt und viel gebraucht.

»Woher hast du es?« rief er. Sie stand immer noch auf derselben Stelle,
drei Schritte vom Tische entfernt.

»Man hat es mir gebracht,« antwortete sie unwillig und ohne ihn
anzublicken.

»Wer hat es dir gebracht?«

»Lisaweta hat es gebracht, ich habe sie darum gebeten.«

»Lisaweta! Wie seltsam!« dachte er.

Alles erschien ihm bei Ssonja mit jeder Minute merkwürdiger,
wunderlicher. Er holte das Buch zum Lichte und begann darin zu blättern.

»Wo steht hier die Geschichte vom armen Lazarus?« fragte er.

Ssonja blickte unverwandt zu Boden und antwortete nicht. Sie stand ein
wenig abgewandt vom Tische.

»Von der Auferstehung des Lazarus, wo ist es? Suche es mir, Ssonja.«

Sie sah ihn mit einem Seitenblick an.

»Nicht dort ... im vierten Evangelium steht es ...« flüsterte sie
streng, ohne sich ihm zu nähern.

»Suche es und lies es mir vor,« sagte er, setzte sich, stützte die
Ellbogen auf den Tisch, den Kopf in die Hand legend, blickte düster zur
Seite und bereitete sich vor zuzuhören.

»Nach drei Wochen ist sie im städtischen Irrenhause! Ich werde
vielleicht selbst auch dort sein, wenn es nicht noch schlimmer enden
wird,« murmelte er vor sich hin.

Ssonja trat unschlüssig an den Tisch, nachdem sie das sonderbare
Verlangen Raskolnikoffs mißtrauisch gehört hatte. Sie nahm das Buch.

»Haben Sie es denn nicht gelesen?« fragte sie und blickte ihn unter der
Stirn hervor an. Ihre Stimme wurde immer ernster und ernster.

»Vor langer Zeit ... Als ich noch zur Schule ging. Lies!«

»Und haben Sie es nicht in der Kirche gehört?«

»Ich ... bin nie in der Kirche gewesen. Gehst du oft hin?«

»N--nein,« flüsterte Ssonja.

Raskolnikoff lächelte.

»Ich verstehe ... Du wirst wohl morgen auch nicht zur Beerdigung des
Vaters hineingehen?«

»Ich werde hingehen. Ich war auch in der vorigen Woche in der Kirche ...
habe eine Totenmesse halten lassen.«

»Für wen?«

»Für Lisaweta. Man hat sie mit einem Beile erschlagen.«

Seine Nerven wurden immer reizbarer. Der Kopf begann ihm zu schwindeln.

»Warst du mit Lisaweta befreundet?«

»Ja ... Sie war gerecht ... sie kam ... selten ... sie konnte nicht. Wir
lasen zusammen und ... sprachen. Sie wird Gott schauen!«

Eigentümlich klangen für ihn diese Worte aus der Bibel und wieder erfuhr
er eine Neuigkeit, -- sie hatte mit Lisaweta geheimnisvolle
Zusammenkünfte gehabt und beide waren religiös wahnsinnig.

»Man kann hier selbst geisteskrank werden! Es steckt an!« dachte er.

»Lies!« rief er plötzlich hartnäckig und gereizt.

Ssonja war noch immer unentschlossen. Ihr Herz klopfte. Sie wagte nicht
ihm vorzulesen. Er sah mit Qual die »unglückliche Geisteskranke« an.

»Wozu denn? Sie glauben doch nicht daran? ...« flüsterte sie leise und
mit stockendem Atem.

»Lies! Ich will es haben!« bestand er. »Du hast doch auch Lisaweta
vorgelesen.«

Ssonja schlug das Buch auf und suchte die Stelle. Ihre Hände zitterten,
die Stimme versagte. Zweimal begann sie und konnte über das erste Wort
nicht hinwegkommen.

»Es lag aber einer krank mit Namen Lazarus, von Bethanien ...« sagte sie
endlich mit Anstrengung, aber bei dem dritten Worte zitterte plötzlich
ihre Stimme und brach ab, wie eine zu straff gespannte Saite. Der Atem
versagte ihr und die Brust schnürte sich zusammen.

Raskolnikoff begriff zum Teil, warum Ssonja sich nicht entschließen
konnte, ihm vorzulesen, und je mehr er es begriff, um so entschiedener
und gereizter bestand er darauf. Er verstand zu gut, wie schwer es ihr
jetzt fiel, alles _eigene_ preiszugeben und zu enthüllen. Er hatte
begriffen, daß diese Gefühle tatsächlich ihr wahres und vielleicht seit
langer Zeit gehegtes _Geheimnis_ bildeten, vielleicht schon seit der
Jugendzeit, schon in der Familie, neben dem unglücklichen Vater und der
vor Kummer wahnsinnig gewordenen Stiefmutter, mitten unter den hungrigen
Kindern, ihrem häßlichen Geschrei und den fortwährenden Vorwürfen. Aber
gleichzeitig erkannte er, und zwar mit Sicherheit, daß sie trotz ihres
Grams und ihrer Furcht, in dem sie jetzt vorzulesen begann, doch gern,
sehr gern es tat und zwar vor ihm, damit er es höre und unbedingt
_jetzt_ -- mochte kommen, was da wolle! ... Er hatte das in ihren Augen
gelesen und es aus ihrer verzückten Erregung entnommen! ... Sie überwand
sich, unterdrückte den Krampf im Halse, der ihr die Stimme am Anfange
benommen hatte, und fuhr fort, aus dem elften Kapitel des Evangeliums
St. Johannis vorzulesen. So kam sie bis zum 19. Vers: »Und viele Juden
waren zu Martha und Maria gekommen, sie zu trösten über ihren Bruder.
Als Martha nun hörete, daß Jesus kommt, gehet sie ihm entgegen; Maria
aber blieb daheim sitzen. Da sprach Martha zu Jesu: Herr, wärest du
hiergewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben; aber ich weiß auch noch,
daß, was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.«

Hier blieb sie wieder stehn, in schamhafter Vorahnung, daß ihre Stimme
zittern und versagen würde ... »Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder soll
auferstehen. Martha spricht zu ihm: Ich weiß wohl, daß er auferstehen
wird in der Auferstehung am jüngsten Tage. Jesus spricht zu ihr: Ich bin
die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob
er gleich stürbe. Und wer da lebet und glaubet an mich, der wird
nimmermehr sterben. Glaubst du das? Sie spricht zu ihm: (und wie mit
Schmerz atemholend, las Ssonja deutlich und voller Kraft, als lege sie
selbst öffentlich ein Glaubensbekenntnis ab):

>Herr, ja, ich glaube, daß du bist Christus, der Sohn Gottes, der in die
Welt gekommen ist.<«

Sie hielt einen Moment inne, erhob schnell zu _ihm_ die Augen, überwand
sich aber rasch und las weiter. Raskolnikoff saß und hörte unbeweglich
zu, ohne sich umzuwenden, den Ellbogen auf den Tisch gestützt und zur
Seite blickend. Sie las bis zum 32. Vers:

»Als nun Maria kam, da Jesus war, und sahe ihn, fiel sie zu seinen Füßen
und sprach zu ihm: Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht
gestorben. Als Jesus sie sahe weinen und die Juden auch weinen, die mit
ihr kamen, ergrimmte er im Geist und betrübte sich selbst. Und sprach:
Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie sprachen zu ihm: Herr, komm und siehe es.
Und Jesu gingen die Augen über. Da sprachen die Juden: Siehe, wie hat er
ihn so lieb gehabt! Etliche aber unter ihnen sprachen: Konnte, der dem
Blinden die Augen aufgetan hat, nicht verschaffen, daß auch dieser nicht
stürbe?«

Raskolnikoff wandte sich zu ihr um und sah sie mit Erregung an, -- ja,
es ist so! Sie zitterte am ganzen Körper in wahrem, wirklichem Fieber.
Er hatte es erwartet. Sie näherte sich den Worten über das größte und
unerhörte Wunder, und das Gefühl eines großen Triumphes erfaßte sie.
Ihre Stimme wurde klingend wie Metall; Triumph und Freude klangen darin
und stärkten sie. Die Zeilen verwischten sich, weil es vor ihren Augen
dunkel wurde, aber sie kannte auswendig, was sie las. Bei dem letzten
Vers: »Konnte, der dem Blinden die Augen aufgetan hat ...« ließ sie die
Stimme sinken und gab heiß und leidenschaftlich den Zweifel, den Vorwurf
und Tadel der ungläubigen, blinden Juden wieder, die gleich darauf, nach
einer Minute, wie vom Donner getroffen, niederfallen, schluchzen und
glauben werden ... »Auch er, er -- ebenfalls verblendet und ungläubig,
wird es gleich hören, auch er wird glauben, ja, ja, gleich, jetzt
gleich,« durchzuckte es sie und sie bebte in freudiger Erwartung.

»Jesus aber ergrimmete abermals in ihm selbst und kam zum Grabe. Es war
aber eine Kluft und ein Stein daraufgelegt. Jesus sprach: Hebet den
Stein ab. Spricht zu ihm Martha, die Schwester des Verstorbenen: Herr,
er stinket schon; denn er ist vier Tage gelegen.«

Sie betonte energisch das Wort -- _vier_.

»Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest,
du solltest die Herrlichkeit Gottes sehen? Da hoben sie den Stein ab, da
der Verstorbene lag. Jesus aber hob seine Augen empor und sprach: Vater,
ich danke dir, daß du mich erhöret hast; doch ich weiß, daß du mich
allezeit erhörest; sondern um des Volkes Willen, das umher stehet, sage
ich es, daß sie glauben, du habest mich gesandt. Da er das gesagt hatte,
rief er mit lauter Stimme: Lazare, komme heraus! _Und der Verstorbene
kam heraus_ ...« (Laut und verzückt las sie es, zitternd und fröstelnd,
als sähe sie es mit eigenen Augen.)

»Gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen und sein Angesicht
verhüllet mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löset ihn auf
und laßt ihn gehen.«

»_Viele nun der Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus
tat, glaubten an ihn._«

Weiter las sie nicht und konnte auch nicht lesen, sie schloß das Buch
und stand schnell vom Stuhle auf. »Das ist alles über die Auferstehung
des Lazarus,« flüsterte sie abgerissen und streng und blieb unbeweglich,
zur Seite gekehrt, stehen, ohne zu wagen und als schäme sie sich, die
Augen zu ihm zu erheben. Ihr fieberhaftes Frösteln dauerte noch an. Der
Lichtstumpf begann in dem schiefen Leuchter auszugehen und beleuchtete
trübe in diesem armseligen Zimmer den Mörder und die Dirne, die so
sonderbar beim Lesen des ewigen Buches zusammengekommen waren. Es
vergingen fünf Minuten oder noch mehr.

»Ich bin gekommen, um über eine Angelegenheit mit dir zu sprechen,«
sagte Raskolnikoff plötzlich laut und mit düsterem Gesichte, stand auf
und trat an Ssonja heran. Sie erhob schweigend die Augen zu ihm. Sein
Blick war besonders streng und drückte eine wilde Entschlossenheit aus.

»Ich habe heute meine Verwandten verlassen,« sagte er, »meine Mutter und
Schwester. Ich werde nicht mehr zu ihnen gehen. Ich habe mit allem dort
gebrochen.«

»Warum?« fragte ihn Ssonja bestürzt. Ihre Begegnung mit seiner Mutter
und Schwester hatte in ihr einen ungewöhnlichen, wenn auch ihr selbst
nicht klaren Eindruck hinterlassen. Die Mitteilung von seinem Bruche mit
ihnen hörte sie fast mit Entsetzen.

»Ich habe jetzt dich allein,« fügte er hinzu. »Gehen wir zusammen ...
Ich bin zu dir gekommen. Wir sind beide verflucht und so wollen wir auch
beide zusammengehen!«

Seine Augen leuchteten. »Wie ein Wahnsinniger!« dachte Ssonja.

»Wohin sollen wir gehen?« fragte sie voll Angst und trat unwillkürlich
einen Schritt zurück.

»Woher soll ich es wissen? Ich weiß nur eins, daß wir einen und
denselben Weg haben, das weiß ich sicher, -- und weiter nichts. Ein und
dasselbe Ziel.«

Sie blickte ihn an und verstand nichts. Sie begriff nur eins, daß er
furchtbar, grenzenlos unglücklich sei.

»Niemand von ihnen wird etwas verstehn, wenn du zu ihnen sprechen
wirst,« fuhr er fort, »ich aber habe dich verstanden. Ich brauche dich,
darum bin ich auch zu dir gekommen.«

»Ich begreife nicht ...« flüsterte Ssonja.

»Du wirst später begreifen. Hast du denn nicht ebenso gehandelt. Auch du
bist hinüber geschritten ... du hast es vermocht. Du hast Hand an dich
gelegt, du hast ein Leben zugrunde gerichtet ... _dein Leben_, das ist
einerlei! Du hättest im Geist und in der Vernunft leben können und wirst
auf dem Heumarkte enden ... Auch du kannst es nicht aushalten, und wenn
du _allein_ bleibst, wirst du den Verstand verlieren, wie ich auch. Du
bist schon jetzt wie geistesgestört; also müssen wir zusammengehen, ein
und denselben Weg! Gehen wir ihn also!«

»Warum? Warum sagen Sie das?« sagte Ssonja eigentümlich berührt und tief
erregt durch seine Worte.

»Warum? Weil es so nicht bleiben darf -- das ist der Grund! Man muß doch
endlich ernst und offen es bedenken, und nicht wie ein Kind weinen und
ausrufen, daß Gott es nicht zulassen wird! Nun, was wird geschehen, wenn
man dich morgen tatsächlich ins Krankenhaus schleppt? Die da ist nicht
bei Verstand und hat Schwindsucht, wird bald sterben und was soll aus
den Kindern werden? Wird denn Poletschka nicht auch zugrunde gehen? Hast
du denn nicht hier Kinder an allen Ecken gesehen, die ihre Mütter
betteln schicken? Ich habe mich erkundigt, wo diese Mütter leben und in
welcher Umgebung. Dort können die Kinder nicht Kinder bleiben. Dort ist
ein siebenjähriger lasterhaft und ein Dieb. Und die Kinder sind doch
Ebenbilder Christi. >Ihrer ist das Himmelreich.< Er hat geboten, sie zu
achten und zu lieben, sie sind das künftige Menschengeschlecht ...«

»Was soll, was soll ich denn tun?« wiederholte Ssonja nervös weinend und
händeringend.

»Was tun? Ein für allemal das, was nötig ist, abbrechen und weiter
nichts, -- und das Leiden auf sich nehmen! Was? Du verstehst es nicht?
Du wirst es nachher verstehen ... Freiheit und Macht, hauptsächlich
Macht! Über alle zitternde Kreaturen und über den ganzen Ameisenhaufen!
... Das ist das Ziel! Denk daran! Das ist mein Geleitwort dir auf den
Weg! Vielleicht spreche ich mit dir zum letzten Male. Wenn ich morgen
nicht zu dir komme, wirst du selbst von allem hören, und dann erinnere
dich meiner jetzigen Worte. Und irgendwann, nachher, nach Jahren, mit
der Zeit, wirst du auch vielleicht verstehn, was sie bedeuteten. Wenn
ich aber morgen zu dir komme, will ich dir sagen, wer Lisaweta ermordet
hat. Leb wohl!«

Ssonja fuhr vor Schreck zusammen.

»Ja, wissen Sie denn, wer sie ermordet hat?« fragte sie und erstarrte
vor Entsetzen und blickte ihn wild an.

»Ich weiß es und will es sagen ... Dir, nur dir allein! Ich habe dich
gewählt. Ich werde nicht kommen zu dir, um Verzeihung zu bitten, ich
will es bloß sagen. Ich habe dich seit langem gewählt, um es dir zu
sagen, damals noch, als dein Vater über dich erzählte, und ich dachte
daran, als Lisaweta noch lebte. Leb wohl. Gib mir nicht die Hand.
Morgen!«

Er ging hinaus. Ssonja sah ihm wie einem Geistesgestörten nach; aber
auch sie selbst war wie verrückt und fühlte es. Der Kopf schwindelte
ihr.

»Mein Gott, wie weiß er es, wer Lisaweta ermordet hat? Was bedeuteten
diese Worte? Es ist furchtbar!«

Aber _ein_ Gedanke kam ihr nicht in den Sinn. Durchaus nicht! ...

»Oh, er muß furchtbar unglücklich sein! ... Er hat Mutter und Schwester
verlassen. Warum? Was ist vorgefallen? Und was für Absichten hat er? Was
hat er zu ihr gesagt? Er hat ihren Fuß geküßt und gesagt ... gesagt ...
ja, er hat es deutlich gesagt, daß er ohne sie nicht mehr leben kann ...
Oh, Gott!«

Ssonja verbrachte in Fieber und Träumen die ganze Nacht. Sie sprang
zuweilen auf, weinte, rang die Hände und bald verfiel sie wieder in
Fieberträume und sie träumte von Poletschka, Katerina Iwanowna,
Lisaweta, von Vorlesen aus dem Evangelium und von ihm ... ihm mit dem
bleichen Gesicht, mit den funkelnden Augen ... Er küßt ihr die Füße,
weinte ... Oh, Gott!

Hinter der Türe rechts, hinter derselben Türe, die das Zimmer Ssonjas
von der Wohnung von Gertrude Karlowna Rößlich abteilte, war ein
Durchgangszimmer, seit langem unbewohnt, das zu der Wohnung der Frau
Rößlich gehörte und das zu vermieten war, worauf die Zettel an dem Tore
und an den Scheiben der Fenster, die zum Kanal hinausgingen, hinwiesen.
Ssonja war seit langem gewöhnt, dieses Zimmer als unbewohnt zu
betrachten. Indessen aber hatte in dem leeren Zimmer die ganze Zeit an
der Türe Herr Sswidrigailoff gestanden und heimlich gelauscht. Als
Raskolnikoff fortgegangen war, blieb er stehn, dachte nach, ging auf den
Fußspitzen in sein Zimmer, das an das leere grenzte, holte dort einen
Stuhl und stellte ihn leise an die Türe, die zu Ssonjas Zimmer führte.
Das Gespräch erschien ihm amüsant und bedeutungsvoll und hatte ihm sehr
gefallen, -- hatte ihm so gefallen, daß er einen Stuhl hinbrachte, um
künftig, zum Beispiel morgen schon, nicht wieder der Unannehmlichkeit
ausgesetzt zu sein, eine ganze Stunde stehen zu müssen, sondern sich's
bequemer zu machen, um in jeder Beziehung völlig befriedigt zu werden.


                                   V.

Als Raskolnikoff am anderen Morgen, punkt elf Uhr, in das Haus des
--schen Polizeireviers, in die Abteilung des Untersuchungsrichters
eingetreten war und gebeten hatte, ihn Porphyri Petrowitsch anzumelden,
war er verwundert, wie lange man ihn warten ließ, -- es vergingen
mindestens zehn Minuten, ehe man ihn rief. Seiner Berechnung nach mußte
man sich sofort auf ihn stürzen. Er stand indessen im Wartezimmer, es
gingen Menschen an ihm vorüber, die offenbar sich gar nicht für ihn
interessierten. In dem anderen Zimmer, das einer Kanzlei glich, saßen
und schrieben einige Schreiber, und es war ersichtlich, daß niemand auch
eine Ahnung davon hatte, -- wer und was Raskolnikoff sei? Mit unruhigem
und mißtrauischem Blicke beobachtete er alles umher, und suchte, -- ob
nicht neben ihm irgendeine Wache stehe, und ob er keinen geheimnisvollen
Wink sähe, bestimmt, auf ihn acht zu geben, daß er nicht entrinne? Aber
nichts von alledem, -- er sah bloß sorgenvolle Kanzleigesichter und
einige andere Leute, und niemand kümmerte sich um sein Kommen und Gehen.
Immer mehr befestigte sich in ihm der Gedanke, daß, wenn dieser
geheimnisvolle Mensch von gestern, dieses Gespenst, das aus der Erde
hervorgestiegen schien, tatsächlich alles wußte und alles gesehen hatte,
-- man ihm, Raskolnikoff, nicht erlauben würde, jetzt so dazustehen und
ruhig abzuwarten? Und würde man auf ihn bis elf Uhr gewartet haben, bis
es ihm selbst eingefallen wäre, zu erscheinen? Es zeigte sich also, daß
dieser Mensch entweder noch nichts mitgeteilt hatte, oder ... oder er
einfach nichts wußte und mit seinen eigenen Augen nichts gesehen hatte,
-- ja, und wie konnte er es auch gesehen haben? -- und schließlich war
alles, was gestern mit ihm, Raskolnikoff, vorgefallen war, nichts als
eine Wahnerscheinung, die seine gereizte und kranke Einbildung
übertrieben hatte. Diese Vermutung hatte ja gestern schon während der
stärksten Aufregungen und der Verzweiflung in ihm sich zu befestigen
angefangen. Nachdem er sich dies alles jetzt noch einmal überlegt hatte
und sich zu einem neuen Kampfe anschickte, fühlte er plötzlich, daß er
zittre, -- und eine Empörung erfaßte ihn bei dem Gedanken, daß er aus
Furcht vor dem verhaßten Porphyri Petrowitsch zittere. Am
schrecklichsten für ihn war es, mit diesem Menschen wieder
zusammenzutreffen; er haßte ihn über alle Maßen, grenzenlos, und
fürchtete direkt, seinen Haß irgendwie zu offenbaren. Seine Empörung
über sich selbst war so stark, daß das Zittern sofort aufhörte; er
schickte sich an, mit einer kalten und frechen Miene hineinzugehen und
versprach sich selbst, möglichst viel zu schweigen, zu beobachten und
zuzuhören und dieses Mal um jeden Preis seine krankhafte gereizte Natur
zu überwinden. In diesem Augenblicke rief man ihn zu Porphyri
Petrowitsch hinein.

Es traf sich, daß in diesem Momente Porphyri Petrowitsch in seinem
Arbeitszimmer allein war. Sein Arbeitszimmer war weder klein, noch groß;
es standen darin ein großer Schreibtisch vor einem Divan, der mit
Wachstuch bezogen war, ein Schrank in einer Ecke und einige Stühle, --
alles gehörte dem Staate und war aus gelbem poliertem Holze. In einer
Ecke der Hinterwand oder besser gesagt der Scheidewand, war eine
verschlossene Türe, -- also, mußten hinter dieser Wand sich noch andere
Zimmer befinden. Nach Raskolnikoffs Eintritt schloß Porphyri Petrowitsch
sofort die Türe, durch die er eingetreten war, und sie waren allein. Er
begrüßte seinen Besuch mit sichtlich fröhlichstem und freundlichstem
Ausdruck, und erst nach einigen Minuten merkte Raskolnikoff aus einigen
Anzeichen eine gewisse Bestürztheit, als sei er plötzlich aus dem
Konzept gebracht, oder als hatte man ihn auf etwas Verstecktem und
Geheimem ertappt.

»Ah, Verehrtester! Da sind Sie ja ... in unserer Gegend ...« begann
Porphyri Petrowitsch und streckte ihm beide Hände entgegen. »Nun, nehmen
Sie Platz, Väterchen! Oder vielleicht haben Sie es nicht gern, daß man
Sie Verehrtester und ... Väterchen nennt, -- sozusagen _tout
court_{[7]}? Halten Sie es bitte nicht für familiär ... Bitte, hierher
auf den Divan.«

Raskolnikoff setzte sich, ohne die Augen von ihm zu wenden.

»Ja unserer Gegend,« Entschuldigung wegen Familiarität, das französische
»_tout court_{[7]}« und dergleichen mehr, dies alles waren
charakteristische Anzeichen. »Er hat mir beide Hände entgegengestreckt,
hat aber keine Hand gereicht, hat sie rechtzeitig zurückgezogen,« dachte
er mißtrauisch. Beide beobachteten einander, aber kaum begegneten sich
ihre Blicke, als sie beide mit Blitzesschnelle sie voneinander
abwandten.

»Ich habe Ihnen diese Anmeldung ... über die Uhr gebracht ... hier haben
Sie es. Ist es richtig geschrieben, oder soll ich es umschreiben?«

»Was? Die Anmeldung? Ja, so ... machen Sie sich keine Sorge, es ist
richtig,« sagte Porphyri Petrowitsch, als hätte er Eile, und erst
nachdem er das gesagt hatte, nahm er das Schriftstück und sah es durch.
»Ja, es ist richtig. Mehr ist auch nicht nötig,« bestätigte er noch
einmal schnell und legte das Papier auf den Tisch.

Nach einer Minute, als er schon von etwas anderem sprach, nahm er es
wieder in die Hand und legte es in seinen Schreibtisch.

»Ich glaube, Sie sagten gestern, daß Sie wünschten, mich ... in aller
Form ... über meine Bekanntschaft mit dieser ... Ermordeten zu fragen?«
begann wieder Raskolnikoff. »Nun, warum habe ich >ich glaube< gesagt?«
durchfuhr es ihn. »Warum beunruhige ich mich denn so, daß ich dieses
>ich glaube< hinzugefügt habe?« kam ihm alsbald ein zweiter Gedanke. Und
plötzlich empfand er, daß seine Zweifelsucht, nur bei der Berührung mit
Porphyri Petrowitsch, nur nach zwei Worten, nur von zwei Blicken, in
einem einzigen Augenblick schon ins Ungeheure gestiegen sei ... und daß
dies sehr gefährlich sei, -- seine Nerven wurden gereizt, die Erregung
steigerte sich. »Es ist ein Unglück! Ein Unglück! ... Ich werde mich
wieder versprechen.« --

»Ja, ja, ja! Haben Sie keine Sorge! Es hat Zeit, hat Zeit!« murmelte
Porphyri Petrowitsch und ging vor dem Tische auf und ab, wie
absichtslos. Bald eilte er zu dem Fenster, bald zum Schreibtisch, bald
zu dem anderen Tisch, bald mied er den mißtrauischen Blick
Raskolnikoffs, bald blieb er plötzlich stehen und sah ihm unverwandt ins
Gesicht. Sonderbar erschien dabei seine kleine, dicke und runde Gestalt,
die wie ein Gummiball überall hinrollte und sofort von den Wänden und
den Ecken absprang.

»Wir haben Zeit, wir haben Zeit! ... Rauchen Sie? Haben Sie was zu
rauchen? Bitte, hier ist eine Zigarette,« fuhr er fort und reichte dem
Besucher Zigaretten ... »Wissen Sie, ich empfange Sie hier, meine
Wohnung aber ist hier hinter der Zwischenwand ... freie Dienstwohnung,
ich wohne jetzt noch in meiner alten, eigenen. Man mußte hier einige
kleine Reparaturen vornehmen. Jetzt ist alles fast in Ordnung ... eine
freie Dienstwohnung ist eine schöne Sache? Meinen Sie nicht?«

»Ja, es ist eine schöne Sache,« antwortete Raskolnikoff und blickte ihn
fast spöttisch an.

»Eine schöne Sache, eine schöne Sache ...« wiederholte Porphyri
Petrowitsch, als ob er an etwas ganz anderes denke, »ja! eine schöne
Sache!« rief er zum Schlusse laut, erhob plötzlich die Augen zu
Raskolnikoff und blieb zwei Schritte vor ihm stehen.

Diese fortwährende dumme Wiederholung, daß eine Dienstwohnung eine
schöne Sache sei, widersprach sehr dem ernsten sinnenden und
rätselhaften Blicke, mit dem er jetzt seinen Besuch anstarrte.

Dies aber reizte noch mehr die Wut Raskolnikoffs, so daß er eine
spöttische und ziemlich unvorsichtige Herausforderung nicht unterdrücken
konnte.

»Sie wissen doch,« sagte er unerwartet, indem er ihn fast dreist
anblickte, und als empfände er einen Genuß von seiner Dreistigkeit, »daß
es eine juristische Regel, ein juristischer Kniff mancher
Untersuchungsrichter ist, -- zuerst von weitem her mit Kleinigkeiten,
oder auch mit etwas Ernstem aber Fernliegendem zu beginnen, um den zu
Verhörenden sozusagen zu ermutigen, oder besser gesagt, abzulenken,
seine Vorsicht einzuschläfern, um ihn nachher plötzlich und unversehens
mit einer verhängnisvollen und gefährlichen Frage zu betäuben, habe ich
recht? Das wird, glaube ich, in allen Lehrbüchern und Vorschriften bis
heute als unfehlbarer Kunstgriff festgehalten.«

»Es ist richtig ... und Sie meinen, daß ich es mit der freien
Dienstwohnung bei Ihnen versucht habe ... ah?«

Als Porphyri Petrowitsch dies gesagt hatte, kniff er die Augen zusammen
und blinzelte ihm zu; etwas Lustiges und Schlaues huschte über sein
Gesicht, die Falten auf seiner Stirn glätteten sich, die Augen wurden
schmäler, die Gesichtszüge erweiterten sich, und plötzlich brach er in
ein nervöses langandauerndes Lachen aus, das seinen ganzen Körper
erschütterte, dabei sah er Raskolnikoff unentwegt in die Augen.
Raskolnikoff zwang sich in das Lachen einzustimmen. Als aber Porphyri
Petrowitsch sah, daß auch er lache, brach er in ein Gelächter aus, daß
ihm das Blut zu Kopf stieg. Raskolnikoffs Widerwillen überwog seine
Vorsicht, -- er hörte auf zu lachen, sein Gesicht verfinsterte sich und
er sah Porphyri Petrowitsch lange und voll Haß an während dieses
anhaltenden und wie absichtlich nicht aufhörenden Lachens. Übrigens war
die Unvorsichtigkeit beiderseits -- es war doch klar, daß Porphyri
Petrowitsch über seinen Besucher lachte und daß er über dessen
unverhohlenen Mißmut sich nicht im geringsten kümmerte. Das aber war für
Raskolnikoff sehr wichtig -- er hatte begriffen, daß Porphyri
Petrowitsch auch vorhin sich gar nicht verlegen gefühlt hatte, daß im
Gegenteil er, Raskolnikoff, wahrscheinlich in eine Falle geraten sei,
daß es hier etwas gab, was er nicht ahnte, daß vielleicht schon alles
vorbereitet sei, um sich im nächsten Augenblick zu zeigen und ihn zu
überrumpeln ...

Er ging gerade auf das Ziel los, stand von seinem Platze auf und nahm
seine Mütze.

»Porphyri Petrowitsch,« begann er gereizt, aber entschlossen, »Sie
äußerten gestern den Wunsch, daß ich zu einem Verhöre herkommen sollte.«
(Er betonte besonders das Wort _Verhör_.) »Ich bin gekommen, und wenn
Sie etwas wünschen, fragen Sie mich, sonst aber gestatten Sie mir,
wegzugehen. Ich habe keine Zeit, denn ich habe zu tun ... Ich muß zu der
Beerdigung eines Beamten, der überfahren worden ist und von dem ... Sie
auch ... schon wissen ...« fügte er hinzu, ärgerte sich aber sofort, daß
er das hinzugefügt hatte und wurde noch gereizter. »Ich bin des Ganzen
überdrüssig, hören Sie, und seit langem schon ... ich bin zum Teil auch
deshalb krank gewesen ... mit einem Worte,« schrie er fast, als er
fühlte, daß die Phrase über seine Krankheit sehr überflüssig war, »mit
einem Worte, -- belieben Sie mich entweder zu fragen oder zu entlassen,
und zwar sofort ... und wenn Sie mich fragen wollen, dann nicht anders,
als nach der gesetzlichen Form! Anders werde ich es nicht erlauben, und
darum sage ich Ihnen einstweilen, leben Sie wohl, da wir jetzt beide
nichts miteinander zu schaffen haben.«

»Mein Gott! Ja, was ist mit Ihnen? Ja, worüber soll ich Sie denn
fragen,« sagte auf einmal Porphyri Petrowitsch aufgeregt, indem er
sofort den Ton und seine Miene änderte und aufhörte zu lachen, »bitte,
regen Sie sich doch nicht auf,« bemühte er sich um Raskolnikoff, bald
nötigte er ihn, seinen Platz wieder einzunehmen, bald lief er im Zimmer
umher, »es hat Zeit, es hat Zeit und alles sind doch bloß Kleinigkeiten!
Ich bin im Gegenteil so froh, daß Sie endlich zu mir gekommen sind ...
Ich empfange Sie als meinen Gast. Und dieses verfluchte Lachen bitte ich
Sie zu entschuldigen, Väterchen, Rodion Romanowitsch. -- Rodion
Romanowitsch, so ist doch Ihr Vatername, nicht wahr? ... Ich bin ein
nervöser Mensch. Sie haben mich durch Ihre witzige Bemerkung stark zum
Lachen gebracht; zuweilen schüttelt es mich wirklich, als wäre ich aus
Kautschuk, und das dauert manchmal eine halbe Stunde ... Ich neige zum
Lachen. Bei meiner Statur fürchte ich dadurch einmal einen Schlaganfall
zu bekommen. Ja, setzen Sie sich doch, warum stehn Sie? ... Bitte,
setzen Sie sich, Väterchen, sonst denke ich, daß Sie mir böse sind ...«

Raskolnikoff schwieg, hörte zu und beobachtete ihn, noch immer zornig
und mit düsterem Gesichte. Er nahm Platz, legte aber die Mütze nicht aus
der Hand.

»Ich will Ihnen, Väterchen Rodion Romanowitsch, von mir selbst etwas
sagen, um Ihnen meinen Charakter sozusagen zu erklären,« fuhr Porphyri
Petrowitsch fort, indem er im Zimmer hin und her eilte und wie vorhin
den Blick seines Gastes zu meiden schien. »Wissen Sie, ich bin ein alter
Junggeselle, ohne weltmännische Art und ohne Beziehungen, außerdem ein
abgetaner Mensch, der schon über die Reife hinaus und in Samen
geschossen ist ... Und Rodion Romanowitsch, haben Sie nicht auch schon
beobachtet, daß bei uns, das heißt bei uns in Rußland, und meistens in
unseren Petersburger Kreisen, wenn zwei kluge Menschen zusammenkommen,
die einander noch nicht gut kennen, aber sich sozusagen gegenseitig
achten, wie wir jetzt zusammengekommen sind, so können sie kaum vor
Ablauf einer halben Stunde ein Gesprächsthema finden, -- sie sitzen,
starren einander an und genieren sich. Alle haben einen Gesprächsstoff,
Damen zum Beispiel ... Leute aus der großen Welt zum Beispiel haben
immer ein Thema zur Unterhaltung, _c'est de rigueur_{[8]}. Die Leute
aber aus den mittleren Schichten, das heißt denkende Menschen, wie wir,
-- sind alle verlegen und nicht gesprächig. Woher kommt das, Väterchen?
Haben wir keine gemeinsamen Interessen, oder sind wir zu ehrlich und
wollen einander nicht betrügen, ich weiß es nicht? Ah? Wie meinen Sie?
Legen Sie doch bitte die Mütze fort, es sieht so aus, als wollten Sie
gleich fortgehen, das ist wirklich peinlich ... Ich freue mich im
Gegenteil sehr, daß Sie hier sind ...«

Raskolnikoff legte die Mütze weg, verhielt sich aber schweigend und
hörte ernst und mit düsterem Gesichte dem leeren und verworrenen
Geschwätz von Porphyri Petrowitsch zu.

»Will er tatsächlich mit seinem dummen Geschwätz meine Aufmerksamkeit
ablenken?« dachte er.

»Ich kann Ihnen leider keinen Kaffee anbieten, es geht hier nicht an;
doch warum soll man sich nicht fünf Minuten mit einem guten Bekannten
zerstreuen,« redete Porphyri Petrowitsch ohne Unterbrechung fort, »und
wissen Sie, alle diese dienstlichen Pflichten ... aber seien Sie bitte,
Väterchen, nicht böse, daß ich in einem fort auf und ab gehe;
entschuldigen Sie, Väterchen, ich fürchte sehr, Sie zu kränken, Bewegung
aber tut mir einfach nötig. Ich sitze die ganze Zeit und bin sehr froh,
so fünf Minuten herumgehen zu können ... Hämorrhoiden ... ich will mich
durch Gymnastik behandeln; man erzählt, daß Staatsräte, wirkliche
Staatsräte und sogar Geheimräte, sehr gern ab und zu über die Schnur
springen; ja, ja, die Wissenschaft in unserem Jahrhundert ... leistet
viel ... Und diese dienstlichen Pflichten, Verhöre und diese ganzen
Formalitäten ... Sie erwähnten, Väterchen, soeben etwas von Verhören ...
ja, wissen Sie, Väterchen Rodion Romanowitsch, diese Verhöre verwirren
zuweilen den Verhörer selbst mehr als den zu Verhörenden ... Das haben
Sie, Väterchen, sehr richtig und witzig soeben bemerkt« (Raskolnikoff
hatte gar keine derartige Bemerkung gemacht). -- »Man wird konfus!
Wirklich, man wird konfus, und immer hat man ein und dasselbe, immer ein
und dasselbe, es geht in einer Leier so fort! Die Reform ist im Anzuge,
wir werden wenigstens einen anderen Titel erhalten, he--he--he! Und was
unser Verfahren, über das Sie vorhin so gelungen sprachen, anbetrifft,
so bin ich ganz Ihrer Meinung. Aber, sagen Sie bitte, welcher
Angeklagte, und wäre es der dümmste Bauer, wüßte nicht, daß man zuerst
anfängt, ihn durch nebensächliche Fragen einzuschläfern, wie Sie
treffend bemerkten, um ihn dann plötzlich mit einem Schlage zu betäuben,
he--he--he! ihn zu betäuben, nach Ihrem glücklichen Ausdruck!
He--he--he! Also, Sie dachten tatsächlich, daß ich es bei Ihnen mit der
Dienstwohnung versuchen wollte ... he, he! Sie sind ein spöttischer
Mensch! Also, ich werde nicht mehr darüber reden! Ach ja, beiläufig, das
eine Wort zieht ja das andere nach, und ein Gedanke ruft den andern, --
Sie haben vorhin auch die gesetzliche Form erwähnt, wissen Sie, in bezug
auf das Verhör ... Wozu denn eine gesetzliche Form? Die Form ist, wissen
Sie, in vielen Fällen ein Unsinn. Manchesmal ist es vorteilhafter, in
aller Freundschaft miteinander zu sprechen. Die Form läuft nie davon,
darin gestatte ich mir Sie zu beruhigen; ja, und was ist eigentlich die
Form, frage ich Sie? Die gesetzliche Form darf nicht bei jedem Schritt
den Untersuchungsrichter hemmen. Die Arbeit eines Untersuchungsrichters
ist doch sozusagen freie Kunst in ihrer Art, oder etwas Ähnliches ...
he! he!«

Porphyri Petrowitsch machte für einen kurzen Augenblick eine Pause. Er
redete in einem fort, ohne zu ermüden, bald sinnloses und inhaltloses
Zeug, bald machte er plötzlich rätselhafte Anspielungen und verlor sich
von neuem in sinnloses Geschwätz. Er lief schon fast im Zimmer herum und
bewegte immer schneller und schneller seine dicken kurzen Beine; blickte
dabei die ganze Zeit zu Boden, hatte die rechte Hand auf dem Rücken und
machte mit der linken allerhand Bewegungen, die jedesmal nur wenig mit
seinen Worten übereinstimmten. Raskolnikoff bemerkte plötzlich, daß er
ein paarmal neben der Tür stehen blieb und zu lauschen schien ...

»Wartet er etwa auf etwas?« dachte er.

»Und Sie sind vollkommen im Rechte,« begann von neuem Porphyri
Petrowitsch und blickte heiter und mit ungewöhnlicher Treuherzigkeit
Raskolnikoff an, was jenen zu vermehrter Achtsamkeit veranlaßte. »Sie
haben tatsächlich recht, daß Sie über die Rechtsformen sich so lustig
machen, he--he! Diese tiefsinnigen psychologischen Kunstgriffe -- einige
natürlich nur -- sind äußerst lächerlich, ja und vielleicht nutzlos,
wenn sie durch die gesetzliche Form zu sehr beschränkt sind. Ja ... ich
komme wieder auf die gesetzliche Form zurück, -- also, wenn ich den
einen oder den anderen sozusagen für den Verbrecher halte, oder besser
gesagt, ihn im Verdacht habe, in irgendeiner mir übertragenen
Angelegenheit ... Sie bereiten sich doch vor, Jurist zu werden, Rodion
Romanowitsch?«

»Ja, ich wollte es werden ...«

»Nun, da möchte ich Ihnen sozusagen ein Beispiel für die Zukunft
anführen, -- das heißt, glauben Sie nicht, daß ich es wage, Sie zu
belehren, -- Sie lassen doch selber große Artikel über Verbrechen
drucken! Nein, ich will Ihnen nur, als eine Tatsache, ein Beispiel
erwähnen, -- also falls ich den einen oder den anderen für den
Verbrecher halten sollte, fragt es sich, soll ich ihn vor der Zeit
beunruhigen, wenn ich auch Beweise gegen ihn habe? Den einen muß ich zum
Beispiel schneller verhaften, ein anderer aber hat einen ganz anderen
Charakter, wirklich, -- warum soll man ihm denn nicht gestatten, in der
Stadt herumzuspazieren -- he--he--he! Nein, ich sehe, daß Sie nicht ganz
verstehn, ich will es Ihnen deutlicher erklären, -- wenn ich ihn zum
Beispiel zu früh einsperre, so gebe ich ihm vielleicht dadurch eine
moralische Stütze, sozusagen, he--he! Sie lachen?« (Raskolnikoff dachte
gar nicht daran, zu lachen; er saß mit zusammengepreßten Zähnen und
wandte seinen glühenden Blick von den Augen Porphyri Petrowitschs nicht
ab.) »Das kann bei dem einen Subjekt genau das richtige sein, denn die
Menschen sind verschieden, und da muß vor allem die Praxis entscheiden.
Sie werden jetzt einwenden -- und die Beweise! Ja, nehmen wir an, es
sind Beweise da, aber Beweise haben doch meistenteils, Väterchen, zwei
Seiten, und ich bin doch Untersuchungsrichter, also auch nur ein
schwacher Mensch, und ich gestehe, daß ich die Untersuchung sozusagen
mathematisch klarstellen möchte, und solch einen Beweis zu erbringen
wünsche, daß es so klar wäre, wie zweimal zwei vier ist! Daß es einer
klaren unbestreitbaren Tatsache gleiche! Wenn ich ihn aber vor der Zeit
einsperre, -- und wäre ich fest überzeugt, daß er es ist, -- so kann ich
mich selbst vielleicht der Mittel berauben, ihn weiter zu überführen,
und warum? Weil ich ihm sozusagen eine bestimmte Lage gebe, ihn
sozusagen psychologisch bestimme und festlege, und da wird er sich vor
mir in seine Schale verkriechen, -- er wird endlich begreifen, daß er
Gefangener ist. Man erzählt sich, daß kluge Leute in Sebastopol sofort
nach der Schlacht bei Alma schreckliche Angst hatten, daß der Feind
gleich darauf einen offenen Sturm auf Sebastopol machen und die Stadt
einnehmen würde; als sie aber sahen, daß der Feind eine regelrechte
Belagerung vorzog und die erste Parallele zog, da haben sich die klugen
Leute ordentlich gefreut und sich beruhigt, -- die Sache zieht sich
wenigstens noch zwei Monate hin, denn es dauert ein Endchen, ehe sie
durch eine regelrechte Belagerung die Stadt einnehmen können. Sie lachen
wieder, Sie glauben wieder nicht? Sie sind selbstverständlich auch im
Recht. Sie sind im Recht, Sie sind im Recht! Ich bin mit Ihnen
einverstanden, es sind alles Einzelfälle; der angeführte Fall steht
tatsächlich vereinzelt da! Aber sehen Sie, lieber Rodion Romanowitsch,
man muß dabei folgendes nicht außer acht lassen, -- es gibt doch keinen
allgemeinen Fall, einen solchen, auf den alle rechtlichen Formen und
Regeln passen, nach dem sie berechnet und in Bücher eingetragen sind,
aus dem bloßen Grunde, weil jede Tat, jedes Verbrechen, zum Beispiel
sofort, kaum daß es in Wirklichkeit geschehen ist, sich in einen
vollkommenen Einzelfall verwandelt und zuweilen in einen solchen, der
einem früheren ganz und gar nicht ähnlich ist. Zuweilen passieren in
dieser Hinsicht ganz komische Sachen. Wenn ich nun einen Herrn ganz
allein lasse, ihn nicht festnehme und nicht beunruhige, aber er soll
jede Stunde und jeden Augenblick wissen oder wenigstens ahnen, daß ich
alles weiß, sein ganzes Geheimnis, Tag und Nacht ihn beobachten lasse,
über ihn rastlos wache, und wenn er sich bewußt unter ewigem Verdachte
und in ewiger Angst fühlt, -- bei Gott, da wird er nicht aus und ein
wissen, er wird tatsächlich selbst kommen und wird vielleicht noch etwas
tun, was dem Zweimalzwei bestimmt ähnlich sein wird, was sozusagen wie
ein mathematisches Exempel aussieht, -- und das ist sehr angenehm. Das
kann auch mit einem plumpen Bauern geschehen, aber um so mehr mit
unsereinem, einem modern gebildeten und nach einer bestimmten Richtung
entwickelten Menschen! Denn, mein Lieber, es ist sehr wichtig zu wissen,
in welcher Richtung ein Mensch entwickelt ist. Und die Nerven, die
Nerven, die haben Sie ganz vergessen! Die sind doch heutzutage krank,
schlecht und gereizt! ... Und die Galle, -- wieviel Galle sie alle
haben! Das ist ja, will ich Ihnen nur sagen, in manchen Fällen eine
Fundgrube in ihrer Art! Und warum soll ich beunruhigt sein, daß er
ungefesselt in der Stadt herumgeht? Mag er, mag er vorläufig spazieren
gehen; ich weiß auch ohnedem, daß er mein Opfer ist und niemals von mir
fortläuft! Ja, und wohin soll er auch fliehen, he--he! Ins Ausland etwa?
Ein Pole wird ins Ausland fliehen, aber nicht er, um so mehr, da ich ihn
beobachte und Maßregeln ergriffen habe. Soll er ins Innere des
Vaterlandes etwa fliehen? Dort leben aber Bauern, echte, ungewaschene
Russen; da wird ein modern entwickelter Mensch eher das Gefängnis
vorziehen, als mit solchen Ausländern, wie es unsere Bauern sind, leben,
he--he--he! Aber das ist Unsinn, sind reine Äußerlichkeiten. Was heißt,
-- er wird fliehen! Das ist formell gemeint, es ist nicht die
Hauptsache; er wird mir nicht entfliehen, nicht, weil er nirgends
hinfliehen könnte, -- er wird mir _psychologisch_ nicht entfliehen,
he--he! Was sagen Sie zu dem Ausdruck? Er wird dem Naturgesetze nach mir
nicht entfliehen, wenn er auch irgendwohin fliehen könnte. Haben Sie
einen Schmetterling vor einem Lichte gesehen? Nun, er wird auch so die
ganze Zeit um mich, wie um ein Licht, herumflattern; die Freiheit wird
ihm unlieb werden, er wird nachdenklich werden, sich verwirren, sich
selbst wie in ein Netz verwickeln und sich zu Tode zappeln! ... Nicht
das allein, -- er wird mir selbst irgendein mathematisches Exempel, wie
Zweimalzwei, bringen, -- wenn ich ihm bloß genügend Zeit dazu lasse ...
Und er wird die ganze Zeit, wird die ganze Zeit mich umkreisen und immer
kleinere und kleinere Kreise ziehen und -- bardautz! Er wird mir direkt
in den Mund fliegen und ich werde ihn verschlucken, und das ist aber
sehr angenehm, he--he--he! Sie glauben nicht?«

Raskolnikoff antwortete nicht, er saß bleich und unbeweglich und sah die
ganze Zeit Porphyri Petrowitsch starr ins Gesicht.

»Die Lehre ist gut!« dachte er erschauernd. »Das ist nicht mehr ein
Spiel, wie die Katze mit der Maus, wie es gestern der Fall war. Und er
zeigt mir doch nicht nutzlos seine Macht und ... souffliert mir; er ist
dazu zu klug ... Er verfolgt einen anderen Zweck, aber was für einen?
He, es ist Unsinn, Bruder, du willst mir nur Furcht einjagen und spielst
den Schlauen! Du hast keine Beweise und der Mann von gestern existiert
gar nicht! Du willst mich bloß verwirren, vorzeitig reizen und in diesem
Zustande auf mich losschlagen, aber nein, du schlägst vorbei! Aber
warum, warum souffliert er mir in dieser Weise? ... Rechnet er etwa mit
meinen kranken Nerven! ... Nein, Bruder, das wird dir nicht gelingen,
obwohl du etwas vorbereitet hast ... Nun, wollen wir mal sehen, was du
da vorbereitet hast.«

Und er nahm alle Kräfte zusammen, um sich auf eine furchtbare und
unbekannte Katastrophe gefaßt zu machen. Zuweilen fühlte er einen
heftigen Drang, sich auf Porphyri Petrowitsch zu stürzen und ihn auf der
Stelle zu erwürgen. Als er hereintrat, fürchtete er sich vor dieser Wut.
Er fühlte, daß seine Lippen trocken waren, sein Herz klopfte und daß der
Schaum vor dem Munde eingetrocknet war. Er beschloß trotzdem zu
schweigen. Er begriff, daß das die beste Taktik in seiner Situation sei,
weil er nicht bloß keine Gelegenheit hatte, sich zu versprechen, sondern
im Gegenteil durch sein Schweigen den Gegner reizen konnte, und jener
vielleicht noch sich selbst verraten würde. Er hoffte wenigstens darauf.

»Nein, ich sehe, Sie glauben mir nicht, Sie meinen, daß ich Ihnen
unschuldige Späße erzähle,« sagte Porphyri Petrowitsch, indem er
lustiger wurde, vor Vergnügen ununterbrochen kicherte und wieder im
Zimmer herumwanderte. »Sie haben selbstverständlich ein Recht dazu. Gott
hat mir so eine Gestalt verliehen, daß sie nur lächerliche Gedanken bei
anderen erregt; bin der Possenreißer, aber ich will nur eins sagen und
wiederhole noch einmal, entschuldigen Sie mich alten Mann, Väterchen
Rodion Romanowitsch, -- Sie sind noch ein junger Mann, sozusagen in der
Jugendblüte, und schätzen darum am höchsten, wie überhaupt die Jugend,
den menschlichen Verstand. Schärfe des Verstandes und abstrakte
Vernunftschlüsse ziehen Sie an. Das ist genau, wie mit dem früheren
österreichischen Hofkriegsrat, soweit ich über Kriegsereignisse urteilen
kann, -- auf dem Papier hatten sie Napoleon geschlagen und gefangen
genommen, haben in ihrem Arbeitszimmer alles in der scharfsinnigsten
Weise ermessen und berechnet, und zuguterletzt ergibt sich General Mack
mit seiner ganzen Armee, he--he--he! Ich sehe, ich sehe, Väterchen
Rodion Romanowitsch, Sie lachen über mich, daß so ein Zivilist, wie ich,
Beispiele aus der Kriegsgeschichte anführt. Ja, was soll ich tun, ich
habe einmal diese Schwäche, liebe alles Militärische und lese sehr gern
alle diese Kriegsrelationen ... ich habe entschieden in der Wahl meines
Berufes gefehlt. Ich sollte als Militär dienen, gewiß, zum Napoleon
hätte ich es nicht gebracht, höchstens bis zum Major, he--he--he! Nun,
ich will Ihnen jetzt die volle Wahrheit in bezug auf _den Einzelfall_
sagen, mein Lieber. Wirklichkeit und Natur, mein Herr, sind wichtige
Dinge und machen zuweilen die allerglänzendste Berechnung zuschanden!
He, hören Sie auf mich, einen alten Mann, ich spreche im Ernst. Rodion
Romanowitsch,« -- (indem er dies sagte, schien der kaum
fünfunddreißigjährige Porphyri Petrowitsch tatsächlich gealtert zu sein,
-- sogar seine Stimme hatte sich verändert und sie schien wie verfallen)
-- »und außerdem bin ich aufrichtig ... Bin ich nicht aufrichtig? Was
meinen Sie? Mir scheint, ich bin es im vollen Maße, -- teile Ihnen
solche Dinge umsonst mit, und verlange dafür gar keine Belohnung,
he--he--he! Nun, also, ich fahre fort, -- Scharfsinn ist meiner Meinung
nach ein prächtiges Ding; er ist sozusagen eine Zierde der Natur und ein
Trost des Lebens, und kann solche Kunststücke produzieren, daß zuweilen
ein armer Untersuchungsrichter beim besten Willen sie nicht erraten
kann, der zudem von seiner eigenen Phantasie geleitet wird, wie es oft
genug vorkommt, denn er ist auch nur ein Mensch! Aber die Natur hilft
dem armen Untersuchungsrichter, das ist das Unglück! Daran aber denkt
die von ihrem Scharfsinn hingerissene Jugend nicht, >die über alle
Hindernisse hinwegschreitet<, -- wie Sie sich scharfsinnig und trefflich
auszudrücken beliebten. Er wird -- nehmen wir es an -- lügen, das heißt,
der Mensch, _der Einzelfall_, der Inkognito, und wird ausgezeichnet und
in der schlauesten Weise lügen; nun müßte er, sollte man meinen,
triumphieren und die Früchte seines Scharfsinnes genießen, aber es kommt
ein Krach, -- bei der interessantesten, skandalösesten Stelle fällt er
in Ohnmacht. Angenommen, es kann von Krankheit und zuweilen von der
dumpfen Luft in einem Zimmer kommen, aber trotzdem! Trotzdem ist der
Gedanke gegeben! Er hat unvergleichlich gelogen, hat aber nicht
verstanden, mit der Natur zu rechnen. Darin aber lag die Tücke! Ein
anderes Mal läßt er sich von der Lebhaftigkeit seines Scharfsinnes
hinreißen, beginnt einen Menschen, der ihn im Verdacht hat, zum Narren
zu halten, erbleicht, wie absichtlich, wie im Scherze, aber erbleicht
_schon zu natürlich_, so daß es zu sehr wirklichem Erbleichen gleicht,
und wieder ist der Gedanke gegeben! Wenn ihm auch der Betrug zum ersten
Male gelingt, aber über Nacht denkt jener nach und überlegt es sich
anders, wenn er nicht dumm ist. Und so geschieht es auf Schritt und
Tritt! Das ist noch nichts, -- er beginnt sich selbst vorzudrängen,
beginnt sich hineinzumischen, wo man ihn nicht fragt, spricht in einem
fort über Dinge, über die er im Gegenteil schweigen müßte, läßt
allerhand Allegorien vom Stapel, he--he!, kommt selbst und fragt, warum
man ihn so lange nicht festnimmt, he--he--he! und das kann auch mit dem
scharfsinnigsten Menschen, mit einem Psychologen und Literaten,
passieren! Die Natur ist ein Spiegel, der durchsichtigste Spiegel! Sieh
hinein und betrachte dich, ja so ist es! Ja, warum sind Sie so blaß
geworden, Rodion Romanowitsch, ist es für Sie hier zu dumpf, soll ich
nicht das Fenster aufmachen?«

»Oh, bemühen Sie sich, bitte, nicht,« -- rief Raskolnikoff aus und
lachte plötzlich laut, -- »bitte, bemühen Sie sich nicht.«

Porphyri Petrowitsch blieb vor ihm stehen, wartete eine Weile und
stimmte dann in das Lachen ein. Raskolnikoff erhob sich vom Diwan und
brach plötzlich seinen Lachanfall ab.

»Porphyri Petrowitsch!« -- sagte er laut und deutlich, obwohl er kaum
auf den zitternden Füßen stehen konnte, -- »ich sehe endlich klar, daß
Sie mich positiv im Verdacht haben, diese Alte und ihre Schwester
Lisaweta ermordet zu haben. Meinerseits erkläre ich Ihnen, daß ich all
dessen längst überdrüssig bin. Wenn Sie finden, daß Sie ein Recht haben,
mich gesetzlich zu verfolgen, so verfolgen Sie mich, zu arretieren, so
arretieren Sie mich. Aber ich erlaube nicht, daß man mir ins Gesicht
lacht und mich quält ...«

Seine Lippen zitterten plötzlich, die Augen loderten vor Wut und die bis
jetzt gemäßigte Stimme schwoll an. »Ich erlaube es nicht!« rief er
plötzlich und schlug aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch, --
»hören Sie, Porphyri Petrowitsch? Ich erlaube es nicht!«

»Ach, mein Gott, was ist Ihnen!« rief Porphyri Petrowitsch, offenbar
völlig erschreckt; -- »Väterchen! Rodion Romanowitsch! Lieber! Was ist
mit Ihnen?«

»Ich erlaube es nicht!« -- rief Raskolnikoff noch einmal.

»Leise, Väterchen! Man könnte es hören und herkommen! Und, was wollen
wir ihnen dann sagen, bedenken Sie!« -- flüsterte Porphyri Petrowitsch
entsetzt und näherte sein Gesicht dem Raskolnikoffs.

»Ich erlaube es nicht, ich erlaube es nicht!« -- wiederholte
Raskolnikoff mechanisch, aber plötzlich ganz leise.

Porphyri Petrowitsch wandte sich schnell um und lief, um das Fenster zu
öffnen.

»Frische Luft hereinlassen! und etwas Wasser müssen Sie trinken, mein
Lieber, es ist ja ein Anfall!« -- und er wollte zur Türe stürzen, um
nach Wasser zu schicken, fand jedoch hier selbst in einer Ecke eine
volle Karaffe.

»Da, Väterchen, trinken Sie,« -- flüsterte er, mit der Karaffe zu ihm
eilend, -- »vielleicht hilft es ...«

Die Angst und selbst die Teilnahme von Porphyri Petrowitsch waren so
natürlich, daß Raskolnikoff verstummte und mit Neugier ihn betrachtete.
Das Wasser nahm er nicht an.

»Rodion Romanowitsch! Lieber! Ja, in dieser Weise werden Sie noch den
Verstand verlieren, ich versichere Sie! Ach! Trinken Sie! Trinken Sie
wenigstens etwas!«

Er zwang ihn doch, das Glas Wasser in die Hand zu nehmen. Raskolnikoff
führte es mechanisch an die Lippen, besann sich aber und stellte es mit
Widerwillen auf den Tisch.

»Ja, Sie haben einen kleinen Anfall gehabt! In dieser Weise werden Sie,
mein Lieber, wieder, wie früher schon, krank,« -- begann mit
freundschaftlicher Teilnahme Porphyri Petrowitsch, und anscheinend noch
fassungslos. -- »Mein Gott! Ja, wie kann man sich so wenig schonen?
Gestern war Dmitri Prokofjitsch bei mir gewesen, -- ich gebe zu, ich
habe einen schlimmen, böswilligen Charakter, -- aber was sie alles für
Schlüsse daraus ziehen ... Mein Gott! Er kam gestern zu mir, als Sie
fortgegangen waren, wir saßen beim Mittagessen, er redete und redete,
ich staunte bloß ... kam er etwa in Ihrem Auftrage? Ja, so setzen Sie
sich doch, Väterchen, nehmen Sie Platz um Christi willen!«

»Nein, er kam nicht in meinem Auftrage! Aber ich wußte, daß er zu Ihnen
gehen und warum er zu Ihnen gehen würde,« -- antwortete Raskolnikoff
scharf.

»Sie wußten es?«

»Ich wußte es. Nun, was ist denn dabei?«

»Ja, Väterchen, Rodion Romanowitsch, ich weiß noch ganz andere Dinge von
Ihnen; ich weiß alles! Ich weiß auch, wie Sie, als es dunkelte, in der
Nacht _eine Wohnung zu mieten_ gingen, an der Glocke klingelten, und
nach dem Blut fragten, und die Arbeiter und die Hausknechte verwirrt
machten. Ich verstehe auch Ihre damalige Seelenstimmung ... aber Sie
werden sich in dieser Weise um den Verstand bringen, bei Gott! Werden
zugrundegehen! Eine starke, edle Entrüstung kocht in Ihnen gegen die
empfangenen Kränkungen, zuerst vom Schicksal, dann von den
Polizeibeamten, darum stürzen Sie auch hierhin und dorthin, um sozusagen
schneller alle zum Sprechen zu bringen, und um allem mit einem Male ein
Ende zu machen, denn dieser Unsinn und dieser ganze Verdacht ist Ihnen
zum Überdruß. Ist es nicht so? Habe ich die Stimmung erraten? ... Und in
dieser Weise werden Sie nicht allein zugrunde gehen, sondern ziehen auch
unseren Rasumichin hinein, er ist doch dafür ein _zu guter_ Mensch, Sie
wissen es ja selbst. Bei Ihnen ist es eine Krankheit, bei ihm Tugend ...
die Krankheit könnte auch ihn anstecken ... Ich will Ihnen, Väterchen,
wenn Sie sich beruhigt haben, etwas erzählen ... aber setzen Sie sich
doch um Christi willen, Väterchen! Bitte, ruhen Sie sich aus, Sie sehen
blaß aus, ja, setzen Sie sich doch!« Raskolnikoff setzte sich hin, das
Zittern ging vorüber, und sein ganzer Körper begann zu glühen. Mit
tiefem Erstaunen und aufmerksam hörte er dem erschrockenen und
freundschaftlich um ihn bemühten Porphyri Petrowitsch zu. Aber er
glaubte keinem einzigen seiner Worte, obwohl er eine seltsame Neigung
empfand zu glauben. Die unerwarteten Worte Porphyri Petrowitsch' über
die Wohnung hatten ihn äußerst bestürzt. -- »Wie, er weiß also von der
Wohnung?« -- dachte er plötzlich, -- »und erzählt es mir selbst!«

»Ja, in unserer Gerichtspraxis gab es einmal einen fast ähnlichen Fall,
auch einen psychopathischen, krankhaften Fall,« -- fuhr Porphyri
Petrowitsch schnell fort, -- »da hat auch einer einen Mord sich
zugedichtet und wie, -- eine ganze Halluzination führte er an, brachte
Tatsachen, erzählte einzelne Umstände, verwirrte alle und machte jeden
konfus, und aus welchem Grunde? Er selbst war völlig ohne Absicht und
Wissen mit die Ursache an dem Morde, und als er erfuhr, daß er den
Mördern Veranlassung zu ihrer Tat gegeben hatte, wurde er schwermütig
und tiefsinnig, hatte Erscheinungen, verlor ganz den Verstand und
bildete sich ein, daß er selbst der Mörder sei! Aber der Senat klärte
schließlich die Sache auf, und der Unglückliche wurde freigesprochen und
in Pflege gegeben. Dank dem Senate! Ach, ja, ja! Ja, wie soll es mit
Ihnen enden, Väterchen? In dieser Weise kann man leicht an Nervenfieber
erkranken, wenn man solche Anwandlungen hat, seine Nerven zu reizen,
nachts die Klingel zu ziehen und nach Blut zu fragen! Ich habe diese
ganze Psychologie in der Praxis studiert. In dieser Weise packt es einen
Menschen zuweilen, aus dem Fenster oder von einem Turme zu springen, und
es ist eine verführerische Empfindung. Ebenso ist es auch mit dem
Klingelziehen ... Es ist eine Krankheit, Rodion Romanowitsch, Sie sind
krank! Sie vernachlässigen Ihre Krankheit zu sehr. Sie sollten zu einem
erfahrenen Arzt hingehen, der Dicke kann Ihnen doch nicht viel nützen!
... Sie haben Fieberwahn! Sie tun alles nur im Fieberwahne! ...«

Auf einen Augenblick drehte sich alles vor Raskolnikoffs Augen.

»Ist es möglich,« -- schwirrte es in seinem Kopfe, -- »ist es möglich,
daß er auch jetzt lügt? Es ist undenkbar, unmöglich!« -- er stieß diesen
Gedanken von sich, da er fühlte, in welchen Grad von Zorn und Raserei
ihn derselbe bringen müßte, und daß er vor Wut den Verstand verlieren
könne.

»Das war nicht im Fieberwahn, das war im wachen Zustande!« -- rief er
aus und spannte alle Kräfte seines Verstandes an, um das Spiel Porphyri
Petrowitsch' zu durchschauen. -- »Im wachen Zustande, bei vollem
Verstande! Hören Sie?«

»Ja, ich verstehe und höre es! Sie sagten auch gestern, daß es nicht im
Fieberwahne war, Sie betonten sogar, daß es nicht im Fieberwahne war!
Ich begreife alles, was Sie sagen! Ach! ... Hören Sie doch, Rodion
Romanowitsch, mein lieber Mensch, ziehen Sie doch diesen Umstand in
Erwägung. Wenn Sie tatsächlich in dieser verfluchten Sache schuldig oder
irgendwie darin verwickelt wären, würden Sie dann -- ich bitte Sie --
selbst betonen, daß Sie dies alles nicht im Fieberwahne, sondern im
Gegenteil bei vollem Verstande getan haben? Und es ganz besonders
betonen, mit einer besonderen Hartnäckigkeit es betonen, -- wäre es denn
möglich, wäre es denkbar, ich bitte Sie? Meiner Meinung nach würden Sie
das Gegenteil behaupten. Wenn Sie kein reines Gewissen hätten, so müßten
Sie unbedingt betonen, -- daß Sie es unbedingt im Fieberwahne getan
haben! Ist es nicht so? Meine Annahme ist doch richtig?«

Etwas Heimtückisches klang in dieser Frage. Raskolnikoff wich vor
Porphyri Petrowitsch zurück, der sich zu ihm gebeugt hatte, und
betrachtete ihn schweigend, starr und voller Zweifel.

»Oder nehmen wir den Fall mit Rasumichin, das heißt, ob er gestern aus
freien Stücken kam zu sprechen, oder ob Sie ihn dazu gebracht haben? Ja,
Sie müßten unbedingt gesagt haben, daß er aus eigenem Antriebe gekommen
war, und verheimlichen, daß er es in Ihrem Auftrage getan hat! Sie aber
verheimlichen es nicht! Sie betonen gerade, daß er in Ihrem Auftrage
hier gewesen war!«

Raskolnikoff hatte es niemals betont. Ein Schauer durchzog seinen
Rücken.

»Sie lügen wieder,« -- sagte er langsam und schwach, und seine Lippen
verzogen sich zu einem schmerzlichen Lächeln, -- »Sie wollen mir wieder
zeigen, daß Sie mein ganzes Spiel kennen und alle meine Antworten im
voraus wissen,« -- sagte er und fühlte selbst nicht, daß er seine Worte
nicht mehr genügend erwog, -- »Sie wollen mir Furcht einjagen ... oder
Sie lachen einfach über mich ...«

Er fuhr fort, ihn starr anzusehen, als er dies sagte, und wieder
leuchtete eine grenzenlose Wut in seinen Augen auf.

»Sie lügen alles!« -- rief er aus. -- »Sie wissen selbst ausgezeichnet,
daß der beste Ausweg für einen Verbrecher ist, nach Möglichkeit nichts
zu verheimlichen, was man nicht verheimlichen kann. Ich glaube Ihnen
nicht!«

»Wie spitzfindig Sie sind!« -- kicherte Porphyri Petrowitsch, -- »man
wird mit Ihnen, Väterchen, nicht fertig; eine Art Monomanie steckt tief
in Ihnen. Also, Sie glauben mir nicht? Ich sage Ihnen aber, daß Sie mir
schon glauben, daß Sie mir schon zu einem Viertel glauben, und ich will
mein Möglichstes tun, daß Sie mir noch ganz und gar glauben werden, denn
ich habe Sie wirklich gern und wünsche Ihnen aufrichtig alles Gute.«

Raskolnikoffs Lippen bebten.

»Ja, ich wünsche Ihnen Gutes, sage ich Ihnen noch einmal,« -- fuhr er
fort, und faßte Raskolnikoff leicht und freundschaftlich am Arm, ein
wenig über dem Ellbogen, -- »ich will es Ihnen auch noch einmal sagen,
-- achten Sie auf Ihre Krankheit. Außerdem sind auch Ihre allernächsten
Verwandten jetzt angekommen; denken Sie auch an die. Sie sollen sie
pflegen und hüten, und Sie erschrecken sie bloß ...«

»Was geht das Sie an? Woher wissen Sie es? Warum interessieren Sie sich
in dieser Weise für mich? Also, Sie beobachten mich und wollen es mir
zeigen?«

»Väterchen! Ich habe es doch von Ihnen, von Ihnen selbst erfahren! Sie
merken nicht mal, daß Sie in Ihrer Erregung mir selbst alles und anderen
auch erzählen. Auch von Dmitri Prokofjitsch Rasumichin habe ich gestern
viele interessante Details erfahren. Nein, Sie haben mich unterbrochen,
ich sage aber, daß Sie durch Ihren Argwohn, trotz Ihres ganzen
Scharfsinnes, den gesunden Blick für die Dinge verlieren. Nun, nehmen
wir, zum Beispiel, wieder das Klingelziehen, -- solch eine Krankheit,
diese Tatsache, -- es ist doch eine ganze Tatsache, -- liefere ich Ihnen
ohne weiteres aus, ich, der Untersuchungsrichter! Und Sie sehen darin
gar nichts? Nun, sagen Sie, wenn ich nur einen kleinen Verdacht auf Sie
hätte, würde ich so handeln können? Ich müßte im Gegenteil Ihren Argwohn
zuerst einschläfern und nicht mal zeigen, daß ich diese Tatsache schon
kenne, ich müßte Sie in entgegengesetzter Richtung ablenken, um Sie
plötzlich, wie mit einem Schlage auf den Kopf, mit der Frage zu
betäuben, -- >was suchten Sie -- würde ich fragen, -- um zehn Uhr
abends, oder es kann auch elf Uhr gewesen sein, in der Wohnung der
Ermordeten? Warum haben Sie an der Klingel gezogen? Und warum fragten
Sie nach dem Blute? Warum machten Sie die Hausknechte konfus und
forderten sie auf, auf das Polizeibureau, zum Revieraufseher,
mitzugehen?< Sehen Sie, in dieser Weise müßte ich handeln, wenn ich den
winzigsten Verdacht gegen Sie hätte. Ich müßte Sie in aller Form
verhören, eine Haussuchung bei Ihnen vornehmen und Sie möglicherweise
auch arretieren ... Also kann ich doch keinen Verdacht gegen Sie hegen,
wenn ich anders gehandelt habe! Sie haben aber den gesunden Blick
verloren und sehen gar nichts, wiederhole ich!«

Raskolnikoff zuckte zusammen, so daß Porphyri Petrowitsch es zu deutlich
bemerkte.

»Sie lügen alles!« -- rief er aus, -- »ich kenne Ihre Absichten nicht,
aber Sie lügen ... Vorhin haben Sie nicht in diesem Sinne gesprochen und
ich kann mich nicht irren ... Sie lügen!«

»Ich lüge?« -- unterbrach ihn Porphyri Petrowitsch, sich scheinbar
ereifernd, behielt jedoch das lustigste und spöttischste Aussehen bei,
als kümmerte es ihn wenig, welch eine Meinung Herr Raskolnikoff über ihn
habe. -- »Ich lüge? ... Und wie habe ich vorhin Ihnen gegenüber
gehandelt, ich, der Untersuchungsrichter? Ich habe Ihnen selbst alle
Mittel zur Verteidigung genannt und ausgeliefert, habe selbst Ihnen die
ganze Psychologie erklärt, habe Krankheit, Fieberwahn, Kränkungen,
Melancholie und Polizeibeamte und dergleichen mehr erwähnt! Ah!
He--he--he! Obwohl -- nebenbei gesagt, -- alle diese psychologischen
Mittel zur Verteidigung, Ausflüchte und Ausreden äußerst unstichhaltig
sind und zwei Seiten haben. >Ich war krank, hatte Fieberträume, war im
Wahne, erinnere mich nicht<, -- alle diese Ausreden sind ja richtig,
aber es fragt sich, Väterchen, warum in der Krankheit und im Fieberwahne
immer solche Vorstellungen auftauchen und nicht andere? Es können einem
doch auch andere Vorstellungen erscheinen? Ist es nicht so? He--he--he!«

Raskolnikoff blickte ihn stolz und voll Verachtung an.

»Mit einem Worte,« -- sagte er laut und eindringlich, indem er aufstand
und dabei Porphyri Petrowitsch ein wenig zur Seite stieß -- »mit einem
Worte, ich will endgültig wissen, ob Sie mich frei von jedem Verdacht
finden oder _nicht_? Sagen Sie es, Porphyri Petrowitsch, sagen Sie es
mir positiv, endgültig, und schnell, sofort!«

»Das ist eine Geschichte! Ist das eine Plage mit Ihnen,« -- rief
Porphyri Petrowitsch mit vollkommen lustiger, schlauer und gar nicht
bewegter Miene, -- »ja, wozu wollen Sie es wissen, wozu wollen Sie so
vieles wissen, wenn man noch nicht einmal begonnen hat, Sie in
irgendeiner Weise zu belästigen? Sie sind wie ein Kind, dem man Feuer in
die Hand geben soll! Warum beuunruhigen Sie sich in dieser Weise? Warum
drängen Sie sich uns auf, aus welchen Gründen? Ah? He--he--he!«

»Ich wiederhole Ihnen,« -- rief Raskolnikoff in blinder Wut, -- »daß ich
es länger nicht ertragen kann ...«

»Was denn? Die Ungewißheit?« -- unterbrach ihn Porphyri Petrowitsch.

»Höhnen Sie nicht! Ich will es nicht haben! Ich sage Ihnen, ich will es
nicht! ... Ich kann und will es nicht! ... Hören Sie! Hören Sie!« --
rief er und schlug wieder mit der Faust auf den Tisch.

»Stiller, leiser! Man könnte es hören! Ich warne Sie in allem Ernst, --
schonen Sie sich. Ich scherze nicht!« -- sagte Porphyri Petrowitsch im
Flüstertone, aber diesmal lag in seinem Gesichte nicht mehr der frühere
weibisch gutmütige und erschrockene Ausdruck; im Gegenteil, er _befahl_
es streng, mit zusammengezogenen Augenbrauen und ließ alle
Geheimnistuerei und Zweideutigkeit fallen. Das dauerte jedoch nur einen
kurzen Augenblick. Der bestürzte Raskolnikoff geriet in die höchste Wut,
und doch, merkwürdig, -- wie hypnotisiert gehorchte er wieder dem
Befehle, leiser zu sprechen.

»Ich lasse mich nicht quälen!« -- flüsterte er, wie vorhin, indem er
sofort voll Schmerz und Haß einsah, daß er dem Befehle gehorchen mußte,
und geriet bei diesem Gedanken in immer größere Wut, -- »arretieren Sie
mich, lassen Sie bei mir Haussuchung halten, aber handeln Sie nach
gesetzlicher Form und spielen Sie nicht mit mir! Wagen Sie es nicht ...«

»So regen Sie sich doch nicht wieder wegen der gesetzlichen Form auf,«
-- unterbrach ihn Porphyri Petrowitsch mit dem früheren schlauen Lächeln
und betrachtete scheinbar Raskolnikoff mit Vergnügen, -- »Väterchen, ich
habe Sie doch in aller Gemütlichkeit, in aller Freundschaft eingeladen!«

»Ich will nicht Ihre Freundschaft, ich pfeife darauf! Hören Sie? Und
jetzt nehme ich meine Mütze und gehe fort. Nun, was willst du jetzt
sagen, wenn du mich arretieren willst?«

Er nahm seine Mütze und ging zu der Türe.

»Wollen Sie nicht noch die Überraschung sehen, die ich für Sie habe?«
kicherte Porphyri Petrowitsch, faßte ihn wieder am Arme und hielt ihn an
der Türe zurück. Er wurde sichtlich wieder lustiger und lebhafter, was
Raskolnikoff ganz außer sich brachte.

»Was für eine Überraschung? Was ist es?« -- fragte er, stehen bleibend
und Porphyri Petrowitsch erschreckt anblickend.

»Die Überraschung sitzt hier hinter der Türe, he--he--he!« -- er zeigte
mit dem Finger auf die verschlossene Tür in der Scheidewand, die in
seine Amtswohnung führte. -- »Ich habe sie dort eingeschlossen, damit
sie nicht fortläuft.«

»Was sagen Sie? Wo? Was? ...« -- Raskolnikoff trat an die Türe und
wollte sie öffnen, jedoch sie war verschlossen.

»Sie ist verschlossen, den Schlüssel habe ich!«

Und er zog aus seiner Tasche einen Schlüssel hervor und zeigte ihn ihm.

»Du lügst!« -- schrie Raskolnikoff, ohne sich noch einen weiteren Zwang
aufzuerlegen,-- »du lügst, verfluchter Hanswurst!« Er stürzte sich auf
Porphyri Petrowitsch, der sich zwar zur Türe zurückgezogen hatte, aber
keineswegs aus Furcht.

»Ich merke alle deine Absichten, alle! -- Du lügst und neckst mich,
damit ich mich verraten soll.«

»Ja, mehr kann man sich doch nicht verraten, als Sie es tun, Väterchen
Rodion Romanowitsch. -- Sie haben ja einen Anfall von Tobsucht. Schreien
Sie nicht so, ich rufe sonst nach Hilfe.«

»Du lügst, nichts wird geschehen! Rufe deine Leute! Du weißt, daß ich
krank bin und willst mich wütend machen, damit ich mich verraten soll,
das ist deine Absicht! Nein, zeige mir Tatsachen! Ich habe alles
begriffen! Ich weiß, du hast keine Tatsachen, du hast bloß elende,
nichtige Vermutungen von Sametoff! ... Du kanntest meinen Charakter,
wolltest mich in rasende Wut bringen, und dann mich plötzlich mit
Priestern und Delegierten überrumpeln ... Du wartest auf sie? Ah! Was
wartest du? Wo? komm doch mit ihnen!«

»Was für Delegierte sollte ich haben, Väterchen? Was dem Menschen nicht
alles einfällt! In dieser Weise kann man doch gar nicht nach der
gesetzlichen Form handeln, wie Sie meinen, Sie kennen diesen
gesetzlichen Weg überhaupt nicht, mein Lieber ... Die gesetzliche Form
läuft nicht davon, Sie werden es noch selbst sehen ... --« murmelte
Porphyri Petrowitsch und lauschte an der Türe.

In diesem Augenblicke hörte man wirklich im anderen Zimmer in der Nähe
der Türe einen Lärm.

»Ah, sie kommen!« -- rief Raskolnikoff aus, -- »du hast nach ihnen
geschickt! ... Die hast du erwartet! Hast auf sie gerechnet ... Nun,
komme mit ihnen allen, mit den Delegierten, Zeugen ... komme mit was du
willst! Ich bin bereit! Bin bereit!«

Aber in diesem Momente trat ein merkwürdiges Ereignis ein, für den
gewöhnlichen Gang der Dinge so unerwartet, daß weder Raskolnikoff noch
Porphyri Petrowitsch einen solchen Ausgang erwartet hatte.


                                  VI.

Raskolnikoffs Erinnerung an diesen Moment war in späterer Zeit folgende:

Das Geräusch hinter der Türe verstärkte sich und die Türe wurde ein
wenig geöffnet.

»Was soll das?« -- rief Porphyri Petrowitsch ärgerlich. »Ich habe doch
gesagt ...«

Einen kurzen Augenblick erfolgte keine Antwort, jedoch man merkte, daß
hinter der Türe einige Leute standen, die jemanden zurückzuhalten
schienen.

»Was ist denn los?« -- wiederholte Porphyri Petrowitsch beunruhigt.

»Man hat den Arrestanten Nikolai gebracht,« -- ertönte eine Stimme.

»Es ist nicht nötig! Fort mit ihm! Soll warten! ... Weshalb hat man ihn
hierher gebracht? Was ist das für eine Unordnung!« -- rief Porphyri
Petrowitsch, zur Türe stürzend.

»Ja, er ...,« -- begann dieselbe Stimme und brach plötzlich ab.

Nicht länger als zwei Sekunden währte ein regelrechter Kampf, als jemand
mit aller Kraft zurückgestoßen wurde, und darauf ein sehr bleicher Mann
direkt in das Arbeitszimmer von Porphyri Petrowitsch eintrat.

Dieser Mensch sah sehr eigentümlich aus. Er blickte vor sich hin, ohne
von seiner Umgebung etwas zu merken. In seinen Augen funkelte eine
Entschlossenheit, Totenblässe bedeckte sein Gesicht, als hätte man ihn
zum Schafott gebracht. Seine blutleeren Lippen zuckten.

Er war gekleidet wie ein Mann aus dem Volke, war noch sehr jung, von
mittlerem Wuchse, hager, mit rund beschnittenen Haaren und feinen,
herben Gesichtszügen. Der von ihm unerwartet Zurückgestoßene, ein
Gefängniswärter, stürzte als erster ihm ins Zimmer nach und packte ihn
an den Schultern. Nikolai zog seinen Arm zurück und riß sich abermals
von ihm los.

In der Türe drängten sich die Neugierigen. Manche von ihnen wollten
eintreten. Alles das geschah in einem Augenblick.

»Fort, es ist zu früh! Warte, bis ich dich rufen lasse! ... Warum hat
man ihn schon jetzt hergebracht?« murmelte ärgerlich Porphyri
Petrowitsch, ganz außer sich.

Da warf sich Nikolai auf die Knie nieder.

»Was ist mir dir?« -- rief Porphyri Petrowitsch erstaunt.

»Ich bin schuldig! Ich bin der Sünder! Ich bin der Mörder!« -- sagte
plötzlich Nikolai, stockend, aber mit ziemlich lauter Stimme.

Ein Schweigen, als wären alle erstarrt, trat ein; der eskortierende
Soldat wich zurück und trat nicht mehr an Nikolai heran, er ging
mechanisch zur Türe und blieb dort unbeweglich stehen.

»Was sagst du?« -- rief Porphyri Petrowitsch, aus seiner Erstarrung
erwachend.

»Ich ... bin der Mörder ...,« -- wiederholte Nikolai nach kurzem
Schweigen.

»Wie ... du ... wie ... Wen hast du ermordet?«

Porphyri Petrowitsch war sichtbar betreten.

Nach einer kurzen Pause antwortete Nikolai wieder.

»Aljona Iwanowna und ihre Schwester Lisaweta Iwanowna habe ich ... mit
dem Beile ... erschlagen. Eine Verblendung kam über mich ... --« fügte
er plötzlich hinzu und verstummte von neuem, immer noch auf den Knien
liegend.

Porphyri Petrowitsch stand nachdenklich da; als er wieder zu sich kam,
winkte er mit den Händen den ungebetenen Zeugen, fortzugehen. Sie
verschwanden sogleich und die Türe wurde zugemacht. Dann blickte er
Raskolnikoff an, der in einer Ecke stand und Nikolai verstört ansah, er
ging auf ihn zu, blieb jedoch auf halbem Wege wieder stehen, betrachtete
ihn nochmals, wandte dann seinen Blick Nikolai zu, und so besah er beide
abwechselnd, bis er sich plötzlich auf Nikolai stürzte, von einem
Gedanken gepackt.

»Was kommst du mir mit deiner Verblendung daher?« -- rief er ihm wütend
zu. -- »Ich habe doch noch gar nicht gefragt, ob eine Verblendung über
dich gekommen ist oder nicht ... sage mir, hast du gemordet?«

»Ich bin der Mörder ... ich mache das Bekenntnis ...« -- sagte Nikolai.

»Ach was! Und womit hast du gemordet?«

»Mit einem Beile. Ich hatte es mir vorher besorgt.«

»Nur langsam, nicht so schnell! Du allein?«

Nikolai verstand die Frage nicht.

»Hast du allein gemordet?«

»Allein. Dmitri ist unschuldig und ganz unbeteiligt.«

»Eile nicht so mit Dmitri! ...«

»Wie bist du denn damals die Treppe hinuntergelaufen? Die Hausknechte
haben doch euch beide zusammen gesehen?«

»Ich bin absichtlich ... damals ... mit Dmitri hinuntergelaufen,« --
antwortete Nikolai schnell als hätte er sich vorher vorbereitet.

»Ja, da haben wir's wieder!« rief Porphyri Petrowitsch wütend aus, --
»er glaubt selbst nicht, was er sagt!« -- murmelte er scheinbar vor sich
hin und bemerkte im selben Augenblick Raskolnikoff wieder.

Er war so stark mit Nikolai beschäftigt, daß er für eine kurze Zeit die
Anwesenheit Raskolnikoffs offenbar vergessen hatte. Er wurde verlegen
...

»Rodion Romanowitsch, Väterchen! Entschuldigen Sie mich, es geht nicht
an ... bitte ... Sie haben hier nichts zu tun ... ich bin auch selbst
... Sie sehen, welch eine Überraschung! ... Bitte! ...«

Er nahm ihn bei der Hand und zeigte auf die Türe.

»Das haben Sie nicht erwartet?« -- sagte Raskolnikoff, der die Sache
selbst noch nicht begriff, jedoch seine Fassung wiedergefunden hatte.

»Auch Sie, Väterchen, haben es nicht erwartet. Wie Ihre Hand zittert!
He--he--he!«

»Auch Sie zittern, Porphyri Petrowitsch.«

»Ja, ich zittere auch; hätte das nie für möglich gehalten! ...«

Sie standen beide schon an der Türe. Porphyri Petrowitsch wartete mit
Ungeduld auf Raskolnikoffs Hinausgehen.

»Und Ihre Überraschung, wollen Sie sie mir nicht zeigen?« -- sagte
Raskolnikoff höhnisch.

»Sie fangen schon wieder so an, während Ihnen die Zähne noch ordentlich
klappern, he--he! Sie sind ein eigener Mensch! Nun, auf Wiedersehen.«

»Es wäre besser, _Lebewohl_ zu sagen!«

»So Gott will, so Gott will!« -- murmelte Porphyri Petrowitsch mit einem
schiefen Lächeln.

Als Raskolnikoff durch die Kanzlei ging, bemerkte er, daß viele ihn
aufmerksam anblickten. Im Vorzimmer sah er unter der Menge die beiden
Hausknechte aus _jenem_ Hause, die er damals in der Nacht mit zum
Polizeiaufseher gehen hieß. Sie standen und warteten. Kaum hatte er die
Treppe erreicht, als er die Stimme Porphyri Petrowitschs hinter sich
vernahm. Er kehrte sich um und bemerkte, daß dieser ihm ganz außer Atem
nachkam.

»Nur ein Wort noch, Rodion Romanowitsch, über die Sache ... nun, wie
Gott will! aber dennoch muß ich Sie über einiges der Form wegen fragen
... so sehen wir uns noch, nicht wahr?«

Und Porphyri Petrowitsch blieb lächelnd vor ihm stehen.

»Nicht wahr?« -- fügte er noch einmal hinzu.

Man hatte den Eindruck, daß er noch etwas sagen wollte, aber es erfolgte
nichts.

»Ich bitte Sie, Porphyri Petrowitsch, mich zu entschuldigen wegen des
vorhin Vorgefallenen ... ich habe mich hinreißen lassen,« -- begann
Raskolnikoff, vollkommen gefaßt und dem unwiderstehlichen Wunsche
nachgebend, sich wichtig zu tun.

»Hat nichts zu sagen, hat nichts auf sich,« -- fiel Porphyri Petrowitsch
fast freudig ein. -- »Auch ich selbst ... ich habe einen gehässigen
Charakter, ich gebe es zu, ich gebe es zu! Wir werden uns ja
wiedersehen. Wenn Gott will, werden wir uns sehr bald wiedersehen! ...«

»Und dann einander endgültig kennenlernen?« -- fiel Raskolnikoff ein.

»Und dann einander endgültig kennenlernen,« -- pflichtete ihm Porphyri
Petrowitsch bei, kniff die Augen zusammen und sah ihn durchdringend an.
-- »Jetzt eilen Sie zum Namenstage?«

»Zur Beerdigung.«

»Ja, richtig, zur Beerdigung! Schonen Sie Ihre Gesundheit vor allem,
Ihre Gesundheit ...«

»Ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen meinerseits wünschen soll!« --
fiel Raskolnikoff ein, der schon die Treppe hinabstieg und sich wieder
zu Porphyri Petrowitsch umwandte, -- »ich möchte Ihnen >guten Erfolg<
wünschen, aber Ihr Amt ist zu eigenartig!«

»Wieso denn, eigenartig?« -- Porphyri Petrowitsch spitzte die Ohren,
obwohl er sich schon umgekehrt hatte, um fortzugehen.

»Warum denn nicht; diesen armen Nikolai haben Sie wahrscheinlich auch
ordentlich psychologisch in Ihrer Weise gequält und gemartert, bis er
gestanden hat; haben ihm wahrscheinlich Tag und Nacht vorinspiriert, --
>du bist der Mörder, du bist der Mörder ...<, und jetzt, wo er es
eingestanden hat, werden Sie ihn wieder anders vorkriegen. Jetzt heißt
es: >Du lügst, du bist nicht der Mörder! Du kannst es nicht sein! Du
glaubst nicht an deine eigenen Worte!< Nun, ist Ihr Amt nicht komisch?«

»He--he--he! Sie haben es also gehört, daß ich zu Nikolai gesagt habe,
er glaube nicht an seine eigenen Worte?«

»Warum sollte ich es nicht gehört haben?«

»He--he! Sie sind scharfsinnig, sehr scharfsinnig! Sie bemerken alles!
Sie haben einen ausgezeichneten lebhaften Verstand! Und erwischen immer
die komischeste Seite ... he--he! Sagt man nicht, von den
Schriftstellern hatte Gogol am ausgeprägtesten diese Eigenschaft.«

»Ja, Gogol.«

»Ja, Gogol ... Auf angenehmes Wiedersehen!«

»Auf angenehmes Wiedersehen!«

Raskolnikoff ging direkt nach Hause. Er war zuletzt so verwirrt und
konfus geworden, daß er, als er nach Hause kam, sich auf das Sofa warf
und erst eine Viertelstunde ausruhen mußte, ehe er versuchen konnte,
seine Gedanken einigermaßen zu sammeln. Den Fall mit Nikolai wollte er
gar nicht einmal erörtern, er fühlte eine mächtige Erregung in sich, und
fühlte, daß in dem Geständnis Nikolais etwas Unerklärliches und
Seltsames war; er war jetzt noch nicht imstande, dies alles zu fassen.
Das Geständnis Nikolais war eine unbestreitbare Tatsache. Die Folgen
dieser Tatsache wurden ihm sofort klar, -- die Lüge mußte sich
offenbaren und dann nahm man _ihn_ wieder vor. Aber bis dahin war er
wenigstens frei, er muß nun unbedingt irgend etwas für sich tun, denn
die Gefahr war unvermeidlich.

Jedoch, in welcher Weise? Die Lage begann sich zu klären. Während er
sich im allgemeinen des ganzen Auftrittes bei Porphyri Petrowitsch
entsann, durchlief es ihn eiskalt. Gewiß kannte er noch nicht alle
Absichten Porphyri Petrowitschs, konnte alle seine Berechnungen vorhin
nicht enträtseln. Doch ein Teil des Spieles war offenbar;
selbstverständlich konnte niemand besser als er selbst verstehen, wie
schrecklich für ihn dieser »Schachzug« im Spiele Porphyri Petrowitschs
sei. Noch ein wenig, und er hätte sich vollkommen verraten. Indem
Porphyri Petrowitsch die Empfindlichkeit seines Charakters erkannt hatte
und vom ersten Augenblick richtig eingeschätzt und durchschaut hatte,
handelte er sehr entschlossen, und fast mit sicherem Erfolge. Es war
nicht zu bestreiten, daß Raskolnikoff sich schon stark kompromittiert
hatte, doch bis zu _Tatsachen_ war es noch nicht gekommen; dies alles
war nur relativ. Faßte er jedoch jetzt auch alles richtig auf? Irrte er
sich nicht? Zu welchem Resultate wollte heute Porphyri Petrowitsch
kommen? Hatte er heute wirklich etwas vorbereitet? Und was war es?
Wartete er wirklich auf etwas oder nicht? Wie würden sie sich heute
getrennt haben, wenn der unerwartete Vorfall mit Nikolai nicht
eingetreten wäre?

Porphyri Petrowitsch hatte fast sein ganzes Spiel aufgedeckt; es war
selbstverständlich von ihm riskiert, aber er hatte es doch getan, und --
hatte alles aufgedeckt, wie es Raskolnikoff schien, -- wenn Porphyri
Petrowitsch wirklich mehr gehabt hätte, würde er es auch aufgedeckt
haben. Was war nur diese »Überraschung«? War es etwa Fopperei? Hatte sie
eine Bedeutung oder nicht? Konnte sich darunter etwas, das einer
Tatsache, einem positiven Beweis glich, verbergen? Vielleicht der Mann
von gestern? Wo ist er hinverschwunden? Wo war er heute? Wenn Porphyri
Petrowitsch etwas Positives hatte, so hing es sicher mit dem Manne von
gestern zusammen ... Er saß auf dem Sofa, hatte den Kopf tief sinken
lassen, stützte sich auf die Knie und bedeckte das Gesicht mit beiden
Händen. Ein nervöses Zittern durchlief immer noch seinen ganzen Körper.
Schließlich stand er auf, nahm seine Mütze in die Hand, dachte eine
Weile nach und ging zur Türe.

Ein Gefühl, daß er wenigstens heute sich in Sicherheit fühlen könne,
rief fast Freude in seinem Herzen wach, -- er wollte jetzt schnell zu
Katerina Iwanowna gehen. Zur Beerdigung kam er selbstverständlich zu
spät, zum Essen langte es noch und er würde dort Ssonja sehen.

Er blieb stehen, sann nach und ein schmerzliches Lächeln zeigte sich auf
seinen Lippen.

»Heute! Heute!« -- wiederholte er vor sich, -- »ja, heute noch! Es muß
so sein ...«

Er wollte gerade die Türe öffnen, als sie auch schon von außen geöffnet
wurde. Er erzitterte und sprang zurück. Sie öffnete sich langsam und
leise, und die Gestalt -- des Mannes von gestern kam zum Vorschein.

Der Mann blieb auf der Schwelle stehen, sah Raskolnikoff schweigend an
und machte einen Schritt in das Zimmer. Er war genau wie gestern
gekleidet, er hatte die gleiche gebückte Gestalt, nur in seinem Gesicht
und im Blick war eine große Veränderung vorgegangen, -- er sah traurig
drein, und nachdem er eine Weile dagestanden hatte, seufzte er tief. Es
fehlte bloß, daß er die Wange auf eine Hand stützte und den Kopf zur
Seite beugte, um völlig einem Weibe zu ähneln.

»Was wünschen Sie?« -- fragte Raskolnikoff.

Der Mann schwieg und verneigte sich auf einmal tief, so tief, daß er mit
einem Finger der rechten Hand den Boden berührte.

»Was ist mit Ihnen?« -- rief Raskolnikoff aus.

»Verzeihen Sie,« -- sagte leise der Mann.

»Was soll ich verzeihen?«

»Meine bösen Gedanken.«

Sie blickten einander an.

»Es quälte mich. Als Sie damals kamen, vielleicht berauscht, und die
Hausknechte aufforderten, mit auf die Polizei zu gehen und nach dem Blut
fragten, quälte es mich, daß man die Sache so ohne weiteres ließ und Sie
für einen Betrunkenen ansah. Und es quälte mich so stark, daß ich den
Schlaf verlor. Und da ich mich Ihrer Adresse erinnerte, bin ich gestern
hierher gekommen und habe den Hausknecht gefragt ...«

»Wer ist hergekommen?« -- unterbrach ihn Raskolnikoff und da erinnerte
er sich wieder.

»Ich, das heißt, ich habe Sie gekränkt.«

»Also, Sie sind aus jenem Hause?«

»Ja, ich stand damals mit den anderen am Tore, erinnern Sie sich nicht?
Ich habe dort seit langem eine Werkstatt. Ich bin Kürschner,
Kleinbürger, arbeite zu Hause ... Am meisten aber quälte es mich ...«

Und Raskolnikoff erinnerte sich auf einmal klar der ganzen Szene von
vorgestern am Tore; er entsann sich, daß außer den Hausknechten dort
noch einige Menschen, darunter auch Frauen, gestanden hatten. Er
erinnerte sich einer Stimme, die vorschlug, ihn auf die Polizei zu
bringen. Auf das Gesicht des Sprechenden konnte er sich nicht entsinnen
und erkannte ihn auch jetzt nicht, aber er wußte noch, daß er ihm damals
geantwortet und sich nach ihm umgewandt habe ...

Also, das war die Lösung des ganzes Schreckens von gestern. Am
furchtbarsten war ihm der Gedanke, daß er dadurch fast zugrunde gegangen
wäre, eines solch _nichtigen_ Verhängnisses wegen sich fast zugrunde
gerichtet hätte. Also, außer des Besuches in der Wohnung und des
Gespräches über das Blut konnte dieser Mensch gar nichts erzählen. So
hatte auch Porphyri Petrowitsch gar nichts, keine Tatsachen, nichts
Positives, nichts außer diesem _Fieberwahn_, und außer der
_Psychologie_, die ihre _zwei Seiten_ hat. Wenn keine Tatsachen mehr
auftauchen -- und sie dürfen nicht mehr auftauchen, dürfen, dürfen
nicht, -- was ... was kann man ihm anhaben? Wodurch kann man ihn denn
endgültig überführen, selbst wenn sie ihn auch arretieren würden? So hat
Porphyri Petrowitsch erst jetzt, soeben erst von der Wohnung erfahren,
und vorher nichts davon gewußt.

»Haben Sie es heute Porphyri Petrowitsch gesagt ... daß ich dort gewesen
war?« -- rief er aus, von einer neuen Idee überrascht.

»Was für einem Porphyri Petrowitsch?«

»Dem Untersuchungsrichter.«

»Ja, ich habe es gesagt. Die Hausknechte gingen damals nicht hin, und da
ging ich denn.«

»Heute?«

»Ich war einen Augenblick früher da, als Sie kamen. Ich habe alles mit
angehört, alles, und wie er Sie peinigte.«

»Wo? Was? Wann?«

»Ich saß die ganze Zeit bei ihm hinter der Wand.«

»Wie? Also Sie waren die Überraschung? Ja, wie konnte es denn zugehen?
Erlauben Sie!«

»Als ich sah,« -- begann der Kleinbürger, -- »daß die Hausknechte trotz
meiner Worte nicht hingehen wollten, weil es, wie sie sagten, schon spät
sei und er vielleicht böse würde, daß sie in so später Stunde noch
daherkämen, quälte es mich, ich verlor den Schlaf und begann mich zu
erkundigen. Und nachdem ich mich gestern erkundigt hatte, ging ich heute
hin. Als ich zum erstenmal kam, war er noch nicht da, als ich nach einer
Stunde wieder kam, empfing er mich nicht, und als ich zum drittenmal da
war, -- ließ man mich zu ihm. Ich erzählte ihm alles, wie es war, er
lief im Zimmer herum und schlug sich mit der Faust vor die Brust. >Was
macht ihr mit mir,< -- sagte er, -- >ihr Räuber? Hätte ich das gewußt,
ich würde ihn mit einer Eskorte geholt haben!< Dann lief er aus dem
Zimmer, rief jemand und begann in einer Ecke mit ihm zu sprechen, dann
kam er wieder zu mir, frug mich aus, schimpfte mich und machte auch sich
Vorwürfe. Ich teilte ihm alles mit, sagte auch, daß Sie gestern nicht
gewagt hätten, mir auf meine Worte zu antworten, und daß Sie mich nicht
erkannt hätten. Da begann er wieder herumzulaufen, sich vor die Brust zu
schlagen und zu ärgern. Als man aber Sie anmeldete, sagte er, -- >nun,
krieche hinter die Wand, sitze dort, rühr dich nicht, was du auch hören
solltest<, und brachte mir selbst einen Stuhl dorthin und schloß mich
ein; >vielleicht werde ich dich noch ausfragen<, sagte er. Als man aber
Nikolai hineingeführt hatte, ließ er mich hinaus, nachdem Sie gegangen
waren. >Ich werde noch einmal nach dir schicken,< sagte er >und werde
dich fragen ...<«

»Und hat er Nikolai in deiner Gegenwart verhört?«

»Als er Sie hinausgeleitet und mich hinausgelassen hatte, begann er
Nikolai zu verhören.«

Der Kleinbürger hielt inne und verneigte sich plötzlich noch einmal tief
und berührte wieder mit einem Finger den Boden.

»Verzeihen Sie mir die Beschuldigung und meine Bosheit.«

»Gott vergebe dir,« -- antwortete Raskolnikoff, und kaum hatte er es
gesagt, verneigte sich der Kleinbürger wieder vor ihm, aber diesmal
nicht bis zum Boden, drehte sich um und verließ das Zimmer.

»Alles hat zwei Seiten, jetzt hat alles zwei Seiten,« -- wiederholte
Raskolnikoff und ging mutiger als je aus dem Zimmer.

»Ha, jetzt wollen wir noch kämpfen!« -- sagte er mit einem bösen
Lächeln, als er die Treppe hinabstieg. Das böse Lächeln war für ihn
selbst bestimmt; er erinnerte sich seines »Kleinmutes« mit Verachtung
und Beschämung.




                              Fünfter Teil


                                   I.

Der Morgen, der auf die für Peter Petrowitsch Luschin verhängnisvolle
Erklärung mit Dunetschka und Pulcheria Alexandrowna folgte, verfehlte
seine ernüchternde Wirkung auch auf Luschin nicht. Er mußte zu seinem
größten Leidwesen allmählich das Ereignis als eine vollzogene und
unwiderrufliche Tatsache ansehen, das ihm noch gestern als Phantom, als
Unmöglichkeit erschienen war. Die schwarze Schlange der verletzten
Eigenliebe hatte die ganze Nacht an seinem Herzen genagt. Nachdem er das
Bett verlassen hatte, besah er sich sofort im Spiegel. Er fürchtete, daß
die Galle ihm übergelaufen sei. Aber es war alles vorläufig in bester
Ordnung, und als Peter Petrowitsch sein edles, weißes und in der letzten
Zeit voller gewordenes Antlitz erblickte, tröstete er sich für einen
Augenblick in der festen Überzeugung, irgendwo anders eine Braut, und
vielleicht eine noch bessere, zu finden. Er wies den Gedanken alsbald
von sich und spie energisch aus, wodurch er ein stilles, aber
sarkastisches Lächeln bei seinem jungen Freunde und Stubengenossen
Andrei Ssemenowitsch Lebesjätnikoff hervorrief. Peter Petrowitsch
bemerkte dieses Lächeln und beschloß sofort, es seinem jungen Freunde
heimzuzahlen. Es hatte sich in letzter Zeit noch mehr angesammelt. Seine
Wut vergrößerte sich, als es ihm noch bewußt wurde, daß es ganz unnötig
gewesen war, Andrei Ssemenowitsch sein gestriges Erlebnis mitzuteilen.
Das war der zweite Fehler, den er gestern im Eifer, in überflüssiger
Aufregung, in Gereiztheit gemacht hatte ... Zudem folgte nun diesen
ganzen Morgen, wie absichtlich, eine Unannehmlichkeit der anderen. Sogar
im Senate hatte er einen Mißerfolg in der Sache, die er vertrat. Ganz
besonders aber hatte ihn der Hauswirt gereizt, von dem er in Anbetracht
seiner baldigen Heirat eine Wohnung gemietet hatte und die er auf eigene
Rechnung reparieren ließ. Dieser Wirt, irgendein reichgewordener
deutscher Handwerker, weigerte sich, den soeben abgeschlossenen Vertrag
rückgängig zu machen und verlangte die volle Bezahlung der im Vertrage
genannten Entschädigungssumme, obgleich ihm Peter Petrowitsch eine
nahezu völlig renovierte Wohnung zurückgab. Ebenso wollte man auch in
dem Möbelgeschäfte keinen einzigen Rubel von der Anzahlungssumme für die
gekauften, aber noch nicht in die Wohnung geschafften Möbel zurückgeben.
»Ich kann mich doch nicht der Möbel wegen verheiraten!« -- knirschte
Peter Petrowitsch mit den Zähnen, und gleichzeitig durchfuhr ihn noch
einmal eine verzweifelte Hoffnung. -- »Ja, ist denn wirklich alles
unwiderruflich verloren und abgetan? Kann man es denn nicht noch einmal
versuchen?« Der Gedanke an Dunetschka traf verführerisch sein Herz. Es
war ihm ein Augenblick voller Qual, und hätte jetzt gleich der bloße
Wunsch Raskolnikoff töten können, Peter Petrowitsch hätte unverzüglich
diesen Wunsch geäußert.

»Mein Fehler war auch der, daß ich ihnen kein Geld gab,« -- dachte er,
als er traurig in die Stube von Lebesjätnikoff zurückkehrte, -- »und
warum bin ich, zum Kuckuck, so ein Jude geworden? Hier war es nicht
angebracht! Ich dachte sie in Not zu halten und sie so weit zu bringen,
daß sie mich als ihre Vorsehung betrachten müßten, und es kam so anders
... Pfui! ... Nein, ich hätte ihnen während dieser Zeit, sagen wir,
anderthalbtausend zur Aussteuer geben müssen, allerhand Geschenke,
Nähkästchen, Necessaires, Stoffe und anderen Schund, und die Sache war
gut, war sicher! Man hätte mir nicht so leicht absagen können! Sie
gehören zu den Leuten, die es unbedingt für ihre Pflicht gehalten
hätten, im Falle einer Aufhebung der Verlobung die Geschenke und das
Geld zurückzugeben; und das würde ihnen schwer gefallen sein und hätte
ihnen leid getan! Auch das Gewissen würde sie geplagt haben; wie kann
man, hätten sie sich gesagt, plötzlich einen Menschen verjagen, der bis
jetzt so freigebig und zartfühlend war? ... Ich habe einen schweren
Fehler begangen!« Peter Petrowitsch knirschte mit den Zähnen und nannte
sich einen Dummkopf, -- selbstverständlich nur bei sich. Als er zu
dieser Folgerung gekommen war, kehrte er noch wütender und gereizter
nach Hause zurück, als er fortgegangen war. Die Vorbereitungen für das
Essen in Katerina Iwanownas Zimmer zum Angedenken an den Verstorbenen
nahmen teilweise seine Neugier in Anspruch. Er hatte schon gestern
einiges über dieses Essen gehört; es schwebte ihm selbst vor, als hätte
man auch ihn eingeladen; allein bei seinen eigenen Sorgen hatte er all
dem keine Beachtung geschenkt. Er beeilte sich, sich bei Frau
Lippewechsel näher zu erkundigen, die während der Anwesenheit Katerina
Iwanownas auf dem Friedhofe für das Arrangement sorgte, und erfuhr, daß
das Gedächtnismahl feierlich sein würde. Fast alle Mitbewohner, sogar
auch solche, die der Verstorbene nicht gekannt hatte, waren eingeladen;
Andrei Ssemenowitsch Lebesjätnikoff war auch, ungeachtet seines
kürzlichen Streites mit Katerina Iwanowna, eingeladen. Auch er selbst,
Peter Petrowitsch, sei geladen und würde mit großer Ungeduld erwartet,
weil er der vornehmste Gast von allen sei. Amalie Iwanowna war
ebenfalls, trotz aller vorgefallenen Unannehmlichkeiten, mit großer Ehre
eingeladen, und mühte sich jetzt selbst ab, um alle häuslichen
Anordnungen zu treffen; sie fühlte sich sehr wichtig dabei, sie war
festlich geputzt, wennschon in Trauer, sie hatte ein ganz neues seidenes
Kleid an und war nicht wenig stolz darauf. Alle diese Tatsachen und
Mitteilungen brachten Peter Petrowitsch auf einen Gedanken; etwas
nachdenklich ging er in sein, das heißt in Andrei Ssemenowitsch
Lebesjätnikoffs Zimmer. Unter anderem hatte er erfahren, daß unter den
Eingeladenen auch Raskolnikoff sei.

Andrei Ssemenowitsch blieb diesen ganzen Morgen aus einem bestimmten
Grunde zu Hause. Zwischen diesem Herrn und Peter Petrowitsch herrschten
eigentümliche, teilweise auch natürliche Beziehungen, -- Peter
Petrowitsch verachtete und haßte ihn von dem Tage an, als er sich bei
ihm einquartierte, über alle Maßen, gleichzeitig ihn ein wenig
fürchtend. Er war bei ihm nach seiner Ankunft in Petersburg nicht bloß
aus übertriebener Sparsamkeit abgestiegen; obwohl dies wohl der
Hauptgrund war, gab es noch eine andere Ursache. Schon in der Provinz
hatte er von Andrei Ssemenowitsch, seinem früheren Zögling, gehört, als
einem der ersten jungen Progressisten, der sogar eine bedeutende Rolle
in gewissen interessanten und vielbesprochenen Kreisen spiele. Das
überraschte Peter Petrowitsch. Diese mächtigen, alles wissenden, alles
verachtenden und alle entlarvenden Kreise jagten schon lange Peter
Petrowitsch einen besonderen, wenn auch ganz unbestimmten Schrecken ein.
Er selbst konnte sich, zumal er in der Provinz lebte, in keiner Weise
einen annähernd genauen Begriff davon machen. Er hatte, wie viele
andere, gehört, daß es besonders in Petersburg Progressisten,
Nihilisten, Enthüller und dergleichen mehr gebe, aber er übertrieb
gleich vielen, und verdrehte den Sinn und die Bedeutung dieser
Benennungen bis ins Absurde. Am meisten fürchtete er, schon seit einigen
Jahren, _Enthüllungen_, und dies war die hauptsächliche Ursache seiner
beständigen übertriebenen Unruhe, besonders wenn er daran dachte, seine
Tätigkeit nach Petersburg zu verlegen. In dieser Hinsicht war er, wie
man sagt, _verschreckt_, wie zuweilen kleine Kinder verschreckt sind.
Vor einigen Jahren in der Provinz, als er eben seine Laufbahn begonnen
hatte, erlebte er zwei Fälle schlimmer Enthüllungen für zwei ziemlich
bedeutende Persönlichkeiten der Gouvernementsbehörde, zu denen er sich
bis dahin gehalten und die ihn protegierten. Der eine Fall endete für
den Kompromittierten mit besonderem Eklat, der zweite wäre fast noch
schlimmer abgelaufen. Aus diesem Grunde hatte Peter Petrowitsch
beschlossen, sich sofort nach der Ankunft in Petersburg zu erkundigen,
wie die Sache eigentlich sei, und falls nötig, vorzubeugen und sich bei
»unserer jungen Generation« einzuschmeicheln. Dabei rechnete er auf
Andrei Ssemenowitsch, und er hatte schon gelernt, wie beim Besuche
Raskolnikoffs, bestimmte Phrasen aus fremder Quelle wiederzugeben ...

Gewiß, es gelang ihm bald, Andrei Ssemenowitsch als einen
außerordentlich flachen, einfältigen und unbedeutenden Menschen zu
erkennen. Dies hatte aber keineswegs den Glauben Peter Petrowitschs
erschüttert oder ihn sicherer gemacht. Selbst wenn er sich überzeugt
hätte, daß alle Progressisten eben solche Dummköpfe wären, auch dann
würde sich seine Unruhe nicht gelegt haben. Alle Lehren, Gedanken,
Systeme, mit denen Andrei Ssemenowitsch sich sofort auf ihn gestürzt
hatte, interessierten ihn ganz und gar nicht. Er hatte sein eigenes
Ziel. Er wollte bloß schnell, unverzüglich erfahren, was _hier_ vorginge
und wie? Hatten _diese Leute_ einen Einfluß oder nicht? Würden sie ihn
kompromittieren, wenn er dies oder jenes unternähme, oder nicht? Und
wenn sie einen kompromittierten, fragt es sich, was würden sie dabei im
Auge haben? Worauf richteten sich jetzt eigentlich die Enthüllungen? Und
weiter, -- konnte man sich nicht ihnen in irgendeiner Weise anschließen
und sie irreführen, wenn sie tatsächlich Einfluß haben sollten? Sollte
man es tun oder nicht? Könnte man nicht, zum Beispiel, durch ihre
Vermittlung seine Karriere fördern? Mit einem Worte, es standen hunderte
von Fragen vor ihm.

Andrei Ssemenowitsch war ein kraftloser und skrophulöser Mann von
kleinem Wuchse, der bei irgend jemand bedienstet war; er war auffallend
blond und hatte einen Kotelettenbart, auf den er sehr stolz war. Seine
Augen waren fast immer entzündet. Er hatte ein ziemlich weiches Herz, in
seinen Reden lag etwas sehr Selbstbewußtes, ja zuweilen etwas
außerordentlich Herausforderndes -- was im Vergleiche zu seiner kleinen
Gestalt fast stets lächerlich wirkte. Amalie Iwanowna rechnete auch ihn
zu ihren angesehensten Mietern, da er nicht trank und sein Zimmer
pünktlich bezahlte. Alles in allem war Andrei Ssemenowitsch wirklich
etwas dumm. Er hatte sich den Progressisten und »unserer jungen
Generation« leidenschaftlich zugesellt. Es war einer aus der bunt
zusammengesetzten Legion flacher Menschen, verfehlter Existenzen und
Halbgebildeten, die nichts ordentliches gelernt hatten, die sich an die
modernste gangbarste Idee heranmachen, um sie sofort zu verflachen und
um alles in einem Nu zu verzerren, auch wenn sie selbst in der
aufrichtigsten Weise ihr dienen.

Übrigens konnte Lebesjätnikoff, ungeachtet seiner Gutmütigkeit, seinen
Stubengenossen und früheren Vormund Peter Petrowitsch nicht leiden. Es
kam das wie von ungefähr und beruhte auf Gegenseitigkeit. Trotz seiner
Beschränktheit begann Andrei Ssemenowitsch allmählich zu merken, daß ihn
Peter Petrowitsch beschwindelte und im geheimen verachtete, und daß er
nicht der »Rechte« war. Er versuchte, ihm Fouriers System und Darwins
Theorie darzulegen, aber Peter Petrowitsch begann, besonders in der
letzten Zeit, sarkastisch zuzuhören und sogar zu schelten. Peter
Petrowitsch fühlte instinktiv heraus, daß Lebesjätnikoff nicht bloß ein
flacher und ziemlich beschränkter Mensch, sondern auch ein Prahlhans
sei, und daß er keine bedeutenden Verbindungen in seinem eigenen Kreise
hatte, sondern sich nur mit fremden Federn schmückte; mehr noch, -- daß
er nicht mal seine eigene Sache, _die Propaganda_, ordentlich verstand,
weil er zu konfus redete, und ein solcher konnte doch kein Ankläger
sein! Nebenbei wollen wir noch bemerken, daß Peter Petrowitsch in diesen
anderthalb Wochen, besonders aber im Anfange, sehr gern die
merkwürdigsten Absichten von Andrei Ssemenowitsch sich beilegen ließ,
das heißt, er wies sie nicht zurück und erwiderte auch nichts, z. B.,
wenn Andrei Ssemenowitsch ihm die Bereitwilligkeit zuschrieb, die
künftige und baldige Gründung einer neuen »_Kommune_« irgendwo in der
nächsten Nähe zu fördern, oder z. B. Dunetschka nicht hinderlich zu
sein, wenn es ihr im ersten Monate nach der Hochzeit einfallen sollte,
sich einen Geliebten anzuschaffen, oder auch seine künftigen Kinder
nicht taufen zu lassen und dergleichen mehr. Peter Petrowitsch
widersprach nicht, seiner Gewohnheit nach, wenn ihm diese Eigenschaften
zugeschrieben wurden, und ließ es zu, daß man ihn dafür lobte, -- so
angenehm war ihm jedes Lob.

Peter Petrowitsch, der an diesem Morgen einige fünfprozentige
Staatspapiere gewechselt hatte, saß am Tische und zählte das Papiergeld
und die Kupons nach. Andrei Ssemenowitsch, der fast nie Geld hatte, ging
im Zimmer auf und ab und gab sich den Anschein, als betrachte er diesen
Haufen Geld gleichgültig und geringschätzig. Peter Petrowitsch konnte um
nichts in der Welt glauben, daß Andrei Ssemenowitsch so viel Geld
gleichgültig war, und jener wiederum dachte voll Bitterkeit, daß Peter
Petrowitsch wirklich fähig sei, in dieser Weise von ihm zu denken, und
sich möglicherweise freue, ihn, seinen jungen Freund, mit den
aufgebauten Päckchen von Papiergeld zu reizen und zu verhöhnen, indem er
ihn an seine Unbedeutendheit und den zwischen ihnen bestehenden Abstand
erinnerte.

Andrei Ssemenowitsch fand ihn heute ungewöhnlich gereizt und
unaufmerksam, trotzdem er ihm sein Lieblingsthema über die Errichtung
einer neuen eigenartigen »Kommune« auseinandergesetzt hatte. Die kurzen
Erwiderungen und Bemerkungen, die Peter Petrowitsch inmitten seiner
Berechnungen machte, zeugten von einer sehr deutlichen und beabsichtigt
spöttischen Unhöflichkeit. Aber der »humane« Andrei Ssemenowitsch
schrieb die Stimmung von Peter Petrowitsch dem gestrigen Bruche mit
Dunetschka zu und brannte vor Verlangen, schneller dieses Thema zu
berühren, -- er hätte etwas Fortschrittliches und Propagandistisches für
ihn, was seinen ehrenwerten Freund trösten und »sicher« seiner weiteren
Entwicklung von Nutzen sein müßte.

»Was ist das für ein Gedächtnismahl, das diese ... die Witwe da
arrangiert?« -- fragte plötzlich Peter Petrowitsch, Andrei Ssemenowitsch
bei der interessantesten Stelle unterbrechend.

»Als ob Sie das nicht selbst wüßten; ich habe doch gestern mit Ihnen
über dieses Thema gesprochen und Ihnen meine Gedanken über all diese
Gebräuche entwickelt ... Sie hat Sie ja auch eingeladen, ich habe es
gehört, als Sie gestern selbst mit ihr sprachen ...«

»Ich hätte keineswegs erwartet, daß diese bettelarme, dumme Person all
das Geld zu einem Gedächtnismahl verplempern wird, das sie von diesem
andern Dummkopf ... Raskolnikoff erhalten hat. Ich war erstaunt, als ich
beim Durchgehen sah, -- was für Vorbereitungen gemacht sind ... Wein ist
aufgestellt! ... Es sind allerhand Menschen geladen, -- weiß der Teufel,
was das bedeuten soll!« -- fuhr Peter Petrowitsch fort, der absichtlich
dieses Gespräch anfing. -- »Was? Sie sagen, man hatte auch mich
geladen?« -- fügte er plötzlich hinzu und erhob den Kopf. -- »Wann war
denn das? Ich erinnere mich gar nicht. Ich will übrigens nicht hingehen.
Was soll ich dort? Ich habe mit ihr gestern bloß im Vorbeigehen über die
Möglichkeit gesprochen, daß sie, als die arme Witwe eines Beamten,
seinen Jahresgehalt als eine einmalige Unterstützung erhalten könnte.
Sollte sie mich deswegen vielleicht eingeladen haben? He--he!«

»Ich habe auch nicht die Absicht hinzugehen,« -- sagte Lebesjätnikoff.

»Das fehlte noch, wo Sie sie eigenhändig verprügelt haben. Das ist doch
begreiflich, Sie müßten sich schämen, he--he--he!«

»Wer hat verprügelt und wen?« -- fragte Lebesjätnikoff aufgebracht und
errötete.

»Sie, Sie haben doch Katerina Iwanowna vor einem Monat verprügelt! Ich
habe es gestern gehört ... Da haben wir die Prinzipien! ... Also die
Frauenfrage hinkt auch. He--he!«

Und Peter Petrowitsch setzte wie getröstet seine Berechnungen fort.

»Das ist alles Unsinn und Verleumdung!« -- brauste Lebesjätnikoff auf,
der ungern an diese Geschichte erinnert wurde, -- »das war gar nicht der
Fall! Es war ganz anders ... Sie haben es nicht richtig gehört; alles
ist Klatscherei! Ich habe mich damals nur verteidigt. Sie stürzte sich
zuerst auf mich ... Sie hat mir fast meinen Backenbart ausgerissen ...
ich hoffe denn doch, daß jedem Menschen erlaubt ist, seine Person zu
verteidigen. Außerdem gestatte ich niemand, mir Gewalt anzutun ... Aus
Prinzip. Denn das ist schon Despotismus. Was sollte ich denn tun, --
etwa alles ruhig mir gefallen lassen? Ich habe sie bloß zurückgestoßen
...«

»He--he--he!« kicherte Luschin boshaft weiter.

»Sie sticheln mich nur, weil Sie selbst geärgert wurden und nun böse
darüber sind ... Das ist doch Unsinn und hat gar nichts, rein gar nichts
mit der Frauenfrage zu tun! Sie haben das nicht richtig aufgefaßt; ich
denke sogar, wenn man annimmt, daß die Frau in allem dem Manne gleich
sei, selbst in der physischen Kraft, wie man schon behauptet, so muß
hier erst recht Gleichheit herrschen. Gewiß, ich habe es mir nachher
überlegt, daß es so eine Frage überhaupt nicht geben soll, weil
Prügeleien sowieso nicht stattfinden sollen. In der künftigen
Gesellschaft wird dies undenkbar sein ... es wäre doch sonderbar, eine
Gleichberechtigung zum Prügeln anzustreben. So dumm bin ich nicht ...
obwohl Prügeleien übrigens auch vorkommen können ... ich will sagen,
nachher nicht vorkommen werden, jetzt aber noch vorkommen ... pfui! zum
Teufel! Mit Ihnen wird man ganz konfus! Ich gehe nicht zu diesem Essen,
nicht weil diese Unannehmlichkeit passiert ist, ich gehe vielmehr aus
Prinzip nicht hin, um nicht bei einem so schändlichen Brauch wie einer
Gedächtnisfeier mitzutun; ja, das ist der Grund! Man könnte eigentlich
hingehen, um sich darüber lustig zu machen ... Nur schade, daß keine
Priester da sein werden. Sonst würde ich unbedingt hingehen.«

»Mit anderen Worten: Gastliches Salz und Brot essen und gleich darauf es
ebenso beschimpfen wie die, die Sie eingeladen haben. So ist es doch
gemeint?«

»Durchaus nicht beschimpfen, nur protestieren. Ich gehe mit bester
Absicht hin. Ich kann indirekt die Entwicklung und die Propaganda
fördern. Jeder Mensch ist verpflichtet, andere zu fördern und auf sie zu
wirken, je kräftiger er es tut, desto besser ist es vielleicht. Ich kann
eine Idee bringen, einen Samen ausstreuen ... Aus diesem Samen wird eine
Tat entstehen. Womit hätte ich da gekränkt? Anfangs fühlen sie sich
vielleicht gekränkt, nachher aber werden sie selbst einsehen, daß es
ihnen nur von Nutzen war. Bei uns beschuldigte man eine Zeitlang
Terebjewa, -- dieselbe, die jetzt in der Kommune ist, -- weil sie, als
sie sich von ihrer Familie lossagte und ... sich einem hingab, ihrer
Mutter und ihrem Vater geschrieben hatte, sie wolle nicht mehr in
Vorurteilen leben und gehe eine illegale Ehe ein; man fand es
rücksichtslos, so mit den Eltern umzugehen, und meinte, sie hätte es
ihnen schonender und milder beibringen sollen. Meiner Ansicht nach ist
dies alles Unsinn, man soll gar nicht so mild sein, im Gegenteil, ganz
im Gegenteil, man soll erst recht scharf protestieren. Nehmen wir zum
Beispiel die Warentz; sie hat sieben Jahre mit ihrem Manne
zusammengelebt, hat ihn und ihre zwei Kinder verlassen und ihrem Manne
in einem Briefe die Wahrheit gesagt. -- >Ich habe eingesehen, daß ich
mit Ihnen nicht glücklich sein kann. Ich werde Ihnen nie vergeben, daß
Sie mich betrogen haben, indem Sie mir verheimlichten, daß noch eine
andere gesellschaftliche Einrichtung, nämlich die Kommune existiert. Ich
habe es vor kurzem durch einen großmütigen Mann erfahren, dem ich mich
auch hingegeben habe, und mit ihm zusammen begründe ich eine Kommune.
Ich sage Ihnen dies offen, weil ich es für ehrlos halte, Sie zu
betrügen. Tun Sie, was Sie für gut halten. Hoffen Sie nicht, mich
zurückzuerobern, es ist zu spät. Ich wünsche Ihnen alles Glück.< So muß
man schreiben!«

»Nicht wahr, diese Terebjewa ist doch die, von der Sie erzählten, daß
sie in der dritten illegalen Ehe lebe?«

»Richtig betrachtet, erst in der zweiten! Aber mag sie auch in der
vierten oder fünfzehnten Ehe leben, was ist dabei! Und wenn ich jemals
bedauerte, daß mein Vater und meine Mutter gestorben sind, so ist es
sicher jetzt der Fall. Ich habe schon ein paarmal gedacht, wie ich sie
mit meinem Protest aufrütteln würde, wenn sie noch am Leben wären! Ich
hätte absichtlich alles so eingerichtet ... Ich hätte es ihnen gezeigt!
Ich hätte sie staunen gemacht! Es ist wirklich schade, daß ich niemanden
habe!«

»Um ihn erstaunen zu machen? He--he! Nun, gut!« -- unterbrach ihn Peter
Petrowitsch, -- »sagen Sie mir lieber, Sie kennen doch die Tochter des
Verstorbenen, ein zartes, unbedeutendes Ding! Ist es wahr, was man von
ihr erzählt, hm?«

»Und was wäre dabei? Meiner Meinung, das heißt meiner persönlichen
Überzeugung nach ist es die normale Lage der Frau. Warum denn nicht? Das
heißt _distinguons_{[9]}. In der gegenwärtigen Gesellschaft gilt das
nicht als normal, weil es eine gezwungene Lage ist, in der künftigen
Gesellschaft ist sie vollkommen normal, weil sie freiwillig sein wird.
Ja, auch jetzt hatte sie das Recht dazu, -- sie litt Not und das war ihr
Fond, sozusagen ihr Kapital, über das sie vollkommenes Recht hat zu
verfügen. Selbstverständlich werden in der künftigen Gesellschaft keine
Fonds mehr nötig sein, ihre Rolle wird in anderer Hinsicht bestimmt,
harmonisch und vernünftig bedingt sein. Was Ssofja Ssemenowna persönlich
anbetrifft, so betrachte ich ihre Handlungen als einen energischen und
personifizierten Protest gegen die gesellschaftliche Einrichtung und
achte sie deswegen um so höher, ja ich freue mich ihrer Handlungsweise!«

»Man hat mir aber doch erzählt, daß gerade Sie sie gezwungen haben, von
hier auszuziehen!«

Lebesjätnikoff wurde wütend.

»Das ist wieder eine Klatscherei!« -- schrie er. -- »Die Sache verhält
sich ganz und gar nicht so! Das ist absolut nicht so gewesen! Katerina
Iwanowna hat damals alles geschwindelt, weil sie nichts davon verstanden
hat! Ich habe mich gar nicht an Ssofja Ssemenowna herangemacht! Ich habe
sie bloß gefördert, vollkommen ohne Hintergedanken, und versuchte in ihr
den Protest zu erwecken ... Mir war es bloß um den Protest zu tun, und
außerdem konnte Ssofja Ssemenowna sowieso nicht mehr hier bleiben!«

»Luden Sie sie in die Kommune ein?«

»Sie machen sich immer lustig über mich, doch ohne Erfolg, erlaube ich
mir zu bemerken. Sie verstehen gar nichts davon. Solche Rollen gibt es
in einer Kommune nicht. Darum wird gerade eine Kommune gegründet, damit
solche nicht mehr existieren sollen. In einer Kommune wird ihr Stand
sein jetziges Wesen völlig verändern, und was hier dumm ist, wird dort
vernünftig sein, was jetzt bei den gegenwärtigen Verhältnissen
unnatürlich ist, wird dort vollkommen natürlich sein. Alles hängt davon
ab, in welcher Umgebung und in welcher Gesellschaft ein Mensch lebt. Der
Mensch selbst ist nichts. Mit Ssofja Ssemenowna stehe ich noch jetzt auf
gutem Fuße, was Ihnen als Beweis dienen kann, daß sie mich nie als ihren
Feind und Beleidiger angesehen hat. Ja! Ich schlage ihr jetzt vor, in
eine Kommune einzutreten, aber auf einer ganz anderen Basis! Was
erscheint Ihnen wieder lächerlich? Wir wollen eine eigene Kommune, eine
besondere Kommune auf viel breiteren Grundlagen begründen, als alle
früheren. Wir sind in unseren Überzeugungen weiter gegangen. Wir
negieren mehr! Wenn Dobroljuboff[10] aus dem Grabe steigen würde, möchte
ich mit ihm diskutieren! Und Belinski[11] würde ich übel zurichten!
Vorläufig aber fahre ich fort, Ssofja Ssemenowna zu fördern! Sie ist
eine herrliche, herrliche Natur!«

»Nun, und Sie benutzen auch die herrliche Natur, ah? He--he!«

»Nein, nein! Oh, nein! Im Gegenteil!«

»Nun, nun im Gegenteil! He--he--he! Was Sie nicht sagen!«

»Glauben Sie mir doch! Warum soll ich es vor Ihnen verheimlichen, ich
bitte Sie? Im Gegenteil, mir erscheint es selbst merkwürdig, -- sie ist
mir gegenüber besonders ängstlich, keusch und schamhaft!«

»Und Sie fördern sie selbstverständlich ... he--he! Beweisen ihr, daß
diese ganze Schamhaftigkeit Unsinn ist? ...«

»Gott bewahre, durchaus nicht! Oh, wie gemein, wie dumm -- verzeihen Sie
es mir -- Sie das Wort >Förderung< verstehen! Nichts, rein gar nichts
verstehen Sie! Oh, mein Gott, wie Sie noch ... unreif sind! Wir
erstreben Freiheit für die Frau, und Sie haben bloß das eine im Sinn ...
Ich lasse die Frage über Keuschheit und weibliche Schamhaftigkeit
vollkommen beiseite, als Dinge, die an und für sich nutzlos und voller
Vorurteile sind, aber ich verstehe sie vollkommen und lasse ihre
Keuschheit mir gegenüber gelten, weil darin -- ihr Wille, ihr ganzes
Recht besteht. Wenn sie selbst zu mir sagen würde: -- >Ich will dich
haben<, -- könnte ich mich eines großen Erfolges rühmen, weil das
Mädchen mir sehr gefällt. Gegenwärtig behandelt sie gewiß niemand
höflicher und zuvorkommender und mit größerer Achtung ihrer Würde, als
ich ... Ich warte und hoffe -- und weiter nichts!«

»Schenken Sie ihr besser etwas. Ich wette, daß Sie daran noch nicht
gedacht haben.«

»Sie verstehen nichts, gar nichts; ich habe es Ihnen schon oft gesagt!
Gewiß, ihre Lage ist derart, aber hier ist noch eine andere Frage! Eine
ganz andere Frage! Sie verachten sie einfach. Wenn Sie eine Tatsache
sehen, die Sie irrtümlicherweise für verachtungswürdig halten,
verweigern Sie einem menschlichen Wesen eine humane Betrachtung. Sie
wissen noch gar nicht, was sie für eine Natur ist! Mir tut es nur sehr
leid, daß sie in der letzten Zeit fast gänzlich aufgehört hat zu lesen
und keine Bücher von mir mehr nimmt. Früher hat sie sich öfters Bücher
geholt. Es ist auch schade, daß sie trotz ihrer Energie und
Entschlossenheit, zu protestieren, -- die sie schon einmal bewiesen hat,
immer noch wenig Selbständigkeit, sozusagen Unabhängigkeit, wenig
Verneinung besitzt, um sich endgültig von einigen Vorurteilen und ...
Dummheiten loszureißen. Und ungeachtet dessen, daß sie manche Fragen
ausgezeichnet begreift. Sie hat z. B. glänzend die Frage über das
Handküssen verstanden, das heißt, daß der Mann das Gesetz der Gleichheit
mit der Frau überschreitet, wenn er ihr die Hand küßt. Über diese Frage
wurde bei uns debattiert und ich habe es ihr sofort mitgeteilt. Auch für
Assoziationen der Arbeiter in Frankreich zeigt sie Interesse. Jetzt
erörterte ich mit ihr die Frage des ungehinderten Zutritts in alle
Wohnungen der künftigen Gesellschaft.«

»Was ist das?«

»In letzter Zeit wurde über die Frage debattiert, ob ein Mitglied der
Kommune das Recht habe, zu jeder Zeit in das Zimmer eines anderen
Mitgliedes, sei es ein Mann oder eine Frau, eintreten darf ..., und es
wurde beschlossen, daß er das Recht dazu habe ...«

»Wenn aber der oder die in diesem Augenblicke mit einem natürlichen
Bedürfnisse beschäftigt ist, he--he!«

Andrei Ssemenowitsch wurde böse.

»Sie reden immer über dasselbe, über die verfluchten >BedürfnisseEdel<, >großmütig< -- Unsinn, Dummheiten,
alte Worte voller Vorurteile, die ich verneine! Alles, was der
Menschheit _von Nutzen_ ist, ist auch edel. Ich verstehe nur das eine
Wort, -- _nützlich_! Kichern Sie, soviel Sie wollen, es ist doch so!«

Peter Petrowitsch lachte laut. Er hatte seine Berechnungen abgeschlossen
und das Geld eingesteckt. Ein Teil davon blieb noch auf dem Tische
liegen. Die Frage »über Mistgruben« hatte schon ein paarmal, trotz ihrer
ganzen Flachheit, zur Folge gehabt, daß es zwischen Peter Petrowitsch
und seinem jungen Freunde zu Mißverständnissen und Uneinigkeiten
gekommen war. Die ganze Dummheit war, daß Andrei Ssemenowitsch sich
tatsächlich ärgerte. Luschin fand nur eine Zerstreuung darin, heute
jedoch wollte er Lebesjätnikoff ärgern.

»Sie sind wegen Ihres gestrigen Mißerfolges wütend und suchen Streit,«
-- platzte endlich Lebesjätnikoff heraus, der trotz seiner
»Unabhängigkeit« und aller seiner »Proteste« nicht wagte, Peter
Petrowitsch entgegenzutreten und noch immer aus früheren Jahren her
gewohnt war, Respekt zu beobachten.

»Sagen Sie mir lieber,« -- unterbrach ihn Peter Petrowitsch hochmütig
und ärgerlich, -- »können Sie ... oder besser gesagt, sind Sie
tatsächlich so gut mit der erwähnten jungen Person bekannt, daß Sie sie
sofort, auf einen Augenblick, in dieses Zimmer bitten können? Ich
glaube, sie sind schon alle vom Friedhofe zurückgekehrt ... Ich höre
Schritte ... Ich möchte diese Person einen Augenblick sehen.«

»Wozu denn?« fragte verwundert Lebesjätnikoff.

»Ich möchte sie sehen. Heute oder morgen verlasse ich diese Wohnung und
möchte ihr noch etwas mitteilen ... Ich bitte Sie übrigens, während der
Unterredung hier zu bleiben. Es ist besser. Sonst könnten Sie, Gott weiß
noch was, denken.«

»Ich denke mir gar nichts dabei ... Ich habe nur gefragt, und wenn Sie
etwas vorhaben, so gibt's nichts Leichteres, als sie hierher zu bitten.
Ich will sofort hingehen. Und ich will Sie, seien Sie überzeugt, nicht
stören.«

Und wirklich, nach etwa fünf Minuten kehrte Lebesjätnikoff mit
Ssonjetschka zurück. Sie trat äußerst verwundert und schüchtern ein. In
solchen Fällen war sie stets schüchtern und fürchtete neue Gesichter und
neue Bekanntschaften, schon als Kind fürchtete sie sich davor und
wieviel mehr noch jetzt ... Peter Petrowitsch begrüßte sie »freundlich
und höflich,« und mit einem Anflug von Vertraulichkeit, die bei solch
einem ehrenwerten und soliden Menschen, wie er, einem jungen und in
gewissem Sinne _interessanten_ Wesen gegenüber, seiner Meinung nach, gut
angebracht war. Er beeilte sich, sie »zu ermutigen,« und bot ihr einen
Platz ihm gegenüber am Tische an. Ssonja setzte sich hin, sah sich um,
-- sah Lebesjätnikoff an, das auf dem Tisch liegende Geld, blickte
wieder zu Peter Petrowitsch und wandte die Augen nicht mehr von ihm ab.
Lebesjätnikoff ging zur Türe, Peter Petrowitsch aber stand auf, gab
Ssonja ein Zeichen, sitzen zu bleiben und hielt Lebesjätnikoff zurück.

»Ist Raskolnikoff dort? Ist er gekommen?« fragte er ihn im Flüstertone.

»Raskolnikoff? Er ist da. Warum? Ja, er ist da ... Er ist soeben
gekommen, ich habe ihn gesehen ... Was ist mit ihm?«

»Nun, dann bitte ich Sie inständig, hier bei uns zu bleiben und mich
nicht allein mit diesem ... Fräulein zu lassen. Es ist eine ganz
unbedeutende Sache, aber man kann, weiß Gott, was daraus schließen. Ich
will nicht, daß es Raskolnikoff _dort_ erzählt ... Verstehen Sie, was
ich meine?«

»Ich verstehe, ich verstehe!« -- begriff plötzlich Lebesjätnikoff. --
»Ja, Sie haben recht ... Nach meiner persönlichen Überzeugung gehen Sie
in Ihren Befürchtungen zu weit, aber ... Sie haben dennoch recht. Bitte,
ich bleibe. Ich will mich hier ans Fenster stellen und will Sie nicht
stören ... Meiner Ansicht nach haben Sie recht ...«

Peter Petrowitsch kehrte zum Sofa zurück, setzte sich Ssonja gegenüber,
blickte sie aufmerksam an und gab sich ein außergewöhnlich solides und
sogar ein wenig strenges Aussehen, als möchte er dadurch sagen, -- »du
sollst dir nichts dabei denken, Verehrteste.« Ssonja wurde ganz
verlegen.

»Zuerst bitte ich Sie, Ssofja Ssemenowna, mich bei Ihrer verehrten Frau
Mutter zu entschuldigen ... Es ist doch richtig? Katerina Iwanowna nimmt
die Stelle einer Mutter bei Ihnen ein?« -- begann er sehr würdevoll und
ziemlich freundlich.

Man merkte, daß er die freundschaftlichsten Absichten hatte.

»Ja, sie vertritt mir die Mutter,« -- antwortete Ssonja hastig und
ängstlich.

»Nun, also entschuldigen Sie mich bei ihr, daß ich durch
unvorhergesehene Umstände gezwungen bin, abzusagen und zu dem Essen
nicht erscheinen kann, trotz der angenehmen Einladung Ihrer Frau
Mutter.«

»Ich will es sagen; ihr sofort sagen,« -- und Ssonjetschka sprang hastig
vom Stuhle auf.

»Das ist _noch_ nicht alles,« -- hielt sie Peter Petrowitsch zurück und
lächelte über ihre Einfalt und Unkenntnis von Anstand, -- »Sie kennen
mich wenig, liebe Ssofja Ssemenowna, wenn Sie meinen, daß ich wegen
dieser unbedeutenden, mich allein angehenden Ursache jemanden wie Sie
persönlich bemüht und gebeten hätte, zu mir zu kommen. Ich habe noch ein
anderes Anliegen.«

Ssonja setzte sich wieder hastig hin. Die bunten Banknoten, die auf dem
Tische lagen, flimmerten wieder vor ihren Augen, sie wandte schnell ihr
Gesicht von ihnen ab und erhob die Augen zu Peter Petrowitsch; es kam
ihr auf einmal höchst unanständig vor, besonders weil _sie_ es war,
fremdes Geld anzublicken. Sie heftete ihren Blick auf den goldenen
Kneifer in der linken Hand Peter Petrowitschs, und auf den großen,
massiven, wertvollen Ring mit einem gelben Stein an seinem Mittelfinger,
-- aber schnell wandte sie die Augen auch davon ab, und da sie nicht
wußte, wohin sie sehen sollte, blickte sie wieder Peter Petrowitsch
unverwandt ins Gesicht. Nachdem er noch würdevoller, als vorhin, eine
Weile geschwiegen hatte, fuhr er fort:

»Es traf sich, daß ich gestern im Vorübergehen einige Worte mit der
unglücklichen Katerina Iwanowna wechselte. Ein paar Worte genügten, um
zu erfahren, daß sie sich in einem -- unnatürlichen Zustande befindet,
-- wenn man sich so ausdrücken kann ...«

»Ja ... in einem unnatürlichen,« -- pflichtete Ssonja hastig ihm bei.

»Oder einfacher und verständlicher gesagt, -- in einem kranken
Zustande.«

»Ja, einfacher und verständ... ja, sie ist krank.«

»Nicht wahr, das stimmt. Aus dem Gefühle der Humanität, und ... und
sozusagen, des Mitleides möchte ich meinerseits, ihr unvermeidliches und
unglückliches Schicksal voraussehend, irgendwie ihr nützlich sein. Es
scheint mir, daß die ganze arme Familie jetzt auf Ihnen allein lastet.«

»Erlauben Sie mir zu fragen,« -- stand Ssonja plötzlich auf, -- »was
haben Sie ihr gestern von der Möglichkeit einer Pension gesagt? Sie
sagte mir, daß Sie es übernommen hätten, ihr eine Pension zu bewirken.
Ist das wahr?«

»Keineswegs, und sogar in gewisser Beziehung ein Unsinn. Ich habe nur
von einer einmaligen Unterstützung, als der Witwe eines im Dienste
gestorbenen Beamten, erwähnt, -- wenn Protektion da sei, -- aber wie mir
scheint, hat Ihr verstorbener Vater nicht nur die gesetzliche Frist
nicht ausgedient, sondern hatte in der letzten Zeit gar nicht im
staatlichen Dienste gestanden. Mit einem Worte, es konnte Hoffnung, wenn
auch eine ziemlich zweifelhafte, da sein, denn im Grunde genommen, gibt
es in diesem Falle keine Rechte auf eine Unterstützung, sondern im
Gegenteil ... So, sie dachte schon an eine Pension, he--he--he! Eine
flinke Dame!«

»Ja, an eine Pension ... Sie ist leichtgläubig und gut, und aus Güte
glaubt sie alles und ... und ... sie hat so einen Verstand ... Ja ...
entschuldigen Sie,« -- sagte Ssonja und stand wieder auf, um
fortzugehen.

»Erlauben Sie, Sie haben mich nicht zu Ende gehört.«

»Ja, ich habe nicht zu Ende gehört,« -- murmelte Ssonja.

»Also, setzen Sie sich.«

Ssonja wurde furchtbar verlegen und setzte sich, zum dritten Male.

»Nachdem ich ihre Lage mit den unglücklichen kleinen Kindern sehe,
möchte ich, -- wie ich schon gesagt habe -- irgendwie nach meinen
Kräften nützlich sein, das heißt, was man nach Kräften nennt, nicht
mehr. Man könnte zum Beispiel eine Sammlung veranstalten oder sozusagen
eine Verlosung ... oder etwas dieser Art, -- wie es auch stets in
ähnlichen Fällen von den Nächststehenden oder auch Fremden, überhaupt
von Menschen, die helfen möchten, arrangiert wird. Darüber hatte ich die
Absicht, mit Ihnen zu reden. Man könnte es tun.«

»Ja, es wäre gut ... Gott wird Sie dafür ...« stammelte Ssonja und
blickte Peter Petrowitsch unverwandt an.

»Man könnte es, aber ... darüber können wir nachher ... das heißt, man
könnte gleich heute den Anfang machen. Wir wollen uns noch einmal am
Abend sehen, es besprechen und sozusagen die Grundlagen festsetzen.
Kommen Sie so gegen sieben Uhr zu mir. Ich hoffe, daß Andrei
Ssemenowitsch sich daran beteiligen wird ... Aber ... hier gibt es einen
Umstand, der vorher und genau erwähnt werden muß. Deshalb habe ich Sie,
Ssofja Ssemenowna, auch hierher bemüht. Meine Ansicht geht nämlich
dahin, daß man Katerina Iwanowna selbst kein Geld in die Hände geben
darf, ja daß es gefährlich ist; der Beweis dafür liegt in dem heutigen
Gedächtnismahl. Ohne eine trockene Rinde Brot zu morgen und ... Stiefel,
und andere nötigen Dinge zu haben, -- wird heute Rum und Madeira und ...
Kaffee eingekauft. Ich habe es im Vorbeigehen gesehen. Morgen hängt
wieder alles bis auf das letzte Stück Brot an Ihnen, und das ist
unsinnig. Darum muß die Sammlung nach meiner persönlichen Ansicht so vor
sich gehen, daß die unglückliche Witwe von dem Gelde nichts wissen darf,
nur Sie allein würden es zu wissen bekommen. Ist das nicht richtiger?«

»Ich weiß es nicht. Sie ist nur heute so ... nur einmal im Leben ... sie
wollte so gern sein Gedächtnis feiern, ihm die Ehre erweisen ... Sie ist
sonst sehr klug. Aber, wie Sie wollen, und ich werde Ihnen sehr, sehr,
sehr ... und sie werden Ihnen sehr ... Gott wird Ihnen ... und die
Waisen ...«

Ssonja sprach nicht zu Ende und weinte.

»So. Nun, also behalten Sie es im Auge, jetzt aber belieben Sie zur
Unterstützung Ihrer Verwandten fürs erste eine meinen Kräften
angemessene Summe von mir entgegenzunehmen. Ich möchte ausdrücklich
wünschen, daß mein Name dabei nicht genannt wird. Bitte ... da ich
sozusagen selbst Sorgen habe, bin ich nicht imstande, mehr ...«

Und Peter Petrowitsch streckte Ssonja einen Zehnrubelschein entgegen,
wobei er ihn peinlich aufrollte. Ssonja nahm den Schein in Empfang,
errötete, sprang auf, murmelte etwas und begann sich eilig zu
verabschieden. Peter Petrowitsch begleitete sie feierlich bis zur Türe.
Sie sprang aus dem Zimmer, ganz erregt und abgequält und kehrte zu
Katerina Iwanowna in größter Verlegenheit zurück.

Während dieses Vorganges stand Andrei Ssemenowitsch bald am Fenster,
bald ging er im Zimmer herum und wollte das Gespräch nicht unterbrechen.
Als Ssonja fortgegangen war, trat er auf Peter Petrowitsch zu und
reichte ihm feierlich die Hand.

»Ich habe alles gehört und alles _gesehen_,« sagte er und betonte
besonders das letzte Wort. »Das ist edel, das heißt, ich wollte sagen,
human! Sie wollten keinen Dank, ich habe es gesehen! Und obwohl ich,
offen gestanden, prinzipiell mit der privaten Wohltätigkeit nicht
sympathisieren kann, weil sie nicht bloß das Übel nicht vertilgt,
sondern es nur noch mehr stärkt, muß ich gestehn, daß ich Ihre Handlung
mit Vergnügen gesehen habe, -- ja, ja, mir gefällt es.«

»Oh, das ist Unsinn!« murmelte Peter Petrowitsch ein wenig erregt und
blickte aufmerksam Lebesjätnikoff an.

»Nein, es ist kein Unsinn! Ein Mann, der wie Sie durch den gestrigen
Vorfall beleidigt und geärgert ist, und gleichzeitig fähig ist, an das
Unglück von anderen zu denken, -- ein solcher Mensch ist ... obwohl er
durch seine Handlungen einen sozialen Fehler begeht, -- dennoch ... der
Achtung würdig! Ich habe es sogar von Ihnen, Peter Petrowitsch, nicht
erwartet, um so mehr, nach Ihren Begriffen ... oh, wie Ihre Begriffe
Ihnen noch hinderlich sind! Wie Sie, zum Beispiel, dieser gestrige
Mißerfolg aufregt!« rief der gute kleine Andrei Ssemenowitsch aus und
fühlte wieder eine stärkere Sympathie für Peter Petrowitsch, »und wozu,
wozu brauchen Sie unbedingt diese Ehe, diese _gesetzliche_ Ehe, lieber,
edler Peter Petrowitsch? Warum brauchen Sie unbedingt diese
_Gesetzlichkeit_ in der Ehe? Nun, wenn Sie wollen, schlagen Sie mich,
aber ich freue mich, freue mich, daß diese Ehe nicht zustande gekommen
ist, daß Sie frei sind, daß Sie noch nicht ganz für die Menschheit
verloren sind, ich freue mich ... So, jetzt habe ich mich
ausgesprochen!«

»Weil ich in Ihrer illegalen Ehe keine Hörner tragen und fremde Kinder
züchten will, aus diesem Grunde brauche ich die gesetzliche Ehe,« sagte
Luschin, nur um etwas zu sagen.

Er war besonders besorgt und nachdenklich.

»Kinder? Sie sagen Kinder?« fuhr Andrei Ssemenowitsch auf wie ein
Kampfroß, das das Signal gehört hatte, »Kinder -- das ist eine soziale
Frage und eine Frage von größter Wichtigkeit, das gebe ich zu, aber die
Kinderfrage wird sich anders lösen. Einige verwerfen vollkommen die
Kinder, wie alles, was mit Familie zu tun hat. Wir wollen über die
Kinder nachher reden und wollen uns jetzt mit den Hörnern beschäftigen.
Ich muß Ihnen gestehen, daß das mein schwacher Punkt ist. Dieser üble
Husarenausdruck, der Ausdruck eines Puschkins ist im künftigen Lexikon
undenkbar. Ja, und was sind Hörner? Oh, welch eine Verirrung! Was für
Hörner? Wozu Hörner? Welch ein Unsinn! Im Gegenteil, in der illegalen
Ehe können sie gar nicht existieren! Die Hörner sind nur die natürliche
Folge jeder gesetzlichen Ehe, sozusagen, ihre Korrektur, ein Protest, so
daß sie in diesem Sinne keineswegs erniedrigend sind ... Und wenn ich
irgendwann, -- diesen Unsinn einmal angenommen, -- gesetzlich
verheiratet sein sollte, so würde ich mich sogar über diese verfluchten
Hörner freuen; ich würde dann meiner Frau sagen, -- >mein Freund, ich
habe dich bis jetzt bloß geliebt, jetzt aber achte ich dich auch, weil
du verstanden hast, zu protestieren!< Sie lachen! Das kommt davon, weil
Sie nicht imstande sind, sich von den Vorurteilen loszureißen! Zum
Teufel, ich begreife doch, worin gerade die Unannehmlichkeit besteht,
wenn man in gesetzlicher Ehe betrogen wird, -- aber das ist doch bloß
eine niederträchtige Folge einer niederträchtigen Tatsache, wo beide
Teile erniedrigt sind. Wenn aber die Hörner einem offen aufgesetzt
werden, wie in der illegalen Ehe, dann existieren sie nicht mehr, sie
sind undenkbar und verlieren sogar die Benennung Hörner. Im Gegenteil,
Ihre Frau wird Ihnen bloß beweisen, wie sie Sie schätzt, indem sie Sie
für unfähig hält, ihrem Glücke im Wege zu sein und Sie für so reif
betrachtet, daß Sie wegen ihres neuen Mannes an ihr keine Rache nehmen
werden. Zum Teufel, ich träume zuweilen, daß, wenn ich mich verheiraten
würde, pfui! wenn ich heiraten würde, -- ob illegal, ob gesetzlich, das
ist einerlei, -- würde ich selbst zu meiner Frau einen Liebhaber
bringen, wenn sie sich noch keinen angeschafft hätte, und würde ihr
sagen, -- >mein Freund, ich liebe dich, aber ich wünsche auch, daß du
mich achtest, -- bitte, hier hast du ihn!< Ist das nicht das Richtige?«

Peter Petrowitsch hörte zu und lachte, aber ohne besondere Begeisterung.
Er hörte fast nicht zu. Er überlegte sich etwas ganz anderes, und
Lebesjätnikoff merkte es auch schließlich. Peter Petrowitsch war
aufgeregt, rieb sich die Hände und dachte nach. Das alles kam Andrei
Ssemenowitsch später erst zum Bewußtsein.


                                  II.

Es würde schwer fallen, genau die Gründe anzuführen, aus welchen die
Idee dieses sinnlosen Gedächtnismahles in dem verstörten Gehirn von
Katerina Iwanowna entstanden war. Es waren beinahe zehn Rubel von dem
Gelde daraufgegangen, das ihr Raskolnikoff eigentlich zur Beerdigung
Marmeladoffs gegeben hatte. Vielleicht hielt sich Katerina Iwanowna dem
Verstorbenen gegenüber verpflichtet, sein Andenken »wie es sich gehört«
zu ehren, damit alle Mitbewohner und besonders Amalie Iwanowna wissen
sollten, daß er »nicht nur gar nicht schlechter als sie, vielleicht weit
besser war,« und daß niemand von ihnen das Recht hatte, sich über ihn zu
stellen. Vielleicht hatte hierzu jener besondere _Stolz der Armen_ am
meisten beigetragen, aus dem viele bei gewissen gesellschaftlichen
Gebräuchen, die, wie es einmal ist, für alle und jeden verbindlich sind,
ihre letzten Kräfte anspannen und die letzten Spargroschen ausgeben, um
bloß »nicht schlechter, als andere« zu sein, und damit die anderen nicht
darüber »reden« können. Es war auch sehr möglich, daß Katerina Iwanowna
das Verlangen hatte, gerade in diesem Falle, namentlich in dem
Augenblicke, wo sie scheinbar von aller Welt verlassen war, allen diesen
»unbedeutenden und schlimmen Mietern« zu zeigen, daß sie nicht nur
Lebensart hatte und sich auf Empfänge verstand, sondern daß sie gar
nicht zu solch einem Lose bestimmt war, daß sie »in einem feinen, ja in
dem aristokratischen Hause eines Obersten« erzogen war, und daß sie
durchaus nicht dazu erzogen war, die Diele selbst zu fegen und des
Nachts Kinderlumpen zu waschen. Diese Anfälle von Stolz und Eitelkeit
suchen zuweilen die ärmlichsten und unterdrücktesten Menschen heim und
verwandeln sich oft bei ihnen in ein gereiztes, unüberwindliches
Bedürfnis. Katerina Iwanowna gehörte eigentlich nicht zu den
Unterdrückten, man konnte sie durch Umstände töten, aber sie moralisch
_unterdrücken_, das heißt, sie einschüchtern und ihren Willen
unterwerfen, -- konnte man nicht. Außerdem sagte Ssonjetschka mit gutem
Grunde, daß ihr Verstand verstört sei. Man konnte es freilich nicht
positiv und endgültig sagen, doch in letzter Zeit, in dem letzten Jahre,
wurde ihr armer Kopf zu stark gequält, als daß er nicht zum Teil
gelitten hätte. Und eine stark fortgeschrittene Schwindsucht trägt auch,
wie die Ärzte sagen, zu einer Geistesstörung bei.

_Weine_ in Mehrzahl und verschiedene Sorten gab es freilich nicht,
ebenso fehlte auch _Madeira_, -- das war übertrieben, Wein war aber da.
Es gab Branntwein, Rum und Lissaboner, alles von der schlechtesten
Sorte, aber in genügender Menge. Von Speisen waren außer Kutje drei oder
vier Gerichte vorhanden, alles aus der Küche von Amalie Iwanowna, dazu
wurden zwei Samowars aufgestellt für Tee und Punsch, die nach dem Essen
gereicht werden sollten. Katerina Iwanowna hatte alles selbst
eingekauft, als Hilfe hatte sie einen Mieter mitgehabt, einen kläglichen
Polen, der weiß Gott warum bei Frau Lippewechsel wohnte. Er hatte sich
sofort zu Katerina Iwanownas Verfügung gestellt, lief den ganzen
gestrigen Tag und den ganzen heutigen Morgen Hals über Kopf und mit
heraushängender Zunge herum und war besonders bemüht, daß man dies auch
bemerken solle. Wegen jeder Kleinigkeit kam er zu Katerina Iwanowna
gelaufen, war ihr sogar in die Kaufläden nachgegangen, nannte sie
fortwährend »Pani Chorunschina« und wurde ihr zuletzt bis zum Überdrusse
langweilig, obwohl sie zuerst behauptet hatte, daß sie ohne diesen
»bereitwilligen und großmütigen« Menschen vollkommen verloren wäre.
Katerina Iwanowna hatte die Eigenschaft in ihrem Charakter, den ersten
Besten, der ihr in den Weg lief, mit den hellsten und schönsten Farben
zu schmücken, ihn so zu loben, daß mancher sich schämte, allerhand
Umstände, die gar nicht existierten, zu seinem Preise zu erfinden,
selbst daran vollkommen aufrichtig und ehrlich zu glauben, und dann
plötzlich, mit einem Male, sich enttäuscht zu fühlen, alles abzubrechen,
den Menschen zu beschimpfen und hinauszuschmeißen, den sie noch vor
einigen Stunden buchstäblich angebetet hatte. Von Natur aus hatte sie
einen heiteren, fröhlichen und friedfertigen Charakter, infolge des
ununterbrochenen Unglücks und Mißerfolges begann sie geradezu _rasend_
zu wünschen und zu verlangen, daß alle in Frieden und Freude leben
sollten und anders _nicht leben dürfen_, und der geringste Mißklang im
Leben, die allerkleinsten Mißerfolge brachten sie sofort in Wut, und sie
fing an, unmittelbar nach den stärksten Hoffnungen und Phantasien ihr
Schicksal zu verfluchen, alles, was ihr unter die Hände geriet, zu
zerreißen und fortzuwerfen und mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen.
Amalie Iwanowna hatte plötzlich in Katerina Iwanownas Augen eine
ungewöhnliche Bedeutung und außergewöhnliche Achtung errungen,
vielleicht einzig aus dem Grunde, weil dieses Gedächtnismahl vorbereitet
wurde und weil Amalie Iwanowna von ganzem Herzen bereit war, an allen
Besorgungen teilzunehmen. Sie hatte es übernommen, den Tisch zu decken,
die Wäsche, das Geschirr und alles übrige herzugeben und in ihrer Küche
das Essen zuzubereiten. Katerina Iwanowna überließ ihr alles und ging
auf den Friedhof. Und wirklich war alles aufs beste hergerichtet, -- der
Tisch war ziemlich reinlich gedeckt, das Geschirr, Gabeln, Messer,
Gläser, Weingläser, Tassen -- all dieses paßte nicht zusammen, war von
den verschiedenen Mietern zusammengeborgt, aber alles stand zur
bestimmten Stunde auf seinem Platze, und Amalie Iwanowna, im Vollgefühle
ihrer gut besorgten Aufgabe, begrüßte die Zurückkehrenden mit einem
gewissen Stolze; sie war sehr geputzt in einer Haube mit neuen
Trauerbändern und im schwarzen Kleide. Dieser Stolz, obwohl berechtigt,
mißfiel aus irgendeinem Grunde Katerina Iwanowna, »als hätte man in der
Tat ohne Amalie Iwanowna nicht verstanden, den Tisch zu decken«! Auch
die Haube mit den neuen Bändern erregte ihr Mißfallen, --
»möglicherweise ist diese dumme Deutsche noch darauf stolz, daß sie die
Wirtin ist und sich aus Gnade bereit erklärt hat, den armen Mietern zu
helfen? Aus Gnade? Bitte sehr! Bei Katerina Iwanownas Papa, der Oberst
und beinahe Gouverneur war, wurde zuweilen der Tisch für vierzig
Personen gedeckt, so daß irgend eine Amalie Iwanowna oder besser gesagt
Ludwigowna, dort nicht mal in die Küche zugelassen worden wäre ...«
Katerina Iwanowna beschloß aber, ihre Gefühle nicht vor der Zeit zu
äußern, obgleich sie sich im Herzen fest vorgenommen hatte, Amalie
Iwanowna heute noch unbedingt abzutrumpfen und sie an ihren richtigen
Platz zu erinnern, sonst würde die sich Gott weiß was einbilden;
vorläufig behandelte sie sie bloß kalt. Eine andere Unannehmlichkeit
hatte auch teilweise zu der Gereiztheit von Katerina Iwanowna
beigetragen, -- zu der Beerdigung war, außer dem Polen, von den
Geladenen fast niemand erschienen, der aber hatte Zeit genug, auf den
Friedhof zu laufen; zu dem Gedächtnismahle dagegen waren nur die
Unansehnlichsten und Armen gekommen, viele sogar nicht ganz nüchtern,
sozusagen das Pack. Die älteren und angesehensten waren, wie
absichtlich, ferngeblieben, als hätten sie sich alle verabredet. Peter
Petrowitsch Luschin zum Beispiel, man kann sagen, der solideste von
allen Mietern, war nicht erschienen, während Katerina Iwanowna schon
gestern aller Welt, das heißt Amalie Iwanowna, Poletschka, Ssonjetschka
und dem Polen, erzählt hatte, daß dieser edelste und großmütigste Mann
mit besten Verbindungen und von sehr großem Vermögen, ein früherer
Freund ihres ersten Mannes, der in dem Hause ihres Vaters verkehrt habe,
ihr versprochen hätte, alle Mittel in Bewegung zu setzen, um ihr eine
bedeutende Pension zu verschaffen. Wir wollen hierbei bemerken, daß,
wenn Katerina Iwanowna mit Verbindungen und Vermögen anderer Leute
prahlte, sie es vollkommen uneigennützig, sozusagen aus übervollem
Herzen tat, nur aus dem Vergnügen allein, den Gelobten noch mehr zu
preisen und ihm einen größeren Wert zu verleihen. Nächst Luschin und
wahrscheinlich »seinem Beispiele folgend« war auch »dieser üble,
schändliche Lebesjätnikoff« nicht erschienen. Was bildet sich denn
dieser ein? Man hatte ihn bloß aus Gnade und weil er in einem Zimmer mit
Peter Petrowitsch lebte und sein Bekannter war, eingeladen; es wäre
peinlich für ihn gewesen, nicht eingeladen zu sein. Auch eine feine Dame
mit ihrer Tochter, »einer überreifen alten Jungfer,« die erst seit zwei
Wochen bei Amalie Iwanowna lebten, waren nicht erschienen; sie hatten
sich trotz ihres kurzen Aufenthaltes hier schon einige Male über den
Lärm und das Geschrei in Marmeladoffs Zimmer, besonders, wenn der
Verstorbene betrunken nach Hause gekommen war, beklagt. Das hatte
Katerina Iwanowna durch Amalie Iwanowna erfahren, wenn diese sich mit
Katerina Iwanowna zankte, ihr drohte, sie und die ganze Familie
hinauszujagen, und dabei aus vollem Halse schrie, daß sie »anständige
Mieter, deren Fußtritt Sie nicht mal wert sind,« beunruhige. Katerina
Iwanowna hatte absichtlich beschlossen, diese Dame und ihre Tochter,
deren »Fußtritt sie angeblich nicht wert sei,« einzuladen, und um so
mehr, weil jene bei zufälligen Begegnungen sich hochmütig abwandte, --
damit sie wisse, daß man hier »edler denkt und fühlt und sie, ohne sich
des Bösen zu erinnern, einlade,« und damit sie sehen sollten, daß
Katerina Iwanowna nicht gewohnt sei, in solchen Verhältnissen zu leben.
Es war unbedingt vorausgesetzt, ihnen allen bei Tische zu erklären und
zu erwähnen, daß ihr verstorbener Vater beinahe Gouverneur gewesen sei,
und gleichzeitig indirekt zu verstehen zu geben, daß es überflüssig
wäre, sich bei Begegnungen abzuwenden, und daß es äußerst dumm wäre.
Ebenso war der dicke Oberstleutnant, eigentlich war er Stabskapitän
außer Dienst, nicht erschienen, es stellte sich heraus, daß er seit dem
gestrigen Morgen vor Trunkenheit »ohne Hinterbeine« war. Mit einem
Worte: es waren bloß erschienen, -- der Pole, dann ein häßlicher
schweigsamer Kanzlist, in einem stark glänzenden Frack, mit Finnen im
Gesichte und einem widerlichen Geruche und noch ein tauber und fast
erblindeter alter Mann, der einst in einem Postamt gedient hatte und den
jemand seit undenkbaren Zeiten und aus unbekannten Gründen bei Amalie
Iwanowna untergebracht hatte. Es war auch ein betrunkener
verabschiedeter Leutnant, eigentlich ein Proviantmeister, erschienen mit
einem höchst unanständigen lauten Lachen, und: »stellen Sie sich vor,«
ohne Weste! Einer von den Gästen setzte sich direkt an den Tisch, ohne
sogar Katerina Iwanowna zu begrüßen, und zuguterletzt tauchte eine
Person im Schlafrocke auf, da sie keine Kleider besaß, aber das war so
unanständig, daß es den Bemühungen von Amalie Iwanowna und dem Polen
gelang, ihn hinauszuexpedieren. Der Pole hatte übrigens noch zwei andere
Polen mitgebracht, die niemals bei Amalie Iwanowna gewohnt hatten, und
die niemand vorher in ihrem Hause gesehen hatte. Dies alles reizte
Katerina Iwanowna in höchstem Grade. »Für wen waren schließlich denn
alle Vorbereitungen getroffen?« Man hatte sogar die Kinder, um an Platz
zu gewinnen, nicht am Tische untergebracht, der das ganze Zimmer
einnahm, sondern für sie in der hinteren Ecke auf einem Kasten gedeckt,
wobei die beiden kleineren auf einer Bank saßen, Poletschka aber, als
die Erwachsene, mußte auf sie aufpassen, sie füttern und ihnen »wie
Kindern aus feinem Hause« die Näschen putzen. Mit einem Worte, Katerina
Iwanowna glaubte alle mit doppelter Würde und sogar mit Hochmut begrüßen
zu müssen. Manche blickte sie besonders streng an und bat sie von oben
herab, sich an den Tisch zu setzen. Da sie aber aus irgendeinem Grunde
meinte, Amalie Iwanowna für alle Nichterschienenen verantwortlich machen
zu müssen, begann sie plötzlich, sie äußerst nachlässig zu behandeln,
was jene sofort merkte und dadurch sehr pikiert wurde. Solch ein Anfang
deutete auf kein gutes Ende. Endlich hatten alle Platz genommen.
Raskolnikoff trat fast in demselben Augenblick ein, als sie von dem
Friedhofe zurückkehrten. Katerina Iwanowna war überaus erfreut, ihn zu
sehen, erstens, weil er der einzige »gebildete« von allen Gästen war und
»wie bekannt, nach zwei Jahren in der hiesigen Universität einen
Lehrstuhl einnehmen werde,« und zweitens, weil er sofort und ehrerbietig
sich entschuldigte, daß er trotz seines Wunsches zu der Beerdigung nicht
hatte kommen können. Sie stürzte sich buchstäblich auf ihn, setzte ihn
bei Tisch neben sich zur linken Hand, zur rechten saß Amalie Iwanowna,
und wandte sich ununterbrochen an Raskolnikoff, trotz ihrer beständigen
Unruhe und Sorge, daß das Essen auch richtig herumgereicht wurde und
alle erhielten, trotz des qualvollen Hustens, der sie alle Augenblicke
unterbrach und peinigte, und der sich in diesen letzten zwei Tagen
besonders verstärkt zu haben schien. Sie beeilte sich, ihm halb
flüsternd alle angesammelten Gefühle und ihre ganze gerechte Entrüstung
über das mißlungene Gedächtnismahl mitzuteilen, wobei die Entrüstung oft
unabsichtlich und ohne jede Berechnung, einem ausgelassenen Lachen über
die versammelten Gäste, besonders aber über die Wirtin, Platz machte.

»An allem ist dieser Kuckuck schuld. Sie wissen, wen ich meine, -- die
dort, dort!« und Katerina Iwanowna wies mit dem Kopfe auf die Wirtin.
»Sehen Sie sie an, -- sie hat die Augen aufgesperrt, fühlt, daß wir über
sie reden, kann aber nichts verstehn. Pfui, so eine Eule! Ha--ha--ha!
... Kche--kche--kche!« hustete sie. »Und was will sie mit ihrer Haube!
Kche--kche--kche! Haben Sie gemerkt, sie möchte gern, daß alle Gäste
meinen sollen, sie beschütze mich und erweise mir mit ihrem Hiersein
eine Ehre. Ich habe sie gebeten, wie man eine anständige Person bittet,
bessere Leute, und zwar die Bekannten des Verstorbenen, einzuladen, und
sehen Sie, wen sie hergebracht hat, -- allerhand Narren! Schmutzfinke!
Sehen Sie nur diesen da mit dem unreinen Teint, -- das ist doch eine
Rotznase auf zwei Beinen! Und diese Polen ... ha--ha--ha!
Kche--kche--kche! Niemand, niemand hat sie vorher hier gesehen, auch ich
nicht. Wozu sind die gekommen, frage ich Sie? Wie hübsch sie sitzen,
nebeneinander. -- Pan, heda!« rief sie plötzlich einem von ihnen zu,
»haben Sie genug vorgelegt? Nehmen Sie noch? Trinken Sie Bier! Wollen
Sie nicht Schnaps? Sehen Sie, -- er ist aufgesprungen und verbeugt sich,
sehen Sie, sehen Sie, -- sie sind wahrscheinlich sehr hungrig, die
Armen! Tut nichts, mögen sie essen! Sie lärmen wenigstens nicht, aber
... aber ich fürchte ... für die silbernen Löffel der Wirtin! ... Amalie
Iwanowna!« wandte sie sich plötzlich an die Wirtin laut, »ich sage Ihnen
im voraus, falls Ihre Löffel gestohlen werden, übernehme ich keine
Verantwortung! Ha--ha--ha!« lachte sie, wandte sich wieder an
Raskolnikoff, wies wieder auf die Wirtin und freute sich über ihre
Bemerkung. »Sie hat es nicht verstanden, sie hat wieder nichts
verstanden! Sehen Sie, wie sie mit aufgesperrtem Munde dasitzt, -- wie
eine echte Eule, eine Eule mit neuen Bändern, ha--ha--ha!«

Das Lachen verwandelte sich von neuem in einen unerträglichen Husten,
der minutenlang anhielt. Auf ihrem Taschentuch zeigte sich Blut, und
Schweißtropfen traten auf die Stirne. Sie zeigte Raskolnikoff schweigend
das Blut, und kaum hatte sie sich erholt, flüsterte sie mit roten
Flecken auf den Wangen ihm lebhaft wieder zu.

»Sehen Sie, ich habe ihr einen sehr heiklen Auftrag gegeben, diese Dame
und ihre Tochter einzuladen. Sie wissen doch, von wem ich spreche? Hier
mußte man in der zartesten Weise, in der geschicktesten Art handeln, sie
war aber so ungeschickt, daß diese angereiste dumme Person, dieses
aufgeblasene Geschöpf, diese unbedeutende Provinzmadam, sie die Witwe
irgendeines Majors, die sich hier um eine Pension bemüht und bei den
Behörden deswegen herumläuft ... und die mit ihren fünfundfünfzig Jahren
sich schminkt und färbt ... was allgemein bekannt ist ... daß dieses
Geschöpf nicht nur sich für zu gut hielt, hier zu erscheinen, sondern
sich nicht einmal entschuldigen ließ, wie es in diesen Fällen doch die
gewöhnlichste Höflichkeit verlangt! Ich kann nicht begreifen, warum auch
Peter Petrowitsch nicht gekommen ist? Und wo ist Ssonja? Wo ist sie nur
hingegangen? Ah, da ist sie ja! Ssonja, wo warst du? Merkwürdig, daß du
sogar am Beerdigungstage deines Vaters so unpünktlich bist. Rodion
Romanowitsch, sie soll sich neben Sie setzen. Hier ist dein Platz,
Ssonjetschka ... nimm, was dir gefällt. Nimm von dem Fisch, er ist gut.
Hat man den Kindern auch etwas gegeben? Poletschka, habt ihr alles?
Kche--kche--kche! Nun, gut. Sei ein artiges Kind, Lene und du, Kolja,
zapple nicht mit den Beinen, sitz, wie ein anständiges Kind sitzen muß.
Was sagst du, Ssonjetschka?«

Ssonja beeilte sich sofort, ihr die Entschuldigung von Peter Petrowitsch
mitzuteilen und versuchte so laut zu sprechen, daß es alle hören
konnten, gebrauchte gewählte und ehrerbietige Ausdrücke, die sie
absichtlich Peter Petrowitsch andichtete. Sie fügte hinzu, daß Peter
Petrowitsch sie besonders gebeten habe, mitzuteilen, daß er
unverzüglich, sobald es ihm nur möglich sei, herkommen würde, um in
_geschäftlichen Angelegenheiten_ allein mit Katerina Iwanowna zu
sprechen und zu verabreden, was man jetzt und künftig unternehmen könnte
und dergleichen mehr.

Ssonja wußte, daß dies Katerina Iwanowna friedlicher stimmen und
beruhigen würde, sie würde sich dadurch geschmeichelt fühlen und ihr
Stolz würde befriedigt sein. Sie setzte sich neben Raskolnikoff, den sie
hastig begrüßte und flüchtig, doch voll Interesse anblickte. Während der
folgenden Zeit vermied sie aber ihn anzusehen und mit ihm zu sprechen.
Sie war zerstreut, obwohl sie die ganze Zeit Katerina Iwanowna im Auge
behielt, um ihre Wünsche zu erraten. Weder sie, noch Katerina Iwanowna
waren in Trauer, da sie keine Kleider hatten; Ssonja hatte ein
dunkelbraunes Kleid an und Katerina Iwanowna ihr einziges, ein
dunkelgestreiftes Kattunkleid. Die Mitteilung über Peter Petrowitsch
verbreitete sich rasch. Als Katerina Iwanowna mit Würde Ssonja angehört
hatte, erkundigte sie sich ebenso würdevoll, wie es Peter Petrowitsch
gehe? Dann _flüsterte_ sie hörbar Raskolnikoff zu, daß es für einen
angesehenen und soliden Menschen, wie Peter Petrowitsch, unmöglich
gewesen wäre, in solch eine »ungewöhnliche Gesellschaft« zu kommen,
trotz der großen Anhänglichkeit an ihre Familie und der alten
Freundschaft mit ihrem Papa.

»Sehen Sie, darum bin ich auch Ihnen, Rodion Romanowitsch, so sehr
dankbar, daß Sie trotz solcher Umgebung Salz und Brot von mir nicht
verschmäht haben,« fügte sie fast laut hinzu, »übrigens bin ich
überzeugt, daß nur die besondere Freundschaft zu meinem armen
Verstorbenen Sie veranlaßt hat, Ihr Wort zu halten.«

Sie blickte noch einmal voll Stolz und Würde ihre Gäste an und
erkundigte sich plötzlich mit besonderer Fürsorge laut über den Tisch
hinüber bei dem tauben alten Manne, »ob er nicht mehr vom Braten nehmen
möchte und ob er Lissaboner bekommen habe?« Der Alte antwortete nicht
und konnte lange nicht begreifen, wonach man ihn frage, obwohl seine
Nachbarn aus Scherz ihn anzustoßen begannen. Er blickte nur mit offenem
Munde um sich, wodurch er die allgemeine Heiterkeit noch mehr
hervorrief.

»Ist das ein Holzklotz! Sehen Sie doch nur! Wozu hat man den hierher
gebracht? Was Peter Petrowitsch anbetrifft, so war ich stets seiner
sicher,« fuhr Katerina Iwanowna fort, Raskolnikoff zu erzählen, »so
gleicht er selbstverständlich nicht ...« wandte sie sich laut und scharf
und mit äußerst strenger Miene zu Amalie Iwanowna, daß sie darüber
erschrak, »so gleicht er nicht jenen aufgedonnerten Madams mit ihren
Schleppen, die bei meinem Papa nicht mal als Köchinnen ihren Dienst
verrichten gedurft hätten, und denen mein verstorbener Mann nur deshalb
die Ehre erwiesen hatte, sie zu empfangen, weil er eine unerschöpfliche
Güte hatte.«

»Ja, er liebte eins zu trinken, ja, er liebte es und trank auch!« rief
plötzlich der verabschiedete Proviantmeister und leerte das zwölfte Glas
Schnaps.

»Mein verstorbener Mann hatte diese Schwäche, das wissen alle,« stürzte
sich Katerina Iwanowna plötzlich auf ihn, »aber er war ein guter und
edler Mensch, der seine Familie liebte und achtete; nur das eine war
schlimm, daß er in seiner Güte allerhand verdorbenen Leuten zu sehr
traute und weißgott mit wem trank, sogar mit solchen, die seine
Stiefelsohle nicht wert waren! Stellen Sie sich vor, Rodion
Romanowitsch, man fand in seiner Tasche einen Pfefferkuchenhahn, -- er
ging total betrunken heim, und dachte doch an seine Kinder.«

»Einen Ha--hn? Sie belieben zu sagen -- ei--nen Hahn?« rief der
Proviantmeister.

Katerina Iwanowna würdigte ihn keiner Antwort. Sie dachte über etwas
nach und seufzte.

»Sie meinen auch sicher, wie alle, daß ich zu streng zu ihm war,« fuhr
sie fort, sich an Raskolnikoff wendend. »Das ist nicht richtig! Er hat
mich geachtet, er hat mich sehr, sehr geachtet! Er war eine gute Seele.
Und zuweilen tat er mir so leid! Er saß manchmal in der Ecke und sah
mich an, da tat er mir so leid, ich wollte zu ihm freundlich sein,
dachte mir aber, wenn ich jetzt freundlich zu ihm bin, betrinkt er sich
wieder. Nur mit Strenge konnte man ihn einigermaßen davon zurückhalten.«

»Ja, es ist vorgekommen, daß er an den Haaren gezerrt wurde, es ist
vorgekommen, öfters,« brüllte wieder der Proviantmeister und leerte noch
ein Glas.

»Es wäre angebracht, manche Dummköpfe nicht nur an den Haaren zu zerren,
sondern mit einem Besenstiel zu verprügeln. Ich rede jetzt nicht von dem
Verstorbenen!« trumpfte Katerina Iwanowna den Proviantmeister ab.

Die roten Flecken auf ihren Wangen traten immer stärker hervor und ihre
Brust hob sich. Nur wenig fehlte und ein Skandal begann. Viele
kicherten; das wäre ihnen offenbar sehr angenehm gewesen. Man begann den
Proviantmeister zu stoßen und ihm etwas zuzuflüstern. Man wollte beide
aufeinander hetzen.

»Erlau--ben Sie mir zu fragen, wen Sie damit meinten,« begann der
Proviantmeister wieder, »wessen Ehre ... haben Sie soeben ... Übrigens,
es ist unnötig! Unsinn! Eine Witwe! Eine arme Witwe! Ich verzeihe ...
Ich passe!« und er goß sich wieder Schnaps ein.

Raskolnikoff hörte schweigend, voll Widerwillen zu. Er nahm nur aus
Höflichkeit, rührte kaum die Stücke an, die ihm Katerina Iwanowna alle
Augenblicke auf den Teller legte und aß bloß, um sie nicht zu kränken.
Er blickte Ssonja aufmerksam an. Ssonja aber wurde immer unruhiger und
besorgter; sie ahnte, daß das Gedächtnismahl kein friedliches Ende
nehmen werde und beobachtete voll Angst die sich steigernde Gereiztheit
von Katerina Iwanowna. Sie wußte, daß sie der Hauptgrund war, warum die
beiden zugereisten Damen so verachtungsvoll mit der Einladung Katerina
Iwanownas umgegangen waren. Sie hatte von Amalie Iwanowna selbst gehört,
daß die Mutter allein schon durch die Einladung beleidigt worden war und
die Frage gestellt hatte, »wie sie es verantworten könne, ihre Tochter
neben _diese Person_ zu setzen?« Ssonja ahnte, daß Katerina Iwanowna
dies irgendwie erfahren habe, und eine Kränkung Ssonjas bedeutete für
Katerina Iwanowna mehr, als eine persönliche, mehr als eine Kränkung
ihrer Kinder, ihres Papas, mit einem Worte, es war für sie eine tödliche
Beleidigung, und Ssonja wußte, daß Katerina Iwanowna sich nicht eher
beruhigen werde, »bis sie diesen geputzten Krähen bewiesen hätte, daß
sie beide ...« und dergleichen mehr. Wie absichtlich, hatte in diesem
Augenblicke jemand vom anderen Ende des Tisches Ssonja einen Teller
zugesandt, worauf zwei Herzen, durchbohrt mit einem Pfeile, aus Brot
geknetet waren. Katerina Iwanowna flammte auf und bemerkte sofort laut
über den ganzen Tisch weg, daß der Absender sicher »ein betrunkener
Esel« sei. Amalie Iwanowna, die auch etwas Schlimmes ahnte, und
gleichzeitig durch den Hochmut Katerina Iwanownas im tiefsten Innern
gekränkt war, begann ohne jede Veranlassung, nur um die unangenehme
Stimmung der Gesellschaft abzulenken und gleichzeitig um ihr Ansehen in
aller Augen zu heben, zu erzählen, wie ein Bekannter von ihr »Karl aus
der Apotheke« eines Nachts in einer Droschke nach Hause fuhr und der
Kutscher ihn ermorden wollte, daß Karl ihn sehr, sehr gebeten habe, ihn
nicht zu ermorden, »die Hände gefaltet und geweint hätte und so
erschrocken wäre und daß die Angst sein Herz durchbohrt hätte«. Katerina
Iwanowna bemerkte aber lächelnd, daß Amalie Iwanowna keine russischen
Anekdoten erzählen solle. Jene fühlte sich dadurch noch mehr gekränkt
und erwiderte, daß ihr Vater in Berlin ein sehr, sehr bedeutender Mann
gewesen sei und daß er »immer die Hände in die Taschen steckte«. Die
lachlustige Katerina Iwanowna konnte ein lautes Lachen nicht
unterdrücken, so daß Amalie Iwanowna die letzte Geduld verlor und kaum
mehr sich beherrschen konnte.

»Das ist mal eine Eule!« flüsterte Katerina Iwanowna Raskolnikoff zu und
wurde fast heiter gestimmt, »sie wollte sagen, daß er die Hände in den
Taschen hatte, sie brachte es aber so heraus, als ob er ein Langfinger
gewesen wäre, ha--ha! Haben Sie auch schon bemerkt, daß alle diese
Ausländer in Petersburg, hauptsächlich aber die Deutschen, die
irgendwoher zu uns kommen, dümmer sind, als wir? Sie müssen doch
zugeben, daß man nicht erzählen kann, daß >Karls Herz aus Angst
durchbohrt sei,< und daß er -- so eine Memme! -- anstatt den Kutscher zu
knebeln, die >Hände gefaltet, geweint und sehr gebeten hat<. Ach, so ein
Holzklotz! Und sie glaubt noch, daß dies sehr rührend sei und ahnt
nicht, wie dumm sie ist! Meiner Ansicht nach ist dieser betrunkene
Proviantmeister noch bei weitem klüger als sie; man sieht, daß er ein
Bruder Liederlich ist und das bißchen Verstand vertrunken hat, diese
andere aber tut so ordentlich, sitzt ernst da ... Sehen Sie nur, wie sie
nun die Augen aufreißt. Sie ist böse! Ärgert sich! Ha--ha--ha!
Kche--kche--kche!«

Als Katerina Iwanowna so lustig geworden war, kam sie auf allerhand
Dinge und erzählte plötzlich, wie sie mit Hilfe der in Aussicht
gestellten Pension unbedingt in ihrer Heimatsstadt T... eine Anstalt für
junge Mädchen aus besseren Ständen errichten werde. Katerina Iwanowna
hatte dies Raskolnikoff noch nicht selbst mitgeteilt und sie ließ sich
auf sehr ausführliche, verlockende Einzelheiten ein. Auf rätselhafte
Weise tauchte plötzlich in ihren Händen dasselbe »Ehrendiplom« auf, von
dem der verstorbene Marmeladoff in der Schenke Raskolnikoff schon
erzählt und dabei erwähnt hatte, daß Katerina Iwanowna, seine Gattin,
bei der Entlassung aus dem Stift mit einem Shawl »vor dem Gouverneur und
den übrigen hohen Personen« getanzt habe. Dieses Ehrendiplom mußte
offenbar Katerina Iwanowna jetzt als Zeugnis dienen, daß sie auch ein
Recht dazu habe, eine Erziehungsanstalt zu gründen, es war hauptsächlich
mit der Absicht hervorgeholt und in der Nähe aufbewahrt worden, um
endgültig »den beiden aufgedonnerten Krähen,« wenn sie zu dem
Gedächtnismahle gekommen wären, den Hochmut zu nehmen, und um ihnen
deutlich zu beweisen, daß Katerina Iwanowna aus einem sehr feinen Hause
stamme, »man kann sogar sagen, aus einem aristokratischen Hause« und die
Tochter eines Obersten und sicher mehr sei, als manche Abenteurerin, die
in der letzten Zeit so überhand nahmen. Das Ehrendiplom ging sofort von
Hand zu Hand unter den betrunkenen Gästen, was Katerina Iwanowna nicht
hinderte, weil darin tatsächlich _en toutes lettres_{[10]} bemerkt war,
daß sie die Tochter eines Hofrats und Ritters pp. sei, folglich in der
Tat beinahe die Tochter eines Obersten. Katerina Iwanowna, einmal
entflammt, begann unverzüglich über alle Einzelheiten des künftigen
schönen und ruhigen Lebens in T... sich zu verbreiten, -- über die
Gymnasiallehrer, die sie auffordern würde, in ihrer Anstalt Unterricht
zu geben, über einen ehrenwerten, alten Herrn, einen Franzosen Mangot,
der Katerina Iwanowna noch im Stifte in französischer Sprache
unterwiesen hatte, und der jetzt in T... sein Leben beschloß und sicher
für einen angemessenen Preis zu ihr kommen werde. Endlich kam sie auch
auf Ssonja zu sprechen, »die zusammen mit Katerina Iwanowna nach T...
reisen und dort in allem ihr behilflich sein solle«. Aber hier prustete
jemand am andern Ende des Tisches vor Lachen. Katerina Iwanowna gab sich
sofort den Anschein, als beachte sie nicht das Lachen am anderen Ende
des Tisches, erhob absichtlich die Stimme und begann mit Begeisterung
über die unzweifelhaften Vorzüge von Ssofja Ssemenowna als ihrer Stütze
zu reden, ȟber ihre Sanftmut, Geduld, Selbstaufopferung, edlen Sinn und
ihre Bildung,« wobei sie Ssonja auf die Wange tätschelte, aufstand und
sie ein paarmal innig küßte. Ssonja errötete und Katerina Iwanowna brach
plötzlich in Weinen aus, nannte sich selbst »eine nervenschwache dumme
Person, die ziemlich angegriffen sei, und daß es Zeit sei, ein Ende zu
machen, da alle gegessen hätten und daß jetzt Tee kommen könne«. Da
riskierte Amalie Iwanowna, gänzlich verschnupft, daß sie an der ganzen
Unterhaltung nicht den geringsten Anteil genommen hatte, und daß man sie
gar nicht angehört hatte, den letzten Versuch und erlaubte sich mit
unterdrücktem Ärger, Katerina Iwanowna eine äußerst sachliche und
tiefsinnige Bemerkung zu machen, daß man nämlich in der künftigen
Pensionsanstalt besonders auf die reine Wäsche der jüngeren Mädchen
achthaben müsse, und daß unbedingt eine tüchtige Dame da sein müsse, um
darauf aufzupassen, und zweitens darauf, daß die jungen Mädchen heimlich
in der Nacht keine Romane lesen könnten. Katerina Iwanowna, wirklich
angegriffen und sehr müde, und des Gedächtnismahls überdrüssig, schnitt
Amalie Iwanowna schroff das Wort mit der Bemerkung ab, daß sie »Unsinn
quatsche« und nichts verstehe; daß die Sorge um die Wäsche Sache der
Kastellanin sei und nicht der Vorsteherin einer Anstalt für junge
Mädchen aus besseren Ständen, und was das Lesen von Romanen anbetrifft,
sei ihre Bemerkung einfach unanständig, und sie bitte sie endlich zu
schweigen. Amalie Iwanowna ward rot und antwortete geärgert, daß sie es
nur gut gemeint hätte, und daß sie für die Wohnung schon lange kein Geld
erhalten habe. Katerina Iwanowna zeigte ihr sofort den ihr zukommenden
Platz, indem sie sagte, daß Amalie Iwanowna lüge, wenn sie behaupte, es
nur gut gemeint zu haben, weil sie schon gestern, als der Verstorbene
noch auf der Bahre lag, sie wegen der Wohnungsmiete gequält habe. Darauf
erwiderte Amalie Iwanowna mit großartiger Konsequenz, daß sie jene Damen
eingeladen hätte, aber daß die Damen darum nicht gekommen seien, weil
sie feine Damen seien und zu unfeinen Damen nicht gehen könnten.
Katerina Iwanowna hielt ihr sofort unter die Nase, daß sie, solch ein
Schmutzfink, gar nicht beurteilen könne, was in Wahrheit fein sei.
Amalie Iwanowna konnte das nicht vertragen und erklärte sofort, daß »ihr
Vater aus Berlin ein sehr, sehr wichtiger Mann gewesen sei, beide Hände
in die Taschen gesteckt habe und immer nur -- puff! puff! gemacht habe«!
Und um ihren Vater augenscheinlicher vorzustellen, sprang Amalie
Iwanowna vom Stuhle auf, steckte ihre beiden Hände in die Taschen, blies
die Wangen auf und begann mit dem Munde unbestimmte Töne, die -- puff!
puff! ähnelten, hervorzubringen, unter lautem Lachen von allen Mietern,
die Amalie Iwanowna absichtlich durch ihren Beifall reizten, weil sie
eine Prügelei voraussahen. Jenes nun konnte wiederum Katerina Iwanowna
nicht vertragen und sie sagte unverzüglich und laut, daß Amalie Iwanowna
vielleicht nie einen Vater gehabt habe, daß Amalie Iwanowna einfach eine
betrunkene Estin aus Petersburg sei und sicher irgendwo früher als
Köchin gedient habe, vielleicht aber auch etwas schlimmeres gewesen sei.
Amalie Iwanowna wurde krebsrot und kreischte, daß Katerina Iwanowna
vielleicht keinen Vater gehabt habe, daß sie aber einen Vater aus Berlin
gehabt und er einen langen Rock getragen und immer -- puff! puff! --
gemacht habe! Katerina Iwanowna bemerkte mit Verachtung, daß ihre
Herkunft allen bekannt sei, und daß in diesem Ehrendiplom gedruckt sei,
daß ihr Vater Oberst war, daß aber der Vater von Amalie Iwanowna -- wenn
sie überhaupt einen Vater gehabt habe -- sicher ein Este aus Petersburg
war und Milch verkauft habe; am wahrscheinlichsten aber sei, daß sie gar
keinen Vater gehabt habe, weil es bis jetzt noch nicht festzustellen
sei, wie der Vatername von Amalie Iwanowna laute, ob Iwanowna oder
Ludwigowna? Da geriet Amalie Iwanowna ganz außer sich, schlug mit der
Faust auf den Tisch, fing an zu kreischen, daß sie Amalie Iwanowna und
nicht Ludwigowna heiße, daß der Name ihres Vaters Johann sei und daß er
Dorfschulze gewesen war und daß der Vater von Katerina Iwanowna niemals
Dorfschulze gewesen sei. Katerina Iwanowna erhob sich von ihrem Stuhle
und bemerkte streng, scheinbar mit ruhiger Stimme, -- obwohl sie ganz
bleich war und ihre Brust schwer atmete, -- daß, wenn sie noch einmal
wagen werde, ihren dreckigen Vater mit ihrem Papa auf gleiche Stufe zu
stellen, sie ihr die Haube von ihrem Kopfe herunterreißen und mit den
Füßen zertreten werde. Als Amalie Iwanowna das hörte, begann sie im
Zimmer herumzulaufen und schrie aus allen Kräften, daß sie die Wirtin
sei und daß Katerina Iwanowna sofort das Zimmer räumen solle; dann
raffte sie die silbernen Löffel vom Tische zusammen. Es erhob sich ein
Lärm und Getöse; die Kinder weinten. Ssonja stürzte zu Katerina Iwanowna
hin, um sie zurückzuhalten, als aber Amalie Iwanowna etwas von
»Sittenkontrolle« schrie, stieß Katerina Iwanowna Ssonja von sich, eilte
auf Amalie Iwanowna zu, um ihre Drohung bezüglich der Haube sofort wahr
zu machen. In diesem Augenblicke öffnete sich die innere Tür und auf der
Schwelle erschien Peter Petrowitsch Luschin. Er blieb stehen und warf
einen strengen und aufmerksamen Blick auf die ganze Gesellschaft.
Katerina Iwanowna stürzte zu ihm hin.


                                  III.

»Peter Petrowitsch!« rief sie. »Schützen Sie mich! Sagen Sie dieser
dummen Kreatur, daß sie eine gebildete Dame im Unglück nicht in dieser
Weise behandeln dürfe, daß es ein Gericht gibt ... ich werde zu dem
Generalgouverneur gehen ... Sie wird zur Verantwortung gezogen werden
... Gedenken Sie der Gastfreundschaft bei meinem Vater, schützen Sie die
Waisen!«

»Erlauben Sie, meine Dame ... Erlauben Sie, erlauben Sie,« wehrte Peter
Petrowitsch ab. »Ich hatte gar nicht die Ehre, Ihren Herrn Vater gekannt
zu haben, wie Sie wohl wissen werden ... erlauben Sie, meine Dame!«
Jemand lachte laut. »Und an Ihren ewigen Zänkereien mit Amalie Iwanowna
teilzunehmen, habe ich nicht die Absicht ... Ich bin in eigener
Angelegenheit hergekommen ... und möchte sofort mit Ihrer Stieftochter,
Ssofja ... Iwanowna ... nicht wahr, so heißt sie ... sprechen. Erlauben
Sie, daß ich zu ihr gehe ...«

Und Peter Petrowitsch machte einen kleinen Bogen um Katerina Iwanowna
und ging in die entgegengesetzte Ecke, wo sich Ssonja befand.

Katerina Iwanowna blieb auf demselben Fleck stehen, wie vom Donner
gerührt. Sie konnte nicht begreifen, wie Peter Petrowitsch die
Gastfreundschaft ihres Papas leugnen konnte. Nachdem sie sich einmal
dies in den Kopf gesetzt hatte, glaubte sie auch schon selber heilig und
fest daran. Auch der geschäftliche, trockene Ton Peter Petrowitschs ...
in dem Verachtung, ja etwas Drohendes lag, machte sie bestürzt. Bei
seinem Erscheinen waren alle allmählich stiller geworden. Abgesehen
davon, daß dieser »nüchterne und ernste« Mensch von der ganzen
Versammlung scharf abstach, merkte man, daß er aus einem wichtigen
Anlasse hergekommen war, daß eine ungewöhnliche Ursache ihn solch eine
Gesellschaft aufzusuchen veranlaßt hatte, und daß es jetzt wohl etwas
geben werde. Raskolnikoff, der neben Ssonja stand, wich zur Seite, um
Peter Petrowitsch vorbei zu lassen; Luschin schien ihn gar nicht bemerkt
zu haben. Nach einem Augenblick erschien Lebesjätnikoff auf der
Schwelle; er trat nicht in das Zimmer herein, sondern blieb mit einem
besonderen Interesse dort stehen; er hörte zu, wie einer, der etwas
nicht begreift.

»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, aber es ist eine wichtige
Angelegenheit,« bemerkte Peter Petrowitsch im allgemeinen, »ich freue
mich, ein größeres Publikum zu haben. Amalie Iwanowna, ich bitte Sie
sehr, als Wirtin dieser Wohnung, mein folgendes Gespräch mit Ssofja
Iwanowna aufmerksam anzuhören. Ssofja Iwanowna,« fuhr er fort, sich
direkt an die äußerst erstaunte und im voraus erschrockene Ssonja
wendend, »von meinem Tische, in dem Zimmer meines Freundes Andrei
Ssemenowitsch Lebesjätnikoff ist mit Ihrem Weggehen eine Reichsbanknote
im Werte von hundert Rubel, die mir gehörte, verschwunden. Wenn Sie auf
irgendeine Weise es wissen und uns zeigen, wo die Banknote sich jetzt
befindet, so versichere ich Ihnen mit meinem Ehrenworte und rufe alle
als Zeugen auf, daß die Sache damit erledigt sein wird. Im
entgegengesetzten Falle werde ich gezwungen sein, sehr ernste Maßregeln
zu ergreifen, und dann ... klagen Sie sich selbst an.«

Ein peinliches Schweigen trat im Zimmer ein. Sogar die weinenden Kinder
verstummten. Ssonja stand totenblaß da, sah Luschin an und konnte nichts
antworten. Sie schien ihn immer noch nicht zu verstehen. Es vergingen
einige Sekunden.

»Nun, wie ist's?« fragte Luschin und blickte sie scharf an.

»Ich weiß nicht ... Ich weiß nichts ...« sagte endlich Ssonja mit
schwacher Stimme.

»Nicht? Sie wissen nichts?« fragte Luschin sie noch einmal und schwieg
wieder. »Denken Sie nach, Mademoiselle,« begann er dann streng, aber als
rede er ihr immer noch im Guten zu, ȟberlegen Sie es sich, ich bin
bereit, Ihnen noch einige Zeit zum Überlegen zu geben. Sehen Sie, --
wenn ich nicht so fest überzeugt wäre, so hätte ich selbstverständlich
bei meiner Erfahrenheit nicht riskiert, Sie in dieser direkten Weise zu
beschuldigen; denn für eine solche öffentliche und direkte, aber falsche
oder nur auch irrtümliche Beschuldigung kann ich selbst zur
Verantwortung gezogen werden. Ich weiß es. Heute Morgen wechselte ich,
zu meinen eigenen Zwecken, einige fünfprozentige Staatspapiere in der
nominellen Summe von dreitausend Rubel. Die Berechnung ist in meinem
Notizbuche eingetragen. Nach Hause gekommen, begann ich, -- mein Zeuge
ist Andrei Ssemenowitsch, -- das Geld zu zählen, und nachdem ich
zweitausend und dreihundert Rubel aufgezählt hatte, steckte ich sie in
meine Brieftasche und die Brieftasche in die Seitentasche meines Rockes.
Auf dem Tische blieben fünfhundert Rubel in Banknoten liegen und unter
ihnen drei Noten zu je hundert Rubel. In diesem Augenblick kamen Sie --
auf meine Bitte hin -- und die ganze Zeit waren Sie äußerst verlegen, so
daß Sie dreimal mitten im Gespräch aufstanden und sich aus irgendeinem
Grunde beeilten, fortzugehen, obgleich unsere Unterredung noch nicht
beendet war. Andrei Ssemenowitsch kann dies alles bestätigen.
Wahrscheinlich werden Sie selbst, Mademoiselle, nicht ablehnen,
zuzugeben, daß ich Sie durch Andrei Ssemenowitsch nur aus dem einzigen
Grunde rufen ließ, um mit Ihnen über die schlimme und hilflose Lage
Ihrer Verwandten Katerina Iwanowna, zu der ich zum Gedächtnismahl nicht
kommen konnte, zu sprechen und Ihnen vorzuschlagen, wie es von Nutzen
wäre, zu ihren Gunsten irgend etwas, wie eine Sammlung, eine Verlosung
oder ähnliches, zu veranstalten. Sie haben mir gedankt und sogar Tränen
vergossen -- ich erzähle alles, wie es war, um Sie erstens an alles zu
erinnern, und zweitens, um Ihnen zu zeigen, daß meinem Gedächtnisse
nicht das Geringste entschwunden ist. Darauf nahm ich vom Tische einen
Zehnrubelschein und überreichte ihn Ihnen, als vorläufige Unterstützung
für Ihre Verwandten. Das alles hat Andrei Ssemenowitsch gesehen. Dann
begleitete ich Sie zur Türe, -- Sie waren immer noch sehr verlegen. Ich
blieb mit Andrei Ssemenowitsch allein, unterhielt mich mit ihm etwa zehn
Minuten, und Andrei Ssemenowitsch ging bald hinaus. Ich wandte mich von
neuem zu dem Tische, wo das Geld lag, mit der Absicht, es nachzuzählen
und es, wie ich vorher schon beschlossen hatte, gesondert aufzuheben. Zu
meiner Verwunderung fehlte von den übrigen eine Banknote von hundert
Rubel. Bitte, überlegen Sie es sich, -- Andrei Ssemenowitsch kann ich in
keinem Falle in Verdacht haben, ich würde mich selbst bei diesem
Gedanken schämen. Bei der Berechnung konnte ich mich auch nicht irren,
denn eine Minute vor Ihrem Kommen hatte ich alles nachgezählt und die
Summe richtig gefunden. Sie müssen selbst zugeben, daß, wenn ich Ihrer
Verlegenheit, Ihrer Eile wegzugehen und des Umstandes denke, daß Sie die
Hände eine Weile auf dem Tische hatten, und wenn ich schließlich Ihre
gesellschaftliche Lage und die mit ihr verknüpften Gewohnheiten in
Betracht zog, ich sozusagen zu meinem Entsetzen und gegen meinen Willen
_gezwungen_ war, bei diesem Verdachte stehen zu bleiben, -- der sicher
grausam, aber -- gerechtfertigt ist! Ich füge hinzu und wiederhole, --
daß trotz meiner ganzen _klaren_ Überzeugung ich vollkommen verstehe,
daß dennoch in meiner jetzigen Beschuldigung ein gewisses Risiko für
mich liegt. Aber, ich habe es nicht unterlassen; ich bin gegen Sie
aufgetreten und will Ihnen auch sagen warum, -- einzig und allein, meine
Dame, auf Grund Ihres schwärzesten Undankes! Wie? Ich fordere Sie aus
Interesse für Ihre ärmste Verwandte auf, ich überlasse Ihnen eine meinen
Kräften entsprechende Gabe von zehn Rubel, und Sie danken mir gleich
darauf, auf der Stelle, für alles mit dieser Handlung! Nein, das ist
nicht mehr schön! Eine Lehre ist notwendig! Denken Sie nach; noch mehr,
ich bitte Sie, als Ihr aufrichtiger Freund, -- denn einen besseren
Freund können Sie in diesem Augenblicke nicht haben, -- besinnen Sie
sich! Sonst werde ich unbarmherzig sein! Nun, also!«

»Ich habe nichts von Ihnen genommen,« -- flüsterte Ssonja entsetzt, --
»Sie gaben mir zehn Rubel, bitte, nehmen Sie sie wieder, hier.«

Ssonja zog ihr Taschentuch aus der Tasche hervor, suchte den Knoten,
löste ihn, nahm einen Zehnrubelschein heraus und streckte ihn Luschin
entgegen.

»Und die übrigen hundert Rubel wollen Sie nicht gestehen?« -- sagte er
vorwurfsvoll und eindringlich, ohne den Schein zu nehmen.

Ssonja blickte ringsum. Alle schauten sie mit schrecklichen, strengen,
spöttischen und haßerfüllten Gesichtern an. Sie blickte Raskolnikoff an
... er stand mit gekreuzten Armen an der Wand und sah sie mit einem
brennenden Blick an.

»Oh, Gott!« -- entrang es Ssonja.

»Amalie Iwanowna, man muß die Polizei benachrichtigen, und darum bitte
ich Sie sehr, vorläufig nach dem Hausknecht zu schicken,« -- sagte
Luschin leise und freundlich.

»Gott der Barmherzige! Ich wußte, daß sie es gestohlen hat!« -- schlug
Amalie Iwanowna die Hände zusammen.

»Sie wußten es?« -- fiel Luschin ein, -- »also hatten Sie auch früher
wenigstens gewisse Gründe, solches zu glauben. Ich bitte Sie,
verehrteste Amalie Iwanowna, sich an Ihre Worte zu erinnern, die
übrigens in Gegenwart von Zeugen ausgesprochen sind.«

Von allen Seiten erhob sich plötzlich lautes Reden. Alle rührten sich.

»Wie -- wie!« -- rief plötzlich Katerina Iwanowna, zu sich gekommen, und
stürzte zu Luschin, -- »wie! Sie beschuldigen sie des Diebstahls?
Ssonja? Ach, ihr Schufte, ihr Schufte!«

Und sie eilte zu Ssonja und umarmte sie fest mit ihren hageren Armen.

»Ssonja! Wie durftest du von ihm zehn Rubel nehmen! Oh, du Dumme! Gib
sie her! Gib mir sofort diese zehn Rubel -- da haben Sie sie!«

Katerina Iwanowna entriß Ssonja das Papier, zerknüllte es und warf es
direkt Luschin ins Gesicht. Der Papierknäuel traf ihn ins Auge und fiel
auf die Diele nieder. Amalie Iwanowna beeilte sich, das Geld aufzuheben.
Peter Petrowitsch wurde böse.

»Halten Sie diese Verrückte!« -- rief er.

In diesem Augenblicke erschienen in der Türe neben Lebesjätnikoff noch
einige Gesichter, zwischen denen auch die der beiden zugereisten Damen
hervorguckten.

»Wie! Verrückt? Ich soll verrückt sein? Dummkopf!« -- schrie Katerina
Iwanowna. -- »Du bist selbst ein Dummkopf, du Rechtsverdreher,
niederträchtiger Mensch! Ssonja, Ssonja soll von ihm Geld genommen
haben! Ssonja soll eine Diebin sein! Sie wird dir noch Geld geben,
Dummkopf!« -- Und Katerina Iwanowna lachte hysterisch. -- »Habt ihr
schon so einen dummen Kerl gesehen?« -- wandte sie sich nach allen
Seiten und zeigte auf Luschin. -- »Wie! Auch du!« -- sie erblickte die
Wirtin, -- »auch du, Wurstmacherin, bestätigst, daß sie gestohlen hat,
du gemeines preußisches Hühnerbein in Krinoline! Ach, ihr! Ach, ihr! Ja,
sie hat das Zimmer nicht verlassen, und als sie von dir, Schuft,
zurückkam, hatte sie sich hier neben Rodion Romanowitsch hingesetzt! ...
Untersucht sie doch! Wenn sie nirgendwo hingegangen war, muß doch das
Geld bei ihr sein! Suche, suche, suche doch! Wenn du aber nichts
findest, dann, lieber Freund, wirst du bestraft! Zu Seiner Majestät, zu
Seiner Majestät, zum Zaren selbst laufe ich hin, werfe mich dem
Barmherzigen zu Füßen, sofort, heute noch! Ich bin verwaist! Man wird
mich zulassen! Du denkst, man wird mich nicht zu ihm lassen? Du lügst,
ich komme hin! Ich komme zu ihm hin! Du hast darauf gerechnet, daß sie
schüchtern ist? Du hast darauf gehofft? Ich aber, Bruder, bin dafür
kühn! Du wirst dein Spiel verlieren! Suche doch! Suche, suche, nun suche
doch!«

Und Katerina Iwanowna zerrte Luschin in Wut zu Ssonja.

»Ich bin bereit und trage die Verantwortung ... aber nehmen Sie sich
zusammen, meine Dame, nehmen Sie sich zusammen. Ich sehe zu gut, daß Sie
kühn sind! ... Das ... das ... das geht nicht an!« -- murmelte Luschin,
-- »das muß in Gegenwart der Polizei ... obwohl, übrigens, auch jetzt
genügend Zeugen vorhanden sind ... Ich bin bereit ... Aber in jedem
Falle ist es für einen Mann peinlich ... des Geschlechtes wegen ... Wenn
Amalie Iwanowna helfen würde ... obwohl, übrigens, die Sache nicht so
gehandhabt wird ... Das geht nicht an!«

»Wenn Sie wünschen! Mag wer da will sie untersuchen!« -- schrie Katerina
Iwanowna. -- »Ssonja, wende deine Taschen um! Da! da! Sieh, Scheusal,
diese Tasche ist leer, hier lag das Taschentuch, die Tasche ist leer,
siehst du! Da ist die andere Tasche, da, da! Siehst du! Siehst du!«

Und Katerina Iwanowna wandte, nein besser gesagt, riß die beiden
Taschen, eine nach der anderen mit dem Futter hervor. Aber aus der
zweiten, rechten Tasche sprang plötzlich ein Stück Papier hervor,
beschrieb in der Luft einen Bogen und fiel zu den Füßen Luschins hin.
Alle hatten es gesehen, manche schrien. Peter Petrowitsch bückte sich,
hob das Stück Papier mit zwei Fingern von der Diele auf, hielt es so,
daß alle sehen konnten und faltete es auseinander. Es war ein
Hundertrubelschein, dreimal zusammengefaltet. Peter Petrowitsch
umschrieb mit seiner Hand einen Bogen und zeigte allen den Schein.

»Diebin! Hinaus aus der Wohnung! Polizei, Polizei!« -- heulte Amalie
Iwanowna, -- »Sie müssen nach Sibirien! Hinaus!«

Von allen Seiten ertönten Ausrufe. Raskolnikoff schwieg, ohne die Augen
von Ssonja abzuwenden, nur selten und schnell blickte er Luschin an.
Ssonja stand auf derselben Stelle, wie bewußtlos, -- sie schien nicht
einmal verwundert zu sein. Plötzlich aber überzog eine Röte ihr ganzes
Gesicht; sie schrie auf und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

»Nein, ich war es nicht! Ich habe nichts genommen! Ich weiß von nichts!«
-- rief sie mit einem herzzerreißenden Schrei und stürzte zu Katerina
Iwanowna.

Jene umfaßte sie und preßte sie fest an sich, als wolle sie mit eigener
Brust sie vor allen schützen.

»Ssonja! Ssonja! Ich glaube es nicht! Siehst du, ich glaube es nicht!«
-- rief Katerina Iwanowna, trotz des Augenscheins, und schüttelte sie in
ihren Armen, wie ein Kind, küßte sie unzählige Male, erfaßte ihre Hände
und küßte sie inbrünstig. -- »Du sollst es genommen haben? Ja, wie dumm
die Menschen sind! Oh, Gott! Ihr dummen, dummen Leute!« -- rief sie,
sich an alle wendend, -- »ja, ihr wißt noch gar nicht, ihr wißt nicht,
was das für ein Herz, was das für ein Mädchen ist! Sie soll es genommen
haben, sie! Ja, sie wird barfüßig gehen, sie wird ihr letztes Kleid
ausziehen und es verkaufen, und euch es abgeben, wenn ihr es braucht, --
so ist sie! Sie hat den gelben Schein genommen, weil meine, meine Kinder
vor Hunger umkamen, sie hat sich unseretwegen verkauft! ... Ach, der
Verstorbene, der Verstorbene! Siehst du? Siehst du? Da hast du deine
Gedächtnisfeier! Oh, Gott! Ja, schützt sie doch, was steht ihr alle!
Rodion Romanowitsch! Warum treten Sie nicht für sie ein? Glauben Sie
auch etwa daran? Ihr seid ihres kleinen Fingers nicht wert, ihr alle,
alle, alle! Oh, Gott! Schütze du sie doch endlich!«

Das Weinen der armen, schwindsüchtigen, verlassenen Katerina Iwanowna
schien einen starken Eindruck auf alle Anwesenden gemacht zu haben. Es
war so viel Klägliches, so viel Leidendes in diesem vor Schmerz
verzogenen, eingetrockneten, schwindsüchtigen Gesichte, in diesen
geborstenen, blutbedeckten Lippen, in dieser heiser schreienden Stimme,
in diesem Schluchzen und Weinen, das dem Weinen von Kindern glich, in
diesem vertrauensvollen, kindlichen und gleichzeitig verzweifelten
Flehen um Schutz, daß alle die Unglückliche zu bedauern schienen. Sogar
Peter Petrowitsch schien es sofort leid zu tun.

»Meine Dame! Meine Dame!« -- rief er mit eindringlicher Stimme, -- »Sie
berührt diese Tatsache nicht! Niemand wird es wagen, Sie der Absicht
oder der Teilnahme zu beschuldigen, um so mehr, als Sie es selbst
entdeckt haben, indem Sie die Tasche umwandten, -- Sie haben dies nicht
vorausgesehen. Ich bin bereit, es sehr, sehr zu bedauern, sollte die
äußerste Armut Ssofja Ssemenowna dazu bewogen haben, aber warum wollten
Sie, Mademoiselle, es nicht eingestehen? Fürchten Sie die Schande? Der
erste Schritt? Sie sind wahrscheinlich bestürzt? Es ist begreiflich,
sehr begreiflich ... Aber warum läßt man sich auf solche Sachen ein!
Meine Herrschaften!« wandte er sich an alle Anwesenden, -- »meine
Herrschaften! Weil ich Bedauern und Mitleid habe, bin ich bereit, es
sogar jetzt, trotz der empfangenen persönlichen Beleidigungen, zu
verzeihen. Möge Ihnen, Mademoiselle, die jetzige Schande als eine Lehre
für die Zukunft dienen,« -- wandte er sich an Ssonja, -- »ich aber
unterlasse alle weiteren Schritte und erledige hiermit die Sache.
Genug!«

Peter Petrowitsch blickte Raskolnikoff von der Seite an. Ihre Blicke
trafen sich. Der flammende Blick Raskolnikoffs wollte ihn zu Asche
verbrennen. Katerina Iwanowna schien nichts mehr gehört zu haben, sie
umarmte und küßte Ssonja wie wahnsinnig. Auch die Kinder hatten Ssonja
von allen Seiten mit ihren Händchen umfaßt und Poletschka, die nicht
ganz verstand, was vor sich ging, schien vollkommen in Tränen zu
ertrinken, sie krümmte sich vor lauter Schluchzen und verbarg ihr
hübsches, von Tränen geschwollenes Gesichtchen an Ssonjas Schulter.

»Ist das gemein!« -- ertönte plötzlich eine laute Stimme in der Türe.

Peter Petrowitsch blickte sich schnell um.

»Welch eine Gemeinheit!« -- wiederholte Lebesjätnikoff und blickte ihm
unverwandt in die Augen. Peter Petrowitsch zuckte zusammen. Alle hatten
es bemerkt. Nachher erinnerten sie sich dessen. Lebesjätnikoff trat in
das Zimmer.

»Und Sie haben es gewagt, mich als Zeugen anzurufen?« -- sagte er und
trat an Peter Petrowitsch heran.

»Was bedeutet das, Andrei Ssemenowitsch? Worüber sprechen Sie?« --
murmelte Luschin.

»Das bedeutet, daß Sie ... ein Verleumder sind, das bedeuten meine
Worte!« -- sagte Lebesjätnikoff eifrig und blickte ihn streng mit seinen
kurzsichtigen, kleinen Augen an.

Er war furchtbar böse. Raskolnikoff starrte ihn an, als fange er jedes
Wort auf. Wieder trat ein Schweigen ein. Peter Petrowitsch war bestürzt,
besonders im ersten Momente.

»Wenn Sie mir ...« -- begann er stotternd, -- »ja, was ist mit Ihnen?
Sind Sie bei Verstand?«

»Ich bin bei Verstand, Sie aber sind ... ein Gauner! Ach, wie ist das
gemein! Ich hörte die ganze Zeit zu, ich wartete immer absichtlich, um
alles zu verstehen, denn offen gestanden, alles ist mir bis jetzt noch
nicht ganz klar ... Aber warum haben Sie dies alles getan -- ich
verstehe es nicht!«

»Ja, was habe ich denn getan? Hören Sie doch auf, in Ihren unsinnigen
Rätseln zu sprechen! Oder haben Sie vielleicht zu viel getrunken?«

»Sie gemeiner Mensch, Sie trinken vielleicht, ich nicht. Ich trinke
nicht mal Schnaps, weil es gegen meine Überzeugungen ist. Denken Sie
sich, _er selbst_ hat mit eigenen Händen diesen Hundertrubelschein
Ssofja Ssemenowna gegeben, -- ich habe es gesehen, war Zeuge, ich kann
es beschwören! Er, er hat es getan!« -- wiederholte Lebesjätnikoff, sich
an alle und jeden einzelnen wendend.

»Sind Sie verrückt geworden oder nicht, Sie Milchbart?« -- kreischte
Luschin, -- »sie hat doch selbst in Ihrer Gegenwart ... sie hat doch
selbst soeben in Gegenwart aller bestätigt, -- daß sie außer den zehn
Rubel nichts von mir erhalten hat. Wie konnte ich es denn ihr
überreichen?«

»Ich habe es gesehen, ich habe es gesehen!« -- rief Lebesjätnikoff, --
»und obwohl es gegen meine Überzeugungen ist, bin ich doch bereit,
gleich vor Gericht jeden beliebigen Eid zu leisten, denn ich habe es
gesehen, wie er ihn ihr heimlich zusteckte! Ich Dummkopf aber dachte,
daß Sie es ihr aus gutem Herzen zusteckten! Während Sie sich von ihr an
der Türe verabschiedeten, als sie sich umwandte und Sie ihr die eine
Hand reichten, steckten Sie mit der anderen, mit der linken Hand ihr
heimlich das Papier in die Tasche hinein. Ich habe es gesehen! Ich habe
es gesehen!«

Luschin erbleichte.

»Was lügen Sie da vor!« -- rief er ihm frech zu, -- »ja, und wie konnten
Sie vom Fenster aus das Papier bemerken! Sie haben es geträumt ... Sie,
mit Ihren kurzsichtigen Augen. Sie phantasieren!«

»Nein, ich habe es nicht geträumt! Und obwohl ich weit stand, habe ich
alles, alles gesehen, und obgleich man vom Fenster aus tatsächlich
schwer ein Stück Papier unterscheiden kann, -- hier sagen Sie die
Wahrheit, -- wußte ich doch bestimmt, daß es ein Hundertrubelschein war,
denn als Sie Ssofja Ssemenowna den Zehnrubelschein gaben, -- ich habe es
selbst gesehen, -- nahmen Sie gleichzeitig vom Tische einen
Hundertrubelschein. Ich habe es gesehen, weil ich in diesem Augenblicke
in der Nähe war und weil mir sofort dabei ein Gedanke durch den Sinn
fuhr, weiß ich genau, daß Sie diesen Schein in der Hand hielten. Sie
haben ihn zusammengefaltet und hielten ihn die ganze Zeit in der Faust.
Ich vergaß es später, als Sie aber aufstanden, legten Sie den Schein aus
der rechten in die linke Hand und ließen ihn beinahe fallen; da besann
ich mich darauf, weil mir wieder derselbe Gedanke durch den Sinn fuhr,
und zwar, daß Sie heimlich ihr eine Wohltat erweisen wollen. Sie können
sich vorstellen, wie ich nun beobachtete, -- und da sah ich auch, wie es
Ihnen glückte, ihn in ihre Tasche zu stecken. Ich habe es gesehen, habe
es gesehen und werde schwören!« Lebesjätnikoff geriet fast außer Atem.
Von allen Seiten ertönten allerhand Ausrufe, die meistens Erstaunen
bedeuteten, aber in manchen brach auch ein drohender Ton durch. Alle
drängten sich um Peter Petrowitsch. Katerina Iwanowna stürzte zu
Lebesjätnikoff hin.

»Andrei Ssemenowitsch! Ich habe mich in Ihnen geirrt! Schützen Sie sie!
Sie allein treten für sie ein! Sie ist eine Waise, Gott hat Sie gesandt!
Andrei Ssemenowitsch, mein Lieber, Väterchen!«

Und Katerina Iwanowna, fast ganz außer sich, warf sich vor ihm auf die
Knie hin.

»Blödes Zeug!« -- brüllte Luschin, rasend vor Wut, -- »Sie reden blödes
Zeug, mein Herr ... >Ich vergaß es, besann mich, vergaß< -- was soll das
heißen! Also, ich soll ihr den Schein absichtlich zugesteckt haben?
Wozu? Zu welchem Zwecke? Was habe ich gemein mit dieser ...«

»Wozu? Das ist es ja, was ich selbst nicht begreife, das aber ist
sicher, daß ich die Wahrheit erzähle! Ich irre mich nicht, Sie
niederträchtiger Mensch, Sie Verbrecher; ich entsinne mich, daß mir
sofort damals die Frage in den Sinn kam, und zwar, als ich Ihnen dankte
und Ihnen die Hand drückte. Warum haben Sie es ihr heimlich in die
Tasche gesteckt? Das heißt warum heimlich? Vielleicht bloß aus dem
Grunde, weil Sie es vor mir verbergen wollten, da Sie wissen, daß ich
entgegengesetzter Ansicht bin und die Privatwohltätigkeit, als nicht
radikal heilend, verneine? Nun, und ich kam zu der Überzeugung, daß Sie
sich in der Tat vor mir schämen, solch einen Haufen Geld fortzugeben,
und außerdem meinte ich, daß Sie ihr vielleicht eine Überraschung
bereiten und sie in Staunen setzen wollten, wenn sie in ihrer Tasche
volle hundert Rubel finden wird. Denn manche Wohltäter lieben es sehr,
ihre Wohltaten so anzubringen, -- das weiß ich. Ich dachte auch, daß Sie
sie auf die Probe stellen wollen, das heißt, ob sie, wenn sie es
gefunden hat, kommen würde, um sich zu bedanken! Ich hatte auch den
Gedanken, daß Sie jeden Dank vermeiden möchten, damit ... nun, wie man
es sagt ... damit die rechte Hand nicht wüßte ... kurz, wie man es sagt
... Nun, mir kamen so viele Gedanken in den Sinn, daß ich beschloß, mir
alles nachher genauer zu überlegen, ich hielt es auch für unzart, Ihnen
zu zeigen, daß ich Ihr Geheimnis kenne. Mir kam aber der Gedanke, daß
Ssofja Ssemenowna möglicherweise das Geld verlieren könnte, ehe sie es
selbst bemerkt hat. Darum beschloß ich, hierher zu kommen, sie
herauszurufen und ihr mitzuteilen, daß man ihr einen Hundertrubelschein
in ihre Tasche gesteckt hat. Auf dem Wege hierher ging ich zuerst in das
Zimmer der Damen Kobyljätnikoff hinein, um ihnen die >allgemeinen
Ergebnisse der positiven Methode< zu überbringen und ihnen besonders den
Artikel von Piderit -- übrigens auch von Wagner -- zu empfehlen. Ich kam
dann hierher, und hier ist diese schlimme Geschichte passiert. Sagen
Sie, konnte ich, konnte ich alle diese Gedanken und Erwägungen gehabt
haben, wenn ich tatsächlich nicht gesehen hätte, daß Sie ihr hundert
Rubel in die Tasche gesteckt haben?«

Als Andrei Ssemenowitsch seine langatmige Rede mit so einem logischen
Abschluß beendet hatte, war er furchtbar ermüdet, und von seinem
Gesichte rann der Schweiß. Er konnte nicht einmal ordentlich russisch
sprechen, -- ohne jedoch eine andere Sprache zu kennen, -- so daß er mit
einem Male vollkommen erschöpft und nach seiner Advokatentat ganz bleich
war. Trotzdem hatte seine Rede eine außerordentliche Wirkung. Er hatte
mit solch einer Heftigkeit und solch einer Überzeugung gesprochen, daß
ihm alle offensichtlich glaubten. Peter Petrowitsch fühlte, daß seine
Sache schlecht stehe.

»Was geht es mich an, daß Ihnen allerhand dumme Fragen in den Kopf
gekommen sind,« -- rief er aus. -- »Das ist kein Beweis! Sie konnten
dies alles im Schlafe geträumt haben, das ist das ganze! Und ich sage
Ihnen, daß Sie lügen, mein Herr! Sie lügen und verleumden mich aus Wut,
und zwar aus Ärger, weil ich nicht bereit war, auf Ihre freigeistigen
und gottlosen sozialen Ideen einzugehen, das ist es!«

Aber diese Ausrede nützte Peter Petrowitsch nicht. Im Gegenteil, von
allen Seiten vernahm man mißbilligendes Gemurmel.

»Ah, damit kommst du!« -- rief Lebesjätnikoff. -- »Du lügst! Laß die
Polizei holen, ich werde schwören! Eins kann ich bloß nicht begreifen,
-- warum hat er so eine gemeine Handlung riskiert! Oh, gemeiner,
niederträchtiger Mensch!«

»Ich kann es erklären, warum er diese Handlung riskiert hat, und wenn es
nötig ist, werde auch ich einen Eid ablegen!« -- sagte endlich
Raskolnikoff mit fester Stimme und trat hervor.

Er schien fest und ruhig. Allen wurde es klar bei seinem Anblicke, daß
er tatsächlich wußte, um was es sich handle, und daß es zu einer Lösung
gekommen war.

»Jetzt ist mir alles vollkommen klar,« -- fuhr Raskolnikoff fort und
wandte sich an Lebesjätnikoff. -- »Gleich am Anfange der Geschichte
hatte ich den Verdacht, daß irgendein gemeiner Kniff dahinter stecke;
ich schöpfte ihn infolge gewisser besonderer Umstände, die nur mir
allein bekannt sind, und die ich sogleich allen erklären will, -- um sie
dreht sich auch die ganze Sache. Sie, Andrei Ssemenowitsch, haben durch
Ihr wertvolles Zeugnis mir alles endgültig erklärt. Ich bitte alle, alle
zuzuhören. Dieser Herr,« -- er zeigte auf Luschin, -- »freite vor kurzem
um ein junges Mädchen, und zwar um meine Schwester, Awdotja Romanowna
Raskolnikowa. Nach seiner Ankunft in Petersburg hatte er sich vorgestern
bei unserem ersten Zusammentreffen mit mir überworfen, und ich habe ihn
hinausgejagt, ich habe zwei Zeugen dafür. Dieser Mensch ist sehr boshaft
... Vorgestern wußte ich noch gar nicht, daß er hier bei Ihnen, Andrei
Ssemenowitsch, lebt, und daß er an demselben Tage, wo wir uns überworfen
hatten, das heißt vorgestern, Zeuge war, wie ich, als Freund des
verstorbenen Herrn Marmeladoff, seiner Gattin Katerina Iwanowna etwas
Geld zur Beerdigung übergab. Er schrieb sofort an meine Mutter einen
Brief und teilte ihr mit, daß ich das Geld nicht Katerina Iwanowna,
sondern Ssofja Ssemenowna abgegeben hätte, wobei er in den
niederträchtigsten Ausdrücken über ... über den Charakter Ssofja
Ssemenownas sich äußerte, das heißt über die Art meiner Beziehungen zu
Ssofja Ssemenowna. Dies alles tat er, wie Sie verstehen, in der Absicht,
mich mit meiner Mutter und Schwester zu entzweien, indem er ihnen
glaubhaft zu machen suchte, daß ich zu unanständigen Zwecken ihr letztes
Geld, mit dem sie mich unterstützten, verprasse. Gestern abend stellte
ich, in Gegenwart meiner Mutter und Schwester und in seiner Anwesenheit,
die Wahrheit fest, ich bewies, daß ich das Geld Katerina Iwanowna zur
Beerdigung und nicht Ssofja Ssemenowna überreicht habe, und daß ich
vorgestern mit Ssofja Ssemenowna noch nicht bekannt war und sie sogar
zum erstenmal gesehen habe. Dabei fügte ich hinzu, daß er, Peter
Petrowitsch Luschin, mit allen seinen Vorzügen nicht mal des kleinen
Fingers von Ssofja Ssemenowna, über die er sich so schlecht geäußert
habe, wert sei. Auf seine Frage, ob ich Ssofja Ssemenowna neben meine
Schwester hinsetzen würde, -- antwortete ich, daß ich es bereits am
selben Tage getan hätte. Da er darüber böse wurde, daß meine Mutter und
Schwester auf seine Verleumdungen hin sich mit mir nicht überwerfen
wollten, begann er ihnen unverzeihliche Frechheiten zu sagen. Es kam zu
einem endgültigen Bruche und man jagte ihn aus dem Hause. Dies alles war
gestern abend vorgefallen. Ich bitte Sie jetzt um besondere
Aufmerksamkeit, -- stellen Sie sich vor, wäre es ihm jetzt gelungen,
Ssofja Ssemenowna des Diebstahls zu überführen, so hätte er doch damit
meiner Schwester und Mutter bewiesen, erstens, daß er recht hatte mit
seinen Verdächtigungen; zweitens, daß er mit vollkommenem Rechte darüber
böse wurde, weil ich meine Schwester und Ssofja Ssemenowna auf gleiche
Stufe gestellt habe, und drittens, daß er mit seinem Angriffe auf mich
die Ehre meiner Schwester und seiner Braut verteidigte und in Schutz
nahm. Mit einem Worte, er konnte mich durch dieses alles mit meinen
Verwandten entzweien, und hoffte sicher, dadurch wieder bei ihnen zu
Gnaden zu kommen. Ich rede schon gar nicht davon, daß er zugleich an mir
persönlich Rache nahm, weil er Gründe hat anzunehmen, daß die Ehre und
das Glück Ssofja Ssemenownas mir teuer sind. Das war seine ganze
Berechnung! In dieser Weise fasse ich die Sache auf. Das ist der ganze
Grund, und einen anderen kann es nicht geben!«

So etwa schloß Raskolnikoff seine Rede, oft durch Ausrufe der Anwesenden
unterbrochen, die sehr aufmerksam zuhörten. Aber trotz der
Unterbrechungen sprach er scharf, ruhig, genau, klar und entschlossen.
Seine scharfe Stimme, sein überzeugter Ton und sein strenges Gesicht
machten auf alle einen ungewöhnlichen Eindruck.

»Ja, so wird es gewesen sein, ja, so ist es!« -- pflichtete
Lebesjätnikoff entzückt bei. -- »Es muß richtig sein, denn er hat mich
gerade gefragt, als Ssofja Ssemenowna zu uns ins Zimmer eintrat, -- ob
Sie hier wären? Ob ich Sie unter den Gästen von Katerina Iwanowna nicht
gesehen hätte? Er rief mich aus diesem Grunde zum Fenster und fragte
mich dort leise. Also war es für ihn von Wichtigkeit, daß Sie da sind!
Das ist richtig, das stimmt!«

Luschin schwieg und lächelte verächtlich. Er war aber sehr blaß
geworden. Es schien, als überlege er sich, wie er sich aus der Affäre
ziehen könne. Er hätte vielleicht gern alles mit Vergnügen im Stiche
gelassen und wäre fortgegangen, aber es war unmöglich; es wäre
gleichbedeutend gewesen mit einer Anerkennung der Wahrheit der
angeführten Beschuldigung, daß er Ssofja Ssemenowna verleumdet hatte.
Die Anwesenden waren zudem etwas angetrunken und zu erregt. Der
Proviantmeister, der zwar nicht alles verstanden hatte, schrie am
meisten und schlug einige für Luschin ziemlich peinliche Maßregeln vor.
Es waren aber auch nicht Angetrunkene darunter; aus allen Zimmern hatten
sich Menschen eingefunden. Die drei Polen waren furchtbar aufgebracht
und riefen in einem fort »Pane Strolch!« ihm zu, wobei sie noch einige
Drohungen in polnischer Sprache murmelten. Ssonja hörte mit Anstrengung
zu, aber sie schien nicht alles zu begreifen, es war, als erwache sie
aus einer Ohnmacht. Sie wendete ihre Augen nicht von Raskolnikoff ab,
sie fühlte, daß er ihr einziger Schutz war. Katerina Iwanowna atmete
schwer und heiser und schien schrecklich erschöpft zu sein. Am
allerdümmsten stand Amalie Iwanowna da mit offenem Munde und begriff gar
nichts. Sie begriff bloß, daß Peter Petrowitsch irgendwie ertappt sei.
Raskolnikoff bat wieder ums Wort, aber man ließ ihn nicht zu Ende reden,
-- alle schrien und drängten sich mit Geschimpfe und Drohungen um
Luschin. Ihm aber wurde nicht bange. Als er sah, daß die Sache mit der
Beschuldigung Ssonjas vollständig verspielt sei, ergriff er seine
Zuflucht zur Dreistigkeit.

»Erlauben Sie, meine Herrschaften, erlauben Sie, drängen Sie nicht so,
lassen Sie mich durchgehen!« -- sagte er und zwängte sich durch die
Menge hindurch, -- »und tun Sie mir den Gefallen und drohen Sie nicht.
Ich versichere Sie, daß daraus nichts wird, daß Sie nichts tun werden,
ich bin nicht von den Ängstlichen, im Gegenteil, meine Herrschaften, Sie
werden noch zur Verantwortung gezogen dafür, daß Sie durch Gewalt eine
Kriminalsache vertuscht haben. Die Diebin ist mehr als überführt, und
ich werde sie gerichtlich belangen. Im Gerichte ist man nicht so blind
und ... nicht betrunken, und wird nicht gleich zwei abgefeimten
Gottesleugnern, Aufrührern und Freigeistern glauben, die mich aus
persönlicher Rache beschuldigen, was sie selbst in ihrer Dummheit
zugeben ... Erlauben Sie!«

»Scheren Sie sich aus meinem Zimmer, ziehen Sie sofort aus. Zwischen uns
ist alles aus! Und wenn ich denke, wie ich mich angestrengt und bemüht
habe, ihm alles erklärt habe ... volle zwei Wochen ...«

»Ich habe Ihnen, Andrei Ssemenowitsch, doch vorhin selbst gesagt, daß
ich ausziehe, als Sie mich noch baten zu bleiben. Jetzt will ich bloß
hinzufügen, daß Sie ein dummer Kerl sind. Ich wünsche Ihnen Ihren
Verstand und Ihre halbblinden Augen zu kurieren. Erlauben Sie, meine
Herrschaften!«

Er drängte sich durch, aber der Proviantmeister wollte ihn nicht so
leichten Kaufes, bloß mit Schimpfwörtern, herauslassen, -- er ergriff
vom Tische ein Glas, holte aus und schleuderte es gegen Peter
Petrowitsch, doch das Glas traf Amalie Iwanowna. Sie kreischte auf, der
Proviantmeister verlor das Gleichgewicht und fiel schwer unter den
Tisch. Peter Petrowitsch ging in sein Zimmer, und nach einer halben
Stunde hatte er das Haus verlassen. Ssonja, schüchtern von Natur, wußte
es längst, daß man sie leichter als jeden anderen zugrunde richten
konnte, und daß jeder sie fast straflos beleidigen durfte. Trotzdem aber
glaubte sie bis zu diesem Augenblick, daß man einem Unglück irgendwie,
durch Vorsicht, Sanftmut, Nachgiebigkeit allen und jedem einzelnen
gegenüber entgehen konnte. Ihre Enttäuschung war zu schwer. Sie konnte
gewiß mit Geduld und ohne zu murren alles, -- auch dies letzte ertragen.
Aber im ersten Augenblicke war es ihr doch zu schwer gefallen. Trotz
ihres Triumphes und ihrer Rechtfertigung, -- als der erste Schreck und
die erste Erstarrung vorüber waren, als sie alles deutlich und klar
verstanden hatte, -- schnürte das Gefühl der Hilflosigkeit und Kränkung
ihr qualvoll das Herz zusammen. Sie bekam einen nervösen Anfall und
hielt es nicht länger aus, stürzte aus dem Zimmer und lief nach Hause.
Das geschah fast unmittelbar, nachdem Luschin fortgegangen war. Als
Amalie Iwanowna unter lautem Lachen der Anwesenden von dem Glase
getroffen wurde, -- hatte sie genug davon, nur für andere zu büßen. Mit
Gekreisch stürzte sie wie wahnsinnig auf Katerina Iwanowna zu und maß
ihr die Schuld an allem bei.

»Hinaus aus der Wohnung! Sofort! Marsch!« -- und mit diesen Worten
begann sie alles, was ihr von den Sachen Katerina Iwanownas unter die
Hände kam, auf die Diele zu werfen.

Katerina Iwanowna, ohnedem fast halbtot und einer Ohnmacht nahe, sprang
vom Bette, auf das sie in völliger Ermattung hingesunken war,
schweratmend und bleich auf und stürzte sich auf Amalie Iwanowna. Der
Kampf aber war zu ungleich; die letztere stieß sie, wie eine Feder, von
sich.

»Wie! Nicht genug, daß man mich gottlos verleumdet hat, -- auch diese
Kreatur ist gegen mich! Wie! Am Tage der Beerdigung meines Mannes jagt
man mich, nach meinem Festmahl, mit den Waisen auf die Straße hinaus!
Ja, wohin soll ich denn!« -- sagte die arme Frau mit Schluchzen und
beinahe erstickend. -- »Oh, Gott!« -- rief sie plötzlich mit funkelnden
Augen, -- »gibt es denn keine Gerechtigkeit! Wen sollst Du denn
schützen, wenn nicht uns verlassene Waisen? Aber wir wollen mal sehen?
Es gibt noch in der Welt Recht und Wahrheit, es gibt sie noch, und ich
will sie finden! Warte, du gottlose Kreatur! Poletschka, bleibe bei den
Kindern, ich komme bald zurück. Wartet auf mich, meinetwegen auf der
Straße! Wir wollen sehen, ob es in der Welt Gerechtigkeit gibt!«

Katerina Iwanowna warf dasselbe grüne große Umlegetuch über den Kopf,
das der verstorbene Marmeladoff in seiner Erzählung erwähnt hatte,
drängte sich durch die unordentliche und betrunkene Menge der Mieter,
die noch immer das Zimmer anfüllten, und lief mit Geheul und unter
Tränen auf die Straße hinaus, -- mit der unbedingten Absicht, irgendwo
sofort, unverzüglich und um jeden Preis Gerechtigkeit zu finden.
Poletschka verkroch sich voller Angst mit den Kindern in einer Ecke; sie
umschlang, am ganzen Körper zitternd, die beiden Kleinen und begann die
Rückkehr der Mutter zu erwarten. Amalie Iwanowna lief aufgeregt im
Zimmer herum, kreischte, klagte, schleuderte alles, was ihr in den Weg
kam, auf die Diele und lärmte. Die Mieter schrien durcheinander, --
einige besprachen das Geschehene, wie sie es verstanden, andere zankten
sich und schimpften, einige wieder stimmten ein Lied an ...

»Jetzt muß ich auch gehen!« -- dachte Raskolnikoff. -- »Nun, Ssofja
Ssemenowna, wir wollen sehen, was Sie jetzt sagen werden!«

Und er ging nach Ssonjas Wohnung.


                                  IV.

Raskolnikoff war ein tüchtiger und mutiger Fürsprecher Ssonjas gegen
Luschin gewesen, trotzdem so viel eigener Schrecken und eigenes Leid auf
seiner Seele lasteten. Weil er aber am Morgen so stark gelitten hatte,
so war er gewissermaßen froh, seine Eindrücke, die ihm unerträglich
wurden, zu ändern, ganz abgesehen davon, wieviel Persönliches und
Herzliches in seinem Bestreben lag, für Ssonja einzutreten. Außerdem
ging ihm die bevorstehende Zusammenkunft mit Ssonja nicht aus dem Sinn
und beunruhigte ihn in manchen Augenblicken furchtbar, -- er _mußte_ ihr
sagen, wer Lisaweta ermordet hat, fühlte die schreckliche Qual im voraus
und suchte sich ihrer zu erwehren. Als er die Wohnung Katerina Iwanownas
verließ und ausrief: -- »Nun, was werden Sie jetzt sagen, Ssofja
Ssemenowna?« -- da befand er sich offenbar noch in einem äußerlich
erregten Zustande der Rüstigkeit und Kampflust, der Freude über den eben
errungenen Sieg. Aber das hielt nicht vor. Als er die Wohnung von
Kapernaumoff erreicht hatte, empfand er eine plötzliche Erschlaffung und
Furcht. Er blieb in Gedanken vor der Türe stehen und legte sich die
sonderbare Frage vor, -- »muß ich denn sagen, wer Lisaweta ermordet
hat?« Die Frage war sonderbar, denn er fühlte doch zugleich, daß es
gesagt werden müsse, und jetzt gleich ohne den geringsten Aufschub. Er
wußte selber nicht, warum; aber er _fühlte_ es, und dieses qualvolle
Bewußtsein seiner Schwäche der Notwendigkeit gegenüber erdrückte ihn
fast. Um nicht mehr zu überlegen und sich nicht mehr zu quälen, öffnete
er schnell die Türe und schaute Ssonja von der Schwelle aus an. Sie saß
auf den Tisch gestützt und hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt; als
sie Raskolnikoff erblickte, stand sie schnell auf und ging ihm entgegen,
als hätte sie ihn erwartet.

»Was wäre aus mir geworden ohne Sie!« -- sagte sie hastig, als sie in
der Mitte des Zimmers mit ihm zusammentraf.

Offenbar hatte sie ihn erwartet, um ihm dies zu sagen.

Raskolnikoff ging zu dem Tisch und setzte sich auf den Stuhl, von dem
sie soeben aufgestanden war. Sie blieb zwei Schritte vor ihm stehen,
genau wie gestern.

»Nicht wahr, Ssonja?« -- sagte er und fühlte plötzlich, daß seine Stimme
zittere, -- »die ganze Sache beruhte doch auf >der gesellschaftlichen
Lage und auf den damit zusammenhängenden Gewohnheiten<. Haben Sie es
vorhin verstanden?«

Tiefes Leid zeigte sich auf ihrem Gesichte.

»Sprechen Sie nicht mit mir, wie gestern!« -- unterbrach sie ihn. --
»Bitte, fangen Sie nicht an. Es ist schon genug Qual ...«

Sie lächelte schnell, aus Angst, daß ihm vielleicht der Vorwurf
mißfallen könnte.

»Es war dumm von mir, von dort wegzugehen. Was mag jetzt dort geschehen?
Ich wollte soeben wieder hingehen, aber ich dachte, daß Sie vielleicht
... kommen werden.«

Er erzählte ihr, daß Amalie Iwanowna sie aus der Wohnung jage, und daß
Katerina Iwanowna fortgelaufen sei, »Gerechtigkeit zu suchen«.

»Ach, mein Gott!« -- erschrak Ssonja, -- »gehen wir schnell hin ...«

Und sie ergriff ihre Mantille.

»Ewig ein und dasselbe!« -- rief Raskolnikoff gereizt, -- »Sie denken
bloß immer an die! Bleiben Sie bei mir.«

»Und ... Katerina Iwanowna?«

»Katerina Iwanowna wird Ihnen sicher nicht entgehen, sie wird selbst zu
Ihnen kommen, wenn sie schon einmal das Haus verlassen hat,« -- fügte er
mürrisch hinzu. -- »Wenn sie Sie nicht zu Hause antrifft, werden Sie
doch wieder daran schuld sein ...«

Ssonja setzte sich in qualvoller Unentschlossenheit auf einen Stuhl.
Raskolnikoff schwieg, blickte zu Boden und überlegte.

»Angenommen, Luschin habe es jetzt nicht gewollt,« -- begann er, ohne
Ssonja anzublicken. -- »Wie, wenn er es gewollt hätte oder wenn es
irgendwie in seinen Absichten gelegen wäre, -- so hätte er Sie ins
Gefängnis gebracht, wenn nicht ich und Lebesjätnikoff zufällig dagewesen
wären! Nicht?«

»Ja,« -- antwortete sie mit schwacher Stimme, -- »ja!« -- wiederholte
sie zerstreut und voll Unruhe.

»Ich konnte doch wirklich verhindert sein! Und Lebesjätnikoff kam ganz
zufällig hinzu.«

Ssonja schwieg.

»Nun, und wenn Sie ins Gefängnis gekommen wären, was dann? Erinnern Sie
sich, was ich gestern sagte?«

Sie antwortete wieder nicht. Raskolnikoff wartete eine Weile.

»Ich dachte, Sie würden wieder schreien, -- >ach, sprechen Sie nicht,
hören Sie auf!<« -- lachte Raskolnikoff, scheinbar gezwungen. -- »Was,
Sie schweigen wieder?« -- fragte er nach einem Augenblick. -- »Man muß
doch über etwas reden! Mir wäre es interessant zu erfahren, wie Sie
jetzt eine >Frage<, wie Lebesjätnikoff sagt, lösen würden.« -- Er schien
den Faden zu verlieren. -- »Nein, ich spreche in allem Ernst. Stellen
Sie sich vor, Ssonja, daß Sie alle Absichten Luschins im voraus gewußt
hätten, Sie hätten gewußt, daß dadurch Katerina Iwanowna und auch die
Kinder völlig zugrunde gehen würden, auch Sie, als Dreingabe, -- Sie
selber rechnen sich ja nicht, drum sage ich als _Dreingabe_ zu jenen.
Poletschka ebenfalls ... denn ihr steht derselbe Weg bevor. Nun, also,
-- wenn man Ihnen plötzlich dies alles zur Entscheidung übergeben hätte,
-- soll er oder sollen jene am Leben bleiben, das heißt, soll Luschin am
Leben bleiben und Scheußlichkeiten vollziehen oder soll Katerina
Iwanowna sterben? Wie würden Sie entscheiden, wer von den beiden sollte
sterben? Ich frage Sie!«

Ssonja blickte ihn unruhig an, -- sie ahnte etwas besonderes in dieser
unsicheren, weit ausgeholten Rede.

»Ich hatte ein Vorgefühl, daß Sie so etwas fragen werden,« -- sagte sie
und sah ihn forschend an.

»Gut; mag sein, aber, wie soll es entschieden werden?«

»Warum fragen Sie, was unmöglich zu beantworten ist?« -- sagte Ssonja
mit Widerwillen.

»Also, es ist besser, daß Luschin weiterlebt und Scheußlichkeiten
verübt! Auch dieses haben Sie nicht gewagt zu entscheiden?«

»Ja, ich kenne doch die Vorsehung Gottes nicht ... Und warum fragen Sie,
was man nicht fragen darf? Wozu solche leere Fragen? Wie kann es
vorkommen, daß dieses von meiner Entscheidung abhängen soll? Und wer hat
mich hier zum Richter bestellt, wer leben soll und wer nicht leben
soll?«

»Wenn Gottes Vorsehung schon mitredet, da ist freilich nichts zu
machen,« -- brummte Raskolnikoff finster.

»Sagen Sie besser offen, was Sie wollen!« -- rief Ssonja gramvoll aus.
-- »Sie haben wieder etwas im Sinn ... Sind Sie etwa nur gekommen, um
mich zu quälen?«

Sie hielt es nicht aus und weinte plötzlich bitter. Er sah sie mit
düsterer Schwermut an. Es verging eine geraume Weile.

»Du hast recht, Ssonja,« -- sagte er endlich leise.

Er war plötzlich verändert; der gemachte dreiste und kraftlos
herausfordernde Ton war verschwunden. Selbst seine Stimme war schwächer
geworden. »Ich habe dir selbst gestern gesagt, daß ich kommen werde,
nicht um Verzeihung zu bitten, habe aber beinahe schon damit begonnen
... Von Luschin und Gottes Vorsehung habe ich meinetwegen gesprochen ...
Ich habe damit um Verzeihung bitten wollen, Ssonja ...«

Er wollte lächeln, aber er brachte es nur zu einem kraftlosen und wehen
Versuch. Er ließ den Kopf sinken und bedeckte das Gesicht mit den
Händen.

Da zog in sein Herz ein eigentümliches Gefühl, wie das eines brennenden
Hasses gegen Ssonja. Selber betroffen und erschrocken über dieses
Gefühl, erhob er plötzlich den Kopf und blickte sie aufmerksam an, aber
er begegnete ihrem unruhigen und qualvoll besorgten Blicke; und vor der
Liebe in diesem Blick verschwand sein Haß wie ein Gespenst. Es war nicht
also das; er hatte das eine Gefühl für das andere gehalten. Das
bedeutete bloß, daß _der_ Augenblick gekommen war.

Wieder bedeckte er sein Gesicht mit den Händen und senkte den Kopf.
Plötzlich erbleichte er, stand vom Stuhle auf, sah Ssonja an und setzte
sich, ohne ein Wort gesagt zu haben, mechanisch auf ihr Bett hin.

Dieser Moment war in seiner Empfindung jenem schrecklich ähnlich, als er
hinter der Alten stand, das Beil aus der Schlinge schon hervorgezogen
hatte und fühlte, daß »kein Augenblick mehr zu verlieren sei«.

»Was ist Ihnen?« -- fragte Ssonja erschreckt.

Er brachte kein Wort hervor. So hatte er sich das Geständnis nicht
vorgestellt und begriff selbst nicht, was mit ihm jetzt vorging. Sie
ging leise zu ihm hin, setzte sich neben ihn auf das Bett hin und
wartete, ohne die Augen von ihm abzuwenden. Ihr Herz klopfte und
stockte. Es wurde unerträglich; er wandte sein totenblasses Gesicht zu
ihr; seine Lippen verzogen sich kraftlos in der Bemühung, etwas
auszusprechen. Und Entsetzen drang in Ssonjas Herz.

»Was ist Ihnen?« -- sagte sie und wich ein wenig von ihm zurück.

»Nichts, Ssonja. Ängstige dich nicht ... Unsinn! Wirklich, wenn man es
sich überlegt, -- ist es Unsinn,« -- murmelte er mit dem Aussehen eines
besinnungslosen Fieberkranken. -- »Warum bin ich bloß gekommen, um dich
zu quälen?« -- fügte er plötzlich hinzu, sie anblickend. -- »Wirklich.
Wozu? Ich lege mir immer diese Frage vor, Ssonja ...«

Er hatte sich vielleicht diese Frage vor einer Viertelstunde vorgelegt,
jetzt aber sagte er es in völliger Kraftlosigkeit, kaum sich selber
bewußt, und fühlte ein ständiges Frösteln im ganzen Körper.

»Ach, wie Sie sich quälen!« -- sagte sie mit ihm leidend und betrachtete
ihn.

»Alles ist Unsinn! ... Höre, Ssonja,« -- er lächelte plötzlich, aber
bleich und schwach, einen kurzen Moment -- »erinnerst du dich, was ich
dir gestern sagen wollte?«

Ssonja wartete voll Unruhe. --

»Ich sagte, als ich fortging, daß ich vielleicht für immer von dir
Abschied nehme, aber wenn ich heute käme, so wollte ich dir sagen ...
wer Lisaweta ermordet hat.«

Sie zitterte plötzlich am ganzen Körper.

»Nun, ich bin jetzt gekommen, es dir zu sagen.«

»Haben Sie gestern tatsächlich es ...,« -- flüsterte Ssonja mit Mühe, --
»woher wissen Sie es denn?« -- fragte sie ihn schnell, als wäre sie
plötzlich zur Besinnung gekommen.

Ssonja begann schwer zu atmen. Ihr Gesicht wurde immer bleicher und
bleicher.

»Ich weiß es.«

Sie schwieg einen Augenblick.

»Hat man _ihn_ gefunden?« -- fragte sie zaghaft.

»Nein, man hat ihn nicht gefunden.«

»Wie wissen Sie _es_ denn?« -- fragte sie wieder kaum hörbar und nach
einem fast minutenlangen Schweigen.

Er wandte sich zu ihr um und blickte sie scharf und unverwandt an.

»Errate es,« -- sagte er mit dem früheren wehen und kraftlosen Lächeln.

Ihren ganzen Körper schienen Krämpfe zu durchziehen. »Ja, Sie ... mich
... warum ... ängstigen Sie mich so?« -- fragte sie, lächelnd, wie ein
Kind.

»Ich war doch wohl mit _ihm_ sehr gut bekannt ... wenn ich es weiß,« --
fuhr Raskolnikoff fort und blickte ihr in einem fort ins Gesicht, als
wäre er nicht imstande, die Augen abzuwenden, -- »er wollte diese
Lisaweta ... nicht ermorden ... Er hat sie ... zufällig ermordet ... Er
wollte die Alte ermorden ... wenn sie allein war ... und kam hin ... Da
trat aber Lisaweta ein ... Er hat sie dann ... auch ermordet.«

Wieder eine furchtbare Pause. Beide blickten die ganze Zeit einander an.

»Also, du kannst es nicht erraten?« -- sagte er plötzlich mit einem
Gefühle, als stürze er sich von einem Turme hinab.

»N--nein,« flüsterte Ssonja kaum hörbar.

»Sieh mal ordentlich her.«

Und kaum hatte er es gesagt, als eine schon einmal gehabte Empfindung
seine Seele erstarren ließ, -- er sah sie an und ihm war plötzlich, als
erblickte er in ihrem Gesichte Lisawetas Ausdruck. So hatte sie
ausgesehen, als er sich damals ihr mit dem Beile näherte und sie vor ihm
mit vorgestreckter Hand, eine völlig kindliche Angst im Gesichte,
zurückwich, genau, wie wenn kleine Kinder vor irgend etwas Angst
bekommen, und unbeweglich und unruhig den sie ängstigenden Gegenstand
anblicken, zurückweichen, die Händchen nach vorne strecken und sich
anschicken, zu weinen. Fast dasselbe geschah jetzt auch mit Ssonja, --
ebenso kraftlos, mit derselben Angst sah sie eine Weile ihn an,
plötzlich streckte sie die linke Hand vor, stieß ihn ganz leicht mit den
Fingern an die Brust, begann langsam vom Bette aufzustehen, wich immer
mehr und mehr vor ihm zurück und ihr auf ihn gerichteter Blick wurde
immer unbeweglicher. Ihr Entsetzen teilte sich plötzlich auch ihm mit,
-- dieselbe Angst erschien auch in seinem Gesichte, -- er begann sie
ebenso anzusehen und sogar fast mit demselben Lächeln eines geängsteten
Kindes.

»Hast du es erraten?« -- flüsterte er endlich.

»Oh, Gott!« -- entrang sich ein furchtbarer Schrei ihrer Brust.

Sie fiel kraftlos auf das Bett mit dem Gesichte auf das Kopfkissen hin.
Aber nach einem Augenblicke erhob sie sich schnell, rückte zu ihm hin,
erfaßte seine beiden Hände, drückte sie stark mit ihren dünnen Fingern
und begann von neuem ihm unbeweglich, wie fest gebannt, ins Gesicht zu
blicken. Mit diesem letzten verzweifelten Blick wollte sie die winzigste
letzte Hoffnung für sich herauslesen und erspähen. Aber es war keine
Hoffnung; kein Zweifel blieb nach, alles war _so_! Nachher sogar, wenn
sie sich an diesen Augenblick entsann, war es ihr seltsam und
merkwürdig, -- woraus hatte sie damals _sofort_ gesehen, daß es keinen
Zweifel mehr gab? Es war doch keine Rede davon, daß sie z. B. ein
Vorgefühl von etwas derartigem gehabt hatte? Nun aber schien es ihr,
nachdem er es ihr kaum gesagt hatte, als habe sie wirklich _das_ alles
geahnt.

»Genug, Ssonja, genug! Quäle mich nicht!« -- bat er mit einem Ausdrucke
schweren Leidens.

Er hatte gar nicht, ganz und gar nicht gedacht, ihr in dieser Weise es
zu sagen, aber es war so gekommen.

Sie sprang, wie außer sich, auf, rang die Hände und ging bis zur Mitte
des Zimmers, aber sie wandte sich schnell um, setzte sich wieder neben
ihn hin, so daß ihre Schultern sich fast berührten. Plötzlich fuhr sie,
wie durchbohrt, zusammen, schrie auf und stürzte, ohne zu wissen, was
sie tat, vor ihm auf die Knie hin.

»Was haben Sie, was haben Sie sich angetan!« -- sagte sie voll
Verzweiflung, sprang von den Knien auf, warf sich ihm um den Hals,
umarmte ihn und preßte ihn stark an sich.

Raskolnikoff wich zurück und blickte sie mit einem traurigen Lächeln an.

»Wie du sonderbar bist, Ssonja, -- du umarmst und küßt mich, nachdem ich
dir _dieses_ gesagt habe. Du bist deiner selbst nicht bewußt.«

»Nein, es gibt jetzt niemand in der ganzen Welt, der unglücklicher ist,
als du!« -- rief sie, wie in Verzückung, ohne seine Bemerkung gehört zu
haben, und dann weinte sie laut und krankhaft.

Ein ihm seit langem unbekanntes Gefühl überflutete seine Seele und
machte sie erweichen. Er sträubte sich nicht dagegen, -- zwei Tränen
rollten aus seinen Augen und blieben an den Wimpern hängen.

»Du wirst mich also nicht verlassen, Ssonja?« -- sagte er und blickte
sie fast mit Hoffnung an.

»Nein, nein. Nie und nimmer!« -- rief Ssonja aus, -- »ich werde dir
folgen, ich werde dir überall hin folgen! Oh, Gott! ... Ach, ich
Unglückliche! ... Und warum, warum habe ich dich nicht früher gekannt!
Warum bist du nicht früher gekommen? Oh, Gott!«

»Ich _bin_ doch gekommen.«

»Jetzt! Oh, was ist jetzt zu tun! ... Zusammen, zusammen!« --
wiederholte sie, wie bewußtlos, und umarmte ihn von neuem, -- »ich werde
mit dir in die Zwangsarbeit nach Sibirien gehen!«

Er zuckte zusammen, das frühere haßerfüllte und fast hochmütige Lächeln
zeigte sich auf seinen Lippen.

»Ich will vielleicht nicht einmal in die Zwangsarbeit gehen, Ssonja,« --
sagte er.

Ssonja blickte ihn schnell an.

Nach dem ersten leidenschaftlichen und qualvollen Ausbruche des
Mitgefühles für den Unglücklichen erschütterte sie wieder der
schreckliche Gedanke an den Mord. In dem veränderten Tone seiner Worte
spürte sie den Mörder. Sie blickte ihn erstaunt an. Sie wußte noch gar
nichts, weder warum, noch wie, noch zu welchem Zwecke es geschehen war.
Jetzt tauchten alle diese Fragen mit einem Male in ihrem Bewußtsein auf.
Und wieder glaubte sie nicht, -- »er, er ein Mörder! Ja, ist es denn
möglich?«

»Was ist denn? Wo stehe ich denn?« -- sagte sie in tiefem Zweifel, als
wäre sie noch nicht zu sich gekommen, -- »wie konnten, wie konnten Sie,
_solch ein Mensch_ ... sich dazu entschließen ... Was war es denn!«

»Doch wohl, um zu rauben. Höre auf, Ssonja!« -- antwortete er müde und
fast ärgerlich.

Ssonja stand wie betäubt, plötzlich aber rief sie aus: »Du warst
hungrig! Du ... um der Mutter zu helfen? Ja?«

»Nein, Ssonja, nein,« -- murmelte er, sich abwendend und ließ den Kopf
sinken, -- »ich war nicht so hungrig ... ich wollte wohl der Mutter
helfen, aber ... auch das ist nicht ganz richtig ... quäl mich nicht,
Ssonja!«

Ssonja schlug die Hände zusammen.

»Ist es wirklich, ist es wirklich wahr! Oh, Gott, was ist das für eine
Wahrheit? Wer kann denn daran glauben? ... Und wie, gaben Sie nicht
selbst das Letzte fort, und haben ermordet, um zu rauben! Ah! ...« --
rief sie plötzlich, -- »das Geld, das Sie Katerina Iwanowna gegeben
haben ... dieses Geld ... oh, Gott, ist auch dieses Geld ...«

»Nein, Ssonja,« -- unterbrach er sie hastig, -- »dieses Geld war nicht
von dort, beruhige dich! Dieses Geld hat mir meine Mutter durch einen
Kaufmann geschickt, und ich habe es erhalten, als ich krank war, am
selben Tage, als ich es fortgegeben habe ... Rasumichin hat es gesehen
... er hat es für mich empfangen ... dieses Geld war mein eigenes,
gehörte wirklich mir.«

Ssonja hörte ihm unentschlossen zu und versuchte mit allen Kräften etwas
zu begreifen.

»Und _jenes_ Geld ... ich weiß übrigens nicht mal, ob auch Geld da war,«
-- fügte er leise und wie sinnend hinzu, -- »ich habe ihr damals einen
Beutel aus Sämischleder vom Halse genommen ... einen dicken,
vollgestopften Beutel ... ich habe aber nicht hineingeblickt;
wahrscheinlich hatte ich keine Zeit ... Nun, und die Sachen, allerhand
Manschettenknöpfe und Ketten, -- alle diese Sachen und den Beutel habe
ich auf einem fremden Hofe, am W--schen Prospekt, unter einem Steine
versteckt ... am andern Morgen noch ... Alles liegt jetzt noch dort ...«

Ssonja hörte angestrengt zu.

»Warum denn ... wenn Sie selbst sagten, um zu rauben, haben Sie doch
nichts genommen?« -- fragte sie ihn schnell, nach einem letzten
Strohhalme greifend.

»Ich weiß es nicht ... ich habe mich noch nicht entschlossen, -- ob ich
dieses Geld nehmen soll oder nicht,« -- sagte er wieder, wie sinnend,
und plötzlich lächelte er schnell und kurz, -- »ach, welch eine Dummheit
habe ich soeben gesagt!«

Ssonja durchfuhr ein Gedanke, -- »ist er etwa verrückt?« Aber sie ließ
ihn sofort fallen, -- »nein, hier ist etwas anderes«. Aber sie begriff
gar nichts, rein gar nichts!

»Weißt du, Ssonja,« -- sagte er plötzlich, wie in einer Eingebung, --
»weißt du, was ich dir sagen will, -- wenn ich bloß darum ermordet
hätte, weil ich hungrig war,« -- fuhr er fort, betonte jedes Wort und
blickte sie rätselhaft, aber aufrichtig an, -- »so würde ich jetzt ...
_glücklich_ sein! Das sollst du wissen!«

»Und was läge, was läge dir daran,« -- rief er nach einem Augenblicke
verzweifelt, -- »nun, was läge dir daran, wenn ich sofort zugeben würde,
daß ich schlecht gehandelt habe! Nun, was liegt dir an diesem dummen
Triumphe über mich? Ach, Ssonja, bin ich etwa deswegen jetzt zu dir
gekommen?«

Ssonja wollte etwas sagen, aber schwieg.

»Darum bat ich dich auch gestern mit mir zu gehen, weil ich jetzt dich
nur allein habe.«

»Wohin gehen?« -- fragte Ssonja schüchtern.

»Nicht um zu stehlen und um zu morden, gewiß, nicht dazu,« -- lächelte
er mit Spott, -- »wir sind zu verschieden ... Und weißt du, Ssonja, ich
habe erst jetzt, erst soeben begriffen, -- _wohin_ ich dich gestern rief
mitzugehen! Gestern aber, als ich dich bat, wußte ich selbst nicht,
wohin. Nur deshalb habe ich dich gebeten, nur deshalb bin ich gekommen,
-- daß du mich nicht verlassest. Wirst du mich verlassen, Ssonja?«

Sie drückte ihm fest die Hand.

»Und warum, warum habe ich es ihr gesagt, warum habe ich es ihr
mitgeteilt,« -- rief er nach einem Augenblick voll Verzweiflung aus und
sah sie mit grenzenloser Qual an, -- »nun, erwartest du Erklärungen von
mir, Ssonja, du sitzest und wartest, ich sehe es, -- und was soll ich
dir sagen? Du wirst doch nichts davon verstehen und bloß ganz vor Leid
vergehen ... meinetwegen! Nun weinst du und umarmst mich wieder, --
warum umarmst du mich? Weil ich es selbst nicht ertrug und gekommen bin,
es auf einen andern abzuwälzen, -- >leide auch du, mir wird es leichter
sein!< Und kannst du solch einen Schuft lieben?«

»Quälst du dich nicht auch?« -- rief Ssonja aus.

Wieder überkam seine Seele das Gefühl von vorhin und machte sie auf
einen Augenblick weich.

»Ssonja, ich habe ein böses Herz, merk es dir, -- dadurch kann man
vieles erklären. Ich bin auch darum hergekommen, weil ich böse bin. Es
gibt solche, die nicht hergekommen wären. Ich aber bin ein Feigling und
... ein Schuft! Aber ... mag sein! Dies alles ist nicht das ... Jetzt
gilt es zu reden, ich weiß aber nicht, wo anfangen ...«

Er hielt inne und sann nach.

»Ach, wir sind beide zu verschiedene Leute!« -- rief er wieder aus, --
»passen nicht zueinander. Und warum, warum bin ich hergekommen! Ich
werde es mir nie verzeihen.«

»Nein, nein, es ist gut, daß du gekommen bist!« -- rief Ssonja, -- »es
ist besser, daß ich es weiß! Viel besser!«

Er sah sie voll Schmerz an.

»So war es tatsächlich!« -- sagte er, als hätte er überlegt. -- »Es war
doch so! Siehst du, -- ich wollte ein Napoleon werden, und darum habe
ich ermordet ... begreifst du es jetzt?«

»N--nein,« -- flüsterte Ssonja naiv und schüchtern, -- »sprich nur ...
sprich! Ich werde es verstehen, ich werde _für mich_ alles verstehen!«
-- bat sie ihn.

»Du wirst verstehen? Nun, gut, wir wollen sehen!«

Er schwieg und überlegte lange.

»Siehst du, -- ich habe mir einmal folgende Frage vorgelegt, -- wenn zum
Beispiel an meiner Stelle Napoleon gewesen wäre, und wenn er, um seine
Karriere zu beginnen, weder Toulon, noch Ägypten, noch den Übergang über
den Montblanc gehabt hätte, wenn aber statt aller schönen und
monumentalen Dinge eine lächerliche Alte, die Witwe eines kleinen
Beamten gewesen wäre, die man zudem noch ermorden mußte, um aus ihrem
Koffer Geld zu stehlen -- der Karriere wegen, verstehst du? -- hätte er
sich dazu entschlossen, wenn es keinen anderen Ausweg gegeben hätte?
Wäre er nicht schokiert gewesen, weil es zu wenig monumental und ...
weil es sündhaft war? Ich sage dir, daß ich mich über diese >Frage<
schrecklich lange abgequält habe, so daß ich mich furchtbar schämte, als
ich endlich auf den Gedanken kam -- ganz plötzlich kam ich darauf --,
daß es ihn nicht bloß nicht schokiert hätte, sondern ihm nicht einmal in
den Sinn gekommen wäre, daß dies nicht monumental sei ... _er_ hätte gar
nicht begriffen, warum man dabei schokiert sein sollte? Und wenn er
keinen anderen Ausweg gehabt hätte, so würde er, aber ohne daß sie
gemuckst hätte, gemordet haben, ohne langes Nachdenken! Nun, und da ließ
ich ... das Beil fallen ... mordete ... nach diesem Beispiel ... Genau
so ist es vor sich gegangen! Dir erscheint es lächerlich? Ja, Ssonja,
das Lächerlichste ist dabei, daß es vielleicht genau so vorgefallen war
...«

Ssonja war es nicht lächerlich.

»Sagen Sie es mir lieber ... ohne Beispiele,« -- bat sie noch
schüchterner und leiser.

Er wandte sich zu ihr um, blickte sie traurig an und ergriff ihre Hände.

»Du hast wieder recht, Ssonja. Das ist alles Unsinn, ist leeres
Geschwätz! Siehst du, -- du weißt doch, daß meine Mutter fast nichts
hat. Meine Schwester hat zufällig eine Erziehung erhalten und ist
verurteilt, sich als Gouvernante ihr Leben lang durchzuschlagen. All
ihre Hoffnung war ich allein. Ich studierte, fand aber nicht genügenden
Unterhalt und war gezwungen, zeitweilig die Universität zu verlassen.
Und selbst wenn es sich weiter hingezogen hätte, konnte ich etwa in zehn
oder zwölf Jahren -- und vorausgesetzt, daß meine Verhältnisse sich
verbesserten, -- hoffen, Lehrer oder Beamter mit tausend Rubel Gehalt zu
werden ...« -- Er sprach, als hätte er es auswendig gelernt. -- »Bis
dahin wäre meine Mutter vor Sorgen und Kummer verkommen, und mir wäre es
nicht gelungen, ihr ein ruhiges Leben zu schaffen, und meine Schwester
... nun, mit der Schwester konnte noch Schlimmeres passiert sein! ...
Ja, und was für ein Vergnügen ist es, das ganze Leben an allem
vorbeigehen und von allem sich abwenden zu müssen, die Mutter zu
vergessen und die Beleidigung der Schwester zum Beispiel, demütig zu
ertragen? Wozu? Um sich andere anzuschaffen, nachdem man sie beerdigt
hat, -- Frau und Kinder, um auch sie nachher ohne einen Groschen und
ohne ein Stück Brot zu hinterlassen? So ... nun, da beschloß ich, mich
des Geldes der Alten zu bemächtigen, es zu meinem Unterhalte an der
Universität, ohne die Mutter mehr quälen zu müssen, und zu meinen ersten
Schritten nach Beendigung des Studiums zu benutzen, -- und dies alles
gleich groß und radikal auszuführen, um eine vollkommen neue Laufbahn
beginnen und einen neuen unabhängigen Weg betreten zu können ... das ist
alles ... selbstverständlich, schlecht war, daß ich die Alte ermordet
habe ... und jetzt genug davon!«

Völlig erschöpft schloß er seinen Bericht und ließ den Kopf sinken.

»Ach, es war nicht das, nicht das,« -- rief Ssonja gramvoll aus, --
»kann man denn so ... nein, es ist nicht richtig, es ist nicht so!«

»Jetzt siehst du selbst, daß es nicht so war! ... Und ich habe doch
aufrichtig berichtet, habe die Wahrheit gesagt!«

»Was ist denn das für eine Wahrheit! Oh, Gott!«

»Ich habe doch, Ssonja, bloß eine unnütze, häßliche, bösartige Laus
ermordet.«

»Wie, ein Mensch ist eine Laus?«

»Ich weiß es auch selbst, daß es keine Laus ist,« -- antwortete er und
blickte sie eigentümlich an. -- »Aber ich lüge, Ssonja,« -- fügte er
hinzu, »es ist alles gelogen ... Es war nicht das; du sagst die
Wahrheit. Es waren ganz andere, vollkommen andere Gründe! ... Ich habe
seit langem mit niemand gesprochen, Ssonja ... Der Kopf tut mir jetzt so
weh.«

Seine Augen brannten in fieberhaftem Glanze. Er begann fast zu
phantasieren; ein unruhiges Lächeln irrte um seine Lippen. Die ungeheure
Erregung verbarg kaum die äußerste Schwäche. Ssonja begriff seine
Selbstqual. Auch ihr begann der Kopf zu schwindeln. Und wie sonderbar er
sprach, als sei alles selbstverständlich ... »aber wie denn ... Wie war
es nur möglich? Oh, Gott!« Und sie rang in Verzweiflung die Hände.

»Nein, Ssonja, es war nicht das!« -- begann er wieder, erhob plötzlich
den Kopf, als hätte ihn eine andere Wendung der Gedanken überrascht und
von neuem angeregt, -- »es war nicht das! Besser ... du stellst dir vor
... ja! es ist wirklich besser! ... stell dir vor, daß ich ehrgeizig,
neidisch, böse, niederträchtig, rachsüchtig bin ... nun ... und
meinetwegen zum Irrsinn neige ... Mag alles gleich mitgerechnet werden!
Davon, daß ich verrückt sei, sprach man schon früher, ich habe es wohl
gemerkt! Ich habe dir vorhin gesagt, daß ich auf der Universität selber
meinen Unterhalt nicht finden konnte. Weißt du aber, daß ich es
vielleicht doch hätte ermöglichen können? Meine Mutter hätte mir das
Nötige fürs Studium geschickt, und Stiefel, Kleider und Essen hätte ich
selbst verdient, sicher sogar! Es fanden sich Unterrichtsstunden für
mich; man bot fünfzig Kopeken. Rasumichin arbeitet doch auch! Aber ich
wurde böse und wollte es nicht. _Ich wurde böse_ -- das ist ein guter
Ausdruck! Ich verkroch mich dann, wie eine Spinne, in meine Ecke. Du
warst doch in meinem elenden Loche, hast es gesehen ... Aber weißt du
auch, Ssonja, daß niedrige Decken und enge Zimmer die Seele und den
Verstand bedrücken? Oh, wie ich dieses elende Loch haßte! Dennoch wollte
ich nicht heraus! Ich wollte es absichtlich nicht! Tagelang ging ich
nicht aus und wollte nicht arbeiten, wollte nicht mal essen und lag die
ganze Zeit. Wenn mir Nastasja etwas brachte, -- aß ich, wenn sie nichts
brachte, -- verging auch so der Tag; absichtlich, aus Bosheit, bat ich
um nichts! Wenn ich nachts kein Licht hatte, lag ich im Dunkel, wollte
aber nicht arbeiten, um ein Licht kaufen zu können. Ich mußte studieren,
-- habe aber die Bücher verkauft; auf dem Tische bei mir, auf den
Kollegheften und Notizen liegt jetzt fingerdick der Staub. Ich zog es
vor, zu liegen und zu grübeln. Und ich dachte die ganze Zeit ... immer
hatte ich solche Träume, allerhand seltsame Träume, es lohnt sich nicht,
von ihnen zu sprechen! Dann aber begann es mir vorzuschweben, daß ...
Nein, es ist nicht richtig! Ich erzähle wieder nicht in der richtigen
Weise! Siehst du, -- ich fragte mich damals immer, warum bin ich so
dumm, daß, wenn andere dumm sind, und wenn ich es sicher weiß, daß sie
dumm sind, ich selbst nicht klüger sein will? Ich erkannte später,
Ssonja, daß es zu lange dauern wird, wollte man warten, bis alle klug
werden ... Ich erkannte auch, daß es niemals der Fall sein wird, daß die
Menschen sich nicht verändern, daß niemand sie ändern kann, und daß es
sich der Mühe nicht lohnt! Ja, es ist so! Das ist ihr Gesetz ... Das
Gesetz, Ssonja! Es ist so! ... Und ich weiß jetzt, Ssonja, daß wer an
Verstand und Geist stark und kräftig ist, der auch der Herrscher über
sie ist! Wer viel wagt, der ist bei ihnen im Rechte! Wer auf das größere
pfeifen kann, der ist bei ihnen auch Gesetzgeber, wer aber am meisten
von allen wagen kann, der ist mehr im Rechte, als alle! In dieser Weise
ist es bis jetzt vor sich gegangen und so wird es immer bleiben! Nur ein
Blinder merkt es nicht!«

Während Raskolnikoff dies sagte, sah er wohl Ssonja an, aber er kümmerte
sich nicht mehr darum, ob sie ihn verstehen würde oder nicht. Das Fieber
hatte ihn völlig gepackt. Er war in einem finstern Enthusiasmus. Er
hatte in der Tat zu lange mit niemand gesprochen. Und Ssonja verstand,
daß dieser finstere Katechismus sein Glaube und sein Gesetz geworden
war.

»Ich kam damals darauf, Ssonja,« -- fuhr er immer noch enthusiastisch
fort, -- »daß die Macht bloß demjenigen gegeben wird, der es wagt, sich
zu bücken und sie zu nehmen. Das ist das einzige, nur das allein, -- man
muß wagen! Mir kam damals ein Gedanke, zum erstenmal im Leben, den
niemand je vor mir gedacht hat. Niemand! Klar wie die Sonne erschien mir
plötzlich der Gedanke: Warum hat bis jetzt kein einziger gewagt und wagt
es nicht, wenn er an diesem ganzen Unsinn vorbeigeht, alles einfach am
Schwanze zu packen und es zum Teufel zu werfen! Ich ... ich wollte _es
wagen_ und tötete ... ich wollte bloß wagen, Ssonja, das ist der ganze
Grund!«

»Oh, schweigen Sie, schweigen Sie!« -- rief Ssonja und schlug die Hände
zusammen. -- »Sie haben Gott verlassen und Gott hat Sie gestraft, hat
Sie dem Teufel überliefert! ...«

»Ja, Ssonja, -- als ich damals in der Dunkelheit lag und mir all das
vorschwebte, da hat mich der Teufel versucht? Nicht wahr?«

»Schweigen Sie! Spotten Sie nicht, Sie Gotteslästerer; nichts, nichts
begreifen Sie! Oh, Gott! Er wird nichts, nichts verstehen!«

»Schweig, Ssonja, ich lache gar nicht, ich weiß es auch selbst, daß mich
der Teufel zog. Schweig, Ssonja, schweig!« -- wiederholte er düster und
beharrlich. -- »Ich weiß alles. Ich habe mir dies alles überlegt und
zugeflüstert, als ich damals im Dunkeln lag ... Ich habe über dies alles
mit mir selbst bis zum kleinsten Punkt gestritten und weiß alles, alles!
Und mir war dies ganze Geschwätz damals so zum Überdruß, so zum
Überdruß! Ich wollte alles vergessen und von neuem anfangen, Ssonja, und
aufhören zu schwatzen! Und denkst du etwa, daß ich, wie ein Dummkopf,
blindlings hingegangen bin? Ich bin, wie ein Kluger, hingegangen, und
das hat mich auch zugrunde gerichtet! Und meinst du etwa, ich hätte zum
Beispiel nicht gewußt, daß, _wenn_ ich überhaupt damit anfing, mich zu
fragen und auszuhorchen, -- ob ich ein Recht auf Macht habe, -- ich
schon deswegen dies Recht auf Macht _nicht_ hatte. Oder wenn ich mir die
Frage vorlegte, -- ist der Mensch eine Laus? -- da war schon der Mensch
_für mich_ keine Laus mehr, sondern war es eben für denjenigen, dem
diese Frage _nicht_ in den Sinn kam, und der ohne Fragen auf sein Ziel
losgeht ... Als ich mich soviel Tage abquälte, ob Napoleon es getan
hätte oder nicht, -- da fühlte ich es doch deutlich, daß ich kein
Napoleon war ... Ich habe die ganze Qual dieses ganzen Geschwätzes
ertragen, Ssonja, und wollte sie ganz und gar von mir abschütteln, --
ich wollte, Ssonja, ohne Kasuistik töten, meinetwegen, für mich allein
töten! Ich wollte es nicht mal mir selbst vorlügen! Ich habe nicht darum
getötet, um meiner Mutter zu helfen, -- das ist Unsinn! Ich habe nicht
darum getötet, um Mittel und Macht zu erhalten, und dann ein Wohltäter
der Menschheit zu werden. Unsinn! Ich habe einfach getötet; für mich,
für mich ganz allein habe ich getötet; ob ich aber irgend wessen
Wohltäter geworden wäre, oder ob ich mein ganzes Leben, wie eine Spinne,
alle in mein Gewebe eingefangen und aus allen die Lebenssäfte ausgesaugt
hätte, -- mußte mir in jenem Augenblicke vollkommen gleichgültig sein!
... Und nicht um das Geld war es mir in erster Linie zu tun, Ssonja, als
ich tötete; nicht das Geld war mir so wichtig, es war etwas ganz anderes
... Ich weiß jetzt alles ... Verstehe mich, -- wenn ich vielleicht
denselben Weg weitergegangen wäre, würde ich niemals mehr einen Mord
begangen haben. Ich mußte etwas anderes erfahren, etwas anderes trieb
mich dazu, -- ich mußte damals und schleunigst erfahren, ob ich eine
Laus bin, wie alle, oder ein Mann? Bin ich imstande, hinwegzuschreiten
oder nicht? Werde ich es wagen, mich zu bücken und die Macht aufzuheben
oder nicht? Bin ich eine zitternde Kreatur oder habe ich _ein Recht_
...«

»Zu töten? Ein Recht zu töten?« -- schlug Ssonja die Hände zusammen.

»Ach, Ssonja!« -- rief er gereizt aus, wollte ihr etwas erwidern,
schwieg aber verächtlich. -- »Unterbrich mich nicht, Ssonja! Ich wollte
mir bloß beweisen, -- daß der Teufel mich damals hinschleppte, mir aber
nachher erklärte, daß ich kein Recht hatte, dort hinzugehen, weil ich
eben so eine Laus bin, wie alle! Er hat seinen Spott mit mir getrieben,
nun bin ich zu dir gekommen! Nimm den Gast auf! Wenn ich nicht eine Laus
wäre, würde ich dann zu dir gekommen sein? Höre, -- als ich damals zu
der Alten hinging, ging ich bloß, es _zu versuchen_ ... Nun weißt du
es!«

»Und haben getötet! Haben getötet!«

»Wie habe ich getötet? Ermordet man denn in dieser Weise? Geht man denn
so hin zu töten, wie ich damals ging! Ich will dir einmal erzählen, wie
ich hinging ... Habe ich denn die Alte getötet? Ich habe mich getötet,
und nicht die Alte! Da habe ich mich mit einem Schlage auf ewig
getroffen! ... Und diese Alte hat der Teufel getötet, aber nicht ich ...
Genug, genug, Ssonja, genug! Laß mich,« -- rief er plötzlich in
krankhaftem Grame, -- »laß mich!«

Er stützte sich auf seine Knie und umklammerte mit beiden Händen den
Kopf.

»Wie Sie leiden!« -- entrang sich Ssonja ein qualvoller Schrei.

»Was soll ich jetzt tun, sprich!« -- fragte er, erhob plötzlich den Kopf
und blickte sie mit einem vor Verzweiflung schrecklich verzerrten
Gesichte an.

»Was tun!« -- rief sie aus, sprang von ihrem Platze auf, und ihre Augen,
die bis jetzt voll Tränen waren, funkelten plötzlich. -- »Steh auf!« --
Sie packte ihn an den Schultern; er erhob sich und sah sie fast
verwundert an. -- »Geh sofort, gleich, stell dich auf einen Kreuzweg
hin, beuge dich, küß zuerst die Erde, die du besudelt hast, dann beuge
dich vor der ganzen Welt, in allen vier Richtungen und sage allen laut:
-- >ich habe getötet!< Dann wird dir Gott wieder Leben senden. Willst du
gehen? Willst du gehen?« -- fragte sie ihn, am ganzen Körper zitternd,
wie in einem Anfall, und faßte dabei seine beiden Hände und drückte sie
stark und sah ihn mit feurigen Blicken an.

Er war erstaunt, ja, durch ihre plötzliche Begeisterung bestürzt.

»Du meinst die Zwangsarbeit, Sibirien, Ssonja? Daß ich mich selbst
anzeigen soll?« -- fragte er finster.

»Das Leiden auf sich nehmen und dadurch Erlösung finden, das sollst du.«

»Nein! Ich gehe nicht zu ihnen, Ssonja.«

»Wie wirst du aber leben, leben? Wie wirst du weiterleben?« -- rief
Ssonja. -- »Ist es denn jetzt möglich? Und wie wirst du mit deiner
Mutter sprechen? Oh, was wird, was wird jetzt mit ihnen geschehen! Ja,
was sage ich! Du hast ja schon deine Mutter und Schwester verlassen. Du
hast sie doch verlassen, sie verlassen. Oh, Gott!« -- rief sie, -- »er
weiß ja alles selbst! Nun, wie kann man denn ohne einen Menschen
weiterleben! Was wird jetzt mit dir werden!«

»Sei kein Kind, Ssonja,« -- sagte er leise. -- »Welche Schuld habe ich
vor ihnen? Wozu soll ich hingehen? Was soll ich ihnen sagen? Das sind
alles bloß Gespenster ... Sie vertilgen selbst Millionen von Menschen
und halten es noch für eine Tugend. Sie sind Gauner und Schufte, Ssonja!
... Ich gehe nicht. Und was soll ich sagen, -- daß ich getötet und nicht
gewagt habe, das Geld zu nehmen, daß ich es unter einem Stein versteckt
habe?« -- fügte er mit bitterem Lächeln hinzu. -- »Sie werden doch
selbst über mich lachen, werden sagen, -- er ist ein Dummkopf, daß er es
nicht genommen hat. Ein Feigling und ein Dummkopf! Sie werden nichts,
gar nichts verstehen, Ssonja, und sie sind nicht wert, es zu verstehen.
Wozu soll ich hingehen? Ich gehe nicht hin. Sei kein Kind, Ssonja ...«

»Du wirst dich zu Tode quälen, zu Tode quälen,« -- wiederholte sie und
streckte ihm in verzweifeltem Flehen die Hände entgegen.

»Ich habe mich vielleicht _bloß_ verleumdet,« -- bemerkte er finster,
wie sinnend, -- »vielleicht bin ich _doch_ ein Mensch und keine Laus,
vielleicht habe ich mich übereilt verurteilt ... Ich will _noch_
kämpfen.«

Ein hochmütiges Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen.

»Solche Qual zu tragen! Und das ganze, ganze Leben hindurch! ...«

»Ich werde mich gewöhnen ...,« -- sagte er düster und nachdenklich. --
»Höre,« -- begann er nach einer Weile, -- »es ist genug geweint, jetzt
ist Zeit, die Sache zu bedenken, -- ich bin gekommen, dir zu sagen, daß
man mich jetzt sucht, mir nachstellt ...«

»Ach!« -- rief Ssonja erschrocken aus.

»Nun, warum schreist du? Du willst doch selbst, daß ich nach Sibirien
gehe, jetzt aber erschrakst du? Eins aber will ich sagen, -- ich ergebe
mich ihnen nicht. Ich will mit ihnen noch kämpfen, und sie werden mir
nichts tun können. Sie haben keine wirklichen Beweise. Gestern war ich
in großer Gefahr und dachte, daß ich schon verloren sei; heute hat es
sich verbessert. Alle ihre Beweise haben zwei Seiten, das will sagen, --
ich kann ihre Beschuldigungen zu meinen Gunsten verwenden, verstehst du?
Und ich werde sie zu meinen Gunsten verwenden, denn ich habe es jetzt
gelernt ... Ins Gefängnis aber wird man mich sicher sperren. Wenn nicht
ein Zufall hinzugekommen wäre, hätte man mich vielleicht schon heute
geholt; vielleicht geschieht es heute _noch_ ... Aber das tut nichts,
Ssonja, -- ich werde eine Zeitlang sitzen und man wird mich freilassen
... denn sie haben keinen einzigen wirklichen Beweis und werden ihn auch
nicht bekommen, ich gebe mein Wort darauf. Mit dem aber, was sie
besitzen, kann man einen Menschen nicht verurteilen. Nun, genug ... Ich
sagte es bloß, damit du es weißt ... Mit meiner Mutter und Schwester
will ich es so einzurichten versuchen, daß sie nicht daran glauben,
damit sie nicht erschrecken ... Meine Schwester ist jetzt übrigens, wie
es scheint, versorgt ... also auch meine Mutter ... Nun, das ist alles.
Sei übrigens vorsichtig. Willst du zu mir ins Gefängnis kommen, wenn ich
dort sein werde?«

»Oh, ich werde, werde kommen!«

Sie saßen nebeneinander, traurig und niedergeschlagen, als wären sie
nach einem Sturme allein an einen einsamen Strand geschleudert worden.
Er sah Ssonja an und fühlte ihre große Liebe, und seltsam, es fiel ihm
plötzlich schwer und schmerzlich aufs Herz, daß er so geliebt wurde. Es
war ein seltsames und furchtbares Gefühl! Als er zu Ssonja ging, empfand
er, daß in ihr seine ganze Hoffnung und sein letzter Ausweg liege; er
glaubte wenigstens einen Teil seiner Qualen abzuwälzen und jetzt, wo ihr
ganzes Herz sich ihm zugewandt hatte, fühlte und erkannte er, daß er um
vieles unglücklicher geworden war.

»Ssonja,« -- sagte er, -- »komm lieber nicht zu mir, wenn ich im
Gefängnis sein werde.«

Ssonja antwortete nicht, sie weinte. Es vergingen ein paar Minuten.

»Hast du ein Kreuz?« -- fragte sie plötzlich unerwartet, als sei es ihr
eben eingefallen.

Er verstand zuerst die Frage nicht.

»Nein, du hast keins? -- Hier, nimm dieses Kreuz aus Zypressenholz. Ich
habe ein anderes, kupfernes von Lisaweta. Ich habe mit Lisaweta
getauscht, -- sie hat mir ihr Kreuz gegeben und ich ihr mein
Heiligenbildchen. Ich will jetzt das Kreuz von Lisaweta tragen, dieses
aber gebe ich dir. Nimm ... es gehört doch mir! Es ist doch mein Kreuz!«
-- bat sie ihn, -- »wir werden doch zusammen gehen und leiden, also
wollen wir auch zusammen das Kreuz tragen! ...«

»Gib her!« sagte Raskolnikoff.

Er wollte sie nicht betrüben, zog aber gleich wieder die Hand zurück,
die er nach dem Kreuze ausgestreckt hatte.

»Nicht jetzt, Ssonja. Lieber später,« -- fügte er hinzu, um sie zu
beruhigen.

»Ja, ja, es ist besser, es ist besser,« -- pflichtete sie ihm mit
Begeisterung bei, -- »wenn du gehst, um das Leiden auf dich zu nehmen,
dann legst du es um. Du kommst dann zu mir, ich werde es dir umhängen,
wir wollen dann beten und beide gehen.«

In diesem Augenblicke klopfte jemand dreimal an die Türe.

»Ssofja Ssemenowna, kann ich hereinkommen?« -- ertönte eine sehr
bekannte höfliche Stimme.

Ssonja stürzte erschrocken zur Türe. Herr Lebesjätnikoff blickte in das
Zimmer hinein.


                                   V.

Lebesjätnikoff sah aufgeregt aus.

»Ich komme zu Ihnen, Ssofja Ssemenowna. Entschuldigen Sie ... Ich dachte
mir, daß ich auch Sie treffen werde,« -- wandte er sich schnell an
Raskolnikoff, -- »das heißt, ich dachte nichts ... in dieser Hinsicht
... aber ich dachte ... Dort bei uns ist Katerina Iwanowna verrückt
geworden,« -- schloß er plötzlich, zu Ssonja gewandt.

Ssonja schrie auf.

»Das heißt, es scheint wenigstens so ... Wir wissen nicht, was wir tun
sollen, das ist es! Sie kam zurück ... man scheint sie irgendwo
hinausgejagt, vielleicht auch geschlagen zu haben ... es scheint
wenigstens so ... Sie war zu dem Vorgesetzten des verstorbenen Ssemjon
Sacharytsch gelaufen, hatte ihn nicht zu Hause getroffen; er war bei
einem anderen General zu Mittag geladen ... Und stellen Sie sich vor,
sie lief dann dorthin, ... zu diesem anderen General, stellen Sie sich
vor, -- sie bestand auf ihrem Verlangen, den Vorgesetzten von Ssemjon
Sacharytsch zu sehen, und sie hat, wie es scheint, ihn von der Tafel
rufen lassen. Sie können sich denken, was passiert ist. Man jagte sie
selbstverständlich hinaus; sie erzählte, daß sie den General beschimpft
und ihm sogar etwas ins Gesicht geschleudert habe. Das kann man ihr
schon glauben ..., daß man sie nicht zur Polizei gebracht hat, --
verstehe ich nicht! Jetzt erzählt sie es allen, auch Amalie Iwanowna,
doch es ist schwer zu verstehen, was sie meint, denn sie schreit und
wirft sich dabei mit dem Kopfe an die Wand ... Ach ja -- sie sagt und
schreit, da sie jetzt von allen verlassen sei, jetzt wolle sie mit den
Kindern auf die Straße gehen, die einen Leierkasten tragen sollen, die
Kinder müßten singen und tanzen, auch sie würde singen und Geld
einsammeln, und Tag für Tag wolle sie vor den Fenstern des Generals
stehen ... >Mögen alle sehen,< sagt sie, >wie die edlen Kinder eines
angesehenen Beamten als Bettler in den Straßen herumgehen müssen!< Sie
schlägt die weinenden Kinder, Lene lehrt sie ein Lied singen, den Knaben
tanzen und Poletschka ebenfalls; reißt alle Kleider entzwei; macht ihnen
Mützen, wie die Gaukler sie haben; sie selbst will ein Becken tragen,
darauf schlagen, an Stelle der Musik ... Uns will sie gar nicht anhören
... Stellen Sie sich vor, wie soll das werden? Das geht doch nicht an!«

Lebesjätnikoff hätte noch weiter gesprochen, aber Ssonja, die ihm mit
angehaltenem Atem zugehört hatte, griff rasch nach ihrer Mantille und
ihrem Hut, lief aus dem Zimmer und kleidete sich im Gehen an.
Raskolnikoff ging ihr nach und Lebesjätnikoff folgte ihm.

»Sie ist ganz gewiß verrückt geworden!« -- sagte er zu Raskolnikoff und
trat mit ihm auf die Straße, -- »ich wollte nur Ssofja Ssemenowna nicht
so erschrecken und sagte deshalb -- >es scheint<, aber es kann keinen
Zweifel darüber geben. Man hört oft, daß bei Schwindsucht im Gehirn
solche Knollen entstehen; schade, daß ich nicht Medizin studiert habe.
Ich versuchte übrigens, sie zu überzeugen, aber sie will nichts hören.«

»Haben Sie ihr von diesen Knollen gesprochen?«

»Das heißt, eigentlich nicht von den Knollen. Sie würde es doch nicht
verstanden haben. Ich sage aber, -- wenn man einen Menschen logisch
überzeugen kann, daß er eigentlich keinen Grund hat, zu weinen, so hört
er auch auf zu weinen. Das ist klar. Oder meinen Sie, daß er nicht
aufhören wird?«

»Dann wäre das Leben leicht,« -- antwortete Raskolnikoff.

»Erlauben Sie, erlauben Sie bitte; gewiß, bei Katerina Iwanowna würde es
ziemlich schwer fallen, sie verstände es nicht. Aber ist Ihnen nicht
bekannt, daß in Paris schon ernste Versuche gemacht worden sind über die
Möglichkeit, durch Anwendung von logischer Überredung Wahnsinnige zu
heilen? Ein Professor dort, der vor kurzem gestorben ist, ein großer
Gelehrter, hat sich ausgedacht, daß man sie in dieser Weise heilen kann.
Sein Grundgedanke ist, daß bei den Wahnsinnigen eine besondere Störung
im Organismus nicht vorgeht, und daß der Wahnsinn sozusagen ein
logischer Fehler, ein Fehler der Urteilsfähigkeit, eine falsche Ansicht
von Dingen ist. Er widerlegte allmählich den Kranken, und denken Sie
sich, er soll Erfolge erzielt haben. Da er außerdem auch Duschen
anwandte, so wurden die Erfolge dieser Behandlung bezweifelt ... Es
scheint wenigstens so ...«

Raskolnikoff hörte ihm längst nicht mehr zu. Als er an seinem Hause
ankam, nickte er mit dem Kopfe Lebesjätnikoff zu und bog in den Torweg
ein. Lebesjätnikoff kam zu sich, blickte sich um und lief weiter.

Raskolnikoff trat in seine Kammer und blieb mitten darin stehen. Warum
war er hierher zurückgekehrt? Er sah diese gelblichen, abgerissenen
Tapeten, diesen Staub, sein Sofa an ... Vom Hofe drang ein hartes
ununterbrochenes Klopfen; man schien Nägel einzuschlagen ... Er trat an
das Fenster, hob sich auf den Zehen und blickte lange mit
außerordentlicher Aufmerksamkeit im Hofe umher. Der Hof aber war leer
und man sah die Klopfenden nicht. Links, im Seitengebäude war hie und da
ein geöffnetes Fenster; auf den Fensterbrettern standen kleine Töpfe mit
schwächlichen Geranien. Vor den Fenstern hing Wäsche ... Das ganze Bild
kannte er auswendig. Er wandte sich ab und setzte sich auf das Sofa.
Noch nie, nie hatte er sich so furchtbar einsam gefühlt!

Ja, er fühlte es noch einmal, daß er vielleicht Ssonja hassen werde, und
zwar jetzt, wo er sie unglücklicher gemacht hatte.

Warum war er zu ihr hingegangen? Um um ihre Tränen zu bitten? Warum
mußte er so unbedingt ihr Leben verkümmern? Oh, welche Gemeinheit.

»Ich bleibe allein!« -- sagte er plötzlich entschlossen, -- »und sie
soll nicht ins Gefängnis zu mir kommen!«

Nach etwa fünf Minuten erhob er den Kopf und lächelte eigentümlich. Es
war ein merkwürdiger Gedanke: -- »Vielleicht ist es in Sibirien
tatsächlich besser.«

Er erinnerte sich nicht, wie lange er in seinem Zimmer sich mit den
einstürmenden unklaren Gedanken abgegeben hatte. Da öffnete sich
plötzlich die Türe und Awdotja Romanowna trat herein. Sie blieb zuerst
stehen und blickte ihn von der Schwelle an, so wie er gestern Ssonja
angeblickt hatte; kam dann herein und setzte sich auf einen Stuhl, auf
ihren gestrigen Platz, ihm gegenüber. Er sah sie schweigend und
augenscheinlich gedankenlos an.

»Sei mir nicht böse, Bruder, ich komme nur auf einen Augenblick,« --
sagte Dunja.

Der Ausdruck ihres Gesichtes war nachdenklich, aber nicht streng. Der
Blick war klar und still. Er sah, daß auch sie mit Liebe zu ihm gekommen
war.

»Bruder, ich weiß jetzt alles, _alles_. Mir hat Dmitri Prokofjitsch
alles erklärt und erzählt. Man verfolgt und quält dich mit einem dummen
und schändlichen Verdacht! ... Dmitri Prokofjitsch hat mir gesagt, daß
für dich keine Gefahr vorhanden sei, daß du dich unnütz mit solch einem
Schrecken befassest. Ich denke nicht, wie er, ich _verstehe vollkommen_,
wie alles in dir empört sein muß, und daß diese Empörung in dir für
immer Spuren hinterlassen kann. Davor habe ich Angst. Ich verurteile
dich nicht und darf dich nicht verurteilen, daß du uns verlassen hast,
verzeih mir, daß ich dir dies vorgeworfen habe. Ich weiß selbst, daß
auch ich von allen fortgehen würde, wenn ich solch einen großen Kummer
hätte. Ich werde der Mutter _davon_ nichts sagen, will aber mit ihr
immer über dich sprechen, und will in deinem Namen sagen, daß du sehr
bald kommen wirst. Quäle dich nicht ihretwegen; _ich_ werde sie
beruhigen; aber quäle auch sie nicht zu sehr, -- komm wenigstens noch
einmal zu ihr; erinnere dich, daß sie unsere Mutter ist! Ich bin nur
gekommen, um zu sagen,« -- Dunja stand auf, -- »daß, falls du irgendwie
mich brauchen solltest und wenn es ... mein Leben gälte ... so rufe
mich, ich werde kommen. Leb wohl!«

Sie wandte sich schnell um und ging zur Türe.

»Dunja!« -- rief Raskolnikoff, stand auf und ging zu ihr, -- »dieser
Dmitri Prokofjitsch Rasumichin ist ein sehr guter Mensch.«

Dunja errötete ein wenig.

»Nun!« -- fragte sie nach einer Weile.

»Er ist ein tüchtiger, fleißiger, ehrlicher Mensch und ist starker Liebe
fähig ... Leb wohl, Dunja.«

Dunja errötete, dann wurde sie unruhig.

»Was ist dir, Bruder, trennen wir uns denn wirklich für immer, daß du
mir ... solch ein Vermächtnis machst?«

»Wie dem auch sei ... leb wohl ...«

Er kehrte sich um und ging zum Fenster. Sie blieb eine Weile stehen, sah
ihn sorgenvoll an und ging mit dem Gefühle der Angst hinaus.

Er war ihr gegenüber nicht kälter! Es hatte einen Augenblick, in letzter
Minute, gegeben, wo er die größte Lust verspürte, sie innig zu umarmen,
von ihr _Abschied zu nehmen_ und ihr alles zu _sagen_, aber er wagte ihr
nicht einmal die Hand zu reichen.

»Sie würde vielleicht später noch erschauern bei dem Gedanken, daß ich
sie umarmt habe, und würde sagen, daß ich ihr einen Kuß gestohlen
hätte!«

»Würde sie dies ertragen können oder nicht?« -- fügte er nach einigen
Minuten hinzu. -- »Nein, sie würde es nicht ertragen können; eine
_solche Natur_ nicht ...«

Er dachte an Ssonja.

Vom Fenster kam eine kühle Luft. Draußen war es nicht mehr hell. Er nahm
seine Mütze und ging hinaus.

Er konnte und wollte nicht auf seinen krankhaften Zustand achten. Aber
diese ununterbrochenen Aufregungen und diese seelischen Erschütterungen
konnten nicht ohne Folgen bleiben. Und wenn er noch nicht an einem
heftigen Fieber daniederlag, so war es vielleicht darum, weil diese
inneren ununterbrochenen Aufregungen ihn vorläufig noch aufrecht und bei
Bewußtsein hielten.

Er irrte ziellos herum. Die Sonne ging unter. Eine eigenartige Angst
begann in der letzten Zeit seiner Seele sich zu bemächtigen. Es war kein
bohrender oder brennender Schmerz; etwas Beständiges oder Bleibendes
aber ging von ihm aus; die Ahnung einer Reihe endloser kalter, toter
Jahre lag darinnen, einer Ewigkeit auf dem »ellenbreiten Raume«. In den
Abendstunden war dieses Gefühl stärker und peinvoller.

»Und mit diesen dummen, rein physischen Schwächen, die vom
Sonnenuntergang abhängen konnten, soll man sich vor Dummheiten hüten! Da
läuft man dann nicht bloß zu Ssonja hin, auch zu Dunja!« -- murmelte er
haßerfüllt vor sich hin. Man rief ihn beim Namen. Er blickte sich um;
Lebesjätnikoff eilte auf ihn zu.

»Denken Sie, ich war bei Ihnen, ich suchte Sie. Stellen Sie sich vor,
sie hat wirklich ihre Absicht ausgeführt und die Kinder mitgenommen. Ich
habe sie mit Ssofja Ssemenowna nur mit Mühe gefunden. Sie selbst schlägt
auf eine Pfanne, und läßt die Kinder tanzen. Die Kinder weinen. Sie
bleiben an Straßenecken und vor Läden stehen. Das dumme Volk läuft ihnen
nach. Wir wollen hingehen!«

»Und Ssonja?« -- fragte Raskolnikoff unruhig und eilte Lebesjätnikoff
nach.

»Sie ist ganz außer sich. Nicht Ssofja Ssemenowna, sondern Katerina
Iwanowna ist außer sich; aber auch Ssofja Ssemenowna ist außer sich.
Katerina Iwanowna ist aber ganz und gar aufgelöst. Ich sage Ihnen, sie
ist vollkommen verrückt. Man wird sie noch zur Polizei bringen. Sie
können sich vorstellen, wie das erst auf sie wirken wird ... Jetzt sind
sie am Kanal bei der N.schen Brücke, gar nicht weit von Ssofja
Ssemenownas Wohnung.«

Am Kanal, nicht weit von der Brücke und zwei Häuser von der Wohnung
Ssonjas entfernt, hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt.
Besonders Knaben und Mädchen liefen hin. Von der Brücke aus konnte man
die heisere, überanstrengte Stimme von Katerina Iwanowna hören. Es war
ein merkwürdiges Schauspiel, fähig, das Straßenpublikum zu fesseln.
Katerina Iwanowna hatte ihr altes, abgetragenes Kleid an, einen Schal
umgelegt und einen zerrissenen Strohhut auf; sie war tatsächlich ganz
außer sich. Dabei war sie müde und rang nach Atem. Ihr abgehärmtes
schwindsüchtiges Gesicht sah noch leidender aus; außerdem sieht ein
Schwindsüchtiger draußen im Sonnenlicht stets kränklicher und mehr
entstellt aus als zu Hause, -- ihr aufgeregter Zustand nahm kein Ende,
sie wurde mit jedem Augenblicke gereizter. Bald stürzte sie sich auf die
Kinder, schrie sie an, redete ihnen zu, lehrte sie auf der Straße in
Gegenwart aller, wie sie tanzen und was sie singen sollten, begann ihnen
zu erklären, warum dies nötig sei, geriet in Verzweiflung, daß sie nicht
begreifen wollten, und schlug sie ... Dann stürzte sie wieder ins
Publikum, -- wenn sie einen einigermaßen besser gekleideten Menschen
entdeckte, der stehen blieb, um sich die Sache anzusehen, beeilte sie
sich sofort, ihm zu erklären, daß es so weit, -- mit -- den Kindern »aus
einem feinen, man kann sogar sagen aristokratischen Hause,« gekommen
war. Wenn sie unter den Zuschauern Lachen oder ein freches Wort hörte,
wandte sie sich sofort an die Dreisten und begann sie zu schelten.
Einige lachten darüber, andere wieder schüttelten die Köpfe; aber allen
war es interessant, die Wahnsinnige mit ihren erschrockenen Kindern
anzusehen. Die Pfanne, die Lebesjätnikoff erwähnt hatte, war nicht da;
Raskolnikoff sah sie wenigstens nicht. Katerina Iwanowna schlug den Takt
nicht auf einer Pfanne, sondern mit ihren mageren Händen, wenn sie
Poletschka zum singen und Lene und Kolja zum tanzen veranlaßte. Sie fing
selbst an mitzusingen, wurde jedoch jedesmal beim zweiten Tone von einem
quälenden Husten unterbrochen; dann wurde sie von neuem verzweifelt,
fluchte ihrem Husten und weinte sogar. Am meisten brachte sie das Weinen
und die Angst Koljas und Lenes auseinander. Sie hatte wirklich den
Versuch gemacht, die Kinder aufzuputzen, wie Straßentänzer und Gaukler.
Der Knabe hatte einen Turban aus rotem und weißem Stoff, damit er einem
Türken ähnle. Für Lene reichte es zu einem Kostüm nicht aus; sie hatte
nur ein rotes, gestricktes Käppchen des verstorbenen Ssemjon Sacharytsch
auf dem Kopfe und an dieses Käppchen war eine abgebrochene Straußfeder
befestigt worden, die noch der Großmutter von Katerina Iwanowna gehört
hatte und die bis jetzt, als ein altes Familienstück, im Koffer
aufbewahrt wurde. Poletschka war in ihrem gewöhnlichen Kleidchen. Sie
blickte schüchtern und weltvergessen die Mutter an, wich nicht von ihrer
Seite, verbarg die Tränen, ahnend, daß die Mutter wahnsinnig geworden
sei, und sah unruhig um sich. Die Straße und die Menschenmenge hatten
sie äußerst erschreckt. Ssonja wich keinen Schritt von Katerina
Iwanowna, weinte und flehte sie an, nach Hause zurückzukehren. Katerina
Iwanowna aber blieb unerbittlich.

»Höre auf, Ssonja, höre auf!« -- schrie sie hastig, außer Atem und
hustend. -- »Du weißt selbst nicht, was du bittest, du bist wie ein
Kind! Ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich zu dieser vertrunkenen
Deutschen nicht zurückkehren will. Mögen alle, ganz Petersburg sehen,
wie die Kinder eines edlen Vaters, der sein ganzes Leben treu und
redlich gedient hat, und man kann sagen, im Dienste gestorben ist,
betteln gehen müssen.« -- Katerina Iwanowna hing schon an dieser
Erfindung eigener Phantasie mit blindem Glauben. -- »Mag es nur dieser
schändliche Kerl von einem General sehen. Ja, du bist dumm, Ssonja, --
was sollen wir denn essen, sage mir? Wir haben dich genug gepeinigt, ich
will es nicht mehr! Ach, Rodion Romanowitsch, Sie sind es!« -- rief sie
aus, als sie Raskolnikoff erblickte, und stürzte zu ihm hin, --
»erklären Sie bitte dieser dummen kleinen Person, daß wir nichts
klügeres tun konnten! Sogar Leierkastenmänner verdienen, bei uns aber
werden alle bemerken und erfahren, daß wir eine arme feine Familie und
Waisen sind, die an den Bettelstab gebracht wurden, und dieser Kerl von
einem General wird seine Stelle verlieren. Sie werden es sehen! Wir
werden jeden Tag vor seinen Fenstern stehen, und wenn der Kaiser
vorbeifahren wird, will ich mich auf die Knie werfen und auf die Kinder
will ich zeigen und sagen: -- >Schütze sie, Vater!< Er ist der Vater
aller Waisen, er ist barmherzig, er wird sie schützen, Sie werden es
sehen, und diesen Kerl von einem General ... Lene! _Tenez vous
droite!_{[11]} Du, Kolja, wirst sofort wieder tanzen. Was heulst du? Er
heult wieder! Nun, warum fürchtest du dich, Dummköpfchen! Oh, Gott! Was
soll ich mit ihnen tun, Rodion Romanowitsch! Wenn Sie wüßten, wie
unvernünftig sie sind! Was soll man mit ihnen tun! ...«

Und sie zeigte, fast weinend, was sie jedoch nicht hinderte,
ununterbrochen und unaufhörlich zu reden, -- auf die schluchzenden
Kinder. Raskolnikoff versuchte sie zu überreden, nach Hause zu gehen und
sagte ihr sogar, in der Meinung auf ihre Eigenliebe zu wirken, daß es
für sie unpassend sei, wie Leierkastenleute in den Straßen
umherzuziehen, weil sie doch beabsichtigte, die Vorsteherin einer
Pension für junge Mädchen aus besseren Ständen ...

»Einer Pension für junge Mädchen, ha! ha! ha! Was weit herkommt, hat gut
lügen -- sagt das Sprichwort!« -- rief Katerina Iwanowna aus; nach dem
Lachen überfiel sie ein starker Husten, -- »nein, Rodion Romanowitsch,
der Traum ist vorüber! Alle haben uns verlassen! ... Und dieser Kerl von
einem General ... Wissen Sie, Rodion Romanowitsch, ich habe ihm ein
Tintenfaß an den Kopf geworfen, -- es stand gerade eins da, im
Vorzimmer, neben dem Buche, wo alle ihre Namen eintragen, auch ich habe
mich eingetragen, ich warf ihm das Tintenfaß an den Kopf und lief davon.
Oh, gemeine, niederträchtige Menschen! Ich pfeife auf sie alle, ich will
selbst die da füttern, will niemanden mehr anbetteln! Wir haben sie
genug gequält!« -- und sie wies auf Ssonja. -- »Poletschka, wieviel
haben wir eingesammelt, zeige mir mal! Wie? Bloß zwei Kopeken? Oh,
schändliche Menschen! Sie geben nichts, laufen uns bloß mit
ausgestreckter Zunge nach! Nun, was lacht dieser Holzklotz?« -- sie
zeigte auf einen in der Menge. -- »Das kommt alles daher, weil Kolja so
einfältig ist, man hat nur Schererei mit ihm! Was willst du, Poletschka?
Sprich mit mir französisch, _parlez moi français_{[12]}. Ich habe dich
doch gelehrt, du kennst doch einige Sätze! ... Wie kann man denn
erkennen, daß ihr aus feiner Familie, wohlerzogene Kinder seid und keine
Leierkastenleute. Wir machen doch kein Kasperletheater auf den Straßen,
wir wollen eine schöne feine Romanze singen ... Ach ja! Was sollen wir
denn singen? Ihr unterbrecht mich in einem fort, wir sind ... sehen Sie,
Rodion Romanowitsch, wir sind hier stehen geblieben, um auszusuchen, was
wir singen sollen, -- etwas, was auch Kolja vortanzen kann ... denn
alles machen wir, Sie können es sich vorstellen, ohne Vorbereitungen.
Wir wollen uns besprechen, um alles ordentlich durchzunehmen, dann gehen
wir auf den Newski Prospekt, wo es bedeutend mehr Menschen aus der
höchsten Gesellschaft gibt, die uns sofort bemerken werden. Lene kennt
das Lied >Die Troika< ... Aber das kann man doch nicht immerwährend
singen, die ganze Welt singt es ja! Wir müssen etwas viel Besseres
singen ... Nun, was meinst du, Poletschka, du könntest doch der Mutter
helfen! Ich erinnere mich an nichts mehr, ich habe alles vergessen! Ach,
wollen wir doch französisch >_Cinq sous_<{[13]} singen! Ich habe es euch
doch gelehrt! Und da es französisch ist, werden alle sofort sehen, daß
ihr adlige Kinder seid, und das ist bedeutend rührender ... Wir könnten
sogar >_Malbrough s'en va-t-en guerre!_{[14]}< singen, da es ein
ausgesprochenes Kinderlied ist und in allen aristokratischen Häusern
gesungen wird, wenn die Kinder zum Schlafen gebracht werden.«

   _Malbrough s'en va-t-en guerre_
   _Ne sait quand reviendra ..._{[14]}

begann sie zu singen ... »Nein, es ist besser >_Cinq sous!_{[13]}< Nun,
Kolja, stemme die Händchen in die Seiten, aber schneller, und du Lene,
drehe dich in entgegengesetzter Richtung, ich werde mit Poletschka
singen und in die Hände klatschen!

   _Cinq sous, cinq sous_
   _Pour monter notre ménage ..._{[15]}

Kche--kche--kche!« (Und sie krümmte sich vor Husten.) »Bring dein Kleid
in Ordnung, Poletschka, die Schultern sind entblößt,« bemerkte sie,
zwischen dem Husten atemholend. -- »Ihr müßt euch jetzt besonders
anständig und in feinem Tone benehmen, damit es alle sehen, daß ihr
adlige Kinder seid. Ich habe damals gesagt, daß man die Taille länger
und in doppelter Breite zuschneiden soll. Du kamst aber mit deinen
Ratschlägen, Ssonja, -- es kürzer und kürzer zu machen, nun jetzt siehst
du, ist das Kind völlig verunstaltet ... Ihr weint wieder! Ja, warum
weint ihr Dummen! Kolja, fang schneller an, schneller, -- ach, wie dies
Kind unerträglich ist! ...

   _Cinq sous, cinq sous --_{[13]}

Wieder ein Schutzmann! Nun, was willst du?«

Es drängte sich ein Schutzmann durch die Menge. Gleichzeitig näherte
sich ihr ein Herr im Dienstrocke und Mantel, ein höherer Beamter, mit
einem Orden am Halsbande -- dieser Umstand war Katerina Iwanowna sehr
erwünscht und hatte selbst Einfluß auf den Schutzmann, -- und
überreichte ihr schweigend einen grünen Dreirubelschein. Sein Gesicht
drückte aufrichtiges Mitleid aus. Katerina Iwanowna nahm das Geld und
verbeugte sich höflich, fast förmlich.

»Ich danke Ihnen, mein Herr,« begann sie von oben herab, »die Gründe,
die uns gezwungen haben ... nimm das Geld, Poletschka. Du siehst, es
gibt noch edle und großmütige Menschen, die sofort bereit sind, einer
armen adligen Dame im Unglücke zu helfen. Sie sehen adlige Waisen vor
sich, mein Herr, man kann sogar sagen, mit aristokratischsten
Verbindungen ... Und dieser Kerl von einem General saß am Tische und aß
Haselhühner ... stampfte mit den Füßen, weil ich ihn gestört habe ...
>Eure Exzellenz,< sagte ich, >schützen Sie die Waisen, da Sie den
verstorbenen Ssemjon Sacharytsch gut kannten,< sagte ich, >und weil der
gemeinste aller Schufte seine leibliche Tochter an seinem Todestage
verleumdet hat ...< Wieder kommt dieser Schutzmann! Schützen Sie mich!«
rief sie dem Beamten zu, -- »was will dieser Schutzmann von mir? Wir
sind schon vor einem weggelaufen ... Nun, was geht es dich an,
Dummkopf!«

»Es ist in den Straßen verboten. Machen Sie keinen Skandal!«

»Du bist selbst ein Skandalmacher! Ich gehe herum, wie jeder
Leierkastenmann, was geht es dich an?«

»Zu einem Leierkasten muß man eine Erlaubnis haben. Sie sammeln aber in
dieser Weise das Volk an. Wo wohnen Sie?«

»Wie, Erlaubnis,« schrie Katerina Iwanowna. -- »Ich habe heute meinen
Mann beerdigt, was ist da für eine Erlaubnis nötig!«

»Bitte, beruhigen Sie sich, Madame,« begann der vornehme Beamte, »kommen
Sie, ich will Sie begleiten ... Hier unter den Leuten ist es unpassend
... Sie sind krank ...«

»Mein Herr, mein Herr, Sie wissen gar nicht!« schrie Katerina Iwanowna,
»wir wollen auf den Newski Prospekt gehen ... Ssonja, Ssonja! Wo ist sie
denn? Sie weint auch! Was ist denn mit euch allen! ... Kolja, Lene,
wohin geht ihr denn?« rief sie plötzlich im Schreck, »oh, die dummen
Kinder! Kolja, Lene, ja, wohin laufen sie denn? ...«

Als Kolja und Lene, bis aufs äußerste von der Menschenmenge und von der
wahnsinnigen Mutter erschreckt, den Schutzmann erblickten, der sie
nehmen und irgendwohin führen wollte, faßten sie einander wie auf
Verabredung an den Händchen und liefen davon. Mit Geschrei und Weinen
stürzte die arme Katerina Iwanowna ihnen nach, um sie einzuholen. Es war
widerwärtig und traurig zu sehen, wie sie weinend und keuchend lief.
Ssonja und Poletschka eilten ihr nach.

»Bring sie zurück, bring sie zurück, Ssonja! Oh, die dummen, undankbaren
Kinder! ... Polja! Fange sie ein ... Ich habe es doch für euch ...«

Sie stolperte im vollen Laufe und fiel hin.

»Sie hat sich blutig geschlagen! Oh, Gott!« rief Ssonja aus, sich über
sie beugend.

Alle liefen hin und drängten sich um sie. Raskolnikoff und
Lebesjätnikoff waren als die ersten zur Stelle, der Beamte eilte auch
hinzu und ihm folgte der Schutzmann, der etwas wie »Ach ja!« brummte und
den Kopf schüttelte, in der Vorahnung, daß die Sache ihm viel zu
schaffen machen würde.

»Geht weiter, geht!« er jagte die Menschen, die umherstanden,
auseinander.

»Sie stirbt!« rief jemand.

»Sie hat den Verstand verloren!« sagte ein anderer.

»Gott schütze sie!« bemerkte eine Frau und schlug ein Kreuz. -- »Hat man
den Jungen und das Mädel gekriegt? Ja, da bringt man sie, die älteste
hat sie eingeholt ... Was ihnen nur einfiel!«

Als man aber Katerina Iwanowna näher betrachtet hatte, sah man, daß sie
sich gar nicht an den Steinen blutig geschlagen hatte, wie Ssonja
angenommen, sondern daß das Blut, das den Fahrdamm besudelte, aus Brust
und Mund kam.

»Das kenne ich aus Erfahrung,« sagte der Beamte leise zu Raskolnikoff
und Lebesjätnikoff, »das ist Schwindsucht; das Blut stürzt hervor und
man erstickt. Einer Verwandten von mir ist es jüngst ähnlich gegangen,
ich habe es selbst gesehen, ein halbes Glas kam ... und so plötzlich ...
Was soll man tun, sie wird gleich sterben.«

»Bringt sie zu mir, hier in der Nähe!« flehte Ssonja, »ich wohne hier
... in dem Hause, das zweite von hier ... Schnell, schnell! ...« wandte
sie sich aufgeregt an alle. »Holt einen Arzt ... Oh Gott!«

Dank der Bemühungen des Beamten ging die Sache glatt vor sich, sogar der
Schutzmann half Katerina Iwanowna hinübertragen. Man brachte sie fast
tot in Ssonjas Zimmer und legte sie auf das Bett. Das Blut hörte noch
nicht auf zu fließen, aber Katerina Iwanowna kam langsam zu sich. In das
Zimmer traten gleichzeitig außer Ssonja, Raskolnikoff und
Lebesjätnikoff, der Beamte und der Schutzmann, nachdem er vorher die
Menge auseinandergejagt hatte, von der einige bis zur Türe gefolgt
waren. Poletschka kam auch mit Kolja und Lene, die zitterten und
weinten; sie hielt sie an den Händen. Auch von Kapernaumoff kamen Leute,
er selbst, lahm und krumm, von seltsamem Aussehen mit borstigen Haaren
und Backenbart; seine Frau, die immer ein erschrockenes Aussehen hatte
und einige ihrer Kinder mit offenem Munde und immer erstauntem,
hölzernem Gesichtsausdruck. Unter diesem Publikum befand sich auch
Sswidrigailoff. Raskolnikoff blickte ihn verwundert an, ohne zu
begreifen, wie er hierher gekommen sei, da er sich seiner unter der
Menge nicht entsann. Man sprach davon, einen Arzt und einen Priester
holen zu lassen. Obwohl der Beamte Raskolnikoff auch zugeflüstert hatte,
daß ein Arzt, wie es ihm schien, jetzt wohl überflüssig sei, sandte man
doch nach ihm. Kapernaumoff lief selbst fort.

Unterdessen war Katerina Iwanowna zu sich gekommen und das Blut hörte
für eine Weile auf zu fließen. Sie sah unverwandt mit einem
schmerzlichen und durchdringenden Blick auf die bleiche und bebende
Ssonja, die ihr mit einem Taschentuche die Schweißtropfen auf der Stirn
abtrocknete; schließlich bat sie, man möge sie aufrichten. Man setzte
sie auf und stützte sie von beiden Seiten.

»Wo sind die Kinder?« fragte sie mit schwacher Stimme. -- »Hast du sie
gebracht, Polja? Oh, ihr dummen ... Warum lieft ihr fort ... Ach!«

Blut bedeckte noch ihre trockenen Lippen. Sie blickte sich um.

»Also, hier lebst du, Ssonja! Ich war nie bei dir gewesen ... jetzt erst
bin ich dazu gekommen ...«

Sie blickte sie unendlich traurig an.

»Wir haben dich ausgesaugt, Ssonja ... Polja, Lene, Kolja, kommt her ...
Da sind sie alle, Ssonja, nimm sie ... aus meiner Hand ... ich bin
fertig! ... Das Fest ist aus! H--a ... Legt mich nieder und laßt mich
wenigstens ruhig sterben ...«

Man legte sie wieder auf die Kissen zurück.

»Was? Einen Priester? ... Ist nicht nötig. Habt ihr einen überflüssigen
Rubel? ... Ich habe keine Sünden! ... Gott muß mir auch ohnedem vergeben
... Er weiß, wie ich gelitten habe! ... Und wenn er nicht vergibt, so
ist es auch gut! ...«

Ein unruhiges Phantasieren bemächtigte sich ihrer mehr und mehr.
Zuweilen fuhr sie auf, blickte um sich, erkannte alle auf einen
Augenblick, und das Bewußtsein schwand wieder. Sie atmete schwer und
röchelnd.

»Ich sagte ihm: >Ew. Exzellenz!< ...!« rief sie und holte nach jedem
Worte Atem, »diese Amalie Ludwigowna ... ach! Lene, Kolja! Die Händchen
in die Hüften, schneller, schneller, _glissez, glissez, pas de
basque_!{[16]} Stampf mit den Füßchen ... Sei ein graziöses Kind.

   Du hast Diamanten und Perlen ...

Wie geht es weiter? Das sollten wir singen ...

   Du hast die schönsten Augen
   Mädchen, was willst du noch mehr? ...

Das ist nicht ganz richtig! Was willst du noch mehr -- was sich dieser
Holzklotz dabei gedacht hat? ... -- Ach ja, oder ein anderes Lied

   In mittäglicher Glut ...

Ach, wie ich es liebte ... Ich habe dieses Lied sehr geliebt,
Poletschka! ...

   In mittäglicher Glut im Tale Daghestans ...

Weißt du, dein Vater sang es ... als Bräutigam noch ... Oh, die Tage!
... Das sollten wir singen! Nun, wie heißt es denn ... ich habe es
vergessen ... helft mir doch dabei ... wie heißt es denn?« -- Sie war in
furchtbarer Erregung und versuchte aufzustehen. Mit schrecklicher,
heiserer und überschnappender Stimme, bei jedem Worte außer Atem,
schreiend und mit einer sich steigernden Angst begann sie zu singen:

   »In mittäglicher Glut ... im Tale ... Daghestans ...
   Mit Blei in der Brust ...

Ew. Exzellenz!« schrie sie plötzlich herzzerreißend und in Tränen
ausbrechend, »schützen Sie die Waisen! Eingedenk der Gastfreundschaft
des verstorbenen Ssemjon Sacharytsch! ... Man kann sogar sagen, aus
einem aristokratischen ... Ha--a!« fuhr sie auf, zur Besinnung kommend
und betrachtete alle mit Entsetzen, erkannte aber sofort Ssonja. --
»Ssonja, Ssonja!« sagte sie sanft und freundlich, als wäre sie erstaunt,
sie vor sich zu sehen, »Ssonja, liebe Ssonja, du bist auch hier?«

Man richtete sie wieder auf.

»Genug! ... Es ist Zeit! ... Lebwohl, Armselige! ... Die Stute ist
abgehetzt! ... Zu Tode gehetzt!« rief sie verzweifelt und haßerfüllt aus
und fiel mit dem Kopfe auf das Kissen zurück.

Sie verlor von neuem das Bewußtsein, und ohne es wieder erlangt zu
haben, fiel ihr blaßgelbes abgemagertes Gesicht nach hinten, der Mund
öffnete sich, die Füße streckten sich krampfhaft aus. Sie stöhnte tief
auf und starb.

Ssonja warf sich auf die Leiche, faßte sie mit den Händen, lehnte den
Kopf an die magere Brust der Verstorbenen und verharrte so lange.
Poletschka fiel zu den Füßen der Mutter nieder und küßte sie laut
schluchzend. Kolja und Lene, die noch nicht verstanden hatten, was
geschehen war, aber etwas Schreckliches ahnten, faßten einander mit
beiden Händen an den Schultern, starrten einander in die Augen und
begannen zu schreien. Beide waren noch aufgeputzt, -- er im Turban, sie
in dem Käppchen mit der Straußenfeder.

Und wie kam das Ehrendiplom auf das Bett neben Katerina Iwanowna hin? Es
lag neben dem Kissen, Raskolnikoff hatte es gesehen.

Er ging zum Fenster. Lebesjätnikoff kam eilig zu ihm.

»Sie ist gestorben!« sagte Lebesjätnikoff.

»Rodion Romanowitsch, ich muß Ihnen ein paar wichtige Worte sagen,« trat
Sswidrigailoff heran.

Lebesjätnikoff trat ihm sofort seinen Platz ab und verschwand
zartfühlend. Sswidrigailoff führte den erstaunten Raskolnikoff in eine
abgelegene Ecke hin.

»Diese ganze Schererei, das heißt die Beerdigung und alles übrige nehme
ich auf mich. Wissen Sie, es kommt doch bloß auf das Geld an, und ich
habe Ihnen doch gesagt, daß ich überflüssiges habe. Diese zwei
Sprößlinge und diese Poletschka will ich in einer besseren Anstalt für
Waisenkinder unterbringen und will für jeden bis zur Volljährigkeit
fünfzehnhundert Rubel in eine Bank einzahlen, so daß Ssofja Ssemenowna
vollkommen unbesorgt sein kann. Auch sie will ich aus dem Pfuhle
herausziehen, denn sie ist ein gutes Mädchen, nicht wahr? Und so teilen
Sie Awdotja Romanowna mit, daß ich ihre zehntausend in dieser Weise
verbraucht habe.«

»Welche Absichten verfolgen Sie bei diesen übergroßen Guttaten?« fragte
Raskolnikoff.

»Ach! Sie mißtrauischer Mensch!« lachte Sswidrigailoff. -- »Ich habe
doch gesagt, daß dieses Geld bei mir überflüssig liegt. Einfach aus
Menschlichkeit, das lassen Sie bei mir nicht gelten? Sie war doch keine
>Laus< gewesen -- (er zeigte mit dem Finger auf die Ecke, wo die
Verstorbene lag) -- wie irgendeine alte Wucherin. Gestehen Sie doch
selbst, -- >soll Luschin tatsächlich weiterleben und Scheußlichkeiten
verüben, oder sie sterben?< Und wenn ich nicht helfe, so muß doch
Poletschka den nämlichen Weg gehen ...«

Er sagte es spöttisch mit zugekniffenen Augen und ohne den Blick von
Raskolnikoff abzuwenden. Raskolnikoff erbleichte, es durchzog ihn ein
Schauer, als er seine eigenen Worte wieder hörte, die er zu Ssonja
gesprochen hatte. Er fuhr zurück und blickte Sswidrigailoff fassungslos
an.

»Wo--woher ... wissen Sie?« flüsterte er, kaum atmend.

»Ich wohne ja hier, hinter der Wand bei Madame Rößlich. Hier wohnt
Kapernaumoff und dort Madame Rößlich, eine alte und sehr ergebene
Bekannte von mir. Ich bin ihr Nachbar.«

»Sie?«

»Ja, ich,« fuhr Sswidrigailoff fort, sich vor Lachen schüttelnd, »und
ich kann Sie auf Ehre versichern, lieber Rodion Romanowitsch, daß Sie
mich kolossal interessiert haben. Ich habe doch gesagt, daß wir einander
näher kommen werden, ich habe es Ihnen vorausgesagt, -- nun sind wir
auch einander näher gekommen. Und Sie werden sehen, wie verträglich ich
bin. Sie werden sehen, daß es sich mit mir noch leben läßt ...«




                             Sechster Teil


                                   I.

Für Raskolnikoff war eine merkwürdige Zeit angebrochen. -- Es war, als
wäre plötzlich ein schwerer Nebel auf ihn herabgesunken und hätte für
ihn eine undurchdringliche und tiefe Einsamkeit beschlossen. Als er
später, lange nachher, sich dieser Zeit entsann, dachte er es sich so,
daß sein Bewußtsein zeitweise sich verdunkelte und daß dies mit wenigen
Unterbrechungen bis zur endgültigen Katastrophe gedauert hatte. Er war
vollkommen überzeugt, daß er sich damals öfters geirrt haben müsse, zum
Beispiel in der Zeit und der Dauer verschiedener Ereignisse. Wenigstens,
als er sich späterhin auf dies oder jenes besinnen wollte und sich das
Erinnerte zu erklären versuchte, erfuhr er vieles über sich selbst,
indem er sich nach den Mitteilungen richtete, die er von anderen
erhalten. So verwechselte er ein Ereignis z. B. mit einem anderen; ein
anderes hielt er für die Folge eines Vorfalls, der nur in seiner
Einbildung existierte. Zuweilen erfaßte ihn eine qualvolle Unruhe, die
sich zu einem panischen Schrecken steigern konnte. Er entsann sich auch,
daß es Minuten, Stunden, vielleicht sogar ganze Tage gab, die er im
Gegensatz zu der Angst, in völliger Apathie verbrachte, -- eine Apathie,
die dem schmerzhaft gleichgültigen Zustand Sterbender ähnlich war.
Überhaupt trieb es ihn in diesen letzten Tagen, einem klaren und vollen
Verständnis seiner Lage aus dem Wege zu gehen; alltägliche Dinge, die
eine unverzügliche Erledigung verlangten, lasteten auf ihm; wie froh
wäre er dagegen gewesen, von manchen Sorgen sich befreien und loslösen
zu können, die im Falle ihrer Vernachlässigung ihm den völligen,
unvermeidlichen Untergang bringen mußten.

Am meisten beunruhigte ihn Sswidrigailoff, -- ja, man konnte sagen, daß
Sswidrigailoff seine einzige Sorge war. Seit der Zeit, als er von
Sswidrigailoff in Ssonjas Zimmer, in Katerina Iwanownas Todesstunde die
drohenden und unzweideutigen Worte gehört hatte, schien der gewöhnliche
Fluß seiner Gedanken gestört zu sein. Und obgleich ihn diese neue
Tatsache äußerst beunruhigte, beeilte sich Raskolnikoff nicht, die Sache
aufzuklären. Zuweilen, wenn er sich irgendwo in einem abgelegenen und
menschenleeren Stadtteile, in einem kläglichen Restaurant an einem
Tische allein in Gedanken versunken vorfand und sich kaum entsann, wie
er hierher gekommen war, fiel ihm mit einem Male Sswidrigailoff ein, --
er sah nur zu deutlich ein, daß er sich möglichst schnell mit diesem
Menschen verständigen und zu einem Ende mit ihm kommen müsse. Einmal,
als er vor die Stadt geraten war, bildete er sich sogar ein, daß er hier
Sswidrigailoff erwarte, daß sie hier eine Zusammenkunft verabredet
hätten. Ein anderes Mal erwachte er vor Tagesanbruch irgendwo auf der
Erde im Gebüsch und begriff nicht, wie er hierhergekommen war. In den
zwei, drei auf Katerina Iwanownas Tode folgenden Tagen hatte er ein
paarmal Sswidrigailoff getroffen, fast immer in der Wohnung Ssonjas,
wohin er ziellos, stets aber nur einen kurzen Augenblick gegangen war.
Sie wechselten stets einige kurze Worte und berührten kein einziges Mal
den Hauptpunkt, als wäre es zwischen ihnen so verabredet worden,
vorläufig darüber zu schweigen. Die Leiche von Katerina Iwanowna lag
noch im offenen Sarge. Sswidrigailoff gab die Anordnungen für die
Beerdigung und sorgte für alles. Ssonja war auch sehr in Anspruch
genommen. Bei der letzten Begegnung hatte Sswidrigailoff ihm mitgeteilt,
daß er die Frage bezüglich der Kinder Katerina Iwanownas gelöst habe und
sehr glücklich sei, daß dank einiger Verbindungen alle drei Waisen
sofort in sehr anständige Anstalten untergebracht werden könnten und daß
das für sie deponierte Geld viel dazu beigetragen habe, weil wohlhabende
Waisen leichter als arme unterzubringen seien. Er redete auch über
Ssonja, versprach Raskolnikoff in den nächsten Tagen selbst aufzusuchen,
um sich mit ihm zu beraten, da in dieser Angelegenheit Notwendiges zu
besprechen sei.

Das Gespräch fand im Korridor, an der Treppe statt. Sswidrigailoff sah
unverwandt Raskolnikoff in die Augen und fragte ihn nach einigem
Schweigen mit gesenkter Stimme.

»Was ist mit Ihnen, Rodion Romanowitsch, Sie sind so vollkommen
verändert? Wirklich! Sie hören zu und schauen einen dabei an, scheinen
aber nichts zu verstehen. Geben Sie acht auf sich. Wir wollen einmal
miteinander sprechen; schade nur, daß ich jetzt so viel für andere und
für mich selbst zu tun habe ... Ach, Rodion Romanowitsch,« fügte er
unmittelbar hinzu, »alle Menschen brauchen Luft, Luft, Luft ... Vor
allen Dingen!«

Er trat zur Seite, um den eben heraufkommenden Priester und den Küster
vorbeizulassen. Sie kamen, die Totenmesse zu halten. Sswidrigailoff
hatte angeordnet, daß pünktlich zweimal am Tage Totenmessen abgehalten
würden. Sswidrigailoff ging seinen Angelegenheiten nach und Raskolnikoff
blieb eine Weile stehen, dachte nach und folgte dann dem Priester in
Ssonjas Wohnung.

Er blieb an der Türe stehen. Der Gottesdienst begann leise, andächtig,
traurig. In dem Bewußtsein, sterben zu müssen und in der Empfindung der
Gegenwart des Todes lag für ihn stets, von früher Kindheit an, etwas
Schweres, Drückendes und Mystisches, und er hatte seit langem keiner
Totenmesse mehr beigewohnt. Außerdem peinigte ihn noch ein anderes
Gefühl. Er sah auf die Kinder, -- sie lagen alle vor dem Sarge auf den
Knien und Poletschka weinte. Hinter ihnen stand Ssonja, still und
schüchtern weinend und betete.

»Sie hat mich in diesen Tagen kein einziges Mal angeblickt und mir noch
kein Wort gesagt,« dachte Raskolnikoff. Die Sonne beleuchtete hell das
Zimmer; der Weihrauch stieg in feinen Wolken empor; der Priester las
»Gott schenke dir Ruhe ...« Raskolnikoff blieb während des ganzen
Gottesdienstes. Als der Priester den Segen erteilte und sich
verabschiedete, blickte er sich eigentümlich um. Nach Beendigung der
Messe trat Raskolnikoff an Ssonja heran. Sie nahm plötzlich seine beiden
Hände und lehnte den Kopf an seine Schulter. Diese kurze Bewegung
überraschte ihn. Wie? war es möglich? -- Nicht der geringste Widerwille,
nicht der geringste Ekel ihm gegenüber, nicht das leiseste Beben ihrer
Hand. War das nicht eine grenzenlose Demütigung seines eigenen Ichs. In
dieser Weise faßte er es auf. Ssonja sagte nichts und Raskolnikoff
drückte ihr nur die Hand und ging fort. Ihm war schwer zumute. Hätte er
in diesem Augenblicke irgendwohin gehen können, um völlig allein zu
bleiben, und selbst fürs ganze Leben, er würde sich glücklich gepriesen
haben. Trotzdem er in der letzten Zeit fast immer allein war, war er
nicht imstande, ein Fürsichsein zu empfinden. Er ging öfters außerhalb
der Stadt auf Landwegen herum, einmal sogar war er in einen Wald
geraten, aber je einsamer der Ort war, desto stärker empfand er die
beunruhigende Nähe von irgend etwas, das wohl nichts furchterweckendes,
wohl aber etwas belästigendes war, so daß er jedesmal schneller in die
Stadt zurückkehrte, sich unter die Menschen mischte, in Restaurants oder
Schenken ging, den Trödelmarkt oder den Heumarkt aufsuchte. Hier ward es
ihm leichter und hier fühlte er sich allein. Eines Tages war er in einer
Schenke, wo man kurz vor Abend zu singen begann; er blieb eine ganze
Stunde sitzen, hörte zu und erinnerte sich, daß ihm dies wohlgetan
hatte. Zum Schluß aber wurde er wieder unruhig, als ob sein Gewissen
wach würde. »Ich sitze hier und höre zu, wie gesungen wird, habe ich
denn nichts anderes zu tun!« dachte er mit einemmale. Es wurde ihm bald
klar, daß nicht dieser Umstand ihn allein beunruhige; es gab etwas
anderes, das eine unverzügliche Lösung verlangte, was er aber sich weder
klar vorstellen, noch durch Worte wiedergeben konnte. Alles verwickelte
sich zu einem Knäuel. »Nein, es ist doch besser, einen Kampf zu führen!
Mag Porphyri Petrowitsch wieder auftreten ... oder Sswidrigailoff ...
Mag nun wieder eine Herausforderung, ein Angriff erfolgen ... Ja! Ja!«
-- Er verließ die Schenke und lief fast nach Hause. Der Gedanke an Dunja
und die Mutter jagte ihm plötzlich eine panische Angst ein.

Es war in der Nacht, aber der Morgen graute schon, als er auf der
Krestowski-Insel im Gebüsch fröstelnd vor Fieber erwachte; er ging nach
Hause. Nach einigen Stunden Schlaf war das Fieber vorüber, er erwachte
sehr spät, -- es war zwei Uhr nachmittags.

Es kam ihm wieder in Erinnerung, daß Katerina Iwanowna heute beerdigt
werden sollte, und er war froh, daß er nicht zugegen sein mußte.
Nastasja brachte ihm etwas zu essen; er aß und trank mit großem Appetit,
fast mit einem Heißhunger. Sein Kopf wurde frischer, er selbst ruhiger,
als in diesen letzten drei Tagen. Er wunderte sich sogar flüchtig über
die früheren Anfälle seiner panischen Angst. Da öffnete sich die Türe
und Rasumichin trat herein.

»Ah! Du ißt, so bist du auch nicht krank!« sagte Rasumichin, nahm einen
Stuhl und setzte sich an den Tisch, Raskolnikoff gegenüber. Er war
aufgeregt und versuchte nicht, es zu verbergen und sprach mit sichtbarem
Ärger, aber ohne sich zu überhasten und ohne die Stimme besonders zu
erheben. Man konnte denken, daß ihn eine ganz bestimmte Absicht
herführe. »Höre,« begann er entschlossen, »ich kehre mich den Teufel um
euch alle und zwar, weil ich jetzt sehe, deutlich sehe, daß ich nichts
davon verstehen kann; bitte, glaube nicht, daß ich gekommen bin, dich
auszufragen. Ich pfeife darauf! Ich will es gar nicht wissen! Und wenn
du mir jetzt selbst alles anvertrauen, alle eure Geheimnisse entdecken
wolltest, ich würde sie vielleicht nicht mal anhören, ich pfeife auf
alles und gehe fort. Ich bin nur gekommen, um persönlich und endgültig
zu erfahren, ob es wahr ist, daß du verrückt bist? Siehst du, es besteht
die Meinung über dich, -- irgendwo, das ist ja einerlei -- daß du
möglicherweise verrückt bist, jedenfalls aber starke Anlagen dazu
habest. Ich muß dir gestehen, ich selbst war stark geneigt, diese
Meinung zu teilen, erstens wegen deiner dummen und zum Teil schmählichen
Handlungen, die durch nichts erklärt werden können, und zweitens wegen
deines kürzlichen Benehmens deiner Mutter und Schwester gegenüber. Nur
ein Scheusal und ein Schuft, oder ein Wahnsinniger konnte sie in dieser
Weise behandeln, wie du sie behandelt hast; folglich bist du wahnsinnig
...«

»Hast du sie lange nicht gesehen?«

»Ich war soeben bei ihnen. Und du hast sie seit dieser Zeit nicht mehr
gesehen? Sage mir bitte, wo treibst du dich herum, ich bin schon dreimal
bei dir gewesen. Deine Mutter ist seit gestern ernstlich erkrankt. Sie
wollte zu dir gehen; Awdotja Romanowna hielt sie davon ab; doch sie
wollte auf nichts hören. >Wenn er krank ist,< sagte sie, >wenn sein
Geist gestört ist, wer soll ihm denn helfen, wenn nicht die eigene
Mutter?< So kamen wir alle hierher, denn wir konnten sie doch nicht
allein gehen lassen. Bis zu deiner Tür haben wir sie gebeten, sich zu
beruhigen. Wir traten in dein Zimmer, da warst du nicht da; hier, auf
diesem Platz, hat sie gesessen. Sie saß über zehn Minuten da, wir
standen schweigend in ihrer Nähe. Sie stand dann auf und sagte, -- >wenn
er ausgeht, ist er gesund und hat die Mutter vergessen; es ist unpassend
und eine Schande für eine Mutter, weiter noch an der Schwelle zu stehen
und um Liebkosung, wie um ein Almosen zu betteln<. Sie kehrte nach Hause
zurück, mußte sich zu Bett legen und liegt jetzt im Fieber. >Ich sehe,<
sagte sie, >für die _Seine_ hat er Zeit.< Sie meinte mit der _Seinen_
Ssofja Ssemenowna, deine Braut oder deine Geliebte, ich weiß es nicht.
Ich ging sofort zu Ssofja Ssemenowna, denn ich wollte alles erfahren,
Bruder; ich komme hin und sehe, -- ein Sarg steht dort, die Kinder
weinen, Ssofja Ssemenowna probiert ihnen Trauerkleider an, du bist aber
nicht da. Ich sah das alles an, entschuldigte mich und ging fort und
habe Awdotja Romanowna alles erzählt. Alles ist Unsinn und es gibt gar
keine >_Seine_,< also ist es ganz Wahnsinn. Doch jetzt sitzest du hier
und frißt gekochtes Fleisch, als hättest du drei Tage nichts gegessen.
Es ist wahr, Wahnsinnige essen auch und du hast kein Wort mit mir
gesprochen, du bist aber ... nicht verrückt. Das kann ich beschwören.
Unter keinen Umständen verrückt. Also, hol euch alle der Teufel, es
steckt etwas dahinter, es gibt irgendein Geheimnis, und ich habe keine
Lust, über eure Geheimnisse mir den Kopf zu zerbrechen. Ich bin bloß
gekommen, zu schimpfen,« schloß er und stand auf, »mir Luft zu machen
und nun weiß ich, was ich zu tun habe!«

»Was willst du jetzt tun?«

»Was geht es dich an, was ich jetzt tun will?«

»Gib acht, du fängst zu trinken an!«

»Woher ... woher weißt du das?«

»Das ist leicht zu erraten!«

Rasumichin schwieg eine Weile.

»Du warst immer ein sehr vernünftiger Mensch und nie, niemals warst du
verrückt,« bemerkte er plötzlich voll Eifer. »Das stimmt, -- ich werde
anfangen zu trinken! Lebwohl!«

Und er schickte sich an zu gehen.

»Vorgestern, glaube ich, habe ich von dir mit der Schwester gesprochen,
Rasumichin.«

»Von mir! Ja ... wo konntest du sie denn vorgestern gesehen haben?«
Rasumichin blieb stehen und wurde ein wenig blaß.

Man konnte bemerken, wie sein Herzschlag langsamer und schwerer ging.

»Sie war hierhergekommen, allein, saß hier und sprach mit mir.«

»Sie!«

»Ja, sie!«

»Was hast du denn gesprochen ... ich will sagen, -- von mir?«

»Ich sagte ihr, daß du ein sehr guter, ehrlicher und arbeitsamer Mensch
seist. Daß du sie liebst, habe ich ihr nicht gesagt, denn das weiß sie
selbst.«

»Sie weiß es selbst?«

»Nun, und ob! Wohin ich auch reisen mag, was mit mir auch geschehen mag,
-- du würdest bei ihnen, als ihre Vorsehung, bleiben. Ich übergab sie
beide deiner Obhut, Rasumichin. Ich sage es, weil ich sehr gut weiß, wie
du sie liebst und weil ich von der Reinheit deines Herzens überzeugt
bin. Ich weiß auch, daß auch sie dich lieben kann und vielleicht sogar
schon liebt. Jetzt beschließe selbst, wie es dir am besten erscheint, --
ob du trinken willst oder nicht?«

»Rodja ... Siehst du ... Nun ... Ach, Teufel! Wohin willst du aber
gehen? Siehst du, wenn es ein Geheimnis ist, laß es! Aber ich ... ich
werde das Geheimnis erfahren ... Und bin überzeugt, daß es sicher
irgendein Unsinn und eine lächerliche Kleinigkeit ist, und daß du allein
dir alles andere eingebrockt hast. Im übrigen aber bist du ein
ausgezeichneter Mensch! Ein ausgezeichneter Mensch! ...«

»Und ich wollte gerade hinzufügen, da hast du mich aber unterbrochen,
daß du vorhin sehr gut und richtig geäußert hast, diese Geheimnisse
nicht erfahren zu wollen. Laß es vorläufig sein, rege dich nicht auf. Du
wirst alles rechtzeitig zu wissen bekommen und dann, wenn es nötig sein
wird. Gestern hat ein Mann zu mir gesagt, daß die Menschen Luft
brauchen, Luft, Luft! Ich will gleich zu ihm hingehen und erfahren, was
er darunter versteht.«

Rasumichin stand in Gedanken versunken, aufgeregt schien er über etwas
nachzudenken.

»Er ist ein politischer Verschwörer! Sicher! Und er steht vor einem
entscheidenden Schritt, -- das ist auch sicher! Anders kann es nicht
sein und ... Dunja weiß es ...« dachte er.

»Also zu dir kommt Awdotja Romanowna,« sagte er und betonte jedes Wort,
»und du selbst willst einen Menschen treffen, der da sagt, daß mehr Luft
nötig sei, mehr Luft und ... und, also hängt auch dieser Brief ...
irgendwie damit zusammen.«

»Was für ein Brief?«

»Sie hat einen Brief erhalten, heute; der hat sie sehr aufgeregt. Sehr.
Fast zu sehr ... Als ich von dir zu sprechen anfing, -- bat sie mich zu
schweigen. Dann ... dann sagte sie, daß wir uns vielleicht sehr bald
trennen müßten, und begann mir für etwas heiß zu danken; ging darauf in
ihr Zimmer und schloß sich ein.«

»Sie hat einen Brief erhalten?« wiederholte Raskolnikoff nachdenklich.

»Ja, einen Brief, und du weißt nichts davon? Hm!« Beide schwiegen eine
Weile.

»Lebwohl, Rodion. Ich, Bruder ... es gab eine Zeit ... übrigens aber,
lebwohl; siehst du, es gab eine Zeit ... Nun, lebwohl! Ich muß auch
gehen. Ich werde nicht trinken. Jetzt ist es nicht mehr nötig ... wird
nicht gemacht!«

Er hatte Eile, aber als er schon draußen war und die Türe fast
geschlossen hatte, öffnete er sie plötzlich wieder und sagte, indem er
zur Seite blickte:

»Apropos! Erinnerst du dich dieses Mordes, der Sache, die Porphyri
Petrowitsch führt, -- der Ermordung der Alten? Nun, du sollst wissen,
daß der Mörder gefunden ist, er hat alles eingestanden und alle Beweise
geliefert. Stell dir vor, es ist einer von denselben Arbeitern, den
Anstreichern, die ich -- erinnerst du dich -- noch bei dir im Zimmer
verteidigte. Kannst du es glauben, er hat diese ganze Szene mit der
Schlägerei und dem Lachanfall auf der Treppe mit seinem Kameraden, als
der Hausknecht und die zwei Zeugen hinaufgingen, -- absichtlich
vorgeführt und zwar um jeden Verdacht von sich abzulenken. Welch eine
Schlauheit, welch eine Geistesgegenwart in so einem jungen Hunde steckt!
Es ist schwer zu glauben; er hat aber selbst die Sache aufgeklärt, alles
selbst eingestanden! Und wie ich hereingefallen bin! Nun, meiner Ansicht
nach ist er bloß ein Genie der Verstellung und Geschicklichkeit, ein
Genie gegenüber juristischer Verhörskunst, -- folglich ist hier nichts
staunenswertes! Kann es denn nicht auch solche Genies geben? Und weil er
es nicht bis zu Ende durchgeführt, sondern eingestanden hat, aus dem
Grunde glaube ich ihm noch mehr. Es ist überzeugender! ... Aber wie ich
damals hereingefallen bin! Ich kletterte ja um ihretwillen an die Wände
hinauf!«

»Sage mir bitte, woher hast du es erfahren, und warum interessiert es
dich so sehr?« fragte ihn Raskolnikoff sichtbar erregt.

»Nun, was frägst du bloß! Warum sollte es mich nicht interessieren! Das
ist auch eine Frage! ... Ich habe es unter anderem von Porphyri
Petrowitsch erfahren. Übrigens, ich habe fast alles durch ihn erfahren.«

»Von Porphyri Petrowitsch?«

»Ja, von Porphyri Petrowitsch.«

»Was ... was meint er?« fragte Raskolnikoff angstvoll.

»Er hat es mir ausgezeichnet erklärt. Psychologisch erklärt, auf seine
Weise.«

»Er hat es dir erklärt? Er hat es dir selbst erklärt?«

»Ja, selbst, selbst; lebwohl! Ich will dir später noch mehr erzählen,
jetzt aber habe ich zu tun. Ja ... es gab eine Zeit, wo ich glaubte ...
Nun, was ist da zu reden ... später davon ... Warum soll ich jetzt
anfangen zu trinken. Du hast mich auch ohne Wein betrunken gemacht. Ich
bin ja betrunken, Rodja! Ohne Wein bin ich betrunken; nun, aber lebwohl!
Ich komme zu dir. Sehr bald.«

Er ging hinaus.

»Er ist, er ist ein politischer Verschwörer, das ist sicher, das steht
fest!« sagte sich Rasumichin endgültig, indem er langsam die Treppe
hinabstieg. »Und die Schwester hat er auch hineingezogen; das ist sehr,
sehr begreiflich bei dem Charakter von Awdotja Romanowna. Sie haben
Zusammenkünfte ... Und sie hat es mir auch angedeutet. Aus vielen ihrer
Worte ... und Andeutungen ... und Anspielungen ergibt sich dies alles!
Ja, wie kann man denn sonst diesen ganzen Wirrwarr erklären? Hm! Und ich
dachte ... Oh, Gott, was ich gemeint habe. Ja, das war eine Verblendung
und ich habe gefehlt vor ihm! Damals bei der Lampe im Korridor hat er
mich verwirrt und verblendet! Pfui! Welch ein häßlicher, roher, gemeiner
Gedanke von mir! Nikolai ist ein braver Bursche, daß er es eingestanden
hat ... Und wie sich jetzt alles Vorhergegangene leicht erklären läßt!
Seine Krankheit damals, alle seine sonderbaren Handlungen, auch früher
schon, in der Universität noch, als er immer so düster und verschlossen
war ... Aber was bedeutet jetzt dieser Brief? Hier steckt vielleicht
auch etwas dahinter. Von wem ist dieser Brief? Ich habe einen Verdacht
... Hm! Nein, ich will alles erfahren.«

Da erinnerte er sich an Dunetschka, und sein Herz blieb ihm fast
stillstehen. Er riß sich von seinen Gedanken los und lief weiter.

                   *       *       *       *       *

Kaum war Rasumichin fortgegangen, so stand Raskolnikoff auf, wandte sich
zum Fenster, ging von einer Ecke in die andere, als hätte er die Enge
seiner Kammer vergessen, und ... setzte sich wieder auf das Sofa hin. Er
schien ganz wie ausgewechselt zu sein; wieder -- hatte sich ein Ausweg
gefunden!

Ja, es hat sich ein Ausweg gefunden! sagte er sich. Alles war schon zu
vollgestopft, es hatte angefangen, ihn qualvoll zu drücken, ein
förmlicher Taumel hatte ihn überfallen. Seit dem Auftritte mit Nikolai
bei Porphyri Petrowitsch vermeinte er, ohne einen Ausweg ersticken zu
müssen. Nach Nikolai folgte am selben Tage der Auftritt bei Ssonja; er
hatte ihn nicht so, wie er's sich vorgenommen, begonnen und durchgeführt
... also hatte ihn die Schwäche plötzlich und vollständig übermannt! Mit
einemmale! Er war ja doch damals mit Ssonja einverstanden, aus vollem
Herzen einverstanden, daß er mit solch einer Sache auf der Seele allein
nicht leben könne! Und Sswidrigailoff? Sswidrigailoff ist ein Rätsel ...
Sswidrigailoff beunruhigt ihn, das ist wahr, aber nicht nach dieser
Richtung hin. Mit Sswidrigailoff steht vielleicht auch ein Kampf bevor.
Mit Sswidrigailoff gibt es vielleicht auch einen Ausweg, mit Porphyri
Petrowitsch -- das ist freilich eine andere Sache.

Aber Porphyri Petrowitsch hat selbst Rasumichin alles erklärt,
_psychologisch_ ihm erklärt! Wieder fängt er mit seiner verfluchten
Psychologie an! Porphyri Petrowitsch? Was, Porphyri Petrowitsch soll
auch nur einen Augenblick geglaubt haben, daß Nikolai schuldig sei, --
nach allem, was zwischen ihnen beiden vorgefallen war, vor Nikolais
Erscheinen, nach jenem Auftritt, Auge in Auge, für den man keine andere
Erklärung finden konnte, außer _einer einzigen_? -- (Raskolnikoff war
einigemal in diesen Tagen dieser Auftritt mit Porphyri Petrowitsch in
der Erinnerung stückweise vorgeschwebt; sich des Auftritts in seiner
ganzen Bedeutung zu erinnern, hätte er nicht ertragen können.) --
Während dieser Szene hatten sie beide Worte gewechselt, waren Bewegungen
und Gesten vorgekommen, Blicke getauscht, war einiges in einem Tone
gesagt worden, und die ganze Szene hatte einen Charakter angenommen, daß
auf keinen Fall ein Nikolai, -- den Porphyri Petrowitsch doch sofort
beim ersten Worte und bei der ersten Bewegung richtig erkannt hatte, --
die Grundlage seiner Überzeugung erschüttern konnte.

Wie weit war es aber auch schon gekommen! Sogar Rasumichin hatte
begonnen, Verdacht zu schöpfen! Die Szene im Korridor bei der Lampe ist
an ihm nicht spurlos vorübergeglitten. Er ist doch zu Porphyri
Petrowitsch hingelaufen ... Aber aus welchem Grunde will jener ihn
irreführen? Was hat er für einen Zweck, Rasumichin auf Nikolai zu
bringen? Er hat unbedingt etwas vor; er verfolgt damit bestimmte Zwecke,
aber welcher Art sind sie? Es ist wahr, seit diesem Morgen ist viel Zeit
vergangen, -- viel zu viel Zeit und von Porphyri Petrowitsch habe ich
weder etwas gehört, noch gesehen. Das ist sicher kein gutes Zeichen ...

Raskolnikoff nahm seine Mütze, versank in Gedanken und schickte sich an,
das Zimmer zu verlassen. Es war der erste Tag, während dieser ganzen
Zeit, daß er sich wenigstens bei gesundem Bewußtsein fühlte. »Ich muß
dieser Sache mit Sswidrigailoff ein Ende machen,« -- dachte er, -- »um
jeden Preis und möglichst schnell; er scheint zu erwarten, daß ich
selbst zu ihm komme.« -- In diesem Augenblicke entstand in seinem
bedrückten Herzen ein wilder Haß, daß er einen von beiden, --
Sswidrigailoff oder Porphyri Petrowitsch hätte ermorden können. Er
fühlte wenigstens, daß er, wenn nicht jetzt, so später, imstande sei, es
zu tun. -- »Wir wollen sehen, wir wollen sehen,« wiederholte er vor
sich. --

Als er aber gerade die Türe zur Treppe öffnete, stieß er mit Porphyri
Petrowitsch zusammen. Der kam zu ihm. Raskolnikoff war im ersten
Augenblick erstarrt. Aber sonderbar, sein Staunen über Porphyris
Erscheinen und sein Schrecken waren gering. Er zuckte bloß zusammen,
sammelte sich aber sofort augenblicklich. »Vielleicht ist es die Lösung!
Aber wie leise er gekommen war, wie eine Katze, ich habe ihn nicht
gehört! Hat er etwa gelauscht?«

»Sie haben diesen Besuch nicht erwartet, Rodion Romanowitsch,« rief
Porphyri Petrowitsch lachend. »Wollte schon lange Sie aufsuchen; ging
nun vorbei und dachte mir, -- warum soll ich nicht auf fünf Minuten
hinaufgehen. Sie wollen ausgehen? Ich will Sie nicht aufhalten. Bloß auf
eine Zigarette, wenn Sie gestatten.«

»Ja, nehmen Sie Platz, Porphyri Petrowitsch, nehmen Sie bitte Platz,«
Raskolnikoff bot seinem Besuche mit solch einer sichtlich zufriedenen
und freundschaftlichen Miene einen Platz an, daß er über sich selbst
verwundert gewesen wäre, wenn er sich hätte sehen können.

Es war auch der letzte Rest seiner Kraft. So hegt ein Mensch eine halbe
Stunde lang tödliche Angst vor dem Räuber, wenn aber das Messer ihm
endgiltig an die Kehle gesetzt wird, schwindet die Angst. Er setzte sich
Porphyri Petrowitsch gegenüber und blickte ihn, ohne die Augen für einen
Moment abzuwenden, an. Porphyri Petrowitsch kniff die Augen zusammen und
steckte sich eine Zigarette an.

»Nun, sprich, sprich doch,« schien es aus dem Herzen Raskolnikoffs
herauszurufen. -- »Nun, warum redest, warum redest du nicht?«


                                  II.

»Nehmen wir einmal die Zigaretten!« sagte endlich Porphyri Petrowitsch,
nachdem er die Zigarette angesteckt und Atem geholt hatte, »sie sind
schädlich, ganz und gar schädlich, ich kann sie aber nicht lassen! Ich
huste, im Halse beginnt es zu kratzen und ich leide an Atemnot. Wissen
Sie, ich bin ängstlich, war vor ein paar Tagen bei B. gewesen, -- er
untersucht jeden Kranken, minimum, eine halbe Stunde; er lachte, als er
mich sah, -- dann hat er mich beklopft und ausgehorcht und sagte unter
anderem, daß Tabak für mich nicht gut sei, meine Lungen seien erweitert.
Und, wie kann ich das Rauchen lassen? Wodurch soll ich es ersetzen? Ich
trinke nicht, das ist das ganze Unglück, he--he--he, es ist ein Unglück,
daß ich nicht trinke! Alles ist doch wie man's nimmt, Rodion
Romanowitsch, wie man's nimmt!«

»Was fängt er wieder mit seinem alten Kram an?« dachte Raskolnikoff voll
Widerwillen. Die ganze letzte Szene stieg vor ihm auf und dasselbe
Gefühl wie damals überflutete wie eine Welle sein Herz.

»Ich war schon einmal bei Ihnen, vorgestern abend. Sie wissen es nicht?«
fuhr Porphyri Petrowitsch fort und blickte sich im Zimmer um, »ich war
in demselben Zimmer gewesen. Ich ging ebenso, wie heute, vorbei und
dachte, -- ich will ihm mal eine Gegenvisite machen. Komme hierher, das
Zimmer steht weit offen; ich sah mich um, wartete eine Weile, habe mich
nicht mal Ihrem Dienstmädchen gemeldet -- und ging wieder fort. Sie
schließen das Zimmer nicht ab?«

Raskolnikoffs Gesicht verfinsterte sich immer mehr. Porphyri Petrowitsch
schien seine Gedanken zu erraten. »Ich bin gekommen, lieber Rodion
Romanowitsch, Ihnen eine Erklärung zu geben. Ich bin Ihnen eine solche
schuldig,« fuhr er mit einem Lächeln fort und schlug ihm mit der Hand
leicht auf das Knie, aber zu gleicher Zeit nahm sein Gesicht einen
ernsten und besorgten Ausdruck an, es schien, zu Raskolnikoffs
Erstaunen, wie mit Trauer umflort. Er hatte noch nie bei Porphyri
Petrowitsch solch einen Ausdruck gesehen und ihn auch nicht bei ihm
vermutet. -- »Eine merkwürdige Szene hat sich das letzte Mal zwischen
uns abgespielt, Rodion Romanowitsch. Ich gestehe, daß es vielleicht auch
bei unserer ersten Zusammenkunft sonderbar hergegangen ist, aber damals
... Nun, jetzt kommt es auf dasselbe hinaus! Hören Sie, ich habe eine
große Schuld Ihnen gegenüber, ich fühle es. Erinnern Sie sich, wie wir
uns trennten, -- bei Ihnen vibrierten die Nerven und zitterten die Knie,
auch bei mir vibrierten die Nerven und zitterten die Knie. Und wissen
Sie, es war auch zwischen uns damals nicht ganz anständig, nicht
gentlemanlike zugegangen. Wir sind aber doch Gentlemen, das heißt in
jedem Falle und vor allen Dingen Gentlemen; das ist im Auge zu behalten.
Sie erinnern sich doch, wie weit es kam ... geradezu unanständig.«

»Was ist mit ihm, für wen hält er mich denn?« fragte sich Raskolnikoff
verwundert, indem er den Kopf erhob und Porphyri Petrowitsch aufmerksam
anblickte.

»Ich bin zu der Ansicht gekommen, daß es besser für uns ist, jetzt in
aller Offenheit zu verhandeln,« fuhr Porphyri Petrowitsch fort, seinen
Kopf ein wenig zurückwerfend und die Augen senkend, als wünsche er nicht
mehr durch seinen Blick sein früheres Opfer zu verwirren, und als
verschmähe er seine frühere Methode und seine Kniffe; -- »ja, solche
Verdächtigungen und solche Szenen dürfen nicht andauern. Uns hat damals
Nikolai erlöst, sonst wüßte ich nicht, was alles zwischen uns passiert
wäre. Dieser verfluchte Kleinbürger saß damals die ganze Zeit bei mir
hinter der Scheidewand, -- können Sie es sich vorstellen? Sie wissen es
sicher schon; es ist mir bekannt, daß er später bei Ihnen gewesen ist;
das aber, was Sie damals annahmen, war nicht der Fall, -- ich hatte nach
keinem Menschen geschickt und hatte damals auch keine Anordnungen
getroffen! Sie werden mich fragen, warum ich keine Anordnungen getroffen
hatte? Ja, wie soll ich es sagen, -- mich selbst hat dieses alles damals
überfallen. Ich hatte kaum Zeit gefunden, die Hausknechte holen zu
lassen, -- Sie haben die Hausknechte wahrscheinlich bemerkt, als Sie
durch das Vorzimmer gingen. -- Ein Gedanke durchfuhr mich damals, wie
ein Blitz, -- ich war, sehen Sie, Rodion Romanowitsch, damals so gut wie
überzeugt. Warte, dachte ich mir, -- wenn ich auch vorläufig das eine
versäume, so packe ich dafür das andere am Schwanz, -- will jedenfalls
das meinige nicht versäumen. Sie sind von Natur aus sehr reizbar, Rodion
Romanowitsch, sogar übermäßig reizbar bei allen anderen Grundzügen Ihres
Charakters und Herzens, die ich mir schmeichle teilweise erkannt zu
haben. Selbstverständlich konnte ich mir auch damals schon sagen, daß es
nicht oft der Fall sei, daß ein Mensch plötzlich aufsteht und sein
ganzes Geheimnis ausplaudert. Das kommt wohl vor, besonders, wenn einem
Menschen die letzte Geduld reißt, aber jedenfalls immerhin selten. Ja,
das konnte ich mir sagen. Ich dachte, wenn ich bloß ein Zipfelchen
erwische! Meinetwegen ein ganz winziges Endchen, nur ein einziges, aber
ein derartiges, daß man es fassen kann, daß es ein Ding ist und nicht
immer bloß diese Psychologie. Dann dachte ich mir, wenn ein Mensch
schuldig ist, so kann man jedenfalls etwas wesentliches von ihm
erwarten; es ist selbst statthaft, auch auf ein ganz unerwartetes
Resultat zu rechnen. Ich habe damals mit Ihrem Charakter gerechnet,
Rodion Romanowitsch, am meisten mit Ihrem Charakter! Ich hoffte damals
zu stark auf Sie selbst.«

»Aber ... aber warum sprechen Sie jetzt in dieser Weise,« murmelte
Raskolnikoff endlich, ohne seine eigene Frage sich zu überlegen. --
»Worüber spricht er,« verlor er sich in Mutmaßungen, »hält er mich
tatsächlich für unschuldig?«

»Warum ich in dieser Weise spreche? Ich bin gekommen, Ihnen Erklärungen
zu geben, halte es für meine heilige Pflicht. Ich will Ihnen alles bis
aufs haarkleinste erzählen, wie alles war, diese ganze Geschichte der
damaligen Verblendung. Ich habe Ihnen viel Leid zugefügt, habe Sie stark
leiden lassen, Rodion Romanowitsch. Ich bin kein so großes Scheusal. Ich
begreife auch, was es für einen niedergedrückten, aber stolzen,
eigenartigen und ungeduldigen, besonders ungeduldigen Menschen heißt,
dies alles ertragen zu müssen. Ich halte Sie in jedem Falle für einen
edlen Menschen, mit großmütiger Veranlagung, obgleich ich nicht mit
allen Ihren Überzeugungen einverstanden bin und ich halte es für meine
Pflicht im voraus, offen und aufrichtig Ihnen das zu sagen, ich will Sie
nicht betrügen. Nachdem ich Sie erkannt hatte, fühlte ich eine Neigung
zu Ihnen. Sie werden wohl über meine Worte lachen? Und Sie haben ein
Recht dazu. Ich weiß, daß Sie mich auf den ersten Blick schon nicht
leiden konnten, und im Grunde genommen ist auch nichts an mir, warum man
mich gern haben könnte. Fassen Sie es jedoch auf, wie Sie wollen, ich
wünsche meinerseits mit allen Mitteln, diesen Eindruck von mir zu
verwischen und Ihnen zu beweisen, daß auch ich ein Mensch mit einem
Herzen und einem Gewissen bin. Und dies sage ich aufrichtig.«

Porphyri Petrowitsch hielt würdevoll inne. Raskolnikoff fühlte den
Andrang eines neuen Schreckens. Der Gedanke, daß Porphyri Petrowitsch
ihn für unschuldig hielt, begann ihn zu peinigen.

»Ich denke, es ist unnötig und überflüssig, alles der Reihenfolge nach
zu erzählen, wie es damals begonnen hatte,« fuhr Porphyri Petrowitsch
fort. »Ja, und es ist fraglich, ob ich imstande bin, es zu tun. Denn,
wie soll man es genau erklären? Im Anfange tauchten Gerüchte auf.
Darüber, was es für Gerüchte waren, und von wem sie stammten, und wann
... und aus welchem Anlaß eigentlich Sie hineingezogen wurden, -- ist
auch, denke ich, überflüssig zu erwähnen. Bei mir persönlich fing es mit
einer Zufälligkeit, mit einer völlig unvorgesehenen Zufälligkeit an, die
ebenso gut sein wie nicht sein konnte, -- was es aber war? Hm, ich
denke, dies ist auch nicht zu erwähnen. Dies alles, wie die Gerüchte, so
auch die Zufälligkeiten, schmolzen sich bei mir zu einem Gedanken
zusammen. Ich muß offen gestehen, denn, wenn man schon einmal
eingesteht, soll es auch alles sein, -- ich war der erste, der auf Sie
damals kam. Die Vermerke der Alten auf den versetzten Sachen und
dergleichen mehr sind, ich gebe es zu, alles Unsinn. In dieser Weise
kann man hundert solche Dinge aufzählen. Ich hatte auch damals die
Gelegenheit, die Szene auf dem Polizeibureau in allen ihren Einzelheiten
zu erfahren, ebenfalls zufällig und nicht sozusagen im Vorbeigehen,
sondern von einem besonders zuverlässigen Erzähler, der ohne es selbst
zu ahnen, diese Szene vortrefflich aufgefaßt hatte. So reihte sich alles
eins ans andere, gesellte sich eins zu dem andern, lieber Rodion
Romanowitsch! Und wie sollte man da sich nicht nach einer bestimmten
Richtung wenden? Aus hundert Kaninchen wird nie ein Pferd, aus hundert
Verdachtsgründen kommt nie ein Beweis heraus, -- so lautet ein
englisches Sprichwort, aber da rechnet man bloß mit dem Intellekte, man
soll jedoch auch mit den Leidenschaften rechnen, denn ein
Untersuchungsrichter ist doch auch nur ein Mensch. Ich erinnerte mich
auch Ihrer Abhandlung in der Zeitschrift, über die ich mit Ihnen --
erinnern Sie sich -- bei Ihrem ersten Besuch eingehend sprach. Ich habe
damals gespottet, aber nur um von Ihnen mehr herauszulocken. Ich
wiederhole, Sie sind ungeduldig und sehr krank, Rodion Romanowitsch. Daß
Sie kühn, herausfordernd, ernst sind und ... vieles durchgedacht, vieles
durchgedacht haben, das alles wußte ich längst. Alle diese Empfindungen
kenne ich, und Ihre kleine Abhandlung habe ich wie etwas Wohlvertrautes
gelesen. In schlaflosen Nächten und in Aufregungen mit wogendem und
klopfendem Herzen, mit unterdrücktem Enthusiasmus ist diese Arbeit
entstanden. Aber dieser unterdrückte, stolze Enthusiasmus in jungen
Jahren ist gefährlich! Ich habe damals gespottet, will Ihnen aber jetzt
sagen, daß ich überhaupt solche ersten, jugendlichen, hitzigen Versuche
mit der Feder über alles das gewissermaßen als Amateur liebe. Ein Rauch,
ein Nebel ist es, und im Nebel klingt eine Saite. Ihr Artikel ist
unsinnig und phantastisch, aber darin schimmert solch eine
Aufrichtigkeit, darin steckt ein jugendlicher und unbestechlicher Stolz,
eine Kühnheit der Verzweiflung; es ist ein finsterer Artikel, und das
ist seine Stärke. Ich las Ihren Artikel und legte ihn beiseite, und ...
als ich ihn beiseite gelegt hatte, dachte ich schon damals, >nun, mit
diesem Menschen geht es nicht so weiter!< Nun, sagen Sie mir jetzt, wie
sollte man sich da nach all dem Vorangegangenen von dem Darauffolgenden
nicht hinreißen lassen! Ach, mein Gott! Was sage ich denn jetzt?
Behaupte ich denn jetzt etwas? Ich habe es mir damals bloß gemerkt. Was
ist denn alles dabei, -- dachte ich? Es ist ja nichts, rein gar nichts,
und vielleicht im höchsten Grade ein Nichts. Ja, und es ziemt sich ganz
und garnicht für mich, den Untersuchungsrichter, mich so hinreißen zu
lassen, -- ich habe doch Nikolai in den Händen, und mit Beweisen, -- es
ist gleichgiltig, wie man darüber denkt, Beweise sind es in jedem Fall.
Und er hat auch seine Psychologie; ich muß mich mit ihm beschäftigen,
denn es handelt sich hier um Tod und Leben. Wozu erkläre ich Ihnen jetzt
dies alles? Damit Sie es wissen und mich mit Ihrem Verstande und Herzen
wegen meines damaligen bösen Benehmens nicht anklagen sollen. Es war
nicht böse gemeint, ich sage es aufrichtig, he--he--he! Meinen Sie etwa,
daß ich keine Haussuchung bei Ihnen vorgenommen hätte? Ich habe es
getan, habe es getan, he--he--he, habe sie vorgenommen, als Sie krank im
Bett lagen. Es war nicht offiziell und nicht von mir persönlich, aber in
jedem Fall, sie wurde vorgenommen. Bis aufs letzte Haar wurde bei Ihnen
in der Wohnung alles, sogar nach frischen Spuren, besehen, -- aber
umsonst. Da dachte ich, -- jetzt kommt dieser Mensch zu mir, kommt
selbst und sehr bald zu mir; wenn er schuldig ist, wird er unbedingt
kommen. Ein anderer würde nicht kommen, dieser aber unbedingt. Und
erinnern Sie sich, wie Herr Rasumichin sich Ihnen gegenüber zu
versprechen begann? Das haben wir arrangiert, um Sie aufzuregen, darum
haben wir absichtlich auch das Gerücht verbreitet, damit er sich Ihnen
gegenüber verspreche, Herr Rasumichin aber ist so ein Mensch, der keine
Entrüstung bei sich behalten kann. Herrn Sametoff fiel zuerst Ihr Zorn
und Ihre offene Kühnheit auf; wie kann einer in einem Restaurant
plötzlich herausplatzen, -- >ich habe ermordet!< Es ist zu kühn, es ist
zu frech und wenn er schuldig ist, -- dachte ich, -- so ist er ein
furchtbarer Gegner! In dieser Weise habe ich damals gedacht. Ich wartete
auf Sie! Wartete mit größter Ungeduld, Sametoff haben Sie damals einfach
niedergeschmettert und ... das ist ja das Fatale, daß diese ganze
Psychologie zwei Seiten hat! Nun, ich erwarte also Sie und siehe, Gott
schickt Sie selbst, -- Sie kommen! Mein Herz klopfte stark! Ach! Nun,
warum mußten Sie damals kommen? Ihr Lachen, Ihr Lachen damals, als Sie
hereinkamen, -- erinnern Sie sich -- ich erriet sofort alles, als sähe
ich durch ein Glas; hätte ich aber auf Sie in dieser besonderen Art
nicht gewartet, würde ich auch in Ihrem Lachen nichts gemerkt haben.
Sehen Sie, was es heißt, in Stimmung zu sein. Und Herr Rasumichin
damals, -- ach! und der Stein, der Stein, -- erinnern Sie sich -- der
Stein, unter dem noch die Sachen versteckt sind? Mir war es, als sähe
ich ihn irgendwo in einem Gemüsegarten. -- Sie hatten doch Sametoff
schon davon erzählt und erwähnten ihn dann bei mir zum zweiten Male! Als
Sie aber damals begannen, Ihren Artikel bis aufs einzelne durchzunehmen,
als Sie sich näher darüber ausließen, -- da faßte ich jedes Ihrer Worte
doppelt auf, als stecke noch ein anderes darunter! Nun, sehen Sie,
Rodion Romanowitsch, in dieser Weise kam ich auch bis zu den letzten
Schranken, und erst als ich mit der Stirn dagegen rannte, kam ich zur
Besinnung. Nein, -- sagte ich mir -- was ist mit dir? Wenn man will, --
sagte ich mir -- kann man dies alles bis zum letzten Punkte auf andere
Weise erklären, und es wird immer noch natürlicher erscheinen. Es war
eine Qual! Nein, -- dachte ich, -- wenn ich doch nur ein Zipfelchen
erwischen könnte! ... Und als ich gar von diesem Klingelzeichen hörte,
erstarrte ich, ein Frösteln packte mich. -- Jetzt ist das Zipfelchen da!
dachte ich. Ich habe es! Da überlegte ich nicht mehr, wollte es einfach
nicht mehr tun. Tausend Rubel hätte ich in diesem Augenblicke aus meiner
eigenen Tasche hingegeben, um nur Sie _mit meinen eigenen Augen_ gesehen
zu haben, -- wie Sie damals hundert Schritte neben dem Kleinbürger
hingingen, nachdem er Ihnen ins Gesicht >Mörder!< gesagt hatte, und Sie
nicht gewagt hatten, ihn irgend etwas, ganze hundert Schritte lang, zu
fragen! ... Nun, und dieses Gefühl von Kälte im Rückenmark? War dieses
Klingelzeichen auch im kranken Zustande, im halbbewußten Fieberwahne?
Und da müssen Sie sich, Rodion Romanowitsch, nach alldem auch nicht
wundern, daß ich damals mit Ihnen solche Scherze getrieben habe. Und
warum kamen Sie selbst im selben Augenblicke? Es war, als hätte Sie
jemand gestoßen, zu kommen, bei Gott, und wenn uns Nikolai nicht
auseinander gebracht hätte, so ... erinnern Sie sich an Nikolai damals?
Erinnern Sie sich seiner gut? Er kam, wie ein Blitz aus heiterm Himmel.
Nun, und wie empfing ich ihn? Dem Blitze glaubte ich nicht das
geringste, Sie geruhten es selbst zu sehen! Und noch mehr! Als Sie schon
fortgegangen waren, und als er begann, sehr, sehr vernünftig manche
Punkte zu beantworten, so daß ich selbst verwundert war, auch dann
glaubte ich ihm noch nicht das geringste! Sehen Sie, was es heißt,
felsenfest überzeugt zu sein. Nein -- dachte ich -- daran ist nichts zu
machen! Nikolai ändert daran garnichts!«

»Mir erzählte soeben Rasumichin, daß Sie auch jetzt Nikolai
beschuldigen, und daß Sie Rasumichin selbst davon überzeugt hätten ...«

Der Atem stockte ihm, und er beendete den Satz nicht. Er hörte mit
unbeschreiblicher Erregung zu, wie ein Mensch, der ihn vollkommen
durchschaut hatte, sich vor sich selbst verleugnete. -- Er fürchtete
daran zu glauben und glaubte nicht. In den zweideutigen Worten suchte er
gierig und haschte nach etwas Bestimmterem und Genauerem.

»Herr Rasumichin!« rief Porphyri Petrowitsch wie erfreut über die Frage
Raskolnikoffs, der die ganze Zeit geschwiegen hatte. -- »He--he--he! Ja,
Herrn Rasumichin mußte man auch abschieben, -- zu zweit ist es ein
Vergnügen, der dritte soll wegbleiben. Herr Rasumichin soll aus dem
Spiele bleiben, und ist außerdem ein fremder Mensch; er kam zu mir ganz
blaß gelaufen ... Nun, Gott sei mit ihm, wozu sollen wir ihn in die
Sache hereinbringen! ... Und was Nikolai betrifft, -- so sollen Sie
wissen, was das für ein Subjekt ist, das heißt, wie ich ihn auffasse.
Vor allen Dingen ist er noch das reine Kind, und nicht etwa eine
ängstliche Natur, sondern er ist eine Art Künstler. Sie sollen sich
nicht darüber lustig machen, daß ich ihn so darstelle. Er ist ein
unschuldiger, reiner und für alles empfänglicher Mensch. Hat ein Herz,
ist ein Phantast. Man sagt, daß er singen und tanzen kann und Märchen so
zu erzählen versteht, daß Leute aus anderen Orten sich versammeln, um
ihn zu hören. Auch zur Schule, zu den Abendkursen geht er, kann sich
krank lachen, wenn man ihm den Finger zeigt, kann sich bewußtlos
betrinken, nicht etwa aus Verdorbenheit, sondern gelegentlich, wenn man
ihm zu trinken gibt, alles in kindlicher Weise. Er hat damals gestohlen,
weiß es aber selbst nicht, denn nach seiner Ansicht -- >ist es doch kein
Diebstahl, wenn er etwas auf der Erde gefunden hat?< Wissen Sie aber,
daß er zu den Altgläubigen gehört, nein, eigentlich ist er kein
Altgläubiger, sondern ein Sektierer; aus seiner Familie gehörten einige
der Sekte >Bewegung< an, auch er selbst hat vor kurzem noch zwei Jahre
auf dem Lande bei einem gottesfürchtigen Greis gelebt, um sich in den
Grundsätzen der Religion zu festigen. Das alles habe ich von Nikolai und
seinen Nachbarn aus dem Dorfe erfahren. Noch mehr! Er wollte Einsiedler
werden! Er hatte die feste Absicht, betete nächtelang zu Gott, las in
den alten >echten, wahren<[12] Büchern und hat vor lauter Lesen den
Verstand verloren. Petersburg hat auf ihn einen starken Eindruck
gemacht, besonders das weibliche Geschlecht, nun, und auch der Wein. Er
ist empfänglich, hat den gottesfürchtigen Greis und alles vergessen. Ich
habe erfahren, daß ihn hier ein Künstler lieb gewonnen hat, er ging zu
ihm zu Besuch, da kam aber diese Geschichte dazwischen. Nun, er bekam
Angst, -- und wollte sich erhängen! Wollte davonlaufen! Was soll man da
tun bei dem Begriffe, den das Volk nun einmal von unserer Rechtspflege
besitzt! Manchen erschrickt schon das Wort >vors Gericht gestellt zu
werden<. Wer ist daran schuld! Wir wollen sehen, wie die Gerichtsreform
wirken wird. Ach, möge es Gott bald geben! Nun, also, -- im Gefängnisse
erinnerte er sich offenbar wieder des gottesfürchtigen Greises; auch die
Bibel erschien wieder. Wissen Sie, Rodion Romanowitsch, was es bei
manchen von diesen Leuten bedeutet, >das Leiden auf sich zu nehmenLeiden auf sich nehmen< und besonders gilt das, wenn die Behörden
im Spiele sind. Zu meiner Dienstzeit noch saß im Gefängnisse ein ganzes
Jahr ein äußerst stiller, ruhiger Arrestant, er las nächtelang auf dem
Ofen liegend die Bibel, und verlor vor lauter Lesen den Verstand, wissen
Sie, verlor ihn ganz und gar, so daß er eines schönen Tages ohne jede
Veranlassung, ohne jeden Grund einen Ziegelstein packte und ihn auf den
Vorgesetzten schleuderte. Ja, und wie tat er es, -- absichtlich
schleuderte er den Stein eine Elle vorbei, um dem Vorgesetzten bloß
keinen Schaden anzufügen! Nun, es ist ja bekannt, was mit einem
Arrestanten geschieht, der bewaffneten Widerstand gegen seinen
Vorgesetzten leistet, -- und da hatte er also >das Leiden auf sich
genommendas Leiden auf
sich nehmen< oder etwas derartiges tun will. Das weiß ich sicher, aus
Tatsachen. Er weiß bloß selbst nicht, daß ich es weiß. Was -- geben Sie
es etwa nicht zu, daß aus solch einem Volke phantastische Menschen
hervortreten? Aber sicher auf Schritt und Tritt. Der gottesfürchtige
Greis hat jetzt wieder bei ihm zu wirken begonnen, ist ihm besonders
nach dem Selbstmordversuch in Erinnerung gekommen. Übrigens aber, er
wird mir selbst alles erzählen, er wird zu mir kommen. Sie glauben, er
wird es bis zu Ende aushalten können? Warten Sie nur, er wird seine
Aussage noch zurücknehmen! Ich warte stündlich, daß er kommen wird, um
seine Aussage zurückzunehmen. Ich habe diesen Nikolai liebgewonnen und
will ihn genau ergründen. Und können Sie sich denken! He--he--he! Manche
Punkte hat er mir ziemlich vernünftig beantwortet, hat offenbar die
nötigen Mitteilungen erhalten und sich gut vorbereitet; nun, und bei
anderen Punkten blamierte er sich mordsmäßig, wußte rein gar nichts,
hatte keine Ahnung, und weiß selbst nicht mal, daß er nichts ahnt! Nein,
Väterchen, Rodion Romanowitsch, mit dieser Sache hat Nikolai nichts zu
tun! Es ist eine phantastische, finstere Sache, eine moderne Sache, ein
Fall unserer Zeit, wo das menschliche Herz sich getrübt hat -- wo die
Phrase zitiert wird, daß Blutvergießen >erfrischt<, wo von einem Leben
in Komfort gepredigt wird. Hier -- sind Ideen aus Büchern, hier spricht
ein durch Theorien gereiztes Herz, hier sieht man eine Entschlossenheit
zum ersten Schritt, aber eine Entschlossenheit besonderer Art, -- er hat
sich dazu entschlossen, wie man sich entschließt, von einem Felsen oder
von einem Turme sich herabzustürzen, und ist zu dem Verbrechen nicht wie
auf eigenen Füßen geschritten. Er hatte vergessen, die Türe hinter sich
zu schließen und hat getötet, zwei Menschen getötet, nach der Theorie.
Er hat getötet, aber nicht verstanden, das Geld zu nehmen, was er aber
zusammengerafft hat, steckte er unter einen Stein. Es genügte ihm nicht,
daß er eine Qual durchgemacht hatte, als er hinter der Tür stand und an
der Tür gerüttelt und an der Klingel gerissen wurde, -- nein, er geht
noch einmal nachher in die leere Wohnung in halbbewußtem Zustande, um
sich dieses Läuten in Erinnerung zu bringen, es verlangt ihn wieder,
diese Kälte im Rücken zu spüren ... Nun ja, dies ist im kranken Zustande
geschehen, aber noch eins, -- er hat ermordet, hält sich aber für einen
ehrlichen Menschen, verachtet alle Leute, wandert als bleicher Engel
herum, -- nein, was hat Nikolai damit zu tun, lieber Rodion
Romanowitsch, nein, Nikolai ist es nicht!«

Diese letzten Worte waren nach allem vorher Gesagten, das einem Aufgeben
des früher Angenommenen so ähnlich war, zu unerwartet gekommen.
Raskolnikoff erzitterte am ganzen Körper, wie vom Blitze getroffen.

»Wer hat sie denn ... getötet ...« fragte er mit erstickender Stimme,
ohne doch die Frage zurückhalten zu können. Porphyri Petrowitsch warf
sich gegen die Stuhllehne zurück, wie aufs äußerste überrascht und
erstaunt über diese Frage.

»Wie, wer sie getötet hat? ...« wiederholte er, als traue er seinen
Ohren nicht. -- »Ja, _Sie_ haben getötet, Rodion Romanowitsch! Sie haben
getötet ...« fügte er fast im Flüstertone, aber bestimmt hinzu.

Raskolnikoff sprang vom Sofa auf, stand einige Sekunden und setzte sich
wieder, ohne ein Wort zu sagen. Über sein Gesicht ging ein krampfhaftes
Zucken.

»Die Lippe bebt wieder bei Ihnen, wie damals,« murmelte scheinbar voll
Teilnahme Porphyri Petrowitsch. -- »Sie haben, Rodion Romanowitsch, mich
nicht richtig verstanden,« fügte er nach einigem Schweigen hinzu, »darum
sind Sie auch so überrascht. Ich bin gerade darum gekommen, um Ihnen
alles zu sagen und die Sache offen mit Ihnen zu behandeln.«

»Ich habe nicht getötet,« flüsterte Raskolnikoff, genau wie ein Kind im
Schreck, wenn es auf frischer Tat ertappt wurde.

»Nein, Sie haben es getan, Rodion Romanowitsch, Sie und niemand anders,«
flüsterte Porphyri Petrowitsch streng und fest.

Sie schwiegen beide und das Schweigen dauerte merkwürdig lange, etwa
zehn Minuten. Raskolnikoff hatte sich auf den Tisch gestützt und fuhr
schweigend mit den Fingern durch die Haare. Porphyri Petrowitsch saß
still und wartete. Plötzlich blickte Raskolnikoff Porphyri Petrowitsch
verächtlich an.

»Sie kommen wieder mit der alten Weise, Porphyri Petrowitsch! Immer Ihre
alte Taktik, -- wird es Ihnen in der Tat nicht langweilig?«

»Ach, lassen Sie doch, was soll es denn für eine Taktik sein! Ja, wenn
Zeugen zur Stelle wären; wir sprechen aber doch Auge in Auge. Sie sehen
selbst, ich bin nicht dazu hergekommen, um Sie zu hetzen und zu
umgarnen, wie ein flüchtiges Wild. Ob Sie gestehen oder nicht, -- in
diesem Augenblicke ist es mir einerlei. Für meine Person bin ich auch
ohne das überzeugt.«

»Wenn die Sache so steht, warum sind Sie denn gekommen?« fragte
Raskolnikoff gereizt. -- »Ich stelle Ihnen die frühere Frage, -- wenn
Sie mich für den Schuldigen halten, warum sperren Sie mich nicht ins
Gefängnis?«

»Das ist doch einmal ein Wort! Darum will ich Ihnen diese Frage genau
beantworten, -- erstens, Sie einfach ins Gefängnis zu sperren, ist für
mich unvorteilhaft.«

»Wieso unvorteilhaft? Wenn Sie überzeugt sind, so müssen Sie sogar ...«

»Ach, was hat es denn zu sagen, daß ich überzeugt bin? Alles ist doch
vorläufig ein Gedanke von mir, eine Einbildung. Ja und warum soll ich
Sie dort _zur Ruhe_ setzen? Sie wissen das selbst, wenn Sie darauf
drängen. Ich bringe zum Beispiel den Kleinbürger hin, um Sie zu
überführen, Sie werden ihm aber sagen, -- bist du betrunken oder nicht?
Wer hat dich mit mir zusammen gesehen? Ich habe dich einfach für einen
Betrunkenen gehalten, und du warst es auch, -- was soll ich Ihnen darauf
erwidern, umsomehr, als Ihre Worte überzeugender sind als seine, denn in
seiner Aussage steckt nur eine psychologische Mutmaßung, -- das paßt
aber zu seiner Fratze nicht mal, -- Sie aber treffen den Kernpunkt, denn
der gemeine Kerl trinkt sehr stark und ist dafür bekannt. Und ich habe
selbst Ihnen offen schon einigemal gesagt, daß diese Psychologie zwei
Seiten hat, und daß die zweite Seite die größere Wahrscheinlichkeit für
sich hat, und habe hinzugefügt, daß ich außer diesem vorläufig gar
nichts gegen Sie in den Händen habe. Und obwohl ich Sie einsperren
werde, und sogar selbst gekommen bin -- (was doch sicher nicht gang und
gäbe ist) -- Ihnen im voraus alles mitzuteilen, trotzdem sage ich Ihnen
offen -- (was wieder nicht gang und gäbe ist) -- daß dies für mich
unvorteilhaft sein wird. Und zweitens, bin ich darum zu Ihnen gekommen
...«

»Und zweitens?« Raskolnikoff rang immer noch nach Atem.

»Weil ich mich, wie ich Ihnen schon vorhin erklärte, für verpflichtet
halte, Ihnen eine Erklärung abzugeben. Ich will nicht, daß Sie mich für
ein Scheusal ansehen sollen, umsomehr, als ich zu Ihnen eine aufrichtige
Neigung gefaßt habe, ob Sie mir glauben oder nicht. Und deswegen bin
ich, drittens, gekommen, Ihnen den offenen und direkten Vorschlag zu
machen -- sich selbst anzuzeigen und ein Geständnis abzulegen. Das ist
für Sie das Gescheiteste, und auch für mich am vorteilhaftesten, -- dann
bin ich die Sache los. Nun, war ich meinerseits offen oder nicht?«

Raskolnikoff dachte einen Augenblick nach.

»Hören Sie, Porphyri Petrowitsch, Sie sagen doch selbst, -- es ist nur
auf Psychologie begründet, indessen aber ziehen Sie die Mathematik
herein. Nun wie, wenn Sie sich selbst irren?«

»Nein, Rodion Romanowitsch, ich irre mich nicht. Ich habe ein Endchen in
der Hand. Das Endchen hatte ich auch damals erwischt; Gott hat es mir
geschenkt!«

»Was für ein Endchen?«

»Das sage ich nicht, Rodion Romanowitsch. In jedem Falle aber habe ich
jetzt nicht mehr das Recht, es hinauszuschieben; ich werde Sie
verhaften. Also ziehen Sie dies in Betracht, -- für mich ist _es jetzt_
gleichgültig, folglich tue ich es bloß um Ihretwillen. Bei Gott, es wird
für Sie besser sein, Rodion Romanowitsch!«

Raskolnikoff lächelte boshaft.

»Es ist doch nicht bloß lächerlich, es ist unverschämt. Und mag ich
schuldig sein, -- was ich noch gar nicht sage, -- nun, warum soll ich
denn zu Ihnen mit einem freiwilligen Geständnis kommen, wenn Sie schon
selbst sagen, daß ich dort bei Ihnen mich _zur Ruhe_ setzen werde?«

»Ach, Rodion Romanowitsch, trauen Sie nicht ganz den Worten; vielleicht
wird es auch nicht ganz >_zur Ruhe_< sein! Es ist doch bloß eine Theorie
und zudem noch meine eigene, was für eine Autorität aber bin ich für
Sie? Vielleicht verheimliche ich auch jetzt noch irgend etwas vor Ihnen.
Ich kann Ihnen doch nicht alles offenbaren und zeigen. He--he! Außerdem,
Sie fragen, welchen Vorteil Sie haben werden? Ja, wissen Sie auch, welch
eine Strafermäßigung Sie erhalten werden? Wann werden Sie kommen, in
welchem Augenblick? Überlegen Sie es sich doch bloß! In dem Momente, wo
schon ein anderer das Verbrechen auf sich genommen und die ganze
Angelegenheit verwirrt hat! Und ich will, -- so wahr ein Gott ist --
alles >dort< so einrichten und arrangieren, daß Ihr Geständnis wie
vollkommen unerwartet erscheinen wird. Diese ganze Psychologie wollen
wir ganz vernichten, allen Verdacht will ich in nichts verwandeln, so
daß Ihr Verbrechen, wie eine Art Verblendung erscheinen wird, denn --
offen gestanden, -- es war auch eine Verblendung. Ich bin ein ehrlicher
Mensch, Rodion Romanowitsch, und werde mein Wort halten.«

Raskolnikoff schwieg traurig und ließ den Kopf sinken; er dachte lange
nach, plötzlich lächelte er wieder, aber sein Lächeln war diesmal schon
sanft und traurig.

»Ach, es ist nicht nötig!« sagte er, als ob er sich gar nicht mehr vor
Porphyri Petrowitsch verberge. -- »Es lohnt sich nicht! Ich brauche gar
nicht Ihre Strafermäßigung!«

»Das fürchtete ich gerade!« rief Porphyri Petrowitsch innig und
unwillkürlich, -- »das fürchtete ich gerade, daß Sie unsere Ermäßigung
nicht brauchen.«

Raskolnikoff blickte ihn traurig und eindringlich an.

»Hören Sie, verschmähen Sie das Leben nicht!« fuhr Porphyri Petrowitsch
fort. -- »Sie haben noch viel von ihm zu erwarten. Warum ist eine
Strafermäßigung nicht nötig, warum nicht? Sie ungeduldiger Mensch!«

»Was habe ich denn noch viel vor?«

»Zu leben! Was sind Sie für ein Prophet, wissen Sie denn wie viel?
Suchet und ihr werdet finden. Vielleicht hat Sie Gott hier geprüft. Ja,
und nicht ewig wird doch die Kette angelegt ...«

»Eine Ermäßigung wird sein ...« lachte Raskolnikoff.

»Haben Sie etwa Furcht vor der Bourgeoisschande? Das ist wohl möglich,
daß Sie dieses schreckt, und Sie wissen es vielleicht selbst nicht, --
denn Sie sind noch jung! Aber Sie sollten sich wenigstens doch nicht
fürchten oder etwa schämen, ein Geständnis abzulegen.«

»Ach, ich pfeife darauf!« flüsterte Raskolnikoff verächtlich und mit
Widerwillen, als ob er darüber auch nicht mehr reden wolle. Er war
wieder aufgestanden, als ob er irgendwohin gehen wollte, setzte sich
aber von neuem in sichtlicher Verzweiflung.

»Da haben wir es -- ich pfeife darauf! Sie haben den Glauben verloren,
und meinen auch, daß ich Ihnen grob schmeichle; haben Sie denn so lange
gelebt? Verstehen Sie denn so viel davon? Haben sich eine Theorie
ausgedacht, und schämen sich nun, daß nichts daraus wurde, und daß es zu
wenig originell herauskam. Es nahm ein gemeines Ende, das ist wahr, aber
Sie sind doch kein hoffnungsloser Schuft! Sie haben sich wenigstens
nicht lange Sand in die Augen gestreut, Sie sind mit einem bis zu den
äußersten Grenzen gegangen. Für wen halte ich Sie denn? Ich halte Sie
für einen von der Sorte Menschen, denen man den Leib aufschlitzen kann,
die aber ruhig dastehen und mit einem Lächeln auf ihre Peiniger blicken,
-- wenn sie nur einen Glauben oder einen Gott gefunden haben. Nun, gehen
Sie und finden Sie es und Sie werden leben. Außerdem müssen Sie schon
längst eine Luftveränderung haben. Was, das Leiden ist auch eine gute
Sache. Leiden Sie eine Zeit. Nikolai hat vielleicht auch recht, daß er
Leiden sucht. Ich weiß, daß Sie noch nicht glauben können, -- grübeln
Sie aber nicht zu viel; geben Sie sich einfach, ohne viel zu überlegen,
dem Leben hin; seien Sie sicher, -- es bringt Sie an das Ufer und stellt
Sie auf die Beine. An was für ein Ufer weiß ich nicht. Woher soll ich es
auch wissen? Ich glaube nur daran, daß Sie noch viel zu leben haben. Ich
weiß auch, daß Sie meine Worte jetzt wie eine auswendig gelernte Predigt
auffassen; aber vielleicht werden Sie sich ihrer einmal später erinnern
und sie werden Ihnen von Nutzen sein können. Aus diesem Grunde spreche
ich auch. Es ist gut, daß Sie nur diese Alte ermordet haben. Wenn Sie
aber sich eine andere Theorie ausgedacht hätten, so würden Sie
vielleicht eine um hundert Millionen schlimmere Sache vollbracht haben!
Man muß vielleicht noch Gott danken; woher wissen Sie es? Vielleicht
behütet Sie Gott aus irgend einem Grunde. Sie sollten aber ein großes
Herz haben und sich weniger fürchten. Ihnen ist bange vor der Größe
dessen, was jetzt zu geschehen hat? Nein, in diesem Falle muß man sich
schämen, bange zu sein. Wenn Sie einen solchen Schritt getan haben, so
nehmen Sie sich auch jetzt zusammen. Darin liegt die ausgleichende
Gerechtigkeit. Erfüllen Sie nun mal, was die Gerechtigkeit verlangt. Ich
weiß, daß Sie nicht glauben, aber -- bei Gott -- das Leben wird Ihnen zu
weiterem verhelfen. Nachher werden Sie es selbst gern haben. Sie
brauchen jetzt bloß Luft, Luft und Luft!«

Raskolnikoff zuckte zusammen.

»Ja, wer sind Sie denn?« rief er aus. -- »Sind Sie etwa ein Prophet?
Woher haben Sie diese hohe majestätische Ruhe, um mir superkluge
Prophezeiungen vorzuorakeln?«

»Wer ich bin? Ich bin ein abgetaner Mensch, mehr nicht. Ein Mensch, der
vielleicht empfindet und Mitgefühl besitzt, vielleicht auch etwas weiß,
aber schon vollkommen abgetan ist. Sie aber -- mit Ihnen steht es
anders; Ihnen hat Gott das Leben vorbehalten; wer weiß, vielleicht geht
bei Ihnen alles wie ein Dunst vorüber, nichts wird zurückbleiben. Nun,
was ist denn dabei, daß Sie in eine andere Gattung von Menschen
übergehen werden? Sie mit Ihrem Herzen sollten doch nicht den Komfort
bedauern? Was ist denn dabei, daß man Sie vielleicht lange nicht mehr
sehen wird? Hier handelt es sich nicht um die Zeit, sondern um Sie
selbst. Werden Sie eine Sonne, und alle werden Sie sehen. Eine Sonne muß
vor allen Dingen eine Sonne sein. Warum lächeln Sie wieder, -- daß ich
solch ein Schiller bin? Und ich gehe eine Wette ein, Sie meinen, daß ich
mich an Sie heranschmeichle! Nun, vielleicht schmeichle ich mich auch
tatsächlich heran, he--he--he! Sie brauchen mir, Rodion Romanowitsch,
meinetwegen kein Wort zu glauben, meinetwegen, glauben Sie auch niemals,
-- ich habe schon so eine Art, gebe es zu; aber eins füge ich hinzu, --
ob ich ein gemeiner und wie weit ich ein ehrlicher Mensch bin, können
Sie, glaube ich, selbst beurteilen!«

»Wann denken Sie mich zu verhaften?«

»Nun, anderthalb oder zwei Tage kann ich Sie noch frei herumgehen
lassen. Denken Sie nach, mein Lieber, beten Sie zu Gott. Ja, es ist
vorteilhafter, -- bei Gott -- vorteilhafter.«

»Wenn ich aber fliehen werde?« fragte Raskolnikoff mit einem sonderbaren
Lächeln.

»Nein, Sie werden nicht fliehen. Ein Bauer wird davonlaufen, ein
moderner Sektierer wird fliehen -- ein Lakai, der von fremden Gedanken
zehrt, dem man bloß eine Fingerspitze zu zeigen braucht und der an
alles, was Sie wollen, sein Lebelang glauben wird. Sie aber glauben doch
nicht mehr an Ihre Theorie, -- warum wollen Sie fliehen? Ja, und was
wollen Sie in einem freiwilligen Exil? Im Exil ist es häßlich und
schwer, Sie aber brauchen vor allen Dingen Leben und eine bestimmte
Lage, eine entsprechende Luft, und gibt es für Sie im Exil die nötige
Luft? Wenn Sie fliehen werden, kehren Sie selbst zurück. _Ohne uns
können Sie nicht auskommen._ Und wenn ich Sie ins Gefängnis setze, --
nun, Sie werden einen Monat sitzen, meinetwegen auch zwei oder drei, und
dann werden Sie plötzlich, -- denken Sie an meine Worte, -- selbst zu
mir kommen und gestehen, und möglicherweise für Sie selbst unerwartet.
Sie werden selbst noch eine Stunde vorher nicht wissen, daß Sie ein
Geständnis ablegen werden. Ich bin sogar überzeugt, daß Sie auf den
Gedanken kommen werden, das Leiden auf sich zu nehmen. Sie glauben mir
jetzt nicht auf mein bloßes Wort hin, Sie werden selbst aber darauf
verfallen. Denn das Leiden, Rodion Romanowitsch, ist ein großes Ding;
lassen Sie außer acht, daß ich fett und dick geworden bin, das tut
nichts, ich weiß es dennoch; lachen Sie nicht darüber, -- im Leiden
liegt eine tiefe Idee. Nikolai hat recht. Nein, Sie werden nicht
davonlaufen, Rodion Romanowitsch.«

Raskolnikoff stand von seinem Platz auf und nahm seine Mütze. Porphyri
Petrowitsch erhob sich auch.

»Sie wollen spazieren gehen? Der Abend wird schön werden, es möge nur
kein Gewitter kommen. Es wäre zwar besser, wenn es frischer würde ...«

Er nahm auch seine Mütze.

»Porphyri Petrowitsch,« sagte Raskolnikoff mit strenger
Eindringlichkeit, »bitte, setzen Sie sich nicht in den Kopf, daß ich
Ihnen heute gestanden habe. Sie sind ein sonderbarer Mensch und ich habe
Ihnen aus bloßer Neugier zugehört. Ich habe Ihnen aber nichts
eingestanden ... Vergessen Sie es nicht.«

»Nun gut, ich werde es nicht vergessen, -- sehen Sie nur, wie Sie
zittern. Seien Sie ruhig, mein Lieber; Ihren Willen sollen Sie haben.
Gehen Sie ein wenig spazieren; zu viel aber sollen Sie nicht gehen. Ich
habe an Sie für jeden Fall noch eine kleine Bitte,« fügte er mit
gesenkter Stimme hinzu, -- »eine peinliche, aber wichtige Bitte, -- wenn
Sie, das heißt, für jeden Fall ... woran ich übrigens nicht glaube und
Sie zu ähnlichem für ganz und gar nicht fähig halte, ... falls -- ich
sage es bloß für jeden Fall -- Sie in diesen vierzig oder fünfzig
Stunden Lust verspüren sollten, die Sache irgendwie anders, in einer
phantastischen Weise aus der Welt zu schaffen, -- sagen wir, Hand an
sich legen zu wollen ... es ist ja eine unsinnige Annahme, entschuldigen
Sie bitte, -- hinterlassen Sie dann eine kurze aber genaue Mitteilung.
Es brauchen bloß zwei Zeilen, zwei kurze Zeilen zu sein und erwähnen Sie
auch den Stein; das wird anständiger sein. Nun, auf Wiedersehen ... Ich
wünsche Ihnen gute Gedanken und die rechten Vorsätze!«

Porphyri Petrowitsch ging gebückt hinaus, und vermied es, Raskolnikoff
anzublicken. -- Raskolnikoff trat an das Fenster und wartete gereizt und
ungeduldig, bis jener auf der Straße sein konnte und weitergegangen war.
Dann verließ auch er selbst schnell das Zimmer.


                                  III.

Er eilte zu Sswidrigailoff. Was er von diesem Menschen erwartete, --
wußte er selbst nicht. Er wußte nur das eine, daß der eine Macht über
ihn hatte. Nachdem er dies einmal eingesehen hatte, konnte er sich nicht
länger mehr beunruhigen und außerdem war jetzt die richtige Zeit
gekommen. -- Auf dem Wege quälte ihn besonders die eine Frage, -- war
Sswidrigailoff bei Porphyri Petrowitsch gewesen?

Soweit er beurteilen konnte, und er hätte darauf schwören mögen, -- war
er nicht dort gewesen! Er dachte wiederholt nach, rief den ganzen Besuch
Porphyri Petrowitschs in seine Erinnerung zurück und überlegte: -- nein,
er war nicht bei ihm gewesen, ganz gewiß nicht!

Aber wenn er noch nicht dort gewesen war, würde er oder würde er nicht
zu Porphyri Petrowitsch hingehen?

Vorläufig schien es Raskolnikoff, als ob er nicht hingehen würde. Warum?
Er konnte sich selber dies nicht erklären, aber wenn er es auch gekonnt
hätte, so wollte er sich jetzt nicht den Kopf darüber zerbrechen. Dies
alles quälte ihn, und doch hatte er zugleich für etwas anderes
Interesse. Es war erstaunlich und niemand würde es vielleicht geglaubt
haben, -- um sein jetziges unumgängliches Schicksal war er wenig
besorgt, er dachte nur zerstreut daran. Ihn quälte etwas anderes,
anscheinend Wichtigeres, etwas Außergewöhnliches, -- das nur ihn selbst
und niemand anderen betraf. Außerdem empfand er eine grenzenlose
seelische Erschlaffung, obgleich sein Verstand an diesem Morgen besser
arbeitete, als in allen diesen letzten Tagen.

Und war es der Mühe wert, nach alledem, was vorgefallen war, diese neuen
winzigen Bedrängnisse zu überwinden? War es der Mühe wert, zum Beispiel,
zu intrigieren, damit Sswidrigailoff nicht zu Porphyri Petrowitsch
hingehe; ihn zu studieren, auszukundschaften und Zeit zu verlieren für
einen Sswidrigailoff?

Oh, wie ihm dies alles langweilig war!

Indessen eilte er aber doch zu Sswidrigailoff; erwartete er etwa von ihm
etwas _neues_, oder Fingerzeige oder einen Ausweg? Man greift in der Not
auch nach einem Strohhalm! Führte sie etwa jetzt das Schicksal oder ein
Instinkt zusammen? Vielleicht war es bloß Müdigkeit, Verzweiflung,
vielleicht brauchte er gar nicht Sswidrigailoff, sondern jemand anderen,
und Sswidrigailoff war ihm nur in den Weg gelaufen. Ssonja? Ja, wozu
sollte er jetzt zu Ssonja gehen? Wieder um ihre Tränen betteln? Ssonja
war ihm jetzt schrecklich. In Ssonja stellte er sich ein unerbittliches
Urteil, einen unwandelbaren Entschluß vor. Hier aber handelte es sich
darum, entweder ihr oder sein Weg. Besonders im gegenwärtigen
Augenblicke war er außerstande, sie zu sehen. Nein, es wäre besser,
Sswidrigailoff auszuforschen, -- was wäre dabei? Er konnte sich nicht
innerlich eingestehen, daß er tatsächlich jenen schon längst zu irgend
etwas gebrauchte.

Aber was konnte es zwischen ihnen beiden gemeinsames geben? Selbst eine
Freveltat konnte sie beide nicht auf gleiche Stufe bringen. Dieser
Mensch war ihm sehr unangenehm, offenbar äußerst verdorben, sicher aber
schlau und unzuverlässig, und vielleicht auch bösartig. Von ihm wurde
allerhand erzählt. Es war ja richtig, er hat sich der Kinder Katerina
Iwanownas angenommen; aber wer weiß, zu welchem Zwecke und was es noch
auf sich hatte? Dieser Mensch hatte stets seine Absichten und Pläne.

In all diesen Tagen schwebte ständig Raskolnikoff noch ein Gedanke vor
und beunruhigte ihn sehr, obwohl er ihn stets von sich zu weisen suchte;
so schwer lastete dieser Gedanke auf ihm! Er dachte -- Sswidrigailoff
hat die ganze Zeit sich mit ihm beschäftigt; Sswidrigailoff hat sein
Geheimnis erfahren und hatte schon böse Absichten gegenüber Dunja. Man
könnte doch fast mit Bestimmtheit sagen, daß _er sie noch haben_ werde.
Und wenn er jetzt, nachdem er sein Geheimnis erfahren und so über ihn
eine Macht erhalten hätte, sie als eine Waffe gegen Dunja benutzen
wollte?

Dieser Gedanke quälte ihn sogar im Traume, aber noch nie war er ihm so
deutlich gekommen, wie jetzt. Und dieser Gedanke allein versetzte ihn in
die äußerste Wut. Dann würde sich alles verändern, sogar seine eigene
Lage, -- er muß dann sofort sein Geheimnis Dunetschka mitteilen. Er
mußte sich vielleicht selbst verraten, um Dunetschka von einem
unvorsichtigen Schritt abzuhalten. Und der Brief? Heute früh hatte
Dunetschka einen Brief erhalten! Von wem in Petersburg kann sie Briefe
empfangen? Etwa von Luschin? Es ist ja wahr, dort paßt Rasumichin auf,
aber Rasumichin weiß doch nichts von alldem. Vielleicht muß er sich auch
Rasumichin anvertrauen. Raskolnikoff dachte mit Widerwillen an diese
Möglichkeit.

Er beschloß endgültig, Sswidrigailoff in jedem Falle möglichst bald
aufzusuchen. Gott sei Dank, hier handelt es sich nicht so sehr um die
Einzelheiten, als um den Kernpunkt der Sache, -- aber wenn er, wenn er
schon fähig war ... wenn Sswidrigailoff irgend etwas gegen Dunja
vorhatte, -- so ...

Raskolnikoff war während dieser ganzen Zeit, während dieses ganzen
Monats so abgespannt geworden, daß er jetzt ähnliche Fragen nicht anders
mehr lösen konnte, als bloß durch das eine, -- »dann töte ich ihn!« Das
dachte er auch in diesem Augenblicke mit kalter Verzweiflung. Schwer
bedrückte es sein Herz; er blieb mitten auf der Straße stehen und begann
sich umzusehen, -- welchen Weg er ging und wohin er gekommen war? Er
befand sich auf dem N.schen Prospekt, dreißig oder vierzig Schritte vom
Heumarkt entfernt, den er passiert hatte. Der ganze zweite Stock eines
Hauses linker Hand war von einem Restaurant eingenommen. Alle Fenster
waren weit geöffnet; das Restaurant war, nach den vielen an den Fenstern
sich bewegenden Gestalten zu urteilen, stark besetzt. Im Saale sang ein
Chor, Lieder, Klarinetten und Geigen tönten und eine türkische Trommel
lärmte. Man hörte auch das Gekreische einiger Weiber. Er wollte umkehren
und begriff gar nicht, wie er auf den N.schen Prospekt gekommen war, als
er plötzlich in einem der letzten offenen Fenster des Restaurants
Sswidrigailoff erblickte, der dort hinter einem Teetisch mit einer
Pfeife im Munde saß. Er erschrak, und sein Schrecken ward zum Entsetzen.
Sswidrigailoff blickte ihn an und beobachtete ihn schweigend und wollte
-- was Raskolnikoff ebenfalls betroffen machte, wie es schien,
aufstehen, um leise und unbemerkt fortzugehen. Raskolnikoff gab sich
sofort den Anschein, als hätte auch er ihn nicht bemerkt, und blickte in
Gedanken versunken zur Seite, ohne aber ihn ganz aus dem Auge zu lassen.
Sein Herz klopfte unruhig. Es war richtig, -- Sswidrigailoff wollte
offenbar nicht gesehen werden. Er nahm die Pfeife aus dem Munde und
wollte sich verbergen; als er aber aufstand und den Stuhl zur Seite
schob, hatte er wahrscheinlich gemerkt, daß Raskolnikoff auch ihn
gesehen und beobachtet hatte. Es war etwas, was der Szene ihres ersten
Zusammentreffens bei Raskolnikoff, während seines Schlafes, glich. Ein
spöttisches Lächeln zeigte sich auf dem Gesichte Sswidrigailoffs. Beide
wußten, daß sie einander gesehen und beobachtet hatten. Zuletzt lachte
Sswidrigailoff laut auf.

»Nun! Kommen Sie doch herauf, wenn Sie wollen; ich bin hier!« rief er
ihm aus dem Fenster zu.

Raskolnikoff ging in das Restaurant hinauf. Er fand ihn in einem sehr
kleinen Hinterzimmer mit einem Fenster, das an den großen Saal anstieß,
in dem an etwa zwanzig kleinen Tischen beim greulichen Gebrüll eines
Sängerchores Kaufleute, Beamte und andere Leute Tee tranken. Aus einer
anderen Ecke vernahm man das Anprallen von Billardkugeln. Auf dem Tische
vor Sswidrigailoff stand eine angebrochene Flasche Champagner und ein
Glas, zur Hälfte mit Wein gefüllt. In dem kleinen Zimmer befanden sich
außerdem ein Knabe, der eine kleine Drehorgel hatte, und ein kräftiges
rotwangiges Mädchen, in einem gestreiften aufgebauschten Rocke und einem
Tiroler Hütchen mit Bändern. Es war eine Sängerin, etwa achtzehn Jahre
alt, die, trotz des Chorgesanges in dem anderen Zimmer, unter Begleitung
der Drehorgel einen Gassenhauer mit ziemlich heiserer Kontrealtstimme
sang ...

»Nun, genug!« unterbrach Sswidrigailoff sie beim Eintritt Raskolnikoffs.

Das Mädchen brach sofort ab und blieb in ehrerbietiger Erwartung stehen.
Auch ihren Gassenhauer hatte sie mit einem ehrerbietigen und ernsten
Ausdrucke im Gesichte gesungen.

»He, Philipp, ein Glas!« rief Sswidrigailoff.

»Ich werde keinen Wein trinken,« sagte Raskolnikoff.

»Wie Sie wollen, aber ich habe das Glas nicht Ihretwegen bestellt.
Trink, Katja! Heute brauche ich euch nicht mehr, geht!« -- Er goß ihr
ein volles Glas Wein ein und legte einen Rubelschein für sie auf den
Tisch.

Katja leerte das Glas mit einem Male, wie die Frauen Wein trinken, das
heißt, ohne das Glas abzusetzen und zwanzigmal schluckend, sie nahm dann
den Schein, küßte Sswidrigailoff die Hand, was er sehr ernst zuließ und
verließ das Zimmer, ihr folgte der Knabe mit der Drehorgel. Man hatte
beide von der Straße heraufgeholt. Sswidrigailoff wohnte noch nicht
einmal eine Woche in Petersburg und alles verkehrte schon mit ihm auf
recht patriarchalischem Fuße. Auch der Kellner Philipp kannte ihn schon
und bediente ihn unterwürfigst. Die Tür zum Saale wurde geschlossen,
Sswidrigailoff war in diesem Zimmer wie bei sich zu Hause und verbrachte
hier jedenfalls ganze Tage. Das Restaurant war schmutzig, schlecht und
nicht einmal von mittlerer Sorte.

»Ich wollte zu Ihnen gehen und suchte Sie,« begann Raskolnikoff, »bog
aber unversehens vom Heumarkte zu dem N.schen Prospekt ab! Ich gehe nie
diesen Weg und komme nie hierher. Ich nehme vom Heumarkte immer den Weg
zur rechten Hand. Auch der Weg zu Ihnen führt hier nicht vorbei. Doch
kaum als ich einbog, erblickte ich Sie sofort. Das ist seltsam!«

»Warum sagen Sie nicht offen heraus, -- das ist ein Wunder!«

»Weil es vielleicht nur ein Zufall ist.«

»Wie sonderbar all diese Leute beschaffen sind!« lachte Sswidrigailoff,
»Sie wollen es nicht eingestehen, wenn Sie auch innerlich selbst an
Wunder glauben! Sie sagen doch selbst, daß es -- >vielleicht< -- bloß
ein Zufall ist. Und wie sie alle hier feig sind, eine eigene Meinung zu
haben, können Sie sich gar nicht vorstellen, Rodion Romanowitsch. Ich
meine nicht Sie. Sie haben eine eigene Meinung und fürchten sich nicht,
sie zu haben. Darum haben Sie auch mein Interesse gefesselt.«

»Sonst durch nichts?«

»Aber das genügt doch.«

Sswidrigailoff war offenbar in erregtem Zustande, doch nur ein klein
wenig; von dem Wein hatte er nur ein halbes Glas getrunken.

»Mir scheint es, Sie kamen schon zu mir, ehe Sie erfuhren, daß ich fähig
bin, das zu haben, was Sie eine eigene Meinung nennen,« bemerkte
Raskolnikoff.

»Nun, damals war es eine andere Sache. Jeder hat seine eigenen Wege. Was
aber das Wunder anbetrifft, muß ich Ihnen sagen, daß Sie anscheinend
diese letzten zwei oder drei Tage verschlafen haben. Ich habe Ihnen
selbst dieses Restaurant angegeben, und es war gar kein Wunder, daß Sie
hierher kamen; ich habe Ihnen selbst den ganzen Weg beschrieben und
Ihnen den Ort und die Stunden gesagt, wann man mich hier treffen kann.
Erinnern Sie sich?«

»Ich habe es vergessen,« antwortete Raskolnikoff verwundert.

»Es scheint so. Zweimal habe ich es Ihnen gesagt. Die Adresse hat sich
Ihrem Gedächtnisse mechanisch eingeprägt. Sie schlugen auch diesen Weg
mechanisch ein, indessen streng der Adresse folgend, ohne es selbst zu
wissen. Als ich es Ihnen damals sagte, glaubte ich nicht, daß Sie mich
verstanden hatten. Sie verraten sich zu sehr, Rodion Romanowitsch. Noch
eins: -- ich bin überzeugt, daß es in Petersburg viele Leute gibt, die
im Gehen mit sich selbst sprechen. Es ist eine Stadt von Halbverrückten.
Wenn wir die Wissenschaften mehr pflegten, so könnten Mediziner,
Juristen und Philosophen, jeder auf seinem Spezialgebiete die
wertvollsten Untersuchungen über Petersburg anstellen. Selten findet man
so viel finstere, tiefeinschneidende und eigentümliche Einflüsse auf die
Seele eines Menschen vor, wie in Petersburg. Was allein sind die
klimatischen Einflüsse wert! Indessen ist es das administrative Zentrum
von ganz Rußland, und sein Charakter muß sich in allem geltend machen.
Aber es handelt sich jetzt nicht darum, sondern, daß ich Sie ein paarmal
schon heimlich beobachtet habe. Sie verlassen Ihre Wohnung -- halten den
Kopf nach oben. Nach zwanzig Schritten lassen Sie ihn schon sinken und
die Hände legen Sie auf den Rücken. Sie blicken vor sich und sehen
offenbar weder vor sich etwas, noch neben sich. Schließlich beginnen Sie
die Lippen zu bewegen und mit sich selbst zu sprechen, wobei Sie
zuweilen die eine Hand frei machen und deklamieren, endlich bleiben Sie
mitten auf dem Wege lange stehen. Das ist nicht gut. Vielleicht
beobachtet jemand Sie außer mir, und das ist nicht vorteilhaft. Mir ist
es im Grunde genommen gleichgültig, und ich werde Sie nicht heilen, aber
Sie verstehen mich sicher.«

»Wissen Sie es, daß man mich beobachtet?« fragte Raskolnikoff und
blickte ihn forschend an.

»Nein, ich weiß nichts davon,« antwortete Sswidrigailoff, wie
verwundert.

»Nun, lassen wir meine Person aus dem Spiel,« murmelte Raskolnikoff mit
verdüstertem Gesichte.

»Gut, lassen wir Sie aus dem Spiel.«

»Sagen Sie mir lieber, -- wenn Sie hierher gehen zu trinken und mir
selbst diesen Ort zweimal genannt haben, damit ich hierher zu Ihnen
kommen soll, warum versteckten Sie sich denn und wollten weggehen, als
ich Sie von der Straße aus am Fenster sah? Ich habe es sehr gut
gemerkt.«

»He--he! Warum lagen Sie auf Ihrem Sofa mit geschlossenen Augen und
stellten sich schlafend, während Sie doch gar nicht schliefen, als ich
damals bei Ihnen auf der Schwelle stand? Ich habe es sehr gut bemerkt.«

»Ich konnte ... Gründe haben ... Sie wissen es selbst.«

»Auch ich konnte meine Gründe haben, obwohl Sie sie nicht erfahren
werden.«

Raskolnikoff setzte den rechten Ellenbogen auf den Tisch, stützte mit
den Fingern der rechten Hand sein Kinn und starrte unverwandt
Sswidrigailoff an. Er betrachtete eine Weile sein Gesicht, das auch
früher ihn stets in Staunen gesetzt hatte. Es war ein auffallendes
Gesicht, das einer Maske zu gleichen schien, -- weiß, rotwangig, mit
roten, purpurroten Lippen, mit einem hellblonden Barte und noch ziemlich
dichten hellblonden Haaren. Die Augen waren zu blau und ihr Blick zu
schwer und unbeweglich. Es lag etwas äußerst Unangenehmes in diesem
hübschen und für sein Alter viel zu jugendlichen Gesichte.
Sswidrigailoffs Kleidung war elegant, leicht, sommerlich; besonders
elegant war seine Wäsche. An einem Finger hatte er einen großen Ring mit
einem kostbaren Stein.

»Ja, soll ich mich denn auch mit Ihnen abgeben,« sagte Raskolnikoff
plötzlich, indem er mit krampfhafter Ungeduld auf sein Ziel losging,
»obgleich Sie vielleicht der gefährlichste Mensch sind, wenn Sie Lust
bekommen sollten, mir zu schaden, aber ich will mich nicht mehr
verstellen und Komödie spielen. Ich will Ihnen gleich zeigen, daß ich
gar keinen großen Wert auf meine Person lege, wie Sie wahrscheinlich
annehmen. Wissen Sie, ich bin gekommen, Ihnen offen zu erklären, wenn
Sie noch Ihre frühere Absicht gegenüber meiner Schwester hegen, und wenn
Sie zu diesem Zwecke irgend etwas von dem, was Ihnen in der letzten Zeit
bekannt geworden ist, zu benutzen gedenken, -- ich Sie eher töten werde,
bevor Sie mich ins Gefängnis bringen. Mein Wort ist sicher, -- Sie
wissen, daß ich es zu halten imstande bin. Zweitens, wenn Sie mir irgend
etwas zu sagen haben, -- denn es schien mir die ganze Zeit, als wollten
Sie mir etwas mitteilen, -- tun Sie es schnell, denn die Zeit ist
kostbar, und vielleicht ist es sehr bald zu spät.«

»Was haben Sie denn für eine Eile?« fragte Sswidrigailoff und blickte
ihn neugierig an.

»Jeder hat seine eigenen Wege,« sagte Raskolnikoff finster und
ungeduldig.

»Sie haben mich selbst soeben gebeten, offen zu sein, und die erste
Frage lehnen Sie schon ab, zu beantworten,« bemerkte Sswidrigailoff mit
einem Lächeln.

»Ihnen scheint es immer, daß ich irgend welche Zwecke verfolgen muß und
darum betrachten Sie mich argwöhnisch. Nun, das ist in Ihrer Lage
vollkommen begreiflich. Aber wie sehr ich auch wünsche, mit Ihnen in
nähere Beziehungen zu kommen, werde ich mir doch nicht die Mühe machen,
Sie vom Gegenteile zu überzeugen. Bei Gott, es ist nicht der Mühe wert,
und ich hatte gar nicht die Absicht, mit Ihnen über irgend etwas
besonderes zu sprechen.«

»Wozu brauchten Sie mich dann? Sie scharwenzelten doch um mich herum?«

»Ganz einfach, als ein interessantes Beobachtungsobjekt. Mir gefielen
Sie durch das Phantastische Ihrer Lage, -- das ist der Grund. Außerdem
sind Sie der Bruder einer Persönlichkeit, die mich sehr interessierte,
und schließlich habe ich seinerzeit von derselben Persönlichkeit sehr
viel und oft über Sie gehört, woraus ich schloß, daß Sie einen großen
Einfluß auf die Dame haben; ist denn das nicht genügend Grund?
He--he--he! Ich muß übrigens gestehen, Ihre Frage ist für mich sehr
kompliziert, und es fällt mir etwas schwer, Ihnen darauf zu antworten.
Nun, zum Beispiel jetzt, -- Sie sind zu mir nicht bloß wegen der einen
Angelegenheit gekommen, sondern auch wegen etwas ganz neuem? Es stimmt
doch? Nicht wahr?« sagte Sswidrigailoff mit einem spöttischen Lächeln.
-- »Nun, stellen Sie sich vor, daß ich selbst, noch auf der Reise
hierher im Eisenbahnwagen, auf Sie rechnete, daß Sie mir auch etwas
_neues_ sagen würden, und daß es mir gelingen würde, etwas von Ihnen zu
entlehnen! Sehen Sie, wie reich wir sind!«

»Was denn entlehnen?«

»Ja, was soll ich Ihnen sagen? Weiß ich etwa, -- was es ist? Sehen Sie,
in was für einem Restaurant ich die ganze Zeit hocke, und das ist mir
höchst unangenehm, das heißt, eigentlich nicht, aber ich muß mich doch
irgendwo hinhocken. Nun, und diese arme Katja -- haben Sie sie gesehen?
... Wäre ich wenigstens ein Vielfresser oder ein Feinschmecker, Sie
sehen aber selbst, was ich esse. -- (Er zeigte mit dem Finger in eine
Ecke, wo auf einem Tischchen das Überbleibsel von einem entsetzlichen
Beefsteak mit Kartoffeln stand.) -- Apropos, haben Sie zu Mittag
gegessen? Ich habe etwas zu mir genommen und möchte nichts mehr. Wein,
z. B., trinke ich gar nicht. Außer Champagner gar keinen Wein, und davon
trinke ich auch den ganzen Abend ein einziges Glas, davon tut mir schon
der Kopf weh. Ich habe ihn bloß bestellt, um mir auf die Beine zu
helfen, denn ich will irgendwohin gehen, Sie sehen mich in einer
besonderen Stimmung. Ich habe mich darum auch vorhin wie ein Schulbube
versteckt, weil ich meinte, daß Sie mich stören werden; aber ich glaube
-- (er zog seine Uhr hervor) -- ich kann mit Ihnen noch eine Stunde
zusammen sein; es ist jetzt halb fünf. Glauben Sie mir, wenn ich
wenigstens etwas wäre, sagen wir, Gutsbesitzer, Landwirt, oder Vater,
ein Ulan, Photograph oder Journalist ... Aber nichts, ich habe gar keine
Spezialität! Zuweilen ist mir das langweilig. Wirklich, ich glaubte, von
Ihnen etwas neues zu hören.«

»Ja, wer sind Sie denn eigentlich und warum sind Sie hierher gereist?«

»Wer ich bin? Sie wissen doch, -- bin vom Adel, habe zwei Jahre in der
Kavallerie gedient, mich dann hier in Petersburg herumgetrieben, habe
Marfa Petrowna geheiratet und auf dem Lande gelebt. Da haben Sie meine
Lebensbeschreibung!«

»Sie sind wohl ein Spieler?«

»Nein, ich bin kein Spieler. Ein Falschspieler ist kein Spieler.«

»Waren Sie denn Falschspieler?«

»Ja, ich war Falschspieler.«

»Hat man Sie auch gefaßt?«

»Es ist auch vorgekommen. Was ist dabei?«

»Nun, Sie konnten doch gefordert werden ... Das bringt doch auch mehr
Leben ins Dasein.«

»Ich widerspreche Ihnen nicht und bin außerdem kein Meister im
Philosophieren. Ich will Ihnen gestehen, daß ich mehr der Weiber wegen
hierher gekommen bin.«

»Nachdem Sie kaum Marfa Petrowna beerdigt hatten?«

»Nun ja,« lächelte Sswidrigailoff mit einer frappanten Offenheit. --
»Was ist dabei? Mir scheint, Sie finden etwas schlechtes darin, daß ich
über die Weiber so rede.«

»Das will wohl sagen, ob ich etwas schlechtes in der Unsittlichkeit
finde oder nicht?«

»In der Unsittlichkeit! Nun, Sie gehen zu weit! Übrigens aber will ich
Ihnen zuerst im allgemeinen über die Frauen antworten. Wissen Sie, ich
liebe gerade jetzt zu plaudern. Sagen Sie mir, wozu soll ich mich
enthalten? Warum soll ich die Frauen lassen, wenn ich ein großer Freund
davon bin? Sie sind doch wenigstens eine Beschäftigung.«

»Also Sie rechnen hier bloß auf die Unsittlichkeit?«

»Was ist dabei, ja, meinetwegen auf Unsittlichkeit. Wie Sie sich darauf
versessen haben. Ich liebe aber wenigstens eine offene Frage. In dieser
Unsittlichkeit ist etwas beständiges, in der Natur begründetes und der
Phantasie nicht unterworfenes, etwas, das stets wie eine feurige Glut im
Blute steckt, ewig anfeuert und das man lange nicht, auch mit den Jahren
vielleicht nicht, so schnell auslöschen kann. Geben Sie doch selbst zu,
ist das nicht eine Art von Beschäftigung?«

»Wie soll man sich dabei freuen? Es ist eine Krankheit, und eine
gefährliche.«

»Ah, Sie kommen _damit_! Ich gebe zu, daß es eine Krankheit ist, wie
auch alles, was über das Maß hinausgeht, -- und hier wird man unbedingt
das Maß überschreiten, -- aber das ist doch, erstens, bei dem einen so,
bei dem anderen anders, und zweitens, muß man eben wie in allem Maß
einhalten; es ist Berechnung und eine gemeine dazu, aber was soll man
tun? Wenn es dies nicht gäbe, müßte man sich möglicherweise erschießen.
Ich gebe zu, daß ein anständiger Mensch verpflichtet ist, sich lieber zu
langweilen, aber dennoch ...«

»Könnten Sie sich erschießen?«

»Aber, hören Sie!« erwiderte Sswidrigailoff mit Widerwillen. »Tun Sie
mir den Gefallen und sprechen Sie nicht davon,« fügte er hastig hinzu
und ohne jegliche Großtuerei, die sich in allen seinen früheren Worten
ausprägte. Sogar sein Gesicht schien sich verändert zu haben. -- »Ich
gestehe diese unverzeihliche Schwäche ein, aber was soll ich tun, -- ich
fürchte den Tod und liebe nicht, daß man darüber spricht. Wissen Sie,
ich bin teilweise Mystiker?«

»Ah! Die Erscheinungen von Marfa Petrowna! Wie, kommt sie noch immer?«

»Ach, erinnern Sie mich nicht daran; in Petersburg ist es noch nicht
vorgekommen; und hol der Teufel die Erscheinungen!« rief er mit
gereizter Miene aus. -- »Nein, wir wollen lieber über ... ja übrigens
... Hm! Ach, ich habe zu wenig Zeit, kann nicht lange bei Ihnen bleiben,
es ist schade! Ich hätte Ihnen etwas mitzuteilen.«

»Was, ist es eine Frau, die Sie erwartet?«

»Ja, eine Frau, ein ganz unerwarteter Zufall ... nein, ich meine nicht
das.«

»Nun, und die Schändlichkeit dieser ganzen Umgebung wirkt schon nicht
mehr auf Sie? Sie haben schon die Kraft verloren, zu stoppen?«

»Sie machen auch Ansprüche an Kraft? He--he! Sie haben mich soeben
überrascht, Rodion Romanowitsch, obwohl ich im voraus wußte, daß es so
kommen werde. Sie reden mit mir über Unsittlichkeit und über Ästhetik!
Sie -- ein Schiller, Sie -- ein Idealist! Dies alles muß natürlich so
sein, und man müßte erstaunt sein, wenn es anders wäre, aber trotzdem
ist etwas merkwürdiges vor der Wirklichkeit ... Ach, schade, daß ich so
wenig Zeit habe, Sie sind ein äußerst interessantes Subjekt! Ja,
nebenbei gefragt, lieben Sie Schiller? Ich liebe ihn außerordentlich.«

»Was Sie aber für ein Großtuer sind!« sagte Raskolnikoff mit einem
gewissen Abscheu.

»Ich bin es nicht, bei Gott!« antwortete Sswidrigailoff mit lautem
Lachen, »aber ich will es nicht bestreiten, mag ich ein Großtuer sein;
doch warum soll man auch nicht wichtigtun, wenn es harmlos ist. Ich habe
sieben Jahre auf dem Lande bei Marfa Petrowna gelebt, schon darum freue
ich mich zu plaudern, nachdem ich jetzt auf einen klugen Menschen wie
Sie, -- auf einen klugen und im höchsten Grade interessanten Menschen
gestoßen bin, und außerdem habe ich dieses halbe Glas Wein getrunken und
es ist mir ein bißchen zu Kopfe gestiegen. Die Hauptsache aber ist, daß
es einen Umstand gibt, der mich sehr aufgerüttelt hat, den ich aber ...
verschweigen werde. Wohin gehen Sie denn?« fragte Sswidrigailoff
plötzlich erschrocken.

Raskolnikoff machte Miene, sich zu erheben. Ihm wurde es schwer,
beengend und peinlich, daß er hierher gekommen war. Von Sswidrigailoff
hatte er die feste Meinung gewonnen, daß er der unbedeutendste und
inhaltloseste Bösewicht der Welt sei.

»Ach! Setzen Sie sich, bleiben Sie noch,« bat Sswidrigailoff, »und
bestellen Sie sich doch wenigstens Tee. Bleiben Sie sitzen, ich will
keinen Unsinn mehr, das heißt, über mich schwatzen. Ich will Ihnen etwas
erzählen. Wollen Sie? Ich werde Ihnen erzählen, wie mich eine Frau, um
in Ihrem Stile zu reden, >retten wollteEr will also selbst nicht betrügen,< dachte sie, >wenn er im
voraus es in dieser Weise erklärt,< -- nun, und für eine eifersüchtige
Frau ist es das wichtigste. Nach vielen Tränen kam zwischen uns
folgender mündlicher Vertrag zustande, -- erster Punkt, ich werde Marfa
Petrowna nie verlassen und stets ihr Mann bleiben; zweitens, ohne ihre
Erlaubnis werde ich nirgendwohin verreisen; drittens, eine ständige
Geliebte werde ich mir nie anschaffen; viertens, dagegen gestattet mir
Marfa Petrowna, mir zuweilen eine von den Stubenmädchen auszusuchen,
jedoch nicht anders, als mit ihrem geheimen Wissen; fünftens, Gott soll
mich behüten, daß ich mich in eine Frau aus unserem Stande verliebe;
sechstens, falls aber, was Gott verhüte, mich irgend eine große und
ernste Leidenschaft heimsuchen sollte, muß ich mich Marfa Petrowna
anvertrauen. In Bezug auf den letzten Punkt war Marfa Petrowna übrigens
die ganze Zeit ziemlich ruhig; sie war eine kluge Frau, und folglich
konnte sie mich nicht anders, als für einen liederlichen und
lasterhaften Menschen, betrachten, der nicht imstande ist, sich
ernstlich zu verlieben. Aber eine kluge Frau und eine eifersüchtige Frau
sind zwei verschiedene Dinge, und das ist ein Unglück. Übrigens, um
unparteiisch über einige Menschen urteilen zu können, muß man sich
vorher von manchen voreingenommenen Ansichten und von der alltäglichen
Gewöhnung an die uns umgebenden Menschen und Gegenstände lossagen. Ich
habe ein Recht, auf Ihr Urteil mehr, als von jemanden anderen, zu
hoffen. Vielleicht haben Sie schon sehr viel lächerliches und unsinniges
über Marfa Petrowna gehört. In der Tat, sie hatte manche lächerliche
Angewohnheit, aber ich will Ihnen offen sagen, daß ich die zahllosen
Bekümmernisse, die ich ihr verursacht habe, aufrichtig bedauere. Das
scheint für einen sehr anständigen _Oraison funèbre_{[17]} der
zärtlichsten Frau von dem zärtlichsten Manne zu genügen. Bei unseren
Streitigkeiten schwieg ich meistenteils und war nicht gereizt, und
dieses gentlemanlike Benehmen erreichte fast stets das Ziel; es wirkte
auf sie und gefiel ihr sogar; es gab auch Fälle, wo sie sogar auf mich
stolz war. Aber Ihr Fräulein Schwester hat sie trotzdem nicht ertragen.
Und wie war es möglich, daß sie riskiert hatte, solch eine Schönheit in
ihr Haus als Gouvernante zu nehmen! Ich erkläre es mir dadurch, daß
Marfa Petrowna eine feurige und empfängliche Frau war, und daß sie sich
ganz einfach selbst in Ihre Schwester verliebt, -- buchstäblich verliebt
hatte. Nun, und Awdotja Romanowna hat selbst den ersten Schritt getan,
-- ob Sie mir glauben oder nicht? Können Sie sich denken, daß Marfa
Petrowna sogar zuerst auf mich wegen meines ständigen Schweigens über
Ihre Schwester böse wurde, weil ich mich gegen ihre ewigen und
verliebten Lobsprüche auf Awdotja Romanowna gleichgültig verhielt? Ich
begreife selbst nicht, was sie eigentlich wollte! Und selbstverständlich
erzählte Marfa Petrowna alles, meine ganze Vergangenheit Awdotja
Romanowna. Sie hatte die unglückliche Eigenschaft, allen unsere ganzen
Familiengeheimnisse zu erzählen und vor allen ständig über mich zu
klagen; wie sollte sie da solch eine neue und schöne Freundin damit
verschonen? Ich nehme selbst an, daß zwischen ihnen kein anderes
Gespräch geführt wurde, als über mich, und zweifellos bekam Awdotja
Romanowna alle diese finsteren geheimnisvollen Märchen zu hören, die
über mich im Umlauf sind ... Ich wette, daß Sie auch irgend etwas
derartiges schon gehört haben.«

»Ich habe etwas gehört. Luschin beschuldigte Sie, daß Sie sogar die
Ursache des Todes eines Kindes waren. Ist es wahr?«

»Tun Sie mir den Gefallen und lassen Sie mich mit allen diesen
Abgeschmacktheiten in Ruhe,« sagte Sswidrigailoff mit Abscheu und Ekel,
»wenn Sie unbedingt wünschen, über diesen ganzen Unsinn näheres zu
erfahren, will ich es Ihnen einmal erzählen, jetzt aber ...«

»Man sprach auch von einem Diener auf Ihrem Gute und daß Sie angeblich
auch die Ursache ...«

»Tun Sie mir den Gefallen, genug davon!« unterbrach ihn Sswidrigailoff
von neuem mit sichtbarer Ungeduld.

»Ist das nicht derselbe Diener, der Ihnen nach seinem Tode die Pfeife
stopfen wollte ... Sie haben mir noch selbst davon erzählt?« fuhr
Raskolnikoff immer gereizter fort.

Sswidrigailoff blickte Raskolnikoff aufmerksam an, und jenem schien es,
daß in diesem Blicke, gleich einem Blitze, ein boshaftes Lächeln
aufzuckte, Sswidrigailoff aber bemeisterte sich und antwortete sehr
höflich:

»Es ist derselbe. Ich sehe, daß auch dies alles Sie außerordentlich
interessiert, und werde es für meine Pflicht halten, bei der ersten
besten Gelegenheit Ihre Neugier in allen Punkten zu befriedigen. Zum
Teufel! Ich sehe, daß ich tatsächlich jemand als eine romantische Person
erscheinen kann. Beurteilen Sie selbst, wie dankbar ich der verstorbenen
Marfa Petrowna sein muß, daß sie Ihrem Fräulein Schwester so viel
Geheimnisvolles und Interessantes über mich erzählt hatte. Ich nehme mir
nicht die Freiheit, über den Eindruck zu urteilen, aber in jedem Falle
war es für mich vorteilhaft. Bei dem ganzen natürlichen Widerwillen
Awdotja Romanownas gegen mich und trotz meines ständigen finsteren und
abstoßenden Aussehens -- tat ich ihr endlich leid, tat ihr der verlorene
Mensch leid. Wenn aber dem Herzen eines jungen Mädchens etwas _leid
tut_, ist dies selbstverständlich für sie am gefährlichsten. Da bekommt
man unbedingt Lust >zu retten<, aufzurütteln, zu überzeugen, zu edleren
Zielen zu rufen und zu neuem Leben und neuer Tätigkeit zu erwecken, --
nun, es ist bekannt, was man in dieser Art zusammenträumen kann. Ich
habe sofort gemerkt, daß das Vögelchen selbst ins Netz fliegt, und habe
mich meinerseits vorbereitet. Sie scheinen mir das Gesicht zu verziehen,
Rodion Romanowitsch? Hat nichts auf sich, die Sache hat, wie Sie wissen,
mit Kleinigkeiten geendet. -- Zum Teufel, wie viel Wein ich heute
trinke! -- Wissen Sie, ich bedauerte immer von Anfang an, daß es Ihrer
Schwester nicht vergönnt war, im zweiten oder dritten Jahrhundert
unserer Zeitrechnung irgendwo als Tochter eines kleinen regierenden
Fürsten oder eines Regenten oder eines Prokonsuls in Kleinasien zur Welt
zu kommen. Sie würde zweifellos eine von jenen gewesen sein, die das
Martyrium erduldet haben, und sie hätte sicher gelächelt, wenn man ihr
die Brust mit glühenden Zangen gebrannt hätte. Sie hätte dies
absichtlich auf sich genommen, im vierten oder fünften Jahrhundert aber
würde sie in eine Wüste von Ägypten gegangen sein, hätte dort dreißig
Jahre gelebt und sich von Wurzeln, Verzückung und Erscheinungen genährt.
Sie dürstet bloß und verlangt darnach, irgend eine Marter für jemand auf
sich zu nehmen, wenn man ihr aber diese Marter nicht geben wird, so
springt sie möglicherweise zum Fenster hinaus. Ich habe etwas von einem
Herrn Rasumichin gehört. Man sagt, er sei ein vernünftiger Bursche,
worauf auch sein Familienname deutet, wahrscheinlich aus dem geistlichen
Stande, nun mag er Ihre Schwester hüten. Mit einem Worte, mir scheint
es, ich habe sie verstanden, was ich auch mir als eine Ehre anrechne.
Damals aber, das heißt am Anfang der Bekanntschaft, wie Sie selbst
wissen, ist man immer leichtsinniger und dümmer, sieht vieles im
falschen Lichte, sieht nicht das richtige. Zum Teufel, warum ist sie
auch so schön? Ich habe keine Schuld! Mit einem Worte, es begann bei mir
mit einer sehr starken wollüstigen Neigung. Awdotja Romanowna ist
unbeschreiblich und unerhört keusch. Merken Sie sich, ich teile Ihnen
dieses als eine Tatsache über Ihre Schwester mit. Sie ist vielleicht bis
zur Krankhaftigkeit keusch, trotz ihres ganzen großen Verstandes, und
das wird ihr schaden. Bei uns tauchte ein Mädchen Parascha, die
schwarzäugige Parascha auf, die man soeben von einem anderen Gute zu uns
gebracht hatte, als Stubenmädchen, und die ich vorher nie gesehen hatte,
-- sie war sehr hübsch, aber unglaublich dumm, -- sie weinte, erhob über
den ganzen Hof ein Geheul und es passierte ein Skandal. Eines Tages
suchte Awdotja Romanowna nach dem Essen mich absichtlich allein in einer
Allee im Garten auf und _verlangte_ von mir mit blitzenden Augen, daß
ich die arme Parascha in Ruhe lassen sollte. Das war beinahe unser
erstes Gespräch zu zweien. Ich hielt es selbstverständlich für eine
Ehre, ihrem Wunsche nachzukommen, versuchte mich überrascht, beschämt zu
stellen, nun, mit einem Worte, ich spielte meine Rolle nicht übel. Es
begannen Beziehungen, geheimnisvolle Gespräche, Moralpredigten, Bitten,
Flehen, sogar Tränen, -- können Sie es glauben, sogar Tränen! Sehen Sie,
wie stark und weit bei manchen jungen Mädchen die Leidenschaft
Propaganda machen geht! Ich schob selbstverständlich alles auf mein
Schicksal, stellte mich hin als einen nach Erleuchtung Hungernden und
Dürstenden, und schließlich machte ich von dem größten und
unerschütterlichen Mittel, Frauenherzen zu erobern, Gebrauch, von dem
Mittel, das nie und nimmer trügt und das entschieden auf alle, ohne jede
Ausnahme, wirkt. Es ist ein bekanntes Mittel -- die Schmeichelei. Es
gibt nichts schwereres in der Welt, als offener Freimut, und nichts
leichteres, als Schmeichelei. Wenn im Freimut bloß ein hundertster Teil
des Tones falsch ist, so tritt sofort eine Dissonanz und nach ihr -- ein
Skandal ein. Wenn aber in der Schmeichelei alles, bis zum geringsten
Tone falsch ist, auch dann ist sie angenehm und wird mit Vergnügen
angehört, und wenn auch mit grobem Vergnügen, so doch mit Vergnügen. Und
mag die Schmeichelei noch so derb sein, so wird doch unbedingt
wenigstens die Hälfte als Wahrheit geglaubt. Und das gilt für alle
Entwicklungsstufen und Schichten der Gesellschaft. Sogar eine Vestalin
kann man durch Schmeichelei verführen. Von gewöhnlichen Menschen lohnt
sich nicht mal zu reden. Ich kann mich nicht ohne Lachen daran erinnern,
wie ich einmal eine Dame, die ihrem Manne, ihren Kindern und ihren
Tugenden ergeben war, verführt habe. Wie amüsant es war und wie wenig
Arbeit es mir machte! Die Dame war tatsächlich tugendhaft, wenigstens in
ihrer Art. Meine ganze Taktik bestand darin, daß ich jeden Augenblick
von ihrer Keuschheit einfach erdrückt war und mich davor in den Staub
warf. Ich schmeichelte ihr gottlos und kaum, wenn ich von ihr einen
Händedruck, selbst einen Blick erhaschte, machte ich mir Vorwürfe, daß
ich dies ihr mit Gewalt abgenötigt habe, daß sie sich dem widersetzt,
sich dem so widersetzt habe, daß ich sicher nie etwas von ihr erlangt
hätte, wenn ich selbst nicht so verdorben wäre, daß sie in ihrer
Unschuld meine Arglist nicht vorgesehen habe und unabsichtlich, ohne es
selbst zu wissen und zu ahnen, mir entgegengekommen wäre, und
dergleichen mehr. Mit einem Worte, ich erreichte alles, meine Dame aber
blieb im höchsten Grade davon überzeugt, daß sie unschuldig und keusch
wäre und alle Pflichten und Schuldigkeiten erfüllt habe, daß sie aber
zufällig gefallen war. Und wie böse wurde sie auf mich, als ich ihr zu
guter Letzt erklärte, daß meiner aufrichtigen Überzeugung nach, sie
ebenso, wie ich, einen Genuß gesucht habe. Die arme Marfa Petrowna war
auch schrecklich empfänglich für Schmeichelei, wenn ich nur gewollt
hätte, so hätte sie sicher ihr ganzes Vermögen auf meinen Namen noch bei
ihren Lebzeiten umgeschrieben. -- Jedoch, ich trinke viel Wein und
schwatze. -- Ich hoffe, Sie werden nicht böse werden, wenn ich jetzt
erwähne, daß sich auch bei Awdotja Romanowna dasselbe Resultat zu zeigen
begann. Ich war aber selbst dumm und ungeduldig und habe die ganze Sache
verdorben. Awdotja Romanowna mißfiel furchtbar der Ausdruck meiner
Augen, schon einige Male vorher, -- das eine Mal aber ganz besonders, --
glauben Sie es? Mit einem Worte, in meinen Augen leuchtete immer stärker
und unvorsichtiger ein gewisses Feuer, das sie bange machte und ihr
schließlich verhaßt wurde. Die Einzelheiten lohnen sich nicht zu
erzählen, aber wir kamen auseinander. Da machte ich wieder eine
Dummheit. Ich begann in der gröbsten Weise alle diese Propaganda und
Bekehrungen zu verhöhnen; Parascha erschien wieder auf der Bildfläche,
und nicht allein sie, -- mit einem Worte, es begann ein Sodom. Ach,
Rodion Romanowitsch, wenn Sie nur ein einziges Mal im Leben die Augen
Ihrer Schwester gesehen hätten, wie sie zuweilen zu blitzen verstehen!
Es tut nichts, daß ich jetzt betrunken bin und schon ein ganzes Glas
Wein getrunken habe, ich sage die Wahrheit; ich versichere Sie, daß ich
von diesem Blicke träumte; ich konnte schließlich nicht mehr das
Rauschen ihres Kleides ertragen. Ich dachte in der Tat, daß ich die
Fallsucht bekomme, nie habe ich es mir träumen lassen, daß ich so außer
mir geraten könne. Mit einem Worte, es war notwendig Frieden zu
schließen, aber es war schon unmöglich. Und stellen Sie sich vor, was
ich dann tat? Bis zu welchem Stumpfsinn die rasende Wut einen Menschen
bringen kann! Unternehmen Sie niemals etwas in rasender Wut, Rodion
Romanowitsch. In der Annahme, daß Awdotja Romanowna im Grunde genommen
bettelarm ist -- (ach, entschuldigen Sie, ich wollte nicht das sagen ...
ist es aber nicht einerlei, wenn es nur einen Begriff wiedergibt?) --
mit einem Worte, daß sie von ihrer Hände Arbeit lebt, -- daß sie ihre
Mutter und Sie unterhalten muß -- (ach, zum Teufel, Sie verziehen wieder
Ihr Gesicht ...) -- beschloß ich ihr mein ganzes Geld anzubieten, -- ich
konnte damals etwa dreißigtausend realisieren, -- damit sie mit mir --
nun, meinetwegen, -- hierher nach Petersburg fliehen solle. Es versteht
sich, daß ich ihr dabei ewige Liebe, Seligkeit und dergleichen mehr
geschworen habe. Können Sie mir glauben, daß ich damals so von ihr
benommen war, daß, hätte sie zu mir gesagt, -- ermorde oder vergifte
Marfa Petrowna und heirate mich, -- ich es sofort getan hätte! Alles
aber endete mit der Ihnen schon bekannten Katastrophe, und Sie können
sich selbst ausmalen, in was für eine Wut ich geriet, als ich erfuhr,
daß Marfa Petrowna damals diese gemeine Schreiberseele Luschin
aufgegabelt und beinahe die Heirat zustande gebracht hatte, -- was im
Grunde genommen dasselbe gewesen wäre, was auch ich anbot. Ist es etwa
nicht so? Ist es nicht dasselbe? Nicht wahr, es ist dasselbe? Ich merke,
daß Sie mir zu aufmerksam zuhören ... interessierter junger Mann ...«

Sswidrigailoff schlug voll Ungeduld mit der Faust auf den Tisch. Er war
rot geworden. Raskolnikoff sah deutlich, daß das eine oder die
anderthalb Glas Champagner, den er unmerklich in kleinen Schlucken
getrunken hatte, krankhaft auf ihn gewirkt hatten, -- und beschloß diese
Gelegenheit wahrzunehmen. Sswidrigailoff erschien ihm sehr verdächtig.

»Nach all dem Gesagten bin ich völlig überzeugt, daß Sie auch hierher
gereist sind, weil Sie meine Schwester im Auge haben,« sagte er zu
Sswidrigailoff offen und ohne sich zu verstellen, um ihn nur noch mehr
zu reizen.

»Ach, lassen Sie es,« Sswidrigailoff schien sich plötzlich
zusammenzunehmen, »ich habe Ihnen schon gesagt ... und außerdem kann
Ihre Schwester mich gar nicht leiden.«

»Ja, davon bin ich auch überzeugt, daß sie es nicht kann, aber es
handelt sich jetzt nicht darum.«

»Sind Sie wirklich überzeugt, daß sie mich nicht leiden kann?«
Sswidrigailoff kniff die Augen zusammen und lächelte spöttisch. -- »Sie
haben recht, sie liebt mich nicht, aber übernehmen Sie nie eine
Gewährleistung in Dingen, die zwischen einem Manne und einer Frau oder
zwischen einem Liebhaber und seiner Geliebten vorgefallen sind. Es gibt
hier stets einen Winkel, der immer der ganzen Welt verborgen bleibt, und
der nur den beiden bekannt ist. Übernehmen Sie die Gewährleistung, daß
Awdotja Romanowna mich stets mit Widerwillen angeschaut hat?«

»Ich merke aus einigen Ihrer Worte und Andeutungen während Ihrer
Erzählung, daß Sie auch jetzt noch unbedingt Absichten gegen Dunja
haben, und selbstverständlich gemeiner Natur.«

»Wie! Mir sollten solche Worte und Andeutungen entschlüpft sein?« sagte
erschreckt Sswidrigailoff und in der naivsten Weise, ohne dem Epitheton,
der seinen Absichten beigelegt worden war, die geringste Beachtung zu
schenken.

»Auch jetzt entschlüpften sie Ihnen. Warum fürchten Sie sich so? Worüber
erschraken Sie jetzt plötzlich?«

»Ich soll mich fürchten und erschrocken sein? Soll ich etwa vor Ihnen
erschrocken sein? Eher haben Sie Grund, mich zu fürchten, _cher
ami_{[18]}. Ach, was für Unsinn ... Ich bin berauscht, ich sehe es;
beinahe hätte ich mich wieder versprochen. Der Teufel soll den Wein
holen! Heda, Wasser!«

Er packte die Flasche und schleuderte sie ohne viel Federlesens zum
Fenster hinaus. Philipp brachte ihm Wasser.

»Dies alles ist Unsinn,« sagte Sswidrigailoff, indem er ein Handtuch
anfeuchtete und es an den Kopf hielt, -- »ich kann Sie aber mit einem
einzigen Worte zurückweisen und Ihren ganzen Verdacht zunichte machen.
Wissen Sie zum Beispiel, daß ich heirate?«

»Sie haben es mir schon erzählt!«

»Habe ich es? Das hatte ich vergessen. Damals aber konnte ich es noch
nicht mit Bestimmtheit sagen, denn ich hatte die Braut gar nicht
gesehen; ich hatte bloß die Absicht. Jetzt aber habe ich schon eine
Braut und die Sache ist beschlossen, und wenn ich bloß nicht etwas
Unaufschiebbares zu tun hätte, würde ich Sie unbedingt und sofort zu
einem Besuche dort mitnehmen, -- denn ich möchte Sie um Rat fragen. Ach,
zum Teufel! Ich habe bloß zehn Minuten übrig. Sie sehen selbst nach der
Uhr; ich will es Ihnen übrigens erzählen, denn meine Heirat ist auch
eine interessante Sache, in ihrer Art, versteht sich, -- wohin wollen
Sie? Wollen Sie wieder fortgehen?«

»Nein, jetzt gehe ich schon nicht mehr fort.«

»Sie wollen gar nicht fortgehen? Nun, wir wollen es sehen! Ich werde Sie
mitnehmen und Ihnen die Braut zeigen, das ist wahr, aber bloß nicht
jetzt; es ist bald Zeit für Sie zu gehen. Sie gehen nach rechts und ich
nach links. Kennen Sie diese Rößlich? Ich meine, dieselbe Rößlich, bei
der ich jetzt wohne, -- ah? Hören Sie? Nein, denken Sie sich, ich meine
dieselbe, von der man erzählt, daß das kleine Mädchen damals im Winter
... Nun, hören Sie! Hören Sie? Sie ist es auch, die mir diese Geschichte
arrangiert hat; du langweilst dich, -- sagte sie, -- zerstreue dich ein
wenig. Ich bin aber ein finsterer, langweiliger Mensch. Sie meinen, ich
sei fröhlich? Nein, ich bin finster, -- ich füge niemandem Schaden zu,
sitze in der Ecke, und zuweilen kann man mich drei Tage nicht zum Reden
bringen. Die Rößlich ist eine Spitzbübin, sage ich Ihnen; sie hat dabei
folgendes im Sinn, -- mir wird es überdrüssig werden, ich werde meine
Frau verlassen und fortreisen, meine Frau wird dann ihr zufallen, und
sie wird sie in unseren Kreisen und höher hinauf in Umsatz bringen. Sie
sagte mir, -- es gibt solch einen gelähmten Vater, einen verabschiedeten
Beamten, der im Sessel sitzt und das dritte Jahr die Beine nicht rühren
kann; auch eine Mutter ist da, eine sehr vernünftige Dame; der Sohn
dient irgendwo in der Provinz, hilft ihr aber nicht; die eine Tochter
ist verheiratet, sucht aber die Eltern nicht mehr auf; die Eltern haben
für zwei kleine Neffen zu sorgen -- da sie an ihren eigenen Sorgen nicht
genug hatten, -- und haben ihre letzte Tochter, ohne daß sie den Kursus
absolviert hat, aus der Schule genommen; sie werde nach einem Monat erst
sechzehn Jahre alt, also könnte man sie auch nach einem Monat
verheiraten. Ich sollte sie also heiraten. Wir fuhren hin; wie bei ihnen
alles lächerlich zuging; ich stellte mich vor, -- Gutsbesitzer, Witwer,
aus bekannter Familie, mit den und den Verbindungen, vermögend, -- nun,
was ist dabei, daß ich fünfzig Jahre alt bin und jene nicht mal
sechzehn? Wer achtet darauf? Nun, es ist doch verlockend, ah? Nicht
wahr, es ist verlockend, ha! ha! ha! Sie sollten mich gesehen haben, wie
ich mich mit dem Papa und der Mama unterhalten habe! Man müßte etwas
dafür bezahlen, um mich nur damals gesehen zu haben. Sie kommt endlich,
macht einen Knicks, nun, können Sie sich vorstellen, sie war noch in
kurzem Kleidchen, eine noch unaufgebrochene Knospe, sie errötete,
flammte wie die Morgenröte auf -- man hat ihr selbstverständlich alles
mitgeteilt. Ich weiß nicht, wie Sie sich zu Frauengesichtern stellen,
aber meiner Ansicht nach sind diese sechzehn Jahre, diese noch
kindlichen Augen, diese Verlegenheit und Tränen der Beschämtheit --
besser als jede Schönheit, und sie ist außerdem wie ein Bild. Hellblonde
Haare, in kleinen Locken gekräuselt, volle, rote kleine Lippen, Füßchen
-- mit einem Worte reizend! ... Nun, ich wurde also dort bekannt,
erklärte, daß ich es infolge häuslicher Angelegenheiten eilig habe, und
am anderen Tage, also vorgestern, erhielten wir den Segen. Seit dem
Tage, wenn ich bloß hinkomme, nehme ich sie sofort auf meinen Schoß und
lasse sie nicht herunter ... Nun, sie errötet, ich aber küsse sie alle
Augenblicke; die Mama sagt ihr selbstverständlich, daß ich ihr Mann sei
und daß es sich so gehöre, mit einem Worte, ich habe es dort
ausgezeichnet. Und meine jetzige Lage als Bräutigam ist vielleicht auch
besser, als die eines verheirateten Mannes. Hier ist, was man _la nature
et la vérité_{[19]} nennt! Ha! Ha! Ich habe mich mit ihr ein paarmal
unterhalten, -- das Mädel ist gar nicht dumm; zuweilen blickt sie mich
so verstohlen an, -- daß es mich einfach durchschauert. Wissen Sie, sie
hat ein Gesicht wie die Madonna von Raphael. Die Sixtinische Madonna hat
doch ein phantastisches Gesicht, das Gesicht einer leidenden, im
heiligen Wahne befangenen, ist Ihnen das nicht aufgefallen? Nun, sie hat
ein Gesicht von dieser Art. Kaum hatte man uns den Segen erteilt, als
ich am anderen Tage ihr für anderthalb Tausend Geschenke mitbrachte, --
einen Brillantenschmuck, ein Perlenhalsband und einen silbernen
Toilettenkasten für Damen -- von dieser Größe, mit allerhand Dingen
darin, so daß ihr Gesichtchen, das Madonnengesichtchen, errötete. Ich
setzte sie gestern auf meinen Schoß hin, habe es aber wahrscheinlich zu
ungeniert getan, -- sie errötete ganz und gar und Tränen kamen zum
Vorschein, sie wollte sich aber nicht verraten und brannte wie im
Fieber. Alle gingen auf einen Augenblick, ich blieb mit ihr ganz allein
zurück, plötzlich fiel sie mir -- zum ersten Male von selbst -- um den
Hals, umarmte mich mit ihren Händchen, küßte mich und schwur, daß sie
mir eine folgsame, treue und gute Frau sein werde, daß sie mich
glücklich machen wolle, daß sie ihr ganzes Leben, jeden Augenblick ihres
Lebens dazu verwenden und alles, alles opfern werde, dafür wünscht sie
bloß _meine Achtung allein_ zu besitzen und weiter, -- sagte sie
>brauche ich nichts, gar nichts, keine Geschenke.< Geben Sie selbst zu,
daß ein derartiges Geständnis unter vier Augen von solch einem
sechzehnjährigen Engel mit jungfräulicher Schamröte und enthusiastischen
Tränen in den Augen anzuhören, -- ziemlich verlockend ist? Nicht wahr,
es ist verlockend? Es ist doch etwas wert, ah? Nicht wahr? Nun ... nun
hören Sie ... fahren wir zu meiner Braut hin ... aber nicht sofort!«

»Mit einem Worte, dieser unerhörte Unterschied im Alter und in der
Entwicklung erregt gerade in Ihnen die Wollust! Und Sie wollen sie
tatsächlich heiraten?«

»Wieso? Ich heirate sie unbedingt. Jeder sorgt für sich selbst, und am
lustigsten von allen lebt der, welcher es am besten von allen versteht,
sich selbst zu betrügen. Ha! ha! Haben Sie sich in die Tugend denn ganz
vernarrt? Erbarmen Sie sich meiner, Väterchen, ich bin ein sündhafter
Mensch. He! he! he!«

»Sie haben doch die Kinder von Katerina Iwanowna untergebracht und
versorgt. Übrigens ... übrigens Sie hatten dazu Ihre Gründe ... ich
begreife jetzt alles.«

»Kinder habe ich überhaupt gern, ich liebe Kinder sehr,« lachte
Sswidrigailoff. -- »In dieser Hinsicht kann ich Ihnen sogar ein sehr
interessantes Erlebnis erzählen, das auch jetzt noch nicht zu Ende ist.
Am ersten Tage nach meiner Ankunft ging ich in all diesen Kloaken herum,
nun -- nach sieben Jahren stürzte ich mich hinein. Sie haben
wahrscheinlich gemerkt, daß ich keine Eile habe, den Verkehr mit den
früheren Freunden und Bekannten aufzunehmen. Und ich will noch möglichst
lange ohne sie auskommen. Wissen Sie, -- bei Marfa Petrowna auf dem
Lande haben mich die Erinnerungen an alle diese geheimnisvollen Orte und
Winkel, in denen einer vieles finden kann, der es kennt, bis zu Tode
gequält. Hol der Teufel! Das Volk säuft, die gebildete Jugend geht vor
Nichtstun in unmöglichen Träumen und Phantasien auf, wird vor lauter
Theorien zum Krüppel; irgendwoher sind Juden herbeigeströmt und sammeln
Geld, alles übrige aber ergibt sich der Unzucht. Von den ersten Stunden
an wehte mich auch von dieser Stadt ein bekannter Geruch an. Ich geriet
zu einem sogenannten Tanzabend, -- in einer entsetzlichen Kloake -- ich
liebe aber gerade die Kloaken mit etwas Schmutz, -- und
selbstverständlich wurde kankaniert, wie man eigentlich nirgends
kankaniert, und wie man es zu meiner Zeit noch nicht tat. Ja, darin ist
Fortschritt. Plötzlich sehe ich ein Mädchen von etwa dreizehn Jahren,
sehr nett angezogen, wie sie mit einem Subjekt tanzt; ein anderer, als
ihr vis-a-vis. An der Wand auf einem Stuhle sitzt ihre Mutter. Sie
können sich vorstellen, wie kankaniert wurde! Das Mädchen wurde
beschämt, verlegen, errötete, schließlich faßte sie es als Kränkung auf
und begann zu weinen. Das Subjekt erfaßt sie, fängt an sie
herumzuschwenken und vor ihr zu tanzen, ringsum lachen alle und -- ich
habe das Publikum in solchen Augenblicken gern, mag es auch ein
kankanierendes Publikum sein, -- schreien, -- >Geschieht mit Recht! Man
soll keine Kinder hierherbringen!< Nun, ich pfiff darauf und mich ging
es auch nichts an, ob sie sich logisch oder unlogisch, diese Menschen
da, trösteten! Ich hatte mir meinen Plan sofort zurechtgelegt, setzte
mich neben die Mutter hin und begann damit, daß ich auch fremd wäre, daß
hier alle so unerzogen wären, daß sie nicht verstünden, wahre Vorzüge zu
unterscheiden und die gebührende Achtung zu bewahren. Ich gab zu
verstehen, daß ich viel Geld hätte, schlug vor, in meinem Wagen sie nach
Hause zu bringen. Ich geleitete sie nach Hause und wurde mit ihnen
bekannt, sie sind soeben angekommen und leben in einem kleinen
möblierten Zimmer. Man teilte mir mit, daß sie meine Bekanntschaft, wie
sie, so auch die Tochter bloß als eine große Ehre auffassen könnten; ich
erfuhr, daß sie weder Haus noch Hof haben, und daß sie gekommen sind, um
in irgend einer Behörde eine Sache durchzuführen; ich bot ihnen meine
Dienste und Geld an; ich erfuhr auch, daß sie irrtümlicherweise zu
diesem Tanzabend hingefahren sind, in der Annahme, daß man dort
tatsächlich tanzen lehre. Ich bot meinerseits an, zu der Erziehung des
jungen Mädchens beizutragen, sie französischen Unterricht und
Tanzstunden nehmen zu lassen. Man nimmt es mit Begeisterung auf, hält es
für eine Ehre, und ich verkehre bei ihnen noch immer. -- Wollen Sie mit
mir zu ihnen hinfahren? -- Aber nicht gleich.«

»Lassen Sie, lassen Sie Ihre niederträchtigen, gemeinen Anekdoten, Sie
verdorbener, gemeiner, wollüstiger Mensch!«

»Sehen Sie mal den Schiller, unsern Schiller! _Où va-t-elle la vertu se
nicher?_{[20]} Wissen Sie, ich will Ihnen absichtlich solche Dinge
erzählen, um Sie aufschreien zu hören. Es ist ein Genuß!«

»Und ob, bin ich mir denn jetzt nicht selbst lächerlich?« murmelte
Raskolnikoff voll Wut.

Sswidrigailoff lachte aus vollem Halse; schließlich rief er Philipp,
bezahlte seine Rechnung und begann sich fertig zu machen.

»Ich bin jetzt betrunken, _assez causé_!« sagte er, »es ist ein Genuß!«

»Das glaube ich,« rief Raskolnikoff aus, sich auch erhebend, »ist es
denn für einen abgebrühten Wüstling kein Genuß, von solchen Erlebnissen
zu erzählen, -- wobei er sich schon wieder mit unerhörten Absichten von
derselben Art trägt, -- außerdem unter diesen Umständen und vor solch
einem Menschen, wie ich es bin, ... das muß ein Genuß sein ... Es muß
ihn förmlich heiß machen.«

»Und wenn die Sache so ist,« antwortete Sswidrigailoff ein wenig
verwundert und betrachtete Raskolnikoff, »wenn dem so ist, so sind Sie
auch selbst ein großer Zyniker. Sie enthalten wenigstens in sich ein
ungeheures Material dazu. Sie können vieles verstehen, vieles ... und,
Sie können auch vieles tun. Jedoch, genug darüber. Ich bedauere
aufrichtig, daß ich mich nicht länger mit Ihnen unterhalten kann, aber
Sie entgehen mir nicht ... Warten Sie nur ...«

Sswidrigailoff verließ das Restaurant. Raskolnikoff folgte ihm.
Sswidrigailoff war nicht sehr stark berauscht; der Wein war ihm bloß auf
einen Augenblick zu Kopf gestiegen und der Rausch verschwand mit jedem
Augenblick mehr. Er hatte etwas äußerst wichtiges vor und sein Gesicht
verfinsterte sich. Eine Erwartung regte ihn augenscheinlich auf und
beunruhigte ihn. In den letzten Minuten ihres Zusammenseins wurde er
plötzlich gegen Raskolnikoff gröber und spöttischer. Raskolnikoff hatte
alles gemerkt und war auch in Unruhe geraten. Sswidrigailoff schien ihm
sehr verdächtig; er beschloß ihm nachzugehen.

Sie gelangten auf das Trottoir.

»Sie müssen nach rechts, ich aber nach links, oder vielleicht auch
umgekehrt, also -- _adieu bon plaisir_{[21]}, auf freudiges
Wiedersehen!«

Und er ging nach rechts dem Heumarkte zu.


                                   V.

Raskolnikoff folgte ihm.

»Was ist das!« rief Sswidrigailoff, »ich habe Ihnen doch gesagt ...«

»Das bedeutet, daß ich Ihnen jetzt folgen werde.«

»Wa--as?«

Beide blieben stehen und blickten einander eine Minute lang an, als ob
sie sich messen wollten.

»Aus allen Ihren halbbetrunkenen Erzählungen,« sagte Raskolnikoff
scharf, »habe ich eins _positiv_ entnommen, daß Sie nicht bloß Ihre
niederträchtigen Pläne gegen meine Schwester nicht aufgegeben haben,
sondern daß Sie sich mehr als je damit abgeben. Ich weiß, daß meine
Schwester heute früh einen Brief empfangen hat. Sie konnten die ganze
Zeit nicht ruhig sitzen ... Sie konnten gewiß irgend eine Frau auf der
Straße aufgegabelt haben, aber das hat nichts zu sagen. Ich will mich
persönlich überzeugen ...«

Raskolnikoff hätte schwerlich sagen können, was er jetzt wünschte, und
wovon er sich persönlich überzeugen wollte.

»So! Wollen Sie, ich werde sofort die Polizei rufen?«

»Rufen Sie die Polizei!«

Wieder standen sie eine Minute lang einander gegenüber. Schließlich
veränderte sich das Gesicht Sswidrigailoffs. Nachdem er sich überzeugt
hatte, daß Raskolnikoff seine Drohung nicht fürchtete, nahm er plötzlich
eine sehr lustige und freundliche Miene an.

»Wie sonderbar Sie sind! Ich habe absichtlich mit Ihnen kein Wort über
Ihre Sache gesprochen, obwohl mich selbstverständlich die Neugier plagt.
Es ist eine phantastische Geschichte. Ich hätte es bis auf ein andermal
verschoben, aber wirklich, Sie sind fähig, einen Toten zu reizen ...
Nun, gehen wir, ich sage Ihnen aber im voraus, -- ich gehe jetzt bloß
auf einen Augenblick nach Hause, um Geld zu holen; dann schließe ich die
Wohnung ab, nehme eine Droschke und fahre für den ganzen Abend auf die
Insel. Wollen Sie mir da folgen?«

»Ich gehe vorläufig in die Wohnung mit, und auch nicht zu Ihnen, sondern
zu Ssofja Ssemenowna, um mich zu entschuldigen, daß ich nicht beim
Begräbnis war.«

»Tun Sie, wie Sie wünschen, aber Ssofja Ssemenowna ist nicht zu Hause.
Sie ist mit allen Kindern zu einer Dame gegangen, zu einer sehr
vornehmen alten Dame, zu einer alten Bekannten von mir aus früheren
Zeiten, die Vorstandsmitglied von einigen Waisenanstalten ist. Ich habe
diese Dame bezaubert, indem ich für alle drei Sprößlinge von Katerina
Iwanowna Geld deponierte und außerdem den Anstalten eine Schenkung
machte; schließlich erzählte ich ihr die Geschichte von Ssofja
Ssemenowna, mit all ihren Einzelheiten, ohne etwas zu verheimlichen. Das
machte einen unbeschreiblichen Eindruck. Darum wurde auch Ssofja
Ssemenowna für heute noch in das --sche Hotel bestellt, wo, aus der
Sommerfrische kommend, meine Dame einstweilen abgestiegen ist.«

»Tut nichts, ich werde doch zu ihr gehen.«

»Wie Sie wollen, ich bin Ihnen bloß kein Weggenosse; mir ist's einerlei.
Wir sind gleich da. Sagen Sie mir, ich bin überzeugt, daß Sie mich aus
dem Grunde so argwöhnisch betrachten, weil ich selbst so zartfühlend war
und Sie bis jetzt mit Fragen nicht belästigt habe ... Sie verstehen
mich? Ihnen erschien dies ungewöhnlich; ich gehe eine Wette ein, daß es
so ist! Nun, da soll man noch zartfühlend sein.«

»Und an der Türe horchen!«

»Ah, Sie meinen damals!« lachte Sswidrigailoff, »ja, ich würde erstaunt
sein, wenn Sie nach all dem vorher Gesagten dieses nicht erwähnt hätten.
Ha! ha! Ich habe wohl einiges davon verstanden, was Sie damals ... dort
... losgelassen und Ssofja Ssemenowna selbst erzählt haben, aber was ist
es denn eigentlich? Ich bin vielleicht ein vollkommen zurückgebliebener
Mensch und kann schon nichts mehr begreifen. Erklären Sie es mir um
Gotteswillen, mein Lieber! Erleuchten Sie mich mit den allerneuesten
Ideen!«

»Sie konnten nichts gehört haben, Sie lügen!«

»Ja, ich meine gar nicht dies, -- obwohl ich übrigens einiges auch
gehört habe, -- nein, ich meine, daß Sie immer ächzen und stöhnen! Der
Schiller in Ihnen wird alle Augenblicke rebellisch. Jetzt sagen Sie
auch, man soll nicht an fremden Türen lauschen. Wenn das Ihre Meinung
ist, so gehen Sie doch und sagen den Behörden, daß mit Ihnen solch ein
Kasus geschehen ist, -- in der Theorie nur ist ein kleiner Irrtum
unterlaufen. Wenn Sie aber überzeugt sind, daß man bei fremden Türen
nicht lauschen darf, aber alte Weiber zu seinem Vergnügen umbringen
kann, so fahren Sie schnell irgendwohin nach Amerika! Fliehen Sie,
junger Mann! Vielleicht ist noch Zeit dazu. Ich sage es Ihnen
aufrichtig. Haben Sie etwa kein Geld? Ich will Ihnen zur Reise geben.«

»Ich denke gar nicht daran,« unterbrach ihn Raskolnikoff mit
Widerwillen.

»Ich verstehe Sie; Sie brauchen sich übrigens keine Mühe zu geben, --
wenn Sie nicht wollen, sprechen Sie doch nicht. Ich verstehe, was für
Fragen in Ihnen auftauchen, -- etwa moralische? Die Bedenken eines
Staatsbürgers und Menschen? Lassen Sie sie lieber fallen; wozu brauchen
Sie jetzt diese Fragen und Bedenken? He--he--he! Darum, weil Sie immer
noch Staatsbürger und Mensch sind? Wenn das der Fall ist, so sollten Sie
sich auch nicht hineingemischt haben; Sie sollten dann auch so etwas
nicht unternommen haben. Nun, erschießen Sie sich; was, oder Sie haben
keine Lust dazu?«

»Sie wollen mich, wie es mir scheint, absichtlich reizen, damit Sie mich
jetzt loswerden ...«

»Sie sind ein komischer Kauz, wir sind ja schon da, bitte steigen Sie
die Treppe hinauf. Sehen Sie, hier ist der Eingang zu Ssofja Ssemenowna,
Sie sehen, es ist niemand da! Sie glauben nicht? Fragen Sie
Kapernaumoff, sie gibt ihnen den Schlüssel ab. Da ist auch Madame de
Kapernaumoff selbst. Was? Sie ist ein wenig taub. Ist fortgegangen?
Wohin? Nun, Sie haben es jetzt gehört! Sie wird erst vielleicht spät am
Abend zurückkehren. Nun, kommen Sie jetzt zu mir. Sie wollen doch auch
zu mir kommen? Wir sind da. Madame Rößlich ist nicht zu Hause. Diese
Frau hat ewig etwas vor, aber sie ist eine gute Frau, ich versichere Sie
... sie würde Ihnen vielleicht von Nutzen sein, wenn Sie ein wenig
vernünftig sein würden. Nun, Sie sehen, -- ich nehme aus dem
Schreibtisch dieses fünfprozentige Staatspapier, -- sehen Sie, wie viel
ich noch übrig habe! -- und dieses wandert heute noch zu einem Bankier.
Haben Sie gesehen? Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren. Der
Schreibtisch wird abgeschlossen, die Wohnung ebenfalls, und wir sind
wieder auf der Treppe. Wollen wir eine Droschke nehmen? Ich fahre doch
hinaus auf die Insel. Wollen Sie nicht ein Stück spazieren fahren? Ich
nehme diese Droschke zur Jelagin-Insel, was? Sie wollen nicht? Haben
doch nicht bis zu Ende ausgehalten? Fahren Sie mit, tut nichts. Es
scheint, ein Regen zieht auf, tut nichts, wir lassen das Verdeck herab
...«

Sswidrigailoff saß schon im Wagen. Raskolnikoff kam zu der Überzeugung,
daß sein Verdacht wenigstens in diesem Augenblicke ungerecht sei. Ohne
ein Wort zu sagen, drehte er sich um und ging in der Richtung zum
Heumarkte zurück. Hätte er sich wenigstens ein einziges Mal umgedreht,
so würde er gesehen haben, wie Sswidrigailoff nach etwa hundert
Schritten die Droschke fortschickte und sich auf dem Trottoir befand.
Aber er konnte schon nichts mehr sehen und war um die Ecke eingebogen.
Ein tiefer Abscheu zog ihn von Sswidrigailoff fort. »Und ich konnte nur
einen Augenblick irgend etwas von diesem rohen Bösewicht, von diesem
ekelhaften Wüstling und Schurken erwarten!« rief er unwillkürlich aus.
Freilich, Raskolnikoffs Urteil war übereilt und leichtsinnig. Es war
etwas in der ganzen Art Sswidrigailoffs, was ihm wenigstens eine gewisse
Originalität, wenn nicht etwas Geheimnisvolles verlieh. Was aber seine
Schwester betraf, war Raskolnikoff dennoch fest überzeugt, daß
Sswidrigailoff sie nicht in Ruhe lassen würde. Aber es wurde ihm jetzt
zu schwer und unerträglich, an dies alles zu denken und es sich zu
überlegen!

Nach seiner Gewohnheit war er, als er allein geblieben war, schon nach
den ersten zwanzig Schritten in tiefes Nachdenken versunken. Als er die
Brücke betrat, blieb er plötzlich an dem Geländer stehen und begann in
das Wasser zu blicken. Plötzlich stand Awdotja Romanowna hinter ihm.

Er war ihr am Brückeneingange begegnet, war aber vorbeigegangen, ohne
sie zu sehen. Dunetschka hatte ihn noch nie in dieser Weise auf der
Straße gesehen und war sehr überrascht. Sie blieb stehen und wußte
nicht, ob sie ihn anrufen solle oder nicht? Da bemerkte sie
Sswidrigailoff, der eilig aus der Richtung des Heumarktes kam.

Er schien sich ihr geheimnisvoll und vorsichtig zu nähern. Er betrat
nicht die Brücke, sondern blieb seitwärts auf dem Fußsteig stehen und
gab sich alle Mühe, daß Raskolnikoff ihn nicht bemerke. Dunja hatte er
schon lange bemerkt und begann ihr Zeichen zu geben. Ihr schien es, als
bäte er sie mit seinen Zeichen, den Bruder nicht anzurufen und ihn in
Ruhe zu lassen.

Dunja tat auch so. Sie ging still um den Bruder herum und näherte sich
Sswidrigailoff.

»Gehen wir schneller,« flüsterte ihr Sswidrigailoff zu. »Ich möchte
nicht, daß Rodion Romanowitsch von unserer Zusammenkunft wisse. Ich sage
Ihnen im voraus, daß ich mit ihm unweit von hier in einem Restaurant
gesessen habe, wo er mich selbst aufgesucht hatte, und ich wurde ihn mit
Mühe los. Er weiß aus irgend einem Grunde von meinem Briefe an Sie und
argwöhnt etwas. Sie haben ihm sicher nichts gesagt? Wenn Sie es aber
nicht gesagt haben, wer dann?«

»Jetzt sind wir schon um die Ecke,« unterbrach ihn Dunja, »jetzt kann
mein Bruder uns nicht sehen. Ich erkläre Ihnen, daß ich mit Ihnen nicht
weiter gehen werde. Sagen Sie mir alles gleich hier; man kann das alles
auch auf der Straße sagen.«

»Erstens kann man dies auf keinen Fall auf der Straße sagen; zweitens,
müssen Sie auch Ssofja Ssemenowna anhören; drittens, will ich Ihnen
einige Dokumente zeigen ... Nun und schließlich, wenn Sie nicht
einverstanden sind, zu mir zu kommen, so weigere ich mich, irgend welche
Erklärungen zu geben und gehe sofort weg. Dabei bitte ich Sie, nicht zu
vergessen, daß das sehr interessante Geheimnis Ihres geliebten Bruders
sich vollkommen in meinen Händen befindet.«

Dunja blieb unentschlossen stehen und sah Sswidrigailoff mit einem
durchbohrenden Blicke an.

»Was fürchten Sie,« bemerkte er ruhig, »eine Stadt ist kein Dorf. Und im
Dorfe schon haben Sie mir mehr Schaden, als ich Ihnen, zugefügt, hier
aber ...«

»Ist Ssofja Ssemenowna benachrichtigt?«

»Nein, ich habe ihr kein Wort darüber gesagt und bin auch nicht ganz
sicher, ob sie jetzt zu Hause ist. Sie ist aber wahrscheinlich zu Hause.
Sie hat heute ihre Stiefmutter beerdigt, -- das ist kein Tag, an dem man
Besuche macht. Vorläufig will ich mit niemanden über diese Sache reden
und bereue sogar teilweise, daß ich Ihnen davon mitgeteilt habe. Die
geringste Unvorsichtigkeit ist in diesem Falle einer Denunzierung
gleich. Ich wohne hier in diesem Hause da, wir nähern uns schon meiner
Wohnung. Das ist der Hausknecht von unserem Hause; der Hausknecht kennt
mich sehr gut; da grüßt er auch; er sieht, daß ich mit einer Dame komme
und hat sicher sich schon Ihr Gesicht gemerkt, das aber kann Ihnen von
Nutzen sein, falls Sie sich sehr fürchten und mir mißtrauen.
Entschuldigen Sie, daß ich so derb rede. Ich habe mir ein paar möblierte
Zimmer gemietet. Ssofja Ssemenowna wohnt Wand an Wand neben mir, auch in
einem möblierten Zimmer. Der ganze Stock ist bewohnt. Warum sollen Sie
sich denn fürchten, wie ein Kind? Oder bin ich so furchterregend?«

Sswidrigailoffs Gesicht verzog sich zu einem herablassenden Lächeln,
aber es war ihm nicht lächerlich zumute. Sein Herz klopfte und der Atem
stockte ihm in der Brust. Er sprach absichtlich lauter, um seine
steigende Erregung zu verbergen, Dunja hatte gar nicht diese besondere
Erregung bemerkt; sie war zu sehr durch seine Bemerkung gereizt, daß sie
ihn fürchte wie ein Kind und daß er ihr so furchtbar sei.

»Obwohl ich weiß, daß Sie ein Mensch ... ohne Ehre sind, fürchte ich
mich doch gar nicht vor Ihnen. Gehen Sie voran,« sagte sie scheinbar
ruhig, aber mit bleichem Gesichte.

Sswidrigailoff blieb an Ssonjas Wohnung stehen.

»Erlauben Sie mir, mich zu erkundigen, ob sie zu Hause ist ... Sie ist
nicht da. Das ist ein Mißgeschick. Aber ich weiß, daß sie sehr bald
zurückkehren wird. Wenn sie ausgegangen ist, so ist sie höchstens zu
einer Dame wegen der Waisen. Ihre Mutter ist gestorben. Ich habe mich
hier hineingemischt und Anordnungen getroffen. Wenn Ssofja Ssemenowna
nach zehn Minuten nicht zurückkehren sollte, so schicke ich sie selbst
zu Ihnen hin, wenn Sie wünschen, noch heute; und nun, das ist meine
Wohnung. Das sind meine zwei Zimmer. Hinter der Türe wohnt meine Wirtin,
Frau Rößlich. Jetzt blicken Sie bitte hierher, ich will Ihnen meine
Hauptdokumente zeigen, -- aus meinem Schlafzimmer führt diese Tür in
zwei vollkommen leere Zimmer, die zu vermieten sind. Das sind sie ...
dieses müssen Sie etwas aufmerksam betrachten ...«

Sswidrigailoff bewohnte zwei möblierte ziemlich geräumige Zimmer.
Dunetschka sah mißtrauisch um sich, aber bemerkte nichts besonderes,
weder in der Ausstattung noch in der Lage der Zimmer, obgleich man schon
etwas bemerken konnte, zum Beispiel, daß Sswidrigailoffs Wohnung
zwischen zwei anderen fast unbewohnten Wohnungen lag. Der Eingang zu ihm
war nicht direkt vom Korridor aus, sondern durch zwei fast leere Zimmer
der Wirtin. Vom Schlafzimmer aus zeigte Sswidrigailoff Dunetschka,
nachdem er eine verschlossene Türe geöffnet hatte, eine andere leere
Wohnung, die zu vermieten war. Dunetschka blieb auf der Schwelle stehen,
ohne zu verstehen, warum man sie aufforderte, das anzusehen, aber
Sswidrigailoff beeilte sich, eine Erklärung abzugeben.

»Sehen Sie dieses zweite große Zimmer. Merken Sie sich diese Türe, sie
ist verschlossen. Neben der Türe steht ein Stuhl, der einzige Stuhl in
beiden Zimmern. Ich habe ihn aus meiner Wohnung hierher gebracht, um
bequemer zuzuhören. Gleich hinter dieser Tür steht der Tisch von Ssofja
Ssemenowna; dort saß sie und sprach mit Rodion Romanowitsch. Ich aber
lauschte hier, auf dem Stuhl sitzend, zwei Abende nacheinander und beide
Male gegen zwei Stunden, -- und selbstverständlich konnte ich einiges
erfahren, was meinen Sie?«

»Sie haben gelauscht?«

»Ja, ich habe gelauscht, jetzt wollen wir zu mir gehen; hier kann ich
Ihnen keinen Platz anbieten.«

Er führte Awdotja Romanowna in das erste Zimmer zurück, das ihm als
Salon diente, und bat sie, Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich ans
andere Ende des Tisches hin, wenigstens zwei Meter von ihr entfernt,
doch in seinen Augen leuchtete schon dasselbe Feuer, das einst
Dunetschka so erschreckt hatte. Sie zuckte zusammen und blickte sich
noch einmal mißtrauisch um. Ihre Bewegung war unwillkürlich; sie wollte
offenbar ihr Mißtrauen nicht zeigen. Aber die Lage von Sswidrigailoffs
Wohnung hatte sie schließlich überrascht. Sie wollte ihn fragen, ob
wenigstens seine Wirtin zu Hause sei, aber sie frug ... aus Stolz nicht.
Außerdem war in ihrem Herzen ein anderer unermeßlich größerer Kummer,
als die Angst für sich. Sie litt unerträglich.

»Hier haben Sie Ihren Brief,« begann sie und legte den Brief auf den
Tisch. -- »Ist es denn möglich, was Sie schreiben? Sie deuten ein
Verbrechen an, das angeblich mein Bruder verübt hat. Sie deuten es zu
klar an, Sie dürfen jetzt keine Ausreden gebrauchen. Sie sollen auch
wissen, daß ich vor Ihnen schon von diesem dummen Märchen gehört habe,
und keinem einzigen Worte davon glaube. Es ist ein niederträchtiger und
lächerlicher Verdacht. Ich kenne die Geschichte, und wie und warum sie
entstanden ist. Sie können keine Beweise haben. Sie haben versprochen,
es mir zu beweisen, -- reden Sie doch! Aber Sie sollen im voraus wissen,
daß ich Ihnen nicht glaube! Ich glaube nicht!«

Dunetschka sagte dies sehr schnell, und auf einen Augenblick stieg ihr
das Blut ins Gesicht.

»Wenn Sie nicht glauben würden, könnte es denn passiert sein, daß Sie es
riskiert hätten, allein zu mir herzukommen? Warum sind Sie denn
gekommen? Aus bloßer Neugier?«

»Quälen Sie mich nicht, sprechen Sie, sprechen Sie!«

»Es ist nicht zu leugnen, daß Sie ein tapferes Mädchen sind. Bei Gott,
ich dachte, daß Sie Herrn Rasumichin bitten werden, Sie hierher zu
begleiten. Aber er war weder mit Ihnen noch in Ihrer Nähe, ich habe mich
umgesehen, -- das ist kühn; Sie wollten also Rodion Romanowitsch
schonen. Ach, alles ist an Ihnen göttlich ... Was Ihren Bruder
anbetrifft, was soll ich Ihnen da sagen? Sie haben ihn soeben selbst
gesehen. Wie er aussieht?«

»Ihre Gründe ruhen doch nicht darauf allein?«

»Nein, nicht darauf, sondern auf seinen eigenen Worten. Er war zweimal
nacheinander hierher zu Ssofja Ssemenowna gekommen. Ich habe Ihnen
gezeigt, wo sie gesessen haben. Er hat ihr eine volle Beichte abgelegt.
Er ist ein Mörder. Er hat eine alte Beamtenwitwe, eine Wucherin
ermordet, bei der er auch selbst Sachen versetzt hatte; er hat auch ihre
Schwester, eine Händlerin, dem Namen nach Lisaweta, ermordet, die
zufällig während der Ermordung der Schwester eingetreten war. Er hat sie
beide mit einem Beile, das er mitgebracht hatte, erschlagen. Er hatte
sie getötet, um sie zu berauben, und hat auch geraubt, -- er hat Geld
und einige Sachen genommen ... Er hat das alles selbst Wort für Wort
Ssofja Ssemenowna mitgeteilt, die allein auch sein Geheimnis kennt, die
aber an dem Morde weder durch Tat noch Wort teilgenommen hat und die im
Gegenteil ebenso sich entsetzte, wie auch Sie jetzt. Seien Sie ruhig,
sie wird ihn nicht verraten.«

»Das kann nicht sein!« murmelte Dunetschka mit blassen trockenen Lippen;
sie rang nach Atem, »es kann nicht sein, es gibt keinen, nicht den
geringsten Grund, keinen Anlaß ... Das ist Lüge! Eine Lüge!«

»Er hat geraubt, das ist der ganze Grund. Er hat Geld und Sachen
genommen. Es ist wahr, er hat nach seinem eigenen Geständnis weder vom
Gelde, noch von den Sachen einen Gebrauch gemacht, sondern sie irgendwo
unter einem Stein versteckt, wo sie auch jetzt noch liegen. Aber
deshalb, weil er nicht wagte, davon Gebrauch zu machen.«

»Ja, ist es denn zu glauben, daß er stehlen, rauben konnte. Daß er bloß
daran denken konnte?« rief Dunja und sprang von ihrem Stuhle auf. --
»Sie kennen ihn doch, haben ihn gesehen? Kann er denn ein Dieb sein?«

Es war, als flehe sie Sswidrigailoff an; sie hatte ihre ganze Furcht
vergessen.

»Hier gibt es, Awdotja Romanowna, tausende und Millionen von
Kombinationen und Arten. Ein Dieb stiehlt, er weiß dafür auch selbst,
daß er ein Schuft ist; ich hörte aber zum Beispiel von einem sehr
anständigen Herrn, der die Post beraubt hatte; wer weiß, vielleicht
glaubte er auch tatsächlich, daß er eine anständige Sache getan hat.
Selbstverständlich hätte ich es auch selbst nicht geglaubt, ebenso wenig
wie Sie, wenn es mir andere gesagt hätten. Meinen eigenen Ohren aber
habe ich geglaubt. Er hat Ssofja Ssemenowna auch alle Gründe erklärt;
aber auch sie hatte zuerst ihren Ohren nicht getraut, jedoch den Augen,
ihren eigenen Augen hatte sie schließlich glauben müssen. Er hat ihr es
doch persönlich mitgeteilt.«

»Was waren es für ... Gründe?«

»Es ist eine lange Geschichte, Awdotja Romanowna. Es spielt hierbei, wie
soll ich es Ihnen erklären, eine Art Theorie mit, es ist dasselbe, warum
ich zum Beispiel finde, daß eine einzelne Freveltat erlaubt ist, wenn
der Hauptzweck gut ist. Ein einziges böses und hundert gute Werke! Es
ist auch sicher für einen jungen Mann mit Vorzügen und unermeßlichem
Ehrgeiz kränkend, zu wissen, daß seine ganze Karriere, die ganze
Zukunft, seine Lebensziele sich anders gestalten würden, wenn er bloß
dreitausend hätte; aber er hat sie eben nicht. Fügen Sie dazu, was ihn
reizen mußte: der Hunger, die enge Wohnung, seine Lumpen, das starke
Bewußtsein seiner großen sozialen Not und gleichzeitig die Lage seiner
Schwester und Mutter. Am meisten aber Eitelkeit und Stolz, übrigens aber
Gott weiß, vielleicht auch gute Eigenschaften ... Ich klage ihn nicht
an, glauben Sie; ja und mich geht es auch nichts an. Er hatte auch
hierbei eine eigene Theorie, -- eine annehmbare Theorie, -- nach der die
Menschen in Material und besondere Menschen eingeteilt werden, d. h.
solche Menschen, für die das Gesetz, dank ihrer hohen Veranlagung, nicht
geschrieben ist, die vielmehr selbst Gesetze für die übrigen Menschen,
für das Material, für den Kehricht geben. Es ist nicht übel, eine
passable Theorie, -- _une théorie comme une autre_{[22]}. Vor allem hat
ihn Napoleon begeistert, d. h., eigentlich noch mehr der Umstand, daß es
genialen Menschen auf eine einzelne böse Tat nicht ankam, sondern daß
sie ohne groß nachzudenken, darüber hinwegkamen. Es scheint mir, er hat
sich eingebildet, auch ein genialer Mensch zu sein, -- das will sagen,
er war davon eine Zeitlang überzeugt. Er hat sehr viel gelitten und
leidet jetzt unter dem Gedanken, daß er verstanden hatte, sich eine
Theorie auszudenken, aber nicht imstande war, ohne Nachdenken darüber
hinwegzukommen und somit kein genialer Mensch sei. Und das ist für einen
jungen Mann voll Ehrgeiz erniedrigend genug, in unserem Zeitalter
besonders ...«

»Und Gewissensbisse? Sie sprechen ihm also jedes sittliche Gefühl ab?
Ja, ist es denn so?«

»Ach, Awdotja Romanowna, jetzt hat sich bei ihm alles getrübt, d. h., er
war übrigens wohl nie in völliger Ordnung. Die Russen sind überhaupt
großangelegte Naturen, Awdotja Romanowna, sie sind ebenso großangelegt,
wie ihr Land und haben eine äußerst starke Neigung zum Phantastischen,
Extravaganten; es ist aber ein Unglück, großangelegt zu sein, ohne
wirklich genial zu sein. Erinnern Sie sich, wie viel wir in dieser Art
und über dieses Thema gesprochen haben, wenn wir Abends auf der Terrasse
im Garten jedesmal nach dem Essen saßen. Sie haben mir auch dieses
Großangelegtsein vorgeworfen. Wer weiß, vielleicht sprachen wir gerade
in der Zeit darüber, als er hier lag und über dasselbe grübelte. Bei uns
in der gebildeten Gesellschaft gibt es doch keine besonders heiligen
Überlieferungen, Awdotja Romanowna, -- kommt wohl vor, daß sich jemand
irgendwie es aus den Büchern zusammenstellt ... oder etwas aus alten
Chroniken hervorholt. Aber das sind doch meistenteils Gelehrte und,
wissen Sie, in ihrer Art alle Schlafmützen, so daß es sogar für einen
Mann aus der Gesellschaft unpassend ist. Übrigens, meine Ansichten
kennen Sie im allgemeinen, ich klage entschieden niemand an. Ich bin
selbst Nichtstuer und halte mich daran. Wir haben ja mehr als einmal
darüber gesprochen. Ich hatte sogar das Glück, Sie für meine Meinungen
zu interessieren ... Sie sind sehr blaß, Awdotja Romanowna!«

»Ich kenne seine Theorie. Ich habe seinen Artikel in der Zeitschrift
über Menschen, denen alles erlaubt ist, gelesen ... Rasumichin hat ihn
mir gebracht ...«

»Herr Rasumichin? Den Artikel Ihres Bruders? In einer Zeitschrift? Gibt
es solch einen Artikel? Ich wußte es nicht. Das ist interessant! Aber
wohin wollen Sie denn, Awdotja Romanowna!«

»Ich will Ssofja Ssemenowna sehen,« sagte Dunetschka mit schwacher
Stimme. -- »Wie kann ich zu ihr kommen? Sie ist vielleicht
zurückgekommen; ich will sie unbedingt sofort sehen. Mag sie ...«

Awdotja Romanowna konnte nicht zu Ende sprechen; der Atem verging ihr
buchstäblich.

»Ssofja Ssemenowna wird vor Anbruch der Nacht nicht zurückkehren. Ich
nehme es an. Sie mußte gleich zurückkommen, sonst kommt sie sehr spät
...«

»Ah, also du lügst! Ich sehe ... du hast gelogen ... du hast alles
gelogen! ... Ich glaube dir nicht! Ich glaube nicht! Ich glaube nicht!«
schrie Dunetschka in wahrer Wut und verlor vollkommen den Kopf.

Sie fiel fast ohnmächtig auf einen Stuhl hin, den Sswidrigailoff sich
beeilte, ihr unterzuschieben.

»Awdotja Romanowna, was ist mit Ihnen, kommen Sie zu sich! Hier ist
Wasser! Trinken Sie einen Schluck ...«

Er bespritzte sie mit Wasser. Dunetschka fuhr zusammen und kam zu sich.

»Es hat stark gewirkt!« murmelte Sswidrigailoff vor sich hin und sein
Gesicht verdüsterte sich. -- »Awdotja Romanowna, beruhigen Sie sich!
Vergessen Sie nicht, daß er Freunde hat. Wir werden ihn retten,
herausreißen. Wenn Sie es wollen, bringe ich ihn ins Ausland? Ich habe
Geld; in drei Tagen verschaffe ich einen Reisepaß. Und was das
anbetrifft, daß er getötet hat, so wird er noch so viel Gutes tun, so
daß dies alles sich ausgleichen wird; beruhigen Sie sich. Er kann noch
ein großer Mann werden. Wie geht's mit Ihnen? Wie fühlen Sie sich?«

»Sie böser Mensch! Er verspottet es noch. Lassen Sie mich ...«

»Wohin? Wohin wollen Sie?«

»Zu ihm. Wo ist er? Sie wissen es? Warum ist diese Tür verschlossen? Wir
sind durch diese Tür hereingekommen und jetzt ist sie verschlossen. Wann
haben Sie sie abschließen können?«

»Man konnte doch nicht durch alle Zimmer schreien, was wir hier
sprachen. Ich spotte gar nicht; ich bin bloß überdrüssig, diese Sprache
zu führen. Nun, wohin wollen Sie in diesem Zustande gehen? Oder wollen
Sie ihn verraten? Sie bringen ihn in Wut und er wird sich selbst
anzeigen. Sie sollen wissen, daß man ihn schon verfolgt, daß man auf
seine Spur gekommen ist. Sie werden ihn bloß verraten. Warten Sie, --
ich habe ihn gesehen und mit ihm soeben gesprochen; man kann ihn noch
retten. Warten Sie, setzen Sie sich, überlegen wir es zusammen. Ich habe
Sie auch darum gerufen, um mit Ihnen allein darüber zu sprechen und
alles gut zu überlegen. Ja, setzen Sie sich doch!«

»Wie können Sie ihn retten? Kann man ihn denn retten?«

Dunja setzte sich. Sswidrigailoff setzte sich neben sie.

»Das alles hängt von Ihnen ab, von Ihnen, von Ihnen allein,« begann er
mit funkelnden Augen, fast im Flüstertone, verwirrt und manche Worte vor
Erregung nicht aussprechend.

Dunja wich erschrocken vor ihm zurück. Er zitterte auch am ganzen
Körper.

»Sie ... ein einziges Wort von Ihnen, und er ist gerettet! Ich ... ich
werde ihn retten. Ich habe Geld und Freunde. Ich werde ihn sofort ins
Ausland senden, ich selbst nehme den Reisepaß, zwei Reisepässe. Den
einen für ihn, den anderen für mich. Ich habe Freunde; ich habe
Geschäftsleute an der Hand ... Wollen Sie? Ich will auch für Sie einen
Reisepaß nehmen ... für Ihre Mutter ... wozu brauchen Sie Rasumichin?
Ich liebe Sie auch ... Ich liebe Sie grenzenlos. Lassen Sie mich den
Saum Ihres Kleides küssen, lassen Sie mich! Lassen Sie mich! Ich kann
nicht hören, wie es rauscht. Sagen Sie zu mir, -- tue das, und ich will
es tun! Ich will alles tun! Ich will das Unmöglichste tun! Woran Sie
glauben, will ich auch glauben! Ich will alles, alles tun! Sehen Sie
mich, sehen Sie mich nicht so an! Wissen Sie es auch, daß Sie mich töten
...«

Er fing selbst an zu phantasieren. Mit ihm war plötzlich etwas
geschehen, als wäre es ihm zu Kopfe gestiegen. Dunja sprang auf und
stürzte zur Türe.

»Öffnen Sie! Öffnen Sie!« schrie sie durch die Türe, als riefe sie
jemand zu Hilfe und rüttelte an der Türe. -- »Öffnen Sie doch! Ist denn
niemand da!«

Sswidrigailoff war aufgestanden und zur Besinnung gekommen. Ein
boshaftes und spöttisches Lächeln zeigte sich langsam auf seinen noch
bebenden Lippen.

»Niemand ist dort zu Hause,« sagte er leise und mit Nachdruck, »die
Wirtin ist fortgegangen, und es ist unnütze Mühe, so zu schreien, -- Sie
regen sich bloß unnütz auf.«

»Wo ist der Schlüssel? Öffne sofort die Türe, sofort, du gemeiner
Mensch!«

»Ich habe den Schlüssel verloren und kann ihn nicht finden.«

»Ah! Also das ist Gewalt!« rief Dunja aus, erblaßte wie der Tod und
stürzte in eine Ecke, wo sie sich schleunigst mit einem Tischchen
schützte, das ihr in die Hand fiel. Sie schrie nicht, aber sie bohrte
sich mit den Blicken an ihren Peiniger fest und verfolgte scharf jede
seiner Bewegungen. Sswidrigailoff rührte sich auch nicht vom Fleck und
stand ihr gegenüber am anderen Ende des Zimmers. Er hatte sich gefaßt,
wenigstens äußerlich. Aber sein Gesicht war, wie früher, bleich. Ein
spöttisches Lächeln verließ es nicht.

»Sie sagten soeben >Gewalt<, Awdotja Romanowna. Wenn es Gewalt ist, so
können Sie selbst begreifen, daß ich die nötigen Maßregeln getroffen
habe. Ssofja Ssemenowna ist nicht zu Hause; bis zu Kapernaumoffs ist es
sehr weit, fünf leere Zimmer liegen dazwischen. Schließlich bin ich
wenigstens doppelt so stark, als Sie, und außerdem brauche ich nichts zu
befürchten, denn Sie können auch nachher sich nicht beklagen, -- Sie
werden doch nicht Ihren Bruder verraten wollen? Ja, und Ihnen wird auch
niemand glauben, -- warum ist denn ein junges Mädchen allein zu einem
alleinstehenden Herrn gegangen? Wenn Sie also auch Ihren Bruder opfern,
so beweisen Sie noch lange nichts, -- eine Gewalttat ist schwer zu
beweisen, Awdotja Romanowna.«

»Schuft!« flüsterte Dunja empört.

»Wie Sie wünschen, merken Sie sich, ich habe es bloß als eine Mutmaßung
ausgesprochen. Meiner persönlichen Überzeugung nach aber haben Sie
vollkommen recht, -- eine Gewalttat ist eine Schändlichkeit. Ich sagte
es bloß, um zu beweisen, daß Ihr Gewissen nichts verliert, wenn Sie ...
wenn Sie sich sogar entschließen sollten, Ihren Bruder freiwillig zu
retten, wie ich es Ihnen angeboten habe. Sie haben sich bloß den
Umständen gefügt, meinetwegen auch der Gewalt nachgegeben, wenn es sich
ohne dieses Wort nicht auskommen läßt. Denken Sie darüber nach; das
Schicksal Ihres Bruders und Ihrer Mutter liegt in Ihren Händen. Ich will
aber Ihr Sklave sein ... mein ganzes Leben ... ich will hier Ihre
Entscheidung erwarten ...«

Sswidrigailoff setzte sich auf das Sofa hin, etwa acht Schritte von
Dunja entfernt. Für sie gab es nicht den geringsten Zweifel an seinem
unerschütterlichen Entschlusse. Außerdem kannte sie ihn ...

Plötzlich holte sie aus ihrer Tasche einen Revolver hervor, spannte den
Hahn und ließ die Hand mit dem Revolver auf den Tisch sinken.
Sswidrigailoff sprang von seinem Platz auf.

»Aha! So ist die Geschichte!« rief er verwundert aus und lächelte
hämisch. »Nun, das ändert vollkommen die Sache! Sie erleichtern mir
wesentlich die Sache, Awdotja Romanowna! Ja, woher haben Sie sich diesen
Revolver verschafft? Etwa von Herrn Rasumichin? Bah! Der Revolver gehört
ja mir! Ein alter Bekannter von mir! Und ich habe ihn damals so gesucht!
... Unser Schießunterricht auf dem Lande, den ich die Ehre hatte, zu
erteilen, ist nicht unnütz gewesen.«

»Es ist nicht dein Revolver, sondern Marfa Petrownas, die du ermordet
hast, du Bösewicht! Du hattest nichts eigenes in ihrem Hause. Ich nahm
ihn, als ich zu ahnen begann, wozu du fähig bist. Wage bloß einen
Schritt zu machen und ich schwöre dir, -- ich erschieße dich!«

Dunja war außer sich. Den Revolver hielt sie bereit.

»Nun, und Ihr Bruder? Ich frage aus Neugier?« sagte Sswidrigailoff und
stand immer noch auf derselben Stelle.

»Zeige ihn an, wenn du willst! Nicht vom Platze! Rühr dich nicht! Ich
werde schießen! Du hast deine Frau vergiftet, ich weiß es, du bist
selbst ein Mörder!«

»Sind Sie fest davon überzeugt, daß ich Marfa Petrowna vergiftet habe?«

»Du hast! Du hast mir es selbst angedeutet; du hast mir von Gift
gesprochen ... ich weiß, du hast dir Gift verschafft ... Du hattest
alles vorbereitet ... Du hast es unbedingt getan ... Schuft!«

»Wenn es auch wahr wäre, so habe ich es doch deinetwegen ... du warst
doch die Ursache!«

»Du lügst! Ich habe dich stets, stets gehaßt ...«

»Na, Awdotja Romanowna! Sie scheinen vergessen zu haben, wie Sie in der
Hitze der Propaganda geneigter wurden und dahinschmolzen ... Ich habe es
an den Augen gemerkt, erinnern Sie sich eines Abends, der Mond schien
und eine Nachtigall trillerte?«

»Du lügst!« in Dunjas Augen funkelte Wut, »du lügst, Verleumder!«

»Ich lüge? Nun, meinetwegen, ich lüge. Ich habe gelogen. Frauen soll man
an diese Dinge nicht erinnern.« -- Er lächelte halb. -- »Ich weiß, daß
du schießen wirst, du schönes, wildes Tier! Nun, schieße doch!«

Dunja erhob den Revolver und sah ihn totenblaß, mit kreidebleichen
bebenden Lippen, mit großen schwarzen, feurig funkelnden Augen
entschlossen an und wartete die erste Bewegung von ihm ab. Noch niemals
hatte er sie so schön gesehen. Das Feuer, das in ihren Augen in dem
Augenblick aufleuchtete, als sie den Revolver erhob, schien ihn
verbrannt zu haben, und sein Herz zog sich schmerzlicher zusammen. Er
tat einen Schritt und ein Schuß knallte. Die Kugel streifte seine Haare
und traf die Wand hinter ihm. Er blieb stehen und lachte leise.

»Eine Wespe hat gestochen! Sie zielt auf den Kopf ... Was ist das?
Blut!« -- Er zog ein Taschentuch hervor, um das Blut abzuwischen, das
ganz fein an seiner rechten Schläfe herunterrann; wahrscheinlich hatte
die Kugel die Haut seines Schädels geritzt. Dunja ließ den Revolver
sinken und sah Sswidrigailoff nicht etwa erschreckt, sondern stutzig an.
Es war, als begreife sie selbst nicht, was sie getan hatte und was
vorgegangen war!

»Nun, das ging vorbei! Schießen Sie noch einmal, ich warte,« sagte
Sswidrigailoff leise, finster lächelnd. »So kann ich Sie packen, ehe Sie
den Hahn noch einmal aufspannen!«

Dunetschka fuhr zusammen, spannte schnell den Hahn und erhob wieder den
Revolver.

»Lassen Sie mich!« sagte sie voll Verzweiflung. »Ich schwöre es Ihnen,
ich werde von neuem schießen ... Ich ... werde Sie erschießen! ...«

»Nun was ... auf drei Schritte muß man auch treffen können. Nun, wenn
Sie aber mich nicht erschießen ... dann ...« -- Seine Augen funkelten
und er trat noch zwei Schritte näher.

Dunetschka drückte ab, -- die Waffe versagte!

»Sie haben nicht gut geladen. Tut nichts! Sie haben noch eine Patrone
drin. Bringen Sie es in Ordnung, ich will warten.«

Er stand zwei Schritte vor ihr, wartete und sah sie voll wilder
Entschlossenheit mit einem leidenschaftlichen und schweren Blicke an.
Dunja begriff, daß er eher sterben würde, als daß er sie losließ. »Und
sie ... wird ihn jetzt sicher auf zwei Schritte Entfernung töten! ...«

Plötzlich schleuderte sie den Revolver fort.

»Hat ihn fortgeworfen!« sagte Sswidrigailoff und holte tief Atem. Etwas
schien mit einem Male sich von seinem Herzen losgelöst zu haben, und es
war vielleicht nicht bloß die Last der Todesangst, -- es war auch
fraglich, ob er sie in diesem Augenblicke empfunden hatte. Es war eine
Erlösung von einem anderen, mehr kummervollen und düsteren Gefühle, das
er selbst nicht in seiner ganzen Macht definieren konnte.

Er trat an Dunja heran und legte still seinen Arm um ihre Taille. Sie
widersetzte sich ihm nicht, aber sie blickte ihn, am ganzen Körper wie
ein Blatt bebend, mit flehenden Augen an. Er wollte etwas sagen, seine
Lippen aber verzogen sich bloß und er konnte nichts sprechen.

»Laß mich!« sagte Dunja flehend.

Sswidrigailoff zuckte zusammen, -- dieses _du_ war in einer anderen
Weise, als vorhin, gesagt.

»Also du liebst mich nicht?« fragte er leise.

Dunja schüttelte verneinend den Kopf.

»Und ... kannst auch nicht? ... Niemals?« flüsterte er verzweifelt.

»Niemals!« antwortete Dunja im Flüstertone.

Es war der Moment eines schrecklichen stummen Kampfes in Sswidrigailoffs
Seele. Mit einem unaussprechlichen Blicke sah er sie an. Plötzlich zog
er seine Hand zurück, wandte sich ab, ging schnell zum Fenster und
stellte sich dort hin.

Noch ein Augenblick verging.

»Hier ist der Schlüssel zur Türe!« er nahm ihn aus der linken Tasche
seines Mantels hervor und legte ihn auf den Tisch hinter sich, ohne
Dunja anzublicken und ohne sich umzudrehen. -- »Nehmen Sie ihn; gehen
Sie schnell fort! ...«

Er sah starr zum Fenster hinaus.

Dunja trat an den Tisch, um den Schlüssel zu nehmen.

»Schneller! Schneller!« wiederholte Sswidrigailoff, ohne sich zu rühren
und umzudrehen. Aber in diesem »schneller« klang deutlich ein
schrecklicher Ton hindurch.

Dunja begriff, erfaßte den Schlüssel, stürzte zur Türe, schloß sie eilig
auf und sprang aus dem Zimmer. Nach einer Minute lief sie schon, wie
wahnsinnig, ganz außer sich den Kanal entlang in der Richtung zu der
X-schen Brücke.

Sswidrigailoff blieb am Fenster noch etwa drei Minuten stehen, wandte
sich endlich langsam um, warf einen Blick ins Zimmer und fuhr sich leise
mit der Hand über die Stirn. Ein merkwürdiges Lächeln verzog sein
Gesicht; es war ein klägliches, trauriges, schwaches Lächeln, ein
Lächeln der Verzweiflung. Das Blut, das schon einzutrocknen begann,
hatte seine Hand beschmutzt; er blickte das Blut zornig an; dann machte
er ein Handtuch naß und wusch sich die Schläfe ab. Der Revolver, den
Dunja von sich geworfen hatte und der zur Türe geflogen war, fiel ihm
plötzlich in die Augen. Er hob ihn auf und besah ihn. Es war ein kleiner
dreiläufiger Taschenrevolver alten Systems; es steckten noch zwei
Patronen darin und eine Kapsel. Einmal konnte man noch daraus schießen.
Er sann eine Weile nach, steckte den Revolver in die Tasche, nahm seinen
Hut und ging hinaus.


                                  VI.

Diesen ganzen Abend bis zehn Uhr zog er in allerhand Wirtshäusern und
Spelunken umher. Irgendwo traf er auch Katja, die einen anderen
Gassenhauer sang, von einem »Schuft und Tyrannen,« der

   »Fing Katja an zu küssen«.

Sswidrigailoff gab Katja und dem Leiermann, den Chorsängern, den
Kellnern und zwei Schreibern zu trinken. Diese Schreiber hatte er
eigentlich bloß aufgefordert, weil sie beide schiefe Nasen besaßen, --
die Nase des einen stand nach rechts, die des anderen nach links. Das
hatte Sswidrigailoffs Aufmerksamkeit erregt. Zuletzt schleppten sie ihn
in eine Gartenwirtschaft mit, wo er für sie das Eintrittsgeld bezahlen
mußte. Dieser Garten bestand aus einer dünnen dreijährigen Tanne und
drei Sträuchern. Das Restaurant war im Grunde genommen nur ein
Ausschank, man konnte aber auch Tee erhalten und es standen einige grüne
Tische und Stühle dort. Ein Chor minderwertiger Sänger und ein
betrunkener Deutscher aus München, eine Art Clown, mit roter Nase, der
aber aus irgend einem Grunde sehr niedergeschlagen war, amüsierten das
Publikum. Die Schreiber fingen mit einigen anderen Schreibern einen
Streit an und schickten sich schon an, handgreiflich zu werden.
Sswidrigailoff wurde von ihnen zum Schiedsrichter gewählt. Er waltete
über eine Viertelstunde seines Amtes, aber sie schrien derartig, daß es
nicht die geringste Möglichkeit gab, irgend etwas zu verstehen. Am
wahrscheinlichsten war die Sache so -- einer von ihnen hatte etwas
gestohlen und hatte Zeit gefunden, es sofort an Ort und Stelle einem
Juden zu verkaufen, der sich zufällig eingefunden hatte, aber er wollte
das Geld mit seinem Kameraden nicht teilen; es ergab sich schließlich,
daß der verkaufte Gegenstand ein Teelöffel war, der dem Restaurant
gehörte; man vermißte dort den Löffel und die Sache begann eine
unangenehme Wendung zu nehmen. Sswidrigailoff bezahlte den Löffel, erhob
sich und verließ den Garten. Es war gegen zehn Uhr. Er selbst hatte
während der ganzen Zeit keinen einzigen Tropfen Wein getrunken und hatte
in der Gartenwirtschaft sich nur Tee bestellt, und das nur, um überhaupt
etwas zu nehmen. Der Abend war schwül und düster. Gegen zehn Uhr hatte
sich der Himmel mit dunklen Wolken überzogen; es fing an zu donnern und
der Regen strömte nieder. Das Wasser fiel nicht in Tropfen, sondern
peitschte in ganzen Strömen die Erde. Es folgte Blitz auf Blitz. Ganz
durchnäßt kam Sswidrigailoff nach Hause, schloß sich ein, öffnete seinen
Schreibtisch, nahm sein ganzes Geld an sich und zerriß einige Papiere.
Er steckte darauf das Geld in die Tasche, wollte seine Kleider wechseln,
aber nachdem er zum Fenster hinausgeblickt und dem Gewitter und dem
Regen gelauscht hatte, tat er es doch nicht, ergriff seinen Hut und ohne
seine Wohnung abzuschließen, ging er hinaus und direkt zu Ssonja. Sie
war zu Hause.

Sie war nicht allein; sie hatte die vier Kinder von Kapernaumoff um
sich. Ssofja Ssemenowna gab ihnen Tee zu trinken. Sie begrüßte
Sswidrigailoff schweigend und ehrerbietig, warf einen erstaunten Blick
auf seine durchnäßten Kleider, sagte aber kein Wort. Die Kinder liefen
sofort in unbeschreiblicher Furcht davon.

Sswidrigailoff setzte sich an den Tisch und bat Ssonja, neben ihm Platz
zu nehmen. Sie schickte sich schüchtern an, ihm zuzuhören.

»Ssofja Ssemenowna, ich reise vielleicht nach Amerika,« sagte
Sswidrigailoff, »und da wir uns wahrscheinlich zum letzten Male sehen,
bin ich gekommen, einige Anordnungen zu treffen. Haben Sie heute diese
Dame gesehen? Ich weiß, was sie Ihnen gesagt hat, Sie brauchen es mir
nicht zu erzählen,« -- (Ssonja machte eine Bewegung und errötete.) --
»Diese Leute haben eine bestimmte Manier. Was Ihre Schwestern und Ihren
Bruder anbetrifft, so sind sie untergebracht und das ihnen zukommende
Geld habe ich für jeden gegen Quittung in sicherer Hand deponiert.
Nehmen Sie übrigens diese Quittungen für jeden Fall an sich. Nehmen Sie
sie! Das ist also erledigt. Hier sind drei fünfprozentige Obligationen,
im ganzen dreitausend Rubel. Nehmen Sie das für sich, für sich ganz
allein, und mag es unter uns bleiben, damit niemand etwas davon erfährt.
Das Geld wird Ihnen von Nutzen sein, denn, Ssofja Ssemenowna, ein Leben,
wie Sie es bisher lebten, ist schlimm und Sie haben es nicht nötig.«

»Sie haben mich mit so vielen Wohltaten überschüttet; auch die Waisen
und die Verstorbene,« stammelte Ssonja, »wenn ich Ihnen bis jetzt so
wenig gedankt habe, so ... halten Sie es nicht ...«

»Aber bitte, es ist nicht der Rede wert.«

»Und für dieses Geld danke ich Ihnen sehr, Arkadi Iwanowitsch, aber ich
brauche es jetzt wirklich nicht. Ich kann immer für mich allein sorgen,
halten Sie es nicht für Undank, -- wenn Sie schon gütig sind, so soll
dieses Geld ...«

»Ihnen, Ssofja Ssemenowna, Ihnen soll es gehören, und bitte ohne viele
Worte, denn ich habe auch keine Zeit dazu. Es wird Ihnen sehr von Nutzen
sein. Rodion Romanowitsch hat zwei Auswege, -- entweder eine Kugel durch
den Kopf oder Sibirien.« -- (Ssonja blickte ihn wild an und erbebte.) --
»Seien Sie ruhig, ich weiß alles von ihm selbst und bin kein Schwätzer;
werde es niemand sagen. Sie haben gut daran getan, indem Sie ihm
vorschlugen, -- er möge hingehen und sich selbst anzeigen. Das wird ihm
bedeutend nützlicher sein. Nun, wenn der Ausweg Sibirien sein wird,
werden Sie ihm doch folgen? Nicht wahr? Nicht wahr? Und dann wird Ihnen
auch das Geld von Nutzen sein. Für ihn selbst werden Sie es brauchen,
verstehen Sie? Indem ich es Ihnen überreiche, gebe ich es damit doch
ihm. Außerdem haben Sie versprochen, auch die frühere Wirtin Amalie
Iwanowna zu bezahlen; ich habe es gehört. Warum übernehmen Sie immer,
Ssofja Ssemenowna, unüberlegt solche Verpflichtungen? Katerina Iwanowna
war es doch dieser Deutschen schuldig geblieben, und nicht Sie, also
sollten Sie auf die Deutsche pfeifen. In dieser Weise kann man auf der
Welt nicht weiterkommen. Und wenn jemand morgen oder übermorgen nach mir
fragen sollte, -- und man wird sich an Sie wenden, -- so erwähnen Sie
nicht, daß ich jetzt bei Ihnen gewesen bin, und zeigen Sie in keinem
Falle das Geld und sagen Sie niemandem, daß ich es Ihnen gegeben habe.
Und jetzt auf Wiedersehen.« -- Er stand auf. -- »Grüßen Sie Rodion
Romanowitsch. Nebenbei gesagt, -- übergeben Sie vorläufig das Geld
meinetwegen Herrn Rasumichin zur Aufbewahrung. Kennen Sie Herrn
Rasumichin? Sie kennen ihn sicher. Das ist ein kluger Bursche. Bringen
Sie das Geld ihm morgen oder ... wenn Sie Zeit haben, hin. Vorläufig
verstecken Sie es gut.« Er erhob sich.

Ssonja sprang ebenfalls vom Stuhle auf und blickte ihn erschrocken an.
Sie wollte etwas sagen, etwas fragen, aber sie wagte es nicht gleich und
wußte auch nicht, wie sie es anfangen sollte.

»... Wie, wollen Sie denn jetzt in solchem Regen ausgehen?«

»Nun, ich will nach Amerika reisen und soll mich vor einem Regen
fürchten, he! he! Leben Sie wohl, liebe Ssofja Ssemenowna! Leben Sie und
leben Sie lange, Sie werden anderen von Nutzen sein. Ja ... sagen Sie
bitte Herrn Rasumichin, daß ich ihn grüßen lasse. Sagen Sie ihm, --
Arkadi Iwanowitsch Sswidrigailoff läßt Sie grüßen, -- mit diesen Worten
sagen Sie es ihm. Sagen Sie es unbedingt.«

Er ging fort und hinterließ Ssonja erstaunt und erschrocken in einer
unklaren und drückenden Ahnung zurück.

Man erfuhr später, daß er am selben Abend, in der zwölften Stunde, noch
einen sehr exzentrischen und unerwarteten Besuch gemacht hatte. Der
Regen hatte noch immer nicht aufgehört. Ganz durchnäßt, trat er zwanzig
Minuten nach elf in die kleine Wohnung der Eltern seiner Braut ein. Mit
großer Mühe hatte er sich Einlaß verschafft und zuerst alle in große
Aufregung versetzt; aber Arkadi Iwanowitsch konnte, wenn er wollte, ein
Mann von bezauberndem Benehmen sein, so daß die ursprüngliche, übrigens
sehr naheliegende Annahme der Eltern der Braut, daß Arkadi Iwanowitsch
wahrscheinlich sich irgendwo stark berauscht habe und seiner selbst
nicht mächtig sei, -- von selbst zunichte wurde. Den gelähmten Vater
rollte in einem Sessel die mitleidige Mutter der Braut selbst zu Arkadi
Iwanowitsch herein und begann nach ihrer Gewohnheit mit weitausholenden
Fragen. Diese Frau stellte nie direkte Fragen, sondern lächelte und rieb
sich die Hände zuerst, dann aber, wenn sie etwas unbedingt erfahren
wollte, wie z. B., -- wann Arkadi Iwanowitsch den Wunsch habe, die
Hochzeit zu bestimmen, so begann sie mit den neugierigsten Fragen über
Paris und das dortige Hofleben, um schließlich langsam bis zu ihrer
Wohnung in Petersburg zu gelangen. Zu anderer Stunde wurde dies alles
ruhig hingenommen, aber jetzt war Arkadi Iwanowitsch zu ungeduldig und
wünschte kategorisch seine Braut zu sehen, obgleich man ihm schon bei
seinem Eintritt erklärt hatte, daß sie schon schlafe. Die Braut erschien
selbstverständlich, und Arkadi Iwanowitsch teilte ihr sofort mit, daß er
wegen einer sehr wichtigen Angelegenheit auf eine Zeit lang Petersburg
verlassen müsse, und aus diesem Grunde ihr fünfzehntausend Rubel in
allerhand Papieren mitgebracht habe; er bat sie, dies als ein Geschenk
von ihm anzunehmen, da er schon längst die Absicht gehabt habe, ihr
diese Kleinigkeit schon vor der Hochzeit zu überreichen. Ein besonderer
logischer Zusammenhang zwischen dem Geschenk und der unverzüglichen
Abreise und der Notwendigkeit, deswegen in der Nacht bei Regen
herzukommen, zeigte sich in keiner Weise bei seinen Erklärungen, jedoch
es verlief alles sehr gut. Sogar die unvermeidlichen Ausrufe von »ach«
und »wie,« das Fragen und Staunen wurden rasch gemäßigt und
zurückgehalten; dafür aber wurde eine überströmende Dankbarkeit an den
Tag gelegt und sogar von den Tränen der vernünftigsten aller Mütter
unterstützt. Arkadi Iwanowitsch stand auf, lachte, küßte die Braut,
streichelte ihre Wangen, wiederholte noch einmal, daß er bald
zurückkommen werde, und als er in ihren Augen eine zwar kindliche
Neugier, aber zugleich eine sehr ernste stumme Frage bemerkte, sann er
eine Weile nach, küßte sie zum zweitenmal und ärgerte sich darüber, daß
das Geschenk unverzüglich zur Aufbewahrung der vernünftigsten aller
Mütter übergeben werden würde. Er ging fort und hinterließ alle in einer
ungewöhnlichen Aufregung. Aber die gutherzige Mama löste sofort im
Flüstertone einige sehr wichtige Bedenken, und zwar, daß Arkadi
Iwanowitsch ein Mann der großen Welt, ein Mann mit Unternehmungen und
großen Verbindungen, ein reicher Mann sei; weiß Gott, was in seinem
Kopfe vorgehe, er habe plötzlich den Entschluß gefaßt, abzureisen, habe
eben plötzlich den Gedanken bekommen, das Geld gegeben, man soll sich
nicht darüber wundern. Gewiß sei es merkwürdig, daß er ganz durchnäßt
war, aber die Engländer seien z. B. noch exzentrischer, überhaupt alle
Menschen aus der höchsten Gesellschaft achteten nicht darauf, was man
von ihnen sagen werde, und genierten sich nicht. Vielleicht gehe er
absichtlich in dieser Weise herum, um zu zeigen, daß er nichts fürchte.
Die Hauptsache aber sei, niemand ein Wort davon zu sagen, denn Gott
weiß, was dabei noch herauskommen könne, das Geld müsse sofort
eingeschlossen werden, und sicher sei es das beste, daß das Mädchen in
der Küche war und nichts gesehen habe, noch wichtiger sei es aber,
nichts, gar nichts dieser Spitzbübin, dieser Rößlich davon zu sagen, und
so ging es in gleicher Weise fort. Sie blieben bis zwei Uhr sitzen und
flüsterten die ganze Zeit. Nur die Braut ging etwas früher schlafen,
über die ganze Sache verwundert und ein wenig traurig.

Sswidrigailoff wanderte indessen punkt zwölf Uhr über die K.sche Brücke
in der Richtung nach dem --schen Stadtteil. Es hatte zu regnen
aufgehört, jedoch der Wind wehte noch stark. Sswidrigailoff begann zu
zittern, und einen Augenblick sah er mit einer auffallenden Neugier und
fragend das schwarze Wasser der Kleinen Newa an. Als er so über das
Wasser geneigt dastand, fühlte er auf einmal ein unangenehmes
Kältegefühl, er drehte sich um und ging den X.schen Prospekt entlang. Er
wanderte lange, fast eine halbe Stunde, durch diesen endlosen Prospekt,
stolperte ein paarmal in der Dunkelheit auf dem hölzernen Trottoir und
hörte nicht auf, etwas auf der rechten Seite der Straße aufmerksam zu
suchen. Er hatte hier, fast am Ende des Prospekts kürzlich im
Vorbeifahren ein hölzernes, aber geräumiges Gasthaus bemerkt, und sein
Name, soweit er sich erinnern konnte, hatte etwas mit »Adrianopel« zu
tun. Er hatte sich nicht getäuscht, -- dieses Gasthaus in dieser
abgelegenen Gegend war so auffallend, daß es selbst in der Dunkelheit
unmöglich übersehen werden konnte. Es war ein langes hölzernes,
schwarzgewordenes Gebäude, in dem trotz der späten Stunde noch Lichter
brannten und ein gewisses Leben zu bemerken war. Er trat ein und fragte
einen im Korridor stehenden, zerlumpten Kerl nach einem Zimmer. Der warf
einen Blick auf Sswidrigailoff, nahm sich zusammen und führte ihn in ein
dumpfes, enges Zimmer, das am Ende des Korridors an einer Ecke unter der
Treppe lag. »Es ist kein anderes da, alle Zimmer sind besetzt.« Der Kerl
blickte ihn fragend an.

»Gibt es Tee?« fragte Sswidrigailoff.

»Kann besorgt werden.«

»Was gibt es noch?«

»Kalbfleisch, Schnaps, Aufschnitt.«

»Bring mir Kalbfleisch und Tee.«

»Sonst keine Wünsche?« fragte der Kerl erstaunt.

»Nichts mehr.«

Der Kerl verschwand, ganz verwundert.

»Das muß ein guter Ort sein,« dachte Sswidrigailoff, »wie kam mir das
nicht in den Sinn. Ich habe wahrscheinlich auch das Aussehen eines
Menschen, der irgendwo aus einem Café chantant kommt und auf dem Wege
schon etwas erlebt hat. Es wäre interessant, zu erfahren, wer hier alles
absteigt und übernachtet.«

Er zündete ein Licht an und besah sich das Zimmer genauer. Es war eine
ganz kleine Kammer, so niedrig, daß Sswidrigailoff beinahe an die Decke
stieß, mit einem Fenster; ein sehr schmutziges Bett, ein einfacher,
gestrichener Tisch und ein Stuhl nahmen fast den ganzen Raum ein. Die
Wände hatten das Aussehen, als wären sie aus Brettern zusammengeschlagen
und mit alten abgerissenen Tapeten beklebt worden, die so staubig und
beschmutzt waren, daß man ihre Farbe, ursprünglich gelb, erraten mußte,
das Muster aber nicht mehr unterscheiden konnte. Der eine Teil der Wand
und der Decke war schräg abgeschnitten, wie man es gewöhnlich in
Mansarden sieht, hier aber war es wegen der Treppe. Sswidrigailoff
stellte das Licht auf den Tisch, setzte sich auf das Bett und versank in
Gedanken. Aber ein eigentümliches und ununterbrochenes Flüstern im
Nebenzimmer, das zuweilen fast in ein Schreien überging, lenkte seine
Aufmerksamkeit auf sich. Dieses Flüstern hatte seit dem Augenblicke, als
er im Zimmer eingetreten war, nicht aufgehört. Er begann zu lauschen, --
jemand schimpfte und machte einem anderen fast weinend Vorwürfe, man
hörte nur eine Stimme; Sswidrigailoff stand auf, verdeckte mit der einen
Hand das Licht und an der Wand zeigte sich sofort eine Ritze; er trat
drauf zu und begann hindurchzusehen. In dem Zimmer, das ein wenig größer
war, als das seine, befanden sich zwei Menschen. Einer von ihnen ohne
Rock, mit einem lockigen Kopfe und rotem erregten Gesichte, stand in
Rednerpose; er hatte die Beine auseinandergespreizt, um das
Gleichgewicht zu bewahren, schlug sich vor die Brust und warf dem
anderen pathetisch vor, daß er ein Bettler sei und daß er nicht mal
einen Rang habe, daß er ihn aus dem Schmutz herausgezogen habe, und daß
er ihn, wenn er wolle, fortjagen könne und dies alles sehe der Finger
Gottes allein. Der angeschnauzte Genosse saß auf einem Stuhl und hatte
das Aussehen eines Menschen, der sehr gern niesen möchte, aber es
absolut nicht fertig brachte. Er sah zuweilen mit einem trüben
Schafsblicke den Redenden an, aber augenscheinlich hatte er keinen
Begriff davon, worüber jener sprach und höchstwahrscheinlich hörte er es
nicht einmal. Auf dem Tische brannte der Rest eines Lichtes, und eine
fast leere Karaffe Branntwein mit Gläsern, Brot, Gurken und ein
Teegeschirr standen darauf. Nachdem Sswidrigailoff dieses Bild
aufmerksam betrachtet hatte, verließ er teilnahmslos die Ritze in der
Wand und setzte sich wieder auf das Bett hin.

Der Kerl, der mit Kalbfleisch und Tee gekommen war, konnte sich nicht
enthalten, noch einmal zu fragen, ob nichts weiter gewünscht würde, und
nachdem er wieder eine verneinende Antwort erhalten hatte, ging er
endgültig aus dem Zimmer. Sswidrigailoff stürzte sich über den Tee, um
sich zu erwärmen, und leerte ein Glas, essen konnte er nichts, da er den
Appetit völlig verloren hatte. Er begann sichtlich zu fiebern. Er nahm
seinen Mantel und Jacke ab, hüllte sich in die Decke ein und legte sich
auf das Bett. Er ärgerte sich, -- »es wäre diesmal doch besser, gesund
zu sein,« dachte er und lächelte bitter. Es war im Zimmer dumpf, das
Licht brannte trübe, draußen heulte der Wind, irgendwo in einer Ecke
nagte eine Maus, im ganzen Zimmer überhaupt roch es nach Mäusen und nach
Leder. Er lag und träumte, -- ein Gedanke löste den anderen ab. Es
schien, als wolle er seiner Phantasie eine bestimmte Richtung geben.
»Hinter dem Fenster muß ein Garten sein,« -- dachte er, -- »Bäume
rauschen; was ich in der Nacht nicht liebe, im Sturme und in der
Dunkelheit bringt das Rauschen der Bäume ein unangenehmes Gefühl
hervor!« Und er erinnerte sich, wie er vorhin im Vorbeigehen mit
Widerwillen an den Petrowski-Park gedacht hatte. Dann tauchte in seiner
Erinnerung auch die K.sche Brücke und die Kleine Newa auf, und wieder
überrieselte es ihn kalt, wie vorhin, als er über das Wasser geneigt
stand.

»Ich habe niemals im Leben das Wasser, nicht mal auf Bildern, geliebt,«
dachte er und lächelte über einen sonderbaren Gedanken. »Jetzt müßte mir
doch diese ganze Ästhetik und der Komfort gleichgültig sein, aber nein,
jetzt gerade werde ich wählerisch, wie ein Tier, das sich seine Stelle
... in ähnlichem Falle aussucht. Ich sollte vorhin in den Petrowski-Park
einbiegen! Ist mir aber zu dunkel, zu kalt erschienen, he! he! Als
suchte ich angenehme Gefühle dabei! ... Ja, warum lösche ich das Licht
nicht aus?« Und er löschte das Licht. »Meine Nachbarn haben sich auch
schlafen gelegt,« dachte er, als er keinen Schein mehr durch die Ritze
sah. -- »Nun, Marfa Petrowna, jetzt wäre es Zeit für Sie, zu erscheinen,
-- es ist dunkel, der Ort sehr passend und ein origineller Augenblick.
Jetzt werden Sie sicher nicht kommen ...«

Es kam ihm auch in den Sinn, daß er vorhin, eine Stunde bevor Dunja in
seiner Wohnung war, Raskolnikoff empfohlen hatte, sie der Obhut
Rasumichins anzuvertrauen. »Ich habe es damals wirklich mehr gesagt, um
mich selbst zu reizen, was Raskolnikoff auch erraten hat. Dieser
Raskolnikoff ist ein feiner Kopf. Er hat vieles durchgemacht und kann
mit der Zeit etwas Großes werden, wenn der Unsinn in ihm vergangen sein
wird, jetzt aber hat er noch ein _zu großes_ Verlangen zu leben. In
diesem Punkte sind alle diese Leute -- Feiglinge. Nun, mag ihn der
Teufel holen, mag er tun, was er will, was geht es mich an.«

Er konnte immer noch nicht einschlafen. Allmählich begann vor ihm das
Bild von Dunetschka aufzutauchen, wie sie vorhin aussah, und ein Zittern
fuhr durch seinen Körper. -- »Nein, das muß man jetzt schon lassen,«
dachte er zu sich kommend, »ich muß an etwas anderes denken. Es ist
sonderbar und lächerlich, -- ich habe niemals jemand stark gehaßt, habe
auch niemals besonders gewünscht, an jemand Rache zu nehmen, das ist
doch ein schlimmes Zeichen, ein schlimmes Zeichen! Habe auch nicht
geliebt, mich herumzustreiten und war nie heftig gewesen, -- ist auch
ein schlechtes Zeichen! Und was habe ich ihr vorhin versprochen, --
pfui, Teufel! Sie hätte aus mir doch etwas machen können! ...«

Er verstummte wieder und preßte die Zähne aufeinander, -- wieder
erschien ihm Dunetschkas Bild, wie sie nach dem ersten Schuß erschrocken
war, den Revolver sinken ließ und leichenblaß ihn ansah, so daß er sie
zweimal hätte greifen können, ohne daß sie die Hand zur Gegenwehr hätte
erheben können, wenn er selbst sie nicht daran erinnert hätte. Er
erinnerte sich, wie sie ihm in diesem Augenblicke so leid tat, und wie
sich sein Herz zusammengeschnürt hatte ... »Ah! Zum Teufel! Wieder diese
Gedanken, man muß sie alle fallen lassen, ja, fallen lassen!«

Er verfiel wieder in Schlaf, -- das fieberhafte Zittern ließ nach; da
schien etwas unter der Decke über seine Hand und seinen Fuß zu laufen.
Er zuckte zusammen, -- »pfui, Teufel, das ist ja eine Maus!« dachte er,
»ich habe das Fleisch auf dem Tische stehen gelassen ...« Er wollte
nicht die Decke abwerfen, aufstehen und frieren, da stach ihn schon
wieder etwas am Fuße; er riß die Decke von sich und zündete das Licht
an. Zitternd vor fieberhafter Kälte, bückte er sich, um im Bette
nachzusuchen, -- es war nichts da; er schüttelte die Decke und plötzlich
sprang eine Maus auf das Bettlaken. Er wollte sie fangen; die Maus aber
sprang vom Bette nicht herunter, sondern lief im Zickzack nach allen
Seiten hin, glitt ihm durch die Finger, lief über seine Hand und
verschwand plötzlich unter dem Kissen; er warf das Kissen herunter und
fühlte sogleich, wie sie ihm unter das Hemd sprang und auf seinem Rücken
herumkrabbelte. Er erbebte nervös und erwachte. Im Zimmer war es dunkel,
er lag wie vorhin in der Decke eingewickelt auf dem Bette, hinter dem
Fenster heulte der Wind. »Wie schaurig!« dachte er ärgerlich. Er stand
auf und setzte sich mit dem Rücken gegen das Fenster auf das Bett.
»Lieber schlafe ich gar nicht,« beschloß er. Vom Fenster kam Kälte und
Feuchtigkeit herein; ohne aufzustehen zog er die Decke über sich und
hüllte sich ein. Das Licht steckte er nicht an. Er dachte an nichts und
wollte auch an nichts denken; doch ein Phantasiegebilde nach dem andern
stand vor ihm auf, abgerissene Gedanken ohne Anfang und Ende und ohne
Zusammenhang schwebten ihm vor. Er verfiel in einen Halbschlummer. War
es die Kälte oder die Dunkelheit, war es die Feuchtigkeit oder der Wind,
der hinter dem Fenster heulte und die Bäume rüttelte, -- die in ihm eine
hartnäckige phantastische Neigung und den Wunsch nach Blumen
hervorriefen, -- mit Blumen beschäftigte sich seine Phantasie
ausschließlich. Ihm schwebte ein reizendes Bild vor, -- ein lichter,
warmer, beinahe heißer Tag, ein Festtag, ein Pfingsttag; ein reiches
prachtvolles Landhaus, im englischen Geschmack, bewachsen mit duftenden
Blumen, und umgeben von Blumenbeeten, die um das Haus sich herumzogen,
eine Treppe, umrankt von Schlingpflanzen und umringt von Rosenbüschen;
eine lichte kühle Treppe, bedeckt mit einem prächtigen Teppich und
ringsum geziert mit seltenen Blumen in chinesischen Vasen. Er hatte auf
den Fenstern Sträuße von weißen und zarten Narzissen in Glasvasen,
gefüllt mit Wasser, bemerkt, die auf ihren hellgrünen, dicken und langen
Stengeln starken aromatischen Duft verbreiteten. Er wollte sich gar
nicht mehr von ihnen trennen, endlich stieg er aber doch die Treppe
hinauf und trat in einen großen hohen Saal, und wieder standen hier
überall auf den Fenstern, an der geöffneten Türe nach der Terrasse, auf
der Terrasse selbst, Blumen über Blumen. Die Diele war mit frisch
gemähtem, duftendem Heu bestreut, die Fenster waren geöffnet, eine
frische leichte kühle Luft drang in das Zimmer, Vögel zwitscherten unter
den Fenstern, und mitten im Saale auf einem mit weißem Atlas bezogenen
Tische stand ein Sarg. Dieser Sarg war mit weißem Taft ausgeschlagen und
mit weißen dichten Rüschen benäht. Girlanden aus Blumen umrankten ihn
auf allen Seiten. Ganz in Blumen gebettet lag ein kleines Mädchen in
weißem Tüllkleide; ihre wie aus Marmor gemeißelten Hände waren gefaltet
und an die Brust gepreßt. Ihr aufgelöstes Haar, ein helles Blondhaar,
war naß; ein Kranz aus Rosen umgab ihren Kopf. Das strenge und schon
erstarrte Profil ihres Gesichts war auch wie aus Marmor gemeißelt, in
dem Lächeln auf ihren blassen Lippen lag ein nicht kindliches
grenzenloses Weh, eine stille, herzzerreißende Klage. Sswidrigailoff
kannte dieses Mädchen; weder ein Gottesbild noch brennende Kerzen
standen an diesem Sarge und man vernahm keine Gebete. Das kleine Mädchen
war eine Selbstmörderin, -- sie hatte sich ertränkt. Sie war erst
vierzehn Jahre alt und hatte schon ein gebrochenes Herz, sie war
zugrunde gerichtet durch eine schändliche Tat, die dieses junge
kindliche Bewußtsein mit Entsetzen erfüllt und überfallen, die ihre
engelreine Seele mit unverdienter Schmach bedeckt hatte, und die ihr
einen letzten Schrei der Verzweiflung entriß, der nicht erhört, sondern
mit kaltem Herzen und harter Hand in einer dunklen Nacht, in tiefer
Finsternis, in Kälte, in feuchtem Tauwetter unterdrückt wurde, als der
Wind heulte.

Sswidrigailoff kam zu sich, stand auf und trat an das Fenster. Er fand
tastend den Riegel und öffnete es. Der Wind stürmte mit aller Kraft in
sein enges Zimmer hinein und bedeckte mit einem Frosthauch sein Gesicht
und die nur mit dem Hemde bedeckte Brust. Hinter dem Fenster war
wirklich ein Garten und zwar ein Vergnügungsetablissement; am Tage
traten wohl hier Sänger auf und es wurde an Tischen Tee serviert. Jetzt
flogen Regentropfen von den Bäumen und Sträuchern zum Fenster herein,
und es war eine Dunkelheit wie in einem Keller, so daß man kaum einige
dunkle Flecken, die Gegenstände vorstellten, unterscheiden konnte.
Sswidrigailoff hatte die Ellenbogen auf das Fensterbrett gestützt und
sich hinausgebeugt, und blickte nun schon fünf Minuten, ohne sich
losreißen zu können, in diese Finsternis. Da ertönte in die Nacht hinein
ein Kanonenschuß, ihm folgte ein zweiter. »Ah, das Signal! Das Wasser
steigt!« dachte er. -- »Gegen Morgen wird das Wasser die Straßen
überfluten und die Kellerwohnungen und die Gewölbe überschwemmen, die
Kellerratten werden aus ihren Schlupfwinkeln hervorschwimmen und die
Menschen werden in Wind und Regen, durchnäßt und schimpfend, ihren Kram
in die oberen Stockwerke schleppen ... Um welche Zeit ist es nun?« --
Und kaum hatte er so gedacht, als aus der Nähe, tickend und wie sich
mächtig beeilend, eine Wanduhr drei Uhr schlug. -- »Aha, nach einer
Stunde wird es schon hell werden! Warum soll ich länger warten? Ich will
lieber sofort hier fort und direkt in den Petrowski-Park gehen; dort
will ich mir ein großes Gebüsch aussuchen, mit Regentropfen so benetzt,
daß, wenn man nur mit einer Schulter drankommt, Millionen von Tropfen
den ganzen Kopf mir überströmen werden ...« Er trat vom Fenster zurück,
schloß es, zündete das Licht an, zog seine Weste und den Mantel an,
setzte den Hut auf und ging mit dem Lichte auf den Korridor hinaus, um
in einer Kammer zwischen allerhand Kram und Lichtstumpfen den
schlafenden Kerl aufzusuchen, ihm das Zimmer zu bezahlen und dann das
Gasthaus zu verlassen. -- »Es ist der beste Augenblick, man könnte ihn
nicht besser wählen!«

Er ging lange in dem schmalen und langen Korridor herum, ohne jemand zu
finden und wollte schon laut rufen, als er plötzlich in einer dunklen
Ecke, zwischen einem alten Schrank und einer Türe, einen sonderbaren
Gegenstand, anscheinend etwas Lebendes, erblickte. Er beugte sich mit
dem Lichte darüber und sah ein Kind, -- ein kleines Kind, -- ein kleines
Mädchen, nicht älter als fünf Jahre, in einem völlig durchnäßten
Kleidchen, zitternd und weinend, daliegen. Sie schien vor Sswidrigailoff
keine Furcht zu haben, blickte ihn mit ihren großen schwarzen Äuglein
voll stillen Staunens an und schluchzte ab und zu, wie Kinder, die lange
geweint, doch aufhören und sich getröstet haben. Das kleine Gesicht des
Mädchens war bleich und abgemagert; sie war vor Kälte fast erstarrt,
aber -- »wie war sie hierher gekommen? Sie mußte sich hier versteckt und
die ganze Nacht nicht geschlafen haben?« Er begann sie auszufragen. Das
Kind wurde plötzlich lebhaft und stammelte etwas sehr schnell in seiner
kindlichen Sprache. Es kam darin etwas von »Mamachen« und das »Mama
Ruten geben wird,« von einer Tasse, die sie zerschlagen habe, vor. Das
Mädchen sprach ununterbrochen; einiges konnte man aus ihrer ganzen
Erzählung herausfinden, -- daß sie nicht geliebt werde, daß ihre Mutter,
eine ewig betrunkene Köchin, wahrscheinlich im Gartenhause selbst, sie
zumeist prügele und ihr Schrecken eingejagt habe; daß das Mädchen der
Mutter eine Tasse zerschlagen habe und so erschrocken wäre, daß sie seit
gestern Abend weggelaufen sei; wahrscheinlich hatte sie sich lange auf
dem Hofe im Regen versteckt, endlich sich ins Haus hineingeschlichen,
sich hinter dem Schrank verkrochen und hatte hier in der Ecke, weinend
und in Nässe, Dunkelheit und Angst davor zitternd, daß man sie tüchtig
verprügeln würde, die ganze Nacht gesessen. Sswidrigailoff nahm sie auf
die Arme, ging in sein Zimmer, setzte sie auf das Bett hin und begann
sie auszukleiden. Ihre zerlöcherten Stiefel auf die nackten Füße
angezogen, waren so feucht, als hätten sie die ganze Nacht in einer
Pfütze gelegen. Nachdem er sie entkleidet hatte, legte er sie ins Bett,
bedeckte und hüllte sie ganz bis zum Kopfe in die Decke. Sie schlief
sofort ein. Nachdem er damit fertig war, versank er wieder in sein
düsteres Nachdenken.

»Was fällt mir auch ein, mich damit abzugeben!« dachte er plötzlich mit
einem schweren und bitteren Gefühl. -- »Was für ein Unsinn!« Voll Ärger
nahm er das Licht, um hinauszugehen und um jeden Preis den Kerl zu
finden und schneller von hier wegzukommen. -- »Ach, so ein Mädel!«
dachte er fluchend und öffnete schon die Türe, als er sich umkehrte, um
noch einmal zu sehen, ob das Mädchen schlafe und wie sie schlafe? Er hob
vorsichtig die Decke auf. Das Mädchen lag im festen und seligen Schlafe.
Sie war unter der Decke warm geworden, und das Blut war wieder in ihre
blassen Wangen gestiegen. Aber sonderbar, -- diese Röte war greller und
auffallender, als sonst bei Kindern. »Das ist eine fieberhafte Röte,«
dachte Sswidrigailoff, »das ist die Röte nach Weingenuß, es ist, als
hätte man ihr ein ganzes Glas zu trinken gegeben. Ihre roten Lippen
brennen, scheinen zu flammen, aber was ist das?« Ihm schien es
plötzlich, als ob ihre langen schwarzen Wimpern zuckten und blinzelten,
als ob sie sich erhöben, als ob unter ihnen ein schelmisches, scharfes,
nicht in kindlicher Weise zwinkerndes Auge hervorblickte, als ob das
Mädchen nicht schliefe, sich nur so anstelle. Ja, es war auch so, --
ihre Lippen verziehen sich zu einem Lächeln, die Mundwinkel zucken, es
ist, als ob sie das Lächeln noch zurückhalten wollte. Nun aber hört sie
auf, sich zurückzuhalten, sie lacht schon, sie lacht deutlich; etwas
Freches und Herausforderndes leuchtet in diesem gar nicht kindlichen
Gesichte; das ist das Laster; das ist das Gesicht einer Kokotte, das
freche Gesicht einer verkäuflichen französischen Kokotte. Jetzt öffnen
sich, ohne jede Verstellung, die beiden Augen, -- sie ruhen auf ihm mit
einem feurigen und schamlosen Blick, sie locken ihn, sie lachen ...
Etwas unendlich Widerliches und Beleidigendes lag in diesem Lachen, in
diesen Augen, in diesem ganzen schamlosen Gesichte des Kindes. »Wie!
Eine fünfjährige!« flüsterte Sswidrigailoff mit wahrem Entsetzen. --
»Was ... was ist denn das?« -- Nun wendet sie sich ihm mit dem
brennenden Gesichtchen ganz zu, streckt die Arme aus ... »Ah,
Verfluchte!« rief Sswidrigailoff voll Entsetzen und holte seine Hand zum
Schlage aus ... Aber im selben Augenblick erwachte er.

Er lag im Bette, eingehüllt in die Decke; das Licht war nicht angezündet
und durch das Fenster leuchtete der volle Tag hinein.

»Ein Albdrücken die ganze Nacht!« Er erhob sich zornig und fühlte, daß
er ganz zerschlagen war; seine Knochen schmerzten ihn. Draußen war ein
dichter Nebel und man konnte nichts unterscheiden. Die Uhr ging auf
fünf; er hatte sich verschlafen! Er stand auf und zog seine Jacke und
den Mantel an, die beide noch feucht waren. Er fühlte in der Tasche nach
dem Revolver, zog ihn heraus und setzte die Kapsel zurecht; dann setzte
er sich hin, nahm aus der Tasche ein Notizbuch hervor und schrieb auf
der ersten Seite mit großer Schrift ein paar Zeilen. Er las sie nochmals
durch, stützte sich auf den Tisch und sann nach. Der Revolver und das
Notizbuch lagen neben seinem Ellbogen. Die erwachten Fliegen krochen auf
den Kalbfleischstücken herum, die er nicht angerührt hatte und die auf
dem Tische standen. Er schaute den Fliegen lange zu und versuchte mit
der freien rechten Hand eine zu fangen. Er bemühte sich lange, konnte
sie aber nicht kriegen. Als er sich zuletzt bei dieser interessanten
Beschäftigung ertappte, kam er zu sich, fuhr zusammen, stand auf und
ging entschlossen aus dem Zimmer. Nach einer Minute war er schon auf der
Straße.

Ein weißer dichter Nebel lag über der Stadt. Sswidrigailoff ging die
klebrige schmutzige Straße in der Richtung der Kleinen Newa zu. Ihm
schwebten das über Nacht stark gestiegene Wasser der Kleinen Newa, der
Petrowski-Park, nasse Wege, feuchtes Gras, feuchte Bäume und Sträucher,
und schließlich _jenes_ Gebüsch vor ... Voll Ärger begann er die Häuser
zu betrachten, um an etwas anderes zu denken. Weder einen Menschen, noch
eine Droschke traf er auf dem Wege. Trostlos und schmutzig sahen ihn die
grellgelben hölzernen Häuschen mit den geschlossenen Fensterläden an.
Kälte und Feuchtigkeit durchzogen seinen ganzen Körper und ihn begann zu
frösteln. Zuweilen fiel sein Blick auf die Schilder der Kaufläden und
Gemüsekeller, er las jedes aufmerksam. Der hölzerne Fußsteg war schon zu
Ende. Er ging an einem großen steinernen Hause vorbei. Ein schmutziger
durchfrorener Hund mit eingezogenem Schwanze lief ihm über den Weg. Ein
total betrunkener Mann in einem Uniformmantel lag mit dem Gesichte nach
unten quer über den Fußweg. Er betrachtete ihn und ging weiter. Ein
hoher Feuerwehrturm zeigte sich linker Hand. -- »Bah!« dachte er, »das
ist die beste Stelle, wozu der Petrowski-Park? Es geschieht wenigstens
in Gegenwart eines offiziellen Zeugen ...« Er lächelte bei diesem neuen
Gedanken und bog in die N.sche Straße ein. Hier stand ein großes Haus
mit dem Turm. An dem mächtigen verschlossenen Tore des Hauses stand mit
der Schulter daran gelehnt ein kleines Menschenkind in einen grauen
Soldatenmantel eingehüllt und mit einem glänzenden Helm. Es schielte mit
schlaftrunkenem Blick den herantretenden Sswidrigailoff an. Auf seinem
Gesichte sah man den ewigen verdrießlichen Kummer, der sich ausnahmslos
auf allen Gesichtern des jüdischen Volkes eingeprägt hat. Beide,
Sswidrigailoff und der Soldat, betrachteten einander schweigend eine
Weile. Dem Soldaten erschien es schließlich nicht in der Ordnung zu
sein, daß ein Mann nicht betrunken drei Schritte vor ihm stehen blieb,
ihn unverwandt anblickte und nichts sagte.

»Was wollen Sie denn hier?« sagte er, ohne sich zu rühren und seine
Stellung zu verändern.

»Ja, nichts, Bruder, guten Tag!« antwortete Sswidrigailoff.

»Hier ist kein Platz, stehen zu bleiben.«

»Ich reise, Bruder, ins Ausland.«

»Ins Ausland?«

»Nach Amerika.«

»Nach Amerika?«

Sswidrigailoff zog den Revolver heraus und spannte den Hahn. Der Soldat
zog die Augenbrauen nach oben.

»Was, solche Scherze sind hier nicht am Platze!«

»Warum denn nicht?«

»Weil das kein Ort dazu ist.«

»Nun, Bruder, das ist einerlei. Der Ort ist gut; wenn man dich fragen
wird, antworte bloß, daß ich nach Amerika gereist bin.«

Er legte den Revolver an seine rechte Schläfe an.

»Man darf das nicht, hier ist nicht der Ort!« sagte der Soldat, und
seine Augen erweiterten sich immer mehr.

Sswidrigailoff drückte den Hahn ab.


                                  VII.

Am selben Tage um sieben Uhr näherte sich Raskolnikoff der Wohnung
seiner Mutter und Schwester, -- jener Wohnung im Hause von Bakalejeff,
wo sie Rasumichin untergebracht hatte. Der Treppeneingang war von der
Straße aus. Je näher Raskolnikoff kam, desto mehr verlangsamte er seine
Schritte, wie unschlüssig, ob er hineingehen solle oder nicht. Er wäre
jedoch um keinen Preis umgekehrt; sein Entschluß war gefaßt. --
»Außerdem ist es einerlei, sie wissen ja noch nichts,« dachte er, »und
haben sich schon gewöhnt, mich als einen närrischen Kauz anzusehen ...«
Seine Kleidung war schrecklich, -- ganz beschmutzt, zerrissen und
zerknittert, weil er die ganze Nacht im Regen verbracht hatte. Sein
Gesicht war vor Müdigkeit, durch das schlechte Wetter, aus physischer
Ermattung und infolge eines beinahe vierundzwanzigstündigen Kampfes mit
sich selbst ganz entstellt. Wo er diese ganze Nacht verbracht hatte,
wußte Gott allein; aber sie hatte wenigstens seinen Entschluß
herbeigeführt.

Er klopfte an die Türe; die Mutter öffnete ihm. Dunetschka war nicht zu
Hause. Auch das Dienstmädchen war um diese Zeit nicht da. Pulcheria
Alexandrowna war zuerst ganz stumm vor freudigem Erstaunen, dann ergriff
sie seine Hand und zog ihn ins Zimmer.

»Nun, da bist du!« begann sie, und stockte vor Freude. -- »Sei nicht
böse auf mich, Rodja, daß ich dich so dumm begrüße, -- mit Tränen; ich
lache ja und weine nicht. Du denkst, ich weine? Nein, ich freue mich,
habe aber bloß so eine dumme Angewohnheit, daß mir dann die Tränen
fließen. Das habe ich seit dem Tode deines Vaters, ich weine bei jeder
Gelegenheit. Setz dich doch, mein Lieber, du bist wahrscheinlich müde,
ich sehe es. Ach, wie du beschmutzt bist.«

»Ich war gestern im Regen fort, Mama ...« begann Raskolnikoff.

»Aber nein, nein!« unterbrach ihn Pulcheria Alexandrowna eifrig, »du
meinst, ich will dich sofort ausfragen, nach meiner früheren
weiberhaften Gepflogenheit, sei darüber beruhigt. Ich begreife doch, ich
begreife alles, habe mich jetzt an die hiesigen Gebräuche gewöhnt, und
sehe wirklich selbst ein, daß man hier gescheiter ist. Ich habe mir ein
für allemal gesagt, wie kann ich deine Entschlüsse verstehen und von dir
Rechenschaft verlangen? Du hast vielleicht Gott weiß was für Dinge und
Pläne im Kopfe und dir kommen allerhand Gedanken; soll ich dich da immer
anstoßen und fragen, worüber denkst du nach? Ich habe ... Ach, mein
Gott, Ja, was laufe ich denn herum wie eine Besessene ... Just lese ich
deinen Artikel in der Zeitschrift schon zum dritten Male, Rodja; mir hat
ihn Dmitri Prokofjitsch gebracht. Ich war sehr überrascht, als ich ihn
las; so dumm bin ich, dachte ich, damit gibt er sich also ab, das ist
die Lösung der Dinge. Er hat vielleicht neue Gedanken im Kopfe, er
überlegt sie sich, ich aber quäle ihn und störe ihn. Ich lese den
Artikel, mein Freund, und verstehe selbstverständlich nicht viel; es muß
auch übrigens so sein, -- wie kann ich es auch verstehen.«

»Zeigen Sie ihn mir, Mama.«

Raskolnikoff nahm den Artikel in die Hand und blickte ihn flüchtig an.
Wie sehr es auch seiner Lage und seinem Zustande widersprach, empfand er
doch jenes eigentümliche und prickelnde süße Gefühl, das ein Verfasser,
der sich zum ersten Male gedruckt sieht, empfindet, dazu sprachen auch
seine dreiundzwanzig Jahre mit. Es dauerte einen Augenblick. Nachdem er
einige Zeilen gelesen hatte, verdüsterte sich sein Gesicht und ein
furchtbarer Gram preßte sein Herz zusammen. Sein ganzer seelischer Kampf
in den letzten Monaten kam ihm mit einem Male ins Gedächtnis. Er warf
mit Widerwillen und voll Ärger die Zeitung auf den Tisch.

»Aber Rodja, wie dumm ich auch sein mag, ich kann doch verstehen, daß du
sehr bald einer von den Ersten, wenn nicht der Erste unter unseren
Gelehrten, sein wirst. Und man wagte zu denken, daß du den Verstand
verloren hättest. Ha! ha! ha! Du weißt es nicht, aber man meinte es
wirklich! Ach, dieses niedrige Gewürm, woher sollen sie auch begreifen,
was Verstand haben heißt! Und Dunetschka glaubte auch fast daran -- was
sagst du dazu! Dein verstorbener Vater hat ein paarmal etliches in
Zeitschriften eingeschickt, -- zuerst Gedichte (ich habe noch das Heft
der Gedichte, ich will es dir einmal zeigen) -- und nachher eine ganze
Novelle, -- (ich hatte ihn gebeten, sie ins Reine schreiben zu dürfen)
-- und trotzdem wir beide beteten, daß es angenommen würde, -- nahmen
sie es doch nicht an! Rodja, vor sechs oder sieben Tagen, als ich deine
Kleidung sah, wie du wohnst, was du ißt und wie du herumgehst, war ich
ganz niedergeschlagen. Jetzt sehe ich, daß ich wieder einmal dumm war,
denn wenn du Lust hast, kannst du dir alles auf einmal durch deinen
Verstand und dein Talent verschaffen. Du willst es bloß vorläufig nicht
und bist mit bedeutend wichtigeren Dingen beschäftigt ...«

»Ist Dunja nicht zu Hause, Mama?«

»Nein, Rodja. Sie ist jetzt sehr oft nicht zu Hause, läßt mich viel
allein. Dmitri Prokofjitsch kommt öfters zu mir, um zu plaudern und
spricht immer von dir, ich bin ihm sehr dankbar dafür. Er liebt dich
sehr und schätzt dich, mein Freund. Ich kann von deiner Schwester nicht
gerade sagen, daß sie zu mir unehrerbietig wäre. Ich klage nicht. Sie
hat ihren Charakter, wie ich den meinen; sie hat allerhand Geheimnisse
vor mir; und ich habe vor euch keine Geheimnisse. Gewiß, ich bin fest
überzeugt, daß Dunja klug ist und außerdem auch mich und dich liebt ...
aber ich weiß wirklich nicht, wohin dies alles führen wird. Du hast mich
glücklich gemacht, Rodja, weil du mich jetzt besucht hast, sie aber hat
das versäumt; wenn sie zurückkommt, will ich auch ihr sagen, -- dein
Bruder war hier, wo hast aber du die Zeit verbracht? Du sollst mich,
Rodja, nicht verwöhnen; wenn du kannst, komm zu mir, wenn nicht, -- dann
läßt sich eben nichts tun als warten. Ich werde trotzdem wissen, daß du
mich liebst, und das genügt mir. Ich werde deine Schriften lesen, werde
von allen über dich hören, und dann wirst du schon wieder einmal zu mir
kommen und was kann ich mir besseres wünschen? Du bist doch jetzt auch
gekommen, um die Mutter zu erfreuen, ich sehe es ...«

Hier weinte plötzlich Pulcheria Alexandrowna.

»Schon wieder weine ich! Achte nicht auf mich dumme Person! Ach, mein
Gott, was sitze ich hier,« rief sie aus und fuhr von ihrem Platze auf,
»ich habe doch Kaffee und biete dir nichts an! Siehst du, wie groß der
Egoismus einer alten Frau ist. Sofort, sofort!«

»Mama, lassen Sie es, ich will gleich wieder fortgehen. Ich bin nicht
deswegen gekommen. Bitte, hören Sie mich an.«

Pulcheria Alexandrowna trat schüchtern zu ihm.

»Mama, was auch geschehen sollte, was Sie auch über mich hören sollten,
was man Ihnen auch über mich sagen sollte, -- werden Sie mich dennoch
ebenso lieben, wie jetzt?« fragte er sie aus vollem Herzen, als bedenke
er seine Worte nicht und erwäge sie nicht.

»Rodja, Rodja, was ist mit dir? Ja, wie kannst du nur so etwas fragen?
Ja, wer wird mir denn etwas über dich sagen? Ich werde auch niemand
glauben, mag kommen, wer da will, ich werde ihn hinausjagen.«

»Ich bin gekommen, Ihnen zu sagen, daß ich Sie geliebt habe, und ich bin
jetzt froh, daß wir allein sind, bin sogar froh, daß Dunetschka nicht zu
Hause ist,« fuhr er in derselben Aufwallung fort, -- »ich bin gekommen,
Ihnen offen zu sagen, daß, wenn Sie auch unglücklich sein werden, Sie
doch wissen sollen, daß Ihr Sohn Sie jetzt mehr liebt, als sich selbst,
und daß alles, was Sie über mich gedacht haben, daß ich grausam sei und
Sie nicht mehr liebe, alles nicht richtig ist. Ich werde nie aufhören,
Sie zu lieben ... Nun, und genug; mir schien es, daß ich das sagen und
damit beginnen müßte ...«

Pulcheria Alexandrowna umarmte ihn schweigend, preßte ihn an ihre Brust
und weinte still.

»Was mit dir ist, Rodja, weiß ich nicht,« sagte sie schließlich, »ich
dachte die ganze Zeit, wir langweilen dich, jetzt aber sehe ich in
meiner Weise, daß dir ein großer Kummer bevorsteht, worüber du dich
grämst. Ich habe es schon lange gesehen, Rodja. Verzeih mir, daß ich
darüber spreche; ich denke immer daran und schlafe des Nachts nicht.
Diese Nacht hat auch deine Schwester die ganze Nacht in unruhigem
Phantasieren verbracht und immer dich genannt. Ich habe einiges gehört,
aber nichts verstanden. Den ganzen Morgen ging sie wie ein zu Tode
Verurteilter herum, erwartete immer etwas, hatte Vorahnungen und nun ist
es gekommen! Rodja, Rodja, wohin gehst du? Verreisest du etwa und
wohin?«

»Ich verreise.«

»Ich dachte es mir! Ich kann doch mit dir reisen, wenn es nötig ist.
Auch Dunja, sie liebt dich, sie liebt dich sehr, auch Ssofja Ssemenowna
soll meinetwegen mit uns gehen, wenn es nötig ist; ich will sie gern an
Tochterstatt aufnehmen, siehst du. Dmitri Prokofjitsch wird uns bei der
Abreise helfen ... aber ... wohin ... reisest du?«

»Leben Sie wohl, Mama.«

»Wie! Heute schon!« rief sie in einem Ton aus, als verliere sie ihn auf
ewig.

»Ich kann nicht anders, es ist Zeit für mich, ich muß ...«

»Und ich darf nicht mit dir gehen?«

»Nein, knien Sie aber nieder und beten Sie für mich. Ihr Gebet wird
vielleicht erhört.«

»Laß mich dich bekreuzen, dich segnen! So, so! Oh, Gott, was tun wir!«

Ja, er war froh, er war sehr froh, daß niemand da war, daß er mit der
Mutter allein war. Es war, als wäre seit dieser ganzen schrecklichen
Zeit sein Herz mit einem Male weich geworden. Er sank vor ihr hin, küßte
ihre Füße und beide weinten, einander umarmend. Und sie wunderte sich
nicht und fragte ihn nichts. Sie hatte schon lange begriffen, daß mit
ihrem Sohne etwas Furchtbares vorgehe, und daß jetzt der schreckliche
Augenblick für ihn gekommen war.

»Rodja, mein Lieber, mein Erstgeborener,« sagte sie schluchzend, »du
bist jetzt ebenso zu mir gekommen, wie du es als kleiner Junge tatest;
hast mich umarmt und geküßt; als wir noch mit Vater lebten und uns
kümmerlich durchschlugen, war es schon ein Trost für uns, daß du bei uns
warst, als ich aber deinen Vater beerdigt hatte, -- wie oft haben wir
uns da umarmt, genau so wie jetzt, und haben an seinem Grabe geweint.
Daß ich aber lange schon weine, kommt davon, weil das Mutterherz dein
Unglück ahnte. Als ich das erste Mal dich damals am Abend sah, --
erinnerst du dich, -- als wir hier ankamen, habe ich alles an deinem
Blicke allein erraten und mein Herz zuckte zusammen, heute aber, als ich
dir öffnete und dich anblickte, dachte ich mir sofort, -- nun ist die
Schicksalsstunde gekommen. Rodja, Rodja, du reisest doch nicht sofort
ab?«

»Nein.«

»Du wirst noch einmal herkommen?«

»Ja ... ich werde herkommen.«

»Rodja, sei mir nicht böse, ich darf dich nicht ausfragen. Ich weiß, daß
ich es nicht darf, aber sag mir bloß, nur zwei kleine Worte sage mir:
Ist es weit, wohin du reist?«

»Sehr weit.«

»Was, hast du eine Anstellung dort oder ist es für deine Karriere
wichtig?«

»Was Gott gibt ... beten Sie nur für mich ...«

Raskolnikoff ging zur Türe, aber sie hielt sich an ihm fest und sah ihm
mit einem verzweifelten Blick in die Augen. Ihr Gesicht war vor
Entsetzen entstellt.

»Genug, Mama,« sagte Raskolnikoff und bereute tief, daß er auf den
Gedanken gekommen war, herzukommen.

»Es ist doch nicht für immer? Nicht für ewig? Du wirst doch noch
herkommen, wirst du morgen kommen?«

»Ich werde kommen, werde kommen, leben Sie wohl!«

Er riß sich endlich los.

Der Abend war frisch, warm und klar; das Wetter war seit dem Morgen
schön geworden. Raskolnikoff ging eilig nach Hause. Er wollte allem bis
zu Sonnenuntergang ein Ende machen. Bis dahin sollte ihn niemand sehen.
Als er zu seiner Wohnung hinaufstieg, bemerkte er, daß Nastasja sich vom
Samowar abwandte, ihn unverwandt beobachtete und mit den Augen
verfolgte. »Sollte etwa jemand bei mir sein?« dachte er. Voll
Widerwillen dachte er an Porphyri Petrowitsch. Als er aber sein Zimmer
erreicht und die Türe geöffnet hatte, erblickte er Dunetschka. Sie saß
mutterseelenallein in tiefem Nachdenken und schien schon lange auf ihn
zu warten. Er blieb auf der Schwelle stehen. Sie erhob sich erschreckt
vom Sofa und blieb aufgerichtet vor ihm stehen. Ihr Blick, unverwandt an
ihm haftend, drückte Entsetzen und einen untilgbaren Kummer aus. Und an
diesem Blicke merkte er sofort, daß sie alles wußte.

»Soll ich zu dir hineinkommen oder fortgehen?« fragte er mißtrauisch.

»Ich habe den ganzen Tag bei Ssofja Ssemenowna gesessen; wir haben dich
beide erwartet. Wir dachten, daß du unbedingt dorthin kommen würdest.«

Raskolnikoff trat in das Zimmer und setzte sich ermattet auf einen
Stuhl.

»Ich bin etwas schwach, Dunja; ich bin zu müde; ich möchte aber
wenigstens in diesem Augenblicke mich völlig beherrschen.«

Er warf ihr einen schnellen mißtrauischen Blick zu.

»Wo warst du denn die ganze Nacht?«

»Ich erinnere mich dessen nicht gut; siehst du, Schwester, ich wollte zu
einem endgültigen Entschluß kommen und bin mehrere Male an der Newa hin-
und hergegangen; dessen erinnere ich mich. Ich wollte dort ein Ende
machen, aber ... konnte mich nicht entschließen ...« flüsterte er und
blickte Dunja wieder mißtrauisch an.

»Gott sei Dank! Und wie wir das fürchteten, -- ich und Ssofja
Ssemenowna! Also, du glaubst noch ans Leben, -- Gott sei Dank, Gott sei
Dank!«

Raskolnikoff lächelte bitter.

»Ich glaubte nicht daran, soeben aber habe ich die Mutter umarmt und mit
ihr zusammen geweint; ich glaube nicht daran, aber ich habe sie gebeten,
für mich zu Gott zu beten. Gott weiß, wie das alles vor sich geht,
Dunetschka und ich begreife nichts.«

»Du warst bei der Mutter? Du hast ihr es selbst gesagt?« rief Dunja
entsetzt aus. -- »Hast du es gewagt, ihr zu sagen?«

»Nein, ich habe ihr nichts ... mit Worten gesagt, aber sie hat vieles
begriffen. Sie hat in der Nacht gehört, wie du phantasiert hast. Ich bin
überzeugt, daß sie die Hälfte schon versteht. Ich habe vielleicht
schlecht daran getan, daß ich zu ihr ging. Ich weiß auch nicht mal,
warum ich zu ihr hingegangen bin. Ich bin ein gemeiner Mensch, Dunja.«

»Du ein gemeiner Mensch und bist doch bereit, das Leiden auf dich zu
nehmen! Du gehst doch um zu leiden?«

»Ich gehe. Sofort. Ja, um dieser Schande zu entgehen, wollte ich mich
auch ins Wasser stürzen, Dunja, aber ich dachte, als ich schon über dem
Wasser stand, wenn ich mich bisher für stark gehalten habe, so soll ich
mich jetzt auch nicht vor der Schande fürchten,« sagte er. »Das ist der
Stolz, Dunja?«

»Ja, das ist der Stolz, Rodja.«

Wie ein Feuer leuchtete es in seinen trüben Augen auf; ihm schien es
eine Freude zu sein, daß er noch stolz sein konnte.

»Meinst du aber nicht, Schwester, daß mir einfach vor dem Wasser bange
war,« fragte er mit einem bitteren Lächeln und blickte ihr ins Gesicht.

»Oh, Rodja, höre damit auf!« rief Dunja bitter aus.

Etwa zwei Minuten dauerte das Schweigen. Er saß mit gesenktem Kopfe und
sah zu Boden; Dunetschka stand am anderen Ende des Tisches und blickte
ihn voll innerer Qual an.

Plötzlich stand er auf.

»Es ist spät, es ist Zeit. Ich gehe jetzt, mich anzuzeigen. Aber ich
weiß nicht, warum ich gehe, mich anzuzeigen.«

Große Tränen rollten über ihre Wangen.

»Du weinst, Schwester, kannst du mir noch die Hand reichen?«

»Und du hast daran zweifeln können?«

Sie umarmte ihn innig.

»Büßest du nicht schon zur Hälfte dein Verbrechen mit deinem Leid?« rief
sie aus, drückte ihn fest an sich und küßte ihn.

»Verbrechen? Was für ein Verbrechen?« rief er plötzlich in einem Anfalle
von Wut, »etwa, weil ich eine scheußliche, bösartige Laus, eine alte
Wucherin ermordet habe, die niemand braucht, für deren Ermordung einem
vierzig Sünden vergeben werden müssen, die den Armen den letzten
Blutstropfen aussaugte, -- und das soll ein Verbrechen sein? Ich denke
gar nicht daran und denke nicht daran, es tilgen zu wollen. Und was
kommen sie mir alle mit diesem Wort >Verbrechen, Verbrechen!< Jetzt erst
sehe ich den ganzen Unsinn meiner Kleinmütigkeit klar, jetzt erst, wo
ich mich schon entschlossen habe, diese unnötige Schande auf mich zu
nehmen! Bloß aus Gemeinheit und aus Untauglichkeit habe ich mich dazu
entschlossen, ja vielleicht auch aus Berechnung, wie dieser ... Porphyri
Petrowitsch mir vorgeschlagen hat! ...«

»Bruder, Bruder, was sagst du! Du hast aber doch Blut vergossen!« rief
Dunja verzweifelt aus.

»Das alle vergießen,« fiel er fast rasend ein, »das in der Welt wie ein
Wasserfall fließt und immer geflossen ist, das wie Champagner vergossen
wird, und für das man im Kapitol gekrönt und nachher Wohltäter der
Menschheit genannt wird. Schau doch bloß näher zu und sieh es! Ich
selbst wollte den Menschen Gutes und hätte hunderte, tausende gute Werke
vollbracht, anstatt dieser einzigen Dummheit, die sogar keine Dummheit,
sondern bloß eine Ungeschicktheit war, weil der gesamte Gedanke gar
nicht so dumm war, wie er jetzt nach dem Mißlingen erscheint ... Beim
Mißlingen erscheint alles dumm! ... Mit dieser Dummheit wollte ich mich
bloß in eine unabhängige Stellung bringen, den ersten Schritt tun, die
Mittel erhalten, und nachher würde alles durch einen verhältnismäßig
unermeßlichen Nutzen ausgeglichen worden sein ... Aber ich, ich habe
auch nicht mal den ersten Schritt ausgehalten, weil ich -- ein Schuft
bin! Siehst du, so steht die Sache! Und dennoch kann ich eure Ansicht
nicht teilen, -- wäre es mir gelungen, so würde man mich gekrönt haben,
jetzt aber muß ich in die Falle!«

»Aber das ist es doch nicht, ganz und gar nicht! Bruder, was sagst du
nur!«

»Ah! Nicht die richtige Form, die Form ist nicht ästhetisch genug! Nun,
ich begreife entschieden nicht, -- warum es eine angesehenere Form sein
soll auf die Menschen Bomben zu werfen, eine regelrechte Belagerung zu
führen? Die Furcht vor dem Unästhetischen ist das erste Zeichen von
Schwäche! ... Niemals, niemals habe ich es klarer als jetzt empfunden,
und mehr als je begreife ich jetzt mein Verbrechen! Niemals, niemals war
ich stärker und überzeugter, als jetzt!«

Das Blut war in sein blasses, abgehärmtes Gesicht gestiegen. Als er die
letzten Worte aussprach, begegnete zufällig sein Blick den Augen Dunjas
und er sah darin soviel, soviel Qual seinetwegen, daß er unwillkürlich
zur Besinnung kam. Er fühlte, daß er trotz alledem diese zwei armen
Frauen unglücklich gemacht hatte. Er war trotz alledem noch die Ursache
dazu ...

»Dunja, liebe Dunja! Wenn ich Schuld habe, vergib mir, obwohl man mir
nicht vergeben kann, wenn ich Schuld habe. Lebwohl! Wir wollen uns nicht
streiten! Es ist Zeit, es ist höchste Zeit. Folge mir nicht, ich flehe
dich an, ich muß noch zu jemandem hingehen ... Gehe sofort zur Mutter
und setze dich zu ihr hin. Ich flehe dich an! Das ist meine letzte
größte Bitte an dich. Verlaß sie in dieser Zeit nicht; ich habe sie in
Unruhe hinterlassen, die sie kaum überstehen wird, -- entweder stirbt
sie oder sie verliert den Verstand. Bleib bei ihr! Rasumichin wird euch
zur Seite stehen; ich habe es ihm gesagt ... Weine nicht um mich, -- ich
werde versuchen, mutig und ehrlich das ganze Leben zu sein, obwohl ich
ein Mörder bin. Vielleicht wirst du einmal meinen Namen hören. Ich werde
euch keine Schande machen, du wirst sehen; ich will noch beweisen ...
jetzt, vorläufig auf Wiedersehen,« beeilte er sich zu sagen, als er in
den Augen Dunjas wieder einen sonderbaren Ausdruck bei seinen letzten
Worten und Versprechungen bemerkte. -- »Warum weinst du denn so? Weine
nicht, weine nicht; wir trennen uns doch nicht für immer! ... Ach, ja!
Warte, ich habe etwas vergessen! ...«

Er trat an den Tisch, nahm ein dickes verstaubtes Buch, öffnete es und
nahm ein kleines Aquarellbild auf Elfenbein heraus. Es war das Bild der
Tochter seiner Wirtin, seiner früheren Braut, die am Fieber gestorben
war, desselben merkwürdigen jungen Mädchens, das in ein Kloster gehen
wollte. Eine Weile blickte er dieses ausdrucksvolle und krankhafte
Gesicht an, küßte das Bild und überreichte es Dunetschka.

»Mit ihr habe ich viel _darüber_ gesprochen, mit ihr allein,« sagte er
sinnend, »ihrem Herzen habe ich vieles davon mitgeteilt, was nachher
sich in so häßlicher Weise erfüllt hatte. Sei ruhig,« wandte er sich an
Dunetschka, »sie war mit mir nicht einverstanden, so wenig wie du, und
ich bin froh, daß sie nicht mehr lebt. Die Hauptsache, die Hauptsache
ist, daß alles jetzt neu anhebt, daß alles entzwei brechen wird,« rief
er plötzlich aus, wieder in seinen Gram zurückfallend, »alles, alles,
bin ich aber dazu vorbereitet? Will ich es auch selbst? Man sagt, es sei
nötig zu meiner Prüfung! Wozu, wozu alle diese unsinnigen Prüfungen?
Wozu sind sie, werde ich etwa dann erdrückt von Qual und Stumpfheit in
greisenhafter Schwäche nach zwanzigjähriger Zwangsarbeit es besser
empfinden, als ich es jetzt tue, und wozu soll ich dann noch leben?
Warum gehe ich jetzt darauf ein, so zu leben? Oh, ich wußte, daß ich ein
Schuft bin, als ich heute bei Tagesanbruch an der Newa stand!«

Beide gingen schließlich hinaus. Es war Dunja schwül, aber sie liebte
ihn! Sie ging von ihm, aber als sie etwa fünfzig Schritte gegangen war,
wandte sie sich noch einmal um, um ihm nachzuschauen. Man konnte ihn
noch sehen. Als er an die Ecke kam, wandte er sich ebenfalls um; zum
letzten Male trafen sich ihre Blicke; als er aber bemerkte, daß sie ihm
nachblickte, winkte er ihr ungeduldig und ärgerlich mit der Hand, daß
sie weitergehen solle, und bog selbst schnell um die Ecke.

»Ich bin böse, ich merke es,« dachte er und schämte sich seiner
ärgerlichen Handbewegung. -- »Aber warum lieben sie mich so, wenn ich
ihrer Liebe nicht wert bin! Oh, wäre ich allein und hätte mich niemand
lieb, und hätte ich selbst niemals jemand geliebt! _Alles dieses wäre
nicht gewesen!_ Ich gäbe viel darum, wenn ich wüßte, ob nach diesen
kommenden fünfzehn, zwanzig Jahren meine Seele so gedemütigt sein wird,
daß ich voll Ehrfurcht vor Menschen ächzen und klagen und mich bei jedem
Worte Räuber nennen werde? Ja, es wird so kommen, wird kommen! Darum
schicken sie mich auch jetzt nach Sibirien, sie wollen es haben ... Da
laufen sie nun alle in den Straßen herum, und jeder unter ihnen ist
schon seiner Natur nach ein Schuft und Räuber; schlimmer noch -- ein
Idiot! Sollte man aber mich mit Sibirien verschonen, so würden sie alle
vor edler Empörung überschäumen! Oh, wie ich sie alle hasse!«

Er sann darüber nach, -- »auf welche Weise es kommen müsse, damit er
zuletzt, ohne mit sich in Widerspruch zu geraten, demütiger würde! Warum
denn auch nicht? Sicher wird es so werden. Werden ihn die zwanzig Jahre
ununterbrochener Unterdrückung nicht endgültig brechen? Steter Tropfen
höhlt den Stein. Und warum, wozu nach alledem noch leben, wozu gehe ich
jetzt hin, wenn ich selbst weiß, daß alles genau so kommen wird, und
nicht anders?«

Er legte sich diese Frage vielleicht schon zum hundertsten Male seit
gestern Abend vor, aber dennoch ging er hin.


                                 VIII.

Als er zu Ssonja eintrat, begann es schon zu dämmern. Ssonja hatte den
ganzen Tag in schrecklicher Aufregung auf ihn gewartet; schon mit Dunja
zusammen. Dunja war am frühen Morgen zu ihr gekommen, als sie sich der
Worte von Sswidrigailoff erinnerte, daß Ssonja »darüber alles weiß«. --
Wir wollen der Einzelheiten der Unterhaltung zwischen den beiden Frauen,
ihrer Tränen und dessen, wie weit sie einander näher gekommen waren,
nicht gedenken. Dunja hatte bei dieser Zusammenkunft wenigstens den
Trost gefunden, daß ihr Bruder nicht allein sein werde -- zu ihr, zu
Ssonja, war er zuerst mit seiner Beichte gegangen; in ihr hatte er einen
Menschen gesucht, als er einen Menschen brauchte; sie würde ihm auch
überall folgen, wohin das Schicksal ihn führen sollte. Sie fragte auch
nicht, aber sie wußte, daß es so kommen werde. Sie begegnete Ssonja
sogar mit Ehrfurcht und machte sie zuerst dadurch ganz verwirrt. Ssonja
war anfangs nahe daran, zu weinen; sie hielt sich für unwürdig, Dunja
nur anzublicken. Das Bild Dunjas, als sie sich so aufmerksam und
achtungsvoll bei ihrem ersten Zusammentreffen in Raskolnikoffs Wohnung
von ihr verabschiedet, hatte sich seitdem für immer in ihrer Seele
eingegraben, als einer der schönsten und höchsten Augenblicke in ihrem
Leben.

Dunetschka hatte es schließlich nicht mehr ausgehalten, sie war von
Ssonja gegangen, um den Bruder in seiner Wohnung zu erwarten; sie
glaubte, daß er dorthin schließlich zuerst gehen würde. Als Ssonja
allein geblieben war, begann sie sich mit dem Gedanken, daß er wirklich
ein Leid sich antun würde, zu quälen. Dasselbe fürchtete auch Dunja.
Aber beide übertrafen sich den ganzen Tag in dem Bestreben, einander zu
überzeugen, daß es nicht der Fall sein könne, und waren ruhiger, solange
sie beisammen waren. Jetzt aber, wo sie getrennt waren, dachte die eine
wie die andere nur noch daran. Ssonja erinnerte sich, daß Sswidrigailoff
ihr gestern gesagt hatte, Raskolnikoff habe nur zwei Wege, -- entweder
Sibirien, oder ... Sie kannte zudem seinen Ehrgeiz, seinen Stolz, seine
Eigenliebe und seinen Unglauben.

»Kann nur der Kleinmut und die Furcht vor dem Tode ihn zwingen, zu
leben?« dachte sie schließlich in Verzweiflung. Und die Sonne ging schon
unter. Sie stand traurig vor dem Fenster und blickte unverwandt hinaus,
-- aber man sah hier bloß die ungeweißte Grundmauer des Nachbarhauses.
Als sie schon von dem Tode des Unglücklichen völlig überzeugt war, --
trat er in ihr Zimmer.

Ein freudiger Schrei entrang sich ihrer Brust. Aber als sie aufmerksam
sein Gesicht ansah, erbleichte sie sofort.

»Nun, ja!« sagte Raskolnikoff mit bitterem Lächeln, »ich komme, mir dein
Kreuz zu holen, Ssonja. Du hast mich doch selbst auf den Kreuzweg
geschickt; was, bist du etwa bange geworden, da es zur Ausführung
kommt?«

Ssonja blickte ihn fassungslos an. Dieser Ton erschien ihr merkwürdig,
-- ein kaltes Frösteln durchzog ihren Körper, nach einer Minute aber
erriet sie, daß der Ton, wie auch die Worte nur angenommen waren. Er
sprach auch mit ihr so sonderbar, indem er zur Seite blickte und
vermied, ihr ins Gesicht zu sehen.

»Ich habe, -- siehst du, Ssonja, -- eingesehen, daß es in dieser Weise
auch vielleicht vorteilhafter sein wird. Es gibt hier einen Umstand ...
Es ist lange zu erzählen und lohnt sich auch nicht. Weißt du, was mich
bloß ärgert? Mir ist es ärgerlich, daß alle diese dummen tierischen
Fratzen mich gleich umringen, mich anglotzen, mir ihre dumme Frage
vorlegen werden, die man beantworten muß, -- und daß man auf mich mit
Fingern zeigen wird ... Pfui! Weißt du, ich will nicht zu Porphyri
Petrowitsch gehen; er langweilt mich. Ich gehe lieber zu meinem Freunde
Pulver, der wird erstaunen, da werde ich einen Effekt in seiner Art
erringen. Man müßte kaltblütiger sein; ich bin in der letzten Zeit zu
erbittert geworden. Glaubst du mir, -- ich habe soeben meiner Schwester
fast mit der Faust gedroht und bloß aus dem Grunde, weil sie sich
umwandte, um mich zum letzten Male zu sehen. So ein Zustand ist eine
Schweinerei! Ach, wie weit ist es mit mir gekommen! Nun, wo ist das
Kreuz?«

Er war wie ausgewechselt. Er konnte nicht mal einen Augenblick auf einem
Flecke ruhig stehen, konnte seine Aufmerksamkeit auf keinen Gegenstand
konzentrieren, seine Gedanken übersprangen einander, er redete wirr;
seine Hände zitterten leicht.

Ssonja nahm schweigend aus einem Kasten zwei Kreuze -- eins aus
Zypressenholz und das andere aus Kupfer; sie bekreuzte sich selbst,
bekreuzte ihn und legte um seinen Hals das Kreuzlein aus Zypressenholz.

»Das ist also ein Symbol, daß ich das Kreuz auf mich nehme, he! he! Als
hätte ich bis jetzt wenig gelitten! Aus Zypressenholz, also wie das Volk
es trägt; das kupferne, das von Lisaweta, nimmst du, zeige mir. Also sie
hatte es ... in dem Augenblicke um? Ich kenne auch zwei ähnliche Kreuze,
ein silbernes und ein Heiligenbildchen. Ich warf sie damals der Alten
auf die Brust. -- Die würden jetzt passen, wirklich, die sollte ich auch
umlegen ... übrigens, ich lüge die ganze Zeit, vergesse immer die
Angelegenheit, die mich herführte, ich bin ein wenig zerstreut ...
Siehst du, Ssonja, -- ich bin eigentlich gekommen, um dir es vorher zu
sagen, damit du es weißt ... Das ist auch alles ... Ich bin bloß
deswegen gekommen. Hm! ich dachte übrigens, daß ich dir mehr sagen werde
... Du wolltest doch selbst, daß ich hingehe; nun, jetzt werde ich im
Gefängnis sitzen und dein Wunsch wird erfüllt sein. Warum weinst du
denn? Auch du weinst? Höre auf, laß es, ach, wie schwer mir alles ist!«

Eine weichere Empfindung überkam ihn doch; sein Herz schnürte sich bei
ihrem Anblicke zusammen. -- »Warum weint sie denn?« dachte er, »was bin
ich ihr? Warum weint sie, warum nimmt sie von mir Abschied, wie meine
Mutter oder Dunja? Sie wird mein Kindermädchen sein!«

»Bekreuze dich, bete wenigstens einmal,« bat ihn Ssonja mit zitternder,
schüchterner Stimme.

»Oh, bitte, soviel du wünschst! Und ich tue es mit aufrichtigem Herzen,
Ssonja, mit aufrichtigem Herzen ...«

Er wollte etwas ganz anderes sagen.

Er bekreuzte sich einige Male. Ssonja nahm ein Tuch und warf es um die
Schulter. Es war ein großes grünes Tuch, wahrscheinlich dasselbe, von
dem Marmeladoff damals gesprochen hatte. Raskolnikoff kam der Gedanke,
aber er fragte nicht danach. Er begann in der Tat selbst zu fühlen, daß
er schrecklich zerstreut und eigentümlich beunruhigt war. Er erschrak
darüber. Es setzte ihn auch plötzlich in Erstaunen, daß Ssonja mit ihm
gehen wolle.

»Was ist? Wohin willst du? Bleibe, bleibe zu Hause! Ich gehe allein,«
rief er in kleinmütigem Ärger und ging beinahe erzürnt zu der Türe. --
»Und wozu ein ganzes Gefolge!« murmelte er hinaustretend.

Ssonja blieb mitten im Zimmer stehen. Er hatte nicht mal Abschied von
ihr genommen, er hatte sie schon vergessen; ein brennender und sich
empörender Zweifel wogte in seiner Seele.

»Ist es auch das Richtige, ist auch alles richtig?« dachte er wieder,
als er die Treppe hinunterging, »kann man denn nicht stehen bleiben und
alles wieder gutmachen ... und nicht hingehen?«

Er ging aber doch den Weg. Er sagte sich endgültig, daß es sich nicht
lohne, weitere Fragen an sich zu stellen. Auf der Straße fiel es ihm
ein, daß er sich von Ssonja nicht verabschiedet hatte, daß sie mitten im
Zimmer in ihrem grünen Tuche stehen geblieben war, ohne zu wagen, sich
zu rühren, als er sie angeschrien hatte, -- und er blieb eine Weile
stehen. Im selben Augenblick durchzuckte ihn plötzlich ein Gedanke, --
als hätte er nur gewartet, um ihn vollständig verwirrt zu machen.

»Wozu, warum bin ich jetzt bei ihr gewesen? Ich sagte ihr, -- in einer
Angelegenheit; was war es für eine Angelegenheit? Es war absolut nichts!
Um ihr mitzuteilen, daß ich _hingehe_; was ist denn dabei? War es
notwendig, das ihr zu sagen? Liebe ich sie etwa? Nein, doch gar nicht?
Ich habe sie doch soeben wie einen Hund von mir gestoßen. Brauchte ich
etwa ihre Kreuze? Oh, wie tief ich gesunken bin! Nein, -- ich brauchte
ihre Tränen, ich mußte ihr Erschrecken sehen, ich mußte sehen, wie ihr
das Herz schmerzt und sie sich quält! Ich mußte mich an irgend etwas
anklammern, es in die Länge ziehen, einen Menschen sehen! Und ich habe
es gewagt, so auf mich zu hoffen, so von mir zu träumen, ich Bettler,
ich unbedeutender Schuft, Schuft!«

Er ging am Kanale entlang und hatte nicht mehr weit. Als er aber bis zur
Brücke kam, blieb er einen Augenblick stehen, bog dann zur Seite ab und
ging über die Brücke zum Heumarkte.

Er blickte neugierig rechts und links um sich, betrachtete aufmerksam
jeden Gegenstand und konnte auf nichts die Aufmerksamkeit konzentrieren;
alles entglitt ihm. -- »Nach einer Woche, nach einem Monat wird man mich
in einem Gefängniswagen irgendwohin über diese Brücke führen, wie werde
ich dann diesen Kanal ansehen, -- ich müßte es mir merken,« durchfuhr es
ihn. »Dieses Aushängeschild dort, -- wie werde ich dann diese Buchstaben
lesen? Da steht geschrieben -- _Genossenschaft_, -- nun, ich sollte mir
dieses >o<, diesen Buchstaben o merken, und nach einem Monat dieses o
ansehen, -- wie werde ich es dann ansehen? Was werde ich dann empfinden
und denken? ... Mein Gott, wie dies alles gemein sein muß, alle meine
jetzigen ... Sorgen! Gewiß, dies alles muß interessant ... in seiner Art
sein ... ha! ha! ha! ... worüber ich bloß denke! Ich werde wie ein Kind,
ich spiele mit mir selbst; nun, warum halte ich mir dieses vor? Pfui,
wie sie stoßen! Dieser Dicke da, -- wahrscheinlich ein Deutscher, -- der
mich soeben gestoßen hat; nun, weiß er, wen er gestoßen hat? Eine Frau
mit einem Kinde bettelt, es ist amüsant, daß sie mich für glücklicher
als sich selbst hält. Was, sollte ich der Kuriosität wegen ihr auch ein
Almosen geben? Bah, ich habe ja volle fünf Kopeken in der Tasche, woher
bloß? Na ... nimm es, Mütterchen!«

»Gott schütze dich!« ertönte die weinerliche Stimme der Bettlerin.

Er trat auf den Heumarkt. Ihm war es unangenehm, sehr unangenehm sogar,
mit Leuten zusammenzukommen, er ging aber gerade dorthin, wo man am
meisten Menschen sah. Er hätte alles in der Welt hingegeben, um allein
zu bleiben, aber er fühlte selbst, daß er keinen einzigen Augenblick
allein sein konnte. In einer Menge trieb ein Betrunkener sein Wesen, er
wollte die ganze Zeit tanzen, fiel aber immer hin. Man hatte ihn
umringt. Raskolnikoff drängte sich durch die Menge hindurch, blickte
einige Augenblicke den Betrunkenen an und lachte plötzlich kurz und
abgerissen auf. Nach einer Minute hatte er ihn schon vergessen, bemerkte
ihn nicht mehr, obwohl er ihn noch anblickte. Er ging schließlich
zurück, ohne sich zu erinnern, wo er sich befand; als er aber bis zur
Mitte des Platzes gekommen war, vollzog sich mit ihm plötzlich eine
Veränderung, eine Empfindung packte ihn mit einem Male, nahm ihn
vollständig körperlich und seelisch -- gefangen.

Er erinnerte sich plötzlich der Worte von Ssonja, »geh zu einem
Kreuzweg, verneige dich vor den Menschen, küsse die Erde, weil du vor
ihr gesündigt hast, und sage laut der ganzen Welt: -- Ich bin ein
Mörder!«

Er zitterte am ganzen Körper, als er sich daran erinnerte. Und so stark
hatte ihn schon der aussichtslose Gram und die Unruhe der ganzen Zeit,
besonders aber der letzten Stunden erdrückt, daß er sich dieser neuen
Empfindung vollkommen und ungeteilt hingab. Wie ein Anfall war es
plötzlich über ihn gekommen; durch einen Funken entzündete es sich in
seiner Seele und erfaßte ihn mit einem Male, wie ein Feuer, ganz und
gar. Alles wurde in ihm weich und Tränen stürzten hervor. Wie er stand,
so fiel er auch zu Boden ...

Er kniete mitten auf dem Platze nieder, verneigte sich bis zur Erde und
küßte diese schmutzige Erde voll Genuß und Glück. Er stand auf und
verneigte sich zum zweiten Male ...

»Sieh, wie der sich vollgesoffen hat!« bemerkte ein Bursche in seiner
Nähe.

Lachen ertönte.

»Er geht nach Jerusalem, nimmt Abschied von seinen Kindern, seiner
Heimat, verneigt sich vor der ganzen Welt und küßt die Residenzstadt
Sankt Petersburg und seinen Boden,« fügte ein betrunkener Kleinbürger
hinzu.

»Er ist noch jung, der Bursche!« bemerkte ein dritter.

»Einer von den Adeligen!« sagte jemand mit gesetzter Stimme.

»Heutzutage erkennt man nicht mehr, wer von Adel ist, und wer nicht.«

Alle diese Zurufe und Bemerkungen hielten Raskolnikoff zurück, und das
Bekenntnis »ich habe getötet!,« das er abzulegen bereit war, unterblieb.
Die Zurufe nahm er in Ruhe hin, ging ohne sich umzusehen, durch eine
Gasse zum Polizeibureau. Unterwegs bemerkte er, daß ihm jemand folgte,
aber er war darüber nicht erstaunt; er hatte es geahnt. Als er auf dem
Heumarkte sich zum zweiten Male bis zur Erde verneigte und sich links
wandte, erblickte er fünfzig Schritte entfernt Ssonja. Sie verbarg sich
vor ihm hinter einer der hölzernen Buden, die auf dem Markte standen,
also hatte sie ihn auf seinem ganzen Leidensweg begleitet. Raskolnikoff
fühlte und begriff in diesem Augenblicke ein für allemal, daß Ssonja
ewig bei ihm sein und ihm bis ans Ende der Welt folgen werde, was ihm
das Schicksal auch senden würde. Und sein Herz wandte sich ... aber, --
er war schon an der verhängnisvollen Stelle angelangt ...

Ziemlich sicher trat er in den Hof. Er mußte in den dritten Stock. --
»Es dauert noch eine Weile, bis ich hinaufkomme,« dachte er. Überhaupt
schien es ihm, als wäre es noch weit bis zu dem entscheidenden
Augenblicke, als hätte er noch viel Zeit und könne sich vieles noch
überlegen.

Wieder derselbe Schmutz, dieselben Schalen auf der sich windenden
Treppe, wieder waren die Türen zu den Wohnungen weit offen, wieder
dieselben Küchen, aus denen Dunst und Gestank herausdrang. Raskolnikoff
war seit damals nicht mehr hier gewesen. Seine Beine erstarben und
knickten zusammen, aber sie trugen ihn vorwärts. Er blieb einen
Augenblick stehen, um Atem zu holen, um sich in Ordnung zu bringen, um
als _Mensch_ einzutreten.

»Wozu aber? Warum?« dachte er plötzlich, als er seiner Bewegung gewahr
wurde. -- »Wenn man schon diesen Kelch leeren muß, ist dann nicht alles
gleichgültig? Je häßlicher, um so besser!«

In seiner Erinnerung tauchte in diesem Momente die Gestalt von Ilja
Petrowitsch Pulver auf. »Soll ich tatsächlich zu ihm gehen? Kann ich
nicht zu einem anderen? Nicht zu Nikodim Fomitsch? Oder sofort umkehren
und zum Kommissar selbst in seine Wohnung gehen? Alles wird wenigstens
dann in angenehmerer Weise ... Nein, nein! Zu Pulver, zu Pulver! Wenn
ich ihn schon leeren soll, so alles auf einmal ...«

Erstarrt vor Kälte und kaum seiner mächtig, öffnete er die Türe zum
Polizeibureau. Diesmal waren sehr wenig Leute da, ein Hausknecht und
noch ein Mann. Der Wächter schaute nicht einmal aus seiner Kammer
heraus. Raskolnikoff ging in das andere Zimmer. -- »Vielleicht läßt es
sich noch vermeiden,« schwirrte es ihm durch den Kopf. In diesem Zimmer
begann gerade irgend ein Schreiber in Zivilkleidung etwas auf seinem
Pulte zu schreiben. In einer Ecke setzte sich ein anderer Schreiber hin.
Sametoff war nicht da. Nikodim Fomitsch selbstverständlich auch nicht.

»Ist niemand da?« fragte Raskolnikoff, sich an den Schreiber am Pulte
wendend.

»Wen wünschen Sie?«

»Ah -- ah! Man hört nichts, man sieht nichts, bloß der russische Geist
... wie heißt es doch in jenem Märchen ... habe es vergessen! M--m--mein
Kompliment!« rief plötzlich eine bekannte Stimme.

Raskolnikoff erbebte. Vor ihm stand Pulver; er war unbemerkt aus dem
dritten Zimmer eingetreten.

»Das ist das Schicksal,« dachte Raskolnikoff, »warum ist er hier?«

»Zu uns? In welcher Angelegenheit?« rief Ilja Petrowitsch aus. (Er war
offenbar in ausgezeichneter und sogar ein wenig erregter Stimmung.)
»Wenn Sie in einer geschäftlichen Angelegenheit kommen, so ist es dazu
noch zu früh. Ich selbst bin nur zufälligerweise hier ... Übrigens stehe
ich zu Ihren Diensten. Ich muß gestehen ... Wie? Wie? Entschuldigen Sie
...«

»Raskolnikoff.«

»Aha, Raskolnikoff? Konnten Sie glauben, daß ich Ihren Namen vergessen
habe! Bitte, halten Sie mich nicht für so einen ... Rodion Ro... Ro...
Rodionytsch, nicht wahr, es ist doch richtig?«

»Rodion Romanowitsch.«

»Ja, ja, ja! Rodion Romanowitsch, Rodion Romanowitsch! Das wollte ich
gerade wissen. Habe mich sogar mehrere Male nach Ihnen erkundigt. Ich
muß Ihnen gestehen, seit der Zeit war ich aufrichtig betrübt, als wir
damals mit Ihnen so ... man hat mir nachher alles erklärt, ich erfuhr,
daß Sie ein junger Literat und sogar Gelehrter ... und sozusagen, die
ersten Schritte ... oh, mein Gott! Ja, wer von den Literaten und
Gelehrten hat im Anfange nicht originelle Schritte getan! Ich und meine
Frau, -- wir beide schätzen die Literatur, meine Frau sogar
leidenschaftlich! ... Literatur und Kunst! Wenn einer nur anständig ist,
alles übrige aber kann er durch Talent, Wissen, Verstand, Genie
erwerben! Ein Hut -- nun, was bedeutet z. B. ein Hut? Ein Hut ist ein
Deckel, ich kann ihn im besten Laden kaufen; was aber unter dem Hute
steckt und mit dem Hute verdeckt wird, das kann ich nicht kaufen! ...
Ich muß gestehen, wollte sogar zu Ihnen kommen, Ihnen eine Erklärung
abgeben, aber ich dachte, daß Sie vielleicht ... Jedoch ich vergesse
ganz, Sie zu fragen, -- brauchen Sie tatsächlich etwas von uns? Man
sagte mir, Sie haben Besuch von Ihren Verwandten?«

»Ja, meine Mutter und Schwester.«

»Ich hatte sogar die Ehre und das Glück, Ihre Schwester zu treffen, --
eine gebildete und reizende Dame. Ich muß gestehen, ich bedauerte sehr,
daß wir damals beide so hitzig wurden. Ein Zufall! Und daß ich Sie
damals infolge Ihrer Ohnmacht, mit einem gewissen Blicke ansah, -- das
hat sich doch sofort in glänzendster Weise aufgeklärt! Grausamkeit und
Fanatismus! Ich begreife Ihre Entrüstung. Sie werden wohl infolge der
Ankunft Ihrer Familie in eine andere Wohnung ziehen und wollen uns wohl
das anmelden?«

»N--nein, ich bin bloß ... Ich bin gekommen, zu fragen ... ich dachte,
daß ich Herrn Sametoff hier antreffen werde.«

»Ach, ja! Sie sind ja Freunde geworden; ich habe davon gehört. Nein,
Sametoff ist nicht bei uns, -- den haben Sie verfehlt. Wir haben Herrn
Sametoff verloren! Seit gestern ist er nicht mehr bei uns; er ist in
einen anderen Dienst übergetreten ... und hat sich zum Abschied mit
allen gezankt ... er war zuletzt noch sehr unhöflich ... Er war ein
leichtsinniger Junge, mehr nichts; er berechtigte wohl zu Hoffnungen;
ja, aber so geht es mit unserer glänzenden Jugend! Er will ein Examen
ablegen, wir kennen das, -- sind bloß Redensarten, Wichtigtuerei und das
wird das ganze Examen sein. Es ist doch nicht, wie bei Ihnen z. B. der
Fall oder bei Herrn Rasumichin, Ihrem Freunde! Ihre Karriere ist die
eines Gelehrten, und Mißerfolge werden Sie nicht verstimmen. Für Sie
sind dies alles Reize des Lebens -- nihil. Sie sind ein Asket, ein
Mönch, ein Einsiedler! ... für Sie hat nur ein Buch Bedeutung, die
Feder, die Gelehrten und Untersuchungen, -- darin schwelgt Ihr Geist!
Ich bin teilweise selbst so ... Haben Sie das Buch von Livingstone
gelesen?«

»Nein.«

»Ich habe es gelesen. Heutzutage gibt es übrigens viel zu viel
Nihilisten; es ist auch begreiflich; die Zeiten sind auch danach, nicht
wahr? Übrigens ich ... Sie sind doch selbstverständlich kein Nihilist!
Sagen Sie es mir aufrichtig, ganz offen.«

»N--nein ...«

»Nein, ach, seien Sie doch mir gegenüber ganz offen, genieren Sie sich
nicht, tun Sie, als wären Sie allein mit sich! Der Dienst ist ein Ding
für sich, ein anderes Ding ... Sie meinten, ich wollte _Freundschaft_
sagen, nein, Sie haben es nicht erraten! Nicht Freundschaft, sondern das
Gefühl eines Mitbürgers und Mitmenschen, das Gefühl der Humanität und
der Liebe zum Allmächtigen. Ich kann eine offizielle Stellung und ein
Amt einnehmen, aber ich bin dennoch verpflichtet, den Bürger und
Menschen in mir stets zu fühlen, und muß mir darüber Rechenschaft
abgeben ... Sie beliebten Sametoff zu erwähnen. Sametoff ist imstande,
auf französische Art, in einem unanständigen Lokale beim Glas Champagner
oder moussierendem Wein loszulegen, -- sehen Sie, das ist Ihr Sametoff!
Ich aber bin sozusagen in Ergebenheit und hohen Gefühlen ganz
aufgegangen, habe außerdem einen Rang, eine Position, bekleide ein Amt!
Bin verheiratet und habe Kinder. Ich erfülle meine Pflichten als Bürger
und Mensch, wer aber ist er, gestatten Sie mir die Frage? Ich wende mich
an Sie, als einen durch Bildung geadelten Menschen. Sehen Sie, auch sehr
viel gelehrte Hebammen haben wir in letzter Zeit.«

Raskolnikoff zog fragend die Augenbrauen empor. Die Worte von Ilja
Petrowitsch, der anscheinend vor kurzem erst vom Mittagstische
aufgestanden war, schwirrten an seinem Ohre vorbei! Einen kleinen Teil
davon hatte er wohl aufgefangen. Er blickte ihn fragend an und wußte
nicht, wo er hinaus wollte.

»Ich spreche von diesen kurzgeschorenen Mädchen,« fuhr der redselige
Ilja Petrowitsch fort, »ich habe sie selbst gelehrte Hebammen benannt
und finde, daß diese Benennung sehr treffend ist. He! he! Sie kriechen
in die medizinische Akademie, lernen Anatomie; und, sagen Sie mir,
glauben Sie, wenn ich krank werde, daß ich mir etwa ein solches Mädchen
hole ließe, daß sie mich behandele? He! he!«

Ilja Petrowitsch lachte, sehr zufrieden mit seinen eigenen Witzen.

»Es ist wohl wahr, der Durst nach Bildung ist grenzenlos; aber nachdem
einer sich gebildet hat, muß es für ihn genug sein. Warum denn es
mißbrauchen? Warum denn ehrenhafte Personen beleidigen, wie es dieser
Schurke Sametoff tut? Warum hat er mich beleidigt, frage ich Sie? Und
wie die Selbstmorde jetzt zunehmen, -- Sie können es sich gar nicht
vorstellen. Alle verprassen ihr letztes Geld und töten sich dann. Kleine
Mädchen, Jungen, Greise ... Heute früh noch erhielten wir Mitteilung
über einen vor kurzem zugereisten Herrn Nil Pawlytsch, ah, Nil
Pawlytsch! Wie hieß doch dieser Gentleman, der sich erschossen hat, über
den wir die Mitteilung vorhin erhielten?«

»Sswidrigailoff,« antwortete jemand aus dem anderen Zimmer laut und
teilnahmslos.

Raskolnikoff zuckte zusammen.

»Sswidrigailoff! Sswidrigailoff hat sich erschossen?« rief er aus.

»Wie! Sie kannten Sswidrigailoff?«

»Ja ... ich kannte ihn ... Er war vor kurzem hierher gekommen ...«

»Nun, ja, er ist vor kurzem zugereist, hat seine Frau verloren, führte
ein ausschweifendes Leben, und hat sich plötzlich erschossen, und so
skandalös, daß man es sich nicht vorstellen kann ... hat in seinem
Notizbuche ein paar Worte hingeschrieben, daß er bei vollem Verstande
sterbe, und bittet, niemanden wegen seines Todes zu beschuldigen. Er
hatte Geld, sagt man. Wie haben Sie ihn denn kennengelernt?«

»Ich ... kannte ihn ... meine Schwester war in seinem Hause als
Gouvernante ...«

»Ah ... Sie können uns also über ihn einiges mitteilen. Sie ahnten gar
nichts davon?«

»Ich habe ihn gestern gesehen ... er ... trank Wein ... ich ahnte
nichts.«

Raskolnikoff fühlte sich so niedergeschmettert, als wäre etwas auf ihn
heruntergefallen und drücke ihn zu Boden.

»Sie sind blaß geworden. Bei uns ist die Luft sehr stickig ...«

»Ja, es ist für mich Zeit zu gehen,« murmelte Raskolnikoff, --
»entschuldigen Sie, daß ich Sie gestört habe ...«

»Oh, bitte sehr! Es war mir ein Vergnügen und ich bin froh, Ihnen zu
sagen ...«

Ilja Petrowitsch reichte ihm die Hand.

»Ich wollte bloß ... zu Sametoff ...«

»Ich begreife, begreife. Es war mir ein Vergnügen.«

»Ich ... freue mich sehr ... auf Wiedersehen ...« lächelte Raskolnikoff.

Er ging hinaus; schwankend. Der Kopf schwindelte ihm. Er fühlte seine
Füße nicht mehr. Langsam begann er die Treppe hinabzusteigen und stützte
sich dabei mit der rechten Hand an der Wand. Es schien ihm, daß ein
Hausknecht mit einem Buche in der Hand ihn gestoßen habe, daß ein Hund
im unteren Stockwerke ununterbrochen belle und daß ein Weib ein
Holzscheit nach dem Hunde werfe und ihn anschreie. Er ging die Treppe
hinunter und trat in den Hof. Hier auf dem Hofe, unweit vom Ausgange,
stand Ssonja, totenbleich, starr, und sah ihn fassungslos an. Er blieb
vor ihr stehen. Ihr Gesicht zeigte einen schmerzlichen, abgequälten,
verzweifelten Ausdruck. Sie schlug die Hände zusammen. Ein bitteres,
verlorenes Lächeln erschien für einen Moment auf seinen Lippen. Eine
Weile blieb er stehen, betrachtete sie und ging dann wieder hinauf in
das Polizeibureau.

Ilja Petrowitsch hatte sich gesetzt und wühlte in allerhand Papieren.
Vor ihm stand derselbe Mann, der vorhin Raskolnikoff gestoßen hatte.

»Ah! Sie sind es wieder! Haben Sie etwas vergessen? ... Aber was ist mit
Ihnen?«

Raskolnikoff näherte sich ihm mit blassen Lippen, mit verglasten Augen,
langsam trat er an den Tisch heran, stützte sich mit der Hand darauf,
wollte etwas sagen, aber konnte nicht; man hörte bloß unzusammenhängende
Töne.

»Ihnen ist schlecht, ein Stuhl! Hier, setzen Sie sich auf den Stuhl,
setzen Sie sich! Wasser!«

Raskolnikoff ließ sich auf den Stuhl nieder, wandte aber die Augen von
dem Gesichte des äußerst unangenehm überraschten Ilja Petrowitsch nicht
ab. Beide blickten eine Minute lang einander an und warteten. Das Wasser
wurde gebracht.

»Ich habe ...« begann Raskolnikoff.

»Trinken Sie Wasser.«

Raskolnikoff wehrte mit der Hand das Wasser ab und sagte leise mit
Pausen, aber deutlich:

»_Ich habe damals die alte Beamtenwitwe ... und ihre Schwester Lisaweta
... mit dem Beile erschlagen ... und beraubt._«

Ilja Petrowitsch öffnete den Mund vor Staunen. Von allen Seiten kamen
die Menschen gelaufen.

Raskolnikoff wiederholte sein Geständnis.




                                 Epilog


                                   I.

Sibirien. Am Ufer eines breiten, öden Flusses steht eine Stadt, eine von
den administrativen Zentren Rußlands; in der Stadt befindet sich eine
Festung, in der Festung ein Gefängnis. Im Gefängnisse sitzt schon neun
Monate der Zwangsarbeiter der zweiten Kategorie Rodion Raskolnikoff.
Seit dem Tage seiner Tat sind fast anderthalb Jahre vergangen.

Das Verfahren gegen ihn verlief ohne besondere Schwierigkeiten. Der
Verbrecher hielt sein Geständnis aufrecht, bestimmt und klar, ohne die
Sache zu verwirren, ohne etwas zu beschönigen, ohne die Tatsachen zu
verzerren und ohne die geringste Einzelheit zu verschweigen. Er hatte
bis zum letzten Punkt den ganzen Vorgang der Ermordung erzählt, hatte
das Geheimnis _des Versatzobjekts_ (des Stückes Holzes mit einem
Streifen aus Metall), das man in den Händen der ermordeten Alten
gefunden hatte, erklärt; er hatte umständlich erzählt, wie er die
Schlüssel von der Getöteten genommen hatte, beschrieb die Schlüssel, die
Truhe und womit sie angefüllt war; er hatte sogar einige von den
einzelnen Gegenständen, die darin lagen, aufgezählt; hatte das Rätsel
der Ermordung von Lisaweta erklärt; hatte erzählt, wie Koch gekommen war
und geklopft hatte, wie der Student nach ihm gekommen war, und hatte
alles, was sie untereinander gesprochen hatten, wiedergegeben; hatte
auch erzählt, wie er, der Verbrecher, nachher die Treppe
hinuntergelaufen war und das Kreischen von Nikolai und Dmitri gehört
hatte, wie er sich in der leerstehenden Wohnung versteckt hatte, nach
Hause gekommen war, und zum Schluß gab er den Stein auf dem Hofe am
Wosnesensky-Prospekt hinter dem Tore an, unter dem man auch die Sachen
und den Beutel fand. Mit einem Worte, die Sache war klar. Die
Untersuchungsrichter und die Richter waren unter anderem darüber sehr
erstaunt, daß er den Beutel und die Sachen, ohne sie zu verwenden, unter
einem Steine versteckt hatte, mehr aber darüber, daß er sich aller
Gegenstände, die er eigentlich geraubt hatte, nicht im einzelnen
erinnerte, sondern sich sogar in ihrer Zahl geirrt hatte. Der Umstand
schon, daß er kein einziges Mal den Beutel geöffnet und nicht mal wußte,
wie viel an Geld darin lag, erschien unglaublich; im Beutel waren,
wie sich herausstellte, dreihundertsiebzehn Rubel und drei
Zwanzig-Kopekenstücke; von dem langen Liegen unter dem Steine waren
einige größere Scheine, die zu oberst lagen, stark verdorben. Man mühte
sich lange ab, zu erforschen, warum der Angeklagte gerade in diesem
einzigen Punkte log, wo er doch in allem übrigen ein freiwilliges und
aufrichtiges Geständnis ablegte? Schließlich kamen einige, besonders die
Psychologen, zu der möglichen Annahme, daß er in der Tat keinen Blick in
den Beutel geworfen habe, daher auch nicht gewußt habe, was er enthielt,
und ohne es zu wissen, den Beutel einfach unter den Stein gelegt habe;
sie zogen aber auch sofort daraus die Folgerung, daß das Verbrechen
selbst nicht anders ausgeführt sein könnte, als bei gewisser
zeitweiliger Unzurechnungsfähigkeit, unter einer krankhaften Manie, zu
morden und zu rauben, ohne weitere Zwecke und Berechnungen. Hierzu
gesellte sich noch die neueste moderne Theorie von zeitweiliger
Geistesgestörtheit, die man in unserer Zeit so oft versucht, bei manchen
Verbrechern anzuwenden. Außerdem wurde der hypochondrische Zustand
Raskolnikoffs seit langer Zeit genau von vielen Zeugen, dem Arzte
Sossimoff, seinen früheren Kameraden, seiner Wirtin und deren
Dienstboten bestätigt. Dies alles half sehr zu der Annahme, daß
Raskolnikoff einem gewöhnlichen Mörder, Räuber und Diebe nicht
gleichzusetzen sei, daß etwas ganz anderes vorliege. Zum größten Verdruß
derer, die diese Ansicht vertraten, versuchte der Verbrecher selbst sich
fast gar nicht zu verteidigen; auf die endgültigen Fragen, -- was ihn
zum Morde bewogen haben konnte, und was ihn den Raub zu vollziehen
angetrieben habe, -- antwortete er sehr klar, mit der gröbsten
Offenheit, daß die ganze Ursache seine schlechte Lage, seine Armut und
Hilflosigkeit und der Wunsch gewesen war, -- die ersten Schritte seiner
Laufbahn mit Hilfe von wenigstens dreitausend Rubel zu sichern, die er
bei der Ermordeten zu finden gehofft habe. Er habe sich zum Morde
infolge seines leichtsinnigen und kleinmütigen Charakters entschlossen,
der außerdem durch Entbehrungen und Mißerfolge gereizt war. Auf die
Frage aber, was ihn veranlaßt habe, ein Geständnis abzulegen, antwortete
er offen, daß es aufrichtige Reue gewesen sei. -- Dies alles war schon
fast grob ...

Das Urteil fiel milder aus, als man erwarten konnte, vielleicht auch
deshalb, weil man bei der Straffestsetzung auch den Umstand in Betracht
zog, daß der Verbrecher nicht bloß auf alle Selbstverteidigung
verzichtete, sondern offenbar den Wunsch zeigte, sich selbst noch mehr
zu belasten. Alle eigentümlichen und besonderen Umstände der
Angelegenheit wurden in Erwägung gezogen. Der krankhafte und notleidende
Zustand des Verbrechers vor Ausführung der Tat wurde nicht dem
geringsten Zweifel unterzogen. Der Umstand, daß er von dem Geraubten
keinen Nutzen gezogen hatte, wurde teilweise der erwachten Reue,
teilweise dem nicht ganz gesunden Zustande seiner Geistesfähigkeiten
während der Ausführung der Tat zugeschrieben. Die zufällige Ermordung
von Lisaweta diente sogar als Umstand, der die letzte Annahme
bestätigte, -- ein Mensch vollzieht zwei Morde und vergißt gleichzeitig,
daß die Türe nicht verschlossen war! Schließlich, das freiwillige
Geständnis gerade in dem Momente, wo die Sache ungewöhnlich verwickelt
wurde, infolge der falschen Selbstanklage eines niedergeschlagenen
Phantasten (Nikolai), und außerdem, wo nicht nur keine klaren Beweise,
sondern fast kein Verdacht gegen den tatsächlichen Verbrecher vorgelegen
hatte, -- (Porphyri Petrowitsch hatte sein Wort vollkommen gehalten) --
dies alles zusammen verhalf dem Angeklagten zu einer milderen
Bestrafung.

Außerdem erschienen völlig unerwartet auch andere Umstände, die stark zu
seinen Gunsten ins Gewicht fielen. Der frühere Student Rasumichin hatte
irgendwo Mitteilungen erhalten und sie durch Beweise erhärtet, daß der
Verbrecher Raskolnikoff, als er noch auf der Universität war, aus seinen
letzten Mitteln einem armen und schwindsüchtigen Kameraden geholfen und
ihn ein halbes Jahr hindurch fast gänzlich unterhalten hatte. Als der
Kamerad gestorben war, übernahm er die Sorge um dessen alten und
gelähmten Vater, den sein Kamerad durch seiner Hände Arbeit fast seit
seinem dreizehnten Lebensjahre ernährt und unterstützt hatte,
schließlich hatte Raskolnikoff den alten Vater in einem Krankenhaus
untergebracht und, als auch er starb, ihn beerdigen lassen. Alle diese
Mitteilungen hatten einen gewissen Einfluß auf das Schicksal von
Raskolnikoff. Seine frühere Wirtin, die Mutter seiner verstorbenen
Braut, die Witwe Sarnitzin, legte auch ein Zeugnis ab, daß Raskolnikoff,
als sie noch in einem anderen Hause wohnten, während einer Feuersbrunst
in der Nacht aus einer Wohnung, die schon brannte, zwei kleine Kinder
gerettet habe und dabei selbst Brandwunden davontrug. Diese Tatsache
wurde genau untersucht und auch durch andere Zeugen bestätigt. Mit einem
Worte, es endete damit, daß der Verbrecher zur Zwangsarbeit der zweiten
Kategorie, im ganzen nur zu acht Jahren verurteilt wurde, infolge seines
freiwilligen Geständnisses und mehrerer mildernder Umstände.

Noch beim Beginn des Prozesses wurde Raskolnikoffs Mutter krank. Dunja
und Rasumichin fanden es für ratsam, sie während der ganzen
Gerichtsverhandlung aus Petersburg fortzuschaffen. Rasumichin wählte
eine Stadt an der Eisenbahn und in der Nähe von Petersburg, um die
Möglichkeit zu haben, allen Phasen des Prozesses genau zu folgen und
gleichzeitig möglichst oft Awdotja Romanowna zu sehen. Pulcheria
Alexandrownas Leiden war eine eigentümliche Nervenerkrankung und wurde
durch eine, wenn auch nicht völlige, so doch zeitweilige Geistesstörung
kompliziert. Dunja fand ihre Mutter, als sie von ihrer letzten
Zusammenkunft mit dem Bruder zurückkehrte, vollständig krank, in Fieber
und Wahnvorstellungen. Am selben Abend noch kam sie mit Rasumichin
darüber überein, was man der Mutter auf ihre Fragen nach dem Sohne
antworten solle, und hatte sogar mit ihm zusammen für die Mutter eine
ganze Geschichte erdichtet, daß Raskolnikoff sehr weit an die Grenze
Rußlands in einem privaten Auftrage gereist sei, der ihm endlich Geld
und Berühmtheit eintragen werde. Sie waren aber überrascht, daß
Pulcheria Alexandrowna selbst weder damals, noch späterhin sie irgend
etwas frug. Im Gegenteil, es zeigte sich, daß sie selbst eine ganze
Geschichte über die plötzliche Abreise des Sohnes wußte; sie erzählte
mit Tränen, wie er zu ihr gekommen war, um von ihr Abschied zu nehmen;
deutete dabei an, daß nur sie allein viele, sehr wichtige und
geheimnisvolle Umstände kenne, und daß Rodja sehr viele einflußreiche
Feinde habe, so daß er sich verbergen müsse. Was seine künftige Karriere
anbetraf, schien sie ihr auch unzweifelhaft und glänzend zu sein, --
wenn gewisse unbequeme Umstände beseitigt wären; sie versicherte
Rasumichin, daß ihr Sohn mit der Zeit sogar ein bedeutender Staatsmann
würde, wofür sein Artikel und sein glänzendes literarisches Talent
zeugten. Immer las sie seinen Artikel, las ihn zuweilen laut vor und
legte sich fast mit ihm zu Bett, trotzdem aber fragte sie fast nie, wo
sich jetzt Rodja befinde, ungeachtet dessen, daß man augenscheinlich
vermied, mit ihr darüber zu sprechen, -- was doch allein schon Argwohn
bei ihr hätte erwecken müssen. Man begann endlich, sich über dieses
merkwürdige Schweigen von Pulcheria Alexandrowna in Bezug auf manche
Punkte zu ängstigen. Sie klagte z. B. nicht einmal darüber, daß sie von
ihm keine Briefe erhalte, wogegen sie früher, als sie noch in ihrem
Heimatsstädtchen wohnte, bloß von der Hoffnung und in der Erwartung
lebte, bald einen Brief von ihrem geliebten Rodja zu erhalten. Der
letzte Umstand war zu unerklärlich und beunruhigte Dunja sehr; ihr kam
der Gedanke, daß die Mutter möglicherweise etwas Schreckliches im Leben
ihres Sohnes ahne und sich fürchtete, zu fragen, um nicht etwas noch
entsetzlicheres zu erfahren. In jedem Falle aber sah Dunja klar, daß
Pulcheria Alexandrowna nicht bei gesundem Verstande war.

Ein paarmal war es vorgekommen, daß sie selbst das Gespräch so führte,
daß es unmöglich war, bei Beantwortung ihrer Fragen nicht zu erwähnen,
wo sich Rodja jetzt aufhielt; als aber die Antworten natürlich
ungenügend und verdächtig ausfielen, wurde sie plötzlich traurig, düster
und schweigsam, und das dauerte eine ziemlich lange Zeit an. Dunja sah
schließlich ein, daß es schwer war, ihr etwas vorzulügen und zu
erdichten, und kam zu dem endgültigen Entschlusse, besser über bestimmte
Punkte vollkommen zu schweigen; aber es wurde immer deutlicher und
klarer, daß die arme Mutter etwas Schreckliches ahnte. Dunja entsann
sich unter anderem auch der Worte ihres Bruders, daß die Mutter ihre
Reden im Traume in der Nacht vor dem letzten schicksalsschweren Tage,
nach der Szene mit Sswidrigailoff vernommen habe. -- Sollte sie damals
etwas gehört und verstanden haben? Oft wurde die Kranke, zuweilen nach
Tagen und Wochen eines düsteren, finsteren Schweigens und wortloser
Tränen, von aufgeregter Lebhaftigkeit ergriffen und begann plötzlich
laut und unaufhörlich von ihrem Sohne, von ihren Hoffnungen, von der
Zukunft zu sprechen ... ihre Phantasien waren manchmal sehr sonderbar.
Man tröstete sie, man stimmte ihr bei; sie merkte vielleicht selbst, daß
man ihr beistimmte, sie bloß tröstete, aber dennoch redete sie ...

Fünf Monate, nachdem sich der Verbrecher selbst gestellt hatte, erfolgte
das Urteil. Rasumichin besuchte ihn so oft im Gefängnis, als es nur
möglich war. Auch Ssonja kam zu ihm. Schließlich kam die Trennung; Dunja
schwur dem Bruder, daß diese Trennung nicht ewig währen würde;
Rasumichin tat dasselbe. In Rasumichins jungem und feurigem Kopfe war
unerschütterlich der Plan entstanden, -- in den nächsten drei, vier
Jahren möglichst den Grundstock zu einem Vermögen zu legen, wenigstens
etwas Geld zu ersparen und nach Sibirien überzusiedeln, wo der Boden in
jeder Hinsicht reich war, aber wenig tatkräftige Menschen mit Kapital
existierten; dort in derselben Stadt, wo Rodja sein werde, sich
anzusiedeln und ... für alle zusammen ein neues Leben zu beginnen ...
Als der Abschied kam, weinten alle. Raskolnikoff war in den allerletzten
Tagen sehr nachdenklich, fragte viel nach der Mutter und war ihretwegen
in ständiger Unruhe. Er quälte sich sehr um sie, was Dunja wiederum
beunruhigte. Als er die Einzelheiten über den krankhaften Zustand der
Mutter erfahren hatte, wurde er sehr finster. Zu Ssonja war er in der
ganzen Zeit aus irgendeinem Grunde auffallend wortkarg. Ssonja hatte
sich schon längst mit Hilfe des Geldes, das ihr Sswidrigailoff gegeben
hatte, zur Reise vorbereitet und machte sich bereit, der Abteilung von
Sträflingen, mit denen er verschickt werden sollte, zu folgen. Darüber
war zwischen ihr und Raskolnikoff niemals ein Wort gewechselt worden,
doch beide wußten, daß es so sein werde. Beim letzten Abschiede lächelte
er eigen bei den heißen Beteuerungen der Schwester und Rasumichins über
ihrer aller glückliche Zukunft, sobald er die Zwangsarbeit abgebüßt
habe, und sagte im voraus, daß der krankhafte Zustand der Mutter bald
mit einem Unglücke enden würde. Er und Ssonja traten den Weg nach
Sibirien an.

Zwei Monate nachher heiratete Dunetschka Rasumichin. Die Hochzeit war
traurig und still. Unter den Gästen waren auch Porphyri Petrowitsch und
Sossimoff. In der letzten Zeit hatte Rasumichin das Aussehen eines fest
entschlossenen Menschen gewonnen. Dunja glaubte bestimmt, daß er alle
seine Pläne verwirklichen werde und mußte daran glauben, -- in diesem
Menschen steckte ein eiserner Wille. Unter anderem begann er wieder die
Vorlesungen in der Universität zu besuchen, um sein Studium
abzuschließen. Beide bauten immer Pläne für die Zukunft; beide rechneten
fest darauf, nach fünf Jahren nach Sibirien übersiedeln zu können. Bis
dahin hofften sie auf Ssonja ...

Pulcheria Alexandrowna gab mit Freude der Tochter ihren Segen zur
Hochzeit mit Rasumichin; nach der Hochzeit aber wurde sie scheinbar noch
trauriger und sorgenvoller. Um ihr eine Freude zu machen, teilte ihr
Rasumichin unter anderem auch die Geschichte von dem Studenten und
seinem greisen Vater mit und auch, daß Rodja sich verbrannt habe und
sogar krank war, als er im vorigen Jahre zwei Kinder vor dem Flammentode
gerettet hatte. Beide Mitteilungen versetzten die verstörte Pulcheria
Alexandrowna fast in einen verzückten Zustand. Sie redete ununterbrochen
darüber, knüpfte Gespräche auf der Straße an, obwohl Dunja sie ständig
begleitete. In Omnibussen und in Läden, wenn sie bloß einen Zuhörer
fand, brachte sie das Gespräch auf ihren Sohn, auf seinen Artikel und
darauf, wie er einem Studenten geholfen habe, wie er bei der
Feuersbrunst Brandwunden erhalten habe und dergleichen mehr. Dunetschka
wußte nicht mehr, wie sie sie davon abhalten konnte. Abgesehen von der
Gefahr solch eines verrückten krankhaften Zustandes, drohte auch das
Unglück, daß jemand sich auf den Namen Raskolnikoff aus der
Gerichtsverhandlung besinnen und darüber etwas sagen konnte. Pulcheria
Alexandrowna hatte sogar die Adresse der Mutter von den zwei bei der
Feuersbrunst geretteten Kindern erfahren und wollte sie unbedingt
aufsuchen. Schließlich stieg ihre Unruhe bis aufs äußerste. Sie fing
zuweilen plötzlich an zu weinen, wurde oft bettlägerig und phantasierte
im Fieber. Eines Morgens erklärte sie, daß nach ihrer Berechnung Rodja
bald zurückkehren müsse, daß sie sich erinnere, wie er beim Abschiede
selbst erwähnt habe, daß man ihn nach neun Monaten erwarten solle. Sie
begann alles in der Wohnung in Ordnung zu bringen und Vorbereitungen zu
seinem Empfange zu machen, begann das für ihn bestimmte Zimmer, -- ihr
eigenes, -- zu schmücken, die Möbel zu putzen, Vorhänge zu waschen und
aufzuhängen und dergleichen mehr. Dunja wurde sehr unruhig, schwieg aber
und half ihr sogar, das Zimmer für den Bruder instand zu setzen. Nach
einem unruhigen Tage, der in ständigen Phantasien, in freudigen Träumen
und Tränen verging, erkrankte sie in der Nacht und lag am anderen Morgen
in Fieber und Fieberphantasien. Eine Nervenkrisis war ausgebrochen. Nach
zwei Wochen starb sie. In Fieberphantasien entrangen sich ihr Worte, aus
denen man annehmen mußte, daß sie bedeutend mehr über das schreckliche
Schicksal ihres Sohnes ahnte, als man geglaubt hatte.

Raskolnikoff erfuhr lange nicht den Tod seiner Mutter, obwohl er mit
Petersburg schon seit dem Anfang seiner Übersiedlung nach Sibirien in
Briefwechsel stand. Ssonja vermittelte die Briefe und empfing auch
pünktlich jeden Monat eine Antwort aus Petersburg. Ssonjas Briefe
erschienen Dunja und Rasumichin zuerst etwas trocken und unbefriedigend;
aber beide fanden bald, daß man nicht besser schreiben konnte, denn aus
diesen Briefen empfing man doch zu guter Letzt eine ganz genaue und
klare Vorstellung von dem Schicksal ihres unglücklichen Bruders. Ssonjas
Briefe waren mit der alltäglichsten Wirklichkeit, mit der einfachsten
und klarsten Darstellung der ganzen Umgebung Raskolnikoffs in der
Zwangsarbeit angefüllt. Es gab dabei weder eine Darstellung ihrer
eigenen Hoffnungen, noch Träume um die Zukunft, noch Beschreibungen
ihrer Gefühle. Anstatt zu versuchen, seinen seelischen Zustand und
überhaupt sein ganzes Seelenleben zu erklären, beschränkte sie sich auf
Tatsachen, d. h. auf seine eigenen Worte, genaue Mitteilungen über
seinen Gesundheitszustand, seine Wünsche bei ihren Besuchen, seine
Aufträge und dergleichen mehr. Alle diese Nachrichten wurden mit der
äußersten Genauigkeit wiedergegeben. Das Bild des unglücklichen Bruders
trat schließlich hervor, zeichnete sich deutlich und klar ab; hier
konnte es keine Irrtümer geben, denn alles waren sichere Tatsachen.

Aber wenig erfreuliches konnten Dunja und ihr Mann aus diesen
Nachrichten, besonders im Anfang, schöpfen. Ssonja teilte immer nur mit,
daß er ständig düster, wenig gesprächig sei und sich fast gar nicht für
die Nachrichten interessiere, die sie ihm jedesmal aus den von ihr
empfangenen Briefen überbrachte; daß er zuweilen nach der Mutter frage,
und als sie ihm schließlich ihren Tod mitteilte, nachdem sie gemerkt
hatte, daß er die Wahrheit ahne, da schien -- zu ihrer Verwunderung --
auch die Nachricht von dem Tode der Mutter auf ihn keinen starken
Eindruck gemacht zu haben, wenigstens es schien ihr so nach seinem
Äußeren. Sie teilte auch unter anderem mit, daß er bei aller
Selbstversunkenheit und Verschlossenheit -- sich zu seinem neuen Leben
offen und schlicht verhalte; er begreife klar seine Lage, erwarte in der
nächsten Zeit nichts besseres, habe keine leichtsinnigen Hoffnungen, was
doch so verständlich in seiner Lage wäre, und wundere sich fast über
nichts in seiner neuen Umgebung, die so wenig Ähnlichkeit mit seinem
früheren Leben habe; seine Gesundheit sei befriedigend. Er gehe zur
Arbeit, der er nicht ausweiche und um die er nicht bitte. Dem Essen
gegenüber sei er fast gleichgültig, aber das Essen sei, außer an Sonn-
und Feiertagen, so schlecht, daß er schließlich gern von ihr, Ssonja,
etwas Geld genommen habe, um seinen eigenen Tee sich zu halten; wegen
des übrigen habe er sie gebeten, sich nicht zu beunruhigen, und sie
versicherte, daß alle diese Sorgen um seine Person ihn bloß verdrießlich
machten. Weiterhin teilte Ssonja mit, daß er im Gefängnis in einem Raume
mit den anderen untergebracht sei; die inneren Räume und Kasernen habe
sie nicht gesehen, aber nehme an, daß sie eng, häßlich und ungesund
seien; er schlafe auf einer Pritsche, brauche, als Unterlage, Filz und
wolle nichts anderes haben. Er lebe aber so schlecht und ärmlich, nicht
aus einem bestimmten Plane oder absichtlich, sondern aus Unachtsamkeit
und äußerster Gleichgültigkeit gegen sein Schicksal. Ssonja machte kein
Hehl daraus, daß er, besonders im Anfang, sich nicht bloß für ihre
Besuche nicht interessierte, sondern über sie fast ungehalten war, wenig
mit ihr sprach, ja grob zu ihr war, daß aber schließlich diese
Zusammenkünfte ihm zur Gewohnheit und fast zum Bedürfnis geworden waren,
so daß er sich sogar grämte, wenn sie einige Tage krank war und ihn
nicht besuchen konnte. Sie sehe ihn an Sonntagen am Gefängnistore oder
im Wachthause, wohin man ihn auf einige Minuten zu ihr rufe; an
Werktagen sehe sie ihn bei der Arbeit, entweder in den Werkstätten oder
in der Ziegelei oder in den Scheunen am Ufer des Irtysch. Über sich
selbst teilte Ssonja mit, daß es ihr gelungen sei, in der Stadt einige
Bekanntschaften anzuknüpfen und Protektion zu finden, daß sie sich mit
Nähen beschäftige, und da in der Stadt es fast keine Schneiderin gebe,
so sei sie in vielen Häusern ganz unentbehrlich geworden; aber sie
erwähnte nicht, daß durch sie auch Raskolnikoff Protektion bei seinen
Behörden gefunden habe, daß ihm leichtere Arbeiten zugeteilt wurden und
dergleichen mehr. Schließlich kam die Nachricht -- (Dunja hatte in den
letzten Briefen eine besondere Aufregung und Unruhe herausgefühlt) --,
daß er alle meide, daß die Sträflinge ihn nicht gern hätten, daß er
tagelang schweige und sehr blaß werde. Plötzlich schrieb Ssonja in ihrem
letzten Briefe, daß er ernstlich erkrankt sei und im Hospital in der
Arrestantenabteilung liege ...


                                  II.

Er war schon lange vorher krank, aber nicht die Schrecken der
Zwangsarbeit, nicht die physische Arbeit, nicht die Nahrung, noch der
abrasierte Kopf, noch die gezeichnete Kleidung hatten ihn gebrochen, --
oh! was gingen ihn alle diese Qualen und Martern an! Im Gegenteil, er
war über die Arbeit sogar froh, -- wenn er sich körperlich geplagt
hatte, erwarb er sich wenigstens dadurch einige Stunden ruhigen
Schlafes. Und was bedeutete ihm das Essen, -- diese fleischlose
Kohlsuppe mit Schwaben? Als er noch Student war, im früheren Leben,
hatte er oft auch das nicht mal gehabt. Seine Kleidung war warm und für
seine Lebensweise berechnet. Ketten fühlte er fast gar nicht. Sollte er
sich etwa seines rasierten Kopfes und der markierten Joppe schämen? Aber
vor wem denn? Etwa vor Ssonja? Ssonja fürchtete ihn, und sollte er sich
etwa vor ihr schämen? Was denn sonst? Er schämte sich freilich vor
Ssonja, die er durch seine verächtliche und grobe Behandlung quälte.
Aber er schämte sich nicht des rasierten Kopfes und der Ketten, -- sein
Stolz war verletzt; und er erkrankte an verwundetem Stolze. Oh, wie
glücklich wäre er, wenn er sich selbst anklagen könnte! Er würde dann
alles, sogar die Schande und die Schmach ertragen! Er saß aber streng
mit sich zu Gerichte, und sein erbittertes Gewissen hatte in seiner
Vergangenheit keine besondere Schuld gefunden, außer einem einfachen
_Irrtum_, der jedem passieren kann. Er schämte sich hauptsächlich
deswegen, daß er, Raskolnikoff, so blind, hoffnungslos, still und dumm,
infolge eines Spruches des blinden Schicksals, zugrunde gegangen war,
und daß er sich vor der »Sinnlosigkeit« eines Urteils beugen und
unterwerfen mußte, um einigermaßen zur Ruhe zu kommen.

Eine gegenstandslose und zwecklose Unruhe in der Gegenwart und ein
ununterbrochenes Opfer in der Zukunft, durch das man nichts gewann, --
das stand ihm in der Welt bevor. Und was lag daran, daß er nach acht
Jahren erst zweiunddreißig Jahre alt war und von neuem zu leben beginnen
konnte? Wozu soll er leben? Was soll er in Aussicht haben? Wozu streben?
Zu leben, um zu existieren? Aber er war auch früher tausendmal bereit,
sein Leben für eine Idee, für eine Hoffnung, sogar für eine Phantasie
hinzugeben. Das Leben allein war ihm stets wenig gewesen; er wollte
immer Größeres haben. Vielleicht hatte er sich auch damals, bloß nach
der Kraft seiner Wünsche, für einen Menschen, dem mehr, als einem
anderen erlaubt sei, gehalten.

Wenn doch das Schicksal ihm Reue senden würde, -- eine brennende Reue,
die das Herz bricht, die den Schlaf verjagt, solch eine Reue, bei deren
schrecklichen Qualen einem die Schlinge und Wasser, wo es am tiefsten
ist, vorschwebt! Oh, er würde sich darüber freuen! Qualen und Tränen --
das ist doch Leben. Aber er bereute nicht sein Verbrechen.

Könnte er sich wenigstens über seine Dummheit ärgern, wie er sich früher
über die abscheulichen und dummen Handlungen geärgert hatte, die ihn
nach Sibirien gebracht hatten. Jetzt aber, im Gefängnisse, _in
Freiheit_, überlegte er und dachte über alle seine früheren Handlungen
nach und fand sie gar nicht so dumm und abscheulich, wie sie ihm früher
in der verhängnisvollen Zeit vorgekommen waren.

»Wodurch, wodurch,« dachte er, »ist meine Idee dümmer, als die anderen
Ideen und Theorien, die in der Welt, solange diese Welt besteht,
herumschwirren und aneinanderprallen? Man braucht bloß die Sache von
einem völlig unabhängigen, weiten und von den alltäglichen Einflüssen
losgelösten Standpunkte zu betrachten, und da erscheint, sicher, mein
Gedanke gar nicht so ... sonderbar. Oh, ihr Verneiner und Weisen, von
einem Groschen Werte, warum bleibt ihr auf dem halben Wege stehen!«

»Warum erscheint ihnen meine Handlung so abscheulich?« sagte er sich.
»Weil es eine böse Tat ist? Was bedeutet das Wort >böse Tat<) eingeschlossen.

Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der
Buchstabe »ä« (oder aouh "jä") steht für den kyrillischen Buchstaben
»ja«. Die Schreibweise häufig vorkommender russischer Namen wurde
vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):

   Afanassi (Afanasi, Afanassji)
   Aljona (Aljena, Alena)
   Bakalejeff (Bakaljeff)
   Lebesjätnikoff (Lebesjatnikoff)
   Louisa (Luisa, Louise)
   Poletschka (Poljetschka)
   Polja (Polje)
   Porphyri (Porfirij, Porphiri)
   Ssemjon (Ssemen)
   Ssofja (Ssofje)
   Ssonja (Ssonje)

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere
Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des
russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

   [S. 207]:
   ... »Sicher ich es sonderbar! Selbstverständlich ist dies doch ...
   ... »Sicher ist es sonderbar! Selbstverständlich ist dies doch ...

   [S. 237]:
   ... volle Minute gedauert hatte und daß sie sich solange einander ...
   ... volle Minute gedauert hatte und daß sie solange einander ...

   [S. 247]:
   ... »Hast du ihn gesehen.« ...
   ... »Hast du ihn gesehen?« ...

   [S. 307]:
   ... seiner schämte, und er schleunigst anderen, alltäglichen
       Sorgen ...
   ... seiner schämte, und er sich schleunigst anderen, alltäglichen
       Sorgen ...

   [S. 313]:
   ... eingeladen, mit ihnen die Tee zu trinken, -- sie hatten in ...
   ... eingeladen, mit ihnen den Tee zu trinken, -- sie hatten in ...

   [S. 320]:
   ... Bitte aussprechen, daß bei unserer gemeinsamen ...
   ... Bitte auszusprechen, daß bei unserer gemeinsamen ...

   [S. 367]:
   ... Vielleicht hatte es auch Raskolnikoff bloß geschienen, ...
   ... Vielleicht hatte es auch Raskolnikoff bloß so geschienen, ...

   [S. 426]:
   ... »Erscheinen bei Ihnen etwa?« ...
   ... »Erscheinen sie bei Ihnen etwa?« ...

   [S. 475]:
   ... Man merkte, daß dieser Gedanke schon viele Mal ihr
       aufgetaucht ...
   ... Man merkte, daß dieser Gedanke schon viele Male ihr
       aufgetaucht ...

   [S. 505]:
   ... irgendein mathematisches Exempel, wie Zwiemalzwei, bringen, ...
   ... irgendein mathematisches Exempel, wie Zweimalzwei, bringen, ...

   [S. 526]:
   ... Mörder, du bist Mörder ...<, und jetzt, wo er es eingestanden ...
   ... Mörder, du bist der Mörder ...<, und jetzt, wo er es
       eingestanden ...

   [S. 537]:
   ... war, kehrte er noch wütender und gereizter nach Hause, ...
   ... war, kehrte er noch wütender und gereizter nach Hause zurück, ...

   [S. 541]:
   ... aufrichtigsten Weise ihm dienen. ...
   ... aufrichtigsten Weise ihr dienen. ...

   [S. 569]:
   ... -- Paß, heda!« rief sie plötzlich einem von ihnen ...
   ... -- Pan, heda!« rief sie plötzlich einem von ihnen ...

   [S. 572]:
   ... so war ich stets von ihm sicher,« fuhr Katerina ...
   ... so war ich stets seiner sicher,« fuhr Katerina ...

   [S. 633]:
   ... »Sie würden vielleicht später noch erschauern bei dem
       Gedanken, ...
   ... »Sie würde vielleicht später noch erschauern bei dem
       Gedanken, ...

   [S. 642]:
   ... »Das kenne ich, ich aus Erfahrung,« sagte der Beamte ...
   ... »Das kenne ich aus Erfahrung,« sagte der Beamte ...

   [S. 670]:
   ... Reihenfolge noch zu erzählen, wie es damals begonnen ...
   ... Reihenfolge nach zu erzählen, wie es damals begonnen ...

   [S. 701]:
   ... Sagen Sie mir, wozu soll ich mit enthalten? Warum ...
   ... Sagen Sie mir, wozu soll ich mich enthalten? Warum ...

   [S. 722]:
   ... da folgen.« ...
   ... da folgen?« ...

   [S. 725]:
   ... Wüstling und Schuften erwarten!« rief er unwillkürlich ...
   ... Wüstling und Schurken erwarten!« rief er unwillkürlich ...

   [S. 765]:
   ... Just lese deinen Artikel in der Zeitschrift schon zum dritten ...
   ... Just lese ich deinen Artikel in der Zeitschrift schon zum
       dritten ...

   [S. 772]:
   ... begreifen nichts.« ...
   ... begreife nichts.« ...






End of the Project Gutenberg EBook of Sämtliche Werke 1-2: Rodion
Raskolnikoff (Schuld und Sühne), by Fjodor Michailowitsch Dostojewski

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SAMTLICHE WERKE 1-2: RODION RASKOLNIKOFF ***

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