Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Zweiter Band.

By Friedrich Gerstäcker

Project Gutenberg's Die Colonie. Zweiter Band., by Friedrich Gerstäcker

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Die Colonie. Zweiter Band.
       Brasilianisches Lebensbild

Author: Friedrich Gerstäcker

Release Date: December 31, 2009 [EBook #30814]

Language: German


*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. ZWEITER BAND. ***




Produced by richyfourtytwo, Delphine Lettau and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net









Die Colonie.
Brasilianisches Lebensbild

von


Friedrich Gerstäcker.

Der Verfasser behält sich die Übersetzung dieses Werkes vor.

Zweiter Band.


Leipzig,
_Hermann Costenoble_
1864.




 Inhalts-Verzeichniss.

                                      Seite
 _Erstes Kapitel._
 Künstler                                7

 _Zweites Kapitel._
 Die Maniok-Mühle                       43

 _Drittes Kapitel._
 Auf Santa Catharina                    61

 _Viertes Kapitel._
 Der neue Director                      93

 _Fünftes Kapitel._
 Die Cigarren-Fabrik                   125

 _Sechstes Kapitel._
 Der Ritt am Strande                   149

 _Siebentes Kapitel._
 Die Begegnung                         169

 _Achtes Kapitel._
 Ein Vielliebchen                      201

 _Neuntes Kapitel._
 Sarno's Abschied                      227

 _Zehntes Kapitel_
 Bux & Comp.                           244

 _Elftes Kapitel._
 Könnern und Elise                     277

 _Zwölftes Kapitel._
 Verschiedene Interessen               298




1.

Künstler.


Director Sarno hatte in diesen Tagen so außerordentlich viel zu thun
gehabt, daß er sich mit seinem Gaste gar nicht oder doch nur sehr wenig
beschäftigen konnte. Alles drängte auf ihn ein -- Alles wollte von ihm
Hülfe, Rath, Lebensmittel, Colonien, Ackergeräthe und tausend andere
Dinge, die er unmöglich Jedem schaffen konnte, und doch that er was
in seinen Kräften stand, um vor allen Dingen wenigstens die Familien
unterzubringen.

Schwartzau war indessen sehr fleißig gewesen und hatte einen ziemlich
bedeutenden Landstrich vermessen, auf dem ein großer Theil der
erstgekommenen Colonisten untergebracht werden konnte. Aber das half
immer noch nicht für den ersten Augenblick, wenn sich jetzt auch
wenigstens ein Ende absehen ließ. Die neuen Colonisten mußten damit
beginnen, in den ihnen bezeichneten Gränzen einen Fleck »klar« zu
machen, um ihr Wohnhaus darauf zu setzen, blieben aber in der Zeit,
bis das geschehen, noch immer auf ihr Nachtquartier in der Colonie
angewiesen, wobei ihnen das Hin- und Herwandern noch sehr viel Zeit
fortnahm.

Die meisten der Emigranten bedurften dabei für ihren nächsten
Lebensunterhalt der ihnen versprochenen Subsidiengelder, d. h. einer
Unterstützung, die ihnen der Staat gab und die sie nur verpflichtet
waren, nach einem Zeitraume von fünf Jahren zinsfrei zurückzuzahlen.
Aber was kümmerten sich die Leute jetzt um das, was man ihnen etwa nach
fünf Jahren wieder abverlangen könne! Ihnen gehörte nur der Augenblick,
und was sie deshalb an solchen Unterstützungen aus dem Director
herauspressen konnten, hielten sie Alles für rein gewonnen und geschenkt,
wie sie es ebenfalls dem Director zur Last legten, wenn er so viel als
möglich mit den Geldern zurückhielt. Er gönnte es ihnen nur nicht,
meinten sie, und wolle es vielleicht gar für sich behalten. Daß er sie
selber davon zurückzuhalten wünschte, zu viele Schulden zu machen, fiel
ihnen gar nicht ein.

Director Sarno hatte den Kopf in der That zum Zerspringen voll, und
Könnern, der mit seinen eigenen Hoffnungen und Plänen ebenfalls reichlich
beschäftigt war, ging ihm schon so viel als möglich selber aus dem Wege.
Als er aber gefunden, daß mit der Jagd in der Nachbarschaft wenig oder
gar Nichts zu machen war, hatte er seine Mappe wieder vorgenommen, und
vor allen Dingen einen passenden Platz an den nächsten Hängen gesucht,
von wo er einen Überblick über die Colonie bekam.

Daß er dabei Meier's kleine, freundliche Plantage besonders im Auge
hatte, mochte er sich im Anfange selber nicht recht gestehen, aber es
ließ sich auch nicht lange mehr sogar vor sich selber verläugnen, denn
um _den_ Platz her suchte er den ganzen Wald ab, nur um einen Punkt zu
finden, von wo er einen Überblick in das Thal gewann, und war endlich
glücklich genug, einen vorspringenden Felsen an einem der Bergabhänge
aufzufinden, von dem aus er Meier's Besitzthum gerade überschaute,
während weiter zur Linken die Colonie Santa Clara mit ihren lichten
Gebäuden und rothen Dächern, mit den gelben, schmalen Wegen und dunkeln
Fruchtbaum- und Gebüschgruppen ein ganz freundliches und auch wirklich
malerisches Bild zeigte.

Allerdings waren ihm hier noch ein paar Palmen und Baumwipfel im Wege,
welche zum Theil die ungestörte freie Aussicht verdeckten, aber auch das
ließ sich mit geringer Arbeit beseitigen. Selber im Gebrauche der Axt
tüchtig eingeübt, stieg er am nächsten Morgen wieder mit einem solchen
Werkzeuge zu seinem Waldes-Atelier hinauf, markirte sich die im Weg
stehenden Stämme und ging dann scharf an die Arbeit, um sich freie Bahn
zu schaffen. Noch vor Dunkelwerden war das auch geschehen und die kleine
Felsplatte da oben jetzt so weit freigelegt, daß er am nächsten Morgen
seine Arbeit, von keinem Hindernisse mehr gestört, beginnen konnte.

Etwa um zehn Uhr Morgens stieg er, seine Mappe auf dem Rücken, seinen
Stock in der Hand und ein kleines Beil im Gürtel, auf einem schmalen,
zum Theil selber ausgehauenen Stege bergan, und fast unbewußt nickte
er, als er den offenen Platz erreichte und das untere Thal mit seinen
bewaldeten Seitenhängen vor sich liegen sah, freundlich nach der Stelle
hinüber, wo Meier's Chagra lag -- hatte sein Blick sie doch schon lange,
selbst durch die Büsche hin, gesucht!

So schaute er denn still und schweigend dort hinüber und sein Auge
haftete unverwandt auf dem Einen Punkte. Endlich, wie mit Gewalt die
Gedanken zurückdrängend, schüttelte er sich das wirre Haar aus der Stirn
und wollte sich eben nach dem schon ausgesuchten Platze wenden, um seine
Arbeit zu beginnen, als sein Blick auf eine dort ausgestreckte
menschliche Gestalt fiel.

Es war ein Mann in, wie es schien, anständiger Kleidung, der hier auf
der Brust, das Gesicht im Grase und den einen Arm lang ausgestreckt,
regungslos lag. -- War er todt? -- Wirres, schwarzes Haar hing ihm um
die Schläfe, daß sich die Züge nicht erkennen ließen -- und die eine
Hand -- Könnern blickte überrascht zu der Gestalt zurück, denn die Hand
war zart und weiß, als ob sie einem Mädchen gehöre. -- Die Mappe und
seinen Stock jetzt in das Gras legend, bog er sich zu dem vor ihm
Ausgestreckten nieder, um zu sehen, ob noch Leben in dem Körper
sei. Kaum berührte aber seine Hand die Schulter desselben, als der
vermeintliche Todte den Kopf hob, Könnern anstarrte und sich dann
langsam aufrichtete.

»Fehlt Ihnen Etwas?« fragte Könnern, als er die dunkeln Augen eines
jungen Mannes auf sich haften sah.

»Nein« -- lautete die Antwort -- »ich war nur müde -- gedankenmüde
geworden, und hatte mir die heiße Stirn ein Wenig kühlen wollen. Haben
_Sie_ den Platz hier ausgehauen, daß man den freien Blick über da unten
gewinnt?«

»Ja,« sagte Könnern, den Fremden noch immer halb erstaunt betrachtend,
denn er konnte aus der eigenthümlichen Erscheinung desselben nicht recht
klug werden. -- »Ich glaube, der Punkt hier eignet sich vortrefflich
dazu, um von hier aus die Colonie und ihre nächste Umgebung aufzunehmen.«

»Vortrefflich,« erwiederte der Fremde, sich mit der Hand über die Stirn
fahrend, »Sie sind Maler? Aber dort hinüber fehlt Ihnen noch ein kleiner
Theil. -- Sehen Sie da durch den Wipfel jener dünnen Palme das helle Haus
mit dem kleinen Erker oben drauf? Wollten Sie Santa Clara zeichnen und
_das_ Haus verdecken?«

Könnern wußte nicht recht, was er aus dem Benehmen des Fremden machen
sollte. Dieser aber, ohne seine Antwort abzuwarten, fuhr fort:

»Ach, wie ich sehe haben Sie ein kleines Beil bei sich, damit geht es
besser als mit meinem Messer, mit dem ich schon versucht habe die Palme
zu fällen. -- Geben Sie mir das Beil -- ich mache Ihnen Raum.«

Der junge Maler mochte dem so eigenthümlich gestellten Verlangen nicht
entgegentreten, und während der Fremde mit ordentlicher Hast nach dem
Beile griff und die wenigen Schritte den Hang hinabkletterte, folgte er
ihm, damit die junge Palme nicht falsch geworfen würde und ihm vielleicht
einen andern wichtigen Punkt verdecke. Er traute dem Fremden eben nicht
viel praktische Erfahrung im Baumfällen zu.

Dieser hackte unerbittlich auf den schlanken Stamm los, und Könnern
sah zu seinem Erstaunen, daß er wirklich schon mit dem Messer tiefe
Einschnitte in die Rinde gemacht, die Arbeit aber endlich als eine zu
mühsame aufgegeben hatte.

Als die Schläge den Baum trafen, fielen die schweren Tropfen, die der
Nachtthau darauf geworfen, von den Blättern nieder. Der Fremde hielt
ein, stützte sich mit dem linken Arm gegen den Stamm und sagte traurig:

»Der Mensch ist doch eigentlich ein recht grausames Geschöpf und
vernichtet, wohin sein Fuß nur tritt, wohin er die Hand nur ausstreckt,
erbarmungslos was ihm im Wege steht. -- Sehen Sie, wie der armen Palme
die Thränen von den Wimpern fallen. So jung und schon sterben -- so
schön und in der Blüthe ihrer Jahre zu Boden geworfen werden -- zu
Boden, zwischen Gras und Lianen, die sie in wenigen Monaten bedecken
und umranken werden. -- Aber was kann's helfen,« setzte er nach einigen
Secunden rasch und fast wild hinzu, indem er das Beil wieder aufgriff
-- »weshalb soll der Baum gerade leben und im Sonnenlichte seine Arme
dem Glücke entgegenbreiten? Fort mit dir, Bursche, du stehst Anderen im
Wege! was nutzen uns deine Thränen, dein Herzblut wollen wir haben; in
dein Mark hinein wollen wir dringen, und wer der Bitte nicht nachgiebt,
ei, den zwingt zuletzt die Gewalt!« -- und mit raschen, schlecht gezielten
Schlägen hackte er wieder auf die junge Palme ein, aus der er aber doch
Spahn auf Spahn heraushieb, bis sich endlich der schwere Wipfel langsam
zu neigen begann und der Baum in das Gewirr von niederen Büschen und
Ranken hineinsank.

»Da liege und träume,« sagte der wunderliche Fremde -- »und du bist
immer noch glücklich dabei,« flüsterte er, von Könnern ungehört, dazu,
»denn du stirbst _ihret_wegen!«

Einen Augenblick stand er und schaute sinnend auf den gefällten Baum,
dann aber, wie seine Gedanken gewaltsam abschüttelnd, sprang er empor,
schwang das Beil in der Luft und rief:

»So, mein lieber Herr Maler, das letzte Hinderniß ist beseitigt, nun
können Sie ungestört an Ihre Arbeit gehen!«

Könnern hatte dem sonderbaren Wesen und Treiben des Mannes schweigend
zugesehen, und zerbrach sich dabei den Kopf, wer der Fremde wohl
eigentlich sein und was er treiben könne, denn der Anzug gab, wie er
recht gut wußte, in den Colonien nur selten den Maßstab für den Mann
selber. Die feinen, fast zarten Hände verriethen, daß er noch nie
eigentlich schwere Arbeit gethan, und die Ungeschicklichkeit, mit
welcher er den jungen Baum fällte, bezeugte das ebenfalls. -- Was
trieb er denn, um seinen Platz hier in der Colonie auszufüllen?

Der Fremde aber ließ ihm nicht lange Zeit zu solchen Betrachtungen und
schien sonderbarer Weise selber das größte Interesse an der Malerei zu
nehmen. Er drängte wenigstens zum Beginne derselben und half bereitwillig
Alles verrichten, was Könnern seine Arbeit erleichtern konnte.

Dann, als der junge Mann seine Mappe öffnete und seine Arbeit wirklich
in Angriff nahm, streckte er sich neben ihm auf dem moosbewachsenen
Steine aus und schaute in tiefem Sinnen lange auf die vor ihnen
ausgebreitete, wahrhaft wundervolle Landschaft.

Könnern, vollständig mit seiner Arbeit beschäftigt, hatte seine Nähe
schon fast ganz vergessen und entwarf rasch und mit kecken Strichen die
Umrisse des kleinen, freundlichen Bildes, als der junge Mann an seiner
Seite plötzlich mit leiser Stimme fragte:

»Glauben Sie an Träume?« Er hob dabei das bleiche, ausdrucksvolle
Antlitz zu dem Maler und schaute ihn mit den dunkeln Augen scharf und
forschend an.

»Nein,« lächelte Könnern, ohne sich in seiner Beschäftigung stören zu
lassen. Er zeichnete gerade Meier's Haus, das eigentlich den Vordergrund
zu der Skizze bilden sollte, und wieder und wieder flog sein Blick
hinüber.

»Ich dachte es mir,« erwiederte ruhig der Frager und ließ den Kopf
wieder sinken -- »die wenigsten Menschen glauben an Träume, und doch
sind sie nur zu oft das Spiegelbild unserer Seele, von der wir allein
auf diese Weise Etwas zu sehen bekommen können.«

»Das wäre ein eigenthümliches Spiegelbild,« lachte Könnern kopfschüttelnd,
»das mir Etwas zeigt, an das meine Seele das ganze Jahr nicht gedacht hat.
Ist man denn im Stande das zu träumen, was man sich ersehnt? -- nie! Wir
mögen unsern Geist den ganzen Tag mit festem und entschiedenem Willen auf
einem Punkte festhalten bis zum Schlafengehen, ja, bis sich die müden
Augen schließen, und Zehn gegen Eins, der Traum springt mit uns nach
irgend einer andern Gegend hinüber, und bringt uns die verwirrtesten,
fremdesten Bilder -- aber nie das Verlangte.«

»Aber der Geist hat mit dem Traume auch gar Nichts zu thun,« sagte der
Fremde, »sonst allerdings wäre er von diesem abhängig und müßte ihm auf
seinen Bahnen folgen. Nur mit der Seele harmonirt der Traum, und im
Gedächtnisse hat er seine besonderen Kammern, seine eigenen Örtlichkeiten,
Scenen und Handlungen, in die er den Geist nur zu Zeiten einläßt und in
denen dieser wohl hin- und herwandern, aber sie nicht festhalten darf.«

Könnern sah überrascht von seiner Arbeit zu dem Redenden nieder, der,
scheinbar ohne auf ihn Acht zu haben, mehr mit sich selber als zu ihm
sprach. Der Kopf wirbelte ihm dabei, wenn er den tollen Gedanken folgen
wollte, und er sagte endlich kopfschüttelnd:

»Aber wie kommen Sie auf solche Ideen, und was haben wir hier überhaupt
mit einem Traum zu thun? Liegt nicht die Wirklichkeit um uns her so
wunderbar schön -- viel schöner, als sie uns ein wirrer Traumgarten
bieten könnte?«

»Ach, ich träume immer so schwer!« sagte der Mann mit einem recht aus
tiefster Brust herausgeholten Seufzer, indem er mit der flachen Hand seine
Stirn preßte -- »und wenn ich dann aufwache -- aber Sie haben Recht,«
brach er kurz ab. »Zum Orkus mit den Träumen! Wir wollen uns lieber mit
der Wirklichkeit beschäftigen, die uns ja auch nur wie ein Märchentraum
umgiebt. -- Sehen Sie hier, da hat sich der dünne grüne Stiel mühsam aus
der engen Felsspalte herausgearbeitet, nur um ein einziges riesengroßes
Blatt zu treiben, und da der Cactus -- sehen Sie den Cactus an -- sind
Sie wohl im Stande, sich eine vegetabilische Katze zu denken? -- Das ist
eine. -- Sehen Sie, wie jener Cactus auf den vom Sturme geworfenen jungen
Stamm gesprungen ist und sich daran festgeklammert hat. Die Wurzel des
armen Baumes hängt noch zum Theil im Boden und er hätte daraus Jahre lang
seine Nahrung ziehen und seine Schößlinge nach oben treiben können -- wie
es mancher arme, umgeworfene Baum thun muß -- aber nein, der Cactus sprang
auf ihn; sehen Sie, wie er ihn überall mit seinen gegliederten Armen
umspannt und preßt, und da aus der Wunde, in die er sich eingebohrt, hat
er ihm den Lebenssaft langsam, aber sicher ausgesogen. Es ist merkwürdig,
daß wir selbst in dem Leben der Pflanzenwelt so häufig sprechende
Ähnlichkeiten mit den Charakteren, mit dem ganzen Treiben unserer
Menschenwelt finden -- wenn wir nur eben ein Auge dafür haben -- und
ich glaube fast, ich kenne einen ganz ähnlichen Cactus und« -- setzte er
langsamer und wie scheu hinzu -- »kenne auch den todten Baum, dem er das
Herzblut ausgetrunken.«

Könnern war mit dem Auge dem ausgestreckten Arme seines neuen Bekannten
gefolgt, und er mußte sich gestehen, daß der Vergleich ihm selber
merkwürdig treffend schien. Der junge Baum war umgeweht, und der darauf
gewachsene Schmarotzer-Cactus sah wirklich so aus, als ob er den Stamm
gierig und fest umklammert hielt, einem Raubthiere gleich, das sich auf
ein gestürztes Stück Wild geworfen.

»Und da drüben,« fuhr der Fremde fort -- »sehen Sie den schlanken
Laubholzstamm, neben dem der aus seiner Wurzel aufsteigende Schoß wie
der Sohn neben dem Vater steht? Haben Sie schon darauf geachtet, wie
starr die Äste des Alten nach allen Seiten sich ausstrecken, nur nach
der nicht, wo sein junger Auswuchs keimt? Rechts und links davon zweigt
er aus, daß keiner seiner Arme den schlanken Wuchs des Knaben stört,
aber er schützt ihn dabei von beiden Seiten und mit dem eigenen Leibe
gegen den Südsturm, der nicht selten diese Hänge fegt. -- Und dort die
Rebe, die sich an den Baum schmiegt und von ihm genährt, getragen und
gehalten wird -- es ist nicht das Bild der Liebe, wie es auf den ersten
Blick erscheinen möchte -- es ist der _falsche Freund_, der den Umgarnten
hält und in seiner treulosen Umarmung endlich erstickt. -- Aber ich halte
Sie von Ihrer Arbeit ab,« unterbrach er sich wieder -- »das war mein
Wille nicht. -- Lieber Gott, es ist doch eigentlich recht traurig, daß
ich immer und immer wieder nur allen Menschen im Wege sein muß!« -- Er
warf sich bei diesen Worten auf den Stein nieder, lehnte die Stirn auf
seinen Arm und lag viele Minuten still und regungslos.

Könnern zerbrach sich noch immer den Kopf, was er aus seiner neuen
Bekanntschaft machen solle, denn manchmal kam es ihm so vor, als ob er es
mit einem halb Wahnsinnigen zu thun habe, und dann auch wieder verwarf
er den Gedanken und hielt den Fremden nur für einen Unglücklichen, der,
in seinen Hoffnungen und Erwartungen getäuscht, Bitterkeit gegen das
ganze Menschengeschlecht im Herzen trage, diesem Gefühle aber auf seine
eigene barocke Weise Raum gebe. Es that ihm aber auch wieder leid, daß
sich der Fremde seinetwegen Vorwürfe machen solle, und er sagte
freundlich:

»Machen Sie sich deshalb keine Sorge. Sie sind _mir_ nicht im Geringsten
im Wege und stören mich gar nicht. Im Gegentheil, es ist ganz angenehm,
bei der Arbeit Jemanden zu haben, mit dem man plaudern kann, und in der
Colonie habe ich bis jetzt leider noch Wenige getroffen, mit denen es
der Mühe lohnte.«

Der Fremde richtete sich langsam auf, strich sich die Haare aus dem
Gesicht und sagte dann: »Ich danke Ihnen; Sie sind wenigstens nachsichtig
mit meinem Geschwätz. Aber ich will Ihre Geduld auch nicht mißbrauchen
-- vielleicht vertreibe ich Ihnen die Zeit auf eine andere Weise« -- und
mit den Worten selbst trat er in das nächste Gebüsch, und Könnern sah zu
seinem Erstaunen, wie er von dort eine Violine nahm und sie stimmte.

»Sie sind Musiker?« fragte er.

»Musikant -- ja,« lachte der Fremde bitter vor sich hin -- »ich darf
den Bauern zum Tanz aufspielen und den Jungen die Griffe lehren und mir
die Ohren zerreißen lassen, wenn sie mit den dicken, gefühllosen Fingern
auf allen Saiten zugleich herumtappen« -- und damit strich er wild in
die Saiten, bis sich sein Ärger in den Tönen des eigenen Instrumentes
milderte, und er zu einem weichen, meisterhaft gespielten Adagio
einlenkte.

Könnern lauschte entzückt dem Spiele des Fremden, und als dieser endlich
innehielt und sein Instrument in tiefen Gedanken neben sich auf den
Boden stemmte, sagte er freundlich:

»Sie sind mehr als Musikant, mein lieber Freund, und wie Sie sich auch
hier Ihr Brod verdienen müssen, Ihr Spiel verräth den Künstler.«

»Künstler,« lachte der Fremde und warf sich die Haare wieder aus der
Stirn -- »es ist ein wunderlicher Name, und ich habe mir schon oft den
Kopf darüber zerbrochen, weshalb man derartige Leute _Künstler_ nennt
-- doch wohl nur deshalb, weil sie sich mit einem solchen Instrumente
nur höchst künstlich am Leben erhalten und vor dem Verhungern schützen
können. Künstler -- der Name hat etwas Vogelfreies in der Bedeutung,
selbst in dem Doppelsinn des Wortes -- eine wunderliche Brüderschaft
mit ihren Auswüchsen von Seiltänzern, Taschenspielern und Bänkelsängern.
-- Man sagt, das Handwerk habe einen goldenen Boden, und was hat die
Kunst? -- Einen vergoldeten Deckel, und darunter liegt Jammer und Elend,
Hunger und Noth -- Neid und Bosheit. -- Wenn ich einen Knaben hätte, er
müßte mir ein Handwerk erlernen, und wenn er das geringste Talent zu
einer sogenannten »Kunst« verriethe, drehte ich ihm mit kaltem Blute
selber den Hals um.«

»Und doch sitzen hier oben auf dem einen alten Felsblocke zwei lebendige
Wesen, die der nämlichen vogelfreien Gilde angehören,« lachte Könnern.

»So treffen sich die Menschen in der Welt,« sagte der Fremde leise,
»wandern eine kurze Strecke eine und dieselbe Bahn und trennen sich
wieder, um an verschiedenen Orten ihr eigenes Grab aufzusuchen
-- wunderliches Leben das!« -- und wieder sein Instrument aufnehmend,
überließ er sich ganz seinen wilden Phantasien. Könnern unterbrach ihn
auch nicht darin und zeichnete fleißig weiter, bis er die erste Anlage
seiner Skizze vollständig beendet hatte und aufstand, um seine Mappe zu
schließen.

»Sind Sie fertig?« fragte der Violinspieler und sprang ebenfalls auf.

»Noch nicht, aber doch mit der Anlage. Wie finden Sie die Skizze?«

Der Fremde warf einen flüchtigen Blick darüber hin, und dann die vor
ihnen ausgebreitete Gegend mit dem Auge überfliegend, sagte er, wieder
zu der Zeichnung zurückdeutend: »Da liegt die Palme, die wir erst gefällt,
und gleich darüber, in die Blüthenbüsche hineingeschmiegt -- doch fort,
was kümmern _mich_ die Leute, und daß ich immer dorthin zurück muß, kann
ich's ändern? -- Ha, da ist das Directions-Gebäude und die Kirche, wo die
Bauern Sonntags ihre Gesangbuchsverse abbrüllen und das Andacht nennen.
Dahinter liegt der kleine, dunkelgrüne Hügel -- da das Schulhaus, wo hinein
sie _mich_ bannen wollten, wenn ich nicht eben vogel_frei_ gewesen, und
hier im Vordergrunde die Höhle des alten Mannes mit den weißen Haaren,
der vollkommen Recht hat, daß er die Menschen haßt und scheut, und nur
dabei vergißt, daß er ein anderes, junges Leben ebenfalls in seiner
Gruft vergräbt.«

»Sie kennen den alten Meier?« fragte Könnern rasch.

»Ich kenne ihn,« sagte der Fremde ruhig, »und habe ihn manchmal gesehen,
wie man den Panther sieht, wenn man durch den Wald streift -- wie einen
Lichtschein durch die Büsche, und fort! Aber das ist keine Natur die
_mir_ zusagt, ich hasse Vögel im Bauer, und nur draußen in der Freiheit
-- da -- da sehen Sie dort?!« unterbrach er sich rasch und deutete mit
ausgestrecktem Arm in die Ansiedelung hinab, »sehen Sie, wie der Schimmel
dort unten durch die Straßen fliegt? -- sehen Sie, wie die Locken der
Amazone wehen, wie ihr Auge blitzt, wie die Wangen vom scharfen Ritt
geröthet sind und die kleine Hand das Thier unter sich doch immer zu
noch schärferer, wilderer Flucht antreibt? -- Ach, _das_ ist Musik, wenn
das muthige Roß den Boden mit den Hufen schlägt -- das ist Musik, wenn
ihr fröhliches Lachen durch die Seele dringt und die Brust mit Wonne und
Jubel füllt! Das Andere, was _wir_ Musik nennen,« setzte er langsamer
und finster hinzu, »ist nur eine Art von musikalischem Lärm -- ein
Mißton in der Harmonie der Natur -- gehen Sie mir mit solcher Musik!«
Und ohne eine weitere Antwort des jungen Malers abzuwarten, ja, ohne ihn
weiter zu beachten oder Abschied von ihm zu nehmen, stieg er mit seiner
Geige mitten in das Dickicht hinein, um sich seinen Weg nach der
Ansiedelung hinab direct zu bahnen.

Könnern, der anfangs dem ausgestreckten Arme des Fremden mit dem Blicke
gefolgt war, hatte in der von hier aus ziemlich fern gelegenen Colonie
nur eben drei Reiter erkennen können, die in voller Flucht die breite
Hauptstraße hinabsprengten. Einer von diesen ritt einen Schimmel, weiter
ließ sich aber natürlich auf solche Entfernung Nichts erkennen.

Jetzt sah er erstaunt und kopfschüttelnd seinem neuen Bekannten nach,
der ihn auf so rasche und schroffe Art verließ. Aber nicht gesonnen sich
ihm aufzudrängen, wenn er sich auch fest vornahm, unten in der Colonie
nähere Erkundigungen über ihn einzuziehen, packte er sein Zeichenbuch
ebenfalls zusammen und stieg langsam auf dem von ihm selber ausgehauenen
Weg in die Colonie zurück. --

       *       *       *       *       *

In der einen Querstraße Santa Clara's, am westlichsten Ende der
Ansiedelung, wo sich der bebaute Platz schon nach den Bergen hin zu
heben begann, stand ein kleines, ziemlich ärmlich aussehendes Häuschen
mit drei Fenstern und einer Thür und unter dem Ziegeldache eine
Bodenkammer.

Ärmliche Häuser gab es nun zwar in Santa Clara genug, aber die meisten
sahen doch wenigstens reinlich aus, und wenn sie auch keinen Reichthum
verriethen, zeigten sie doch fast alle das Streben der Insassen nach
einer gewissen Wohnlichkeit, die sich auch durch das einfachste Material
herstellen läßt, wenn nur eben Alles sauber und in Stand gehalten wird.
Es bedarf nicht immer künstlich zugehauener Steine und werthvoller
Hölzer; ein Topf weiße Farbe und ein Scheuerlappen verrichten oft
vortreffliche Dienste, nur muß der gute Wille und das Gefühl dafür
vorhanden sein.

Hier schien das Alles zu fehlen. Der weiße Anputz des Hauses war lange
von Wind und Wetter heruntergewaschen, die Fensterscheiben waren an
vielen Stellen zerbrochen und an der Wetterseite mit Papier nothdürftig
verklebt. Das Staket des kleinen Gartens, in dem nur Unkraut groß gezogen
wurde, lag an mehreren Stellen niedergebrochen; im Dache fehlte hier und
da ein Ziegel, und der Regen ward durch untergeschobene Spähne an solchen
Stellen nothdürftig abgehalten, sich seinen Weg in's Innere zu bahnen.

Eben so sah es vor dem Hause selber aus. Wo fast alle anderen Ansiedler
gar nicht schwer zu erlangende Steinplatten gelegt, die wenigstens einen
trockenen und reinlichen Eingang in den Hausflur bildeten, hatte der
Besitzer dieses Hauses bequemer zu erreichendes Material verwandt und
nur einige Körbe voll Spähne, die das Feuerholz geliefert, oben auf
den weichen Lehm geschüttet und nach und nach hineintreten lassen oder
selber hineingetreten. Aber diese waren nicht einmal erneuert worden und
dadurch Stellen entstanden, die man bei nasser Witterung nur mit größter
Vorsicht passiren konnte.

Nichts desto weniger prangte über der Thür ein mächtig großes Schild, das
fast die Hälfte der Hausbreite einnahm und den Raum zwischen Thürsims
und Dach vollständig ausfüllte. Auf diesem standen mit in die Augen
springenden Buchstaben die Worte:

  BEKLEIDUNGS-AKADEMIE VON JUSTUS KERNBEUTEL,
  KLEIDERKÜNSTLER FÜR HERRN, UND ZIMMERMALER.

Justus Kernbeutel selber saß auch unter seinem Schilde an einem der
offenen Fenster auf seinem Zuschneidetische und hatte ein Paar alte
breitgestreifte Hosen vor sich auf dem Schooße, auf die er eben in
Ermangelung eines ähnlichen Stoffes einen violet carrirten Flicken
setzte, während in dem andern Zimmer auf einem Heerd, der eine ganze
Sammlung von schmutzigen und zerbrochenen Töpfen trug, eine zu der
ganzen Umgebung vortrefflich passende Frau das Mittagsmahl bereitete.

Meister Kernbeutel oder »Justus«, wie er in der Ansiedelung gewöhnlich
glattweg genannt wurde, schien übrigens seiner Arbeit nicht zu eifrig
obzuliegen, denn er ließ oft die Nadel ruhen, um etwa Vorübergehenden
nachzusehen oder dann und wann auch Einen oder den Andern anzurufen. In
ein ordentliches Gespräch ließ sich aber Niemand mit ihm ein, denn Jeder
hatte seine bestimmte Beschäftigung, und daß Justus keine zu haben schien,
kümmerte die Anderen eben nicht.

Justus sah übrigens auch gar nicht so einladend aus, das Haar hing ihm
noch wirr um Kopf und Schläfe, als ob er sich an dem Morgen -- etwas
sehr Wahrscheinliches -- noch nicht einmal gewaschen hätte, und ein paar
blutige Striemen in dem von Leidenschaften gefurchten und unrasirten
Gesichte dienten ebenfalls nicht dazu ihn zu verschönern.

Sein Humor schien aber dafür desto besser; er pfiff fortwährend bei
der Arbeit, aber ob aus eigener fröhlicher Laune oder vielleicht die
Vorübergehenden und die Nachbarn wissen zu lassen, daß er sich den
Henker um Einen von ihnen scheere, ließ sich nicht genau erkennen. Es
kümmerte sich auch Niemand darum.

Da kam ein einzelner Fußgänger langsam die Straße herauf. Er hatte die
Mütze, mit einem Tressenbande darum, schief und herausfordernd auf dem
linken Ohr, beide Hände in den Taschen einer alten Militärhose, die Weste
um einen Knopf zu hoch eingeknöpft und den blauen Leinwandrock fleckig
und an der Schulter eingerissen, außerdem aber eine kurze, schmutzige
Porzellan-Pfeife im Munde und einen roth und grünen Tabaksbeutel vorn im
Knopfloch hangen.

Wie er dem Hause gegenüber war, blieb er stehen und las das Schild,
besah sich dann aufmerksam den im Fenster sitzenden Eigenthümer, ging
ohne Weiteres zu ihm hinüber, lehnte beide Arme auf das Fensterbret und
sagte:

»Guten Morgen, Schneider, wie geht's?«

Es giebt in der Welt eine Physiognomik, die wie die Freimaurerei ihre
gewissen Zeichen unter sich hat, und nach der sich verwandte Charaktere
oft wie durch eine Art von Instinct zu erkennen scheinen. Im Guten wie
im Bösen zeigt sich das, und wie sich ein braver, rechtlicher Mann von
dem offenen und ehrlichen Auge eines oft ganz Fremden angezogen fühlt,
so kann der Lump oder Verbrecher gerade das offene und ehrliche Auge nicht
leiden, fühlt sich aber augenblicklich heimisch, wo er die Gewißheit
findet das zu treffen, was er selber zu seinem eigenen Wohlbehagen
braucht: Genossenschaft im Laster und ein schlechtes Gewissen. Zu dem
Ersten müßte er aufblicken, das ist ihm unbequem -- zu dem Andern sagt
er Du -- wenn auch nicht immer gleich wörtlich, doch immer gleich im
Geiste, und _die_ Gesellschaft ist ihm gerade recht.

»Guten Morgen, Schneider, wie geht's?« redete auch deshalb der Fremde
den am Fenster sitzenden Justus an, als ob sie seit Jahren Freunde
gewesen wären, und nicht erst heute oder gestern erfahren hätten, daß
sie gegenseitig auf der Welt wären -- »immer so fleißig?«

»Muß ja wohl,« lautete die für jetzt noch ausweichende Antwort des
Arbeitenden, dem der Fremde zu rasch gekommen war, um sich gleich in ihn
hinein zu finden; »wohl erst neulich angekommen?«

»Mit dem Schiff -- ja. Hübsch hier in Brasilien, wie?«

»Wem's gefällt, ja,« lautete die Antwort; »aber Donnerwetter, wie ist
mir denn? Das Gesicht sollt' ich doch kennen -- bist _Du_ denn nicht der
Bursche, Kamerad, den die vornehme Gesellschaft da neulich beim Bier
hinausfuhrwerkte? Hast wohl noch keine Zeit gehabt, Dir den Rock wieder
zu flicken?«

»Hm,« brummte der Fremde, dem die Erwähnung jener Scene eben nicht
besonders angenehm zu sein schien; »wenn zehn Lümmel über Einen
herfallen -- hübsche Gastfreundschaft hier bei Euch, das muß wahr sein;
und Du hast vielleicht auch mit angefaßt?«

»Doch nicht,« sagte Justus kopfschüttelnd -- hol' sie der Teufel, die
Canaillen, mir sind sie eben so wenig grün, und ich hab' gerade eine
solche Kreide gegen sie.«

»Oho?« lachte der Fremde, der dadurch neues Vertrauen faßte -- »aber was
hilft's? Viele Hunde sind des Hasen Tod, und wenn die Meute zusammenhält,
wer kann dagegen?«

»Deshalb muß man warten, bis man sie einmal auseinander trifft, und
nachher seine Zeit wahren -- aber wo kommst _Du_ her?«

»Vom Rhein,« sagte der mit der Tressenmütze.

»Und was hast Du für ein Geschäft oder Handwerk?«

»Keins von Beiden,« brummte der Bursche, sich bequem mit dem Kinn auf
seine beiden Arme lehnend.

»Schafskopf!« sagte auf einmal eine deutliche Stimme dicht hinter dem
Schneider, der sich rasch und erschreckt umsah und die Nadel fallen ließ,
als er keinen Menschen hinter sich erblickte.

»Nanu?« rief er ordentlich bestürzt aus und fuhr auf seinem Stuhle herum
-- »da hätt' ich denn doch darauf schwören wollen, daß Jemand dicht hinter
mir schimpfte. Hast _Du_ Nichts gehört?«

»Ich?« sagte der Fremde gleichgültig -- »gar Nichts. Was war's denn?«

»Na, das ist aber doch merkwürdig,« meinte der Schneider kopfschüttelnd
-- »ich habe ganz deutlich gehört, wie Jemand sagte...«

»Schafskopf!« ertönte die Stimme noch einmal, und der Mann fuhr von
seinem Tische herunter, als ob er auf glühendem Eisen gesessen hätte.
Jetzt hielt sich aber auch der Fremde vor dem Fenster nicht länger und
schlug ein so gellendes Gelächter auf, daß Justus sich erstaunt und halb
gereizt nach ihm umsah. Der mit der Tresse aber, noch immer lachend,
während er sich mit beiden Händen an dem Fensterbret hielt, rief:

»Beruhige Dich nur, tapferer Kamerad -- beruhige Dich nur; es ist nicht
der Geist irgend eines verschnittenen Tuchrockes, der zu Dir gesprochen,
sondern...«

»Ich war's ja selber,« rief wieder eine feine Stimme aus der
entferntesten Ecke vor.

»Ja, was beim hellen Teufel!« fluchte Justus -- »Halunke Du, bist Du denn
ein Bauchredner?«

Der mit der Tresse lachte noch immer, daß ihm die Thränen von den
schmutzigen Backen herunter liefen, und Justus, sich wieder auf seinen
Tisch setzend, fuhr jetzt selber lachend fort:

»Verfluchter Kerl! Habe wahrhaftig einen ordentlichen Schreck gekriegt.
Aber komm herein, Kamerad; die Alte wird das Essen gleich fertig haben,
und wenn Du nicht vielleicht beim Director eingeladen bist...«

»Ein recht vergnügtes und sauberes Pärchen, das muß wahr sein,« unterbrach
in diesem Augenblick eine Stimme von der Straße die Unterhaltung der
Beiden, und als sie rasch den Kopf danach drehten, ging eben Jeremias
mit einem Bündel junger Pfirsichbäume auf der Schulter, die er draußen
aus irgend einer Chagra geholt, die Straße hinab.

»_Dich_ kümmert's wohl, Du verbrannter Halunke!« rief ihm der Schneider
zu, dem beim Anblick seines Feindes die Galle rasch wieder überlief.

»Lauf', mein Junge, lauf', sie kommen!« rief in dem Momente eine Stimme
dicht hinter Jeremias, und dieser drehte rasch und verwundert den Kopf
der leeren Stelle zu.

»Lauf', mein Bursche, lauf'! Sie kommen wahrhaftig!« drängte es auf's
Neue, und Jeremias, der noch immer keinen Menschen sah, wurde es doch
jetzt unheimlich. Er dachte gar nicht mehr an den Schneider und dessen
Gesellschaft, sondern schritt schärfer aus, und als jetzt gar eine
Stimme an seiner Seite laut wurde, die rief:

»Halt still, Bursche, halt still! Ich muß eins von Deinen Ohren haben!«
fing er herzhaft an zu laufen, und stand, von dem jubelnden, wiehernden
Gelächter der Beiden verfolgt, nicht eher still, als bis er wieder in
die eigentliche Straße und zwischen mehrere Häuser kam.

Justus Kernbeutel war aber jetzt rein außer sich vor lauter Vergnügen,
seinen ärgsten Feind -- denn er haßte den fleißigen und sparsamen Jeremias
wie Gift -- so angeführt und gejagt zu sehen, und der mit der Tresse
mußte, er mochte wollen oder nicht, mit zu ihm in's Haus hinein, um an
der eben aufgetragenen Mahlzeit Theil zu nehmen.

Er fand allerdings nicht viel Appetitliches da vor, denn des Justus'
»Haushälterin« paßte zu demselben, und sie dachte nicht daran, wegen so
eines Gastes auch noch Umstände zu machen. Das Tischtuch -- ein alter
Baumwollenlappen -- sah aus, als ob es eine Zeit lang zum Fußteppich
vor der Hausthür gedient hätte, und war mit Fett übergossen, die irdene
Schüssel nur inwendig ein wenig ausgewischt, und die blechernen Löffel
trugen noch die Erinnerung an die letzte Mahlzeit. Der mit der Tresse
war aber ebenfalls nicht verwöhnt, und es ist sogar möglich, daß er
sich vor einem reinen, weißen Tischtuch unbehaglicher gefühlt hätte,
als gerade hier. Jetzt fühlte er sich gleich daheim, wischte sich ohne
Umstände seinen Löffel an dem nächsten Zipfel des Tischtuches -- wenn
auch nicht rein, doch trocken, und langte dann tapfer mit in die mitten
auf dem Tisch stehende Schüssel hinein, in der eine ziemlich reichliche
Mahlzeit von klein geschnittenen Kartoffeln und Fleischstücken aufgetragen
stand. Während des Essens wurde nicht viel gesprochen.

»Wie heißt Du denn eigentlich?« fragte der Schneider seinen Gast.

»Bux,« sagte der Mann kauend.

»Kurz genug ist der Name,« lachte der Wirth -- »und der Vorname?«

»Hab' keinen.«

»Hast keinen Vornamen? Aber Du mußt doch getauft sein?«

»Möglich; aber schon als Junge wurde ich von meinen Alten nur immer Bux
genannt und dabei blieb's. Um Weiteres hab' ich mich nimmer erkundigt,
interessirte mich nicht.«

»Und die Polizei daheim ließ sich das auch gefallen?«

»Bah, was wollte sie machen?« lachte der Bursche -- »eine Weile
fuhrwerkten sie mich per Schub im Lande herum, um zu erfahren wo ich
zu Hause sei, und meine Dokumente zu bekommen. Nachher fanden sie sich
drein, und Bux hieß ich und blieb ich.«

Die Frau trug das Essen wieder hinaus, als Alle fertig waren, ohne auch
nur eine Silbe zu sprechen -- nicht einmal guten Tag hatte sie geboten,
als sie in's Zimmer kam. Wie sie den schmutzigen Fetzen vom Tische riß
und damit verschwand, sagte Bux, hinter ihr her deutend:

»Scheint heute nicht besonderer Laune, das schöne Geschlecht.«

»Hausdrache,« meinte Justus lakonisch, »aber -- was ich Dich fragen
wollte, kennst Du den Lump, der da vorüber ging?«

»Den ich so hübsch auf den Trab brachte?« fragte Bux, indem er seine
kurze Pfeife zwischen die Zähne nahm, und aus dem roth und grünen Beutel
stopfte.

Der Schneider nickte und fuhr dann leise fort:

»Das ist der nichtswürdigste Halunke, der im ganzen Ort herumläuft, und
hat dabei« -- er warf einen Blick zurück, ob die Frau nicht im Zimmer sei
-- »ganze Säcke voll Silber im Walde vergraben.«

»Der?« sagte Bux, und hielt erstaunt mit Feuerschlagen inne -- »sieht
aber wahrhaftig nicht danach aus.«

»Und doch ist's wahr,« betätigte Justus; »der Lump ist mit allen Hunden
gehetzt, verdient Geld Hand über Hand und giebt nicht einen Pfennig
davon aus. Was er aber zusammenscharrt, steckt er in einen alten Sack
und gräbt's irgendwo draußen ein, wo es der Teufel selber nicht finden
kann.«

»Hm,« sagte Bux, indem er den dicken Qualm aus seiner Pfeife blies und
Justus dabei gerade in's Gesicht starrte -- »das wäre ein Fund für einen
ehrlichen Kerl, wenn man einmal über ein solches Nest stolperte!«

»Ja, hat sich was!« brummte der Schneider -- »an unser Einen kommt so 'was
nicht -- hol's der Böse, ich hab' einmal kein Glück!«

»Zu viel Glück in der Liebe!« lachte Bux, und Justus murmelte einen
gotteslästerlichen Fluch vor sich in den Bart, während der mit der
Tresse weiter dampfte. Beide blieben auch jetzt eine Weile mit ihren
eigenen Gedanken beschäftigt. Endlich nahm Bux das Gespräch wieder auf.

»Sollte er wirklich so dumm sein, es draußen im Walde verscharrt zu
haben?«

»Und warum dumm? Sollt' er's lieber Jemandem borgen?«

»Uns Beiden etwa?« lachte Bux.

»Draußen liegt's, das ist sicher,« fuhr Justus fort, ohne auf den
harmlosen Scherz einzugehen, »und ich -- habe auch eine entfernte
Ahnung, wo, aber allein ist mit dem Schuft Nichts zu machen. Er hat
Kräfte wie ein Bär, und ich möchte ihm nicht einzeln in der Gegend in
den Weg laufen.«

»Und muß er dabei sein? Wenn nun einmal irgend Jemand wo nach Trüffeln
gräbt?« fragte der Andere jetzt lauernd, denn sein neuer Kamerad schien
mehr zu wissen, als er anfangs selber gedacht. Justus war aber noch
nicht recht mit sich im Klaren, denn die Bekanntschaft mochte ihm doch
wohl noch zu neu erscheinen, um gleich eine so große Vertraulichkeit zu
rechtfertigen. Der mit der Tresse hatte ihn dabei viel zu rasch beim
Wort genommen, und Justus, ob er nun wirklich Nichts weiter wußte, oder
sich noch erst einmal ein derartiges Compagnongeschäft reiflicher
überlegen wollte, hielt zurück und gab ausweichende Antworten.

Bux dachte ebenfalls nicht daran, ihn zu drängen, und nur erst auf die
Spur gebracht, brauchte er vielleicht nicht einmal den Schneider zu
seiner weiteren Hülfe -- er hatte schon andere Dinge möglich gemacht.

»Bleibst Du in Santa Clara?« fragte ihn Justus jetzt.

»Vor der Hand, ja -- muß erst wieder frisches Reisegeld haben, um ein
Wenig im Lande herumzufahren; nachher lass' ich mich nieder, kaufe mir
ein paar Dutzend Mohren und werde Pflanzer.«

»Du giebst wohl Vorstellungen?« fragte der Schneider.

»Wollen sehn was zu machen ist, und ob die Leute Geld haben. Sie werden's
doch nicht _Alle_ im Wald verscharren?«

»Ne, schwerlich,« lachte Justus -- »ich wenigstens nicht.«

»Na, denn adjes, Kamerad, für jetzt -- bin gerade dabei, ein Bißchen im
Orte umher zu horchen, wie die Sache am Besten anzufangen ist. Wer
könnte Einem denn da wohl die bequemste Auskunft geben?«

»Hm,« sagte Justus nachdenkend -- »der Pfarrer.«

»Hahahaha,« lachte Bux, »da käm' ich gerade an die rechte Schmiede -- »ne,
Kamerad, mit dem _Pfarrer_ hat mein Geschäft oder meine Kunst, wenn Du
willst, Nichts zu thun.«

»Gut, da geh _nicht_ hin,« brummte Justus beleidigt -- »wenn Du mir aber
folgen willst, gehst Du gerade zum Pfarrer, und um Gotteswillen nicht zum
Director, denn mit dem wär's Nichts. Der Pfarrer ist aber ein kreuzfideles
Haus, ein Pastor, wie er im Buche steht, der seinen Spaß mitmacht, und
auch bei Gelegenheit einmal über die Schnur haut.«

»Und bist Du wirklich im Ernst?« fragte der mit der Tresse, noch immer
zweifelhaft.

»Gewiß bin ich,« sagte Justus ernsthaft; »versuch's nur einmal -- er
beißt nicht.«

»Gott straf' mich, dann geh' ich zum Pfarrer!« lachte Bux laut auf
-- »und wenn's nur des Spaßes wegen wäre, daß der und ich einmal in einem
Joche ziehen. Also auf Wiedersehen, Kamerad!« Damit drückte er seinem neu
gefundenen Freunde die Hand, rückte seine Mütze wieder auf ein Ohr und
schlenderte langsam in die Stadt zurück.




2.

Die Maniok-Mühle.


Etwa zwölf Legoas die Küste abwärts und eine volle Legoa in den Wald
hinein lag eine große, trefflich gehaltene und bestellte Chagra oder
Plantage, mit weiten Mais-, Bohnen- und besonders Maniokfeldern[1],
in welchen letzteren eine Anzahl Neger beschäftigt war, die großen,
schweren Wurzeln auszugraben oder, wo das ging, aus dem Boden zu ziehen
und auf Haufen zu werfen, während sie die holzigen Büsche ebenfalls
zusammen schleppten, um sie zu verbrennen.

 [Fußnote 1: Die Maniok-Wurzel ist eine der Kartoffel nicht unähnliche
 Knolle, welche mit Bohnen und Schweinefleisch das Haupt-Nahrungsmittel
 der Brasilianer bildet. Sie wächst, als Wurzel eines Strauches, aber
 nicht rund, sondern lang, nur _unter_ der Erde und oft bis zu Armesdicke,
 mit einer dünnen, braunen Schale, wie die Kartoffel. Sonderbarer Weise
 ist sie giftig, wenigstens der Saft derselben, und sie muß deshalb
 zerrieben und ausgepreßt werden, wonach man das dadurch erhaltene grobe
 Mehl dörrt und zu den Speisen verwendet. Eine ganz ähnliche Wurzel wie
 die Maniok, und in Strauch und Knolle kaum von ihr zu unterscheiden, ist
 die besonders in Peru und Ecuador angepflanzte Yuka, welche aber _kein_
 Gift enthält und häufig geröstet gegessen wird.]

Dicht an den Feldern und in einem wirklichen Walde von Orangenbäumen
lagen die Häuser des Eigenthümers mit den Negerwohnungen, ohne Anspruch
auf Symmetrie nach allen Richtungen und Winkeln angebaut.

Jedenfalls war es eine sehr bedeutende und umfangreiche Plantage, aber
die Wohnungen verriethen das trotzdem nicht, denn etwas Einfacheres als
ihre Bauart und Einrichtung ließ sich nicht wohl denken oder herstellen.
Die Gebäude selber waren aus Holz und Lehm ausgeführt, mit Schindeln und
Schilf gedeckt, und wohl mit Fensterlöchern versehen, aber natürlich ohne
Rahmen und Glas. Selbst der Boden war nicht gedielt, sogar nicht einmal
in der Wohnstube des Besitzers; die Luft konnte überall frei aus und
ein, und wenn sich einmal der Morgen oder Abend außergewöhnlich frisch
zeigen sollte, so wurde nur ein großer Brazero, ein Messingkohlenbecken
mit Holzkohlen, mitten in's Zimmer gesetzt, und wer gerade darin war,
kauerte darum her.

Eben so einfach wie das ganze Haus waren die Möbel, welche allein aus
schlicht gehobeltem Holze bestanden, und statt der Betten dienten auf
ein Gestell scharf angespannte Kuhhäute, auf denen ein paar wollene
Decken und ein mit wilder Baumwolle ausgestopftes Kopfkissen lagen.
Unter _jedem_ Bett aber standen ein Paar Pantoffeln für etwa eintreffende
Fremde, denn es scheint fast, als ob sich ein Brasilianer keine Existenz
außer in Pantoffeln denken könnte. Er trägt dieselben nicht allein im
Hause, sondern auch auf seinen Spaziergängen, ja selbst auf Reisen,
und Brasilianer in Schlapppantoffeln zu Pferde sind gar nicht etwas so
Seltenes. So viel ist gewiß, so wie er ein Dampfboot betritt, zieht er
augenblicklich die ihm lästigen Schuhe aus und seine ihm weit bequemeren
Pantoffeln an, selbst wenn die übrigens rein gewaschenen Socken oft an
den Hacken sehr bedenkliche Löcher zeigen.

Für Bequemlichkeit hat deshalb der brasilianische Pflanzer wohl einen
Sinn, für Wohnlichkeit oder Häuslichkeit aber gewiß nicht, und er
verwendet sein Geld viel lieber auf ein mit schwerem Silber überladenes
Reitzeug oder Pferdegeschirr, als auf den Platz, der ihm und seiner
Familie zur Wohnung dient, der also seine Heimath sein sollte -- hat er
doch nicht einmal ein Wort für _Heimath_.

Dicht an die kleinen Häuser angebaut stand ein großer, auf Pfählen
errichteter Schuppen, ebenfalls mit Lehmwänden, einer mächtigen Thür,
durch die ein beladener Karren recht gut einfahren konnte, und im Innern
mit einer vollständigen Mahleinrichtung, die aber trotzdem kaum den
dritten Theil des Raumes ausfüllte.

Die Mühle selber war nicht ganz in der Mitte angebracht und bestand
in einem sehr einfachen Räderwerke, das weiter Nichts als ein mit
durchlöchertem Eisenblech beschlagenes Rad trieb. Das Eisenblech war in
der Art wie unsere gewöhnlichen Reibeisen, welche sich in jeder Küche
finden, nur etwas gröber ausgeschlagen, und bestrich einen kleinen
Kasten oder eine Art von Gefach, in welches die vorher nur abgeschabten
Maniokwurzeln eingeschoben wurden.

Gerade war wieder ein Karren voll dieser Knollen bis hinein in den
Schuppen selber gefahren und dann vorn ausgekippt worden, um die Frucht
auf den Boden zu werfen. Dort kauerten augenblicklich vierzehn bis
fünfzehn Neger, doch nur wenige Männer, Frauen und Kinder, darum her, um
mit Messern und Eisen die Knollen abzuschaben, welche dann von anderen
Sclaven zu der Mühle getragen und von einem Knaben aufgeschüttet wurden.
Indessen war ein kräftiger Stier hereingeführt und mit verbundenen Augen
an den senkrecht laufenden Schaft gespannt, welcher das Hauptrad drehte
und die hineingeworfenen Wurzeln zerrieb. Das von dem giftigen Safte
noch durchdrungene Geschabe wurde dann in grob gewebte Säcke gepackt.

An der Seite des Schuppens waren für diese Säcke Pressen angebracht,
rohe, starke Holzschrauben mit Löchern zu Hebebäumen, wie sie auf
Schiffen am Gangspill sind. Unter diese kamen die Säcke, unter jede
Schraube einer, und wurden erst ein Wenig angeschraubt, daß der Saft
aus dem Gewebe herauslief, der sich dann unten in einer Rinne fing
und in eine Grube lief. Jede halbe Stunde etwa zogen besondere Leute die
Schraube fester und fester an, bis der Sack zu der Form eines kleinen
Schweizerkäses fest und hart zusammengedrückt und der letzte Saft aus
dem jetzt zu Mehl gewordenen Geschabe entfernt war.

Hinten an der Wand, auf einer Art von Backofen, stand außerdem eine
riesige eiserne Pfanne über dem Feuer. Dort hinein kam das immer
noch etwas feuchte Mehl, und ein Neger rührte und bewegte es hier
ununterbrochen, bis es vollständig ausgetrocknet, in Säcke gemessen
und in die Vorratskammer geschafft werden konnte.

Es war ein lebendiges Bild, diese Mühle, mit den fröhlich plaudernden
Gruppen der Mädchen und Kinder, mit dem geschäftigen Treiben der Sclaven,
welche in ihrer Arbeit so regelmäßig gingen wie der Stier, der die Walze
drehte, mit der halb nackten Gestalt des Negers an der heißen Pfanne,
welchem die Gluth den ohnehin schon warmen Platz noch unerträglicher
machen mußte.

Die Mühle schien aber auch zu einer gewöhnlichen Wohnstube benutzt zu
werden, denn dicht neben der Gruppe der schabenden Mädchen stand ein
langer Holztisch mit Stühlen darum her, und eine der Negerinnen kam
gerade mit dem Tischtuch herein, um für die nächste Mahlzeit zu decken.

Mitten unter den Frauen und Kindern schwarzer Abstammung saßen dazu ein
paar weiße Mädchen, mit derselben Arbeit beschäftigt, und eine alte Dame
in schwarzem Seidenkleid und schwarzer Mantille lehnte dicht daneben
in einem großen Rohrstuhl, und sah der Arbeit zu, während zwei kleine
Negerkinder von zwei und drei Jahren zu ihren Füßen spielten und ihr
auch manchmal in ihrem Muthwillen auf den Schooß kletterten.

Nur allein in der einen Ecke entfernt von den Übrigen, saß eine weiße
Frau, die in die ganze Umgebung nicht zu passen schien. Sie trug
augenscheinlich eine fremde Tracht, und auch die lichten Locken stachen
gegen die Rabenhaare der übrigen Bewohner auffallend ab. Ihr Gesicht
ließ sich aber nicht erkennen, denn sie hatte es mit ihrem Tuche bedeckt
-- weinte sie? Die Negermädchen unterbrachen manchmal ihre Fröhlichkeit,
sahen scheu nach ihr hinüber und flüsterten dann mit einander. Ernste
Gedanken konnte aber dieses leichtherzige Geschlecht nicht lange von
seinem Muthwillen ablenken, und irgend ein hingeworfener Scherz riß
wieder Alle rasch zu lauter Fröhlichkeit hin.

Ein alter Herr in einem dunklen, langen Rock, aber einen Panamahut
auf, betrat jetzt die Mühle. Er war jedenfalls ein Geistlicher und der
Eigenthümer der Plantage, schien auch die Frau in der Ecke bei seinem
Eintritt gar nicht gesehen zu haben, sondern ging zuerst zu den Arbeitern,
um sich zu überzeugen, daß die Beschäftigung ohne Störung verliefe,
und trat dann zu dem Stuhl der alten Dame, neben dem er sich ebenfalls
niederlassen wollte, als eine Handbewegung derselben seine Aufmerksamkeit
auf die Fremde lenkte.

Langsam drehte er sich nach ihr um, betrachtete sie wohl eine Minute
schweigend, schritt dann auf sie zu und legte seine Hand leicht auf
ihren Kopf. Die Frau hob die rothgeweinten Augen zu ihm auf und sah ihn
an, und der alte Herr sagte freundlich:

»Aber meine liebe Senhora, was geben Sie sich immer und immer wieder
diesen trüben Gedanken hin? Den Schritt, den Sie gethan, haben Sie aus
eigener fester Überzeugung und mit freiem Willen gethan; die Gesetze
dieses Landes wie die Kirche selber schützen Sie darin, weshalb also nun
noch diese Traurigkeit? Frohlocken sollten Sie eigentlich, daß Sie, wenn
auch spät, doch endlich zu der rechten Erkenntniß gelangt sind, denn die
Bahn liegt jetzt offen vor Ihnen, welche Sie zu Glück und Frieden führen
kann.«

»Ach, Sie haben ja wohl Recht, ehrwürdiger Herr,« sagte die Frau in
ziemlich gutem Portugiesisch -- »ich hab' es ja Alles aus freiem Willen
gethan -- es hat mich kein Mensch dazu gezwungen, aber nun, da es
geschehen ist, kommt mir doch immer noch manchmal ein Gedanke, als
ob ich doch am Ende unrecht, als ob ich schlecht gehandelt hätte.«

»Und kann eine Handlung schlecht sein, die Gesetz und Religion auf ihrer
Seite hat?« fragte der Mann.

»Ach nein, nein,« sagte die Frau rasch -- »es sind ja auch nur manchmal
die albernen dummen Gedanken. Sprechen Sie mir nur Trost und Zuversicht
ein, lieber Herr, nachher wird schon Alles gut werden. Es ist -- es ist
mir nur noch Alles hier so neu, so fremd, und ich sollte eigentlich
recht, recht glücklich sein, denn mein -- früherer Mann darf mich jetzt
nicht mehr auszanken und schlagen, und -- ich werde die alte vergangene
Zeit ja auch bald vergessen.«

»Das werden Sie, liebes Kind,« sagte der Brasilianer, »und sich außerdem
auch noch vollkommen ruhig und sicher fühlen können, denn gleich nach dem
Essen werden die Pferde kommen, welche Sie nach Santa Catharina bringen
sollen. Dort hat Ihr Herr Gemahl eine sehr hübsche Besitzung, und Sie
werden dort alles Leid, alle Sorgen bald und schnell -- vergessen,«
setzte er langsamer hinzu und horchte nach der Thür hinüber, von der ein
merkwürdiges Geräusch herschallte. Es war fast, als ob Jemand um Hülfe
riefe, und in demselben Augenblicke stürzte auch ein Negerjunge herein,
auf seinen Herrn zu und rief:

»Senhor -- fremder Mann hat andern fremden Herrn gepackt -- _hier_,«
erklärte er deutlicher und griff sich selber nach dem Halse -- »so fest.
Eine Senhor schreit und andere....«

»Was ist da vorgegangen?« rief der Brasilianer erstaunt, aber die Frau
war todtenbleich geworden. Eine Ahnung der Wahrheit schoß ihr durch die
Seele, und mit gefalteten Händen emporspringend, rief sie aus.

»Schützen Sie mich um Gottes willen; das ist mein Mann, der mich
aufgefunden hat!«

»Hm,« sagte der brasilianische Geistliche -- »_das_ wäre möglich, aber
haben Sie keine Furcht. Hier kann Ihnen Nichts geschehen, denn Sie sind
unter _meinem_ Dache.«

Er behielt aber keine Zeit weiter, sie zu beruhigen, denn durch die Thür
herein flogen noch ein paar Negerjungen, und dicht hinter ihnen erschien
eine Gruppe, vor welcher die Mädchen erschreckt von ihrer Arbeit
aufsprangen und die allerdings mit der bisherigen freundlichen Ruhe
des Platzes im grellsten Widerspruche stand.

In dem breiten Thore, durch welches erst vor wenigen Minuten wieder der
Karren geschoben war, welcher den neuen Vorrath in die Mühle gebracht,
erschien unser alter Bekannter, der Colonist Pilger aus Santa Clara, aber
nicht mehr der ruhige, stille Mann, wie wir ihn dort gesehen, sondern
mit erhitztem Gesichte, zornfunkelnden Augen, die dunkelbraunen Haare
wirr um die Schläfe hangend, das Hemd durch das Raufen vorn aus einander
gerissen: so trat er ein und seine rechte Hand hatte sich fast krampfhaft
in die Halsbinde des früheren Delegado von Santa Clara gekrallt, den er,
weiter gar nicht mehr seiner achtend, hinter sich herschleifte.

Der arme Delegado sah bös aus. Seine beiden hübschen Pantoffeln hatte er
unterwegs verloren und war in bloßen Strümpfen durch die oft schmutzigen
Stellen der Straße hergeschleppt; sein Rock hing ihm nur noch in Fetzen
vom Leibe, sein Hemd war zerrissen, sein Hut ebenfalls verloren und im
Gesichte blutete er an drei bis vier verschiedenen Stellen.

Die Neger, die ebenfalls herbeigesprungen waren, starrten dabei von der
Gruppe zu ihrem Herrn, denn sich in den Kampf zweier Weißen zu mischen,
schien ihnen nicht räthlich; aber der Eine von diesen war doch der Gast
des Herrn selber, und dessen Befehl erwarteten sie jetzt. Ehe dieser aber
nur einen solchen geben, ja, vielleicht selber einen Entschluß fassen
konnte, hatte Pilger's wild umherschweifender Blick die Frau erspäht. In
dem Moment war der Gefangene, war seine ganze Umgebung vergessen, und
den Portugiesen loslassend, der in Angst und Scham hinter dem Geistlichen
Schutz suchte, eilte er auf sie zu und rief:

»Margareth! Margareth! und muß ich Dich _hier_ finden?«

Er wollte auf sie zugehen und ihre Hand fassen, der Brasilianer aber,
der indessen mit ruhigem Blick das Ganze überschaut hatte und den
Zusammenhang vollkommen gut begriff, trat zwischen ihn und Margareth,
und den Arm gegen ihn hebend, sagte er ruhig:

»Halt, lieber Freund -- dies ist _mein_ Haus -- hier ringsum stehen meine
Leute, mir Ordnung zu halten, wenn Jemand dieselbe gegen meinen Willen
stören wollte, und ich bitte Sie deshalb jetzt, mir ganz leidenschaftslos
zu sagen, was Sie hier wünschen, was Sie hergeführt und weshalb Sie
meinen Freund, Dom Franklin, auf so rohe Weise mißhandelt haben.«

»Was ich will? Was mich hergeführt?« sagte Pilger, erstaunt zu dem
Brasilianer aufsehend, »fragen Sie die Frau da, welche ohne einen
Blutstropfen im Gesichte hinter Ihnen steht und sich mit ihren Augen in
den Boden eingraben möchte. _Wissen_ Sie, was die Beiden verschuldet,
die Frau da und jener blutige Schuft, der dort scheu in die Ecke
gekrochen ist?«

»Mein Herr,« sagte der Brasilianer ruhig -- »Sie häufen da schwere
Anklagen auf zwei Leute, welche, was auch _früher Ihre_ Anrechte
gewesen sein mögen, _jetzt_ vollkommen unabhängig unter dem Schutz der
brasilianischen Gesetze stehen und von keinem Menschen, am Wenigsten von
einem fremden Protestanten, beleidigt werden dürfen. Bedenken Sie das,
oder vielmehr, Sie hätten es früher bedenken sollen, ehe Sie die Hand an
einen brasilianischen Bürger legten.«

»Und in niederträchtiger Weise hat er mich überfallen!« rief der Delegado
jetzt hinter dem Geistlichen vor; »langsam kam ich den Weg entlang, der
hier nach der Hacienda führt, als dieser Mensch wie ein Bär über mich
her stürzte, mich zu Boden schlug, würgte und mich dann hieherschleppte.
Da müßte ja doch keine Gerechtigkeit mehr in Brasilien sein, wenn sich
ein brasilianischer Bürger so von einem hergelaufenen Lump behandeln zu
lassen brauchte.«

Pilger erwiederte kein Wort, aber der Blick, mit dem er auf den
zurückweichenden Delegado zuschritt, schien diesem einen neuen und
vielleicht gefährlicheren Angriff zu versprechen, als der erste gewesen.
Ein Wink des Hausherrn brachte aber die Neger auf diese Seite herüber,
hinter denen der Delegado Schutz fand, und Pilger, nur noch einen
verächtlichen Blick nach dem feigen Patron hinüber werfend, sagte in
deutscher Sprache:

»Was ärgere ich mich auch noch mit dem Schuft! Komm, Grethe -- Du hast
hier Nichts mehr zu thun. Wir Beide wollen gehen, und unser Herr Pfarrer
daheim mag nachher die Sache in Ordnung bringen. Du scheinst Dich mit
mir nicht länger glücklich zu fühlen -- gut -- ich will und werde Dich
nicht zwingen bei mir zu bleiben. Aber Deinen Eltern habe ich versprochen,
wie ein ehrlicher Mann an Dir zu handeln -- was Du versprochen hast, weißt
Du selber am Besten -- und so will ich Dich ihnen wenigstens zurück nach
Deutschland schicken, daß sie sehen, ich habe mein Wort gehalten. Nun?«
fuhr er erstaunt fort, als er sah, daß sich Margarethe gar nicht regte und
nicht einmal das Auge aufschlug -- »eine volle Woche bin ich in wahrer
Todesangst Deinetwegen in der Gegend hier herum gefahren und habe gehungert
und gedurstet, nur mit dem Gedanken an Dich -- Dich zu retten aus dem
Verderben, in das Dich jener Bube gelockt, und jetzt -- jetzt hast Du
nicht einmal einen Blick für mich, Grethe?«

»Ich weiß nicht, was Sie Beide noch in Deutsch zu verhandeln haben,«
mischte sich hier der Brasilianer ein, »denn ich verstehe die Sprache
nicht; erlauben _Sie_ mir aber, zu bemerken, mein Herr, daß Sie mit
dieser Frau Nichts weiter im Geheim verhandeln _dürfen_, so lange _ich_
wenigstens dabei bin, und unter meinem Dache -- Sie haben mich doch
hoffentlich verstanden?«

»Mit _meiner_ Frau nicht?« lachte der Deutsche bitter -- »das wäre nicht
übel. Außerdem werde ich Sie nicht länger hier belästigen; daß auch _Sie_
mir aber noch Rechenschaft geben sollen, eine ihrem Manne weggelaufene
Frau versteckt zu haben, darauf können Sie sich verlassen. Komm, Grethe,
mir wird die Luft zu schwül hier; ich muß fort!«

»Niemand hält Sie,« sagte der Brasilianer kalt -- »so viel aber diene
Ihnen außerdem zu wissen, daß diese Frau nicht mehr die Ihrige ist,
sondern daß ich sie vorgestern schon mit Dom Franklin Brasileiro Lima
nach dem Ritus unserer Kirche verbunden habe.«

»_Sie?_ _Meine_ Frau mit _dem_ da?« rief Pilger, kaum seinen Ohren
trauend.

»Ich bin Geistlicher,« sagte der Brasilianer, sich hoch emporrichtend,
»und nachdem Ihre frühere Frau den katholischen Glauben angenommen hat,
habe ich sie mit Dom Franklin nach dem Ritus _unserer_ Kirche zu
unlöslicher Verbindung zusammengegeben.«

»Eine _verheirathete Frau_?« rief Pilger wieder, dem sich fast die Sinne
bei dem eben Gehörten verwirrten.

»Eine protestantische Ehe ist nach unseren Gesetzen kein canonisches
Hinderniß,« sagte der Geistliche kalt, »und wenn Sie in ein fremdes Land
kommen, müssen Sie sich auch den da bestehenden Gesetzen fügen.«

»Bin _ich_ denn wahnsinnig, oder wollen Sie mich erst dazu machen?« sagte
Pilger, und hielt sich mit beiden Händen seine Stirn -- »die Freiheit
unserer Religion ist uns vom Staate zugesichert, und alle protestantischen
Ehen sollten ungültig sein?«

»Vor dem Gesetze, ja,« sagte der Brasilianer, und ein spöttisches Lächeln
zuckte um seine Lippen -- »als Concubinat lassen wir sie gelten, als
weiter Nichts. Doch das ist eine Sache, die ich nicht länger hier mit
Ihnen verhandeln möchte. Sie werden nach dem Vorhergegangenen begreifen,
daß Ihre weitere Gegenwart hier für beide Parteien nur unangenehm sein
kann.«

»Und _Du_, Margareth?« sagte Pilger jetzt mit fast gebrochener Stimme,
»Du hast _so_ handeln können? Fühlst Du denn die Schande und Schmach gar
nicht, die Du mir und Dir dabei angethan?«

Die Frau stand regungslos in ihrer Ecke, die Augen fest und scheu auf
den Boden geheftet, aber sie sprach kein Wort, und der Brasilianer, der
dieser Scene unter jeder Bedingung ein Ende machen wollte, rief:

»Jetzt ist's genug, Senhor -- die Frau steht hier unter dem Schutze
meiner Schwester und ihres rechtmäßigen Gatten. Glauben Sie wirklich
noch Rechte an sie zu haben, so wenden Sie sich an die Gerichte des
Landes, die Ihnen sagen werden, was Sie zu hoffen haben. Jetzt aber
verlassen Sie dieses Haus, wenn Sie mich nicht zwingen wollen, mir mit
Gewalt Ruhe und Frieden auf meinem Eigenthum zu verschaffen.«

»Gut,« sagte Pilger ruhig -- »ich gehe; ich sehe überhaupt wie es hier
steht, denn die Frau da hat Scham und Ehre abgeschworen, und ist doch
eines braven Mannes nicht mehr werth. _Wenn_ aber noch Gesetz und
Gerechtigkeit in Brasilien zu finden ist, so wollen wir doch sehen,
ob ein solcher Schurkenstreich ungestraft verübt werden darf!«

»Joao! Pablo! Pedro!« rief der Brasilianer, bei dem jetzt auch der Zorn
die Oberhand gewann -- »werft mir diesen Fremden einmal hinaus auf die
Straße!« und drei oder vier Neger sprangen vor, dem Befehl zu folgen.
Pilger aber, ein breites, schweres Messer aus seinem Gürtel reißend,
sagte ruhig:

»Kommt, meine Burschen! Aber Gott verdamm' mich, den Ersten, der einen
Arm nach mir ausstreckt, hacke ich in Stücke!« Und damit wandte er sich
und ging festen Schrittes der Thür zu.

»Santa Maria!« schrieen die Neger, erschreckt vor dem Stahl zurückprallend,
und sprangen dann ebenfalls nach ihren Messern und rissen die Bäume aus
den Schraubenpressen, um Gewalt mit Gewalt zu begegnen. Der Brasilianer
wollte es aber doch nicht zum Äußersten kommen lassen, und da der Fremde
jetzt selber ging, winkte er die Schwarzen zurück. Er sollte den Platz
unbelästigt verlassen.




3.

Auf Santa Catharina.


Etwa vier Wochen waren seit den in den letzten Kapiteln beschriebenen
Vorgängen verflossen, ohne daß in der Provinz Santa Clara etwas Besonderes
vorgefallen wäre.

Herr von Schwartzau hatte indessen fleißig gearbeitet und einen großen
Theil des zur Colonisation bestimmten Landes ausgemessen, und der Director
dann, so rasch das möglicher Weise anging, den darauf wartenden Colonisten
ihre für sie bestimmten Plätze angewiesen. Aber das allein genügte oft
nicht einmal, denn er mußte auch noch hinter den Leuten her sein, daß
sie nun auf ihrem eigenen Grund und Boden wirklich zu arbeiten anfingen,
denn die lange, faule Zeit die sie verlebt, lag ihnen noch so in den
Gliedern, daß es einiger Anstrengung bedurfte, ehe sie wieder in Gang
kamen. -- Die Männer wenigstens hätten sich eben so gern wie bisher noch
vier Wochen länger von der Regierung füttern lassen, denn daß sie durch
das vorgestreckte Geld in Schulden kamen, machte ihnen vor der Hand noch
keine Sorge. Sie besaßen ja selber kein Eigenthum, was konnte ihnen die
Regierung denn da abnehmen?

Herr von Schwartzau hatte übrigens mit einem seiner Instrumente Unglück
gehabt, denn ein junger Baum war beim Fällen in einer Schlingpflanze
hängen geblieben, dadurch in eine andere Richtung gekommen und schlug im
Sturz seine beste Bussole zusammen.

Auf Santa Catharina hatte er indessen noch mehr Instrumente stehen, von
denen Einiges kommen zu lassen schon lange sein Wunsch gewesen, und da
die Regierung, auf des Directors Ansuchen, ein doch vorbeikommendes
kleines Dampfboot beordert hatte, in der Mündung des Flusses Santa Clara
anzulegen, um die durch den betrügerischen Agenten hierhergeschickten
Einwanderer wenigstens bis Santa Catharina zu schicken, von wo sie mit
dem gewöhnlichen Postdampfer (unentgeltlich) weiter gebracht werden
konnten, so beschloß Herr von Schwartzau diese Gelegenheit zu benutzen,
und selber nach der Insel zu fahren.

Vom Director bekam er dazu außerdem noch den Auftrag, im Namen der
Colonie die Klage gegen den Delegado und den brasilianischen Geistlichen
anhängig zu machen, der eine protestantisch verheirathete Frau, ohne
selbst eine Scheidung für nöthig zu halten, anderweit getraut hatte,
wenn sich Sarno selber auch wenig Erfolg von diesem Schritte versprach.
Er kannte die Geistlichkeit Brasiliens und ärgerte sich nur über die
entsetzliche Gleichgültigkeit, mit welcher die deutschen Protestanten
diesen Fall aufnahmen, der, wenn etwas Derartiges überhaupt geschehen
_konnte_, alle Familienbande in Frage stellte. Jeder pflichtvergessene
Mann, jede treulose Frau brauchte sich an ihre gültig geschlossene Ehe
gar nicht mehr gebunden zu halten, und die Folgen blieben unabsehbar.

Nichtsdestoweniger nahmen es die Protestanten außerordentlich kaltblütig.
Der Geistliche -- ein guter Freund des Dom Franklin -- wollte gar Nichts
damit zu thun haben und behauptete, es sei einfach eine Sache, welche
die Gerichte anginge und von diesen schon bestraft werden würde, und
die Colonisten schimpften wohl und schlugen im Wirthshause mit der Faust
auf den Tisch -- aber dabei blieb es. Selbst ein Circular, das der
Director zur Unterschrift herumschickte, wurde von den Wenigsten
unterschrieben, denn der deutsche Bauer setzt nicht gern seinen
Namen unter irgend ein Schriftstück, es mag enthalten, was es will
-- ausgenommen eine Quittung.

Pilger selber war wie gebrochen. Er arbeitete wieder, verkehrte aber
fast mit keinem Menschen. Machte er sich in seinem Herzen Vorwürfe, daß
er die Frau, seine Margareth, wohl auch manchmal rauher behandelt hatte,
als recht war -- brannte ihm das jetzt auf der Seele, daß er selber
vielleicht den ersten Anlaß zu diesem Schritte gegeben, der jetzt sein
ganzes Lebensglück zerstörte? Wenn dies auch der Fall war, so sprach
er doch mit Niemandem darüber, und die Nachbarn dauerte der fleißige,
ordentliche Mann, der jetzt bleich und hohlwangig so allein in seinem
Hause saß.

Indessen fuhr Schwartzau auf dem kleinen Regierungs-Dampfer mit
günstigem Wind und Wetter gen Santa Catharina, und am dritten Tag Abends
bekamen sie die kleine reizende Insel in Sicht, die sich, nur wenige
Meilen vom festen Lande entfernt, an der Küste entlang dehnte.

Und das war früher der Verbannungsort Portugals, wie auch die Hauptstadt
noch immer Desterro heißt; hierher wurden die Verbrecher, besonders
viele Juden transportirt, als Strafe für begangene Missethat, oder
vielleicht auch nur, um unbequeme Persönlichkeiten aus dem Wege zu
schaffen -- ein sehr leichtes und von manchem Staate oft angewandtes
Mittel. Aber _die_ Zeit ist vorbei, und wie die Bewohner jetzt nicht
einmal gern mehr hören, daß der Ort früher zu solchem Zwecke benutzt
worden, ist Santa Catharina gegenwärtig der Schlüssel zu vielen
vortrefflichen brasilianisch-deutschen Colonien geworden, und eine
große Anzahl von Deutschen sind sogar dort geblieben und haben sich
als Geschäftsleute oder Handwerker in der Hauptstadt niedergelassen.
Desterro ist fast zur Hälfte ein deutsches Städtchen.

Günther von Schwartzau kannte den Ort schon, aber trotzdem weilte sein
Auge mit Entzücken auf dem wahrhaft wundervollen Bilde, das sich vor ihm
ausbreitete, als sie die, den eigentlichen Hafen gegen die Nordwinde
schützende Landspitze umfuhren und jetzt die kleine, freundliche Stadt,
terrassenförmig von Bäumen, Büschen und Palmen umschlossen, vor sich
liegen sahen. Prachtvolle Gebäude fesselten allerdings nicht den Blick
oder gaben dem Hafen einen Anstrich von Glanz und Reichthum, wie das z.
B. bei Rio de Janeiro der Fall ist: aber so lauschig und versteckt lag
jede einzelne Wohnung in dem sanften Grün der Gärten, so ruhig plätscherte
dazu die See und so wolkenrein spannte sich der blaue Himmel darüber
hin, daß man sich da wohl fühlte, ehe der Fuß nur das Land betreten.

Als freilich der Anker in die Tiefe schoß, war der Friede auch an Bord
gestört. Der Flaggen-Telegraph hatte die Ankunft eines Dampfers vom
Norden schon gemeldet, und eine Anzahl von Booten und jenen trefflich
gearbeiteten Canoes -- die man in der ganzen Welt nicht zierlicher
und praktischer gebaut findet, als in Brasilien -- kam langseit. Die
Bootsleute aber faßten, wie an anderen Orten, so auch hier, ohne Umstände
auf, was sie an Gepäck fanden, um es in ihre kleinen Fahrzeuge zu schaffen
und sich die dazu gehörigen Passagiere zu sichern.

Günther fuhr natürlich sogleich mit an Land, denn der Aufenthalt auf
diesen kleinen brasilianischen Dampfern ist nicht angenehm genug, um
den Reisenden länger, als unumgänglich nöthig ist, darauf zu fesseln,
und ging dann gleich an der Wohnung des Präsidenten vor, wo er sich
wenigstens anmelden wollte. Er hatte sich kaum Zeit genommen, nur die
nothwendigste Toilette zu machen, aber die Abende sind in allen jenen
Ländern überhaupt _die_ Zeit, in der man Besuche macht oder empfängt.

Der Deutsche fand übrigens heute ausnahmsweise eine größere Gesellschaft
versammelt, und als die Frau Präsidentin seinen Namen hörte, ließ sie
ihn bitten augenblicklich einzutreten. Kam er doch von Santa Clara, und
sie nahm selber das größte Interesse daran, von dieser Colonie Näheres
und Neues zu hören.

Günther wurde in das große Empfangszimmer geführt und fand hier schon
sechs oder acht Herren und eben so viele Damen versammelt.

Der Präsident selber saß in einem Lehnstuhle etwas bei Seite, es war ein
kleiner ältlicher Herr, mit einem unendlich gutmüthigen Gesichte und ein
Paar großen, klugen Augen; aber er schien sehr leidend. Er sah blaß und
angegriffen aus, mit eingefallenen Wangen und einem eigenen schmerzlichen
Zuge um den feingeschnittenen Mund.

»Ah, mein lieber Eswartsau[2],« nickte er ihm freundlich zu und streckte
ihm die dünne, fast durchsichtige Hand entgegen; »schon fertig in Santa
Clara? Das ist rasch gegangen.«

 [Fußnote 2: Portugiesen und Spanier können nie ein Sp, St oder Sch mit
 einem Consonanten dahinter am Anfang eines Wortes aussprechen, und setzen
 jedes Mal ein E vor.]

»Noch nicht, Senhor,« sagte Günther, die Hand nehmend und herzlich
drückend -- »ich muß wieder zurück und erzähle Ihnen nachher, weshalb
ich herüber gekommen bin -- Senhora, erlauben Sie, daß ich Sie begrüßen
darf.«

»Es freut uns sehr,« sagte die Dame mit huldvollem Lächeln, »Sie wieder
einmal auf Santa Catharina zu sehen. -- Aber setzen Sie sich. Sie kommen
wie gerufen, um uns recht viele Neuigkeiten von Ihrer Colonie zu erzählen
-- es soll ja fürchterlich da zugehen!«

»Fürchterlich?« lächelte Günther; »davon habe ich nun allerdings Nichts
gemerkt.«

»_Nichts?_ -- Aber erlauben Sie mir, Sie meinen Freunden vorzustellen.«
-- Und die Senhora machte jetzt die gewöhnliche Formel der Introduction
durch, die einen Fremden zur Verzweiflung bringen könnte, wenn die Sache
an sich selbst nicht so unbedeutend wäre. Eine Masse von fremden Namen
wurden ihm genannt, die er zum großen Theil nicht einmal verstand oder
doch in demselben Moment wieder vergaß; die Leute verbeugten sich gegen
einander und die Sache war damit abgemacht.

Nur _ein_ Name war Günther aufgefallen, und zwar der eines deutschen
Barons von Reitschen. Er gehörte einem ältlichen Herrn von stattlichem
Aussehen, mit schon etwas grau gemischten Haaren, aber vollkommen glatt
rasirtem Gesicht und einer sehr zierlichen goldenen Brille, der aber,
anstatt den Landsmann etwas herzlicher zu begrüßen, sich ebenfalls damit
begnügte nur aufzustehen, und eine steife Verbeugung zu machen.

»Und wie weit sind Sie mit Ihrer Vermessung gekommen, lieber Freund?«
fragte der Präsident, als die langweilige Ceremonie vorüber war. »Schon
Etwas ausgerichtet?«

»Allerdings, Senhor,« erwiederte Günther; »mit Hülfe des Directors
Sarno, der mich wacker dabei unterstützte, haben wir es möglich gemacht,
genügendes Land für sämmtliche sich jetzt dort befindliche Einwanderer
zu vermessen. Ich kehre von hier aber gleich wieder nach Santa Clara
zurück, um noch einen andern District in Angriff zu nehmen; denn da
jeden Tag ein neues Schiff eintreffen kann, wird es immer besser sein
einige vermessene Strecken in Vorrath zu haben.«

Der Präsident nickte beistimmend mit dem Kopfe, schwieg aber, und die
Frau Präsidentin sagte:

»Also hat sich der Herr Director doch endlich herbeigelassen, wenigstens
in _dieser_ Hinsicht seine Pflicht zu thun. Da muß ihm das Feuer tüchtig
auf den Nägeln gebrannt haben!«

»Ich weiß nicht,« sagte Günther, während er einem der mit Erfrischungen
herumgehenden Diener ein Glas Limonade abnahm -- »in welcher Beziehung
Director Sarno seine Pflicht versäumt haben kann, Senhora; so lange ich
mich aber in der Colonie aufgehalten, kann ich ihm nur das rühmlichste
Zeugniß geben, da er sich der Einwanderer mit wahrhaft eisernem Fleiße
angenommen. Sarno scheint mir ein sehr tüchtiger Mann, und besitzt
außerdem auch die nöthige Energie, etwaigen Übergriffen fest entgegen zu
treten.«

»Energie!« lächelte die Dame; »er ist der reine Unterofficier, und wir
haben von der ganzen Colonie Klagen auf Klagen hören müssen, die zuletzt
selbst die Geduld eines Heiligen ermüden könnten!«

»Klagen über Sarno?« sagte Günther erstaunt.

»Sie glauben es wohl etwa nicht?« lachte die Dame, indem sie ein Papier
von dem nächsten Tische nahm; wollen Sie so gut sein und _das_ einmal
lesen.«

Günther nahm das Papier und überflog es flüchtig. Es waren in der That
eine Menge Anklagen gegen den Director, in denen besonders sein rauhes
und rücksichtsloses Betragen »gegen den gebildeten Theil der Gesellschaft«
hervorgehoben und zuletzt gebeten wurde, den Director seiner Stelle zu
entheben und einen würdigeren dafür hinzusenden. Unterschrieben war das
Document von einer Anzahl ihm unbekannter Namen: einige davon kannte er
aber doch, und unter den erstgezeichneten standen die Frau Gräfin Baulen,
Baron Jeorgy, Pastor Beckstein und Arno von Pulteleben. Ein Name
besonders fiel ihm seiner Kürze und Anspruchslosigkeit wegen auf: Bux,
Künstler.

»Nun,« sagte die Dame, während er das Papier langsam wieder zusammenfaltete
und zurückgab, »was sagen Sie _nun_?«

»Daß es in jeder Colonie eine Menge unzufriedenes Volk giebt,«
erwiederte Günther, »das sich mit _keinem_ Director wird befreunden
können, es sei denn, er befriedige alle _ihre_ Wünsche. Ich halte Sarno
für den passendsten Mann für einen solchen Posten, den Sie in ganz
Brasilien finden könnten.«

»O, Sie sind wahrscheinlich ein besonderer Freund von ihm!« lachte die
Frau Präsidentin.

»Ich weiß nicht, ob ich auf den Titel Anspruch machen darf,« sagte
Günther ruhig; »bei meinem Aufenthalt in Santa Clara habe ich mit dem
Director allerdings freundschaftlich, aber nur in meinen Geschäften
verkehrt. Wen auch immer ich aber über ihn gesprochen, war der Meinung,
daß er für die Stelle passe.«

»So?« lächelte die Dame geringschätzig -- »freilich die Bauern müssen
das am Besten beurtheilen können. Was halten Sie aber von einer Colonie,
in der Gewaltthätigkeiten, Raub und Plünderung zu den allergewöhnlichsten
Dingen gehören?«

»Von einer solchen Colonie würde ich sehr wenig halten, gnädige Frau,«
lächelte Günther -- »ich kann aber doch nicht vermuthen, daß Sie glauben
ein solches Verhältniß finde in Santa Clara statt; denn während der fünf
Wochen, die ich mich dort aufhielt, ist nichts dem Ähnliches vorgefallen,
und ich habe sogar nicht einmal von einem einzigen solchen Falle sprechen
hören -- eine Entführungs-Geschichte ausgenommen.«

»Wenn Sie im Wald bei Ihrer Arbeit waren, mein lieber Herr von Schwartzau,«
mischte sich Herr von Reitschen in das Gespräch, »so ist es wohl
erklärlich, daß Sie die einzelnen Vorfälle in der Stadt selber nicht
beachten konnten. Sie hatten dafür zu viel zu thun. Der Herr Präsident
hier hat aber so authentische Nachrichten über derartige wirklich
geschehene Dinge erhalten, daß sogar der Entschluß gefaßt ist, mit
diesem zurückgehenden Dampfer Militär nach Santa Clara zu schicken.«

»Militär nach Santa Clara?« rief Günther erstaunt -- »eingeborene
Soldaten, um etwa einmal eine gelegentliche Streitigkeit zwischen den
Deutschen zu schlichten? Das ist denn doch wohl nur ein Irrthum!«

»Nicht allein der Streitigkeiten wegen, lieber Freund,« mischte sich
hier der Präsident in die Unterhaltung, obgleich ihm das Sprechen schwer
zu werden schien; »es sollen sich auch neuerdings wieder Indianer in
der Nachbarschaft gezeigt haben, und es ist immer besser, bei Zeiten
Vorkehrungen zu treffen, damit man sich nicht später Vorwürfe über eine
versäumte Pflicht zu machen habe.«

»Aber, bester Herr,« versicherte Günther, »Sie scheinen da wirklich ganz
falschen Bericht über die Colonie erhalten zu haben, denn ich gebe Ihnen
mein Wort, daß auch nicht die Spur einer Gefahr von Indianern für Santa
Clara existirt. Habe ich ja doch vor kurzer Zeit selbst drei Monate an
dem noch viel weiter im Innern gelegenen Chebaja zugebracht, und selbst
da hat man seit Jahren Nichts mehr von den Wilden gehört oder gar einen
von ihnen zu sehen bekommen.«

»Wenn Sie von ihnen hören oder sie sehen, ist es nachher gewöhnlich zu
spät, sich noch gegen sie zu schützen,« sagte der Präsident. »Übrigens
glaube ich selber...« Ein heftiger Hustenanfall unterbrach ihn, und die
Frau Präsidentin sagte:

»Die Colonisten können meinem Mann nur dankbar sein, daß er selbst im
Voraus für ihre Sicherheit sorgt.«

»Ich zweifle ja keinen Augenblick,« erwiederte Günther, »daß der Herr
Präsident alles Das mit der besten Absicht angeordnet hat; glauben Sie
aber mir, Senhora, der ich schon viele dieser deutschen Colonien nicht
allein gesehen, sondern genau kennen gelernt habe, die brasilianischen
Soldaten dieser Districte, von denen selbst die besten wenig mehr als
Gesindel sind, vertragen sich nicht mit den Colonisten, und wenn sie
noch so gute Officiere haben; häßliche Reibereien können nie und nimmer
vermieden werden.«

»Ich glaubte, Ihre Bewohner von Santa Clara wären so friedfertiger
Natur?«

»Kleine Häkeleien fallen bei _allen_ Nationen vor,« sagte Günther
achselzuckend, »besonders aber bei den Deutschen, und es gehört nur ein
verständiger und entschiedener Mann dazu, der entweder gütig vermittelt,
oder auch einmal im Nothfalle ein Machtwort spricht, und den haben die
Leute jetzt, wie ich fest glaube, an dem gegenwärtigen Director Sarno.«

»Ja, der sie im Nothfalle die Treppe hinunter wirft, nicht wahr,« sagte
die Frau Präsidentin, »und sich mit den einzelnen Colonisten selber
sogar prügelt!«

»Aber, gnädige Frau...«

»Lassen Sie es gut sein,« unterbrach ihn die Dame. »Über _geschehene_
Dinge ist es nicht nöthig viele Worte zu verlieren, und daß sie eben
nicht _wieder_ geschehen, dafür hat mein Mann Sorge getragen. Ob der
Director auch daran schuld ist, daß selbst Streit und Unfrieden fast
in allen Familien herrschen und Frauen gezwungen sind, wie das selbst
vorgekommen, bei den Brasilianern Schutz gegen die Mißhandlungen daheim
zu suchen, weiß ich nicht, es bleibt sich jetzt aber auch gleich. Einem
solchen Zustande _mußte_ abgeholfen werden, und ich stelle Ihnen hiermit
in einem Landsmanne von Ihnen, dem Herrn Baron hier, unsern neuen
Director der Colonie Santa Clara vor.«

Wieder stand Herr von Reitschen auf und verbeugte sich höflich gegen
Herrn von Schwartzau, und diesem kam es fast so vor, als ob dabei ein
leises, spöttisches Lächeln um seine Lippen zucke. Er neigte sich auch
nur leicht gegen ihn und sagte:

»Ich stehe der Sache allerdings zu fern, um auch nur ein einiger Maßen
werthvolles Urtheil in dieser Angelegenheit fällen zu können, und hoffe
nur, daß Herr von Reitschen im Stande sein wird, allen jenen furchtbaren
Übelständen abzuhelfen, die er, dem Anscheine nach, in der unglücklichen
Colonie vorfinden soll. Was aber den einen Fall anbetrifft, auf den Sie
eben anspielten, gnädige Frau -- ich meine den, wo eine deutsche Frau
gezwungen war, bei einem Brasilianer Schutz zu suchen -- so bin ich
zufälliger Weise ganz genau davon unterrichtet, und habe sogar die
Klage des Directoriums gegen jenen würdigen Brasilianer für den Herrn
Präsidenten mitgebracht. Jener Lump...«

»Entschuldigen Sie einen Augenblick,« unterbrach ihn die Dame rasch
-- »Sie erinnern sich doch, daß ich Ihnen den Betheiligten, Dom Franklin
Brasileiro Lima hier, als meinen Gast mit vorstellte -- oder haben Sie
es vielleicht überhört? Erlauben Sie, daß ich es wiederhole: Dom Franklin,
Herr von Eswartsau. -- Bitte, fahren Sie fort -- Sie sprachen von dem
Ehemanne, der seine Frau mißhandelt hat, nicht wahr?«

Die übrige Gesellschaft, der das Wohl oder Wehe der deutschen Colonie
nicht im Geringsten am Herzen lag, hatte sich unterdessen unter einander
unterhalten und einer der Herren eine auf dem Clavier liegende Guitarre
aufgenommen, mit der er halblaut eines der kleineren brasilianischen
Lieder begleitete. Nur Dom Franklin war dem Gespräche, ohne jedoch den
Kopf nach Günther umzudrehen, mit Spannung gefolgt, und während er
mit einer neben ihm sitzenden Dame scheinbar ein Gespräch unterhielt,
horchte er jedem Worte, das über die, ihn besonders interessirende
Colonie gesagt wurde. Bei Günther's Anklage zuckte er auch wohl einen
Moment zusammen, fand sich jetzt aber nur noch mehr bewogen, das eben
Besprochene gar nicht gehört zu haben, und drehte sich erst, scheinbar
überrascht, gegen Herrn von Schwartzau um, als die Frau Präsidentin
seinen Namen nannte.

Günther fühlte wie er erröthete, denn wenn er den Brasilianer auch
verachtete und keinen Augenblick würde gezögert haben, ihm die Anklage
mit den schärfsten Worten in's Gesicht zu schleudern, so war es ihm doch
äußerst fatal, wenn auch unwissentlich, gegen die Regeln des Anstandes
verstoßen und in einer Gesellschaft einen Gast beleidigt zu haben.
-- Und hatte der Brasilianer seine Worte gehört? Es schien nicht so,
denn mit dem freundlichsten Wohlwollen leistete er der zweiten Vorstellung
Folge. -- Die Dame hatte zeitig genug parirt, einer sehr unangenehmen
Scene vorzubeugen, und nur der Präsident mußte in seinem Stuhle Zeuge
des Ganzen gewesen sein, denn er lächelte leise vor sich hin.

Wenn aber auch Günther an _dieser_ Stelle natürlich Streit mit diesem
Menschen vermeiden wollte, verachtete er ihn doch viel zu sehr,
Freundlichkeit gegen ihn zu heucheln. Nur kalt verneigte er sich gegen
ihn und fuhr dann zu der Dame gewendet fort:

»Ich habe allerdings keinen speciellen Auftrag für den Herrn selber, von
dem ich keine Ahnung hatte, daß er sich in Santa Catharina aufhielt.
Hier ist aber unter solchen Umständen keineswegs Ort und Zeit, eine
derartige, für beide Parteien unangenehme Sache zu verhandeln, und der
Herr Präsident erlaubt mir vielleicht, ihm die Papiere morgen früh
vorzulegen.«

»Mit großem Vergnügen,« erwiederte der Angeredete; »aber ich fürchte,
wir werden an der Sache nicht viel ändern können.«

»Sie glauben doch nicht, daß...«

»Morgen früh, lieber Freund, morgen früh,« winkte der Präsident mit der
Hand, »ich bin heute Abend zu angegriffen.«

Herr von Schwartzau verbeugte sich, und die Frau Präsidentin, die sich
indessen leise mit Herrn von Reitschen unterhalten hatte, stand jetzt
auf und kam auf Günther zu.

»Lassen wir die fatalen Sachen heute Abend,« sagte sie freundlich,
»und spielen Sie uns lieber Etwas auf dem Pianoforte. Sie sind doch
musikalisch?«

»Ich muß unendlich bedauern, gnädige Frau,« sagte Herr von Schwartzau
achselzuckend, »aber ich kenne nicht einmal die Noten.«

»So spielen Sie Etwas aus dem Kopfe.«

»Ich habe nie eine Taste angerührt.«

»So spielen Sie wahrscheinlich die Violine oder Guitarre?«

»Eben so wenig.«

»Aber die Flöte gewiß?«

»Ich muß zu meiner Beschämung gestehen,« lächelte von Schwartzau, »daß
ich bei Allem, was Musik betrifft, einzig und allein zum Zuhören zu
verwenden bin.«

»Das ist merkwürdig,« sagte die Senhora »Sie sind der erste Deutsche,
den ich kennen lerne, der nicht _wenigstens_ die Flöte spielt. Unser
Baron hier ist Meister auf diesem Instrumente.«

»In der That?« sagte Günther, der sich auch selbst nicht dafür
interessirte.

»Gnädige Frau sind zu gütig,« sagte der Baron; »ich bin weiter Nichts
als ein Dilettant. In solchen wilden Ländern aber, in denen ich mich
die letzten zwölf Jahre herumgetrieben habe, ist die Flöte wirklich das
einzige Instrument, das man leicht überall mit hinnehmen kann, und man
vertreibt sich doch manche müßige Stunde angenehm damit.«

»Sie haben sie bei sich, nicht wahr?« fragte die Dame.

»Gnädige Frau hatten mir ja befohlen, sie mitzubringen.«

»O, dann begleiten Sie das Lied jener jungen Dame, bitte!« sagte die
Präsidentin -- »wir müssen ein wenig Musik haben, damit Leben in die
Gesellschaft kommt. Ich weiß gar nicht, so wie nur diese unglückselige
Colonie Santa Clara genannt wird, ist es auch gleich, als ob ein schwarzer
Schleier über die ganze Unterhaltung geworfen würde. Nun, hoffentlich
wird sich das ändern, wenn wir Sie erst einmal dort haben.«

»Gnädige Frau können sich darauf verlassen,« sagte der Baron wieder mit
einer halben Verbeugung, »daß ich nach Kräften arbeiten werde, Ihnen
jede unangenehme Nachricht zu ersparen.«

»Deß bin ich überzeugt -- aber wir müssen beginnen; die Dame präludirt
schon und wird sonst ungeduldig.«

Der größte Theil der Gesellschaft gruppirte sich jetzt um das Instrument,
und auch Günther ließ sich in einen der leer stehenden Sessel nieder;
aber er hörte nicht das Geringste von der Melodie, denn seine Gedanken
arbeiteten an dem eben Gehörten.

Also Sarno war abgesetzt -- bei Seite geworfen, nur um einem Günstlinge
der Frau Präsidentin Raum zu machen, dem zu genügen dann die vagen Gerüchte
den Vorwand geben mußten -- der Delegado ebenfalls hier und als Gast im
Hause, und der Präsident noch dazu von Allem unterrichtet -- aber was
zum Henker kümmerte _ihn_ auch das Alles? Er vermaß das Land, weiter
Nichts, und _wen_ sie nachher darauf setzten oder _wie_ das geschah,
konnte _ihm_ doch wahrhaftig gleichgültig sein. Er warf das rechte Bein
über das linke und betrachtete sich indessen den Raum, in dem er sich
befand.

Mit der Hälfte der Möbel, die in dem Saale standen, hätte er wohnlich,
ja sogar elegant genannt werden können, so aber glich er eher einem
Möbel-Magazin, in welchem einige Dutzend Stühle mit Sophas und Tischen
zum Verkaufe ausgestellt waren. Die Gesellschaft hatte fast ausschließlich
auf den in der Mitte stehenden Sesseln und auf einigen Sophas Platz
genommen, aber Stuhl an Stuhl, nur manchmal die lange Reihe von einem
anderen leeren Sopha unterbrochen, standen die Wände entlang, und ein
halbes Dutzend Tische -- alles von Mahagoniholz -- waren in zwei Reihen
in der Mitte aufgestellt, während jedes andere Stück, wie Secretär,
Schreibtisch etc., fehlte. Es ist das aber Sitte in ganz Süd-Amerika,
und man würde ein Zimmer oder einen Salon für ärmlich möblirt halten,
wenn sich beim ängstlichsten Zusammenrücken auch nur noch Raum genug für
einen einzigen Stuhl gezeigt hätte.

Dagegen waren die Wände vollkommen kahl, und die mattgraue, sehr elegante
Tapete wurde von keinem einzigen Bilde freundlich unterbrochen. Nur
zwei große und gewiß sehr theure Spiegel hingen in breiten, blinkenden
Goldrahmen einander gegenüber, und auf den Tischen standen eine Anzahl
Porzellanvasen, aber ohne Blumen, unter außerordentlich hohen und viel
zu großen Glasglocken.

Ein gewisser Reichthum ließ sich in der ganzen Einrichtung nicht
verkennen, aber jede Gemüthlichkeit, jeder Geschmack fehlte, und der
Fremde besonders würde sich hier nie haben behaglich fühlen können.

Günther sah wieder eine ganze Zeit lang träumend vor sich nieder, als
ihn eine Stimme an seiner Seite aus seinen Gedanken aufstörte. Es war
der Baron, der ihn fragte:

»Wann gedenken Sie nach der Colonie zurückzukehren, Herr von Schwartzau?
Sie entschuldigen, wenn ich Sie störe,« setzte er lächelnd hinzu, als
Günther bei der Anrede ordentlich in die Höhe schrak.

»So bald als möglich,« erwiederte der junge Mann, den Fragenden jetzt
erst bemerkend; »meine Geschäfte hoffe ich wenigstens morgen oder
übermorgen sicher abmachen zu können, und werde dann die erste sich
bietende Gelegenheit benutzen. Wie ich höre, geht der Dampfer leider
schon morgen früh ab.«

»Wenn ich Ihnen etwas nach Santa Clara besorgen kann...«

»Sie sind sehr gütig.«

»Sie kennen Herrn Director Sarno näher?« nahm der Deutsche nach einigem
Zögern das Gespräch wieder auf.

»Nur von der kurzen Zeit, die ich mich dort aufgehalten habe.«

»Wollen Sie einen guten Rath von mir annehmen?«

»Man soll nie einen guten Rath zurückweisen.«

»Gut -- dann vertheidigen Sie Herrn Sarno nicht zu lebhaft der Frau
Präsidentin gegenüber.«

»Herr Baron,« sagte Günther, erstaunt zu ihm aufsehend.

»Verstehen Sie mich nicht falsch,« erwiederte dieser ruhig; »dem Herrn
Sarno können Sie Nichts mehr nutzen, denn er _ist_ seines Dienstes
factisch entlassen, und sich selber nur dabei schaden, da die Frau
Präsidentin den Herrn nun einmal nicht leiden kann, und auch wohl ihre
gewichtigen Gründe dafür hat.«

»Und Sie werden seine Stelle einnehmen?« fragte Günther.

»Lieber Gott,« sagte der Baron achselzuckend, indem er mit den Berloques
an seiner Uhrkette spielte, »ich habe mich dagegen gesträubt, wie ich
konnte, aber da nun einmal eine Änderung unter allen Umständen eintreten
_sollte_, so gab ich endlich den Bitten des Präsidenten nach. Sie sind
nicht lange genug in der Colonie gewesen, und Herr Sarno wird sich auch
Ihnen gegenüber wohl zusammengenommen haben; die Zustände dort scheinen
aber in der That für die armen Colonisten unerträglich zu werden, und da
ich glaube, den Anforderungen, die man an eine solche Stellung knüpft,
genügen zu können, so habe ich es auch gewissermaßen für meine Pflicht
gehalten, die jedenfalls sehr undankbare Arbeit zu übernehmen, unsere
deutschen Holzköpfe da drüben ein wenig zur Raison zu bringen.«

»Es wird das allerdings eine sehr undankbare Arbeit werden,« sagte Günther
kalt, denn die ganze Art und Weise des Mannes gefiel ihm nicht, hätte er
selbst nicht Sarno in seinem Herzen für einen ehrlichen und auch vollkommen
tüchtigen Mann gehalten. Er suchte auch das ihm unangenehme Gespräch
über diesen Gegenstand so bald als möglich abzubrechen, und empfahl sich
dann bald dem Präsidenten, um an diesem Abend noch einige Bekannte in
der Stadt zu besuchen.

Am nächsten Morgen ziemlich früh suchte er denselben aber wieder auf und
hatte gehofft, die Unterredung da allein mit ihm haben zu können, weil
die Frau Präsidentin doch wohl ihre Toilette noch nicht so bald beendet
haben würde. Darin irrte er sich jedoch, denn er war kaum gemeldet und
angenommen, als die Senhora auch schon in's Zimmer trat und sich an dem
einen Fenster in einem Lehnstuhl niederließ. Der Präsident schien Nichts
mehr ohne seine Frau, oder diese vielmehr Alles ohne ihn zu thun.

»Sie sprachen gestern von einer Klage, lieber Freund,« sagte Se.
Excellenz, als Günther nach den ersten Begrüßungen Platz genommen hatte
-- »es wäre mir viel lieber, wenn sie in Santa Clara die Sache nicht
weiter aufgerührt hätten, denn es wird wenig daran zu thun sein -- meinst
Du nicht?«

»Daran zu thun sein,« sagte die Senhora achselzuckend -- »was soll daran
zu thun sein? Die frühere Ehe war nach unseren Gesetzen vollkommen
ungültig, bestand also gar nicht, und wenn kein Hinderniß vorliegt und
zwei Leute sich gern haben und einander heirathen wollen, wer kann es
ihnen verwehren? Außerdem hat die Frau ein ganz unverdientes Glück mit
Dom Franklin gemacht.«

»Kein Hinderniß vorliegt, gnädige Frau?« rief Günther, wirklich erstaunt
-- »ich kann doch wahrhaftig nicht glauben, daß _Sie_ eine geschlossene
Ehe als kein Hinderniß, sich anderweitig zu verheirathen, betrachten
würden.«

»Ich hoffe nicht,« sagte die Dame stolz, »daß Sie _unsere_ Ehen mit
einem solchen »Contracte« vergleichen werden. Übrigens ist die Sache
abgemacht und eine Klage also ganz nutzlos, wo die höchste Behörde schon
entschieden hat.«

»Aber das ist ja gar nicht möglich!« rief Günther -- »danach würde
ja die Regierung muthwillig ihre ganzen protestantischen Unterthanen
demoralisiren und dem Verbrechen mit eigener Hand die Thür öffnen.
Gnädige Frau irren sich jedenfalls darin.«

»Irr' ich mich? So -- bitte, nehmen Sie einmal das zusammengefaltete
Papier, das da neben Ihnen auf dem Tische liegt -- nein, das andere dort
-- das da, und nun sein Sie so gut und lesen Sie den Entscheid unseres
Bischofs -- lesen Sie ihn laut. Sie werden sich dadurch jedenfalls
zufrieden gestellt fühlen, daß die Sache als vollkommen erledigt
betrachtet werden kann.«

Günther nahm kopfschüttelnd das Papier, entfaltete es und las:

»_Emmanuel_ durch Gottes Erbarmen und des Apostolischen Stuhles Gnade,
Bischof von Santa Sebastiao oder Rio de Janeiro.

»Wir bezeugen andurch auf Verlangen, daß Frau Margarethe Pilger, vormals
Protestantin und als solche verheirathet nach dem Ritus der evangelischen
Gemeinde mit Herrn Gottlieb Pilger unter'm 15. November, sich kürzlich
mit der Bitte an mich wandte, die protestantische Ketzerei abzuschwören
und den katholischen Glauben anzunehmen, welchem Verlangen ich mit bestem
Willen genügte und in Person den Widerruf des Irrglaubens entgegennahm,
gemäß dem Gebrauche der Römischen Kirche.

»Besagte Frau Margarethe Pilger bat mich hierauf um Erlaubniß, sich mit
Herrn Franklin Brasileiro Jansen Lima, römischem Katholiken, zu welchem
sie sich hingezogen fühlte, zu verheirathen, und auch diese Erlaubniß
gab ich ihr durch Bescheid vom 27. Januar, da nach Einhaltung des
üblichen Verfahrens kein canonisches Hinderniß zwischen Franklin und
Margarethe sich gezeigt hatte und die Heirath Letzterer mit Pilger
augenscheinlich ungültig ist, als gefeiert gegen die Form des im
Kaiserreiche publicirten und immer beobachteten Tridentiner Concils.

»Palast der Conceicao, 5. Februar 1857.
»(Unterz.) + _Manoel_, Bischof, Graf Capellao-Môr.«[3]

 [Fußnote 3: Der obige Erlaß ist _wörtlich_, nur mit Änderung
 des  deutschen Namens, und erst in allerneuester Zeit sind _rein
 protestantische_ Ehen durch das neue Ehegesetz auch für gültig in
 Brasilien erklärt worden.]

»Nun,« sagte die Senhora, »sind Sie überzeugt? Der ehrwürdige Bischof
selber, der sich gerade zufällig auf einer seiner Hacienden in dieser
Provinz befand, hat die Ehe geschlossen. Dom Franklin ist ihm eng
befreundet -- glauben Sie also jetzt noch Etwas mit einer Klage des
Herrn Directors Sarno ausrichten zu können?«

»Nein, gnädige Frau,« sagte Günther ruhig, »Sie haben vollkommen Recht.
Es ist übrigens gut, daß ein solcher Thatbestand bekannt wird, denn in
einem ähnlichen Falle wäre der geschädigte Theil ein Thor, noch auf
Schutz und Gesetz in Brasilien zu warten, und weiß dann gleich, daß er
sich sein Recht selber zu verschaffen hat.«

»Sie predigen Revolution!« rief die Senhora streng.

»Ich predige das, was ich selber ausführen würde,« sagte Günther kalt;
»unter solchen Umständen möchte ich denn auch Ihre werthvolle Zeit nicht
länger in Anspruch nehmen.«

»Aber Sie wollten mir noch Etwas über die Colonie sagen,« rief der
Präsident, der unruhig auf seinem Stuhle hin und her gerückt war.

»Das wollte ich allerdings,« erwiederte Herr von Schwartzau, »aber nach
dem eben Gehörten wird auch das Nichts fruchten.«

»Und was war es?«

»Ich wollte Sie bitten, Senhor, Ihren Entschluß, das Directorium der
Colonie zu ändern, noch _nicht_ auszuführen, bis Sie nicht wenigstens
genauere Erkundigungen über die dortigen Verhältnisse eingezogen.
Director Sarno...«

»Kommen Sie uns nicht mit dem Unterofficier!« sagte die Präsidentin
ungeduldig -- »mein Mann will Nichts von ihm hören.«

»Sarno war Officier,« entgegnete Günther, »und gehört _meiner_ Überzeugung
nach zur besten Classe dieser Herren. Daß er derb ist und gerade durch
geht, sollte ihm eher zum Lobe gereichen.«

»Die Sache ist schon abgemacht,« sagte die Senhora.

»Aber so laß ihn doch ausreden, mein Kind,« bat der Präsident.

»Ich bin schon fertig, Senhor,« sagte Günther aufstehend -- »die Sache
scheint allerdings abgemacht, und alles Weitere wäre nur Wortverschwendung.
Allein der Colonie zu Liebe möchte ich Sie bitten, kein Militär dorthin
zu legen. Es thut nicht gut, und Sie selber haben die Verantwortung zu
tragen, wenn Sie den Frieden der jetzt vollkommen ruhigen Verhältnisse
dort nicht allein stören, nein, förmlich vernichten.«

»Wir werden die Verantwortung zu tragen haben, Senhor,« sagte die
Präsidentin gemessen -- »übrigens machen Sie sich keine Sorge weiter
deshalb, denn das sind Dinge, welche eigentlich die Regierung am Besten
zu beurtheilen versteht.«

Herr von Schwartzau verbeugte sich kalt, und das Gespräch über diesen
Gegenstand vollkommen abbrechend, legte er dem Präsidenten nur einige
Papiere vor, welche rein geschäftlicher Natur waren, und sich auf seine
bereits vollendeten, wie die dort noch nöthigen Arbeiten bezogen. In
einer halben Stunde war das Alles erledigt, und der Ingenieur empfahl
sich dann sehr förmlich wieder dem Präsidenten und seiner Gattin. Er war
fest entschlossen, sie nicht weiter zu belästigen.

An demselben Morgen ging aber der Regierungsdampfer wieder nach Santa
Clara und von da nach Rio de Janeiro zurück, und Günther war Zeuge,
daß vierzig Mann brasilianischer Truppen, _ohne_ Officier, auf ihm
eingeschifft wurden, um, wie das Gerücht ging, die Colonie Santa Clara
gegen in deren Nähe herumstreifende Indianerhorden zu schützen.




4.

Der neue Director.


Die Colonie Santa Clara befand sich indessen in einer Art von Gährung,
zu der nicht allein alte Unzufriedenheit, sondern auch neu eingetretene
Elemente nicht wenig beigetragen hatten. Die Bittschrift an den
Präsidenten, den Director Sarno abzusetzen, war in der That von hier
ausgegangen, und zwar, so unglaublich das scheinen mag, durch erste
Veranlassung jenes nichtswürdigen Burschen mit dem Tressenstreifen,
mit dem sich kein anständiger Mensch in der Colonie abgeben mochte.

Größere Dinge werden aber in unserer wunderlichen Welt gar nicht etwa so
selten durch noch schlechtere Hebel in Bewegung gesetzt, wenn man auch
oft, nachdem sie geschehen, schwer im Stande ist, auf ihren Ursprung
zurückzugehen. Die Sache war jedenfalls angeregt worden, die Gräfin hatte
zufällig davon gehört, Herr von Pulteleben war Feuer und Flamme für die
Idee, denn der Director hatte ihn ja nicht einmal angenommen, und da es
galt eine große Zahl von Unterschriften zusammen zu bringen, so vereinigte
sich in dem Schriftstücke -- Dinge, die ebenfalls sogar in unserem
civilisirtesten Leben manchmal möglich gemacht werden -- Aristokratie
und Proletariat gegen einen Mann und ein System, der und das beiden
Theilen unbequem war, weil er eben weder der einen, noch der andern
Seite Zugeständnisse machen wollte.

Der Bursche mit der Tresse übte überdies einen schlimmen Einfluß aus,
denn wo er nur konnte, suchte er Unzufriedenheit zu erregen, und wenn
man ihn selber auch bald als einen Lump kennen lernte, fielen doch seine
Worte nur zu häufig auf fruchtbaren Boden. Die Menschen sind ja leider
nur zu gern gewillt, Böses oder Nachtheiliges von ihren Mitmenschen
anzuhören und zu glauben, mag die Quelle, aus welcher sie es schöpfen,
noch so unrein sein. Außerdem trat er übrigens dem Director auch in
offener Opposition entgegen, und wurde darin von einem neu eingewanderten
Individuum, das von Santa Catharina mit einem kleinen Schooner gekommen
war, unterstützt.

Dieser Mann hieß Buttlich, und begann damit, ein Grundstück in der Stadt
mit einem kleinen Hause zu kaufen, wo er mit eingeführten Waaren einen
Laden aufsetzte, und in der unteren Eckstube eine Wirthschaft eröffnete.
Er hatte dazu gleich die specielle Erlaubniß des Präsidenten mitgebracht,
und schien von diesem auch in mancher andern Art begünstigt zu werden.

Bux war unter der Zeit bei dem Director eingekommen, ein kleines Haus,
das jetzt nicht mehr benutzt wurde, zur Verfügung gestellt zu bekommen,
um darin Vorstellungen in der Bauchredekunst zu geben, aber augenblicklich
abschlägig beschieden worden. Der Director ließ ihm sagen, sie brauchten
Ackerbauer in der Colonie und fleißige Handwerker, aber kein Meßgesindel
aus der alten Welt.

Damit begnügte sich indessen Bux natürlich nicht, und wenn der neue
Wirth auch im Anfange Nichts mit dem liederlichen Gesellen zu thun haben
mochte, fand er doch kaum, daß sich dieser als Mittel gegen den Director
gebrauchen ließ, als er ihm seine Hülfe zusagte, und ihm auf seinem
eigenen Grundstück eine Ecke zuwies, in der er sich eine Art von Bude
aus Pfählen und Reisig, oder wie er sonst wollte, herrichten konnte; ja,
er unterstützte ihn sogar dabei mit Geld.

Bux ging nun auch scharf an die Arbeit, und nach einigen Wochen
schon überraschte die Bewohner von Santa Clara die allerdings nur
_geschriebene_ Anzeige an verschiedenen Ecken der Stadt und in Bohlos'
wie Buttlich's Wirthsstuben, daß am nächsten Sonntag Abend die erste
große Vorstellung des berühmten Ventriloquisten Bux aus Paris mit
außerordentlichen Productionen der Wunderkinder Guido und Isabella
stattfinden solle.

Der Director schickte zu Buttlich und ließ die Vorstellung verbieten.
Buttlich sandte aber die Abschrift eines Dokumentes zurück, worin ihm
der Präsident erlaubte, auf seinem Grundstücke, vollkommen unabhängig
von irgend einer Behörde, zu treiben was ihm beliebe, vorausgesetzt
nur, daß es keine feuergefährlichen, oder sonst den Gesetzen des Staates
zuwiderlaufende Dinge seien. Damit war die Sache an dem Tage -- an einem
Samstage -- abgemacht. Am Sonntag Abend war die Vorstellung, und man kann
sich etwa denken wie erstaunt -- weniger die Colonisten, denn diese hatten
Derartiges ja schon in Deutschland gesehen -- aber besonders die Kinder
derselben und der junge Nachwuchs waren. Vor Staunen beinahe sprachlos
standen sie, als Sonntag gegen Abend die Vorbereitungen begannen, und
Bux plötzlich in fleischfarbenen, etwas schmutzigen Tricots, nur allein
mit einer flittergestickten, himmelblauen Schwimmhose und ein Paar eben
solchen Schuhen an, auf dem etwas erhöhten Entrée seiner rauh genug
hergestellten Bude erschien.

Vorher schon hatte seine Frau, das bleiche, abgehärmte Gesicht von
einer verdrückten Rosenguirlande entstellt, die müden Glieder in ein
fleckiges, oft und oft ausgebessertes Seidenkleid gesteckt, an einem
kleinen Tische vor dem Eingange ihren Sitz genommen, um die Billete für
die Zuschauer auszugeben, und Isabella, ihre Tochter, in einem sehr
kurzen weißen Kleide, ebenfalls mit fleischfarbenen Tricots, eine Menge
Blumen im Haar und die Wangen unnatürlich roth geschminkt, trat zu ihr
und lehnte ihren Kopf an der Mutter Schulter.

»Du, Wilhelm -- was ist denn das?« fragte ein junger Bursche von
vielleicht zwanzig Jahren, der hier in Brasilien geboren worden, seinen
Kameraden, indem er mit offenem Munde auf die Gruppe zeigte -- »wo kommen
die Leut' her und was wollen die hier? Sind das vielleicht deutsche
Indianer?«

»Gott weiß es!« sagte der Angeredete, der kein Auge von Bux verwandte
-- »sieh' nur, der Kerl geht ganz nackigt -- oder hat er sich die Beine
nur so angestrichen?«

»Und wie sich die Frau herausgeputzt hat,« flüsterten ein paar junge
Mädchen mit einander -- »und sieh nur, was das Kleid für Flecken hat,
und da am linken Ärmelbesatz sitzt ein blauer Streifen, der eingeflickt
ist.«

»Und das Kind haben sie roth angestrichen,« antwortete die Freundin
-- »was mag denn nur los sein, daß sie solchen Unsinn treiben!«

»Immer herein, meine Hörrschaften!« rief da der Ventriloquist mit seiner
scharfen Stimme über die sich mehr und mehr sammelnden Zuschauer hin, von
denen sich aber noch Keiner getraut hatte, den Platz selber zu betreten
-- »immer herein, immer herein! _Hür_ ist der Platz, wo Sie Staunenswerthes
sehen und erleben werden, _hür_ ist die Gelegenheit, die Wunder des
menschlichen Geistes und Körpers zu erkennen! _Hür_ ist der Ort, wo der
berühmte Bux Ihnen zeigen wird, was Sie bis jetzt noch nicht gewußt haben,
und der junge Athlete Guido seine Kraft und Gelenkigkeit entwickeln
soll, während Mademoiselle Isabella in Grazie und jugendlicher Unschuld
einige Tänze aus der alten griechischen Heidenzeit aufzuführen die Ehre
haben wird! Immer herein, meine Hörrschaften, immer herein! Keiner ist
genöthigt da draußen stehen zu bleiben, und es kostet gar Nichts -- nur
fünfhundert Reis die Person, Kinder unter zwölf Jahren die Hälfte,
Säuglinge frei; immer herein, meine Hörrschaften, immer herein -- jetzt
gerade wird der Anfang beginnen!«

»Herr Gott, hat der Kerl ein Maulwerk am Kopfe!« sagte einer der
Außenstehenden -- »wie ein Mühlwerk geht's und klappert auch gerade so.«

Bux stolzirte indessen auf dem schmalen Raume, welcher ihm zum Entrée
diente, auf und ab, und zwar mit einem großen rothbaumwollenen Taschentuch
in der Hand, das ihm Guido aus der Thür herausreichen mußte. Er hatte
den Schnupfen, in seinem gegenwärtigen Costüm aber leider keine Tasche,
und der rothe geblümte Lappen paßte eigentlich nicht recht zu den
himmelblauen gestickten Schwimmhosen und dem Goldreif um den Kopf.

»Immer herein, meine Hörrschaften!« schrie da plötzlich eine andere
Stimme, die unserm Freunde Jeremias gehörte. Dieser war nämlich durch
den Lärm ebenfalls angelockt worden und hatte der Versuchung nicht
widerstehen können, dem aufgeputzten Burschen, den er haßte, einen
Streich zu spielen -- »immer nur herein -- _hür_ werden Sie sehen, wie
man Sie auf geschickte Weise um Ihr Geld bringt -- _hür_ werden Sie
schauen, wie sich Jammer und Elend mit Blumen herausstaffirt und ein
paar aufgeputzte Kindergerippe auf einem Beine tanzen -- _hür_ werden
Sie sehen....«

»Du hast einen silbernen Löffel gestohlen!« rief es plötzlich neben
Jeremias, aber auf der entgegengesetzten Seite von der, wo Bux stand,
welcher den neuen Ausrufer vollkommen ruhig betrachtete.

»Is nich wahr!« schrie Jeremias, und drehte sich rasch und wüthend nach
der Seite, wo er aber zu seinem Erstaunen Niemand sah.

»Hast 'en ja in der Tasche!« sagte da die Stimme wieder, und Jeremias
lief es kalt über den Rücken.

»Lügenhund, verdammter!« schrie er, wobei er fast unwillkürlich in die
rechte Tasche griff, und Bux wollte sich jetzt auf seinem Stande vor
Lachen ausschütten.

»Na, was ist denn das? Was geht denn hier vor?« riefen Andere und
drängten näher.

»Immer herein, meine Hörrschaften!« schrie da Bux wieder, den für ihn
günstigen Moment benutzend -- »das gehört Alles mit zum Spaß -- da drinn
wird's jetzt losgehen, immer herein -- immer herein!« und während er
dem kleinen Mädchen einen Wink gab, ihm zu folgen, verschwand er in der
Thür, und gleich darauf begann darin die schon von ihm bestellte Musik,
zwei Trompeten, eine Trommel und eine Clarinette, einen lustigen Walzer
aufzuspielen.

»Ei, zum Henker, fünfhundert Reis wend' ich dran,« sagte da ein junger,
schlanker Bauer, der gerade eine Ladung Bohnen in die Stadt geschafft
hatte -- »sie werden Einen ja doch nicht beißen!« und mit entschlossenem
Schritt trat er auf den Tisch zu, legte das Geldstück darauf und tauchte
dann ebenfalls in die niedere Thür ein. Ein paar andere Colonisten, die
derartige Dinge schon von daheim kannten, folgten, und bald trieb die
Neugierde wohl fünfzehn oder zwanzig Personen mehr nach, welche sich in
dem innern Raume auf roh genug eingerichteten Bänken sammelten.

Das Innere der Hütte war, so gut das eben anging, bühnenartig eingerichtet,
mit einem etwas erhöhten Podium aus ungehobelten Brettern, und einem
freilich sehr dürftigen, von Kattunresten zusammengeflickten Vorhange.
Dieser verrichtete aber doch wenigstens den Dienst, die Zuschauer etwas
Geheimnißvolles ahnen zu lassen, was hinter demselben vorgehen könnte,
und genügte deshalb vollkommen.

Die Ouverture -- jener Walzer -- war beendet, der Vorhang wurde durch
den dazu abgerichteten Hausknecht Buttlich's aufgezogen, und den
Zuschauern zeigte sich eine von der Hand des kunstfertigen Schneiders
gemalte, außerordentlich merkwürdige Decoration, welche vollkommen im
Dunkeln ließ, ob die Phantasie ersucht wurde sich in einen Wald, oder
in eine Tempelhalle hineinzudenken.

Das Publicum zerbrach sich aber darüber gar nicht den Kopf, denn Bux
erschien mitten auf dem Schauplatze, auf den er eine kurze Leiter und
eine Stange mitbrachte, und begann jetzt, als Herkules und Athlet, eine
Anzahl von Productionen auszuführen, wie wir sie Deutschland nur zu
häufig auf Märkten und Messen in kleinen Winkelbuden oder auch gar auf
offener Straße zu sehen bekommen. Der Beifall, den er damit erntete, war
freilich sehr gering; das Publicum lachte ein paar Mal, wenn ihm Etwas
mißglückte, das war Alles; applaudiren wollte Niemand, was wußten
die Leute auch davon, und er ging dann zu dem zweiten Theil seiner
Vorstellung -- der höheren Bauchredekunst -- über, bei welcher er aber
ebenfalls einen weit geringeren Erfolg erzielte, als er erwartet haben
mochte.

Bux war darin wirklich nicht ungeschickt, aber sein ganzer Triumph
scheiterte an der Gleichgültigkeit der Zuschauer, welche sich eben nicht
wollten überzeugen lassen, daß er wirklich allein die bald von da, bald
von dorther schallenden Töne hervorbrachte.

Ach, da hinten oder da drüben steckt _auch_ Jemand, sagten die Leute,
und als er sich mit einem Wesen unterhielt, welches angeblich unter
einer verkehrt auf dem Tische stehenden Papierdüte stak, sagten sie,
»das klang so natürlich, als ob Jemand da drunter wäre,« und damit war
die Sache abgemacht.

Wieder war eine Pause, und einzelne der Zuschauer gingen schon hinaus,
weil sie sich zu langweilen anfingen, dann kamen die Kinder, Guido und
Isabella, welche sich produciren sollten, und hier scheiterte das Ganze.

Die kleine »Isabella« trat kaum vorn auf die Bühne heraus, als die
Frauen unter den Zuschauern, mehr aus einer gewissen Art von Instinct,
als weil sie sich des Entwürdigenden solcher Darstellung für das
Kindesalter klar bewußt gewesen wären, Mitleid mit der kläglich genug
aussehenden Erscheinung fühlten.

»Ach, das arme Wurm,« sagte eine alte Frau, die vorn auf der zweiten
Bank saß -- »wie sie das Kind angestrichen und geputzt haben, und halb
verhungert ist's dabei!«

»Und der Vater prügelt's noch außerdem zu Hause,« sagte ein junges
Mädchen, welches neben ihr saß -- »ich hab' es oft gesehen, und jetzt
soll das arme Ding tanzen.«

»Und der Junge könnte auch was Gescheiteres thun,« meinte ein alter
Bauer, der auf der ersten Bank saß, als Guido jetzt, ebenfalls in
Tricots und geschminkt, neben seiner Schwester erschien und anfing zu
tanzen -- »'s ist ein Skandal, daß Kinder zu so 'was auferzogen werden,
wo sie sich überall im Lande ihr Geld auf ehrliche Art erwerben können!«

Die Musik machte gerade jetzt eine Pause, um Herrn Bux Gelegenheit
zu geben, ein Gestell mit papierüberklebten Reifen auf die Bühne zu
schaffen, und dann bei dem neuen Beginne mit so viel mehr Nachdruck
einfallen zu können, als eine tiefe, ruhige Stimme laut sagte:

»Die Kinder fort! Ich leide nicht, daß die hier zu solcher Schlechtigkeit
gebraucht werden. Die Brasilianer sind den Deutschen so schon aufsässig
genug; wir wollen ihnen nicht auch noch hier im Lande selber solche
Früchte heranziehen!« -- Als sich die Zuschauer erstaunt nach der Stimme
umsahen, erkannten sie den Director Sarno, der eben einem Polizeidiener
oder Wächter den Befehl gab, das weitere Auftreten der Kinder zu
verhindern. Dieser schritt auch ohne Weiteres der Bühne zu und beorderte
»Guido und Isabella«, sich zurückzuziehen, als Bux wüthend auf ihn
eindrang und sein Recht behaupten wollte, hier in seinem Locale und
_mit_ seiner Familie zu treiben, was ihm beliebe.

Der Schneider, welcher seinen Platz auf der ersten Bank hatte, war rasch
aufgesprungen als er den Director hörte, um Buttlich herbeizurufen, und
der Wirth erschien auch fast augenblicklich, den Künstler, kraft seines
Freibriefes, gegen die »Willkürlichkeiten des Directors« in Schutz zu
nehmen. Jetzt aber mischte sich das Publicum in die Verhandlungen, und
besonders waren es die Frauen, die zuerst des Directors Partei nahmen.

»Er hat Recht, der Herr Director,« riefen sie; »es ist ein Skandal und
sollte nicht erlaubt werden! Schickt die armen Kinder in die Schule
oder auf eine Chagra, daß sie 'was lernen, was sie zum Leben brauchen!«

»Ich kann mit meinen Kindern machen was ich will,« schrie Bux dazwischen,
»und kein Mensch hat mir ein Wort zu sagen!«

»So, mein Bursche?« rief der alte Bauer -- »das ist aber doch vielleicht
ein Irrthum; denn wenn wir hier frische Leute und Kräfte in's Land
bekommen, so liegt uns auch daran, daß sie uns keine Schande machen, und
wo wir merken, daß das doch geschehen könnte, da wär's doch sonderbar,
wenn wir nicht auch noch ein Wort mit drein zu reden hätten!«

»Ich kann meine Kinder tanzen lassen, wo ich will,« schrie Bux wieder,
durch den neuen Widerspruch gereizt.

»Das weiß ich nicht,« sagte der alte Bauer, indem er ruhig von seinem
Sitze aufstand; »ich denke mir aber, wenn Dir Niemand weiter zusieht,
wirst Du's von selber bleiben lassen. Deshalb, Landsleute, wenn Ihr
meinem Rathe folgt, so laßt Ihr den Menschen hier seinen Unfug treiben,
seht ihm aber nicht auch noch zu. Ich wenigstens habe die Sprünge und
Dummheiten satt, und wenn ihn Niemand mehr dafür bezahlt, bekommen die
armen Kinder schon von selber Ruhe!« -- und damit setzte er seinen Hut
auf und schritt dem Ausgange zu.

»Das ist wahr, das ist recht!« riefen die Frauen und einige junge
Burschen; »es ist eine Schande, nur dabei zu sitzen!«

»Ihr werdet Euch doch nicht von einem Polizeidiener in's Bockshorn jagen
lassen?« schrie jetzt der Schneider dazwischen, der das Weglaufen der
Leute auch theilweise mit als eine Beleidigung gegen _sich_ betrachtete,
weil _er_ ja die Decoration gemalt hatte. »Wir sind hier in unserem
Rechte, und ich will Den sehen, der uns Etwas hier zu sagen oder zu
befehlen hat!«

»Du kannst da bleiben, Schneider,« sagte der Bauer ruhig, indem er
den Kopf über die Schulter nach Justus Kernbeutel hindrehte, »von Dir
erwartet es auch Niemand anders!« -- und mit den Worten verließ er das
Haus.

Ein paar der jungen Leute zögerten noch; sie hatten ihr Geld bezahlt,
und wollten doch eigentlich auch noch gern genießen, was hier zu sehen
war; da aber alle Anderen gingen, mochten sie auch wieder nicht allein
zurückbleiben, und ehe zehn Minuten vergangen waren, hatten sämmtliche
Zuschauer den Platz geräumt, und in der That den Schneider allein als
Publicum in dem öden Raume zurückgelassen. Selbst der Polizeidiener war
gegangen, als er sah daß die Colonisten die Sache selber in die Hand
nahmen.

Director Sarno hatte ebenfalls die Hütte verlassen, sobald er nur den
Befehl gegeben, die Kinder von der Bühne zu entfernen, und wollte gerade
nach seiner eigenen Wohnung zurückgehen, als ihn Jeremias einholte und,
ohne weitere Umstände seinen Arm ergreifend, sagte:

»Der Teufel ist los, Herr Director, und die Bombe ist geplatzt!«

»Und was giebt's nun wieder?« fragte Sarno ruhig, und dann nach der
Landung hinunter horchend, fuhr er fort -- »was ist denn das für ein
Lärm da unten, Jeremias?«

»Das ist ja eben die Bombe,« sagte der kleine Bursche -- »der neue
Director mit einem ganzen Schwarm brauner und schwarzer Soldaten, die
man bei uns zu Hause alle für Geld könnte sehen lassen.«

»Der _neue_ Director,« lächelte Sarno -- »und woher weißt _Du_ das?«

»Eben ist das Dampfschiff hereingekommen,« versicherte Jeremias -- »gerade
von Santa Catharina -- und der Director ist mit den Booten unten von
der kleinen Barre heraufgekommen, weil der Fluß jetzt so niedrig ist,
und der Bodenlos hat einen Bekannten dabei getroffen, einen Deutschen,
und der hat ihm die Geschichte erzählt. Der neue Director logirt bei
dem Baron, und die Soldaten sind mitgeschickt, daß uns die Indianer hier
nicht die Hälse abschneiden sollen.«

»So?« sagte Sarno ruhig und schritt auf sein Haus zu -- »komm' mit,
Jeremias, vielleicht giebt es Etwas zu besorgen« -- und ohne weiter eine
Frage an seinen Begleiter zu richten, setzte er seinen Weg fort. -- Der
neue Director? Er hatte etwas Ähnliches schon lange erwartet, wenn auch
freilich in anderer Weise, und lange schon gewünscht, dieses lästigen,
undankbaren Postens enthoben zu sein, und trotzdem war es ihm doch ein
bitteres Gefühl, sich zu denken, daß er für so vollkommen entbehrlich
gehalten wurde, seine Arbeit ohne weitere Umstände durch einen Andern
-- er wußte ja noch nicht einmal, durch wen -- fortgeführt und sich bei
Seite geworfen zu sehen.

Er stand, mit diesen Gedanken beschäftigt, vor seinem Hause, ehe er
selbst recht wußte, wie er dahin gekommen. Die Entscheidung ließ aber
auch nicht lange auf sich warten, denn selbst vor seiner Thür fand er
einen der brasilianischen Soldaten in blauer Uniformjacke, Sommerhosen
und bloßen Füßen, der ein Schreiben in der Hand hielt und auf Jemanden
zu warten schien.

»Zu wem willst Du?« fragte er ihn.

»Senhor Sarno.«

»Der bin ich selber.«

»Brief abzugeben,« sagte der Soldat und reichte ihm das Schreiben.

»Weiter Nichts?«

Der Bursche hielt es nicht einmal der Mühe werth zu antworten,
schüttelte nur mit dem Kopf und schlenderte dann pfeifend die Straße
wieder hinab.

Jeremias sah ihm nach und sagte dann kopfschüttelnd:

»Hübsche Kerle -- jetzt können wir nur unsere Häuser und Kasten
zuschließen, denn wo _die_ Bande hinkommt, hört der Friede auf.«

Sarno war vor ihm her in sein Zimmer gegangen, und brach dort das
Schreiben auf. Es enthielt, wie Jeremias schon ganz richtig gemeldet
hatte, seine einfache Entlassung als Director der Colonie Santa Clara,
ohne irgend welchen Grund dafür anzugeben, wie außerdem die Anzeige,
daß Baron von Reitschen als neuer Director von dem nämlichen Tage an,
an welchem er die Colonie betreten, in seine Stellung einrücken würde.
Weiteres werde Herr von Reitschen selber mit ihm besprechen, und Acten
wie Casse von ihm übernehmen.

»Also abgesetzt,« lachte Sarno bitter vor sich hin, als er das Papier
auf den Tisch warf -- »und mit verwünscht wenig Umständen, wie es
scheint.«

»Das ist Alles bei der Frau Gräfin gekocht,« sagte da Jeremias, der, von
dem Director vollkommen unbeachtet, diesem in das Zimmer gefolgt war
-- »dorten haben sie's gebraut.«

Sarno sah sich rasch nach dem Redenden um.

»Gebraut? Was?«

»Die Eingabe nach Santa Catharina und die ganze andere Geschichte. Der
Herr von Pulteleben hat's geschrieben und vorgelesen, und nachher wurd'
es unterzeichnet und fortgeschickt, im ganzen Orte herum. Selbst der
Lump, der Justus, und der Schuft, der seine Frau und Kinder immer
prügelt und mit dem Bösen im Bunde steht, hat seinen Namen mit drauf
setzen müssen.«

»Neben den der Frau Gräfin?« lächelte Sarno.

»Nun, ein Stückchen weiter unten,« sagte Jeremias -- »und mich wollten
sie auch dazu haben, aber ich denke, der Herr von Pulteleben bleibt
künftig bei seinen Cigarren und läßt _mich_ ungeschoren.«

»Die Fabrikation geht gut?« lächelte Sarno.

Jeremias pfiff blos leise vor sich hin, schob beide Hände in die Taschen
und verließ, seinen Hut noch immer unter den Arm geklemmt, das Zimmer,
kehrte aber augenblicklich wieder zurück und meldete: »'s ist ein
fremder Herr draußen, der den Herrn Director zu sehen wünscht,« und
dabei überreichte er Sarno eine Karte, auf der nur die Worte standen:
Ferdinand von Reitschen.

»Wird mir sehr angenehm sein,« sagte Sarno, die Karte auf den Tisch
werfend.

»Der _Neue_, nicht wahr?« fragte Jeremias, indem er Sarno mit den Augen
zublinzelte. Dieser lächelte und nickte, und der kleine Bursche ließ
gleich darauf den Baron von Reitschen in das Zimmer.

»Mein werther Herr,« sagte dieser, indem er rasch auf Sarno zuging und
seine Hand ergriff -- »ich muß tausendmal um Entschuldigung bitten, Sie
noch in meinen Reisekleidern aufgesucht zu haben, aber die eigenthümlichen
Umstände, unter denen ich hier...«

»Bitte, machen Sie keine Umschweife,« unterbrach ihn Sarno ruhig, indem
er ihm einen Stuhl hinrückte -- »dem eben erhaltenen Schreiben nach habe
ich das Vergnügen, in Ihnen den neuen Director der Colonie zu sehen, und
da ich von dem Augenblicke Ihres Eintreffens an, mein Amt in Ihre Hände
niederlege, so versteht es sich von selbst, daß wir alles Geschäftliche
so rasch wie irgend möglich erledigen. Aus diesem Grunde schon kann ich
Ihnen nur dankbar sein, eine für beide Theile nicht angenehme Sache, so
bald es eben angeht, zu beseitigen.«

»Ich bitte, mich um Gottes Willen nicht falsch zu verstehen!« rief Herr
von Reitschen rasch -- »Sie glauben doch sicherlich nicht, daß ich schon
in der ersten Stunde auf etwas Derartiges dringen wollte. Nehmen Sie sich
ja Zeit, mein lieber Herr -- nein, ich kam eigentlich heute Nachmittag
nur her, um Sie um Ihren Rath und wo möglich Ihren -- Beistand zu bitten.«

»In was, wenn ich fragen darf?«

»Sie wissen, daß Se. Excellenz eine kleine Abtheilung Militär hieher
beordert hat.«

»Ich habe es wenigstens heute erfahren, wenn ich auch eigentlich nicht
recht begreife, zu welchem Zweck.«

»Die Indianer haben sich in der letzten Zeit wieder so frech gezeigt.«

»Hier bei uns?«

»Nun, doch in der Nachbarschaft,« sagte Herr von Reitschen etwas
verlegen -- »wenigstens liefen dahin lautende Berichte bei dem
Präsidenten ein.«

»Dahin lautende Berichte hätten doch eigentlich von _mir_ ausgehen
müssen« sagte Sarno ruhig -- »und ich weiß Nichts davon.«

»Sie haben sich in der Nähe sehen lassen, so viel ist sicher, und Sie
wissen selber, daß es zu spät ist Vorsichtsmaßregeln zu treffen, wenn
sie erst da sind.«

»Ihre Excellenz ist sehr besorgt um das Wohl der Colonie und hat uns
davon schon viele Beweise gegeben.«

»_Ihre_ Excellenz?« sagte Herr von Reitschen etwas verblüfft.

»Oder _Seine_, das bleibt sich ja gleich; doch bitte, zur Sache, denn
Sie wissen ja doch, daß ich weder mit den Indianern noch mit den Soldaten
weiter Etwas zu thun habe.«

»Es handelt sich jetzt darum, sie unterzubringen, bis passende Wohnungen
für sie gebaut werden können,« sagte Herr von Reitschen, dem selber daran
lag, das Gespräch abzubrechen -- »ich bin hier noch zu fremd, und Sie
können mir gewiß am Besten die Mittel und Wege...«

»Da bedauere ich doch sehr,« unterbrach ihn Sarno ruhig -- »ich selber
halte brasilianisches Militär hier zwischen den deutschen Colonisten
nicht allein für ganz überflüssig, sondern sogar noch für vollkommen
verderblich, und würde _nie_ die Hand oder meine Hülfe dazu bieten, es
hier unterzubringen, selbst _wenn_ ich noch Director wäre.«

»Aber der bestimmte Befehl des Präsidenten.«

»Sie vergessen, verehrter Herr,« lächelte Sarno, »daß _mir_ Se. Excellenz
Nichts mehr zu befehlen hat.«

»Mißverstehen Sie mich nicht,« sagte Herr von Reitschen rasch -- »in
dieser Angelegenheit würde ich es nur als eine mir persönlich erwiesene
Gefälligkeit betrachten.«

»Ich bedaure dann recht sehr, Ihnen diese nicht leisten zu können,«
sagte Sarno kalt; »kann ich Ihnen vielleicht mit etwas Anderm dienen?«

»Ich danke Ihnen; mit Nichts was ich augenblicklich wüßte,« sagte Herr
von Reitschen, und hielt seine Unterlippe mit den Zähnen.

»Dann ersuche ich Sie nur,« fuhr Sarno fort, »sich morgen um zehn Uhr zu
mir zu bemühen, um die Directionspapiere zu übernehmen. Sie wohnen?«

»Bei Baron Jeorgy.«

»Es ist sonst«, lächelte Sarno, »bei einer Entlassung von Dienstboten
wohl Sitte, ihnen eine vierwöchentliche Kündigungsfrist zu stellen, ich
werde aber dieses »Dienstbotenrecht« nicht für mich beanspruchen, Herr
Baron, und hoffe, Ihnen das Directionsgebäude übermorgen früh zur
Verfügung stellen zu können.«

»Aber solche Eile ist ja gar nicht nöthig.«

»Doch vielleicht -- bis wann verläßt der Dampfer Santa Clara wieder?«

»Er -- hat Ordre, zu warten, bis Sie bereit seien, falls Sie ihn zur
Abreise benutzen wollten.«

»Nun, sehen Sie,« sagte Sarno, indem ein ironisches Lächeln um seine
Lippen zuckte -- »ich darf die Güte der Regierung doch nicht mißbrauchen
-- der Dampfer ist nach Rio bestimmt?«

»Ja«

»Sehr schön; in einigen Tagen denke ich ihn zu benutzen, übermorgen aber
werde ich jedenfalls hier ausziehen, und meine Wohnung indessen im
Gasthofe nehmen.«

»Es ist das wirklich nicht nöthig -- ich bin bei dem Baron vortrefflich
aufgehoben.«

»Ich glaube, die Sache ist damit abgemacht.«

»Wenn Sie es nicht anders wollen -- so habe ich die Ehre, mich Ihnen
gehorsamst zu empfehlen.«

Sarno verbeugte sich höflich, aber kalt gegen den Baron, und dieser
verließ rasch das Zimmer, hatte aber kaum die Treppe betreten, als ein
Brett unter seinen Füßen nachgab und er polternd die ziemlich steilen
achtzehn Stufen mit einem furchtbaren Lärm hinab kollerte.

»Der Herr scheinen die neuen Colonietreppen noch nicht gewöhnt zu sein,«
sagte Jeremias, der unten an der Treppe stand und mit einer seiner
zierlichsten Verbeugungen den Hut abnahm -- »haben sich doch nicht etwa
Ihre werthen Arme oder Beine gebrochen?«

»Verfluchte Treppe!« brummte Herr von Reitschen, indem er sich kaum vom
Boden zu heben vermochte, ohne daß ihm Jeremias jedoch die geringste
Hülfe geleistet hätte -- »eine schöne Ordnung hier im Hause, daß man
nicht einmal sicher die Stiege betreten kann!«

»Schade um die hübsche Hose,« sagte Jeremias, auf das zerrissene
Kleidungsstück deutend -- »aber wenn's Bein nur ganz ist.«

Der neue Director hörte ihn nicht mehr und verließ hinkend das Haus,
Jeremias aber stieg, vergnügt vor sich hin pfeifend, die Treppe wieder
hinauf, holte dort einen Hammer und Holzstift, welcher letztere genau in
die Stelle paßte, wo einer im Seitenbret fehlte, und hatte den Schaden
in wenigen Minuten vollständig ausgebessert.

Der nächste Tag war ein lebendiger in der Colonie, denn während Sarno mit
Herrn von Reitschen in dem Directionsgebäude arbeitete und wirthschaftete,
schien indessen jede wirkliche Beschäftigung in dem Städtchen aufgegeben
zu sein, und die Männer schlenderten in den Straßen herum oder saßen in
den Wirthshäusern, theils die neuen Soldaten zu betrachten, theils sich
ihre Bemerkungen über diesen, Keinem willkommenen Zuwachs mitzutheilen.

Und was war jetzt der neue Director für ein Mann, und weshalb hatte man
ihnen den alten eigentlich nicht gelassen? Jetzt, da sie ihn verlieren
sollten, fiel ihnen auf einmal Allen ein, daß er doch ein ganz tüchtiger
und braver Mann gewesen, der es mit den Colonisten wirklich gut gemeint,
und wie sich der neue zu diesen stellen werde, wußte man ja noch gar
nicht. Außerdem war er ein Baron, kein Bürgerlicher, wie Sarno, und
hatte sich auch gleich bei dem Baron Jeorgy einquartiert -- weshalb
ging er nicht in's Gasthaus, meinte Bohlos, denn wozu wären denn die
Gasthäuser eigentlich da, wenn die Fremden nicht darin wohnen wollten?

Die vorläufige Unterbringung der Soldaten hatte ebenfalls ihre
Schwierigkeit, denn kein Deutscher wollte diese Burschen, die nirgends
in dem besten Rufe stehen und außerdem entsetzlich schmutzig und roh
sind, in Quartier nehmen. Es blieb also zuletzt in der That nichts
Anderes übrig, als sie vor der Hand in das Auswanderungshaus zu legen,
obgleich hier schon zwei aus einer andern Colonie herübergekommene
Familien einquartiert lagen. Den Colonisten wurden indessen von Herrn
von Reitschen bedeutet, daß es nur für ganz kurze Zeit sei, da die Leute
selber schon am nächsten Tage daran gehen sollten, Hütten für sich in
der Nähe des Flusses zu errichten.

Nachmittags vier Uhr hatte Sarno seine Geschäfte mit dem neuen Director,
so weit das bis zur vollständigen Übernahme geschehen konnte, beendet,
als Könnern, der einen kleinen Ausflug in das innere Land gemacht, vor
seiner Thür hielt, abstieg und zu Sarno hinauf ging.

»Sie kommen gerade recht,« rief ihm dieser lachend entgegen, »um Ihr
eigenes Gepäck zusammen zu packen und mit mir auszuziehen. Wir sind
Beide auf die Straße gesetzt.«

»Also ist es wirklich wahr?« sagte Könnern kopfschüttelnd -- »ich hatte
schon draußen vor dem Orte davon gehört, und der Herr, der mir da eben
in der Thür begegnete...«

»Ist der neue Director, Herr von Reitschen.«

»Sein Gesicht gefällt mir nicht besonders -- doch was thut das -- _ich_
werde mit dem Herrn in keine nähere Berührung kommen. Aber ist Schwartzau
noch nicht zurück?«

»Noch nicht, doch kann er jeden Tag eintreffen, denn wir haben die letzten
drei Tage einen festen Süder gehabt, der eine ganze kleine Flotte von
Schoonern in den Fluß gebracht -- und geschrieben hat er, daß er kommt.
Apropos, Könnern, gehen Sie mit nach Rio?«

»Wann?«

»Jetzt -- morgen oder übermorgen.«

Könnern hatte die Arme untergeschlagen und ging mit langsamen Schritten
im Zimmer auf und ab; er beantwortete auch eine Zeit lang die Frage
nicht; endlich sagte er leise: »Ich kann nicht -- ich kann wenigstens
jetzt noch nicht, bis sich mein Schicksal hier entschieden hat.«

»Könnern, Könnern, nehmen Sie sich in Acht!«

»Ihre Warnung kommt zu spät,« sagte der junge Mann, indem er vor Sarno
stehen blieb und ihm treuherzig in's Auge sah.

»Und sind Sie schon so weit?«

»Weit?« seufzte Könnern; »ich stehe an der nämlichen Stelle, wo ich vor
vier Wochen stand -- ich habe Elisen seit jenem Tage, an dem ich zum
ersten Male ihren Garten betrat, nicht wieder gesehen, also auch _nie_
allein sprechen können, denn der Alte hütet sie ordentlich vor mir, und
hat mich schon ein Dutzend Male von seiner Thür zurückgewiesen. Aber ich
bin jetzt entschlossen, dem ein Ende zu machen. Ich glaube daß Elise
mich wieder liebt, und ist dem so, dann können die Eltern keinen Grund
haben, sie mir zu verweigern; ich bin vollkommen unabhängig und kann
eine Frau ernähren.«

»Sie wissen, daß Meier ausverkaufen und von hier fortziehen will?«
fragte Sarno.

»Kein Wort!« rief Könnern rasch.

»Er steht schon über seine Chagra in Unterhandlung, und zwar durch eine
Mittelsperson, mit jenem Pulteleben, der bei der Frau Gräfin wohnt. Ich
weiß es genau, und glaube jetzt fest, daß _Sie_ die Ursache sind, die
ihn hier forttreibt.«

»Es wäre entsetzlich wenn Sie Recht hätten!« sagte Könnern scheu; »und
doch fürchte auch ich fast, daß dem so ist, denn welcher andere Grund
könnte den Mann aus seiner freundlichen Häuslichkeit treiben.«

»Es wäre das wenigstens ein Zeichen, daß das Mädchen auch Sie liebt, und
etwas Ähnliches den Eltern vielleicht erklärt hat. Sonst weiß ich nicht,
weshalb eine solche Maßregel nöthig wäre. Ein Vater kann doch nicht
immer gleich die ganze Gegend verlassen, wenn Jemand um seine Tochter
anhält, der ihm aus dem einen oder andern Grunde nicht genehm ist.«

»Ich muß hin -- ich muß noch heute hin!« sagte Könnern, seinen Spaziergang
im Zimmer wieder fortsetzend -- »ich muß wissen woran ich bin, und wenn
mich Elise wirklich liebt, dann _dürfen_ mir die Eltern ihre Hand nicht
verweigern; sie _dürfen_ ihr Kind nicht unglücklich machen um der Laune
eines menschenscheuen Mannes wegen!«

»Mein lieber Könnern,« sagte Sarno ruhig, »wenn die Sache so steht, und
Sie bis über die Ohren in die junge Dame wirklich verliebt sind, so
werde ich natürlich meine Zeit nicht länger mit Bitten vergeuden, mich
zu begleiten. Bleiben Sie hier und thun Sie, was Sie eben nicht lassen
können. Um eins aber _muß_ ich Sie bitten, schon Ihres Bruders wegen:
handeln Sie nicht unüberlegt und wie ein junger, tollköpfiger Bursche
von zwanzig Jahren. Heute Abend sind Sie aufgeregt -- thun Sie keinen
Schritt in der ersten Aufwallung, der Sie nachher vielleicht gereuen
könnte und nie wieder gut zu machen ist. Beschlafen Sie die Sache;
denken Sie mit kaltem Blute darüber nach, und wenn Sie morgen nach dem
Frühstück noch genau derselben Meinung sind wie heute, gut, dann thun
Sie was Sie wollen!«

»Aber welchen Grund könnten Sie haben, einen solchen Schritt für
unüberlegt zu halten? Elise...«

»Ist ein Engel, wie ich keinen Augenblick zweifle,« unterbrach ihn
lächelnd Sarno; »aber,« setzte er ernster hinzu -- »man heirathet zu
Zeiten nicht allein die Geliebte, sondern auch die Schwiegereltern
mit, und -- mein Rath geht eben _nur_ dahin, sich vorher über _deren_
Verhältnisse doch ein wenig genauer zu unterrichten. Ich muß Ihnen
aufrichtig gestehen, daß mir der alte Meier _nicht_ besonders gefällt,
denn _daß_ er sich so ängstlich von jedem Menschen zurückhält, _kann_
recht gut einfache Scheu vor einem geselligen Umgange -- es kann aber
auch etwas Anderes sein, und ich habe in den zwölf Jahren, in denen
ich mich in den Colonien herumtreibe, schon ganz merkwürdige und oft
wunderliche Erfahrungen gemacht.«

»Sie glauben doch nicht das alberne Geschwätz Zuhbel's?«

»Zuhbel ist ein Schwätzer, und wenn Alles wahr wäre was er sagt, so
verdiente _ich_ zum Beispiel gehängt zu werden.«

»Und hat jener Meier in der Zeit seines hiesigen Aufenthalts irgend
Etwas gethan, was...«

»Nichts -- gar Nichts -- er hat sich stets als einen fleißigen,
anständigen Menschen gezeigt.«

»Dann überlassen Sie mich auch meinem Schicksal,« sagte Könnern
freundlich. »Ich will Ihrem Rathe folgen und erst morgen früh
hinüberreiten -- alles Andere mag sich aber dort entscheiden.«




5.

Die Cigarrenfabrik.


In dem Hause der Frau Gräfin Baulen hatte sich indessen, und in dem
kurzen Zeitraum von wenigen Wochen, außerordentlich viel verändert. Das
ganze Haus war eigentlich auf den Kopf gestellt, und so still es sonst
gewesen, glich es jetzt einem Bienenstock, in dem eine Menge von fremden
Menschen täglich ein und aus schwärmte -- wenn sie auch eben keinen
Honig eintrugen.

Der sogenannte »Gartensalon« unten, wie man früher das größte Zimmer
genannt, war nämlich in eine Werkstätte verwandelt worden, in der sieben
kleine Tische mit eben so vielen Stühlen standen, während auf jedem ein
dickes, viereckiges Brett aus hartem Holz und ein kleines Messer lagen.

Fünf von diesen waren mit Arbeitern in Hemdsärmeln besetzt, die Haufen
von Tabaksblättern neben sich liegen und ein Kistchen oder einen Korb
dabei stehen hatten, in denen fertige und noch feuchte Cigarren
aufgeschichtet lagen, und in der Stube selber, an eingeschlagenen
derben Nägeln waren Seile ausgespannt, auf denen breite Deckblätter
zu oberflächlichem Abtrocknen aufgehangen waren.

Die Fenster waren geöffnet, theils um die milde Luft herein, anderntheils
um den dichten Tabaksqualm hinaus zu lassen, denn die fünf Cigarrenmacher
rauchten die eben gewickelten und noch biegsamen Cigarren mit einer wahren
Leidenschaft. Allerdings hatte ihnen das die Frau Gräfin im Anfange nicht
gestatten wollen, und in den ersten Tagen war es nur Oskar und Herrn von
Pulteleben erlaubt gewesen, im Hause zu rauchen. Da sich die Leute aber
zu arbeiten weigerten, wenn sie nicht ihre Cigarre dabei rauchen dürften,
und sogar die Bibelstelle mit dem dreschenden Ochsen und dem Maulverbinden
citirten, sah sich die Frau Gräfin genöthigt, in ihrer Strenge
nachzulassen. Es hatte überdies Mühe genug gekostet, Leute aufzutreiben
die im Cigarrendrehen erfahren waren, und es hing jetzt Alles davon ab,
eine größere Quantität fertig zu bringen und auf den Markt zu werfen.

Die beiden jetzt leer stehenden Tische im unteren Zimmer verriethen vor
den übrigen eine kleine Auszeichnung. Erstlich standen Rohrstühle davor,
und dann hatten die auf dem Brette liegenden Messer Perlmuttergriffe.

Hier sollten oder wollten Herr von Pulteleben und Oskar arbeiten, und in
der ersten Woche waren sie auch in der That die Ersten und Letzten dabei
gewesen. Dieser Eifer aber verrauchte freilich bald, und Oskar erklärte
schon am Montag Morgen der zweiten Woche, daß er nicht nach Brasilien
gekommen wäre, um »wie ein Sclave zu schanzen«, er hätte sich sonst
gleich von vorn herein schwarz anstreichen lassen.

Herr von Pulteleben hielt länger aus; er ging wenigstens ab und zu in
die Fabrik, um einestheils die Arbeiter zu überwachen, anderntheils
aber auch einmal ein paar Dutzend Cigarren fertig zu bringen, die aber
freilich alle noch eine solche außergewöhnliche Form hatten, daß er sie
selber rauchen mußte und nur einzeln zwischen die regelrecht gefertigten
der Arbeiter einschieben konnte. Mit dem Wickeln selber ging es noch so
ziemlich, aber er brachte die Spitze nicht zu Stande, die sich in die
verschiedensten phantastischen Formen drehte und manchmal lang und dünn
auslief, oft aber mit Kleister zum Zusammenhalten gezwungen werden mußte.

Selbst in die Zimmer der Frau Gräfin waren die unnatürlichen Auswüchse
der Cigarrentische gedrungen, und diese selber gab sich hier mit Helenen
derselben Beschäftigung hin. Helene entwickelte vor allen Anderen
einen wahrhaft eisernen Fleiß in diesem neuen und ihr wahrlich
fremden Wirkungskreise. Mit der ihr in allen anderen Dingen eigenen
Geschicklichkeit hatte sie rasch gelernt, nicht allein rauchbare,
sondern auch gut aussehende Cigarren in regelmäßiger Form anzufertigen,
und schon nach drei Wochen arbeitete sie kaum weniger rasch, als irgend
einer der angestellten Gehülfen.

Wie sich aber die Arbeit bei ihr förderte, schien auch ein anderer,
besser Geist über sie zu kommen; sie schien heiterer, glücklicher zu
werden, und wenn sie sich des Gedankens vielleicht selber nicht ganz
klar wurde, war es doch wohl nur ein Gefühl größerer Selbstständigkeit,
das sie durchzuckte, wenn sie sich bewußt wurde, ihr Brod im Nothfall
selber verdienen zu können.

Jeder wirklich edle Charakter _hat_ dieses Gefühl, mag ihn das Schicksal
in eine Stellung geworfen haben, in welche es wolle -- jeder _sollte_ es
wenigstens haben, denn es ist die einzige »Lebensversicherung«, die uns
der Zukunft darf getrost in's Auge schauen lassen.

Helene, mit einem empfänglichen Herzen für alles Schöne und Gute, das
selbst durch die schlaffe, leichtsinnige Erziehung ihrer Mutter nicht
in ihr ertödtet werden konnte, hatte schon lange schmerzlich den Kampf
empfunden, den diese gegen das Leben ankämpfte, nur um eine leere,
äußere Erscheinung aufrecht zu erhalten, und wenn sie sich bis dahin
selber machtlos gefühlt, das zu ändern, eröffnete plötzlich diese neue
Beschäftigung ihr dazu die Aussicht. Daß ihre Mutter nur durch die
äußerste Nothwendigkeit zu einem solchen Schritte getrieben war, sah sie
recht gut ein; aber sie dankte Gott dafür, und nur manchmal beschlich
sie, nach Andeutungen die jene fallen ließ, ein eigenes dunkles Gefühl,
daß von der sonst so stolzen Gräfin dieses Mittel, sich eine Stellung
im Leben zu erzwingen, nicht ernstlich gemeint sei, ja, nur als
augenblickliche Aushülfe betrachtet werde und einem andern, tiefer
liegenden Zwecke dienen solle. Und welchem? Comtesse Helene preßte die
feingeschnittenen Lippen fester zusammen und ihr Auge nahm wieder jenen
alten, zornigen Trotz an, den die letzten Wochen fast daraus verbannt
hatten -- aber sie dachte den Gedanken nie aus und arbeitete dann nur um
so rüstiger weiter, um die ihr noch so nöthige Fertigkeit in ihrer neuen
Beschäftigung zu erlangen.

Die Frau Gräfin selber hatte wohl auch ein paar Mal begonnen Cigarren
zu machen, aber es war stets nur bei einem leider nicht mit Erfolg
gekrönten Versuche geblieben. Selbst Jeremias weigerte sich, die von ihr
angefertigten Cigarren zu rauchen, weil er behauptete, er bekäme die
Schwindsucht dabei und zöge sich die Seele aus dem Leibe. Das Fabrikat
mußte stets wieder zu Einlagen für andere verwendet werden.

Jeremias hatte übrigens in der neuen »Fabrik« eine nicht unbedeutende
Wichtigkeit erlangt, da sich sehr bald herausstellte, daß _er_ die
einzige Person im Hause sei, die wirklich Etwas von Tabaksblättern
verstand und eingesandte Proben beurtheilen konnte. So oft man aber auch
versuchte, ihn zu thätiger Mitwirkung bei der allgemeinen Leidenschaft
zu veranlassen, so oft schlug er jedes solches Anerbieten auf das
Entschiedenste aus, und nahm sich nur die Interessen seines Gutachtens
in fertiger Waare, besonders von Oskar's Tische, der auch nur für
eigenen Bedarf zu arbeiten schien.

Herr von Pulteleben war außer Helenen noch der Fleißigste der Familie,
zu der er sich jetzt vollkommen zu zählen schien, und besonders
veranlaßte ihn dazu wohl die schon merkliche Abnahme seines kleinen
Capitals, das noch dazu nicht Alles in den Ankauf von rohem Tabak und
die Bezahlung der Arbeiter gesteckt war.

Die Frau Gräfin hatte, da der schon so lange erwartete Wechsel angeblich
noch immer nicht eingetroffen (er war in der That angekommen, aber auch
augenblicklich verausgabt worden, um nur die dringendsten Gläubiger
zu befriedigen), einige kleine Anlehen gemacht, um, wie sie Herrn von
Pulteleben sagte, besonders Helenens Garderobe in Etwas zu restauriren
und dann einige andere höchst nöthige Verbesserungen in ihrer Wirthschaft
zu treffen, und die Einnahme der fertigen, aber noch nicht abgelagerten
Cigarren stellte sich außerdem als viel geringer heraus, als man im
Anfang erwartet haben mochte.

Herr von Pulteleben begann nachzudenken. Die ersten Zweifel stiegen
in ihm auf, ob er hier auf brasilianischem Boden wohl auch gleich die
richtige Speculation getroffen habe, in sehr kurzer Zeit ein reicher
Mann zu werden, und zwar ohne fremde Hülfe, aus eigener Geistesfähigkeit
und Ausdauer -- denn das mitgebrachte und ebenfalls nicht selber verdiente
Geld rechnete er natürlich gar nicht. Hinter dem Allem aber schwebte
freilich das Bild Helenens, deren Reize einen unwiderstehlichen Zauber
ausübten und ihn noch immer nicht recht zur Besinnung kommen ließen.

Hatte er sich gleich im ersten Augenblick von ihrer lieblichen Erscheinung
gefesselt gefühlt, so festigte sich das Band, das ihn zu ihr hinzog,
mit jedem Tage mehr und mehr, trotzdem ihm das schöne Mädchen nicht
die geringste Ermuthigung gab, an eine gegenseitige Neigung glauben zu
dürfen. Sie war stets mehr höflich und artig als freundlich gegen ihn;
sie ging, so muthwillig sie auch sonst sein konnte, nie auf die Scherze
ein, die Oskar oft in kindischer Ungezogenheit mit ihrem neuen Hausgast
trieb, denn Oskar war nicht gewohnt, irgend eine Verbindlichkeit gegen
Jemanden in der Welt anzuerkennen, selbst nicht einmal gegen seine eigene
Mutter. Helene aber wußte, daß sie Alle dem Fremden Dank schuldig seien,
sie, wenn auch nur für den Augenblick, aus einer Lage befreit zu haben,
in die sie die unbedachte und zwecklose Verschwendung ihrer Mutter
gebracht; aber sie fühlte sich dadurch gedrückt, denn Herr von Pulteleben
war keine Persönlichkeit, der sie mit freudigem Herzen Etwas hätte danken
mögen.

Arno von Pulteleben legte aber selbst diese oft nur kalte Höflichkeit
stets zu seinen Gunsten und seinen eigenen Wünschen gemäß aus, denn er
besaß eine vortreffliche Meinung von sich selber, und hatte ihn der
_Rangesunterschied_ bei dem ersten Begegnen auch etwas schüchtern
gemacht, so schwanden diese Bedenken immer mehr und mehr, als er erst
einmal die Überzeugung gewann, daß die gräfliche Familie, vor der Hand
wenigstens, nicht die ihrem Rang entsprechenden Mittel besaß, und die
Frau Gräfin selber auf das Herablassendste seine pecuniäre Hülfe in
Anspruch nahm.

Die Sache hatte aber trotzdem ihren Haken; denn wenn sie mit
ihrem Geschäfte wirklich nicht reussirten, ehe der fabelhaft lange
ausbleibende Wechsel der Frau Gräfin ankam, so konnte er in eine Lage
kommen, die ihm viel zu fremd war, um sich vor der Hand auch nur selber
hineinzu_denken_; denn was er auch immer der Gräfin von dem seiner
daheim noch wartenden Vermögen erzählt haben mochte, selber hegte er
keineswegs die großen Erwartungen, die er in ihr erregt hatte. Desto
fester aber glaubte er an eine freundliche Mythe, die, in dem Kopfe der
Frau Gräfin entsprungen, ein sehr bedeutendes Rittergut in Ungarn zur
Basis hatte, das jetzt durch ihren Anwalt verkauft wurde, und dessen
Ertrag dann ohne Weiteres an sie übermacht werden sollte.

Die Frau Gräfin hatte ihm das eines Tages, als sie allein beisammen
waren, unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgetheilt, denn Helene
sollte nichts von dem Verkaufe wissen, weil sie kindischer Weise noch
zu sehr an dem alten Stammgut hing.

_Bis_ diese Gelder aber ankamen, mußte mit dem noch vorhandenen und
allerdings schon sehr zusammengeschmolzenen Capital gewirthschaftet
werden, und obgleich er selber Nichts in der Welt weniger als
Geschäftsmann war, konnte er sich doch nicht verhehlen, daß ihre
Ausgaben mit ihren Einnahmen auch nicht in dem geringsten Verhältniß
standen. Ging die Sache also noch lange so fort, so _mußte_ die Zeit
eintreten, in welcher seine Baarschaft verausgabt war -- und was dann?
Er beschloß deshalb, ganz ernsthaft mit der Frau Gräfin zu reden -- er
war ihr das ja sogar schuldig -- und sie konnten dann gemeinsam einen
Plan entwerfen, wie -- ja, er wußte eigentlich selber noch nicht recht,
über was -- aber das ergab sich dann ja auch schon in der Unterhaltung.

Es waren, wie schon gesagt, heute Morgen wieder frische Proben von
Blättertabak eingesandt worden, und während Helene allein in ihrer
Stube, mit ihrer Arbeit und ihren Gedanken beschäftigt, saß, hatte die
Frau Gräfin mit Jeremias den Tabak geprüft und die Sorten ausgesucht,
welche sie für die besten zur Bearbeitung hielten. Damit im Reinen,
wurde Herr von Pulteleben gerufen, um zu einer abgemachten Sache seine
Zustimmung und dann, die Hauptsache, die schriftliche Ordre zum Ankaufe
zu geben, da die Frau Gräfin die etwas unangenehme Erfahrung gemacht
hatte, ihre eigene Handschrift in der Geschäftswelt nicht besonders
respectirt zu sehen.

Oskar lag auf dem Sopha, rauchte eine von ihm selbst gewickelte Cigarre
und pfiff in den Pausen eines von Helenens Liedern. Was kümmerten _ihn_
die Geschäfte!

_Vor_ dem Zimmer stand ein Tausend Cigarren, das Oskar übernommen gehabt
hatte, schon gestern Abend zu dem Geistlichen zu befördern und das Geld
dafür mitzubringen, und Herr von Pulteleben ärgerte sich, daß der junge
Bursche nicht allein zu gar Nichts zu bringen war, sondern sogar noch
wie zum Hohn hier ausgestreckt auf dem Sopha lag.

»Ach, lieber Baron,« sagte die Gräfin, als er eintrat, und ohne seinen
auf Oskar geschleuderten, eben nicht freundlichen Blick zu beachten
-- »wir haben hier den Tabak ausgesucht -- sehen Sie, diese beiden Sorten
-- von der einen zwölf Aroben zu Einlage und drei Aroben von der andern
zu Deckblatt -- ich denke, das wird vorläufig genug sein, und wir können
erst einmal mit der kleinen Quantität versuchen, wie sich die Cigarren
machen werden. Von wem ist der Tabak, Jeremias?«

»Von Köhler's Chagra,« sagte der Angeredete, indem er sich von dem
Tische ebenfalls eine Cigarre nahm und sie abbiß -- »er hat aber gesagt,
er gäb' ihn für _den_ Preis nicht anders, als um »baar Geld lacht« -- die
landesübliche Münzsorte.«

»Ich denke, daß ihm sein Geld bei uns sicher ist,« sagte die Frau
Gräfin, ärgerlich den Kopf zurückwerfend.

»Kann wohl sein,« meinte Jeremias, die abgebissene Spitze in die Ecke
spuckend -- »er denkt's aber nicht, und ist dumm genug, das Geld lieber
in der eigenen Tasche wie bei fremden Leuten zu haben -- mit Erlaubniß
-- damit ging er an das Feuerzeug und wollte sich ohne Weiteres seine
Cigarre anzünden; die Frau Gräfin schien aber nicht gesonnen, ihm _alle_
Freiheiten zu gestatten.

»Sie wissen doch, Jeremias,« sagte sie streng, »daß ich Niemandem
gestatte, in _meinem_ Zimmer zu rauchen -- meinem Sohne ausgenommen,«
fuhr sie fort, als sie bemerkte, wie Jeremias einen halb lächelnden
Blick nach Oskar hinüber warf -- »ich dulde keine Unverschämtheit.«

»Reden wir nicht weiter davon,« sagte Jeremias, indem er die Cigarre
in die Tasche schob und mit dem Fuße den neben ihm liegenden Haufen
Blättertabak etwas lockerte -- »Sie können wahrscheinlich den Tabaksgeruch
nicht vertragen. Soll ich dem Köhler das Geld gleich mit hinauf nehmen?
denn er wollte sofort Antwort haben, weil jetzt gerade Gelegenheit ist,
den Tabak nach Rio Grande zu schicken.«

»Kommen Sie nachher wieder herauf,« sagte Herr von Pulteleben, die
Antwort umgehend -- »ich habe augenblicklich mit der Frau Gräfin noch zu
reden.«

»Hm,« sagte Jeremias, aus einer etwas engen Uhrtasche eine riesige, beinahe
kugelrunde Taschenuhr herauszwängend und den silbernen Deckel derselben
öffnend -- »jetzt ist's in sechs Minuten zehn; um halb elf muß ich
spätestens fort, wenn ich zu Mittag wieder da sein will. Wäre mir lieb,
wenn ich bei der Gelegenheit auch gleich meinen rückständigen Lohn
bekommen könnte, um meine eigenen Rechnungen zu bezahlen« -- und mit den
Worten schlenderte er langsam zur Thür hinaus.

»Der Bursche wird mit jedem Tage unverschämter!« sagte die Gräfin, als
er das Zimmer kaum verlassen hatte -- »und wenn Du seine Übergriffe
duldest, Oskar, so habe ich nicht Lust, dem noch länger ruhig zuzusehen.
Entweder er muß sich seiner untergeordneten Stellung fügen, oder das
Haus verlassen.«

»Und wo willst Du einen Andern herbekommen?« sagte Oskar, ein Bein über
das andere legend.

»Mein lieber Oskar,« fiel hier Herr von Pulteleben ein, »es ist nicht
allein Jeremias, der sich ändern muß, wir werden Alle unsern Beruf ein
wenig mehr in's Auge fassen müssen, wenn wir es wirklich zu Etwas
bringen wollen.«

»Puh,« sagte Oskar, den Dampf zu gleicher Zeit ausblasend -- »wollen
Sie einmal wieder Moral lesen? Verderben Sie uns den schönen Tag nicht.«

»Moral gar nicht,« sagte Herr von Pulteleben piquirt -- »aber ein klein
Wenig müssen Sie doch auch mit zufassen, wenn nicht Alles rückwärts
gehen soll. Die Cigarren zum Beispiel, die Sie schon gestern Abend an
den Pfarrer Beckstein besorgen und das Geld dafür eincassiren wollten,
stehen noch immer draußen, und wenn es auch nur zwanzig Milreis sind,
so brauchen wir sie doch, um die laufenden Ausgaben zu decken.«

»Aber weshalb, zum Henker, schicken Sie da nicht den Jeremias?« -- rief
Oskar mit gerunzelter Stirn -- »glauben Sie, daß _ich_ Ihren Laufburschen
machen soll?«

»Mein lieber Baron,« sagte die Frau Gräfin, »Oskar hat da wirklich
Recht. Ich sehe auch nicht ein, weshalb das Jeremias nicht eben so gut
besorgen kann.«

»Aber Jeremias,« meinte Herr von Pulteleben, »kann die wenigen Stunden,
die er überhaupt hier ist, viel nützlicher beschäftigt werden, und Oskar
hat auf der Gottes Welt Nichts zu thun....«

»Als _Ihnen_ aufzuwarten, nicht wahr?« rief der junge Bursche, ärgerlich
vom Sopha aufspringend -- »es wird doch wahrhaftig alle Tage besser,«
und das Zimmer verlassend, schlug er die Thür hinter sich zu, daß die
Scheiben klirrten.

Herr von Pulteleben blieb mit der Frau Gräfin allein zurück, und zwar in
der peinlichsten Verlegenheit, denn wenn er sich auch in seinem vollen
Recht wußte und nicht das geringste Unbillige verlangt hatte, fühlte er
doch, daß die Frau Gräfin selber einen andern Standpunkt einnahm, und
mochte um Alles in der Welt ihr nicht feindlich entgegen treten. War sie
nicht Helenens Mutter und mußte er nicht schon Helenens wegen in allen
solchen, doch eigentlich Nichts bedeutenden Kleinigkeiten nachgeben?
Und doch hatte er gerade heute Morgen mit der Frau Gräfin über ihre
beiderseitige, sich schwieriger gestaltende Situation sprechen wollen,
wenn die Frau Gräfin nur gerade nicht in diesem Augenblick so entsetzlich
stolz und vornehm ausgesehen hätte.

Ob diese etwas Ähnliches vermuthete? Dann war sie jedenfalls augenblicklich
im Vortheile, und nicht die Frau, einen solchen unbenutzt zu lassen.

»Sie haben Oskar ganz unnöthiger Weise gereizt, lieber Freund,« sagte
sie, zu ihrem Schreibtische gehend und ein Flacon öffnend, an das sie
mehrmals roch -- »diese Scenen greifen meine Nerven an -- Sie müssen
doch bedenken, daß er noch ein ganz junger Mensch ist, der nicht die
reifere Erfahrung des Alters haben kann, und das Leben stets von einer
leichten, ich will nicht läugnen, oft _zu_ leichten Seite betrachtet.
Mit guten und freundlichen Worten ist er aber zu Allem zu leiten.«

»Frau Gräfin,« stammelte von Pulteleben verlegen, »ich will nicht
abstreiten, daß ich vielleicht zu rauh gewesen bin, aber -- aber
die Schwierigkeit -- die Ungewißheit unserer augenblicklichen
Verhältnisse....«

»Schwierigkeit? -- Ungewißheit?« sagte die Gräfin erstaunt -- »ich
verstehe Sie nicht.«

»Sie werden mir zugeben, daß« -- fuhr Herr von Pulteleben verlegen fort,
und stak dann fest.

»Zugeben? Was?« fragte die Gräfin ruhig.

»Daß unser Unternehmen doch noch keineswegs gesichert ist,« setzte der
junge Mann mit einer Art von verzweifeltem Entschluß hinzu -- »meine
Aus-- _unsere_ Ausgaben sind sehr bedeutend und die Einnahmen bis diesen
Augenblick noch außerordentlich gering gewesen.«

»Und ist das _meine_ Schuld?« fragte die Gräfin streng.

»Um Gottes willen, verstehen Sie mich nicht falsch,« bat Herr von
Pulteleben in Todesangst -- »ich meine ja nur, daß wir bis jetzt
entsetzlich wenig für die Cigarren gelöst haben. Die viertausend Stück,
welche der Wirth, Herr Bohlos, bekommen hat, wurden nicht bezahlt, weil
der Mann eine Gegenrechnung brachte, die Oskar....«

»Ja, leider, einer seiner jugendlichen Streiche,« sagte die Gräfin
seufzend, -- »ich habe ihm aber auch meine Meinung darüber gesagt und es
wird nicht wieder geschehen.«

»Unglücklicher Weise traf es sich auch, daß unser erster Ankauf des
Tabaks so gänzlich mißlang.«

»Lieber Gott,« sagte die Dame achselzuckend, »das wissen Sie ja selber,
daß man in jeder Sache erst einmal Lehrgeld bezahlen muß. Ich glaubte
einen ganz ausgezeichneten Kauf zu machen, glaubte mit einem ehrlichen
Manne zu thun zu haben, und wurde auf das Schändlichste betrogen. Der
nächste Tabak war dagegen vortrefflich, und dieser Herr Buttlich hat
unsere Kundschaft für immer verloren.«

»Der Bäckermeister -- wie heißt er gleich« -- fuhr Herr von Pulteleben
seufzend fort -- »hat ebenfalls dreitausend Cigarren nicht bezahlt,
weil er es von der Miethe abziehen will.«

»_Das_ ist so gut wie baar Geld,« lächelte die Gräfin -- »denn wir
müßten es ihm sonst ja wieder herauszahlen.«

»Und der Kaufmann oben an der Ecke, von woher Sie Ihren Bedarf gezogen
haben --«

»Aber, bester Freund,« sagte die Gräfin gereizt, »das sind ja lauter
Gegenrechnungen, bei denen wir nur gewinnen, daß wir einen solchen
Betrag in unserem Fabrikat bezahlen können. Werfen Sie mir vor, daß wir
leben?«

»Ich? Aber ich bitte Sie, Frau Gräfin!« rief Herr von Pulteleben bestürzt
-- »ich erwähne diese einzelnen Posten ja nur, um Ihnen zu beweisen,
daß wir schon eine ziemliche Quantität von Cigarren verarbeitet, durch
ungünstige Umstände aber kein baares Geld dafür einbekommen haben. _Mein_
an sich eben nicht übergroßes Capital schmilzt dabei mehr und mehr
zusammen, und ich hielt es nur für meine Pflicht, Sie von dem Umstande
in Kenntniß zu setzen, damit wir nicht plötzlich einmal in -- in
Verlegenheit geriethen. Ein Geschäftsmann sollte doch eigentlich auf
alle Zufälligkeiten gefaßt sein.«

»Sie sind zu ängstlich,« lächelte die Gräfin, welche sich noch nie im
Leben Sorgen gemacht hatte, wenn sie nur die unmittelbare Gegenwart
gesichert wußte -- »aber ich billige vollkommen Ihre Vorsorge etwa
möglicher Eventualitäten. Wir wollen auch mit aller Umsicht zu Werke
gehen, und daß wir es dabei nicht an _Fleiß_ fehlen lassen,« setzte
sie mit einem Blick auf ihren heute freilich noch nicht berührten
Cigarrentisch hinzu, »werden Sie mir ebenfalls bezeugen können.«

»O, gewiß -- deß bin ich sicher überzeugt,« stammelte Herr von Pulteleben,
von der Güte der Frau Gräfin so entzückt, daß plötzlich die Idee in ihm
aufstieg, den Moment zu benutzen und einen kühnen Schritt zu seinem
künftigen Lebensglücke zu wagen -- »Sie kennen mich ja aber jetzt auch,
Frau Gräfin -- Sie wissen, daß ich mit allem Eifer...«

»Ich weiß es,« sagte die Dame freundlich, »und die nächste Zeit wird
Ihnen den Beweis bringen, wie rasch wir das jetzt vielleicht etwa
Versäumte wieder eingeholt haben. Der neue Tabak ist vortrefflich und
wir werden brillante Geschäfte damit machen. -- Aber da fällt mir gerade
ein, daß Jeremias unten auf den Bestellzettel wartet -- ich habe ihn
hier schon geschrieben -- bitte, unterzeichnen Sie ihn nur noch -- als
unser Geschäftsführer,« setzte sie lächelnd hinzu -- »das Geld können
Sie ja dann vielleicht dem Jeremias gleich mitgeben -- der Betrag ist
hier ausgefüllt. -- Der alberne Bauer hat es sich nun einmal in den Kopf
gesetzt, nur gegen baares Geld zu verkaufen.«

»Mit Vergnügen,« stotterte Herr von Pulteleben, der in diesem Augenblicke
wirklich gar nicht mehr an den Tabak dachte -- »aber -- werden Sie mir
auch nicht zürnen, wenn ich« -- die Gräfin sah ihn erwartungsvoll an,
und Herr von Pulteleben, welcher über und über roth geworden war, fuhr
schüchtern fort: »wenn ich mit einer -- mit einer recht großen Bitte vor
Ihre Thür käme?«

»Mit einer Bitte?«

»Sie sind immer so sehr gütig gegen mich gewesen.«

»Und die Bitte?«

»Und Comtesse Helene ebenfalls,« stammelte Herr von Pulteleben, und sein
Gesicht sah in dem Augenblick aus, als ob ihm das Feuer heraus schlagen
wollte -- »Sie -- Sie können wohl denken, Frau Gräfin, daß das -- daß
das längere Beisammenleben mit einem so liebenswürdigen Wesen -- ich
muß zwar gestehen, daß ich eigentlich gar nicht daran denken dürfte,
ein solches Glück zu verdienen -- eigentlich ist _Glück_ gar nicht der
passende Name -- Seligkeit sollte man sagen -- und -- und wenn ich nur
hoffen dürfte, daß....«

Er stak wieder vollständig fest, und die Gräfin hatte seine
unzusammenhängenden Worte, als sie nur erst deren Sinn ahnte, auch mit
keiner Silbe weiter unterbrochen. Jetzt nickte sie leise lächelnd mit
dem Kopf und sagte dann freundlich:

»Mein lieber Herr von Pulteleben, ich habe fast gefürchtet, daß Ihnen
das tolle Mädchen den Kopf verdrehen würde. Überlegen Sie sich aber die
Sache wohl, denn Helene ist....«

»Ein Engel!« unterbrach sie der junge Mann, der seiner überströmenden
Gefühle nicht länger Meister war -- »ich wäre selig, wenn ich nur hoffen
dürfte, daß ich ihr nicht ganz gleichgültig bin.«

Die Gräfin lächelte wieder freundlich vor sich hin und sagte dann in
gütigem, aber immer noch abwehrendem Tone:

»Nun, wir wollen sehen; ich werde mit meiner Tochter sprechen -- ich
glaube, daß wir zu einander passen, und wenn Sie auch noch etwas jung
sind....«

»Ich werde mit jedem Tage älter!« rief Herr von Pulteleben, der vor
lauter Glückseligkeit schon gar nicht mehr wußte was er sagte.

»Nun gut,« lachte die Gräfin jetzt herzlich -- »da Sie diesen Fehler
also täglich verbessern, so läßt sich ja vielleicht über die Sache
reden. Ich kann Ihnen natürlich ohne meine Tochter keine _bestimmte_
Zusicherung geben.«

»Sie heben mich in den siebenten Himmel!« rief von Pulteleben.

»Aber ich will doch sehen was sich thun läßt,« fuhr die Gräfin fort,
»und kann Ihnen wenigstens versprechen, daß ich ein gutes Wort für Sie
einlegen werde. Aber unsere Geschäfte dürfen wir darüber nicht
versäumen.«

»In zwei Minuten soll Jeremias abgefertigt sein,« rief der junge Mann,
seinen Hut ergreifend.

Das Gestampfe ungeduldiger Pferde unter dem Fenster wurde in diesem
Augenblick hörbar, und als Herr von Pulteleben, von einer plötzlichen
Ahnung ergriffen, hinaus sah, bemerkte er, wie sich Helene in den Sattel
schwang und dann, als sie ihn am Fenster erblickte, hinauf rief: »Reiten
Sie mit?«

»Wenn Sie nur einen Moment auf mich warten wollen,« rief dieser hinab, und
sich dann zu der Gräfin wendend, sagte er bittend: »Ich bin heute nicht
mehr im Stande, zu arbeiten -- das Herz ist mir zu voll! Hier haben Sie
meinen Schlüssel -- bitte, theuerste Frau Gräfin, besorgen Sie das
Nöthige,« und mit zwei Sätzen war er die Treppe hinunter und im Stalle,
und wenige Minuten später bei den Geschwistern draußen, mit denen er in
flüchtigem Galopp die Straße hinab sprengte.




6.

Der Ritt am Strande


Günther von Schwartzau hatte indessen seine Geschäfte in Santa Catharina
rascher besorgt, als er im Anfange selbst geglaubt, und da ihn Nichts
weiter an den Platz fesselte, so benutzte er die erste sich ihm bietende
Gelegenheit, auf einem der kleinen brasilianischen Schooner die Rückreise
nach Santa Clara anzutreten.

Die Reisen auf diesen Fahrzeugen sind freilich nur sehr unsicher, denn
so gut sie gebaut und seetüchtig sie sein mögen, so ängstlich werden sie
von den brasilianischen Seeleuten behandelt. Gegen den Wind verstehen
diese gar nicht zu kreuzen, weil sie so erbärmlich und unregelmäßig
steuern, und selbst bei etwas starkem, wenn auch günstigem Winde getrauen
sie sich nicht in die offene See hinaus. Kommt nun noch dazu, daß der
Aufenthalt auf einem solchen Schooner, was Bequemlichkeit und Reinlichkeit
betrifft, ein höchst trauriger ist, so läßt es sich denken, daß sich
nicht gern Jemand der Gefahr aussetzt, vielleicht zwei oder drei Wochen
in solche Verhältnisse eingepfercht zu werden, wenn man irgend
Gelegenheit hat, in anderer Weise fortzukommen.

Eben so unregelmäßig ist aber auch selbst die brasilianische
Dampfschifffahrt an jener Küste, und da jetzt gerade ein günstiger
Südwind eingesetzt hatte, und sich Günther nicht der Gefahr aussetzen
wollte, vielleicht acht, ja vierzehn Tage hier liegen zu bleiben, ehe
der nächste Dampfer von Rio Grande eintraf, beschloß er, die sich gerade
bietende Gelegenheit zu benutzen, und schiffte sich auf einem dieser
kleinen Küstenfahrer ein.

Die Reise war auch in der That eine günstige, aber der Schmutz in der
engen Cajüte so furchtbar, daß ihm selbst die wenigen Tage zu einer fast
unerträglichen Plage wurden, und er dankte Gott, als der Schooner am
Abend des fünften Tages, nach einer ungewöhnlich raschen Reise, die
Mündung des Santa Clara-Flusses sichtete.

Leider war jetzt gerade Ebbe, und die Barre zu seicht, mit dem ziemlich
schwer geladenen Fahrzeuge den Übergang zu riskiren. Der »Capitain«
kannte auch vielleicht nicht einmal den Canal der Einfahrt genau, und
zog es vor, unter dem Schutze der südlich vorspringenden Landzunge,
unter welcher er in fast ruhigem Wasser lag, vor Anker zu bleiben. Damit
versäumte er aber auch die ganze Nacht und die nächste Fluth, und da die
zweitnächste erst wieder Morgens zehn Uhr eintrat, und Günther unter
keiner Bedingung noch eine Nacht an Bord bleiben wollte, so beschloß er,
sich an Land setzen zu lassen.

Er kannte dort, von einer früheren Vermessung her, jeden Fuß breit Boden.
Gar nicht weit vom Strande lag die Chagra eines Brasilianers, auf
welcher er leicht ein Pferd geborgt bekommen konnte, und ritt er dann
kaum zwei Legoas auf dem harten Sand des Strandes hinauf, und schnitt
nachher quer in die Hügel, von einer andern Chagra aus, hinein, so
erreichte er Santa Clara selber wenigstens drei oder vier Stunden
früher, als der Schooner den Biegungen des Flusses stromaufwärts folgen
konnte.

Der Abend war indessen schon zu weit vorgerückt, heute noch an einen
Ritt in stockfinsterer Nacht zu denken. Günther nahm deshalb gern die
gastliche Einladung des Brasilianers an, bei ihm den Morgen zu erwarten.
Mit Tagesgrauen sollte dann ein Pferd für ihn bereit stehen, mit dem er
die Colonie recht gut bis etwa elf Uhr Morgens erreichen konnte.

Die hier angelegte Chagra war nicht unbedeutend, denn in den zunächst
den Sanddünen liegenden Hügeln fanden mehrere Heerden vortreffliche
Weide, während ein kleines Stück weiter im Lande drinnen ein rother,
fruchtbarer Lehmboden Bohnen, Mais, Maniok, ja selbst Zuckerrohr reichlich
gedeihen ließ. Der Brasilianer hielt auch zur Bearbeitung des Landes
und zur Beaufsichtigung seiner Heerden sechszehn bis achtzehn Sclaven
beiderlei Geschlechts, und den zahlreichen Gebäuden nach zu urtheilen,
unter denen besonders ein stattliches Herrenhaus hervorragte, mußte er
sich in vortrefflichen Umständen befinden. Nichts desto weniger lebte
er aber so einfach, wie nur ein Mensch in der Welt leben kann, welcher
keine Ahnung von irgend einer möglichen Bequemlichkeit hat -- Luxus gar
nicht einmal gerechnet.

Das große Zimmer des Haupthauses, in welchem für die Familie heute Abend
der Tisch gedeckt wurde, war nicht einmal gedielt. Die hohen Fenster
hatten keine Gardinen, Tische und Stühle bestanden aus einfachem, weichen
Holz, und das jetzt aufgelegte Tischtuch war nur ein schlechter,
baumwollener Stoff, und deckte weder die volle Länge noch Breite des
Tisches selber. Nur an den Wänden hatte der Eigenthümer sich einem ganz
wunderbaren Luxus hingegeben, der von den Händen des Schneiders und
Zimmermalers Justus Kernbeutel herrührte, und in einem außerordentlich
kühn gehaltenen Entwurfe der brasilianischen Geschichte, in Farben
ausgeführt, bestand.

Das erste Bild sollte wahrscheinlich die Entdeckung Brasiliens vorstellen.
Vorn, gleich rechts neben der Thür, stand wenigstens eine einzelne Palme,
und an beiden Seiten daneben befand sich ein Indianerpaar, welches
staunend alle vier Arme emporhob, weil ihnen gegenüber auf dem hellblauen
Meere ein großes Schiff angeschwommen kam, das eine Besatzung von weißen
Riesen, mit Hintansetzung jeder Perspective, an Bord hatte. Eigentlich
sah diese Abtheilung aus wie ein Besuch des Columbus bei Adam und Eva.

Die zweite Abtheilung, welche eine ganze breite Wand einnahm, beschäftigte
sich mit der Unterjochung der Indianer, welche man überall von Leuten, mit
dreieckigen Hüten und Federbüschen auf, verfolgt und auf das Entsetzlichste
umgebracht sah. Säbel fuhren stets bis an's Heft in den getroffenen
Leib und an der entgegengesetzten Seite an einer vollkommen unmöglichen
Stelle wieder heraus, Flintenkugeln sausten wie Hagel, und ein halbes
Dutzend braune Leichen, welche ganz vorn lagen, hätten, wenn nicht die
Wunden schon tödtlich gewesen wären, allein in ihrem eigenen Blute
ertrinken müssen. Glücklicher Weise war aber gerade dieses Bild mit so
vollkommen räthselhafter Zeichnung und Farbenverschwendung ausgeführt,
daß man erst nach einem längern Anschauen herausbekommen konnte, was
eigentlich ein Baum und was ein Mensch sein sollte, es hätte sich sonst
auch nie eine friedliche Familie dicht darunter zu Tisch setzen können.

Das dritte Bild stellte wieder einen Kampf vor, aber dieses Mal unter
Weißen, wahrscheinlich eine Anspielung auf die letzte Revolution. Hierbei
schien es aber blutlos herzugehen. Justus Kernbeutel war Demokrat durch
und durch -- ein Mann in einem großen Barte, wahrscheinlich Garibaldi,
sprengte auf einem keinesfalls schon entdeckten Ungethüm Brasiliens
hinter den flüchtigen Truppen her, unter denen sich ein Mann, wieder
mit einem dreieckigen Hute und einer Krone oben darauf, was vielleicht
den Kaiser darstellen sollte, auszeichnete. Der seiner Regierung
zugethane Brasilianer ahnte wahrscheinlich gar nicht den Sinn dieses
republikanischen Albumblattes.

Die vierte Wand sollte -- über die Folgen der Revolution hinweggehend
-- Brasilien in seinem jetzigen Zustande darstellen. Kaffeebau,
Zuckerrohr, Reis, Mais, Maniok, Alles war auf einem unglaublich kleinen
Raume lebensgroß zusammengedrängt, und vorn saß, inmitten aller dieser
tropischen Erzeugnisse, ganz gemüthlich ein guter deutscher Bauer in
Pelzmütze und Leinwandjacke, die mit besonderm Fleiße gemalte kurze
Pfeife im Munde, aus welchem der Qualm einem arbeitenden pechschwarzen
Neger gerade in's Gesicht stieg.

Gunther unterhielt sich vortrefflich damit, die wunderbare Fresco-Malerei
zu betrachten, bis sein Wirth wieder hereinkam und diesem eine Anzahl
von Sclaven mit dem Abendbrod, auf dem Fuße folgte.

Die Mahlzeit selber, an welcher der Brasilianer mit seiner Frau und zwei
sehr schweigsamen jungen Damen Theil nahm, war äußerst reichlich, aber
auch eben so einfach, und bestand als erster Gang aus einem halben aber
kalten Hammel, der in voller Länge aufgetragen wurde und von welchem
sich die Herrschaft nur die besten Theile herunterschnitt, um das
Übrige jedenfalls der Dienerschaft zu lassen.

Der zweite Gang war das gewöhnliche brasilianische Gericht, gekochtes
Schweinefleisch, etwas sehr fett, mit schwarzen Bohnen und Maniokmehl,
eine außerordentlich nahrhafte und auch wirklich wohlschmeckende Kost,
mit der sich Günther auch schon lange befreundet hatte. Dazu wurde
Wasser getrunken.

So lange die Mahlzeit dauerte, sprach fast Niemand ein Wort, das
ausgenommen, was sich unmittelbar auf das Essen bezog, und erst als die
aufwartenden Mädchen die Schüsseln wieder hinausgetragen und den Kaffee
hereingebracht hatten, zündeten sich die Männer ihre Cigarettos an, und
der bisher so schweigsame Brasilianer schien aufzuthauen. Aber er sprach
auch nur über das, was ihn speciell interessirte: das Land, das in seiner
Nachbarschaft lag, und über das ihm sein Gast allerdings die beste Auskunft
geben konnte; über die Vermessung des Coloniebodens, über günstige
Lagen, welche man etwa ankaufen könne, über neue Ansiedelungen, die
vielleicht nächstens in Angriff genommen würden, und die Nothwendigkeit
guter Verbindungswege für das Fortbestehen und Wachsen der Colonien.

Die Frauen saßen still dabei oder unterhielten sich unter einander
flüsternd, und erst als der Gast Zeichen von Müdigkeit gab, wurde ihm
sein einfaches Lager angewiesen, auf welchem er seinen Kampf mit den
Flöhen für die Nacht beginnen konnte.

Günther war aber nicht der Mann, sich durch solche Kleinigkeiten im
Schlafe stören zu lassen. An alle Arten von Lagern schon seit manchen
Jahren gewöhnt, rollte er sich in seine Decke, schlief augenblicklich
ein und erwachte erst wieder, als er Morgens eine Hand auf seiner
Schulter fühlte.

Noch war es stockdunkel, da aber Günther am Abend vorher den Wunsch
geäußert hatte, eine Stunde vor Tag aufzubrechen, hatte der Brasilianer
seinen Negern Befehl gegeben, zu der Zeit Kaffee für den Gast und ein
gesatteltes Pferd bereit zu halten, was auch pünktlich befolgt war, und
fünfzehn Minuten später saß der Deutsche schon auf und ritt, als eben im
Osten der Tag zu grauen begann, den schmalen Pfad entlang, welcher nach
dem Strande führte.

Schon hörte er, gar nicht weit mehr entfernt, das dumpfe Schlagen und
Donnern der Brandung, die ihre Wogen gegen den Strand schleuderte, und
nach kaum einer Viertelstunde scharfen Rittes in der kühlen prachtvollen
Morgenluft, sah sich Günther unmittelbar am Rande des atlantischen
Meeres, welchem er, nach Norden zu, hier ziemlich anderthalb Legoas
folgen mußte. Noch war aber glücklicher Weise Ebbe, oder die Fluth hatte
doch erst seit ganz kurzer Zeit wieder begonnen zu steigen, so daß er
seine Bahn auf dem sonst vom Meere gepeitschten und dadurch hart und
fest gewordenen Sande halten, und sein Pferd tüchtig austraben lassen
konnte.

Was für ein merkwürdiges Gefühl das ist, so unmittelbar am Rande
der bäumenden Wogen, im ungewissen, dämmernden Lichte des Morgens
hinzureiten, und wie wunderbar das Meer selber aussieht, das mit seinen
weiten, weißen Wogenkämmen sich wie eine lebendige Mauer gegen den
Wanderer heranwälzt!

Dieser ganze Theil der brasilianischen Küste bietet bis Rio Grande
hinunter, mit Ausnahme weniger Flußmündungen, keinen einzigen Platz,
wo ein Schiff geschützt liegen oder ankern könnte. Alles ist seichter
Sandboden, welcher sich viele Hundert Schritte, oft halbe Legoas weit
in das Meer hinausdehnt, und über den Untiefen rollt und bricht die See
und wirft ihre Wogen schäumend und donnernd gegen den nackten Strand.

Und wie das Meer leuchtet und wühlt und glüht und zischt, zurückweicht
und wieder vorspringt und seine züngelnden Arme dem dahinsprengenden
Thier oft bis unter die Hufe wirft!

Aber das Pferd, welches Günther ritt, war am Meeresstrande groß geworden.
Trotzdem, daß es oft schien, als ob die nächste Woge Roß und Reiter
bedecken müsse, trotzdem, daß ihm eine schwerere Woge manchmal die
klare, zischende Fluth bis über die Fesseln jagte, kümmerte es sich
nicht das Geringste darum, schnob wohl einmal und warf den Kopf wie
unwillig auf und nieder, schlug aber gleich darauf den wieder frei
gewordenen Sand nur desto kräftiger mit den ausgreifenden Hufen.

Und jetzt dämmerte der Morgen. Über die See herüber stahl sich das
mattgraue, erste Licht des Tages und gab den aufgeworfenen Sanddünen
zur Linken jene eigene gelbe Färbung, welche aus sich selber heraus zu
leuchten schien. Breiter und breiter wurde der lichte Streifen im
Osten, schon erglühten zur Linken die ferngelegenen und bewaldeten
Gebirgsrücken, die sich in malerischen, kühn geschnittenen Ketten gen
Norden zogen, und plötzlich, ehe die Nacht noch recht geschwunden,
stieg wie glühendes Gold in riesenhaftem Umfang die Sonnenscheibe
aus dem Meer empor und sandte ihre Strahlen über die erwachte Erde.

Und mit der Sonne begann das rege Leben der Thierwelt. Kleine
langschnäblige Strandläufer kamen in ordentlichen Schwärmen von irgend
einem Inlandwasser, an dem sie die Nacht verbracht, um sich ihre Nahrung
in an den Strand gespülten Insecten zu suchen; eine gar wunderliche Art
schnepfenähnlicher Vögel mit langen, zinnoberrothen Schnäbeln spazierte
ebenfalls am Strande herum, als ob sie nur die Morgenpromenade zu ihrem
Vergnügen machten, ärgerten sich über einige leichtsinnige Möven,
welche von See aus zu ihnen herüber kamen, um sich ihrer Gesellschaft
anzuschließen, und trieben sie augenblicklich wieder in die Flucht,
während sie nur mitnahmen, was ihnen von Miniaturmuscheln und Seethieren
gerade in den Weg kam.

Vor Günther am Strande strich ein einzelner großer Geier ein, der
sogenannte »brasilianische Adler«, und schien sich ebenfalls sein
Frühstück auf dem nackten Sande zu suchen. Aber er sah sich nicht
lange und nutzlos nach angespülten Muschelthieren um, sondern ging
gleich frisch an die Arbeit, das was er brauchte, aus dem Boden
herauszugraben.

Mit den scharfen Fängen riß er den feuchten Sand auf und grub sich
tiefer hinein, bis er, etwa vier Zoll unter der Oberfläche, auf eine
dort eingesenkte Muschel traf. Der ansprengende Reiter störte ihn dabei
nur wenig; er drehte den Kopf nach ihm um, hob dann die Muschel mit
dem Schnabel heraus, setzte einen seiner Fänge darauf und riß sie
auseinander, verspeiste den leckern Bissen, und flog dann um den
indessen herangekommenen Reiter dicht herum, wo er sich gleich hinter
dem Pferde wieder niederließ, um sein Frühstück in Ruhe zu beenden.

Wie wunderbar die Natur für ihre Geschöpfe sorgt und eines mit dem
andern erhält; so hier den Geier mit dem Schaalthier, der sonst auf den
weiten Sanddünen und im wilden Walde wohl nicht immer seine nöthige
Nahrung fände! Und hilft ihm dabei der _Instinct_, zu welchem viele
Menschen allein den wirklichen Verstand der Thiere gern herabdrücken
möchten, um für sich selber etwas Apartes zu haben? Gott bewahre! Mit
dem Instinct allein sollte er lange und oft vergebens graben, ehe er
die kleinen, sicher versteckten Thiere tief im Sande fände, aber jede
Muschel, die sich dort, um ihrer eigenen Nahrung nachzugehen, in den
Sand hineingewühlt, braucht zu ihrer Existenz die _Luft_, und um die zu
behalten, führt eine kleine Röhre an die Oberfläche, die zum Verräther
ihres Aufenthalts wird. Der Geier nicht allein, vielleicht noch manche
andere Bewohner der Seeküste wissen an den kleinen Löchern im Sande
augenblicklich, was darunter steckt, und selbst der Mensch sucht in der
Ebbe diese Stellen auf, um sich eine Quantität der wohlschmeckenden und
mit leichter Mühe zu gewinnenden Muscheln zu sammeln.

Günther hatte das Alles freilich schon oft und oft gesehen. Wenn aber
auch selber kein Jäger, interessirte er sich doch für das rege Leben und
Treiben dieser kleinen, geschäftigen Thierwelt um sich her. Und wie viel
todte Penguins lagen am Strande -- man trifft so selten im Walde ein
selber verendetes Thier, und hier, auf dem nackten Sande, lag fast alle
zwei- oder dreihundert Schritt einer dieser wunderlichen Vögel todt und
durch die Fluth auf's Trockene hinaufgeschoben. Waren sie in den Stürmen
umgekommen, die neulich hier gewüthet? Der Penguin taucht aber wie ein
Fisch. Möglich, daß sie der lang anhaltende Südwind zu weit nach Norden
und in ein ihnen nicht mehr behagendes warmes Klima hineingejagt, denn
keiner der Vögel zeigte Spuren, daß er von einem andern Thiere getödtet
worden.

Und über die See zogen düstere Nebelstreifen, deckten den Strand und
verhüllten die kaum erhobene Sonne, als ob es noch einmal Nacht werden
wollte. Und wie das die ganze Scenerie so rasch und wunderbar veränderte:
die niederen Hügel der Sanddünen hoben sich zu hohen, schattenhaften
Gebirgszügen; die bäumenden Wogen zur Rechten wuchsen riesenhaft empor,
als ob sie das ganze Land überfluthen wollten, und dem Reiter schien es,
als ob sich der harte Strand, auf welchem sein Roß dahinflog, vor seinen
Füßen selbst zu einem steil niederführenden Hange abdache, daß er sich
fast unwillkürlich im Sattel zurücklehnte, um ein Rückgewicht gegen die
niedertretenden Hufe des Pferdes zu haben.

Und immer massenhafter lagerten sich die Schwaden über den öden Strand,
immer dichter umgaben sie den Reiter mit ihrer feuchten, kalten Hülle.
Da hob sich vor ihm ein lebendiger Gegenstand. Es waren zwei mächtige,
weiße Schwäne, die vor ihm herstrichen eine lange Zeit, und dann nicht
weit voraus, wie Schatten, wieder mitten zwischen die schäumenden
Brandungswellen einfielen. Jetzt kam die Woge heran und überschlug sich;
aber dicht vor dem zerfließenden Gischt schaukelten die majestätischen
Vögel, und hoben sich erst wieder, als der Reiter sich ihnen nahte, um
weiter nach vorn dasselbe Spiel zu wiederholen.

Weiter sprengte das Pferd, der Stelle auf's Neue nahend, wo sie schwammen
und auf den Wogen schaukelten. Jetzt hoben sie sich noch einmal, aber
kaum so hoch, daß sie die nächste Brandungswelle überfliegen konnten,
und mit den breiten Schwingen strichen sie gerade gen Osten in das
offene Meer und den Nebel hinaus, in dem sie spurlos, wie geisterhafte
Schatten, verschwanden.

Günther hielt unwillkürlich sein Pferd an und sah ihnen nach, so lange
er sie noch mit seinem Blicke verfolgen konnte. Ein eigenes, unheimliches
Gefühl beschlich ihn; es war, als ob ihn selber in diesem Augenblicke,
mit den verschwimmenden Gestalten der Schwäne, ein Verlust betroffen,
als ob das nicht wilde, gleichgültige Thiere wären, welche ihn da flöhen,
sondern liebe, traute Freunde, und er sie nun nie, nie in diesem Leben
wiedersehen solle.

Und hat _Euch_ noch nie im Leben ein solches Gefühl erfaßt? Ist Euch
noch nie plötzlich das Blut zum Herzen zurückgetreten, als ob ein großes
Unglück Euch bedrohe oder befallen habe, ohne daß man sich auch nur
denken konnte, wo, wie und wann? Der Mensch _hat_ solche Augenblicke, wo
eine Geisterhand seine Nerven berührt, und seine Pulse selber stocken
macht. Sie kommen und gehen, und wohl Dem, welchem sie nicht den kalten
Reif zurücklassen auf seines Lebens Blüthen.

Lange, lange schon waren die Schwäne in dem düstern Nebel verschwunden,
und noch immer starrte Günther in den leeren Raum, bis er sich ordentlich
gewaltsam aus seinen Träumen riß. Das Pferd fühlte dabei die Sporen, und
auf den Hinterbeinen herumfahrend, flog es gleich darauf in scharfem
Galopp den Strand entlang.

»Unsinn!« murmelte der Reiter dabei vor sich hin, und schüttelte ärgerlich
mit dem Kopfe; »wie man so tolle Dinge in's Hirn kriegen kann über ein
paar Schwäne -- und was die überhaupt hier im Salzwasser zu thun haben
-- hatte immer geglaubt, die hielten sich nur auf Flüssen und Binnenseen
auf -- ach, ich wollte, die Sonne schiene wieder und scheuchte die
feuchten Schwaden fort, die Einem ordentlich mit Bleischwere auf der
Seele lasten! Der Teufel hole die Gedanken!«

Und zu immer schärferem Ritte spornte er sein Pferd, daß dessen Hufe den
Sand kaum berührten, als es mit ihm die ebene Bahn entlang flog, -- aber
die Gedanken ritten mit und trugen ihn hinüber in die Heimath, trugen
ihn zu Allem, was er daheim verlassen und lieb und theuer im Herzen
wahrte, daß er den Nebel nicht mehr sah und die riesenhaften Umrisse der
Dünen und die brandenden Wogen auf dem grauen Strande. Und wie der Nebel
plötzlich so rasch sich zertheilte, wie er gekommen, als ob ihn das
wogende Meer aufgesogen hätte, die Sonne wieder hell und klar an dem
vollkommen wolkenreinen Himmel stand, und ihre jetzt schon warmen
Strahlen niedersandte, fühlte er selbst das nicht, und das Herz war
ihm so schwer, so schwer und gedrückt, daß er kaum Athem holen konnte.

Und immer noch flog der Rappe die Bahn entlang, von den Sporen des
Reiters unbewußt gestachelt, wenn er nur einen Moment in seiner Flucht
nachlassen wollte, als plötzlich der zwar schmale, aber doch tiefe
Ausfluß einer Lagune den wilden Reiter in ziemlich rauher Weise zur
Besinnung brachte. Günther nämlich, gar nicht auf seinen Weg achtend,
fand sich auf einmal dicht am Rande des Wassers, und im nächsten
Augenblicke auch mitten darin, daß ihm die salzige Fluth über dem Sattel
zusammenschlug, während sein keuchendes Thier wacker dem andern Ufer
entgegenarbeitete. Erschreckt fuhr er ihm in den Zügel, aber es war zu
spät, um jetzt noch die seichteste Stelle zum Durchritt auszusuchen;
schon befand er sich inmitten des schmalen Ausflusses, und wenige
Minuten später sicher am andern Ufer.

Doch was that's? Die Sonne schien warm, und seinem freilich etwas
erhitzten Pferde hatte das frische Bad auch gewiß Nichts geschadet, denn
diese halb wild aufwachsenden Thiere sind ja an derartige Dinge schon
gewöhnt. Er stieg deshalb nur ab, entkleidete sich und rang das meiste
Wasser aus seinem Anzuge sowohl, wie aus den Satteldecken des Pferdes,
stieg dann wieder auf, um das weitere Trocknen der Sonne und der
Seebrise zu überlassen, und trabte jetzt, aber bedeutend langsamer als
vorher, den immer schmaler werdenden Strand entlang, wo er voraus schon,
hinter den Dünen her, den blauen Rauch der nächsten Ansiedelung konnte
aufsteigen sehen.

Es war auch Zeit daß er diese erreichte, denn wenn die Fluth zu voller
Höhe angewachsen ist, deckt sie vollkommen den harten Boden, und zwingt
den Reiter in den weichen, lockern Sand der höher liegenden Dünen hinein,
welcher sein Pferd gar bald ermüdet, daß es die schweren Hufe kaum
weiter ziehen kann.

Etwa eine halbe Stunde später erreichte er wieder ein kleines, aber
vollkommen seichtes Wasser, das sich nur mühsam durch den Sand dem Meere
entgegenarbeitete, und diesem aufwärts folgend die Chagra des andern
Brasilianers, von der aus er, quer durch die Hügel schneidend, die
kleine Colonie Santa Clara bald erreichen konnte.




7.

Die Begegnung


Eine gar eigenthümliche Scenerie bildet das Land, das sich zwischen dem
Meeresstrande und den nächsten bewaldeten Hügeln ausdehnt. Zuerst und
nächst dem unmittelbaren hartgepeitschten Strande liegen flache, durch
einander gewühlte und gewehte Haufen lockern, hellen Sandes. Je weiter
man sich aber vom Meere entfernt, desto höher werden diese, da ihnen
fortwährend mit der scharfen Seebrise neue Deckung zugetragen wird, bis
sie endlich in ihrer dritten Reihe zu wirklichen Hügeln anschwellen, und
hier und da einen kleinen, mit hartgrünem Laube bedeckten Busch auf
ihrer Kuppe tragen. Dazwischen zeigt sich dann und wann eine kleine,
dürftige Lagune mit einem Versuche zu Grasboden rings umher.

Hinter _diesen_ Hügeln beginnt, freilich immer noch dürftig, die
Vegetation, denn der Sand ist ein schlechter Dünger, und nur einzelne
angewehte Pflanzenfasern schufen mit der Zeit eine Art von Humus, dessen
Schößlinge sich noch schüchtern und verkümmert über die nackten Hänge
ziehen. -- Hier erscheinen die ersten Büsche, die an dem Westhange der
Hügel schon entschiedener auftreten und anfangen _Schatten_ zu geben.

Noch weiter hin liegt eine lange Reihe zwar niedriger, aber besonders am
Westhange dicht bestandener Hügel, deren Boden zwar noch ausschließlich,
wenigstens an der Oberfläche, aus weißem Sande besteht, doch schon an
ein tragfähiges, mit der üppigsten Vegetation bedecktes Thal anstößt, in
dem ein schmaler Bach lustig dahinfließt, und von da an verändert sich
auch der Boden und mischt sich mit einem röthlich gelben Lehm von oft
bedeutender Fruchtbarkeit. Wirkliches Gestein, Porphyr und Granit, tritt
aber erst in der nächsten Hügelreihe auf, wo oben der erste Gebirgszug
beginnt, und es unterliegt kaum einem Zweifel, daß vor Tausenden von
Jahren dort die See brandete und erst nach und nach, mehr und mehr Sand
herauswerfend, für sich selber einen breiten Damm aufbaute, der ihre
Gränzen jetzt lange Strecken weit zurückverlegt.

Erst dort, wo der Lehmboden beginnt, lassen sich natürlich die Colonisten
nieder, denn erst auf solchem Boden können sie hoffen, ihrer Arbeit
einen Lohn abzuringen. Der reine Sand giebt nur jenen kleinen, trockenen
Büschen und sonderbarer Weise auch einer niedern, wilden Dattelpalme
(die #Putia#-Palme) Nahrung, die kaum mehr als acht oder zehn Fuß hoch
wird, ja oft so niedrig ist, daß man die nicht unangenehm schmeckenden
Früchte mit der Hand erreichen kann.

Doch die dürre, sandige Wüste lag jetzt hinter dem Reiter. Schon
berührten die Hufe seines Thieres wieder den festen Grasboden; ein
kleines Dickicht von lorbeerartigen Bäumen und Palmen lag noch zwischen
ihm und der Ansiedelung, und jetzt lichtete sich dieses; ein freier
Weidegrund wurde sichtbar, auf dem sich etwa ein Dutzend tüchtiger
Pferde umhertummelten, und gleich darauf konnte er von der kleinen
Erhöhung, die er hier erreicht, die kaum noch dreihundert Schritt
entfernten Gebäude der Chagra liegen sehen.

Hier schon standen einzelne fruchttragende Orangenbäume, die
wahrscheinlich früher einmal eine jetzt abgebrochene Hütte beschattet
hatten. Als er hinanritt, um sich ein paar davon nach dem scharfen
Ritt zu pflücken, bemerkte er eine menschliche Gestalt, die unter einem
der Bäume saß und sich mit dem Rücken an den Stamm desselben lehnte.
Günther würde nicht weiter auf den Mann geachtet haben, denn daß sich
die Brasilianer Morgens unter einen Baum legen und solcher Art ihre
Tagesarbeit beginnen, ist gerade nichts Seltenes; er hielt aber ein bei
den Brasilianern sehr außergewöhnliches Instrument, eine Violine, in der
Hand, und mußte schon deshalb ein Landsmann sein, obgleich Günther nicht
gleich herausbekommen konnte, zu welcher Classe derselben er gehören
mochte -- wenigstens war er nicht wie ein Bauer gekleidet und hätte als
solcher hier auch wahrlich nicht den schönen Morgen müßig verträumt.

Als Günther sein Pferd aber unter den Baum lenkte, unter welchem der
Träumer lag, hob dieser den Kopf empor und sah den Fremden lange und
starr an.

Es war ein edles, von einem leicht gekräusten schwarzen Barte
beschattetes Gesicht, aus dem Günther ein Paar große dunkle Augen
wie fragend entgegen leuchteten, und fast unheimlich traf ihn der
schwermüthige Schein derselben. Das Gesicht, so weit es der volle Bart
erkennen ließ, hatte auch kaum einen deutschen Schnitt; trotzdem grüßte
Günther in seiner Muttersprache und sagte freundlich: »Guten Morgen,
Landsmann! Ich hoffe, ich habe nicht gestört; wollte mir nur ein paar
Orangen pflücken, da ich heute schon eine gute Zeit im Sattel bin.«

Der Fremde wandte noch immer kein Auge von ihm und sein Blick haftete
stier und ernst auf Günther's Zügen. Eben so wenig erwiederte er den
Gruß, und als Günther schon glaubte, er habe sich in der Abstammung des
wunderlichen Menschen doch geirrt, und statt des geglaubten Deutschen
irgend einen Portugiesen oder Brasilianer vor sich, sagte der Fremde
mit leiser, aber deutlicher Stimme. »Günther von Schwartzau! -- Wie das
Schicksal doch die Menschen wunderlich umherwirft, auseinander reißt und
wieder zusammenführt -- Günther von Schwartzau! Ich hätte nie geglaubt,
daß ich Dir je in _Brasilien_ begegnen würde!«

Günther schaute den Fremden in sprachlosem Erstaunen an, denn nicht
allein kannte er seinen Namen, sondern redete ihn auch mit _Du_ an, und
trotzdem waren ihm _seine_ Züge vollkommen fremd -- oder deckte nur der
Bart vielleicht das Gesicht eines Freundes? Dem Fremden aber konnte das
Erstaunen Günther's nicht entgehen, und tief aufseufzend fuhr er mit
wehmüthigem Lächeln fort:

»Ja, Du hast Recht -- ich bin nicht allein alt, ich bin Dir auch fremd
geworden; meine Züge hat die Zeit gefurcht, und der sonst jugendlich
frische Felix ist wenigstens innerlich zum Greise zusammengetrocknet.
-- Felix -- überhaupt ein ominöser Name für einen Erdenbewohner, und
Eltern sollten es sich vorher wohl überlegen, ehe sie einen Knaben
#felix# nennten.«

»Felix?« rief Günther überrascht vom Pferde springend und zu dem
Sprecher tretend -- »Felix? Beim ewigen Gott, Felix von Rottack
-- Mensch -- Bruder -- wie kommst Du hieher und was treibst Du hier?«
Und mit den Worten hatte er den Freund gefaßt, umschlungen und geküßt
und warf sich neben ihn in's Gras, seine Hand haltend und in das jetzt
freundlich auf ihm haftende Auge schauend.

»Viele Fragen auf einmal, Freund,« sagte dieser, traurig den Kopf
schüttelnd, »und ich weiß kaum, ob ich eine einzige zur Genüge
beantworten kann. _Wie_ ich hieher komme, ist außerdem eine lange
Geschichte und möchte Dich ermüden, wenn Du sie von Anfang an hören
solltest -- seit wie viel Jahren bist Du von Deutschland fort?«

»Seit sechsen fast, und mit dem Entschlusse, in kurzer Zeit dahin
zurückzukehren.«

»Seit sechs Jahren -- ja, sie fliegen, und doch zählen wir oft die
_Stunden_ -- thörichte Menschenkinder die wir sind! Seit sechs Jahren
-- das ist freilich eine lange Zeit, und was sich indessen mit _mir_
begeben, hast Du nie gehört? -- doch um eine lange Sache kurz zu machen,
so bist Du vielleicht einmal zufällig in den Zeitungen einem Artikel
begegnet, nach dem eine sehr hochstehende Person von einem -- Wahnsinnigen
angefallen und mißhandelt worden -- errinnerst Du Dich nicht?«

»Doch -- dunkel,« sagte Günther, »aber wenn ich nicht irre, waren keine
Namen genannt.«

»Natürlich,« lachte Felix bitter vor sich hin, »wenn ich ein Handwerker
und mein sehr ehrenwerther und hochstehender Onkel ein Gewürzkrämer oder
etwas Derartiges gewesen wäre, hättest Du Dich darauf verlassen können,
die vollen Namen in den Blättern zu lesen, aber in der #haute volée# mußte
man einen Skandal vermeiden; die Demokraten hatten außerdem Ärgerniß genug
durch eine Reihe von Aufzählungen skandalöser Geschichten aus diesen
bevorzugten Kreisen gegeben. -- Genug, der Schuft, mein sehr hochstehender
Herr Onkel, verweigerte mir die von ihm geforderte Satisfaction, und als
ich ihm bald darauf einmal auf der Straße begegnete -- doch das sind alte,
lang überlebte Geschichten. Natürlich _mußte_ ich wahnsinnig sein, um
Hand an einen solchen Ehrenmann zu legen, und -- Tod und Teufel -- sie
glaubten, daß eine Cur in einer Privat-Irrenanstalt von den segenreichsten
Folgen für mich sein würde.«

»Sie wagten doch nicht?« rief Günther erschreckt.

»Was?« sagte der Fremde ruhig, »mich einzusperren? -- Dabei war nicht
viel zu wagen. Der Fürst selber gab den Befehl, denn mein guter Onkel
hatte ja in _seinem_ Namen gehandelt, um -- eine Scheußlichkeit für
_ihn_ auszuführen. Ich wurde allerdings in Sicherheit gebracht, aber
Geld, lieber Freund, regiert die Welt. Ich wiederholte einfach ein
altes, schon oft versuchtes und gelungenes Spiel, nahm meinen Wärter mit
und wanderte aus.«

»Verbannt aus der Heimath?« rief Günther traurig.

»Nicht so ganz,« sagte der Fremde ruhig »der alte Schuft, mein Onkel,
starb bald darauf; meine Familie verwandte sich natürlich für mich, und
ich wurde aufgefordert nach Hause zurückzukehren -- aber weshalb? -- Dem
widerlichen Treiben dort von Neuem zuzuschauen? Von Neuem eine Faust
in der Tasche zu ballen und ewig und ewig Zeuge zu sein, wie elendes
Geschmeiß, das kein Verdienst weiter hat, als seinen Rücken zur rechten
Zeit krümmen zu können, über den Nacken des Volkes schreitet und den
Ehrenmann zu Boden tritt? -- Nein, geh' mir mit Deutschland -- glaubst
Du, daß ich je wieder Freude an den Miniaturkämpfen unserer Kammern
haben, je wieder mit ruhigem Gewissen um des Kaisers Bart streiten
könnte, während der faule Kaiser selber unten in seinem Berge liegt
und träumt? Ich komme mir vor wie ein Thier der Wildniß, das im Käfig
aufgezogen wurde und keine Ahnung, keine Erinnerung von der Freiheit
hatte, zu der es geboren wurde, bis es der Zufall einst hinaus in die
Steppe wirft. Glaubst Du, daß es zurückkehren wird, weil es zu faul ist
sich sein Futter selbst zu suchen? -- Nein, beim ewigen Gott! Wenn ich
je nach Deutschland zurückkehren sollte, müßte ich auch wissen für was,
aber mich _allein_ wieder dort in der Öde der Gesellschaft herumtreiben
-- nie!«

»Und was treibst Du _hier_?«

»Was ich treibe? -- weiß ich's doch selber nicht. Will ich aufrichtig
sein, so habe ich hier einfach vegetirt und ein Leben geführt, wie es
bei uns daheim nur eben Vagabunden oder -- Künstler führen. Aber ich
will mich bessern -- ich habe hier schon den Anfang gemacht -- und werde
jetzt sehn, ob Graf Felix von Rottack nicht im Stande ist, sein Brod als
Bauer eben so gut zu verdienen, wie einer der Bauernlümmel, die daheim
zwischen Mistgabeln und Dreschflegeln groß geworden!«

Günther schüttelte mit dem Kopfe. --

»Und Du bist hier -- bei dem Brasilianer eingetreten?« fragte er
endlich.

»Eingetreten?« lächelte Graf Felix; »suche nicht nach einer Umschreibung
für mich, alter Freund; ich _diene_ hier, ist das richtige und passende
Wort, und zwar seit einem vollen Monat, für den ich mich Anfangs
verpflichtet hatte. Heute nun haben die Katholiken einen Feiertag, und
-- will ich recht aufrichtig sein -- so hatte ich heute Morgen meine
Scrupel, ob ich meinen zweiten Monat antreten sollte oder nicht; denn
als ich herauskam, um wieder einmal eine halbe Stunde mit meinem alten,
treuen Instrumente hier zu plaudern, fand ich, daß mir die Finger steif
und ungelenkig geworden waren und es nicht mehr ging -- aber was thut's.
Es ist der Fluch des Arbeiters, daß er keine einzige Freude haben soll
als die, die er sich mit sauerm Schweiße verdient. Mag es darum sein
-- _so_ brech' ich mit der Vergangenheit, und die Zukunft -- hol' sie
der Böse, sie mag bringen was sie freut -- ich fürchte sie nicht!«

Und mit den Worten, ehe Günther eine Ahnung hatte was er beabsichtigte,
nahm er das gute Instrument und schlug es höhnisch lachend gegen
den Stamm des Orangenbaumes, daß es mit einem dumpfen Wehelaut der
zusammenlaufenden Saiten in Splitter flog.

»Felix,« rief Günther erschreckt -- »was hast Du gethan?«

»Die letzte Brücke hinter mir abgebrochen, die mich zum Träumer machte,«
sagte der junge Graf finster -- »ich will wieder ein Mensch werden!«

»Und was hat das arme Instrument gethan?«

»Es hat mich verrückt gemacht!« rief der junge Mann in düsterm Brüten.
-- »Günther Günther,« fuhr er plötzlich auf und ergriff des Freundes
Arm -- »weißt Du wohl daß es eine Classe von Menschen giebt, die an
der Gränze des Wahnsinns, inmitten unserer geregelten bürgerlichen
Verhältnisse, unbelästigt durch dieses Leben gehen, weil der Dämon,
der in ihnen lauert, noch nie Gelegenheit bekam auszubrechen? Die Welt
verkehrt mit ihnen und ahnt nicht, wie der geringste Zufall wie ein
Funke den Brennstoff zünden könnte, der in der Brust noch eingeschlossen
ruht -- Arm in Arm gehen sie mit ihnen, und geht Alles gut -- sterben
sie im regelmäßigen Lauf der Zeit in ihrem Bette, so sagen die Bekannten
vielleicht: Schade um den Menschen, er war eine gute Haut, nur ein Bißchen
excentrisch manchmal, ein wenig launisch und wunderlich. -- Fällt aber
der Funke an den rechten Platz, dann....«

Felix war aufgesprungen und hatte Günther's Arm dabei so fest gehalten,
daß er diesen schmerzte, und sein Auge stierte wild in das seine.
Günther begegnete dem Blicke freundlich, aber ruhig, und sagte endlich:
»Und weshalb quälst Du Dich mit solchen Träumen?«

Felix sah ihn noch einen Augenblick stier an; dann drehte er den Kopf
ab, ließ Günther's Arm los und strich sich mit der Hand das wirre Haar
aus der Stirn.

»Du hast Recht,« sagte er -- »Träume sind es, weiter Nichts; aber sie
quälen mich manchmal, wie uns die furchtbarste Wirklichkeit nicht ärger
quälen könnte. O, daß ich ein Mittel wüßte sie zu bannen!«

»Schließe Dich nicht in Dich selber ab,« bat Günther freundlich, »mische
Dich unter die Menschen, die doch nicht so schlecht sind, wie Du zu
glauben scheinst -- und all' diese trüben Gedanken werden von selbst
schwinden.«

»Nicht so schlecht, wie ich zu glauben scheine?« lachte statt aller
Antwort Felix bitter vor sich hin -- »mein lieber Freund, Du bist wie
ein Mann, der mit einer Fackel in den Wald geht und überall, wohin er
sich dreht, nur die _Lichtseite_ der Bäume sieht. _Die_ drehen sie Dir
zu, alles Andere ist dunkel und Nacht.«

»Ich schlage Dich mit Deinem eigenen Beispiel,« lächelte Günther. »Alle
Menschen sind von Herzen wirklich gut, nur, Gott sei Dank, sehr selten
findest Du eine Ausnahme, die wirklich absichtlich Freude am Bösen hat
-- leuchte sie nur mit Deiner Fackel ordentlich an, rund herum, wenn Du
willst, und sie werden Dir überall die lichte Seite zeigen. Mag auch
Haß und Unfriede zwischen Einzelnen bestehen, nicht gegen Alle zeigen
sie sich so, und gerade Diejenigen oft, welche _Dir_ falsch und treulos
scheinen, sind die besten Familienväter oder Mütter, und sorgen für die
Ihrigen mit Aufopferung ihrer letzten Kräfte.«

»Bah, so viel für Deine Lobpreisungen des Menschengeschlechts,« sagte
Felix finster -- »sie sind falsch und treulos, glaube mir, und wo Du
ihnen wirklich ein Herz entgegenbringst, triffst Du nur auf Spott und
kalten Hohn!«

»Und wo hast Du alle diese bitteren Erfahrungen gemacht, armer Freund?«
fragte Günther herzlich.

»Wo nicht?« lautete die düstere Antwort -- »jetzt erst wieder in Santa
Clara, wo ich endlich glaubte mein Ideal gefunden zu haben, wo ich -- aber
Du lachst mich aus, wollte ich Dir alle den Unsinn erzählen, den ich
getrieben, und bei Gott, ich verdiente es auch nicht besser. -- Ein
Mädchen lebt dort -- schön wie ein Engel -- mit Allem ausgestattet, was
die Natur nur verschwenderisch über eines ihrer Lieblingskinder schütten
kann, mit einer Seele für Musik, eine kecke, ja, wilde Reiterin, ein
Wesen, wie ich es kaum versuchen könnte Dir zu schildern!«

»Die junge Comtesse Baulen?« sagte Günther fragend.

»Comtesse?« -- wiederholte verächtlich der junge Mann -- »eine Betrügerin,
die unter falschem Namen ihr Netz nach einem jungen Laffen, der den
Baronstitel trägt, ausgeworfen und den Gimpel darin gefangen hat.«

»Also Eifersucht,« sagte Günther lächelnd, »und weil Dich ein Mädchen
getäuscht, darum zürnst Du der ganzen Welt?«

»Weil _sie_ eben die ganze Welt für mich war und ich jetzt wieder -- aber
zum Teufel mit den Gedanken, die mir wieder und wieder das Herz vergiften!
Ich _will_ nicht mehr an sie denken!«

»Und die Frau Gräfin Baulen wäre also wirklich gar keine Gräfin?« fragte
Günther, der sich für diese Neuigkeit besonders interessirte, da gerade
_sie_ die Beschwerdeschrift gegen Sarno zuerst unterzeichnet hatte
-- »weißt Du das gewiß und könntest Du Beweise dafür bringen?«

»Gewiß?« lachte Felix höhnisch -- »sie war die Kammerjungfer meiner
Mutter, der Gräfin Rottack, Mademoiselle Baulen -- ihren Namen hat sie
wenigstens nicht geändert, und ich erinnere mich noch recht gut der
Zeit, wo sie ihren Dienst quittiren mußte, weil meine Mutter erfuhr,
daß sie einen Sohn hatte -- von einer Tochter wußten wir nie ein Wort.«

»Und wie viele Jahre können das etwa sein?«

»Wie viele Jahre? -- Ich weiß es nicht -- die Zeit ist wie ein Rad über
mich hingegangen und hat mir das Gedächtniß zermalmt, daß ich kaum noch
denken kann.«

»Und ist Dir diese Frau Gräfin einmal begegnet?«

»Ja, aber ohne daß sie _mich_ gesehen; ich sah nur _sie_, und bis jetzt
hat sie noch keine Ahnung, daß ein Mensch in Brasilien ihr Geheimniß
kennt.«

»Und daß die Mutter ein falsches Spiel gespielt, hat, wie es scheint,
auch die Neigung zur Tochter in Dir ertödtet? -- Siehst Du, daß Du doch
selber auch noch an den alten Vorurtheilen hängst!«

»Vorurtheilen?« rief Felix rasch; »glaubst Du, daß ich _das_ Mädchen
weniger liebte, und wenn sie die Tochter eines Tagelöhners wäre? -- O,
mit welcher Seligkeit wollte ich für sie schaffen und arbeiten, im
Schweiße meines Angesichts mein Brod verdienen und glücklich sein, wenn
mich ein Lächeln ihrer lieben Augen lohnte. -- Aber die Betrügerin, die
mit der Mutter gemeinschaftlich einen Rang gestohlen, den Beide jetzt
nicht die Mittel haben zu behaupten, nur um nicht ehrlich zu arbeiten
-- nein, Günther, _so_ toll ist meine Liebe nicht, oder war sie nicht,
wenn ich sonst auch nicht in Allem für mich einstehen möchte. Aber Du
ahnst gar nicht, mit welcher Leidenschaft ich das Mädchen geliebt, wie
ich mein Leben mit Wonne hätte wegschleudern können, nur um ein Lächeln
aus diesen seelenvollen Augen zu gewinnen! Selbst das Gerücht, welches
mir zu Ohren kam, sie wolle sich dem faden Burschen verbinden, der in
ihr Haus gezogen, konnte mich nicht beirren -- ich glaubte es eben nicht,
denn eine Helene _konnte_ den nicht lieben! Wie ein böser Zauber zog es
mich dabei immer zu ihrem Hause zurück, und halbe Nächte lang habe ich
gelegen, ihr Fenster beobachtet, bis das Licht erlosch, und dann
geträumt -- geträumt...«

»Da -- eines Tages begegnete ich zufällig auf der Straße ihr und ihrer
Mutter -- Helene erkannte mich -- ich sah es an ihrem leichten Erröthen;
wenn sie auch noch nie ein Wort zu mir gesagt, meine alte Violine da
-- armes Ding, wie sie jetzt aussieht! -- hatte oft zu ihr gesprochen,
wie ich die Antwort verstanden, die mir zurück durch ihre Lieder kam
-- aber ich sah sie kaum -- mein Auge hing an der aufgeputzten Närrin,
die an ihrer Seite ganz im aufgeblasenen Gefühl ihrer Würde schritt und
den armen Colonisten, für den sie mich hielt, keines Blicks würdigte.«

»Aber war denn das auch gewiß ihre Mutter? -- Kann sie nicht eben so gut
mit einer Fremden gegangen sein?«

»Das glaubte ich auch und fragte Leute auf der Straße, die sie kannten:
das ist die Gräfin Baulen mit ihrer Tochter, die bald den Herrn von
Pulteleben heirathen wird -- so lautete die Antwort, die ich erhielt,
und als ich ihr Haus von da an wie ihr eigenes böses Gewissen umschlich,
sah ich sie wieder und wieder am Fenster und in ihrem Garten. Nein,
Freund, der Sache bin ich gewiß, und -- laß sie jetzt todt und begraben
sein -- ich _will_ nicht weiter an sie denken!«

Günther schüttelte mit dem Kopfe. -- »Und daß sich irgend ein dünkelhaftes
Frauenzimmer, von Stolz und Hochmuth oder aus sonst einem Beweggrunde
getrieben, einen höheren Rang anmaßt, als ihr gebührt -- was außerdem
Tausende von _Männern_ jeden Tag ungestraft thun --, dadurch läßt Du
Dich aus Deinem Leben reißen? Dem magst Du nicht begegnen und flüchtest
vor Dir selbst in eine Stellung, die _Dir_ eben so wenig gebührt, als
_ihr_ der Grafentitel? -- Felix, Felix, Du warst im Begriff in den
nämlichen Fehler zu fallen, den sie begangen hat, denn ich kann mir
kaum denken, daß Du unter Deinem eigenen Namen Knecht bei einem Bauer
geworden.«

»Du wirst mir doch nicht einreden wollen,« rief Felix, aber doch leicht
erröthend, »daß es nicht etwas ganz Anderes ist, wenn _ich_
incognito...«

»Bah,« unterbrach ihn Günther, »treibe keine Sophisterei! Große Herren
reisen incognito, um lästigen Empfangsfeierlichkeiten zu entgehen; wenn
_Du_ Dich aber Deines Namens unter solchen Verhältnissen begiebst, so
geschieht es, weil Du Dich Deiner neuen Thätigkeit _schämst_, und deshalb
allein nicht gekannt sein willst!«

»Günther!«

»Sei mir nicht böse, daß ich das Kind beim rechten Namen rufe; Du weißt
ja doch, daß ich es ehrlich mit Dir meine, und der Arzt muß mit der
schmerzenden Sonde in die Wunde fahren, wenn er im Stande sein soll sie
zu heilen. -- Hast Du nie nach Hause geschrieben?«

»Ich? -- ja,« sagte der junge Mann zögernd; »ich -- muß gestehen, daß
ich schwach genug war, mich nicht von allen Banden losreißen zu können,
die mich noch daheim fesseln -- an meine Schwester.«

»Merkwürdiger Mensch,« sagte Günther seufzend, »er schämt sich alles
Dessen, was gut und edel in ihm ist!«

»Und machst _Du_ mir einen Vorwurf daraus, daß ich mir ehrlich, mit
meiner Hände Arbeit mein Brod verdienen will?«

»Ich? Bei Gott nicht! Aber Du sollst Dir dafür eine Sphäre suchen, die
Deiner mehr würdig ist. Selbst der Handwerker setzt einen Stolz darein,
nicht als Tagelöhner zu dienen, weil er etwas Besseres versteht. Willst
Du Dich weniger als er dünken?«

»Und was anders _könnte_ ich ergreifen?« sagte der junge Graf finster;
»denn ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich, sobald ich meine
Sphäre verließ, zu der Überzeugung kam, daß ich weit weniger wisse als
ein Handwerker. Den Platz aber, welchen ich hier einnehme, fülle ich
aus, und mit dem festen Willen führ' ich's durch.«

»Und bist Du _gezwungen_ solche Arbeit zu thun? -- Fehlt es Dir hier an
Geld? -- Ich kann mit Leichtigkeit...«

»Bah,« lachte der junge Mann verächtlich, »ich habe Geld genug bei mir,
um drei solcher Bauern auszukaufen, wie der ist, bei dem ich jetzt um
Monatslohn arbeite. Nein, was mich hieher trieb, war der Ekel an dem
ganzen geselligen Treiben der Menschen, und vielleicht auch das Bewußtsein,
daß ich selber eigentlich zu Nichts nütze sei auf der Welt. -- Ich
wollte versuchen, ob ich nicht im Stande sei mich selber am Leben zu
erhalten und -- selbst _wenn_ ich einmal nach Deutschland zurückkehren
sollte, doch wenigstens das Gefühl mitzunehmen, _daß_ ich im Stande war
mich zu erhalten. Kannst Du mich deshalb tadeln?«

»Ich wahrhaftig nicht,« sagte Günther; »aber so weit wirst Du doch der
Vernunft Gehör geben, daß Du Dich nicht gerade darauf capricirst
Tagelöhner zu bleiben, wenn Du in einer andern, Dir mehr zusagenden
Laufbahn das nämliche Ziel mit den nämlichen Mitteln erreichen kannst?«

»Und welche wären das?«

»Höre mir zu, und in wenigen Worten mache ich Dir unsere beiderseitige
Stellung klar. Nach dem schleswig-holsteinischen Kriege wie viele meiner
Kameraden aus meiner Stellung geworfen, außerdem durch den Bankerott des
Hauses, in dem ich mein ganzes Vermögen liegen hatte, um Alles gebracht
was ich mein nannte, verließ ich Deutschland -- aber nicht mehr als
freier Mann -- ich liebte. -- Daheim lebt mir ein Wesen, dem mein Herz
gehört und das treu zu mir gehalten hat die lange, lange Zeit, während
ich hier für uns Beide arbeitete, unsere Zukunft zu sichern. _Jetzt_
habe ich mein Ziel erreicht -- vierzehn Tage höchstens noch, und meine
Arbeit ist hier vollendet; dann kehre ich nach Deutschland zurück, zu
meiner Braut, um das an ihrer Seite zu genießen, was ich mir hier, Gott
weiß es, mit Mühe, Arbeit und Entbehrungen genug zusammengespart und was
unser Beider Zukunft mit bescheidenen Ansprüchen sichert. Das Geschäft
eines Landvermessers ist aber in Brasilien ein lohnendes, wenn man es
eben ordentlich und geschickt angreift. Du hast, wie ich recht gut weiß,
alle die nöthigen Vorkenntnisse dazu, und willigst Du ein, so lehre ich
Dich in den wenigen Wochen auch den praktischen Betrieb so weit, daß Du
recht gut in meine Stelle treten kannst. Dieselbe Dir zu verschaffen,
laß meine Sorge sein, und Du hast dabei nicht etwa eine todte Anstellung,
die ihren Mann nährt, sondern mußt Dir, was Du bekommst, Vara bei Vara
durch schwere Arbeit verdienen. Nur die Plätze bekommst Du von der
Regierung angewiesen, wo Du vermessen sollst, in jeder andern Weise
bist Du Dein eigener Herr -- willigst Du ein?«

»Laß mir Zeit zur Überlegung, Günther,« sagte Felix überrascht, »Dein
Antrag kommt so plötzlich -- so unerwartet...«

»Hast Du hier noch Verbindlichkeiten?«

»Keine -- gestern war mein Monat abgelaufen, und wie ich Dir schon
vorher gesagt, überlegte ich mir eben, ob ich den neuen an dieser Stelle
antreten solle oder nicht.«

»Und Du gehst mit?«

»Du bist ein wunderlicher Dränger, Freund,« lächelte Felix, »daß Du Dich
so eifrig bemühst, Dir eine vielleicht fatale Last aufzubürden.«

»Wenn ich Dir aber nun versichere, daß ich vielleicht weit mehr Egoist
als irgend etwas Anderes bin, und Dir möglicher Weise den Vorschlag nur
gemacht habe, um mir selber aus einer Verlegenheit zu helfen?«

»So würde ich Dir nicht glauben.«

»Und doch ist dem so. Eigentlich bin ich der Regierung gegenüber noch
einige Verbindlichkeiten eingegangen, die Vermessungen in einer andern
Colonie zu beenden, und wenn ich mich auch davon losmachen könnte, würde
das doch immer mit Schwierigkeiten verbunden sein. Alles regulirt sich
aber mit der größten Leichtigkeit, wenn ich Dich als meinen Stellvertreter
zurücklassen kann, und während Du selber in eine vortheilhafte
Beschäftigung eintrittst, ist uns zu gleicher Zeit Beiden geholfen.
-- Komm mit!«

»Und hast Du die feste Überzeugung, Günther, daß ich im Stande bin, die
Stellung mit Ehren auszufüllen?«

»Ja -- ich würde Dir sonst nicht dazu rathen.«

»Topp dann,« rief Felix und schlug in die ihm dargebotene Hand des
Freundes -- »ich bin der Deine!«

»Und wann kannst Du fertig sein, mich zu begleiten?« fragte Günther.

»Mein Bündel ist in zwei Minuten geschnürt,« lächelte der junge Mann,
»und wenn ich von meinem bisherigen »Brodherrn« Abschied genommen habe,
bin ich fertig.«

»Desto besser; und nun zum Hause, daß wir das rasch besorgen, denn ich
möchte so bald als möglich in Santa Clara sein.«

»In Santa Clara?« rief Felix und sah rasch zu ihm auf; »willst Du
_dorthin_ zurück?«

»Fürchtest Du Dich vor dem Platz?« lachte Günther; »die Frau Gräfin hat
Dir doch am Ende imponirt.«

»Du hast Recht,« sagte Felix finster -- »wen hätte ich zu scheuen? Also
vorwärts zu einem neuen Leben -- was es auch bringen mag, es soll mich
vorbereitet finden!« -- Und seinen Hut vom Boden greifend und das lockige
Haar aus der Stirn werfend, schritt er dem Freunde voran dem Wohngebäude
zu, wo dasjenige, was sie zu thun hatten, allerdings rasch abgemacht war.
Nur darauf, daß sie noch bei ihm frühstücken sollten, bestand der
Brasilianer, und auf zwei frischen Pferden -- da Günther das an der
Mündung des Santa Clara geborgte von hier aus wieder zurückschickte
-- trabten sie bald darauf der Colonie zu.

Der Weg war ziemlich rauh, da sie einen der kleinen Höhenzüge zu passiren
hatten, und der Reitpfad steil den Hang hinanlief. Wo sich aber ein
kleines Thal oder eine Ebene bildete, lagen auch überall freundliche
Wohnungen mit blühenden Orangenhecken und breitblätterigen Bananen, von
Palmenwipfeln malerisch überragt, und mitten dazwischen, im Schatten der
Fruchtbäume und Palmen, kleine, freundliche, weißangestrichene Häuser
mit rothen Ziegeldächern und blanken Fenstern, durch die Sauberkeit
der ganzen Umgebung, den kleinen Garten, die Reben am Hause und die
schattige Laube deutlich die Wohnung _deutscher_ Colonisten verkündend.

Jetzt näherten sie sich der Colonie. Im Wege, der hier oben auf dem
Hügelrücken hin von anderen Colonien herüberführte, überholten sie
deutsche Fuhrwerke, die sich, von kräftigen Pferden gezogen, mühsam auf
der noch immer nicht ganz abgetrockneten Straße durcharbeiteten; auch
ein paar Maulthiere mit einem Sacke querüber und einem unverkennbar
deutschen Jungen oben drauf.

Hier am Wege trafen sie aber auch die Schneußen, die Günther bei seiner
Vermessung durch den Wald gehauen, und einer von diesen folgten sie jetzt,
indem sie dadurch nicht allein dem etwas zerfahrenen Wege auswichen,
sondern auch ein tüchtiges Stück nach der Colonie zu abschnitten.

In der Schneuße selber mußten sie allerdings hinter einander reiten;
bald aber erreichten sie wieder einen betretenen Weg, und hier hielt
Felix sein Pferd an und schaute zurück.

»Alle Wetter,« sagte er, »ich glaube wahrhaftig wir haben uns verirrt,
denn das hier kann doch nicht der Weg zur Colonie sein!«

»Ein Landmesser und verirren,« lachte Günther, »das wäre nicht übel!
-- Kennst Du den Platz hier nicht? -- Gleich dort drüben liegt die Chagra
jenes wunderlichen Menschen, jenes Meier, der sich wie ein Einsiedler in
seinem Hause vergraben hat, und das wahre Muster eines Maulwurfs sein
muß.«

»Ach richtig, jetzt erinnere ich mich wo wir sind -- aber warst Du nie
bei ihm?«

»Bei Meier? -- ich nie, obgleich ich sein Land sogar vermessen habe;
aber er ist nicht ein einziges Mal herausgekommen, um sich die Gränzen
anzusehen, und ich selber hatte weder Zeit noch Lust dazu, mich ihm
aufzudrängen...«

Günther schwieg und sah die Straße hinauf, die nach dem erwähnten Hause
führte; auch Felix wandte den Kopf dorthin, ja selbst die Thiere spitzten
die Ohren und schauten nach jener Richtung, denn wildklappernde Hufschläge
wurden laut, und im nächsten Moment flog ein reiterloses Pferd, von einem
andern, auf dem sich der bügellose Reiter noch krampfhaft festhielt,
dicht gefolgt, wie ein Sturmwind an ihnen vorüber, daß sie kaum Zeit
behielten, auszuweichen.

»Ein paar durchgegangene Pferde,« rief Günther, der Mühe hatte, das
eigene Thier vom Folgen abzuhalten -- »ruhig, Alter, mußt Du denn auch
alle Dummheiten mitmachen?«

»Das war der junge Baulen,« sagte Felix, ohne auf den Freund weiter
zu achten -- »und da kommt noch ein Thier -- bei Gott, und mit seiner
Reiterin!« Und noch während er sprach, sprang er aus dem Sattel, sein
Pferd vollkommen rücksichtslos sich selber überlassend.

Er hatte Recht; mit vorgestrecktem Kopf und schnaubenden Nüstern folgte
der Schimmel den vorangeeilten Kameraden, und mit flatternden Haaren,
das Antlitz marmorbleich, aber keine Spur von Furcht verrathend, saß
Helene auf seinem Rücken, und klammerte sich an dem Sattel fest, während
das eine Ende des zerrissenen Zügels den Hals des Pferdes peitschte.

»Hab' Acht, Felix,« schrie Günther, der mit Besorgniß sah, wie sich der
Freund dem wild heranbrausenden Thiere entgegenwarf -- »Du kannst es
nicht halten!«

Aber Felix hörte ihn nicht. Der Weg war hier eng, denn das Dickicht an
beiden Seiten mit ein paar aus der Bahn geschobenen umgestürzten Bäumen
hemmte ihn ein; das durchgehende Pferd _konnte_ nicht ausweichen. Als
es aber die mitten im Wege wartende Gestalt des Menschen erblickte,
parirte es plötzlich und bäumte in die Höhe. In demselben Moment griff
des Unerschrockenen linke Hand in sein Gebiß, und während es zur Seite
schreckte, verlor Helene das Gleichgewicht und stürzte in Felix' linken
 Arm. Allerdings konnte er ihren Fall nicht hindern, denn das Pferd,
welches er nicht losließ, riß ihn zur Seite, aber er brach doch die
Schwere des Sturzes, so daß das junge Mädchen mehr zu Boden glitt als
fiel, und Felix jetzt nur den Schimmel von ihr zurückdrängte, damit sie
nicht durch dessen Hufe beschädigt würde.

Aber die Aufregung war zu viel für sie gewesen. So stark und besonnen
sie sich bis dahin, trotz des zerrissenen Zügels, im Sattel gehalten
hatte, vergingen ihr jetzt die Sinne, und als der ebenfalls abgestiegene
Günther hinzusprang, um wo möglich noch Hülfe zu leisten, lag sie
ohnmächtig vor ihm im Wege.

Das Ganze war natürlich das Werk nur weniger Secunden gewesen, und noch
war Felix mit dem nicht so leicht beruhigten Schimmel beschäftigt, um
ihn aus dem Wege zu halten, als Günther schon die ohnmächtige Jungfrau
aufgehoben hatte und sie in seinen Armen hielt.

»Und was nun?« rief er halb verlegen, halb lachend; »das ist eine
vortreffliche Situation für ein paar Junggesellen! Was fangen wir mit
der Ohnmächtigen an? -- Hier können wir sie doch nicht liegen lassen!«

Der Schimmel stand endlich; er schnaubte zwar noch und warf den Kopf
herüber und hinüber, aber die Gefahr war vorbei, und er wußte, daß er
sich wieder in der Gewalt seiner Herren befand. Felix führte ihn ruhig
heran und sagte:

»Meier's Haus ist ja, wie Du sagst, dicht bei -- da drüben kann ich sogar
die Pinie erkennen, die in der Ecke seiner Umzäunung steht -- trage die
junge Dame dorthin, indessen ich hier den Zügel des Pferdes wieder in
Ordnung bringe. In dem Hause findet sie auch weibliche Hülfe und kann
später, wenn sie sich erholt hat, in die Colonie zurückkehren.«

»Aber sie werden mich nicht einlassen.«

»Klopf' nur an die Thür; einem solchen Unfall kann der alte Misanthrop
sein Haus nicht verschließen!« -- Und ohne sich weiter um die Bewußtlose
zu kümmern, ja, ohne sie anzusehen, schritt er, den Schimmel noch immer
am Gebiß haltend, zu Günther's Pferd, dessen Zaum sein Reiter über einen
Ast geworfen hatte, löste den Lasso, der um dessen Hals befestigt war,
mit der rechten Hand, und sicherte sich dann den Schimmel, indem er das
andere Ende durch den Ring seines unter dem Zaum sitzenden Halfters zog.

Günther war indessen, weil er selber keinen besseren Rath wußte, mit
seiner schönen Bürde Meier's Chagra zugeschritten. An der Gartenthür
angelangt, hörte er Stimmen im Garten, und mit dem Fuße gegen das Holzwerk
tretend, bat er, ihm zu öffnen, da er eine ohnmächtige Dame trage, die
Hülfe verlange. Zuerst antwortete Niemand; dann aber auf seine wiederholte
Bitte rief eine weibliche Stimme von innen: »Gleich, gleich!« -- Der
Riegel wurde zurückgeschoben, die Thür ging auf, und Günther sah sich im
nächsten Augenblick Könnern und Elisen gegenüber.

Graf Felix indessen, ohne sich weiter darum zu kümmern was aus der
jungen Dame wurde, befestigte den Schimmel mit dem Lasso an eine der
jungen Palmen, knüpfte den Zügel wieder fest, daß er wenigstens den Ritt
hinunter hielt, und schritt dann, da ihm sein eigenes Pferd ebenfalls
davon- und den anderen nachgelaufen war, zu Fuß in die Colonie hinab.

Eine Viertelstunde mochte er wohl den Platz verlassen haben, als eine
klägliche Gestalt denselben Weg herabgehinkt kam, den vorher die Pferde
genommen hatten. Es war Herr von Pulteleben, sein Gesicht blutig und
mit einigen Rissen, die Dorn oder Stein darauf zurückgelassen, seinen
Rock beschmutzt und zerfetzt, und das Gewicht seines Körpers einzig und
allein seinem rechten Beine vertrauend.

Er hielt einen Augenblick, als er zu der Stelle kam wo der Schimmel
angebunden stand, und schüttelte den Kopf. Er mochte sich wohl nicht
recht erklären können, wie der hierher gekommen, und wo die Reiterin
geblieben; aber er schien auch nicht in der Stimmung, sich lange bei
Vermuthungen aufzuhalten, denn in diesem Zustande konnte er doch
Niemandem seine Hülfe anbieten -- er sah zu unanständig aus, und mit
einem Seufzer seine unteren Kleidungsstücke betrachtend, setzte er sehr
betrübt seinen Weg nach der Colonie fort.




8.

Ein Vielliebchen


Könnern verbrachte eine unruhige Nacht. Nicht etwa, daß Sarno's Warnung
irgend einen Zweifel in seiner Brust wachgerufen oder seinen Entschluß
erschüttert hätte, aber die Aufregung, daß sich mit dem morgenden Tage
sein Schicksal entscheiden sollte, ließ ihn nicht schlafen, und erst
gegen Morgen fielen ihm die müden Augen zu, nur um einer Masse von
tollen und abenteuerlichen Traumbildern Raum zu geben. Mit Sonnenaufgang
war er auch schon wieder munter und konnte die Zeit jetzt nicht erwarten,
wo er Elise endlich sehen und sprechen würde; denn heute, das hatte er
sich fest vorgenommen, ließ er sich von dem Alten nicht abweisen, mochte
daraus werden was da wollte.

Vor zehn Uhr durfte er aber keinesfalls hinüber; selbst das schien ihm
noch eine etwas frühe Stunde, aber seine Ungeduld ertrug eben nicht mehr,
und mit dem Schlage Zehn sprang er auf das schon fertig gesattelte Pferd
und trabte lustig der Richtung nach Meier's Chagra zu.

Dicht vor der Colonie überholte ihn eine kleine Cavalcade von Reitern,
die mit ihm denselben Weg ritten, und an der jungen, reizenden Dame, die
den Zug führte, erkannte er bald die Gesellschaft. Er war aber heute
Morgen nicht dazu aufgelegt, irgend eine neue Bekanntschaft anzuknüpfen,
hielt deshalb sein Pferd an, grüßte und ließ die Drei an sich vorbei
passiren, die dann auch bald in den Büschen verschwanden, welche bis zum
Fuße der nächsten Hügel herabliefen.

Da die drei Reiter übrigens mit ihm einen und denselben Weg verfolgten,
beeilte er sich nicht mehr so sehr; er wollte gern vermeiden, mit ihnen
wieder zusammenzutreffen, und ließ sein Pferd erst wieder austraben,
als er sich der Chagra näherte. Dort führte er es seitwärts auf einem
schmalen Kuhpfade in den Wald, band es fest und setzte nun von hier ab
seinen Weg zu Fuß fort.

Und wie ihm das Herz schlug! Als ob er ein Verbrechen begangen hätte und
jeden Augenblick Entdeckung fürchtete, so schlich er auf dem Wege dahin
und sah scheu hinauf und hinab, ob Niemand käme, der ihn stören könnte.
Und mit dieser Angst auf dem Herzen sollte er dem alten Mann entgegentreten
und ihn um die Hand seiner Tochter bitten? Er wagte es nicht, und zweimal
war er an der Thür und hob den Arm, und zweimal schlich er zurück in den
dichten Busch hinein, um sich erst wieder zu sammeln und das zu überdenken,
was er Elisens Vater sagen wollte.

Das zweite Mal war er der Hecke nahe gekommen, welche den Garten
umschloß, unfern von da, wo er an jenem Morgen Elisens Citherspiel
gelauscht und ihr zuletzt die beiden Waldhühner hinüber geworfen; und
überdachte er sich jetzt, daß er das Mädchen seit der ganzen langen
Zeit nicht ein einziges Mal wieder gesehen, ja, daß er eigentlich nicht
einmal einen einzigen bestimmten Grund für sich anzugeben vermochte,
nach dem er sicher schließen konnte, sie sei ihm gut, so kam ihm seine
ganze Werbung eigentlich wie halber Wahnsinn vor, und er stand sogar auf
dem Punkte, sie vollständig aufzugeben.

Was wußte sie denn von ihm? Was konnte sie von ihm wissen, das ihm ein
Recht gab, sie für sich zu fordern? Wenn sie ihm nun geradezu in's Gesicht
lachte, wenn sie ihm sagte -- -- da drangen wieder die weichen Töne der
Cither heraus an sein Ohr, und _ihre_ Stimme war es, welche sie begleitete.
_Was_ sie sang oder spielte, er hörte es nicht mehr; die Leidenschaft
der ersten heißen Liebe hatte ihn übermannt, und kaum sich dessen klar
was er selber that, kletterte er im nächsten Augenblicke schon an einer
der dünnen, schlanken Palmen nächst der Hecke empor, schwang sich dort
hinauf, ergriff den überhängenden Zweig eines im inneren Garten stehenden
größeren Baumes, welcher sich unter seinem Gewichte bog und langsam
brach, und stand nur wenige Secunden später im Garten selber, und
kaum fünfzig Schritte von der Stelle entfernt, an der Elise mit ihrem
Instrumente im Schatten eines breitästigen Mandelbaumes saß.

Das junge Mädchen hatte aber ebenfalls das Brechen und Rauschen in den
Zweigen gehört und den Kopf dorthin gewandt, und sprang erschreckt empor,
als sie die Gestalt eines Fremden bemerkte, welcher also gewaltsam in
ihr Heiligthum brach. Aber es war nur ein Augenblick; bald erkannte sie
den Eindringling, und zitternd stand sie neben ihrem kleinen Tische, als
Könnern rasch auf sie zuging und wenige Schritte vor ihr mit achtungsvollem
Gruße stehen blieb.

»Mein Fräulein,« sagte er, noch immer halb verlegen, aber doch jetzt schon
mit dem festen Entschluß, das nun Begonnene auch wacker durchzuführen
-- »vor allen Dingen muß ich tausendmal um Entschuldigung bitten, mich
auf solche rauhe Weise in Ihre Nähe gedrängt zu haben, aber ich -- konnte
mir nicht mehr helfen; ich _mußte_ Sie sprechen, und da mir Ihr Vater,
Gott weiß aus welchem Grunde, hartnäckig den Zutritt zu Ihnen weigerte,
nahm ich endlich meine Zuflucht zu einem verzweifelten Mittel und --
hier bin ich jetzt.«

»Ich weiß nicht,« stammelte Elise in schüchterner Verlegenheit, während
sich der purpurne Strom über ihre Wangen und ihren Nacken ergoß und
ihren Zügen einen noch viel höheren Liebreiz gab -- »ich weiß in der
That nicht, weshalb Vater -- Sie müssen ihn entschuldigen -- er -- er
ist kränklich, und in der -- in der letzten Zeit besonders so leidend
gewesen, daß er sich scheu vor allen, selbst den ihm liebsten Menschen
zurückgezogen hat.«

»Ich zürne ihm nicht, liebes Fräulein,« sagte Könnern herzlich -- »welches
Recht hätte ich auch, Etwas von ihm zu verlangen, was er allen übrigen
Menschen eben so gut verweigert: den Zutritt zu seinem Hause -- und
dennoch bin ich hier« -- setzte er leise und zögernd hinzu, während auch
seine Züge jetzt ein leichtes Roth färbte -- »dennoch habe ich den Bann
gebrochen, der auf dem Platze liegt, und -- vielleicht Unrecht damit
gethan, aber ich konnte mir nicht helfen, Elise,« fuhr er leidenschaftlich
fort -- »ich mußte _Sie_ sprechen, ich _mußte_ Ihnen sagen, daß, seit
ich Sie zum ersten Male gesehen und gesprochen, nur der Eine Gedanke
mich erfüllt hat, Tag und Nacht -- _Sie_ -- mußte Ihnen sagen, daß ich
mir kein Leben länger denken kann fern von Ihnen, und mir die Entscheidung
meines künftigen Schicksals von Ihren eigenen Lippen holen.«

»Herr Könnern!« sagte Elise erschreckt, und jeder Blutstropfen verließ
in dem Augenblick ihre Züge.

»Sie haben Recht,« sagte Könnern abwehrend -- »es war ein tollkühner
Schritt -- ein Schritt, der in dieser Weise kaum auf Erfolg rechnen
konnte, und erst jetzt, wo ich vor Ihnen stehe, wo es zu spät ist ihn
zurück zu thun, fühle ich das Ungehörige desselben in seiner ganzen
Schwere. Aber sein Sie auch versichert, Elise, daß ich ihn nicht ganz
leichtsinnig gethan, daß ich mir vorher erst ganz klar geworden, ob ich,
was mich selber betraf, die Verantwortung übernehmen konnte, Sie aus
Ihrem elterlichen Hause zu führen. Meine gesellschaftliche Stellung
im Leben ist eine ehrenvolle; ich besitze Vermögen genug, der Zukunft
sorgenfrei in's Auge zu schauen, selbst wenn ich nicht mehr die Kraft in
mir fühlte, mich durch meine Kunst zu erhalten. -- Aber das Alles sind
Eigenschaften, welche nur die Existenz selber -- nicht das Herz berühren,
und ich hatte nicht bedacht, daß Sie _mich_ ja noch gar nicht kennen,
daß Sie also auch kein Vertrauen zu mir haben können, ob ich es wirklich
so ehrlich und treu meine, wie meine Worte sagen.«

Elise athmete kaum. Der Blick, den sie im Anfange schüchtern zu ihm
aufgehoben, hatte schon lange den Boden wieder gesucht, und wenn sich
auch ihre Lippen ein paar Mal theilten, als ob sie irgend Etwas erwiedern
wollte, wurde doch keine Silbe laut. Auch Könnern schwieg jetzt und
Beide standen einander stumm, in peinlicher Pause gegenüber. Da nahm
Könnern das Wort wieder auf und sagte leise:

»Sie haben Recht, Elise -- die tolle Frage bedarf keiner Antwort. Lassen
Sie mich gehen und als einzige Erinnerung Ihr liebes Bild im Herzen mit
forttragen für die weite, öde Welt. Nur um das Eine bitte ich Sie, recht
aus Grund meiner tiefsten Seele, _zürnen_ Sie mir nicht. Vergessen Sie,
daß ich leichtsinnig und unüberlegt gehandelt, und denken Sie, daß ich
fortan nur ein einsamer, armer Wandersmann sein werde, der -- so fortfahren
wird die Welt zu durchziehen, wie er begonnen, weil er eben -- nirgends
Ruhe finden kann. Leben Sie wohl, Elise -- ich werde Ihnen nie wieder
störend in den Weg treten und -- Gottes reichster Segen über Sie!«

Mit den Worten nahm er ihre Hand, welche sie ihm willenlos überließ,
drückte einen innigen Kuß darauf, ließ sie los und wandte sich rasch ab,
um den Garten wieder zu verlassen.

»Könnern,« rief da Elise mit leiser, zitternder Stimme -- »gehen Sie
nicht so!«

»Elise -- darf ich glauben, daß Sie mir nicht zürnen?« bat der junge
Mann, welcher sich ihr bei dem Laute rasch wieder zudrehte.

»Zürnen?« flüsterte das junge Mädchen, den Kopf traurig zu Boden gesenkt
-- »_zürnen_? wiederholte sie, »wo es das erste Freundeswort ist, das
ich seit langen, langen Jahren gehört? Gehen Sie, Könnern, gehen Sie in
Ihre Welt hinein, welche ich nicht kenne -- welche ich nie kennen soll,
aber nehmen Sie die Versicherung mit, daß Sie einer Unglücklichen einen
lieben, lieben Trost gebracht, daß Sie ihr einen Augenblick des Glückes
geschaffen haben, an dem sie, mag er so kurz gewesen sein wie er will,
noch lange Jahre freudig zehren wird. Gehen Sie, Könnern, mein Vater
wird mir nie erlauben, mich von ihm zu trennen -- er könnte auch nicht
ohne mich leben, aber denken auch Sie manchmal freundlich eines armen
Mädchens, das....«

Könnern hielt sich nicht länger. Mit frohlockendem Herzen hatte er den
Worten des lieben Kindes gelauscht -- die Hindernisse, welche sie ihm in
den Weg warf, er achtete ihrer nicht, er hörte sie kaum, und jetzt rasch
zu ihr zurückkehrend, rief er jubelnd aus:

»Elise -- _meine_ Elise -- Du bist mir gut? Du zürnest nicht dem kecken
Fremden, der es wagte, an Dein Herz zu pochen, Du läßt mich hoffen, daß
ich Dich gewinnen kann? O, nun ist Alles gut, Alles gewonnen, denn der
Vater wird und muß Dich mir geben. O, wenn ich Dir jetzt nur mit Worten
sagen könnte, wie herzlich ich Dich liebe; wie all mein Sehnen und
Trachten, all' meine Gedanken die ganze lange Zeit, in der wir uns
nicht gesehen, gesprochen, nur Dir gehört, nur Dein gedacht! Sieh mich
an, Elise, o, laß mich in Deinen lieben treuen Augen das Glück auch
lesen, das Du mir mit Deinen herzlichen Worten gegeben, laß mich darin
die Bestätigung finden, daß ich nicht mehr allein stehe auf der Welt und
ein Herz gefunden habe, das mein sein will in Lust und Leid, in Sorge
und in Glück.«

Elise schlug das thränengefüllte Auge zu ihm auf und lehnte ihr Haupt
dann schwer und seufzend an seine Brust.

»Es kann nicht sein,« flüsterte sie -- »ich darf nicht glücklich werden
-- werd' es nicht!«

»Du wirst es -- mit diesem Kusse gewinn' ich Dich zur Braut, und wie
mich Gott verlassen soll in meiner letzten Stunde, wenn ich je von Dir
lasse, so vertraue auch mir! Leg' Dein Geschick getrost in meine Hände,
und steht uns auch noch eine Prüfung bevor, sollten uns auch noch
Hindernisse in den Weg treten, laß Dich nicht entmuthigen. Was es auch
sei, wir werden's überwinden, und wie ich jetzt mein ganzes Leben Dir
zu eigen gebe, so sei versichert, daß Dein künftiges Glück in guten und
treuen Händen ist.«

»Und wenn uns der Vater trennt?«

»Er kann, er darf es nicht, Herz,« sagte Könnern, wieder und wieder
ihre Stirn küssend, denn sie hielt das Antlitz noch fest an seiner Brust
geborgen -- »er wird auch in der Kinder Glück das eigene wieder finden,
wieder vergessen lernen, was ihm die Welt vielleicht zu Leid gethan, und
so nur können wir auch ihn dem Leben wieder gewinnen, dem er jetzt ja
fast vollständig entsagt. Fürchtest Du Dich _noch_?«

»In Deiner Nähe nicht,« flüsterte die Jungfrau -- »hier an Deiner Brust
ist mir wohl -- o, so möcht' ich sterben. Wenn ich aber weiter denke
-- wenn ich glauben muß, daß uns ein böses Geschick je wieder trennt -- o,
gehe nicht von mir,« bat sie, ihn leidenschaftlich umschlingend -- »laß
mich nicht wieder allein, denn jetzt erst, in diesem Augenblicke erst
fühl' ich, was ich mein ganzes Leben lang entbehrt -- Liebe! -- Liebe!
-- Liebe!«

Ein lindernder Thränenstrom machte ihrem Herzen Luft, und zitternd,
weinend lag sie lange in Könnern's Armen. Endlich rang sie sich gewaltsam
von ihm los, und ihre Thränen trocknend, sagte sie, mit einem gar so
lieben wehmüthigen Lächeln zu ihm aufschauend:

»Bin ich nicht ein Kind, daß ich dem ersten Glück entgegenweine -- und
doch -- der Allwissende dort oben sieht es -- trage ich es mit bitter
schwerem Herzen -- o, Bernard, willst Du mich _nie_ vergessen, wenn uns
auch -- das Schicksal wieder auseinander reißt?«

»Nie, nie soll das Eine noch das Andere geschehen!« rief leidenschaftlich
der junge Mann -- »und jetzt banne die trüben Gedanken aus Deiner Seele,
Du süßes Lieb -- oder« -- fuhr er leise flüsternd und lächelnd fort
-- »soll ich Dich daran erinnern, daß Du -- Dein Vielliebchen gefunden
hast? Wie hieß doch der letzte Vers, Schelm?«

Elise barg das erröthende Antlitz wieder an seine Brust und sagte:

»Wie Du mich damals erschreckt hast!«

»Und Du wußtest, von wem es kam?«

Sie antwortete nicht, aber er fühlte, wie sie leise mit dem Kopfe nickte
und sich dem Versuche hartnäckig widersetzte, ihr Antlitz zu dem seinen
emporzuheben.

»Du wußtest, was es bedeutete?« flüsterte er so leise, daß sie die Worte
kaum verstand, und wieder nickte sie und schmiegte sich fester an ihn
-- und, o der Seligkeit dieser Stunde, in der sich zwei Herzen fanden
und verstanden und des reinen Glückes inne wurden, nur in sich selber
Eins zu sein! Was kümmerte sie auch jetzt die Außenwelt, was Sorge und
Gefahr der nächsten Stunde? Könnern's muthiges Herz setzte sich leicht
darüber weg und Elise selbst war zu selig, um nicht dem Augenblicke auch
sein Recht zu gönnen.

Könnern führte die Geliebte jetzt zu der kleinen Bank unter dem
Mandelbaume, vor welchem ihr Cithertisch stand, und Hand in Hand, Auge
in Auge saßen die jungen Leute und plauderten und fanden des Himmels
Seligkeit in der Liebe Glück.

Da tönte vom Hause her ein kleines Horn, und erschreckt fuhr Elise
empor. Das war das Zeichen zum Frühstück, und sie mußte fort aus dem
Garten.

»Die Mutter ruft,« sagte sie ängstlich -- »ich darf nicht länger säumen,
und -- großer Gott, es ist so spät geworden und der Vater jetzt auch
schon im Garten -- wenn er Dich sieht....«

»Fürchtest Du Dich, Elise? Fürchtest Du Dich an meiner Seite,« sagte
Könnern herzlich -- »und haben wir denn etwas Böses gethan, daß wir
den Blick der Eltern zu scheuen hätten? Offen will ich vor sie treten
-- jetzt, in diesem Augenblick, nicht im Geheimen mag ich zu ihrem Kinde
schleichen und mir dessen Liebe stehlen, wie ein unrecht Gut! Nein, ich
habe sie mir ehrlich gewonnen und will sie ehrlich wahren, als meinen
höchsten und theuersten Schatz.«

»Aber der Vater....«

»Früher oder später müßte er doch wissen, daß wir einander angehören
wollen für das ganze Leben; weshalb dann eine Zeit in Angst und Sorge
verleben, die nur dem reinsten Glück gehören sollte? Glaube mir, mein
süßes Herz, Dein Vater ist lange nicht so schlimm, wie Du zu denken
scheinst. Auch er hat einst mit treuer Liebe um Deine Mutter geworben,
und _der_ Zeit mag er gedenken, wenn ich vor ihn trete. Außerdem stehe
ich selbstständig in der Welt, und der Director Sarno, welcher meine
Familie genau kennt, mag ihm bezeugen, daß er um die Zukunft seiner
Tochter nicht besorgt zu sein braucht. Fürchtest Du noch, daß er Dich
mir verweigern wird?«

»Ja,« hauchte Elise, während ihre Züge wieder erbleichten -- »trotz alle
dem; Du kennst den Vater nicht.«

»Und Deine Mutter?«

Elise stand unschlüssig vor ihm, den Blick zu Boden gesenkt. Endlich
schlug sie die treuen Augen zu ihm auf und sagte mit einem gar so
rührenden Blick voll Vertrauen und Liebe:

»So geh' zu ihm, Bernard -- sprich mit ihm -- ich vertraue Dir ganz! Wie
Dir mein Herz von jetzt allein gehört, will ich mich auch von _Deinem_
Herzen leiten lassen. Ich fühle Du hast Recht; wir dürfen kein Geheimniß
vor den Eltern haben -- ich wenigstens nicht, nach Allem, was sie schon
für mich gethan. Gehe zu ihnen und Gott möge des Vaters Sinn lenken,
daß er das Glück des Kindes, zum ersten Mal wo es in seine Hand gelegt,
nicht selbst zerstört. Aber noch Eins, Bernard,« fuhr sie fort, als
er sie mit sich dem Hause zu ziehen wollte -- »_was_ auch der Vater
beschließt -- wie auch sein Urtheil lautet -- und wenn mein eigen Herz
darüber brechen müßte -- ich kann und darf nicht ungehorsam sein.«

»Elise!«

»Ich bleibe Dir treu,« bat die Jungfrau -- »nie wird sich diese Hand in
eines andern Mannes Rechte legen, aber wenn mich des Vaters Gebot an
seine Seite zwingt, so werd' ich bleiben, was auch mit mir geschehe.«

»Es sei,« sagte Könnern nach einer kurzen, peinlichen Pause -- »wie
leicht ich aber auch vorher, als ich mich Deiner Liebe versichert wußte,
dem entscheidenden Schritt entgegen ging, so schwer gehe ich jetzt, wo
ich fürchten muß Dich wieder zu verlieren, in demselben Augenblick, wo
ich Dich mein auf immer geglaubt. Aber die erste Bitte kann und will ich
Dir nicht abschlagen -- ich fühle, daß ich Dich nicht zwingen darf, wenn
ich damit nicht Deinen Frieden für spätere Zeiten zerstören sollte. Ich
will allein _Dein_ Glück -- und daß ich nur _das_ will, kann ich Dir
jetzt beweisen.«

»Ach, Bernard,« sagte das junge Mädchen traurig -- »nur an Deiner Seite
find' ich das, und gehst Du von mir, ist es doch vorbei -- aber trotzdem
danke ich Dir -- danke ich Dir recht von Herzen für Deine Liebe, welche
Du mir jetzt stärker als vorher gezeigt -- und nun zum Vater, daß wir
unsere Bitten dort vereinen.«

Schon vor einiger Zeit hatten sie draußen vor dem Garten wildes
Pferdegestampfe und Stimmen gehört, aber, zu sehr mit sich selber
beschäftigt, nicht weiter darauf geachtet. Jetzt eben hatte sich das
wiederholt, und sie blieben horchend stehen. Könnern dachte an sein
eigenes Pferd, ob sich das vielleicht losgerissen haben könnte, aber
das war fest und sicher angebunden -- vielleicht waren es trunkene
Colonisten, die hier dem Städtchen zujagten -- was kümmerte es sie
-- Seite an Seite, Könnern seinen rechten Arm um der Geliebtem Schulter
geschlagen, schritten sie langsam den Kiesweg an der Hecke entlang hin,
welcher dem Hause zuführte. Kaum aber waren sie in der Nähe der Thür
angelangt, die hinaus in's Freie führte und stets sorgfältig verriegelt
gehalten wurde, als ein paar heftige Stöße dagegen erfolgten und eine
Stimme draußen, welche Könnern bekannt schien, um Einlaß bat.

»Was ist das?« sagte Elise, ängstlich seinen Arm ergreifend -- »wir
dürfen nicht öffnen.«

»Es ist ein Unglück geschehen!« rief Könnern »sollen wir nicht
nachsehen?«

»Ein Unglück?« wiederholte das junge Mädchen erschreckt.

»Ich halte eine Ohnmächtige hier im Arme!« rief da Günther's Stimme
wieder -- »wollt Ihr sie hier im Wege sterben lassen?«

»Eine Ohnmächtige?! Gleich, gleich!« rief Elise, jede weitere Furcht bei
Seite setzend -- »der dürfen wir ja doch unsere Hülfe nicht versagen«
-- und zu der Thür springend, schob sie die beiden großen Riegel zurück.
Könnern drückte zugleich das breite Schloß auf, das nach außen keine Klinke
hatte, und sah erstaunt den Freund mit seiner Bürde.

»Günther!« rief er überrascht aus -- »Sie hier und mit einer Dame im
Arm?«

»Ich könnte, glaub' ich, so ziemlich dieselbe Frage an Sie richten,
Könnern,« lachte der Freund, »wenn wir jetzt Zeit zur Unterhaltung
hätten, aber die Arme sind mir schon erlahmt -- mein Fräulein, dürft'
ich Sie bitten, sich der armen Dame anzunehmen?«

»O, das Haus ist nur wenige Schritte von hier entfernt,« rief Elise,
welche mit gefalteten Händen vor der bleichen Fremden stand -- »ach,
das bildschöne, unglückliche Kind -- kommen Sie rasch mit mir, dort ist
Alles was ihr Hülfe bringen kann« -- und mit flüchtigen Schritten flog
sie ihnen voran, den Gang hinauf. Könnern hatte indessen, dem Freunde
die Last zu erleichtern, den Oberkörper der Bewußtlosen in seinen Arm
genommen, so daß sie rasch der Jungfrau folgen konnten, und unterwegs
erzählte ihm Günther mit kurzen Worten, was draußen vor dem Garten
geschehen.

Jetzt hatten sie das Haus erreicht, und stiegen die wenigen Stufen zu
dem untern Gartensaale hinauf -- die Mutter war schon durch ein paar
flüchtige Worte Elisens von dem Unfall unterrichtet und in ihr Zimmer
gegangen, englisches Salz zu holen -- nur Elise erwartete sie am Eingang,
und die beiden Freunde legten die Ohnmächtige jetzt auf das an der
entgegengesetzten Wand stehende Sopha.

Günther hatte ihre Kleider etwas geordnet, und richtete sich eben auf,
als die Thür links geöffnet wurde, und Meier eilig hereintrat.

»Was geht denn hier vor?« rief er bestürzt -- »was ist geschehen? Das
ist ja ein Lärm« -- sein Auge begegnete Günther's fest und erstaunt auf
ihm haftenden Blick, und Könnern, welcher sich eben bei ihm entschuldigen
wollte, bemerkte zu seinem Erstaunen, daß der alte Mann zurückschrak,
als ob er einen Geist gesehen hätte.

Noch standen sie sich so gegenüber, während Elise mit der Bewußtlosen
beschäftigt war und ihr das Kleid zu öffnen suchte, als die andere Thür
aufging, und Elisens Mutter mit dem herbeigeholten Fläschchen eintrat
-- nur Einen Blick aber warf sie auf die Gruppe der beiden Männer, als
auch das Flacon ihrer zitternden Hand entfiel.

»Mutter, liebe, beste Mutter!« rief Elise, zu dieser springend -- »es
ist Nichts -- nur eine Ohnmacht -- sie schlägt die Augen schon wieder
auf.«

»Herr _Sellbach_!« sagte Günther mit ruhiger, kalter Stimme -- »ich
hatte allerdings keine Ahnung, daß wir so lange schon nahe Nachbarn
gewesen waren, und kann dem Zufall nicht genug danken, der uns hier
zusammenführt.«

Der alte Mann stand wie zu Stein erstarrt -- seine Lippen hatten sich
getheilt, aber er sprach kein Wort; seine Augen, vor denen er heute
nicht die blaue Brille trug, schienen aus ihren Höhlen drängen zu wollen,
und die beiden Arme hielt er wie abwehrend vorgestreckt.

»Sie kommt zu sich!« rief Elise, welche das ihr entgegengerollte Flacon
aufgehoben und der Kranken vorgehalten hatte -- »Gott sei Dank! Beruhige
Dich, liebe Mutter, und Vater« -- sie wandte sich, während sie sprach,
dem Vater zu und stieß einen Angstschrei aus, als sie den Zustand sah,
in welchem er dem Fremden gegenüber stand.

»Vater!« rief sie -- »lieber, bester Vater -- um des barmherzigen Gottes
willen, was ist geschehen?« und in Windeseile war sie an seiner Seite und
umschlang ihn mit ihren Armen. Erst die Berührung schien den Zauber zu
lösen, von dem er befangen war. -- »O, mein Gott!« stöhnte er -- »endlich!
endlich!« und wäre jetzt zu Boden gesunken, hätte ihn die Tochter nicht
in ihren Armen gehalten und zu dem nächsten Stuhl geführt, in den er, in
einander gebrochen, zusammensank.

»Um Gottes willen, was geht hier vor?« rief Könnern, des Freundes Arm
ergreifend -- »welch' Geheimniß lagert zwischen Euch?«

»Hier ist jetzt weder Platz noch Zeit, das zu erklären,« drängte Günther
-- »das Fräulein richtet sich auf und -- braucht eben nicht zur Mitwisserin
gemacht zu werden. Bitten Sie die junge Dame, daß sie die Fremde in ihr
Zimmer führt, bis sie sich vollständig erholt hat und das Haus verlassen
kann. Wir werden draußen auf sie warten, um sie sicher nach Hause zu
geleiten.«

»Aber ich begreife gar nicht!«

»Thun Sie, wie ich Ihnen sage. Alles Andere nachher.«

»Aber wir können die Familie doch nicht jetzt, nicht in diesem Zustande
verlassen?«

»Wir können ihr keinen größeren Gefallen thun. Folgen Sie mir nur dieses
Mal, Könnern -- des jungen Mädchens wegen, wenn Sie sonst nicht wollen!«

Helenens starke Natur hatte indessen vollständig die augenblickliche
Schwäche abgeschüttelt. Möglich, daß sie beim Sturze doch vielleicht
mit dem Kopf auf einen Stein getroffen und davon nur betäubt gewesen
war; aber sie richtete sich empor und sah erstaunt auf ihre Umgebung.
Günther, der in diesem Augenblick für Alle zu denken schien, benutzte
den günstigen Augenblick, und auf sie zutretend, bot er ihr seinen Arm.

»Ich sehe zu meiner Freude, daß Sie sich erholt haben, Comtesse;
erlauben Sie mir, Sie an die frische Luft zu führen, die wird Ihnen
wohler thun, als alle Medicamente der Welt.« Leise setzte er dann hinzu:
»Die alten Leute sind außer sich über Ihre Ohnmacht, die sie für weit
gefährlicher hielten als sie war. Zeigen Sie sich kräftig, daß wir sie
beruhigen.«

»Ich _bin_ kräftig,« sagte das junge Mädchen, aber ich begreife nur
nicht wo ich bin, wie ich hierher gekommen.«

»Ich erzähle Ihnen die Geschichte unterwegs,« lachte Günther, ihren Arm
ohne weitere Umstände in den seinen ziehend. »Könnern, thun Sie mir
den Gefallen, und sehen Sie draußen nach dem Pferd, daß kein weiteres
Unglück geschieht -- Sie können ja dann zurückkehren, wenn Sie wollen,«
flüsterte er ihm zu.

Könnern war wie betäubt. Er sah wohl, daß etwas Außergewöhnliches -- etwas
Furchtbares hier vorgegangen sei, aber er begriff nicht was; Elise war
dazu, ohne auch nur weiter seiner zu achten, mit dem Vater beschäftigt,
und ehe er selber zu einem recht klaren Bewußtsein gekommen war, hatte
Günther, während er an dem rechten Arme Helenen führte, mit der Linken
ihn ergriffen, und zog den keinen Widerstand mehr Versuchenden mit sich
hinaus in's Freie, durch den Garten und auf die Straße, wo er ohne Weiteres
die Thür hinter sich in's Schloß warf, und ihnen dadurch Allen den Rückzug
vollkommen abschnitt.

Hier aber half ihnen Helenens Bruder aus der augenblicklichen Verlegenheit,
was sie mit der jungen Dame anfangen sollten. Als sie auf den Weg
hinaustraten, kam er, da er indeß seines Pferdes wieder Herr geworden,
zurückgesprengt, um die Schwester zu suchen.

Allerdings fürchtete Könnern, daß sie sich noch nicht allein im Sattel
halten könne, und bat sie, das Pferd, welches noch an dem Lasso befestigt
stand, lieber zur Stadt führen zu lassen. Helene schlug das aber lächelnd
aus.

»Ich bin an derlei Abenteuer gewöhnt,« sagte sie freundlich; »nur Eins
beunruhigt mich: so ganz ohne einen Dank von der Familie zu scheiden,
die mir so gütige Hülfe geleistet, und die ich dafür so erschreckt und
gestört habe.«

»Ich werde Sie entschuldigen,« wehrte Günther ab, »und Sie können ihr
immer später einen Besuch abstatten. Jetzt halte ich es selber für
besser, daß Sie so rasch als möglich nach Hause zurückkehren und sich
dort erst vollständig ausruhen. Die Folgen eines solchen Zufalls fühlt
man gewöhnlich erst später, und es ist immer besser, sich etwas
vorzusehen.«

Günther setzte seinen Willen durch. Könnern holte den Schimmel; der
Stamm eines umgestürzten Baumes machte es ihr leicht, in den Sattel zu
kommen -- und bald hielt sie den Zügel wieder fest in der Hand.

Von dem Moment an aber, als sie wieder die Straße betreten, hatte
Helene, als ob sie Jemanden suche, auf und ab gesehen, und selbst ihr
Bruder, der jetzt neben ihr hielt, bemerkte dies.

»Suchst Du Freund Pulteleben?« fragte er lachend; »dem bin ich vorher in
einem traurigen Zustand zu Fuß begegnet, und ihn selber hat der Rappe
bös zwischen Dornen und Geröll abgesetzt. Wenn er es hindern könnte,
ließ er sich gewiß vor keinem Menschen sehen, ehe er frische Toilette
gemacht hat; er ist bitterböse zugerichtet.«

»War nicht noch ein anderer Herr mit Ihnen?« wandte sich Helene aber an
den noch neben ihr stehenden Günther, ohne die Leidensgeschichte von
Pulteleben's weiter zu beachten -- »derselbe -- wenn ich nicht irre
-- der sich meinem Pferd entgegenwarf?«

»Allerdings,« erwiederte der Gefragte -- »sein eigenes Thier war ihm
aber indeß davongelaufen, und er wird wohl nachgegangen sein, um es zu
suchen.«

»Ich bin Ihnen zu vielem Dank verpflichtet!« sagte das junge schöne
Mädchen herzlich.

»Mir nicht im Geringsten,« wehrte Günther lächelnd ab; »ich habe kein
Verdienst, als daß ich Sie in's Haus getragen habe, und das -- trug
schon seine eigene Belohnung in sich selbst.«

Helene erröthete, aber sagte freundlich: »Und darf ich hoffen Sie
wiederzusehen, wenn Sie hier auf frischer That meinen Dank verschmähen?«

»Wenn Sie mir erlauben, werde ich sicher morgen bei Ihnen nachfragen,
ob der kleine Unfall, wie ich fest hoffe, keine weiteren nachtheiligen
Folgen für Sie gehabt.«

»Und« -- sagte Helene, aber sie hielt das Wort zurück, neigte sich
gegen die beiden Freunde und rief: »Auf Wiedersehen denn!« als der
Schimmel schon den Druck ihrer Hacken fühlte und mit ihr in scharfem
Trab der Colonie zuflog. Oskar hielt sich an ihrer Seite, und Günther
nahm Könnern's Arm, und führte den, wenn auch im Anfang Widerstrebenden
trotz seinem Sträuben mit sich die Straße hinab, die Jene vorangeritten
waren.




9.

Sarno's Abschied.


Könnern folgte dem Freunde wie in einem halben Traume. Die letzten
Scenen waren so rasch auf einander gefolgt, daß er sie kaum von einander
zu scheiden vermochte, und des Freundes sonderbares Betragen mußte noch
mehr dazu beitragen ihn zu verwirren. Dieser sollte ihm aber jetzt Rede
stehen, denn er fühlte daß Elise in diesem Augenblick seiner Hülfe
bedurfte, und er _mußte_ wissen, weshalb Günther so darauf drang, sie
gerade jetzt sich selber zu überlassen.

Mit diesem Entschlusse stehen bleibend, hielt er Günther's Arm und sagte
vorerst: »Nicht einen Schritt weiter geh' ich mit Ihnen, bis Sie mir Ihr
Betragen erklären, Günther, bis Sie mir das Geheimniß lichten, das Sie
und jenen alten Mann verbindet.«

»Glauben Sie, daß ich es gut mit Ihnen meine, Könnern?« fragte Günther
herzlich, der Beantwortung der Frage für jetzt noch ausweichend.

»Ja, das glaube ich fest.«

»Gut, dann folgen Sie mir auch jetzt in die Colonie. Wir müssen Beide
mit einander berathen, was zu thun, und ehe das nicht geschehen, dürfen
Sie jenes Mannes Haus nicht betreten.«

»Nicht betreten?«

»Nein -- doch Sie sollen Alles hören -- nur zuerst beantworten _Sie_ mir
eine Frage: Wie stehen Sie mit jenem jungen Mädchen? Glauben Sie um
Gottes willen nicht, daß es bloße Neugier sei!«

»Sie brauchen keine Entschuldigung und ich kein Geheimniß für einen
ehrlichen Handel,« sagte Könnern erröthend. »Ich liebe Elisen von ganzer
Seele -- heute Morgen habe ich ihr das Geständniß meiner Liebe abgelegt
und bin ihrer Gegenliebe sicher -- wir waren auf dem Wege zum Hause, um
die Einwilligung ihrer Eltern einzuholen, als Sie an die Thür
klopften.«

»So haben Sie mit Elisens Eltern noch nicht gesprochen?« rief Günther
rasch.

»Mißdeuten Sie meine Worte nicht, Günther,« erwiederte Könnern ruhig
-- »welcher Art auch Ihr Geheimniß sei, ich halte mich fest gebunden an
das Mädchen, dem ich mit Leib und Leben zugehöre!«

Günther seufzte tief auf und schwieg für wenige Augenblicke; endlich
sagte er herzlich: »Sie haben mir einfach und wahr geantwortet, Bernard,
und es soll Sie nicht gereuen. Eben so klar und aufrichtig will ich
Ihnen jetzt Alles mittheilen -- aber lassen Sie uns zu unseren Pferden
gehen; _wollen_ Sie nachher unmittelbar zurückkehren, steht es ja immer
in Ihrer Macht.«

»Und was wollten Sie mir sagen?« fragte Könnern, der jetzt an des Freundes
Seite, ihre Pferde am Zügel führend, langsam den Weg hinabschritt -- »Sie
müssen begreifen können, in welche Unruhe mich jene eben erlebte Scene
versetzt hat.«

»Ich begreife es,« sagte Günther ruhig, »und will dabei so kurz als
möglich sein, denn nur die Umrisse meiner Mittheilung haben Interesse
für Sie. Erinnern Sie sich noch, daß ich Ihnen früher einmal erzählte,
wie ich in Deutschland mein ganzes Vermögen durch den Bankerott eines
Kaufmannes verlor?«

»Ich erinnere mich dessen.«

»Eben im Begriffe, zu heirathen, zertrümmerte dieser furchtbare Schlag
alle meine Hoffnungen. Meine Braut war arm, ich selber besaß Nichts mehr
auf der weiten Welt als meine Kenntnisse, die mich aber in Europa nicht
über Wasser gehalten hätten. So nahm ich den Kampf mit dem Leben auf und
ging nach Brasilien, um hier von vorn zu beginnen. Wie ich hier gearbeitet
habe wissen Sie, und ich stehe jetzt im Begriff, mit meinem erworbenen
kleinen Capital nach Deutschland zurückzukehren und mein wackeres
Mädchen, das treulich für mich ausgeharrt hat, zu heirathen.«

»Aber was hat das Alles mit jenem alten Mann zu thun?«

»Der Bankerott jenes Banquiers,« sagte Günther finster, »wurde durch
die Flucht seines Cassirers herbeigeführt. In jener Zeit, wo fast kein
Geschäft sicher war und die Kaufleute Alles einziehen mußten, was sie an
Geld ausstehen hatten, nur um ihre Verbindlichkeiten zu decken, entfloh
er eines Tages mit der Casse -- man behauptet, mit mehr als hunderttausend
Thalern -- und konnte trotz der größten Mühe, die man sich gab, nicht
wieder eingeholt werden. Einige der Gläubiger setzten damals Alles in
Bewegung, um wenigstens den Ort zu erfahren, wohin sich der Verbrecher
gewandt -- es blieb Alles umsonst. Wir kamen allerdings einmal auf eine
Spur, die nach Brasilien und sogar in diese Gegend führte, und ein
Agent, der jenen Menschen kannte, wurde herüber geschickt, um die
genauesten Nachforschungen anzustellen -- aber ohne Erfolg. Da endlich
heute...«

»Heute?« -- wiederholte Könnern und fühlte, daß ihm das Blut wie Eis zum
Herzen zurücktrat.

»Heute,« fuhr Günther leise fort -- »begegnete ich ihm. Zu fest hatten
sich seine Züge meinem Gedächtniß eingeprägt, denn daheim war ich oft in
seinem Hause, an seinem Tische gewesen. -- Auch er erkannte mich wieder
-- Sie sahen sein Erschrecken, das Erbleichen der Schuld, die ihm das
Antlitz so weiß färbte, wie sie in ihrem Bewußtsein sein Haar gebleicht
hat. Hätte es übrigens noch einer Bestätigung bedurft, so lieferte seine
Frau dieselbe. Auch sie -- die, wie man damals allgemein behauptete,
die größte Schuld an ihres Mannes Verbrechen trug, ja ihn dazu allein
verleitet haben soll -- erkannte mich wieder, und wenn sie auch Beide
kaum ahnen, _wie_ elend sie mich damals gemacht haben, trieb doch die
_Furcht_ vor der endlichen Entdeckung das Blut aus ihren Wangen, die
Kraft aus ihren Sehnen.«

»Entsetzlich, entsetzlich!« stöhnte Könnern und barg sein Angesicht in
den Händen -- »und meine arme, arme Elise!«

»Das arme Mädchen dauert mich!« fuhr Günther leise fort -- »sie kann
auch keine Ahnung von dem Verbrechen haben, denn sie war damals noch ein
Kind. Der Schlag wird sie jetzt, mit dem vollen Bewußtsein der Schuld,
um so furchtbarer treffen.«

»Und was wollen Sie thun?« fragte Könnern, rasch zu ihm aussehend.

»Ich weiß es selber noch nicht,« erwiederte Günther leise -- »das Ganze
brach so überraschend schnell herein, daß mir noch gar nicht Zeit
geblieben, zu überlegen, zu denken. -- Ich -- wollte das eigentlich auch
mit Ihnen besprechen, Könnern.«

»Mit _mir_?«

»Gerade mit Ihnen. Der alte Sünder verdient allerdings keine Schonung,
denn er hat damals viele Menschen unglücklich gemacht, nicht mich allein
-- aber des Mädchens wegen die...«

»Und wird Elise dadurch den Schlag weniger furchtbar fühlen, wird sie
weniger unglücklich sein?«

»Lassen Sie mir Zeit zum Überlegen,« bat Günther, nachdem sie wieder
schweigend eine Zeit lang ihren Weg verfolgt hatten; »lassen Sie mir
Zeit zu überdenken, wie sich Alles am Besten richten lasse. Aber Sie
müssen selber fühlen daß jetzt, in diesem Augenblick, Ihre Gegenwart da
draußen überflüssig war. Der _Fremde_ in einem solchen Kreise hätte das
Furchtbare der Situation nur noch erhöht, davon ganz abgesehen, daß es
für Sie selber peinlich gewesen wäre.«

»Aber die Ungewißheit ihres Schicksals wird jetzt noch so viel
entsetzlicher auf den Armen lasten!«

»Das haben sie reichlich verdient,« sagte Günther düster, »und das
Schwerste was sie treffen könnte, wöge das Elend das sie gestiftet, noch
nicht zum tausendsten Theile auf!«

Könnern seufzte tief und starrte vor sich nieder, als Günther den Arm um
seine Schulter legte und sagte:

»Armer Freund -- auch Sie sind schwer, schwer getroffen, denn es muß
hart, recht hart sein, der Liebe erste Blüthe so geknickt zu sehen!«

»Und glauben Sie, daß ich Elise je verlassen könnte?« rief Könnern,
rasch zu ihm aufschauend -- »soll das Kind die Schuld der Eltern büßen,
dem alttestamentarischen Rachespruche nach? Was würde aus ihr, wenn sie
allein stände in der Welt mit dem Gedanken, daß sich selbst _der_
treulos von ihr abgewandt, dem sie ihr ganzes, reiches Herz zu eigen
gab?«

»Das ist schön und edel von Ihnen gedacht,« sagte Günther seufzend;
»aber wollen Sie Ihre _Frau_ der Bosheit des Leumunds aussetzen, wenn
Sie nach Deutschland zurückkehren? Halten Sie die Abstammung Ihrer Frau
so geheim Sie wollen, ein unglücklicher Zufall kann sie stets verrathen,
und könnten Sie -- selbst nur mit dem Bewußtsein solcher Gefahr -- Ihres
Lebens auch nur einen Augenblick froh werden?«

»Und was kümmert _mich_ das Urtheil der Menge,« rief Könnern trotzig,
»die ja immer nur Freude an dem Unglücke des Nächsten hat?«

»Sie vielleicht nicht, aber glauben Sie, daß Ihre Frau die Verachtung
der Gesellschaft ertragen könnte, ohne sich wenigstens unglücklich und
elend zu fühlen?«

»Dann kehren wir zurück nach Brasilien!« rief Könnern aus. »Verweigert
mir die Heimath das Glück, das ich in ihr genießen könnte, dann hat sie
auch kein Recht, meine weitere Liebe zu fordern, und die Fremde mag
dann mein Vaterland werden und bleiben. Verlieren Sie kein Wort weiter
darüber, Günther -- ich weiß, Sie meinen es gut und haben in Ihrer Art
vielleicht auch Recht -- aber Sie thun mir nur weh und sind nicht im
Stande, Etwas an meinem festen Entschlusse zu ändern.«

»Genug davon, mein lieber Könnern,« sagte Günther, ihm die Hand reichend
und die seine herzlich drückend; »ich ehre Ihr edles Herz, und diese Stunde
wird uns fortan nur fester binden! Vielleicht läßt sich auch Alles noch
günstiger gestalten, als wir jetzt glauben. Noch weiß Niemand um das
Geheimniß, als wir Beide, denn glücklicher Weise haben wir die Comtesse
noch zur rechten Zeit beseitigt. Was aber jetzt geschehen muß, kann hier
nicht auf offener Straße besprochen werden -- zu übereilen ist außerdem
Nichts, und wir wollen Beide die Sache ruhig beschlafen. Morgen sehen
wir Alles mit kälterem Blute und können dann ruhig beschließen, was
geschehen soll. Hier nähern wir uns überdies auch der Colonie, und es
ist besser wir sitzen auf. Der neue Director ist schon angekommen, nicht
wahr? Ich sehe da wenigstens seine würdigen Untergebenen, ein paar
betrunkene Soldaten, die sich jetzt müßig in der Stadt herumtreiben und
Nichts als Unheil anstiften werden.«

»Allerdings -- schon vor einigen Tagen, und es ist sogar möglich, daß
Sarno heute Abend die Colonie verläßt, um mit dem Dampfer nach Rio
hinauf zu fahren. Jedenfalls wird er im Laufe des morgenden Tages
abreisen.«

»Dann lassen Sie uns ein wenig rascher austraben,« sagte Günther, »denn
ich möchte ihn gern noch sprechen« -- und seinem Pferde die Sporen
gebend, sprengte er im Galopp die Straße entlang. -- Unterwegs sah er
sich wohl nach Felix um, denn er hatte sich mit ihm kein Rendez-vous
gegeben und wußte gar nicht, wohin er sich heute Abend gewandt haben
konnte. Aber Santa Clara war auch nicht so groß, daß er lange nach ihm
hätte suchen müssen, und im Laufe des Tages war er ziemlich sicher ihn
irgendwo zu treffen.

Sarno fanden sie zu Hause und eifrig mit Packen beschäftigt. Als sie zu
ihm in's Zimmer traten, drehte er sich nach Günther um und rief lachend:
»Beinahe hätten Sie mich hier gar nicht mehr gefunden. Alle Wetter, die
Frau Präsidentin hat Eile gehabt!«

»Wenn Sie meinem Rathe folgen, gehen Sie _gar_ nicht,« sagte Günther.
»Der Präsident hat kein Recht, Sie so ohne Weiteres, ohne wichtige
Gründe Ihres Dienstes zu entlassen. Bleiben Sie hier und schicken Sie
mich mit dem Dampfer nach Rio. Ich garantire Ihnen, daß ich einen
Gegenbefehl bringe.«

»Ich danke Ihnen, Herr von Schwartzau,« sagte Sarno trocken -- »aber ich
habe nicht Lust, mich hier mit dem Herrn Director herum zu zanken, nur
der unter solchen Umständen sehr zweifelhaften Ehre wegen, Director zu
bleiben. Außerdem hat der Herr sich auch gleich eine Abtheilung Soldaten
mitgebracht und würde nicht säumen, selbst gewaltsamen Besitz von dem
Directionsgebäude zu nehmen.«

»Darauf ließe ich es ankommen.«

»Ich nicht. Mit diesem Präsidenten, oder vielmehr seiner Frau Gemahlin
an der Spitze danke ich außerdem für den Posten. Ja, wäre _da_ eine
Änderung getroffen, dann von Herzen gern, aber wie die Verhältnisse
jetzt stehen, _nicht_. Ich bin fest entschlossen, mit dem Dampfer nach
Rio zu fahren.«

»Gut, dann aber folge ich Ihnen. In kurzer Zeit kann ich meine sämmtlichen
Arbeiten hier beendet haben, und dann sprechen wir ein weiteres Wort über
diese Präsidialwirthschaft, der unter jeder Bedingung ein Ende gemacht
werden muß. Ich habe haarsträubende Dinge in Santa Catharina gehört und
Beweise dafür in Händen, mit den achtbarsten Leuten der Insel zu Zeugen.
Denen wird die Regierung in Rio ihr Ohr nicht verschließen.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Bemühungen, aber es wird Nichts
helfen,« sagte Sarno achselzuckend -- »hier in Brasilien geht nun einmal
Alles seinen gewohnten Schlendrian, und nur wer keine schmutzigen Hände
scheut, kann sich allein emporarbeiten. Ich passe aber zu derlei Intriguen
nicht, und werde ruhig wieder meine Vermessungen beginnen, bei denen ich
doch wenigstens nur Arbeit und keinen Ärger habe.«

»Aber Sie bleiben, bis ich komme, in Rio?«

»Ich werde unter fünf oder sechs Wochen nicht von dort wegkommen.«

»Desto besser -- dann treffen wir uns jedenfalls. Sie wohnen?«

»Im Hotel Pharoux.«

»Schön; weiter brauche ich Nichts.«

»Und Könnern?« fragte Sarno und sah lächelnd zu seinem jungen Freunde auf
-- »haben Sie reussirt? Aber zum Henker, Mann, Sie sehen so melancholisch
aus! Ich will doch nicht hoffen, daß Sie einen Korb nach Hause bringen?«

»Elise wird mein Weib,« sagte Könnern fest.

»Und dabei schneiden Sie ein Gesicht,« lachte Sarno, »als ob Ihnen das
größte Unglück begegnet wäre. Sie haben Etwas auf dem Herzen...«

»Ja« sagte Könnern zögernd -- »es ist -- Etwas vorgefallen, das mein
Glück nicht stört, aber doch hinausschiebt; gestatten Sie mir jedoch,
daß ich jetzt noch darüber schweige.«

»Mein lieber, bester Freund!« rief Sarno gutmüthig -- »Sie glauben doch
um Gottes willen nicht, daß ich Sie habe aushorchen wollen?«

»Sie sollen Alles erfahren, denn ich bin es Ihnen schuldig,« erwiederte
Könnern, »aber -- ich muß erst selbst mit mir im Klaren sein. Ehe Sie
Rio verlassen, sehe ich Sie jedenfalls dort, denn auch mich werden bis
dahin meine Geldgeschäfte nöthigen, die Hauptstadt zu besuchen. Wen habe
ich denn auch noch in Santa Clara, wenn Sie Beide den Ort verlassen?«

»Dann treffen wir uns also Alle in Rio, und nun kommen Sie her und helfen
Sie mir ein Wenig mit packen, daß ich die verwünschten Kisten und Koffer
in Ordnung kriege. Das weiß der Böse, was man für eine Quantität Gepäck
zusammenbringt, wenn man sich erst einmal ein paar Jahre an einem Platze
aufgehalten! Ein Glück nur, daß mir Herr von Reitschen -- durch einen
Unterhändler natürlich -- meine Möbel hat abkaufen lassen, ich müßte
sonst wahrhaftig eine Auction anstellen.«

Könnern wie Günther halfen jetzt Beide dem Freunde seine Sachen ordnen,
da die Abfahrt des Dampfers auf heute Abend festgesetzt war, und Sarno
sich gegen vier Uhr, um die rückgehende Fluth zu benutzen, einschiffen
mußte. Eine Menge Leute, und zwar die achtbarsten der Colonie, kamen
auch heute noch, ihrem bisherigen Director Adieu zu sagen und ihm zu
versichern, wie leid es ihnen thue, daß er sie verließe. Dann kam der
Transport des Gepäcks zum Boote, welchen Jeremias übernommen hatte, und
mit seinem Handkarren wahre Wunder leistete.

Der Weg zur Landung war allerdings nicht so nahe, aber er ging von der
Thür des Directionsgebäudes an immer leise bergab, und der kleine kräftige
Bursche lud enorme Quantitäten von Koffern und Kisten auf, mit denen er
dann im scharfen Trabe und in Schweiß förmlich gebadet, aber immer guter
Laune, seinem Bestimmungsorte zueilte.

Der letzten Fuhre folgten die drei Freunde zusammen, und unten an der
Bootlandung lagen sämmtliche Soldaten faul ausgestreckt im Schatten und
sahen zu, »wie der alte Director fortgeschickt wurde.« Sie lachten auch
unter einander und machten ihre frechen Bemerkungen, aber keiner der
Drei achtete auf sie. Die verschiedenen Colli wurden an Bord genommen,
und Sarno wandte sich jetzt erst noch einmal zu seinem bisherigen treuen
Factotum, Jeremias, welcher sich bescheiden zurückgezogen hatte und
neben seinem leeren Karren stand.

»Hieher, alter Freund,« sagte er zu ihm -- »Du bist der Letzte, der noch
eine Forderung an mich hat.«

»Wenn Sie's nur gar nicht erwähnen wollten, Herr Director,« sagte
Jeremias, und die Thränen standen ihm dabei in den Augen -- »hol's der
Teufel, ich wollte -- es wäre der Andere, den ich hätte herunterkarren
müssen! Hurrje, mit welchem Vergnügen wäre das geschehen -- aber Gott
straf' mich, wenn er hier in der Colonie eine Stunde seines Lebens froh
werden soll! _Da_ ist er, das ist richtig, aber er wird froh sein, wenn
er den Platz hier erst wieder mit dem Rücken ansieht!«

»Mach' keine dummen Streiche,« warnte ihn Sarno, »und gebt dem Herrn
keine gegründete Ursache zur Klage; Ihr habt es Euch sonst selber
zuzuschreiben, wenn er Euch das Leben sauer macht.«

»Ja, aber...«

»Schon gut, Jeremias -- hier ist eine Kleinigkeit für Deinen letzten
Monat und die heutige Arbeit...«

»Aber Herr Director!« rief Jeremias ordentlich erschreckt, als ihm Sarno
eine ganze Hand voll Milreis in den Hut warf -- »das kann ich ja gar nicht
nehmen -- ich bin so den letzten Monat schmählich faul gewesen -- das
müßte mir ja auf der Seele brennen!«

»Dann betrachte es als Strafe,« lächelte Sarno -- »und nun Adieu, Ihr
lieben Freunde, die Ihr noch bis zuletzt bei mir ausgehalten habt. Adieu,
Könnern, Adieu, Schwartzau, auf Wiedersehen in Rio!« und in das Boot
springend, gab er das Zeichen zum Abstoßen. Die Ruderer ließen ihre
Riemen einfallen; der Bug des trefflich gebauten Bootes fiel vom
Lande ab, und während noch ein freundliches Lebewohl herüber- und
hinübergewinkt wurde, schoß das kleine Fahrzeug seine Bahn entlang
dem Dampfer zu.

Hinter ihm aber folgte ein anderes kleineres, von vier Soldaten
gerudert, welches den Befehl gehabt zu warten, bis der bisherige
Director unterwegs sei. Es brachte die Briefe und Depeschen des neuen
Directors an Bord.

Herr von Reitschen hatte sich dem Abschied von seinem Vorgänger
entzogen.




10.

Bux & Comp.


Könnern und Günther waren zusammen Arm in Arm in der Richtung nach
Bohlos' Hotel, wo sie jetzt wohnten, zurückgegangen, und Jeremias
folgte ihnen in einiger Entfernung mit dem leeren Karren. Er hatte das
erhaltene Silber in seine Hosentasche gesteckt und fühlte von Zeit zu
Zeit danach, sah sich auch wohl manchmal in der Straße um, ob ihm das
Gewicht nicht etwa die Tasche zerrissen hätte und er jetzt, zum Besten
der Colonisten, Milreis auf den Weg streue. Unterwegs aber, als er sich
ziemlich allein sah, blieb er stehen, hob seine Tasche etwas mit der
rechten Hand und sagte leise vor sich hin:

»Verwünscht schwer geworden heute -- kann's wahrhaftig nicht mehr länger
so am Beine herumtragen und muß wieder einmal damit auf die »Bank« gehen
-- und kann ich abkommen? Hm! Bei meinem jungen Herrn Grafen die Pferde
abreiben, denn die werden wieder schön abgehetzt nach Hause gekommen sein
-- aber das kann warten -- thu' ich hernach beim Füttern -- bei Bodenlos
sollte ich heute Flaschen spülen -- das hat auch bis morgen Zeit -- beim
Baron die Pfeifen rein machen -- er mag heute noch einmal aus einer alten
rauchen -- und beim Tischler Bitter -- Donnerwetter, der hat heute
Kindtaufe und dem sollt' ich den Kuchen vom Bäcker holen, das hab' ich
doch in den Boden hinein vergessen! Na, jetzt ist's doch zu spät und er
wird sich ihn nun wohl selber geholt haben, der Kindtaufsvater -- man
kann ja auch nicht an Alles denken, und heute ist's überhaupt zugegangen
wie in Sodom und Gomorrha. Also abgemacht -- zuerst geh' ich auf die
Bank und deponire meine Capitalien -- dann müssen vor allen Dingen die
Pferde besorgt werden, und nachher -- ach was, nachher ist Feierabend
und morgen noch ein Tag!« -- und damit hakte er sein Tragband wieder ein
und zog den Karren pfeifend die Straße hinauf und der Stelle zu, wo er
ihn gewöhnlich unterstellte -- in einem von Bohlos' Schuppen. -- --

Oben vor seinem Hause stand Justus Kernbeutel, und zwar heute, mitten
in der Woche, in seinem Sonntagsstaat, einem blauen Frack mit gelben
Knöpfen, einem Paar großcarrirter Hosen, gelber Piquéweste, einer
hellblauen seidenen Halsbinde und einem zwar etwas abgetragenen, aber
doch wieder sorgfältig abgebürsteten Hut auf, ein kleines spanisches
Rohr mit einem großen geschliffenen Glasstein als Knopf unter dem Arm,
und jedenfalls gerade im Begriff, irgend einen wichtigen Besuch zu
machen -- denn zu einem Spaziergang brauchte er sich nicht so
anzuziehen.

Die Straße herauf kam ein junger Mann im Schritt angeritten; er war in
die gewöhnliche Tracht der dortigen brasilianischen Farmer gekleidet,
mit breitrandigem Strohhut auf, und gerade als sich Justus zum Gehen
wandte, rief er ihn an: »He -- holla -- halt, Freund!«

Justus drehte sich um und wartete auf ihn, und als er herankam, sagte er
weiter Nichts als: »Und?«

»Ihr wollt ausgehen?« fragte der junge Mann -- »da komme ich gerade zur
rechten Zeit. Ist mein Rock fertig?«

»Morgen,« sagte Justus in größter Gemüthsruhe -- »nur noch die Knöpfe
anzusetzen.«

»Ei zum Henker, Mann, das hättet Ihr dann aber auch noch vorher thun
können! Ich brauche den Rock heute Abend und werde nun schon drei Wochen
immer von Tag zu Tag darauf vertröstet. Wenn Ihr nicht arbeiten wollt,
so sagt's doch lieber gleich heraus und habt die Leute nicht zum Narren.«

»Hoho,« rief Justus, »nur nicht so vornehm, Herr Köhler -- hier in
Brasilien thut Jeder, was ihn freut, und ein Künstler läßt sich nun
einmal gar keine Vorschriften machen.«

»Ach was, Künstler,« rief Köhler ärgerlich, »wenn die Schneider auch noch
Künstler werden, nachher hörts auf!«

»Ich verbitte mir alles Schimpfen!« rief Justus und wurde ganz roth im
Gesichte.

»Holla, zankt Euch nur nicht,« lachte ein Vorübergehender, der Wirth
Buttlich; »Ihr Deutschen sollt ja _einig_ sein, wißt Ihr denn das nicht?
Ist ja eine ganz alte Geschichte --« und vergnügt vor sich hinpfeifend,
schlenderte er in eine Nebenstraße hinein.

»Zanken,« brummte Justus vor sich hin, »wer zankt sich denn? Ich will ja
gern meine Kunden befriedigen, wenn sie nur höflich sind. Das ist das
Wenigste, was ein Künstler außer der Bezahlung verlangen kann.«

»Und wann soll ich den Rock haben?«

»Morgen früh bestimmt, auf Ehre!« rief Justus; »mehr kann ich nicht
sagen, das ist mein höchster Schwur.«

»Und um wie viel Uhr kann ich herunterschicken?«

»So früh Sie wollen, und wenn's um neun Uhr ist.«

»Gut; aber was ist denn das, Kernbeutel, seid Ihr irgendwo zu Gevatter
gebeten, daß Ihr Euch so furchtbar herausgedonnert habt? Ihr glänzt ja
ordentlich wie ein neuer Knopf.«

»Hm,« schmunzelte Justus, an seinen carrirten Beinen hinuntersehend,
»heute ist #Thé dansant# und Concert bei Zuhbel, zur Feier des neuen
Directors -- wenigstens dazu, daß wir den alten los sind, und da muß man
sich doch anständig anziehen.«

»Hm, da hättet Ihr auch etwas Besseres feiern können,« meinte der junge
Mann. »Der alte Director war ein Ehrenmann, und ich will zu Gott hoffen,
daß der neue eben so gut einschlägt, glaub's aber nicht. Wenn Ihr übrigens
nach Zuhbels hinaufgeht, so haben wir, wenigstens ein kurzes Stück,
_einen_ Weg, denn ich will nach Barthel's Chagra hinüber.«

»Da reiten Sie aber doch näher die Straße, die hier hinüberführt.«

»Es ist dort eine Colonie ausgemessen, die ich mir einmal ansehen wollte,«
sagte Köhler -- »der Bach läuft durch, und vielleicht ließe sich dort
eine Mühle anlegen.« -- Und die beiden Männer, Justus neben dem Pferde
her, hielten zusammen die Straße hinauf, bis sie ein Stück im Walde
waren; dann bog Köhler links ab an dem Hange hin und Justus Kernbeutel
setzte seinen Weg allein fort.

Es ging hier eine kurze Strecke ziemlich steil hinauf, und Justus, der
nicht wünschte, sich in Schweiß zu bringen, stieg sehr langsam bergan.
Die Sonne war noch eine halbe Stunde hoch, und er konnte, ohne sich zu
übereilen, Zuhbel's Chagra recht gut vor oder wenigstens mit
Dunkelwerden erreichen.

Als er die Höhe des Weges gewonnen hatte, an der rechts ein steiler,
aus rauhen Blöcken bestehender Felshang emporragte, drehte er sich um,
theils um auszuruhen, theils um einen Blick auf die sich hier weit
ausdehnende Scenerie zu werfen, die am Horizont sogar durch das Meer
begränzt wurde. Das Städtchen selber konnte er von hier oben aus nicht
sehen, da es hinter dem dichten Gebüsche und Unterholze versteckt lag.

Justus war übrigens, wie man danach vielleicht hätte glauben können,
keineswegs ein großer Verehrer von Naturschönheiten, und wenn er einen
großen Berg hinaufstieg, fluchte er gewöhnlich leise vor sich hin, bis
er oben war; aber er versäumte nie, auf allen den Punkten gewissenhaft
anzuhalten, von wo aus er das Meer sehen konnte, und auch nicht etwa,
weil er es liebte -- Gott bewahre -- nein, nur um sich zu freuen, daß er
nicht mehr darauf war und festen Boden unter seinen Füßen hatte.

Auf der ganzen Seereise war er nämlich, von dem Augenblicke an wo er
sich in Bremerhaven eingeschifft, bis zu dem Moment wo er in die Mündung
des Santa Clara mehr wie ein Sack, als wie ein lebendiger Passagier
hineingerudert worden, so seekrank gewesen, daß ihm noch bis auf den
heutigen Tag übel wurde, wenn er nur Theer roch und dadurch wieder
lebhaft an seinen Aufenthalt an Bord erinnert wurde. Sah er aber so
recht von Weitem aus die endlose blaue Fläche, oder konnte er gar die
weißen Kämme überstürzender Wellen erkennen, dann erfaßte ein eigenes
inneres Wohlbehagen seine Seele, er rieb sich die Hände, stampfte mit
den Füßen, schnalzte mit der Zunge und machte oft die wunderlichsten
und außergewöhnlichsten Capriolen, um sein unbändiges Vergnügen
auszudrücken.

Heute fühlte er sich dazu in ganz besonders günstiger Stimmung -- war
es die Aussicht auf den vergnügten Abend, war es der neue Anzug, den er
trug und den er, in Ermangelung eines Modejournals in Santa Clara, einem
Theil der Bevölkerung vorzuführen dachte; war es vielleicht die frische,
kühle Abendluft, die hier draußen wehte, oder auch die Wirkung einiger
Gläser Cognac, die er vorher zu sich genommen, kurz, er blieb stehen,
nahm den Hut ab, machte dem einige Meilen entfernten Meere eine sehr
formelle, ehrerbietige Verbeugung und sagte:

»Ich empfehle mich Ihnen ganz gehorsamst, sehr verehrtes Brechmittel,
Salzwasserpfütze verfluchte, die Einen herumschlenkert, daß man am Ende
gar nicht einmal mehr weiß, wo Einem der Kopf oder wo die Füße sitzen.
Hier, hier komm' her, wenn Du dazu Courage hast -- hier auf dem Felsen
schaukele mich einmal, wenn Du kannst, und wirf mich herüber und hinüber,
wie einen schlechten Groschen -- ääh!« setzte er hinzu, eine Grimasse
gegen das Meer ziehend -- »so viel für Dich und alle das dumme Gesindel,
das sich auf Dir jetzt herumschütteln läßt, um nach Brumsilien zu kommen
-- hei, wie die Kerle torkeln und wie hundeschlecht ihnen ist -- wie sie
würgen und ächzen -- wenn ich sie nur sehen und meine Freude an ihnen
haben könnte! -- Hurrah für festen Boden -- hurrah hoch für soliden
Steingrund!« -- und seinen Hut in die Luft werfend, machte er selber
einen Sprung und schlug dabei mehrere Mal die Füße zusammen.

»Na, Gott straf' mich,« sagte da plötzlich eine Stimme dicht an seiner
Seite, »wenn das nicht über den grünen Klee geht!«

Erschreckt fuhr Justus herum, denn er hatte vorher keinen Menschen
bemerkt, und ein unheimliches Grausen lief ihm über den Rücken, als er
auch jetzt noch Niemanden neben sich sah, denn der Weg war vollkommen
leer.

»Bux!« -- der Gedanke schoß ihm plötzlich durch's Hirn, als er laut den
Namen rief -- »das ist kein Anderer, als der verfluchte Bux -- wo nur
der Himmelhund steckt?«

Ein lautes, ordentlich wieherndes Gelächter antwortete ihm von einem der
Felsen unweit der Straße, und als er hinaufsah, saß der Bauchredner da
oben, schnitt aber jetzt schon wieder ein so finsteres Gesicht, daß
Justus ordentlich unsicher wurde, ob nun nicht eben Jemand neben ihm
durch den Bauch gelacht und es nur so geschallt hätte, als ob der Ton
von da oben käme.

»Was, zum Teufel, machst Du denn da auf der Kanzel oben?« rief er ihm
erstaunt zu.

»Gerade das Entgegengesetzte von dem, was Du thust,« sagte Bux mürrisch
-- »ich gucke 'nunter und Du 'rauf. Aber komm' her, ich habe was mit Dir
zu reden.«

»Ja, komm' her, das ist leicht gesagt,« meinte Justus, »aber wie kann ich
hinauf? Komm' Du hieher, das ist bequemer.«

»Wenn Du nicht willst, läßt Du's bleiben,« brummte der mit der
Silbertresse -- »so behalt' ich's für mich.«

»Hm,« sagte Justus, neugierig werdend -- »ich zerreiße mir die neuen
Hosen und will noch in Gesellschaft.«

Bux antwortete ihm nicht und pfiff gleichgültig in's Blaue hinein, und
Justus, der jetzt eine Stelle entdeckt zu haben glaubte, an der er ziemlich
bequem aufwärts steigen konnte, kletterte mit einigen Schwierigkeiten,
denn seine »Strupfen« genirten ihn, über das rauhe Gestein empor, wobei
er besonders ängstlich den Dornen auszuweichen hatte. Als er übrigens
unterwegs einmal nach oben sah, war Bux verschwunden, und erst als er den
Stein selber erreichte auf dem er gesessen, entdeckte er den Bauchredner
hinter den Felsen dort, wo er von dem Wege aus gar nicht gesehen werden
konnte. Er hatte sich auf ein kleines Fleckchen Grasboden geworfen und
schien die Ankunft seines neuen Freundes ruhig zu erwarten.

»Was, zum Henker, machst Du denn hier?« sagte Justus, als er den Platz
endlich erreicht hatte und sich dabei das linke Knie rieb, das er sich
gegen einen Felsen gestoßen. »Das ist ja ein ganz verfluchter Weg hier
herauf.«

»Ich überlege mir eben,« sagte Bux ruhig, »ob ich mich am Liebsten hängen
oder ersäufen soll, denn so viel Geld habe ich nicht mehr, um mir eine
Ladung Pulver und eine Kugel zu kaufen, und zum Hängen kann man Bast
nehmen. Aber ich glaube, das Ersäufen sagt meiner Natur besser zu.«

»Und um Dich zu ersäufen, bist Du hier oben auf den Berg geklettert,«
lachte Justus, »wo nicht einmal so viel Wasser ist, um sich die Finger
naß zu machen zum Banknoten zählen? Das ist nicht so übel.«

Bux antwortete nicht; er lehnte sich mit dem Rücken an den Felsen, hielt
sein linkes Knie mit beiden Händen umspannt und schaute finster vor sich
nieder.

Justus sah ihn eine Weile an, dann fragte er: »Was war denn das, was Du
mir sagen wolltest?«

»Jetzt sitz' ich drin,« brütete Bux weiter, ohne die Frage zu beantworten
-- »mit den Vorstellungen ist es Nichts mehr. Gestern Abend waren drei
Personen drin, von denen zwei nicht einmal bezahlt hatten, und ich brauche
zwölf, um nur Beleuchtung und Miethe zu bezahlen. Die gottverfluchten
Schufte wollen mich zwingen, daß ich die Kinder nicht soll tanzen lassen,
und wozu hab' ich denn da die blutigen Rangen. -- Verhungern _will_ ich
aber nicht -- Gott straf' mich!« rief er, sein Knie loslassend und seine
Faust in die andere Hand schlagend -- »und wenn sie mich dazu
treiben....«

Seine Augen blickten stier und wild, und in den schmutzigen, gemeinen
Zügen glühte ordentlich Haß und tückische Bosheit.

»Ei, zum Wetter,« sagte Justus, der immer noch solidere Ansichten vom
Leben hatte -- »wenn's mit der »Kunst« nicht geht, dann versuch's einmal
eine Weile mit der Arbeit -- verding' Dich bei einem Bauer und....«

»Daß ich mich schinde und plage für ein paar Milreis, nicht wahr, nur um
der Heulliese, meiner Frau, und den Rangen die Bäuche zu füllen? Verdammt,
wenn ich's thue -- da versuch' ich noch wenigstens erst, ob nicht auf
andere Weise 'was zu machen ist -- he, Schneider!« sagte er plötzlich
und sah zu Justus mit einem scharfen, forschenden und doch mißtrauischen
Blick auf -- »bist Du ein Kerl, auf den man sich verlassen kann?«

»Nanu?« sagte Justus und sah erstaunt zu ihm nieder.

»Ich meine,« fuhr Bux fort, »ob Du das Herz auf dem rechten Fleck hast,
wenn es einmal gilt. Du bist auch arm wie eine Kirchenmaus, wenn Du auch
jetzt die paar bunten Lappen um Dich herum hängen hast; die Schulden
fressen Dich bald auf, und eh' das Jahr um ist, jagen sie Dich so zum
Platz hinaus -- halt's Maul, ich weiß Alles, und mir brauchst Du Nichts
weis zu machen, aber -- _wenn_ Du Dir nun mit _einem_ Griff helfen und
Alles wieder in's Reine bringen könntest?«

»Donnerwetter!« sagte Justus, und seine Augen wurden immer größer -- »was
hast Du nur? _Weißt_ Du einen Fleck, wo ein Haufen Gold liegt -- aber
warum hast Du ihn Dir da nicht schon lange selbst geholt?«

»Weil Einer allein Nichts ausrichten kann,« knurrte Bux, »und mit meiner
Vettel von Weib Nichts anzufangen ist. Doch ich will nicht länger hinterm
Busche halten, denn Du verräthst mich nicht, so viel weiß ich -- dächtest
Du daran, bei Höll' und Teufel, ich risse Dir das Herz lebendig aus dem
Leibe!«

»Aber was hast Du nur?« rief Justus wirklich erschreckt.

»Hör' zu,« sagte Bux, sich selbst auf diesem abgelegenen Platz scheu
umsehend, ob sie Niemand höre -- »Du weißt, daß der neue Director
angekommen ist.«

»Jedes Kind weiß das,« brummte Justus -- »wir feiern's heute.«

»Du weißt aber nicht, daß er einen Haufen Geld mitgebracht hat,« fuhr
Bux fort, »um eine Menge Leute abzulohnen, welche der frühere Director
angestellt hatte.«

»Und was hilft _uns_ das?«

»Von Buttlich weiß ich's, »fuhr Bux fort, ohne sich stören zu lassen
-- »und ich selber habe gesehen, wie der schwere Koffer hinauf getragen
wurde. Buttlich hat mir aber ebenfalls erzählt, daß nächster Tage eine
große Gesellschaft oder ein Ball bei der Frau Gräfin ist -- dahin geht
der Director jedenfalls, und das Haus ist oben leer -- Justus, hast Du
Courage?«

»Ne,« sagte dieser, ganz entschieden mit dem Kopf schüttelnd -- »zu so
'was nicht -- hol's der Teufel, das klingt im Anfang ganz gut, aber
nachher wird's auf einmal faul, und dann sitzt man drin. Ne, Bux, das
wollen wir doch lieber _nicht_ machen.«

»Memme!« knirschte der Bursche zwischen den Zähnen durch -- »habe mir's
bald gedacht, daß Du zu Nichts zu gebrauchen bist.«

»Und wenn sie uns erwischen?«

»Wenn wir's so dumm machen, verdienen wir's nicht besser!«

»Ne,« sagte Justus noch einmal nach einer kleinen Pause, in welcher er die
Sache hin und her erwogen hatte -- »ich verdiene gern einen Thaler Geld
und -- bin auch nicht übereigen, _wie_, aber auf _die_ Art -- nachher in
Eisen nach Rio hinauf geschafft werden und dort in _das_ Loch, wo man erst
am gelben Fieber stirbt, ehe man gehangen wird -- Gott soll mich bewahren,
da -- ernähr' ich mich lieber von meiner Kunst, wenn's auch ein Hundeleben
ist!«

»Esel!« grinste da Bux plötzlich vor sich hin -- »Du bist doch, Gott
straf' mich, zu dumm, daß Du glaubst, ich dächte an so 'was. Sitzt der
Kerl auf -- hahahahaha!«

Justus sah ihn erstaunt an.

»Also war's nur Spaß?« fragte er verdutzt.

»Na, Du glaubst wohl ich wär' ein Einbrecher im Ernst?« lachte Bux -- »ne,
Justus, für dumm hab' ich Dich immer gehalten, aber für _so_ dumm doch
wahrhaftig nicht.«

»Du machtest aber so ein ernsthaftes Gesicht dabei.«

Bux war aufgestanden und sah über den Felsen hin nach dem Weg hinüber.
Sein scharfes Ohr hatte einen Schritt auf dem harten Boden gehört, und
es dauerte auch nicht lange, bis ein Mann den Weg kam, der anscheinend
die Richtung nach Zuhbel's Chagra einschlug.

»Kommt Jemand?« fragte Justus.

»Ist das nicht der Lump, der Jeremias?« sagte Bux, der nur eben mit
seinen Augen über den Stein hinausschaute -- Justus nahm seinen Hut ab
und sah ebenfalls vorsichtig hinüber.

»Ja wohl,« flüsterte er, »das ist die rothköpfige Canaille, seine Perrücke
leuchtet ja wie Feuer durch den Wald. Wo will denn der noch heute Abend
hin? zu Zuhbel's doch wahrhaftig nicht, denn der würf' ihn den Augenblick
aus dem Hause.«

»Und wie er sich immer umguckt,« flüsterte Bux zurück, »genau so, als ob
er ein bös Gewissen hätte.«

Es war in der That Jeremias, der, seinen Hut in der Hand, den Weg von der
Colonie herauf gekommen war und jetzt auf derselben Höhe stehen blieb, auf
welcher Justus gehalten, um nach der See zurückzuschauen. Auch Jeremias
sah sich ein paar Mal um, aber es schien, als ob die Scenerie seine
Aufmerksamkeit nicht fesseln könne, denn er drehte den Kopf bald der
Richtung zu, von welcher er gekommen, bald der entgegensetzten, gerade
als ob er Jemanden erwarte und nicht wisse, von welcher Seite er kommen
würde.

»Was zum Teufel hat denn der? Auf wen wartet er denn?« flüsterte Bux,
als Justus seinen Arm ergriff, drückte und ihn durch ein Zeichen warnte,
vorsichtig zu sein. Bux sah ihn erstaunt an. Jeremias, der nicht daran
dachte, daß da oben zwischen den Steinen irgend ein menschliches Wesen
sitzen könne, schritt vorsichtig weiter und bog endlich, kurz vorher,
ehe ihn die Wendung der Straße den Nachblickenden verborgen haben würde,
in eben dieselbe Felswand ein, in der die Beiden standen.

Er mochte jetzt ungefähr hundert Schritte von ihnen entfernt sein, als
Justus sich zu Bux überbog und flüsterte:

»Bux, ich setze meinen Hals zum Pfande, daß der Schuft jetzt nach dem
heimlichen Verstecke kriecht, wo er sein Geld vergraben hat. Wenn wir
_das_ ausfinden könnten, da wäre ein Fang zu machen, und _dem_ Halunken
gönnt' ich's.«

»Glaubst Du wirklich?« zischelte Bux zurück und stieg auf einen der
nächsten Steine, um den kleinen Burschen nicht aus den Augen zu verlieren.
Es war jetzt auch gar keine Gefahr mehr, daß sie gesehen würden, denn
Jeremias drehte ihnen den Rücken zu.

»Gewiß,« sagte Justus -- »was sollte er denn sonst hier oben zwischen
den Steinen herum zu kriechen haben, und daß er Geld irgendwo vergräbt,
weiß ich ganz gewiß.«

»Komm,« winkte Bux, als Jeremias jetzt gerade hinter dem Rücken der
nächsten Abdachung verschwunden war -- »zwischen den Blöcken hier kann
er uns nicht sehen, und vielleicht bekommen wir ihn da drüben wieder
in Sicht« -- und ohne eine weitere Antwort seines Kameraden abzuwarten,
sprang er von seinem Stein herunter, und glitt wie eine Schlange zwischen
den Felsstücken hin der Richtung zu, in der Jener verschwunden war. Justus
konnte ihm in seinen engen Kleidern und besonders mit den Stegen an den
Hosen, welche ihn im Steigen hinderten, kaum folgen. Bux erwies sich
übrigens als ein vortrefflicher Spürhund, denn sein Terrain mit einer
wahren Meisterschaft benutzend und jeden Fels, jeden Baum zur Deckung
brauchend, pirschte er sich rasch und vollkommen geräuschlos weiter vor,
und sah sich nur manchmal unwillig nach Justus um, wenn dieser achtlos
auf einen dürren, knackenden Zweig trat oder an einen lockern Stein mit
dem Fuße stieß -- Dinge, die er verschiedene Mal möglich machte.

Jetzt hatte er den scharfen Kamm, welcher aber hier nicht so steil
ablief und einen Blick über die nächste enge Schlucht gestattete,
erreicht, und entdeckte auch Jeremias schon an der andern Seite
derselben, an der er in die Höhe kletterte. Die Schlucht lag übrigens
vollständig vom Wege ab und tief und sicher versteckt mitten im Walde.

Bux mußte hier abwarten, bis Jeremias wieder aus Sicht war, und Justus
kam indessen auch heran.

»Ist er da?«

Bux deutete nur einfach mit dem Arm über die Schlucht, wo die lichten
Kleider des Deutschen, der langsam an dem Hang hinstieg, deutlich hinter
den Büschen sichtbar waren, wohl einmal einen Augenblick verschwanden,
aber doch immer wieder zum Vorschein kamen.

»Wenn er noch lange macht,« flüsterte Justus, »geht die Sonne unter,
nachher wird's Nacht.«

Bux hob nur warnend die Hand, daß er schweigen solle, denn Jeremias war
stehn geblieben und bückte sich dort. Die beiden Männer schauten ihm mit
der gespanntesten Erwartung zu, aber keiner von ihnen sprach ein Wort
weiter, denn das da drüben mußte der Platz sein. Was Jeremias eigentlich
machte, konnten sie freilich nicht erkennen, aber während ihm Justus mit
größter Aufmerksamkeit zuschaute, merkte sich Bux genau die verschiedenen
Büsche, einen einzeln stehenden Baum, eine junge Palme und einen Felsblock,
an dem wie ein Teller groß ein Moosfleck wucherte.

Jeremias hatte sich etwa zehn Minuten an der Stelle aufgehalten; jetzt
richtete er sich wieder empor und schien erst vorsichtig umzuschauen, ob
er kein lebendes Wesen erkennen könne. Aber Todtenstille herrschte im
Walde, über welchem nur ein einzelner Raubvogel kreiste und dann und
wann seinen eigenthümlich schrillen Ruf ertönen ließ. Der kleine Bursche
mußte sich auch für vollkommen sicher halten, denn er stieg jetzt auf
einem andern Wege, als er gekommen, und vorsichtig von Stein zu Stein
tretend, gerade in die Schlucht hinab und der Richtung nach genau auf
die Stelle zu, wo die Beiden auf der Lauer lagen. Erwarten durften sie
ihn hier aber keinesfalls, und Bux, wieder hinter die nächsten Steine
zurückgleitend, ergriff Justus' Arm und zog ihn noch etwas weiter den
Hang hinauf hinter ein Dickicht von Lorberbäumen, wo er sich niederkauerte
und seinem Begleiter ein Zeichen gab, das Nämliche zu thun.

In dieser Stellung blieben sie etwa eine Viertelstunde, und erst als
die Sonne den obern Rücken der westlichen Gebirge berührte, hob sich
Bux wieder in die Höh und schritt auf seinen alten Stand zurück, um zu
erforschen, ob sich noch Etwas von Jeremias erkennen ließ. Dieser mußte
sich aber jedenfalls -- und für ihn auch der bequemste Weg -- die Schlucht
hinunter gewandt haben, deren Mündung wahrscheinlich unten wieder auf
den Weg oder doch wenigstens in dessen Nähe führte. Es war nicht das
Geringste mehr von ihm zu erkennen. Trotzdem zögerte Bux, hier gerade
die Schlucht hinab zu steigen, wo sie sich jedenfalls ganz offen zeigen
mußten, und zog es vor, einen kleinen Umweg zu machen. Dort begünstigte
sie außerdem das Terrain ganz besonders, da sich, ein kleines Stück
weiter oben, eine Terrasse über die Schlucht hinüber zog und dadurch
einen dünnen Wasserfall bildete, mit dem sich der Bergbach den Hang
hinunter warf. Sie erreichten, außerdem fast überall durch Gebüsch
gedeckt, die andere Seite der Schlucht dadurch viel früher und konnten
nun ohne weiteres Zögern ihrem Ziel entgegen rücken, denn so lange hatte
sich Jeremias hier keinesfalls ausgehalten. Außerdem durften sie nicht
mehr viel Zeit verlieren, denn schon rötheten sich die Wolken im Westen.

Bux versäumte aber auch in der That nicht viel Zeit. Seine Ortskenntniß
ließ Nichts zu wünschen übrig. Bald hatte er den einzeln stehenden Baum
und die junge Palme gefunden; dicht darüber stand der Stein mit dem
weißen Moosfleck, und hier war die Stelle, wo Jeremias, zu welchem Zweck
auch immer, gehalten hatte. Hier aber war auch der Grund so steinig,
daß er unter keinen Umständen gegraben haben konnte.

»Zum Henker auch!« brummte Justus, der sich überall umsah, »hier kann es
doch nicht sein; Du mußt Dich im Platze versehen haben; ich glaube, es
war weiter oben.«

»Dann such' Du weiter oben,« brummte Bux -- »wenn ich mir einmal einen
Ort gemerkt habe, find' ich ihn auch wieder, und hier war's. Hat er aber
hier Etwas versteckt, so ist's nicht _vergraben_, sondern liegt unter
einem Steine, und dem wollen wir verdammt bald auf die Sprünge kommen.
Paß Du nur ein Bißchen auf, daß wir nicht etwa überrascht werden -- wir
sind freilich unser Zwei, aber -- besser ist besser« -- und ungesäumt
hob er einige der nächsten Steine auf, ohne jedoch das Geringste zu
entdecken -- unter denen konnte Nichts verborgen sein.

»Teufel noch einmal!« brummte er endlich und richtete sich wieder auf
-- »wenn hier wirklich 'was liegt, ist es verflucht schlau weggestaut,
und weiß der Henker, wie er's gemacht hat, denn den großen Felsblock da
hat er doch wahrhaftig nicht heben können. Das brächten _zwölf_ Menschen
nicht zuwege.«

»Sieh 'mal hier,« sagte Justus, der etwas mehr seitwärts stand -- »da
ist eine Spalte in dem Fels, aber so eng, daß man nicht einmal den
Finger dazwischen bringen kann.«

Bux ging zu dem bezeichneten Platze, hatte ihn aber kaum ein paar
Secunden betrachtet, als er sich zu der Platte niederbog und daran
probirte.

»Bei Gott, die bewegt sich!« flüsterte er -- »und siehst Du, hier oben
ist auch Etwas von dem Stein abgestoßen, als ob Jemand mit einem eisernen
Instrument daran gewesen wäre.«

»Wenn man nur ein Messer dazwischen brächte.«

Bux hatte sein Taschenmesser schon heraus, und ohne die Klinge zu öffnen,
drückte er es ganz hinein und schob daran, bis sich der Stein etwas
ablöste und er die Finger dazwischen bringen konnte.

»Schieb Deinen Stock hinein, daß es mich nicht fängt.«

Justus gehorchte, und im nächsten Augenblick hob sich die Platte oben
los und zeigte einen ganz eigenthümlich geformten hohlen Raum im Innern,
der aber nur mit lockerm Gestein angefüllt schien. Es dämmerte außerdem
schon, und sie konnten kaum noch auf zehn Minuten Tageslicht rechnen.

»Halte die Platte -- so -- daß ich dahinter greife!« rief Bux -- »aber
laß sie nicht fallen.« Justus hielt sie mit zitternden Händen fest, und
Bux, der keine Rücksicht auf seine Kleider zu nehmen brauchte, zwängte
sich jetzt von der Seite hinein und warf die Steine drin zurück. Plötzlich
stieß er einen leisen Jubelruf aus: »Ich hab's!«

»Was?« rief Justus -- »was ist's?«

»Zieh die Platte noch ein klein Wenig zu Dir -- so -- noch ein Bißchen
-- so, jetzt geht's -- ein Sack -- ein Sack mit Geld -- hurrah, das war
geglückt!« und aus dem Gestein zerrte er einen klingenden Leinwandsack
heraus und hob ihn mit Mühe aus der Spalte mit einem Arme zu Tage.

»Jemine!« rief Justus und ließ die Platte los, die wieder in ihre
alte Lage zurücksank und so vortrefflich paßte, daß man nur mit großer
Aufmerksamkeit den Platz entdecken konnte.

»Esel!« schimpfte Bux -- »kannst Du denn den Stein nicht einmal halten,
bis man Dir's sagt? Wenn nun noch mehr drin stäke -- Du bist doch zu gar
Nichts zu gebrauchen.«

»Na, wie viel Säcke soll er denn haben,« lachte Justus -- »Junge, Junge,
in dem Beutel stecken wenigstens ihre dreihundert Milreis, wenn auch
nicht ein einziges Goldstück dazwischen wäre. Aber was machen wir jetzt
damit?«

»Wir theilen,« brummte Bux, der indessen mit einiger Mühe die Schnur
gelöst hatte, in den Sack griff, eine Hand voll Münzen herausnahm und
in seine Westentasche steckte.

»Du, laß mich auch einmal kosten,« sagte Justus -- »schmeckst Du
prächtig!«

»Komm hier fort!« sagte Bux, den Sack wieder zubindend -- hol's der
Henker, der Teufel könnte doch noch sein Spiel haben -- dort drüben im
Dickicht sind wir sicher.«

»Wenn wir nachher nur wieder zum Wege hinunter finden,« meinte Justus
ängstlich.

»Narr, der Mond geht ja in einer Stunde auf,« brummte der Bauchredner
-- »und hab' keine Angst -- _ich_ führe Dich sicher.« --

Jeremias, der einmal durch Zufall diesen wunderlichen Stein gefunden und
-- weil er keinem Menschen sein mühsam erspartes Geld anvertrauen wollte
-- zu seinem Depositorium benutzt hatte, war indessen wieder auf die
andere Seite der Schlucht hinübergestiegen und wollte derselben eben
thalabwärts folgen, um zu dem Wege und in die Stadt zurückzukehren. Da
entdeckte er an einer Stelle im Sand die Spuren eines Stiefels, welche
ziemlich frisch zu sein schienen, und er erschrak heftig darüber. War er
etwa von Jemandem bei seiner letzten Arbeit beobachtet? War sein Versteck
entdeckt worden? Doch das _konnte_ ja nicht sein. Die Fährten hier hatte
jedenfalls einer der Colonisten eingedrückt, der sich auf der Jagd in
der Gegend herumgetrieben, und bei dem jetzt trockenen Wetter konnten
sie eben so gut mehrere Tage alt sein -- was brauchte er sich deshalb
den Kopf zu zerbrechen. Außerdem brach auch die Nacht schon an, und er
stieg rasch den Hang hinab, um die Colonie noch vor völliger Dunkelheit
zu erreichen. Nichtsdestoweniger fühlte er sich heute Abend nicht so recht
behaglich -- es drängte ihn sogar ein paar Mal, wieder umzukehren und
sich selber zu überzeugen, ob Alles sicher sei -- wie aber konnte er
glauben, daß irgend ein Mensch der Welt -- noch dazu in der Dunkelheit
-- _die_ Stelle ausfinden sollte.

»Und ich wollte doch, ich hätte dem Director das Geld mit nach Rio
gegeben,« brummte er endlich leise vor sich hin -- zum Kuckuck, _ich_
habe den Platz gefunden und ein Anderer könnte auch einmal darüber
stolpern -- und noch dazu jetzt, wo das nichtsnutzige Soldatenvolk
überall herumschnüffelt und spionirt -- daß die braunen Bestien alle
der Teufel hole!«

Er hatte den Weg jetzt erreicht und schlenderte langsam eine Strecke
darauf hin. Die Sonne war unter und es dämmerte schon stark. Er blieb
wieder stehen.

»Ist mir doch ganz curios heut zu Muthe,« murmelte er, indem er sich
nach den Bergen umsah, »und ich gäb' was drum, wenn ich noch eine Weile
da oben geblieben wäre -- es wurde nur gar so spät -- und in den alten
Felsblöcken kann man Nachts Hals und Beine brechen.«

Er horchte erschreckt empor -- war es ihm doch fast, als ob er in der
Richtung nach seinem versteckten Schatz hin einen Ruf gehört hätte -- es
war Alles todtenstill -- die Grillen zirpten ihr Abendlied, und von der
See herüber konnte man das dumpfe Rollen der Brandung hören -- weiter
keinen Laut.

»'s ist doch merkwürdig,« dachte Jeremias, »was mir heute nur Alles in
den Gliedern liegt und in den Ohren klingt, nur, weil ich da oben die
Spur von einem Schuh im Sande gefunden habe! Als ob es nicht Menschen
genug gäbe, die da herumstreifen könnten -- und außerdem hat's in drei
Tagen nicht einmal geregnet. Aber wie Blei liegt's mir trotzdem in den
Gliedern und ich möchte die ganze Nacht hier sitzen, um nur morgen früh
mit Tagesanbruch gleich wieder an der Stelle zu sein. -- Dann nehm
ich's aber mit -- keine Sonne soll je wieder auf den Stein scheinen mit
meinem Geld darunter, so viel weiß ich, denn die Angst will ich nicht
noch einmal ausstehen. -- Und was hindert mich denn, daß ich's _jetzt_
noch hole? -- aber mit dem Gelde mitten in der Nacht den Weg da allein
gehen und alle die Soldaten um das Nest herum...?!«

Jeremias war vollkommen mit sich im Unklaren -- er wollte Etwas thun und
wußte nicht was. Wie machte er's am Gescheutesten?

Gerade, wo er stand, war ein Baum quer über den Weg gefallen, von einem
vorbeipassirenden Kärrner wahrscheinlich durchgehauen und eben nur
nothdürftig genug mit dem Stammende aus dem Weg gehoben, daß die Räder
durchpassiren konnten -- wer die Passage breiter haben wollte, konnte
sich selber helfen. Auf den Stamm setzte sich Jeremias, seinen Hut
neben sich legend, und kratzte sich unter der rothen Perrücke in lauter
Zweifel und Ungewißheit den Kopf; es war indessen vollständig dunkel und
Nacht geworden.

Endlich schien er zu einem Entschluß gekommen. »Zum Schwerebrett!«
brummte er, jetzt ist's Nacht geworden -- jetzt kriecht Niemand mehr da
oben herum -- und ich auch nicht -- und morgen, eine Stunde vor Tag,
steh' ich auf, und sprenge die Bank -- hol' mich Dieser und Jener wenn
ich's nicht thue!«

Damit nahm er seine Perrücke ab, trocknete sich darunter mit einem
baumwollenen Taschentuch den Schweiß, zog sie wieder fest, drückte sich
den Hut darüber und wollte eben aufstehen und in die Stadt zurückkehren,
als er rasche und schwere Schritte auf den Steinen hörte.

»Holla, wer ist das?« fuhr er erschreckt empor. Aber die Schritte kamen
rasch näher -- es war Jemand, der aus Leibeskräften lief, und im nächsten
Momente sah er eine dunkle Gestalt auf sich zuspringen, und zwar genau
der Richtung folgend, welche die Straße selber nahm.

Das eine Ende des Baumes lag aber nach dort hinüber, da der umgestürzte
Stamm am dünnen Ende durchgehauen war und der Bauer mit seinem Wagen
lieber einen kleinen Bogen gemacht hatte. Der Laufende schien den
Stamm gar nicht gesehen zu haben, bis er dicht davor war -- er wollte
einhalten, konnte aber nicht mehr, that einen Fehltritt und schlug der
Länge nach über das Holz weg. In demselben Augenblick klirrte Etwas wie
Geld auf dem Boden, wie ein Sack mit Silber, und Jeremias, zu dessen
Füßen das Alles vorging, sprang in die Höhe und rief überrascht aus:
»Holla! -- wen haben wir denn da?«

Der Gestürzte mußte keinesfalls die unmittelbare Nähe eines andern
Menschen geahnt haben; kaum aber hörte er die Stimme neben sich, so
stieß er einen Angstschrei aus, so hell und gellend, daß Jeremias selbst
davor zurückschreckte, raffte sich aber auch in demselben Moment empor
und war mit Einem Satze seitwärts im Dickicht verschwunden, wo er in
wilder Flucht durch Dornen und Geröll hindurchbrach.

»Na ja,« sagte Jeremias und sah verblüfft hinter ihm drein -- was hat
denn der ausgefressen, und wer war's eigentlich? -- Kam mir beinahe so
vor, als ob's der Lump, der Bux -- alle Teufel!« unterbrach er sich selber
und sprang der Stelle zu, aus der er das klirrende Geräusch gehört. Er
brauchte auch nicht lange zu suchen, denn mitten im Weg lag ein dunkler
Gegenstand, während es ihm durch alle Nerven zuckte, als er nur seine
Hand darauf legte.

Es war ein Sack mit Geld -- genau so ein Sack, wie _er_ ihn unter dem
Stein verborgen gehabt, und als er mit vor Aufregung zitternden Fingern
darüber hingriff, konnte er nicht länger im Zweifel sein, daß er sein
Eigenthum in Händen halte.

Was war geschehen -- wie hing das Alles zusammen? Die Gedanken jagten
sich ihm wirr im Kopf und die Furcht überkam ihn jetzt, daß der blos
erschreckte Räuber, vielleicht noch mit Genossen, zurückkehren und ihn
überfallen könne.

In die Stadt! war jetzt sein einziger Gedanke -- zu Menschen, zwischen
menschliche Wohnungen, und den wiedergefundenen Beutel fest unter den
Arm drückend, lief er, wie der Verbrecher vor ihm gelaufen war, den Weg
entlang, als ob ihn selber sein böses Gewissen treibe.

Selbst unterwegs aber überkam ihn die Angst, daß der Flüchtige schon
umgedreht sein könne und hinter irgend einem Busche auf ihn lauere,
und er brauchte jetzt die wunderlichsten Mittel, sich dagegen sicher
zu stellen. Wenn Jener nämlich glauben mußte, daß er nicht allein sei,
wagte er sicher nicht vorzubrechen, und Jeremias fing jetzt an zu rufen:
»Hier ist er -- da hinter dem Busche! -- Spring' da herum, daß er nicht
wieder durchbricht! -- Halt' ihn! -- Warte, Canaille, dieses Mal entgehst
Du uns nicht!« Und dabei lief er so rasch ihn seine Füße trugen, bis er,
endlich bei Justus' Haus angekommen, vor Erschöpfung und ausgestandener
Todesangst fast in die Knie brach.

Hier begegneten ihm aber Menschen. Zwei Soldaten gingen plaudernd die
Straße hinauf -- ein Reiter kam die eine Querstraße herein. In den
Häusern war Licht und in den Zimmern konnte er die Leute sitzen sehen.
Vor der einen Thür saßen sogar noch ein paar junge Burschen und sangen,
und Mädchen gingen über die Straße, um Wasser zu holen. -- Er war in
Sicherheit.




11.

Könnern und Elise.


Am nächsten Morgen fehlte es in Santa Clara an allen Ecken und Enden:
bei Baulens war kein Pferd gefüttert und geputzt, der Baron schimpfte
über Jeremias und seine schmutzigen Pfeifen, bei Bohlos sollte Wein
abgezogen werden und keine Flasche war rein, beim Kaufmann Rohrland
waren die Kleider nicht rein gemacht und die Schuhe ungeputzt geblieben,
kurz, überall suchte man Jeremias, der noch im Leben nicht so nöthig
gewesen schien als gerade heute, und gerade heute nicht gefunden werden
konnte.

Und wo war Jeremias? -- In seinem Dachstübchen, aber fest eingeschlossen,
das Schlüsselloch verstopft, so saß er auf seinem Bett, antwortete auf
kein Klopfen, und brütete über seinem Geldsack, den er wohl verborgen
unter der Matratze liegen hatte und sich nicht mehr getraute zu
verlassen.

So war es bald Mittag geworden, und er saß noch immer da, als es
plötzlich wieder, lauter als je, an seine Thür schlug. Er gab keine
Antwort; aber der Klopfer ließ sich dieses Mal nicht abweisen, und rief,
mit dem Mund an der Thür:

»Was, zum Teufel, treibst Du denn da drin, Jeremias? So mach' doch auf!«
-- Keine Antwort -- »verstelle Dich nur nicht -- ich habe Dich ja eben
nießen hören. Mach' auf, oder ich drücke wahrhaftig die Thür ein!«

Jeremias kannte die Stimme -- es war der Kaufmann Rohrland selber -- konnte
ihm der vielleicht einen guten Rath geben? Jeremias stand auf und schob
den Riegel zurück.

»Aber, zum Teufel, was treibst Du denn nur hier oben?« rief ihm dieser
entgegen, ȟberall wirst Du gesucht; der Bodenlos flucht und schimpft
und der junge Graf wettert im ganzen Orte herum. Bist Du krank?«

»Zahnschmerzen,« sagte Jeremias, und hielt sich mit beiden Händen die
Backe.

»So laß ihn herausreißen -- wer quält sich denn so lange mit einem
kranken Knochen! Ist's denn jetzt besser?«

»Ja.«

»Kannst Du mir 'was besorgen?«

»Und was ist's?«

»Der neue Director war bei mir, und wollte für etwa ein Conto de Reis
Silber; ich habe aber nur ein paar Hundert Milreis im Hause -- kannst
Du einmal herumlaufen und sehen, wo Du sie auftreibst? -- Er giebt ganz
gute Banknoten dafür, die eigentlich noch eine Prämie bekommen.«

»Ganz gute Banknoten?« fragte Jeremias aufmerksam werdend.

»So gut wie Silber, oder noch besser. Ich wechselte sie ihm gern ein,
wenn ich es nur hätte.«

Jeremias sprang wie der Blitz in die Höhe und in seine Schuhe; da war
Hülfe in der Noth.

»Sieh' zu, daß Du es bekommst, und wenn es nur wenigstens ein Theil ist,
das Andere schaffen wir dann schon.«

»Ich bring' es hinüber,« sagte Jeremias, und meinte seinen Sack -- »also
gute Banknoten?«

»Ich tausche sie zu jeder Stunde wieder um, wenn ich's nur selber habe.
Kommst Du dann hinüber?«

»In einer Viertelstunde; ich -- muß mich nur erst waschen.«

»Gut,« sagte Rohrland -- »also, ich verlasse mich darauf. Hier hast Du
erst einmal fünfhundert Milreis, und wenn Du noch mehr auftreiben
kannst, hol' Dir das Übrige -- siehst Du, es sind lauter gute Noten und
noch alle neu.«

Er zählte sie ihm vor, wickelte das Packet dann wieder in Papier ein,
und legte es ihm auf das Bett. Kaum war er aber fort, als Jeremias die
Thür wieder hinter ihm fest verriegelte und in voller Hast seinen Schatz
vorholte. -- Banknoten -- weshalb hatte er denn nicht an die schon lange
gedacht, daß er sich immer mit dem schweren Silber herumgequält und die
Angst ausgestanden hatte, es zu verlieren -- Banknoten -- die konnte er
in seinen Rock oder in seine Weste nähen, und wer wußte nachher, daß er
ein Vermögen auf dem Leibe trug? Aber zählen mußte er vorher, was er
hatte, und mit vorsichtiger Hand that er das jetzt auf der Bettdecke,
daß die Münzen nicht an einander schlugen. -- Und wie das hübsch aussah,
als da Alles in einer Reihe vor ihm lag -- aber Banknoten waren besser
-- die klimperten nicht und hatten kein Gewicht, und man brauchte nicht
draußen in den Bergen herumzukriechen, um sie einzeln zu verstecken, und
nachher alle auf einmal stehlen zu lassen. -- Wer nur der Dieb gestern
gewesen war, und wie er ihn ausgefunden hatte? Wirklich der Bux? -- Aber
wie konnte der wissen, daß er Geld im Walde versteckt gehalten? -- Es
_mußte_ jemand Anders gewesen sein -- vielleicht der Schneider, der
Justus, der ihn wie Gift haßte? -- Er hörte bei dem Gedanken ordentlich
mit Zählen auf, und brummte leise vor sich hin: »So eine Canaille, -- dem
traut' ich's zu.«

Jetzt war er fertig, aber wieder und wieder überzählte er die Summe
-- vierhunderteinundzwanzig Stück, und _seiner_ Berechnung nach fehlten
neunzehn daran -- ob die der Schuft herausgestohlen hatte? -- Es wurden
aber nicht mehr, und er packte sie endlich wieder ein und trug sie fort.

Damit schien dem kleinen Burschen aber eine wahre Last von der Seele
genommen zu sein. So wie er sein schweres Silber los war, nähte er sich
die paar Banknoten sorgfältig in seine Weste ein, und ging dann an seine
Arbeit, und pfiff und sang dabei, daß es eine wahre Lust und Freude
war. -- --

       *       *       *       *       *

Wir müssen jetzt noch einmal auf die Erlebnisse des vorigen Tages
zurückspringen, und zwar zu dem Augenblick, wo Könnern und von
Schwartzau in Begleitung Helenen's den Meier'schen Garten verließen.

Noch saß der alte Mann auf dem Stuhl, die Hände gefaltet und in sich
zusammengebrochen, den Blick stier und glanzlos auf den Boden heftend.
Neben ihm stand die Tochter, den linken Arm um seine Schulter geschlagen,
ihre Stirn auf sein Haupt gelehnt, und mit der rechten Hand seinen Arm
gefaßt, und flüsterte leise:

»Väterchen -- Väterchen -- was ist Dir? So fasse Dich doch -- sieh mich
an -- ich bin ja bei Dir, Deine Elise, Dein Kind, und will Dich nie
verlassen, wenn es Dir gar so schrecklich ist. Sprich nur mit mir -- hebe
nur die Augen zu mir auf -- sage mir nur das Eine -- Eine Wort, daß Du
mir nicht böse bist!«

»Sprich mit ihr,« flüsterte die Frau, die ihre ganze Fassung wieder
gewonnen hatte, und ebenfalls zu dem Gatten getreten war -- »sprich mit
ihr und sei ein _Mann_, Franz. -- Es ist Nichts, Kind, es wird gleich
vorübergehen -- vor acht Tagen hatte er ja auch schon einmal einen solchen
Anfall gehabt, nur daß wir es Dir damals verheimlichten, damit Du Dich
nicht so sehr erschrecken solltest.«

Meier hob den stieren Blick langsam zu seiner Frau empor, und sah sie so
scharf und durchdringend an, daß sie ihre Augen zu Boden schlagen mußte.

»Es ist _Nichts_ -- gar Nichts?« sagte er leise. -- »Und war er nicht
hier -- hat er nicht...«

»Unsinn!« rief aber die Frau jetzt ärgerlich; »schwatze dem Kinde Nichts
vor, daß es sich ängstigen muß.«

Noch immer haftete des alten Mannes Blick fest auf seiner Frau, und an
dem Arm der Tochter hob er sich empor, bis er aufgerichtet vor ihr stand
-- dann seine Hand auf Elisens Schulter legend, und sich zu ihr wendend,
während nur noch ein scheuer Blick nach der Frau hinüberschweifte,
flüsterte er:

»Glaub' ihr nicht, Elise, glaub' ihr nicht. Jahr nach Jahr hat sie mich
eingeschläfert und mein Gewissen erdrückt, daß es nicht ausbrechen konnte
an freie Luft. Jetzt ist's vorbei, jetzt ist's vorbei! Er ist gekommen,
der Rächer, und die Schuld muß gesühnt werden.«

»Vater!« rief Elise in furchtbarer Angst -- ist geschehen -- was hast
Du?«

»Er spricht im Fieber,« rief die Mutter erbleichend -- »hör' nicht auf
ihn -- lauf', Elise -- spring' hinaus und schick' das Mädchen nach einem
Arzt!«

»Zurück!« rief der alte Mann, indem er Elisen's Arm jetzt krampfhaft
hielt -- »zurück Versucher, Deine Zeit ist um. -- Länger ertrag' ich's
nicht -- hat mir so schon das Herz fast abgedrückt die langen, langen
Jahre über -- zurück!« Und das Mädchen wieder an sich ziehend, flüsterte
er ihr rasch und ängstlich zu: »Komm mit auf mein Zimmer, Elise -- komm
mit -- Du sollst Alles -- Alles wissen -- Dir will ich beichten -- in
Dein reines Herz will ich meine ganze Schuld, meinen ganzen Jammer
ausschütten -- dann wird mir wohl -- dann wird mir wohl werden!«

»Franz,« rief die Frau, mit krampfhaft gefalteten Händen zu ihm
aufschauend -- »um Gottes willen bedenke was Du thust! Willst Du das
Kind vom Herzen der Mutter reißen?«

»Du _hast_ kein Herz!« stöhnte aber der alte Mann, die zitternde Hand
gegen sie schüttelnd -- »geh' -- geh' -- geh'! Laß mich mit dem Kind
allein, ich _muß_ sprechen -- muß endlich sprechen und für meine Seele
Ruhe finden, wenn ich nicht hier und dort zu Grunde gehen soll. Komm',
Lieschen, komm -- ich _will_ reden,« und mit zitternder Hast zog er
die Tochter in sein Zimmer. Die Frau aber wankte zum Sopha, warf sich
darauf, barg ihr Gesicht fest, fest in den Händen und lag dort stumm und
regungslos.

Das war ein trauriger Tag in dem Hause. Die Dienstleute gingen herum und
wußten nicht, was mit der Herrschaft geschehen sei. Das Frühstück war schon
unberührt auf dem Tisch stehen geblieben und kalt wieder hinausgetragen,
zum Mittagsessen wurde gar nicht gedeckt. Das Dienstmädchen ging ein paar
Mal zur »Madame« hinein, um zu fragen ob Niemand Etwas verlange -- aber
sie bekam nicht einmal eine Antwort. Die Frau lag noch immer auf dem
Sopha und regte kein Glied, und nur an dem schweren Athmen konnte man
sehen, daß sie noch lebe, und Elise war, als sie den Vater verließ, auf
ihr Zimmer gegangen, und hatte sich dort eingeschlossen.

So kam der Abend heran, und als es anfing zu dämmern, erhob sich die
Frau langsam von ihrem Lager, stand auf, und verließ das Haus und den
Garten, und schritt langsam den schmalen Weg zum Thal hinab. Karl sah
sie gehen, und schüttelte den Kopf, denn wie selten war die Frau hinaus
vor die Gartenthür gegangen, und nie und nimmer nach Dunkelwerden -- wo
wollte sie jetzt hin? Einmal fiel es ihm ein, ob er nicht lieber hinein
gehen sollte und es dem Herrn sagen; aber der hatte seinen Riegel inwendig
vorgeschoben, und das Fräulein war eben so wenig zu sprechen. Er ging
dann selber hinaus vor den Garten, um nach der Madame da draußen
auszuschauen -- aber sie war nirgends zu sehen, und es fing an, ihm
selber ganz unheimlich dabei zu werden.

Endlich kam Elise herunter, um ihre Mutter zu sprechen. -- Das Mädchen
kam ihr weinend entgegen, um ihr zu erzählen, daß die Frau fort sei, und
so gar schrecklich bleich ausgesehen habe, wie sie gegangen, und so gar
große und glänzende Augen gehabt habe. Und kein Tuch hatte sie mitgenommen,
keinen Hut -- ruhig und langsam war sie hinausgeschritten auf die Straße
und dort hinab.

Elise seufzte tief auf und faßte krampfhaft ihr armes, gequältes Herz
-- die Ahnung von etwas Furchtbarem kam über sie; aber so viel war schon
geschehen -- so Entsetzliches, daß der Eine Schlag nicht betäubender
wirken konnte als der andere. Das Mädchen durfte auch nicht ahnen was
geschehen -- wenigstens jetzt noch nicht, denn lange ließ es sich ja
doch nicht mehr geheim halten.

»Wo ist der Karl?« fragte sie ruhig.

»Hier, Fräulein,« sagte der junge Bursche, der schüchtern an der Thür
gestanden.

»Geh' hinunter in die Stadt und suche die Mutter -- sie ist krank
-- benachrichtige auch zugleich den Arzt, daß sie in einem heftigen
Fieberanfall das Haus verlassen habe. Wenn Du sie allein nicht gleich
findest, so schick' andere Leute nach allen Richtungen aus -- Du wirst
aber schon von ihr hören -- Menschen werden sie schon hier oder da
gesehen haben -- lauf', Karl -- sei geschwind, und -- wenn Ihr sie
gefunden habt, schick' mir rasch einen Boten voraus, daß ich Euch
entgegen komme.«

Karl nickte stumm mit dem Kopfe, und seine Mütze nehmend lief er in die
Stadt hinab, so rasch ihn seine Füße trugen -- aber der Abend verstrich
und er kehrte nicht zurück, und Elise ging still und allein in dem öden
Zimmer auf und ab. Es war tiefe Nacht, und der Mond ging auf und warf
sein bleiches Licht in zitternden Schatten durch den Orangenbaum, der vor
dem Fenster stand; Elise sah es nicht -- die Augen auf den Boden geheftet,
wanderte sie die halbe Nacht mit schweren, sorgenvollen Schritten, bis
sie etwa gegen zwei Uhr Morgens die Hausthür gehen hörte und wußte, daß
jetzt Karl zurückgekehrt sei. Sie schritt zur Thür, und rief: »Karl!«

»Ach, Fräulein, sind Sie noch auf?«

»Hast Du keine Spur gefunden?«

»Wir haben Alles abgesucht -- in allen Häusern nachgefragt, sie kann
-- sie kann sich nirgends aufgehalten haben.«

»Sie war in der Stadt?«

»Ja -- des Liebel's Mädchen hat sie gesehen, wie sie dort am Haus, aber
hinten am Garten vorbeigegangen ist, auf dem kleinen Wege -- der --«

»Der?«

»Der nach dem Fluß führt.«

»Nach dem Fluß?« wiederholte Elise, und sie fühlte, wie ihr das Blut
im Herzen stockte, aber gewaltsam raffte sie sich empor und fuhr leise
fort: »Und weiter hat sie Niemand gesehen?«

»Der Mann, welcher die Fähre unten hält, behauptet, es sei eine Frau
in einem weißen Kleide an seinem Hause vorbeigegangen, immer den Weg
entlang; unten, wo die Soldaten liegen, will sie aber Niemand gesehen
haben.«

»Ihr habt nicht ordentlich nachgefragt.«

»Gewiß, Fräulein -- aber es wurde so spät -- die Leute schliefen schon
alle. Morgen mit Tagesanbruch bin ich wieder in der Stadt und -- bringe
Ihnen gewiß gute Nachricht.«

»Es ist gut; leg' Dich nieder -- Du wirst auch müde sein.«

»Ach, gar nicht, bestes Fräulein, wenn ich nur...«

»Leg' Dich nieder, Karl, und sei morgen früh wieder auf.«

»Ehe es nur grau im Osten wird, bin ich in der Stadt unten.«

Es mochte etwa zehn Uhr am nächsten Morgen sein, als ein einzelner
Reiter am Gartenthor hielt, sein Pferd dort befestigte und an das Thor
pochen wollte; aber er sah, daß dieses nur angelehnt sei, und betrat den
Garten. Es war Könnern, und sein erster Blick flog nach dem Mandelbaum
hinüber, an dem er gestern Elisen getroffen. Der Cithertisch stand noch
dort mit der Cither, wo sie vergessen und dem Nachtthau ausgesetzt gewesen
war -- ein kleines Halstuch, das Elise getragen und abgenommen, als es
ihr zu warm wurde, lag daneben auf dem Tisch.

Könnern seufzte tief auf; die Brust war ihm so beklommen, er konnte
kaum athmen; aber er faßte sich gewaltsam, und schritt auf das Haus zu.
Unten traf er das Mädchen, das in der Küche neben dem Heerde saß und
roth geweinte Augen hatte.

»Ist Ihr Fräulein zu Hause?« fragte er leise.

»Ja -- drin im Zimmer,« sagte die Magd, scheu zu dem Fremden aufsehend,
denn das war ja Einer von Denen, die gestern dagewesen, wonach das
Unglück über ihr Haus hereingekommen.

»Kann ich sie sprechen?«

»Ich weiß nicht -- sie wird wohl Niemand sprechen wollen -- das arme
Kind -- ach, bei uns geht's zu!«

»Sind die Eltern bei ihr?«

»Der alte Herr ist in seinem Zimmer und schreibt,« antwortete das Mädchen,
sich die Augen abtrocknend -- »er hat die ganze Nacht geschrieben und
ist in kein Bett gekommen -- und die Frau ist fort -- kein Mensch weiß
wohin, und sie suchen sie schon seit gestern Abend vergeblich überall.
Sie haben 'was Schönes angerichtet, und Gott im Himmel verzeih' Ihnen
die Sünde!«

»Ich muß das Fräulein sprechen -- gehen Sie hinein -- sagen Sie ihr, daß
ein Freund da sei, der ihr Trost brächte.«

»Den könnte sie brauchen,« seufzte das arme Mädchen, und erhob sich
von der Küchenbank, als die Thür des Zimmers aufging und Elise auf der
Schwelle stand. Sie sah todtenbleich aus, war aber vollkommen ruhig und
sagte leise: »Kommen Sie herein, Herr Könnern, ich habe Ihre Stimme
gehört -- ich muß mit Ihnen reden.«

»Elise, meine arme, arme Elise!« rief Könnern, als er das Zimmer betreten
hatte und ihre Hand ergriff -- »welch ein kalter Reif ist auf Dein junges
Leben gefallen!«

Elise barg ihr Antlitz in den Händen und stand eine Weile schweigend vor
ihm. Er legte seinen Arm um sie und zog sie an sich -- sie duldete es;
endlich richtete sie sich wieder empor, machte sich von ihm frei und
flüsterte:

»Ich danke Ihnen, Herr Könnern, daß Sie mich noch einmal aufgesucht
haben -- der Gedanke wäre mir schrecklich gewesen, auch Sie in jener
furchtbaren Stunde so verloren zu haben. Jetzt ist Alles gut, jetzt kann
ich ruhig mit Ihnen sprechen -- ruhig von Ihnen Abschied nehmen...«

»Elise,« bat Könnern, und wollte wieder ihre Hand ergreifen, die sie ihm
aber entzog.

»Lassen Sie mich ausreden,« bat sie -- »meine Gedanken sind ohnedies
verwirrt, mein Kopf ist mir wüst und leer -- so lassen Sie uns denn
wenigstens diese schwere Stunde abkürzen -- es könnte sonst meine Kräfte
übersteigen.«

»Mein armes, armes Kind!« flüsterte Könnern.

»Sie wissen Alles, wie ich voraussetzen darf, nicht wahr?« fuhr Elise
fort, und sah scheu zu ihm auf.

»Alles,« hauchte Könnern -- »Herr von Schwartzau hat mir gestern Abend
Alles erzählt, denn ich _mußte_ es wissen, wenn ich rathen und helfen
soll.«

»Gott sei Dank,« seufzte Elise, »dann wird mir das wenigstens erspart!
Ich hatte mich davor gefürchtet.«

»Und hat Dein Vater, Elise...«

»Er hat mir sein ganzes Herz ausgeschüttet,« sagte die Tochter -- »seine
ganze, furchtbare Schuld bekannt und -- mich noch viel Furchtbareres
ahnen lassen, was ihn dazu getrieben« -- setzte sie leise und scheu
hinzu. »Das Unglück ist aber so plötzlich über uns hereingebrochen, daß
es mir selber manchmal noch wie ein böser, furchtbarer Traum vorkommt,
aus dem ich endlich erwachen müsse, weil es ja gar nicht möglich sein
könne, daß er wahr -- daß er wirklich sei. Und doch ist er wahr und
wirklich; -- ich wache -- ich lebe bei vollem Bewußtsein, und darf mir
das Entsetzlichste -- meine Mutter -- noch nicht einmal denken, wenn
ich die armen, gequälten Sinne zusammenhalten will. -- Doch jetzt fort
mit Allem, was mich stören oder hindern könnte -- _der_ Schmerz ist
_mein_ -- und ich will ihn allein tragen.«

»Und verschmähst Du die Hand, die sich ausstreckt, Dir tragen zu
helfen?«

»Lassen Sie mich ausreden,« bat Elise, »denn der Weg, den ich mir
vorgezeichnet habe, liegt so klar und offen vor mir, daß kein Irren
davon möglich ist. -- Ich will auch nicht den Vater -- die Eltern
entschuldigen -- das Furchtbare ist geschehen, und die Folgen brechen
herein. Nichts bleibt uns jetzt übrig, als gut zu machen was noch
möglich ist -- und das soll geschehen. Mein Vater hat die ganze Nacht
damit zugebracht, seine Papiere zu ordnen -- ich habe ihn heute Morgen
gesprochen -- bis heute Nachmittag wird er mit Allem fertig sein, und
läßt bis dahin Ihren Freund bitten, sich zu ihm her zu bemühen.«

Könnern schwieg und nickte nur leise mit dem Kopf.

»Er wird ihm,« fuhr Elise fort, und Könnern sah, welche Gewalt sie
sich anthun mußte, ruhig zu bleiben -- »Alles übergeben was wir haben
-- _Alles_,« setzte sie rasch hinzu, »selbst das Letzte, und morgen
-- verlassen wir dann die Colonie.«

»Elise, das geht nicht -- das geht bei Gott nicht!« rief Könnern
erschreckt.

»Es geht nicht?« rief das junge Mädchen, und ihre ganze Gestalt
zitterte, ihre Glieder bebten, die Lippen halb geöffnet, mit stieren
Blicken streckte sie die Arme nach Könnern aus und bat mit vor innerer
Angst fast erstickter Stimme: »Und soll auch noch das Furchtbarste über
uns hereinbrechen? Soll der arme, alte Mann, dessen Leben schon durch
seine Gewissensbisse zerstört und vergiftet wurde, auch noch in den
Kerker müssen? Soll ich den Vater hinter Eisenstäben sterben sehen,
während die Mutter...« Sie konnte nicht mehr, der schwache Körper hatte
das Übermenschliche ertragen, und sie wäre zu Boden gesunken, hätte sie
nicht Könnern in seinem Arm aufgefangen.

»Elise,« flehte der junge Mann in Todesangst, »woher diese schrecklichen
Gedanken -- quäle Dich nicht unnöthig mit einer leeren Furcht! Dein Vater
kann _frei_ hinziehen, wohin er will -- Günther von Schwartzau ist ein
Ehrenmann und mein treuer Freund, und was in _seinen_ Kräften steht, Dein
hartes Geschick zu mildern, wird er mit Freuden schon meinetwegen thun.«

»O, Dank -- tausend, tausend Dank für diesen Trost!« schluchzte Elise,
ergriff Könnern's Hand und preßte sie an ihre Lippen, ehe er es verhindern
konnte -- »dann ist Alles gut -- Alles gut -- und mit der Angst von sich
genommen, die seine Tage vergiftet hat, kann er, wird er ein neues Leben
beginnen. Ich bin ja auch jung und kräftig,« fuhr sie lebhafter fort
-- »ich will und kann arbeiten, und Gott wird uns nicht verlassen, wenn
er die wahre Reue des Schuldigen sieht.«

»Elise,« rief Könnern, der sich nicht länger halten konnte -- »Du
zerreißest mir das Herz mit solchen Reden -- »bin ich Dir gar Nichts
mehr? Sind die lieben Worte, welche Du gestern zu mir gesprochen, schon
verhallt und todt? Elise, ich entbinde Dich nicht des Wortes, das Du mir
gegeben -- _was_ auch geschehen, was verschuldet ist, nicht Du -- nicht
ich trage die Schuld davon, und wir dürfen deshalb nicht darunter leiden.
Du bist mein -- mein für immer, und auf Händen will ich Dich tragen mein
ganzes Leben lang!«

Er hatte noch seinen Arm um sie geschlungen, und preßte sie fest und
leidenschaftlich an sich, und Elise duldete die Umarmung und lehnte ihr
Haupt müde an seine Brust. Dann machte sie sich leise von ihm los und
sagte, indem sie ihn mit einem rührenden Blick voll Liebe und Dankbarkeit
ansah:

»So -- jetzt ist mir wohl -- ich habe _ein_mal an diesem treuen Herzen
geruht, und die Erinnerung dieses Augenblicks wird mir ein Trost mein
ganzes, langes Leben sein -- und jetzt, Bernard, laß uns scheiden.«

»Elise...«

»Rede mir nicht zu,« sagte das Mädchen, indem jetzt wieder Leichenblässe
ihre Züge entfärbte -- »mein Entschluß steht fest -- unerschüttert fest
-- ich kann und darf Dir nicht angehören -- ich kann und will das Opfer
nicht von Dir annehmen, Dich an das Leben eines Verbrechers zu ketten.
Aber das Kind gehört zum Vater, und wie mich Gott geschützt, daß ich den
Augenblick überstanden, in dem ich Dir das gesagt -- wird er mich auch
weiter schützen auf meiner langen, dornenvollen Bahn. Ja, Bernard,« fuhr
sie wie verklärt fort, als er stumm vor Schmerz vor ihr stand -- »ich
habe Dich geliebt mit meiner ganzen Seele -- mit jedem Athemzug, den ich
gethan, mit jedem Schlage meines armen Herzens -- ich liebe Dich noch
und werde Dich immer lieben, aber -- ich darf nicht Dein sein -- darf
nicht -- kann es nicht. Leb' wohl! Möge Dir Gott den Frieden geben,
welchen Dein reines Herz verdient -- mögen Dich dereinst wieder süße
Bande fesseln, die nicht von Schuld und Sünde getrübt sind; _mein_ Segen
begleite Dich auf allen Deinen Wegen, denn Du hast mir mehr gegeben, als
die ganze Welt -- _einen_ glücklichen Augenblick an Deinem Herzen. Und
nun leb' wohl, Bernard -- leb' ewig wohl -- Gott schütze Dich!« Und ihr
Antlitz zu ihm hebend, bot sie ihm selber den Abschiedskuß -- aber ihre
Lippen waren kalt und bleich, und wie sie sich von ihm wandte und die
Thür ihres Zimmers hinter sich schloß, war es, als ob ein Geist aus
einer andern Welt zu ihm gesprochen und vor seinen Augen in Duft und
Nebel zerstoben sei.




12.

Verschiedene Interessen.


In dem Zimmer der Frau Gräfin stand Helene am Fenster, sah hinaus und
trommelte dabei ungeduldig mit den Fingern an der Fensterscheibe.

Die Gräfin hatte noch nicht Toilette gemacht -- sie saß in ihrem
Lehnstuhl, ein Buch in der Hand, ohne jedoch darin zu lesen, den rechten
Fuß, von welchem der Pantoffel heruntergefallen war, über den linken
geschlagen, in einem weißen, nicht frisch gewaschenen Morgengewand, auch
die Haare noch nicht in Ordnung und außerdem nicht in der besten Laune.

Helene selber dagegen sah aus, wie der frische, junge Morgen da draußen
vor den Fenstern. Die Wangen geröthet von einem Frühritt, den sie schon
gemacht, ein paar duftende Orangenblüthen und eine Rose im Haar stand
sie da, und selbst in den Augen, wie der funkelnde Thau da draußen noch
auf den Blüthen lag, ein paar blitzende Tropfen, die aber mehr der
Unmuth als der Schmerz ausgepreßt haben mußte und die sie zu stolz war
wegzuwischen, damit die Mutter die Bewegung nicht etwa sah.

»Laß nur um Gottes willen das schreckliche Fenstertrommeln,« sagte die
Mutter endlich -- »Du machst mich noch ganz nervös, und -- schicke mir
dann die Dorothea herein, denn ich _muß_ mich jetzt anziehen -- es ist
wahrhaftig schon zehn Uhr vorbei.«

Helene hörte allerdings mit ihrem Marsch auf der Fensterscheibe auf,
aber sie rührte sich nicht von der Stelle und sagte endlich erregt:

»Du treibst mich noch zu einem verzweifelten Schritte, Mama, mit Deiner
gränzenlosen Ruhe und Gleichgültigkeit.«

»Gleichgültigkeit?« fragte die Gräfin zurück -- »Du nennst das
Gleichgültigkeit, was vorsichtige Überlegung und Berechnung ist -- und
was _kannst_ Du überhaupt dagegen einzuwenden haben? Pulteleben ist ein
anständiger, hübscher, junger Mensch aus guter und wohlhabender Familie
er liebt Dich leidenschaftlich und ist in seinen Forderungen auch nicht
unbescheiden. Er will ja gar nicht, daß die Hochzeit _gleich_ sein soll
-- er will nur die feste Zusicherung Deiner Hand -- nur eine vorläufige
Verlobung, weiter Nichts, und -- lieber Gott -- nachher könnt Ihr ja
noch immer thun, was Ihr wollt. Es ist schon manche Verlobung rückgängig
geworden, ohne daß beide Theile darüber gestorben sind.«

Helene drehte sich rasch und scharf nach der Mutter um.

»Und wenn ich mich weigere?« sagte sie, und der Blick, mit dem sie die
Mutter dabei ansah, zeigte viel mehr Trotz als Liebe.

»Es ist ganz vernünftig,« sagte die Gräfin ruhig, ohne jedoch zu ihr
aufzusehen, »daß wir die Sache von beiden Seiten betrachten; wir wissen
dann Beide gleich besser, woran wir sind. Wenn Du Dich also weigerst,
wird Herr von Pulteleben augenblicklich ausziehen und das Geschäft
aufgeben -- das versteht sich von selbst. So wie _er_ aber aus dem Hause
ist, kannst Du auch versichert sein, daß unsere Gläubiger wie ein
Rabenschwarm über uns herfallen, und das Resultat ist dann sehr einfach:
wir müssen ausziehen -- wohin? wirst Du vielleicht angeben können
-- unsere Möbel und Sachen werden öffentlich verauctionirt und Deine
Mutter verläßt mit ihren Kindern in Schande und Spott einen Platz, in
dem sie bis jetzt wenigstens eine achtbare Stellung gehalten. Hab' ich
Recht oder nicht?«

»O wärest Du mir nur gefolgt!« rief Helene leidenschaftlich -- »hätten
wir uns nur eingeschränkt wie ich Dich bat und wieder bat, und mit dem
Wenigen, was wir hatten, Haus gehalten, es wäre nie und nimmer so weit
gekommen!«

»Liebes Kind, das verstehst Du nicht,« sagte die Gräfin ungeduldig mit
dem Kopf schüttelnd, -- »wir mußten standesgemäß leben, oder die Leute
hätten den Augenblick gemerkt, daß wir -- mit unserem Einkommen beschränkt
sind. Es giebt gar kein mißtrauischeres Volk als diese Bauern.«

»Aber _kann_ es denn auf die Länge der Zeit verheimlicht bleiben?«

»Zeit gewonnen. Alles gewonnen,« ist ein altes, gutes Sprüchwort, und wir
_haben_ Alles gewonnen, wenn Du nur, Deiner Mutter zu Liebe, nachgiebst
und nicht mit dem alten Starrkopf Recht behalten willst.«

»Aber ich liebe den Mann nicht!« rief Helene, ihre Augenbrauen zogen sich
dabei fest zusammen und ihre kleine Hand ballte sich.

»Liebe -- Liebe,« sagte die Frau Gräfin, sich hin und her wiegend -- »in
unserem Stand wird selten eine Heirath aus _Liebe_ geschlossen. _Hast_ Du
eine andere Wahl, so nenne sie -- hast Du sie nicht, so sei vernünftig.«

»Warum läßt Du mich nicht Stunden geben?« fragte Helene rasch -- »ich habe
Dich so oft darum gebeten.«

»Damit könntest Du Dich _selber_ am Leben erhalten, und was wird dann
aus _mir_, was aus Oskar? Aber thu' es -- thu' es nur -- was kümmerst Du
Dich um Deine Mutter; die mag dann untergehen und verkümmern, wie sie
will -- es ist ja nur die _Mutter_!«

Helene hatte sich auf den Stuhl an's Fenster gesetzt, stützte den Kopf
auf ihre linke Hand und sah, von ihren Gedanken gequält, hinaus in's
Leere. Endlich stand sie auf, ein schwerer Seufzer hob ihre Brust, und
sie sagte leise:

»Thu', was Du willst, Mutter -- _den_ Vorwurf sollst Du mir wenigstens
nicht machen können.«

»Und morgen Abend haben wir die Gesellschaft?« fragte die Gräfin, und
ein triumphirendes Lächeln zuckte über ihre Züge.

»Richte es ein wie Du willst,« wehrte Helene ab -- »ich sage Dir ja,
ich füge mich Allem, aber -- quäle mich nicht weiter!« und mit raschen
Schritten verließ sie das Zimmer, um ihre eigene Stube aufzusuchen. --

Herr von Pulteleben saß oben, eine Treppe höher, noch in seinem
Morgenanzuge vor dem geöffneten Koffer und überzählte seinen
Cassenbestand.

»Das weiß doch der Henker,« murmelte er dabei vor sich hin -- »ob ich
mich um fünfzig Milreis verzählt habe, oder wo sie hingekommen sind
-- die Frau Gräfin hat doch den Schlüssel gehabt und das Schloß war
unbeschädigt -- na ja, das fehlte auch noch, daß das Geld auf _die_
Weise weggeht, es wird _so_ dünn genug, und wenn die versprochenen
Wechsel jetzt nicht bald eintreffen, so sitzen wir hier Alle mit einander
auf dem Trocknen. Verfluchte Geschichte mit der Cigarrenfabrik -- ganz
verfluchte Geschichte, und ich will nur wünschen, daß die Leute bald
anfangen sich um unsere Producte zu reißen, sonst steh' ich für Nichts.«

Er stützte seinen Ellbogen auf's Knie und schaute lange in tiefen Gedanken
in den Koffer hinein. Endlich sagte er, diesen zuschließend und wieder
aufstehend:

»Aber was thut's -- Thorheit! -- ich habe noch die alte Ängstlichkeit
von Europa mitgebracht, welche sich erst hier in Brasilien verlieren
muß. Eine kleine Weile hält's noch aus -- bis dahin kommen ebenfalls
Gelder ein, und da meine gnädige Schwiegermutter #in spe# ihr Capital
für das Rittergut mit dem nächsten fälligen Dampfer schon erwartet, so
wär' ich ja ein wahrer Thor, wenn ich mir ganz unnöthiger Weise Sorgen
machen wollte. Glück muß ein junger Mensch haben, und der Zufall -- oder
vielmehr dieser verzweifelte Jeremias, der mir heute Morgen meine Kleider
_noch_ nicht rein gemacht hat -- scheint mich in dieser Familie dem
Glück mitten in den Schooß geworfen zu haben; daß ich das aber beim
Schopf ergreife, versteht sich von selber.«

»Der Jeremias ist aber wirklich ein Lump,« fuhr er in seinem
Selbstgespräche fort, indem er seinen Rock hernahm und ihn selber
ausbürstete -- »nicht der geringste Verlaß mehr auf den Menschen, und
wenn ich ihm nicht wirklich so viel Dank schuldig wäre, ich jagte ihn
heutigen Tages zum Teufel!«

Draußen an seiner Thür klopfte es an.

»Wer ist da?«

»Ich bin's,« sagte die Dorothea -- »ich bringe das zerrissene Zeug
wieder -- der Schneider ist die Nacht nicht nach Haus gekommen -- er
ist auf einen Ball über Land -- soll ich's zu einem Andern tragen?«

»Aber das versteht sich doch von selbst!« rief Herr von Pulteleben
ärgerlich -- »so gescheidt hätten Sie doch gleich sein können.«

»Na, dann mag's auch unten liegen bleiben, bis der Jeremias kommt,«
brummte die Alte leise vor sich hin, indem sie die Treppe wieder hinunter
stieg -- »ich hätte Zeit, den ganzen Morgen in der Stadt herum zu laufen!«

»Schöne Wirthschaft das bei den Handwerkern,« dachte indessen Herr von
Pulteleben, indem er seinen Rock anzog und dann in die noch ungewichsten
Stiefel fuhr -- »muß ihnen doch hier verwünscht gut gehen, daß sie so
übermüthig werden -- die Nacht auf einem Ball über Land -- es wird
wahrhaftig alle Tage besser! --«

       *       *       *       *       *

Es war Abend geworden -- die Sonne neigte sich schon den westlichen
Gebirgen zu, und in seinem Zimmer, in Bohlos' Hotel, ging Könnern
bereits Stunden lang mit untergeschlagenen Armen auf und ab, jedesmal
an's Fenster springend, wenn der Huf eines Pferdes auf der harten Straße
hörbar wurde. -- Und Günther kam noch immer nicht, trotzdem, daß er seit
zehn Uhr Morgens fort war, und oft schon hatte der junge Mann selber in
den Hof gewollt, um sein eigenes Pferd zu satteln und ihm entgegen zu
reiten, jedoch immer wieder seine Ungeduld bezähmt. Jetzt litt es ihn
nicht länger mehr; er griff seinen Hut auf und wollte eben fort, als die
Thür aufging und der längst Ersehnte eintrat.

»Endlich, endlich!« rief Könnern ihm entgegen -- »wo sind Sie nur so lange
geblieben -- und ich habe nicht einmal Ihr Pferd gehört?«

»Ich bin zu Fuß gekommen.«

»Zu Fuß? Und ist Alles geordnet?«

»Das war ein böser Nachmittag, Freund,« seufzte Günther, seinen Hut auf
den Tisch werfend -- »und wär' es nicht _Ihnen_ zu Liebe gewesen, ich
hätte mich dem im Leben nicht unterzogen. Aber welchem Fremden hätten
wir es anvertrauen können, ohne den Klatsch augenblicklich durch die
ganze Colonie getragen zu haben. Nun -- jetzt ist es Gott sei Dank
überstanden und Sellbachs -- oder Meiers, wenn Sie wollen -- sind
abgereist.«

»Abgereist?« rief Könnern, erschreckt seinen Arm fassend.

»Fort!« sagte Günther ruhig -- »und -- es war das Beste, was sie thun
konnten. Wir bekamen heute außerdem die _Gewißheit_, daß sich die
unglückliche Frau noch in der nämlichen Nacht in den Strom gestürzt,
und ihrem Leben dadurch auf gewaltsame Weise ein Ende gemacht hat;
die Leiche wird natürlich nie gefunden werden, denn die zahlreichen
Alligatoren darin machen das hoffnungslos.«

»Und Elise?« sagte Könnern leise und scheu.

»Nahm die Nachricht viel ruhiger auf, als ich erwartet hatte,« fuhr
Günther fort -- »Sie haben Recht, Könnern, das Mädchen ist ein Engel
und jeder ihrer Gedanken nur eine Sorge um den Vater. Mit einer fast
unheimlichen Gewalt bezwang sie dabei ihren Schmerz, und obgleich ich
ihr erklärte, daß ich selber nicht den geringsten Auftrag, und für mich
selber keineswegs die Absicht habe, gegen ihren Vater des Geschehenen
wegen vorzugehen -- daß er selber, wenn er wolle, ein Abkommen mit
seinen Gläubigern in Deutschland treffen möge, ja, daß ich ihm, wenn er
dies wünsche, mit Freuden die Hand zu einer Vermittlung bieten würde,
wies sie Alles ruhig aber fest zurück. Sie behauptete dabei, daß sie im
bestimmten Auftrage ihres Vaters handle, der seine Schuld allerdings
nicht mehr ungeschehen machen könne, wie er aber die That bereue, so
auch Alles thun wolle, was jetzt noch in seinen Kräften stehe, den
erlittenen Verlust zu ersetzen. Er _könne_ freilich Nichts weiter thun,
als Alles hergeben was er habe, und sie bäte mich daher, nicht allein
Haus und Grundstück mit Allem was es enthielt, sondern auch noch eine
sehr bedeutende Summe von Werthpapieren zu übernehmen, welche sie mir
einhändigte. Das Einzige, was sie bat mitnehmen zu dürfen, sei das
Nothwendigste für sich und den Vater an Wäsche.

»Ich versuchte Alles, sie zu überreden, sich nicht von allen Mitteln zu
entblößen -- ich stellte ihr vor, daß, wenn ich als Stellvertreter der
Gläubiger hier handeln solle, um ihr Vermögen zu übernehmen, ich auch
das Recht haben müsse, zurückzuweisen, was ich für überflüssig halte
-- umsonst! Sie sei jung und kräftig, erwiederte sie mir, und könne und
wolle arbeiten, und kein Milreis, auf dem ein Fluch hafte, solle in
ihrem Besitze bleiben, um ein neues Leben damit zu beginnen. Das Einzige,
was ich sie endlich anzunehmen vermochte -- und das auch nur nach
stundenlanger Überredung und ihres Vaters wegen, der einen langen
Marsch nicht ausgehalten hätte -- war mein eigenes Pferd -- und vor
zwei Stunden etwa, der alte Mann im Sattel mit dem kleinen Bündel
Gepäck hinter sich, die Jungfrau zu Fuß an seiner Seite -- so zogen
die Unglücklichen in den Wald hinein.«

Könnern der, bleich wie ein Todter, die Augen von Thränen gefüllt, dem
einfachen Bericht gelauscht, sank jetzt auf einen Stuhl, barg sein
Gesicht in den Händen und saß lange stumm und regungslos. -- »Und darf
ich sie ziehen, darf ich sie ihrem Schicksale _so_ überlassen?« stöhnte
er endlich -- »es kann -- es kann nicht sein!«

»Wie ich das Mädchen heute habe kennen lernen,« sagte Günther ernst, »so
würden Sie ihr durch ein Nachfolgen nur noch einmal die Schmerzen des
Abschiedes bereiten -- weiter Nichts -- und das arme Kind hat Leid und
Schmerzen genug gehabt. Sein Sie nicht grausam; Anderes würden Sie nicht
damit bezwecken.«

»Und ohne Mittel -- ohne das Nöthigste, sich am Leben zu erhalten, auf
fremde Menschen -- auf ihrer eigenen zarten Hände Arbeit angewiesen
-- Hände, die nie gewohnt waren, eine schwere Arbeit zu verrichten, mit
einem Körper, der solchen ungewohnten Anstrengungen erliegen muß, selbst
wenn ihr Geist das Furchtbare erträgt -- Günther, Günther, der Gedanke
allein kann mich zur Verzweiflung treiben! Und wenn sie nun krank, nun
selber hülfsbedürftig wird, wer soll ihr beistehen, wo der alte Mann ja
selber Hülfe und Pflege für sich gebraucht?«

»Das Einzige was wir thun können,« sagte Günther, »ist, unter der Hand
nachzuforschen. Ein so auffälliges Paar kann in unseren Colonien nicht
spurlos verschwinden; man wird immer in der Nähe Nachricht von ihnen
bekommen können, und sollte dann Hülfe nöthig sein, so läßt sie sich
vielleicht indirect und ohne daß Elise Etwas davon weiß, vermitteln.
Nahen dürfen Sie ihr aber jetzt nicht, wenn Sie nicht Alles verderben
wollen, das ist meine feste Überzeugung. -- Aber gönnen Sie mir eine
Stunde Zeit; ich muß diese Papiere ordnen und gleich nach Hause berichten,
denn übermorgen früh bin ich gezwungen, meine Arbeiten wieder zu beginnen
und zu beenden. Morgen werde ich deshalb die Auction der Sellbachschen
Sachen halten, und dafür ist es nöthig, gleich noch ein paar Anzeigen
für die Gasthäuser und öffentlichen Plätze zu schreiben. Der Jeremias,
dem ich eben begegnet bin, wird dann die weitere Verbreitung noch heute
Abend übernehmen. In einem solchen Neste, wie dies, ist ein derartiges
Ereigniß gleich allgemein bekannt, und wir haben das unglückselige
Geschäft dann abgemacht, ehe das Publicum nur Zeit gehabt hat, sich
seine Vermuthungen mitzutheilen -- es muß Alles Schlag auf Schlag folgen.
Die Eincassirung der in der Auction gelösten Gelder werde ich dann hier
dem Kaufmann Rohrland übertragen. Apropos,« setzte er hinzu, als er eine
Anzahl Papiere aus seiner Tasche nahm und ein paar ziemlich umfangreiche
Karten auf den Tisch warf -- »da hat mir der Jeremias auch ein paar
Einladungen auf morgen Abend zu der Frau Gräfin mitgebracht. Sie giebt,
glaub' ich, eine Art Soirée, oder etwas Derartiges. Es ist auch eine für
Sie dabei.«

»Für mich? Ich kenne die Frau Gräfin gar nicht,« sagte Könnern
gleichgültig.

»Ich auch nicht,« lachte Günther; »die Einladung ist wahrscheinlich eine
Art von Erkenntlichkeit für den Dienst, den wir ihrer Tochter vorgestern
Abend geleistet haben. Wie doch oft kleine, unbedeutende Ursachen so
furchtbare Wirkungen haben -- dachten wir damals daran, daß das
durchgehende Pferd in zweimal vierundzwanzig Stunden ein Menschenleben
kosten und eine Familie von Haus und Hof treiben könnte?«

»Kann ich Ihnen bei Ihren Papieren helfen?«

»Nein; aber wenn Sie mir einen Gefallen thun wollten, so könnten Sie
sich einmal nach meinem neugefundenen Freund und neuen Kameraden, dem
jungen Grafen Rottack umsehen. Er ist wahrscheinlich hier im Hause, und
ich habe mit ihm zu reden. Für ihn ist übrigens auch eine Einladung
gekommen; da sie aber seinen Namen nicht wußten, steht er mit auf meiner
Karte.« --

       *       *       *       *       *

Die Sonne ging unter, und die Straße von Zuhbel's Chagra herein kam
unser alter Bekannter Köhler und hielt an des Schneiders Justus' Haus.
Es war finster in der Arbeitsstube Kernbeutel's; aber der junge Mann
ritt dicht an das Fenster und klopfte mit der Hand an eine der Scheiben.
Niemand antwortete, und er klopfte stärker. Endlich ging in der Stube
eine Thür auf und die Frau kam herein.

»Na,« sagte sie, »was giebt's? Wer klopft da?«

»Ist der Justus zu Hause?«

»Der Liedrian!« keifte die Frau; »wer weiß; wo der die Nacht trunken
gelegen hat und jetzt seinen Rausch ausschläft. O, Du mein Herrgott,
wie oft habe ich die Stunde schon verschworen, wo ich das nichtsnutzige
Mannsbild zum ersten Mal mit Augen gesehen habe -- aber ich mag die
Wirthschaft auch nicht länger mit ansehen und gehe aus dem Hause!«

»Was, der ist noch nicht von seinem Ball zurück?« rief Köhler ärgerlich.
»Da ist mein Rock auch _noch_ nicht fertig, und er hat sich verschworen,
daß ich ihn heute Morgen haben sollte.«

»Wer hätt' ihn sollen fertig machen -- ich?« knurrte die Frau -- »weiter
fehlte auch Nichts mehr; die Schinderei hab' ich so schon allein, soll
ich auch noch die Arbeit für den Lumpen thun?«

»Ist er denn bei Zuhbels oben?«

»Ja, was weiß ich, wo er sich herumtreibt!« sagte die Frau und schlug
ärgerlich die Thür wieder hinter sich zu.

»Schöne Wirthschaft, das,« brummte Köhler vor sich hin, als er sein
Pferd wieder zurück auf die Straße und heimwärts lenkte; »aber soll mich
Dieser und Jener holen, wenn ich bei dem liederlichen Halunken auch je
wieder ein Stück arbeiten lasse!« --

       *       *       *       *       *

In dem kleinen Käfterchen, das Bux in Buttlich's Hause mit seiner Familie
bezogen, saß die Familie Bux beim Abendbrod. Die Frau hatte das jüngste
Kind, das wieder recht unruhig war, an der Brust und saß auf einer kleinen
Kiste neben der Holzlade, die zum Tisch dienen mußte, während an dem
andern Ende Bux selber rittlings Platz genommen. Rechts und links von ihm
kauerten die beiden älteren Kinder, und ein Stück gekochtes Rindfleisch
mit schwarzen Bohnen, wie außerdem eine Flasche Schnaps, der Bux schon
ziemlich lebhaft zugesprochen, standen in der Mitte.

»So freßt Euch heute einmal satt!« lud Bux die Familie ein; »wer weiß,
wann's wieder Fleisch in den Topf giebt. Und Du, bring einmal den Balg
zum Schweigen, oder ich werf' es, Gott straf' mich, vor die Thür hinaus
-- und Dich mit!«

Bux hatte nicht seinen #beau jour#; er sah wüst und wild um die Augen
aus, deren eines roth unterlaufen war, wie nach einer Schlägerei. Auch
ein paar Schrammen trug er in dem ungewaschenen Gesicht, und um die
linke Hand einen schmutzigen Lappen gebunden. Der häufig genossene
Branntwein war ihm dazu schon etwas in den Kopf gestiegen, und immer
wieder auf's Neue hob er die Flasche an die Lippen.

»Ach Du lieber Gott!« stöhnte die Frau, indem sie von ihrem langersehnten
Mahl aufstand und das Kind in der Stube herumtrug -- denn es wollte
die Brust nicht mehr nehmen, die ihm ja doch keine Nahrung bot -- »ich
wollte, Du würfst uns Beide nur hinaus und gleich in's Wasser, da wärst
Du uns mit Einem Mal los, und uns -- wär's auch wohl da unten!«

»Halt's Maul und mach' mir den Kopf nicht wild,« schrie der Mann -- »heute
wollen wir lustig sein, und ich will die Heulerei nicht haben! Hast Du
mich verstanden?«

Die Frau schwieg und suchte das Kind zu beschwichtigen, das jetzt, so
lange es auf und ab getragen und geschüttelt wurde, auch ruhiger war,
und der Mann fuhr, seine Gabel vor sich hin auf die Lade werfend, mit
zusammengebissenen Zähnen fort:

»Gott verdamm' mich, nicht einmal das Bißchen Fressen kann man in Ruhe
verzehren, mit so einer himmelhundischen Last am Bein! Macht mir den Kopf
nicht warm, das sag' ich Euch, denn ich _bin_ heute gerade guter Laune
und will mir den Abend nicht verderben lassen!« -- Und dabei sprach er
wieder fest der Flasche zu. Dann aber schnitt er das Fleisch in kleine
Stücke und schob es den Kindern hin, die scheu und stumm darüber herfielen,
denn der Vater saß ihnen zu nahe, als daß sie hätten wagen dürfen ein
Wort einzuwerfen. Auch die Frau kam endlich wieder herzu, denn das Kind
war ihr im Arm eingeschlafen, und sie legte es leise auf die im Winkel
zusammengeschobenen Lumpen, die ihm zum Bettchen dienten.

»Da, trink' einmal,« sagte der Mann endlich und schob ihr, als die
Mahlzeit schon fast beendet war, die Flasche hin.

»Ich kann nicht,« lehnte die Frau ab -- »der Schnaps ist mir zu scharf
-- er brennt mir den Hals entzwei und -- möchte auch dem Kinde schaden.«

»Kinde schaden,« brummte der Mann unwirsch -- »so laß es bleiben -- soll
Dir's auch wohl noch eingießen, die Gottesgabe« -- und er hob die Flasche
an den Mund und leerte den noch darin befindlichen Rest auf Einen Zug.

Die Frau sah ihm ängstlich zu, sagte aber kein Wort; sie wußte recht gut,
daß sie ihn in diesem halbtrunkenen Zustande nicht reizen durfte, und
Bux schien wirklich heute Abend guter Laune, denn er schob die Flasche
zurück, nahm seinen Pfeifenstummel aus der Tasche, stopfte sich denselben
und legte sich dann, den blauen Dampf in das Dunkel hineinqualmend, in die
Ecke auf sein Lager.

»Ist der Junge beim Justus drüben gewesen und hat ihn eingeladen, uns zu
besuchen?« fragte er endlich; »hätt's beinahe ganz vergessen, und von dem
Lumpengesindel sagt Einem auch keines Antwort, wenn man einmal 'was
bestellt.«

»Ich war drüben, Vater,« sagte der Knabe, »aber der Mann war noch nicht
nach Haus gekommen; wenn er käme, wollt's ihm die Frau bestellen.«

»So? -- hm -- hahaha,« lachte Bux vor sich hin -- »liederlicher Strick,
wo der sich wieder einmal herumtreibt! -- Sonst war Niemand da, der nach
mir gefragt hätte, wie ich da vorhin lag und schlief?«

»Niemand als der Fleischer, der sein Geld haben wollte,« sagte die Frau.

»Soll zum Teufel gehen!« brummte der Mann und qualmte immer stärker.

Dann war Alles ruhig. Die Frau räumte die Lade ab und stellte das
Geschirr in einen Winkel, um morgen mit Tagesanbruch wieder aufzustehen
und es auszuwaschen. Sie hätte den Mann gern gefragt, ob er heute Morgen,
als er aus war, irgend eine Beschäftigung oder Aussicht auf Erwerb
gefunden, denn vorgestern schon war das letzte Stück Geld ausgegeben
gewesen, und jetzt schien er doch wieder Etwas bekommen zu haben; aber
sie wagte es nicht. Das Kind schlief gerade, und wenn er böse wurde und
auffuhr, konnte er es wieder wecken und sie dann die halbe Nacht mit ihm
im Zimmer herumlaufen, wie gestern und vorgestern.

Der Mann war auch ruhig. Das starke Getränk übte seine betäubende
Wirkung. Er hatte die Pfeife ausgeraucht und hielt sie noch leer in der
Hand, während er schon schwerfällig mit dem Kopfe zu nicken anfing. Ein
paar Mal fuhr er wieder in die Höh und sah sich scheu um, dann sank
sein Kopf zurück auf das Kissen; er begann zu schnarchen, und die Frau
winkte den Kindern, vorsichtig zu Bett zu gehen, löschte das Licht aus
und legte sich dann selber neben dem Kleinsten nieder, um dieser Nacht
vielleicht ein paar Stunden Schlaf abzuringen.

Ende des zweiten Bandes.


Druck von G. _Pätz_ in Naumburg.




TRANSCRIBER'S NOTE ---- ZUR KENNTNISNAHME

Contemporary spellings have generally been retained even when
inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been
corrected; missing punctuation has been silently added. Words in Roman
type are identified like #this#.

Zeitgenössische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn
gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische
Fehler wurden korrigiert; fehlende Zeichensetzung wurde ergänzt. In
Antiqua gedruckte Wörter wurden #so# gekennzeichnet.

The following additional changes have been made:

Die folgenden zusätzlichen Änderungen wurden vorgenommen:


 seinen eigenen Hoffnungen         seinen eigenen Hoffnungen
 und Planen                        und _Plänen_

 daß mir Sr Excellenz Nichts       daß mir _Se_ Excellenz Nichts
 mehr zu befehlen hat              mehr zu befehlen hat

 das Mädchen ist ein Engel         das Mädchen ist ein Engel
 und und jeder                     _und_ jeder





End of Project Gutenberg's Die Colonie. Zweiter Band., by Friedrich Gerstäcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. ZWEITER BAND. ***

***** This file should be named 30814-8.txt or 30814-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/3/0/8/1/30814/

Produced by richyfourtytwo, Delphine Lettau and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
[email protected].  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     [email protected]


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.