Eskimoleben

By Fridtjof Nansen

The Project Gutenberg eBook of Eskimoleben
    
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Title: Eskimoleben

Author: Fridtjof Nansen

Illustrator: Otto Ludvig Sinding

Translator: Margarethe Langfeldt


        
Release date: June 17, 2026 [eBook #78886]

Language: German

Original publication: Berlin: Globus Verlag, 1921

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/78886

Credits: Peter Becker and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive)


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ESKIMOLEBEN ***


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                     Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
sind stillschweigend korrigiert worden.

Die Überschrift "Kapitel XVI. wurde eingefügt.

Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt
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  ~gesperrt gedruckter Text~,   +antiqua gedruckter Text+

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                            Fridtjof Nansen


                              Eskimoleben


                    Aus dem Norwegischen übersetzt
                                  von
                             M. Langfeldt

                         Illustrierte Ausgabe




                   Globus Verlag G.m.b.H. Berlin W.

                     Globushaus-Druckerei, Berlin




                             Inhalt:


     Kapitel  I. Grönland und der Eskimo                           1

        "    II. Aussehen und Kleidung                            14

        "   III. Der Kajak und die Kajakgeräte                    25

        "    IV. Auf dem Meere im Kajak                           46

        "     V. Winterhäuser, Zelte, Frauenboote und Reisen      66

        "    VI. Kochkunst und Leckerbissen                       75

        "   VII. Charakter und soziale Verhältnisse               84

        "  VIII. Stellung und Arbeit der Frau                    101

        "    IX. Liebe und Ehe                                   115

        "     X. Moral                                           132

        "    XI. Gerichtspflege, Trommeltanz und Vergnügungen    155

        "   XII. Begabung. -- Kunst. -- Musik. -- Dichtung. --
                 Erzählungen Eingeborener                        161

        "  XIII. Die Religion der Eskimos                        187

        "   XIV. Europäer und Eingeborene                        275

        "   XV.  Was haben wir erreicht?                         286

        "  XVI.  Schluß                                          297


                            [Illustration]




[Illustration: »Die weite Schneefläche, die sich starr und weiß von
einem Meer zum anderen erstreckt.«]




Vorwort.


Den Winter über waren wir abgeschieden von aller Welt und ganz auf die
Gesellschaft der Grönländer angewiesen. Ich wohnte in ihren Hütten,
teilte ihre Arbeit und versuchte, so gut es ging, mich bei ihnen
einzuleben und ihre Sprache zu erlernen. Doch leider ist ein Winter
viel zu kurz, um dieses merkwürdige Volk, sein Gedankenleben und seine
Kultur von Grund aus kennen zu lernen. Dazu gehört ein ernsteres
Studium. Nichtsdestoweniger habe ich versucht, meine Eindrücke vom
Leben der Eskimos in diesem Buche wiederzugeben, und mich dabei,
soweit es mir möglich war, auf die Schriften älterer Grönlandsforscher
gestützt. Es giebt ja auch Dinge, die dem Ankommenden mehr ins Auge
fallen, als dem langjährigen Beobachter, der sie täglich vor Augen hat.

Sollte man mir auch nicht immer beistimmen, wenn ich mir gelegentlich
eine Kritik erlaube oder die Schwäche zeige, ein untergehendes Volk zu
beklagen, das, vom Giftstachel unserer Civilisation gestochen, nicht
mehr zu retten ist, so tröste ich mich damit, daß dadurch die Lage
der Eskimos nicht verschlimmert werden kann, und hoffe, daß man meine
Bemerkungen so auffassen wird, wie sie gemeint sind. -- +Amicus
Plato, amicus Socrates, magis amica veritas+ -- die Wahrheit vor
allem! Und sollte ich meinen Lesern manchmal unverständlich erscheinen,
so möge es mir zur Entschuldigung dienen, daß man nicht unter diesem
Volke leben kann, ohne es lieb zu gewinnen. Dazu ist ~ein~ Winter
lang genug.

An den langen dunklen Abenden, wenn ich in der niedrigen Stube
sitzend in die Flamme der Thranlampe starrte, hatte ich viel Zeit,
meinen Gedanken nachzuhängen. Da war es mir oft, als sähe ich diese
Naturmenschen Schritt für Schritt auf ihren Hundeschlitten und in
ihren eigentümlichen Fellbooten aus dem fernen Westen herangezogen
kommen. Ich sah sie sich durchkämpfen und ihre sinnreichen
Gerätschaften nach und nach vervollkommnen, sah sie sich selber zu
großartiger Seetüchtigkeit ausbilden. Jahrhunderte, Jahrtausende
vergingen, eine Generation nach der anderen erlag im Kampfe mit der
Natur, während die Stärkeren unter ihnen Sieger blieben. Und ich konnte
nicht umhin, für ein so tapferes Volk Bewunderung zu empfinden.

Doch hinter den glänzenden Bildern der Vergangenheit erhoben sich zwei
andere, Gegenwart und Zukunft, in düsterem, hoffnungslosem Grau.

Auf Grönland lernten die Eskimos die Europäer kennen. Die ersten waren
unsere Vorfahren, und die wurden von ihnen überwunden. Doch als wir
wiederkamen -- diesmal mit dem Christentum und unseren Kulturprodukten
-- da mußten sie uns als Herren anerkennen, und seitdem geht es mit
ihnen bergab. Die Welt zuckt mitleidig die Achseln. Du liebe Zeit,

  »Was war's denn weiter! 's ist ja einerlei,
  Wenn so ein Bettler stirbt!«

Und doch haben auch die Eskimos Gefühle wie andere Menschen. Auch sie
freuen sich ihres Lebens und der Natur und winden sich blutend unter
unseren Eisentritten. Wer daran zweifelt, sehe sie in ihrer Liebe zu
ihren Kindern, in ihrem gegenseitigen Mitgefühl oder lese ihre Sagen
und Ueberlieferungen.

»Ein großer Seehundsfänger von der Insel Aluk, an der Ostküste, liebte
seine Heimat so sehr, daß er sie nicht einmal im Sommer verließ. Es war
ihm ein besonderer Genuß, die Sonne morgens aus dem Meere aufsteigen
zu sehen. Einmal gelang es seinem Sohne jedoch, ihn zu einer Reise
nach dem Westen zu bereden. Als sie aber soweit gelangt waren, daß sie
morgens die Sonne über dem Lande statt über der See aufgehen sahen,
befahl der Vater sofort, alles zur Heimreise zu rüsten. Als sie endlich
wieder auf Aluk ankamen, schlugen sie ihr Zelt auf. Sobald der Tag
graute, ging der Alte zum Strand. Anfangs hörten seine Angehörigen noch
seine Stimme, dann wurde es plötzlich still, und als sie an den Strand
eilten, sahen sie ihn in demselben Augenblicke, als die Sonne aus dem
Meer emportauchte, zu Boden sinken. Er war tot. Die Freude hatte ihn
getötet.«

Ein Volk, das solche Erzählungen besitzt, ist nicht gefühllos!

Doch jedesmal, wenn ich einen dieser Menschen unter dem Elende, in
das wir sie gebracht haben, leiden oder erliegen sah, erwachte in mir
der Rest des Gerechtigkeitsgefühles, den die meisten von uns noch
besitzen. Und mich erfüllte der heiße Wunsch, die Wahrheit in die Welt
hinauszuschreien. Wüßte man es nur bei uns, so müßten ja alle Menschen
aus ihrer Gleichgiltigkeit aufgerüttelt werden und gleich wieder gut zu
machen suchen, was sie verbrochen.

Armer, junger Mann! Du hast nichts vorzubringen, was nicht schon besser
gesagt worden wäre. Das unglückliche Schicksal der Grönländer wie das
anderer Eingeborener ist den civilisierten Nationen schon von so vielen
Seiten vorgehalten worden, und alles hat doch nichts geändert.

Gleichviel, ich will mein Gewissen erleichtern. Es scheint mir heilige
Pflicht, ebenfalls Einspruch zu erheben. Meine Feder ist leider nur
schwach. Was ich am tiefsten empfinde, kann ich nicht mit Worten sagen
-- nie hat mir Dichtergabe mehr gefehlt. Ich weiß, meine Mahnung wird
einem Rufe in einer weiten Ebene gleichen, der das Echo der Berge nicht
erweckt. Mir bleibt nur die Hoffnung, daß ich vielleicht in einer Brust
Mitgefühl für die armen Eskimos und Trauer über ihr Geschick wachrufe.

  ~Godthaab, Lysaker.~
  November 1891.

  =Fridtjof Nansen.=




[Illustration]




Kapitel +I.+

Grönland und der Eskimo.


Grönland ist auf eigentümliche Weise mit unserem Lande und Volke
verbunden. Unsere Vorfahren kamen als die ersten Europäer in dies Land.
Auf ihren alten Schuiten machten die alten Vikinger bei Sturm und durch
Treibeis die waghalsige Reise nach dem fernen Schneeland, ließen sich
dort nieder und machten es zu einer Besitzung der norwegischen Krone.
Dann hörte plötzlich der Zuzug von Norwegen auf, und sogar die Kunde
von dieser Kolonie ging verloren. Und wieder war es ein Norweger,
der das kalte Land entdeckte und dort im Auftrag einer norwegischen
Gesellschaft eine neue europäische Kolonisation begann.

Arm ist das Land, das wir den Eskimos raubten, arm an Gold und grünen
Wäldern, nackt, entlegen und keinem von Menschen bewohnten Lande
gleich. Und doch ist es in seiner Armut schön! Ja, wenn Norwegen schön
ist, so ist es Grönland nicht minder. Wer es sah, dem bleibt es in der
Erinnerung teuer! Ich weiß nicht, ob es anderen ebenso geht, mir aber
verschmilzt es mit der ganzen träumerischen Schönheit des Märchenlandes
meiner Kinderjahre, und ich habe dort unsere Natur wiedergefunden in
noch größerer und reinerer Gestalt.

Die starke, wilde Natur gleicht einer in Eis und Schnee gehauenen,
altersgrauen Sage, die bisweilen so feine weiche Stimmungsbilder
enthält, wie ein Gedicht. Sie gleicht dem kalten Stahl, in dem sich die
spielenden Farben des Sonnenscheines spiegeln.

Sehe ich Schneefelder und Gletscher, so eilen meine Gedanken nach
Grönland, wo die Schneefelder größer sind als bei uns und die Gletscher
in ein von Treibeis und Eisbergen erfülltes Meer abfallen. Höre ich
lautes Lobsingen über die Fortschritte der Kultur, große Männer und
große Thaten, dann sucht mein inneres Auge die weite Schneefläche, die
sich starr und weiß von einem Meer zum anderen erstreckt und einst
fruchtbare Thäler und Gebirge unter sich begrub. Vielleicht wird uns
alle dereinst ewiger Schnee bedecken.

Alles ist dort oben einfach und doch so großartig. Weißer Schnee,
blaues Eis, kahle, dunkle Berge wie schwarze Kegel, sturmbewegte,
heulende See. Aber wenn ich die Sonne glühend ins Meer sinken sehe,
denke ich an das ferne Land, wo die Klippen und Holme der glitzernden
See in der untergehenden Sonne rosenrot erscheinen und auf den
Eisbergen das herrlichste Alpenglühen dämmert. -- Und wenn ich
bisweilen das »Almleben« unserer Heimat auskoste, Sennerinnen und
weidende Kühe sehe, muß ich an das Zeltleben und die Renntierherden an
den Buchten und auf den Bergen Grönlands denken, an balzende Birkhähne,
an die mit Weiden bestandenen Moore, Sümpfe, Gewässer und Thäler jener
Gebirge, in denen der Eskimo seinen kurzen Sommer verlebt.

Doch nichts auf Erden läßt sich vergleichen mit der grönländischen
Nordlichtwinternacht. Sie ist der geheimnisvolle Atem der Natur selbst.

Das Land übt eine unerklärliche Macht auf das Gemüt aus, das Volk des
Landes aber ist nicht weniger merkwürdig.

Mehr als jedes andere Volk gehört der Eskimo der See und dem
Küstenlande an. Am Meere wohnt er, auf ihm sucht er seinen Unterhalt;
das Meer giebt ihm alles, was er braucht, und auf ihm macht er alle
seine Reisen; im Sommer in seinen mit Fellen überzogenen Booten, im
Winter in seinem Hundeschlitten. Darum spielt das Meer im Leben des
Eskimos auch die Hauptrolle -- und darum ist es auch kein Wunder, daß
sein Gemüt ein Bild des Meeres ist. Wie das Meer, verändert sich seine
Stimmung, ernst im Sturme, ausgelassen heiter bei Sonnenschein und
ruhiger See. Er ist ein Kind des Meeres, leichtsinnig, fröhlich wie
die spielenden Wellen, oft aber auch düster wie die schäumende Flut.
In seinem Kindergemüte verwischt sich alles schnell. Ist das Unwetter
vorüber, so glättet sich ja die See und gleicht nicht mehr dem tobenden
Wogenschwalle von vorhin. Die Güter dieser Welt sind hienieden sehr
ungleich verteilt. Einigen wird es sehr leicht gemacht, sie können
in ihrer Jugend einen Brotfruchtbaum pflanzen und sich damit für den
Rest ihres Lebens versorgen, während es den Anschein hat, als sei
anderen alles, außer der Kraft zu kämpfen, versagt und als müßten sie
der feindlichen Natur Schritt für Schritt jedes Bischen, dessen sie
zum Leben bedürfen, erst abtrotzen. Das große Heer der Menschheit
hat solchen Völkern bei seinem beständigen Kampfe zur Unterwerfung
der Natur die Stellung äußerster Vorposten angewiesen. Zu diesen
Vorposten gehört das Eskimovolk, und von allen lebenden Völkern ist
es das merkwürdigste. Es liefert den besten Beweis für die eigene
Begabung des Menschen, sich den Verhältnissen anzupassen und sich
über die Erde zu verbreiten. Der Eskimo bildet den äußersten Vorposten
gegen die Todesstille des ewigen Eises, und soweit wir bisher nach
Norden vorgedrungen sind, haben wir auch Spuren dieses abgehärteten
Volkschlags gefunden.

Die von allen anderen verschmähten Himmelsstriche nahm der Eskimo für
sich in Besitz. Durch steten Kampf und langsame Entwickelung lernte er
mehr als alle anderen. Wo für die anderen jede Möglichkeit des Lebens
aufhört, fängt für ihn das Leben an -- er hat sein Land lieben gelernt,
es ist für ihn die Welt, in der er »der Mensch« ist, und jenseits deren
er dem Untergange verfallen wäre.[1]

Dieses Volk will ich auf den folgenden Blättern schildern, ihm sei mein
Buch gewidmet.

So scharf sich der Eskimo im Aussehen, in der Körperbildung, durch
seine sinnreichen Gerätschaften und durch seine ganze Lebensweise von
allen anderen Völkern unterscheidet, so ähnlich sind die verschiedenen
Eskimostämme untereinander. Ein Eskimo von der Behringstraße gleicht
dem Grönländer so sehr, daß man keinen Augenblick an der Verwandtschaft
der beiden zweifeln kann. Ein Alaska-Eskimo und ein Ostgrönländer
verstehen einander ohne Schwierigkeit. Kapitän Adrian Jakobsen, der
Grönland und Alaska bereist hat, versichert, daß er sich mit den
Brocken der Eskimosprache, die er in Grönland erlernt hatte, in
Alaska habe verständigen können. Und doch sind beide Völker durch
mehr als sechshundert geographische Meilen voneinander getrennt, eine
Entfernung, wie von Christiania bis an die chinesische Grenze oder bis
Innerarabien. Solche Spracheinheit bei soweit voneinander wohnenden
Stämmen dürfte in der Geschichte der Menschheit einzig dastehen.

Die große Aehnlichkeit aller Eskimostämme, ihre abgesonderte Lage
anderen Völkern gegenüber und ihre vollkommenen Geräte scheinen auf
eine sehr alte Rasse hinzudeuten, bei der alles in bestimmten Formen
erstarrt ist und die sich nur unendlich langsam verändern kann. Andere
Umstände sprechen jedoch auch wieder gegen diese Annahme und machen
es wahrscheinlicher, daß dieses weit zerstreute Volk ursprünglich
ein kleiner Stamm war, der sich erst in neuerer Zeit über die
verschiedenen, heute von Eskimos bewohnten Länder verteilte.

Daß diese Einwanderung verhältnismäßig bald stattfinden konnte, ohne
doch zu einer Völkerwanderung zu werden, ist leicht erklärlich. Man
braucht nur zu bedenken, daß ihre jetzige unwirtsame Heimat, bevor sie
sich dort niederließen, garnicht oder doch fast nicht bewohnt war, daß
also niemand als die Natur selbst ihrer Ausbreitung Hindernisse in den
Weg legte.

Der jetzt von den Eskimos bewohnte Himmelsstrich erstreckt sich von der
Westküste der Behringstraße über Alaska, das nördlichste Nordamerika
und die zu diesem Kontinente gehörenden arktischen Inselgruppen bis
nach West- und Ostgrönland.

Durch seine in jeder Weise abgesonderte Lage hat der Eskimo den
Anthropologen viel Kopfzerbrechen gemacht, und die widersprechendsten
Ansichten wurden hinsichtlich seiner Herkunft laut.

Dr. H. Rink, der das Studium der grönländischen Natur und des
grönländischen Volkes zu seiner Lebensaufgabe machte und in diesem
Fache unzweifelhaft die größte Autorität ist, meint, daß die Geräte und
Waffen der Eskimos größtenteils aus Amerika stammen. Er hält es für
wahrscheinlich, daß die Eskimos ursprünglich als ein Stamm im Innern
von Alaska, wo es heute noch Eskimos giebt, wohnten und von dort aus an
die Küsten des Eismeeres auswanderten. Er hebt ferner hervor, daß ihre
Sprache mit der amerikanischen Ursprache nahe verwandt ist und ihre
Sitten und Sagen vieles mit denen der Indianer gemeinsam haben.

Ein Unterschied aber, der die Eskimos unter anderem von den Indianern
trennt, ist der Gebrauch der Hundeschlitten. Nehmen wir die
Inkaperuaner, die das Lama als Lasttier benutzten, aus, so finden wir
bei keinem der amerikanischen Urvölker Last- oder Zugtiere. Hierin
nähert sich der Eskimo also mehr den asiatischen Polarvölkern.

Ein näheres Eingehen auf diese verwickelte wissenschaftliche Forschung,
in der noch lange nicht das letzte Wort gesprochen ist, würde uns zu
weit führen. Nur soviel können wir mit einiger Sicherheit behaupten,
daß die Eskimos zuletzt von den Küsten der Behringstraße oder des
Behringmeeres -- möglicherweise von der amerikanischen Seite -- kamen
und sich von dort aus Schritt für Schritt nach Osten hin über das
arktische Amerika bis nach Grönland verbreiteten.

»~Wann~« sie sich dauernd in Grönland ansiedelten, wird,
meiner Meinung nach, nicht festzustellen sein. Daß dieser Zeitpunkt
verhältnismäßig neueren Datums sein muß, habe ich schon angedeutet. Im
Gegensatz zu mehreren Forschern halte ich es aber nicht für erwiesen,
daß die Eskimowanderungen erst im vierzehnten Jahrhundert, wie die
isländischen Sagen behaupten, stattfanden. Wenn ich auch von der
Richtigkeit der Thatsache überzeugt bin, daß um diese Zeit der erste
ernstliche Zusammenstoß der norwegischen Kolonisten mit den in großen
Scharen von Norden kommenden Eskimos oder Skraellingern (Scheusale)
stattfand, so schließt dies die Möglichkeit nicht aus, daß sie schon
in Westgrönland ansässig waren, bevor der Fuß eines Norwegers den
ostgrönländischen Boden betrat. In den ersten vierhundert Jahren
der norwegischen Ansiedelung scheinen in Südgrönland (dem Ost- und
Westgebiete) keine Eskimos gewohnt zu haben, da ihrer in den Sagen
nirgends erwähnt wird. Dagegen wird in diesen Sagen ausdrücklich
hervorgehoben, daß die ersten Norweger, die ins Land kamen, Erik
der Rote und seine Freunde, sowohl im Ost-, wie im Westgebiete
Südgrönlands verlassene Menschenwohnungen, Ueberreste von Booten und
steinerne Geräte fanden, die, ihrer Ansicht nach, einem häßlichen
Volke, das sie Skraellinger (Scheusale) nannten, gehört haben
mußten. Daraus läßt sich schließen, daß dort Skraellinger gewesen,
und ihre Hinterlassenschaft beweist, daß sie der Gegend nicht nur
einen flüchtigen Besuch abgestattet haben. Es ist nicht unmöglich,
daß die Eskimos Hals über Kopf davonliefen, als sie die nordischen
Vikingerschiffe heransegeln sahen. Dieselbe Erfahrung machten wir auf
der Ostküste. Doch weniger annehmbar scheint mir, daß sie ihre Flucht
ungesehen von den Norwegern sollten ausgeführt haben. Ich schließe
mich der vielfach ausgesprochenen Ansicht an, daß die Eskimos damals
ihre festen Wohnsitze höher hinauf an der Küste hatten, oberhalb
des 68. Grades nördlicher Breite. Dort ist noch heute die beste
Seehundsjagd und die häufigste Gelegenheit zum Walfischfang. Und
da sie von Norden[2] her in das Land gekommen sein müssen, lag hier
für sie auch die erste natürliche Station auf ihrem Zuge. Von diesem
festen Wohnsitz aus werden sie nach echter Eskimoweise häufig den
südlicheren Teil der Insel auf längere oder kürzere Zeit besucht und
dort jene zuerstgefundenen Spuren hinterlassen haben. Als sich dann die
Norweger dort angesiedelt hatten und später auch Streifzüge nach Norden
unternahmen, trafen sie schließlich mit den Eskimos zusammen, was nach
Professor Gustav Storms Erachten[3] vor dem zwölften Jahrhunderte
geschah.

Die +Historia Norvegiae+ berichtet, daß die grönländischen
Waidmänner in den unbebauten Gegenden Nordgrönlands kleine Menschen
antrafen, denen sie den Namen Skraellinger gaben und die Steinmesser
und Pfeilspitzen von Walfischknochen besaßen. -- Mit der Zeit begannen
jedoch die nördlichen Eskimoniederlassungen an Uebervölkerung zu
leiden, und ein Teil mußte sich weiter südlich neue Wohnsitze suchen.
Da die Norweger beim Zusammentreffen mit ihnen oft Gewalt gebraucht
hatten, scheinen die Eskimos sich gerächt zu haben. Sie griffen 1341
das »Westgebiet« an und sollen diese Kolonie verwüstet (?) haben.
1397 unternahmen sie einen Feldzug gegen das Ostgebiet[4], das im
folgenden Jahrhundert gleichfalls von der Bildfläche verschwunden zu
sein scheint. Um diese Zeit haben die Eskimos zuerst festen Fuß in
Südgrönland gefaßt.

Auch aus den Sagen der Eskimos geht hervor, daß zwischen ihnen und den
alten Norwegern Kämpfe stattfanden. Doch aus denselben Sagen ersehen
wir, daß sie mit ihnen auch oft in friedlichem Verkehr standen, ja,
an einigen Stellen wird sogar mit großer Anerkennung von den alten
Norwegern gesprochen. Es ist bei dem jetzigen Charakter der Eskimos
auch kaum glaublich, daß sie einen förmlichen Ausrottungskrieg führten,
und ein solcher kann jedenfalls kaum die alleinige Ursache des
Untergangs der Kolonien gewesen sein. Außer dem inneren Verfall infolge
der Loslösung vom Mutterlande, hat wohl auch die Vermischung der
Kolonisten mit den Eskimos mitgespielt. Die damaligen Europäer dürften
schwerlich unempfänglicher gegen die Reize der Eskimoschönen gewesen
sein, als unsere jungen Landsleute heute.

Ueber den ~Weg~, auf dem die Eskimos nach Westgrönland gelangten,
herrschen gleichfalls verschiedene Ansichten. Dr. ~Rink~
behauptet, die Eskimos seien, nachdem sie den ~Smithsund~
überschritten, nicht längs der Westküste nach Süden gezogen, was uns
doch am natürlichsten erscheint, sondern nordwärts um die Nordspitze
des Landes herumgegangen und dann längs der Ostküste herabgekommen.
Von hier aus wären sie dann später über Grönlands Südspitze nach der
Westküste gezogen. Diese Annahme gründet sich hauptsächlich darauf,
daß Thorgils Orrabeinfostre im Jahre 1000 an der Ostküste Eskimos
angetroffen haben soll, während die alten Norweger auf der Westküste
um diese Zeit noch keine Ahnung von der Existenz jenes Volkes hatten.
Die Handschrift über die Abenteuer jenes Thorgils stammt jedoch
aus dem vierzehnten Jahrhundert und steht in direktem Widerspruch
mit den übrigen Sagen, aus denen hervorgeht, daß die Eskimos von
Norden und nicht von Süden kamen, und daß die Westkolonie vor der
Ostkolonie unterging. Denselben Schluß kann man auch aus einer
Eskimosage ziehen, in welcher das erste Zusammentreffen mit den alten
Norwegern beschrieben wird. »In alten Zeiten,« heißt es da, »als
die Küste noch schwach bevölkert war, kam ein Boot mit Reisenden in
die Godthaabsbucht. Die Reisenden erblickten dort ein großes Haus,
dessen Bewohner sie nicht kannten, weil sie keine ›~Kaladlit~‹
(Eskimos) waren. Sie waren also zum ersten Male auf die alten Norweger
gestoßen. Diese sahen auch zum ersten Male Kaladlit und nahmen sie
sehr freundlich auf.« Das geschah also im alten Westgebiet der
Norweger, ihrer ~nördlichsten~ Kolonie an der Küste. Noch ein
anderer Umstand macht, meiner Meinung nach, die Wanderung um Grönland
herum unwahrscheinlich. Sollten sie bis an die Nordspitze Grönlands
vorgedrungen sein, so müssen sie dort wie die sogenannten arktischen
Hochländer (die Eskimos nördlich vom Kap York) gelebt haben. Dann
hätten sie natürlich von Jagd gelebt und wohl Hundeschlitten, aber
keine Boote besessen, da das in Nordgrönland stets eisbedeckte Meer den
Kajak überflüssig macht. Daß sie sich, als sie dann an die eisfreie
Küste kamen, neue Boote erbauten, ist an und für sich nicht unmöglich.
Aber mehr als unwahrscheinlich klingt es, daß sie die Boote und die
zum Fischfang nötigen Geräte hier in so kurzer Zeit in so hohem Grade
sollten vervollkommnet haben, nachdem sie so ganz aus der Gewohnheit
gekommen, den Fang vom Kajak aus zu betreiben.

Ich meine, die natürlichste Erklärung ist, daß die Eskimos über den
Smithsund kamen, den sie überschritten haben müssen, und dann an der
Westküste entlang und über die Südspitze nach der Ostküste zogen. Ob
sie schon vor der Ankunft der Norweger auf der Ostküste waren, wissen
wir nicht. Auf ihrem Wege vom Smithsunde nach Süden trat ihnen freilich
in dem Melvillegletscher (ungefähr auf 76° nördlicher Breite) ein
großes Hindernis entgegen, da dieser direkt ins Meer fällt und die
Küste eine ganze Strecke weit nicht von Inseln beschützt wird. Aber
einerseits konnten sie längs des inneren Randes des Treibeises in ihren
Fellbooten vordringen, und andererseits waren die Schwierigkeiten für
sie gewiß auch nicht größer, als es die bei einer Wanderung nördlich um
das Land herum gewesen wären. Gegen diese Annahme läßt sich freilich
einwenden, daß die Ostgrönländer Hundeschlitten haben, welche an
der Südwestküste des fehlenden Eises wegen nicht in Gebrauch sind.
Bedenkt man jedoch, wie verhältnismäßig schnell die Eskimos in ihren
Frauenbooten reisen, wie häufig sie in früheren Zeiten längs der Küste
hin- und herzogen, und daß auf der ganzen Westküste immer Hunde
gehalten wurden, so wird auch dieser Einwand beseitigt.

Die gegenwärtige Verbreitung der Eskimos über die Westküste Grönlands
erstreckt sich vom Smithsunde bis zum Kap Farvel. Ihre Zahl
beläuft sich im dänischen Teil der Küste auf nahezu Zehntausend.
Auf der Ostküste giebt es, nach dem, was wir durch die dänische
Frauenbootexpedition unter Kapitän Holms Führung (1884-1885) erfahren
haben, bis nach Angmagsalik (66° nördlicher Breite) hinauf Eskimos.
Ihre Anzahl betrug Herbst 1884 im ganzen fünfhundertachtundvierzig. Die
Eskimos erzählten Kapitän Holm, daß weiter nördlich ihres Wissens keine
Eskimos mehr ansässig seien. Sie selber machten jedoch häufig Reisen
nach Norden, manchmal bis an den 68. oder 69. Breitengrad, und vor
einigen Jahren hätten zwei Frauenboote auch diesen Weg eingeschlagen,
ohne daß man je wieder etwas von ihnen gehört habe. Ob nördlich vom
70. Breitengrade auf der Ostküste keine Eskimos mehr wohnen, ist noch
nicht festgestellt. ~Clavering~ fand, wie bekannt, 1823 ein paar
Familien auf dem 74. Grade nördlicher Breite, doch nach jener Zeit
hat man dort keine mehr gesehen, und die deutsche Expedition, die an
dieser entlangzog und dort überwinterte, fand wohl Hütten und Geräte,
aber keine Menschen und nahm daher an, daß letztere dort ausgestorben
seien. Dies kommt mir jedoch kaum wahrscheinlich vor. Die Eskimos sind
eine sehr zähe Rasse, und es mag andere Gründe haben, daß man sie
nicht antraf. Sie können grade um diese Zeit weiter nach Norden oder
nach Süden gezogen sein. Vielleicht wohnen sie auch sehr zerstreut,
und man ist zufällig nicht auf sie gestoßen. Es bleibt nämlich immer
zu bedenken, um welch ungeheuere Strecken eines sehr zerklüfteten
Landes es sich hier handelt. Meiner Ansicht nach können dort an der
Küste noch immer Eskimos wohnen, und wir wollen hoffen, daß die
dänische Expedition, die, wie bekannt, jetzt dort oben ist, mit ihnen
zusammentrifft. Durch ihre abgeschiedene Lage, die jede direkte oder
indirekte Verbindung mit der zivilisierten Welt unmöglich gemacht hat,
müßten sie in ethnologischer Hinsicht zu den interessantesten aller
lebenden Völker gehören.

[Illustration]




[Illustration]




Kapitel +II.+

Aussehen und Kleidung.


Nun, da ich, so fern von diesen Menschen und der Natur, in der wir mit
einander umherstreiften, eine Beschreibung von ihnen machen soll, steht
mir das erste Zusammentreffen mit ihnen auf Grönlands Ostküste lebhaft
vor Augen. Zwei braune, lachende Gesichter, von langem, rabenschwarzem
Haar umrahmt, mitten im Eise. Sie strahlen vor heiterer Zufriedenheit
mit sich und aller Welt, und halb gutmütig freundlich, halb verwundert
blicken sie die seltsamen Fremdlinge an.

Der Eskimo reiner Rasse wird den meisten Europäern auf den ersten Blick
hin nichts weniger als hübsch erscheinen. Er hat ein rundes, breites
Gesicht, große grobe Züge, kleine dunkle, oft schrägliegende Augen,
eine platte Nase, die zwischen den Augen schmal und unten breit ist,
runde fettstrotzende Wangen, einen großen Mund und sehr entwickelte
breite Kinnbacken, die mit den runden Wangen zusammen das Untergesicht
eine hervorragende Rolle in der Physiognomie spielen lassen. Wenn der
Mund sich zu einem fettglänzenden Lächeln öffnet, sieht man zwei Reihen
großer weißer Zähne. Das Ganze macht den Eindruck eines vorzüglichen
Kauapparates und läßt uns mit Wohlbehagen an vieles und gutes Essen
denken. Gleichzeitig aber liegt in diesen Zügen, besonders bei den
Frauen, eine große einschmeichelnde Weichheit.

Nach den uns anerzogenen Begriffen können wir dies nicht hübsch nennen,
und doch -- wie vorurteilsvoll sind wir in dieser Beziehung! Es bedarf
langer, sehr langer Zeit, ehe man von seinen Traditionen loskommt. Wir
denken an die langgesichtigen, langnasigen Schönen unserer Heimat,
und unser Sinn erfüllt sich mit Wehmut bei der Erinnerung an die
vielen, für die wir geschwärmt, jene interessanten, bleichen -- aber
ach so farblosen Schönheiten! Es ist doch merkwürdig, wie brutal der
Geschmack werden kann: ich fand diese braunen, von Gesundheit und Fett
glänzenden Naturgesichter wirklich hübsch. Bei ihrem Anblick mußte ich
an das blaue Meer und hellen Sonnenschein denken, an weiße Gletscher
und inmitten dieser Umgebung schlagende Menschenherzen von wirklichem
Fleisch mit siedendheißem Blute.

Doch hauptsächlich waren es die jungen, die solchen Eindruck machten,
und sie altern schnell -- betrübend schnell. Die vertrockneten,
triefäugigen, kahlköpfigen alten Weiber waren nicht hübsch, sie
erinnerten an erfrorene Aepfel, und doch lag auch über ihnen ein
gewisser Stil. »Arbeit« stand auf ihrem Gesichte geschrieben, aber
auch »Essen, viel Essen« und gutmütige Resignation. Keine Spur von der
glasartigen Härte oder dem steifen Anstand, mit denen anderswo die
Schule des Lebens oft alte Gesichter stempelt.

Die auf der Westküste durch Kreuzung zwischen Europäern und Eskimos
entstandene Mischrasse ist nach europäischem Geschmacke schöner, sie
macht mit ihrer Bronzefarbe, ihren dunklen Brauen und schwarzen Augen
den Eindruck eines romanischen Volkes. Manchmal aber hat sie auch
Individuen von ausgesprochen jüdischem Typus aufzuweisen. Häufig zeigt
sie wirkliche Schönheiten sowohl unter dem starken, wie unter dem
schwachen Geschlecht. In der Regel aber liegt etwas Weichliches im
Wesen und Ausdruck dieser Mischlinge, die echten Eskimos machen einen
gesunderen, unverfälschteren Eindruck.

Es ist ein in Europa allgemein verbreiteter Irrtum, die Eskimos für
klein zu halten. Wenn die skandinavisch-germanischen Rassen sie auch
an Größe übertreffen, so muß man sie doch zu den mittelgroßen Völkern
zählen. Ich selber habe mehrere echte Eskimos gesehen, die ungefähr
drei Ellen (1 +m+ 80 +cm+) maßen. Ihr Körper macht durchgehends
einen kräftigen Eindruck, besonders der Oberkörper. Die Männer
sind achselbreit, haben muskulöse Arme und eine breite Brust, aber
verhältnismäßig schmale Hüften und nicht entsprechend kräftige Beine.
Daher haben sie in späteren Jahren gewöhnlich einen unsicheren Gang und
ein wenig krumme Kniee. Die schwächere Entwicklung des Unterkörpers
dürfte wohl hauptsächlich von dem täglichen Sitzen im engen Kajak
herrühren.

Bei den Frauen fallen uns hauptsächlich die schmalen Hüften auf, die
viel weniger hervortreten, als wir es bei einer bekleideten Europäerin
zu sehen gewohnt sind, und die wir gewöhnlich für unvereinbar mit dem
Typus weiblicher Schönheit halten. Dies kommt, wie man mir sagt, daher,
daß die Eskimoweiber sogenannte runde, die Europäerinnen aber flache,
breite Becken haben. Besonders reizend sind die schön geformten,
auffallend kleinen Hände und Füße der Grönländerinnen. Ihre Gestalt
macht überhaupt einen zierlichen, ansprechenden Eindruck.

Die Hautfarbe der Eskimos reiner Rasse ist bräunlich oder graugelb, und
auch bei den Mischlingen fällt diese braungelbe Farbe manchmal sehr
ins Auge. Die von Natur schon dunkle Farbe wird jedoch, wenigstens
bei den Männern und den älteren Frauen, durch vollständigen Mangel an
Reinlichkeit noch dunkler. Als Fingerzeig in dieser Richtung will ich
nur berichten, daß unser Landsmann, Seine Hochehrwürden Hans Egede,
ihre Waschmethode -- namentlich die von den Männern angewandte --
folgendermaßen beschreibt: »Sie schaben sich den Schweiß mit einem
Messer vom Gesicht herunter und lecken dann das Messer ab.«

Die neugeborenen Kinder sind heller gefärbt, doch hat dies seinen Grund
nicht darin, daß sie noch keine Schmutzkruste haben ansetzen können.
Schon H. E. Saabye hat in seinem Tagebuch[5] darauf aufmerksam gemacht,
daß sie auf dem Kreuz einen blauschwarzen Fleck, ungefähr von der Größe
eines unserer alten Zehnschillingstücke, haben, von dem sich die dunkle
Farbe erst später über den ganzen Leib ausbreitet. Holm erzählt etwas
Aehnliches von der Ostküste[6]. Ich selber erlaube mir hierüber kein
Urteil. Es würde dem gleichen, was von den Kindern der Japaner erzählt
wird.

Die Kleidung der Eskimos ist den meisten Leuten wohl aus Bildern
bekannt. Das Auffallendste ist, daß die Tracht der Frauen derjenigen
der Männer gleicht und bedeutend praktischer und malerischer ist, als
unsere häßlichen, schwedischen Frauengewänder.

Die Männer hüllen in Südgrönland den Oberkörper in den sogenannten
~Timiak~. Dieser wird aus Vogelbälgen mit den Federn oder
Daunen nach innen verfertigt, hat ungefähr die Form unserer wollenen
Unterjacken und wird wie diese über den Kopf gezogen. Oben am Timiak
sitzt eine Kapuze, die sich über den Kopf ziehen läßt, und die sonst
mit ihrem hochstehenden Rand von Hundefell eine Art Kragen um den Hals
bildet. An den Handgelenken ist der Timiak ebenfalls mit Hundefell
eingefaßt, ganz so wie ein eleganter Promenadenpelz bei uns in
Norwegen. Auf der Außenseite hat er einen Ueberzug (~Anorak~), der
jetzt meistens aus Baumwollenzeug besteht. Die Beine stecken in Hosen
von Seehundsfell oder auch von europäischem Düffel und die Füße in
~Kamikern~, einer besonderen Art Stiefel aus Seehundsfell. Diese
sind ebenfalls doppelt; die Innenseite ist ein mit den Haaren nach
innen gekehrter richtiger Fellstrumpf, die Außenseite ein haarloser
Stiefel von wasserdichtem Leder. Die Sohle zwischen Strumpf und Stiefel
wird mit Stroh oder Seegras gefüttert. In diese Kamiker werden die
nackten Füße gesteckt.

Die Kleidung der Frau ist der des Mannes sehr ähnlich. In Südgrönland
trägt sie auf dem Oberkörper einen Vogelhautpelz, jetzt allerdings ohne
Kapuze, dafür aber mit hochstehendem Kragen, der oben mit schwarzem,
möglichst glänzendem Hundefell eingefaßt ist, und dieser Kragen wird
zusammengehalten von einem breiten Halsband von bunten Glasperlen, das
in allen Farben des Regenbogens schillert. Die Aermel sind ebenfalls
an den Handgelenken mit Hundefell eingefaßt. Der Baumwollenbezug des
Pelzes ist natürlich so leuchtend als möglich, rot, blau, grün oder
gelb, und wird unten herum gewöhnlich mit einem breiten, bunten,
baumwollenen oder noch lieber seidenen Bande besetzt. Ueber die Beine
werden Hosen von gesprenkeltem Seehunds- oder auch Renntierfell
gezogen. Diese Hosen sind bedeutend kürzer als die Beinkleider der
Männer; sie reichen nicht ganz bis ans Knie und sind vorne mit bunter
Lederstickerei oder weißen Streifen von Renntier- oder Hundefell reich
verziert. Die Kamiker dagegen sind länger als die der Männer und werden
übers Knie gezogen; sie sind gewöhnlich von roter Farbe, manchmal
aber auch blau, lila oder weiß. An der Vorderseite ist ein von oben
herablaufender, gestickter Lederstreifen festgenäht.

Außer den oben beschriebenen Kleidungsstücken giebt es noch einen
Anzug für Frauen, die Säuglinge haben. Dieser, ~Amaut~ genannt,
gleicht einem gewöhnlichen Anorak, nur mit dem Unterschiede, daß er
auf dem Rücken eine große Tasche hat, in der das Balg zu jeder Arbeit
mitgenommen wird. Da der Amaut sowohl auf der inneren, wie der äußeren
Seite mit Renntier- oder Seehundsfell ausgefüttert ist, giebt diese
Tasche einen weichen, warmen Liegeplatz für das Kind ab.

In Grönland erscheinen keine Modezeitungen. Die Eskimomoden wechseln
daher nicht so häufig wie bei uns. Daß sie in dieser Beziehung aber
auch nicht ganz von Gott verlassen sind, beweist das folgende Beispiel.

Früher war der Anorak der Frauen ebenso lang wie der der Männer, doch
seit die Europäer bei ihnen den großartigen Luxus der weißen Leibwäsche
einführten, meinen sie, das weiße Hemd sei viel zu elegant, um so
versteckt zu werden. Statt sich nun, wie unsere Schönen, die Kleider
oben auszuschneiden, begannen sie damit von unten und machten sich
ihren Anorak so kurz, daß zwischen ihm und dem unterhalb der Hüften
sitzenden Hosenbunde ein Zwischenraum von Handbreite oder mehr blieb,
aus dem das obenerwähnte Kleidungsstück hervorguckte. Dies ist eine für
uns etwas ungewöhnliche Art, sich zu »dekolletieren«.

Die Eskimos auf der Ostküste haben im allgemeinen dieselbe Tracht, nur
verfertigen sie ihren Timiak nicht aus Vogelbälgen, sondern meist aus
Seehundsfell. Im nördlichen Grönland wird auch gewöhnlich Seehunds-
oder Renntierfell dazu genommen, und ebenso geschah es auch in früheren
Zeiten auf der ganzen Westküste.

[Illustration: Ostgrönländische Haustracht; links für Männer, rechts
für Frauen.]

Auf der Ostküste herrscht die überraschende Sitte, daß die ganze
Familie, Männlein, Weiblein und die lieben Kindlein, im Hause und im
Sommerzelt splinterfasernackt umherläuft. Wenigstens kam es mir so
vor. Balto, der vermutlich genauer hingesehen hat, versicherte jedoch,
daß alle Erwachsenen ein schmales Band um die Lenden trügen, was meine
züchtigen Augen natürlich nicht so schnell hatten entdecken können.
In dieser merkwürdigen Entdeckung stimmt Freund Baltos Behauptung
überein mit der Aussage der meisten Reisenden, die sich mit dergleichen
Forschungen beschäftigt haben, und ich muß ihr also wohl Glauben
schenken. Dieses Band, das die Reisenden so freundlich mit dem Namen
»Unterhosen« beehren -- ob es diesen Titel verdient, mag der Leser
nach Besichtigung beifolgender Zeichnung selbst entscheiden --, soll
der Grönländer Nâtit (Hauskleid) nennen. Früher trug man dergleichen
bequeme Hauskleider in ganz Grönland, bis in die nördlichste
Ansiedelung am Smithsunde hinauf, wo sie auch jetzt noch üblich sind.

Dieses leichte Kostüm ist natürlich sehr gesund und gut. Die dicken
Fellkleider hindern die Hautausdünstung sehr, es ist also ein
natürliches Bedürfnis, das die Eskimos veranlaßte, sie in den warmen
Räumen, wo sie doppelt ungesund sind, abzulegen. Doch als die Europäer
ins Land kamen, predigten die Missionare heftig gegen diesen, ihr
Anstandsgefühl verletzenden, gemütlichen Brauch. So kam es denn
schließlich dahin, daß diese Hauskleider auf der Westküste abgeschafft
wurden. Ob es die Moral verbessert hat, wage ich nicht zu entscheiden
-- ich möchte es bezweifeln --, doch daß es nicht zur Verbesserung
des Gesundheitszustandes beigetragen, das unterliegt für mich keinem
Zweifel.

Im Punkte des Entblößens ist auch der Westgrönländer noch heute ein
Naturkind. Manche Eskimodamen machen freilich einen schüchternen
Versuch, ihre Blöße zu bedecken, sobald ein Europäer ins Zimmer tritt.
Aber ich fürchte -- ich fürchte, daß dies mehr geschieht aus Ziererei,
die uns ihrer Meinung nach gefällt, als aus wirklichem Schamgefühl.
Denn sobald sie merken, daß wir keine Notiz davon nehmen, wird sich
damit auch nicht weiter angestrengt. Auch ihren Landsleuten gegenüber
zeigen sie wenig Schamgefühl. Man höre nur, was der gute Hans Egede
sich genötigt sieht, hierüber zu berichten, und was ich aus eigener
Erfahrung bestätigen muß:

»Sie machen sich garnichts daraus,« sagt er, »in Gegenwart anderer
ihre Notdurft zu verrichten. Jede Familie hat vorne im Zimmer eine
große Tonne oder Kufe stehen, in die alle ganz ungeniert ihr Wasser
ablassen, wenn auch noch soviel Besuch zuguckt. Besagte Tonne bleibt
stehen, bis der Inhalt, mit Erlaubnis zu sagen, stinkt, und die Tonne
mit obenbemeldeter Flüssigkeit dient dazu, die zu gerbenden Felle
auszulaugen« u. s. w.

Das Haar der Eskimos ist rabenschwarz, glatt und steif, wie ein
Pferdeschwanz und darf bei den Männern wachsen, wie es ihnen gefällt.
Auf der Ostküste wird es in der Regel nicht beschnitten, ja, es gilt
für gefahrbringend, wenn man etwas davon einbüßt. Stellenweise wird es
mit einer Schnur aus der Stirn zurückgebunden. Manchmal wird jedoch
Kindern das Haar geschnitten. Dann aber müssen sie es ihr ganzes Leben
hindurch thun und gewisse Formalitäten dabei beobachten, z. B. wird
unter anderem ihren Hunden im ersten Lebensjahre Schwanz und Ohren
gestutzt. Eisen darf unter keinen Umständen mit dem Haar in Berührung
kommen, weshalb es mit einem Haifischkiefer abgesägt wird.

Die Frauen drehen das Haar oben auf dem Schädel in einen Knoten. Dabei
wird es auf allen Seiten gleichmäßig straff gezogen. Die Frauen der
Ostküste umschnüren es mit Lederstreifen, die der Westküste dagegen
mit einem farbigen Band. Junge Mädchen tragen Rot, -- haben sie ein
Kind, so legen sie Grün an, -- Frauen Blau und Witwen Schwarz. Wollen
letztere wieder heiraten, so pflegen sie Schwarz und Rot zu verbinden.
Aeltere Witwen, welche die Hoffnung, noch einen Mann zu bekommen,
endgültig aufgegeben haben, pflegen das schwarze Band mit einem weißen
zu vertauschen. Hat eine Witwe noch nach dem Tode ihres Gatten Kinder,
so muß auch sie Grün anlegen.

Der Haarknoten ist der Stolz der Grönländerinnen und muß so straff
und aufrecht wie möglich in die Luft stehen. Dies ist besonders bei
den jungen heiratsfähigen Eskimomädchen der Fall, und da diese kaum
weniger eitel sind, als ihre europäischen Schwestern, so drehen
sie ihr Haar mit solcher Gewalt zusammen, daß es nach und nach von
Stirn, Nacken und Schläfen zurücktritt, und sie in verhältnismäßig
jungen Jahren mehr oder weniger kahle Stellen bekommen, was nicht
gerade ansprechend wirkt, aber einen sichtbaren Beweis für die
Eitelkeit dieser Welt liefert. Damit sich nun das Haar recht fest
zusammendrehen läßt und zugleich einen schönen Glanz erhält, ist es
bei den Grönländerinnen Brauch, es vor dem Frisieren in Urin zu baden,
wodurch es naß und klebrig wird und sich leichter aufbinden läßt. Ich
weiß noch, wie ich eines Abends bei einem Tanzvergnügen in Godthaab
eine mir befreundete Eskimodame zum Scherze damit neckte, daß ihr
Knoten heute nicht so aufrecht stehe, wie er eigentlich sollte. Sie
verschwand sofort und kam nach einer Weile mit einem glänzenden, steif
in die Luft ragenden Knoten wieder, roch aber schrecklich nach besagtem
Haarwasser. Mit derselben Flüssigkeit wäscht sich auch, wer besonders
auf Reinlichkeit hält und sich oft wäscht. Sie lieben den Geruch, der
ihnen von alledem anhaftet, nennen ihn jungfräulich und halten ihn für
ein wirksames Zaubermittel zum Anlocken der Männer. Europäischen Nasen
sagt er anfangs weniger zu. Saabye erzählt von einem Buchhalter in
Nordgrönland, der sich in ein Eskimomädchen, d. h. in ihre Person, aber
nicht in ihr Parfüm, verliebt hatte: »Er verfiel auf ein gutes Mittel,
den von ihr ausgehenden, ihm so widerwärtigen Geruch zu beseitigen, und
wandte es an. Er besprengte sie nämlich, erst verstohlen, dann offen,
mit Lavendelessenz, und das half vorzüglich. Jetzt hielt er um sie an
und wurde angenommen. Sie leben jetzt sehr glücklich und haben viele
Kinder, aber die Frau riecht noch immer nach Lavendelessenz.«

Es ist überhaupt merkwürdig, wie gleichgültig sie mit Urin umgehen.
Saabye sagt unter anderem: »Eine Mutter hielt ihr Kind über einer
Schüssel ab, leerte diese in der Tonne aus, nahm das gekochte Fleisch
aus dem Kessel, legte es ohne Weiteres in dieselbe Schüssel und setzte
es den Gästen vor, die es mit gutem Appetit verzehrten.«

Die Mütter lecken ihre Kinder ab, statt sie zu waschen, -- früher
machten sie es wenigstens so -- und wenn sie lausen oder kämmen,
wird jede Laus nach Affenmanier aufgegessen. Denn: »Was beißt, muß
wiedergebissen werden.«

Hier müßte ich eigentlich wohl aufhören, doch damit der Leser sich ganz
mit den uns ungewohnten Sitten dieses Volkes vertraut mache, will ich
noch einmal Egede citieren, der über ihr »äußeres Comportement« sagt:

»Im übrigen sind sie in ihrem ganzen Benehmen tölpelhaft und
ungeschliffen, essen von demselben Geschirr, von dem ihre Hunde
gefressen haben, ohne es vorher zu säubern, verzehren -- was
abscheulich anzusehen ist -- Läuse und Ungeziefer von ihrem eigenen und
anderer Leibe und leben genau nach dem Sprichwort, daß alles, was aus
der Nase kommt, in den Mund fallen muß, auf daß nichts umkomme.«

[Illustration: Eskimos bei der Ausbesserung des Kajaks.]

Sollte jemand an diesen Eigentümlichkeiten im äußeren Auftreten der
Eskimos Anstoß nehmen, so bitte ich ihn, zu bedenken, daß unsere
eigenen Vorfahren vor noch garnicht so vielen Menschenaltern sich nicht
viel anders betrugen. Man lese nur eine Beschreibung des häuslichen
Lebens der Skandinavier in früheren Zeiten, und man wird erstaunliche
Dinge vernehmen.

[Illustration]




[Illustration]




Kapitel +III.+

Der Kajak und die Kajakgeräte.


Bei oberflächlicher Betrachtung einzelner Kleinigkeiten im äußeren
Benehmen des Eskimo kommt man leicht zu der falschen Annahme, er stehe
auf einer niedrigen Kulturstufe. Giebt man sich aber die Mühe, ihn
genauer zu studieren, so wird man ihn bald in anderem Lichte sehen.

Es sind heutzutage viele Menschen so von der Größe unserer Zeit
erfüllt, daß sie meinen, die täglich von uns gemachten Fortschritte und
Erfindungen stellten die begabte weiße Rasse hoch über alle anderen.
Diesen Vielen wäre es dienlich, sich einmal die Entwicklung des
Eskimovolkes gründlich klarzumachen und sich die Geräte und Erfindungen
anzusehen, die es gemacht, um sich inmitten einer nur äußerst
beschränkte Mittel bietenden Natur seinen Lebensunterhalt zu schaffen.

Denkt Euch ein Volk auf einer so unwirtlichen, öden Küste wie der
grönländischen ausgesetzt -- ohne Verbindung mit der übrigen Welt,
ohne Metalle, ohne Verteidigungswaffen, ja ohne andere Hilfsmittel,
als die, welche es an Ort und Stelle findet. Es sind das Steine, ein
wenig Treibholz und dann noch Felle und Knochen. Doch um die Felle
und Knochen zu bekommen, müssen die Tiere, denen sie gehören, erst
erlegt werden. Wären wir an Stelle der Eskimos und unterstützte uns
nicht unser Mutterland, so gingen wir zu Grunde. Der Eskimo hingegen
schlägt sich nicht nur durch, er findet sogar sein Glück, und seine
Zufriedenheit, und die Verbindung mit der übrigen Welt ist ihm bisher
nur zum Schaden gewesen.

[Illustration:Im Kampf mit den Wellen.]

Um dem Leser ein Bild zu geben, auf welche Summe von Erfahrungen
sich die Kultur dieses Volkes gründet, will ich versuchen, ihre
wahrscheinliche Entstehung zu erklären.

Wir wollen also, in Uebereinstimmung mit Dr. Rinks Ansicht,
voraussetzen, daß die Vorfahren der Eskimos einst im Innern von Alaska
lebten. Außer der Jagd auf dem Lande haben diese Eskimos auch in
Kanoes von Birkenrinde auf den Flüssen und Seen Fischfang getrieben,
wie es die Alaska-Eskimos und die Indianer des Nordwestens noch heute
thun. Später wurde jedoch ein Teil dieser Inlandseskimos entweder vom
Fischreichtum des Meeres angelockt oder von feindlichen kriegerischen
Indianerstämmen verdrängt und zog in Kanoes die Flüsse hinab nach
der West- oder der Nordküste. Je mehr sie sich dem Meere näherten,
um so spärlicher wurden die Waldbäume. Sie mußten auf andere Mittel
als Birkenrinde sinnen, um ihre Kanoes zu beziehen. Da ist es nicht
unwahrscheinlich, daß sie es schon auf den Flüssen mit den Fellen
von gefangenen Seetieren versuchten, umsomehr, als man hiervon noch
heute bei einzelnen Indianerstämmen Beispiele findet. Doch erst als
der Eskimo in der Flußmündung Seegang kennen lernte, kam er darauf,
seinem Boote ein Deck zu geben, es dann oben ganz zu schließen und
zuletzt noch seine eigenen Felljacken so damit zu verbinden, daß das
Ganze wasserdicht wurde. Damit war der Kajak fertig. Doch welchen
Fortschritt in ihrer Zeit bedeuten diese Erfindungen, die uns,
nun wir sie vollendet sehen, so natürlich und leicht erscheinen!
Wieviel Arbeit müssen sie gekostet haben und wie mancher Versuch
mag mißglückt sein! An der Meeresküste angelangt, merkten die alten
Eskimos, daß ihre Existenz wesentlich vom Seehundsfange abhängen werde.
Sie verwandten folglich ihren ganzen Verstand und ihre ganze Kraft
darauf, und der Kajak führte zur Erfindung der vielen eigenartigen,
bewunderungswürdigen Fanggeräte, die noch immer mehr vervollkommnet
wurden. Ein schlagender Beweis für die Behauptung, daß viele von uns
Menschen doch im Grunde kluge Tierchen sind.

Mit Bogen und Pfeilen zu schießen, wie sie es auf dem Lande getan, ging
bei der unbequemen sitzenden Stellung im Kajak natürlich nicht an, sie
mußten sich also Schleuderwaffen schaffen.

Die Idee dazu erhielten sie wieder aus Amerika. Sie nahmen zuerst den
indianischen Pfeil mit der Steuerfeder, wie sie ihn früher selber zur
Landjagd benutzt hatten. Solcher kleinen Harpunen oder Wurfpfeile
bedienen sich die Eskimos auf der Südwestküste von Alaska noch heute.

Doch im Norden, längs der Küste, verschwinden die Vogelfedern, und
eine kleine, am Pfeilschaft befestigte Blase tritt an ihre Stelle. Man
fand, daß solche Mittel notwendig waren, um dem getroffenen Seehund
beim Untertauchen und Fortschwimmen Hindernisse in den Weg zu legen.
Ferner hielt man es für nötig, die Pfeilspitze so einzurichten, daß
sie bei den heftigen Bewegungen des Tieres, um sie abzuschütteln,
nicht abbrechen konnte, sondern sich vom Pfeilschafte loslöste (bei
+c+ der Figur auf Seite 29) und an dem in der Mitte des Schaftes
(+b'+) befestigten Riemen (+c--b+) hängen blieb, wodurch der
Schaft in eine Querlage geriet und dem Tiere beim Schwimmen hinderlich
wurde, wenn es mit ihm durchging. Auf diese Weise ist der sogenannte
~Blaerepil~ (Blasenpfeil) entstanden, den wir bei allen an der
Meeresküste wohnenden Eskimostämmen finden.

Die Blase wird aus einer Möven- oder Scharbenkehle gemacht, die
aufgeblasen und getrocknet wird. Am Pfeilschaft ist sie mit einem
Knochenstück befestigt, in das ein Loch gebohrt ist, damit man sie
aufblasen kann; das Loch wird mit einem Holzpflöckchen verschlossen.

Aus diesem Blasenpfeile hat sich möglicherweise die wichtigste
Jagdwaffe der Eskimos, die sinnreiche Harpune mit Leine und Fangblase,
entwickelt. Um größere Seetiere fangen zu können, hat man dem Pfeile
allmählich eine immer größere Blase gegeben. Dabei aber sah man bald
ein, daß sich durch den von der Größe der Blase hervorgerufenen
stärkeren Luftwiderstand die Treffweite und die Kraft des Wurfes
verminderte. Man machte sie also vom Pfeile los und verband sie
nur mit seiner Spitze mittelst eines langen, starken Riemens, der
Harpunenleine. Die Harpune, die größer und schwerer gemacht wurde, als
der ursprüngliche Blasenpfeil, wurde von nun an allein geschleudert,
schleppte aber die Leine mit. Die am anderen Ende der Leine befestigte
Blase blieb auf dem Kajakdeck liegen und wurde erst dann ins Wasser
geworfen, wenn das Tier getroffen war.

[Illustration: Blasenpfeil.]

Nach dem Kajak ist die Harpune mit ihrer ganzen sinnreichen
Konstruktion das vorzüglichste Erzeugnis des Eskimogeistes.[7]

Ihr Schaft wird in Grönland aus rotem Treibholz, einer Art sibirischer
Föhre, verfertigt, das schwerer ist, als das weiße Treibholz, aus dem
man kleinere und leichtere Schleuderwaffen macht. Vorn ist der Schaft
mit einer dicken, starken Knochenplatte versehen, an der oben ein
gewöhnlich aus Walroßzahn geschnitzter, langer Knochenzapfen sitzt,
den ein Riemengelenk so mit dem Schafte verbindet, daß der Zapfen bei
starkem Druck oder Stoß von der Seite aus dem Gelenke geht, anstatt
abzubrechen. Dieser Zapfen paßt genau in ein Loch in der eigentlichen
Harpunenspitze, die ebenfalls aus Knochen gemacht wird -- am liebsten
aus Walroß- oder Narwalzahn -- und die nunmehr stets mit einer Spitze
oder vielmehr einem scharfen Blatte von Eisen versehen ist. Die
Harpunenspitze hängt durch ein Loch mit der Fangleine zusammen und ist
mit ~Agnorern~ oder Widerhaken versehen, der sie dort, wo sie
einmal eindringt, festsitzen läßt. Ueberdies ist sie so eingerichtet,
daß sie im Fleisch in eine Querlage gerät, sobald der Seehund sie
abzuschütteln versucht. An dem Schaft wird sie so befestigt, daß man
sie auf den obenerwähnten Zapfen steckt. Darauf wird die Leine mit
einem in entsprechendem Abstand angebrachten, ebenfalls mit einem
Loche versehenen Knochenstückchen an einem Knochenhaken (+a+) am
Harpunenschafte derart angehakt, daß Schaft und Spitze fest zusammen
halten.

Wenn nun die Harpune trifft und der Seehund sich überschlägt, geht
der Zapfen sofort aus dem Gelenk (siehe +a+ beim nebenstehenden
Bild), und die Harpunenspitze mit der Fangleine löst sich vom Schaft,
der auf dem Wasser treibt, bis ihn sein Eigentümer wieder auffischt,
während der Seehund mit der Spitze im Leibe und der Harpunenleine mit
der Blase im Schlepptau weiterschwimmt. Ich glaube, ein jeder muß
einräumen, daß sich eine sinnreichere Erfindung aus Treibholz, Knochen
und Seehundsfell kaum denken läßt, und man wird überzeugt sein können,
daß sie die Arbeit vieler Generationen kostete.

[Illustration: Harpune.]

In Grönland giebt es zwei Arten dieser Harpune. Die eine heißt
~Unâk~, ist am Unterende oben nur mit einem beinernen Knopf
versehen und ist länger und schlanker als die zweite. Diese heißt
~Ermangnak~ und läuft unten in zwei Knochenschienen oder Flügel
aus, die jetzt meistens aus Walfischrippen gemacht werden. Sie dienen
dazu, die Harpune schwerer zu machen und sie durch die Luft zu
steuern. Eine solche ist auf Seite 30 abgebildet.[8] In Godthaab wurde
gewöhnlich die Ermangnak gebraucht, doch ich hörte alte Seehundsfänger
vielfach darüber klagen, daß sie sich bei Wind schwerer werfen lassen
als die Unâk, weil der Wind, sobald er von der Seite kommt, zu sehr in
die Knochenschienen greifen und dadurch die Wurfrichtung verändern
kann.

Die Fangleine wird aus Haut gemacht, die entweder die große Robbe
(blauer Seehund = +Phoca barbata+) oder ein junges Walroß
liefert. Sie ist gewöhnlich 14-16 +m+ lang und einen guten halben
Centimeter (etwa 7 +mm+) breit.

Zur Fangblase wird die Haut eines jungen Ringseehundes (+Phoca
foetida+) genommen. Sie wird abgebälgt, enthaart, am Kopfe, den
vorderen und den hinteren Gliedern luftdicht zugebunden und getrocknet.

[Illustration: Vorderende der Harpune.]

Zur Aufwicklung der Fangleine gilt der Kajakstuhl, der vor dem Ruderer
auf dem Deck angebracht ist. Auf ihm liegt die Leine, gut vor dem
beständig über das Deck spülenden Seewasser geschützt, und bereit zum
ungehinderten Ablaufen, wenn die Harpune geschleudert wird.

Zum Töten des harpunierten Seehundes wird eine Lanze (+~Anguvigak~+)
gebraucht. Sie besteht aus einem Holzschaft, der, um möglichst weit
fliegen zu können, gewöhnlich aus weißem Treibholze hergestellt ist
und vorne eine lange, in ein eisernes Blatt auslaufende Knochenspitze
hat. Zu dem Blatte nahm man früher Stein statt Eisen. Die Knochenspitze
besteht meistens aus Renntierhorn, oft aber auch aus Narwalzahn oder
anderen Knochenarten. Damit der Seehund sie nicht abbrechen kann, ist
sie am Schaft mit einem Gelenke, das dem Knochenzapfen der Harpune
gleicht, befestigt.

[Illustration: Lanze.]

Außerdem benützen sie auch den Vogelpfeil (+~Nufit~+). Dieser hat
gleichfalls einen Schaft von weißem Treibholz. Vorne ist eine lange,
schmale Spitze, jetzt von Eisen, früher aus Knochen. Daneben stehen
noch mitten auf dem Schafte drei schrägliegende, nach vorne gerichtete
Renntierhornspitzen mit großem Widerhaken. Sie rechnen nämlich darauf,
daß, falls die vordere Pfeilspitze den Vogel nicht treffen sollte,
der Schaft an diesem entlanggleite und dabei eine der Seitenspitzen
den Vogel spieße und durchbohre, was auch die gewöhnlichste Art ist,
den Vogel zu treffen. Ebenfalls eine Erfindung, die unsereinen zum
berühmten Manne machen würde.

[Illustration: Im Kampf mit den Wellen.]

Alle diese Schleuderwaffen lassen sich, wie angedeutet, vom Federpfeil
der Indianer ableiten. Doch um seine Waffen weiter und mit größerer
Wucht schleudern zu können, hat der Eskimo eine Erfindung gemacht,
durch die er sich von allen seinen Nachbarn, den asiatischen wie
den amerikanischen Stämmen unterscheidet. Diese Erfindung ist das
Wurfholz. Dieses vorzügliche Instrument, das die Länge und die Kraft
des Armes in hohem Grade vergrößert, indem es wie eine Schleuder
wirkt, ist merkwürdigerweise nur an wenigen Stellen der Erde bekannt.
Wahrscheinlich nur an dreien. Erstens, in sehr primitiver Form,
bei den Australnegern, zweitens im Lande der Coni und Puru am oberen
Amazonenstrome, und drittens bei allen Eskimostämmen[9], die es zu
seiner höchsten Entwicklung gebracht haben. Die Annahme, daß das
Vorkommen des Wurfholzes an so verschiedenen Stellen auf gemeinsamen
Ursprung hinweise, ist wohl kaum zulässig, und somit können wir das
der Eskimos als eine eigene, von ihnen selbst gemachte Erfindung
ansehen. In Grönland wird das Wurfholz gewöhnlich aus rotem Treibholz
gemacht. Es ist etwa einen halben Meter lang (vierzehn in meinem
Besitz befindliche Wurfhölzer haben eine Länge von 42-52 +cm+),
am unteren, breitesten Ende 7 bis 8 +cm+ breit und ungefähr
1½ +cm+ dick. Seitlich sind am unteren breiten Ende Kerben
zum Anfassen, an der einen Seite für den Daumen, gegenüber für den
Zeigefinger.[10] Auf der oberen flachen Seite ist längs des ganzen
Holzes eine Rinne für den Pfeil oder die Harpune. Es giebt zwei
Wurfholzarten. Die eine dient hauptsächlich zum Abschnellen des
Blasenpfeils und des Vogelpfeils. Sie hat oben am Schmalende einen
Zapfen, der genau in eine Vertiefung des am Hinterende des Pfeils
angebrachten Knochenknopfes paßt (vergleiche die beiden folgenden
Illustrationen.) Mit der zweiten Art schleudert man die Harpune und
die Lanze; sie hat im oberen Schmalende ein Loch, in das ein schräg
nach hinten gerichteter Zapfen an der Seite des Harpunen- oder
Lanzenschaftes hineinpaßt, und dazu noch ein Loch weiter unten im
Griffe, in das ein zweiter, gradeherausstehender Zapfen faßt. (Siehe
Illustration auf Seite 36.) Wurfhölzer dieser Art werden weiter
nördlich, z. B. in Sukkertoppen, auch zum Schleudern des Vogelpfeils
gebraucht.

[Illustration: Wurf mit Vogelpfeil (+a+).]

Im südlichsten Grönland und auf der Ostküste finden wir aber noch
ein Wurfholz, das zum Schleudern der Ernangnak oder Flügelharpune
dient. Diese Form hat am oberen schmalen Ende einen Zapfen wie das
Vogelpfeilwurfholz, und der Zapfen paßt in eine Vertiefung zwischen
den Knochenflügeln der Harpune, dagegen sind am unteren Ende des
Wurfholzes, dicht am Griffe, ein oder zwei Löcher, in welche die
oben beschriebenen Knochenzapfen an der Seite des Harpunenschaftes
hineingreifen.

Soll die Harpune oder der Pfeil mit dem Wurfholz -- gleichviel welcher
Art -- geschleudert werden, so faßt man den Griff des Wurfholzes und
führt es mit der Waffe zusammen in horizontaler Armhaltung wurfbereit
rückwärts (siehe Illustration +a+). Indem man es dann aber kräftig
wieder nach vorne schnellt, löst sich das untere Ende des Wurfholzes
von der Harpune oder dem Pfeile los, während man mit dem oberen Ende,
das noch an seinem Zapfen oder Knopfe festhält (siehe Illustration b
und die folgende), die Waffe auf bedeutende Entfernung hin mit großer
Treffsicherheit fortschleudert. Eine außerordentlich einfache und
wirkungsvolle Erfindung.

[Illustration: Wurf mit Vogelpfeil (+b+).]

Außer den genannten Waffen hat der Eskimo, wenn er auf den Fang
ausgeht, hinten auf seinem Kajak noch ein Messer liegen, dessen Schaft
1 Meter 30 Centim. und dessen spitze Klinge 20 Centimeter lang ist.
Mit ihm wird dem Seehunde oder dem erbeuteten Seetier der Gnadenstoß
gegeben. Vorn auf dem Kajak liegt ein kleineres Messer. Es dient zum
Einstechen von Löchern in die Haut des Seehundes, um die Knochenstücke
der Bugsierleine hindurchzuziehen, die der Eskimo stets mitnimmt, und
mit der der zu bugsierende Seehund an der Seite des Kajaks festgemacht
wird. Zu diesem Zwecke nimmt er auch eine oder mehrere Bugsierblasen
mit, die sich aufblasen lassen und die den Seehund über Wasser halten.

[Illustration: Wurf mit Harpune.]

Um die Beschreibung vollständig zu machen, sei auch noch das
Knochenmesser angeführt, das, besonders im Winter, zur Kajakausrüstung
gehört und hauptsächlich zum Abkratzen des Eises von den Kajakwänden
gebraucht wird.

Nach der beigefügten Zeichnung wird man sich einen Begriff davon
machen können, wie alle Waffen auf dem Kajak angebracht sind, wenn der
Eskimo auf den Fang geht (+a+ Kajakloch, +b+ Fangblase, +c+ Kajakstuhl
mit aufgewickelter Harpunenleine [+e+], +d+ Harpune, an ihrem Platze
hängend, +f+ Lanze, +g+ Kajakmesser, +h+ Blasenpfeil, +i+ Vogelpfeil
und +k+ das Wurfholz des letzteren).

Doch das Wichtigste fehlt noch: die Beschreibung des Kajaks selbst.

Innen hat der Kajak ein Holzgerippe. Dieses Gerippe, von dem man sich
hoffentlich nach der beigefügten Zeichnung eine Vorstellung machen
kann, wurde früher stets aus Treibholz gemacht, und zwar am liebsten
aus weißem, dem leichtesten. Zu den Rippen nahm man auch wohl Zweige
von Weidengebüsch, das an den inneren Fjorden wächst. Heutzutage
kauft man in den Kolonien an der Westküste oft europäische Tannen-
oder Fichtenbretter aus dem Kolonieladen zum Kajakbau, obwohl man das
Treibholz, hauptsächlich seines leichten Gewichtes halber, noch immer
für viel geeigneter hält.

[Illustration: Kajak von oben gesehen.]

[Illustration: Kajakgerippe.]

Dieses Holzgerippe wird außen mit Leder überzogen, vorzugsweise mit
der Haut des Grönlandsseehundes (+phoca groenlandica+) oder dem
Fell der Klappmütze (+Cystophora cristata+). Letzteres ist nicht
so dauerhaft und wasserdicht. Bekommt man aber das Fell einer jungen
Klappmütze, deren Haut noch nicht so große Poren hat, so gilt auch
das für gut. Erlauben es die Vermögensverhältnisse, so nimmt man die
Haut des blauen Seehundes (+phoca barbata+), die für die beste
und stärkste gilt. Da aus ihr aber auch die Harpunenleinen gemacht
werden, ist sie eigentlich nur auf der Süd- und Ostküste in genügender
Menge vorhanden, um allgemein zum Kajakbeziehen genommen werden zu
können. Seltener Verwendung findet das Fell des großen Ringseehundes
(Fleckenseehund) [+Phoca foetida+].

Die Behandlung der Kajakfelle wird später (im achten Kapitel)
besprochen werden. Am liebsten bezieht man den Kajak gleich, solange
die Häute noch frisch sind. Hat man sie schon trocknen lassen, so
müssen sie ein paar Tage sorgfältig eingeweicht werden, ehe das
Beziehen vor sich gehen kann. Sie müssen so naß und dehnbar wie möglich
sein, damit sie sich richtig strammziehen lassen und getrocknet so
straff wie ein gespanntes Trommelfell sitzen. Gerben, Kajakbeziehen und
Nähen der Häute ist Frauenarbeit. Sie ist nicht leicht, und wehe, wenn
der Bezug schlecht oder nicht straff genug sitzt! Das halten sie für
eine große Schande.

Soll ein Kajak bezogen werden, so kommen alle oder wenigstens sehr
viele Frauen des Ortes zusammen, um dabei zu helfen. Dies gilt ihnen
für ein großes Vergnügen, weil sie zum Lohn für ihre Arbeit vom
Kajakbesitzer gewöhnlich mit Kaffee traktiert werden. Die Bewirtung
variiert je nach den Vermögensverhältnissen zwischen 25 Oere und einer
Krone und drüber.

In der Mitte des Kajakdeckes ist ein Loch, nur gerade so groß, daß
ein Mann seine Beine hineinstecken und sich setzen kann. Seine
Hüften füllen die Oeffnung beinahe vollständig aus. Es bedarf daher
einer gewissen Uebung, um einigermaßen gewandt in den Kajak hinein-
und wieder aus ihm herauszukriechen. Oben umschließt das Loch der
Kajakring, ein gebogener Holzreifen. Er erhebt sich 3 bis 3½
+cm+ über das Deck des Kajaks, und über ihn wird der Wasserpelz,
auf den ich später zurückkomme, gezogen. An den Sitz werden über die
Rippen des Kajakbodens ein oder mehrere Stücke alter Kajakhäute und ein
Stück Bärenfell oder ein anderes weichhaariges Fell gelegt, um einen
einigermaßen bequemen und weichen Sitzplatz herzustellen.

Gewöhnlich baut jeder Fänger seinen Kajak selbst und nimmt dabei
so genau Maß am eigenen Körper, als wollte er sich einen Anzug
schneidern. Ein Kajak für einen Grönländer von Durchschnittsgröße ist
in der Gegend von Godthaab etwa 5½ +m+ lang. Die Breite des
Deckes beträgt vor dem Kajakring, wo sie am größten ist, ungefähr 45
+cm+ oder etwas mehr, am Boden aber ist er bedeutend geringer. Sie
richtet sich natürlich nach der Hüftenbreite des Kajakmannes und wird
gewöhnlich genau so bemessen, daß er gerade darin Platz hat. Uebrigens
muß ich noch bemerken, daß an der Godthaabsbucht, z. B. in Sardlok und
Kornok, die Kajake länger und schmaler waren, als die Boote draußen
an der offenen Meeresküste, wie in Kangek. Wahrscheinlich, weil der
stärkere Seegang da draußen festere und leichter zu regierende Kajake
verlangt und ein kurzer, breiter auch besser schaukelt und weniger
Spülwasser nimmt.

[Illustration: Querschnitt des Kajaks.

Die punktierte Linie stellt den Bezug vor.]

Der Kajak pflegt zwischen Boden und Deck 12-15 +cm+ hoch zu sein,
vor dem Kajakringe ist er einige Centimeter höher, um das Einsteigen
zu erleichtern und den Schenkeln des Sitzenden Raum zu geben. Der
Kajakboden ist ziemlich flach und bildet zwei sehr stumpfe Winkel (von
ungefähr 140°) nach der Mitte zu. Nach vorne und hinten verschmälert
er sich proportionsmäßig und läuft an beiden Enden in eine Spitze
aus. Einen Kiel hat er nicht, dafür aber auf der Unterseite an
beiden Enden gewöhnlich einen Beschlag von Knochenschienen, meistens
aus Walfischrippen, der dazu dient, den Kajakbezug beim Landen vor
Beschädigung durch scharfe Eisstücke und spitze Steine zu schützen.
Beide Kajakspitzen sind gewöhnlich teils zum Schutz, teils zur
Verzierung mit einem Beinknopf versehen.

Oben auf dem Verdeck sind meist sechs Querriemen vor und drei bis fünf
hinter dem Kajakring angebracht. In diese Riemen werden alle zum Fange
nötigen Waffen und Geräte gesteckt, so daß sie sicher liegen und zur
Hand sind. In diese Riemen sind Knochenstücke eingedrückt, teils um sie
zu befestigen, teils auch, um sie etwas über das Verdeck zu erhöhen,
damit sich die Waffen schneller hineinstecken lassen, und schließlich
wohl auch, um den Kajak zu zieren. An einigen dieser Riemen wird die
erlegte Beute befestigt. Besteht sie aus Federwild, so werden die Vögel
mit dem Kopf unter den Riemen gesteckt. Ist es aber ein Seehund, Wal
oder Wels, so wird die an dem Tiere befestigte Bugsierleine durch einen
Riemen gezogen. Kleinere Fische werden überhaupt nicht festgemacht,
sondern bleiben entweder lose auf dem Verdeck liegen oder werden in den
hinteren Raum gestaut.

Ein Kajak ist so leicht, daß er mit allem Zubehör ohne Mühe oft mehrere
Meilen über Land auf dem Kopfe getragen werden kann.

Zum Rudern bedient man sich eines zweiblattigen Ruders, das in der
Mitte festgehalten und abwechselnd rechts und links eingetaucht wird,
wie die Ruder unserer spitzen Kähne. Dieses Ruder ist wahrscheinlich
aus dem einblattigen Kanoeruder der Indianer entstanden. Bei den
Eskimos an der Südwestküste von Alaska finden wir noch heute nur
letztere; erst nördlich von Yukonriver stößt man auf zweiblattige
Ruder, aber auch dort sind die einblattigen noch überwiegend. Noch
nördlicher und weiter östlich, längs der amerikanischen Küste, kommen
beide Arten vor, bis schließlich östlich von Mackenzie das zweiblattige
Ruder die Herrschaft behält.

[Illustration: Ruder.]

Die Aleuten scheinen merkwürdigerweise nur das zweiblattige Ruder zu
kennen[11], und soviel ich weiß, ist dies auch bei den asiatischen
Eskimos der Fall[12].

Bei schönem Wetter zieht der Kajakmann den sogenannten Halbpelz
(~Akuilisak~) an. Ein Kleidungsstück aus wasserdichtem, enthaartem
Fell, mit Sehnen zusammengenäht. In den unteren Rand ist eine
Zugschnur oder richtiger ein Zugriemen eingenäht, der so angezogen
werden kann, daß der Pelzrand gerade um den Kajakring paßt. Einige
Mühe kostet es, ihn über diesen Ring zu streifen. Aber dann ist
er auch so festzuschnüren, daß der Halbpelz den Kajak wasserdicht
verschließt. Der obere Rand reicht dem Ruderer bis unter die Arme und
hält sich hier durch Achselbänder oder Riemen, die über den Schultern
liegen und nach Belieben durch einen einfachen Verschlußmechanismus,
eine Knochenschnalle, verlängert oder verkürzt werden können. Die
Knochenschnalle ist bei aller Einfachheit so sinnreich, daß wir einen
so guten Verschluß mit all unseren Metallspangen und -Schnallen nicht
herstellen könnten.

[Illustration: Halbpelz.]

Ueber die Arme werden lose Fellärmel gezogen, die am Oberarm und am
Handgelenk festgebunden werden und den Arm beim Rudern trocken halten.
Wasserdichte, lederne Fausthandschuhe mit besonderen Daumen bedecken
die Hände.

Der Halbpelz genügt, um das Innere des Kajaks vor kleineren Wellen zu
schützen. Bei hohem Seegang aber muß man den Wasserpelz (~Tuilik~)
anziehen, der beinahe ebenso wie der Halbpelz zugeschnitten ist und
ebenfalls um den Kajakring schließt. Nur nach oben zu ist er länger
und mit Aermeln und einer Kapuze versehen. Er wird rund um das Gesicht
herum und an den Handgelenken zugeschnürt, und mit ihm kann der
Kajakruderer den größten Sturzseeen trotzen. Ja, er kann sogar kentern
und sich wieder aufrichten, ohne naß zu werden und ohne einen Tropfen
Wasser in den Kajak zu bekommen.

[Illustration: Wasserpelz.]

Man kann sich denken, daß es nicht leicht ist, in einem Fahrzeug, wie
dem Kajak, zu sitzen, ohne zu kentern, und daß dies mit einiger Uebung
erlernt sein will. Einer meiner Freunde wollte den Kajak, den ich aus
Grönland mitgebracht hatte, probieren und kenterte dabei viermal binnen
zwei Minuten; kaum hatten wir ihn wieder aufgerichtet, so sahen wir ihn
schon wieder Kopf stehn, den Boden des Kajaks nach oben.

Doch hat man erst die nötige Uebung, so kann man sich auch mit Hilfe
des zweiblattigen Ruders bei jedem Wetter wunderbar schnell durch das
Wasser bewegen, und der Kajak ist ohne Vergleich auf der ganzen Welt
das beste einsitzige Boot.

Man muß freilich seine Lehrzeit früh antreten, wenn man ein tüchtiger
Kajakruderer werden will. Die grönländischen Knaben üben sich vom
sechsten Jahre an im Boot ihres Vaters, und wenn sie zehn bis zwölf
Jahre alt sind, giebt der tüchtige grönländische Fänger jedem Sohn
einen eigenen Kajak. So war es wenigstens früher. Ja, Lars Dalager sagt
über diesen Punkt: »Wenn sie acht bis zehn Jahre alt sind, müssen sie
schon an solide Geschäfte gehen und in ihrem kleinen Kajak draußen auf
See arbeiten.«

Von dieser Zeit an geht der junge Grönländer beständig auf den Fang
aus. Anfangs beschäftigt er sich nur mit Fischerei, erst später erlernt
er den schwierigen Seehundsfang.

Sehr wichtig ist für den Kajakruderer die Fähigkeit, sich nach dem
Kentern selbst wieder aufzurichten. Dies geschieht, indem man mit
einer Hand das eine Ende des Ruders umspannt, mit der andern aber das
Ruder möglichst in der Mitte packt und es längs der einen Seite des
Kajaks nach oben hebt, wobei das freie Ende nach der Vorderseite des
Kajaks zeigen muß. Darauf führt man das Ruder hastig seitwärts[13] nach
außen, so nahe wie möglich an der Oberfläche des Wassers, und beugt den
Oberkörper tief auf das Verdeck herab. Ist man noch nicht ganz oben, so
ist noch ein Wricken mit dem Ruder nötig.

Ein tüchtiger Kajakmann kann das Ruder zum Aufrichten völlig
entbehren. Er hilft sich ebenso gut mit dem Wurfholz, ja sogar mit
einem Arme. Der Gipfel der Geschicklichkeit besteht darin, daß man
dabei nicht einmal die Hand flach hält, sondern sie ruhig ballt. Ich
sah die Eskimos oft zum Beweise, daß sie dies wirklich könnten, vor dem
Kentern einen Stein in die Hand nehmen und damit wieder emporkommen.

Ein Eskimo erzählte mir von der außerordentlichen Geschicklichkeit
eines gewissen Fängers in dieser Hinsicht. Er könne sich nach rechts
aufrichten -- nach links -- mit Ruder -- ohne Ruder -- mit Wurfholz
-- ohne Wurfholz -- mit ausgestreckter Hand -- mit geballter Faust,
ja, das einzige, womit er sich nicht aufrichten könne, sei -- die
Zunge. Und dabei streckte mein guter Eskimo seine eigene Zunge heraus
und schnitt abscheuliche Grimassen, um mir zu veranschaulichen,
welche ungeheure Anstrengung es kosten würde, sich mittelst eines so
unbequemen Werkzeuges in die Höhe zu arbeiten.

Früher mußte jeder einigermaßen tüchtige Kajakruderer auf der Westküste
sich in jeder Lage »aufrichten« können und konnte es auch. Seit aber
die europäische Zivilisation und damit der Verfall hier ihren Einzug
hielten, geht es auch in diesen Dingen den Krebsgang. Immerhin findet
man es noch an vielen Stellen, und ich kann aus eigener Anschauung
behaupten, daß in Kangek bei Godthaab die meisten Seehundsfänger es
konnten. Auf der Ostküste scheint, nach Kapitän Holms Aussage, diese
Geschicklichkeit noch allgemein zu sein, aber jedenfalls nicht so, wie
früher auf der Westküste. Das ist sehr wohl begreiflich, da es an der
Westküste wenig Eis und viel hohen Seegang giebt, während im Osten das
umgekehrte Verhältnis herrscht.

Ein Kajakmann, der sich in jeder Lage aufrichten lernte, kann jedem
Wetter trotzen. Kentert sein Kajak, so ist er gleich wieder oben.
Er spielt mit den Wellen und durchstreift sie wie ein Seevogel. Bei
schwerem Seegang legt er die Seite des Kajaks bei und das Ruder flach
aufs Deck, beugt sich vornüber und läßt sie über sich hinrollen.
Oder er wirft sich ihnen auch wohl seitwärts entgegen und richtet
sich wieder auf, wenn sie über ihn hingerollt sind. Das schwerste
Seemanöver, von dem ich hörte, sollen einige Fänger bei tobender See
ausführen, indem sie beim Stehen der Sturzwellen freiwillig kentern und
sich erst wieder aufrichten, wenn die Wellen über den Boden des Kajaks
hingegangen sind. Eine kühnere Art von Seetüchtigkeit ist schwerlich
denkbar.

Kann man sich nicht selber aufrichten, so ist, falls keine Hülfe in der
Nähe ist, mit dem Augenblicke des Kenterns alle Hoffnung auf Rettung
aus. Und man kentert so leicht. Eine Sturzsee genügt, und auch das
Festhaken der Leine beim Harpunieren eines Seehundes kann dazu führen.
Es geschieht aber auch ebenso oft bei stillem Wetter oder durch eine
einzige unvorsichtige Bewegung.

Heutzutage finden alljährlich viele Eskimos ihren Tod auf diese Weise.
Als Beispiel sei angeführt, daß im Jahre 1888 im dänischen Südgrönland
von 162 Todesfällen (worunter 90 Personen männlichen Geschlechtes)
24 oder etwa 15% (also mehr als ein Viertel der männlichen) durch
Ertrinken beim Kajakkentern verursacht wurden.

Im Jahre 1889 kamen auf 272 Todesfälle (worunter 152 Personen
männlichen Geschlechtes) wieder 24 oder ungefähr 9% Ertrunkene. Dies
bezieht sich auf eine Bevölkerung von 5614, von denen 2591 Männer sind.

[Illustration]




[Illustration]




Kapitel +IV.+

Auf dem Meere im Kajak.


Man hört so oft, wie der Eskimo der Feigheit beschuldigt wird. Dies
liegt gewiß zum großen Teile daran, daß die, die so über ihn urteilen,
ihn entweder nur auf dem Lande und bei schönem Wetter auf See
beobachtet haben, -- und dann ist er zu gutmütig oder zu bequem, um Mut
zu zeigen -- oder daß sie sich nicht die Mühe nahmen, sich in seine
Denkweise hineinzuversetzen. Oft mochte er auch aufgefordert sein,
etwas zu thun, was er weder verstand, noch mochte.

Wenn wir unter Mut verstehen, sich wie ein Tiger bis auf den letzten
Blutstropfen selbst gegen Uebermacht zu schlagen, ~den~ Mut, der
sich, wie Spencer sagt, am häufigsten gerade bei den niedrigststehenden
Menschenrassen und besonders bei vielen Tieren findet, dann müssen wir
einräumen, daß die Eskimos nicht übermäßig viel davon besitzen. Sie
sind zu friedfertig und gutmütig, um z. B. wiederzuschlagen, wenn man
sie ohrfeigt, und daher haben die Europäer, von Egede und den ersten
Missionaren an, sie ungehindert erst prügeln und dann feige nennen
können. Doch der streitbare Mut steht in Grönland nicht in hohem
Ansehen, und ich fürchte, daß sie uns darum nicht höher achten, weil
wir ihn so reichlich besitzen und zeigen.

Von jeher huldigten sie dem christlichen Lehrsatz: »So Dir jemand einen
Streich giebt auf Deinen rechten Backen, dem biete den andern auch
dar.« (Ev. Matth. 5, V. 39.)

Hieraus zu schließen, daß der Eskimo feig ist, wäre verkehrt.

Um sich den rechten Begriff von dem Werte eines Menschen zu bilden,
muß man ihn bei seiner Berufsarbeit gesehen haben. Folgt dem Eskimo
aufs Meer hinaus, seht ihn dort arbeiten, und Ihr werdet ihn bald
mit anderen Augen ansehen. Denn, versteht man unter Mut, daß man
im Augenblicke der Gefahr ruhig seinen Plan macht, wie man die
Schwierigkeiten wohl überwinden könnte, und ihn dann mit rascher
Geistesgegenwart ausführt, oder daß man einer unvermeidlichen Gefahr
und sogar dem sicheren Tode mit unerschütterlicher Selbstbeherrschung
entgegengeht, -- dann finden wir in Grönland mutigere Männer, als wir
zu sehen gewohnt sind.

Der Kajakfang bringt viele Gefahren mit sich. Der Vater kam auf dem
Meere um, Bruder und Freund oft gleichfalls, und dennoch geht der
Eskimo täglich, im Sturme wie bei Windesstille, ruhig an seine Arbeit
draußen in See. Stürmt es gar zu arg, so tut er es vielleicht ungern,
denn Erfahrung hat ihn gelehrt, daß bei solchem Wetter manch einer
umkommt. Ist er aber einmal draußen, so geht es so ruhig vorwärts, als
sei ihm ein Sturm das gleichgültigste Ding der Welt.

Der Kajakfang ist ein herrlicher Sport, ein spielender Tanz mit dem
Meer und dem Tode. Man kann nichts Stolzeres sehen, als den Kampf des
Ruderers gegen die schweren Wellen, die ihn ganz unter sich begraben.
Oder wenn die Boote, draußen vom Unwetter überfallen, den Hafen suchen
müssen und gleich schwarzen Sturmvögeln vor dem Winde her heransausen,
während ihnen die Wogen wie rollende Berge folgen. Dann wirbeln die
Ruder durch Wasser und Luft, der Oberkörper ist leicht vornübergebeugt,
und der Kopf wendet sich häufig, nach Sturzwellen ausspähend, halb
zurück. Alles ist da Leben und Mut, obwohl die See rings umher einem
schäumenden Schlunde gleicht.

Dann taucht vielleicht, mitten im wildesten Spiele, ein Seehund auf:
schneller als ein Gedanke fliegt die Harpune durch den hochspritzenden
Wasserschaum. Der Seehund entflieht mit der Blase, wird jedoch bald
eingeholt und getötet. Und wieder geht es weiter, mit der Beute im
Schlepptau -- und alles das geschieht mit derselben großartigen
Fertigkeit und dem ruhigsten Gesicht, ohne eine Ahnung, daß dies eine
Heldentat war.

Da ist er groß. Und wir? Ja, in solcher Umgebung erscheinen wir sehr
klein!

Begleiten wir den Eskimo einen Tag auf den Fang.

Schon mehrere Stunden vor Tagesanbruch ersteigt er den Aussichtsberg
hinter seinem Wohnorte und hält Umschau, ob das Wetter günstig zu
werden scheint. Ist er hierüber mit sich im Reinen, so geht er langsam
wieder nach Hause und legt den Kajakpelz an. In der guten alten Zeit
bestand sein Frühstück aus einem tüchtigen Schlucke frischen Wassers.
Jetzt, da er auch schon etwas von der europäischen Verzärtelung
angesteckt worden ist, trinkt er gewöhnlich mehrere Tassen Kaffee, und
zwar recht starken. Morgens ißt er nichts, er behauptet, es sitze sich
dann unbequem im Kajak, und man arbeite so leichter; auch nimmt er
keinen Mundvorrat mit, nur ein wenig Kautabak.

[Illustration: Ausfahrt zum Fang.]

Hat er den Kajak an den Strand getragen und liegen die Fanggeräte an
ihrem Platz, so kriecht er in das Kajakloch, macht den Wasserpelz
sicher am Kajakring fest und sticht in See. Gleichzeitig gehen aus den
anderen Häusern des Ortes mehrere mit ihm hinaus. Heute gilt es den
Klappmützen, und der Jagdgrund liegt zwei Meilen entfernt bei einigen
Bänken draußen im offenen Meere.

Es ist ruhiges Wetter, die Wellen rollen in langen Dünungen auf die
Holme zu. Ein leichter Dunst liegt noch zwischen den Inseln über den
Engen, durch die sie rudern, und läßt die auf dem Wasser liegenden
Seevögel doppelt groß erscheinen. Seite an Seite durchschneiden die
Kajake mit leisem plätschern das Wasser, die Ruder tauchen im Takte
ein, die Männer unterhalten sich lebhaft mit einander, und hin und
wieder bricht einer in heiteres Lachen aus. Bald schleudert dieser,
bald jener spielend den Vogelpfeil, um Auge und Arm zu üben. Da kommt
einem von ihnen ein Alk in den Wurf: der Pfeil fliegt durch die Luft,
und der durchbohrte Vogel sucht, heftig mit den Flügeln schlagend,
unterzutauchen, wird aber im nächsten Augenblick auf der Pfeilspitze
emporgehoben; er wird losgemacht, der Jäger beißt ihm in den Schnabel
und dreht ihm mit einem kräftigen Rucke den Hals um, worauf er hinten
auf dem Kajak befestigt wird. Bald verlassen sie die Engen und die
Holme, um geradeaus ins offene Meer hinauszurudern.

Nach mehrstündiger Fahrt kommen sie endlich auf dem Fanggebiete an,
sehen an verschiedenen Stellen große Seehundsköpfe aus dem Wasser
gucken und zerstreuen sich, um der Beute nachzugehen.

Boas, einer der besten Fänger seines Ortes, hat weit hinten eine große
Klappmütze erblickt und setzt ihr nach; doch sie ist untergetaucht,
und nun muß er beilegen und warten, bis sie wieder zum Vorschein kommt.

Dort! ein wenig weiter nach vorne guckt ein runder, dunkler Kopf
aus dem Wasser. Tief auf den Kajak niedergebeugt, rudert Boas mit
leichten, lautlosen Schlägen näher an den Seehund heran, der ruhig
und unbekümmert daliegt, den Kopf emporstreckt, und sich von der
Dünung auf und nieder schaukeln läßt. Doch auf einmal wird das Tier
aufmerksam. Es hat den Reflex des Ruders gesehen und starrt nun den
Feind mit seinen großen runden Augen an. Der läßt die Ruder sinken
und rührt kein Glied, während der Kajak lautlos weiter gleitet. Der
Seehund hat nichts Auffälliges entdeckt und verfällt wieder in seine
frühere Sorglosigkeit. Er wirft den Kopf zurück, streckt die Schnauze
in die Luft und badet sich in der Morgensonne, die auf seinem dunklen
nassen Felle glänzt. Unterdessen nähert sich der Kajak schnell. So oft
der Seehund hinsieht, hält Boas mit dem Rudern ein und bewegt keinen
Muskel, doch sowie das Tier wieder die Augen fortwendet, geht die Fahrt
wie ein Strich vorwärts. -- Er nähert sich auf Treffweite, legt die
Harpune bereit, sieht nach, ob die Leine auf dem Kajakstuhl in Ordnung
ist; noch ein Ruderschlag, und der Augenblick ist gekommen -- da taucht
der Seehund ruhig unter. Das Tier ist nicht erschreckt worden und wird
folglich irgendwo in der Nähe wieder auftauchen. Er muß also warten.
Das aber nimmt Zeit in Anspruch, denn der Seehund kann unglaublich
lange unter Wasser bleiben, und dem Wartenden erscheint die Zeit noch
länger. Doch der Eskimo besitzt eine bewundernswerte Geduld: ohne etwas
anderes zu bewegen als den Kopf, der sich spähend nach allen Seiten
dreht, sitzt er vollkommen regungslos da. Endlich zeigt sich ein wenig
nach der Seite hin wieder der Seehundskopf über dem Wasser. Vorsichtig
wendet Boas seinen Kajak, ohne von dem Tier bemerkt zu werden und
fährt ihm von neuem über den Wasserspiegel entgegen. Da plötzlich
wird die Klappmütze aufmerksam, sieht ihn einen Augenblick starr an
und taucht unter. Doch Boas kennt die Gewohnheiten der Seehunde von
Alters her und rudert nun in voller Fahrt nach der Stelle hin, wo das
Tier verschwunden ist. Es dauert auch wirklich nur einige Sekunden,
bis der Seehund wieder neugierig aus dem Wasser guckt. Nun ist er in
Treffweite; Boas greift zur Harpune, führt sie nach hinten, noch ein
kräftiger Ruck -- und wie von einer Stahlfeder getrieben, schnellt
sie sausend vom Wurfholz ab, die lange Fangleine, die förmlich durch
die Luft wirbelt, mitschleppend. Der Seehund macht einen gewaltigen
Satz, doch während er den Rücken zum Untertauchen krümmt, fährt ihm
die Harpune bis zum Schafte in die Seite. Sein Hinterleib peitscht mit
einigen gewaltsamen Schlägen das Wasser zu Schaum, und fort ist er, die
Fangleine mit in die Tiefe ziehend. Unterdessen hat Boas das Wurfholz
zwischen die Zähne genommen und blitzschnell die Fangblase hinter sich
ins Wasser geworfen. Sie tanzt auf der Oberfläche hin, scheint aber
bald untergehen zu wollen und thut es schließlich auch. Doch bald
kommt sie wieder zum Vorschein, und Boas rudert ihr nach, so schnell
die Ruder ihn vorwärts bringen. Unterwegs nimmt er den Harpunenschaft
auf, den der Seehund abgeschüttelt hat und der nun emporgetrieben
ist. Die Lanze liegt wurfbereit da. Im nächsten Augenblick taucht
die Klappmütze wieder auf. Wütend, daß an Entkommen nicht zu denken
ist, wendet sie sich gegen ihren Verfolger, stürzt sich zuerst auf
die Blase, zerfetzt sie und geht dann auf den Kajak los. Wieder liegt
Boas auf dem Anschlage. Das Tier krümmt den Rücken und schießt mit
ausgesperrtem Rachen so schnell durch die Wogen, daß das Wasser braust.
Jetzt kann ein Fehlwurf dem Fänger das Leben kosten. Doch Boas erhebt
mit der größten Gemütsruhe die Lanze und stößt sie mit einem kräftigen
Ruck so tief in das offene Maul des Tieres, daß die Spitze aus dem
Nacken wieder herauskommt. Die Klappmütze zuckt zusammen, ihr Kopf
sinkt, aber im selben Augenblick richtet sie sich lotrecht im Wasser
auf. Ein Blutstrom entquillt zischend dem weitgeöffneten Rachen, und
sie stößt ein tiefes, wildes Gebrüll aus, während die Blase über
ihrer Schnauze zu erstaunlicher Größe anschwillt. Sie schüttelt den
Kopf so heftig, daß der Lanzenschaft bebt und hin und her schwankt,
kann aber die Lanze weder abbrechen noch abschütteln. Im nächsten
Moment stößt Boas ihr die zweite Lanze hinter der einen Vorderfinne
durch Lunge und Herz; sie sinkt zusammen -- der Kampf ist beendet.
Boas rudert dicht an das sterbende Tier heran, und falls es sich noch
regt, giebt er ihm mit dem langstieligen Messer den Gnadenstoß. Dann
werden die Lanzen ruhig herausgezogen, abgespült und wieder an ihren
Platz gelegt, die Bugsierleine mit der Bugsierblase hervorgeholt
und, nachdem letztere aufgeblasen, um den Seehund geschlungen, die
Harpunenspitze herausgeschnitten und wieder auf den Schaft gesteckt,
die Fangleine um den Kajakstuhl gewickelt und die Fangblase hinten auf
den Kajak geworfen. Hierauf werden dem Seehunde mit dem dazu bestimmten
Riemen die Vorderfinnen am Leibe festgeschnürt und er selbst mit der
Bugsierleine längs des Kajaks so festgebunden, daß er sich leicht
schleppen läßt. Zu diesem Zwecke wird der Kopf am ersten Riemenpaare
auf dem Vorderdecke und der Hinterleib am letzten hinter dem Ruderer
befestigt. Jetzt ist Boas mit ihm fertig und sieht sich nach mehr um.
Er hat Glück und braucht nicht lange zu rudern, bis er wieder eine
Klappmütze erblickt. Sofort befreit er sich von seiner erlegten Beute,
die von der Bugsierblase über Wasser gehalten wird, und beginnt die
Jagd von neuem. Nach einigem Jagen und gespanntem Warten erlegt er auch
dieses Tier, nimmt es in Schlepptau und kehrt nun zu seiner ersten
Beute zurück. Die beiden großen Tiere werden rechts und links am Kajak
befestigt. Er ist jetzt allerdings schwer beladen und geht nicht mehr
so leicht, doch das ist für Boas kein Hindernis, noch mehr zu fangen.
Sowie in seinem Fahrwasser eine neue Klappmütze auftaucht, geht die
Jagd wieder los, und erlegt er noch mehrere, so wird eine an der
anderen festgebunden. Auf diese Weise kann ~ein~ Mann bequem vier
Tiere bugsieren, ja im Notfall noch mehr.

Inzwischen hat Tobias, ein anderer berühmter Fänger des Ortes, nicht
soviel Glück gehabt, wie Boas. Er machte zuerst auf einen Seehund
Jagd, der untertauchte und innerhalb Sehweite nicht wieder sichtbar
wurde. Dann erblickte er schließlich einen anderen. Doch als er auf ihn
losruderte, tauchte plötzlich dicht vor ihm ein Haubenseehund[14] auf
und wurde sogleich harpuniert.

Der große Seehund wälzt sich wie ein Verrückter im Wasser. Die
Leine wirbelt mit rasender Fahrt ab, bleibt aber unter dem
Vogelpfeilwurfholz hängen, das Vorderteil des Kajaks wird von ihr
mit unwiderstehlicher Kraft hinabgezogen, und ehe Tobias sich dessen
versieht, geht ihm das Wasser auch schon bis unter die Arme. Das
einzige noch Sichtbare ist sein Kopf und das Hinterende des Kajaks, das
lotrecht auf dem Wasser steht. Es sieht aus, als sei alles verloren;
alle, die sich in der Nähe befinden, rudern aus allen Kräften herbei,
obgleich sie wenig Hoffnung haben, noch rechtzeitig zu seiner Rettung
anzulegen. Doch Tobias ist ein ausgezeichneter Ruderer, er hält sich
trotz der verzwickten Lage im Gleichgewichte und läßt sich von dem
Seehunde, der alles versucht, um ihn in die Tiefe zu ziehen, durch das
brausende Wasser schleppen. Endlich taucht der Seehund wieder auf,
und in demselben Augenblicke ergreift Tobias die Lanze und durchbohrt
ihm mit tötlichem Wurfe den Kopf. Eine matte Bewegung -- und das Tier
sinkt zusammen. Die anderen kommen gerade rechtzeitig an, um Tobias
seine Beute festmachen zu sehen und ihr Speckstück[15] in Empfang zu
nehmen. Sie konnten ihre Bewunderung über diese Geistesgegenwart und
Geschicklichkeit nicht unterdrücken und sprachen noch lange davon.
Tobias und Boas waren überhaupt die besten Seehundsfänger im ganzen
Orte und, wie man mir erzählt hat, in ihrer Jugend so geschickt, daß
sie es verschmähten, sich der Blase zu bedienen, und sich statt dessen
die Leine um den eigenen Leib oder um den Kajakring schlangen und also
den harpunierten Seehund, wenn er nicht gleich tot war, mit sich und
dem Kajak, statt, wie üblich, mit der Fangblase, abziehen ließen. Dies
gilt den Grönländern für die nobelste Jagdart, und nur wenige bringen
es soweit.

Bis jetzt ist das Wetter schön gewesen, glatt wogte das Meer im
Sonnenschein, doch im Laufe der letzten Stunden begannen dunkle,
drohende Wolkenbänke sich am südlichen Himmelsrande zusammenzuziehn.
Kaum hat Tobias seinen Seehund festgemacht, hört er auch schon ein
dumpfes Brausen und sieht es im Süden wie Rauch über der See liegen.
Das bedeutet Sturm, und der Rauch sind die spritzenden Wogen, die er
vor sich hertreibt. Von allen Winden fürchtet der Grönländer den Sturm
aus Süden (~Nigek~) am meisten, weil dieser stets heftig auftritt
und die See gewaltig aufrührt.

Jetzt möglichst schnell ans Land! Die keinen Seehund im Schlepptau
haben, kommen am leichtesten vorwärts, versuchen aber, mit den anderen
zusammenzubleiben. Sie sind noch nicht weit gekommen, da hat der Sturm
sie schon eingeholt. Er peitscht das Wasser vor sich her zu Schaum, und
die Ruderer fühlen ihn im Rücken, wie einen Riesen, der sie emporhebt
und vorwärtsschleudert. Jetzt wird es ernst. Die Wogen erheben sich
bald wie turmhohe Wasserberge, brechen und wälzen sich über sie herab.
Es geht dem Lande zu, aber mit beinahe ausgesprochenem Seitenwind. Noch
liegt es weit ab, man kann vor Spritzwasser nichts sehen, und beinahe
jede frische Sturzsee begräbt sie unter sich, so daß man nur einige
Köpfe, Arme und Ruderstümpfe über den Schaumkämmen sieht.

Dort kommt eine gewaltige See; schon von fern erglänzt sie schwarz
und weiß. Sie türmt sich auf, der Himmel verschwindet fast. Sofort
stecken alle an der Luvseite Befindlichen das Ruder unter den Riemen,
dann beugen sie den Oberkörper vor, und die Sturzsee bricht über sie
herein. Einen Augenblick ist beinahe alles verschwunden. Die im Lee
warten gespannt, bis die Reihe an sie kommt. Jetzt rollt das Wasser
auch über sie hin, und nun schießen alle Boote wieder mit neuer Fahrt
vorwärts. Doch eine solche Sturzsee kommt nicht allein, ihr folgen noch
schwerere. Die Kajakmänner legen die Ruder flach über dem Deck nach
der Luvseite aus, beugen den Oberkörper vornüber, und wenn der weiße
Wasserfall sich mit Donnergetöse über sie ergießt, stürzen sie sich
ihm selbst in den Rachen und brechen dadurch seine Gewalt. Wieder sind
sie einen Augenblick verschwunden, -- da taucht ein Kajak auf, auf dem
rechten Kiele -- noch einer, aber mit dem Boden nach oben -- Pedersuak
ist gekentert. Der nächste Nachbar eilt zur Hülfe herbei, da bricht die
dritte Sturzsee über sie herein, und jeder muß an sich selbst denken.
Es war zu spät -- zwei sind gekentert; aber der zweite richtet sich
sofort wieder auf, und sein erster Gedanke gilt dem Kameraden, dem er
von neuem zu Hülfe eilt. Er treibt seinen Kajak neben den gekenterten,
legt sein Ruder über beide, ergreift unter dem Wasser den Arm des
Freundes und zieht ihn mit einem Rucke so hoch, daß jener das Ruder
fassen kann, und sich dann auch im Nu wieder aufrichtet. Der Wasserpelz
hat sich auf der einen Seite ein bischen vom Kajakringe gelöst und ein
wenig Wasser eindringen lassen, doch nicht soviel, daß er deshalb nicht
weiter könnte. Inzwischen sind die andern herbeigekommen, sie fischen
sein verlorenes Ruder auf, und nun kann es wieder weitergehen.

[Illustration: Kajakmann von einem Walroß angegriffen.]

Für die Bugsierenden wird es immer schlimmer, sie sind meistens die
Letzten, und die großen Seehunde schlagen schwer gegen die Seiten
des Kajaks. Sie denken daran, ihre Beute preiszugeben, aber die schwere
Welle rollt vorbei, und da wollen sie es noch eine Weile versuchen.
Der stolzeste Augenblick im Leben eines Fängers ist der Moment, da er
seinen Fang in den Hafen bugsiert und die freudestrahlenden Gesichter
seiner Hausgenossen ihn vom Strande anlachen. Schon weit draußen auf
See sieht er sie in Gedanken vor sich und freut sich wie ein Kind; kein
Wunder, daß er seine Beute nur im äußersten Notfalle fahren läßt.

Nach vielen bösen Sturzseen kommen sie endlich mehr unter Land. Hier
giebt ihnen eine kleine Inselgruppe, die nach Süden hin weit draußen
liegt, einigermaßen Schutz, die See geht hier weniger heftig, und je
mehr sie sich dem Lande nähern, desto besser und schneller geht es
vorwärts.

Unterdessen sind die Frauen zu Hause in großer Angst. Als der Sturm
ausbrach, liefen sie nach dem Aussichtsberg hinauf oder auf die
Landzungen hinaus und standen dort in dichten Gruppen, über das empörte
Meer hin nach ihren Söhnen, Männern, Vätern und Brüdern ausspähend.
Hier sieht man sie dicht aneinandergedrängt frierend und spähend
stehen, bis ihre durch die Angst geschärften Augen die Kommenden als
schwarze Punkte am Horizonte entdecken und der ganze Platz von dem
Freudengeschrei »Sie kommen! Sie kommen!« widerhallt. Man fängt an zu
zählen, wie viele es sind. »Zwei fehlen!« -- »Nein, da ist der eine!«
-- »Nein, alle sind da! Alle sind da!«

Bald fangen sie an, einzelne herauszukennen, teils an der Art zu
rudern, teils an der Form des Kajaks, obwohl alle Boote nur wie
schwarze Punkte aussehen. Plötzlich ertönt ein wildes Freudengeheul:
»+Boase kaligpok!!!+« (Boas bugsiert); ihn erkennen sie leicht
an der Größe. Diese Freudenbotschaft geht von Haus zu Haus, die Kinder
laufen umher und schreien es in die Fenster, und oben auf dem Berge
lösen sich die Gruppen in einen Freudentanz auf. Dann erschallt wieder
ein Jubelruf: »+Ama Tobiase kaligpok!!!+« (Auch Tobias bugsiert),
und auch diese Kunde geht von Haus zu Haus. Von neuem ertönt es:
»+Ama Simo kaligpok!+« »+Ama David kaligpok!!+« Und wieder
stürmen Frauen aus den Häusern den Aussichtsberg hinauf, um aufs Meer
hinauszustarren, das sich weiß in weiß gegen die Holme und Klippen
abhebt, und auf dem ab und zu zwischen den rollenden Wassermassen elf
schwarze Punkte, die langsam näher kommen, zu unterscheiden sind.

Endlich steuern die ersten Kajake in die Bucht vor dem Orte. Es sind
die, die keinen Seehund haben. Leicht und sicher jagt einer nach dem
andern auf den flachen Strand, hoch auf dem Rücken der Wellen tanzend.
Sie werden von den Frauen, die die Boote höher aufs Ufer hinaufziehen
müssen, in Empfang genommen.

Dann folgen die Bugsierenden. Sie müssen etwas vorsichtiger zu Werke
gehen, sie machen ihre Beute los und sorgen erst dafür, daß sie den
Frauen am Strande zugeworfen wird. Darauf landen sie selber. Einmal aus
dem Kajak gestiegen, kümmern sie sich, wie auch die Zuerstgekommenen,
nur um sich selbst und ihre Geräte, die an ihren Platz über der
Flutmarke getragen werden. Auf ihre Beute werfen sie keinen Blick, --
alle fernere Arbeit damit liegt den Frauen ob.

Unterdessen gehen die Männer in ihr Haus, legen die nassen Kleider ab
und das Hauskleid an, das in der Heidenzeit, wie wir gesehen haben,
ein wenig luftig war, jetzt aber etwas sichtbarer geworden ist.

Nun essen sie endlich ihr Frühstück. Aber wirklich satt werden sie
erst, wenn die heimgeführte Beute zerlegt, gekocht und in einer großen
Schüssel auf den Fußboden gesetzt wird. Dann verschwinden unglaubliche
Mengen Fleisch und Speck in ihrem Magen.

Sobald der Hunger gestillt ist, nehmen die Frauen, wie immer, etwas
vor, Näharbeit oder dergleichen, indes die Männer der wohlverdienten
Ruhe pflegen oder ihre Waffen putzen, die Harpunenleine zum Trocknen
aufhängen u. s. w. Dann beginnen die Fänger von den Tagesereignissen
zu sprechen, und die ganze Familie hört andächtig zu, besonders die
Knaben. Die Darstellungsweise ist nüchtern und frei von Aufschneiderei
oder dem Bestreben, in den Hörern eine übertriebene Vorstellung von
den überwundenen Schwierigkeiten zu erwecken, wozu wir Europäer bei
dergleichen Gelegenheiten häufig neigen dürften.

Dabei aber hat sie in ihrer eigentümlichen Breite etwas Lebhaftes
und Malerisches. Die Eskimos begleiten ihre Rede mit erklärenden
Handbewegungen, und »wenn sie in ihrer Erzählung soweit gekommen
sind,« sagt Dalager, »daß der Todesstoß exprimiert werden soll, so
schwingen sie den rechten Arm in die Luft und strecken den linken
Arm, der das Tier bedeutet, geradeaus«. Worauf die Demonstration
gewöhnlich folgendermaßen lautet: »Als ich nach dem Pfeile greifen
wollte, sah ich mich nach ihm um; da lag er; ich griff nach ihm; ich
faßte ihn; ich hielt ihn nun ganz fest in der Hand, er balancierte
u. s. w., was allein einige Minuten dauern kann, ehe die Hand zum
Zeichen des entscheidenden Stoßes herabsinkt, wobei der Erzähler aber
nicht vergißt, mit der Linken die letzten Zuckungen des Seehundes zu
markieren«.

Andrerseits werden oft die merkwürdigsten Begebenheiten mit wenigen
Worten abgethan. Bei jeder Gelegenheit aber macht sich ein drastischer
Humor geltend, der von den gespannten Zuhörern unfehlbar mit
schallendem Gelächter belohnt wird. Es ist das Muster eines glücklichen
Familienlebens.

So vergeht der Tag für den Eskimo. Es liegt in derartigen Erlebnissen
nichts Außergewöhnliches. Und doch haben sie für den Eskimo eine große
Anziehungskraft. Sein Dichten und Trachten ist mit dem Meere verknüpft,
das harte Leben draußen auf den Wellen ist ihm der Inhalt des Daseins,
-- und muß er zu Hause bleiben, so wird das Herz ihm schwer. -- Doch
wird er alt, ja dann ist das Lied aus. -- Ueber dem Alter liegt stets
ein Wemutschleier, nirgends aber so sichtbar wie in Grönland. Dort
haben die guten Alten auch einst Tage der Jugend und der Kraft gesehen
-- Zeiten, da sie die Stützen ihrer Gesellschaft waren, -- jetzt sind
sie nur noch eine lebende Erinnerung an Vergangenes und müssen sich von
anderen ernähren lassen. -- Doch wenn die Jungen mit ihrer Beute von
der See kommen, schleppen sich die Greise zu ihrem Empfang ans Ufer,
ja, wenn es nur meine Wenigkeit war, die kam, so freuten sie sich doch
sichtlich, mir beim Landen behülflich sein zu können. -- Und wenn der
Abend kommt, dann können sie erzählen; ein Erlebnis nach dem andern
wird aus dem Gedächtnis hervorgeholt, erhält neues Leben und entflammt
die Jungen zur That.

Oft geht es beim Seehundsfange gefährlicher zu, als ich es oben
schilderte. Man kann sich vorstellen, daß man sich bei dem
eingezwängten Sitzen im Kajak, das nicht viel Bewegung erlaubt, weder
hintenüber noch nach rechts werfen darf. Greift nun eine verwundete
Klappmütze plötzlich von dort an, so gehört Geschicklichkeit und
Geistesgegenwart dazu, ihr zu entgehen oder so schnell zu wenden,
daß sich der Todesstoß führen läßt, ehe das wütende Tier den Kajak
zertrümmern kann. Nicht viel besser ist es, wenn man von unten
angegriffen wird oder das Tier plötzlich dicht neben dem Kajak
auftaucht; denn es bewegt sich mit Blitzesschnelle und ist ebenso
mutig wie stark. Stürzt es sich erst einmal auf den Kajak und bringt
ihn zum Kentern, so bleibt wenig Hoffnung auf Rettung. Oft greift
es dann entweder den Mann unter dem Wasser an, oder es steigt auf
den gekenterten Kajak und reißt Löcher in seinen Boden. In solcher
Lage ist außergewöhnliche Selbstbeherrschung vonnöten, um die rechte
Kaltblütigkeit zu bewahren, damit man sich schnell wieder aufrichtet
und den Kampf mit dem wutschnaubenden Gegner von neuem aufnimmt.
Dennoch kommt es vor, daß ein so zum Kentern gebrachter Kajakmann die
Klappmütze trotz alledem als Beute heimführt.

Ein noch schlimmerer Gegner ist das Walroß. Wenn ein solches gejagt
werden soll, vereinigen sich gewöhnlich mehrere Fänger, damit einer dem
andern im Notfalle beistehen kann. Doch oft genug wagt sich auch einer
allein an dieses Untier heran.

Das Walroß ist, wie bekannt, ein großes, bis zu 5 +m+ langes Tier
mit dicker, zäher Haut, einer dicken Speckschicht, außerordentlich
harter Hirnschale und ungeschlachtem Körper. Man muß schon einen
sicheren, starken Arm haben, um es erlegen zu können. Sobald ein
Walroß angegriffen wird, pflegt es auf seinen Gegner loszugehn, und
es kann ihn mit seinen scheußlichen Fangzähnen grauenhaft zurichten.
Sind andere Walrosse in der Nähe, so umringen sie sofort den Kajak und
greifen alle gleichzeitig an.

Selbst die norwegischen Walroßjäger mit ihren Flinten, Aexten und
Lanzen und ihren großen, festen Booten haben vor dem Walroß gehörigen
Respekt.

Welch ein Wagestück muß es da sein, im zerbrechlichen Eskimoboot
ein solches Tier nur mit den leichten Wurfgeschossen des Eskimos
und ~allein~ anzugreifen! Für den Eskimo aber ist ein solches
Unternehmen eine alltägliche Begebenheit. Er kämpft seinen Streit mit
dem gefährlichen Gegner aus; die Lanze wurfbereit in der Hand, erwartet
er ruhig den Angriff des Tieres und jagt ihm, alle Vorteile kaltblütig
berechnend, im rechten Augenblicke die Lanze in den Leib.

Beim Walroßfang ist Kaltblütigkeit die Hauptsache, denn die
unvorhergesehensten Schwierigkeiten können sich dabei herausstellen;
nur das erklärt die vielen Unglücksfälle. Bei Kangamiut griff vor
einigen Jahren ein Walroß einen Kajak von unten an, wobei der lange
Zahn des Tieres durch den Boden des Kajaks drang, die Hüfte des Mannes
durchbohrte und sogar noch ein Loch in das Verdeck stieß. Die Kameraden
eilten dem Unglücklichen zu Hilfe, er machte sich von dem Tiere los,
und es gelang ihm trotz des Leckes mit Hülfe der Freunde ans Land zu
kommen.

Außer diesen Tieren greift der Eskimo von seinem kleinen Boote aus
auch den Walfisch an, und zwar den ~Ardluk~ oder Speckhauer, eine
besonders gefährliche Art. Mit seiner Stärke, Gewandtheit und seinen
greulichen Zähnen kann dieser, wenn er einmal zur Offensive übergeht,
den Kajak im Nu zersplittern. Vor ihm fürchten sich selbst die Eskimos,
was sie jedoch nicht abhält, ihn, sobald sich die Gelegenheit dazu
bietet, anzugreifen.

Früher wurde hier auch auf die großen Walfischarten Jagd gemacht.
Dies geschah jedoch von den großen Frauenbooten aus, deren Besatzung
dann aus vielen Personen, Männern und Weibern bestand. »Zu dieser
Jagd,« sagt Hans Egede, »schmücken sie sich wie zu einer Hochzeit,
sonst schwimmt ihnen der Walfisch fort, denn er kann keine schmutzigen
Kleider leiden.« Der Walfisch wurde vom Vordersteven aus harpuniert,
brachte aber dann manchmal das Boot durch einen Schlag mit dem Schwanze
zum Kentern oder zertrümmerte es sogar. Die Männer waren dabei jedoch
so dreist, daß sie auf den Rücken des Tieres sprangen, sobald seine
Bewegungen matter wurden, und es dann durch Lanzenstiche töteten. Diese
Art von Jagd kommt heutzutage nur noch selten vor.

Doch nicht nur die Jagd auf große Seetiere bringt Gefahr, auch
beim gewöhnlichen Fischfang, wie beim Fangen der Helbutte, ist die
Möglichkeit des Verunglückens nicht ausgeschlossen. Hat man nicht dafür
gesorgt, daß die Angelschnur richtig liegt, oder verwickelt sie sich,
oder versagt eine Vorrichtung, wenn jene starken Fische beim Aufziehen
der Tiefe zustreben, so kentert der schmale Kajak nur zu leicht. So
haben schon viele ihren Tod gefunden.

Wir wollen uns indessen nicht zu lange bei den Schattenseiten
aufhalten! Hoffentlich ist es mir gelungen, dem Leser von dem
Fängerleben des Eskimo draußen auf dem Meere einen Begriff zu
geben, der ihn vielleicht überzeugt, daß es diesem Volke, wenn es
drauf ankommt, ebensowenig an Mut, wie an Ausdauer und kaltblütiger
Selbstbeherrschung fehlt.

Der Eskimo besitzt aber mehr. Trifft ihn einmal ein Unglück, so zeigt
er eine geradezu großartige Abgehärtetheit und Geduld. Ich will als
bezeichnend dafür nur folgendes kleine Beispiel anführen, einen der
vielen Berichte, die die Grönländer selber über ihre Erlebnisse in
ihrer Zeitung »~+Atuagagdtutit+~« veröffentlichen:

»Ein Kajakmann aus Tornait auf der Fischerhalbinsel stach an einem
Februartage im Jahre 1876 in der Richtung nach Norden in See. Als
er auf seinem gewöhnlichen Fangplatze anlangte, tauchte ein Seehund
vor ihm auf; er zog sein Gewehr aus dem Kajakriemen, um zu schießen,
dabei ging der Schuß los und ihm quer durch den Unterleib. Sobald er
sich ein wenig besonnen hatte, stieg er aus und legte sich auf eine
Eisscholle; da aber begann es, aus Norden zu wehen, und eine Welle
nach der andern ergoß sich über ihn, weshalb er wieder in seinen Kajak
steigen und südwärts rudern mußte. Man muß sich jedoch« -- so heißt es
-- »über die Abgehärtetheit des Mannes wundern, der so schwer verwundet
durchs offene Meer nach Hause rudern konnte. Man denke nur, er ging
auf der Außenseite der Inseln herum, erreichte den Hafen, zog den
Kajak ans Land und stellte ein Merkzeichen dabei auf; dann aber sank
er besinnungslos am Eisrande des Ufers hin, denn er war nicht mehr
imstande, die Häuser, die eine Strecke vom Landungsplatze entfernt
waren, zu erreichen. Als man ihn später dort fand und seinen Kajak
untersuchte, war es allen unerklärlich, daß er noch lebte, nachdem er
all das Blut, das auf dem Boden des Kajaks stand, verloren hatte.
Als sie ihn ins Haus getragen hatten, war jedermann überzeugt, daß er
die Nacht nicht überleben würde, er starb jedoch erst nach drei Tagen!
Er zeigte nicht die geringste Furcht vor dem Tode, sondern sprach nur
davon, daß er zu den Begnadeten gehöre!«[16]

[Illustration: Kajakmann, einem kenternden Kameraden zu Hilfe
eilend.]

Viele ähnliche Züge ließen sich von diesem Volke erzählen. Mit Leiden
und Gefahr ist sein Erwerb verknüpft, und doch giebt der Eskimo sich
ihm mit Lust und Liebe hin. Hätten die Eskimos ihre Geschichtsschreiber
gehabt, so würde ihre Geschichte aus einer ganzen Reihe solcher
Begebenheiten bestehen, und dann würde mancher Zug von rührender
Aufopferung und Nächstenliebe bekannt sein. Wie manche Heldenthat
ist dort der Vergessenheit anheimgefallen! So ist das Volk, das man
schlecht und feige genannt hat, und auf das herabzusehen wir Europäer
uns für berechtigt halten.

[Illustration]




[Illustration]




Kapitel +V.+

Winterhäuser, Zelte, Frauenboote und Reisen.


Im Winter wohnen die Grönländer in Häusern aus Steinen und Rasen. Diese
erheben sich anderthalb bis zwei Meter über der Erde, während der
Fußboden tiefer liegt. Das Dach ist flach, etwas gewölbt. Solch ein
Haus gleicht von außen einem unansehnlichen Erdhaufen.

Die Häuser enthalten nur ein einziges Zimmer, und darin wohnen
meistens mehrere Familien, Männer und Frauen, Greise und Kinder.
Es ist so niedrig, daß ein mehr als mittelgroßer Mann darin kaum
aufrecht stehen kann. Das Zimmer hat, wie das Haus von außen, die
Form eines Rechteckes. Die eine Längswand nimmt die ungefähr zwei
Meter breite Hauptpritsche ein, auf der die Bewohner des Hauses, d. h.
die Verheirateten, alle erwachsenen Töchter und die Kinder beiderlei
Geschlechts, schlafen. Hier liegen sie in langer Reihe nebeneinander,
die Füße der Wand und den Kopf der Stube zugekehrt.

H. E. Saabye sagt in seinem obenerwähnten Tagebuch, die Ehebetten seien
unter der Pritsche aufgeschlagen. Ich habe nichts entdeckt, was darauf
schließen ließe, daß dies im Godthaabdistrikte heute noch irgendwo der
Fall ist.

Die unverheirateten Männer liegen gewöhnlich auf den kleineren
Pritschen unter den Fenstern, die in der entgegengesetzten Längswand
angebracht sind, und deren Zahl sich, je nach der Größe des Hauses, auf
eines, zwei und auf drei beläuft. Die Scheiben bestanden früher stets
aus Darmhaut oder dergleichen, jetzt aber findet man auf der Westküste
meistens schon Glasfenster. An den kurzen Seitenwänden befinden sich
gewöhnlich auch Pritschen, auf diesen und den Fensterpritschen schlafen
etwaige Gäste.

Wohnen -- wie man es gewöhnlich trifft -- mehrere Familien in einem
Hause, so ist die Hauptpritsche durch Holzstützen, die vom Vorderrande
der Pritsche bis zur Decke reichen und mittelst niedriger Seitenwände
mit der hinteren Wand verbunden sind, in verschiedene Buchten geteilt,
von denen jede einer Familie als Schlafzimmer dient. Es scheint uns
beinahe unglaublich, wie wenig Raum die Eskimos brauchen. Kapitän Holm
beschreibt ein Haus auf der Ostküste, das etwa 27 Fuß lang und 14½
Fuß breit war und in dem acht Familien, zusammen 38 Personen, wohnten.
In einer vier Fuß breiten Bucht schlief ein Mann mit zwei Frauen und
sieben Kindern. Da darf sich der Einzelne natürlich nicht breit machen.

Die Betten bestehen aus Seehunds- und Renntierfellen. Damit deckten sie
sich früher auch zu und lagen, das obenerwähnte Hauskleid abgerechnet,
ganz nackt darunter. Heutzutage deckt man sich auf der Westküste
meistens mit Federbetten zu.

Früher wurden die Wände mit Häuten bekleidet, und die bloße Erde, zum
Teil mit Fliesen belegt, bildete den Fußboden. Jetzt aber, da viel
europäischer Luxus eingeführt ist, hat man auf der Westküste schon
angefangen, die Wände zu täfeln und die Fußböden zu dielen. Ja, man
hat selbst die Sitte angenommen, die Fußböden aufzuwaschen und zwar
sogar ein paarmal im Jahre.

In das Haus gelangt man durch einen langen, engen Gang, dessen Fußboden
teilweise in die Erde hineingegraben ist und der ebenfalls aus Steinen
und Rasen besteht. Von außen steigt man durch ein Loch in ihn hinein.
Gewöhnlich ist er so eng und niedrig, daß man in hockender Stellung
hindurchkriechen muß, und für große Leute hat das Durchkommen seine
Schwierigkeiten. Ich hörte in Sardlok, daß ein allerdings recht dicker
Ladenjüngling aus Godthaab an einem engen Punkte des Ganges von Terkels
Hause stecken geblieben sei. Da lag er, mit Händen und Füßen arbeitend,
und schrie wie besessen, konnte aber nicht von der Stelle. Das Ende vom
Liede war, daß vier Knaben beauftragt wurden, ihn aus der Klemme zu
befreien. Zwei kamen von hinten und schoben den fleischigsten Teil des
Körpers, der bei dem guten Herrn allerdings sehr umfangreich gewesen
sein soll, vor sich her, während die beiden andern aus dem Innern des
Hauses herbeieilten, um ihn an je einem Arme vorwärts zu ziehen. Alle
vier mühten sich im Schweiße ihres Angesichts ab, aber der Dicke saß
fest wie ein Werglappen in einem Flintenlaufe, und man wollte schon das
Dach abdecken, um ihm freien Durchgang zu verschaffen, als er endlich
vorwärts rutschte. Soviel ich mich erinnere, hat nachher ein Fenster
eingeschlagen werden müssen, um ihn auf diesem Wege wieder aus dem Haus
zu schaffen.

In die Stube kommt man aus diesem Gange durch eine kleine viereckige
Oeffnung, die gewöhnlich in der vorderen Längswand angebracht ist und
mit einer Thür oder einem Brette geschlossen wird.

Der Zweck dieses Hausganges ist, das Eindringen der kalten und das
Entweichen der warmen Luft zu verhindern. Er liegt deshalb tiefer als
das Haus, wodurch gleichzeitig etwas Ventilation erreicht wird, da
die dicke, schlechte Luft teilweise in ihn hinabsinken und durch ihn
entweichen kann.

In den nach altgrönländischem Muster eingerichteten Häusern giebt es
keinen Feuerherd. Sie werden durch Thranlampen, die Tag und Nacht
brennen, erleuchtet und erwärmt. Daß letztere auch nachts brennen,
geschieht nicht nur der Wärme wegen, sondern weil der außerordentlich
abergläubische Eskimo sich entsetzlich im Dunkeln fürchtet. Wenn
irgendwo Not herrscht, so wird als Beweis für die schlechten
Verhältnisse angeführt: »Denkt nur, die armen Leute müssen nachts ohne
Lampen schlafen!«

Die Lampen sind große, offene, flache Schalen von Speckstein in Form
eines Halbmondes. Auf der rechten Seite liegt der aus Zeug oder
trockenem Moos gedrehte Docht. Diese Lampen werden auf einen hölzernen
Fuß gestellt, der auf einem kleinen Tisch oder einer Erhöhung an der
Vorderseite der Pritsche steht. Gewöhnlich hat jede Familie ihren
eigenen Lampentisch. Wohnen nun mehrere Familien zusammen, so kommen
auch viele Lampen zusammen, da jede mindestens eine, in der Regel aber
mehrere brennt.

Ueber diesen Lampen wurde früher auch in Specksteintöpfen, die von der
Decke herabhingen, gekocht. Die Zubereitung der Speisen ging natürlich,
wie alles andere, auch in diesem Zimmer »für alles« vor sich.

Auf der Ostküste ist es noch heute so. Auf der Westküste hat die
moderne Civilisation insofern eine Aenderung bewirkt, als das Essen
dort meistens in einem an der Seite des Ganges angebauten Raume
auf einem Herde gekocht wird. Das Brennmaterial besteht aus Torf
und Mövenerde -- ein sehr feiner Ausdruck für alten getrockneten
Mövendung. Auch die alten Specksteintöpfe haben eisernen, die im
Kolonieladen feilgehalten werden, Platz gemacht.

Manche Westgrönländer sind sogar so raffiniert geworden, daß sie
aus dem Kolonieladen Oefen zur Erwärmung ihrer Stube kaufen. Das
Feurungsmaterial ist freilich dasselbe geblieben. Gleichzeitig aber
brennen sie noch immer die unentbehrlichen Lampen, wenn nicht aus
anderen Gründen, so doch der Erhellung wegen.

Früher fand man in Grönland meistens große, von mehreren Familien
bewohnte Häuser. Dadurch wurde die Heizung billiger, und die Bewohner
hatten es schön warm, abgesehen davon, daß die Geselligkeit im ganzen
auch manche Vorteile gewährte. Hier hat sich der Einfluß der Europäer
nicht als gut erwiesen. Sie drangen auf die Verteilung der Familien
in einzelne kleine Häuser und setzten große Belohnungen für das Bauen
solcher Häuser aus. Sie hielten es für so schön, daß jede Familie für
sich selbst lebte! Aber die Häuser wurden schlechter und kälter, es
wurde mehr Material zur Erleuchtung und Heizung gebraucht, als sich
allemal beschaffen ließ, und das ganze vorteilhafte System geriet in
Zerrüttung.

Im Winter, wenn alles festgefroren ist, mögen solche Erdhäuser recht
gut sein, doch im Sommer, wenn es von den Wänden trieft und das Dach
leckt und bisweilen von selbst einfällt, sind sie kein gesunder
Aufenthaltsort. In alten Zeiten verließ daher der Grönländer im
April, bei Frühlingsanfang, sein Haus und deckte oft sogar das Dach
ab, damit die Wohnung bis zum Herbste gehörig auslüften und vom Regen
reingewaschen werden könnte -- ein recht bequemes Scheuerfest.

Den ganzen Sommer und einen guten Teil des Herbstes hindurch, bis in
den September oder Oktober lebten dann die Grönländer in Zelten, und
gewöhnlich hatte jede Familie ein eigenes. Dieses Zelt hatte eine
eigentümlich halbrunde Form mit einer Eingangsthür an der hohen,
flachen Seite. Es ist innen ähnlich wie ein Haus eingerichtet, die
Pritsche läuft an der schrägen Hinterwand entlang, der Thüröffnung, die
ein Vorhang von halbdurchsichtiger Darmhaut verschließt, gegenüber. Die
Wände des Zeltes bestehen aus einer äußeren Schicht von abgehaarten,
wasserdichten Häuten, wozu gewöhnlich alte Bootbezüge verwendet werden,
und einer inneren Schicht mit den Haaren nach innen gekehrter Renntier-
oder Seehundsfelle. In diesen Zelten, die übrigens recht warm sind,
gehen die Eskimos nackt, wie bei sich zu Hause.

Unzertrennlich von dem sommerlichen Zeltleben ist das Frauenboot.
Dieses bis zu 12 +m+ lange Boot ist von den Europäern so benannt
worden, weil es im Gegensatze zum Kajak von Frauen gerudert wird.

Es ist ein offenes Boot mit Holzrippen, außen mit Seehundsfell bezogen,
schmal und verhältnismäßig sehr flach. Es rudert sich außerordentlich
leicht, aber infolge seiner Form ist es ein unhandliches, schlechtes
Seeboot, weshalb die Grönländer auch sofort damit an Land gehen, wenn
der Wind sich aufmacht. Ein kleines Segel läßt sich im Vordersteven
anbringen und bei günstigem Winde benutzen. Segeln ist übrigens eine
Kunst, auf die sich der Eskimo nicht versteht und für die er sich auch
nicht interessiert.

In einem solchen Boote wird die ganze irdische Habe der Familie
untergebracht, das Zelt, alles Hausgerät, Kinder, Hunde, Frauen u. s.
w. Es wird von mehreren bis zu zehn Ruderinnen gerudert und geht, wenn
ihrer so viele sind, mit guter Fahrt. Der Hausvater steuert gewöhnlich,
und die übrigen männlichen Mitglieder der Familie rudern in ihren
Kajaken hinterdrein.

In ihren Frauenbooten zogen die Grönländer den ganzen Sommer hindurch
von einem Fangplatz zum anderen und blieben einen oder zwei Monate in
den Buchten, in deren Nähe es Renntiere gab. Dort gingen sie auf die
Jagd und lebten herrlich und in Freuden.

Dazumal unternahmen sie auch häufig lange Reisen an der Westküste,
hinauf und hinab, wie es die heidnischen Ostgrönländer noch heute
an der Ostküste thun. Um dem Leser einen Begriff von der Ausdehnung
dieser Reisen zu geben, will ich erwähnen, daß Eskimofamilien aus
~Angmagsalik~ an der Ostküste (65½° nördl. Br.) mit Kind und Kegel
nach den westlich vom Kap ~Farvel~ liegenden Marktplätzen und
zurück fahren, also eine Strecke von 110 Meilen. Schnell reisen sie
freilich nicht; das eine der beiden Frauenboote, die wir 1888 bei Kap
~Bille~ an der Ostküste trafen und die südwärts wollten, kam erst
zwei Jahre darauf, im Jahre 1890, in ~Pamiagdluk~ westlich vom
Kap Farvel an, obgleich die Entfernung nur 40 Meilen beträgt und wir
sie meiner Ansicht nach mit unseren Booten in acht bis vierzehn Tagen
hätten zurücklegen können. Doch sobald die Grönländer an einen Platz
kommen, an dem sich viele Seehunde aufhalten, legen sie bei, schlagen
ein Lager auf, gehen auf den Seehundsfang und lassen sich's wohl sein.
Naht der Herbst oder der Winter, so suchen sie sich eine passende
Stelle zum Bau eines Winterhauses und setzen die Reise im Frühling oder
im Sommer, wenn das Eis ihnen das Weiterziehen gestattet, fort. Das
oben erwähnte Frauenboot hatte auf diese Weise drei Jahre auf der Reise
von Umivik nach Pamiagdluk zugebracht und wird wohl kaum weniger
Zeit zur Heimreise gebraucht haben. Das andere Frauenboot, das von Kap
Bille nach Süden ging, kam bis ~Nanusek~, wo überwintert wurde;
dort aber starb der Familienvater, die Hinterbliebenen kehrten um und
traten die lange Heimreise nach Angmagsalik an. Und zwar unverrichteter
Sache, da sie ihr Ziel, den nicht mehr als 15 Meilen entfernten
Handelsplatz, nicht erreichten.

[Illustration: Schlechtes Wetter.]

Das Reisen längs der Westküste ließ sich natürlich viel schneller und
leichter ausführen, weil dort das Treibeis nicht hindernd in den Weg
trat.

Durch diese Reisen entgingen sie der Gefahr, an den einzelnen Plätzen
gar zu abgeschieden zu leben. Sie trafen Leute und verkehrten mit
anderen Menschen, den ganzen Sommer über herrschte Leben und Verkehr
an den grönländischen Küsten, was auf manche Art vorteilhaft war. Das
Gemüt belebte sich neu, die Fanginteressen wurden angespornt, und die
Fanggeschicklichkeit entwickelte sich, abgesehen davon, daß der häufige
Wechsel des Jagdgebietes auch bedeutend mehr Wild einbrachte.

Das Sommerleben in den verhältnismäßig reinlichen, luftigen Zelten ist,
abgesehen von dem Vergnügen, das es, wie man sich leicht denken kann,
gewährt, viel gesunder als der Aufenthalt in den dumpfen, stinkenden
Erdhütten. Kein Wunder also, daß die schönsten Träume des Grönländers
mit dem Frauenboot und dem Zelt verknüpft waren.

Leider sind wir Europäer hier wieder die Ursache einer bedauernswerten
Veränderung. Hans Egede klagte freilich sehr darüber, wie schwer es
sei, den Grönländern ihr ständiges Umherziehen abzugewöhnen und sie
dahin zu bringen, sich an einem Orte dauernd anzubauen, damit er
ihnen in Ruhe das Christentum predigen könne. Er schlug sogar vor, man
solle sie durch Zucht und Disziplin anhalten, ein seßhafteres Leben
zu führen. Wenn dieser fromme Mann, der nur an das für Gottes Reich
Notwendige dachte, jetzt lebte, könnte er wohl zufrieden sein: die
christlichen Grönländer unserer Zeit begeben sich kaum mehr auf die
Reise. Bei der großen Armut, die wir über sie gebracht haben, werden
der Seehundsfänger, die imstande sind, sich hinreichend Felle zu Zelt
und Frauenboot -- und beide Teile sind zum Reisen ja notwendig -- zu
verschaffen, immer weniger. Dafür aber sehen sich jetzt ihrer immer
mehr gezwungen, das ganze Jahr hindurch in den ungesunden Winterhäusern
zu wohnen, in denen ihre Gesundheit leidet und die ein ganz
vorzüglicher Nährboden für Bakterien und alle möglichen ansteckenden
Krankheiten sind. Dazu kommt noch, daß die Männer ihr Fangrevier nicht
wechseln können, sondern jahraus jahrein dieselben Stellen aufsuchen
müssen. Hierdurch verringert sich die Ausbeute natürlich sehr, die Kost
wird entsprechend schlechter, und der unentbehrlichen Seehundsfelle
giebt es immer weniger. Ist erst das ganze grönländische Volk auf
dieses Niveau, diesen festsitzenden Zustand, der Egede wohl als Ideal
vorschwebte, herabgedrückt, dann wird es ihm wahrhaftig schwer werden,
sich wieder zu erheben, und es wird kaum noch zu retten sein. Und der
Niedergang hierin ist in den letzten Jahren geradezu besorgniserregend
gewesen.

[Illustration]




[Illustration]




Kapitel +VI.+

Kochkunst und Leckerbissen.


Ein für uns ziemlich auffallender Zug im täglichen Leben des
Grönländers ist, daß er bestimmte Mahlzeiten nicht kennt. Er ißt,
wenn er Hunger verspürt, falls nämlich etwas zu essen da ist. Wie
oben erwähnt, nehmen die Seehundsfänger oft den ganzen Tag nichts zu
sich. Sie können sehr lange fasten, vertilgen dafür einandermal auch
erstaunliche Mengen Fleisch, Speck, Fisch u. s. w.

Ihre Kochkunst ist einfach und leicht zu erlernen.

Fleisch und Fische werden teils roh oder gefroren, teils gekocht oder
gedörrt verzehrt. Auch läßt man das Fleisch oft eine Art Fäulnis- oder
Gährungsprozeß durchmachen; es wird dann ~+Mikiak+~ genannt
und ohne weitere Zubereitung gegessen. Ein derartiges, sehr beliebtes
Gericht sind verfaulte Seehundsköpfe. Der Speck von Seehunden und
Walfischen wird am liebsten roh verzehrt. Allen Kulturleckermäulern
graut natürlich schon bei dem bloßen Gedanken, rohen Speck zu
verzehren, ich kann ihnen aber sagen, daß er, namentlich ganz frisch,
sehr gut schmeckt und einen süßlichen, allerdings auch ein bischen
weichlichen Geschmack hat, der an Sahne erinnert, ohne eine Spur von
Thranbeigeschmack zu besitzen. Dieser stellt sich erst ein, wenn man
den Speck kocht oder brät und wenn er ranzig wird. Es giebt freilich
noch Leute, welche glauben, daß der Eskimo ausgeschmolzenen Thran
zu trinken pflegt, obgleich schon Hans Egede diese irrige Annahme
widerlegt hat. Daß sie es allerdings nicht immer verachten, wenn es
sich ihnen bietet, davon konnte ich mich in Godthaab überzeugen. Unsere
Magd Rosine sah ich regelmäßig einen Schluck oder zwei aus der Lampe
trinken, wenn sie diese morgens putzte oder füllte -- und es schien ihr
recht gut zu bekommen.

Sie lieben übrigens ein Kompott aus Engelwurz und Thran, das nach
Saabyes Beschreibung folgendermaßen zubereitet wird: »Ein Frauenzimmer
kaut Speck, spuckt den Saft auf die Stengel und fährt damit solange
fort, bis sie, ihrer Meinung nach, genug bekommen haben. Diese
eingemachten Stengel müssen eine Zeit lang stehen, worauf sie aus der
Sauce genommen und mit großem Appetit als Nachtisch gegessen werden.«

Die Grönländer hatten ursprünglich folgende Vegetabilien: außer
Engelwurz (+Angelica+), Löwenzahn, Sauerampfer, Krähenbeeren
(+Empetrum nigrum+) und verschiedene Tangarten. Eine ihrer größten
Delikatessen ist der Inhalt des Renntiermagens. Wenn ein Grönländer
ein Renntier erlegt und nur wenig davon mit nach Hause nehmen kann,
wird er ihm den Magen ausschneiden, und eine grönländische Dame
bittet ihren auf die Jagd gehenden Liebsten stets, ihr den Inhalt des
Renntiermagens mitzubringen. Daß sie letzteren so schätzen, erklärt
sich wohl daraus, daß sie der Pflanzennahrung bedürfen, und es ist ja
auch Primaware, die der Feinschmecker Renntier sich von dem feinsten
Grase und Moose aussucht und die dann im Magen eine Art gestovten
Gemüses mit scharfer, außerordentlich pikanter Magensaftsauce giebt.
Manch einer wird natürlich über dieses Gericht die Nase rümpfen. Er
sollte es aber nicht thun, denn ich habe es, mit Erlaubnis zu sagen,
probiert und es nicht unschmackhaft gefunden, obgleich es so sauer war
wie alte Sattenmilch. Soll es besonders fein hergehen, so thut man noch
Speckstücke und Krähenbeeren hinzu.

Ein anderes Gericht, an dem gleichfalls mancher Europäer Anstoß nehmen
wird, ist das Eingeweide der Schneehühner. Hier halten sie sich nicht
nur an den Magen, sondern auch die Gedärme mit ihrem ganzen Inhalt
werden im Handumdrehen hinuntergeschluckt. Den Rest des Schneehuhns
verkaufen sie für 5 bis 8 +oere+ an einen Händler. Daher sieht man
in Grönland auch nie unausgenommene Schneehühner, man schieße sie denn
selbst.

Als wir einmal mit dem Grönländer Joel auf einem Jagdausfluge am
inneren Ameralikfjorde waren, nahm er eines Tages alle unsere
erbeuteten Schneehühner aus. Da ihrer aber weit über hundert waren,
konnte er natürlich nicht alle Eingeweide auf einmal verzehren und
steckte deshalb den Rest in einen großen Sack. Er beabsichtigte
freilich, den köstlichen Inhalt zu Hause mit seiner geliebten +Ane
Cornelia+ zu verspeisen, hat ihn aber sicher schon unterwegs
aufgegessen, bevor er dort ankam. Man wird mir hoffentlich verzeihen,
daß ich nicht sagen kann, wie dieses Gericht schmeckt; es ist das
einzige Eskimogericht, das zu probieren ich mich nicht überwinden
konnte.

Als andere Leckerbissen kann ich noch die Haut (+~matak~+)
der verschiedenen Walfischarten nennen; besonders die des Weißfisches
und auch die des Potwals gilt für den Gipfelpunkt aller Genüsse. Die
Haut wird mit der dicht darunterliegenden Speckschicht abgezogen und
ohne weitere Umstände roh gegessen. Der Eskimo verdient meine größte
Hochachtung für die Erfindung dieses Gerichtes. Ich versichere den
Leser, daß mir noch heute bei dem bloßen Gedanken an +Matak+ mit
seinem unbeschreiblich feinen Geschmacke nach Nußkernen und Austern das
Wasser im Munde um meine wenigen übriggebliebenen Zähne zusammenläuft
-- ah! -- und dann hat er das vor den Austern voraus, daß die Haut
so zäh ist, als kaute man Putzleder, wodurch der Genuß sich bis ins
Unglaubliche verlängern läßt. Sogar die Dänen in Grönland lieben diesen
Leckerbissen, wenn sie ihn haben können, kochen ihn aber meistens,
wodurch er geleeartig wird und der Nußkern- und Austerngeschmack
spurlos verschwindet, so daß man ebensogut die Zunge zum Fenster
hinaushängen könnte.

Ein feines Gericht, das sich jedoch mit Matak nicht messen kann, ist
die rohe Haut der Hellbutte, sie hat indessen ebenfalls den Vorteil,
daß sie infolge ihrer Zähigkeit lange vorhält. Ich kann sie mit gutem
Gewissen als delikat empfehlen, besonders zur Winterszeit.

Rohe Seehundshaut essen die Eskimos ebenfalls gern mit dem Speck
zusammen. Es schmeckte mir nicht so übel, doch konnte ich mich mit
den vielen Haaren nicht aussöhnen und erlaubte mir deshalb, sie
auszuspucken, nachdem ich verschiedene vergebliche Versuche gemacht
hatte, sie hinunterzuschlucken.

Die Eskimos essen das Fleisch der Seehunde, Walfische, Renntiere,
Hasen, Vögel und Bären, ja sogar der Hunde und der Füchse. Das Einzige,
was sie, meines Wissens, in der Regel verschmähen, ist das Fleisch des
Raben. Da dieses Tier sich seine Nahrung zum Teil auf Misthaufen sucht,
gilt es, wie alle dort wachsenden Pflanzen, für unrein.

Aus nicht fettem Fleische macht sich der Grönländer nichts und zieht
daher die Wasservögel den Schneehühnern vor. In einer südgrönländischen
Kolonie gab einmal ein erst vor Kurzem ins Land gekommener Pastor ein
Gastmahl für einige seiner Gemeindemitglieder, und die Frau Pastorin
setzte den Gästen dabei ihr Lieblingsgericht, gebratene Schneehühner,
vor. Die Grönländer nahmen fast garnichts, so dringlich die Pastorin
auch nötigte. Sie fragte nun, ob sie Schneehühner nicht möchten. »Ja,«
lautete die Antwort, »wir essen sie schon, aber nur wenn -- Hungersnot
ist.«

Was ich bisher angeführt habe, wird wohl hinreichend beweisen, daß die
Grönländer durchaus nicht so genügsam im Essen sind, wie allgemein
angenommen wird. Bei Hungersnot verzehren sie freilich all und jedes.
So soll es, nach Dalager, z. B. vorkommen, daß »sie ihre Zeltfelle in
Stücke hacken und davon Suppe kochen«, und man hört oft, daß Frau So
und So ihre alten Hosen zu Suppe verkocht hat.

Das Servieren ist auch anders, als die europäische Mode es vorschreibt.
Tische giebt es im Grönländerhause nicht; die Schüssel wird mitten auf
den Fußboden gestellt, und die Menschen sitzen auf den Pritschen, um
von dort herab mit den Gabeln, die Gott ihnen bei der Geburt gegeben,
zuzugreifen. Daß die Schüssel sich auf eine Kiste stellen ließe, fällt
ihnen nicht ein; das Bücken scheint ihnen beinahe Bedürfnis zu sein.
Ein Beispiel hierfür ist die einer jungen dänischen Frau passierte
Geschichte. Die Dame wollte gleich nach ihrer Ankunft in Grönland große
Wäsche halten und hatte sich dazu einige Eskimofrauen bestellt. Als sie
in ihre Waschküche kam, sah sie die Wäscherinnen tief über die auf dem
Fußboden stehende Wanne gebeugt waschen, und da ihr diese Stellung sehr
anstrengend erschien, gab sie ihnen einige Holzklötze, um den Zuber
draufzustellen. Wie sie sich nach einer Weile noch einmal nach ihrer
Wäsche umsehen wollte, fand sie zu ihrem großen Erstaunen den Zuber auf
demselben Fleck und die Wäscherinnen auf den Klötzen stehend und von
dort herab waschend. -- +Se non è vero, è ben trovato!+

Von den vielen Dingen, die wir in Grönland eingeführt haben, lieben
die christlichen Eskimos vor allem den Kaffee, und dieser Genuß ist
auf der Westküste beinahe zum Laster geworden. Sie bereiten ihn stark
und trinken meistens nicht weniger als zwei große Spülnäpfe voll zur
Zeit. Das hindert sie indessen nicht, täglich vier- bis fünfmal Kaffee
zu trinken, denn »er schmeckt so gut und macht so vergnügt«. Doch
sind sie selbst schon hinter seine schädliche Wirkung gekommen, und
deshalb erhalten die Jünglinge nur wenig oder garnichts davon, damit
sie gute Fänger werden. Der Schwindel, an dem die älteren bisweilen
leiden und der sie oft unsicher beim Rudern macht, wird nämlich, wie
sie behaupten, zum Teil durch den Kaffee hervorgerufen. Diese Erfahrung
deckt sich vortrefflich mit der neueren physiologischen Forschung, die
bewiesen hat, daß die gefährlichsten Gifte dieses Trankes, das Coffeïn
u. s. w., gerade die Teile des Nervensystems angreifen, von denen das
Gleichgewicht des Körpers abhängt.

[Illustration: Auf dem Angelplatz.]

Nächst dem Kaffee stehen Tabak und Kaffeebrot hoch in Ansehen. Auf
der Westküste ist Rauch- und Kautabak am beliebtesten, das Schnupfen
dagegen ist die Schwäche der Ostgrönländer, sowie des weiblichen
Geschlechts der Westküste, und man wird oft unangenehm durch die
Entdeckung überrascht, daß eine junge, anmutige Schöne eine gehörige,
Nasenlöcher und Oberlippe einpulvernde Prise nimmt. Sie reiben
ihren Schnupftabak selber zwischen flachen Steinen aus ungesaucetem
Rolltabak, der kleingeschnitten und über der Lampe getrocknet wird. Um
ihn ausgiebiger zu machen, wird er manchmal mit geriebenem Speckstein
vermischt; aufbewahrt wird er in großen oder kleineren Hörnern. Auf
der Ostküste spielt er auch bei einzelnen Ceremonieen eine Rolle.
Der Eskimo hat in seiner Sprache kein Wort für »Guten Tag« oder
»Willkommen«; statt dessen reicht er dem gerngesehenen Besucher sein
Schnupftabakshorn zur Benutzung hin, worauf ihm dieser das seinige
darbietet. Beim Abschied wiederholt sich dieselbe Ceremonie.

Die Westgrönländer bereiten ihren Kautabak auf eine für uns
überraschende Weise. Lange dänische Porzellanpfeifen werden mit
Rauchtabak, auf den Wasser gegossen wird, halbvoll gestopft und dann
mit trockenem Tabak bis zum Rande gefüllt. Man raucht nun so lange, bis
die Glut an der Feuchtigkeit erlischt. Dann wird die Asche ausgeklopft,
aller ölige Saft aus dem Kopf, dem Rohre, dem übergelegten Deckel u.
s. w. abgekratzt und mit den schon durch den Rauch gut durchsauceten
Tabaksresten am Boden des Pfeifenkopfes gemischt, und der Kautabak ist
fertig. Dieses starke Konfekt wird besonders als Kajakproviant sehr
geschätzt.

Glücklicherweise hat die Regierung verboten, den Eskimos Branntwein
zu verkaufen. Die im Lande wohnenden Europäer dürfen sich aber ihren
Bedarf kommen lassen und die Grönländer damit traktieren. Man giebt
ihnen namentlich dann welchen, wenn sie auf den Booten der Europäer
bei Sommerreisen als Besatzung fungieren, sowie nach jedem Handel,
den man mit ihnen abschließt. Ferner ist es so weise eingerichtet, daß
die ~Kifaker~ oder in Diensten des dänischen Handels Angestellten
jeden Morgen ihren Schnaps bekommen, während die Fänger, die tüchtiger
sein müssen und deshalb über den Kifakern stehen, nur dazu gelangen,
wenn sie den Europäern Dienste leisten oder ihnen etwas verkaufen.

Alle, Männer wie Frauen, sind leidenschaftliche Branntweintrinker.
Nicht, weil er gut schmecke, vertrauten sie mir oft an, sondern weil
es so herrlich sei, betrunken zu sein. Betrunken waren sie denn auch,
sowie sich eine Gelegenheit erbot; doch war dies glücklicherweise nicht
so häufig der Fall. Daß der Rausch wirklich der Zweck dieses Genusses
war, scheint schon daraus hervorzugehen, daß die Kifaker garnicht sehr
auf den Morgenschnaps erpicht waren, weil man »davon nicht betrunken
werden könne«. Aus diesem Grunde kamen oft mehrere dahin überein, daß
einer einen Morgen sämtliche Schnäpse trank und am Tage darauf die
Reihe an den zweiten kam. Hierdurch konnten sie sich in bestimmten
Zwischenräumen einen ordentlichen Rausch verschaffen. Kamen jedoch die
Vorgesetzten dahinter, so wurde ihnen freilich das Handwerk zu legen
gesucht.

Ganz den bei uns im allgemeinen bestehenden Verhältnissen entgegen
fanden die Grönländerfrauen in der Regel ihre Männer reizend, wenn
diese berauscht waren, und amüsierten sich köstlich über den Anblick.
Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich allerdings erklären, daß
sie mir mit wenigen Ausnahmen viel weniger abstoßend und bedeutend
friedfertiger in diesem bacchantischen Zustande erschienen, als man es
bei uns zu Hause in ähnlicher Verfassung gewöhnlich ist.

Bei der Ankunft der Europäer im Lande kannten die Eingeborenen die
Wirkung des Branntweines noch nicht. Als das Weihnachtsfest herannahte,
fragten sie Niels Egede, wann seine Leute »toll« würden; sie hielten
nämlich die »Tollheit« für eine notwendige Folge des Festes, und sie
war ihnen ein Ausgangspunkt für ihre Zeitberechnung geworden. Später
erfuhren sie, die Tollheit rühre von dieser Flüssigkeit her, die
sie deshalb +~Silaerúnartok~+ oder das, wovon man seinen
Verstand verliert, nannten; jetzt aber nennen sie sie gewöhnlich
+~Snapsemik~+.

[Illustration]




[Illustration]




Kapitel +VII.+

Charakter und soziale Verhältnisse.


Sehe ich alle die Zänkereien und das widerwärtige Ausschimpfen jedes
Gegners, die uns die Zeitungen der verschiedenen Parteien täglich
auftischen, so muß ich oft denken, was diese Herren Politiker wohl
sagen würden, wenn sie die grönländische Gesellschaft kennten!
Ob sie nicht vor Scham erröten würden, wenn man sie den Leuten
gegenüberstellte, die der Gottesmann Hans Egede folgendermaßen
tituliert: »Solch wahnwitzige, kaltsinnige, ohne Kenntnis irgend
welcher Gottesverehrung in viehischer Dummheit, ohne Ordnung und
Disziplin lebende Menschen!« Wie tief stehen aber wir, und mit wie
großer Berechtigung könnten diese »Wilden« verächtlich auf uns
herabsehen, wenn sie erführen, daß man sich bei uns, sogar in der
öffentlichen Presse, der gemeinsten Schimpfwörter, wie: »Lügner«,
»Verräter«, »Meineidiger«, »Schmutzblatt«, »Skandalpresse«, »Lümmel«,
»Schuft« u. s. w. bedient. Sie selber nehmen ja nie ein Schimpfwort in
den Mund, ja, diese bei uns so reich entwickelte Wortklasse fehlt sogar
in ihrer Sprache.

In diesem Verhältnisse liegt eine Grundverschiedenheit des Charakters
ausdrückt. Der Grönländer ist von allen Menschen, die unser Herrgott
erschaffen hat, der gesittetste. Gutmütigkeit, Friedfertigkeit und
Verträglichkeit sind die Hauptzüge seines Charakters. Er will gern
mit allen seinen Mitmenschen auf möglichst gutem Fuße stehn und denkt
daher nicht dran, sie zu verletzen, geschweige denn ihnen Grobheiten
zu sagen. Er widerspricht nicht gern, selbst wenn ihm jemand etwas
erzählt, was, wie er weiß, sich anders verhält. Jeden Einwand kleidet
er in die mildeste Form, und es würde ihm sehr schwer fallen, den
anderen geradeheraus der Unwahrheit zu zeihen. Er sagt anderen
auch nicht gern Wahrheiten, die sie seiner Ansicht nach unangenehm
berühren könnten. In solchem Falle bedient er sich lieber unbestimmter
Ausdrücke, auch wenn es sich um so gleichgültige Dinge, wie Wind und
Wetter, handelt. Seine Friedfertigkeit geht soweit, daß er, wenn ihm
etwas gestohlen wird, -- was freilich selten vorkommt -- das Seinige in
der Regel nicht zurückfordert, obgleich er oft weiß, wer der Dieb ist.
-- »Wer Dich bittet, dem gieb; und wer Dir das Deine nimmt, da fordere
es nicht wieder.« (Ev. Luc. 6, 30.)

Infolgedessen giebt es dort selten oder nie Streit. Die Grönländer
können es sich nicht erlauben, ihre Zeit mit Wortgefechten zu
vergeuden. Der Kampf um die Unterjochung der Natur, jene große Aufgabe
des Menschengeschlechtes, ist dort schwerer als sonst irgendwo, und
darum ist dieses kleine Volk übereingekommen, ihn ohne unnötige
Zersplitterung der Kräfte zu führen.

Der Grönländer ist eigentlich ein glücklicher Mensch, sein Sinn
fröhlich und leicht wie der eines Kindes. Jeden Kummer empfindet
er im ersten Augenblick sehr heftig, vergißt ihn aber bald und ist
dann wieder so strahlend heiter und mit seinem Dasein zufrieden wie
gewöhnlich. Dieser lebensfrohe, leichte Sinn läßt ihn wenig an die
Zukunft denken. Hat er für den Augenblick Speise, so freut er sich und
ißt, solange noch etwas da ist, wenn er nachher auch darben muß, was
ihm jetzt leider oft passiert und von Jahr zu Jahr immer allgemeiner
wird.

Diese Sorglosigkeit ist ihm oft in starken Ausdrücken vorgeworfen
worden. Die Missionare behaupten, und gewiß nicht ohne Berechtigung,
daß sie ihn für die Civilisation unempfänglich mache, und haben
versucht, ihn zu größerer Vorsorge und besserem Haushalten mit seinen
Vorräten anzuhalten. Doch sie vergessen dabei, daß auch geschrieben
steht: »Sorget nicht für den anderen Morgen« und: »Sehet die Vögel
unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln
nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater nähret sie doch.«

Dieser Leichtsinn hat aber auch seine Lichtseite, er macht sogar
gewissermaßen die Stärke des Eskimos aus.

Armut und Not haben bei uns zwei Folgen. Die unmittelbare ist natürlich
körperliches Leiden, doch mit diesem zusammen und nach ihm kommt das
geistige, jenes unerbittliche Nagen, das uns Tag und Nacht, bis in
den Schlaf hinein, verfolgt und uns jeden Augenblick verbittert. Dies
ist in der Regel das Schwerste für unsere Armen, und wäre dies nicht,
so würden die körperlichen Leiden, die ja meistens nur vorübergehend
sind, viel leichter ertragen werden. Von dieser Seite der Armut ist
jedoch der leichte Sinn des Eskimos frei. Selbst wenn er sehr lange
hat hungern müssen und es ihm sehr schlecht ergangen ist, hat er
alles Ausgestandene vergessen, sobald er etwas zu essen bekommt. Die
Erinnerung an die überstandenen Qualen ist ebensowenig imstande, ihm
den Genuß und die Freude zu stören, wie das Bangen vor dem, was morgen
oder übermorgen kommen wird. Das Einzige, was sein Glück zu trüben
vermag, ist, andere Not leiden zu sehen, und deshalb teilt er mit
ihnen, solange er selbst etwas zu teilen hat.

Besonders aber schneidet es den Eskimos ins Herz, wenn sie ihre kleinen
Kinder hungern sehen, »und deshalb,« sagt Dalager, »geben sie den
Kindern alles, auch wenn sie selber beinahe vor Hunger krepieren; denn
sie leben täglich in der Hoffnung auf bessere Zeiten, die wirklich
manchen am Leben erhält.«

Will man die Grundverschiedenheit des Charakters der Eskimos von dem
unsrigen deutlich erkennen, so studiere man ihre sozialen Verhältnisse.
Man hört nicht selten die Ansicht aussprechen, daß der Eskimostaat
gesetzlos und ungeordnet sei. Das ist ein Irrtum.

Ursprünglich war er im Gegenteil außerordentlich wohlgeordnet. Sie
hatten ihre bestimmten Bräuche und Regeln für all und jedes, die im
Munde des Volkes fortlebten und selten übertreten wurden; denn die
Eskimos sind unglaublich gefügige Leute, was selbst Hans Egede, der
sie, wie oben gesagt, doch gehörig anschwärzt, zugiebt, wenn er unter
anderem berichtet: »Es ist wirklich merkwürdig, welche Eintracht unter
ihnen herrscht; Zank und Streit, Haß und Nachtragen nimmt man bei
ihnen selten wahr. Und[17] wenn einer auch einem anderen böse sein
mag, so läßt er es sich doch nicht anmerken, sondern erlaubt sich aus
großer Scham vor anderen nicht, ihn mit Schimpfreden oder gar Schlägen
anzugreifen, wie sie auch gar keine Weise und Worte kennen, einander
auszuschelten.« Dies sagt, wohlbemerkt, ein Prediger von Heiden, die
diesen friedfertigen Sinn also nicht durch das Christentum bekommen
haben konnten.

Da kamen die Europäer ins Land. Ohne das Volk und seine Bedürfnisse
zu kennen und zu verstehen, gingen sie von der Ansicht aus, daß der
Eskimostaat von Grund aus der Verbesserung bedürfe, und griffen
zerstörend in alle seine Institutionen ein. Sie suchten ihm einen
vollständig neuen Stempel aufzudrücken, gaben den Grönländern mit
einem Schlage eine ganz neue Religion und zerstörten die Achtung vor
den alten Bräuchen und Ueberlieferungen, natürlich ohne ihm neue dafür
wiederzugeben. Ja, die Missionare meinten, dieses wilde, freilebende
Jagdvolk in eine civilisierte, christliche Nation umwandeln zu können,
ohne zu bedenken, daß dieses Volk in seinem Herzen in vieler Beziehung
christlicher war, als sie selber, und die christliche Nächstenliebe
z. B. in der Praxis weit besser durchgeführt hatte, als es je eine
christliche Nation gethan hat. Kurz, die Europäer betrugen sich in
Grönland gerade so, wie sie es überall thun, wo sie im Namen Jesu
auftreten, um »die armen Heiden des Segens der ewigen Wahrheit
teilhaftig zu machen«. Diese Anschauung wird am besten durch den schon
oben erwähnten Ausspruch Egedes charakterisiert. »Die angeborene
Dummheit und Gleichgültigkeit der Grönländer, ihre viehische, thörichte
Kindererziehung, ihre unstäte, umherschweifende Lebensweise, alles
dieses legt ihrer Bekehrung große Hindernisse in den Weg und muß,
soweit es möglich ist, abgeändert und remediert werden.« Welch ein
Mangel an Verständnis! Man denke nur, das umherschweifende Leben eines
Jagdvolkes ändern und remedieren zu wollen! Was bliebe ihm dann?
Garnicht davon zu reden, daß sich dies durch »Zucht und Disziplin«,
seiner Meinung nach, recht wohl erreichen ließe.

[Illustration: Seehundfischerei.]

Die Grönländer hörten zuerst die Fremden verwundert an. Sie waren
bisher mit sich selber und dem ganzen Dasein zufrieden gewesen und
hatten keine Ahnung gehabt, daß die Welt und die Menschen so schlecht
seien, wie die Missionare ihnen immer wieder sagten. Es fehlte
ihnen, wie Egede sagt, gänzlich »die rechte Erkenntnis ihrer eigenen
Verderbtheit«, und es wurde ihnen sehr schwer, eine so grausame
Religion, die die Menschen zum ewigen Höllenfeuer verdammt, zu
verstehen. An die Erbsünde glaubten sie schon eher, aber nur als an
ein allgemeines Uebel bei den +~Kavdlunakern~+ (Europäern);
denn daß diese zum großen Teile schlechte Menschen waren, sahen sie ja
täglich, die ~+Kaladlit+~ (Eskimos) aber, die doch gute Leute
waren, hätten eigentlich ohne weiteres in das Himmelreich kommen
müssen.

Als im Jahre 1728 ein dänisches Schiff mit Männern und Frauen zur
Kolonisation des Landes in Godthaab ankam, erregten viele von der
Besatzung durch ihr schlechtes Benehmen großes Aergernis bei den
Heiden, und diese »fragten oft, woher es denn eigentlich komme, daß so
viele von unseren Leuten so ungesittet seien. Statt daß Frauenzimmer
(die Grönländerinnen) sonst still und ehrbar zu sein pflegten,
betrügen sich diese (die Europäerinnen) toll, frech und ohne jede
weibliche Scham. Sie kennten doch wohl alle Gottes Willen«.[18] Und
die Grönländer verachteten und verlachten die dummen, selbstbewußten
Europäer, die so fein predigten, aber so schlecht handelten und
überdies nichts vom Fange und allem, was sie selber für das Wichtigste
im Leben hielten, verstanden.

Durch die Macht, die eine höhere Kultur verleiht, konnten die Fremden
so nach und nach siegen und im Laufe der Zeit eine durchgreifende
Umwälzung und ein schwankendes Gemisch von altgrönländischer und
moderneuropäischer Volkssitte und Kultur zustande bringen, wie sie auch
in unerlaubt hohem Grade ihr Blut mit dem der Eskimos kreuzten und ohne
priesterliche Hülfe stark gemischte Nachkommenschaft erzeugten.

Da die Eskimos jedoch ein sehr konservatives Volk sind, findet man
bei ihnen noch immer viele wesentliche Züge der ursprünglichen
Zustände. Wie bei allen Jagdvölkern, ist auch bei den Grönländern der
Eigentumsbegriff sehr beschränkt; es wäre jedoch verkehrt, anzunehmen,
daß er ihnen ganz fehle.

Hinsichtlich der meisten Dinge herrscht allerdings eine gewisse
Gütergemeinschaft; doch sie beschränkt sich je nach der Natur der
verschiedenen Gegenstände auf bestimmte engere und weitere Kreise.
Nächst dem Individuum selbst kommt als engster Kreis die Familie,
dann die Hausgenossen und die Verwandtschaft, und schließlich alle in
demselben Orte wohnenden Familien. Als das eigentlichste Privateigentum
werden der Kajak, der Kajakanzug und die Fanggeräte angesehen, die
dem Fänger allein gehören und die weiter keiner anrühren darf; denn
damit ernährt er sich und seine Familie und muß deshalb sicher sein,
sie immer da finden zu können, wo er sie zuletzt hingelegt hat;
sie werden auch selten verliehen. In früheren Zeiten hatten gute
Fänger gewöhnlich zwei Kajake, doch heutzutage läßt sich das selten
ermöglichen. Etwas, was sich eigentlich auch den Fanggeräten nähern
dürfte, sind die Ski. Da diese indessen erst durch die Europäer
eingeführt wurden, gilt der Eigentumsbegriff für sie nicht in demselben
Grade, und während der Eskimo selten oder nie die Waffen eines andern
anrühren würde, trägt er kein Bedenken, den Ski eines andern zu
brauchen, ohne ihn vorher zu fragen.

Nach den Fanggeräten und Kleidungsstücken kommen die Werkzeuge für den
Hausgebrauch, wie Messer, Beile, Sägen, Fellschabeisen u. s. w. Vieles
davon, namentlich die Nähutensilien der Weiber, wird jedoch auch als
Privateigentum im eigentlichen Sinne betrachtet.

Andere Hausgeräte sind Gemeingut der Familie oder aller Hausgenossen.
Das Frauenboot gehört dem Familienvater oder der Familie, das Zelt
ebenfalls. Das Haus gehört auch der Familie, und wohnen mehrere
Familien darin, so allen zusammen.

Grundbesitz kennt der Eskimo nicht, doch scheint es dort Brauch zu
sein, daß man auf einem Platze, wo schon Leute wohnen, ohne deren
Zustimmung weder sein Zelt aufschlagen, noch ein Haus bauen darf.

Als Beispiel ihrer Rücksicht für einander in dieser Beziehung sei
ein Zug angeführt, der vor mehr als hundert Jahren von Lars Dalager
beschrieben worden ist:

»Wenn sie im Sommer mit ihren Zelten und sonstiger Bagage an der Küste
längsfahren und an einer Stelle, wo schon Grönländer stehen, zu bleiben
gedenken, rudern sie sehr langsam ans Land und halten ungefähr einen
Flintenschuß vom Ufer, ohne ein Wort zu sagen. Schweigen die am Ufer
Stehenden ebenfalls, so denken die Kommenden, sie seien nicht gern
gesehen, und rudern in größter Eile nach einem leeren Platze. Doch wenn
vom Lande her, wie es meistens geschieht, diese Komplimente gemacht
werden: Seht her! Hier sind gute Zeltplätze, gutes Lager für Eure
Frauenboote, kommt und ruht Euch von des Tages Last aus!, so legen
sie nach kurzer Ueberlegung am Ufer an, wo man bereit steht, sie zu
empfangen und beim Ausladen der Bagage zu helfen. Doch wenn sie wieder
abreisen, wird ihnen nur beim Aussetzen der Frauenboote geholfen, alle
übrige Arbeit läßt man sie allein thun, wenn nicht der Reisende ein
sehr guter Freund oder naher Verwandter ist. In diesem Falle wird er
mit derselben Ehrenbezeugung, mit der er empfangen worden, und mit den
Abschiedsworten: Euer Fortgehen wird bei uns eine stille Erinnerung
verursachen dimittiert.«[19]

Ein Anflug von Grundbesitzbegriff scheint auch darin zu liegen, daß
falls jemand in lachsreichen Flüssen Dämme zur Ansammlung der Fische
gebaut hat, es übel vermerkt wird, wenn Fremde diese Einhegungen
verändern oder innerhalb derselben Netze auswerfen, wie es die Europäer
in früheren Zeiten häufig gethan haben (auch von Dalager berichtet).

~Treibholz~ gehört dem, der es zuerst im Wasser findet, wo es auch
sei. Um sein Recht zu behaupten, ist er verpflichtet, es ans Land zu
bugsieren, über die Flutmarke hinaufzuziehen und auf irgend eine Art zu
zeichnen. Vor diesem Eigentum hat der Eskimo großen Respekt, und hat
einer Treibholz am Ufer niedergelegt, so kann er, falls keine Europäer
dort hingekommen sind, sicher sein, es noch nach Jahren wiederzufinden;
wer es nähme, würde fortan für einen Schuft gelten.

Hinsichtlich ihrer Auffassung des Eigentumsbegriffes beim Leihen und
Handeln sei angeführt, was Dalager darüber sagt:

»Leiht ein Mann einem anderen etwas, wie Boote, Pfeile, Angelschnüre
oder sonst ein Angelgerät, und dieser kommt damit zu Schaden, sei
es, daß der Seehund oder das Tier mit dem Pfeile durchgeht oder der
Fisch die Schnur zerreißt oder auch, daß der Fisch oder der Seehund
das Boot beschädigt, so geht dies alles auf Kosten des Besitzers, und
der Leihende ersetzt nichts davon. -- Nimmt jemand Pfeile oder Geräte
leihweise in Gebrauch, ohne daß der Besitzer davon weiß, und werden sie
beschädigt, so ist der Leihende verpflichtet, den Eigentümer schadlos
zu halten. Dies kommt sehr selten vor, denn ein Grönländer muß in sehr
großer Verlegenheit sein, ehe er einen andern mit dem Ansinnen, ihm
etwas zu leihen, inkommodiert, aus Furcht, es könnte zu Schaden
kommen.«

»Kauft man etwas von einem anderen, und die Waren gefallen ihm nicht,
so kann er sie zurückschicken, auch wenn schon längere Zeit seit dem
Kaufe verstrichen ist.«

»Kauft einer von dem andern teure Sachen, wie Boote oder Flinten, und
ist der Käufer nicht imstande, den Verkäufer in Betreff der geforderten
Bezahlung zu befriedigen, so erhält er Kredit, bis er es kann. Stirbt
der Debitor aber vorher, so macht der Kreditor nie seine Forderung
geltend.« Dies ist, fügt Dalager hinzu, »ein schädlicher Articul für
die Kaufleute der Kolonie, die immer Kredit geben müssen, und wovon ich
selbst besonders in diesem Jahre viele Proben gehabt, da viele meiner
Debitoren mit dem Tode abgegangen sind und mich dadurch in ein ekliches
Labyrinth gebracht haben.«

Als er sich bei »verschiedenen vornehmen und vernünftigen Grönländern«
beklagte, gaben sie ihm den Rat, »seine Forderung gleich zu
legitimieren, aber erst die Läuse des Mannes (nach ihrer Redeweise) im
Grabe sterben zu lassen, ehe er zur Exekution schritte.«

Viel mehr als das Obengenannte[20] kann ein Grönländer den
ursprünglichen Bräuchen nach also eigentlich nicht sein eigen nennen.
Selbst wenn er Sinn für das Sammeln von Reichtümern hätte, den er
jedoch selten besitzt, würden seine bedürftigen Genossen allem weniger
Notwendigen gegenüber Forderungen geltend machen können. Daher herrscht
in Grönland das Mißverhältnis, daß die in das Land übergesiedelten
Europäer, die sich ja im Grunde von den Eingeborenen ernähren, sich oft
Reichtum erwerben und im Ueberflusse leben, während die Eingeborenen
selber dies nicht können.

Denn nicht einmal die von ihm erlegte Beute gehört dem Grönländer
rechtlich ganz allein. Ueber die Verteilung entscheiden von Alters
her feststehende Regeln, und nur einzelne Tierarten darf er
größtenteils für sich und seine Familie behalten. Hierzu gehört der
~+Atak+~ oder Grönlandsseehund, aber auch davon muß er den
Kajakmännern, die ihn gleich nach dem Fange ansprechen, und allen
Kindern seines Wohnortes je ein kleines Stück Speck abgeben. Andere
Seehundarten werden nach bestimmten Regeln unter diejenigen verteilt,
die beim Fange zugegen oder behülflich waren, manchmal erhält sogar
jedes Haus des Wohnortes ein Stück. Letzteres gilt namentlich für das
Walroß und mehrere Walfischarten, wie den Weißwal; von diesen erhält
der Fänger einen verhältnismäßig kleinen Teil, auch wenn er das Tier
ganz allein erlegt hat. Wird ein größerer Wal ans Land gebracht, so
soll es ein scheußlicher Anblick sein, wie sich alle Bewohner des
Ortes mit Messern bewaffnet auf das noch im Wasser befindliche Tier
stürzen, um jeder seinen Anteil zu nehmen. Dabei geht es dann so blutig
zu, daß Dalager behauptet, er habe weder »gehört, noch gesehen, daß
je ein Wal zerstückt sei, ohne daß Verstümmelungen oder wenigstens
schwere Blessuren vorgekommen, was von einer unvorsichtigen Hitzigkeit
vorkommt, wenn wohl einige Hundert Menschen auf dem Fische liegen
und darum nicht so genau darauf achten, wo das Messer hin- oder
hineinschneidet.« Charakteristisch für ihr gutes Herz ist übrigens,
»daß der, welcher so zu Schaden kommt, dem Thäter deshalb niemals
grollt, sondern es für einen Unfall ansieht«.

Diese Regeln gelten nicht nur für größere Tiere, sondern auch für
einzelne Fischarten. Wird also eine Hellbutte gefangen, so ist der
Fänger verpflichtet, den anderen Kajakmännern, die auf dem Fangplatze
halten, ein Stück Haut zum Verteilen zu geben. Außerdem teilt er
gewöhnlich, wenn er heimkommt, seinen Hausgenossen und den Nachbarn
etwas von dem Tiere zu.[21]

Selbst wenn der Grönländer alle diese Vorschriften gewissenhaft befolgt
hat, kann er doch nicht immer seinen Anteil von seiner eigenen Beute
unverkürzt behalten. Erbeutet er z. B. etwas, wenn in seinem Wohnorte
Mangel oder gar Hungersnot herrscht, so gilt es für seine Pflicht,
entweder ein Gastmahl zu geben oder mit den anderen Haushalten, die
vielleicht lange Zeit frisches Fleisch haben entbehren müssen, zu
teilen.

Ist der Fang gut, so giebt es ein Gastmahl, und man schmaust, bis
man nicht mehr kann. Wird nicht alles verzehrt und ist in den andern
Häusern auch noch genug da, so wird es für den Winter aufgehoben.
Kommt aber eine Zeit der Not, so haben die, welche etwas haben, die
Pflicht, denen, die nichts haben, zu helfen, solange etwas zum Abgeben
da ist. Nachher hungern sie gemeinsam, und manchmal verhungern sie
auch. Daß einige in Ueberfluß leben, während andere Not leiden, was
in den europäischen Staaten ja tagtäglich vorkommt, ist in Grönland
unerhört, wenn man davon absieht, daß die dort wohnenden Europäer mit
der gewöhnlichen Vorsorge unserer Rasse oft Vorräte haben, während die
Grönländer darben.

[Illustration: Auf der Seehundjagd.]

Aus dem Angeführten wird man ersehen, daß die Gesetze darauf
hinauslaufen, die Beute möglichst dem ganzen Orte zugute kommen zu
lassen, damit die einzelnen Familien nicht darauf angewiesen sind, daß
ihre Versorger täglich etwas fange. Es sind Gesetze, die sich durch die
Erfahrung langer Zeiten ausgebildet haben und schon viele Menschenalter
hindurch fest im Volke wurzeln.

Der Grönländer steht der Not anderer wie ein mitleidiges Kind
gegenüber; ~sein erstes Staatsgesetz ist, anderen zu helfen~.
Hierauf und auf dem Zusammenhalten in guten, wie in bösen Tagen basiert
die Existenz aller kleinen grönländischen Gemeinwesen. Ein hartes Leben
hat den Eskimo gelehrt, daß, auch wenn er tüchtig ist und sich in der
Regel selbst versorgen kann, doch bisweilen Zeiten kommen, da er ohne
den Beistand seiner Mitmenschen untergehen müßte, und daß es deshalb
besser ist, selber stets hilfsbereit zu sein. »Was Du willst, daß
andere Dir thun sollen, das thue auch ihnen«, diesen Lehrsatz, einen
der ersten und wichtigsten des Christentums, hat die Natur selbst den
Grönländer gelehrt, und er führt ihn praktisch durch, was man von den
Christen nicht immer behaupten kann. Leider aber scheint diese Lehre in
demselben Verhältnis, als er sich civilisiert, an Kraft zu verlieren.

Wie Gefälligkeit gegen Nachbarn ein Gesetz ist, so ist es Gastfreiheit
gegen Fremde nicht minder. Der Reisende kehrt ins erste Haus ein, an
das er kommt, und bleibt dort, so lange es ihm nötig dünkt. Er wird
freundlich aufgenommen, und es wird ihm vorgesetzt, was das Haus
vermag, auch wenn er kein Freund ist. Zieht er weiter, so wird ihm
oft noch eine Wegzehrung mitgegeben; ich habe Kajakmänner Häuser, in
denen sie sich des Sturmes wegen mehrere Tage aufgehalten hatten,
mit Heilbuttenfleisch, das ihnen beim Abschiede geschenkt worden,
förmlich beladen verlassen sehen. Bezahlt darf für die Unterkunft nicht
werden. Ein Europäer wird auch überall gastfrei aufgenommen, obwohl die
Grönländer nicht dieselben Ansprüche ihm gegenüber machen würden, wenn
sie auf Reisen an seinem Hause vorbeikämen. Die Europäer geben jedoch
häufig eine Art Vergütung in Kaffee und ähnlichem, was sie mit sich
führen, um ihre Wirte damit zu traktieren.

Daß Gastfreiheit eine Pflicht ist, die auch auf der Ostküste Grönlands
in hohem Maße geübt wird, davon erzählt Kapitän Holm mehrere
merkwürdige Beispiele. So sei auf seine Erzählung von dem Mörder
~Maratuk~, der seinen Stiefvater erschlagen hatte, hingewiesen. Es
war ein schlechter Mensch, den keiner mochte; trotzdem wurde er, als er
die nächsten Verwandten des Ermordeten besuchte, aufgenommen und lange
bewirtet, -- doch wurde ihm Böses nachgesagt, als er abgereist war.

Zur Gastfreiheit zwingen sie selbstverständlich auch die harten
Naturverhältnisse; denn häufig überfällt sie weit von Hause ein
Unwetter, das sie zwingt, in das nächste Haus zu flüchten.

Leider scheint die Gastfreiheit in den letzten Jahren auf der Westküste
abgenommen zu haben. Auch hierin geben die Europäer wieder das
Beispiel. Freilich kommt noch dazu, daß dort kein solcher Wohlstand
mehr herrscht wie in früheren Zeiten und man also oft nicht imstande
ist, Fremde zu beköstigen.

Manch einem wird es wohl scheinen, als sei ich oft ungerecht gegen die
Europäer; das ist aber durchaus nicht meine Absicht. Wenn die Europäer
auch nicht den besten Einfluß gehabt haben, so kann man ihnen dies
doch nicht immer direkt zur Last legen, denn obwohl sie selber es oft
sehr gut gemeint, haben die Verhältnisse es doch unvermeidlich so mit
sich gebracht. So haben sie zum Beispiel in der besten Absicht eifrig
daran gearbeitet, den Eigentumsbegriff der Grönländer auszubilden.
Diese werden angehalten, etwas von ihrer Beute aufzuheben, statt
alles in ihrer gewohnten freigebigen Weise zu verschleudern. Man
beruft sich darauf, daß die Grundbedingung einer Civilisation ein
besser entwickelter Eigentumsbegriff sei. Ob dies gut ist, mag manchem
zweifelhaft erscheinen, mir aber kommt es nicht so vor. Ich muß
freilich einräumen, daß zur Basis einer Civilisation bedeutend mehr
Sinn für irdische Habe erforderlich ist, als der Eskimo besitzt. Aber
ich kann nicht begreifen, was die armen Menschen mit der Civilisation
sollen; glücklicher macht sie sie wahrhaftig nicht, sondern sie
zerstört das Schöne und Gute in ihnen, schwächt sie im Kampf ums Dasein
und führt sie unumgänglich in Armut und Elend. Doch davon später.

Die Gesetze, auf denen der grönländische Heidenstaat basiert, sind,
wie wir gesehen haben, nach Möglichkeit in der Praxis durchgeführter
Sozialismus. In dieser Beziehung war er christlicher als irgend ein
christlicher Staat, und unsere heutigen Gesellschaftsreformatoren
könnten dort oben allerlei lernen.

~Spencer~ hat in einer seiner Schriften behauptet, die Menschheit
habe zwei Religionen; die erste und natürlichste sei der
Selbsterhaltungstrieb, der das Individuum zur Verteidigung seiner
selbst gegen jeden äußeren Widerstand oder jede außenstehende
feindliche Macht antreibt. Er nennt dies die Religion der Feindschaft.
Die zweite sei der Vereinigungstrieb, der den Menschen veranlaßt, mit
seinen Nachbarn und Mitbürgern in Gemeinschaft zu treten, und diesem
entstamme die christliche Lehre »Du sollst Deinen Nächsten lieben wie
Dich selbst«, ja »Du sollst auch Deine Feinde lieben«. Dies nennt
er die Religion der Freundschaft. Die erste ist die Religion der
Vergangenheit, die zweite die der Zukunft.

Doch gerade diese Zukunftsreligion scheint sich der Eskimo in seltenem
Grade zu eigen gemacht zu haben.

Einige Stämme oder Rassen werden durch Feinde zum Zusammenschließen
getrieben, während bei anderen ungünstige Naturverhältnisse die
Triebfeder dazu bilden. Letzteres war bei den Eskimos der Fall. Wo
der Trieb, sich aneinander anzuschließen und einander zu helfen,
am stärksten ausgebildet war, da war auch die Bestandkraft des
Gemeinwesens am größten, es konnte an Wohlstand und Volkszahl zunehmen,
während andere kleine, weniger in jener Hinsicht entwickelte Staaten
zurück-, wenn nicht gar untergingen. Sobald wir mit Spencer die
Religion der Freundschaft für die der Zukunft halten und der Ansicht
sind, daß Selbstverleugnung zu Gunsten des allgemeinen Besten das Ziel
der Entwickelung ist, müssen wir den Eskimos einen hohen Rang unter den
Völkern einräumen.

Es fragt sich allerdings, ob unsere Vorfahren nicht vielleicht auch
einst in alten Zeiten einer ähnlichen Lehre gehuldigt haben. Die
soziale Entwickelung bewegt sich vielleicht in einer Spirale mit immer
größer werdenden Windungen.

[Illustration]




[Illustration]




Kapitel +VIII.+

Stellung und Arbeit der Frau.


Es ist oft, und namentlich von Männern, behauptet worden, die
Kulturstufe eines Volkes lasse sich nach der gesellschaftlichen
Stellung seiner Frauen bemessen. Ich fühle mich nicht vollständig davon
überzeugt, daß sich dies in allen Fällen so verhält; ist es aber so,
dann glaube ich auch hierin einen Beweis zu haben, daß man dem Eskimo
einen ziemlich hohen Platz auf der Leiter der Entwickelung anweisen
muß. Die Eskimofrau spielt nämlich eine bedeutende Rolle in der
grönländischen Gesellschaft.

Allerdings gilt sie, ursprünglich eskimoischer Anschauung zufolge,
zunächst als das Eigentum des Mannes, das er sich entweder geraubt
oder auch wohl von dem Vater gekauft hat. Er kann sie daher auch
fortjagen, wenn er Lust dazu hat, oder sie verleihen, auch gegen eine
andere leihweise vertauschen, ebenso wie er sich mehrere Frauen nehmen
darf, wenn es ihm seine Mittel erlauben. Doch in der Regel wird sie
gut behandelt, und die Anschauung von der Frau als Eigentum des Mannes
finden wir bei vielen anderen Völkern noch weit mehr ausgeprägt, und
ein wenig davon giebt es auch bei uns, nur in etwas anderem Gewande.

Es giebt Leute, die behaupten, unsere Frauen hätten wohl genug zu
thun, es sei aber ein großer Fehler, daß sie nicht genau dieselbe
Arbeit wie die Männer hätten. Sie würden nicht mit den grönländischen
Verhältnissen zufrieden sein, denn jenes ist dort ebenso wenig der
Fall.

Freilich gehen dort beide Geschlechter in Hosen und haben es von
jeher gethan, doch noch ist ihnen kein Licht darüber aufgegangen, daß
zwischen Mann und Weib eigentlich gar kein Unterschied besteht.

Sie meinen, daß es u. a. in körperlicher Hinsicht gewisse entscheidende
Ungleichheiten zwischen ihnen giebt, und bilden sich ein, daß die
Frauen in der Regel nicht so stark, geschmeidig und mutig wie die
Männer seien und sich deshalb nicht so gut dazu eignen würden, in See
und auf den Fang zu gehen. Andrerseits glauben sie z. B. wieder nicht,
daß die Männer am besten das Kinderwarten verstehen, als Amme taugen u.
s. w.

Dies ist wohl der Grund, daß dort oben scharfbegrenzte Arbeitsteilung
zwischen beiden Geschlechtern eingeführt ist.

Der Mann hat sein schweres Leben auf der See als Jäger und Erwerber,
doch wenn er mit seiner Beute ans Ufer kommt, hört seine Arbeit für die
Aufrechthaltung des Gemeinwesens in der Hauptsache auf. Hier wird er
von seinen Frauenzimmern empfangen, die ihm an Land helfen, und während
er sich von nun an nur um seinen Kajak und seine Waffen kümmert, liegt
es den Weibern ob, die Beute nach Hause zu tragen. In früheren Zeiten
war es stets unter der Würde eines Fängers, bei dieser Arbeit zu
helfen, und so denken noch heute die meisten.

Die Frauen ziehen den Seehund ab und zerlegen die Beute nach bestimmten
Regeln, die Verteilung aber wird von der Hausfrau besorgt. Ferner
müssen sie das Essen bereiten, die Felle gerben, die Kajake und die
Frauenboote damit beziehen, Kleider nähen und alle häuslichen Arbeiten
verrichten. Außerdem bauen sie Häuser, schlagen die Zelte auf und
rudern die Frauenboote.

Kein Seehundsfänger hätte sich früher so weit herabgelassen, ein
Frauenboot zu rudern, dagegen kam es dem Hausvater zu, es zu steuern.
Jetzt kann man freilich öfter Männer die Ruder darin führen sehen,
besonders wenn Europäer sie auf Reisen als Ruderer gemietet haben.
Hat man sich dort erst eingelebt, so macht dies einen abstoßenden
Eindruck. Der Kajak ist und bleibt die Grundbedingung ihrer Existenz,
und sie müßten keine Gelegenheit versäumen, sich in seiner Führung zu
vervollkommnen. Noch heute hält sich jeder wirklich gute Fänger für zu
gut, um anders denn als Steuermann in ein Frauenboot zu steigen.

Ist die Familie auf Renntierjagd ausgezogen, so schießen die Männer
natürlich das Tier, während es meistens den Frauen obliegt, das erlegte
Wild in das Zelt zu schleppen; eine anstrengende Arbeit, bei der sie
große Ausdauer zeigen.

Der einzige Fang, den die Frauen in der Regel treiben, ist der
~Angmagsaet~- oder ~Kapelan-Fang~. Man betreibt ihn im Vorsommer, wo
der Kapelan (+Mallotus arcticus+) gewöhnlich in so dichten Schwärmen
an die Küste kommt, daß man ihn mit Eimern in die Frauenboote schöpfen
kann. Der Fang wird solange fortgesetzt, bis man seinen Wintervorrat
eingeheimst hat. Dann hört man auf, wenn auch noch so viel da ist. Der
Kapelan wird auf Klippen und Steinen getrocknet; ihn zu überwachen und,
wenn er trocken ist, zu verpacken, ist ebenfalls Arbeit der Frauen.

Manchmal helfen sie beim Seehundsfang, wenn diese Tiere bei einer Art
Klappjagd in enge Sunde und Fjorde eingeschlossen und dort aufs Land
gejagt werden.

Es sind nur wenige Beispiele bekannt, daß Frauen sich mit Kajakfang
beschäftigt haben.

Kapitän Holm erzählt, daß in ~Imarsivik~ auf der Ostküste zwei
Mädchen im Kajak auf See gingen. Dort war ein schlechtes Verhältnis
zwischen den Geschlechtern, da auf einundzwanzig Einwohner nur fünf
männliche kamen. Leider ist nicht bekannt, ob diese Frauen ebenso große
Fanggeschicklichkeit erlangt hatten, wie die Männer.

Sie hatten ganz die Lebensweise der Männer angenommen, kleideten sich
in Männertracht und trugen ihr Haar nach Männerart. Als Holm sie unter
seinen Tauschartikeln wählen ließ, nahmen sie weder Nähnadeln, noch
anderes Handarbeitswerkzeug, sondern suchten sich Pfeilspitzen für ihre
Waffen aus. Sie müssen kaum von Männern zu unterscheiden gewesen sein;
ich glaube, wir sahen sie auf der Ostküste, ohne jedoch ihr Geschlecht
zu ahnen. Holm erzählt, daß dort noch ein paar andere Mädchen zu
Fängern ausgebildet werden sollten, aber damals noch zu jung dazu
gewesen seien.

Während die Männer die meiste Zeit auf dem Meere zubringen, halten
die Frauen sich zu Hause, und dort sieht man sie in der Regel fleißig
arbeiten, indeß ihre Gatten zu Hause meistens nichts weiter thun, als
essen, faullenzen, Geschichten erzählen und schlafen. Beschäftigen sie
sich wirklich einmal, so putzen sie höchstens ihre Waffen, verzieren
sie mit Knochenschnitzereien u. s. w., denn ihre Waffen sind ihr Stolz.

Während die Männer mit herabhängenden Beinen auf dem Pritschenrande
sitzen, setzen sich die Frauen mit gekreuzten Beinen mitten auf die
Pritsche, wie ein Schneider auf seinen Tisch. Dort nähen und sticken
sie, schneiden mit ihrem eigentümlichen Krummmesser Leder zu, kauen
Vogelhaut und nehmen, mit einem Wort, jederlei Arbeit vor, während
ihr Mund keinen Augenblick stillsteht; denn sie sind von Natur sehr
lebhaft, und es fehlt ihnen selten an Stoff zur Unterhaltung. Leider
kann ich sie von der bekannten weiblichen Schwatzsucht nicht ganz
freisprechen, und wenn wir Dalager glauben dürfen, haben sie noch
schlimmere Eigenschaften. »Lüge und Verleumdung herrschen zumeist unter
den Weibern,« sagt er. »Die Männer sind viel aufrichtiger und erzählen
nicht gern etwas, was sie nicht beweisen können.«

  »O Weib, Weib, überall bist du doch gleich!
  Der erste Gedanke, den Loki hatte,
  War eine Lüge, und er sandte sie
  In Weibsgestalt den Erdenmännern.«

Die Zubereitung der Felle ist ein für das Eskimogemeinwesen sehr
wichtiger Teil der Frauenarbeit, und da sie zugleich außerordentlich
eigentümlich ist, so werde ich sie kurz beschreiben, wie ich sie bei
den Eskimos in Godthaab und Umgegend kennen gelernt habe. Sie variiert
je nach den verschiedenen Zwecken und Arten der Felle.

Die Kajakhäute werden entweder schwarz oder weiß gegerbt[22].

~Die schwarzen Häute~ (+~Erisâk~+) erhält man dadurch, daß der unter
der Haut befindliche Speck gleich nach dem Abziehen abgeschabt wird;
darauf legt man das Fell einen Tag oder zwei in alten Urin, bis sich
die Haare mit einem Messer abziehen lassen. Sind diese entfernt, so
wird die Haut in Seewasser gewaschen und, falls es Sommer ist, an der
Luft getrocknet, doch darf dies nicht in der Sonne geschehen. Im Winter
wird sie nicht getrocknet, sondern im Schnee vergraben. In beiden
Fällen ist es jedoch am besten, wenn man sofort nach dem Waschen den
Kajak damit beziehen und sie auf diesem trocknen lassen kann. Dieses
Leder ist deshalb dunkel, weil die Narbe oder äußerste Hautschicht beim
Seehunde schwarz oder dunkelbraun ist.

~Die weißen Kajakfelle~ (~+Unek+~) werden, nachdem der Speck
oberflächlich entfernt worden ist, in frischem Zustande zusammengerollt
und an einer hinreichend warmen Stelle im Freien oder im Hause
hingelegt. Dort bleiben sie so lange liegen, bis sich Narbe und
Haare mit einer Muschel leicht abschlagen lassen. Zu dieser Prozedur
gebrauchen die grönländischen Schönen jedoch vorzugsweise die Zähne,
weil sie dabei noch Fett aus der Haut saugen können, was ihnen
vortrefflich mundet. Darauf werden die Häute im Sommer über Balken --
nicht in die Sonne -- zum Trocknen gelegt und oft umgehängt, damit alle
Seiten gleichmäßig trocknen. Im Winter werden sie, wie die schwarzen
Häute, im Schnee aufbewahrt. Da die dunkle Narbe ja abgekratzt ist,
sind diese Häute, wenn sie fertiggegerbt sind, wirklich ganz hell oder
weiß.

Auffallend ist, daß keine der beiden Lederarten beim Trocknen
ausgespannt wird.

Beide werden auch zum Beziehen der Frauenboote verwendet.

Das weiße Leder, das ständig mit Seehundsfett eingeschmiert werden muß,
gilt als bester Sommerbezug, das schwarze dagegen, das nie geschmiert
wird, als bester Winterbezug für den Kajak. Ein wirklich bedeutender
Fänger bezieht daher seinen Kajak am liebsten jährlich zweimal, doch
gewöhnlich geschieht es jetzt nur einmal im Jahre, oft sogar nur alle
zwei Jahre.

Soll das Seehundsfell zu Kamikern (Schuhzeug) benutzt werden, so
wird der Speck mit den unteren Hautschichten auf einem eigens dazu
eingerichteten Brett aus dem Schulterblatte eines Walfisches mit einem
Krummmesser sorgfältig abgekratzt. Wenn die Haut durch das Schaben
dünn geworden ist, wird es ebenfalls einen oder zwei Tage in alten
Urin gelegt, bis sich die Haare mit einem Messer abziehen lassen. Ist
das besorgt, so wird die Haut mittelst kleiner Knochenpflöcke auf dem
Rasen oder dem Schnee ausgespannt und getrocknet. Darauf reibt man sie,
bis sie weich ist, und damit ist das Leder fertig. Da die Narbe nicht
entfernt wurde, sieht es dunkel aus.

Weißes Kamikleder wird anfangs ebenso behandelt wie das schwarze, doch
sobald die Haare entfernt sind, taucht man die Haut in warmes (nicht
zu warmes) Wasser, bis die schwarze Narbe sich ablöst, und spült sie
dann wiederholt in Seewasser. Hat sich die Narbe noch nicht vollständig
gelöst, so taucht man das Leder wieder abwechselnd in warmes Wasser
und in Seewasser. Nachher wird es ebenso wie das dunkle ausgespannt
getrocknet.

Da das helle Leder nicht so wasserdicht und gut ist wie das schwarze,
so wird es fast nur von den Frauen getragen, die es entweder weiß
lassen oder bunt färben.

Das Sohlleder zu dem Kamiker wird wie die schwarzen Kajakbezüge
behandelt, nur wird es beim Trocknen noch ausgespannt.

Leder zu Kajakhandschuhen gerbt man anfangs wie schwarzes Kamikleder,
wenn aber die Haare entfernt sind, reibt man es mit Blut ein, rollt es
auf und verwahrt es. Dies wird zwei- bis dreimal wiederholt, bis es
eine ziemlich dunkle Farbe angenommen hat. Dann wird es zum Trocknen
ausgespannt, -- im Sommer draußen auf der Erde, im Winter im Hause
unter dem Dach. Dieses Leder ist wunderbar wasserdicht.

Soll die Seehundshaut mit den Haaren gegerbt werden, wie man sie z. B.
zu Strümpfen in den Kamikern oder zu Pelzen braucht, so wird sie auf
dieselbe Weise wie gewöhnliche Kamikhäute auf der Speckseite mit dem
Krummmesser abgeschabt. Darauf wird sie in Wasser gelegt und mit grüner
Seife gewaschen. Sodann spült man sie in reinem Wasser, spannt sie aus
und läßt sie, wie oben angegeben, trocknen. Nachdem das Leder nun durch
Reiben schön weich geworden ist, kann man es in Gebrauch nehmen.

Renntierhaut wird nur getrocknet und gerieben, kommt aber mit Wasser
nicht in Berührung.

Wenn Vogelhäute gegerbt werden sollen, trocknet man erst die Federn
sorgfältig ab, dreht sodann die Bälge um, schabt die Fettschicht auf
der Fleischseite, so gut es geht, mit einem Löffel oder einer Muschel
ab und verzehrt das Fett, -- es schmeckt vorzüglich. Darauf werden
die Häute an der Decke zum Trocknen aufgehängt. Nach einigen Tagen
wird das letzte Fett herausgekaut. Dann läßt man sie wieder trocknen,
wäscht sie in heißem Wasser mit Seife und Soda dreimal hintereinander,
spült sie in wirklich kaltem Wasser, ringt sie aus und hängt sie nun
endgültig zum Trocknen auf. Sollen die Federn entfernt werden, wie bei
den Eidervogelbälgen, so werden sie, wenn die Häute halbtrocken sind,
gerupft (sodaß also nur die Daunen zurückbleiben). Dann trocknen sie
ganz, werden aufgeschnitten und sind fertig.

Das oben erwähnte Auskauen ist ein merkwürdiger Prozeß. Man nimmt den
trockenen, umgekehrten Balg, der von Fett beinahe trieft, und beginnt
an einer Stelle zu lutschen, bis das Fett dort ausgesogen und die Haut
weich und weiß ist, und so geht das Kauen langsam weiter, während
die Haut allmählich immer weiter in den Mund hineinspaziert, wo sie
schließlich oft ganz verschwindet, um dann in entfettetem Zustande
wieder ausgespuckt zu werden. Diese Arbeit wird hauptsächlich von
Frauen und Kindern verrichtet und ist wegen des vielen Fettes, das
man sich dabei einverleibt, eine gesuchte Unterhaltung. In schlechten
Zeiten kann es vorkommen, daß auch die Männer froh sind, wenn sie dabei
helfen dürfen. Es macht einen sonderbaren Eindruck, wenn man, beim
Eintreten in ein Haus, sämtliche Bewohner mit je einem Vogelbalg im
Munde kauend dasitzen sieht.

Diesem Prozesse ist es zuzuschreiben, daß die grönländischen Vogelbälge
so gut sind. Manch einer hat wohl schon die schönen Eiderdaunendecken,
die so manches elegante Heim in Europa schmücken, mit Bewunderung
betrachtet, ohne zu wissen, welche Stadien sie haben durchmachen
müssen. Und mancher europäischen Schönen, die sich mit köstlichem
Scharbenfederbesatz schmückt, würde grausen, wenn sie ahnte, wie viele
mehr oder weniger reizende Münder ihr Staat dort oben im hohen Norden
passiert hat, ehe er dazu kam, ihren schwellenden Busen zu umwogen.

Im Ganzen brauchen die Grönländerinnen ihre Zähne viel, bald zum Recken
der Felle, bald zum Festhalten dieser beim Abschaben, bald zum Schaben
selbst. Es wirkt auf uns Europäer geradezu verblüffend, wenn wir sie
ein Fell aus der stinkenden Urintonne nehmen, hineinbeißen und dann zu
arbeiten anfangen sehen -- für sie ist der Mund die dritte Hand. Daher
haben die alten Weiber dort oben auch auffallend kurze, abgestumpfte
Vorderzähne[23].

In ihrer Arbeit sind die grönländischen Frauen sehr tüchtig, und im
Nähen sind sie noch ganz besonders geschickt. Man braucht nur die Säume
eines Kajakbezuges, eines Wasserpelzes oder eines Darmhauthemdes zu
betrachten, um sich davon zu überzeugen. Noch auffallender wird ihre
Geschicklichkeit, wenn man die bewundernswerten Stickereien sieht,
mit denen sie ihre Hosen, Kamiker und andere Sachen verzieren. Diese
Stickereien werden auf der Westküste, wo die Eskimos von den Europäern
Farben erhalten haben, jetzt mit verschiedenfarbigen Lederstückchen,
die mosaikartig zusammengesetzt werden, ausgeführt. Sie werden aus
freier Hand ohne aufgezeichnete Muster angefertigt und verraten einen
hohen Grad von Akkuratesse und Handfertigkeit nebst großem Formen- und
Farbensinn.

Lebt man mit den Eskimos in ihrem Hause zusammen, so empfängt man
durchaus nicht den Eindruck, daß die Frauen irgendwie unterdrückt oder
zurückgesetzt werden. Es kam mir im Gegenteil vor, als spielten z. B.
die Hausmütter in Godthaab und Umgegend eine bedeutende Rolle, ja als
seien sie in einigen Fällen sogar die höchste Instanz. Nach meiner
Erfahrung ist es stark übertrieben, wenn Dalager von den Frauen sagt:
»Die Stunden ihres Lebens, die ihre besten sein sollten, wenn man von
der Zeit, da sie in reiferes Alter treten, rechnet, sind nichts weiter
als eine Kette von Kummer, Verachtung und Verdruß!«

Daß sich im gesellschaftlichen Leben ein gewisser Rangunterschied
zwischen Männern und Frauen geltend macht, läßt sich allerdings nicht
leugnen. So wurden bei den Mahlzeiten oder bei Kaffeegesellschaften
stets die großen Fänger und die bedeutendsten Männer zuerst bedient,
darauf kamen die weniger bedeutenden, und dann erst kamen Weiber und
Kinder an die Reihe. Etwas Aehnliches erzählt schon Dalager in seiner
Beschreibung eines Schmauses, bei dem die Männer als die Vornehmsten
einander ihre Geschichten erzählten, während »die Weiber unterdessen
auch ihre Mahlzeit in einer Ecke für sich verzehrten, wobei, wie man
annehmen darf, nur Klatschgeschichten verhandelt wurden«. Doch wenn man
es recht bedenkt, kann dies auch auf die Verhältnisse an anderen Orten
hier auf Erden passen.

Freilich muß ich zugeben, daß die Eskimomänner manchmal in ihrem
äußeren Benehmen gegen die Damen wenig Schliff zeigen, z. B. »wenn ihre
Frauen schwere Arbeit haben, wie beim Häuserbauen, Wassertragen und
Lastenheben, stehen sie mit gekreuzten Armen lachend dabei, ohne ihnen
im Geringsten zu helfen«. Doch ist dies eigentlich soviel schlimmer,
als wenn unsere Bauern aus dem Amte Bergen sich bei der Heimfahrt aus
der Stadt mit brennender Pfeife ins Boot legen und sich von den Frauen
nach Hause rudern lassen?

Daß die Frauen weniger angesehen sind als die Männer, scheint sich
leider schon daraus zu ergeben, daß bei der Geburt eines Sohnes der
Vater jubelt und die Mutter vor Freude strahlt, während bei der Geburt
einer Tochter beide weinen oder doch jedenfalls sehr unzufrieden sind.

Kann man sich eigentlich darüber wundern? Schließlich ist der Eskimo
bei all seiner Herzensgüte doch auch nur ein Mensch. In dem Knaben
sieht er natürlich den künftigen Kajakmann und die Stütze der Familie
in den alten Tagen der Eltern, also eine direkte Vermehrung des
Betriebskapitals, während er andererseits der Meinung ist, daß es schon
sowieso genug Mädchen auf der Welt giebt.

[Illustration: Fjordlandschaft von der Ostküste.]

Derselbe Unterschied macht sich daher auch bei der Erziehung geltend,
indem die Knaben stets als die künftigen Versorger betrachtet werden,
für die alles gethan werden muß. Wenn die Eltern eines Knaben sterben,
so ist bald für ihn gesorgt, da jeder ihn gern aufnimmt und so
behandelt, daß er sich wohl fühlt. Nicht so mit den Mädchen. Verlieren
sie ihre Eltern, so giebt man ihnen freilich überreichlich zu essen,
aber sie müssen sich mit den schlechtesten Kleidern begnügen
und bieten oft einen jämmerlichen Anblick dar. Erreichen sie das
heiratsfähige Alter, so nehmen sie jedoch ungefähr dieselbe Stellung
ein wie die bessergestellten Mädchen; denn diese erhalten ja auch kein
Erbe, und nun handelt es sich um »Schönheit und Tüchtigkeit, was allein
ihren Kredit bei dem jungen Mannsvolk hebt; fehlt es daran, so werden
sie verachtet und verheiraten sich nie, da genug da sind, unter denen
Musterung gehalten werden kann«. Hierüber können sie sich jedoch nicht
beklagen, da es den Männern in dieser Hinsicht auch nicht besser geht;
denn können sie nicht Fänger werden, was manchmal vorkommt, so haben
sie wahrhaftig keine große Aussichten, eine Frau zu bekommen und werden
von allen verachtet.

Daß Knaben ungefähr wie bei uns als ein Kapital betrachtet werden, geht
unter anderem daraus hervor, daß Witwen sich schwer wiederverheiraten,
es aber manchmal doch geschieht, »wenn sie männliche Kinder haben, denn
dann können sie schließlich wohl einen reputierlichen Witwer bekommen«.

Selbst im Tode scheinen die Frauen weniger Ansehen zu genießen, als
die Männer, wenn wir nach folgendem Ausspruche Dalagers urteilen.
»Einer Frau, die mit dem Tode ringt und sich keines besonderen Ansehens
erfreut hat, kann es wohl passieren, daß sie lebendig begraben wird.
Wovon wir am Orte vor Kurzem ein Beispiel hatten, das recht jämmerlich
war, indem mehrere erzählten, daß sie die Begrabene noch lange Zeit
im Grabe nach einem Trunke hätten rufen hören. Macht man ihnen
Vorstellungen über solch unmenschliche Grausamkeit, so antworten sie,
da die Sterbende doch nicht leben könne, sei es besser, sie der Erde
zu übergeben, als sich bei dem Anblick ihrer Qualen selbst nach dem
Tode zu sehnen. Diese Raison ist jedoch nicht stichhaltig, denn würde
solch eine barbarische That an einem Mannsbilde verübt, so würden
sie dies für den gröbsten Mord halten.« Ja, dies war scheußlich;
glücklicherweise geschieht es nicht allgemein. Der eigentliche Grund
liegt wohl hauptsächlich in der übermäßigen Furcht der Eskimos vor der
Berührung mit einem Toten. Infolgedessen ziehen sie dem Sterbenden,
ganz gleich ob Mann oder Frau, oft schon lange vor dem Eintreten
des Todes die Leichenkleider an und treffen alle Vorbereitungen zum
Hinausbringen und Begraben der Leiche, während der Kranke ihnen von
seinem Lager aus zusieht. Aus demselben Grunde würden sie einem im
See Verunglückten, falls er dem Tode schon nahe ist, schwerlich
beispringen, da sie fürchten dabei vielleicht eine Leiche anzufassen.

[Illustration]




[Illustration]




Kapitel +IX.+

Liebe und Ehe.


Der Liebe, dieser die ganze Schöpfung durchströmenden Kraft, begegnen
wir auch in Grönland. Die grönländische Liebe ist eine starke,
aufrichtige Naturempfindung, einem gesunden Boden entsprossen. Sie hat
nicht die vielen zarten Blätter und verwickelten Blumenkronen unserer
Kulturgewächse, sondern gleicht der wilden Feldblume, die sich einfach
und kräftig in einer ursprünglichen Natur entfaltet.

Sie ist das Gefallen zweier junger Menschen aneinander. Den Mann
macht sie nicht schwärmerisch, sondern treibt ihn aufs Meer hinaus
zum Fang, stärkt ihm den Arm und schärft ihm das Auge, denn er will
tüchtig werden, damit er seine ~Naja~ als Frau heimführen und
eine Familie versorgen kann. Und die junge schüchterne Naja steht auf
dem Aussichtsberge und schaut ihm nach. Sie sieht, wie kräftig und
sicher er vordringt, wie gewandt er die Ruder führt, und wie leicht
sein Kajak über den Wasserspiegel hintanzt. Warmes Gefühl leuchtet
aus ihren Augen, die sehnsuchtsvolle Gestalt wirkt stimmungsvoll.
Dann verschwindet er draußen in der Ferne, während sie noch auf die
unendliche blaue Fläche, die sich über dem Grabe manch eines kühnen
Kajakruderers wölbt, hinausstarrt. --

Endlich kehrt er bugsierend heim, sie eilt an den Strand und hilft mit
den andern seine Beute bergen, während er ruhig seine Waffen nimmt
und nach Hause geht. Sie blickt ihm bewundernd nach -- bald wird die
Hochzeit sein können. --

Doch eines Abends kommt er nicht heim; sie wartet und hält Ausguck;
alle andern sind schon herein. -- Er ist auf dem Meere verunglückt.
-- Das Auge wird feucht, und große Thränen rollen über ihre Wangen.
Sie weint und weint, sie wird es nicht überleben. -- Das dauert zwei,
vielleicht drei Tage -- dann giebt sich der Kummer. -- Es giebt ja noch
mehr Männer auf Erden, und sie sieht sich nach einem anderen um.

Der Vollbluteskimo verheiratet sich gewöhnlich, sobald er eine Frau
versorgen kann. Der Grund ist nicht allemal Liebe, die »Rechte« mag
noch nicht gekommen sein, und da scheint es denn häufig deshalb zu
geschehen, weil er weiblicher Hülfe bedarf, um seine Felle zu gerben,
seine Kleider zu nähen u. s. w. Er verheiratet sich oft schon, bevor er
zeugungsfähig ist, und auf der Ostküste ist es etwas ganz Gewöhnliches,
daß er drei- bis viermal verheiratet gewesen ist, ehe jener Zeitpunkt
eintritt. Später kommen Ehescheidungen seltener vor[24].

Eheschließungen gingen früher in Grönland sehr leicht vor sich. Wollte
ein Mann ein Mädchen haben, so ging er in ihr Haus oder Zelt, ergriff
sie beim Schopf oder wo er sie am besten packen konnte und schleppte
sie ohne weitere Umstände in sein Haus[25], wo er sie auf die Pritsche
setzte. Allenfalls schenkte ihr der künftige Gatte noch eine Lampe
oder einen neuen Wassereimer, und damit war die Geschichte fertig.
Es gehörte jedoch in Grönland ebenso wie an anderen Orten auf Erden
zum guten Ton, daß es die betreffende Dame unter keiner Bedingung
merken lassen durfte, daß sie den Freier haben wollte, selbst wenn sie
noch so verliebt in ihn war. Wie bei uns in Norwegen eine anständige
Braut bei der Trauung weinen muß, so mußte sie sich aus Leibeskräften
sträuben, jammern und klagen. War sie wirklich wohlerzogen, so weinte
und schrie sie tagelang, ja sie lief sogar ihrem Manne fort. Ging die
Wohlerzogenheit zu weit, so konnt es, dem Vermelden nach, vorkommen,
daß der Mann, wenn er ihrer noch nicht überdrüssig geworden war, ihr
mit einem Messer unter den Fußsohlen die Haut aufritzte, um ihr das
Fortlaufen unmöglich zu machen. Dann war sie gewöhnlich eine zufriedene
Hausfrau, wenn die Wunden geheilt waren.

Als sie zuerst eine Trauung nach unserer Art sahen, fanden sie es sehr
anstößig, daß die Braut auf die Frage, ob sie den Bräutigam zum Manne
haben wolle, mit Ja antwortete. Ihrer Ansicht nach hätte sie lieber
nein sagen sollen, denn sie halten es für eine große Schande für ein
Mädchen, Ja zu sagen, wenn eine solche Frage gestellt wird. Als sie
hörten, daß es bei uns so Sitte sei, meinten sie, unsere Weibsleute
müßten aber auch gar keine Schamhaftigkeit besitzen.

Die oben geschilderte Eheschließungsart ist auf der Ostküste
Grönlands noch immer die einzig gebräuchliche, und es kann bei
solchen Entführungen ziemlich gewaltsam hergehen. Die Verwandten der
betreffenden Dame sehen jedoch ruhig zu, denn das Ganze ist eine
Privatsache, und die Neigung der Grönländer, mit ihren Landsleuten
in gutem Einvernehmen zu leben, läßt sie sich nur ungern in die
Angelegenheiten anderer mischen.

Es kommt natürlich auch vor, daß die junge Dame den Bewerber wirklich
nicht haben will. In diesem Falle setzt sie sich so lange zu Wehr, bis
sie sich entweder selbst beruhigt oder der Freier verzichtet.

Wie schwer es für den Unbeteiligten ist, ihre wirklichen Wünsche zu
erkennen, sieht man an einem merkwürdigen Beispiele, das uns von Graah
erzählt wird[26]. Kellitiuk, eine flinke Ruderin seines Bootes an der
Ostküste, wurde eines Tages von einem Ostländer, namens Siorakitsok,
trotz des heftigsten Sträubens ihrerseits geraubt und in die Berge
geschleppt. Da Graah der Ansicht war, daß sie den Entführer durchaus
nicht haben wolle, was auch die bestätigten, die ihr nahe standen,
so verfolgte er ihre Spur und befreite sie. Einige Tage darauf, als
man im Begriffe stand, sich reisefertig zu machen, und das Boot eben
ausgesetzt worden war, sprang Kellitiuk hinein, kroch unter die Bänke
und deckte sich mit Säcken und Fellen zu. Es stellte sich bald heraus,
daß sie dies that, weil Siorakitsok gerade mit seinem Vater, den er als
Sekundanten mitgebracht hatte, an der Insel gelandet war. Als Graah
sich einen Augenblick entfernte, eilte der Grönländer nach dem Boot
und zog seine Angebetete aus ihrem Verstecke hervor. Ueberzeugt, daß
sie ihren brutalen Freier wirklich verabscheue, hielt Graah es für
seine Pflicht, sie abermals zu befreien. Als er hinzukam, hatte der
Freier sie schon halb aus dem Boote gezogen, und der Vater stand auf
dem Lande, bereit, ihm zu helfen. Als Graah ihm das Mädchen entriß und
ihm Anweisung auf die »schwarze Dorthe«, eine andere Rudererin, die
er selbst gern los sein wollte, gab, hörte der Enttäuschte ihn ruhig
an, murmelte einige unverständliche Worte vor sich hin und entfernte
sich mit erzürnter Miene und drohendem Blick. Der Vater nahm sich
das Mißgeschick seines Sohnes nicht weiter zu Herzen, »er half uns,
das Fahrzeug beladen,« sagt Graah, »und rief uns ein sicherlich gut
gemeintes Lebewohl zu.« Als sie abfahren wollten, war jedoch Kellitiuk
nirgends zu finden, obwohl überall auf der kleinen Insel, wo sie sich
nur hätte verstecken können, nach ihr gesucht und gerufen wurde, und
man mußte ohne sie reisen. Sie hat Siorakitsok also doch gemocht.

Die Vollblutgrönländer sind ebenso schnell mit der Scheidung fertig,
wie mit der Heirat. Ist der Mann seiner Frau überdrüssig -- das
Umgekehrte kommt seltener vor -- so braucht er sich nur von ihr
zu retirieren, wenn er sich schlafen legt, und dabei kein Wort zu
sprechen. Sie merkt dann sogleich die Absicht, sammelt am nächsten
Morgen ihre Kleider zusammen und kehrt in aller Stille in ihr
Elternhaus zurück, indem sie gewöhnlich thut, als ginge es ihr garnicht
nahe. Wie mancher Ehemann bei uns würde wünschen, daß seine Gattin eine
Grönländerin wäre!

Gelüstet es einen Mann nach der Gattin eines anderen, so nimmt er
sie sich ohne weiteres, wenn er der Stärkere ist. Als Papik, ein
angesehener, tüchtiger Fänger in Angmagsalik auf der Ostküste, Patuaks
junge Frau haben wollte, reiste er nach Patuaks Zelte und nahm einen
leeren Kajak mit. Er trat ein, holte die Frau und führte sie ans Ufer,
wo er sie in den leeren Kajak steigen ließ und mit ihr fortruderte.
Patuak, der jünger als Papik ist und sich mit diesem an Tüchtigkeit
und Kräften nicht messen kann, mußte sich in den Verlust seiner Frau
finden[27].

Es giebt auf der Ostküste Beispiele, daß Frauen mit zehn Männern
verheiratet waren. Utukuluk in Angmagsalik hatte es mit achten probiert
und verheiratete sich das neunte Mal mit Mann Nr. 6 wieder.[28]

Besonders leicht geht die Scheidung, solange noch keine Kinder da sind.
Hat die Frau schon ein Kind und ist dieses gar ein Knabe, so hat das
Eheverhältnis in der Regel mehr Bestand.

Kann ein Mann auf der Ostküste mehr als eine Frau ernähren, so nimmt
er noch eine; die meisten guten Fänger haben daher zwei, aber nie
mehr.[29] Oft scheint die erste eine Rivalin nicht gern zu sehen,
bisweilen aber geschieht es auf ihren ausdrücklichen Wunsch, damit sie
mehr Hülfe bei der Hausarbeit hat. Der Grund kann auch ein andrer sein.
»Einmal fragte ich eine Frau,« sagt Dalager, »warum ihr Gatte eine
Nebenfrau genommen. -- Ich bat ihn selbst darum, antwortete sie, weil
ich keine Kinder mehr haben mag.«

Die erste Frau scheint immer als die vornehmste angesehen zu werden,
selbst wenn der Mann mehr von der zweiten hält.

[Illustration: Jäger, Frau und Mädchen von der Westküste.]

Polyandrie kommt nur selten vor. Nils Egede erzählt von einer Frau, die
zwei Männer hatte; alle drei aber waren Angekoker.

Mit der Einführung des Christentums wurde die alte, bequeme
Eheschließungsart auf der grönländischen Westküste natürlich
abgeschafft, und jetzt wird man dort unter ähnlichen religiösen
Ceremonien wie in Europa verbunden. Die Braut braucht sich auch nicht
mehr so sehr zu sträuben.

Doch bekam man früher eine Gattin nur zu leicht, so wird es jetzt
oft schwer genug gemacht. Die Trauung darf nämlich nur ein Prediger
vollziehen, die eingeborenen Katecheten, die in den verschiedenen
Ansiedlungen seine Stelle vertreten, haben dazu keine Vollmacht. Wohnt
man nun an einem Orte, den der Prediger alljährlich nur einmal oder
vielleicht nur alle zwei Jahre besucht, so muß man die Gelegenheit
wahrnehmen, sich gerade dann eine Braut anzuschaffen. Hat aber ein
junger, kräftiger Bursche Lust, sich zu verheiraten, wenn der Prediger
schon wieder fort ist, so muß er auf die nötige kirchliche Einsegnung
noch ein bis zwei Jährchen warten.

Daß eine derartige Einrichtung zum Eingehen lockerer Verbindungen oder
Heiraten ohne kirchlichen Segen führt, würde auch dann unvermeidlich
sein, wenn nicht die Grönländer schon von Natur dazu neigten. Ich habe
von Beispielen gehört, daß ein Prediger nach zweijähriger Abwesenheit
an einem Orte an ein und demselben Tage ein Mädchen konfirmieren
und trauen und ihr Kind taufen mußte. Das kann man ein summarisches
Verfahren nennen. Jene Einrichtung muß schädlich wirken und den Respekt
vor der Amtshandlung, der man wohl zunächst dadurch, daß nur ein
Prediger sie verrichten darf, höheren Wert verleihen wollte, gründlich
vernichten.

Bei der Einführung des Christentums wurde natürlich auch die
Vielweiberei abgeschafft. Die Missionare verlangten sogar, daß ein
Heide, der schon zwei Frauen hatte, sich, wenn er das Christentum
annahm, von einer trennte. Im Jahre 1745 hatte ein Eskimo in
Fredrikshaab Lust, sich taufen zu lassen, »als aber darüber verhandelt
wurde, daß er sich von seiner Nebenfrau trennen müsse, wurde er
wankelmütig, da er von ihr zwei Söhne hatte, die er bei dieser
Gelegenheit dann auch verloren hätte, und daher sattelte er um und ging
seiner Wege«.[30] Das kann man ihm kaum verdenken. Aehnliche Fälle,
in denen verlangt wird, daß ein Mann eine seiner Frauen, mit der er
vielleicht viele Jahre glücklich gelebt hat, verstoße, kommen noch
immer vor, sobald Grönländer von der Ostküste sich auf der Westküste
(beim Kap Farvel) ansiedeln und taufen lassen. Auf das Unrecht, das der
Mann hierdurch gezwungenermaßen gegen sein rechtmäßiges Weib begehen
soll, braucht nicht näher hingewiesen zu werden. Uebrigens erschien es
schon Dalager als ein Unrecht, und »inwiefern es gegen Gottes Ordnung
streitet, daß ein Mann mehr als eine Frau habe, ist ihm ein Rätsel«.

Jedoch noch heute kommt auch auf der Westküste hin und wieder
Vielweiberei vor, und eine zweite Gattin scheint so ziemlich das Erste
zu sein, was sich ein tüchtiger Fänger anschafft, d. h. wenn er sich
überhaupt auf Weitläufigkeiten einläßt. Ein paar Beispiele davon wurden
mir in Godthaab erzählt.

Renatus, der tüchtigste Fänger am Graedefjord, hatte sich in ein
junges Mädchen verliebt und nahm sie eines Tages zur zweiten Frau. Das
Verhältnis zwischen ihr und seiner ersten Gattin schien indessen gut zu
sein, und alles ging in Ruhe und Frieden, bis es dem Missionar[31] zu
Ohren kam. Dieser hielt dem Manne vor, daß er sich schwer versündige,
und versuchte ihn zu zwingen, die zweite Frau wieder aufzugeben. Das
half jedoch nichts. Dann wurde er beim Vorstande in Godthaab[32]
verklagt. Renatus stellte sich und ließ sich schließlich dazu bewegen,
sich gutwillig zu fügen, und er sandte auch richtig seine Frau nach
~Kangek~ (außerhalb des Godthaabbezirkes), wo sie im Hause des
Katecheten Simon aufgenommen wurde. Gleichzeitig siedelte er sich
jedoch weiter nördlich, in der Nähe von Narsak, an, und da er dadurch
teilweise dieselben Fangstellen wie die ~Kangeker~ hatte, kam es
öfter vor, daß er diese besuchte, wodurch er Gelegenheit fand, mit
seiner zweiten Gattin zusammenzutreffen. Als später jedoch viele Klagen
aus seinem früheren Wohnorte am Graedefjord einliefen, weil dort große
Not herrschte, nachdem er, der beste Fänger des Ortes, fortgezogen,
siedelte er wieder dorthin über und hat seitdem anständig gelebt. Dies
trug sich vor einigen Jahren zu, die zweite Frau lebt noch in Kangek,
wo ich sie selbst gesehen habe. Sie trägt eine grüne Haarbinde als
Zeichen, daß die von ihr geborenen Kinder für uneheliche gelten.

Ein anderer tüchtiger Fänger in ~Lichtenfels~ hatte sich
gleichfalls eine Nebenfrau zugelegt. Als der Missionar davon hörte,
ließ er ihn vorladen und versuchte mit eindringlichen Ermahnungen auf
ihn einzuwirken, doch ohne Resultat. Der Missionar versuchte es nun
schriftlich. Er schrieb strenger und strenger und kam schließlich
sogar mit ernstgemeinten Drohungen. Hierauf erhielt er endlich ein
Antwortschreiben, in dem nur ein Wort stand: +~susal~+, auf
gut Deutsch: »Du kannst Dir 'was scheißen!«

Die Stellung der Frau in der Ehe ist in Grönland, wie anderswo auf
Erden, verschieden. In der Regel bestimmt der Mann, aber ich habe auch
Beispiele davon gesehen, daß er unter dem Pantoffel steht. Das gehört
jedoch sicherlich zu den Ausnahmen.

Ursprünglich scheint die Frau bei den Eskimos als das Eigentum ihres
Gatten betrachtet worden zu sein. Auf der Ostküste kommt es vor, daß
bei der Heirat ein förmlicher Handel vor sich geht, indem ein junger
Mann dem Vater für die Erlaubnis, die hübsche Tochter heimzuführen,
eine Harpune oder dergleichen bezahlen muß, ebenso wie umgekehrt gute
Fänger von den Vätern dafür bezahlt werden, daß sie die Töchter nehmen,
während letztere einwilligen müssen, sobald der Vater es will.[33] Auf
der Ostküste geschieht es auch oft, daß zwei Fänger übereinkommen, ihre
Frauen auf kürzere oder längere Zeit auszutauschen; bisweilen wird die
eingetauschte Frau behalten. Zeitweiliger Frauentausch kommt sicherlich
noch heute auch auf der Westküste vor, besonders wenn sie im Sommer
der Renntierjagd halber im Binnenlande in Zelten hausen. Dann nehmen
sie sich viele Freiheiten, die von den Missionaren nicht kontrolliert
werden können.

In der Regel leben die Eheleute in außerordentlich gutem Einvernehmen.
Ich habe nie gesehen oder gehört, daß zwischen Mann und Frau ein
unfreundliches Wort fiel. Das entspricht der allgemeinen Erfahrung;
schon Dalager sagt: »Je länger Eheleute zusammenleben, desto
liebevoller schließen sie sich aneinander an, und im Alter gehen sie
miteinander um wie unschuldige Kinder.« Sie sind im ganzen äußerst
rücksichtsvoll gegen einander, auch kann man sie einander liebkosen
sehen. Sie sollen sich nicht nach unserer Art küssen, sondern die Nasen
auf einander pressen und sich zuschnupfen. Wie das gemacht wird, kann
ich leider nicht beschreiben, da mir die nötige Praxis abgeht.

Auf der Ostküste scheint das eheliche Verhältnis ebenfalls sehr gut
zu sein, doch kommen dort, wie Kapitän Holm behauptet, auch blutige
Auftritte vor. Als Sanimuinak eines Tages mit einer jungen Frau
(der obenerwähnten Utukuluk mit den neun Männern) zu seiner Gattin
Puitek ins Haus kam, wurde diese böse und schalt ihn aus. Hierüber
geriet er in Wut, ergriff sie beim Haarknoten und schlug ihr mit der
geballten Faust auf den Rücken und ins Gesicht. Schließlich nahm
er ein Messer und stach sie damit ins Knie, so daß das Blut hoch
aufspritzte[34]. Nach Holm wurde einmal auch ein Mann von seiner Gattin
tüchtig durchgeprügelt. -- Derartige Fälle gehören aber bei diesem
friedliebenden Volke zu den Ausnahmen.

Innige Liebe zu einander hegen die Ehegatten wohl nur ausnahmsweise,
wie denn tiefe Empfindungen dort oben im ganzen nicht oft vorkommen.
Stirbt der eine, so tröstet sich der andere in der Regel recht bald.
»Verliert ein Mann seine Frau«, sagt Dalager, »so wird ihm nicht von
vielen seines Geschlechtes kondoliert. Die Frauenzimmer aber setzen
sich zu ihm auf die Pritsche und beweinen die Tote, wozu er schluckst
und sich die Nase putzt.« Einige Tage darauf fängt er schon wieder
an, sich wie in seinen Junggesellentagen fein zu machen, besonders
werden sein Kajak und seine Waffen aufgeputzt, als dasjenige, womit ein
Grönländer stets am meisten paradiert. Wenn er nun in so glänzender
Equipage andere Grönländer auf See anspricht, dann sagen sie: Gebt
acht, da kommt ein neuer Schwager. Hört er dies, so schweigt er still
und lächelt dazu. Es gehört sich, daß die zweite Frau eines Witwers
über ihre eigene Unvollkommenheit klage und die Tugenden ihrer
Vorgängerin preise, »und hieraus ersieht man, daß die Grönländerinnen
ebenso gewiegt sind, interessierte Rollen zu spielen, wie andere ihres
Geschlechtes in zivilisierten Ländern«.

Der Hauptzweck der grönländischen Ehe ist unbedingt die
Kindererzeugung. Daher werden, wie zu Zeiten des alten Testamentes,
unfruchtbare Weiber geringgeschätzt und Ehen, die keine Nachkommen
bringen, oft aufgelöst.

Durchschnittlich sind die Grönländer reiner Rasse wenig fruchtbar. Zwei
bis vier Kinder in jeder Ehe ist die Regel, wenn auch Beispiele von
sechs bis acht, ja noch mehr, vorkommen.

Zwillinge sind selten, und die Frauen fragten mich oft, ob es wirklich
wahr sei, daß man im Lande der Langbärtigen (Norwegen) Zwillinge
gebäre. Als ich darauf antwortete, daß dort nicht nur Zwillinge,
sondern auch Drillinge, ja sogar Vierlinge das Licht des Tages
erblickten, lachten sie laut und meinten, unsere Frauen seien ja wie
die Hunde, denn Menschen und Seehunde brächten immer nur ein Junges auf
einmal zur Welt.

Die Grönländerinnen gebären gewöhnlich leicht. Als Beispiel dafür,
wie wenig Umstände sie in dieser Beziehung machen, sei angeführt,
was Graah mitteilt. Als er auf seiner Reise längs der Ostküste den
Bernstorffsfjord passierte, sollte eine der Frauen entbunden werden.
Sie legten eilig an einem kahlen Berge auf der Nordseite des Fjordes
an. Während der Entbindung streckte sich der Ehemann auf dem Berge aus
und schlief ein, wurde aber bald mit der freudigen Nachricht erweckt,
daß er einen Sohn bekommen habe. Wie schon erwähnt, gilt dies für ein
Glück, während eine Tochter etwas Gleichgültiges ist. »Auch äußerte
Ernenek (so hieß der Mann) dadurch seine Zufriedenheit, daß er der Frau
schmunzelnd ein »+ajungilatit+« (Du bist nicht übel) zurief. Wir
setzten unsere Reise mit unserem neuen Passagiere unverzüglich
fort[35].

Doch auch bei diesem Naturvolke kommen bisweilen schwere Entbindungen
vor. Egede erwähnt einer eigentümlichen Ceremonie, die seiner Zeit
in derartigen Fällen vorgenommen wurde. Er sagt: »Sie halten der
Gebärenden ein Nachtgeschirr über den Kopf in der Einbildung, daß die
Entbindung dann leichter und schneller gehe.« Eine solche Verwendung
dieses Möbels dürfte einzig dastehen.

Die heidnischen Grönländer töten alle Mißgeburten, die für nicht
lebensfähig gehaltenen kranken Kinder und alle Kleinen, deren Mutter
bei der Geburt stirbt, falls keine andere Frau sie säugen kann.
Gewöhnlich werden sie ausgesetzt oder ins Meer geworfen[36]. So
grausam dies den Ohren vieler europäischer Mütter auch klingen mag,
so geschieht es ja doch aus Mitleid, und es läßt sich nicht leugnen,
daß es vernünftig ist; denn lebt man unter so harten Lebensbedingungen
wie die Grönländer, so ist es geboten, einen Sprößling, der nie etwas
leisten, sondern immer nur auf Kosten anderer leben wird, überhaupt
nicht aufzuziehen[37]. Aus ähnlichen Gründen sind auch Leute, die
schon so alt geworden, daß sie sich nicht mehr erhalten können, wenig
geachtet, und ihr Fortgang wird gern gesehen.

Die grönländischen Kinder werden sehr lange gesäugt. Drei bis vier
Jahre lang ist nichts Ungewöhnliches, doch habe ich auch Beispiele
von zehn bis zwölf Jahren gehört. Ein Europäer in Godthaab erzählte
mir, er habe einen zwölfjährigen Helden in seinem Kajake beutebeladen
heimkehren und ins Haus zu seiner Mutter stürmen sehen, wo der junge
Fänger zwischen ihren Knieen stehend ein Stück Schiffszwieback
verzehrte und dazu sein Getränk aus der mütterlichen Brust sog.

Die Kinder der christlichen Grönländer werden natürlich getauft
und erhalten bei dieser Gelegenheit auch Namen. Die ursprünglichen
grönländischen Namen sind indessen unter dem Einflusse der Missionare
beinahe ganz verschwunden. Statt ihrer nimmt man alle möglichen alt-
und neutestamentlichen, und es giebt wohl keine Stelle auf Erden, wo
man das gesamte Personal der Heiligen Schrift, vom seligen Vater Adam
an bis auf Petrus und Paulus, so vollzählig vertreten findet, wie dort.
Unser berühmter Freund Dalager scheint diesen Mißbrauch der Bibel als
Namensbuch nicht gemocht zu haben, und darum »fragte ich einmal«, sagt
er, »einen gewissen Missionar, weshalb ein Grönländer seinen früheren
Namen, der ja natürlich und gut sein könnte, nicht behalten dürfe. --
Es klingt schlecht, antwortete er, wenn man einen Christen wie einen
Seehund oder Seevogel ruft. -- Ich lächelte hierzu und sagte, es gebe
doch bei uns zu Lande manchen Ravn (Rabe), Hög (Habicht) und Krage
(Krähe), die für gute Menschen passieren.« Mir scheint, ich muß dem
Manne hierin recht geben.

Die Grönländer hängen mit außergewöhnlicher Liebe an ihren Kindern und
thun alles, was sie ihnen an den Augen absehen können, besonders wenn
es Knaben sind. Diese kleinen Tyrannen regieren gewöhnlich das ganze
Haus, und die Worte des weisen Salomo: »Wer seinen Sohn liebt, der
züchtige ihn«, finden hier keine Anerkennung. Sie halten ja überhaupt
jede Züchtigung für unmenschlich und selbstverständlich für noch etwas
Schlimmeres, wenn ihr eigenes Fleisch und Blut dabei in Frage kommt.
Nicht ein einziges Mal habe ich einen Eskimo seinem Kinde ein hartes
Wort sagen hören. Bei dieser Erziehung sollte man erwarten, daß die
Kinder unmanierlich und unartig würden. Das ist aber keineswegs der
Fall; obwohl ich in vielen Eskimohäusern auf der Westküste verkehrt
habe, ist mir nur ein einziges Mal eine ungezogene Eskimorange
begegnet und dies war in einer mehr europäischen als grönländischen
Familie. Wenn die Kinder größer und verständiger waren, genügte stets
eine freundliche Aufforderung seitens des Vaters oder der Mutter, damit
sie das unterließen, wozu sie keine Erlaubnis hatten. Nie habe ich
Eskimokinder, sei es im Hause oder im Freien, sich erzürnen, schimpfen
oder gar schlagen sehen. Ich habe ihnen oft beim Spielen zugesehen,
auch oft genug mit ihnen Fußball (ein eigenes, von ihnen erfundenes,
dem englischen +foot-ball+ sehr ähnliches Spiel) gespielt, und
dabei haben, wie bekannt, Knaben oft Grund zum Zanken, aber nie sah
ich einen heftig werden, ja, ich sah nicht einmal ein unfreundliches
Gesicht. Wo könnte das in Europa vorkommen! Den Grund dieses
auffallenden Unterschiedes zwischen grönländischen und europäischen
Kindern kann ich nicht feststellen. Zum wesentlichen Teile liegt er
wohl in der außerordentlich friedfertigen und gutmütigen Gemütsart
der Grönländer. Etwas dürfte es auch dem zuzuschreiben sein, daß die
Eskimomutter stets mit ihren Kindern in denselben Räumen lebt und sie
draußen auf ihrem Rücken im +Amaut+ mit zur Arbeit nimmt. Sie
giebt sich also viel mehr mit ihnen ab, und es entsteht ein festeres
Zusammenleben zwischen Eltern und Kindern in Grönland, als in Europa.

Daß die Eskimobuben sich hin und wieder damit amüsieren, die Enten
und Hühner des Kolonialverwalters oder des Predigers mit Steinen zu
werfen, muß man ihnen nicht zu sehr anrechnen und ebenso wenig, daß
sie vielleicht einmal in den Garten des Verwalters einsteigen und dort
pflanzen ausreißen oder zertreten. Es sei daran erinnert, daß Achtung
vor Grundbesitz oder das Gebot, daß man nicht alles fangen oder nehmen
darf, was auf der Erde wächst oder sich da bewegt, außerhalb ihrer
ursprünglichen Begriffe liegt. Selbst wenn es ihnen eingeprägt wird,
erhalten sie keinen scharf ausgeprägten Begriff davon; denn dies ist
und bleibt ihnen etwas, das die fremden, zugezogenen Europäer, ohne
dazu das Recht zu besitzen, im eigenen Interesse einführen wollen.

Damit Auge und Arm geübt werde, giebt der vernünftige Grönländer seinen
Söhnen, während sie noch ganz klein sind, schon kleine Vogelpfeile und
Harpunen als Spielzeug. Und hiermit oder in Ermangelung dessen mit
gewöhnlichen Steinen kann man die drei- und vierjährigen Fänger sich an
kleinen Vögeln und allem ihrer Jagdlust Würdigem, was ihnen vor Augen
kommt, üben sehen. Daß sie zeitig anfangen, den Kajak zu besteigen,
habe ich schon erwähnt.

Es ist für die grönländische Gesellschaft natürlich von größter
Wichtigkeit, daß die Knaben zu tüchtigen Fängern erzogen werden; denn
davon hängt ihre ganze Zukunft ab.

Die Mädchen werden gleichfalls früh an ihren Beruf gewöhnt. Sie lernen
nähen und müssen der Mutter im Hause zur Hand gehen.

[Illustration]




[Illustration]




Kapitel +X.+

Moral.


Die Auffassung der Moral des Eskimos hing wie die Auffassung aller
Dinge sehr davon ab, mit welchen Augen man sie ansah. Man trifft
daher neben der ungeteiltesten Lobpreisung nicht selten minder
günstige Beschreibungen von ihr an. Die Sache ist natürlich die,
daß der Eskimo ebensowenig wie wir alle der reine Engel oder der
reine Teufel ist, sondern ein natürlicher Mensch mit menschlichen
Tugenden und menschlichen Schwächen, der sich von uns vielleicht darin
unterscheidet, daß er mehr von den ersteren als von den letzteren,
dafür aber keine von beiden in großer Entwickelung besitzt. Davon wird
man gewiß beim Lesen der ältesten Schilderungen von Grönland, wie
der Berichte von Egede, Cranz, Dalager und anderen, eine deutliche
Anschauung gewinnen.

Einer der hübschesten und markantesten Züge im Charakter des Eskimos
ist wohl seine Ehrlichkeit. Wenn einzelne Europäer ihm diese Tugend
abgesprochen haben, so kommt dies sicherlich wesentlich daher, daß die
Herren sich nicht die Mühe machten, sich ordentlich in seine Denkart zu
versetzen und zu ergründen, was er für unehrlich hält.

Für den Eskimo ist es von besonderer Bedeutung, daß er sich auf
seine Mitmenschen und Nachbarn verlassen kann. Damit aber dieses
gegenseitige Vertrauen, ohne das ja jedes Zusammenschließen im
Daseinskampf unmöglich ist, auch Bestand habe, ist es notwendig, daß
jeder gegen den andern ehrlich handle. Er hält es daher für unredlich,
seinen Hausgenossen oder Leuten aus seinem Wohnorte etwas zu stehlen,
was demnach auch sehr selten vorkommt. Schon Egede sagt: »Sie lassen
ihre Sachen vor jedem offen liegen, ohne Furcht, daß ihnen einer etwas
stehlen oder fortnehmen könnte. Ja, diese Untugend gilt bei ihnen für
so abscheulich, daß ein Mädchen, welches stiehlt, dadurch die Aussicht
auf eine vorteilhafte Heirat verliert.«

Aus demselben Grunde lügen sie, besonders die Männer, einander auch
nicht gern etwas vor. Ein rührender Beweis hierfür ist folgender, von
Dalager erzählter Zug: »Wenn sie einem anderen ein Ding beschreiben
sollen, hüten sie sich auch, es glänzender, als es verdient,
auszumalen. Ja, wenn einer etwas kaufen will, was er nicht gesehen hat,
beschreibt der Verkäufer, auch wenn er es gern los sein will, das Ding
doch immer etwas weniger gut als es ist.«

Ist einer einem anderen Geld schuldig, so kann man in der Regel sicher
sein, daß er seine Schuld bezahlt, sobald er es kann. Das werden auch
die dänischen Kaufleute bestätigen. Sie erzählten mir oft, daß sie den
Grönländern ruhig Kredit geben, da es äußerst selten vorkomme, daß sie
ihr Geld nicht richtig wieder erhielten.

Ueber seine Pflichten Fremden gegenüber, namentlich wenn es keine
Eskimos sind, hat der Eskimo eine etwas andere Anschauung. Man muß
jedoch bedenken, daß ihm jeder Fremde eine gleichgültige Person ist,
deren Wohlfahrt zu fördern für ihn kein Interesse hat, und von der es
ihm gleichgültig ist, ob er sich auf sie verlassen kann oder nicht, da
er ja nicht mit ihr zusammenleben soll. Er findet also, daß es nicht
immer seinen Interessen widerstreitet, wenn er sich etwas vom Eigentum
eines Fremden aneignet, immer vorausgesetzt, daß das Entwendete für ihn
von Nutzen ist.

Hierunter hatten besonders die ersten Europäer, die ins Land kamen,
sehr zu leiden. Daß die Eskimos sie bestahlen, ist auch wieder kein
Wunder, wenn man bedenkt, wie die europäischen Expeditionen sich
anfangs, als das Land wiederentdeckt worden war, dort oben betrugen.
Sie plünderten oft die Eingeborenen, schändeten die Weiber und, was
am ärgsten war, lockten sie an Bord, hißten die Segel und nahmen sie
mit nach Europa als Gefangene. Die Eskimos hatten also von Anfang an
keinen Grund, uns als Freunde zu betrachten. Fremde zu berauben und zu
bestehlen, scheint übrigens auch mit der europäischen Moral durchaus
nicht unvereinbar zu sein, wenn wir nach der Art und Weise schließen
dürfen, in der wir gegen die Eingeborenen in Afrika und anderswo
auftreten.

Zu dem Obenangeführten kommt natürlich hinzu, daß wir im Vergleich
zu den Eskimos im Ueberflusse leben. Daher meinen sie nach ihren
Moralbegriffen, daß wir etwas abgeben könnten, und sind der Ansicht,
daß wir dies nur aus Habgier und Selbstsucht unterlassen.

Nun, da die Europäer sich dort zu Lande fest ansiedelten und schon
lange nicht mehr als Fremde betrachtet werden, ist das Verhältnis
anders geworden, und es wird selbst ihnen selten etwas gestohlen.
Doch möchte ich glauben, daß die Eingeborenen ihnen Dinge, von denen
sie nicht glauben, daß sie vermißt werden, noch immer wegstibitzen,
sobald die Gelegenheit sich bietet. Ich habe selbst gesehen, daß sogar
gesittete Grönländer im Laden ihre Taschen und Fausthandschuhe aus den
Mehltonnen füllten, ohne sich im Geringsten vor mir zu genieren. Bei
dieser Gelegenheit legten sie sich die Sache wohl so zurecht: »Es ist
der königlich-grönländische Handel, dem wir dies fortnehmen; er hat
alles im Ueberfluß, und dieses bischen Mehl macht die Regierung weder
reicher, noch ärmer, für uns aber macht es viel aus.« -- Und sie gingen
vergnügt damit nach Hause. Ich fürchte, daß ein solcher Gedankengang
nicht nur in Grönland allein zu finden ist.

Uebrigens muß auch zur Entschuldigung der Grönländer hervorgehoben
werden, daß sie gleich von Anfang an und viele, viele Jahrzehnte lang
den schändlichsten Betrügereien seitens der europäischen Kaufleute
ausgesetzt waren, die sogar zum eigenen Vorteil falsch Maß und Gewicht
benutzten und ihnen im Austausche schlechte Waren gaben. Ich will nur
erwähnen, was Saabye erzählt, daß sie sich nämlich im achtzehnten
Jahrhundert zu großer Tonnenmaße, die obendrein noch ohne Boden waren
und über Vertiefungen im Fußboden gestellt wurden, bedienten. Da hinein
mußten die Eskimos den Speck legen, ehe er ihnen abgekauft wurde, und
gaben so mindestens anderthalb Tonnen statt einer. Dies wußten und
durchschauten sie, fanden sich aber darein. Dergleichen kommt jetzt
natürlich nicht mehr vor.

Als Beweis dafür, wie redlich der Eskimo die Moralgesetze hält, die er
achtet, sei daran erinnert, daß er nie über der Flutmarke liegendes
Treibholz anrührt, und gerade das könnte er doch so leicht nehmen,
ohne daß es jemand erführe. Wenn wir Europäer uns nun grade gegen
dieses Gesetz versündigen, was wir leider ebenso oft mit Wissen und
Willen, wie ohne beides gethan haben, hat dann der Eskimo nicht das
gleiche Recht, uns zu verachten, wie wir ihn?

Schlägereien und derartige Roheiten kommen, wie gesagt, bei ihnen
nicht vor. Mord ist gleichfalls eine große Seltenheit. Sie halten es
für grausam, ihre Mitmenschen zu töten. Krieg ist daher in ihren Augen
etwas Unverständliches und Verabscheuenswürdiges, ihre Sprache hat
nicht einmal ein Wort dafür; und Soldaten und Offiziere, die zu dem
Handwerke, Leute totzuschlagen, angelernt werden, sind ihnen reine
Menschenschlächter.

Wohl ist es, wie Egede sagt, »gelegentlich passiert, daß ein ~extrem
malitiöser~ Mensch einen andern aus verborgenem Hasse erschlagen
hat«. Wenn er sagt, daß »solches die andern mit größtem Kaltsinne
ansehen, ohne an Bestrafung zu denken oder es sich zu Herzen zu
nehmen«, so glaube ich freilich, daß er darin nicht ganz recht hat;
denn sie verabscheuen die That ganz gewiß, und wenn sie sich nicht
hineinmischen, so hat dies seinen Grund darin, daß sie dies für eine
Privatangelegenheit zwischen dem Angreifer und dem Angegriffenen
halten. Es kommt daher nur den nächsten Verwandten des Ermordeten
zu, ihn zu rächen, falls sie dies können, und man findet also selbst
bei diesem friedlichen Volke eine Andeutung von einer Art Blutrache,
wenn sie auch nur schwach entwickelt ist und auf die Ueberlebenden
keinen schweren Druck auszuüben scheint. Wird jedoch ein Mörder
gemeingefährlich, so hat man Beispiele davon, daß auch die Nachbarn
sich vereinigen, um ihn zu töten.

[Illustration: Eskimolager.]

Oft ist dort, wie anderswo, der Grund des Mordes eine Frau oder ein
Liebesverhältnis.

Der Ueberfall geschieht meistens auf dem Meere, wobei der eine den
andern von hinten angreift, ihn entweder mit der Harpune ersticht oder
ihn zum Kentern bringt oder ihm den Kajak anbohrt. Den Gegner von vorne
anzugreifen, paßt weniger zum Charakter eines Eskimos. Nicht so sehr
aus Furcht, als weil er sich davor schämen würde und es ihm peinlich
wäre, wenn der andere ihn ansähe.

Alte Hexen und Zauberer zu töten, halten sie für erlaubt, weil sie
meinen, daß diese mit ihren Künsten anderen schaden oder sie gar töten
können. Es scheint auch nicht gegen ihre Moral zu streiten, den Tod
Kranker, die schwer leiden, oder solcher Menschen, die phantasieren,
wovor sie besonders große Furcht haben, zu beschleunigen.

Dasjenige unserer Gebote, gegen welches sich die Grönländer am
häufigsten versündigen, ist das sechste, und der Leser wird wohl schon
aus dem vorhergehenden Kapitel den Eindruck gewonnen haben, daß Tugend
und Züchtigkeit in Grönland nicht in hohem Ansehen stehen. Dies ist
besonders der Fall bei den christlichen Eingeborenen auf der Westküste,
die viel mit uns Europäern in Berührung gestanden haben. Viele sehen
es dort für gar keine besondere Schande an, wenn ein unverheiratetes
Mädchen Kinder bekommt. Hiervon habe ich wiederholt Beweise gesehen.
Während wir in Godthaab waren, befanden sich dort in der Nachbarschaft
zwei Mädchen in gesegneten Umständen, verbargen dies aber durchaus
nicht, sondern legten schon lange, bevor es nötig war, die grüne
Haarbinde[38] an und schienen über diesen sichtbaren Beweis, daß sie
nicht verschmäht worden waren, beinahe stolz zu sein. Ich habe Grüne
gesehen, die nicht allein grüne Haarbinden hatten, sondern auch Besatz
und Schleifen von dieser Farbe auf ihrem Anorak trugen, was weder
vorgeschrieben, noch üblich ist.

Obwohl die Priester stark gegen die Schlaffheit in dieser Beziehung
geeifert und den jungen Leuten beiderlei Geschlechtes von der Schule an
strengere Moralbegriffe einzuprägen versucht haben, scheinen diese ihre
Auffassung dieser Sünde nicht verändert zu haben, ja es vielmehr noch
ärger zu treiben.

Wenn die jungen Grönländerinnen mit einem Manne ein Verhältnis haben,
machen sie kein Hehl daraus. Ist es ein Europäer, so prahlen sie
geradezu damit, und es scheint sogar, als ob sie dadurch größeres
Ansehen unter ihren Freundinnen gewönnen. Hieran sind die Europäer zum
wesentlichen Teile selber schuld; denn erstens haben die jungen Männer,
die nach Grönland kamen, sich oft schlecht gegen die Grönländerinnen
betragen und ein schlechtes Beispiel gegeben, und zweitens haben die
Europäer im ganzen dafür gesorgt, sich in solchen Respekt zu setzen,
daß der einfachste europäische Matrose jetzt dem besten grönländischen
Fänger von den Mädchen vorgezogen wird. Dies hat denn auch sichtbare
Früchte getragen, indem sich die Rasse in den anderthalb Jahrhunderten,
seitdem wir uns im Lande niederließen, derartig mit europäischem Blute
gemischt hat, daß es jetzt außerordentlich schwer fällt, auf der ganzen
Westküste einen wirklichen Vollbluteskimo zu finden[39]. Und dies,
trotzdem die Anzahl der Europäer im Lande einen geringen Bruchteil der
Zahl der Eingeborenen ausmacht; ein paar hundert gegen zehntausend.

Daß die Geneigtheit der Europäer zu derartigen Vergehen nicht dazu
beigetragen hat, ihren Geistlichen die Arbeit zur Hebung dieses Gebotes
zu erleichtern, versteht sich von selbst. Meiner und sicherlich
auch der allgemeinen Erfahrung nach sind die Grönländerinnen in den
Kolonieen, wo viele Europäer sind, sehr viel leichtfertiger als ihre
Schwestern dort, wo es keine gibt. Als Beispiel will ich erwähnen, daß
die Frauen in Sardlok, Kornok, Kangek und Narsak durchgehends einen
besseren Eindruck machten als die Frauen von Godthaab und Neuherrenhut,
die sich jungen Leuten, die ihnen gefielen, gegenüber gerade das
Gegenteil von zurückhaltend betrugen.

Es scheint, als sei die Moral in dieser Hinsicht unter den Heiden vor
Ankunft der Europäer bedeutend besser gewesen. Selbst Hans Egede, der
ihren moralischen Zustand doch sonst nicht in zu glänzenden Farben
schildert, sagt in seiner neuen Perlustration: »Dagegen sind die
Jungfrauen und Mädchen sehr züchtig, sowie wir nie gesehen haben, daß
sie mit jungen Kerlen leichtfertig verkehren oder mit Worten oder Taten
das geringst Zeichen solcher Gesinnung geben. In den 15 fahren, die ich
jetzt in Grönland verlebt habe, weiß ich nur von zwei oder drei Mädchen
mit unehelichen Kindern, denn sie halten dies für eine große Schande.«

Und Dalager, der ihnen überhaupt das heutzutage garnicht mehr
gerechtfertigte Zeugnis giebt, sie seien freilich »der Sünde der
Liederlichkeit ergeben, doch nicht in dem Grade wie andere Nationen«,
sagt von den Mädchen: »Sie sind in ihren ersten reifen Jahren dem
Anscheine nach sehr keusch, denn sonst würden sie sicher das Glück
verscherzen, einen Junggesellen zum Manne zu bekommen.«

Bei den Heiden auf der Ostküste scheint es damit heutzutage nicht
so streng genommen zu werden; denn Holm sagt, daß es dort für keine
Schande gilt, wenn eine Unverheiratete Kinder hat.

Die strenge Moral, die den unverheirateten jungen Leuten beiderlei
Geschlechts vorgeschrieben war, scheint jedoch nach der Heirat keine
Geltung mehr gehabt zu haben. Die Männer erfreuten sich jedenfalls dann
der ungebundensten Freiheit. Egede sagt: »Ich habe lange nichts davon
gehört, daß die Männer sich zu anderen Weibern als ihren eigenen und
die Weiber sich zu anderen Männern hielten; schließlich aber erfuhren
wir doch, daß sie es damit nicht so genau nehmen.« Er beschreibt
unter anderm ein merkwürdiges Spiel, wozu sich die Männer und die
verheirateten Frauen »wie zu einer Assemblee« versammeln. Hierbei
stellten sich die Männer der Reihe nach in die Mitte der Stube und
sangen zum Klange einer Trommel Loblieder auf die Frauen und die Liebe,
und dabei sollten alle Anwesenden völlige Freiheit ohne jeden Zwang
haben. »Aber zu diesem Spiele kommen die Jungen und Unverheirateten,
die sehr züchtig sind, niemals; nur die Verheirateten, meinen sie,
können dergleichen thun, ohne sich dessen schämen zu müssen.«

Egede sagt auch, daß die Frauen es für ein besonderes Glück und eine
große Ehre halten, mit einem Angekok, d. h. einem ihrer Propheten und
Gelehrten, in ein intimes Verhältnis zu treten, und fügt hinzu: »ja,
viele Männer sehen es selber gern und bezahlen den Angekok dafür, daß
er bei ihren Frauen schlafe, besonders wenn sie selber keine Kinder mit
ihnen zeugen können.«

Die Freiheit der Eskimoweiber in dieser Hinsicht ist also sehr
verschieden von der dem germanischen Weibe zustehenden. Der Grund
liegt wohl darin, daß, während die Erhaltung des Erbes, Geschlechtes
und Stammbaumes bei den Germanen stets eine große Rolle gespielt hat,
alles dieses für den Eskimo bedeutungslos ist, da er wenig oder nichts
zu vererben hat und es für ihn hauptsächlich darauf ankommt, Kinder zu
haben.

Hinsichtlich des erwähnten Spieles behauptet Dalager jedoch, daß es
sehr selten vorkommen solle, und es sei »wohl zu merken, daß eine
Ehefrau, die schon glückliche Mutter ist, sich nie darauf einläßt«.

Witwen und geschiedene Frauen aber, meint er, nehmen es nicht so genau.
Während man sehr selten hört, »daß ein Mädchen sich vergangen habe,
sieht man dagegen solche Weiber ebensoviele Kinder gebären wie richtige
Ehefrauen. Wird ihnen dies vorgeworfen, wenn auch von ihren eigenen
Landsleuten, so antworten viele, es geschehe nicht aus Liederlichkeit,
sondern aus einem natürlichen Antriebe, Kinder zu gebären, aus welchem
Grunde sie aber manchen redlichen Mann verführen.«

Auch auf der Ostküste scheint die Moral der Verheirateten nach unserem
Begriffe nichts weniger als gut zu sein. So habe ich erzählt, daß
die Männer ihre Frauen oft austauschen; doch geschieht dies unter
bestimmten Männern, und der Mann liebt es in der Regel nicht, daß seine
Frau sich mit anderen einläßt, als mit dem, welchem er sie geliehen
hat. Er selber aber beansprucht für sich völlige Freiheit. Im Winter,
wenn sie in Häusern wohnen, spielen sie oft ein Frauentausch- oder
Lampenlöschungsspiel, das dem obenerwähnten ähnelt und bei dem die
Lampen ausgeblasen werden. Hieran aber dürfen auch Unverheiratete
teilnehmen. Holm sagt, ein guter Wirt lasse, wenn er Gäste im Hause
habe, abends stets die Lampen auslöschen.

Auf der Westküste dagegen ist dieses Spiel jetzt verschwunden. Ich
möchte allerdings nicht dafür einstehen, daß es an Orten, wo es den
Predigern oder anderen Behörden schwer werden dürfte, dahinterzukommen,
nicht doch noch ausnahmsweise gespielt wird; denn auch die
verheirateten christlichen Grönländer scheinen keinen übertriebenen
Respekt vor dem sechsten Gebot zu haben und lassen sich in dieser
Hinsicht gewiß viele Unregelmäßigkeiten zu Schulden kommen.

Wir finden diese Moral auf den ersten Blick natürlich sehr schlecht.
Damit ist aber nicht gesagt, daß sie es auch für den Eskimo ist. Wir
müssen uns überhaupt hüten, von unserem Gesichtspunkt aus Anschauungen,
die sich durch viele Generationen und viele Erfahrung bei einem andern
Volke entwickelt haben, sofort zu verdammen, auch wenn sie den unseren
noch so sehr widerstreiten. Die Ansichten von Gut und Recht sind
hier auf Erden außerordentlich verschieden. Als Beispiel möchte ich
anführen, daß ein Eskimomädchen, als Nils Egede ihr von der Liebe zu
Gott und unserem Nächsten gesprochen hatte, erklärte: »... Ich habe
bewiesen, daß ich meinen Nächsten liebe, denn eine alte Frau, die krank
war und nicht sterben konnte, bat mich, daß ich sie für Geld nach der
steilen Klippe führe, von der sich immer die hinabstürzen, die nicht
mehr leben mögen. Weil ich aber meine Leute liebe, führte ich sie
umsonst hin und stürzte sie vom Felsen hinunter.« Egede meinte, dies
sei eine schlechte That, und sagte, sie habe einen Menschen getötet.
»Sie sagte nein; sie habe großes Mitleid mit der Alten gehabt und
geweint, als sie abgestürzt war.« Soll man dies nun eine gute oder eine
böse That nennen?

Als derselbe Egede einandermal davon sprach, daß Gott die Bösen
bestrafe, sagte ihm ein Eskimo, er gehöre auch zu denen, welche die
Bösen bestrafen, denn er habe drei alte Weiber, die Hexen waren,
erschlagen.

Derselbe Unterschied in der Auffassung von Gut und Böse macht sich auch
dem sechsten Gebote gegenüber geltend. Der Eskimo stellt das Gebot
»Seid fruchtbar und mehret Euch« höher. Dazu hat er um so mehr Grund,
als seine Rasse von Natur wenig fruchtbar ist.

Gleich vielen anderen Völkern fand der Eskimo es sehr wunderbar, daß
es nicht als etwas ganz Vorzügliches zu betrachten sei, wenn ein Mann
mehr als eine Frau hatte. Bei ihnen stieg das Ansehen mit der Zahl der
Frauen, und aus diesem Grunde fanden sie die Patriarchen des alten
Testamentes vernünftiger als uns. Uebrigens ist das eine Anschauung,
die wir bei unseren eigenen Vorfahren bis weit in die historische Zeit
hinein wiederfinden.

Als Paul Egede einmal den Grönländern ihre Neigung zur Polygamie
verwies, lobte einer seine Frau wegen ihres »guten Gemütes, denn sie
sei nie böse, wenn er fremde Weiber liebe«. Egede sagte, »in unserem
Lande duldeten die Frauenzimmer nicht, daß ihre Männer sich mit anderen
einließen; sie würden diese aus dem Hause jagen«. »Das ist kein Lob
für Eure Frauenzimmer,« meinte der Eskimo, »daß sie ihre Männer für
sich allein haben und Herr über sie sein wollen; bei uns würde man sie
tadeln.«

In dieser Beziehung denken sie weniger ideal, aber praktischer als
wir. Betrachten wir z. B. ihren Frauentausch und ihre Behandlung
unfruchtbarer Frauen, so erscheinen ihre Sitten uns recht locker. Aber
diese Sitten sind ja wesentlich darauf berechnet, Nachkommenschaft zu
erzielen, und erinnern wir uns der großen Bedeutung, die diese für sie
hat, so fällen wir vielleicht ein etwas milderes Urteil.

Bleibt die Gattin eines Grönländers kinderlos, so wird ja der
Hauptzweck seiner Ehe nicht erreicht, und es scheint ihm daher nur
natürlich, daß er dem abzuhelfen versucht. Als ein junger Mann, dessen
Frau keine Kinder hatte, einmal Nils Egede ein Fuchsfell dafür anbot,
daß entweder er selber ihm dazu verhelfen oder einen seiner Matrosen es
thun lassen sollte, war er sehr verdutzt, daß Egede darüber böse werden
konnte. Er antwortete: »Das ist keine Schande; sie ist verheiratet und
kann einen Deiner verheirateten Matrosen bekommen.«

Daß es jedoch auch den verheirateten Grönländern ursprünglich nicht an
dem, was wir Sittlichkeitsgefühl nennen, gefehlt hat, scheint unter
anderem daraus hervorzugehen, daß sie sich im täglichen Leben sehr
anständig betragen und in der Regel keinen Anstoß erregen, worüber alle
Reisenden einig sind.

Wenn ein Heide -- und viele christliche Grönländer desgleichen --
die Gattin eines anderen, wenn sie ihm gefällt, nicht antastet, so
geschieht dies wohl meistens mehr aus Scheu vor einem Zwiste mit
dem Manne, als weil er es für unrecht hält. Doch daß selbst auf der
Ostküste ein schwacher Rechtsbegriff in dieser Beziehung vorhanden ist,
ergiebt sich aus folgender, in Angmagsalik gebräuchlicher Redeweise:
»Die Walfische, Moschusochsen und Renntiere verließen das Land, weil
die Männer zu viel mit anderer Leute Frauen verkehrten.« Viele Männer
behaupten aber, es sei geschehen, »weil die Frauen darüber eifersüchtig
wurden, daß die Männer mit anderer Leute Frauen Umgang hatten«.
Letzteres soll auch daran schuld sein, daß der Sund, der früher vom
Sermelikfiord bis an die Westküste quer durch das Land ging, jetzt
vereist ist.[40]

Egede sagt, daß die Frauen, obwohl sie seltsamerweise bis zu seiner
Ankunft durchaus nicht eifersüchtig waren, wenn ihre Männer mehrere
Frauen hatten, und »sich stets gut mit letzteren vertrugen«, auf
einmal damit unzufrieden waren und nicht wollten, daß die Männer sich
eine Nebenfrau nahmen. Und zwar sei diese Sinnesänderung vor sich
gegangen, nachdem er ihnen über das Ungebührliche ihrer Sitte gepredigt
habe; er setzt noch hinzu: »Ja, nachdem ich es ihnen aus Gottes Wort
vorgelesen und nachgewiesen hatte, baten sie mich, nicht zu vergessen,
ihren Männern das sechste Gebot einzuschärfen.« Diese Wirksamkeit der
Missionare unter den Frauen sagte den Männern begreiflicherweise nicht
zu, und ein Eskimo, dessen beide Frauen einander in die Haare gekommen
waren, sagte voll Erbitterung zu Niels Egede: »Du hast sie mit Deiner
Leserei verdorben, und nun sind sie eifersüchtig aufeinander.« Mir
scheint der Groll des Mannes berechtigt. Was würden wir sagen, wenn die
Grönländer in unser Land kämen, in unsere Häuser drängen und unseren
Frauen ~ihre~ Sittlichkeitsmoral predigten?

Nach eskimoischer Anschauung ist das Heiraten zweier Geschwisterkinder
untereinander, wie überhaupt zwischen nahen Verwandten nicht erlaubt.
Nicht einmal Pflegegeschwister, die zufällig zusammen erzogen sind,
dürfen sich heiraten. Am besten soll die Braut von auswärts sein.

Dieses Gesetz entspricht also der sogenannten Exogamie oder
dem Verbote, sich mit mutmaßlichen Blutsverwandten desselben
Familiennamens, oder doch aus demselben Clan (bei den Chinesen),
Gotra (bei den Hindus) oder derselben Gens (bei den Römern) ehelich
zu verbinden. Dasselbe Verbot findet sich unter wenig verschiedenen
Formen bei den Hindus, den Chinesen, in der griechischen Kirche, in
der altkatholischen, zum Teil auch bei den Slawonen, den Indianern und
vielen anderen.

Unsere eigenen Vorfahren haben wohl auch früher der Exogamie gehuldigt,
die jedoch stark im Widerspruch steht zu der jetzt bei uns üblichen
Anschauung, daß Heiraten zwischen Leuten aus demselben Orte, ja
vorzugsweise unter nahen Verwandten, wenn nicht gar Geschwisterkindern
die besten seien. Im Großen und Ganzen scheinen die wilden Völker die
ausgedehntesten, umfassendsten Heiratsverbote zu haben, während die
beschränktesten Vorschriften darüber in den modernen, zivilisierten
Staaten zu finden sind. Die Exogamie wäre demnach ein Ueberbleibsel
der Barbarei, von dem sich unser Volk in hohem Grade freigemacht
hätte. Der Ursprung dieses Moralgesetzes ist sehr schwer zu erklären.
Trotzdem ich wissenschaftliche Autoritäten gegen mich habe, scheint
es mir nicht unmöglich, daß ihm zum Teil der Glaube zu Grunde liege,
die Verwandtenehe erzeuge schwächliche Nachkommen. Jedenfalls finden
wir solchen Glauben in seinem engsten Begriffe bei fast allen Völkern
in Form von Scheu vor Blutschande. Allerdings meinen mehrere moderne
Forscher beweisen zu können, daß Ehen zwischen Verwandten keine
schlechten Folgen haben. Doch berechtigt oder nicht berechtigt: es ist
Thatsache, daß ein solcher Glaube hat entstehen können, und ist erst
der Glaube da, so kommt das Gesetz von selbst. Daß es, wie bei den
Grönländern soweit geht, alle an einem Orte Wohnenden zu umfassen, läßt
sich leicht durch ihre obenbesprochenen Bräuche erklären, nach denen
man nie bestimmt wissen kann, ob die Brautleute aus einem Orte nicht am
Ende Halbgeschwister sind.

In vieler Beziehung steht die Moral des heidnischen Eskimos
durchgehends höher als die in den meisten christlichen Staaten. Da ich
dies schon im siebenten Kapitel angedeutet habe, will ich hier nur an
ihre aufopfernde Nächstenliebe erinnern, und an ihre Bereitwilligkeit,
einander zu helfen, wozu wir bei uns wahrhaftig kein Seitenstück
finden.

Die Nächstenliebe des Eskimos aber geht sogar soweit, daß er es
unterlassen kann, einen andern schlecht zu machen. Ja, er sagt
ihm nicht einmal etwas Nachteiliges, das wahr ist, nach, wenn er
sein Nachbar ist. Dergleichen würde nicht zu seiner friedlichen,
wohlwollenden Gesinnung passen. Wie schon erwähnt, scheinen die Frauen
in dieser Hinsicht nicht ganz so zuverlässig zu sein, doch dies soll ja
keine ungewöhnliche weibliche Schwäche sein.

Vor dem Alter hat der Eskimo keine sehr hervortretende Ehrfurcht.
Solange die Alten noch arbeiten können, werden sie allerdings geachtet,
und sind sie früher gute Fänger gewesen und haben Söhne, so können sie
sogar großen Einfluß haben und als das Oberhaupt des Hauses betrachtet
werden.

Eine Frau, die tüchtige Söhne hat, wird auch dann noch ehrerbietig
behandelt, wenn sie ein sehr hohes Alter erreicht. Ist sie Witwe, so
hat sie besonders großen Einfluß, da sie dann gewöhnlich das Haus
regiert und die Schwiegertöchter sich ihren Anordnungen unterwerfen
müssen. Doch werden die Leute sonst so alt, daß sie nicht mehr arbeiten
können, so werden sie, namentlich die Weiber, wenig rücksichtsvoll
behandelt. Bisweilen schämen sich die Jüngeren nicht einmal, sie
geradezu zu verspotten, und hierin finden die alten Knacker sich mit
großer Geduld, als sei es nun einmal so der Lauf der Welt.

Will der Leser sich selber eine Ansicht über die moralische Denkweise
eines ursprünglichen Eskimos bilden, so glaube ich, ist der beigefügte
Brief eines Grönländers an Paul Egede[41] von Interesse. Ich gebe ihn
hier wieder, weil er meine Anschauungen in vieler Beziehung unterstützt
und Egedes Buch, »Nachrichten über Grönland«, in dem die Uebersetzung
(Seite 230-236) abgedruckt ist, jetzt schwer zu haben sein dürfte.

Der Schreiber des Briefes war ein Heide, den Paul Egedes Vater,
Hans Egede, getauft hatte. Der Brief, der natürlich auf Eskimoisch
geschrieben war, verrät außer überraschenden moralischen Ansichten auch
scharfen Verstand und Gefühle, die man sicherlich, wie Paul Egede sagt,
»einem so dummen Volke, wie die Eskimos es der allgemeinen Meinung nach
sein sollen«, nicht zutrauen würde. Er bildet, wie man sehen wird, die
Antwort auf einen Brief Egedes und lautet folgendermaßen:

  »Liebenswürdiger Pauia!«[42]

 Du weißt selbst, wie wert und angenehm mir Dein Schreiben ist. Aber
wie erschrak ich, als ich darin von dem Untergange der vielen Menschen
bei dem Erdbeben, von dem wir hier nichts gehört haben, las, bei dem,
wie Du sagst, in einem Augenblicke mehr Menschen umgekommen sind, als
in unserem ganzen Lande wohnen. Ich kann nicht beschreiben, wie mich
dies erregt hat, und wir erschraken so, daß viele von ihrem Wohnorte
nach anderen Stellen flüchteten, die ebenso unsicher waren, obgleich
der Grund aus Felsen besteht. Denn wir sehen auch bei uns, daß Klippen
von oben bis in den Abgrund hinunter zerrissen sind, wann dies aber
geschehen ist, weiß keiner von uns. Die Granitfelsen unseres Landes
kann Gott, in dessen Macht alles liegt, ebenso leicht erschüttern,
und wir armes, elendes Gewürm sind leicht darunter begraben. Du läßt
mich wissen, daß der Winter Euch weder Schnee, noch Kälte gebracht
hat, und schließest daraus, daß er bei uns um so strenger gewesen sein
muß; wir haben jedoch einen ungewöhnlich milden Winter gehabt. Wie
ich gehört habe, meinen Eure Gelehrten, daß das milde Wetter von den
warmen Dünsten herrühre, die bei dem Erdbeben aus der Erde gekommen
sind, die Luft erwärmt und die Schneemasse geschmolzen haben sollen.
Doch, wenn ich nicht gehört hätte, daß die Gelehrten dies gesagt haben,
hätte ich geglaubt, daß die Wärme der Erde nicht ausreichen könne,
um die hohe, weite Luft zu erwärmen, ebensowenig wie der Atem eines
Menschen ein großes Haus heizen kann, wenn er einmal hineinhaucht
und dann gleich wieder hinausgeht. Die Südwinde, die immer warm sind
und bei uns das ganze Jahr geweht haben, sind die Ursache, daß hier
nur mäßige Kälte war; weshalb der Wind aber aus Süden wehte, weiß
ich nicht, vielleicht wissen es auch die Gelehrten nicht. Sind die
bedauernswerten, umgekommenen Menschen vor Hitze gestorben, oder hat
die Erde sie verschlungen, oder hat die Erschütterung sie getötet?
Schiffer B. meinte, ihre eigenen Häuser seien über ihnen eingestürzt
und hätten sie erschlagen. Eure Leute aber scheinen sich dies nicht
sehr zu Herzen zu nehmen, denn sie sind nicht allein munter und
zufrieden, sondern sie erzählen uns auch, daß die beiden Nationen[43],
die hierher zum Walfischfange kommen, -- nicht aus Eurem Lande,
aber doch Eure Glaubensgenossen -- einander zu Lande und zu Wasser
erschießen und totschlagen, auf einander Jagd machen wie auf Seehunde
und Renntiere und sich gegenseitig und solchen, die sie nie gesehen
haben und garnicht kennen, Schiffe und Güter stehlen und fortnehmen,
bloß weil ihr Oberherr es so haben will. Als ich den Schiffer durch
den Dolmetscher fragte, was der Grund solcher Unmenschlichkeit sei,
antwortete er, es sei ein Stück Land[44] dem unsrigen gegenüber, das so
weit fort liege, daß sie drei Monate brauchen, um dorthin zu segeln.
Ich dachte da, daß sie zu wenig Land hätten, um alle dort wohnen zu
können, er aber sagte nein! Es sei nur die Gier der großen Herren nach
mehr Völkern und Reichtümern. Ich war über diese Begehrlichkeit so
verwundert und wurde so bange, daß ich beinahe vor Schrecken gestorben
wäre; doch gleich darauf wurde ich wieder froh, Du kannst wohl kaum
erraten, weshalb? Ich dachte an unser schneebedecktes Land mit seinen
armen Bewohnern, und ich sagte zu mir selbst: ›Gott sei Dank! wir sind
arm und besitzen nichts, was diese gierigen Kavdlunaker, so nennen
wir alle Fremden, begehren könnten; was wir über der Erde besitzen,
gilt ihnen nichts; was uns zur Kleidung und Nahrung dient, schwimmt
im großen Meere, davon mögen sie nach Belieben soviel nehmen, wie
sie bekommen können, für uns bleibt doch noch genug übrig; wenn wir
nur soviel Speise haben, daß wir uns satt essen können, und genug
Felle bekommen, um uns gegen die Kälte zu schützen, so sind wir
zufrieden, und Du weißt selbst, daß wir den folgenden Tag für das
Seine sorgen lassen. Wir wollten also nicht darum Krieg führen, auch
wenn es in unserer Macht läge, obgleich wir ebenso gut sagen können,
es gehöre uns, wie die Gläubigen aus dem Osten von den ungläubigen im
Westen sagen, diese und ihre ganze Habe gehörten ihnen. Wir können
sagen, das Meer, das unsere Küste bespült, gehört uns, unser sind
auch die darin schwimmenden Walfische, Walrosse, Tümmler, Einhörner
(Narwale), Weißfische (Walart), Seehunde, Helbutten, Lachse, Dorsche
und Knurrhähne; doch wir haben nichts dagegen, daß sich andere soviel
von dem großen Vorrate nehmen, wie sie wollen. Wir haben das große
Glück, von Natur nicht so habgierig zu sein, wie sie. Ich habe mich
oft über die Christen gewundert und nicht recht gewußt, was ich von
ihnen denken sollte; sie verlassen ihr eigenes schönes Land und müssen
in diesem für sie so harten und häßlichen Lande viel aushalten, nur um
uns zu gesitteten Menschen zu machen, aber hast Du wohl so viel Böses
bei unserer Nation gefunden und je solchen merk würdigen, abgünstigen
Schnickschnack von einem der unseren gehört? Eure Lehrer unterweisen
uns, wie wir dem Teufel entgehen können, von dem wir doch nie etwas
gewußt haben, und Eure übermütigen Matrosen beten in vollem Ernste, der
Teufel wolle sie holen und zerreißen. Du wirst Dich noch erinnern, daß
ich ihnen zu Gefallen in meiner Jugend solche Redensarten von ihnen
gelernt habe, ohne die Bedeutung zu kennen, bis Du mir verboten hast,
sie zu gebrauchen, und seitdem ich sie selbst verstehen gelernt, habe
ich mehr davon gehört, als mir lieb ist. Besonders in diesem Jahre
habe ich soviel von den Christen gehört, daß wenn ich nicht durch den
langen Verkehr viele gute und gesittete kennen gelernt und ~Hans
Pungiok~ und ~Arnarsak~, die in Eurem Lande gewesen sind,
nicht erzählt hätten, daß es dort viele fromme, tugendhafte Leute
giebt, ich gewünscht haben würde, wir hätten sie nicht gesehen, damit
sie nicht unser Volk verderben. Du hast wohl mehr als einmal gehört,
daß meine Landsleute von Dir und den Deinen glaubten, solche Manier
sei Euch in Eurem Lande anerzogen worden, und von einem Frommen unter
Euch sagten, er gleiche einem Menschen oder Grönländer. Du erinnerst
Dich wohl des Einfalles des lustigen ~Okakos~, Hexenmeister,
d. h. Angekoker, in Euer Land zu senden, um die Leute dort zu
unterrichten, wie man ein gesitteter Mensch wird, gerade so, wie Euer
König Prediger hergesandt hat, um uns zu lehren, daß es einen Gott
giebt, den wir früher nicht kannten. Doch ich weiß wohl, daß es ihnen
nicht an Unterweisung fehlt und der Vorschlag daher nichts taugt. Es
ist wirklich merkwürdig, mein lieber Pauia! Euer Volk weiß, daß es
einen Gott, den Schöpfer und Erhalter aller Dinge, giebt, daß sie
nach diesem Leben entweder selig oder verdammt werden, je nachdem sie
sich betragen haben, und dennoch leben sie, als wäre ihnen befohlen
worden, böse zu sein, und als brächte ihnen das Sündigen Vorteil und
Ehre. Meine Landsleute dagegen wissen weder von Gott, noch vom Teufel
etwas, erwarten weder Lohn noch Strafe nach diesem Leben, und doch
benehmen sie sich anständig, verkehren liebevoll und einträchtig
miteinander, teilen alles miteinander und schaffen sich gemeinsam ihren
Lebensunterhalt. Es giebt wohl Böse unter uns, die zeigen, daß wir
mit Euch stammverwandt sein müssen, doch daß an den meisten von uns
kein Tadel ist, -- (Du denkst wohl nicht, daß ich meines Volkes wegen
lüge, Du weißt ja selbst aus Erfahrung, daß dies wahr ist) -- kommt
vielleicht von unserm unfruchtbaren Lande. Wie ich zuerst von Euren
schönen Ländern hörte, habe ich oft ihre Bewohner glücklich geschätzt,
weil sie solchen Ueberfluß an wohlschmeckenden Erdfrüchten, Tieren,
Vögeln und Fischen jeder Art, schön eingerichtete große und prächtige
Häuser, schöne Kleider, einen langen Sommer, keinen Schnee, keine
Kälte, keine Mücken, sondern nur wünschenswerte und angenehme Dinge
besitzen, und diese Glückseligkeit, dachte ich bei mir, sei Euch nur
deshalb zuteil geworden, weil Ihr Gläubige und sozusagen Gottes eigene
Kinder seid, während wir als Ungläubige zur Strafe in dieses harte
Land gesetzt seien. Doch oh! wir glücklichen Grönländer! Oh, Du teures
Vaterland! Wie gut, daß Du mit Eis und Schnee bedeckt bist! wie gut,
daß, falls Deine Felsen das Gold und Silber, nach welchem die Christen
so gierig sind, enthalten, dieses mit soviel Schnee bedeckt ist, daß es
unzugänglich ist. Deine Unfruchtbarkeit macht uns glücklich und befreit
uns von Gewalt. Pauia, wir sind wirklich mit unseren Lebensbedingungen
zufrieden. Fleisch und Fische sind unsere ganze Nahrung; Leckerbissen
kommen nur selten vor, sind dann aber um so willkommener. Das
eiskalte Wasser ist unser Getränk, es erquickt und umnebelt nicht den
Verstand, auch beraubt es uns nicht unserer natürlichen Kräfte, wie
das tollmachende Gebräu, an dem Eure Leute so viel Geschmack finden.
Unsere Kleidung besteht aus dicken, unansehnlichen Fellen, die aber
ganz wie für dieses Land geschaffen sind und sowohl den Tieren, solange
sie sie tragen, wie uns, wenn wir sie von ihnen bekommen haben, gute
Dienste leisten. Bei uns giebt es also -- Gottlob! -- nicht soviel,
daß jemand Lust bekommen könnte, uns deshalb totzuschlagen. Wir leben
somit ohne Furcht. Wohl haben wir hier im Norden die grimmigen weißen
Bären, doch da wir Hunde besitzen, die für uns mit ihnen kämpfen, haben
wir nicht die geringste Gefahr zu befürchten. Von Totschlag hört man
bei uns sehr selten, und er kommt auch nur vor, wenn jemand in den
Verdacht gerät oder von einem Angekok angeklagt wird, einen Menschen
mittelst Zauberei umgebracht zu haben; dann wird er ohne Gnade von den
Betreffenden umgebracht, die ebensoviel Recht zu haben glauben, ihre
Mitmenschen zu töten, wie die Henker Eures Landes Eure Missethäter.
Doch sie prahlen nachher nicht damit oder danken gar Gott dafür, wie
die Herren bei Euch zu Lande, wenn sie die Bewohner eines ganzen Landes
totgeschlagen haben, wie D. mir erzählt hat. Sie können doch wohl nicht
dem guten Gotte, der, wir Ihr uns lehrt, das Töten verboten hat, danken
und lobsingen; es muß ein anderer sein, der Totschlag und Vernichtung
liebt, am Ende ist es gar der ~Tornarsuk~ (der Teufel)? Doch dies
kann auch nicht sein, denn dem Satan Ehre geben, hieße dem frommen
Gotte zuwiderhandeln. Dies mußt Du mir gelegentlich erklären. Ich
verspreche Dir, daß ich meinen Landsleuten nichts davon sagen werde.
Sie könnten darüber so böse werden, wie ~Kana~, der nicht Christ
zu werden wagte, weil er fürchtete, dadurch den sittenlosen Matrosen
ähnlich zu werden. Ich schreibe Dir nichts über die Bekehrung meiner
Landsleute, da ich weiß, daß unser Lehrer Dir schon darüber berichtet
hat. Die Sache, die ich untersuchen soll, werde ich erforschen, so gut
ich kann. Die Probe mit dem Kompaß konnte ich nicht machen, da die
Kälte über Jahr nur mäßig war. Die Ursache der beiden widerstreitenden
Ströme wird wohl die sein, von der Du schreibst. Da Du von den beiden
beinahe versteinerten Fischen soviel hältst, werde ich Dir noch einige
zu verschaffen suchen. Sie sind, wie Du Dir gedacht hast, aus dem
Leersgrunde. Nun habe ich sozusagen mit Dir gesprochen, und Du mit
mir; jetzt muß ich meinen Brief versiegeln. Der Schiffer ist bereit,
und der Wind ist gut. Unser gemeinsamer mächtiger Beschirmer führe sie
glücklich über das große, gefährliche Meer und bewahre sie vor allem
vor den bösen Menschenjägern, vor denen sie sich, wie ich gemerkt habe,
am meisten fürchten, und lasse sie unverletzt ihr Vaterland erreichen
und dort die Freude haben, Dich, Du Lieber, zu treffen.

  Grönland, 1756.            Paul Grönländer.

Der Inhalt dieses Briefes verdient Beachtung, und unter anderen dürften
die Antifriedensbündler unserer Zeit viel daraus lernen können.

Er, wie alles andere, was sonst in diesem Kapitel hervorzuheben
war, berechtigt uns wohl zu der Behauptung, die ursprüngliche Moral
des Eskimos nähere sich oft der idealen christlichen, ja stehe
gewissermaßen über ihr. Denn, wie es oben heißt, die Grönländer wissen
»weder von Gott, noch vom Teufel, glauben weder an Lohn, noch an Strafe
nach diesem Leben und führen einen guten Lebenswandel« -- trotzalledem!

Manch einer wird es erstaunlich finden, daß dies vorkommen kann bei
einem in seinem äußeren Auftreten so tief stehenden Volke, wie es
am Ende des zweiten Kapitels dargestellt wurde. Andere überrascht
es vielleicht mehr, daß sich bei einem Volke ohne Religion oder
wenigstens mit einer sehr unvollkommenen, die wir noch besprechen
werden, eine so hohe Moral entwickeln konnte. Es steht das im
Widerspruch mit der bekannten Behauptung, Moral und Religion seien
nicht von einander zu trennen. Daß die Moral zum wesentlichen Teile
Naturgesetzen entspringt und sich auf solche aufbaut, dürfte sich beim
Studium der Eskimogesellschaft ziemlich deutlich ergeben.

[Illustration]




[Illustration]




Kapitel +XI.+

Gerichtspflege, Trommeltanz und Vergnügungen.


Ich habe wiederholt versucht, dem Leser einzuprägen, daß die
Eskimos friedfertige, gutmütige Leute sind. Nichts scheint mir ein
schlagenderer Beweis dafür, als ihre ursprüngliche Rechtspflege.

Wer sich einbildet, daß es den heidnischen Eskimos an jeglicher
Gelegenheit gefehlt habe, erlittenes Unrecht dem Urteil ihrer
Mitmenschen zu unterbreiten, befindet sich im Irrtum. Ihre Justiz
war indessen ganz eigentümlicher Art und bestand in einer Art Duell.
Dieses wurde nicht, wie in zivilisierten Ländern, mit scharfen Waffen
ausgefochten; der Grönländer ging hierbei, wie in anderen Dingen,
vernünftiger vor: er forderte seinen Gegner zu einem Singstreit oder
Trommeltanz heraus. Man verlegte ihn gewöhnlich auf den Sommer an die
großen Lagerplätze, wo sich viele Leute mit ihren Zelten versammelt
hatten. Der Verlauf war der, daß die beiden Gegner sich in einem Kreise
von Zuschauern beiderlei Geschlechts einander gegenüber stellten. Auf
ein Tamburin oder eine Trommel schlagend, sangen sie nun abwechselnd
Spottlieder auf einander. In diesen Liedern, die in der Regel vorher
gedichtet, bisweilen aber auch improvisiert wurden, erzählten sie
alles, was der Gegner verbrochen hatte, und versuchten, ihn nach besten
Kräften lächerlich zu machen. Wer die Zuhörer am meisten über seine
Witze oder Anklagen lachen machte, blieb Sieger. Auf diese Weise wurde
auch über so schwere Verbrechen wie Mord abgeurteilt. Es mag uns das
als eine recht bequeme Strafjustiz erscheinen, aber für dieses Volk
mit seinem ausgeprägten Ehrgefühl genügte sie. Das Schlimmste, was
einem Grönländer passieren kann, ist, vor seinen Mitbürgern lächerlich
oder verächtlich gemacht zu werden, und es ist sogar vorgekommen, daß
einzelne einer Niederlage beim Trommeltanz wegen auswandern mußten.

Diesen Trommeltanz giebt es noch auf der Ostküste, und er scheint mir
eine sehr nützliche Einrichtung, die ich uns Europäern wohl wünschen
möchte. Denn eine schnellere Art, Streitigkeiten beizulegen und die
Schuldigen zu strafen, kann ich mir nicht denken.

Leider scheinen die Missionare auf der Westküste anderer Meinung
gewesen zu sein. Als einen heidnischen Brauch hielten sie ihn eo ipso
für unmoralisch und schädlich, und er wurde mit der Ausbreitung des
Christentums unterdrückt und ausgerottet. Dalager sagt sogar: »Es
giebt beinahe kein Laster in Grönland, gegen das unsere Missionare
heftiger predigen, als diesen Tanz, angeblich, weil dabei alle
möglichen Leichtfertigkeiten betrieben würden, besonders von der
Jugend.« Dies gefiel ihm gar nicht. Er räumt ein, daß vielleicht
einige Unregelmäßigkeiten vorkommen können, meint aber doch, wenn ein
Mädchen beschlossen habe, bei dieser Gelegenheit den Pfad der Tugend
zu verlassen, so habe sie sich einen recht unruhigen Zeitpunkt und Ort
dazu ausgesucht. Man muß ihm beipflichten, wenn er sagt: »Und wahrlich,
wenn man bei uns zu gleichem Zwecke und mit gleichem Nutzen tanzte,
würde man jeden zweiten Moralisten und Advokaten sich im Handumdrehen
in einen Tanzmeister verwandeln sehen.«

Die Folge dieses wenig überlegten Vorgehens ist, daß es in Grönland
jetzt wirklich weder Recht, noch Gesetz giebt. Die Europäer können
sich natürlich nicht in die Angelegenheiten mischen oder sollen es
jedenfalls nicht. Kommt aber einmal ein seltener Fall von schwerem
Verbrechen vor, so greifen die dänischen Behörden dennoch ein. Der
Erfolg ist manchmal überraschend. Als vor einigen Jahren ein Mann
in einer nordgrönländischen Kolonie seine Mutter erschlagen hatte,
wurde er zur Strafe auf eine einsame Insel verwiesen. Damit er dort
allein existieren könnte, mußte man ihm einen neuen Kajak und einige
Lebensmittel für den Anfang mitgeben. Nach einiger Zeit, als die
Vorräte verzehrt waren, kehrte er zurück und erklärte, dort draußen
nicht mehr leben zu können, weil sich da nichts fangen ließe. Er bezog
wieder sein altes Haus, und die einzige Veränderung, die sein Leben
dadurch erlitt, daß er seine Mutter erschlagen hatte, war -- daß er
kostenlos in den Besitz eines neuen Kajaks gekommen war.

Eine wirkungsvollere Strafe wenden die Kolonieverwalter bisweilen den
Frauen gegenüber an, indem sie ihnen für eine bestimmte Zeit den Besuch
des Kolonialladens verbieten.

Der Trommeltanz war außer dem Gerichtstag auch noch ein großes
Vergnügen, ja er wurde manchmal nur der Belustigung halber getanzt.
Dann sangen die Auftretenden Lieder verschiedenen Inhalts, schlugen
dabei auf eine Trommel und bewegten den Körper in den verschiedensten,
mehr oder minder burlesken Drehungen und Wendungen. Das hätte die
Missionare gleichfalls bedenklich machen sollen. Denn Vergnügungen sind
auch notwendig, sie beleben das Gemüt, was für ein Volk, das in einer
so harten Natur lebt und so wenige Zerstreuungen hat, gewiß von großer
Bedeutung ist. Als eine Art Ersatz dafür haben die Eskimos jetzt von
den europäischen Walfischfängern und Matrosen viele europäische Tänze,
besonders +reels+, gelernt, die sie zum Teil ihrem Geschmacke nach
veränderten. In den Kolonien dient gewöhnlich die Tischlerwerkstatt,
der Speckhausboden oder ein anderer großer Raum als Balllokal, und dort
wird so oft getanzt, als es der Kolonieverwalter oder die hohen Herren
erlauben, am liebsten jede Woche. An den andern Wohnplätzen tanzen sie
auch in den eigenen Häusern.

Solch ein grönländischer Ball mit den vielen Menschen, alten und
jungen, die teils tanzen, teils als Zuschauer in dichten Gruppen in
ihrer farbenreichen Tracht an den Wänden, auf den Pritschen und auf
Bänken stehen, nimmt sich in dem von Thranlampen schwach erleuchteten
Raume recht malerisch aus. Es ist ein reiches Gemisch von Schönheit
und herrlichen Formen neben auffallendster Häßlichkeit. Und dazu
diese übersprudelnde Freude und die außerordentliche, graziöse
Tanzfertigkeit. Im +reel+ bewegen sich die Beine oft so flink, daß
das Auge ihnen kaum folgen kann. Die Musik bestand früher meistens aus
Geigenspiel. Jetzt hat auch die Handharmonika schon angefangen, sich
dort einzubürgern.

Die armen Eskimos, die den deutschen Herrnhutergemeinden, deren ein
paar im Lande sind, angehören, dürfen nicht tanzen, ja nicht einmal
zusehen, wenn andere tanzen, sonst werden sie in den Bann gethan oder
von den Missionaren auf das schwarze Brett geschrieben.

Als weiteres Vergnügen ist das Kirchengehen anzuführen. Besonders
lustig finden sie das Singen der Kirchenlieder, und die Frauen mögen es
so gern, daß sie sich auch bei anderen Gelegenheiten damit ergötzen.

Nicht minder interessant finden die Weiber den Besuch des Ladens. Wenn
die Oeffnungszeit herannaht, kann man sie mitten im Winter im ärgsten
Schneegestöber in dichten Gruppen längs der Außenwände stehen und
auf den Augenblick warten sehen, in dem sich die Thür des Paradieses
öffnet und sie hineinstürzen können. Die meisten haben gar nicht die
Absicht zu kaufen, sondern verbringen die Stunden, in denen der Laden
geöffnet ist, teils damit, daß sie sich alle europäischen Luxusartikel,
namentlich Kleiderstoffe und Tücher, zeigen lassen, teils damit, daß
sie den Ladendienern den Hof machen, teils mit dem Austausch mehr oder
weniger derber Witze, und wohl auch einem wirklichen Einkauf.

[Illustration: Grönländischer Tanz.]

Im Sommer, wenn die Schiffe eben mit Warenvorräten aus Europa
angekommen sind, ist der Zudrang außergewöhnlich groß. Dann ist
der Laden den ganzen Tag über in förmlichem Belagerungszustand.
Die Grönländerinnen lieben, ganz wie ihre Schwestern diesseits des
Meeres alles Neue, und dies findet daher, sowie es ankommt, reißenden
Absatz. Die Hauptsache ist, wie ich gemerkt habe, daß die Ware neu
ist, welchem Zweck sie dient, ist weniger wichtig. So hatte einmal
die weise Regierung in Kopenhagen gefunden, die Eskimos seien jetzt
soweit vorgeschritten, daß sie wie andere civilisierte Menschen ohne
Nachttöpfe nicht mehr auskommen könnten, und demgemäß bestimmt, daß
dieses Geschirr dort eingeführt würde. Kaum waren diese merkwürdigen
Gefäße angelangt, kauften alle, die es dazu hatten, sich einen oder
zwei. Tags darauf kamen die eingeborenen Damen jede mit einem Nachttopf
in den Laden, stellten ihn auf den Ladentisch und ließen sich ihre
Butter oder ihre Grütze darin einpacken.

[Illustration]




[Illustration]




Kapitel +XII.+

Begabung. -- Kunst. -- Musik.

Dichtung.

Erzählungen Eingeborener.


Die Grönländer haben scharfen Verstand und zugleich großes
Erfindungstalent. Ihre Geräte und Waffen sind dafür, wie wir sahen,
ein schlagender Beweis. Daß sie Verstand haben, wurde den Missionaren,
namentlich im Anfange, sehr unangenehm fühlbar, wenn sie so dumm waren,
sich mit den heidnischen Angekokern aufs Disputieren einzulassen.
Wenn sie aber auch mundtot gemacht wurden, so hatten sie dafür doch
oft Argumente in der Hinterhand, die schlagender waren, als die der
Eingeborenen. Sie führten, wie mein Freund, der Zimmermeister in
Godthaab zu sagen pflegte, »eine proppere Faust«, und dieser überließ
die grönländische Friedfertigkeit das Feld.

Als Beispiel ihrer guten Anlagen ist anzuführen, daß sie
verhältnismäßig leicht lesen und schreiben lernen. Die meisten Christen
verstehen sich auf beides, und viele sogar ausgezeichnet; ihre
Schreibfertigkeit ist oft geradezu bewundernswert. Selbst die Heiden
lernen schnell Domino und Brettspiel, ja sogar das Schach. Mit den
Eingeborenen in der Gegend von Godthaab spielte ich oft Dame und wurde
manch liebes Mal von der Geschicklichkeit und Berechnung, die sie dabei
an den Tag legten, überrascht.

Unsere verschiedenen Fächer scheinen sie sich ziemlich leicht
anzueignen. Am schwersten wird ihnen das Rechnen, und nur
verhältnismäßig wenige kommen so weit, daß sie ordentlich mit Brüchen
rechnen lernen; die meisten haben schon vom Subtrahieren und Addieren
ganzer Zahlen übergenug, von Division und Multiplikation garnicht zu
reden. Dieser Mangel an Begabung wurzelt sicher in grauer Vorzeit.
Die Eskimosprache hat, wie die meisten Natursprachen, ein wenig
entwickeltes Zahlensystem. Nur für fünf Ziffern giebt es Worte,
und diese werden an den Fingern abgezählt: »1 = ~+atausek+~, 2 =
~+mardluk+~, 3 = ~+pingasut+~, 4 = ~+sisamet+~ und 5 = ~+tatdlimat+~,
welch letzteres annehmbarerweise das ursprüngliche Wort für eine ~Hand~
gewesen ist. Soll ein Eskimo weiter zählen, so hilft er sich damit,
daß er für sechs den ersten Finger der anderen Hand (~+arfinek+~ oder
~+igluane atausek+~), für sieben den zweiten Finger der anderen Hand
(~+arfinek mardluk+~) u. s. w. nennt. Ist er aber bis zehn gekommen,
so hat er keine Hand mehr zur Verfügung und muß daher mit den Füßen
aushelfen. Zwölf heißt also zwei Zehen des einen (~+arkanek mardluk+~
u. s. w.) und siebzehn zwei Zehen des anderen Fußes (~+arfersanek
mardluk+~ u. s. w.). So kann er bis zwanzig kommen, was er einen
ganzen Menschen zu Ende (~+inuk nâvdlugo+~) nennt. Hier haben die
mathematischen Begriffe vieler Eskimos ein Ende, aber wirklich
aufgeweckte Köpfe können noch weiter zählen und bezeichnen die Zahl
einundzwanzig mit einem Finger des zweiten Menschen (~+inûp áipagssâne
atausek+~) u. s. w. Achtunddreißig sind z. B. drei Zehen am anderen
Fuße des zweiten Menschen (~+inûp+ +áipagssâne arfinek pingasut+~),
und mit vierzig ist der zweite Mensch zu Ende (~+inûp áipagssá
nâvdlugo+~). So erreicht man hundert oder den fünften Menschen zu Ende,
dann aber kann selbst der begabteste Eskimo mit seiner Sprache nicht
weiter kommen.«

Dies ist, wie man begreifen wird, eine etwas schwerfällige Weise,
sich auszudrücken, wenn man sich oft in den hohen Zahlen über
20 bewegen soll, was früher dort oben selten vorkam, jetzt aber
durch die Einführung des Handels und des Geldes sich leider mehr
eingebürgert hat. Es ist daher auch ganz natürlich, daß die
Grönländer, trotz ihrer merkwürdigen Widerstandskraft gegen fremde
Worte, die dänischen Zahlworte auch für die niedrigen Zahlen
immermehr annehmen. Mit deren Hilfe können sie sogar über hundert,
von ihnen ~+untritigdlit+~ genannt, hinaus. Doch ich hege
den Verdacht, daß es ihnen noch immer schwer wird, eine so hohe
Zahl mit einem bestimmten Begriffe zu verbinden. Tausend nennen sie
~+tusintigdlit+~.

Die primitive Rechenmethode der Eskimos entspricht demjenigen der
meisten Naturvölker, da Finger und Zehen ja die natürlichsten
Hülfsmittel zu diesem Gebrauche sind. Auch unsere Vorfahren werden auf
ähnliche Weise gerechnet haben. Bei aller Unvollkommenheit ist es doch
ein großer Fortschritt gegen die australischen Stämme, die nur bis
drei, ja, eigentlich nur bis zwei zählen können und blos die Begriffen
»eins, zwei und viele« kennen. Daß auch die Vorfahren der Eskimos
einst auf dieser Stufe standen, deutet ihre ursprüngliche Grammatik
an, in der es einen +singularis+, einen +dualis+ und einen
+pluralis+ giebt; also grade wie im Gotischen, Griechischen,
Sanskrit, den semitischen und vielen anderen Sprachen.

Alle Reisenden sind einig im Lobe des Ortssinnes und der
topographischen Begabung der Eskimos. Als Kapitän ~Ommaney~ 1850
einen Eskimo vom Kap York bat, ihm die Küste zu zeichnen, nahm dieser
einen Bleistift, ein Ding, das er noch nie gesehen hatte, und zeichnete
die Küstenlinie längs des Smithsundes von seinem Geburtsorte nach
Norden mit verblüffender Genauigkeit auf. Er deutete dabei alle Inseln,
die größeren Hügel, Gletscher und Gebirge an und versah sie mit ihren
Namen.

Dem Kapitän ~Holm~ brachten die heidnischen Eingeborenen eine von
ihnen in Holz geschnitzte Karte der Ostküste von Angmasalik nach
Norden.

Für mein Empfinden haben die Grönländer ausgesprochen künstlerische
Anlagen, und wenn ihre Kultur sich wenig nach dieser Richtung hin
entwickelt hat, so ist dies, glaube ich, dem harten Kampf ums Dasein
zuzuschreiben, der ihnen dazu keine Zeit ließ. Ihre Kunst[45] besteht
wesentlich in der Verzierung der Waffen, Geräte und Kleidungsstücke mit
Mustern und Figuren, entweder in Holz- oder Knochenschnitzerei oder in
Lederstickerei. Die Figuren stellen oft Tiere, Menschen, Frauenboote
und Kajake vor, sind aber mehr darauf angelegt, dekorativ oder
symbolisch zu wirken, als wirkliche Nachbildungen der Natur zu sein, in
der Regel haben sie rein traditionelle Formen angenommen. Einige haben
auch religiöse Bedeutung und stellen z.B. den ~+tôrnârssuk+~
-- einen ihrer Geister übernatürlichen Wesens -- vor. Wenn sie
sich wirklich bestreben, die Natur nachzuahmen, zeigen sie einen
außergewöhnlichen Formensinn und große Geschicklichkeit, wovon man
sich überzeugen wird, wenn man die merkwürdigen Abbildungen sieht, die
Kapitän ~Holm~ von den Decken und dem Spielzeug auf der Ostküste
giebt.

Waffen und Geräte waren sicherlich eines der ersten Dinge, auf die
sich der menschliche Kunstdrang warf; noch früher aber war wohl der
menschliche Körper selbst sein Gegenstand. Ueberbleibsel dieser ersten
Kunstform finden wir auch bei den Eskimos, indem die Weiber ihren
Liebreiz dadurch zu erhöhen suchen, daß sie sich mit Lampenruß gefärbte
Fäden von Sehnen in geometrischen Figuren und Linien durch die Haut der
Arme und Beine, auch wohl der Brust und des Gesichtes ziehen.

Merkwürdigerweise scheinen die Grönländer eine Bildschrift, die, wie
viele meinen, zum Teil der Kunst zum Ausgangspunkt diente, nicht
gekannt zu haben; sofern man nicht die symbolischen Figuren ihrer
Ornamente so deuten will. Der einzige Versuch einer wirklichen
Bildschrift, den ich bei ihnen entdecken konnte, macht keinen
auffallend talentvollen Eindruck. Es war ein Brief an ~Paul Egede~
von einem Angekok. Er bestand schlechtweg aus einem Stocke, auf dem mit
Ruß und Thran Λ gezeichnet war. Der Angekok hatte dem Ueberbringer noch
nachgerufen: »Falls Pania Angekok nicht versteht, was ich meine, so
sage ihm, es bedeute ein paar Hosen, die ich vom Kaufmann haben will;
er wird es aber schon verstehen.«[46]

Eskimos, die groben europäischer Kunst und Darstellungsweise
gesehen haben, können wunderbare Dinge ausführen, ohne daß man sie
unterrichtete. Ein Grönländer, Namens Aron, wurde einmal krank und
durfte nicht ausgehen. +Dr.+ ~Rink~ sandte ihm ein paar
Schnitzmesser und einige ältere Holzschnitte. Im Bette liegend, begann
er nun die Sagen der Eskimos zu illustrieren, und er zeichnete nicht
nur seine Bilder, sondern schnitt auch die Clichés dazu in Holz.

Als Probe ihrer Fertigkeit in der Bildschnitzereikunst bringe ich
hier die Abbildung zweier in Holz geschnitzter Köpfe, die mir ein
Eingeborener von einer Ansiedlung im Godthaabdistrikte schenkte. Man
kann nicht im Zweifel darüber sein, daß der Künstler hier seine eigene
Rasse unsterblich gemacht hat.

In musikalischer Hinsicht sind die Grönländer recht begabt. Es ist
auffallend, wie leicht sie unsere Musik auffassen und wiedergeben,
sei es durch Gesang, den sie sehr lieben, oder auf der Violine, dem
Harmonium, der Handharmonika und anderen Instrumenten, die sie selbst
schnell spielen lernen. Dies ist um so auffallender, als ihre eigene
Musik, die bei den Trommeltänzen gebräuchlich war, wie die der meisten
Naturvölker eintönig und wenig entwickelt ist. Sie hat nur wenige
Töne, gewöhnlich nicht über fünf, ist aber trotzdem eigentümlich und
nicht uninteressant. Sie soll das Rauschen der Ströme nachbilden. Die
Ostgrönländer erzählten Holm, daß sie die Toten singen hören, wenn sie
an einem Flusse schlafen, und diesen Gesang versuchen sie
wiederzugeben.

Das Ursprüngliche ihrer Musik ging natürlich bei der Berührung mit den
Europäern mehr oder weniger verloren. Man hört dort jetzt auch viele
europäische Melodieen, und es wirkt recht überraschend, wenn droben
zwischen Felsen und Gletschern plötzlich Kopenhagener Gassenhauer, wie
»Gina, Du schöne Maid, willst Du nicht mit?« ertönen.

Die Grönländer haben einen großen Reichtum an Märchen und Sagen, von
denen viele sehr eigenartig sind. Nichts giebt einen so tiefen Einblick
in das ganze Seelenleben dieses Volkes, seine Anlagen, Gefühle und
Stimmungen, wie der Inhalt dieser Sagen und die Art, wie sie erzählt
werden. Man wird darin Darstellungskunst und Phantasie entdecken und
außerdem noch einen grotesken Humor, der jedoch natürlich oft in solche
Derbheiten ausartet, daß an Druck nicht zu denken war.

Außer dieser Sagendichtung und den Erzählungen merkwürdiger Thaten
hatten die Grönländer auch eine Poesie. Die Gedichte waren entweder
Spottlieder, die bei den oben erwähnten Trommeltänzen gesungen wurden,
oder Beschreibungen verschiedener Dinge und Begebenheiten.

Als der Trommeltanz bei der Einführung des Christentums abgeschafft
wurde, verfiel oder veränderte sich auch die Verskunst. Doch noch
immer dichten die Grönländer Lieder. Der Inhalt ist oft satirisch und
macht die Eigentümlichkeiten der Mitmenschen in mehr oder weniger
harmloser Art lächerlich. Derartige Lieder wurden auch auf einzelne
Mitglieder der Expedition gemacht, und ich hörte sie oft abends auf dem
Koloniewege diese Spottlieder singen, ohne daß es mir gelang, eines
davon zu erhalten. -- Auf +Dr.+ Rinks Veranstaltung wird seit 1861
in Godthaab ein grönländisches Journal »~+Atuagagdliutit+~«
herausgegeben. Es wird von ~Lars Möller~ gedruckt, einem
Eingeborenen, der in Kopenhagen war, um diese Kunst zu erlernen, und
der auch Bilder dazu zeichnet und lithographiert. Die Zeitschrift
erscheint alljährlich in zwölf Nummern und wird gratis verteilt;
die Kosten trägt die allgemeine Landeskasse. Der Inhalt besteht aus
Uebersetzungen aus dem Dänischen, sowie aus selbständigen Beiträgen von
Eingeborenen über ihren Fang, Reisen u. s. w. Dadurch ist dort oben
eine ganz neue Litteratur entstanden.

Ein paar groben von Erzählungen sollen bei dieser Gelegenheit
mitgeteilt werden. Die erste ist der Bericht des Eskimos Silas über
seine Reise von Umanak im Godthaabsfjorde nach dem Ameralikfjorde zur
Unterstützung der vier Mitglieder unserer Expedition, die dort im
Oktober 1888 zurückblieben, als Sverdrup und ich nach Godthaab reisten.
Der Kolonieverwalter ~Brummerstedt~ in Holstenborg hat die Güte
gehabt, den Bericht zu übersetzen. Die Uebersetzung ist eine möglichst
wortgetreue Wiedergabe des grönländischen Originaltextes. Ich muß noch
daran erinnern, daß der Verfasser ein gewöhnlicher eingeborener Fänger
ist, der weiter keine Bildung genossen hat, als den Unterricht, der
jetzt jedem dort oben zu teil wird.


Erzählung

von den Europäern, die Grönland von Osten nach Westen auf dem
Binneneise durchzogen, und von ihrer Ankunft in Ameralik und Godthaab

(geschrieben von Silas aus Umanak).

Ich will zuerst von unserer Reise nach Korkuk erzählen: Wir Grönländer,
die wir an den Fjorden wohnen, sind stets darauf bedacht, die Fuchsbaue
auszunehmen, damit wir durch den Fellverkauf ein wenig Geld in die
Hände bekommen. Ende September reisten wir, vier Mann hoch, nach
Korkuk. Nämlich ich, Peter, David und mein Pflegesohn Conrad. Conrad
hat im Monat Mai vom Vorstande einen Kajak erhalten. Als wir in Korkuk
angelangt waren, gingen David und ich den nächsten Morgen auf die
Renntierjagd, Peter und Conrad nach den Fuchsfeldern, wo sie wohl
Spuren, aber keine Füchse fanden. Da es auch sehr nach Regen aussah,
machten wir uns den folgenden Tag wieder auf den Weg nach Hause. Als
der Wind abflaute, gingen David und ich quer über die Bucht. Wir
sahen einen Fleckenseehund auftauchen, verfolgten ihn, schossen aber
mehrere Male vorbei, weil es zu hohe Dünung war. Da wir auch weiter
keinen Seehund sahen, ruderte David von mir fort zu den anderen auf
der entgegengesetzten Seite der Bucht, während ich dabei blieb, in
der Mitte zu rudern. Als ich mich unserem Wohnorte näherte, fiel es
mir auf, daß unterhalb der Häuser ein hölzernes Boot lag. Vor unserer
Abreise hatte ich gehört, daß die Missionare den Besuch des Verwalters
aus Godthaab erwarteten, sobald er in Kornok gewesen wäre. Er war auch
wirklich gekommen. Als ich am Ufer anlegte, entdeckte ich zwei Kajake,
die nur wenig über die Flutmarke hinaufgezogen waren. Nachher stellte
sich heraus, daß zwei Postbeamte in den Kajaken der Seminaristen
gekommen waren.

Sowie ich ausgestiegen war, kam auch schon mein Pflegesohn zu mir an
den Strand und erzählte mir, daß die Männer, die von der Ostküste
nach der Westküste über das Binneneis gegangen waren, glücklich am
Ameralikfjorde angekommen seien. Vier von ihnen wären noch dort in
der Bucht geblieben und zwei wären in einem Zeugboote in Godthaab
eingetroffen.

Als ich dieses hörte, erstaunte ich sehr und sagte gleich: »Hätte
ich sie doch nur im Sommer, als ich in Kapisilik Renntiere jagte,
getroffen!« (Wir hatten nämlich schon gehört, daß jemand die Reise über
das Binneneis wagen wollte.) Darauf sagte ich: »Wie haben sie nur in
einem Zeugboote vom Ameralikfjorde nach Godthaab reisen können? Die
ganze Küste besteht ja nur aus steilen, unzugänglichen Felswänden. Das
ist sehr merkwürdig, wir Grönländer würden den Weg nie in einem solchen
Fahrzeuge zurückgelegt haben.«

Ich ging dann in mein Haus, zog den Fellpelz und die Hosen aus und
begann zu essen. Bald darauf klopften Kinder an die Fensterscheiben
und riefen mir zu, ich solle zu Otto (dem Missionar) kommen. Ich zog
schnell die Hosen wieder an, aber die Kinder riefen mir da durch das
Fenster zu, daß Otto schon im Begriffe sei, in mein Haus einzutreten.
Da es zu lange gedauert haben würde, wenn ich noch meinen Anorak
angezogen hätte, ging ich in Hemdärmeln hinaus und traf ihn neben
meinem Hauseingange. Als ich heraustrat, sagte er zu mir: »Du kennst ja
den Weg nach dem Ameralikfjord. Da die vier Europäer dort zu bedauern
sind, sollt Ihr, Du und Peter, der Kajakmann des Vorstehers, ihnen
Proviant bringen. Mache Dich also schnell fertig.«

Da ich, wie gesagt, eben erst nach Hause gekommen war, hatte ich gerade
keine besondere Lust, gleich wieder abzureisen, sagte aber schließlich
doch ja. Es regnete sehr stark, und als die Uhr nachmittags vier war
und ich Kaffee getrunken hatte, ging ich, während ich auf die Briefe
wartete, in das Zelt der Besatzung des Vorstehers, um etwas Neues zu
hören, und der Steuermann erzählte mir, daß zwei von der Expedition
Lappen seien. Ich hatte wohl, als ich noch zur Schule ging, von einem
Volke namens Lappen gehört, aber von seinen Sitten und seinem Aussehen
wußte ich nichts.

Als die Briefe fertig waren und wir (Peter und ich) den Proviant,
Spiritus u. s. w. in unsere Kajake gestaut hatten, fuhren wir ab, um
womöglich noch vor Einbruch der Nacht das Lothaus zu erreichen, denn
es regnete zu heftig, als daß wir unter freiem Himmel hätten liegen
können, und es giebt doch keine großen Steine mit Erdlöchern darunter,
unter denen man schlafen kann.

Als es anfing, dunkel zu werden, landeten wir dort und gingen in das
Haus. Da aber das Dach nicht dicht war, rann der Regen in die Stube.
Ich hatte glücklicherweise einen Kaffeekessel und eine Untertasse bei
mir. Die Untertasse benutzten wir als Lampe und legten uns dann nieder,
um zu schlafen, so gut wir konnten.

Am andern Morgen kochten wir Kaffee, und sobald es hell war, fuhren wir
weiter.

Als wir in Itivdlek angelangt waren, trugen wir erst den mitgenommenen
Proviant u. s. w. über Land nach der unserem Landungsplatze
entgegengesetzten Seite der Landzunge. Dann nahmen wir unsere Kajake
auf den Kopf und trugen sie auch dorthin, um uns den Umweg um die
Landzunge herum zu sparen. Wir dachten vor Abend in den Ameralikfjord
hineinzukommen, da aber der Südwestwind immer stärker wurde und die
See hoch ging, kamen wir nur bis an die Nordseite von Kingak; denn ich
wagte nicht um die Kingakzunge herumzurudern, weil ich nicht genau
wußte, wie sie bei Sturm zu passieren ist, und da mir bekannt war, daß
es in der Nähe keine Stelle giebt, wo wir hätten landen können, wenn
uns der Wind zu stark wurde.

Wir fanden eine Felsenhöhle, krochen hinein und schliefen dort.

Als es anfing hell zu werden und das Wetter einigermaßen still war,
fuhren wir ab, nachdem wir unseren letzten Kaffee getrunken hatten.
Nach längerem Rudern kamen wir endlich über die Landzunge, vor der
ich mich am meisten gefürchtet hatte, hinaus und wandten uns wieder
dem Lande zu. Weil mein Begleiter diesen Weg noch nie gesehen hatte,
sagte ich ihm, wie die einzelnen Berge heißen und welchen Weg wir
einzuschlagen pflegen, wenn wir auf die Renntierjagd gehen.

Wir wußten nichts Bestimmtes über den Aufenthaltsort jener Leute, und
ich hielt es für das Wahrscheinlichste, daß sie an einem der Zeltplätze
am tiefsten Einschnitte der Bucht zu treffen wären. Deshalb ruderten
wir den Fjord hinauf und feuerten, als wir dicht bei Ivigtussok waren,
vier Schüsse ab, die aber nicht beantwortet wurden. Wir ruderten nun
gleichmäßig weiter, -- (trafen zwei Seehunde, wollten sie schießen, es
glückte uns aber nicht, auf Treffweite heranzukommen, da es zu windig
war), -- bis wir das Binnenende des Fjordes erreichten, und gaben dann
wieder einige Schüsse ab, die auch nicht beantwortet wurden, worauf wir
zu fürchten begannen, daß wir die, welche wir suchten, nicht treffen
würden.

Bald darauf glaubten wir einen Schuß zu hören, wie wir meinten von
Umiviarssuit her. Ich sagte deshalb zu meinem Begleiter: »Laß uns hier
bei Umiviarssuit landen und erst die andere Seite des großen Flusses
absuchen, ob wir sie nicht dort finden, es wäre ja möglich.«

Nachdem wir unsere Kajake durch den Uferschlamm auf das feste Land
gezogen hatten, nahm ich den Brief und meine Flinte; Peter nahm die
seine auch mit, damit wir Signalschüsse abgeben konnten. Als ich wieder
einmal geschossen hatte (Peters Gewehr war naß und dadurch unbrauchbar
geworden), hörten wir endlich einen Schuß in der Nähe und gewahrten
große Stiefelspuren; da wir nun nicht mehr daran zweifelten, daß
wir die Gesuchten finden würden, waren wir wieder bei guter Laune,
namentlich deswegen, weil wir nun die Lappen sehen würden. Doch als wir
weiter gingen, fanden wir auch Grönländerspuren. Wir hatten geglaubt,
wir würden die ersten sein, die zu ihnen kämen, erfuhren aber später,
daß kurz vor uns zwei andere Grönländer bei ihnen angelangt waren. Bald
darauf sah Peter ein Zelt, vor dem Leute standen. Er rief Hurrah, und
ich schoß vor Freude mein Gewehr ab. Dann suchten wir nach dem besten
Wege zum Zelt hinunter und wurden dabei auf Grönländisch angerufen:
»~Amuinak~.« (Kommt geraden Wegs herunter.) Wir erkannten die
beiden Grönländer, es waren der Vorsteher Terkel und sein jüngerer
Bruder Hoseas aus Sardlok, die eben auch mit Proviant angekommen waren.
Wir sahen die beiden Norweger und die beiden Lappen eine Mahlzeit
verzehren und von dem ihnen gesandten Kaffee trinken. Sie saßen an
einem gedeckten Tisch und benutzten dazu einen ihrer Schlitten.

Als wir bei ihnen ankamen, reichte ich dem einen den Brief, und sowie
er ihn in der Hand hatte, gab er ihn dem Manne, der am weitesten von
ihm entfernt saß (Kapitän Dietrichson).

Endlich sahen wir nun die Lappen, nach denen wir uns so gesehnt hatten.
Wir wunderten uns über ihren Anzug, denn solche Kleidung pflegen die
Europäer, die in unser Land kommen, nicht zu tragen. Ihr Schuhzeug
glich Schlittschuhen, die Spitzen waren aufwärts gekrümmt, die Stiefel
des einen hatten Sohlen, wie die Grönländer sie an ihren haben. Der
Aeltere der beiden Lappen hatte Sohlen von Renntierknochen, ebenfalls
mit gebogener Spitze. Sie trugen Renntierfellhosen, die sehr stramm
saßen, darunter weißwollene Unterhosen, und hatten in ihren Röcken so
viele Taschen, daß sich die ganze Vorderseite als Versteck benutzen
ließ. Sie trugen auch Halstücher an deren beiden Enden sich je ein
Versteck (Tasche) befand.

Der jüngere, Samuel Balto, trug eine hohe Mütze mit vier Hörnern, in
denen Federn steckten, und einem roten Bande um die Mitte. Der ältere
Lappe, Ole Ravna, hatte eine lange, rote Mütze, die immer spitzer wurde
und in einer Troddel endete.

Als die Briefe, die der Verwalter und Otto uns mitgegeben hatten,
gelesen waren, bekamen wir zu essen und auch Kaffee, der uns ein großer
Genuß war. Darauf folgten wir ihnen in das Zelt, um mit ihnen zu reden.
Als wir hörten, daß sie Bücher hätten, suchten wir eins davon aus, das
auf Dänisch und Grönländisch gedruckt war, und zwei ebenso beschriebene
Zettel. Indem wir diese benutzten, gelang es uns zuletzt, ihnen
begreiflich zu machen, was wir ihnen mitgebracht, und sie zu bitten,
uns die Sachen holen zu helfen, da wir nicht alles allein tragen
könnten.

Da Terkel und sein Bruder nach Godthaab mußten, sollten Peter und
ich die Ankunft des Bootes, das die vier Männer auch dorthin bringen
sollte, abwarten. Otto hatte mir allerdings gesagt, ich solle gleich
wieder nach Umanak zurückkehren, aber ich wollte lieber warten und die
Fremden nach Godthaab begleiten, da ich dann höher bezahlt werden
würde.

Nachdem wir den beiden, die uns beim Holen der mitgebrachten Sachen
helfen sollten, ein Zeichen gegeben hatten, gingen wir mit ihnen,
Terkel und seinem Bruder an den Strand und packten dort unsere Vorräte
aus. Die beiden freuten sich sehr über die Sachen, und wir hatten ihnen
ja auch vielerlei mitgebracht, unter anderem fünf Roggenbrote und zwei
Flaschen, in welchen Wein war.

Als wir umkehrten, um alles ins Zelt zu tragen, wünschten wir erst
Terkel und seinem Bruder eine glückliche Heimreise und verließen sie
dann. Da wir an eine Spur kamen, erzählte ich Kristiansen und Samuel
Balto (dem Lappen), daß die Spuren von mir und meinen Gefährten auf
der Sommerreise herrührten, als wir hier im Juli Renntiere jagten. Ich
zeigte ihnen auch die Akuliarusiarssukberge und sagte ihnen, daß meine
damaligen Reisegefährten Conrad und Fredrik hießen und wir dort fünf
Renntiere geschossen hätten.

Als wir wieder an das Zelt kamen, fing der Lappe an, Hurrah zu rufen,
und ich stimmte mit ein. Als der Herr (Kapitän Dietrichson) sah, was
wir mitgebracht hatten, schien er sich auch sehr zu freuen, und nun
wurde alles ins Zelt getragen, worauf sie sofort anfingen, in einem
großen Topf Kaffee zu kochen.

Als der Kaffee fertig war, tranken wir ihn und aßen uns satt; nachher
tranken wir Punsch. Als sie müde waren, sagten sie, wir sollten mit ins
Zelt kommen, und gaben uns dort einen Schlafsack, in dem drei Männer
liegen konnten, und in diesem sollten wir mit dem alten Lappen
schlafen.

Peter aber wollte nicht mit ihm zusammen im Sacke liegen, und ich
war auch ein bischen abergläubisch (bange), mit Lappen zusammen zu
schlafen; das kommt davon, weil wir Grönländer sonst nie mit Europäern
zusammenliegen.

Als Peter durchaus nicht wollte, kroch ich allein in den Sack, konnte
aber lange nicht einschlafen, teils weil der Lappe (mein Schlafkamerad)
sehr tief atmete, teils weil wir so viel lachten und die drei in dem
anderen Sacke sich immerzu neckten. Als sie endlich still waren,
schliefen wir auch ein.

Als wir am nächsten Morgen aufgewacht waren, gegessen und Kaffee
getrunken hatten, wollte ich gern auf die Renntierjagd gehen, denn das
Wetter war gut, und ich mag nicht faullenzen. Da Peter sagte, er habe
noch nie ein Renntier gesehen, wollte ich ihn mitnehmen, er aber wollte
nicht mitkommen, weil sein Gewehr noch nicht trocken war. Ich ging also
allein im Laufe des Vormittags, obwohl es ein Sonntag, der siebente
Oktober, war. An meinem Winterwohnorte Umanak wäre ich an einem solchen
Tage schwerlich auf Erwerb ausgegangen, aber ich wollte den Fremden
gern etwas Fleisch verschaffen, wenn es auch nur ein Hase wäre.

Im Gehen fiel mir ein, daß es Sonntag und der Feiertag ja Gott dem
Herrn geweiht sei, und ich betete da schnell: »Gieb uns unser täglich
Brot« u. s. w. Möchten doch alle Christen, wenn sie auf Erwerb
ausgehen, ohne Bedenken also beten! Ich erklomm langsam den Berg, und
als ich beinahe oben angelangt war, sah ich in eine Spalte hinein und
meinte, dort etwas niedergeduckt sitzen zu sehen. Da ich glaubte,
es seien Renntiere, blieb ich eine Zeitlang still sitzen und guckte
hinunter. Als sich dort aber gar nichts rührte, zweifelte ich an der
Richtigkeit meiner Vermutung und begann hinabzuklettern, um zu sehen,
was es eigentlich war; als ich weiter unten war, sprang eine ganze
Herde auf, darunter ein sehr großer Bock mit seinen Kühen und mehrere
andere. Ich ärgerte mich so über mich selbst, daß ich sagte: »Ich
Dummkopf, weshalb habe ich die Augen nicht aufgemacht, nun habe ich mir
durch meine Blindheit wieder selbst geschadet!«

Sie liefen anfangs ziemlich schnell, blieben aber bald stehen. Ich
verhielt mich ganz ruhig und behielt sie im Auge. Nach einer Weile
liefen sie den Berg, auf dem ich mich befand, hinunter. Als sie mit
allen Kälbern vorbeigelaufen waren, ging ich hinterdrein, um zu sehen,
wo sie blieben, und sah sie nun unterhalb des gegenüberliegenden
Berges. Als sie näher kamen, die Leitkuh in ziemlicher Entfernung von
mir voran, und der Bock, mir etwas näher, hinterdrein, schoß ich auf
diesen, obwohl ich die Kuh lieber gehabt hätte, und traf ihn. Aber die
Kugel verletzte ihn nur am Bug. Ich lud zum zweiten Male, lief ihnen
nach und traf ihn nun so, daß er tot hinfiel; um die übrigen Renntiere
kümmerte ich mich nicht mehr, da ich glaubte, sie doch nicht einholen
zu können.

Als ich das Tier abgehäutet und einen Teil des Fleisches unter Steinen
versteckt hatte, wickelte ich das, was ich mitnehmen wollte, in das
Fell und machte mich auf den Heimweg, ohne mich weiter umzusehen, ob
noch andere Renntiere in der Nähe seien. Unterwegs sah ich erst ein
großes weißes und dann noch ein sehr großes braunes Renntier über
den Weg laufen. Beide aber schienen mir zu weit entfernt, um sie zu
schießen.

Als ich unten am Berge ankam, war es schon Nachmittag geworden. Als ich
mich dem Zelte näherte, wollte ich erst einen Schuß abfeuern, wie wir
Grönländer zu thun pflegen, wenn wir ein großes Renntier erlegt haben.
Da die im Zelte aber Europäer waren und ich nicht viel Pulver hatte,
ließ ich es sein. Draußen vor dem Zelte war niemand, weshalb ich mich
ruhig verhielt. Peter kam zuerst heraus, und als er mich sah, fragte
er, ob ich ein Renntier hätte, und als ich diese Frage bejahte, ging
er in das Zelt und verkündete dort die Neuigkeit, so gut er es konnte,
worauf sie alle herauskamen und mich anstarrten.

Ich trat nun zu ihnen hin, und sie freuten sich sehr, ja
außerordentlich, als ich ihnen eine Keule gab und sagte, sie sollten
sie kochen. Leutnant Dietrichson gab ich etwas Mark und Fett, weil ich
gemerkt hatte, daß er anfing, mich lieb zu haben. Als ich gegessen
und Kaffee getrunken hatte, erzählte mir der alte Lappe, der das
Renntierfleisch kochte, daß er selbst dreihundert Renntiere besitze.

Obwohl es noch lange nicht gar war, aßen sie schon davon und wollten,
daß Peter und ich mit aus dem Topfe essen sollten. Ich gab ihnen noch
mehr Fleisch, das auch gekocht wurde, und so weiter, bis keiner von uns
einen Bissen mehr essen konnte.

Als wir uns schlafen legten, fingen sie wieder an sich gegenseitig zu
necken, und da ich sehr müde und schläfrig war, sagte ich zu Peter:
»Nun fangen sie wieder an und ich bin so müde; sie müssen doch wissen,
daß heute Sonntag ist.« Und ich sagte zu ihnen: »Heute ist Feiertag!«

Als sie endlich schwiegen, stimmten Peter und ich Kirchenlieder an, die
wir gelernt hatten. Da waren sie mäuschenstill, und der jüngere Lappe
sang auch ein frommes Lied.

Als wir erwacht waren, gingen Peter und ich aus, um den Rest des
Renntierfleisches zu holen, und als wir uns dem Zelte wieder näherten,
hatte sich der Himmel schon wieder bezogen. Wir legten das Fleisch in
unsere Kajake, aber sowie wir dort anlangten, kamen uns auch die beiden
Lappen nach, und ich gab ihnen noch ein großes Stück zum Kochen und
ging mit ihnen nach dem Zelte. Nachher erhielten sie auch noch den
Rücken und den Hals des Renntiers zum Verspeisen.

Der Aufenthalt dort wurde uns aber gründlich verleidet, da es zu
regnen begann und durchaus kein Boot kommen wollte, um uns zu holen.
Was uns am meisten verdroß, war, daß unser Schuhzeug, obwohl wir zwei
Paar mitgenommen hatten, ganz entzwei war, so daß wir zuletzt Kamiker
anziehen mußten, die auf denselben Fuß zugeschnitten waren.

Wir begannen schon davon zu sprechen, daß wir, sowie das Wetter es
erlaubte, sehen wollten, aus dem Fjord herauszukommen, und wir sagten
den Europäern, wir wollten die Nacht in unseren Kajaken zubringen, weil
wir des Morgens nicht so lange schlafen möchten, wie sie es zu thun
pflegten, da dieses bei uns Grönländern weder Sitte, noch Brauch sei.
Da sie auch nichts dagegen einwendeten, gingen wir an den Strand, um in
unseren Kajaken zu schlafen.

Als wir am nächsten Morgen ins Zelt kamen, fragten sie, ob wir gut
geschlafen hätten, und als wir ja sagten, bedankten sie sich. Nach
dem Abendessen sagten wir gute Nacht und gingen wieder an den Strand,
fest entschlossen, am nächsten Morgen, falls das Wetter es erlaubte,
abzufahren, da es uns zu ungemütlich war, auf Schuhen in solchem
Zustande herumzulaufen.

Das Wetter war am nächsten Morgen denn auch sehr schön, der Himmel klar
und blau, und wir machten uns reisefertig, stauten das Fleisch fort u.
s. w. Da hörten wir plötzlich draußen auf dem Fjord einen Schuß, gerade
als die Sonne aufging. Wir wußten nicht genau, ob wir recht gehört oder
nicht, aber bald darauf hörten wir wieder einen und dann noch mehrere.
Ich beantwortete sie mit meiner Flinte, eilte nach dem Zelte und sah
von dort hinten auf dem Fjorde zwei Boote mit einer ganzen Menge
Menschen.

Dieser Anblick machte uns sehr froh, da wir schon gefürchtet hatten,
daß sie ausbleiben würden.

Als wir alle versammelt waren, konnten wir ein Boot und ein Frauenboot
erkennen und freuten uns, weil wir nun ja wußten, daß wir alle nach
Godthaab kommen würden. Der Lappe Balto kochte Kaffee, und als dieser
fertig war, trank ich davon und wollte gehen. Doch da Peter mich
zurückrief, kehrte ich wieder um. Es stellte sich heraus, daß sie
wünschten, ich sollte erst mit ihnen allen essen. Wir aßen uns denn
auch gehörig satt und tranken Kaffee dazu.

Als sie sich zur Abreise rüsteten und die Bootsleute alle Sachen an
den Strand trugen, gingen wir wieder nach unseren Kajaken. Nachdem wir
dort alles reisefertig gemacht, sah ich mich nach den Booten um und
entdeckte, daß sie schon über den Fjord fuhren. Wir ruderten ihnen nach
und erreichten nun die entgegengesetzte Seite (Sonnenseite) der Bucht.
Dort trank die Besatzung wieder Kaffee und aß, worauf wir die Reise
fortsetzten, denn, obgleich die Ruderer die ganze letzte Nacht nicht
geschlafen hatten, wollten sie doch weiter. Erst als wir bei +Nûa+
(Landspitze) waren, erklärte die Besatzung des Frauenbootes, daß sie
dort Zelte aufschlagen und übernachten wollten, hauptsächlich, weil der
Fellbezug ihres Bootes zu naß geworden. Das Boot war zu lange im Wasser
gewesen, ohne daß sie es zwischendurch hatten trocknen lassen, und wir
meinten alle, es wäre gefährlich, das Boot nicht ein wenig trocknen zu
lassen und die Löcher im Bezuge nicht zuzunähen. Ich blieb die Nacht
über da, um ihnen am Abend das Boot ans Land ziehen und es am Morgen
wieder ins Wasser bringen zu helfen.

Um Mitternacht ging ich aus dem Zelte ins Freie und sah, daß es
windstill war. Es schien mir am besten, abzureisen, während Stille
herrschte, weshalb ich die anderen weckte und ihnen sagte, es sei
besser, jetzt zu fahren. Während der Kaffee gemacht wurde, beluden wir
das Boot und reisten dann weiter.

Bald darauf näherten wir uns Nunangiak, und der Wind fing jetzt an,
sich ein wenig aufzunehmen. Als sie nachher bis Tuapagssuak gekommen
waren, ging ich voraus, um nachzusehen, wo das Holzboot geblieben war,
da ich nicht wußte, wo jene sich befanden, ob sie die Reise fortgesetzt
oder für die Nacht Zelte aufgeschlagen hatten. Ich hatte nämlich schon
Heimweh, ich war ja auch lange von Hause fort. Im Sommer bin ich ja
manchmal ziemlich lange fort, wenn ich auf Erwerb ausgehe, habe dann
aber stets einen Kameraden aus meinem Orte, der mich begleitet. Als
es ganz hell zu werden begann und ich nach Tuapârssunguit gelangte,
erblickte ich dort das Boot und ein Zelt. Sie waren eben aufgestanden,
und als ich am Ufer anlegte, kam Peter zu mir hinunter und zog mich
aufs Land. Er erzählte mir, daß Thee gemacht werde. Es war ja auch sehr
kalt und wehte sehr frisch östlich von Ameralik her. Wir tranken nun
Thee und aßen, und die Europäer freuten sich, als sie mich wiedersahen.

Nachdem wir gespeist hatten, fuhren wir ab, und als wir Kingigtorssûp
erreichten, fingen Kristiansen und ich an, uns anzulachen, weil wir
jetzt hofften, noch an demselben Tage in Godthaab zu sein. Als wir an
die Landspitze von Urkusigssap kamen, gingen Peter und ich voran, um
dem Führer der Expedition einen Brief zu bringen, den sie geschrieben
hatten. Als wir uns Godthaab näherten, vermuteten die Einwohner dort,
daß wir kämen, weshalb sie sich versammelten.

Als wir anlegten und ihnen sagten, daß die anderen in der Nähe seien,
kamen immer mehr Leute herbei. Die Grönländer sehnten sich am meisten
nach den Lappen, und als sie hörten, daß ich ein großes Renntier
geschossen, wurden sie ganz eifrig, und ich hörte von ihnen allen
nichts weiter als Rufe nach einem Stückchen Talg.

Als Peter nach seinem Hause ging, begleitete ich ihn. Ich beneidete ihn
darum, daß er schon so weit war. Dort tranken wir Kaffee und gingen
dann zum Verwalter, weil wir glaubten, wir würden gleich bezahlt
werden. Bald darauf hörten wir rufen, daß die Lappen sich näherten
(d. h. von den Häusern aus gesehen werden könnten), und ich ging nun
nach dem Hause des Vorstehers Lars Heilman, bei dessen Frau ich Kaffee
trank. Ich pflege nämlich in diesem Hause zu schlafen, wenn ich in
der Kolonie übernachte. Nachdem ich Kaffee getrunken hatte, ging ich
mit all den anderen Menschen hin, um sie am Ufer anlegen zu sehen. Da
sich die Europäer und die Grönländer versammelt hatten, stand dort
eine große Menschenmenge. Nach und nach kam das Frauenboot, das die
Sachen der Reisenden brachte, und da sie auch mein Renntier in das
Boot gelegt hatten, ging ich näher ans Ufer hinan, um mein Eigentum in
Empfang zu nehmen. Nachdem ich etwas davon an die Grönländer verteilt
hatte, verkaufte ich den Rest vorteilhaft. Für das Fleisch, das die
Europäer im Fjorde verzehrt hatten, erhielt ich fünf Kronen, für die
Reise dorthin zwanzig Kronen, für den Renntierkopf drei Kronen und
für das Fell vier Kronen und fünfzig Oere. Für den Rest erhielt ich
ungefähr achtzehn Kronen.

Als ich alles Geld erhalten hatte, dachte ich stark daran, mir einen
Stutzen zu kaufen. Dies war lange meiner Wünsche Ziel gewesen, aber ich
hatte bisher nicht genug gehabt, um ihn mir kaufen zu können. Ich habe
freilich einen alten Stutzen, 1874 tauschte ich die Schrotflinte des
Volontärs (Irmingers, der im Kajak umkam) gegen ein älteres Stutzgewehr
aus. Diesen Irminger (der im Kajak umkam) werden die Südgrönländer
gewiß noch kennen. Als er umkam, war ich bei ihm.

Ich kaufte mir also einen Stutzen und werde den alten meinem
Pflegesohne geben, damit er sich im Schießen üben kann. Er ist 17 Jahre
alt, und für uns, die wir am inneren Ende der Fjordes wohnen, ist es
wichtig, ein Gewehr zu haben, sowohl der Renntiere, wie der Seehunde
und anderer lebender Wesen halber. Ich übernachtete in Godthaab, aber
ich war nicht recht vergnügt, da mich die Mitglieder der Expedition
immer quälten, ihnen das Fell des Renntieres, das ich geschossen hatte,
zu verkaufen, während ich es eigentlich am liebsten selber behalten
hätte, da es ein Schönes, dichtes Fell war, auf dem es sich im Winter,
wenn es kalt ist, gut liegt. Ich erlegte ja allerdings im August ein
großes Renntier, doch sein Fell war so dünn, daß ich es nicht als
+kâk+ (Unterlage auf der Pritsche) zurechtmachen ließ. Als sie
dreimal gekommen waren, um es zu kaufen, mochte ich nicht länger nein
sagen und verkaufte es ihnen. Ich sagte dann dem Verwalter, ich wolle
einen Stutzen kaufen, und bekam auch einen. Als ich mit dem Einkaufen
fertig war, wollte ich abreisen, da ich mich sehr danach sehnte, nach
Hause zu kommen. Aber der Nordostwind zwang mich, noch eine Nacht in
der Kolonie zu bleiben, da ich bei Kasigianguit nicht vorbeizugehen
wagte, teils des Windes wegen, teils, weil ich so vielerlei im Kajake
mitnehmen mußte. Am Morgen des nächsten Tages war, als ich aufstand,
besseres Wetter, und der Wind hatte sich gelegt. Ich fuhr dann über den
Ausbau Kôrnok nach meinem Wohnorte.

       *       *       *       *       *

Die folgende Erzählung ist für den noch immer starken Aberglauben der
Eskimos bezeichnend und auch für das nächste Kapitel von Interesse.
Frau Signe Rink hat mir die Uebersetzung zur Verfügung gestellt.

»Endlich komme ich nun mit dem, was ich schon so lange zur
›Unterhaltungslektüre‹ beitragen wollte. Ich gebe nicht viel, aber was
ich gebe, das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen. Es handelt von
den komischen Bräuchen beim Bärenfang in gewissen südlichen Gegenden,
welche Sitten kaum anderswo bekannt sind. Es war im Jahre 1882-83
bei ~Augpilagtut~ unweit ~Pamiagdluk~[47]. Bei Augpilagtut stehen
zwei Grönländerhäuser. In einem wohnen drei Seehundsfänger mit ihren
Familien, nämlich ~Benjamin~ mit dem Beinamen ~Akâtit~, ~Isak~, der
auch ~Umangûjok~ heißt, und ~Moritz~. Im andern lebt Matthäus, den wir
meistens ~Ulivkakaungamik~ oder den »Vollgepfropften« nennen, weil
»vollgepfropft« seine stehende Redensart ist. Er war damals schon über
Siebzig, aber doch noch ein guter Fänger, und hatte überdies wiederholt
ganz allein einen Bären erlegt.

Es begab sich an einem Sonntag, an dem die anderen Fänger alle in See
waren, daß wir, die Daheimgebliebenen, in Matthäi Hause Betstunde
hielten. Nach der Betstunde kam Benjamins Sohn, der gleich nach
beendetem Gottesdienste ins Freie gegangen war, hereingestürmt und
sagte: ›Draußen steht ein Bär und frißt unsern Speck auf!‹

Diese Nachricht erschreckte mich eben so sehr, wie sie mich erfreute;
der alte Matthäus aber zitterte förmlich vor Freude und rief: ›Bedankt
sei, wer eine so gute Nachricht bringt! Ich will gleich hinaus und
den Bären totstechen!‹ Ich sah ihn an und glaubte, er würde sich nun
schnell ein passendes Werkzeug dazu aussuchen, ein langes Messer
oder etwas dergleichen, aber weit gefehlt! Die Waffe, mit der er sich
versehen hatte, guckte kaum aus seiner geballten Hand hervor. ›Was soll
das bei dem Pelze und der dicken Speckschicht des Bären nützen,‹ dachte
ich. Uebrigens erlaubten die Frauenzimmer des Hauses ihm nicht, sich
mit dem Bären einzulassen, und klammerten sich alle an ihn an, um ihn
zurückzuhalten, und ich half ihnen dabei. Sie (die Frauenzimmer) lösten
auch alle ihre Haarknoten auf und schüttelten ihr Haar aus, damit der
Bär sie für Männer halten und zurückhaltender sein sollte. Unsere
heidnischen Vorfahren trauten dem Bären nämlich Menschenverstand zu.

Da wir fürchteten, es könne dem Bären einfallen, durch die
Darmhautscheiben ins Zimmer zu steigen, mußte ich darauf bedacht sein,
mir irgend eine Waffe zu verschaffen, und fragte deshalb nach der Axt.
Natürlich aber hatten sie die Axt den Leuten im anderen Hause geliehen.
Da erblickte ich ein Krummmesser, das auf dem ~Ipak~[48] neben der
Thranlampe lag, und ergriff es zugleich mit einem Holzstabe von einem
Kajakkiele, den ich als Schaft an dem Messer befestigen wollte. Kaum
aber hatte ich beides in der Hand, als mir jemand von hinten zurief:
›Gieb her, ich habe doch noch ganz andere Kräfte als Du!‹ Es war kein
andrer, als die verwitwete Tochter des alten Matthäus. Sie entriß mir
beide Teile.

Jetzt schlug die Wanduhr[49] Elf, und gleich würde der verwünschte Bär
gieriger aussehen. Ich lief gleich hin, um das Schlagwerk anzuhalten,
machte es aber in der Aufregung ungeschickt; der Spektakel wurde immer
größer, bis ich mich endlich soweit gefaßt hatte, daß ich das Lot
abhaken und das Geräusch dämpfen konnte. Die Frauen hingen noch immer
an Matthäus, um ihn zurückzuhalten. Da begann plötzlich die Mutter
des Jungen, der uns die Ankunft des Bären gemeldet hatte, ihre Hosen
bis übers Knie hinabzuziehen und schwankend im Kreise herumzugehen,
wobei sie ein paar Heuhalme zusammenflocht. Dies geschah, wie die
anderen sagten, um die Kraft des Bären zu schwächen und ihn leichter
zum Umfallen zu bringen. Unterdessen gelang es dem alten Matthäus sich
loszureißen, ich lief ihm nach und holte ihn ein, als er noch nicht
ganz aus dem Gange heraus war. Er tuschelte und flüsterte mir zu: »Sei
still -- er geht jetzt nach der See hinunter.«

Matthäus hatte seine Flinte im Kajak auf dem zur Ebbezeit freiliegenden
Strande, und als der Bär am Kajak vorübergegangen war, kroch der Alte
vorsichtig auf allen Vieren auch dorthin. Ich blieb vor dem Hause
stehen und sah von dort aus, wie sich der Bär auf einmal brummend nach
ihm umdrehte, und dies erschreckte mich so, daß ich in das andere
Haus flüchtete und dort in der Eile buchstäblich zur Thür hereinfiel.
Während ich auf dem Fußboden alle Viere von mir streckte, sah ich
durchs Fenster[50], wie der Bär und Matthäus einander unverwandt
anstarrten und nur noch der Kajak zwischen ihnen war, Matthäus Fratzen
schneidend und der Bär tief brummend, mit weitaufgerissenem Rachen
und sichtlich entschlossen, gleich zuzubeißen. Matthäus stemmte den
Fuß fest gegen den Kajak, legte an, ohne die Augen ein einziges
Mal von dem Bären abzuwenden, und drückte dann ab. Jetzt eilte ich
hinaus und sah ihn das Tier mit der Seehundslanze durchbohren, darauf
rief er laut nach dem Hause hinauf, wir möchten so gut sein, uns
unseren ~+Ningek+~ (Schmackhappen) zu holen. Die gerufenen
Frauenzimmer blieben im Eifer, an einander vorbeizukommen, in dem engen
Teil des Hausganges stecken und demolierten ihn zum Teil. Als sie bei
dem Bären ankamen, tauchten sie die Hände in seine Todeswunde und
tranken von dem warmen Blute, wobei jede gleich den Teil des Tieres,
den sie geschenkt haben wollte, nannte. Dann kam endlich die Reihe
an mich, von dem Blute zu trinken, was ich auch that, indem ich mir
den einen Schinken als Anteil ausbat. Da wurde erklärt, daß alles,
was Gliedmaßen heiße, schon versprochen sei und ich überdies versäumt
hätte, den Bären gleich bei meiner Ankunft anzurühren. Es war wirklich
dumm, daß ich daran nicht gedacht hatte. Die Mutter des Knaben, der den
Bären zuerst gesehen hatte, eilte nun ins Haus und kam mit einer Tasse
Wasser wieder, aus der wir alle einen Schluck trinken mußten, obgleich
keiner von uns durstig war; hierdurch sollte ihr Sohn beständiges
Glück auf der Bärenjagd gewinnen, und das Bluttrinken hatte dem ganzen
Bärengeschlechte zeigen sollen, daß die Menschen seine Todfeinde sind.
Ehe der Bär zerlegt wurde, klopften alle auf seinen Pelz und riefen:
»Du bist fett, fett, schön fett!« Doch das geschieht nur, weil aus
Höflichkeit angenommen wird, daß der Bär wirklich fett sei. Als wir
dem unseren aber zu Leibe gingen, stellte es sich heraus, daß er ein
wirklich außergewöhnlich mageres Tier war.

Als der Kopf ins Haus gebracht wurde, ging ich mit, da ich wußte, daß
mit ihm allerlei Künste würden vorgenommen werden. Er wurde dann auch
zuerst auf den Ipak gestellt, mit dem Gesicht nach Südosten, worauf
man ihm das Maul und die Nasenlöcher mit Lampenfettabfall und Speck
verstopfte und ihm schließlich den Schädel mit allerlei Kleinigkeiten,
wie zugeschnittenen Schuhsohlen, Sägespänen, Messern, Glasperlen u.
dergl. verzierte. Die südöstliche Richtung giebt den Weg an, auf
dem die Bären mit dem »großen Eise« um die Südspitze des Landes
herumzukommen pflegen. Die Salbe in den Nasenlöchern soll den Bären,
den man fangen will, daran hindern, die Nähe der Menschen zu wittern,
und mit dem Lampenfett im Maule will man ihm einen Liebesdienst
erweisen, da er als ein großer Liebhaber alles gebräunten Fettes
bekannt ist; die Dinge aber, mit denen sie den Bärenkopf schmücken,
beziehen sich auf den alten Glauben, daß die Geister ihrer Vorfahren
ihnen den Bären geschickt haben, um ihnen dadurch solche Dinge zu
verschaffen, und da nach altheidnischer Rechnung die Bärenseele fünf
Tage zur Heimreise brauchte, so aß man den Kopf eines Bären auch nie
vor Ablauf dieser Zeit, da die Bärenseele sonst unterwegs sterben mußte
und die Gaben der Familie dadurch verloren gehen konnten. Sogar die
Stelle, wo der Kopf abgeschnitten ist, wird sorgfältig verbunden, damit
sich die Seele nicht unterwegs verblutet. Ich nenne jetzt alles dieses
Abgötterei, aber die Heiden glaubten in alten Zeiten, daß alle Dinge,
sowohl leblose, wie lebende, eine Seele hätten. Doch dies darf man
nicht mit der unsterblichen Seele des Menschen verwechseln. Daß nun die
Leute, die hier so tief im Süden wohnen, noch in unseren Tagen, da doch
seit der Einführung des Christentums schon so lange Zeit verflossen
ist, noch so fest an den alten Bräuchen hängen, kommt wohl daher, daß
fast kein Jahr vergeht, ohne daß sie mit den Heiden von der Ostküste
zusammentreffen.

Im Jahre 1885 verließ ich ~Augpilagtut~. Ich kann nicht bestimmt
behaupten, daß es nicht auch in ~Pamiagdluk~ noch einzelne
Familien geben mag, die dem alten Bärenglauben noch anhängen.
Jedenfalls aber thun es nicht mehr alle -- Isaks nun schon ganz gewiß
nicht -- und an den Orten, die der Kolonie näher liegen, hat man kaum
von diesen Bräuchen sprechen hören.

Man hatte mir nicht mitgeteilt, an welchem Tage der Bärenkopf gekocht
werden sollte, und ich war daher sehr überrascht, als ich plötzlich
zum Mittagessen aufgefordert wurde. Ich schnitt mir ohne weiteres die
Schnauze ab, da aber bekam ich etwas zu hören, und sie wurde mir sofort
wieder aus der Hand gerissen. Dies aber nahm ich wirklich übel, das
leugne ich nicht, und ich sagte ihnen gerade heraus, daß ich keine Spur
von alledem glaubte, selbst wenn sie mich für noch so dumm hielten.
Doch sie versicherten sehr ernsthaft, daß ich von nun an nie einen
Bären würde fangen können, worauf ich ihnen antwortete, daß sie darin
wohl Recht behalten würden, weil ich nämlich so kurzsichtig sei, daß
ein Bär mich lecken könne, ehe ich ihn überhaupt sehen würde.

Außerdem giebt es noch folgende Bräuche: Sehen sie eine Bärenspur im
Schnee, so müssen sie ein wenig von dem Schnee essen, dann gelingt
es ihnen sicher, den Bären zu fangen, falls er auf demselben Wege
zurückkehren sollte. Die kleinen Knaben müssen die Nieren der
gefangenen Bären verspeisen, damit sie mutig und stark und tüchtige
Bärenfänger werden. Auch hüten sie sich in den oben erwähnten fünf
Tagen ängstlich davor, klirrende Geräusche hervorzubringen, da der Bär
jeglichen Klingklang hassen soll.

Matthäus sagte mir, der Bär, den ich ihn töten sah, sei sein elfter
gewesen und er habe sich garnicht gefürchtet, weil er hier seine Flinte
zur Hand gehabt. Früher aber habe er einmal einen auf dem Eise kriechen
sehen und sei, nur mit der Lanze bewaffnet, auf ihn losgegangen. Doch
wie lange dies her sei, wisse er nicht mehr, sagte er.«

[Illustration]




[Illustration]




Kapitel +XIII.+

Die Religion der Eskimos.


Die Religion oder religiöse Idee ist eines der merkwürdigsten
Erzeugnisse des menschlichen Geistes. Mit allen ihren der
Vernunft widerstreitenden Behauptungen und ihrer verblüffenden
Unwahrscheinlichkeit erscheint sie bei flüchtiger Betrachtung
unerklärlich. Deshalb sah man sie zu allen Zeiten als eine
übernatürliche, göttliche Offenbarung an, die ursprünglich der ganzen
Menschheit gegeben war. Doch nachdem man die mehr oder weniger
unvollkommenen Religionen der verschiedenen Völker in ihren oft
wesentlichen Unterschieden kennen gelernt, zweifelte man an der
Richtigkeit einer solchen Auffassung und begann immer mehr darüber zu
sinnen, ob die religiösen Vorstellungen nicht dem Menschengeiste selbst
zuzuschreiben seien, ob sie nicht ein durch den Einfluß der Umgebung
entstandenes Produkt sein könnten.

Das Nächstliegende war, in der Menschheit einen angeborenen Hang zu der
gewissermaßen an und für sich etwas Uebernatürliches repräsentierenden
Religiosität zu suchen. Eine geheimnisvolle, unerklärliche Ahnung
treibt, wie Schleiermacher sagt, den Menschen über die Grenzen
dieser endlichen Welt hinaus und führt ihn zur Religion. Nur durch
Verkrüppelung dieser Naturanlage kann Religionslosigkeit entstehen.
»Der Anfang der Religion selbst aber ist das erste Zusammentreffen
des gewöhnlichen Lebens mit einem außergewöhnlichen, die unfehlbare,
heilige Vermählung des Universums mit der fleischgewordenen Vernunft zu
einer schaffenden, erzeugenden Umarmung.«

Nach und nach wurden die Erklärungen weniger vage und hochtrabend.
Peschel und andere mit ihm meinten, die religiösen Vorstellungen
seien dem Drange entsprungen, der Ursache und dem Anfang aller Dinge
nachzuforschen. Oder genauer, es seien die Ursachen der Bewegung,
des Lebens und des Gedankens, die der Mensch mit seinem angeborenen
Streben nach Erkenntnis des Absoluten suche. Andere dagegen, wie
Max Müller, vertreten die Ansicht, das Sehnen nach dem Unendlichen,
das Streben, das Unbegreifliche zu verstehen und das Namenlose
zu benennen, sei der tiefe Grundton der Seele, der sich in allen
Religionen offenbare. Wieder andere, wie O. Pfleiderer, sehen in dem
angeborenen, unerklärlichen Schönheitsdrang, dem ästhetischen Gefühl
und der Phantasie des Menschen den ersten Keim religiösen Bewußtseins.
Einige wollen sogar die religiösen Begriffe auf den Sittlichkeitstrieb
oder das moralische Bewußtsein des Menschen zurückführen. Jedoch, wenn
man die Religion der Eskimos, sowie die religiösen Begriffe anderer
Naturvölker eingehend studiert, zerfallen alle diese philosophischen
Erklärungsversuche in Nichts. In unserer empirischen Zeit ist man immer
mehr zu der Erkenntnis gelangt, daß die religiösen Begriffe denselben
Naturgesetzen zuzuschreiben sind, die alle anderen Phänomene bedingen.
Immerhin schließen wir uns der von David Hume zuerst aufgestellten
Behauptung an, daß sie sich hauptsächlich von zwei Gefühlsrichtungen
oder richtiger zwei »Trieben«, wie sie jedes Tier hat, ableiten lassen,
nämlich: ~der Furcht vor dem Tode, und dem Wunsche zu leben~!
Aus dem ersten dieser Triebe entsteht die Furcht vor den Toten, vor
der unerbittlichen Natur und ihren gewaltigen Kräften, und auch der
Drang, sich vor ihnen zu schützen. Aus dem zweiten entspringt der
Wunsch, glücklich zu sein, nebst dem Streben nach Macht und äußeren
Vorteilen. Daraus folgt dann wieder, daß die Religionen in ihren ersten
Anfängen nicht uneigennützig, sondern selbstsüchtig sind, und daß der
Gläubige den Rätseln der Natur und dem Unendlichen nicht so sehr in
Betrachtung versenkt gegenübersteht, als vielmehr eifrig bemüht ist,
ihnen Vorteile für sich abzugewinnen. Wo z. B. Amuletten und Fetischen
Macht übernatürlicher Art zugetraut wird, bedient man sich ihrer und
betet sie an.

Es ist eine schwere, um nicht zu sagen, unlösbare Aufgabe, den
Anfang der religiösen Begriffe aufzufinden und festzustellen, unter
welcher unbestimmten, nebelhaften Form sie entstanden sind, als
am Morgen der Menschheit die Begriffe klarer wurden und sich aus
dem tierischen Instinkt der Verstand entwickelte. Es wird mit den
religiösen Vorstellungen jener Zeit wohl ebenso wie mit den ersten
organischen Wesen gewesen sein. Die ersten Gebilde hatten entweder
noch keine so bestimmten Formen angenommen, oder ihre Bestandteile
waren noch nicht kompakt genug, daß sie hätten Spuren hinterlassen
können. Was wir finden, sind schon entwickelte Stufen. Die ersten
religiösen Vorstellungen werden nur äußerst unklare, von vielen
äußeren Zufällen abhängende Eindrücke gewesen sein, auf die unser
Denken ebensowenig zurückschließen kann, wie wir uns das Aussehen der
ersten organischen Wesen auszumalen vermögen. Wir können ebensowenig
ergründen, auf welcher Stufe der Entwickelung des Menschengeschlechts
die ersten vagen Anzeichen religiöser Begriffe auftauchten, wie wir
die Frage verneinen können, ob unsere affenähnlichen Vorfahren davon
ergriffen worden sind. Es scheint mir nicht einmal sicher, daß den
Tieren jegliche übernatürliche Empfindung fehlt. Wir können also nicht
erwarten, bei einer der jetzt lebenden Rassen ein vollständiges Fehlen
übernatürlicher Begriffe, wie schwach sie auch entwickelt seien,
zu finden. Verwundern kann es uns nur, daß sie bei einem so hoch
entwickelten Volke, wie den Eskimos, noch immer auf einer so auffallend
niedrigen Stufe stehen.

Nach der Kenntnis, die wir von den primitiven Religionen haben, scheint
es mir wichtiger, die oben erwähnten Triebe nicht als die eigentliche
Quelle der religiösen Anschauungen anzusehen. Es sind danach vielmehr
drei Keime oder Momente zu unterscheiden, die den Stoff lieferten, aus
dem jene beiden Triebe (die wir in einen, den Selbsterhaltungstrieb,
zusammenfassen können), die religiösen Systeme bildeten. Diese
drei Momente sind: unsere Geneigtheit, der Natur Persönlichkeit
zuzuschreiben; ferner der Glaube an ihren und unseren eigenen
Dualismus, sowie an die Unsterblichkeit der Seele; und schließlich der
Glaube an übernatürliche Kraft oder Macht gewisser Dinge (Amulette).
Um einzusehen, von welcher Bedeutung diese Momente sind, besonders auf
einer niedrigen Stufe, müssen wir uns auf den Standpunkt eines Kindes
zu stellen suchen, der ja dem des Urmenschen am ehesten entspricht. Das
Kind legt der Natur nicht nur gelegentlich eine Persönlichkeit unter;
es betrachtet alle leblosen oder lebenden Gegenstände seiner Umgebung
als Personen und führt z. B. lange Gespräche mit seinen Spielsachen.
Ein mir bekanntes Kind stand eines Tages in der Küche und betrachtete
nachdenklich einige in einem Topfe kochende Würste. Plötzlich fragte
es die Köchin: »Du, hast Du die Würste tot gemacht?« -- Wir werden uns
alle aus unserer Kindheit erinnern, daß wir jeden Baum, jeden Berg
u. s. w. für etwas persönliches hielten. Dieser Hang, die Natur zu
personifizieren, giebt sich, nach Tylor, auch zu erkennen in unserer
oft völlig ungereimten Lust, unseren Aerger an leblosen Dingen, die
uns irgendwie verletzt oder Schaden gebracht haben, einmal gründlich
auszulassen. Als Sverdrup und ich Grönland durchquerten, hatten wir
einen Schlitten, der sich schlecht ziehen ließ. Es wäre uns, als wir
mit ihm fertig waren, eine wirkliche Genugtuung gewesen, wenn wir ihn
zerschlagen oder uns sonst irgendwie an ihm hätten rächen können. Mit
dem Kindergemüte unlösbar verbunden ist es auch, in jeder Bewegung oder
Veränderung seiner kleinen Welt die Bethätigung eines persönlichen
Willens zu sehen.

In der ersten Kindheitsphilosophie des Menschengeschlechtes mag sich
diese Auffassung der Naturdinge als lebender Persönlichkeiten ganz
natürlich und von selbst gebildet haben. Bäume, Steine, Flüsse, Wind,
Wolken, Sonne und Mond wurden lebende Menschen oder Tiere. Die Eskimos
glauben noch heute, daß alle Himmelskörper vor ihrer Versetzung an das
Firmament lebende Menschen waren.

Doch nach oder gleichzeitig mit diesem Hange mag auch ganz natürlich
der Begriff der Doppelnatur, des Dualismus in der Natur und im Menschen
selber entstanden sein, das Gefühl eines sichtbaren und natürlichen
Daseins und das eines übernatürlichen, unsichtbaren. Stellen wir uns
einmal vor, daß ein unwissender Urmensch das Echo seiner eigenen Stimme
hörte: mußte er nicht glauben, die Stimme eines anderen Menschen zu
hören? Er kannte die Schallwellentheorie ja nicht. Als er aber diese
Stimme immer wieder vernahm und doch keinen Menschen finden konnte,
mußte er sie natürlich einem unsichtbaren Wesen zuschreiben.

Oder, wenn er den Tau kommen und verschwinden sah, ohne zu wissen,
woher er kam und wo er blieb; wenn er die Sterne abends aufgehen
und in der Frühe erlöschen sah; wenn er die auftauchenden und sich
verziehenden Wolken, den Regen, den Wind, die Strömungen im Wasser
betrachtete: mußte da nicht der Gedanke an sichtbare und unsichtbare
Zustände in ihm aufsteigen? Als der Ureskimo zum ersten Male einen
Gletscher erblickte, ihn als Treibeis das Meer durchschiffen und
manchmal gewaltige Eisberge bilden sah: konnte er darin etwas anderes
sehen, als das Wirken ein es ihm unsichtbaren Wesens? Ja, er machte ihn
selbst zu einem solchen, dessen Abbrechen willkürliche Handlungen waren
und das er deshalb fürchtete.

Oder, um etwas ganz anderes anzuführen: wenn ein Urmensch seinen
eigenen Schatten oder sein Spiegelbild im Wasser erblickte, die kamen
und gingen, die er weder fühlen noch greifen konnte: mußte ihm dabei
nicht der Gedanke an etwas Wirkliches, allzeit Sichtbares und etwas
Unwirkliches, nur bisweilen Sichtbares kommen?

Also Gründe genug gab es schon für die Entstehung der Vorstellung
von dem Dualismus in der Natur, einem sichtbaren und unsichtbaren
Dasein. Noch stärker aber wird dieser Glaube an die Zwiefältigkeit der
Natur durch den Begriff, den sich der Urmensch von sich selber machen
mußte. Wenn er schlief und träumte, er sei auf der Jagd, beim Tanze
oder bei Freunden, kurz er schweife in der Fremde umher, und sich dann
beim Erwachen in seiner Hütte liegend fand und von seiner Frau oder
seinem Kameraden hörte, daß er seine Behausung garnicht verlassen
habe, so mußte er natürlich glauben, daß er aus zwei Teilen bestehe.
Der eine der beiden konnte ihn nachts verlassen und alles Mögliche
erleben, während der andere liegen blieb. Noch existierte für ihn kein
Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit, wie ja auch die Sprache
mancher urwüchsiger Stämme, nach Spencer, noch heute nur den Ausdruck
»ich sah« für »mir träumte, ich sah« kennt. Da er ferner gesehen hatte,
daß sein Schatten ihn bei Tage, aber nicht bei Nacht begleitete, war
es ganz natürlich, daß er den Teil seiner selbst, der ihn verlassen
konnte, ~Schatten~ nannte und damit das bezeichnete, was andere
Nationen ~Seele~ oder auch ~Geist~ nennen. Wir werden später
darauf zurückkommen, daß der Eskimo den Glauben an die Seele und
den Namen dafür auf diese Weise gefunden hat. Der Beweis für seine
eigene Verwandtschaft mit allen ihn umgebenden Dingen wurde durch die
Beobachtung, daß auch diese, gleich ihm, Schatten warfen, natürlich
noch verstärkt.

Als dann der Urmensch dem Tod ins Angesicht sah mußte dies einen
tiefen Eindruck auf ihn machen und seinen Glauben an die eigene
Doppelnatur noch mehr befestigen. Er sah denselben Leib, denselben
Mund, dieselben Glieder vor sich, nur waren sie sonst voller Leben und
Bewegung, während sie nun still und starr dalagen. Der Körper mußte
also etwas Lebenspendendes einschließen, und dieses Etwas mußte ganz
natürlich die Seele sein, die, wie er aus seinen Träumen wußte, den
Leib ja verlassen konnte. Daß man die Seele, die den Körper beim
Tode verläßt, mit dem dann fehlenden Atem in Verbindung brachte, ist
ebenfalls ganz natürlich, und so mag es gekommen sein, daß einzelne
Eskimos dem Menschen zwei Seelen: ~Schatten~ und ~Atem~
zuschrieben. Dieser Glaube an den Dualismus der Seele, der bei einigen
Völkern in den Begriffen Schatten und Spiegelbild Ausdruck findet, ist
weit verbreitet, und daher stammt auch wohl der Unterschied, den wir
zwischen Geist und Seele, ~Pneuma~ und ~Psyche~ machen.

Es könnte uns natürlich erscheinen, daß ein Urmensch an den
gleichzeitigen Tod von Körper und Seele glauben mußte. Manch einer
mochte es wohl thun; doch da sie in ihren Träumen wieder mit den
Verstorbenen zusammentrafen, mußten sie auch wieder annehmen, daß deren
Seele noch lebe. Ueberdies war der Schluß ja auch nicht unnatürlich,
daß die Seele den Körper dauernd verlassen könne, da sie ihn ja in
Zwischenräumen, im Schlafe und im Fieber, schon häufiger verlassen
hatte. So mußte der Glaube an die Fortdauer des Lebens der Seele ganz
natürlich entstehen, und da der Gedanke an völlige Vernichtung jedes
lebende Wesen wenig anspricht, hat die Unsterblichkeitsidee von jeher
in der Brust des Menschen starken Widerhall gefunden.

Da aber die meisten Menschen bange sind vor dem Tode und den Toten und
deren Gespenstern nicht gern begegnen wollen, da ferner die Furcht über
große Phantasie verfügt, so verlieh man den Verstorbenen übernatürliche
Macht; besonders zum Schaden, aber auch zum Helfen. Deshalb versuchen
die Lebenden, sich die Toten zu Freunden zu machen. Auf solche Weise
entstand der Kultus abgeschiedener Seelen, der in den Religionen der
meisten Völker eine so bedeutende Rolle spielt und der, wenn er ihnen
auch nicht gerade zu Grunde liegt, doch ein wichtiges Moment aller
Religionen, folglich auch derjenigen der Eskimos bildet.

Daß die Geister der Verstorbenen, namentlich bedeutenderer Menschen wie
der Hauptleute und Fürsten, mit der Zeit im Volksglauben zu Göttern
wurden, kann uns nicht befremden.

Das Wort Gott bedeutet ursprünglich, sowohl bei den Hebräern (~+il+~
oder ~+el+~), wie bei den Egyptern (~+nutar+~) und vielen anderen
Völkern nur ein mächtiges Wesen und wurde auf Helden so gut wie auf
Götter angewendet. Und wie es auf Erden besonders mächtige Menschen
gab, so mußte es auch in der Geisterwelt besonders mächtige Geister
geben, die natürlich Götter ~+par excellence+~ wurden und besonders
verehrt werden mußten. Auf diese Weise kommen wir schließlich in dem
Augenblick, da in der Geisterwelt eine absolute Monarchie errichtet
wird, zu dem Glauben an einen Gott.

Doch neben dieser Ahnenverehrung lag auch ein für die Entwicklung
des Aberglaubens äußerst wichtiges Moment in dem Hang des Menschen,
gewissen Dingen übernatürliche Kraft zuzutrauen. Auf dem primitiven
Standpunkte nutzte man sie zum Anwenden der Macht der Toten oder zu
einer Einwirkung auf sie. Auch andere Vorteile versuchte man sich
dadurch zu verschaffen, und hieraus hat sich im Laufe der Zeit das
Amulettwesen und zum Teil auch die Fetischverehrung entwickelt. Wie der
Glaube an die Kraft der Amulette entstehen kann, werde ich weiter unten
besprechen.

Ein wichtiges Moment in der Entstehung und weiteren Entwickelung
dieser abergläubischen Ideen ist der Einfluß der Medizinmänner
(Geisterbeschwörer) oder Priester auf ihre Mitmenschen. Es war
selbstverständlich, daß einige, und zwar die klügsten Köpfe, sich
besser auf übernatürliche Dinge verstanden, als die große Masse und in
näherem Verhältnis zu den Toten standen. Daß sie infolgedessen ihren
Mitmenschen helfen konnten, wenn es z. B. galt, die Macht der Toten für
den Vorteil des Einzelnen oder des Ganzen auszunutzen, war klar. Und
hierdurch erlangte der Priester dann wieder Macht, Einfluß auf das Volk
und manche Vorteile materiellerer Art. Deshalb hat es auch jederzeit im
Interesse der Medizinmänner und Priester gelegen, die abergläubischen
oder religiösen Ideen zu erhalten und zu nähren. Sie erhöhen ihre
Macht, wie ihre Einnahmen dadurch, daß sie vorgeben, selber daran zu
glauben, ja daß sie neue göttliche Lehren zu ihrem eigenen Besten
erfinden.

Bei Völkern wie den Eskimos kommt noch eins hinzu, was einen stark
färbenden Einfluß auf den Aberglauben hat: das harte, von Glück und
Zufall abhängende Leben, das sie führen, und die Natur, in der sie
leben. Daß ein von Jagd und Fischfang lebendes Volk abergläubisch wird,
ist eine bekannte Thatsache, für die wir in Norwegen ein schlagendes
Beispiel haben. Vergleichen wir nur den Westländer und Nordländer
mit dem Ostnorweger. Die ersteren sind hinsichtlich ihres Erwerbes
größtenteils auf das Meer angewiesen und abhängig von Wind und Wetter,
Fischzügen u. s. w.; einer ganzen Reihe dem Menschen unbekannter
Faktoren, die sie mit einem Worte Glück nennen und die ihnen nicht nur
ungünstig sein, sondern sogar das Leben kosten können. Daher werden
sie unwillkürlich abergläubisch. Es giebt keine Gegend, wo Pietismus
und Obskurantismus so fruchtbaren Boden finden wie in Westnorwegen.
Kommen wir nun zu dem Ostnorweger, so nehmen wir einen auffallenden
Unterschied wahr. Der Ostnorweger sitzt fest auf seiner Scholle, hat
freilich auch ein wenig mit Wind und Wetter zu rechnen, sitzt aber auf
dem Trockenen und ist daher weniger abergläubisch. Wieviel stärker
aber müssen diese aberglaubenerweckenden Einflüsse erst auf den Eskimo
einwirken, dessen ganze Existenz von Jagd und Fischfang abhängt!
Die beständigen Gefahren und die arktische Natur tragen gewiß nicht
wenig zum verschärfen dieser Einflüsse bei. Eine so wilde, großartige
Natur wie die grönländische -- mit ihren Gletschern, ihren treibenden
Eisbergen, Luftspiegelungen, Stürmen und der langen Winternacht mit dem
flammenden Nordlicht -- gewinnt unwillkürlich Macht über das Gemüt,
erzeugt Ehrfurcht und Bangen und nährt die Phantasie. Wir stehen
diesen Wundern mit nüchternem Verstande gegenüber, der Naturmensch
aber ersetzt, wie das Kind, das fehlende Verständnis durch die Gebilde
seiner ungezügelten Phantasie, und so verstärkt und entwickelt sich der
Glaube an das Uebernatürliche.

Die Moral, die sich viele mit den religiösen Begriffen eng verbunden
denken, hat ursprünglich wenig oder nichts mit ihnen zu schaffen. Sie
entspringt, wie ich schon hervorhob, dem Gesellschaftstrieb und hat
bei allen primitiven Völkern nichts mit der Religion gemein. Sie haben
keinen Lohn im Jenseits für moralischen Wandel.

Die Eskimos sind ein Beispiel hierfür. Wir finden freilich in den
grönländischen Sagen Andeutungen, daß das Böse, besonders Hexerei,
von den übernatürlichen Mächten bestraft wird. Die Toten können den
Lebenden zum Heil die ihnen erwiesenen Wohlthaten vergelten. Die
Seelen (oder ~+imue+~?) der Tiere können es riechen, wenn
man ihre Nachkommen allzu grausam umbringt. Die Seele oder der Geist
des Ermordeten verlangt, daß sein Tod gesühnt werde (Blutrache). Das
den Schwachen zugefügte Unrecht straft sich auf verschiedene Art u.
s. f. Doch all das tritt in so unbestimmter Gestalt hervor, daß man
es nicht als etwas Ursprüngliches (primäres) ansehen kann, sondern
nur als etwas Hinzugekommenes, da die Gesetze und gesellschaftlichen
Verhältnisse ganz natürlich in die Sagen hineingemengt werden. Es läßt
sich daher als der erste unsichere Schritt der religiösen Begriffe zur
Moral bezeichnen. Erst bedeutend später aber haben Religion und Moral
einen für beide Teile stärkenden Bund geschlossen. Die Religion erhielt
dadurch eine gute Stütze, und die Moralgesetze wirkten tiefer, seit
sie sich eines besonderen, höheren oder göttlichen Ursprunges rühmen
konnten und dazu noch Belohnungen und Strafen im Jenseits festsetzten.

Es ist ein auffallender Zug aller Religionen, daß sie trotz großer
Unterschiede in vielen Hauptpunkten wesentliche Aehnlichkeiten
haben, die über die ganze Erde gehen. Dafür giebt es nur zwei
Erklärungen: entweder haben alle Religionen einunddieselbe Ursache,
oder die religiösen Begriffe sind an einer Stelle entstanden und
haben sich von dort aus über die ganze Erde verbreitet. Ich glaube,
daß beides zusammenwirkte. Menschliches Gehirn und Nervensystem
sind bei allen Rassen erstaunlich gleichgebildet. Die Unterschiede
liegen hauptsächlich in der Entwickelung, der wir den Fortschritt
der höheren Rassen zuschreiben müssen. Man kann also wohl dasselbe
von den Gesetzen des Denkens, besonders bei den tieferen, weniger
komplizierten Verhältnissen annehmen, und da die Erfahrungen in
gewissem Grade gleich sind, so hat man wohl auch überall dieselben
Schlüsse gezogen, ist aber dabei auch allenthalten zu denselben
Hauptirrtümern gekommen. Diese Irrtümer liegen nun allen Religionen
zu Grunde. Daneben aber haben sich sicher religiöse Vorstellungen
auch an einzelnen Orten gebildet und sind dann als Wandersagen und
Märchen zu den andern Völkern der Erde gedrungen. Daß sie selbst zu so
abgeschieden lebenden Stämmen wie den Eskimos gelangen konnten, werde
ich später beweisen.

Die Religion der grönländischen Eskimos ist für alle diese Fragen von
großem Interesse. Sie ist so primitiv, daß mir Zweifel aufsteigen, ob
sie den Namen Religion überhaupt verdient. Sie besteht aus einer Menge
Sagen und vielem Aberglauben, beiden Teilen aber fehlt es an fester,
klarer Gestaltung. Die Begriffe des Uebernatürlichen wechseln mit dem
Individuellen, und das Ganze macht den Eindruck einer im Entstehen
begriffenen Religion, einer Masse unzusammenhängender, phantastischer
Eindrücke, die sich noch nicht zu einer bestimmten Weltanschauung
krystallisierten. Kurz, ein Standpunkt, wie ihn wahrscheinlich alle
Religionen einmal eingenommen haben, bevor sie sich weiter
entwickelten.

Wie alle primitiven Völker haben die Grönländer sich die Natur
ursprünglich als beseelt gedacht. Jedes Ding, wie Steine, Berge,
Hausgeräte u. s. w., hatte seine Seele. Spuren dieses Glaubens finden
wir noch heute. Die Seelen der Werkzeuge, Waffen und Kleider begleiten
den Abgeschiedenen auf seiner Wanderung nach dem Lande der Toten. Man
legt sie deshalb auf oder in das Grab, damit sie dort verfaulen und
die Seelen frei werden. Nach und nach hat sich dieser Glaube in der
allen Naturvölkern eigentümlichen, unlogischen, verwirrenden Weise
mit einem ihm anfänglich grundverschiedenen vermischt; dem nämlich,
daß die Seelen der Verstorbenen ihren Wohnsitz in gewissen Tieren,
Gegenständen, Bergen u. s. w. aufschlagen können, über die sie sich
zu Herren machen und von denen aus sie Ausflüge unternehmen, ja sich
sogar den Lebenden zeigen. So entstand der Glaube, daß in jedem
Naturgegenstande ein eigenes Wesen wohne, das der ~+Inua+~
(Besitzer) desselben genannt wird; ein Wort, das sehr bezeichnend
eigentlich »Mensch« oder »Eskimo« bedeutet.

Nach der Auffassung der Eskimos hat z. B. jeder Stein, jeder Berg,
jeder Gletscher, jeder Fluß, jeder See seinen ~+Inua+~. Selbst die Luft
besitzt einen solchen. Das Allermerkwürdigste ist jedoch, daß auch
abstrakte Begriffe ihren +Inua+ haben können. Es wird z. B. von den
~+Inue+~ bestimmter Triebe und Leidenschaften gesprochen. Dies mag bei
einem Naturvolke überraschen, ist aber leicht zu erklären. Wenn z. B.
ein Naturmensch Hunger hat und ein nagendes Gefühl in seinem Innern
verspürt, liegt ihm der Gedanke nahe, daß ein lebendes Wesen ihm dies
zufüge, und dieses Wesen nennt er den ~+Inua+~ der Eßlust oder des
Hungers. Diese~+Inue+~ sind meist unsichtbar, zeigen sie sich aber,
so geschieht es, nach Dr. Rink, in Gestalt eines Funkens oder einer
Flamme, und ihr Anblick ist sehr gefährlich.

Der Mensch selbst besteht, der alten Ansicht der Grönländer zufolge,
aus mindestens zwei Teilen, ~Leib~ und ~Seele~, die grundverschieden
sind. Die Seele ist nur einem besonderen Sinne sichtbar, den Menschen
in besonderer Gemütsverfassung oder von besonderer Begabung
(Angekoker) besitzen. Sie hat dieselbe Gestalt wie der Leib, ist
aber aus luftförmigem Stoffe. Die Angekoker erzählten Hans Egede,
die Seele fühle sich weich an, ja sei eigentlich kaum zu fühlen, als
hätte sie weder Knochen, noch Sehnen[51]. Die Ostgrönländer meinen,
die Seele sei ganz klein, nicht größer als eine Hand oder ein Finger.
Der grönländische Name der Seele ist ~+tarnik+~. Er ähnelt dem Worte
~+tarrak+~, das Schatten bedeutet, und es ist mir nicht zweifelhaft,
daß es ursprünglich ein und dasselbe Wort war, da ja der Eskimo, wie
oben gesagt, Seele und Schatten identifizierte[52]. Dies stimmt völlig
mit dem überein, was wir bei andern Völkern finden. Der Bewohner der
Fidschi-Inseln nennt z. B. den Schatten, der ihn nachts verläßt, seine
schwarze Seele, seine weiße Seele ist das Spiegelbild. +~Tarrak~+
bedeutet auf Grönländisch Schatten und Spiegelbild, also bezeichnete
das ursprüngliche Wort für Seele alle drei Dinge. Nach Cranz[53]
meinten einige Grönländer, der Mensch habe zwei Seelen, den Schatten
und den Atem (vergl. oben). Es scheint jedoch zu Egedes und Cranzens
Zeit der Glaube, daß die Seele am engsten mit dem Atem verbunden sei,
am verbreitetsten gewesen zu sein. Die Angekoker hauchten z. B. den
Kranken an, den sie heilen oder mit einer neuen Seele begaben sollten.

Als bemerkenswert sei noch erwähnt, daß ein westgrönländischer
Eingeborener, der Katechet Hanserak, der Kapitän Holm auf seiner Reise
längs der Ostküste begleitete, über den Seelenglauben der Angmagsaliker
in sein auf Eskimoisch geführtes Tagebuch schrieb, der Mensch habe
»viele Seelen«. Die größten wohnten im Kehlkopf und in der linken Seite
des Menschen und seien winzig kleine Menschen von der Größe eines
Sperlings. Die anderen wohnten in den verschiedenen Körperteilen und
seien nur so groß wie ein Fingerglied. Werde eine von ihnen entfernt,
so erkranke der betreffende Körperteil[54]. Ob dies ein allgemein unter
den Eskimos verbreiteter Glaube war, geht aus den anderen Berichten
leider nicht hervor.

Die Seele ist ziemlich selbständig und kann den Körper auf längere
oder kürzere Zeit verlassen. Sie thut es allnächtlich, wenn sie in
lebhaften Träumen auf die Jagd oder auf Vergnügungen ausgeht. Sie kann
auch daheim bleiben, wenn der Körper auf Reisen ist, welche Auffassung
Cranz dem Heimweh zuschreibt. Sie kann ferner verloren gehen oder
durch Hexerei gestohlen werden. Dann wird der Mensch krank und muß
seinen Angekok bitten, der Seele nachzureisen und sie wiederzuholen.
Ist sie aber inzwischen verunglückt oder von dem Tornarssuk eines
anderen Angekoks aufgefressen worden, so muß man sterben. Doch kann der
Angekok ihm eine neue Seele verschaffen oder eine kranke vertauschen
mit einer gesunden, die er von einem Hasen, Renntiere, Vogel oder einem
neugeborenen Kinde nimmt.

Zu diesen beiden Teilen des Menschen kommt bei den Grönländern der
Ostküste, nach Holm, noch ein dritter: der »Name« (~+atekata+~).
»Dieser ist so groß wie der Mensch selbst und tritt in das Kind ein,
wenn man ihm gleich nach der Geburt den Mund mit Wasser bestreicht
und dabei die Verstorbenen ›bei Namen‹ nennt.« Die Kinder aller
Grönländer, sogar die der christlichen, erhalten meistens den Namen
des Zuletztverstorbenen, falls noch keiner nach ihm benannt ist. Dies
geschieht, damit er Ruhe im Grabe habe. Die Ostgrönländer meinen,
daß der »Name« bei der Leiche bleiben oder erst durch verschiedene
Tiere[55] wandern müsse, bis ein Kind nach ihm benannt werde. Es ist
also ihre Pflicht, darauf zu sehen, daß dies geschehe, widrigenfalls es
für das Kind die schwersten Folgen haben könnte. Dies hat überraschende
Aehnlichkeit mit dem, was mir Professor Moltke Moe mitteilt über
den in Norwegen allgemein verbreiteten Glauben, daß die Toten »nach
dem Namen gehen«. Eine schwangere Frau träumt, dieser oder jener
verstorbene Verwandte komme zu ihr (gehe nach dem Namen), und sie
muß nun das Kind nach ihm benennen. Thut sie es nicht, so ist dies
eine Unterlassungssünde, die schädlichen Einfluß auf die Zukunft des
Kindes haben kann[56]. Bei den Rolossiern in Nordwestamerika sieht
die Mutter im Traume den verstorbenen Verwandten, dessen Seele dem
Kinde Aehnlichkeit mit ihm verleiht. Auch bei den Indianern steht das
Namengeben mit Träumen in Verbindung[57]. Der Name hat in Grönland,
wie überall, große Bedeutung. Zwischen zwei Menschen gleichen
Namens[58] soll Geistesverwandtschaft bestehen, und die Eigenschaften
des Verstorbenen sollen in den nach ihm benannten Lebenden übergehn,
der überdies noch verpflichtet ist, den Einflüssen zu trotzen, die den
Tod des ersteren verursacht haben. Ist er auf dem Meere umgekommen, so
muß der Erbe seines Namens seine Ehre darein setzen, dem Meere im Kajak
zu trotzen, welche Anschauung wir auch bei anderen Völkern, z. B. bei
den Indianern, finden.

Der Grönländer fürchtet sich sehr vor dem Aussprechen eines »toten«
Namens. Diese Furcht geht, nach Holm, auf der Ostküste so weit, daß,
wenn zwei denselben Namen führen und einer stirbt, der Ueberlebende
sofort seinen Namen ändert. Falls der Tote nach einem Tiere oder
Gegenstande geheißen, wird auch das Wort für diese umgeändert.
Infolgedessen ist die Sprache großen zeitweiligen Veränderungen
unterworfen, da die ganze Bevölkerung die umgetauften Worte
annimmt[59]. Dieselbe Sitte ist sehr verbreitet bei den Indianern in
Nordamerika und Patagonien, bei den Zigeunern in Europa, ferner in
Ostafrika, auf Madagaskar, in Australien, in Tasmanien, in Neuguinea
und auf den Gesellschaftsinseln. Als die Königin ~Pomare~ starb,
verschwand in Tahito das Wort ~+po+~ (Nacht) aus der Sprache,
und an seine Stelle trat das Wort +~mi~+[60].

Die Furcht vor dem Nennen der Namen Verstorbener kommt auch in Europa
vor, nämlich in Deutschland, auf den Shetlandsinseln[61] und wohl noch
anders. Sie wird gewiß auch bei uns zu finden sein. In Grönland, wie
bei den eingeborenen Stämmen in Amerika und auf den Sundainseln[62]
verändern Kranke, die ebenso heißen wie ein Verstorbener, ihren Namen,
um dem Tode ein Schnippchen zu schlagen.

Die Ostgrönländer fürchten sich auch, ihren eigenen Namen zu nennen.
Holm sagt, daß sie stets andere baten, an ihrer Stelle zu antworten,
wenn sie danach gefragt wurden. Als eine Mutter gefragt wurde, »wie ihr
Kindchen heiße, antwortete sie, sie könne es nicht sagen. Ebensowenig
konnte der Vater es sagen; er wollte es nämlich vergessen haben, aber
vom Bruder der Frau konnten wir es erfahren«[63].

Bei den Indianern spielt der Name eine große Rolle und wird sogar
möglichst geheim gehalten, weshalb man den Träger oft mit seinem
Beinamen[64] ruft. Bei vielen Völkern geschieht es allgemein, daß man
die Namen seiner Verwandten, wie den des Gatten, der Schwiegermutter,
des Schwiegersohnes, der Eltern u. s. w., und auch der Könige nicht
nennt. Diese Macht des Namens geht bei einigen Völkern ziemlich weit.
Als der König von ~Dahome~, ~Bossa Ahadi~, den Thron bestieg,
ließ er alle, die den Namen ~Bossa~ führten, enthaupten.

Diese Furcht vor dem Namennennen ist allgemein menschlich; wir finden
sie in vielen[65] unserer Sagen wieder, und sie ist bei uns, besonders
in Westnorwegen[66], Brauch und Sitte. Dies mag daher kommen, daß
Name und Gegenstand leicht mit einander verschmelzen. So entsteht der
Glaube, daß man, sobald man den Namen weiß, auch den Gegenstand[67]
kenne und daher mit dem Nennen des Namens auf den Gegenstand Einfluß
gewinne. Ein Mensch kann demgemäß seine Macht verlieren, wenn er
seinen Namen verrät. Deshalb wollen die Toten auch nicht, daß ihr Name
genannt werde. Nennt man sie doch, so kann dies die Wirkung haben,
die Toten aus dem Grabe heraufzurufen oder sie dort zu beunruhigen.
Die Grönländer wagen es z. B. auch nicht, den Namen eines Gletschers
(~+puisortok+~) zu nennen, weil sie fürchten, er möchte
es übelnehmen und bersten[68]. Aehnliche Anschauungen sind sehr
verbreitet, unter anderen bei den Indianern, indem diese Orte und
Flüsse nicht bei Namen zu nennen wagen[69].

Ueber das Leben der Seele nach dem Tode scheinen die Grönländer
verschiedener Meinung gewesen zu sein. Einige, die von den Missionaren
dumme, vertierte Menschen genannt werden, meinten, mit dem Tode sei
alles aus, und es könne kein Leben im Jenseits geben. Die meisten
Grönländer scheinen jedoch geglaubt zu haben, daß die Seele, wenn
sie auch nicht ganz unsterblich sei, doch den Leib überdauere oder
jedenfalls wieder auflebe, nachdem sie mit ihm gestorben. Dann gelange
sie entweder an einen Ort unter der Erde oder unter dem Meere, oder
auch in die Oberwelt oben im Himmel oder vielmehr zwischen diesen
und die Erde[70]. Der erstgenannte Ort gilt für den besten, dort
ist ein gutes Land, wo es, nach Hans Egede, »schönen Sonnenschein,
gutes Wasser, Tiere und Vögel in Menge« giebt. Es wird manch einen
verwundern, daß sie im Gegensatze zu uns ihren besten Ort unter die
Erde oder das Meer verlegen. Doch dies scheint mir dadurch leicht
erklärlich, daß sie sahen, wie der Himmel und die Berge sich im Wasser
spiegelten, und ursprünglich dies für eine andere Welt hielten. Später
haben sie freilich entdeckt, daß sie nur das Spiegelbild gesehen. Aber
der ursprüngliche Glaube an eine Unterwelt hat sich dennoch erhalten,
und es ist gerade charakteristisch, daß diese unter das Wasser verlegt
wird und viel Sonnenschein hat; denn die Sonne hat wohl meistens
geschienen, wenn sie das Spiegelbild sahen.

Der andere Ort in der Oberwelt ist kälter. Er hat wie die Erde Berge
und Thäler, und über ihm wölbt sich der blaue Himmel. Dort leben
die Seelen der Abgeschiedenen in Zelten rund um einen See herum,
und wenn dieser überfließt, regnet es auf Erden. Hier gibt es viele
schwarze Rauschbeeren, auch sind hier viele Raben, die sich den alten
Weiberseelen[71] unaufhörlich auf den Kopf setzen, schwer zu vertreiben
sind und wohl die Läuse unserer Welt vertreten. Bisweilen kann man
bei Nacht die Seelen dort oben mit einem Walroßkopf Fußball spielen
sehen. Auf der Ostküste glaubt man jedoch, daß das Nordlicht nur aus
den Seelen totgeborener, zu früh geborener, ermordeter oder heimlich
geborener Kinder bestehe. »Diese Kinderseelen fassen einander bei
den Händen und tanzen einen wirbelnden Rundtanz. Sie spielen Ball
mit ihrer Nachgeburt, und wenn sie Waisenkinder sehen, laufen sie
ihnen entgegen und werfen sie zu Boden. Sie begleiten das Spiel mit
einem pfeifenden, schrillen Laute«[72]. Deshalb heißt das Nordlicht
auch +Alugsukat+, welches Wort auch Abort und heimlich geborenes
uneheliches Kind bedeutet. Diese Auffassung der Grönländer scheint nahe
verwandt mit dem Glauben der Indianer, die im Nordlichte den Reigen
abgeschiedener Seelen sehen[73].

Eine Hölle haben die Eskimos nicht. Die obenerwähnten Aufenthaltsorte
der Seelen sind nur mehr oder weniger gut, aber eine Beziehung zwischen
den guten oder bösen Thaten des Menschen und dem Ort, an den er nach
seinem Tode kommt, giebt es nicht.

Egede[74] behauptet jedoch, in das herrliche Land unter der Erde kämen
nur »die Frauen, die im Kindbette starben, die Männer, die im Meere
ertrinken, und Walfischfänger, was gewissermaßen eine Belohnung sein
soll für das Schlimme, das sie hier auf Erden ausgestanden haben. Alle
anderen aber kommen in den Himmel«. Es scheint mir nicht ausgemacht,
daß dies der allgemeine Glaube war. Einen ähnlichen finden wir auch
bei uns. Eine alte Frau in Telemarken sagte zu Professor Moltke Moe
von ihrem Sohne: »Ja Du, seinetwegen kann ich ruhig sein, er ging
geradeswegs in den Himmel. Du weißt ja, es steht in Gottes Wort, daß
alle, die in See bleiben oder im Kindbett sterben, unmittelbar in
Gottes Reich eingehen«[75].

Nach der Aussage einiger scheint es jedoch, als ob auch andere
Grönländerseelen in die Unterwelt gelangten. Dies sollte unter
anderem von der Behandlung der Leiche abhängen. So sagt Paul Egede
(Grönländische Berichte, Seite 147), »daß die Kranken, die in den
letzten Zügen liegen, gewöhnlich vorsichtig aus dem Bette gehoben und
auf dem Fußboden zum Begräbnisse eingekleidet werden. Das Niederlegen
bedeutet gleichsam die Niederfahrt unter die Erde, die sie dem Toten
wünschen. Stirbt einer aber, bevor er niedergelegt ist, so muß er
in den Himmel.« Auf die Frage, weshalb man einen Hundekopf auf ein
Grab gelegt habe, erhielt er die Antwort: »Es ist bei einigen unserer
Mitmenschen so Brauch, einem Kinde, wenn es begraben wird, einen
Hundekopf mitzugeben, weil er Spuren finden und dem Kinde, wenn es
wieder lebendig wird, den Weg in das Land der Seelen zeigen kann. Denn
Kinder sind dumm und unverständig und können allein den Weg nicht
finden«[76]. Kapitän Holm[77] scheint die Richtigkeit dieser Auffassung
(die er übrigens nach Hans Egede anführt) zu bezweifeln, und zwar aus
dem Grunde, weil er bei den Ostgrönländern solch einen poetischen
Brauch nicht entdecken konnte. Mir scheint dies nicht berechtigt, denn
einerseits dürfen wir die so bestimmte Aussage eines Mannes, wie Paul
Egede, der die Grönländer und ihre Sprache aus dem Grunde kannte,
nicht in Zweifel ziehen, andrerseits aber muß man stets bedenken,
wie religiöse Begriffe hin und her schwanken und veränderlich sind.
Ueberdies finden wir ja entsprechende Bräuche bei den Indianern. Die
Azteken schlachteten bei Beerdigungen einen Hund, banden ihm einen
baumwollenen Faden um den Hals und verbrannten ihn oder begruben ihn
mit der Leiche. Er sollte den Verstorbenen über die tiefen Wasser des
Chiuhnahuapa ins Totenreich[78] führen.

Die Reise in das schöne Land ist jedoch nicht leicht. Egede sagt,
unterwegs sei ein hoher, spitzer Steinblock, »den die Toten
hinunterrutschen müssen, weshalb der Stein blutig ist«. Cranz
behauptet, die Seelen brauchten fünf Tage oder noch länger, um diesen
Stein oder diesen Felsen hinabzurutschen, bevor sie weiter könnten.
Besonders beklage man die Armen, die diese Reise bei stürmischem
Wetter oder im Winter machen müßten, weil die Seele dabei leicht zu
Schaden kommen könne. Die Grönländer nannten dies den zweiten Tod,
mit dem alles zu Ende sei[79]. Sie fürchteten dies sehr, und die
Ueberlebenden hatten in diesen Tagen gewisse Vorsichtsmaßregeln zu
beachten, damit die Seele nicht verunglücke. Aehnliche Sagen von vielen
Schwierigkeiten auf der langen Reise der Seele nach dem Land der Toten
finden wir bei den meisten Völkern[80]. Annehmbarer Weise sollten diese
Schwierigkeiten ursprüglich Prüfungen sein, die die Guten leichter
überstehen als die Bösen. Da nun bei den Eskimos diese Schwierigkeiten
kein Prüfstein für Gut und Böse sind, so scheint damit bewiesen, daß
diese Sage mit ihren Ausschmückungen von anderen entlehnt ist, und
zwar zunächst wohl von den Indianern. Namentlich erinnert der spitze
Stein stark an den »Bergkamin« der Indianer, »dessen schmaler Grat
so scharf ist wie das schärfste Messer« und über den der Weg nach
~Wanaretebe~, der Wohnstätte der Seelen, führt[81].

Auch den Tieren scheinen die Grönländer allgemein eine Seele zuerkannt
zu haben. Wie die Menschenseele konnte sie den Körper überleben und ins
Jenseits reisen, was z. B. aus der im zwölften Kapitel mitgeteilten
Bärengeschichte deutlich genug hervorgeht. Es ergiebt sich auch aus
der erwähnten Sitte, Hundeköpfe auf Kindergräber zu legen. Natürlich
soll die in dem Kopfe wohnende Hundeseele die Kinderseele geleiten.
Dies ist übrigens ein unter Naturvölkern allgemein vorkommender Glaube.
So meinen die Kamschadalen, daß die Seele jedes Tieres, selbst des
kleinsten Flohs in der Unterwelt wieder auflebe.

Der Grönländer kennt viele höhere übernatürliche Wesen. Von denen,
die den Menschen am nächsten stehen und von denen diese durch ihre
Angekoker am meisten Nutzen haben, müssen zuerst die ~Tôrnat~
(Plural von Tôrnak) genannt werden. Es sind die dienstbaren Geister
der Angekoker, die ihnen zu ihrer übernatürlichen Macht verhelfen.
Man denkt sich darunter oft die Seelen Verstorbener, besonders der
Großeltern und Vorfahren. Es können aber auch die Seelen verschiedener
Tiere sein, und ebenso anderer übernatürlicher Wesen menschlichen
Ursprunges wie die weiter unten zu besprechenden Kivitut oder
wirkliche, im Meere oder im Innern des Landes hausende Geister. Auch
Seelen abwesender Europäer. Jeder Angekok hatte in der Regel mehrere;
einige erteilten ihm Rat, andere halfen ihm in Gefahr, und wieder
andere vollzogen seine Zerstörungs- und Rachegelüste. Letztere sandte
er aus, um die, deren Untergang er beschlossen hatte, als Gespenster zu
Tode zu ängstigen.

In Verbindung mit den Tôrnat oder über ihnen steht der Tôrnârssuk,
der in der allgemeinen Meinung als ihr direktes Oberhaupt oder doch
als ein sehr mächtiger Tôrnak galt. Er war beinahe ein Gott, mit dem
der Angekok durch seinen Tôrnak in Verbindung treten und von dem er
Rat erhalten konnte. Oft scheinen dem Tôrnârssuk auch böse Dinge
nachgesagt worden zu sein, und es ging ihm wohl darin wie allen anderen
übernatürlichen Wesen, daß es ganz von dem Angekok abhing, ob er ihn
als Nutzenspender oder als Schadenbringer austreten lassen wollte.
Der Tôrnârssuk hatte sein Heim in der Unterwelt im Lande der Seelen.
Ueber sein Aussehen waren die Begriffe unklar, einige hielten ihn für
gestaltlos, nach anderen sollte er einem Bären gleichen, wieder andere
stellten ihn als einen einarmigen Riesen dar, und manche behaupteten
sogar, er sei so klein wie ein Finger. Ebensowenig scheint man,
nach Hans Egede, über sein Wesen völlig ins Reine gekommen zu sein.
Während einige ihn für unsterblich hielten, glaubten andere, daß er
außerordentlich leicht zu töten sei. So erzählt Egede von den magischen
Operationen der Angekoker und ihren Unterredungen mit dem Tôrnârssuk:
»Dann aber darf keiner der Anwesenden schlafen, sich den Kopf kratzen
oder gar von hinten einen gehen lassen, denn ein solcher Pfeil, sagen
sie, kann sowohl den Hexenmeister, wie den Teufel selbst (d. i. den
Tôrnârssuk) töten.« Dr. Rink glaubt, hier liege ein Mißverständnis
Egedes und der übrigen Missionare vor und im ganzen habe man über das
Aussehen, wie über das Wesen des Tôrnârssuk nicht viel gewußt. Die
Heiden der Ostküste sind jedoch, wie wir sehen werden, ziemlich genau
über ihn unterrichtet.

In diesem Tôrnârssuk haben viele ein höchstes, von den Eskimos
angebetetes Wesen sehen wollen, das unserem Gott entspreche. Trotzdem
wurde er bei der Einführung des Christentums in den Teufel verwandelt
und gilt nun dafür. Ich kann mich des Glaubens nicht erwehren, daß
Egede und die ersten Missionare ein wenig Anteil an der Fabrikation
seiner Gottesvertretung haben. Sie kamen sicherlich, wie viele
Heidenmissionare, mit der vorgefaßten Meinung ins Land, jedes Volk
müsse einen Gottesbegriff oder den Glauben an ein höchstes gutes
Wesen haben. Davon ausgehend haben sie gewiß die armen Heiden solange
mit Fragen über ihren Tôrnârssuk gequält, bis die Antworten danach
ausfielen. Dann werden sie soviel von ihrem guten, allmächtigen Gotte
geredet haben, daß die Heidenpriester, um nicht zurückzustehen, nun
ihrerseits versicherten, sie hätten auch einen solchen Gott. Daß er ein
so großer Geist nicht war, wie allgemein betont wird, geht deutlich
aus Kapitän Holms Bericht über den Glauben der ostgrönländischen
Heiden hervor. Ihr Tôrnârssuk ist eher ein bescheidenes Tier, das im
Meere lebt und das sowohl Angekoker, wie gewöhnliche Menschen sehen
können und gesehen haben. Sie beschreiben ihn ganz genau, haben
sogar zahlreiche Abbildungen von ihm. Er ist so lang wie ein großer
Seehund, aber dicker als dieser und hat unter anderem lange Fangarme.
Holm ist nach ihrer Beschreibung zu der ketzerischen Ansicht gelangt,
daß der Tôrnârssuk ein ganz gewöhnlicher Tintenfisch sei. Er frißt
die geraubten Seelen und ist oft ganz rot von Blut. Man kann sagen,
wenn dies aus dem ursprünglichen Gottesbegriff hat werden können, so
ist er in betrübender Weise heruntergekommen. Dazu giebt es auf der
Ostküste nicht nur einen, sondern jeder Angekok hat, nach Holm, seinen
Tôrnârssuk. Er hat dort auch einen Gehülfen, den ~Aperketch~, der ein
schwarzes, bis zu zwei Ellen langes Tier mit großen »Kneifzangen am
Kopfe« ist. Holm sagt ausdrücklich, daß er kein Anzeichen von einem
Glauben an die Herrschaft des Tôrnârssuk über die Tôrnat habe entdecken
können. Wir werden also von der Macht und Bedeutung, die ältere
Verfasser diesem Geiste zuschrieben, ein wenig abziehen müssen[82].
Es scheint mir klar, daß dieser Glaube an den Tôrnârssuk, wie an die
Tôrnat von einem Glauben an die Geister oder Gespenster der Vorfahren
abzuleiten ist. Dies geht vielleicht auch aus den Worten selbst hervor.
Meiner Ansicht nach konnte ~Tôrnak~ dasselbe Wort sein wie +~tarnik~+
oder +~tarnek~+ (Seele), welches wieder +~tarrak~+ (Schatten) gleich
ist. Eine Stütze für diese Annahme finden wir darin, daß +tôrnak+
auf der Ostküste +~tartok~+ oder +~tartak~+ heißt, welches dasselbe
Wort wie +~tarrak~+ ist[83]. Es kommt mir demnach wahrscheinlich vor,
daß alle diese Worte ursprünglich nur eines waren, das Schatten,
Spiegelbild der Seele bedeutete und auch die Seelen Verstorbener
bezeichnete. Nun aber ist Tôrnârssuk sicherlich von Tôrnak abgeleitet
und war vielleicht ursprünglich identisch mit Tôrnârssuak, d. h. dem
großen oder dem bösen, häßlichen Tôrnak. Damit wäre dann wieder gesagt,
daß er ein mächtiger Tôrnak war, der allmählich bei einigen Stämmen zu
einer Art Herrschaft über die anderen Tôrnat oder Seelen Verstorbener
gelangte.

Daß die Grönländer diese zum Gegenstande besonderen Aberglaubens
machten, erklärt die Furcht, die sie noch immer vor den Toten hegen,
mehr noch vor deren Gespenstern, die sich oft sehen lassen und sehr
gefährlich, aber auch freundlich sein können. Ihre leiblichste Art,
sich zu zeigen, ist durch Pfeifen und durch Ohrenklingen. Im letzteren
Falle bitten sie um Speise, weshalb man dann in Grönland sagt: »Nimm
nach Belieben«, nämlich von meinem Vorrat[84]. Daß ein Gespenst nicht
immer gefährlich ist, ergiebt sich aus der Erzählung Nils Egedes[85]
von einem Knaben in Godthaab, der, als er einmal mit einigen anderen
in der Nähe des Grabes seiner Mutter spielte, plötzlich jemand aus dem
Grabe steigen sah. Er und die anderen liefen fort, aber das Gespenst
lief ihnen nach, ergriff den Sohn, »hielt ihn fest, küßte ihn und
sagte: Sei nicht bange, ich bin Deine Mutter und liebe Dich,« und
dergl. mehr. Die Bräuche bei Todesfällen und Begräbnissen zeigen, wie
sehr sie sich vor den Toten und besonders deren Seelen oder Gespenstern
fürchten. Oft wird den Sterbenden kurz vor dem Tode das Leichenkleid,
meistens ihr bestes Gewand, angezogen. Häufig werden ihnen auch die
Beine so gebogen, daß die Füße das Hinterteil berühren, und dann
werden sie so in ein Fell eingenäht oder eingewickelt. Das letztere
wohl deshalb, weil sie so weniger Platz einnehmen und in ein möglichst
kleines Grab gelegt werden können, und zwar geschieht dies bei
lebendigem Leibe, damit die Ueberlebenden die Leiche nicht mehr als
nötig zu berühren brauchen. Die Furcht vor dem Berühren der Toten geht
so weit, daß sie (wie oben erwähnt wurde) einem Verunglückenden (z.
B. einem Kajakmann, der dem Ertrinken nahe ist) auf keinen Fall Hülfe
leisten würden, sobald sie glauben, er sei dem Tode nahe.

Die Toten werden sofort nach dem Abscheiden hinausgebracht, und zwar,
wenn sie in einem Hause gestorben sind, durch das Fenster. Sterben sie
aber im Zelt, so durch eine eigens für diesen Zweck in die Hinterwand
gemachte Oeffnung[86]. Dies stimmt merkwürdig mit der in Norwegen
allgemein verbreiteten Sitte, die Leichen durch eine für diesen Zweck
gemachte Oeffnung in der Wand hinauszutragen[87]. An beiden Stellen
liegt wohl der gleiche Grund vor, nämlich der Seele durch das Schließen
dieses Einganges die Rückkehr unmöglich zu machen, was nicht geschehen
könnte, wenn die Leiche durch den Hausgang oder die Thür hinausgebracht
würde. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Grönländer diese Sitte
von den alten Norwegern oder den Isländern in Grönland erhalten haben.
Wir finden sie in mehreren Sagen als bei den heidnischen Isländern
üblich angeführt. In der »+Eyrbyggia+«[88] heißt es: »Darauf
ließ er hinter dem Toten ein Loch in die Wand brechen und brachte
ihn hinaus.« Auch die Sachen der Toten werden sofort hinausgeworfen,
damit sie die Lebenden nicht verunreinigen. Dies erinnert an unser
Leichenstrohverbrennen, welcher Brauch bei allen uns verwandten
Volksstämmen in Europa ebenfalls besteht[89].

Die Ueberlebenden tragen auch ihre eigenen Sachen ins Freie, damit der
Todesgeruch ausziehe. Sie werden entweder abends wieder hereingeholt
oder bleiben, wie auf der Ostküste, mehrere Tage draußen. Dort tragen
die Verwandten des Verstorbenen ihre bisher getragenen Anzüge nicht
wieder; man wirft sie fort[90].

Sobald die Leiche draußen ist, zündet eine Frau einen Kienspan an,
schwenkt ihn hin und her und sagt: »Hier ist nichts mehr zu holen!«
Dies geschieht wohl, um der Seele zu zeigen, daß alle ihre Sachen
hinausgeschafft sind.

Der Tote wird entweder begraben oder ins Meer geworfen (falls einer
seiner Vorfahren im Kajak umgekommen ist?). Seine Habe, wie Kajak,
Waffen und Anzüge, oder bei weiblichen Wesen Nähutensilien, Krummmesser
u. s. w., wird auf oder neben das Grab gelegt; ist die Leiche aber ins
Meer geworfen, so irgendwo an den Strand. Dies scheint teils deshalb zu
geschehen, weil sie Furcht vor den Sachen des Toten haben und sie nicht
wieder benutzen wollen, teils auch, weil diese ihnen, wie H. Egede
sagt, Veranlassung zum Weinen geben würden, indem der Anblick sie an
den teuren Verstorbenen erinnert und »sie glauben daß der Tote frieren
müsse, wenn man zuviel um ihn weine«[91]. Diese Vorstellung erinnert
auffallend an den zweiten Abschnitt von Helge Hundingstöter, wie er
seiner Witwe Sigrun naß, verfroren und bereift begegnet, weil sie um
ihn geweint hat. (»Helge schwimmt in Kummertau«.[92]) Man vergleiche
auch das bekannte schwedisch-dänische Volkslied »Aage und Else«, worin
es heißt:

  Wohl jedesmal, wenn Du Dich freust,
  Nicht denkst an meinen Tod,
  Füllt sich mein schwarzer Leichenschrein
  Mit duftenden Rosen, rot.

  Doch jedesmal, wenn Du Dich grämst,
  Im Aug' der Thränen Flut,
  Füllt sich der Sarg, in dem ich ruh',
  Sogleich mit schwarzem Blut.

Außerdem aber war es gewiß die Meinung der Grönländer, daß der Tote
seine Sachen brauche, sei es zu Ausflügen aus dem Grabe, sei es in der
anderen Welt. Sie sahen die Sachen verfaulen und glaubten, daß ihre
Seelen der Seele des Verstorbenen folgten. Wer den Toten hinausgetragen
oder ihn oder etwas ihm Zugehöriges berührt hat, ist für einige Zeit
unrein und muß sich nach Vorschrift der Angekoker gewisser Speisen
oder Arbeiten enthalten. Dieselben Vorschriften müssen auch alle
im Trauerhause Wohnenden beobachten, teils um sich selber nicht
zu schaden, teils um der abgeschiedenen Seele die Reise nicht zu
erschweren.

Sie müssen eine bestimmte Zeit um den Toten trauern, und sehen sie
Bekannte oder Verwandte, die sie seit dem Todesfalle noch nicht
getroffen haben, so müssen sie, sobald diese ins Haus treten, zu
weinen und zu heulen anfangen, wenn auch noch so lange Zeit seitdem
verstrichen ist. Solche Heulscenen sollen recht komisch wirken und
sind die reinste Komödie, nach der man sich mit »Essen und Bewirtung«
tröstet. Sie haben auch manche andere Trauerbräuche, die oft ziemlich
stark in ihr Leben eingreifen können. So die Sitte, daß die, die die
Leiche hinausgetragen haben, jahrelang nichts Eisernes anfassen dürfen.
Dazu kommt die obenerwähnte Furcht vor dem Nennen des Namens des
Verstorbenen.

All das geschieht, wie die Ostgrönländer Holm sagten, »damit der Tote
nicht zürne«. Es zeigt, welch großen Einfluß auf dieses Leben sie den
Toten zuschreiben, und es liegt danach nichts Unwahrscheinliches darin,
daß der ganze Glaube an die Tôrnat und den Tôrnârssuk sich daraus
entwickelt habe. Später wird sich indessen auch anderer Aberglaube
hineingemischt haben.

Die Grönländer glauben übrigens an eine ganze Heerschar übernatürlicher
Wesen. Ich werde hier nur einige wenige nennen.

Die Tiere des Meeres beherrscht eine große Frau, die einige »die
Namenlose«, andere aber ~Arnarkuagssâk~ nennen, welcher Name nur
»altes Weib« bedeutet.

Sie wohnt unter dem Meere, wo sie in ihrer Stube bei einer Lampe
sitzt, unter der, wie bei allen Grönländerlampen, eine Schale oder
ein umgekehrter Schemel zum Auffangen des herabtröpfelnden Thranes
steht. In diesem Thran schwimmen Scharen von Seevögeln, und von hier
gehen die Tiere des Meeres aus, wie der Seehund, das Walroß und der
Narwal. Sobald sich in ihrem Haar gewisse Unreinlichkeiten angesammelt
haben, hält sie die Seetiere von den Küsten zurück, oder diese bleiben,
vom Ungeziefer angelockt, freiwillig aus. Dann fällt dem Angekok die
schwere Aufgabe zu, die Meerfrau zu besuchen, um sie zu besänftigen
oder zu kämmen.

Der Weg zu ihr ist gefährlich, und der Angekok muß seinen Tôrnak
mitnehmen. Zuerst geht es durch das schöne Land der Seelen in der
Unterwelt. Dann kommt ein tiefer Abgrund, über den er nur auf einem
großen, eisglatten, sich mit großer Geschwindigkeit drehenden Rade
gelangen kann, wobei der Tôrnak ihm behülflich ist. Darauf muß er
an einem großen Kessel vorbei, in dem lebendige Seehunde kochen.
Schließlich geht es durch eine gefährliche Wache von aufrechtsitzenden
und wütend um sich beißenden Seehunden hindurch, oder an einem großen
Hund vorbei, der vor dem Hause der Meerfrau steht und bellt, sowie ein
großer Angekok sich nähert. Nur ab und zu schläft er ein wenig. Diesen
Moment muß man abpassen, was freilich nur die größten Angekoker können.
Hier muß der Tôrnak den Angekok wieder bei der Hand nehmen. Denn der
Eingang ist breit genug, aber der Weg ist so schmal wie eine Schnur
oder ein Messerrücken und führt über einen entsetzlichen Abgrund.
Schließlich gelangen sie in das Haus der Meerfrau. Ihre Hände sollen
so groß sein wie die Schwanzfinne eines Walfisches, und schlägt sie
den Angekok, so ist es mit ihm vorbei. Nach Aussage einiger rauft
sie sich die Haare und schäumt vor Wut über solchen Besuch, so daß
der Angekok sich mit ihr schlagen muß, ehe sie sich von ihm lausen
und kämmen läßt. Nach anderen genügen freundliche Worte und gütliche
Ermahnungen. Wenn sein Geschäft abgethan ist, hat der Angekok einen
verhältnismäßig leichten Rückweg[93]. Der Mythus erinnert stark an die
Reisen in die Unterwelt oder den Hades, die in den europäischen Sagen
eine so große Rolle spielen (Dionysos, Orpheus, Herakles u. s. w.,
vergleiche auch Dante) und zu denen unsere eigene Mythologie in Hermods
Helritt, um Baldur zu holen, ein Gegenstück besitzt. Aehnliche Sagen
kommen übrigens auch bei den Indianern vor. Nach dem, was Moltke Moe
mir mitteilte, erscheint es kaum zweifelhaft, daß die grönländische
Vorstellung hier von europäischen Sagen gefärbt oder sogar aus ihnen
entstanden ist. Die Vorstellung von dem glatten Rade tritt in den
Legenden[94] des Mittelalters auf, und die Brücke, die so schmal ist
wie eine Schnur oder ein Messerrücken, finden wir ebenfalls, zum Teil
sogar mit denselben Worten, geschildert, wieder in europäischen Sagen
aus jener Zeit über Reisen in die Unterwelt. Ein altes, nordenglisches
Lied spricht von der »Schreckensbrücke, nicht breiter als ein Faden«.
Tundal sieht im Fegefeuer eine schmale Brücke über einem schrecklich
tiefen, finsteren, stinkenden Thale u. s. w. Zum ersten Male erscheint
diese Höllenbrücke in der Legendenlitteratur in den Dialogen Gregor
des Großen aus dem Jahre 594 (+liber+ IV, +caput+ 36)[95].
Doch diese mittelalterlichen Vorstellungen sind zweifellos wieder
von orientalischen Traditionen gefärbt. Die Juden reden von einer
fadenbreiten Höllenbrücke, und die Muhammedaner glauben, daß alle
Seelen mitten in der Hölle über eine Brücke müssen, die dünner ist als
ein Haar, schärfer als ein Messer und finsterer als die Nacht[96].
Der »~Avesta~« zufolge kamen die Seelen der alten Parsen in der
dritten Nacht nach dem Tode über die »hohe Hara« -- ein die Erde
umgebendes, bis an den Himmel reichendes Gebirge -- auf dem Wege nach
der von zwei Hunden bewachten ~Tsjinvatbrücke~. Diese Brücke
erweitert sich und wird, nach den ~Pehlevi~schriften, beinahe eine
Parasange breit, wenn die Seelen frommer Menschen hinübergehen, zieht
sich aber zusammen, wenn Gottlose sie passieren wollen, so daß sie in
die unmittelbar unter ihr liegende Hölle stürzen[97].

Eine ähnliche Vorstellung finden wir (vergl. Sophus Bugge, unten
angeführt) im alten Volkslied »+Draumekvaedi+« von der ~Gjallar~brücke
auf dem Weg ins Totenreich. Sie hängt so hoch in der Luft, daß man auf
ihr schwindlig wird (»+Gjallarbrui, hon henge saa högt i vinde+« = Die
Gjallarbrück', sie hängt so hoch im Winde). In einigen Varianten des
Liedes wird sie ausdrücklich als schmal bezeichnet, indes andere sie
als »steil und breit« schildern. In den Edden heißt es von Hermod, daß
er über die Gjallarbrücke ritt, die mit glänzendem Gold gepflastert war
und unter ihm allein nicht weniger dröhnte, als unter fünf Fylken (250)
toter Männer.

Dem Glauben der Grönländer an eine Brücke oder einen schmalen
Weg scheinen also diese europäischen oder ursprünglich zum Teil
orientalischen Vorstellungen, die ihnen die alten Nordländer
brachten, zu Grunde zu liegen. Gleichzeitig aber können sie auch
etwas Ursprünglicheres enthalten. So finden wir bei den Indianern den
Glauben an eine Schlangenbrücke oder einen sich in der Luft drehenden
Baumstamm, der über den Totenfluß in die Totenstadt führt[98].

Der große Hund, der den Eingang zum Hause der Meerfrau bewacht,
erinnert ja sehr an Hels furchtbaren, an der Brust blutigen Hund
~Garm~, der vor der ~Gripa~höhle heult. Ein solcher Hund in
der anderen Welt ist übrigens eine allgemeinverbreitete Vorstellung.
Bei den Indern bewachen zwei Hunde den Weg zu ~Iamas~ Wohnung[99],
und bei den alten Parsen bewachen zwei Hunde die ~Tsjinvat~brücke
(siehe vorige Seite). Bei den Indianern steht ein großer oder toller
Hund jenseits der obenerwähnten Schlangenbrücke.

In europäischen Märchen, besonders in unseren nordischen, kommt oft
ein altes Weib vor, das über die Tiere herrscht[100]. Die Alte will
gern Mutter genannt, gekratzt und gewaschen werden und freut sich, wenn
sie ein Paar Schuhe, ein Stück Tabak oder dergleichen bekommt. Trifft
Aschenpüster sie und erweist ihr solche Gefälligkeiten, so erwidert
sie dies mit »mütterlicher Fürsorge«, läßt ihm die Tiere helfen oder
schenkt ihm etwas. Doch außer diesem gewöhnlichen Motiv, das in vielen
unserer Märchen wiederkehrt, läßt sich auch ein bestimmtes Märchen, das
von ähnlichen Vorstellungen getragen wird, nachweisen. Aschenpüster
kommt mit einem ganzen Gefolge von Tieren, dem Hasen, der Wildkatze,
dem Braunbären (Eichhörnchen), dem Raben, dem Wolfe und dem Bären, zu
der Bergfrau, um seine geraubte Schwester zu erlösen. Während er ißt,
ruft die Bergfrau: »Kratze mich! Kratze mich!« »Du mußt warten, bis ich
gegessen habe,« antwortet der Bursche. Die Schwester aber sagt ihm,
daß die Hexe ihn zerreißen wird, wenn er es nicht gleich thut. Da läßt
er die Tiere sie kratzen, eines nach dem andern. Doch sie ist nicht
damit zufrieden, bis die Reihe an den Bären kommt, der ihr alle Läuse
wegkratzt. In mehreren Varianten sind es drei Brüder, die nacheinander
ihr Glück bei der Hexe versuchen. Die beiden ersten werden von ihr
totgeschlagen[101]. Diese Züge nordischer Märchen scheinen schon an
und für sich von verdächtiger Aehnlichkeit mit der grönländischen
Vorstellung. Namentlich erinnert das Waschen und Kopfkratzen stark an
das Haarkämmen, und da wir gleichzeitig finden, das die Arnarkuagssak
den westlichen Eskimos unbekannt ist, so scheint die Verbindung klar.
Einer grönländischen Sage zufolge war sie die Tochter eines mächtigen
Angekok, der sie, als er unterwegs von einem Sturme überfallen wurde,
aus dem Frauenboote warf, um sich zu retten. Als sie sich an den
Bootrand klammerte, hieb er ihr nacheinander alle Finger und beide
Hände ab. Diese verwandelten sich in Seehunde und Walfische, über die
sie selbst Herrscherin wurde. Als sie dann unterging, erhielt sie
ihren Wohnsitz unter dem Meere. Die Eskimos vom Baffinslande kennen
dieselbe Sage von einer Frau namens ~Sedna~, die jedoch ein
ganz anderes Wesen ist, als die Arnarkuagssak. Letztere scheint am
Mackenzieflusse unbekannt zu sein. »Sollte es sich bestätigen,« sagt
Dr. Rink, »daß die grönländische Mythe auch in Alaska unbekannt ist,
so müssen wir annehmen, daß sie während der Auswanderung nach Grönland
erfunden wurde«[102]. Nach dem Obenerwähnten ist indessen die Annahme
natürlicher, daß der Mythus von den alten Nordländern stammt.

Fassen wir alles zusammen, so scheint diese grönländische Gottheit
ursprünglich eine altnorwegische Märchengestalt gewesen zu sein. Die
Beschreibung der Reise zu ihr stammt wahrscheinlich von europäischen
Sagen und Legenden, die von den alten Grönlandsfahrern eingeführt
wurden, oder ist doch stark von jenen gefärbt. Daneben kann sie sich
auch mit ursprünglicheren eskimoischen Elementen vermischt haben, die
aus dem Westen stammen und denen der Indianer gleichen.

Die zur Oberwelt emporfahrenden Seelen kommen auf dem Gipfel eines
hohen Berges an der Wohnung einer seltsamen Frau vorbei. Sie heißt
~Erdlaversissok~ (d. i. Eingeweideausnehmerin) und hat einen Trog
und ein blutiges Messer. Sie schlägt die Trommel, tanzt mit ihrem
eigenen Schatten und sagt nichts weiter als: »Mein Hosenschlitz!«
oder singt: »Ja, ha, ha, ha!« Wenn sie sich umdreht, sieht man auf
ihrer Rückseite einen großen Spalt, aus dem ein magerer Kaulkopf
(+~Cottus gobio~+) schlenkert. Läßt sie sich von der Seite
sehen, so zieht sich ihr Mund so schief, daß das Gesicht in der Quere
länglich wird. Bückt sie sich, so kann sie sich selbst den Hintern
lecken, und bückt sie sich seitwärts, so schlägt sie mit der Wange
auf die Hüfte, daß es nur so klatscht. Kann man sie ansehen, ohne zu
lachen, so hat es keine Gefahr. Sobald man aber den Mund verzieht,
wirft sie die Trommel hin, ergreift den Frechen und wirft ihn zu Boden.
Dann zieht sie ihr Messer, schneidet ihm den Bauch auf und reißt ihm
die Gedärme aus, die sie in den Trog wirft, um sie bald voller Gier
zu verschlingen[103]. Auch in dieser Erzählung begegnen wir mehreren
traditionellen norwegischen Zügen[104]. Die »Unterirdischen« dulden
kein Lachen. Das Menschenkind, das sie damit beleidigt, muß schwer
dafür büßen. Auch in zwei Namen von der Jotunriesin, die uns die Snorra
Edda[105] bewahrt hat, ~Bakrauf~ und ~Rifingafla~ (das Weib
mit dem gespaltenen oder zerrissenen Hinterteil) finden wir ganz
denselben Gedanken, der sich in dem großen Spalte der grönländischen
Sagengestalt ausspricht.

Auf derselben Reise kommen die Seelen auch am Hause des Mondgeistes
vorbei. Der Weg, den sie wandern, wird unter anderem als sehr eng
beschrieben, und man sinkt auf ihm bis an die Achseln ein[106]. Dies
erinnert an die Sümpfe, die in unserem »Draumekvaedi« in der Nähe der
Gjallarbrücke liegen und in denen die Bösen versinken[107].

  »+Høg'e ae den Gjallarbrui,
  »ho tisst 'punde skyi hange,
  »men eg totte tyngre dei Gaglernyrann
  »gu' baere den, dei ska gange+«![108]
  »Hoch ist ist die Gjallarbrück',
  »Schwere Wolken unter ihr wehen,
  »Doch noch schwerer ist das Gaglemoor,
  »Götter, helft dem, der dort soll gehen!«

In Dänemark kennt der Volksglaube diese Höllensümpfe unter dem Namen
Helmoore, Helsümpfe. Anscheinend spüren wir hier also wieder den
Einfluß der alten Nordländer, zu denen die Vorstellung von derartigen
Strafsümpfen in der Unterwelt durch die kirchliche Visionsdichtung des
Mittelalters gelangt sein mag.

Auf See glauben die Kajakmänner sich von dem sogenannten ~Ignerssuit~
(Plur. von +~ignerssuak~+ = großes Feuer) umgeben. Die meisten sind
gute Wesen, die den Menschen helfen. Der Eingang ihrer Wohnungen liegt
am Strande. »Die erste Erde, die entstand, hatte weder Meere, noch
Gebirge, sondern war ganz glatt. Da Ihm da droben die Menschen auf ihr
nicht gefielen, zerstörte Er die Erde. Sie barst. Die Menschen fielen
in die Spalten und wurden Ignerssuit. Das Wasser überströmte alles.
Als die Erde wieder erstand, war sie vollständig bedeckt von einem
Eisgletscher. Dieser verschwand allmählich, und vom Himmel fielen zwei
Menschen herab, von denen die Erde bevölkert wurde. Jahr für Jahr nimmt
der Eisgletscher ab. An vielen Orten sieht man noch Zeichen von der
Zeit, da das Meer über den Bergen stand«[109].

In diesem Mythus lassen sich Einflüsse von nicht weniger als vier
verschiedenen Seiten verspüren. Die Vorstellung von den Ignerssuit
selber, die Menschen gleichen und unter der Erde wohnen, ähnelt der
indianischen Sage, nach der die Menschen früher unter der Erde lebten
und dann an einer Weinranke, die aus einer Spalte oder Bergklamm
emporrankte, auf die Oberfläche der Erde hinaufkletterten. Als ein
dickes Weib (oder ein dicker Mann) hinaufklettern wollte, brach die
Ranke, und die anderen mußten unten bleiben, während diejenigen, die
hinaufgelangt waren, die Erde bevölkerten[110].

Die beiden vom Himmel herabfallenden Menschen entstammen, wie mir
scheint, der Schöpfungssage der finnisch-ugrischen Stämme oder doch
derselben Quelle wie diese. Bei den ~Vogulen~ kommen die beiden
ersten Menschen in einer Wiege von Silberdraht vom Himmel. Daß der
Himmel die Wiege des Menschengeschlechtes sei, behaupten auch die
Mythen anderer finnisch-ugrischer Völker in Asien und Europa[111].

Aehnliche Vorstellungen sind auch zu den Indianern gelangt
(vielleicht durch die Eskimos?): so meinten die Huronen, die ersten
Menschen seien vom Himmel herabgekommen[112]. Die Anschauung, daß
die Erde ursprünglich flach war und dann barst, erinnert auch an
die finnisch-ugrische Schöpfungssage, nach der die Erde bei ihrer
Erschaffung eine flache, ebene Schale auf dem Wasser bildete, dann
aber durch eine Erschütterung (weil Satan sich übergeben mußte) sich
wellenförmig bewegte und in diesem Zustand erstarrte, wodurch Berge und
Thäler entstanden[113].

Ein drittes Moment bilden die Menschen, die jene erste, flache Erde
bewohnten und mit denen Er dort droben so unzufrieden war, daß Er die
Erde bersten und das Wasser hervortreten ließ. Es scheint mir kaum
zweifelhaft, daß dies einer direkten Einmischung der christlichen
oder jüdischen Sintflutsage zu verdanken ist, die selbstverständlich
in Grönland von der West- nach der Ostküste gelangt sein kann.
Möglicherweise haben sich der Sintflutsage auch noch Einzelheiten
einer in ganz Europa und nicht zum wenigsten in Norwegen verbreiteten
Sage von der Entstehung der Unterirdischen oder Unsichtbaren (des
Huldrevolkes) angeschlossen. Als Unser Herrgott Eva einmal besuchte,
wusch sie gerade ihre Kinder. Die noch Ungewaschenen versteckte sie
schnell im Keller, in dunklen Winkeln und unter großen Kufen, die
anderen aber führte sie Ihm vor. Gott fragte, ob dies alle seien, und
als sie bejahte, sagte er: »+Saa skal de, som er ~dulde~, bli
~hulde~!+« (»So sollen die Versteckten verborgen bleiben!«)
Und von diesen stammt das Huldrevolk[114]. Jedenfalls erinnern
die +Ignerssuit+ an die Unterirdischen unserer nordischen
Volksüberlieferung.

Schließlich haben wir als viertes Moment, das nur aus Grönland
selbst[115] stammen kann, die Eisgletscher.

Von anderen Wesen lassen sich noch die sogenannten Binnenlandmenschen
anführen, die im Innern des Landes oder auf dem Binneneise wohnen.
Einige von ihnen werden ~Tornit~ (Plur. von ~Tunek~) oder auch
~Inorutsit~, auf der Ostküste auch wohl ~Timersit~ genannt; sie haben
Menschengestalt und sind sehr groß, wie einige sagen, 4 +m+, nach
anderen aber so groß, wie ein Frauenboot lang ist, also mindestens 10
+m+. Ihre Seele allein hat die Größe eines gewöhnlichen Menschen. Sie
leben von der Jagd, teils vom Erlegen der Landtiere, teils von der Jagd
auf Seetiere. Sie können ungeheuer schnell laufen. Wenn sie auf See
sind, brauchen sie keinen Kajak, sondern sitzen im Wasser, und »der
Nebel ist ihr Kajak[116].« Seehunde können sie vom Lande aus fangen
(mit großen Wurfschlingen), und zwei schwere große Robben oder blaue
Seehunde können sie auf dem Rücken in einem Sack von Seehundsleder bis
tief ins Innere des Landes tragen. Mit den Menschen stehen sie meistens
auf Kriegsfuß, verkehren aber manchmal auch freundschaftlich und
tauschen sogar Frauen mit ihnen.

Eine andere Art Binnenlandmenschen sind die ~Igaligdlit~ (Plur. von
~Igalilik~), die mit einer ganzen Küche auf der Schulter umgehen. Der
Kessel allein ist so groß, daß man einen ganzen Seehund auf einmal
darin kochen kann, und besagter Kessel kocht, wo sie gehen und stehen.
Eine dritte Art sind die ~Erkigdlit~ (Plur. von ~Erkilek~), die nach
einigen oben Menschen- und unten Hundegestalt haben, nach anderen
aber Menschen mit Hundeköpfen oder Hundeschwänzen sind. Sie tragen
ihre Pfeile in einem Köcher auf dem Rücken und gelten als tüchtige
Bogenschützen[117]. Den Menschen sind sie Feinde. Ferner seien die
~Isserkat~ (Plur. von ~Isserak~) genannt, die »längs blinzeln«, was
wohl heißen soll, daß ihre Augen nicht quer, sondern von oben nach
unten im Kopfe liegen.

Wie +Dr.+ Rink nachgewiesen hat, läßt sich kaum daran zweifeln,
daß diese Binnenlandmenschen, die alle eine hervorragende Rolle
in den Sagen der Grönländer spielen, ursprünglich verschiedene
Indianerstämme waren, mit denen die amerikanischen Vorfahren der
Grönländer teils freundschaftlichen, meist aber feindlichen Verkehr
hatten. Schilderungen und Erzählungen dieser Stämme haben sie mit
nach Grönland gebracht, und der Schauplatz wurde auch fernerhin in
das Innere des Landes verlegt, d. h. in das Innere Grönlands, wo
die Menschen dann allmählich zu mythischen Wesen wurden. Das Wort
~Tunek~ scheint geradezu »Indianer« zu bedeuten und wird von
den Eskimos in Labrador noch heute dafür gebraucht. Die Eskimostämme
auf der Westküste von Hudsonsbai nennen die Indianer des Innern
~Erkigdlit~. Daß die ~Tornit~ groß und flink sind, paßt gut
auf die Indianer, da diese größer als die Eskimos und diesen auf dem
festen Lande überlegen sind. Daß die Erkigdlit tüchtige Bogenschützen
sind und ihre Pfeile in Köchern tragen, was die Grönländer nie
gethan, erinnert ebenfalls an die Indianer, wie auch die Hundebeine
und der Hundekopf wohl auf den Glauben der Indianer zurückzuführen
sein dürfte, daß sie von einem Hunde abstammen (siehe oben)[118].
Die »längsblinzelnden« Isserkat können recht gut ursprünglich
Indianerstämme mit ausgeprägt schiefen oder seltsam geformten Augen
gewesen sein. Solche sind ausdrücklich von Reisenden beschrieben
worden. Wir haben hier also übernatürliche oder mythische Wesen
von greifbar historischem Ursprunge. Den Sagen von den Kämpfen mit
ihnen liegen sicherlich gleichfalls bis zu einem gewissen Grade
geschichtliche Begebenheiten zu Grunde. Auf dieselbe Weise waren
wohl auch die klassischen Nationen mit ihren mythischen Völkern
bekannt[119].

Wesen eigentümlicher Art sind die ~Kivitut~ (Plur. von ~Kivitok~).
Früher waren sie gewöhnliche Menschen, die sich jedoch aus irgend
welchem, oft unbedeutendem Grunde mit ihrer Familie oder ihren
Hausgenossen erzürnt oder sich von ihnen benachteiligt geglaubt und
deshalb die Menschen verlassen. Sie flüchteten in die Berge oder das
Innere des Landes, wo sie seitdem einsam leben und sich von Tieren
nähren, die sie ohne Waffen nur mit Steinwürfen erlegen. War der
Kivitok nur erst kurze Zeit von Hause fort, so steht es noch in seiner
Macht, heimzukehren. Gehorcht er aber nicht binnen einer bestimmten
Zahl von Tagen der Stimme des Heimwehs, so verliert er die Fähigkeit,
zu den Menschen zurückzukehren. Einige meinen, dies geschehe erst
nach einem Jahr. Nun erhält er übernatürliche Eigenschaften, wird
schnellfüßig, daß er von Berggipfel zu Berggipfel springen kann,
zerlegt Renntiere ohne Waffen und trifft alles, wonach er wirft. Er
wird groß, kleidet sich in Renntierfelle, bekommt ein schwarzes Gesicht
und weißes Haar, wird ferner allwissend oder hellsehend, kann die
Menschen reden hören und erlernt die Sprache der Tiere. Dafür aber
kann er zu seinem Unglück nicht sterben, und er weint vor Sehnsucht
nach den Menschen, die er nicht mehr besuchen darf. Nur selten,
namentlich nachts, kann er sich gelegentlich in die Häuser oder die
Vorratsspeicher schleichen, um dort etwas Eßbares oder auch ein wenig
Tabak zu entwenden. Die aber, die ihm etwas thaten, sind nie vor seiner
Rache sicher.

Das Merkwürdige an diesem Glauben ist, daß er sich möglicherweise auf
die Wirklichkeit stützt. Nimmt man einzelne kranke oder alte, dem
Tode nahe Menschen aus, die sich ins Meer oder von steilen Bergen
hinabstürzen, um ihren Leiden ein Ende zu machen, so ist Selbstmord in
Grönland so gut wie unbekannt. Dagegen kommt es vor, daß einzelne nur
wegen eines kränkenden Wortes ihres Nächsten ins Gebirge gehen und den
Menschen wenigstens mehrere Tage entschwunden sind. Ich selbst kenne
Grönländer, die dies thaten. Man glaubt jedoch zuverlässige Beispiele
zu haben, daß Leute längere Zeit als Kivitok gelebt haben. Vor ungefähr
fünfundzwanzig Jahren fand man in einer Höhe auf der Akugdlekinsel in
Nordgrönland Spuren, daß sich dort ein Mensch längere Zeit aufgehalten
hatte. Vor dem Höhleneingang fand man einen vielbenutzten Fußpfad,
drinnen war ein Feuerherd, ein Loch im Fußboden, das als Vorratskammer
gedient hatte, ein weiches Mooslager, Ueberbleibsel von getrockneten
Fischen, eßbare Pflanzenwurzeln u. dergl. Einige Schritte weiter fand
man eine kleinere Höhle, deren Oeffnung ein Steinblock verschloß. Hier
hatte der Kivitok sich selbst begraben, als er den Tod herannahen
gefühlt. Als man ihn fand, lag er noch in seinem Fellpelze da. Den
Eingang zum Grabe hatte er selbst von innen mit einem Steinblock
verschlossen. Die Grönländer erkannten ihn wieder und meinten, er müsse
zwei bis drei Jahre als Kivitok gelebt haben. Der Grund, daß er die
Menschen verlassen, soll der gewesen sein, daß seine Angehörigen ihn
als einen schlechten Fänger verachteten und zurücksetzten. Als dann
auch sein kleiner Sohn starb, wurde ihm das Leben zu schwer, und er
floh in die Wildnis[120].

Wie Moltke Moe mir nachweist, besteht eine merkwürdige Aehnlichkeit
zwischen diesen Kivitut und den in den isländischen Sagen so häufig
vorkommenden ~Utilegumeron~ oder Ausmärkern, d. h. Uebelthätern,
die ins Gebirge flohen und fern von Menschenwohnungen leben. Die
große Rolle, die sie in der Volksphantasie spielen, und die mystische
Furcht, mit der man sie betrachtet, haben bewirkt, daß sie im
Volksglauben sehr bald mit den Trolden, dem Huldrevolke und ähnlichen
Sagenwesen verschmolzen, deren übermenschliche Eigenschaften auch
ihnen zugeschrieben wurden. So können sie in die Zukunft sehen,
wissen, was in der Ferne geschieht, können Nebel hervorzaubern und
dadurch den Wandrer irreführen und haben übernatürliche Kräfte[121].
Wie der Kivitok sich bei den Menschen einschleicht, um etwas Eßbares
zu stehlen, so raubt der Ausmärker den Einsiedlern Schafe, Speisen
und Kleidungsstücke. Der Glaube, daß Menschen durch Absonderung von
der menschlichen Gesellschaft zu übernatürlichen Kräften kommen, ist
für die Grönländer wie die Isländer gleich charakteristisch. Noch
größer wird die Uebereinstimmung, wenn man bedenkt, daß diese Sagen
in Grönland wie auf Island einen wesentlichen Teil des Inhaltes der
Volksüberlieferung und des jetzigen Glaubens bilden. Bei andern Völkern
kommen ähnliche Vorstellungen so gut wie garnicht vor (die Norweger im
Westen und besonders im Norden zum Teil ausgenommen). Da scheint mir
denn die Schlußfolgerung dringend geboten, daß auch der Kivitokglaube
in Grönland von alten Nordländern, oder näher bestimmt, von den
Isländern stammt.

Von den seltsamen Wesen der Grönländer ist ferner noch anzuführen der
~Igdlokok~, der einem halben Menschen glich, nur einen halben Kopf,
einen Arm, ein Bein und ein Auge hatte. Sehr ähnliche Wesen finden wir
bei den Griechen, den Moslemin, den Zulukaffern und den Indianern[122].

Ueber die Erschaffung der Welt hatten die Grönländer sich keine Ansicht
gebildet. Die Erde und das Weltall sind entweder von selbst entstanden
oder sie sind immer dagewesen und werden immer bleiben.

Ueber die Erschaffung der Menschen oder der Eskimos hatten sie
ebenfalls keine klaren Ansichten. Einige meinten, der erste Mensch
sei aus der Erde hervorgewachsen und habe sich mit einem Erdhäufchen
vermählt. Dies habe eine Tochter geboren, die er dann zur Frau
nahm[123]. Das Herauswachsen aus der Erde ist eine ganz gewöhnliche
Anschauung, die auch bei uns und auf Island vorkommt[124]. Wir sagen:
»Wer mit einend Stock auf die Erde haut, schlägt seine Mutter, und wer
auf Gestein haut, schlägt seinen Vater«, was ja an die grönländische
Vorstellung erinnert, da der Mann dort gleichfalls einem Felsen
entsprungen sein wird.

Ueber die Entstehung der Europäer haben sie eine Sage, die für uns
nicht gerade schmeichelhaft ist. Eine Eskimofrau, die keinen Mann lange
behalten konnte, verheiratete sich schließlich mit einem Hunde und
bekam von ihm mehrere Menschenkinder und mehrere Hündchen. Letztere
setzte sie auf eine alte Schuhsohle, schob sie in die See hinaus und
rief ihnen nach: »Fahret hin und werdet Kavdlunaker (Europäer)« oder
»Von Euch sollen alle anderen Völker stammen«. Daher kommt es, wie
die Eskimos sagen, daß die Kavdlunaker immer auf der See leben und
ihre Schiffe wie Grönländerschuhe hinten und vorne rund sind. Die
anderen Kinder setzte sie auf Weidenblätter und schob sie ins Land
hinein, und aus ihnen wurden die Binnenlandmenschen oder Indianer
(~Erkiligdlit~ und ~Tornit~)[125]. Ganz ähnliche Sagen finden
wir bei den Eskimos auf Baffinsland[126] und auch an der Nordseite von
Alaska, wo sie sich indessen nur auf die Indianer und nicht auf die
Europäer zu beziehen scheinen. Solche Sagen von hündischer Abstammung
(oder Abstammung von Wölfen und Bären) kommen bei vielen Völkern vor,
bei Ariern, wie bei Mongolen und amerikanischen Urvölkern[127]. Bei
vielen Indianerstämmen spielt diese Sage insofern eine Hauptrolle, als
sie glauben, daß das erste Weib sich mit einem Hunde vermählte und
sie von diesem Paare abstammen. Ich bin überzeugt, daß die Eskimos
ihre Sage dorther erhielten und sie als für die Indianer geltend
herübernahmen. Als sie später mit anderen Fremden, wie den Europäern,
zusammentrafen, wandten sie jene Sage auch auf diese an. Merkwürdig
ist, daß der zum Schiff gewordene Schuh auch in den Baffinsländer Sagen
wiederkehrt.

Die Ursache des Todes ist bei den Eskimos ein altes Weib, das sagte:
»Laßt diese nach und nach sterben, sonst wird es zu eng auf der Welt.«
Nach anderen zankten sich zwei von den ersten Menschen. Der eine
sagte: »Laß Tag sein, laß Nacht sein und die Menschen sterben«, der
andere aber: »Laß nur Nacht sein und die Menschen leben bleiben«; nach
langem Streiten ging es nach den Worten des ersteren. Noch andere
erzählen, eine Schlange und eine Laus hätten gewettet, wer zuerst
bei den Menschen ankäme. Gewänne die Schlange, so sollten sie immer
leben, gewänne aber die Laus, so sollten sie sterben müssen. Die
Schlange habe einen großen Vorsprung gehabt, sei unterwegs aber von
einem hohen Berg gefallen und habe infolgedessen einen großen Umweg
machen müssen. Da sei die Laus früher angelangt, und also hätten die
Menschen von nun an sterben müssen[128]. Diese Mythen scheinen schon
durch ihre sinnlose oder aus dem Zusammenhange losgerissene Darstellung
zu verraten, daß sie aus anderen Gegenden stammen und Bruchstücke
älterer Sagen sind, deren ursprünglicher Zusammenhang und Sinn in
Vergessenheit geriet. Wenn wir uns umsehen, finden wir auch bei den
weit entfernt wohnenden Völkern merkwürdige Ähnlichkeiten[129]. Die
zweite Mythe (von dem Zanke) findet sich auch auf den Fidschiinseln,
wo sich der Mond mit einer Ratte streitet und will, daß die Menschen
sterben und wiederaufleben wie er selbst. Die Ratte aber sagt, sie
sollten lieber sterben wie Ratten, und so geschah es. Bei den Indianern
zankten sich die Stammväter, zwei Wolfbrüder. Der jüngere sagt: »Wenn
ein Mensch stirbt, laß ihn den nächsten Tag wieder kommen, damit seine
Freunde sich freuen.« »Nein,« sagt der ältere, »laß die Toten nicht
wiederkehren.« Da erschlug der Jüngere den Sohn des Aelteren, und damit
kam der Tod in die Welt[130].

In Südafrika giebt es Mythen, die der von der Schlange und der
Laus merkwürdig ähnlich sind. Sowohl an der Goldküste, wie bei den
Zulukaffern wurde vom ersten großen Wesen ein Tier (ein Chamäleon) mit
der Botschaft zu den Menschen gesandt, sie sollten ewig leben und nie
sterben. Dann aber bedachte sich das Wesen und schickte ein zweites
(den schnellfüßigen Salamander) aus mit dem Bescheid, sie müßten
sterben. Da die zweite Botschaft zuerst anlangte, wurde es so. Bei den
Hottentotten ließ der Mond den Menschen sagen: »Gleich wie ich, sollt
Ihr sterben und wieder aufleben«[131]. Der Hase aber hörte es, eilte
voraus und sagte: »Gleichwie ich, sollt Ihr sterben und nicht wieder
aufleben.« Diese Mythe gleicht wieder auffallend der obenerwähnten von
den Fidschiinseln, und so erhalten wir eine Brücke zwischen der zweiten
und dritten grönländischen, die zwei Varianten ein und derselben Sage
sein müssen. Die Stammsage muß sehr alt sein, da sie sich so weit
verbreiten konnte.

Die Eskimos glauben ungefähr von allem, was sie sehen, daß es von ihren
Landsleuten stamme. Fische und andere Seetiere entstanden dadurch,
daß ein alter Mann Späne von einem Baum hieb, sich damit zwischen die
Beine strich (»+sudore testiculorum+«) und sie dann ins Wasser warf,
wo sie zu Fischen wurden. Der Haifisch entstand auf andere Art. »Eine
Frau wusch sich einmal das Haar mit Urin, und als ihr ein Windstoß das
Tuch, mit dem sie sich abtrocknete, entführte, wurde aus dem Tuch ein
Haifisch; daher riecht das Fleisch dieses Fisches nach Urin[132].«

Die Himmelskörper waren einst gewöhnliche Eskimos, die hier auf Erden
lebten und aus irgend einem Grunde an den Himmel versetzt wurden. Die
Sonne war eine schöne Frau, die mit ihrem Bruder, dem Mond, in einem
Hause wohnte. Sie wurde allnächtlich von einem Manne besucht, wußte
aber nicht, wer es war. Um dahinter zu kommen, schwärzte sie ihre
Hände mit Lampenruß und strich ihm damit über den Rücken. Als es hell
wurde, stellte sich heraus, daß es ihr Bruder gewesen; sein schöner,
reiner, weißer Renntierpelz war angeschwärzt, und davon kommen die
Flecken im Monde! Die Sonne ergriff nun ein Krummmesser, schnitt sich
eine Brust ab, warf sie ihm hin und sagte: »Wenn Dir mein ganzer Leib
gut schmeckt, so friß diese.« Damit zündete sie ein Stück Lampendocht
an und eilte hinaus, der Mond machte es ebenso und lief ihr nach,
aber sein Docht erlosch, und deshalb sieht er glühend aus. Sie liefen
einander nach, in die Luft hinauf, und dort sind sie geblieben[133].
Das Haus des Mondes liegt an der Straße der Seelen nach der Oberwelt
und hat auch ein Zimmer für seine Schwester, die Sonne. Dieser Mythos
scheint vom Westen zu stammen. Bei den nordamerikanischen Indianern
sind Sonne und Mond Geschwister, und auch bei den Indianern am
Amazonenstrom finden wir ganz dieselbe Mythe, nur ist dort der Mond ein
Weib, das seinen Bruder, die Sonne, im Dunklen besucht. Dieser macht
ihre schimpfliche Leidenschaft dadurch offenkundig, daß er ihr seine
geschwärzte Hand aufs Gesicht drückt. (Vergleiche auch die Mythen aus
Australien und dem Himalaya auf nächster Seite.) Bei den ~Inkas~
in Peru waren Sonne und Mond gleichzeitig Bruder und Schwester und Mann
und Frau. (Vergleiche auch Iris und Osiris der Egypter.)[134]

Das Merkwürdige an der Sonne ist, daß sie vorn schön, hinten aber nur
ein Knochengerippe sein soll[135]. Das erinnert auffallend an unsere
schönen Huldren, deren Rückseite hohl ist, und es scheint mir, als
müßte es eine europäische, vorzugsweise nordische Vorstellung sein,
die wohl die alten Nordländer mit nach Grönland brachten. Daß die
Sonne hinten ein Gerippe ist, hat für die Ostgrönländer seinen Grund
darin, daß ihr, wenn sie am tiefsten steht, also am kürzesten Tage, der
Hintere mit scharfen Werkzeugen zerschnitten wird, weshalb sie wieder
steigen muß. Die ganze Rückseite ist schon fortgeschnitten und nur das
Knochengerüst geblieben[136].

Der Mond hat seiner alten Natur noch nicht entsagt, er kommt noch
immer oft auf die Erde herab und geht dort auf galante Abenteuer
aus. Alle weiblichen Wesen müßten sich vor ihm hüten, dürfen nicht
bei Mondschein allein ausgehen, sollen nicht in den Mond sehen u.
s. w. Die erotische Natur des Mondes scheint sehr alten Datums. In
Australien ist er ein Kater, der ein Verhältnis mit der Gattin eines
anderen hatte und deshalb beständig wandern muß. Bei den Kasias im
Himalayagebirge begeht der Mond allmonatlich die unverzeihliche Sünde,
sich in seine Schwiegermutter zu verlieben, die ihm Asche ins Gesicht
wirft und so die Flecken im Monde verursacht[137]. Einer slavonischen
Sage zufolge war der Mond der Mann der Sonne, wurde ihr aber untreu und
verliebte sich in den Morgenstern, wofür er der Quere nach zerspalten
wurde[138]. Bei den alten Griechen und Römern war der Mond allerdings
weiblichen Geschlechtes, aber die liebe Luna war auch nicht frei von
erotischen Neigungen. Ueberdies bringen die Eskimos den Mond auch mit
der Kälte in Verbindung. Wenn er an einem Walroßzahne schnitzt und
die Splitter auf die Erde hinabwirft, schneit es, und ebenso, wenn
er in ein Rohr pustet. Er fährt, wenn er die Erde besucht, im Winter
stets im Schlitten über das Eis. Daß der Mond mit der Kälte und dem
Winter in Verbindung gebracht wird, ist ja ganz natürlich, da er im
Winter und bei Nacht regiert. Als strenge und kalte Natur ist er
begreiflicherweise Mann, während die Sonne erst weiter südlich, wo sie
mit ihrer Hitze quält, zum Manne wird.

Das Donnern besorgen zwei alte Weiber, die sich um eine trockene,
steife Haut streiten und je an einem Ende zerren. In der Hitze des
Gefechtes stoßen sie ihre Lampen um, und dann blitzt es. Der Nebel
entstand zuerst durch einen Tornarssuk, der soviel trank, daß er
platzte[139]. Hinsichtlich der Ursache des Regens haben sie, außer der
erwähnten Anschauung noch eine andere, die von der Ostküste stammt.
Der Regen wird dort von einem Wesen hervorgebracht, das ~Asiak~
heißt und im Himmel wohnt. Bei anhaltend trockenem Wetter pflegten die
Angekoker früher zu ihm zu reisen und ihn um Regen zu bitten. Wenn
sie an sein Haus kamen und hineinguckten, saß seine Frau gewöhnlich
auf der Pritsche, Asiak selber aber gut zugedeckt dicht an der Wand.
Sie mußten die Frau inständig bitten, ehe sie endlich sagte: »Heute
Nacht hat er sich wie gewöhnlich ein bischen naß gemacht.« Dabei
schüttelt sie das kurze Bärenfell, auf dem er sitzt, sodaß es davon
herabtropft, und dann regnet es auf Erden[140]. Schon der Umstand, daß
die Angekoker um Regen bitten müssen, dessen die von Jagd und Fischfang
lebenden Eskimos ja überhaupt nicht bedürfen, scheint zu verraten, daß
dieser Mythos aus anderen Gegenden stammt, in denen Ackerbau getrieben
wurde. Unmöglich ist es wohl nicht, daß dieser Asiak, wie Holm meint,
identisch ist mit einem der vielen Regengötter der amerikanischen
Urbevölkerung, die auf den Gipfeln hoher Berge oder an ähnlichen
Orten wohnten und bei den Mayas in Yucatan z. B. ~Chac~ hießen.
Aber der ganze Mythos mag auch noch weiter von Westen herstammen.
Der Regen wird übrigens garnicht selten als Urin aufgefaßt. Bei den
Kamtschadalen begegnet uns diese Idee als direkter, roher Glaube. Wenn
es regnet, lassen nach ihrer Meinung die Luftgötter ihr Wasser. Wenn
der neugriechische Volksglaube den Regen mit dem Ausdrucke [Greek:
katouraei ho theos] (»Gott pißt«) bezeichnet, so ist das eine alte
Anschauung, die schon Aristophanes benutzt hat. Er läßt eine seiner
Personen in den »Wolken« sagen, er habe früher geglaubt, daß, wenn
es regne, Zeus [Greek: dia koskinou oureei] (durch ein Sieb pisse).
Das ist derselbe Gedanke, der in mehr oder weniger abgeschwächter
Form, meist mit humoristischem Anstriche, in verschiedenen deutschen,
norwegischen, vlämischen u. s. w. Sprichwörtern Ausdruck findet. Seinen
Grund hat er in einem uralten primitiven Glauben, den man auch bei
vielen anderen Völkern, z. B. den alten heidnischen Arabern, ja sogar
bei den Juden aufspüren kann[141].

In ihrem Glauben oder Aberglauben wurden die Eskimos, wie noch heute
auf der Ostküste, von ihren Priestern oder Geisterbeschwörern, den
Angekokern (~Angakok~, Plur. ~Angakut~) unterwiesen. Es waren
die klügsten und bedeutendsten, aber oft auch die verschlagensten
Männer ihres Volkes. Sie behaupten, mit Geistern sprechen zu
können, in die Unterwelt wie in den Himmel zu reisen, Tornassuk und
übernatürliche Wesen zu beschwören und von ihnen Offenbarungen zu
erhalten u. s. w. Hauptsächlich wirken sie auf ihre Landsleute durch
ihre Geisterbeschwörungen und verdanken ihren Einfluß wesentlich den
Seancen, die vorzugsweise im Winter stattfinden, wenn die Eskimos
in Häusern wohnen. Dabei löscht man die Lampen aus und verhängt die
Fenster mit Fellen, so daß es im Zimmer völlig dunkel ist. Der Angekok
selbst sitzt auf dem Fußboden. Er macht nun einen entsetzlichen
Spektakel, von dem das ganze Hans erbebt, verändert seine Stimme,
brüllt und schreit, spielt den Bauchredner, stöhnt, klagt, trommelt,
winselt, intoniert ein schneidendes Höllengelächter und versucht alle
möglichen Künste. Damit bringt er seine Landsleute zu dem Glauben,
er werde von den verschiedenen Geistern, die er beschwören soll, auch
wirklich besucht, und sie seien es, von denen der Lärm herrührt.

Um Angekok zu werden, bedarf es, wie zu erwarten, einer langen
Lehrzeit, oft voller zehn Jahre. Der Lehrling muß häufig längere
Zeit die Einsamkeit[142] aufsuchen und mehrere Tage hintereinander
einen Stein in der Richtung der Sonnenbahn auf einem anderen reiben,
wodurch er einen Berggeist beschwört. Bei dessen Anblicke stirbt er
vor Schrecken, lebt aber nachher wieder auf u. s. w. Hierdurch erlangt
er nach und nach seine Tornat. Er darf nicht eher davon sprechen,
was er werden will, als bis er ausgelernt hat, dann aber muß es auch
geschehen. Soll er ein richtiger Erzangekok werden, so muß er womöglich
von einem Bären gepackt und an den Strand geschleppt werden, wo dann
ein Walroß erscheint, ihn mit den Zähnen an seinen Genitalien packt,
bis an den Horizont trägt und ihn dort auffrißt. Darauf gehen seine
Knochen nach Hause, begegnen unterwegs den Fleischfetzen und wachsen
mit diesen wieder zu einem ganzen Menschen zusammen. Jetzt ist er ein
patentierter Angekok.

Der Einfluß dieser Angekoker hing natürlich von ihrer Geschicklichkeit
ab. Sie scheinen indessen nicht ausschließlich Betrüger gewesen zu
sein, sondern haben möglicherweise zum Teile selber an ihre Hexenkünste
geglaubt. Vielleicht waren sie oft ehrlich davon überzeugt, wirkliche
Offenbarungen zu haben, obwohl Egede nicht glaubt, daß sie »irgendwie
wirkliches +Commercium+ oder Gemeinschaft mit dem Teufel« gehabt.

Krankheiten können sie durch Hersagen von Zauberformeln, Einsetzen
einer neuen Seele oder dergleichen heilen. Zu den von ihnen geheilten
Krankheiten rechnet man auch die Uebelstände, daß ein Mann keine
Seehunde fangen und eine Frau keine Kinder bekommen kann.

In letzterem Falle unternimmt der ostgrönländische Angekok noch heute,
wenn er hinreichend tüchtig ist, eine Reise nach dem Monde, von wo
er der Frau, die dann schwanger wird, ein Kind hinabwirft. Nach
dieser beschwerlichen Reise hat der Angekok das Recht, bei der Frau
zu schlafen[143]. Diese Reise nach dem Monde steht natürlich mit der
obenbesprochenen erotischen Natur dieses Herrn in Verbindung. Auch
bei den Indianern wird der Mond mit der Fortpflanzung in Verbindung
gebracht.

Man muß den Angekok gut bezahlen, wenn seine Heilkünste Erfolg haben
sollen. Andernfalls gelingt natürlich nichts. Selbstverständlich ist
nicht er es, der die Geschenke erhält, sondern der Tornak; er nimmt sie
nur für diesen in Empfang.

Durch ihre Verbindung mit der übernatürlichen Welt haben die
angesehenen Angekoker eine Art Herrschaft über ihre Landsleute, die
sich fürchten, ihnen zuwiderzuhandeln, was ja böse Folgen haben könnte.
Wie unsere Priester, wenn sie tüchtige Kerle waren, nicht nur Gottes
Diener waren, sondern sich auch auf die Magie verstanden und Macht
über den Teufel hatten, so waren auch die Angekoker nicht einseitig.
Sie thun allerdings meist Gutes, können daneben aber auch Böses thun,
indem sie anderen die Seele rauben und sie von ihrem Tornarssuk
auffressen lassen oder ihre Tornat aussenden, um ihre Feinde tot zu
ängstigen u. s. w. Wir finden also auch bei den Eskimos Anfänge eines
Pfaffenregimentes.

In solchen Bosheiten, wie andere durch Zauberei zu töten, ihnen die
Waffen so zu verhexen, daß sie zum Fang untauglich sind, und ähnlichem,
übt sich jedoch meist nur eine andere Klasse von Menschen, die
sogenannten ~Ilisitsoker~, die sowohl männlichen, wie weiblichen
Geschlechtes sein können[144]. Diese Hexen und Hexenmeister sind
allgemein verhaßt. Man hielt und hält sie für die Urheber alles Bösen,
namentlich des Todes und der Krankheiten. Kam eine alte Frau in den
Verdacht, Ilisitsok zu sein, so wurde sie ohne Gnade und Barmherzigkeit
totgeschlagen. Dies kann uns nicht in Erstaunen setzen, wenn wir daran
denken, wie unsere Vorfahren -- die Geistlichkeit an der Spitze --
ihre Hexen verbrannten. Während die Angekoker in Gegenwart anderer
Leute mit den Geistern verkehren, findet der Verkehr der Ilisitsoker
mit den übernatürlichen Mächten in tiefster Heimlichkeit und nur zum
Schaden anderer statt. Sie müssen heimlich bei einem älteren Ilisitsok
in die Lehre gehen und den Unterricht teuer bezahlen. Mit welchen
übernatürlichen Mächten sie in Verbindung stehen, scheint man nicht
zu wissen. Wahrscheinlich sind es ganz andere als die Verbündeten der
Angekoker, und ihre Namen werden geheim gehalten. Ihre Teufelskunst
wendet verschiedene Mittel an, wie Menschenknochen, Leichenfleisch,
tote Tiere, Schlangen, Spinnen, Wasserkäfer u. s. w. Ihr wirksamstes
Mittel aber ist die ~Tupilek~fabrikation. Ein solcher wird in
aller Heimlichkeit aus verschiedenen Tierknochen, Fell, Stücken von dem
Fange oder dem Anorak des Mannes, dem er Verderben bringen soll, und
ähnlichen Dingen hergestellt. Alle Zuthaten werden zusammengebunden
oder in ein Fell gewickelt. Nun wird der Tupilek durch Zauberlieder,
die über ihm gesungen werden, lebendig gemacht. Darauf setzt sich der
Ilisitsok auf einen Steinhaufen dicht an der Mündung eines Flusses
ins Meer. Er dreht seinen Anorak um, so daß die Rückseite nach vorne
kommt, drückt sich den Hut vors Gesicht und läßt sich von dem Tulipek
zwischen den Beinen saugen. Dadurch wächst dieser, und sobald dieser
groß ist, gleitet er ins Wasser hinab und verschwindet. Er kann sich in
verschiedene Arten von Tieren und Ungeheuern verwandeln und soll dem
Manne, gegen den er ausgesandt ist, Unglück und Tod bringen. Mißlingt
es aber, so wendet er sich gegen den, der ihn ausgesandt hat[145].

Die Tupileker erinnern so sehr an den bei uns und in Island
verbreiteten Glauben an ~Gand~ und ~Sendinger~, daß es kaum einem
Zweifel unterliegt, daß die Grönländer diese Idee von unseren Vorfahren
in Grönland bekommen haben. In Island sind die Gand auch eine Art
Kobolde, Fabelwesen, die von Zauberern ausgeschickt werden und sich in
alle möglichen Gestalten verwandeln. Wenn es ihnen nicht gelingt, den
zu vernichten, gegen den sie ausgesandt sind, kehren sie zurück und
töten ihren Urheber. Sie können aber auch, in Grönland sowohl wie in
Island, von anderen Zauberern oder Hexen aufgeschnappt und ihrer Macht
beraubt werden[146].

Rink sieht in diesen Ilisitsokern und ihrer Verbindung mit gesetzlosen
Mächten einen möglichen Ueberrest eines älteren oder ursprünglichen
Glaubens in Grönland, der von den Priestern des neuen Glaubens, den
Angekokern, verfolgt wird[147]. Also vollständig übereinstimmend mit
der Thatsache, daß unser Hexen und Zaubern Ueberreste alten Heidentums
gewesen und deshalb heftig von den Christen verfolgt worden. Vieles
scheint für Dr. Rinks scharfsinnigen Schluß zu sprechen. Mir kommt es
jedoch möglich vor, daß, wie der Tupilek von dem Glauben der alten
Nordländer an Gand oder Sendinger herstammt, sich auch das ganze
Hexenwesen von ihnen herschreibt. Es scheinen mir gleiche Punkte genug
vorhanden, um eine solche Vermutung zu rechtfertigen[148]. Der Glaube
an die Macht des Bösen, Pakt mit dem Satan, Schwarzkunst u. s. w.,
also an das gesamte Zauberwesen, war seit jeher stark im Aberglauben
unseres Volkes, ich hätte beinahe gesagt, stärker als der Gottesglaube
selbst. Und so ist es durchaus nicht unnatürlich, daß dieser Glaube es
war, was zuerst auf die Eskimos in ihrem Verkehre mit unseren Vorfahren
überging. Diese schnelle, bequeme Art, übernatürliche Macht zu
erlangen, mußte sie ja besonders ansprechen. Soweit ich habe erfahren
können, spielt das Hexenwesen bei den Eskimos der Westküste keine
bedeutende Rolle, wenn es dort überhaupt existiert.

Es bleibt noch der Amulettglaube der Grönländer zu besprechen.
Amulette benutzt fast jeder. Es sind in der Regel Gegenstände von
Tier- oder Menschengestalt. Ueber diesen werden Zauberlieder gesungen
oder gemurmelt, und die Eltern geben sie ihren Kindern, wenn sie
noch klein sind. Junge Leute können, dem Rate älterer folgend, auch
selber Amulette für sich finden. Die Amulette werden das ganze Leben
hindurch getragen, und zwar in der Regel auf dem bloßen Leibe oder in
den Kleidern. Die Männer tragen sie z. B. in eigens dazu bestimmten
Beutelchen von Seehundsfell, in die sie eingenäht werden, auf der
Brust und die Weiber oft im Haar. Andere werden in das Dach des Hauses
oder die Zeltwand gesteckt, aber auch im Kajak aufbewahrt, was ihn am
Kentern hindern soll. Meistens hat jeder Mensch mehrere. Man schreibt
ihnen die Macht zu, gegen Zauberei und Geisterschaden zu schützen, in
Gefahr zu helfen und dem Besitzer gewisse Eigenschaften zu verleihen.
Einzelne lassen sich auch als »Haut« verwenden und erinnern dadurch
an den Gestaltwechsel unserer alten Mythologie (Falkengewand u. s.
w.). Hat z. B. ein Mann einen Vogel oder Fisch als Amulett, so kann
er sich durch dessen Anrufung in einen solchen verwandeln, oder er
kann die Gestalt von Holz, Tang u. s. w. annehmen, wenn entsprechende
Stücke sein Amulett bilden. Der Amulettglaube ist bekanntlich über
die ganze Erde verbreitet und läßt sich von den primitivsten Völkern
bis zu den zivilisiertesten hinauf verfolgen. Bei den Eskimos stammt
er freilich aus sehr früher Zeit und ist vielleicht der primitivste
ihrer jetzigen religiösen Begriffe. Mir scheint der Ursprung dieses
Volksglaubens erklärlich. Manchmal ist es natürlich ein rein äußerer
Zufall, z. B. die Wahrnehmung, daß ein Mann, der im Besitze eines
besonderen Gegenstandes ist, stets Glück beim Fangen hatte. Meist aber
liegt der Grund doch tiefer. Sieht z. B. ein Mensch, daß ein Vogel wie
der Falke unglaublich leicht davoneilt, um sich beißt, angreift u. s.
w., so schreibt er jedem Teil dieses Tieres, und besonders dem Kopfe
mit der darin wohnenden Seele, dem Schnabel und den Krallen etwas von
diesen Fähigkeiten zu. Binden unfruchtbare Frauen sich Stücke von den
Schuhsohlen der Europäer um, zu dem Zwecke, Kinder zu bekommen, so
ist dies keine unnatürliche Ideeenverbindung. Da sie sehen, daß wir
fruchtbar sind, meinen sie, durch diese Schuhsohlen, die einem von
uns als Unterlage gedient, werde auch unsere Kraft »in ihre Kleider
übergehen und ihnen in gleichen Fällen Dienste leisten«[149]. Wenn ein
Knabe, der Blut hustet, und dessen ganze Familie brustschwach ist, als
Amulett einen Seehundsblutpfropfen[150] bekommt, der ihm in den Anorak
vor der Brust eingenäht wird, so ist der Grund deutlich erkennbar. Es
ist dieselbe ~sympathische Uebertragung~, die eine so große Rolle
im Volksaberglauben aller Länder spielt. Oft nehmen sie als Amulett
Stücke von den Anzügen oder Sachen ihrer Vorfahren, und zwar in der
Regel von den Großeltern. Dies hat seinen Grund wohl darin, daß sie
glauben, die Geister der Toten könnten sie beschützen und sie selber
seien leichter imstande, mit ihnen in Verbindung zu treten, wenn sie
etwas von ihrem Eigentume bei sich tragen. Es giebt auch Beispiele
von kleinen weiblichen und männlichen Figuren als Amuletten[151]. Der
Uebergang vom Amulettglauben zum Fetischdienste oder richtiger zur
Abgötter- und Bilderverehrung scheint mir nicht gerade groß.

Uebernatürliche Hülfe haben die Grönländer auch durch ihre
Zauberformeln. Sie werden gegen Krankheit, gegen Feinde, in Gefahr u.
s. w. angewendet und haben ungefähr denselben Einfluß wie die Amulette.
Man tritt durch sie noch weniger mit den Geistern in Verbindung.
Auf welche Art sie eigentlich wirken, weiß man nicht, ja man kennt
nicht einmal die Bedeutung der Worte, die gebraucht werden, da es
uralte Formeln sind, die von Geschlecht zu Geschlecht durch Kauf
überliefert werden. Sie werden heimlich erlernt und müssen sofort und
sehr teuer bezahlt werden, wenn sie kräftig sein sollen. Man sagt
sie langsam in gedämpftem, geheimnisvollem Tone[152] her, und allem
Anschein nach stehen sie irgendwie mit dem Hexenwesen in Verbindung.
Sie erinnern wunderbar an unsere alten Böterinnen und deren oft
sinnlose Zaubersprüche. Vermutlich haben wir hier die Reste alter, von
außerhalb eingeführter Bräuche, deren ursprüngliche Bedeutung verloren
gegangen ist. Nach Rink[153] kann man Zauberformeln auch dadurch
erlernen, daß man einer Vogelstimme lauscht.

Außer diesen Formeln bedient man sich der Zauberlieder. Die Worte
dieser Lieder sind auch den Grönländern von heutzutage verständlich,
und sie dürfen in Gegenwart anderer gesungen werden.

Nach Rink scheint es, als würden in solchen Zauberformeln und
besonders in den Liedern gewöhnlich die Seelen verstorbener Verwandter
oder Vorfahren des Sängers um Hülfe angerufen, namentlich die der
Großeltern. Aus Holms Berichten geht nichts derartiges hervor. Mir
erscheint es jedoch nicht unwahrscheinlich, daß sie gleich den
Amuletten oft in einer gewissen Verbindung mit den Toten stehen, also
der Anfang (oder ein Ueberbleibsel) einer entwickelteren Totenverehrung
sein können. So beschwor z. B. der Vater, wenn ein Junge zum ersten
Mal in den Kajak gesetzt wurde, in einem Zauberliede die Seelen seiner
verstorbenen Eltern oder Großeltern zum Schutze seines Sohnes.

Ein Opfern an übernatürliche Mächte tritt bei den Grönländern nur
wenig hervor. Das Gewöhnlichste ist, daß sie um einen guten Fang den
Inue des Meeres, den sogenannten ~Kungusutarissat~ (Plur. von
~Kungusutariak~), die Fuchsfleisch und Fuchsschwänze sehr lieben,
etwas derartiges opfern, so oft sie Füchse erbeuten. Ebenso opfern sie
auf Reisen gewissen Vorgebirgen, Gletschern oder dergl., die sie für
gefährlich halten, um unbeschädigt vorbeizukommen. Die Opfergabe, meist
Speise und Trank, oft aber auch Perlen und andere von ihnen geschätzte
Dinge, werfen sie gewöhnlich vor den gefährlichen Stellen ins Meer.

Außer diesen religiösen Zeremonien haben die Grönländer noch andere,
namentlich gewisse Lebensregeln mit Fasten, Enthaltsamkeit und dergl.,
die zum Beispiel Weiber vor und nach der Entbindung beobachten müssen.
Auf alles dieses einzugehen, würde uns jedoch zu weit führen.

       *       *       *       *       *

Aus dieser Uebersicht über die religiösen Begriffe der Grönländer geht
hervor, daß sie nicht so unberührt von äußeren Einflüssen geblieben
sind, wie man bisher gerne glaubte. Einflüsse von verschiedenen Seiten
her lassen sich nachweisen. Wir haben Mythen gefunden, deren Wiege
im fernen Inneren Asiens zu suchen ist, ja wir fanden solche, die
unzweifelhaft Grönland, Südafrika und die Fidschiinseln verbinden[154].
Zwischen den Wanderungen solcher Mythen liegen lange Zeiträume. Uns
interessiert es natürlich am meisten, Spuren zu finden, nach denen
das erste Auftreten unserer Vorfahren in Grönland sich nicht darauf
beschränkte, einige Steinruinen zu hinterlassen, sondern auch dem
geistigen Leben der Eingeborenen seinen Stempel aufdrückte. Ich habe
hier noch einige Beispiele anzuführen von wunderbaren Ähnlichkeiten
mit europäischem, besonders nordischem Aberglauben, der wahrscheinlich
durch unsere Vorfahren dorthin verpflanzt wurde.

Die Grönländer glauben, daß Kinder, die heimlich geboren werden und
gleich nach der Geburt sterben oder umgebracht werden, gefährliche
Gespenster (~Angiak~) werden. Sie suchen sich unter anderem
einen Hundekopf, den sie als Kajak benutzen, um ihre Verwandten zu
verfolgen und zu töten. Ihre Rache trifft entweder die später von
der Mutter noch geborenen Kinder oder auch z. B. den Bruder der
Mutter, der sie durch die Mißbilligung ihres Betragens dazu zwang,
im Geheimen zu gebären. Manchmal verfolgen sie auch Leute in Gestalt
einer Feder, eines Fausthandschuhs oder dergleichen[155]. Die ganze
Vorstellung gleicht sehr dem in Norwegen allgemein verbreiteten
~Utburden~glauben. Die Utburden sind Kinder, die heimlich zur
Welt gebracht und getötet wurden, also keinen Namen haben. Sie finden
keine Ruhe im Grabe und müssen entweder ihre Mutter oder Leute, die an
ihrem Grabe vorübergehen, in Gestalt eines sichtbaren oder unsichtbaren
Gespenstes verfolgen[156]. Die Aehnlichkeit zwischen der norwegischen
und der grönländischen Vorstellung ist so groß, daß man es wohl als
wahrscheinlich annehmen kann, sie sei durch die alten Norweger nach
Grönland gebracht worden[157].

Gehen wir über zu den Märchen der Eskimos, so finden wir auch hier
viele Aehnlichkeiten mit den norwegischen und europäischen. Wir
haben z. B. in Norwegen ein noch ungedrucktes Märchen[158] von drei
Schwestern, die außerordentlich heiratslustig waren. Die eine sagte:
»Ich möchte mich zu gern verheiraten, wäre es auch nur mit einem
Fuchs«; die zweite erklärte, sie sei schon mit einem Bock zufrieden,
und die dritte wollte sogar ein Eichhörnchen nehmen. Da kamen ein
Fuchs, ein Bock und ein Eichhörnchen und nahmen je eine Schwester zur
Frau. Der Vater der Schwestern besuchte später seine Schwiegersöhne.
Als er zum Eichhörnchen kam, bat dieses seine Frau, den Kessel über
das Feuer zu hängen. Dann gingen sie alle drei aus und kamen an einen
Fluß, wo das Eichhörnchen untertauchte und eine Forelle herausholte.
Als der Vater nach Hause kam, bat er seine Frau, den Topf ans Feuer
zu rücken und mit ihm zu kommen. Als sie an den Fluß kamen, wollte
der Mann untertauchen, wie er es beim Eichhörnchen gesehen hatte,
ertrank aber dabei. Dieses Märchen finden wir in Grönland in zwei
Märchen geteilt wieder. In dem einen sind es zwei Schwestern, die am
Ufer entlang gehen und sich dabei einen Walfisch und ein Eichhorn zum
Manne wünschen. Die Tiere erscheinen auch prompt und holen sie[159].
Im zweiten ist es ein altes Ehepaar, das allein mit seiner Tochter
lebte. Eines Tages kam ein großer, unbekannter Mann, sagte, er wohne
nach Süden hin in der Nähe, und hielt um die Tochter an. Er bekam sie
und bat dann beim Abschiednehmen den Schwiegervater, ihn zu besuchen.
Der Alte that es denn auch. Als er ins Haus trat, hängte die Tochter
den Kessel über das Feuer, und der Mann ging hinaus ins Freie. Der Alte
sah ihm vom Fenster aus nach, erblickte aber nur eine Scharbe (Carbo),
die aufs Wasser hinausflog, untertauchte und mit einem Kaulkopf
wiedererschien. Gleich darauf brachte der Schwiegersohn einen Kaulkopf,
der gekocht und dem Alten vorgesetzt wurde. Bei seiner Heimkehr bat
dieser seine Frau, den Topf über die Lampe zu hängen, ruderte dann mit
ihr eine Strecke weit vom Lande ab, band sich erst einen Stein um den
Hals, darauf einen Riemen um den Leib und sagte schließlich zu seiner
Frau: »Ich will untertauchen; wenn ich am Riemen ziehe, mußt Du mich
wieder aufholen!« Er sprang aus dem Boote und sank unter; als ihn die
Frau aber wieder aufzog, war er schon ertrunken[160]. Die Aehnlichkeit
zwischen diesem Märchen und dem letzten Teile jenes norwegischen ist
so groß, daß der gemeinsame Ursprung sich kaum bezweifeln läßt. Es
ist aber möglich, daß es nicht durch die alten Nordländer, sondern
durch Hans Egede und seine Leute oder auch in noch späterer Zeit nach
Grönland kam.

Folgendes Märchen ähnelt asiatischen sowohl wie europäischen Sagen. Ein
Renntierjäger sah einmal eine Menge Mädchen in einem See baden. Als
er die Kleider der Schönsten an sich nahm, mußte sie ihm folgen und
seine Frau werden, während die anderen ans Ufer eilten, ihre Gewänder
überwarfen, sich dadurch in Graugänse oder Fischenten verwandelten und
fortflogen. Die Frau des Jägers bekam einen Sohn, sammelte nun aber
Federn, machte davon zwei Federgewänder, mit denen sie sich und ihren
Sohn in Vögel verwandeln konnte, und flog eines schönen Tages, als
ihr Mann auf der Jagd war, mit dem Knaben fort. Er suchte sie überall
und traf dabei einen Mann, der Holz in Späne zerschnitt. Die Späne
verwandelten sich in Fische. Der Mann setzte ihn auf den Schwanz eines
großen Lachses, der auch aus einem Spane gemacht war, und befahl ihm,
die Augen zu schließen. Darauf brachte ihn der Fisch zu seiner Frau und
seinem Sohne[161]. Die amerikanischen Eskimos haben ein ganz ähnliches
Märchen. Bei den Samojeden wird erzählt, daß ein Mann auf Reisen ging
und ein altes Weib, das Birken fällte, traf. Er half der Alten und
ging darauf mit ihr ins Zelt. Dort versteckte er sich, und nun kamen
sieben Mädchen, die mit der Alten redeten und dann wieder fortgingen.
Die Alte sagte zu ihm: »Dort hinten, wo der Wald am dunkelsten ist,
liegt ein See, und in dem wollen die sieben Mädchen baden. Geh hin
und nimm einer das Kleid fort.« Er that es. Der Rest hat mit dem
grönländischen Märchen nichts gemein, auch ist nicht die Rede davon,
daß die Mädchen sich in Vögel verwandeln konnten, es wird nur erwähnt,
daß ihre Heimat in der Luft oder im Himmel lag[162]. Dieses Märchen,
dessen Aehnlichkeit mit dem grönländischen von Dr. Rink (»Mitteilungen
über Grönland«, Heft 11, Supplement, Seite 117) betont wird, gleicht
jenem jedoch nicht so sehr, wie ein isländisches, in dem von einem
Mann erzählt wird, der eines Morgens früh an der See entlang ging und
dabei auf den Eingang einer Höhle stieß. Er hörte drinnen lärmen und
tanzen und sah draußen eine Menge Seehundshäute liegen. Eine davon
nahm er mit nach Hause. Später im Laufe des Tages ging er wieder an
den Eingang der Höhle. Da saß dort ein schönes, junges Mädchen, das
ganz nackt war und bitterlich weinte. Sie war der Seehund, dem die Haut
gehörte. Er gab ihr Kleider, nahm sie mit nach Hause, heiratete sie
später und hatte auch Kinder. Eines Tages aber, als er auf Fischfang
war, fand die Frau die alte Seehundshaut. Die Versuchung war zu groß,
sie sagte ihren Kindern Lebewohl, hüllte sich in die Haut und stürzte
sich ins Meer[163]. -- Ueberdies ähnelt das grönländische Märchen auch
den beinahe über die ganze Welt verbreiteten Schwanensagen, deren
wir in Europa verschiedene haben. Daß es nicht in neuerer Zeit nach
Grönland verpflanzt sein kann, beweist die Thatsache, daß Paul Egede
es dort schon 1735 hörte. Die Möglichkeit, daß es die alten Nordländer
nach Grönland brachten, scheint mir dadurch bekräftigt zu werden, daß
Schwanensagen oder ähnliche Märchen in Amerika allem Anschein nach
nicht verbreitet waren. So sagt z. B. Powers in seinem Buche über die
kalifornischen Indianer, er habe bei ihnen nichts derartiges entdecken
können[164].

Führte es uns hier nicht zu weit, so ließen sich noch mehr merkwürdige
Uebereinstimmungspunkte zwischen den grönländischen Märchen und Sagen
und europäischen, besonders nordischen, nennen. Es zeigt sich also, daß
der Verkehr zwischen den alten Norwegern und den Eingeborenen nicht so
oberflächlich sein konnte, wie man gewöhnlich annimmt[165].

Was ich hier an Aberglaube anzuführen hatte, scheint uns natürlich ein
sinnlos verwirrtes Zeug, von dem frei zu werden nur Vorteil bringen
könnte. Versetzen wir uns aber auf den Standpunkt der Grönländer, so
möchte es wohl viel weniger sinnlos sein, als unsere christlichen
Dogmen. Diese Dogmen müssen sie sich in ihre eigene Ideenwelt
übertragen, wenn sie ihnen verständlich werden sollen. Mit anderen
Worten: sie müssen sie erst mehr oder weniger heidnisch machen. Diese
Umwandlung hat ihnen viel Arbeit gemacht, und wenn sie auch heute noch
im Grunde Heiden sind und an ihre alten Sagen glauben, so hat doch die
neue Lehre ihre Begriffe verwirrt. Schon allein deshalb könnte man
meinen, das Richtigste wäre gewesen, sie ungestört bei ihrem alten
Glauben zu lassen. Er gab ihnen, bei ihrem verhältnismäßig armen
Ideengehalt, die leichteste Erklärung für ihre Umgebung. Er bevölkerte
die Natur mit den übernatürlichen Mächten, deren sie als Trost
bedurften, wenn ihnen die Wirklichkeit zu rauh und verwickelt wurde.
Und wie charakterisieren diese Mythen den Eskimo! Man nehme nur seinen
Wohnplatz im Jenseits. Dort giebt es weder Gold noch Silber, weder
prächtige Kleider, noch prunkvolle Säle, wie in unseren Märchen, denn
für ihn hat irdischer Reichtum keinen Wert. Dort giebt es auch keine
schönen Frauen, blühende Gärten oder dergleichen. Nein, dort oben ist
eine Erdhütte, nur etwas größer als die hienieden, und drinnen sitzen
die Seligen und verzehren verfaulte Seehundsköpfe. Die Seehundsköpfe
liegen in großen Haufen unter den Pritschen und nehmen nie ein Ende.
Oder er erträumt sich dort herrliche Jagdgründe mit Massen von Wildpret
und vielem Sonnenschein. Unser Paradies mit Engeln in weißen Gewändern,
wo die Seelen ringsherum auf Stühlen sitzen, ist ihm ein langweiliges,
farbloses Dasein. Er versteht es nicht, es kann keine Sehnsucht in ihm
erwecken. Und wir können dem Angekok nicht böse sein, der Nils Egede
erklärte, ihm sei das Haus des +Tornarssuk+ oder des »Teufels«, wo
er schon oft gewesen, viel lieber; denn »im Himmel ist keine Nahrung zu
bekommen, aber in der Hölle giebt es Seehunde und Fische genug«.

Man sollte erwarten, daß den Missionaren[166] bei einem so
friedliebenden gutmütigen Volke wie den Eskimos der Sieg über
den heidnischen Glauben hätte leicht werden müssen. Aber man kann
nicht sagen, daß dies der Fall war. Die Eingeborenen hatten viel
gegen die christlichen Behauptungen einzuwenden. So konnten sie z.
B. nicht begreifen, daß das Vergehen Adams und Evas »so groß sein
und so traurige Folgen nach sich ziehen« konnte, daß das ganze
Menschengeschlecht deswegen verflucht sein sollte. »Da Gott alle Dinge
weiß, weshalb hat er es denn zugelassen, daß die ersten Menschen
sündigten?« Daß diese ihren freien Willen gehabt, schien ihnen geradezu
dumm, und hätte Gott die That verhindert, so wären Adams Nachkommen
nicht so verderbte Menschen geworden, und Gottes Sohn hätte nicht zu
leiden brauchen.

Ein Mädchen war durchaus unzufrieden mit den Antworten, die sie auf
derartige Einwände erhielt. »Sie wollte solche Antworten haben, daß
sie in ihrem Innern zustimmen und fühlen könnte, dies alles sei wahr,
und nun könne sie diejenigen, die gegen diesen Teil unserer Lehre
so viel zu sagen hätten, zum Schweigen bringen.« Ebenso fand man,
daß Adam und Eva sehr einfältig gewesen sein müßten, da sie sich mit
einer Schlange in Unterhaltung einließen, und »furchtbar versessen
auf Obst, da sie lieber sterben und leiden, als auf ein paar große
Beeren verzichten wollten«. Andere meinten, das sehe den Kavdlunakern
(Europäern) ähnlich; denn »die gierigen Leute haben nie genug an dem,
was sie haben, und wollen mehr haben, als sie brauchen«. Ein Angekok
erklärte es für ein richtiges Pech, daß der große Angekok Christus,
der sogar Tote wieder lebendig machen konnte, nicht bei den Eskimos
geboren worden sei. Die hätten ihn geliebt, hätten ihm gehorcht
und nicht an ihm gehandelt wie die schlechten Kavdlunaker. »Welche
verrückte Menschen! den zu töten, der lebendig machen kann!« Da sie die
Christen sich streiten und prügeln sahen, hatten sie wenig Vertrauen
zur christlichen Lehre und erklärten: »Vielleicht würden wir durch
solche Kenntnis auch unmenschlich.« Und sie meinten, es könne nur dann
gesittete Europäer geben, wenn sie »einige Jahre in Grönland gelebt und
+mores+ gelernt hätten«.

Einige, besonders hartnäckige Zweifler fragten, warum denn Gott, wenn
das Christentum etwas so Notwendiges sei, sie nicht früher darin
unterwiesen, da dann ja auch ihre Vorfahren hätten in den Himmel kommen
können. Paul Egede antwortete, Gott habe vielleicht gesehen, daß sie
sein Wort nicht würden angenommen, sondern es verachtet haben; dann
aber wären sie noch strafbarer geworden. Darauf erklärte ein alter
Mann, er habe viele gute Leute gekannt und selbst einen frommen Vater
gehabt, und wenn es vielleicht auch Verräter des Wortes unter ihnen
gab, »so waren doch auch Frauen und Kinder da, die immer leichtgläubig
sind«. Ein andermal setzte Paul Egede ihnen auseinander, irdisches Gut
oder »Lumpenzeug« sei viel zu unwürdig, um in den Himmel zu kommen. Ein
Skeptiker entgegnete: »Ich wußte nicht, daß es nicht der Mühe wert ist,
daran zu denken, daß wir es im Himmel gut haben sollen. Warum sollen
wir denn wünschen, die Erde zu verlassen?«

Als die Bibel übersetzt werden sollte, stellten sich große
Bedenklichkeiten heraus. Selbst mehrere der christlichen Grönländer
meinten, es würde ihren ungläubigen Landsleuten nicht dienlich
sein, etwas von »Jakobs Falschheit und Betrügerei gegen seinen Vater
und seinen Bruder, von der Polygamie der Patriarchen und besonders
von Simeons und Levis beispielloser Schlechtigkeit« zu erfahren.
»Lots Geschichte« erschien ihnen auch ungeeignet. »Ein Auszug des
Bedeutendsten wäre gewiß besser für dieses Volk«[167].

Die Sakramente des Altars und der Taufe mußten ihnen natürlich als
die ärgste Hexerei erscheinen. Als sie einmal einige Europäer diese
Zeremonie vornehmen sahen, »fragte ein Angekok mich,« sagt Nils Egede,
»weshalb ich immer auf die, welche hexen wollen, schimpfe; er habe nun
doch selbst gesehen, wie der Priester über uns gehext«. Egede fand
darauf nur die ziemlich nichtssagende Antwort, dies geschehe »auf
Christi Gebot«; mehr brauchte seiner Ansicht nach »der Schafskopf nicht
zu wissen«. Als die Missionare einmal einem Eskimo sagten, er sei »Gott
für die vielen Kinder, die er ihm gegeben, besonderen Dank schuldig,«
antwortete jener erbost: »Das, was Du sagst, daß Gott mir Kinder
gegeben, ist eine große Lüge, denn ich habe sie selbst gemacht.« Zu
seiner Frau gewandt, fügte er hinzu: »Ist das nicht wahr?«

Ihre Kritik der Lehren und des Auftretens der Missionare war manchmal
so beißend, daß selbst der verständige, brave Kaufmann Dalager zugeben
muß: »Sogar die Dummsten, die weit entfernt von der Kolonie leben,
haben mir in dieser Beziehung oft solche Objektionen gemacht, daß mir
der Schweiß auf die Stirn trat und ich stöhnen mußte.«

Der Gottesdienst scheint sie anfangs sehr gelangweilt zu haben. Sie
wollten lieber von Europa hören und kamen mit vielen naiven Fragen,
wie: »Ob der König sehr groß sei? Ob er stark sei? Ob er ein großer
Angekok sei, und ob er viele Walfische gefangen habe?« Paul Egede
erzählt, wenn sie fanden, sein Vater predige zu lange, gingen sie zu
ihm hin und fragten, ob er nicht bald aufhören würde. Er mußte ihnen
dann am Arme vormessen, ein wie großes Stück noch fehlte, und wenn
ihnen dies gezeigt war, setzten sie sich wieder an ihren Platz und
schoben jeden Augenblick die an den Arm gelegte Hand weiter. Sobald
der Prediger nach einem Satz eine Pause machte, beeilten sie sich, mit
der Hand bis auf die Fingerspitzen hinunterzugleiten. Wenn er aber
wieder anfing, riefen sie »+Ama+«, was »Noch mehr« bedeutet, und
schoben die Hand wieder bis auf den halben Arm hinauf. Mir, dem Leiter
des Gesanges, hielten sie oft mit einem nassen Seehundsfellhandschuh
den Mund zu, wenn ich einen neuen Psalm anstimmte oder ihnen zu lange
sang. Das Benehmen der Missionare gegen die Eingeborenen ist nicht
immer angemessen gewesen. Ich kann aus ihren eigenen Berichten ein
paar Beispiele dafür anführen. »Ich ließ ihn wissen, daß er, falls er
sich nicht im Guten überreden ließe, sondern Gottes Wort verachtete,
von mir dasselbe Traktement erhalten sollte, das Angekoker und Lügner
bekommen haben (nämlich Prügel).« -- -- »Nachdem ich es lange mit
guten Worten und Ermahnungen versucht und alles nichts helfen wollte,
griff ich zu meinem gewöhnlichen Mittel, bläute ihn tüchtig durch und
jagte ihn aus der Thür«[168]. Ein Mädchen wurde von ihrem »Priester
geschlagen, weil sie nicht glauben konnte, daß Gott so strenge sei, wie
er ihn darstellte. Er hatte gesagt, alle ihre Vorfahren seien bei dem
+Tornarssuk+ und müßten dort ewige Pein erdulden, weil sie nichts
von Gott wüßten.« Sie entschuldigte ihre Vorfahren damit, daß sie nie
etwas von ihm gehört, der Geistliche aber wurde zornig, und als sie
gar sagte, »es sei ihr schrecklich zu hören, daß Gott ihnen für dieses
Versehen so fürchterlich zürne, daß er ihnen in Ewigkeit nicht vergeben
könne, was doch sonst nur böse Menschen zu thun pflegten,« bekam sie
Schläge[169]. Von solchem Auftreten von Landsleuten und christlichen
Missionaren einem so friedlichen Volke gegenüber zu hören, mag unseren
Ohren unangenehm klingen. Die Thatsache wird aber schwerlich einen
besseren Eindruck auf die Eingeborenen gemacht haben. Man muß die
Gutmütigkeit der Eskimos bewundern, daß sie nicht darauf verfielen,
die Missionare einfach zu vertreiben. Zu deren Entschuldigung kann
etwa dienen, daß sie in Europa und in einem roheren Zeitalter, als das
unsere ist, geboren sind.

Anfangs ging es mit der Bekehrung der Eingeborenen schlecht und
langsam. Dann aber machten diese allmählich die Entdeckung, daß
die Missionare eigentlich große Angekoker und ihre Zeremonien, die
Wassertaufe, Gottes Wort, Sprüche, die christlichen Bücher u. s. w.
Zaubermittel waren. Die Zaubermittel schienen vorzüglich geeignet,
Krankheiten zu heilen, gegen Not zu schützen, guten Fang und andere
Vorteile zu verschaffen. Garnicht davon zu reden, daß die Bekehrung und
ein wenig Kopfhängen oft sofortige Frucht einbrachte in Gestalt kleiner
Belohnungen seitens der eifrigen Missionare. Sie sagten daher von
diesen: »Es sind gute Leute, sie gaben uns zu essen, wenn wir glaubten
und betrübt aussahen.« Als ein Vater, dessen Sohn gefährlich erkrankt
war, verschiedene Angekoker vergeblich erprobt hatte, beriet er sich
mit einem von ihnen, ob er nicht bei dem Geistlichen der Kolonie
Trost suchen sollte. Der alte Angekok erwiderte gleichgültig: »Du
kannst hierin nach Deinen Gedanken handeln, denn ich bin der Ansicht,
daß Gottes Wort und die Worte vernünftiger Angekoker gleich kräftig
sind.« Nach und nach wurde das denn auch die allgemeine Ansicht, und
da es sich mehrmals so glücklich traf, daß Gottes Wort in ähnlichen
Fällen kräftiger als das Wort eines Angekoks zu wirken schien, war
es natürlich, daß einige sich taufen ließen. War erst einmal ein
Beispiel gegeben, so folgten selbstverständlich viele, besonders, wenn
angesehene Fänger vorangingen.

Aber wenn die Grönländer auch dem Namen nach zum Christentume
übergingen, hielten sie doch an ihrem alten Glauben fest und thun das
sogar heute noch. Es hielt anfangs sehr schwer, ihnen das Falsche in
den Erdichtungen und Geschichten ihrer Angekoker nachzuweisen. Wenn
ihnen deswegen Vorwürfe gemacht wurden, antworteten sie der Wahrheit
gemäß, daß »sie nicht gewohnt seien zu lügen, und deshalb alles
glaubten, was man ihnen sage«. Als Beispiel ihrer Leichtgläubigkeit
erzählt Nils Egede: »Am 23. Februarius kam eine Dirne weinend zu mir
und klagte mir, daß ein altes Hexenweib von ihr gesagt habe, sie
sei schwanger. Ich fragte, was dies mich angehe und wie sie sich so
betragen könne, denn solches Thun zieme sich nicht für eine Jungfrau.
Sie aber antwortete, sie wisse von keinem Manne, und bat mich dann,
doch einmal ihren Leib zu befühlen, wie hart der sei. Da ich wußte, daß
sie halbgargekochte Erbsen gegessen, sagte ich, dies sei ihr Leiden.«
Er gab ihr darauf ein wenig Branntwein und sagte, sie »würde noch vor
dem nächsten Morgen mit den Erbsen niederkommen.« Am nächsten Tage
kam sie, um sich zu bedanken, und erklärte, »sie habe sich noch nie so
geängstigt«. Als er sie fragte, wie sie habe so einfältig sein können,
sich dergleichen einreden zu lassen, antwortete sie: »Wir glauben
alles.«

Daß sie jedoch nicht alles glaubten, was ihnen die Europäer erzählten,
scheint doch unter anderem aus Folgendem hervorzugehen. Einige
Grönländer versuchten Nils Egede einzureden, sie hätten auf Discö
»einen Bären getötet, der so groß war, daß er Eis, das nie auftaute,
auf dem Rücken hatte.« Egede blieb ungläubig. Da erklärten sie ihm:
»Wir haben das, was Du uns erzählst, nie angezweifelt, Du aber willst
das nicht glauben, was wir Dir sagen.«

Als Beispiel, wie tief die christliche Anschauung geht und wie die
Eskimos zum Teil noch heute die Taufe auffassen, sei eines erwähnt. Ein
Katechet, also ein zum Geistlichen Ausgebildeter und Stellvertreter
des Predigers, taufte vor einigen Jahren in Nordgrönland nicht nur die
Kinder seiner Gemeinde, sondern auch die jungen Hunde im Namen des
Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Seine Frau hatte keine
Kinder, und diesem Uebelstande glaubte er dadurch abhelfen zu können,
daß er sie taufte; das Jahr darauf gebar sie denn auch richtig einen
Sohn.

Was von ihrem alten Heidentum heutzutage am meisten in ihrer Phantasie
spukt, ist nach meiner Erfahrung der Glaube an die ~Kivitut~
oder Gebirgsmenschen (vergleiche weiter oben), die sie sehr fürchten
und alle Augenblick zu sehen glauben. Während wir in Godthaab waren,
wurden wiederholt welche gesehen. So oft ihnen etwas aus ihren
Vorratsverstecken gestohlen wird, hat es natürlich ein Kivitok gethan,
und verunglückt ein Kajakmann, ohne daß die Leiche antreibt, so ist er
ins Gebirge gegangen und Kivitok geworden. Dieser Glaube scheint in
neuerer Zeit sehr überhand genommen zu haben. Ein Katechet tadelt seine
Landsleute deswegen in der »+~Atuagagdliutit~+« und ruft aus:
»Nein, laßt uns von denen, die auf dem gefahrvollen Meere umkommen, nur
glauben, daß ihre Glieder auf dem großen Kirchhofe des Meeresgrundes
ausruhen und ihre Seelen in ewiger Seligkeit weiterleben!«[170]

Wie eingewurzelt ihre abergläubische Furcht ist, wurde mir einmal auf
unheimliche Weise bewiesen. Ich ging in Godthaab eines Abends spät mit
einem Brief, den fremde Kajakleute am andern Morgen in aller Frühe
mitnehmen sollten, in ein anderes Eskimohaus. Als ich eintrat, lag das
ganze Haus in tiefem Schlafe. Die dicht nebeneinander gedrängten Männer
und Frauen auf der Hauptpritsche sahen aus, wie Heringe auf einer
Trockenplatte. Um nicht mehr als nötig zu stören, wollte ich nur Jakob
wecken, den einen unverheirateten Sohn des Hauses, der mir ein guter
Freund war und mit dem ich täglich verkehrte. Ich rüttelte ihn und rief
ihm »Jakob« ins Ohr. Er schlief ebenso fest weiter, und ich mußte ihn
erst lange und nachdrücklich rütteln, ehe er endlich etwas blinzelte
und grunzte. Als er mich aber über sich gebeugt sah, wurden seine Augen
starr vor Entsetzen. Er fuhr in die Höhe, stieß einen gräßlichen Schrei
aus und schlug mit Händen und Füßen um sich. Er schrie immer lauter
und zog sich, unausgesetzt fechtend, immer mehr nach der Wandseite der
Pritsche zurück. Nun fuhren auch die andern auf der Hauptpritsche in
die Höhe und blickten mich ebenso starr und verglast an, während ich
Aermster vor Staunen darüber, daß meine friedliche Wenigkeit einen
solchen Spektakel verursachte, ganz sprachlos dastand. Endlich wurde
ich wieder Herr über meine Zunge, näherte mich Jakob, reichte ihm
die Hand und sprach einige beruhigende Worte. Nun aber wurde es noch
ärger. Da ich sah, daß alles Reden umsonst war, schwieg ich still und
fing an zu lachen, und nun hörte das Geheul ebenso plötzlich auf, wie
es begonnen hatte. Jakobs Gesicht färbte sich so rot, als es entfärbt
gewesen war, und er murmelte beschämt etwas davon, er habe geträumt,
ein Kivitok wolle ihn ins Gebirge schleppen. Ich gab ihm den Brief
und machte mich möglichst schnell aus dem Staube. Den nächsten Tag
wußte die ganze Kolonie, daß ich der Kivitok gewesen, den man in der
Nachbarschaft hatte heulen hören.

[Illustration]




[Illustration]




Kapitel +XIV+.

Europäer und Eingeborene.


Das Verhalten der Europäer gegen die Grönländer steht in vieler
Beziehung einzig da. Man hat die Grönländer besser behandelt als
alle anderen Naturvölker, die je unseren Zivilisationsversuchen
ausgesetzt waren. Die dänische Regierung verdient für ihr Auftreten
in dieser Hinsicht die höchste Anerkennung, und es wäre nur zu
wünschen, daß andere Staaten ihrem Beispiele folgen möchten. Sie hat
in ihrer Handlungsweise nicht unwesentlich auf das wirkliche Wohl
der Eingeborenen Rücksicht genommen, und man kennt kaum ein anderes
Jagdvolk, das in so enge Berührung mit Zivilisation und Christentum kam
und sich dabei so gut und so lange halten konnte.

Ein Eifer für die einmal gewählte Aufgabe, wie der, der unsern
Landsmann Hans Egede und die ersten Missionare in dieses damals wenig
bekannte Land trieb und sie dort Entbehrungen genug ertragen ließ, ist
sicherlich auch nicht gewöhnlich. Es geschah in guter Absicht, und
sie meinten das zeitliche und ewige Wohl der Eingeborenen zu fördern.
Vergleichen wir diese Mission und die ganze Behandlung Grönlands
mit dem Auftreten der zivilisierten Völker an anderen Stellen der
Erde, so gelangen wir zu der Ueberzeugung, daß durch das Ganze
ein außergewöhnlich humaner Geist geht, und wer die Geschichte der
grönländischen Verwaltung verfolgt, wird ständig neue und trostreiche
Beweise finden.

Aber die zivilisierten Menschen sind nur einmal trotz allen guten
Willens geneigt, auf ein Naturvolk wie auf eine tiefer stehende Rasse
hinabzusehen. Davon finden wir auch in der grönländischen Geschichte
verschiedene Spuren. Sogar der begeisterte Hans Egede, aus seinen
eigenen Schriften werden wir es sehen, verachtete in nicht geringem
Maße die Eingeborenen, die zu bekehren er für seine Lebensaufgabe
hielt. Ja er sagt selbst, daß er sie oft ohrfeigte und mit einem
Tauende auf den nackten Rücken schlagen ließ. Als er einmal von einem
Knaben erfuhr, daß ein Angekok, Namens Elik, gesagt, es würde leicht
sein, die ins Land gekommenen fremden Männer auszurotten, zog er mit
sieben Bewaffneten aus, überfiel den Angekok, nahm ihn gefangen und
brachte ihn in die Kolonie. Dort »erhielt er einige Schläge mit dem
Tauende und wurde in Fesseln gelegt«. Am Abend kamen die Söhne des
Angekoks, um sich nach ihrem Vater zu erkundigen, und »durften nach
erbetener Erlaubnis ihre Zelte nach der Kolonie bringen«. Einige
Tage darauf wurde der Gefangene frei gelassen und zog mit den Seinen
ab. Man sollte glauben, daß die Grönländer den Fremden nach solcher
Behandlung grollen mußten, aber ihre Gutmütigkeit und Gastfreiheit ist
unvergleichlich. Das Schicksal wollte, daß im Winter darauf Hans Egedes
Sohn Paul, der auch an jener Gewaltthat beteiligt war, vom Sturm an
einen Ort verschlagen wurde, wo er unerwartet den Angekok Elik traf. Es
war ihm, wie er selbst sagt, nicht angenehm, ihn mit so vielen Fremden
zu treffen, aber zu seinem großen Erstaunen wurden die Verirrten von
dem Angekok eingeladen. Er legte sogar auf seine eigene Pritsche ein
Renntierfell für Paul Egede. Der Missionar mußte drei Tage da bleiben
und wurde aufs beste bewirtet[171]. Das heißt doch »Böses mit Gutem
vergelten« und »die lieben, die Euch hassen«. Egede aber meinte, es sei
die Bereitwilligkeit der Grönländer, sich in »ihre Strafe, wenn sie sie
verdient zu haben glauben«, zu finden.

Hans Egede hatte noch eine Angewohnheit, die gerade keine große
Rücksicht gegen die Eingeborenen verrät. Er nahm dann und wann Kinder
gegen den Willen der Angehörigen zu sich und behielt sie, um von ihnen
die Sprache zu erlernen. Deshalb dichteten sie auch ein Lied über ihn:
»Es ist von Westen her über das große Meer ein fremder Mann gekommen,
der Knaben stiehlt und ihnen dicke Suppe mit Haut darauf (Brei) und
getrocknete Erde aus seinem eigenen Lande (Schiffszwieback) zur Speise
giebt«. Als Paul Egede einmal einer Mutter ein Geschenk anbot, damit
sie ihm ihren Sohn noch länger ließe, antwortete sie, Kinder seien
keine Handelsware.

Noch heute finden wir in Grönland Beweise dafür, wie schwer es
ist, sich von der eingewurzelten Verachtung für alle sogenannten
Eingeborenen freizumachen. Die Kolonisation der Europäer hat nur den
Zweck, dem Lande Gutes zu thun. Der Handel wird ja ausschließlich zum
Besten der Missionare und der Eingeborenen getrieben. Das hat jedoch
nicht verhindern können, daß in der sozialen Stellung der Europäer und
der Fremden ein großes Mißverhältnis entstand. Die Fremden gelten
bei sich selbst, wie bei den Grönländern als eine höhere Rasse, als
die Herren des Landes, denen man gehorchen muß, während sie doch,
wenn sie wirklich nur um der Eingeborenen willen da wären, eher deren
aufopfernde Diener sein müßten. Teils bewußt, teils unbewußt, haben
die Europäer gut dafür gesorgt, ein solches Verhältnis zu entwickeln
und die Eingeborenen stets nur wie ihre Untergebenen zu behandeln. Wir
kamen ja in das Land, um das Christentum zu predigen. Wie aber stimmt
dies mit unserer christlichen Freiheits- und Gleichheitslehre?

Als Beispiel, wohin dieses Verhältnis führen kann, ist zu erwähnen, daß
es in den meisten südgrönländischen Kolonien den Eskimos verboten ist,
Hunde zu halten, weil die paar dort wohnenden europäischen Familien
Ziegen zu halten wünschen. Das Verbot ist allerdings in mehreren Fällen
vom Vorstande (vergl. S. 281 f.) erlassen worden, aber die Europäer
selbst haben es beantragt, und da die Grönländer sich, wie gesagt,
ihnen in allen Dingen fügen, war es nicht schwer, sich ihrer Zustimmung
gegen den eigenen Wunsch zu versichern. Ich habe sie nachher sich
bitter beklagen hören, daß sie so dumm sein konnten, für ein solches
Verbot zu stimmen. Am grellsten tritt die Ungerechtigkeit zu Tage,
wo sich die deutschen Missionare aufhalten. Dort erläßt der fromme
Herr einfach einen Ukas, der seiner ganzen Gemeinde das Hundehalten
verbietet, damit seine Ziegen unbelästigt bleiben.

Ich habe mit sonst sehr verständigen und warmherzigen Leuten dort oben
gesprochen, die meinten, es sei doch klar, daß das Halten von Hunden
verboten sein müsse, da diese ja die Ziegen jagten und ängstigten.
Wandte man dann ein, daß es doch vernünftiger sei, die Ziegen zu
verbieten, da der Europäer nur wenige, der Grönländer aber viele
seien, so wurde man einfach ausgelacht. Daß sie selbst erst in das
Land übersiedelten und die Eskimos seit unvordenklichen Zeiten Hunde
gehalten haben, davon redete keiner. Auch schienen sie es nicht weiter
für schlimm zu halten, daß die Ziegen oft den Rasen von den Wänden und
Dächern der Grönländerhäuser losrissen, Schaden unter den zum Trocknen
aufgehängten Fischen der Eskimos anrichteten und ähnlichen Unfug
ausübten.

Des weiteren bezeichnend für die Art, mit der man die Rechte eines
Europäers und eines Eingeborenen betrachtet, sind die Verordnungen über
den Branntweinverkauf. Während es (wie in Kapitel +V+ erwähnt)
verboten ist, den Kindern des Landes Schnaps zu verkaufen, können die
Europäer dort oben soviel bekommen, als sie nur wünschen. Das ist ein
Mißgriff; denn es muß die Eingeborenen empören, ständig zu sehen, daß
sie selbst nicht gut genug sein sollen, das zu bekommen, worauf der
schlechteste Europäer ein Anrecht hat. Noch schädlicher aber wirkt die
Verordnung deshalb, weil sie dahin führt, daß die Grönländer im Dienste
des Handels oder der Europäer täglich Branntwein bekommen können, und
alle anderen ebenso, sobald sie den Europäern etwas verkaufen. Daß
dies zu den gröbsten Mißbräuchen führt, liegt auf der Hand. Ich will
mich nicht einmal dabei aufhalten, daß es einzelnen, hervorragenderen
Eingeborenen von gemischter Herkunft gestattet ist, sich alljährlich
bestimmte Mengen dieses Getränkes aus Europa zu verschreiben.

Das Verbot des Branntweinverkaufes ist natürlich eine direkte
Notwendigkeit, wenn der Untergang der Eingeborenen nicht in hohem
Grade beschleunigt werden soll. Jedoch wäre es dann das einzig Wahre
und Folgerichtige, daß sich dieses Verbot auf die Europäer sogut wie
auf die Eingeborenen erstreckte. Ich weiß, daß manche behaupten,
dies sei den Europäern gegenüber, die stets an Alkoholgenuß gewöhnt
waren, eine ungerechte Forderung. Ich weiß auch, daß dieser Grund
besonders einschlägt bei den Leuten aus Dänemark, wo ja selbst in der
Arbeiterklasse bei den meisten Mahlzeiten ein Schnaps genommen wird,
Alkohol also als Bedarfsgegenstand gilt. Dessenungeachtet kann ich nur
finden, daß es für alle Teile das Beste und Richtigste gewesen wäre.
Ungerecht kann man ein solches Verlangen nicht nennen, denn es steht
jedem, der sich nach den Bedingungen erkundigt, frei, aus Grönland
wegzubleiben, und ich hege keine Befürchtung, daß dort oben nicht doch
noch genug Europäer bleiben werden.

Meine Forderungen aber gehen weiter. Ich meine, man müßte nicht nur den
Branntweinverkauf verbieten, sondern auch den Handel mit Kaffee, Tabak,
Thee und den anderen entschieden schädlichen oder wertlosen Produkten,
die wir bei den Eingeborenen einführten. Sie hatten wahrhaftig keine
Sehnsucht danach, es dauerte sogar lange Zeit bis wir sie gelehrt,
an diesen Dingen Genuß zu finden, ja, die Ostgrönländer mögen z. B.
noch heute keinen Kaffee. Auf der Westküste haben wir indessen, wie
oben erzählt, unheimlichen Erfolg gehabt, und der Kaffee ist kein
unwesentlicher Faktor bei ihrem Untergang. Verböte man aber, den
Eingeborenen Kaffee zu verkaufen, so müßte seine Einfuhr auch für die
Europäer untersagt werden. Dies wird manch einer Fanatismus nennen. Mag
er es thun, ich bin nun einmal der Ansicht, daß, wenn wir wirklich
zum Besten der Grönländer in das Land gekommen sind und dort wohnen
wollen, um sie zu unterrichten, wir dies auch mit Thaten zeigen und
den Forderungen einer solchen verantwortlichen, schwierigen Aufgabe
völlig gerecht werden müssen, indem wir uns in die kleinen Entbehrungen
schicken, die sie uns auferlegt. Solch aufopfernde That läßt sich nicht
ohne Entbehrungen durchführen; Christi Apostel haben auch Leiden auf
sich genommen, und können wir dies nicht, so sind wir einer solchen
Aufgabe nicht gewachsen, sind ihrer auch nicht würdig und sollten
lieber davon ablassen. Sind wir indessen nicht um der Grönländer
willen, sondern unsertwegen gekommen, dann freilich ändert sich die
Sache. Dann müssen wir aber auch das Ding beim rechten Namen nennen und
nicht mit dem des Christentums und dem der Zivilisation schmücken.

Um einigermaßen dem gesetzlosen Zustande abzuhelfen, der infolge der
Missionsthätigkeit und ebenso sehr dadurch entstehen mußte, daß die
zugezogenen Fremden bis zum Geringsten herab sich berechtigt glaubten,
die Eingeborenen zu verachten und zu beherrschen, hat +Dr.+
Rink mindestens die Einrichtung der sogenannten ~Vorstände~
durchgesetzt. Sie bestehen aus eingeborenen Mitgliedern, von denen jede
Ansiedlung oder jeder kleinere Kreis je eines wählt. Der Zweck war die
Ordnung aller inneren Gemeindeangelegenheiten, die Festsetzung der
Armenunterstützungen, die Aufrechthaltung von Zucht und Ordnung u.s.w.
Da die Grönländer selbst von solchen Dingen nichts verstanden, sollte
der Prediger jedes Distrikts als Vorsitzender und die dort wohnenden
Europäer als Mitglieder im Vorstande sein, um den eingeborenen
Vorstehern Rat zu erteilen und sie zu leiten. Es hat jedoch den
Anschein, als ob die Europäer nach und nach die wirkliche Macht
erlangt hätten und die anderen sich nach ihren Wünschen richteten.
Der schöne Gedanke dieser Institution, die Eingeborenen sollten sich
auf diese Weise selbst regieren lernen, ist sicher aller Anerkennung
wert. +Dr.+ Rink hat dadurch wirklich eine Wendung zum Besseren in
der neueren Geschichte der Grönländer herbeigeführt. Die Institution
leidet jedoch am nämlichen Fehler wie alle anderen Veranstaltungen
der Europäer zum Besten der Eingeborenen, nämlich daran, daß sie
nicht aus dem Volke selbst hervorging, das von ihr Gebrauch machen
soll. Es ist nie Sache des Augenblicks, neue soziale Bräuche wirklich
durchzuführen. Dergleichen geschieht nicht willkürlich, sondern ist die
Frucht langsamer Entwicklung eines Volkes. Eine Institution, die von
Fremden ausgeht, wird jedenfalls sehr lange Zeit brauchen, ehe sie sich
wirklich einbürgert. Viele Grönländer halten es jetzt für eine Ehre,
Vorsteher zu sein. Ich habe aber auch Beispiele gesehen, daß andere,
und zwar die Tüchtigsten, sich dagegen sträubten. Sie hielten es für
wichtiger, ihrem Fange nachzugehen und ihre Familie zu versorgen, als
lange Reisen zu machen, um Sitzungen beizuwohnen, in denen sie bei
ihrem großen Respekt vor den Europäern doch nur diesen zu Munde reden
und die von ihnen gewünschten Bestimmungen treffen könnten.

Man könnte sich aus dem Vorhergehenden und aus manchem Anderen, was
in diesem Buche zu sagen war, zu dem Schluß berechtigt glauben, daß
die Grönländer ein wenig selbständiges Volk seien und wie geschaffen
zur Unterwerfung. Aber dieser Schluß ist falsch. Die Grönländer
haben im Gegenteil ursprünglich ein sehr ausgeprägtes Freiheits- und
Selbständigkeitsgefühl. Als die Europäer zuerst ins Land kamen,
standen die Eingeborenen nach ihrer eigenen Schätzung mindestens ebenso
hoch wie jene. Der Gedanke, daß man zu irgend jemand in untergeordnetem
oder dienendem Verhältnis stehen könnte, wie sie es bei den Europäern
sahen, erschien ihnen ebenso fremd, wie entwürdigend. Allerdings hat
bei ihnen der Hausvater über seine Familie oder über die Familien, die
gemeinsam ein Haus bewohnen, eine gewisse Herrschaft. Sie ist aber den
Verhältnissen so angemessen und tritt so wenig hervor, daß sie kaum
fühlbar ist. Gesinde haben sie auch, insofern Mädchen und Frauen ohne
Eltern oder Versorger oft von guten Fängern aufgenommen werden und
mit der Hausmutter, den Töchtern und den Schwiegertöchtern zusammen
alle Arbeit verrichten müssen. Sie sind den andern aber in der Regel
gleichgestellt, und das Dienstverhältnis besteht mehr nur dem Namen
nach. Männliche Diener dagegen kommen nicht vor. Es wurde ihnen schwer,
sich mit dem Gedanken auszusöhnen, Diener eines anderen zu sein. Noch
heute leiden sie vor allem nicht Aufträge in befehlendem Tone, wenn sie
sich auch in ihrer großen Friedfertigkeit oft schweigend darin finden.

Dieses ausgeprägte Freiheitsgefühl machte es den Europäern anfangs
schwer, grönländische Diener zu bekommen. Allmählich aber hat die
Civilisation die Grönländer auch nach dieser Richtung demoralisiert.
Jetzt treten selbst Fänger in den Dienst des Handels und sind sogar
stolz darauf, da sie nun unter anderem auch als dänische »Beamte« jeden
Morgen ihren ~+Snapsemik+~ bekommen.

Die dänischen Frauen aber werden mir noch heute bezeugen, daß man seine
liebe Not damit haben kann, den Stolz grönländischer Mägde nicht zu
verletzen. Diese Mägde sind flink und liebenswürdig, solange man sie
gut behandelt. Sagt man ihnen aber ein hartes Wort, so verschwinden
sie oft ohne weiteres und kommen nicht wieder. Mag nun die betreffende
Hausfrau nicht zu Kreuze kriechen und um Verzeihung bitten, so kann
sie sich nach einer andern Magd umsehen. Wenn der Grönländer bisweilen
einen sklavischen Eindruck macht, so kommt dies, glaube ich, von der
verblüffenden Geduld, mit der er sich in alles findet und sogar die
offenbarste Ungerechtigkeit mit überlegener Ruhe hinnimmt. Diese
Geduld muß es sein, was ~Egede~ die angeborene Dummheit und
Gleichgültigkeit der Grönländer, die unvernünftige und viehische
Erziehung ihrer Kinder u. s. w. nennt. Ich glaube, ein hartes Los hat
sie diese dem Anscheine nach phlegmatische Ruhe gelehrt. Schon ihr vom
Zufall abhängiger Fang stellt die Geduld oft auf eine harte Probe,
dann bereits, wenn das Schicksal ihnen so ungünstig ist, daß sie Tag
für Tag ohne Beute zu ihrer darbenden Familie zurückkehren müssen.
~Egede~ darf sicher am allerwenigsten über diese Eigenschaft
klagen. Wäre sie und die große Friedfertigkeit nicht ein Hauptzug der
Eskimos gewesen, so hätten sie sich gewiß nicht so ruhig in das oft
gewaltsame Auftreten der ersten Europäer gefunden. Ich habe oft genug
ihre stoische Geduld bewundern müssen, wenn sie z. B. des Morgens
stundenlang im Hausgange des Kolonialverwalters oder draußen vor seiner
Thür im Schneegestöber warten mußten, da der Herr Verwalter und sein
Handelsgehülfe anderweitig beschäftigt waren. Sie wollten ein kleines
Geschäft mit ihnen machen, bevor sie in ihr Heim zurückkehrten, das oft
viele Meilen von der Kolonie entfernt lag, und es mochte für sie von
großer Bedeutung sein, möglichst bald abzufahren. Manchmal sah sogar
das Wetter unsicher aus, und dann war jede Minute mehr als kostbar,
aber sie warteten gleich ruhig und scheinbar gleichgültig. Fragte ich
sie, ob sie abreisen wollten, so antworteten sie nur: »Ich weiß nicht«
oder »Ja, wenn das Wetter nicht schlechter wird« oder dergleichen, nie
aber hörte ich sie sich beklagen.

Folgende Geschichte aus Godthaab illustriert besser als alles andere
diese Seite ihres Charakters. Ein Inspektor schickte einmal ein
Frauenboot mit Besatzung nach dem Ameralikfjord, um dort Gras für seine
Ziegen zu holen. Die Leute blieben indessen lange fort, und niemand
konnte begreifen, wo sie blieben. Endlich kamen sie wieder. Als der
Inspektor sie fragte, wo sie so lange geblieben seien, antworteten sie,
bei ihrer Ankunft sei das Gras noch zu kurz gewesen, und daher hätten
sie sich dort niedergelassen und gewartet, bis es lang genug war.

So warten die Grönländer ruhig, bis ihr eigener Untergang gleichfalls
zur Reife gediehen ist. -- Es ist ein geduldiges Volk.

[Illustration]




[Illustration]




Kapitel +XV+.

Was haben wir erreicht?


Der Zweck unserer Mission und unserer Kulturarbeit in Grönland war
zunächst, daß sie uns bei Gott und den Menschen Ehre bringen und die
Seligkeit in jener Welt sichern sollten. Danach aber wollten wir auch
den Eingeborenen nützen. Haben wir das nun erreicht?

Betrachten wir erst die rein materielle Seite. Von vornherein sollte es
scheinen, als müßten wir diesem auf der Stufe des Steinalters lebenden
Volke viele Dinge zur Erleichterung seines harten Daseinskampfes
bringen können. Das war in Wirklichkeit durchaus nicht der Fall.
Das Wichtigste, die Waffen, und die Fanggeräte, haben wir in keiner
Hinsicht verbessern können. Allerdings haben wir Eisen gebracht, und
dieses ist besser für die Harpunenspitzen und Messer. Aber teils
besaßen die Grönländer es schon, teils kamen sie auch so aus. Sie gaben
ihren Harpunen Spitzen von hartem Stein oder Knochen, ihre Messer
machten sie aus demselben Material und fingen damit reichlich so viele
Seehunde wie jetzt.

Unsere Schußwaffen aber waren für sie doch ein großer Fortschritt?
Gerade das Gegenteil. Die Flinte hat sie verleitet, unter den
Renntieren eines kleinen augenblicklichen Gewinnes halber entsetzliche
Verwüstungen anzurichten. Das ging soweit, daß auf dem kleinen Streifen
nackten, zerklüfteten Landes längs der Westküste alljährlich mindestens
~sechzehntausend~ Renntiere erlegt wurden. Es wurde von ihnen
meistens nur das Fell mitgenommen und an die Europäer verkauft, während
das Fleisch liegen blieb und nutzlos verfaulte. Daß dies die Renntiere
beinahe ausrottete, ist klar, und die Jagd mußte so ziemlich aufhören,
weil »die Renntiere die Küste verlassen« hatten. Als die Jagd noch
mit Pfeil und Bogen betrieben wurde, war sie sehr einträglich, das
Abschlachten wurde nie so groß, daß der Renntierbestand sich nicht
hätte halten können.

Aber auch für die Seejagd war das Gewehr kein Glück. Wenn viele
Seehunde in einem Fjorde sind, werden sie durch die Schüsse erschreckt
und gehen sofort ins offne Meer, während der Harpunenfang lautlos vor
sich ging. Es ist natürlich leichter, einen Seehund zu schießen, als
ihn mit der Harpune zu erlegen, und darum hat die Flinte die alte
Methode in Verfall gebracht. Und doch war sie für die Eskimos die
wichtigste; denn während der Flintenfänger bei stürmischem Wetter zu
Hause sitzen muß, kann der Harpunenfänger stets hinaus und für seine
Familie sorgen. Ferner ist der Harpunenfang rationeller, weil man dabei
in der Regel auch die nur verwundeten Tiere mit heimbringt, während man
mit dem Gewehr oft die Tiere nur anschießt und viele sogar erlegt, ohne
sie dann auch zu bekommen.

Die Schrotflinte hat sich ebensowenig als nützlich erwiesen. In
vielen Distrikten hat die Einführung dieses Gewehres die Bewohner
dazu verleitet, sich mehr auf die leichtere Vogeljagd als auf den
Seehundsfang zu legen, der doch das ist und bleibt, wovon das Dasein
der Eskimogesellschaft abhängt. Der Seehund liefert Fleisch und Speck
zum Essen wie zum Brennen, er giebt Fell zu Kajaken, Booten, Zelten,
Häusern, Kleidern, Stiefeln u. s. w. -- er läßt sich nicht ersetzen.
Ein anderes Ungemach ist, daß die Grönländer mit Hilfe der Schrotflinte
auf einige Vögel, wie die Eidervögel, derartig Jagd machen können,
daß ihre Zahl mit jedem Jahre abnimmt. Auch das kann kein gutes Ende
nehmen, denn die Vogeljagd ist für viele Familien Lebensbedingung
geworden. In Godthaab z. B. leben die Einwohner den größten Teil
des Winters davon, und dort giebt es nur wenige, die dann auf den
Seehundsfang ausgehen können. Früher erlegte der Eskimo das Federwild
mit dem Wurfpfeil. Er erbeutete auch damals viele Vögel und bekam, »was
er nur verwundete«. Wenn er jetzt dagegen seine Schrotladung in die
Eidervögelschar hineinfeuert, läßt sich kaum zählen, wie viele fallen,
ohne irgend wem zugute zu kommen.

Nein, wir können uns wahrhaftig nicht schmeicheln, ihre Fangmethoden
vervollkommnet zu haben, wir haben nur eine Unordnung hineingebracht,
deren zerstörende Folgen noch nicht zu übersehen sind.

[Illustration: Auf der Sommerreise.]

Das Schlimmste von allem aber, und gar nicht wieder gut zu machen
ist der Schaden, den wir ihnen mit der Einführung aller unserer
europäischen Produkte beigebracht haben. Wir sind, wie erwiesen,
unmoralisch genug gewesen, den Eskimo an Kaffee, Tabak, Brot,
europäisches Zeug und Putz zu gewöhnen, und er hat uns seine
notwendigen Seehundsfelle und seinen Speck verkauft, um sich dafür
anzuschaffen, was ihm doch nur den zweifelhaften Genuß des
Augenblicks gewährte. Inzwischen verfaulte sein Frauenboot aus Mangel
an Häuten, er konnte sich kein Zelt mehr aufschlagen, und es kam sogar
vor, daß der Kajak, die Lebensbedingung eines Eskimos, ohne Bezug
auf dem Lande lag. Im Winter mußte man in den Häusern die Lampen oft
ausgehen lassen, weil der Speck im Herbst an die Handelsgesellschaft
verkauft worden war. Der Eskimo selbst ging im Winter oft in schlechten
europäischen Lumpen, statt der guten, warmen Pelzkleidung, die er
früher trug. Er ist immer ärmer geworden, die schönen Sommerreisen
mußten zum großen Teile eingestellt werden, weil Frauenboot und Zelt
verloren sind, und das ganze Jahr hindurch bleiben sie eingeschlossen
in den engen Häusern, wo ansteckende Krankheiten einen so guten Herd
finden und schlimmer als je am Volke zehren. Als ein Beispiel, wie
weit der Verfall an einigen Stellen vorgeschritten ist, läßt sich
anführen, daß an einem Orte bei Godthaab vor einigen Jahren noch elf
Frauenboote[172] waren, während es dort jetzt nur noch ein einziges
giebt -- und dieses einzige gehört dem Missionar[173].

Sieht man die grönländischen Volkszählungslisten der letzten Jahre
an, so könnte man sich beruhigt fühlen. Die Zahl der Eingeborenen auf
der Westküste betrug 1855 nur 9644 Seelen, während sie sich 1889 auf
10177 belief. Man sollte aber sein Gewissen lieber nicht mit diesen
schönen Zahlen einschläfern. Sie sind nur übertünchte Gräber, und
die Volksmenge der dazwischenliegenden Jahre wird zeigen, wie groß
das Hin- und Herschwanken ist. Im Jahre 1881 gab es nicht mehr als
9701 und 1883 nicht mehr als 9744 (also seit 1855 eine Zunahme von
nur hundert Individuen); im Jahre 1885 war die Zahl der Eingeborenen
allerdings auf 9914 und 1888 auf 10221 gestiegen, war dann 1889 aber
wieder auf 10177 heruntergegangen. Ueber die spätere Zeit habe ich
keine authentischen Nachrichten. Daß dort keine gesunden Verhältnisse
herrschen, beweisen diese Zahlen. Zunahme und Abnahme streiten sich
bereits um die Herrschaft. Auch darf man nicht vergessen, daß Hans
Egede die Volksmenge auf der Westküste vor anderthalb Jahrhunderten auf
30000 Seelen schätzte. Das mochte viel zu hoch gegriffen sein, aber es
ist doch weit hinunter bis zu 10177. -- Dieses Volk segelt mit Leichen
im Lastraum.

Die Kränklichkeit hat sich in den letzten Jahren in beunruhigendem
Grade entwickelt. Besonders greift der Krebsschaden des grönländischen
Volkes immer mehr um sich, die Auszehrung oder richtiger die
Tuberkulose. Es dürfte nicht viele Beispiele von Gemeinwesen geben, in
denen ein so großer Teil der Einwohner dieser Krankheit anheimgefallen
ist. Ob wir sie nach Grönland gebracht haben, ist nicht gewiß,
aber wahrscheinlich. Jedenfalls hatten wir, wie ich schon mehrmals
hervorhob, in verschiedener Weise einen entscheidenden Einfluß auf die
Verbreitung dieser und anderer ansteckenden Krankheiten[174]. Die
Tuberkulose ist jetzt so allgemein, daß ich beinahe sagen möchte, es
sei viel einfacher, die wenigen zu nennen, die sie nicht haben, als
aufzuzählen, wer sie hat. Aber es ist merkwürdig, wie widerstandsfähig
die Eingeborenen gegen diese Krankheit sind. Sie können in ihren jungen
Jahren schon so von ihr ergriffen sein, daß sie Blut speien, und
erreichen trotzdem ein ziemlich hohes Alter. Ich habe sogar gute Fänger
gesehen, die ausgesprochen schwindsüchtig waren, die bei einem Anfall
viel Blut aushusteten und wenige Tage später schon wieder auf den Fang
ausgingen. Dies ist wohl teilweise ihrer fetten Kost und besonders dem
Specke zuzuschreiben, der vorzüglich geeignet ist, sie widerstandsfähig
gegen diese Krankheit zu machen. Es hat sich auch herausgestellt, daß
die Leute in den Kolonien, wo man mehr nach europäischer Weise lebt,
der Krankheit meistens unterliegen. Gewöhnlich werden sie jedoch
überall von ihr geschwächt und können nichts Rechtes mehr leisten. Wie
lähmend dies auf ein so kleines Gemeinwesen einwirken muß, kann man
sich selbst sagen. Eine Seuche, wie die Pocken, die wir ihnen natürlich
auch schenkten und die einen großen Teil der Bevölkerung hinweggerafft
haben, ist jener bedeutend vorzuziehen. Sie tötet ihre Opfer meistens
bald und wirkt nicht wie dieses langsame, schleichende Gift[175].

So sehen wir also als das Resultat unseres Einflusses auf die irdischen
Angelegenheiten der Grönländer einen ständigen Rückgang von früherem
Wohlstand und Gedeihen zu hoffnungsloser Armut und Schwäche.

Mancher wird dies zugeben, zugleich aber einwenden, daß wir doch
eigentlich nach Grönland kamen, um das geistige Niveau und die
Kultur der Eskimos zu heben, und daß dies auf Kosten ihrer irdischen
Wohlfahrt geschehen müsse. Betrachten wir also auch diese Seite unseres
Wirkens! Viele Menschen glauben ja, es lasse sich aus einem so spröden
Stoffe, wie ein Naturvolk es ist, mit einem Schlage ein entwickelter
Kulturstaat schaffen. Es ist sehr naiv, zu glauben, die menschliche
Natur lasse sich nach dem Gutdünken einzelner Völker ändern. Allerdings
ist die menschliche Natur veränderlich; aber ihre Entwickelung geht
gerade so langsam vor sich, wie alle andere Entwickelung in der
großen Natur. Wir dürfen uns nicht einbilden, daß es angehe, uns
blindlings auf ein Naturvolk mit unserer Kultur zu stürzen und sie
ihm einzupflanzen, wie wir es in Grönland und anderswo gethan haben.
»Versuche eine Hand mit fünf Fingern in einen Handschuh mit nur
vieren hineinzuzwängen,« sagt Spencer, »und die Schwierigkeit gleicht
genau der Schwierigkeit, einen entwickelten oder zusammengesetzten
Begriff in einen Geist hineinzubringen, der nicht eine entsprechend
zusammengesetzte Aufnahmefähigkeit besitzt.«

Die einzige Veränderung, die man an einem Naturvolke ziemlich schnell
vornehmen kann, ist sein Verfall und Untergang. Eine solche Veränderung
zeigt sich in geistiger Beziehung, sobald wir versuchen, einem Volk
auf einer anderen Kulturstufe neue ethische Begriffe beizubringen.
Und dies ist genau das, was wir bei den Eskimos ausgerichtet haben.
Da wir z. B. mit Verachtung ihrer Gesetze und Bräuche versucht
haben, sie unsere Eigentumsbegriffe zu lehren, die doch nur für eine
entwickeltere, aber weniger christliche Gesellschaft als die der
Eskimos passen, können wir nun erwarten, dadurch etwas anderes zu
bewirken, als Verwirrung und Gärung? Ihr ganzer Staat war eingerichtet
nach ihren ursprünglichen, sozialistischen Eigentumsbegriffen; mit den
neuen, ihnen fremden aber ist das jetzige Leben unvereinbar, und so
ist der Untergang unvermeidlich. Wie hiermit aber, geht es mit allen
anderen Begriffen, die wir ihnen einimpfen wollen.

Wie viel Unglück, um noch ein Beispiel anzuführen, haben wir ihnen
durch unser Geld gebracht! Früher hatten sie keinen Anlaß zum Sparen
oder Reichtumsammeln. Die Erzeugnisse ihrer Arbeit halten sich nicht
unbegrenzte Zeit, und alles Ueberflüssige konnte man verschenken. --
Dann aber erhielten sie das Geld; -- und wenn sie nun mehr haben,
als für den Augenblick vonnöten, wird die Versuchung oft zu groß,
das Ueberflüssige an die Europäer zu verkaufen, statt es wie früher
darbenden Nachbarn zu geben; denn für das Geld, das sie dafür bekommen,
können sie sich ja die heißersehnten europäischen Waren anschaffen.
-- So wird ihre alte, aufopfernde Nächstenliebe von uns Christen mehr
zerstört, als entwickelt. Und das Geld setzt seinen untergrabenden
Einfluß unaufhaltsam fort. Ihre Erbschaftsbegriffe waren früher sehr
schwach, da sie, wie gesagt, dem Toten seine Kleider und Sachen mit
ins Grab gaben. Jetzt dagegen bietet das Geld den Hinterbliebenen
Gelegenheit, die Hinterlassenschaft zu verkaufen und sie scheinen jetzt
nicht mehr darüber zu erröten, als ihr Erbteil in Empfang zu nehmen,
was sie auf diese Art erhalten. Dies könnte als ein Vorteil erscheinen,
aber sie werden habsüchtig und gierig, was sie früher mehr als alles
andere verabscheuten. Auch darin beugt und knechtet das Geld die
Gemüter.

Sehen wir aber hiervon ab. Unser eigentliches Ziel sollte wohl sein,
sie zu gebildeten Menschen zu machen und ihnen mehr geistige Interessen
zu geben. Angenommen selbst, dies könnte uns gelingen, so würde es
für ein Volk wie das der Eskimos doch nur ein neues Verhängnis sein,
Interessen kennen zu lernen, die sie von dem Einzignötigen, sich und
ihre Familie zu versorgen, abziehen. Als glänzendes Resultat wird
hervorgehoben, daß die meisten Eingeborenen auf der Westküste jetzt
lesen und schreiben. Ja, ~leider~ können sie es! Dergleichen
lernt sich nämlich nicht umsonst, und sie müssen wahrhaftig teures
Lehrgeld zahlen. Ein Eskimo kann unmöglich Zeit auf die Aneignung
dieser Kenntnisse verwenden und dabei ein ebenso guter Fänger
bleiben, wie damals, als er nur ein Interesse hatte und nichts weiter
lernte, als seinen Kajak rudern und den Fang betreiben[176]. Daß
die Kajaktüchtigkeit abgenommen hat, können wir auch aus den vielen
Unglücksfällen der letzten Jahre ersehen. Während früher, nach Rink,
alljährlich nur 15 bis 20 Kajakmänner ertranken, sind 1888 und 1889 je
31 Unglücksfälle dieser Art vorgekommen.

Was soll der Eskimo mit Lese- und Schreibfertigkeit? Seinen Fang
lernt er so wahrhaftig nicht. Er unterrichtet sich durch die wenigen
Bücher, die er hat, nur über andere und bessere Länder, unerreichbare
Verhältnisse und Erleichterungen, die er bisher nicht kannte, und die
Folge ist, daß er unzufrieden wird mit seinen eigenen Verhältnissen,
die für ihn früher die denkbar glücklichsten waren. Und dann kann er
in der Bibel lesen. Sollte er aber wirklich viel davon verstehen? Und
wäre es ihm nicht ebenso dienlich, wenn ihm der Inhalt erzählt würde,
wie es mit den alten Sagen war? Der Vorteil ist wahrhaftig nicht der
Art, daß sich behaupten ließe, er sei zum rechten Preis erkauft. Wir
dürfen nie vergessen, daß die Eskimogesellschaft am Rande ihres Daseins
steht. Eine konzentrierte Anspannung aller ihrer Kräfte ist notwendig,
wenn sie den Kampf mit der harten Natur bestehen soll; ein wenig mehr
Ballast, und sie muß untergehen. Das thut sie schon, und dann kann
alles Wissen dieser Welt ihr nichts mehr helfen.

Niedergang und Verfall in jeder Hinsicht, das ist es also, worauf die
Europäer als Resultat ihres Wirkens in Grönland zurückblicken können.
Und die einzige Entschädigung, die wir ihnen dafür gaben, ist das
Christentum. In dieser Beziehung wurde ein gutes Resultat erreicht.
Christen sind jetzt alle Grönländer der Westküste -- wenigstens dem
Namen nach. Da aber scheint mir die Frage nahe zu liegen: »Ist dieses
Christentum nicht auch sehr teuer erkauft? Und müssen nicht selbst dem
eifrigsten Gläubigen Zweifel aufsteigen, ob es diesem Volke zum Segen
gereicht habe, wenn er sieht, daß es die Heilslehre mit seinem ganzen
Gedeihen hat bezahlen müssen?«

Und was muß man denn am Christentume am höchsten stellen: seine Dogmen
oder seine Moral? Ich glaube, selbst der beste Christ muß zugeben, daß
die letztere das ist, was bleibenden Wert hat. Die Geschichte lehrt
ihn, daß die Dogmen stets wechselten, und was hat es denn für einen
Wert, daß wir ihm gerade diese, die er kaum versteht, zuführten? Will
wirklich jemand im Ernst behaupten, daß es bei einem Volke vor allem
auf die Dogmen ankommt, zu denen es sich bekennt? Sollte nicht stets
die Moral, der es huldigt, die Hauptsache sein? Und die Moral des
Eskimos war, wie wir sahen, in vieler Beziehung reichlich so gut, wie
die der christlichen Staaten. Es ist uns mit all unserem Unterricht
nur gelungen, sie so zu verpfuschen, daß der Grönländer jetzt auch in
dieser Hinsicht gesunken ist.

Und nun zum Schlusse noch die Frage: Ist ein Eskimo, der dem Namen nach
~Christ~ ist, aber seine Familie nicht ernähren kann, kränklich
ist und immer tiefer ins Elend gerät, denn einem ~Heiden~, der in
»geistiger Finsternis« lebt, aber seine Familie ernähren kann, sich
einer kräftigen Gesundheit erfreut und stets zufrieden ist, wirklich
vorzuziehen? Für einen Eskimo wird die Antwort jedenfalls nicht
zweifelhaft sein. Wenn seine Einsicht so weit reichte, würde er gewiß
inbrünstig beten: »Gott, schütze mich vor meinen Freunden! Vor meinen
Feinden werde ich mich schon selber schützen!«

[Illustration]




[Illustration]




Kapitel +XVI+.

Schluß.


Wenn wir nun zum Abschluß noch einen Blick zurückwerfen: was haben wir
gesehen?

Wir haben ein von der Natur hochbegabtes Volk gefunden, das gut lebte
und trotz seiner Fehler auf einer hohen Stufe der Moral stand. Aber
durch unsere Kulturarbeit, unsere Produkte und unsere Mission sind
seine irdischen Lebensverhältnisse sowohl wie seine Moral und seine
Gesellschaftsordnung in betrübender Weise in Verfall geraten, und heute
scheint das ganze Volk dem Untergang geweiht.

Und dennoch wurde es, wie wir sahen, rücksichtsvoller und besser
behandelt, als je ein anderes Naturvolk. Sollte hierin nicht ein
ernster Wink liegen? Und sind nicht, wenn wir uns unter anderen
Naturvölkern umsehen, die Folgen der Bereicherung mit den Europäern und
den Missionaren überall die gleichen?

Was ist aus den Indianern geworden? Wo sind die einst so stolzen
Mexikaner? Wo die hochbegabten Incas von Peru? Wo ist Tasmaniens
Urbevölkerung geblieben? Und wie steht es mit den Wilden von
Australien? Bald wird keiner von ihnen mehr imstande sein, seine Stimme
anklagend gegen die Rasse zu erheben, die ihnen Untergang gebracht
hat. Und Afrika? Ja, das soll ja nun auch christlich werden. Wir haben
schon damit angefangen, es auszubeuten, und wenn die Neger kein zäheres
Leben haben als die anderen, so werden sie auch wohl denselben Weg
gehen, wenn erst das Christentum mit voller Musik kommt. Und doch
lassen wir uns nicht abschrecken und machen noch immer viel Redens
davon, daß wir den armen Wilden die Segnungen des Christentums und der
Civilisation bringen.

Ist nicht, wenn wir die Missionen der Gegenwart betrachten, das
Ergebnis beinahe überall dasselbe? Denken wir an ein Volk, wie das
chinesische, das ja auf einer hohen Kulturstufe steht und von dem
man demnach annehmen müßte, es sei vorzüglich für die neue Lehre
geeignet. Einer der »aufgeklärtesten Mandarinen Chinas«, der selbst
»Christ ist und an europäischen Universitäten studiert hat«, schreibt
in den »+North China Daily News+« einen Artikel über die Mission
und ihren Einfluß[177]. Es heißt dort unter anderem. »Ist es nicht
im Gegenteil ein öffentliches Geheimnis, daß nur die erbärmlichsten,
schwächsten, unwissendsten, ärmsten und bübischsten Leute unter den
Chinesen das sind, was die Missionare ›Bekehrte‹ nennen?« »Läßt es
sich nicht beweisen, frage ich, daß diese Bekehrten Menschen, die den
Glauben ihrer Kindheit fortgeworfen haben, und denen von ihren Lehrern
verboten wird, Sympathie für die Erinnerungen und Ueberlieferungen
unserer uralten Geschichte zu zeigen, ja, die alles dieses verachten
-- ist es nicht erwiesen, daß diese Leute sich, wenn sie die Hoffnung
auf irdischen Gewinn aufgeben mußten, schlimmer zeigten, als der ärgste
Chinesenpöbel? Die Missionare können z. B. ihren Zuhörern erzählen.
die Mandarinen seien Idioten, weil sie an Himmelszeichen und ähnlichen
Unsinn glauben. Aber den Tag darauf werden sie vielleicht denselben
Zuhörern erzählen, daß die Sonne und der Mond wirklich stillstanden,
als der Hebräerfeldherr Josua es ihnen befahl.« In betreff der
Wohlthätigkeit der Missionare gegen die Eingeborenen und der Linderung
von Not und Elend durch sie fragt er: »Läßt sich beweisen, daß diese
Hülfe ein Aequivalent für das Geld ist, das die chinesische Regierung
allein für den Schutz der Missionare bezahlen muß? Ich glaube, schon
die Zinsen dieser ungeheuren Summen würden genügen, um einen weit
größeren Stab von geschickten europäischen Aerzten und tüchtigen
Krankenpflegerinnen zu besolden.« »Ueberzeugt Euch, wie viel von den
Millionen, die barmherzige Menschen in Europa und Amerika für die
Chinamission einsammeln, auf die Linderung von Not verwandt wird.
Laßt feststellen, wie viel der Unterhalt der Missionare, ihrer Frauen
und Kinder, der Bau ihrer prächtigen Häuser und Sanatorien, das Porto
und Papier für ihre bücherähnlichen, rosenfarbigen Missionsberichte,
ihre Kongresse und viele andere Dinge kosten!« »Ist es nicht
ein öffentliches Geheimnis, daß die ganze Mission geradezu ein
Wohlthätigkeitsunternehmen zu Gunsten stellenloser Personen in Europa
und Amerika ist?« Er fragt ferner, ob jemand daran zweifle, daß die
Missionare »mit ihrer hohen Meinung von ihrer eigenen Unfehlbarkeit oft
sehr unverschämt und anmaßend sein könnten und daß sie sich in Dinge
mischten, die sie gar nichts angingen. Wenn jemand in Zweifel sein
sollte, ob die Missionare, im Ganzen genommen, zu Obigem imstande sind,
so lese er ihre Schriften und achte auf den darin herrschenden Geist
und Ton.«

Das ist die Geschichte von Grönland in anderer Auflage. Der Unterschied
ist nur, daß die Chinesen, wenn sie sich den Missionaren, die
sie nicht hergebeten haben, widersetzen, nicht geohrfeigt und mit
dem Tauende geprügelt werden. Wenn sie aber in der Erkenntnis des
drohenden Unglücks »die fremden Mächte bitten, im Interesse Chinas,
wie auch Europas und Amerikas die Missionare zurückzurufen«, und die
Missionare, falls ihre Bitten nichts nützen, mit Gewalt vertreiben
wollen, dann rufen diese Herren, die gekommen sind, das Evangelium des
Friedens zu verkünden, ihre Regierungen um Schutz an. Und es werden
ihnen Kanonenboote und Truppen geschickt, ein vernichtendes Feuer
von Projektilen und Kartätschen wird auf die Eingeborenen gerichtet,
und auf die Waffen ihrer Landsleute gestützt, verlangen die frommen
Missionare eine gehörige Entschädigung für den Schaden, den sie an Gut
und Habe erlitten haben. Wohl deshalb, weil geschrieben steht: »Ihr
sollt nicht Gold, noch Silber, noch Erz in Euren Gürteln haben; auch
keine Tasche zur Wegfahrt, auch nicht zween Röcke, keine Schuhe und
keinen Stecken« (Matthäus 10, V. 9-10).

Wir kennen sicher dieselbe Rasse wieder, die China, als es sich gegen
das zerstörende Gift »Opium« wehrte, durch einen blutigen Krieg
zwang, seine Häfen dem Opiumhandel zu öffnen, damit die Europäer Geld
verdienten, während die chinesische Gesellschaft untergraben wurde.
Dies war von Anfang bis zu Ende eine so schändliche Niederträchtigkeit,
daß keine Sprache Worte dafür hat. -- Die Eskimos haben leider nur zu
recht, wenn sie die Europäer für ein ehrloses, verderbtes Volk halten,
das nach Grönland kommen müßte, um Moral zu erlernen.

Und sind die Resultate der Missionen anderswo besser? Wohl kaum.

Kürzlich erschien eine Statistik der in Indien begangenen Verbrechen,
aus der hervorgeht, daß die meisten auf die Europäer fallen; dann
kommen die bekehrten Indier, dann die Anhänger des Brahmanismus,
und ganz zuletzt erst die Buddhisten. Aus Afrika liegt mir keine
Statistik vor, aber nach allem, was ich hörte, kann man auch dort
nicht mit den Ergebnissen der Missionen prahlen. Und für diese
Heidenmission in Afrika und Indien opfert auch unser Land alljährlich
Hunderttausende. Haben wir es denn so reichlich, daß man dieses Geld
daheim nicht nützlicher anwenden könnte? Es ist ein hübscher Gedanke,
die armen Wilden, die man niemals sah und deren Not man nicht kennt,
zu unterstützen. Sollte es aber nicht noch hübscher sein, den vielen
Elenden zu helfen, deren Not wir Tag für Tag vor Augen haben? Wenn wir
schon durchaus Gutes thun wollen, warum nicht mit dem Nächstliegenden
beginnen? Ist dann in der Heimat allen geholfen, so kann man noch immer
auf Reisen gehen und zusehen, ob auch anderswo jemand unserer Hülfe
bedarf.

Es ist durchaus nicht meine Meinung, daß jede Mission schädlich
wirken muß. Ich glaube aber, daß eine Mission, um wirklich gut zu
sein, Anforderungen stellt, denen die heutige Zeit nicht mehr gerecht
werden kann. Denn erstens bedarf es dazu einer solchen Anzahl edler,
aufopfernder und bedeutender Männer, wie man sie nicht auf einmal
findet -- wir treffen einen oder zwei, vielleicht auch drei, aber
keinen festen Stab -- und zweitens strömt im Kielwasser der Mission
unvermeidlich soviel Schlechtes über das eingeborene Volk herein, daß
die beste Mission dem ebensowenig abhelfen kann, wie es in der Macht
der Missionare steht, ihm den Eingang zu verschließen. Es läuft also
schließlich wieder auf dasselbe Resultat hinaus.

Werden uns denn nicht einmal die Augen aufgehen für das, was wir da
thun? Werden sich nicht einmal alle wahren Menschenfreunde von Pol zu
Pol zu einem gemeinsamen erdrückenden Protest aufschwingen gegen dieses
ganze Unwesen, diese selbstgerechte, skandalöse Behandlung anderer
Kulturen und anderer Glaubensbekenntnisse?

Es wird eine Zeit kommen, da unsere Nachkommen uns strenge verurteilen
und dieses Unwesen, das uns mit den Grundsätzen der christlichen
Lehre übereinzustimmen scheint, als tief unmoralisch bezeichnen. Dann
wird auch die Moral soweit entwickelt sein, daß nur die tüchtigsten,
geeignetsten Persönlichkeiten entsendet werden, und daß sie sich
anfangs damit begnügen müssen, das Leben und die Kultur eines fremden
Volkes gründlich zu studieren und zu untersuchen, ob es wirklich
unserer Unterstützung bedarf. Ist das der Fall, so wird man sich
fragen, auf welche Weise am besten unsere Hülfe eingreift. Ist das
Resultat jener Untersuchungen aber die Einsicht, daß man dort doch
nichts Gutes ausrichten kann, dann wird man den Plan auch wieder fallen
lassen. Doch freilich, ehe wir erst soweit sind, werden die meisten
fremden Völker wohl vernichtet sein, wenn sie es nicht heute schon
sind.

Fragen wir schließlich, ob es für das grönländische Volk denn gar keine
Rettung giebt. Alle, die die Verhältnisse kennen, werden einräumen,
daß daran nur zu denken wäre, wenn sich die Europäer nach und nach
aus Grönland zurückzögen. Sich selbst überlassen und den fremden,
verwirrenden Einflüssen nicht weiter preisgegeben, würde man sich zu
den alten Verhältnissen vielleicht nach und nach wieder zurückfinden
können, und dann könnte die grönländische Gesellschaft auf Rettung
hoffen. Diese Möglichkeit ist aber jedenfalls noch auf lange Zeit
hinaus nur ein schönes Luftschloß. Denn erstens widerstritte es der
Eitelkeit eines europäischen Staates, einen einmal angefangenen
Zivilisationsversuch wieder aufzugeben, den er mit großen Zahlen in das
Kreditkonto seiner im Jenseits abzulegenden Rechnung eingetragen hat,
und zweitens dürften, falls die Dänen auf ihre Kolonien verzichteten,
auch die Schiffe anderer Nationen mit den Eingeborenen keinen Handel
treiben und ihnen europäische Produkte, namentlich Branntwein,
zuführen.

Doch, abgesehen von der Berührung mit uns, droht den Eskimos auch
die Gefahr, daß die Zahl der Seehunde in beunruhigendem Grade
abnimmt. Dies rührt nicht von dem Fang her, den die Grönländer selber
treiben. Ihre Ausbeutung verschwindet gegen die Hunderttausende von
neugeborenen Jungen, welche europäische und amerikanische Robbenjäger
alljährlich auf dem Treibeis bei Newfoundland erschlagen. Auch hier
also schädigt die weiße Rasse den Eskimo. Doch selbst, wenn er dies
wüßte, kann er es nicht hindern, denn seine Stimme reicht nicht
weit. Und doch ist es eine Jagd, ohne die unsere Gesellschaft sehr
gut bestehen könnte, für ihn aber ist der Seehund -- das Leben! So
ist denn dieses liebenswürdige Volk unvermeidlich dazu bestimmt,
entweder ganz unterzugehen oder zu einem Schatten dessen, was es einst
war, herabzusinken. Der Grönländer aber ist heiter und vielleicht
glücklicher, als die meisten von uns; er erkennt sein Unglück nicht und
haßt uns nicht, sondern ist freundlich zu uns und freut sich, wenn wir
zu ihm kommen.

Grönland war einst eine gute Einnahmequelle für den dänischen Staat.
Die Zeit ist vorbei. Jetzt kosten der königlich-grönländische Handel
und die Mission jährlich große Summen, und es wird noch immer schlimmer
werden. Kann man erwarten, daß der dänische Staat auf die Dauer das so
fortgehen läßt? Wäre es nicht richtiger und besser, wenn er beizeiten
seine abseits wohnenden Handelsleute zurückriefe, die einzelnen
Kolonien eingehen ließe und die Läden und Häuser den Eingeborenen
zur Verteilung überwiese? Ja, meiner Ansicht nach sollte man die
Warenbestände einpacken, sie und die Kaufleute an Bord der neun Schiffe
des grönländischen Handels bringen und mit allem heim nach Dänemark
segeln. Einmal wird es doch geschehen müssen, dann aber wird vielleicht
niemand mehr zurückbleiben, um Grönland zu bevölkern. Die erstarrte
Leblosigkeit des Binneneises wird sich hinziehn bis zum Meere, und
an den menschenleeren Ufern wird nur das wehmütige Flöten der Möven
noch zu hören sein. Die Sonne wird auf- und niedergehen und ihren
Strahlenglanz an ein verlassenes Land verschwenden. Nur vereinzelt
berührt dann ein fremdes Schiff die öden Küsten. -- -- -- Aber in den
langen Winternächten werden die Toten ihren glänzenden Reigen tanzen
über dem ewigen Todesschweigen ihres Schneelandes. -- --

[Illustration]


Fußnoten:

[1] Anmerkung des Verfassers: Die Eskimos nennen sich selber
+Inuit+ oder Mensch und rechnen alle anderen Völker zu den --
höher-organisierten -- Tieren.

[2] Anmerkung des Verfassers: Dort im Norden konnten sie den ganzen
Winter viele Walfische und Seehunde auf dem Eise fangen, und diese
Fangart müssen sie in noch höherem Norden, wo sie ihnen die wichtigste
war, erlernt haben.

[3] ~Gustav Storm~: Studien über die Winlandsfahrer u. s. w. Jahrbücher
für nordische Altertumskunde und Geschichte. 1887. Kopenhagen 1888.
Sonderabdruck, Seite 56.

[4] Anm. d. Verf.: Man hat aus der ~Floamanna~sage schließen wollen,
daß Thorgils Orrabeinfostre schon um das Jahr 1000 Eskimos auf der
Südostküste getroffen, indem man annimmt, die in dieser Sage erwähnten
»Koboldweiber« könnten nur Eskimos gewesen sein. Allein schon Professor
Storm hat in seinen »Studien über die Winlandsfahrer« auf Seite 56
darauf aufmerksam gemacht, daß der abenteuerliche Charakter dieser
Sage einen solchen Schluß nicht erlaubt. Es muß auch daran erinnert
werden, daß die Handschrift erst von etwa 1400 datiert, also lange nach
der Zeit, da die Norweger auf der Westküste Eskimos trafen. Wenn sich
die »Koboldweiber« also wirklich auf die Eskimos beziehen, was sehr
zweifelhaft ist, so kann dies auch eine spätere Hinzudichtung sein.

[5] ~H. E. Saabye~: Bruchstücke eines Tagebuches, geführt in Grönland
in den Jahren 1770-1778. Odense 1816. Seite 136.

[6] ~Holm~: Mitteilungen über Grönland. Band 10, Seite 58. Kopenhagen
1889.

[7] Anm.: Die Nordwestindianer und die Tschuktschen -- ja, ich glaube,
auch die Korjaken und Kamtschadkadalen -- bedienen sich übrigens
derselben Harpune mit Leine und großer Blase zur Jagd auf Seetiere
und schleudern sie vom Vordersteven ihrer großen offenen Kanoes oder
Fellboote aus. Wahrscheinlich aber haben sie den Gebrauch dieser Waffe
erst von den Eskimos erlernt.

[8] Anm. In Nordgrönland giebt es noch eine dritte und größere
Harpunenart, die zum Walroßfange gebraucht und ohne Wurfholz
geschleudert wird; sie hat dafür zwei beinerne Knöpfe (+~tikagut~+),
einen für den Daumen und einen für den Zeigefinger.

[9] Ueber die verschiedenen Formen des Wurfholzes bei den Eskimos,
siehe ~Masons~ diesbezügliche Abhandlung im +Annual Report etc. of
Smithsonian Institution for 1884+, Teil +II+, Seite 279.

[10] An einigen Orten, z. B. im südlichsten Grönland und auf der
Ostküste, hat das Wurfholz nur eine Vertiefung für den Daumen, während
die andere Seite glatt oder mit einem Knochenstücke beschlagen ist, in
welchem sich kleine Rillen befinden, damit die Hand nicht herabgleite.

[11] Siehe hierüber unter anderem schon die alten Verfasser ~Cook~ und
~King~: +A Voyage to the Pacific Ocean etc., third edition+, London
1785, Band +II+, Seite 513.

[12] Merkwürdig ist, daß die Bewohner der Sankt Lorenzinsel den Kajak
garnicht zu kennen scheinen. Sie haben große, offene Fellboote,
~Baldaren~, von gleicher Bauart wie die Boote der Tschuktschen.
Vergleiche ~Nordenskiöld~, Die Reise der Vega um Asien und Europa,
Christiania 1881, zweiter Teil, Seite 249.

[13] Dadurch, daß das Ruder soweit wie möglich seitwärts geführt wird,
bis es schließlich quer auf dem Kajak steht, kommt es in eine etwas
schräge Lage, wodurch das Ruderblatt bei der Bewegung das Wasser
niederdrückt, also emportreibende Kraft erhält.

[14] Dies ist das ausgewachsene Männchen der Klappmütze. Er hat über
der Schnauze eine Haut, die er zu erstaunlicher Größe aufblasen kann.

[15] Wenn ein Seehund gefangen wird, erhalten die in der Nähe
befindlichen Kajakmänner jeder ein Stück frischen Speckes von dem Tiere
und verzehren es gewöhnlich gleich.

[16] Anmerkung: Diese Erzählung ist von Dr. H. Rink übersetzt und mit
mehreren anderen in seinem Buche »Die Grönländer, ihre Zukunft u. s.
w.« (Kopenhagen 1882) abgedruckt.

[17] Anm.: Wenn sie sahen, wie unsere liederlichen Matrosen sich
zankten und prügelten, fanden sie solches unmenschlich und sagten:
die halten einander nicht für Menschen. Desgleichen wenn einer der
Offiziere seine Leute schlug, hieß es gleich: Er behandelt seine
Mitmenschen wie Hunde u. s. w.

[18] ~Paul Egede~: Berichte aus Grönland, Seite 36.

[19] ~Dalager~: »Grönländische Berichte.« 1752. Kopenhagen.
Seite 15-16.

[20] Hierzu kommen jedoch auch die Hunde und für die nördlicher
Wohnenden und die Ostgrönländer die Hundeschlitten.

[21] Jagen mehrere zusammen, so entscheiden auch bestimmte Regeln
darüber, wem das erlegte Wild gehört. Schießen zwei oder mehrere auf
ein Renntier, so gehört es dem, der es zuerst getroffen, auch wenn er
es nur unbedeutend verwundet hat. Ueber die Seehundsjagdvorschriften
sagt ~Dalager~: »Trifft ein Grönländer mit seinen leichten Pfeilen
einen Seehund oder sonst ein Seetier und dieses stirbt nicht, sondern
läuft mit dem Pfeile fort, so gehört es ihm, auch wenn ein anderer es
nachher mit seinen Pfeilen tötet; doch hat er sich der gewöhnlichen
Harpune bedient und reißt die Leine und ein anderer kommt und trifft,
dann hat der erste sein Recht verloren; werfen aber beide zugleich und
treffen beide Harpunen, so wird das Tier mit Haut und allem der Länge
nach geteilt.« -- »Treffen zwei zugleich einen Vogel, so wird dieser
der Quere nach geteilt.« -- »Findet einer einen toten Seehund mit einer
Harpune im Leibe, so erhält der Eigentümer, falls er in der Gegend
bekannt ist, seine Harpune wieder, der Finder aber behält den Seehund.«
Aehnliche Regeln scheinen auch auf der Ostküste zu gelten.

[22] Wie schon erwähnt, handelt es sich gewöhnlich um Klappmützenfelle,
doch werden auch Felle vom Blauseehund, ja ausnahmsweise auch vom
Ringseehund, dem fleckigen Seehund oder dem gewöhnlichen Fjordseehund
(+Phoca vitulina+) genommen.

[23] Zum Nähen der Kleider und der Bootsfelle nimmt man Walfisch-,
Seehund- oder Renntiersehnen. Die Sehnen werden einfach getrocknet.
Zum Nähen der Wasserpelze, Fausthandschuhe und Kamiker verwendet man
außerdem noch die Luftröhre des Grönlandsseehundes, des fleckigen
Seehundes, der Klappmütze, des kleinen, gesprenkelten Seehundes und der
Scharbe. Die äußere Schicht der Luftröhre wird in frischem Zustande
abgezogen und dann auf einen dazu geschnittenen runden Stock, der
eingefettet ist, damit sie besser gleitet, aufgestreift. Unterdessen
wird auch die Innenseite mit einer Muschel reingeschabt. Wenn sie auf
dem Stocke trocken geworden ist, schneidet man sie der Länge nach in
ganz schmale Streifen. Der Faden, den man auf diese Weise erhält, hat
vor dem Sehnenfaden den Vorzug, daß er sich nicht dehnt, wenn er in
Wasser kommt.

[24] Siehe ~Holm~: Mitteilungen über Grönland. Band 10. Seite 94.

[25] Es kam bisweilen auch vor, daß er andere beauftragte, dies für ihn
zu thun; es sollte jedoch immer in Form einer Ueberrumpelung oder eines
Raubes geschehen.

[26] ~Graah~: »Untersuchungsreise nach der Ostküste von Grönland.«
Kopenhagen 1832. Seite 145-148.

[27] Siehe ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«. Band 10, Seite 96.

[28] Siehe ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland.« Band 10, Seite 103.

[29] ~Dalager~ erwähnt, daß seinerzeit auf der Westküste kaum der
zwanzigste Teil der Grönländer zwei Frauen, sehr selten drei und nur
ausnahmsweise vier gehabt, doch habe er einen Mann, der elf Weiber
hatte, gekannt. Grönländische Berichte, Seite 9.

[30] ~Dalager~: Grönländische Berichte, Seite 9.

[31] Die Ansiedler am Graedesjord gehören zur Herrnhutergemeinde.

[32] Dies ist eine Art Ting oder Versammlung, welche hauptsächlich aus
Abgesandten von den verschiedenen Orten eines Distriktes besteht.

[33] ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland.« Band 10. Seite 96.

[34] Holm: »Mitteilungen über Grönland.« Band 10. Seite 102.

[35] ~Graah~: »Untersuchungsreise« u. s. w. Seite 141.

[36] Vergleiche ~Paul Egede~: Berichte aus Grönland, Seite 107 und
Holm: »Mitteilungen über Grönland«, Band 10, Seite 91.

[37] Obwohl sie, wie gesagt, auf die Geburt von Töchtern keinen
sonderlichen Wert legen, kommt doch das bei so vielen Naturvölkern
gebräuchliche Ermorden der Säuglinge weiblichen Geschlechtes bei ihnen
nicht vor.

[38] Wie Seite 22 erwähnt, tragen Unverheiratete, die Kinder haben,
eine grüne Haarbinde.

[39] Ein Grund hierzu ist auch die natürliche Geschlechtswahl, da die
Mischlinge jetzt zum Teil für schöner als die reinen Eskimos gelten und
daher beim Heiraten häufig vorgezogen werden.

[40] Siehe ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«. Heft 10, Seite 100.

[41] Paul Egede war jahrelang Prediger in Grönland, dann aber (1756)
nach Kopenhagen gezogen.

[42] Pauina oder Pauia wurde Paul Egede unter den Grönländern genannt,
es ist eine Verstümmelung von Paul.

[43] Es wären also die Holländer und die Engländer.

[44] Also Amerika.

[45] Den wichtigsten Beitrag zur Kunde ihres ursprünglichen Zustandes
finden wir in Kapitän ~Holms~ bedeutungsvollem Bericht über die Eskimos
in Angmagsalik. »Mitteilungen a. Gr.« Heft 10, Seite 148 ff. und
Bilder.

[46] ~Paul Egede~: »Grönländische Berichte«, Seite 73.

[47] Beim Kap Farvel.

[48] ~Ipak~, ein meistens viereckiges Brett am Pritschenrande, ist für
die Thranlampe bestimmt, die, wie erwähnt, auf einem Holzschemel steht.

[49] Unter den vom Handel in Grönland eingeführten Luxusgegenständen
giebt es auch billige Baseler und Nürnberger Uhren, die man heute an
den entlegensten Orten des Landes antrifft.

[50] In den echten Eskimohütten sitzt es sehr tief.

[51] Ueber die Beschaffenheit der Seele siehe auch ~Paul Egede~:
»Grönländische Berichte«, Seite 149, und ~Cranz~: »Geschichte von
Grönland«, Seite 258.

[52] ~Paul Egede~ sagt in den »Grönländischen Berichten«. Seite
126, ausdrücklich, daß die Eingeborenen keinen unterschied zwischen
~+tarrak+~ und ~+tarnek+~ (~+tarnik+~) kennen, und er gebraucht
abwechselnd beide Worte. Siehe auch dasselbe Buch. Seite 92.

[53] »Geschichte von Grönland«, Seite 257.

[54] Siehe ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland,« Heft 10, Seite 112.

[55] Dieselbe Anschauung findet man auch überall auf der Westküste
(siehe »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 342), dort aber
scheint es sich nur um die Seele des Verstorbenen zu handeln. Der
Unterschied zwischen Namen und Seele kann also bei den verschiedenen
Stämmen nicht scharf entwickelt sein.

[56] Siehe auch ~Liebrecht~: »Zur Volkskunde«, Seite 311.

[57] ~Klemm~: »Kulturgeschichte«, +III+, Seite 77; ~Tylor~: »+Primitive
Culture+« (1873), II, Seite 4; »Antiquarische Zeitschrift«, 1861-63,
Seite 118.

[58] Die Exogamie zwischen zwei Personen gleichen Familiennamens, die
wir bei vielen Völkern finden (siehe Seite 145 ff.), scheint mir auf
diese Weise leicht erklärlich, indem derselbe Name eine nahe geistige
Verwandtschaft erzeugt, die ebenso wie nahe Blutsverwandtschaft als
Ehehindernis gilt.

[59] Siehe ~Holm~, a. a. O. a., Seite 111, wo Beispiele derartiger
Umänderungen angeführt sind. ~Holm~ sagt: »Die alten Namen werden
wieder aufgenommen, sowie der Tote ganz in Vergessenheit geraten ist.«
Mir erscheint es natürlicher, daß dies geschieht, sobald ein Kind nach
ihm benannt worden ist.

[60] ~Nyrop~: »Kleinere Abhandlungen«, herausgegeben von der
phil.-hist. Gesellschaft, Kopenhagen, 1887, Seite 147-150.

[61] ~Nyrop~: Siehe oben, Seite 136-137.

[62] ~Liebrecht~: »+Academy+«, +III+ (1872), Seite 322.

[63] »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 113.

[64] Nach ~Schoolcroft~ in der »Antiquarischen Zeitschrift«, 1861 bis
1863, Seite 119 ff. Siehe auch ~Andrée~: »Ethnographische Parallelen
und Vergleiche«, Seite 180. ~Tylor~: »+Early history of mankind+«,
Seite 142.

[65] Unsere Vorfahren kannten diesen Brauch ebenfalls. »Sigurd
verheimlichte seinen Namen, weil es in alten Zeiten der Glaube unseres
Volkes war, daß das Wort eines Sterbenden große Macht habe, wenn er den
Namen seines Feindes verwünsche.« ~Saemundar Edda~, Ausgabe von ~Sophus
Bugge~, Seite 219.

[66] Nach Mitteilung von Professor ~Moltke Moe~.

[67] Wie Name und Gegenstand verschmelzen, geht u. a. aus dem
schwäbischen brauche hervor, die »Namen von drei zänkischen Weibern« in
den Wein zu werfen, wenn er guter Essig werden soll.

[68] Vergleiche ~Nansen~: »Auf Schneeschuhen durch Grönland«,
Seite 301.

[69] Ueber die Bedeutung des Namens und seiner Nennung bei den
verschiedenen Völkern vergleiche Kristoffer ~Nyrops~ ausführliche
Abhandlung »Die Macht des Namens« in den »kleineren Abhandlungen«,
herausgegeben von der phil.-histor. Gesellschaft, Kopenhagen, 1887,
Seite 119-209. Siehe auch B. ~Gröndahl~ in den »Annalen nordischer
Altertumskunde«, 1863, Seite 127 ff.; ~Moltke Moe~ in »Letterstedts
Zeitschrift«, 1879, Seite 286 ff.; S. ~Grundtvig~: »Dänemarks alte
Volkslieder«, +II+, Seite 339 ff.; H. ~Spencer~ »+Principles of
Sociology+«, +IV.+ Teil, Seite 701.

[70] Vergleiche ~Rink~: »Jahrbuch für nordische Altertumskunde und
Geschichte«, 1868, +III+, Seite 202.

[71] Vergl. Paul Egede: »Grönländische Berichte«, Seite 149.

[72] Holm: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 113.

[73] Mir von Moltke Moe mitgeteilt.

[74] Siehe hierüber auch Paul Egede: »Grönländische Berichte«, Seite
117. Nach der Aussage einiger sollten Hexen und »böse Leute« in die
Oberwelt kommen.

[75] Mitgeteilt von Moltke Moe. Vergleiche auch J. Flood: »Grönland«,
Christiania, 1873, Seite 10, Anmerkung. Aehnliche Vorstellungen soll
man in Bayern und auf den Marquesa-Inseln finden. (Vergl. Liebrecht,
»+The Academy+«, +III+ [1872], Seite 321.)

[76] P. Egede: »Grönländische Berichte«, S. 109. Siehe auch H. Egede:
»Die neue Perlustration Altgrönlands«, S. 84. Cranz: »Geschichte von
Grönland«, S. 301.

[77] »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, S. 106, Anmerkung.

[78] Tylor: »+Primitive Culture+« (1873) I, S. 472.

[79] Die Vorstellung vom zweiten Tode oder vom Tode der Seele findet
sich bei vielen Völkern: den Hindus, Tartaren, Griechen, Kelten,
Franzosen, Skandinaviern, Germanen u. a.

[80] ~Tylor~: »+Primitive Culture+«, +II+, Seite 44 ff.

[81] ~Knortz~: »Aus dem Wigwam« Leipzig, 1880, Seite 133 mit Seite 142
verglichen. Moltke Moe hat mich hierauf aufmerksam gemacht.

[82] Interessant ist, daß ein Wesen, gleich diesem von der Ostküste,
mit langen Fangarmen u. s. w. auch bei den Alaska-Eskimos vorzukommen
scheint. Siehe Holm, »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, S. 115,
Anm. 1.

[83] ~Tartok~ bedeutet eigentlich dunkel. Bei den Eskimos im südlichen
Alaska bedeutet dasselbe Wort (+~taituk~+) Nebel. In Ostgrönland
bedeutet +~târtek~+ schwarz. (Vergl. Rink, »Mitteilungen über
Grönland«, Heft 11, S. 152.)

[84] Rink: »Sagen und Märchen der Eskimos«, Suppl., S. 187. In
Schottland heißt Ohrenklingen »Totenglocken« und bedeutet den Tod eines
Freundes (+Hogg Monutain Bard+, dritte Ausgabe, S. 31.)

[85] Dritte Folge u. s. w., S. 74.

[86] Auf der Ostküste wird jedoch, nach Holm (Mitteilungen über
Grönland, Heft 10, Seite 105) die Leiche auch mittelst eines ihr
um die Beine gebundenen Riemens von Seehundsleder aus dem Hausgang
hinausgeschleift. Mir scheint, als hätte in diesem Falle die Furcht
vor der Berührung der Leiche über die Furcht vor dem Hinausbringen
eines Toten aus dem Gange gesiegt. Würde sie durch das Fenster
hinausbefördert, so müßte sie ja angefaßt werden. Dadurch, daß die
Beine vorangeschleift werden und also nach außen zeigen, will man wohl
das Wiederkehren der Seele verhindern.

[87] Von Moltke Moe mitgeteilt. Vergleiche auch Liebrecht: »Zur
Volkskunde«, Seite 372 ff.

[88] Grönlands historische Denkzeichen. +III+, Seite 639.

[89] Siehe Moltke Moes Bericht an die Neuen Universitäts- und
Schulannalen, 1880 (Separatabdruck, Seite 2), und die dort angeführten
Werke.

[90] Holm: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 107.

[91] H. Egede: »Des alten Grönlands neue Perlustration«, Seite 83.

[92] Siehe P. A. Gödeckes Uebersetzung der +Edda+, Seite 170 und die
Anmerkung, Seite 355. Moltke Moe hat mich auf diese Uebereinstimmung
aufmerksam gemacht.

[93] ~Paul Egede~: »Fortsetzung der Erzählungen u. s. w.«, Seite 45
ff.; ~Hans Egede~: »Grönlands neue Perl«, Seite 118 ff.; ~Rink~:
»Märchen und Sagen der Esk.«, Suppl., S. 183 ff.

[94] Bei den Dakotah-Indianern ist auf dem Wege nach Wanaratebe
ein Rad, das mit fürchterlicher Schnelligkeit über den Boden des
Abgrundes, der am Fuße des auf Seite 210 erwähnten scharfen Bergkammes
liegt, hinrollt. An dieses Rad werden alle gebunden, die ihre Eltern
verächtlich behandelt haben. Siehe ~Liebrecht~: »+Gervatius otia
imperialia+« (1856), Seite 91, Anmerk. 2.

[95] Mir von ~Moltke Moe~ mitgeteilt.

[96] Siehe ~Sophus Bugge~: »Mythologische Erläuterungen zum
Draumekvaedi«, in der Norwegischen Zeitschrift für Litteratur und
Wissenschaft, 1854-55, Seite 108-111; ~Grimm~: »Mythologie«, Seite 794;
~Liebrecht~: »+Gervasius otia imperalia+«, Seite 90 ff.; vergl. auch H.
~Hübschmann~: »Die parsische Lehre vom Jenseits und jüngsten Gericht«,
Jahrbücher für protestantische Theologie, V (Leipzig 1879), Seite 242.

[97] Mitgeteilt von ~Moltke Moe~. Vergl. auch H. ~Hübschmann~, siehe
oben, Seite 216, 218, 220 und 222.

[98] Tylor »Prim. Cult.« II, S. 50. Vergl. auch den Glauben der
Indianer an den messerscharfen Bergkamm. (Siehe S. 210, Anm.) Eine
Möglichkeit ist ja vorhanden, daß die Indianer diese Idee von den
Eskimos oder noch wahrscheinlicher von den Europäern nach der
Entdeckung Amerikas bekommen haben.

[99] Siehe Bugge, a. a. O. a., Seite 114.

[100] Tylor, siehe oben, Seite 50; vergl. Knortz: »Aus dem Wigwam«, S.
142.

[101] Von Moltke Moe nach seinen ungedruckten Märchenaufzeichnungen
mitgeteilt. Siehe auch eine Aufzeichnung aus Flatdal im Fedraheim
1887, Nr. 18; eine aus Hardanger (abgeschwächt) in Haukenaes, »Natur,
Volksleben und Volksglaube in Hardanger«, +II+, 233. Dänische Varianten
in Kl. Berntsen »Volksmärchen« +I+ (Odense 1873), 116; Et. Kristensen
»Jütische Volkserinnerungen«, +V+, Seite 271.

[102] Rink »Berichte: über Grönland«, Heft 11, Seite 7. Vergl. Boas:
Petermanns Mitteilungen, 1887, Seite 303; Rink und Boas: »+Eskimo tales
and songs+« im +Journal of American Folk-Lore+ (1889 ?), Seite 127.

[103] Anm. über Crantzens Geschichte von Grönland (von Glahn),
(Kopenhagen 1771), Seite 384 ff. ~Rink~: »Märchen u. Sagen der Esk.«,
S. 87, 166; Suppl., S. 44.

[104] Mitgeteilt von Moltke Moe.

[105] +I+, 551, 553.

[106] ~Rink~: »Märchen und Sagen der Eskimos«, Seite 87.

[107] Vergl. Sophus Bugge, a. a. O. a., Seite 115 ff.

[108] Nach einer Aufzeichnung von Moltke Moe.

[109] ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 144.

[110] Vergleiche ~Knortz~: »Aus dem Wigwam«, Seite 130 ff. H. de
Charencey (Mélusine +I+, Seite 225) erwähnt (nach Malthaeus »+Hidatsa
grammar+«, 1873, Einleitung Seite +XVII+), daß die Vorfahren der
Minetarier (Stamm in den Missouriländern) auf dem Grunde eines großen
Sees lebten und mittelst eines großen Baumes auf die Erde gelangten.
Der Baum stürzte aber um, sodaß viele unten bleiben mußten. (Nach einem
noch ungedruckten Manuskripte von ~Moltke Moe~.) Dies erinnert beinahe
noch mehr an die unter der See lebenden Ignerssuit.

[111] Siehe J. ~Krohn~: »Finnische Litteraturgeschichte«, Teil
+I+, Kalevala (1891), Seite 165 ff. Moltke Moe hat mich auf diese
Aehnlichkeit aufmerksam gemacht und mir sein Manuskript einer noch
ungedruckten Abhandlung über ähnliche Sagen geliehen. Meist sind in
diesen Himmel und Erde durch einen großen Baum verbunden, an dem die
Menschen hinauf- und hinabklettern oder dergl. Der Mythus eines solchen
Himmelsbaumes kommt fast auf der ganzen Erde vor. Wir finden ihn bei
uns (+Ygdrasil+), in Polynesien, auf Celebes, Borneo, Neuseeland u. s.
w. Bei den Vogulen verwandelt sich der Sohn der beiden ersten Menschen
in ein Eichhorn, klettert an einem Baume in den Himmel und später
wieder herab (vergl. A. ~Lang~ »+Myth, Ritual and Religion+« [1887], I,
Seite 182, Anmerkung 2); bei den Indianern klettert der erste Mensch
einem Eichhorn nach auf einen Baum und gelangt in den Himmel, aus dem
er herabkommt, um Kultur zu bringen oder um seine Schwester zu holen
(vergl. ~Tylor~: +»Early History of Mankind« second edition+, Seite
349 ff.). Die Zigeuner an den Grenzen Siebenbürgens sprechen in ihrer
Schöpfungssage u. a. von einem großen Baum, von dem Fleisch auf die
Erde fiel und aus dessen Blättern die Menschen entstanden, (vergl. H.
v. ~Wlislocki~: »Märchen und Sagen der transsylvanischen Zigeuner«, Nr.
1). Der Zusammenhang der grönländischen Vorstellung mit diesen Mythen
ist wahrscheinlich; daß der Baum bei den Eskimos verschwunden ist, ist
ja ganz natürlich.

[112] Vergl. A. ~Lang~: »+Myth, Ritual and Religion+« +I+, Seite 181.

[113] Vergl. J. Krohn, a. a. O. a., Seite 163-173.

[114] Von ~Moltke Moe~ mitgeteilt. Andere erzählen, daß Eva die
unartigen Kinder versteckte oder daß sie sich schämte, so viele zu
haben. -- Siehe ~Faye~: »Norwegische Volkssagen«, 2. Ausgabe, Seite
+XXV+; ~Söegaard~: »Aus den Bergen«, Seite 102; den »Thalbewohner«,
1862, +III+, Nr. 17; ~Storaker~ und ~Fuglestvedt~: »Volkssagen aus den
Aemtern Lister und Mandal«, Seite 51; ~Finn Magnusen~: »Die Eddalehre«,
+III+, Seite 329; ~Grimm~: »Deutsche Myth.«, 4. Ausgabe, +III+, Seite
168 u. s. w. -- Die Sage ist ursprünglich jüdisch und stammt von den
Rabbinern (siehe z. B. ~Liebrecht~ über +Gervasius Tolburoensis Otia
imperialia+, Seite 70 ff.).

[115] ~Paul Egede~ giebt vom Untergange der Ignerssuit als Menschen
eine andere Erklärung. Sie »haben auf der Erde gewohnt, bevor die große
Flut die Welt überschwemmte, und als die Erde bei der Flut kenterte,
kam alles das, was bisher nach oben gekehrt gewesen war, nach unten«.
Fortsetzung der »Erzählungen«, Seite 96.

[116] Dies erinnert ja an unsern norwegischen ~Drang~, der in einem
halben Boote segelt, und eine Beeinflussung, vielleicht durch die alten
Nordländer, scheint nicht unmöglich.

[117] ~Paul Egede~: »Grönländische Berichte«, S. 172.

[118] Da die Sage von Hundemenschen weit über die Erde verbreitet ist
(wir finden sie auch bei den Griechen), können die Eskimos sie aber
auch anderswoher bekommen und dann auf die Indianer angewandt haben,
die, wie sie wußten, von einem Hunde abstammen wollten.

[119] Vergl. ~Tobler~: »Ueber sagenhafte Völker des Altertums u. s. w.«
in der Zeitschrift der Völkerpsychologie, Band 18 (1888), S. 225 ff.

[120] Siehe ~Hammer~: »Grönländische Nachrichten«, H. 8, S. 22 ff.; E.
~Skram~ im »Zuschauer«, Oktober 1885, Seite 735 ff. Ueber die Kivitut
siehe auch ~Rink~: »Märchen und Sagen der Eskimos« Supplementband.

[121] Siehe ~Arnasen~: »+Jslenzkar pjódsogur+« +II+, Seite 160-304;
~Maurer~: »Isländische Volkssagen«, S. 240 ff.; ~Carl Andersen~:
»Isländische Volkssagen«, 2. Ausgabe, Seite 258 ff.

[122] ~Paul Egede~: »Grönländische Berichte«, Seite 172 ff.; ~Tylor~:
»+Primitive Culture+«, +I+, Seite 391; ~Tobler~, a. a. O. a., Seite
238; ~Liebrecht~: »+The Academy+«, Seite 321.

[123] ~Paul Egede~: »Fortsetzung der Erzählungen«, Seite 92; ~Hans
Egede~: »Grönl. Perlustration«, Seite 117.

[124] Vergleiche ~Liebrecht~: »Zur Volkskunde«, Seite 332 und die dort
angeführten Stellen. Siehe auch ~Moltke Moe~ in der Letterstedtschen
Zeitschrift 1879, Seite 277 und 81. Moltke Moe hat mich auf die
Ähnlichkeit aufmerksam gemacht.

[125] Hans ~Egede~: »Grönl. Perlustration«, Seite 117; Paul ~Egede~:
»Fortsetzung der Erzählungen«, Seite 47; ~Rink~: »Märchen und Sagen der
Eskimos«, Seite 90, »Suppl.«, Seite 150; »Mitteilungen über Grönland«,
Heft 10, Seite 290 und 342.

[126] ~Rink~ und ~Boas~: »+Journal of American Folk-Lore+«, (1888?),
Seite 124 ff.

[127] F. ~Liebrecht~: »Zur Volkskunde«, 1879, Seite 17-25; J. C.
~Müller~: »Geschichte der amerikanischen Urreligionen«, Seite 134 und
165. Moltke ~Moe~ hat mich hierauf aufmerksam gemacht.

[128] P. ~Egede~: »Fortsetz. d. Erzähl.«, Seite 32 u. 80; »Grönl.
Berichte«, Seite 127 u. 106; H. ~Egede~: »Grönl. Perl.«, Seite 117.

[129] ~Tylor~: »+Primitive Culture+« +I+, Seite 355; A. ~Lang~:
»Mythologie«, Paris 1886, Seite 204 u. 204; ~Smith~: »+Inst. aunual
Report of the Bur. of Ethnology+« 1879-80, Seite 45. Sollte dies von
Tag und Nacht in der grönländischen Form eine direkte oder indirekte
Einwirkung der biblischen Schöpfungsgeschichte sein?

[130] Moltke ~Moe~ weist mich darauf hin.

[131] ~Christaller~ in der Zeitschrift für Afrikanische Sprachen, +I+
(1887 bis 1888), Seite 49-62. Vergl. auch +Dr.+ ~Bleek~: »Reinecke
Fuchs in Afrika« (Weimar 1870); ~Tylor~, a. a. O. a., Seite 355; A.
~Lang~, a. a. O. a., Seite 203.

[132] H. ~Egede~: »Grönl. Perl.«, Seite 117; ~Paul Egede~: »Fortsetzung
der Erzählungen«, Seite 20 und 60. Hinsichtlich des Waschens mit Urin,
das ich auf Seite 22 genauer besprochen habe, ist zu bemerken, daß
dies ein uralter Brauch zu sein scheint. Wir finden ihn schon in den
heiligen Büchern der Parsen erwähnt. So steht in der ~Vendidad~ 8, 13,
daß die Leichenträger sich »mit Urin, nicht von Männern oder Weibern,
sondern von kleinen Tieren oder Zugtieren« waschen sollen.

[133] P. ~Egede~: »Forts. d. Erzähl.«, S. 16 ff.; H. ~Egede~: »Grönl.
Perl.«, S. 121 ff.; ~Rinks~: »Sagen und Märchen der Eskimos«, S. 165
ff.; ~Holm~: »Mitteilungen über Grönl.«, Heft 10, S. 268.

[134] A. ~Lang~: »+Custom and Myth.+«, S. 132 ff.; ~Tylor~: »+Prim.
Cult.+«, +I+, S. 288 ff.

[135] Vergleiche ~Rink~: »Märchen und Abenteuer der Eskimos«, S. 87 und
166, Supplem. S. 44; ~Liebrecht~ in der »Germania«, Band 18 (1873), S.
365.

[136] ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, S. 142.

[137] Dieser Mythos gleicht dem grönländischen so auffallend, daß
die ursprüngliche Gleichheit wohl kaum bezweifelt werden kann. Bei
den Kasias ist es die größte Sünde, seine Schwiegermutter zu lieben,
während die Grönländer nichts Sündlicheres kennen, als sich in die
eigene Schwester zu verlieben.

[138] ~Tylor~: »+Prim. Cult.+«, Bd. I, S. 354 ff.; A. ~Lang~: »+Mythe,
Ritual and Religion+«, S. 128 ff.

[139] ~Paul Egede~: »Grönländische Nachrichten«, Seite 150 und 206.

[140] ~Holm~: »Geographische Zeitschrift« (Kopenhagen, 1891), +XI+,
Seite 16 ff. Die Anschauung, daß der Regen durch das Ueberfließen
des Sees in der Oberwelt entsteht, kann auch aus südlicheren
Gegenden stammen, wo Ackerbau und künstliche Bewässerung sich schon
entwickelt haben und die Gebirgsseen durch Dämme abgesperrt sind.
Die grönländische Mythe spricht auch von einem Damme, der den See
verschließt (vergl. ~Egede~ und ~Cranz~).

[141] Von ~Moltke Moe~ mitgeteilt. Siehe ~Schwartz~: »Die poetischen
Naturanschauungen«, +I+, Seite 138 und 259 ff., +II+, Seite 198;
~Schmidt~: »Das Volksleben der Neugriechen«, +I+, Seite 31;
Belgisch-Museum +V+, Seite 215; ~Ignaz Goldziher~: »Der Mythos bei den
Hebräern«, Seite 88 ff.

[142] Diese Vorschrift finden wir auch anderswo wieder, vergleiche
Christi vierzig Tage in der Wüste.

[143] ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 131.

[144] Die Angekoker konnten auch Männer oder Weiber sein, doch scheinen
unter ihnen die Frauen stets seltener gewesen zu sein.

[145] ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, S. 135 ff.;
~Rink~: »Märchen und Sagen der Eskimos«, S. 94 ff. und 136 ff.;
Supplem., S. 195 ff.; ~Nils Egede~: »Dritte Folge der Erzählungen«, S.
43 und 48; ~Paul Egede~: »Grönländische Berichte«, S. 218 und anderswo.

[146] Vergl. Carl ~Andersen~: »Isländische Volkssagen u. Märchen«,
zweite Ausgabe (1877), Seite 144-149. Es ist interessant, diese
isländischen Märchen mit dem zu vergleichen, was ~Holm~ aus Ostgrönland
mitteilt (»Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 303). Der Inhalt
ähnelt ihnen sehr, ist natürlich aber den grönländischen Verhältnissen
gemäß umgeändert. Aehnliche Märchen giebt es, nach Moltke ~Moe~, der
mich auf diese eigentümliche Übereinstimmung aufmerksam macht, auch in
Norwegen.

[147] ~Rink~: »Märchen und Sagen der Eskimos«, Supplementband, Seite 84
ff.

[148] Ein Kennzeichen der Ilisitsoker, wie auch der Angekoker, ist,
daß sie Feuer ausatmen. Das ist nach dem Glauben des Mittelalters und
später im europäischen Volksglauben ein Kennzeichen des Teufels. Er
verleiht diese Eigenschaft oft an seine Anhänger. Das grönländische
Feueratmen mag auf diesem europäischen Mittelalterglauben basieren.
Daneben sind die Ilisitsoker von den Händen bis an die Ellenbogen
schwarz, wenn die Angekoker sie bei ihren Geisterbeschwörungen
ertappen, was auch wohl in der europäischen Volksanschauung, daß der
Teufel und sein Heer schwarz sind, wurzeln könnte.

[149] H. ~Egede~: »Grönl. Perlustration«, Seite 116.

[150] Man braucht ihn, um das Ausströmen des Blutes aus der Wunde des
erlegten Seehundes aufzuhalten.

[151] Vergl. ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 118.

[152] Vergl. ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, S. 119 ff.

[153] Märchen und Sagen der Eskimos. Supplementband, S. 194.

[154] Die Möglichkeit, daß solche Mythen an mehreren Stellen zugleich
erfunden sein könnten, ist bei dem größten Teile ausgeschlossen. Dazu
haben sie zu viele und zu charakteristische Uebereinstimmungspunkte.
Wir kennen freilich Beispiele, daß Stämme an verschiedenen Orten
unabhängig von einander dieselben Erfindungen machen, aber ihrer sind
nur wenige, und betrachten wir gewisse Geräte, Kulturpflanzen und
Handfertigkeiten, so ist es geradezu überraschend, wie diese sich über
große Teile der Erde verbreiten konnten. (Vergl. ~Peschel~: »Abhandlung
zur Erd- und Völkerkunde« [1877].)

[155] ~Glahn~: »Neue Sammlung der Schriften der Kgl. Norwegischen
Wissenschaftlichen Gesellschaft« +I+ (1784). S. 271; ~Rink~: »Märchen
und Sagen der Eskimos«, S. 76, 279, 370, Supplementband, S. 187;
~Kleinschmidt~: »Das grönländische Wörterbuch«, Seite 33.

[156] Siehe ~Moltke Moes~ Einleitung zu Quigstad und Sandberg:
»Lappländische Märchen und Volkssagen«, Seite 7; ~Najrop~: Kleinere
Abhandlungen, herausgegeben von der phil.-historischen Gesellschaft
(Kopenhagen, 1887), Seite 193 ff; ~Liebrecht~ »Zur Volkskunde«, S. 319.
~Moltke Moe~ macht mich aufmerksam auf diese Aehnlichkeit.

[157] Zugleich ist jedoch darauf aufmerksam zu machen, daß ähnliche
Vorstellungen auch anderswo vorkommen. Auf Tahiti ist Oromatus, der
mächtigste der Geister, ähnlichen Ursprungs, und bei den Polynesiern
gelten Kinderseelen allgemein für gefährlich. (Vergleiche F.
~Liebrecht~ in »+The Academy+«, III [1872], Seite 321.) Was mir
dafür zu sprechen scheint, daß die Grönländer ihren Angiak den
Norwegern verdanken, ist der Umstand, daß andere Eskimostämme diese
Vorstellung, soviel ich weiß, nicht kennen. Jedenfalls kann sie bei
ihnen nicht allgemein verbreitet sein. Selbst unter den Sagen, die
~Holm~ von der Ostküste mitgebracht hat, ist des Angiaks nicht gedacht.
Dagegen erzählt er mehrere, dem Anscheine nach ursprünglichere Sagen
von gewöhnlichen Kindern, die zu Ungeheuern werden. (Vergleiche
Mitteilungen über Grönland, Heft 10, Seite 287; ~Rink~: »Märchen
und Sagen der Eskimos«, S. 123, Supplementband, S. 125.) Eines
darunter, das auf der Ostküste das Kind des Mondes und einer Frau ist
(Mitteilungen über Grönland, Heft 10, S. 281), wird auf der Westküste
statt eines Ungeheuers ein Angiak (vergleiche ~Rink~: »Märchen und
Sagen der Eskimos«, Supplementband, S. 150), was wohl um so mehr
als spätere Umgestaltung gelten kann, als es auch auf der Westküste
Varietäten giebt, in denen der Angiak ein gewöhnliches Kind ist.

[158] Mir von ~Moltke Moe~ mitgeteilt.

[159] ~Rink~: »Märchen und Sagen der Eskimos«, S. 75 ff; Mitteilungen
über Grönland, Heft 10, S. 276.

[160] ~Rink~: »Märchen und Sagen der Eskimos«, Supplementband, Seite
119.

[161] ~Paul Egede~: »Fortsetzung der Erzählungen«, S. 19 ff.;
»Grönländische Berichte«, S. 55 ff.; ~Rink~: »Märchen und Sagen der
Eskimos«, S. 91, »Mitteilungen über Grönland«, Heft 11, Seite 20,
Supplement, S. 117.

[162] ~Castrén~: »Ethnologische Vorlesungen« (Helsingfors 1857), Seite
182.

[163] C. ~Andersen~: »Isländische Volkssagen« (1877), S. 205.

[164] Die Irokesen erzählen jedoch von sieben Knaben, die in Vögel
verwandelt werden und ihre Eltern verlassen. Ebenso von einem Jüngling,
der beim Fischen einige Knaben trifft, die ihre Flügel abgelegt
haben und sich im Schwimmen üben. Sie geben ihm auch Flügel, die ihn
befähigen, sie zu begleiten, nehmen ihm aber später die Flügel wieder
ab und lassen ihn hülflos zurück. (Vergleiche ~Rink~: »Mitteilungen
über Grönland«, Heft 11, S. 21.)

[165] Man hat bisher gemeint, daß bei den Grönländern Spuren
jenes Verkehrs nur in den in Kapitel I erwähnten Sagen von dem
Zusammentreffen mit den alten Nordländern und in folgenden drei Worten
»+~nîsa~+ für +nise+ (Meerschwein), +~kuánek~+ für +kvanne+ (Engelwurz)
und +~kakâlek~+ für Grönländer« zu finden seien. Daß +~nîsa~+ dasselbe
Wort ist wie +nise+ (oder altnorwegisch +nisa+) ist begreiflich,
wie auch anzunehmen ist, daß +~kuánek~+ mit +kvanne+ identisch ist.
Gegen letzteres kann aber vielleicht sprechen, daß auf Labrador eine
eßbare Tangart ~+kuánek+~ heißt. +Kalâlek+ hat man für das norwegische
+Skraelling+ (Scheusal) gehalten, womit unsere Vorfahren die Eskimos
bezeichneten und das, von Eskimolippen gesprochen, jenem sehr ähnlich
klingen würde. Etwas wunderbar ist es aber, daß wir dasselbe Wort
bei den Alaska-Eskimos als ~+katlalik+~ oder ~+kallaaluch+~ in der
Bedeutung von Angekok oder »Häuptling« finden (~Rink~: »Mitt. ü.
Grönl.«, Heft 11, Suppl., S. 94, Märchen u. s. w., Suppl., S. 200). Es
ist jedoch möglich, daß dieses Wort später von Grönland dorthin gelangt
ist. Was mir noch als eine Erinnerung an die alten Norweger erscheinen
könnte, ist vielleicht der Kreuzbogen oder Flitzbogen, den Holm auf der
Ostküste fand und der früher auch auf der Westküste vorkam. Soweit mir
bekannt, haben die Indianer diese Bogenart nicht.

[166] Die Missionsthätigkeit in Grönland, das dazumal norwegisches
Kronland war, begann 1721 mit Hans Egede, auf dessen Veranlassung in
Bergen eine kombinierte Handels- und Missionsgesellschaft gebildet
wurde. Später wurde diese Mission von der dänisch-norwegischen
Regierung übernommen und nach der Trennung beider Reiche im Jahre 1814,
bei der Dänemark die norwegischen Länder Grönland, Island und die
Färöer behielt, von der dänischen Krone fortgesetzt. Zehn Jahre nach
Egedes Ankunft sandte Graf Zinzendorf, der von der Mission dort gehört
hatte, auch drei Mährische Brüder hin. Die drei verschafften sich
eine kleine Gemeinde, und auch diese deutsche oder Herrnhutermission
ist seitdem fortgesetzt worden. Sie besitzt jetzt einige Stationen
im Bezirke Godthaab und ein paar im südlichsten Teil des Landes.
Die Herrnhutergemeinden zeichnen sich, nach meiner Auffassung,
hauptsächlich dadurch aus, daß bei ihnen noch mehr Entartung und Elend
anzutreffen ist als bei den anderen Eskimos.

[167] Vergl. ~Paul Egede~: »Grönländische Berichte«, Seite 117 und 162.

[168] ~Niels Egede~: »Dritte Folge der Relationen«, S. 32. u. 45.

[169] ~Paul Egede~: »Grönländische Berichte«, S. 221.

[170] Uebersetzt von Frau Signe Rink.

[171] ~Paul Egede~ »Grönländische Berichte«, Seite 21 ff., vergl. auch
Seite 25.

[172] Daß ein Mann ein Frauenboot besitzt, was früher allgemein der
Fall war, gilt jetzt als ein entscheidender Beweis für die Tüchtigkeit
und den Wohlstand des Besitzers, da er ja viele Seehunde fangen muß, um
Felle genug für ein solches Boot zu haben. (Vergl. überdies S. 71 ff.)

[173] Zu dem großen Verfalle haben an diesem Orte aber auch weitere
Umstände, wie der Fortzug guter Fänger, beigetragen.

[174] U. a. dadurch, daß ihre Kleidung jetzt schlechter ist, daß sie
das ganze Jahr hindurch in ihren feuchten, ungesunden Häusern, wo die
Ansteckungskeime den vorzüglichsten Nährboden finden, leben müssen, daß
sie europäische Kost haben u. s. w.

[175] Merkwürdig ist, daß die Grönländer zum großen Teile frei
geblieben sind von Syphilis -- bekanntlich eine unserer ersten Gaben an
die Naturvölker, die wir uns zum Opfer unserer Kulturarbeit ausersehen.
Sie ist dort oben nur an einer Stelle zu finden, nämlich in ~Arsuk~,
in Südgrönland, wo man die Krankheit zu isolieren sucht. Hierzu ist es
erst in den letzten Jahren gekommen. Doch, wie ich erfahre, hat sie
um sich gegriffen, und es ist leider Aussicht vorhanden, daß sie sich
ausbreite und die ganze Bevölkerung auch auf diese Weise verseuchen
wird.

[176] Während dies gedruckt werden soll, erscheint ein Buch von
Gejerstam »Der Kulturkampf in Herjedalen«, in dem hervorgehoben wird,
daß unser Schulunterricht auch den Rentierlappen zum Verderben geworden
ist, indem er ihr Interesse für ihren Lebensberuf verringerte.

[177] Uebersetzt im »+Morgenbladet+«, Nr. 636 (17. Okt. 1891).



*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ESKIMOLEBEN ***


    

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