The Project Gutenberg eBook of Schattenbilder
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Title: Schattenbilder
Eine Fibel für Kulturbedürftige in Deutschland
Author: Herbert Eulenberg
Release date: February 18, 2026 [eBook #77975]
Language: German
Original publication: Berlin: Verlag von Bruno Cassirer, 1927
Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHATTENBILDER ***
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Anmerkungen zur Transkription
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S. 110 (‚Die traurige absonderliche Aventüre‘ ...)
S. 233 (‚Er entsann sich noch der Nächte,‘ ...)
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Schattenbilder
Schattenbilder
Eine Fibel für
Kulturbedürftige in Deutschland
Von
Herbert Eulenberg
83. bis 85. Tausend
[Illustration]
Verlag von Bruno Cassirer
Berlin 1927
[Illustration]
Druck
der Spamerschen
Buchdruckerei in Leipzig
Inhaltsverzeichnis
Vorrede VII
Vorwort zur zweiten Auflage XVII
Hans Sachs 1
Eine Rede von Hans Sachs 6
Andreas Gryphius 10
Lessing 16
Der junge Goethe 22
Goethe und Italien 28
Nachfolge Goethes 34
Schiller 43
Jean Paul 50
Heinrich von Kleist 56
Franz Grillparzer 63
Friedrich Hebbel 70
Adelbert v. Chamisso 75
Heinrich Heine 82
Brentano der Dichter 90
Eduard Mörike 99
Der Graf Platen 106
Ludwig Tieck 116
E. T. A. Hoffmann 124
Schweizer Dichter 131
Theodor Fontane 140
Rückert 146
Geibel 154
Wilhelm Busch 163
Homer 168
Cervantes 174
William Shakespeare 181
Martin Luther 187
Franziskus von Assisi 195
Dante 204
Raffael 209
Michelangelo in seinen Gedichten 216
Boccaccio 224
Giordano Bruno 232
Zur Würdigung Molières 239
Emile Zola 246
Graf Gobineau 252
Maupassant 257
Lord Byron 264
Oskar Wilde 271
Dostojewski 277
Ibsen 285
Bismarck 293
Etwas über Friedrich den Großen 299
Napoleon 304
Gedanken über Albrecht Dürer 321
Rembrandt 327
Arthur Schopenhauer 335
Friedrich Nietzsche 341
Vorrede
im Marktschreierton dieser Zeit.
(Zur +ersten+ Auflage.)
Was, Bube! Willst du wieder Verse machen,
Statt kluge Worte wichtig hinzuschreiben?
Sie werden dich von vornherein verlachen,
Kannst du denn wirklich gar nichts ernsthaft treiben?
Verkaufe würdig deine schönen Sachen,
Daß sie nicht im Verlegerlager bleiben.
Der seufzt quartalweis’ sonst dich muffig an:
„Nein, Lieber, Sie sind nicht der rechte Mann.“
Nun gut, so will ich’s denn allhier versuchen,
Die leichte Ware herrlich anzupreisen
Wie Zuckerbäcker ihre Sonntagskuchen,
Wie Metzger stolz auf ihre Würste weisen.
Mag man mich hinterdrein auch laut verfluchen
Und dieses Buch dazu als altes Eisen.
Hat man es erst gekauft, so schiert mich’s nicht,
Was man darüber zu dem Nachbarn spricht.
Man liest, nicht neu ist diese Leichenklage,
In Deutschland ungern Bücher, die nicht Mode.
Nach solchen vollends ist fast nie die Frage,
Die ohne Plan und richtige Methode
Höchst oberflächlich zu des Kenners Plage
Ihr Thema nicht behandeln bis zu Tode.
Fehlt solchem Werk gar ein sexueller Reiz,
Kauft’s keine Katze, höchstenfalls man leiht’s.
So muß ich denn in die Posaune blasen,
So laut, daß Mauern fallen, Deutsche stutzen,
Daß alle Sortimenter nach mir rasen,
Mit diesem Buch die Fensterlage putzen,
Daß es da hängt, sichtbar vor aller Nasen,
Bescheidenheit ist schön, doch ohne Nutzen,
Und hältst du dich nicht für ein großes Licht,
Die andern glauben es von selber nicht.
So hört und glaubt es mir vor allen Dingen:
„Ich war und bin der klügste über allen,
Die heute bei uns nach dem Lorbeer springen,
Wenn andre auch dem Pöbel mehr gefallen,
Weil sie ihm nach den trägen Ohren singen,
Charakterlos wie Dichter oder Quallen.
Ich mache niemals eine Konzession
Hört! vor dem Kaiser nicht, staunt! noch vor Cohn.
Ich schreibe niemals Bitt- und Bettelbriefe
An Bühnenleiter oder Bürgermeister,
Verbeuge mich nicht still in aller Tiefe
Vor jedem Kritiker, vielleicht verreißt er
Auch diese Bilder mir als falsche, schiefe,
Die Leute werden täglich dumm und dreister.
Macht nichts! Ich ziehe meinen Hut nicht ab
Vor keinem, sei es Kerr, Kahn, Falk, Hart, Bab.
Ich weiß, man kann das Rennen anders machen
Mit schlauer Haltung, vielen Schmeicheleien,
Kann Hintertreppen gehn, wenn sie nicht krachen,
Den Einflußreichen schöne Worte weihen,
Und sind sie fort, sich in sein Fäustchen lachen,
Daß Gott und Scherl die Narren läßt gedeihen.
Man nennt das Bauernfang im deutschen Land,
Mir ist die Kunst vertraut nicht, doch bekannt.
Mir fällt es schwer, den Rücken hohl zu biegen
Und jeden, der Skribent ist, anzulächeln.
So mochte Alexanders Vater siegen,
Ich mag nicht allen Komplimente fächeln,
Ich weiß, es ist nicht klug und fast verstiegen,
Man muß Kollegen loben oder hecheln.
So wird man kritisierend über Nacht
Aus einem armen Schreiber eine Macht.
Mir ist dies Treiben ganz und gar zuwider,
Ihr könnt mir darum folgen ohne Beben.
Ich tu nicht nur, ich bin auch wirklich bieder
Und habe mit dem Buch hier kein Bestreben.
Ich spreize nicht dem Pfau gleich mein Gefieder,
Will keinen töten, keinen Freund erheben,
Wie dies allwöchentlich bei uns geschieht,
Wenn man uns einen neuen Kleist beschied.
Ich will nicht Hofrat noch Direktor werden,
Man hat es früher dann und wann erfahren,
Daß Bücher drum geschrieben sind auf Erden,
So lohnt ein Frevel oft sich erst nach Jahren.
Ich habe auch nicht andere Beschwerden,
Ich brauchte Groll und Haß nicht aufzusparen.
Das einzige, was man von der Wahrheit hat,
Sie macht die Leber frei, nur sonst nicht satt.
Ich bin auch keiner Zeitung fest verpflichtet
Und keinerlei Partei treu zugeschworen.
Für allen Schaden, den ich angerichtet,
Haft’ ich mit meinen eignen Eselsohren.
Mein Kinderglaube selbst ist arg gelichtet,
Ich gelte nicht getauft mehr, kaum geboren.
Vertraut mir eure tapfern Seelen drum,
Die alte Zeit geht nicht mehr in mir um.
Ich dünke mich nicht besser und nicht schlechter
Als jeder, der nicht im Gefängnis weilet.
Ich borge ungern, bin kein guter Fechter
Und hab’ mich auf der Schule nicht beeilet.
Ich liebe Frauen, bin kein Kostverächter
Und wehre mich, bevor man mich verkeilet.
Mehr sag’ ich nicht zu meinem eignen Ruhm,
Die andern werden es noch weniger tun.
So steh’ ich als Charakter stolz erhaben
Und trage meinen Mantel ohne Falten.
Nun muß ich meine großen Geistesgaben
Hoch in die Luft, nicht untern Scheffel halten
Wie ein Magister stolz vor seinen Knaben,
Mein Pfund, mein geistig Königreich verwalten.
Sonst glaubt es keiner auf mein bloßes Wort
Und wirft dies Buch halb aufgeschnitten fort.
Ach ja, ich muß es einmal doch gestehen,
Ich hab’ kein Amt, bin nicht einmal Professor,
Zum Doktor bracht’ ich es rein aus Versehen,
Doch dies ist mir und euch kein Bildungsmesser.
So scheint mein Schreiben beinah’ ein Vergehen,
Der Fachmann weiß in Deutschland alles besser.
Verwünscht, wie mach’ ich’s euch nur sonnenklar,
Daß alles vor mir auf dem Holzweg war?
Erst wollt’ ich gar -- hätt’ ich’s nur so gehalten! --
Als Übersetzung diese Sammlung geben.
Man kann ganz leicht mit einem Deutschen schalten,
Kommt man vom Ausland her, das ist es eben.
Sonst wird das Zutraun furchtbar schnell erkalten,
Besonders wenn man jung ist und am Leben.
Doch jeder Fremde findet Deutschland brav,
Fragt Bernhard Shaw, er selber spricht sich „Schaf“.
In früherer Zeit, ja so muß ich beginnen,
Da man die Dichtkunst Literatur benannte,
Da fingen die gelehrten dicken Spinnen
Die Dichter ein, für die das Volk entbrannte,
Und keiner konnte diesem Los entrinnen,
Das nach dem Tod ihn in ein Schubfach bannte.
Die Literarhistorie -- o Graus!
Sah ordentlich als Apotheke aus.
Es war sehr leicht: Man runzelte die Stirne,
Kam auf den toten Eichendorff die Rede,
Man blätterte ein wenig im Gehirne
Von Neuromantik an bis auf die Vede,
Da hing er sanft wie eine reife Birne,
Man rubrizierte ihn nach mancher Fehde:
„Katholisch, fromm, verworren, Volkston, schlicht,
Als Dramendichter taugt er leider nicht.“
Es war, ich sagt’ es schon, oft ein Vergnügen,
So einen nach dem andern vorzunehmen
Und matt zu machen mit drei Winkelzügen,
Daß sich im Grab vor ihm die Würmer schämen.
Ich tät es selbst gern mit, ich will nicht lügen,
Wenn später nicht Gewissensbisse kämen.
Auch paßt es nicht in meinen Plan hinein,
Drum laß ich jeden, wie er war, so sein.
Was nützt es, einen toten Mann zu schlagen,
Weil er nicht andre beßre Verse machte?
Wir brauchen seinem Geist nicht nachzujagen,
Ich kritisiere nie, wenn ich verachte.
Ein Besen mag mit Staub und Quark sich plagen,
Der ohne Nase nie an Blumen dachte.
Ich schreib’ die Künstler auf, wie ich sie seh’,
Was ich nicht liebe, das tut mir nicht weh.
Der Kritikus will alles besser machen,
Er faßt die Sache stets am andern Zipfel,
Und er beweist dir -- es ist nicht zum Lachen --
Daß flach und falsch, was du verehrst als Gipfel,
Er macht die Börse, an der sie verkrachen,
Doch alles bleibt wie auf dem i der Tipfel.
Zum Schluß hält jeder Künstler uns zum Spott
Die Welt, die er erschuf, für gut wie Gott.
Der Deutsche möchte jeden gern verbessern.
Die Kunst ist dafür da, sie zu zensieren.
Selbst Goethen möcht’ man da und dort verwässern,
Wo Jungfern sich und Pfarrer vor ihm zieren.
Man pocht und kritisiert an allen Fässern,
Statt zu genießen will man nur probieren.
Man liebt den Riesen nicht und haßt den Zwerg.
„Nur im Essay erträgt sich Eulenberg.“
Ihr findet nichts von solcherlei Geplapper
In diesem Büchlein, das die Welt läßt gehen:
Die Mühle samt dem Wasser und Geklapper.
So läßt es auch die Menschen gehn und stehen.
Es nennt den Geizhals ruhig Filz und Schrapper,
Will jeden mit und ohne Hemd besehen.
Und sagt und fügt nichts weiteres dazu
Als: „Laßt die armen Menschen doch in Ruh’!“
Davon will zwar der Fachmann wenig wissen,
Er will die Suppe selber noch versalzen.
Erst wenn er seinen Tadel dreingeschmissen,
Hört ihr vergnügt ihn mit der Zunge schnalzen.
Ihr findet keinen bei mir recht verrissen,
Wer das will, mag das Buch zusammenfalzen.
Kein Künstler hat gelebt in dieser Welt,
Dem ich den Totenschein nicht gut bestellt.
Ich schreibe nicht für hyperkluge Köpfe,
Die ihre Eier aus den Künstlern brüten
Und sich als Henkel fühlen für die Töpfe,
Mit seltnen Worten farbenklexend wüten,
Die Königsmacher sind die tollsten Tröpfe.
Ich bin kein Literat, Gott soll mich hüten!
Ich weiß, daß unsere ganze Zeit vergeht,
Auch wenn man in der „Neuen Rundschau“ steht.
Ich schreibe nicht für nimmersatte Leser,
Die täglich neunzehn Zeitungen verdauen,
Und hinter ihre scharfen Brillengläser
Geduckt die Meinung andrer wiederkauen,
Achtlos wie Vieh, das Blumen rupft wie Gräser,
Die auf ihr Leibblatt wie auf Gott vertrauen,
Und eh’ sie ungern ins Theater gehn,
Zuerst stets, was die Zeitung sagt, besehn.
Drum wollen wir, die ihr so weit gelesen,
Uns friedlich vorher auseinandersetzen.
Ich zeige euch der Künstler wahres Wesen,
Doch ohne sie dabei roh zu zerfetzen.
Ich kenne keine Guten, keine Bösen,
Weiß nur die Kunst, die Tugend nicht zu schätzen.
So lest mich auch und denkt euch viel dabei,
Und rührt die Löffel gut für meinen Brei.
Nur schimpft nicht gleich auf mein’ und eure Kosten,
Ihr könnt es täglich alles besser schreiben,
So löst ihr mich hohnlächelnd von dem Posten.
Bis dahin will ich demutsvoll dort bleiben,
Als Säulenheiliger auf meinem Pfosten
Den Gottesdienst der Kunst still weiter treiben.
Den Philologen nur ein Kinderschreck
Fang’ ich bescheiden ihre Kunden weg.
Glaubt mir, ich kenne Universitäten,
Man lernt dort nie die Künstler richtig schauen,
Bist du in einen Hörsaal eingetreten,
Mußt du dich dem Katheder anvertrauen
Und zu der Weisheit des Professors beten,
Der faßt die Welt an mit gelehrten Klauen
Und knetet dir die Dichter vor wie Wachs,
Du kennst Fritz Reuter nicht mehr von Hans Sachs.
Sie sind Rohstoff für seine weisen Worte,
Im letzten Grunde liebt er nur sich selber,
Sie müssen ein durch seine enge Pforte,
Er streichelt oder schlachtet sie wie Kälber.
O teurer Jüngling, meide diese Orte,
Du wirst davon gelehrter nicht, nur gelber.
Kauf dir dies Buch! Gottlob, du hast es schon,
Schick’ eine kurze Karte mir zum Lohn!
Steigt alle ein! Wir wollen endlich fahren,
Mein Schifflein, Büchlein treibt nach vielen Küsten.
Ihr kennt die Wonnen nun und die Gefahren,
So mögt ihr euch und eure Seelen rüsten!
Erinnerung dankt uns allen erst nach Jahren,
Dann wißt ihr, ob ich recht tat mich zu brüsten.
Bis dahin gebt mir achtungsvoll Kredit
Und nehmt als Lotsen auf die Fahrt mich mit!
Kaiserswerth am Rhein.
Im Herbst 1909. +Herbert Eulenberg.+
Vorwort zur zweiten Auflage,
das unbedingt gelesen werden muß*).
Nun muß ich doch aus dem Poetischen ins Prosaische lavieren und aus dem
Scherz Ernst machen, angesichts dieser +neuen+ Auflage, die mir und
meinem Buche widerfahren ist. Ich muß es, einmal, um auf die vielen
freundlichen Zuschriften, die mir aus dem +großen+ Leserkreis, den zu
meinem Erstaunen literatur- und kulturhistorische Aufsätze im heutigen
Deutschland finden, zugegangen sind, hier mit schlichten deutschen
Worten mein: „Ich danke Euch allen!“ hinzusetzen.
Dann aber bin ich auch gezwungen, den mancherlei böswilligen
Äußerungen, Angriffen und Vorwürfen die Spitze zu bieten, mit der
mir von der Seite meiner Gegner zu Leibe gerückt worden ist. Ich
halte dafür, daß man alle Ausfälle seiner Feinde möglichst schnell
erwidern und abwehren muß. Sonst setzt sich leicht beim zuschauenden
und zuhörenden Publikum die Meinung fest, daß unsere Widersacher über
uns triumphiert hätten, daß wir die Unterlegenen wären, und daß es
mit unseren Ansichten schwach, wenn nicht faul stände. Solche irrigen
Annahmen soll man aber niemals beim Publikum, wie man vom Rheumatismus
sagt, „einreißen“ lassen. Und darum nütze ich gleich die gute
Gelegenheit, die mir dieses Vorwort zur zweiten Auflage bietet, mich
vor den Schranken meiner Leser mit meinen Gegnern auseinanderzusetzen.
Viele Kritiker haben nämlich gefunden, daß diese kurzen Aufsätze dem
Vorwurf selten ganz gerecht würden, daß sie kleine Federzeichnungen,
keine lebensgroßen Bilder und Darstellungen der Männer, denen sie
gewidmet wären, wiedergäben. Diese mir offenbar nicht wohlwollenden
Leute muß ich darum bitten, nochmals auf den Titel dieser Sammlung
von Miszellen zu achten, der besagen will, daß es sich hier nur um
hoffentlich gut gezeichnete Umrisse von großen Menschen, um eine
skizzenhafte Darstellung ihres Wesens und Wirkens in meiner Manier
handelt. Man werfe diesen Radierungen darum nicht das vor, was sie
ausmacht: Kürze, Wesentlichkeit, Knappheit.
Man wird vielleicht, auch auf der Seite meiner Feinde, gerechter und
milder gegen mich sein, wenn ich den Ursprung der meisten dieser
kurzen, zwanglosen literarischen Skizzen offenbare. Es sind nämlich
in der Mehrheit Reden, Theaterreden, die ich während eines Zeitraums
von vier Jahren allsonntäglich in den von +Louise Dumont+ angeregten
Matineen des Düsseldorfer Schauspielhauses gehalten habe. Das waren
wiederum künstlerische Veranstaltungen, zu deren Erklärung für den,
der sie nicht gekannt hat, ich hier drei Programme abdrucken will, aus
denen man, wenn man sie durchliest, sich schnell und gut ein Bild von
ihnen machen kann.
*) Es wurde gleichzeitig mit dem Vorwort zur ersten Auflage
gedruckt, in der festen Annahme, daß die erste die letzte
bleiben würde.
I. Altdeutsches Theater.
+Hans Sachs+ (1494-1576) und +Andreas Gryphius+ (1616-1664)
1. Einführende Worte. (Herbert Eulenberg.)
2. Etzliche ergötzliche +Schwänke+ und Narrenspossen in
lustige Reimpaare gebracht von Hans Sachs, der weyland ehrsamer
Schuhmachermeister in Nürnberg gewesen ist und ein tüchtiger Poet
dazu.
Vorgetragen von einem wackern Schauspieler.
3. +Meisterlieder+ der Meistersinger in den +alten+ Weisen
der Singschulen, wie sie in Nürnberg, Mainz, Straßburg, Kolmar und an
andern Orten Gott und der Welt gefällig, üblich waren.
Gesungen von einem höchst fürtrefflichen Sänger.
4. „+Das Kälberbrüten+“, ein Fastnachtspiel von Hans Sachs vom
7. Oktober 1551. Mit drei Personen folgendermaßen darzustellen:
Der dumme verschlafene Bauer.
Die grobe Bäuerin.
Der erzschlaue Pfaffe.
Ein Korb mit zwei runden roten Käsen,
so aus den Niederlanden kommen.
5. Einige ernste geistliche Lieder von dem Syndikus zu Glogau,
+Andreae Gryphio+ sich selbst und andern zum Trost nach jenem
entsetzlichen, dreißig Jahre lang währenden Kriege aufgeschrieben.
Schön vorgetragen von einem würdigen Mimen.
6. „+Horribilicribrifax+“ ein gar lustiges „Schertzspiel“ in
mehreren Akten vom besagten schlesischen Poeten +Gryphius+ verfaßt
und in +eine+ kurzweilige Szene kontrahieret von einem heutigen
Dichtersmann. In diesem Schertzspiel von dem berühmten Kapitäne
Horribilicribrifax von Donnerkeil auf Wüsthausen werden eingeführt
als Redende:
1. v. +Horribilicribrifax+, ein weyland reformierter Hauptmann,
agiert von einem wüsten Gesellen.
2. +Sempronius+, ein alter verdorbener Schulmeister von großer
Einbildung, agiert von einem spindeldürren Darsteller.
3. +Dionisius+, ein armer Bader, agiert von einem
Durchschnittsmenschen.
4. +Coelestine+, eine sittsame Jungfer, agiert von einem zarten,
aber resoluten Fräulein.
Als Blasende: +Der Hoboist+: Prologus und Epilogus.
Zum Beginn und Abschluß des Stückes findet ein feierlicher Umzug der
Akteurs über die Szene statt.
II. Johannes Boccaccio.
Gedächtnisfeier zur Erinnerung an den großen Certaldesen,
+Giovanni Boccaccio+
den Verfasser des „Dekameron“, den ersten Meister in der Kunst des
Erzählens im Abendlande. (Er ward geboren vor fast 600 Jahren zu
Certaldo im Florentinischen und starb daselbst am Tage der Lichtwende
im Dezember anno 1375.) Dieses ist die Inschrift, die er auf sein Grab
in der Stiftskirche St. Jacopo ebendort setzen ließ:
„Unter dem Stein hier ruhen der Staub und der Rest des Johannes.
Aber sein Geist ruht vor Gott wie sein Leben geschmückt mit
Verdiensten.
Vater war ihm Boccaccio, Certaldo heißt seine Heimat.
Für die Dichtkunst glühte sein Herz, solang’ es hier schlug.“
1. Worte zur +Einführung+,
gesprochen von Herbert Eulenberg.
2. Die berühmte +Beschreibung der Pest+ zum Eingang des „Dekameron“.
Vorgetragen von einem guten Sprecher.
3. Etzliche +Liebesfragen+ und ihre Entscheidungen, ein ergötzliches
Gesellschaftsspiel, so in vornehmen Kreisen von Neapel und Florenz
in jenen vergangenen Zeiten oft angestellt wurde. (Aus Boccaccios
„Filocopo“, seinem Erstlingswerk.) -- +Liebesliedchen der Fiammetta+.
Vorgetragen von einer jungen anmutvollen Schauspielerin.
4. Erzählung von dem Studenten, dessen Liebe von einer schönen Witwe
böslich verschmäht wurde, welcher aber alsbald fürchterliche Rache
an ihr nahm -- eine bittere Warnung für alle spröden und tückischen
Frauenspersonen. (Die 7. Novelle aus dem 8. Tage des „Dekameron“.)
Wiedererzählt von einem gleich
dem Studenten tollen Kerl.
III. Rokoko.
„Ach, wer bringt die schönen Stunden
Jener Zeiten uns zurück?“
1. Introduktion.
Gesprochen von Herbert Eulenberg.
2. Suite für Violine und Spinett von +Arcangelo Corelli+: Praeludio.
-- Sarabande I. -- Sarabande II. -- Gavotte. -- Adagio.
Ausgeführt von einer Violine und einem Spinett.
3. Lieder „An Chloë“. -- „Warnung“. (Beide von dem berühmten Wiener
Meister W. A. +Mozart+.) -- „Schäferlied“ von Jos. +Haydn+. --
„Wiegenlied“. (Text von Weiße.) Musik vermutlich von +Mozart+.
Lieblich vorzutragen von einer Demoiselle.
4. Gedichte +Hagedorn+: Die Küsse. -- +Gleim+: Triolet. -- +Der
junge Goethe+: Wirkung in die Ferne. -- Wer kauft Liebesgötter? --
+Hölty+: Die Lebenspflichten. -- +Das Kanapee.+ -- +Gellert+: Die
Widersprecherin. -- Der betrübte Witwer.
Zu sprechen von einer spitzen Aktrice.
5. Flötenkonzert von +Joh. Joach. Quant+, +Friedrich dem Großen+
zugeeignet.
Ausgeführt von einer Flöte,
einer Geige und dem Spinett.
6. +Alt-Arie+ von Ritter Christoph Willibald +Gluck+.
Melodisch zu singen von einer Demoiselle.
7. Tänze aus der Zeit des Rokoko:
1. Menuett nach Mozart.
2. Gavotte von Bocherini.
Am besten von zwei jungen Jungfern
in der Tracht jener Tage vorzuführen.
Diese Matineen, ich muß noch ein wenig von ihnen erzählen, wollten
nicht mehr und nicht weniger als dem Volke an seinen Sonntagen den
Gottesdienst ersetzen, der in seinen alten Formen den höheren Menschen
heute nicht mehr Befriedigung geben kann. Sie vereinigten an jedem
Sonntag ein zahlreiches Publikum unter dem Sockel eines großen Mannes
zu einer schönen stillen Feier zu seinen Ehren, in seinen Manen
die Gottheit achtend, die ihn uns schenkte. Denn uns Heutigen sind
wirklich die gewaltigen oder zarten Künstler vor uns in der Musik, der
Malerei, der Philosophie, der Staats-, der Bau- und der Dichtkunst zu
unsern Heiligen und Schutzpatronen geworden, an denen wir uns im Glück
erfreuen, im Leiden trösten können. „Du sollst keine anderen Götter
haben neben ihnen!“
Dem Redner, der die Menge durch ein paar kurze einleitende Sätze zu
dem Großen, dem die Feier galt, hinführen mußte, war mit Absicht von
vornherein nur geringe Zeit von der +einen+ Stunde gegeben, die im
großen und ganzen allsonntäglich festgesetzt war. Am meisten galt es
stets, den Heiligen des Tages selber zu Worte kommen zu lassen. Denn
schließlich sind und sollen jedem die zehn schönsten Gedichte eines
Mörike etwa lieber sein als die beste Rede oder Schreibe über ihn, und
auch diese ganzen Aufsätze „über“ Künstler sollen eigentlich nur zur
Beschäftigung mit ihnen selbst anregen. Durch diese kurze Frist für den
Vortragenden war von Anfang an das Bildungsphilisterhafte, das sich
solchen Feiern gern einmischt, möglichst ausgeschlossen. Es galt, sich
kurz zu fassen, klar zu sein, Phrasen zu vermeiden und jedem, auch dem
Laien in literarischen Dingen, verständlich zu bleiben.
So sind die meisten dieser Arbeiten entstanden. Es war mein Ehrgeiz,
auch der breiten Menge, die während der Woche schwer arbeiten muß,
Interesse für die Kunst abzugewinnen, ihnen eine Stunde lang Dichtungen
als edle Arznei in ihrem harten Leben einzugeben, und Menschen, die
nichts als Prosa treiben können, für die Künstler unseres Volkes
und aller Zeiten begeistert zu machen und somit mein Teil an der
Erziehung des Menschengeschlechtes mitzuarbeiten. Was dem Fachmann
und Literaten darum an diesen Aufsätzen tadelnswert scheint, daß sie
volkstümlich gehalten sind, daß jeder sie lesen kann, das -- ich
kann euch nicht helfen, ihr lieben Feinde! -- das sollte ja gerade
wiederum ihre Tugend und ihr Vorzug sein. Auch kam es nicht darauf
an, wissenschaftlich genau und haarscharf dem Vorbild getreu meine
Schattenrisse aufzuzeichnen, nein, diese peinliche und mühselige äußere
Ähnlichkeitspinselei des Anstreichers mußte vermieden werden, wenn nur
ein gutes, das Wesen des Modells wiedergebendes künstlerisch wertvolles
Bild entstand. Je mehr der Maler von sich, von seiner Persönlichkeit
oder -- altmodisch gesprochen! -- von seiner Seele in das Bildnis,
das er in seinem Vorwurf vor Augen hat, hineinmalt, um so wertvoller,
um so interessanter und um so +ähnlicher+ wird zum Schluß das Bild
geworden sein. Womit ich den Kleinigkeitskrämern das Aufstöbern
von Ungenauigkeiten und Unrichtigkeiten in diesen Zeichnungen von
vornherein versalzen möchte.
„Nun wohl,“ haben schließlich einige Kritiker gesagt, „wir wollen uns
an den populären, simplen, leicht faßlichen Ton dieses Volkspredigers
mit überlegenem Lächeln gewöhnt haben. Aber, um diese harmlosen
Plaudereien, diese ~biblia pauperum~ in einem Buche öffentlich
herauszugeben, dazu war wirklich kein Grund, dafür war wirklich
kein Bedürfnis vorhanden. Vor allen Dingen fehlt bei dieser losen
Zusammenreihung von zufälligen Arbeiten das geistige Band, das sie
zusammenhält. Sie stehen ungeordnet wie ein Stück Natur zusammen, Korn,
Blumen und Unkraut, und sind nicht unter einen Hauptgedanken rubriziert
und klassifiziert.“
Nun sind dies zwar Essaysammlungen niemals, denn das -- verzeiht,
verzeiht mir zum drittenmal, meine Widersacher! -- ist eben ihr Wesen,
daß sie, wenn sie in ein Buch zusammengefügt werden, unter einem Titel
nebeneinander gedruckt werden. Ich wüßte wahrhaftig nichts anderes
darauf zu entgegnen, außer etwa, daß meine Persönlichkeit das geistige
Band ist, das diese Aufsätze zu einem einzigen macht. Für diese meine
Persönlichkeit muß man sich daher freilich in etwa interessieren.
Aber ich merke zu meinem Schrecken, daß ich im Begriff bin, auch
dieses zweite Vorwort dazu auszunutzen, mich und meine Person in
den Vordergrund zu rücken, weil ich in dem Buche selbst gar keine
Gelegenheit mehr dazu habe. Man verzeihe es mir darum in Gnaden, und
wer, nach der Art vieler Leser, nur auf diesen letzten Satz in meinem
Vorwort stiert, der muß es zur Strafe nun wirklich von vorne an lesen.
Kaiserswerth am Rhein.
Vor dem Winter 1909. +Herbert Eulenberg.+
Vorspruch zur fünften Auflage
Wer hätte das gedacht, mein liebes Buch!
Wir sehn uns lächelnd voll Erstaunen an:
Fünfmal verlegt in Vierteljahres Flug,
Und ich enthoben nun aus Acht und Bann.
Du brachtest Ruhm und Freundschaft schier genug
Mir zu, eh’ dieses goldne Jahr verrann.
Wie einem guten Pferd möcht’ ich dir schmeicheln,
Und zärtlich über deine Blätter streicheln.
Fünfmal verlegt in einem Vierteljahr!
Es steht da schwarz auf weiß, sonst glaubt ich’s nicht.
Ich bin doch heut noch, der ich immer war,
Ein Unglücksrabe und ein Bösewicht.
Fünfmal verlegt, bei meinem kargen Haar,
Die Welt bekam ein anderes Gesicht.
Du Buch verstehst dich wohl auf Zaubereien,
Wie konntest du mir so viel Seelen freien!
Du trugst mich weiter um ein gutes Stück
Als jedes andre Werk noch, das ich schrieb.
Ich seh’ voll Stolz auf deinen Weg zurück.
Wie viele Menschen haben heut mich lieb.
Erfolg und Beifall, ungewohntes Glück,
Ich grüße euch, des Künstlers schönsten Trieb!
Ich habe, was in Deutschland kaum zu hoffen,
Mit diesem Buch nur Freundschaft angetroffen.
So gehe vorwärts deinen frischen Gang,
Umarme jeden, der dich liebt, von mir!
Und bleib ihm treu ein ganzes Leben lang,
Sei launisch nicht als Freund und falsch wie wir.
Nein, führe noch den Greis hinab den Hang,
Der sich als Kind dir gab. Dies dein Panier:
Sei jedem Leser offen, wahr und heiter
Durchs harte Dasein lehrend ein Begleiter!
Im Herbst 1910. +Dein Urheber.+
Letzter Segen
Die alten Linien ging ich wieder nach
Und prüfte sie und stärkte, was verblichen
Und was die Zeit verzehrt, Tag frißt den Tag.
Und als ich so die Schatten nachgestrichen,
So gut es meine warme Hand vermag,
Hat eine große Furcht mich angeschlichen:
Vertust du nicht dein helles kurzes Leben
Im Totendienst, dem du dich hingegeben?
Denn herrischer ist keiner mehr als sie,
Die gleich den Göttern ganz den Mann verlangen,
Und seinen Geist und sein gebeugtes Knie
Und in der Hut um sie verhärmte Wangen.
Ruf keinen Toten wach, er läßt dich nie,
Endlosen Handel hast du angefangen,
Und seine Hände halten dich wie Krallen,
Du mußt ihn zwingen oder ihm verfallen.
Da floh ich aus dem kalten Tempel fort,
Drin rings in Nischen meine Heiligen standen.
Viel Tropfen Bluts ließ ich wie Blumen dort,
Die sie im wilden Streiten mir entwanden,
Und alle riefen noch ein Zauberwort,
Auf das sie mich auf ewig sich verbanden.
Doch stärker noch als sie sang jetzt die Sonne,
Und lebend fühlt’ ich dieses Lebens Wonne.
Zwei Jahre später.
Im Herbst 1912. H. E.
Hans Sachs
Wer so ums Jahr 1520 herum abends zum Dämmerschoppen in der Stadt
Nürnberg in das noch heute bescheiden an der Moritzkapelle klebende
kleine Wirtshaus zum Bratwurstglöcklein einkehrte, der konnte
dort vielfach drei heute weltbekannte Meister, pokulierend und
sinnierend beisammen sitzen sehen: Peter +Vischer+, den Rotschmied
und den Steinmeißler, Albrecht +Dürer+, den Maler, Holzschneider und
Kupferstecher, und Hans +Sachs+, den Schuhmacher, Meistersinger und
Poeten.
Diese drei Meister, die nach der Arbeit beim Schoppen Frankenwein oder
beim Zinnkrug voll braunen Tucherbieres mitsammen saßen, der eine,
Vischer, mit Kappe, Schurzfell und Werkzeug, so wie er aus seinen
Gießhütten kam, der andere, Dürer, mit dem Christuskopf, das bleiche,
etwas kränkliche Gesicht von dem langen gekräuselten Haar umrahmt, und
neben ihm Hans Sachs, in der pelzbesetzten Schaube -- „denn außer der
Werkstatt muß man fein manierlich gehen!“ -- diese drei Meister stellen
die +Renaissance in Deutschland+ dar. Und wenn uns ein Fremder fragt,
wo in aller Welt habt ihr Deutschen denn euer Athen und euer Florenz,
kurz eine Stadt, der man noch heute ansieht, daß hier eine Zeitlang
einmal Kunst und Leben, Bürger und Künstler eines waren, so können wir
ihn stolz auf Nürnberg als denkwürdigste Stätte einstiger deutscher
Kultur hinweisen.
Wer sich mit dem dritten der drei Meister, mit +Hans Sachs+,
beschäftigen will und durch die Wissenschaften an ihn heranzukommen
sucht, der muß sich wie der, welcher in das von ihm zuerst
beschriebene Schlaraffenland will, erst durch einen ganzen Staubberg
von Gelehrsamkeit durchfressen, eh’ er das verschmitzt lächelnde
Bild unseres Meisters vor sich sieht. Die Philologen, die bei uns
bekanntlich bestimmen, was und wie uns etwas zu gefallen oder nicht
zu gefallen hat, haben den Weg zu ihm und zu den Meistersingern,
zu denen er zählt, durch einen Haufen von klugen Worten aus jener
Zeit versperrt, als da sind: „Tabulatur, Gemerke, Hageblütweise,
Schwarz-Tintenweise, Stollen, Vielfraßweise usw.“ Erst +Goethe+,
unser größter Befreier aus Philisternetzen, bahnte sich über alle
Wissenschaft wie der Märchenprinz zu Dornröschen mit einem bloßen Kuß
einen einfachen Weg zu Hans Sachs, indem er als erster ihn wieder
+aufführte+ und dem Deutschen Theater, das damals kaum noch über
Lessing hinausging, damit wieder eine Vergangenheit schuf.
Zu allgemeinem Jubel brachte er auf dem Theater zu +Weimar+ Anno
1810 zum erstenmal wieder ein Fastnachtspiel Hans Sachsens, „das
Narrenschneiden“, auf die deutsche Bühne.
Es darf hier wohl kurz daran erinnert werden, was oft vergessen wird,
wie viel Goethe von Hans Sachs gelernt und angenommen hat. Nicht nur
sprachlich hat er die Form des Nürnberger Meisters, den Knittelvers
im „Faust“ übernommen. Auch in der Gestaltung seiner Figuren lehnt er
sich an die Holzschnittmanier des Alten an, so daß man z. B. bei dem
Fastnachtspiel „Der fahrende Schüler im Paradeis“ unwillkürlich an die
Szenen zwischen Frau Marthe Schwerdtlein und Mephisto denken muß.
+Richard Wagner+ ahnte vielleicht mehr, als er damals schon wissen
konnte, welch ein großer Kerl Hans Sachs gewesen war, und setzte
ihm in den „Meistersingern“ ein tönendes Monument. Denn ein bloßer
„Vereins-Meistersinger“ -- übrigens eine viel edlere Zunft als unsere
heutigen Skat- oder Kegelbrüder -- war Hans Sachs ebensowenig und
soviel als Goethe Staatsminister war. Er hat, was sehr charakteristisch
ist, seine Meisterlieder niemals drucken lassen, weil er etwas ganz
anders und mehr als ein Meistersinger, weil er ein Dichter war, und
wußte, daß das, was er nicht aus freien Stücken, sich selber zu Nutz
und Frommen geschrieben hatte, nur Vereinstätigkeit war und die
Nachwelt nichts anging. Übrigens wär’ es endlich einmal an der Zeit,
die +Meistersinger+ etwas von dem Fluch der Lächerlichkeit zu erlösen,
der ihnen anhaftet. Es ist sehr schade, daß sich heute kein Musiker und
vor allem kein Sänger findet, der geneigt ist, diese im gemeinen Sinn
undankbaren Lieder und Weisen der Meistersinger vor dem gefährlichen
Publiko vorzutragen. Man würde dann neben manchem Lächerlichen den
rührenden Ernst anerkennen müssen, mit dem diese Enthusiasten um
die Kunst beflissen waren, und gelegentlich auch die +überlegene
Schalkhaftigkeit+. Denn diese Leute waren gar nicht so strohdumm, wie
Richard Wagner des komischen Zweckes halber es uns weismacht.
Zu diesen Dichtern von Beruf, die an Wintersonntagnachmittagen in
den Kirchen Nürnbergs zusammenkamen, um dort nach gewissen Regeln,
nach der sogenannten „Tabulatur“, dem poetischen Kontrapunkt, in
deutscher Sprache zu dichten und zu singen, gehörte +Hans Sachs+ nur
als angesehener Bürgersmann seiner Vaterstadt. Als +Dichter+ gehörte
er vielmehr zu den fahrenden Leuten, die damals mit ihren Zeltbuden
und Schwänken durchs Land zogen, für ein paar Wochen irgendwo dann
Halt machten und allabendlich die ganze Stadt unterhielten. Für diese
Schauspielerbanden, die damals das deutsche Theater zu Lehen hatten,
schrieb Hans Sachs seine 85 +Fastnachtspiele+. Später schulte er sich
eine eigene Truppe, durch die er seine Komödien darstellen ließ, und
war Direktor, Regisseur und Schauspieler zu gleicher Zeit. Und alles
das, ohne daß ihm die Kundschaft, die sich bei ihm Schuhe machen und
reparieren ließ, davonlief. Er hatte nicht weniger Erfolg mit seinen
Stücken als heute Kadelburg. Der Rat der Stadt sah ein, wie viel besser
seine Komödien waren als die üblichen, ordinären Faschingsspäße, und
traute ihm so viel Geschmack zu, daß er ihn mit der Zensur verschonte,
und selbst die Kirche machte gute Miene zu seinen guten Spielen und
überließ ihm -- man muß sich das heute einmal vorstellen! -- Kirchen
und Klöster, mit seiner Truppe dort zu spielen.
Man darf nun von einem solchen +Fastnachtspiel+ kein dramatisches Leben
in unserem Sinne, keine Hatzjagd nach Überraschungen, keine fieberhafte
Spannung erwarten. Man muß ein Hans Sachssches Fastnachtspiel geduldig
und genau ansehen wie einen alten Kupferstich, um dann auf einmal zu
entdecken, welch eine köstliche, feine Arbeit das ist, und wie sie auch
im Kleinsten noch voll Leben steckt. Mit meisterhafter Sicherheit holt
er mit seinem Grabstichel seine Figuren auf die Kupferplatte seines
Theaters: die Bauern wie die bösen Weiber, Scholaren, Spitzbuben und
Pfaffen, samt anderm menschlichen und mythologischen Gesinde.
Und je mehr Zeit wir ihm schenken, desto lieber und größer wird uns
dieser prächtige alte Meister, der an der Spitze unseres ganzen
deutschen Theaters steht, aufgehen.
Und wir werden ihn heute noch so laut und aufrichtig feiern können, wie
Goethe ihn zu seiner Zeit verherrlicht hat!
„Ein Eichkranz, ewig jung belaubt,
Den setzt die Nachwelt ihm aufs Haupt.
In Froschpfuhl all das Volk verbannt,
Das seinen Meister je verkannt!“
Eine Rede von Hans Sachs
Vor der Uraufführung des „Kälberbrütens“ und des „Roßdiebs zu Fünsing“
gesprochen.
Diese beiden Spiele von Hans Sachs, das eine von dem Bauern, der aus
Käse Kälber brüten wollte und das andere von dem Roßdieb zu Fünsing,
einem Vorläufer unseres Hauptmanns von Köpenick, sind zuerst im Mai
1554 in der schönen Stadt Nürnberg in einem Zelt auf der Festwiese vor
der Burg aufgeführt worden. Es war ein blau und weißer Frühlingsmittag,
und die Sonne schien so lieblich, daß die Toten gern aus ihren Gräbern
gestiegen wären, um eine Weile wieder lachend den Schwänken Hans
Sachsens zuzuhören. Halb Nürnberg war an jenem Tage auf den Beinen:
Würdige Ratsherren in prächtigen schwarzsamtnen Schauben, die wackeren
Gildenmeister mit runden Bäuchen unter ihnen, Kaufleute, Handwerker,
Bettler und viel junges Volk. Wie bei Faustens Osterspaziergang. Ganz
alte, fast taube Leute hatten sich heute noch aufgemacht und fragten in
den Pausen, die Hand ans Ohr gelegt, nach dem, was ihnen entgangen war.
Auf der linken Seite vor der sogenannten Bühne saßen +von den Männern
getrennt+ die Frauen und lächelten, und hinter ihnen die Mädchen und
kicherten. Hans Sachs trat aber zu Beginn des Spieles hervor und hub
folgendermaßen an zu sprechen:
„Liebwerte Bürger und Stadtgenossen! Wollet auch heute wiederum gute
Miene zu unserm Spiele machen. Insofern der heutige Frühlingstag viel
zu schön ist, zum Schimpfen oder schief Maul ziehen, oder mit armem,
fahrendem Volke zu hadern. Wir wollen auch diesmal -- des dürft ihr
gewiß sein! -- unser Bestes geben, und der ist ein Lumpenhund, wie ihr
wisset, der mehr gibt, als er hat. Wollet also nit zu viel verlangen,
sondern bedenket, daß nicht Halbgötter, wie weiland zu Homeri und der
alten Griechen Zeiten, auf der Bühne stehen, sondern schlichte Menschen
mit Fehlern und Schwächen wie Hannes Holzschuher, Martin Behaim oder
ich selber. Guckt also einem solchen Gesellen nicht allzu scharf
aufs Maul und verarget es ihm nicht, wenn er sich einmal versprechen
sollte -- auch der Herr Bürgermeister kann einmal stolpern -- oder ein
Verslein falsch spricht -- auch die Frau Bürgermeisterin kann einmal
beim Strumpfstricken eine Masche fallen lassen.
„Wenn einer sein +Handwerk+ ernst nimmt und nimmer denkt, daß er nicht
noch besser in ihm werden könnte, soll man ihn nicht schelten. Und so
ist es bei dem +Maulwerk+, so wir betreiben, auch bestellt. Wer aber
zufrieden mit sich ist und sich für einen ausgemachten Meister hält,
dem soll man einen Mühlstein und ein sattes Schwein an den Hals hängen
und ihn in die Pegnitz werfen, dort, wo sie mehr denn zween Meter
tief ist. Ich selbst, wiewohl ich schon über tausend Paar Stiefel
geflickt und mehr denn 500 neu aus dem Leder geschnitten habe, halte
mich noch nit für vollendet in dieser Kunst des heiligen Crispinus,
vielmehr gucke gern noch manchem jungen Gesellen, der in Böhmen oder
gar in Welschland gewesen ist, seine Sächelchen ab, wenn sie fein
sauber sind. Vollends nun gar in der Reimerei oder der Pegasusreiterei,
wie die alten Heiden sagten, bin ich aufs Lernen versessen wie ein
junges Mädchen unter Zwanzig, so noch keinen Mann gefangen hat,
aufs Tanzen. Lasse mir auch gern von jedem Mann und jeder Frau die
Wahrheit sagen, selbst wenn es nur ein einfacher Bader ist, der mir
den Bart rundschneidet oder ein altes Weiblein, das mir die gelb
gewordenen Kragen wieder weiß wäscht. Nur muß es auch die Wahrheit
sein, und nit bloß grobes, unmanierliches Zeug. Einem solchen Stoffel
und Schimpfpeter, der seine Tage damit zubringt, unserm Herrgott die
Fehler vorzuhalten, die er bei der Schöpfung gemacht hat, möchte ich
am liebsten zeitlebens das Maul mit Senfpflaster zukleben oder ihm
einen Papageien kaufen, der ihm bei Tag und Nacht in die Ohren schrie:
‚Schimpfen ist leichter als loben‘.
„So, liebe Stadtgenossen, wollt’ ich itzo, daß ihr die beiden Stücklein
entgegennehmen möchtet, die Apollo, der Gott der Schalkheit, mir letzte
Weihnachten, da ich zwei Tage lang meine Schusterwerkstatt schließen
und auf den Dichterberg Parnassus klettern konnte, beschert hat: Nicht
als das Gewaltigste, was je in Reime gebracht worden ist, noch aber
auch als etwas allzu Geringes, wie etwa einen Bierschwank oder eine
Sauposse, die ins rechte Ohr hineinschlüpft, um gleich aus dem linken
wieder hinauszuspringen, und bei der man zuerst zwar lacht, aber gleich
hinterdrein zu sich denken muß: ‚Alter Schafskopf, warum lachst du
über solche Narrenspossen!‘ Sondern ihr sollt die Stücklein hinnehmen
als zween Leckerbissen und in euer Gedächtnis einschließen wie zwo
Goldstücke, die man später in Stunden der Not und der schlechten Laune
noch hervorholen kann, um sich zu erheitern und wieder ein paar
lustige Augenblicke zu machen.
„Seid auch heute nicht ungehalten, wenn wir ein Frauensmensch mit auf
die Bretter bringen. Sintemal ich es für ein Mädchen nit für lästerlich
halte, falls sie Witz dafür hat, zum fahrenden Volk zu gehen und mit
den Mannsleuten um die Wette zu agieren. Solch eine dient Gott ebenso,
wie eine, die gut spinnen kann, ihm am Rocken dient, und wenn auch die
meiste Welt anderer Ansicht ist, kann ich doch von dem Glauben nit
lassen und will ihn gegen den besten Vater und die fleißigste Mutter
vertreten. Freilich, wer die Kunst, andere nachzuahmen und Menschenaffe
zu sein, nicht versteht, der soll ruhig hinter dem Ofen oder dem
Schraubstock bleiben. Denn der Dienst bei den neun Musen ist schwerer
als bei einer zänkischen Herrin, und ich habe -- das könnte ich mit den
härtesten Eiden beschwören! -- beim Reimschmieden viel mehr geschwitzt
denn beim Schuhmachen.
„Aber des wollen wir heute nicht gedenken, vielmehr ein jeder sein
Arbeit vergessen und lustig sein, wie es sich für einen Sonn- und
Feiertag geziemt. Denn niemand weiß, wie es mit unsereinem nach dem
Tode wird. Drum wollen wir, solange wir leben, bedenken, daß der
Mund den Menschen um dreierlei Dinge gegeben wurde, um zu essen, um
zu küssen und um zu lachen. Man kann nur drüber streiten, was das
köstlichste von den dreien ist.
Daß euch viel Lust durchs Maul erwachs’
Wünscht heut wie immer euch Hans Sachs.
Andreas Gryphius
Im Herbste 1667, vor mehr als 250 Jahren also, da am Pegel zu Köln,
wenn es hoch kam, sechs Schiffe lagen und das Pfund Fleisch auf
dem Markte noch ½ Silbergroschen kostete, setzte sich ein Trupp
von schauspielernden Studenten zu Frankfurt an der Oder auf ein
Treidelschiff, um sich den Fluß hinauf gen Glogau in Schlesien ziehen
zu lassen. Sie waren von einem hochwohllöblichen Magistrat zu Glogau
für insgesamt einen Taler, vier Neugroschen gemietet worden, um den
45. Geburtstag des hochgeachteten Bürgers und Syndikus der Stadt,
Andreas Gryphius, durch Aufführung und Wiedergabe eines seiner
Schaustücke zu honorieren, zu illuminieren und zu personifizieren.
Als sich das Schiff in Bewegung setzen wollte, kam noch der
Komödiantenmeister mit einem großen Sack auf dem Rücken angekeucht,
enthaltend niederländische Koller und ein paar verrostete Stoßdegen,
so er alles bei einem Althändler zusammengeramscht hatte. Man zog
ihn und die Theatergarderobe auf das Schiff, und sobald man die
Schnupftücher der Nachwinkenden aus den Augen verloren hatte, begann
man die Getreidesäcke, die als stummes Gut mit nach Glogau verfrachtet
waren, beiseite zu schieben und auf dem Verdeck des Schiffes unter
freiem Himmel Probe abzuhalten. Der Mensch, zumal wenn er Student
und Schauspieler ist, hat im allgemeinen die Eigenschaft, erst +kurz
vor+ dem Examen oder der Aufführung zu lernen anzufangen. Von diesem
Brauch wich auch unsere Frankfurter Studententruppe um keines Haares
Breite ab, und es stellte sich bald heraus, daß keiner von ihnen,
um nicht die andern etwa zu beschämen, mehr als gar nichts gelernt
hatte. So begann man denn mit Feuereifer von früh bis spät an dem
Stück „Horribilicribrifax“, einem Scherzspiel in fünf Begebenheiten,
das der Glogauer Magistrat aus den Stücken des Meisters zur Aufführung
auserkoren hatte, zu probieren: Die Wolken am Himmel und die Weiden an
den Flußufern sahen ihrem tollen Treiben lachend zu, die Getreidesäcke
als stumme Passagiere gähnten und dachten bei sich: „Mit welch dummem
Zeug die Menschen doch ihr Leben hinbringen!“, und die Matrosen, die
anfangs vermeinten, einen Haufen Affen an Bord zu haben, verstanden
nach und nach, um was es sich handelte, stahlen sich nach Möglichkeit
von ihrer Arbeit fort und hielten sich den Bauch vor Lachen beim
Zusehen. Die Treidelpferde aber zogen mit gesenkten Ohren auf dem
Leinpfad das Schiff stromaufwärts und bedauerten sehr, daß sie nicht
Menschen geworden waren.
Drei Tage und vier Nächte dauerte die Fahrt, zu der man heute drei
Stunden braucht. Um die Abenddämmerung kam man endlich vor der alten,
mit verwitterten Türmen umstandenen Stadt Glogau an. Die schwarzen
Festungsmauern, die wie alte bärbeißige Polizisten rund um die
Stadt herumliefen, guckten verschlafen aus dem Herbstnebel heraus.
Eine einzige bunte, den Schweden abgenommene Fahne hing aus einer
Schießscharte und sagte den Komödianten: „Guten Abend!“ Die kehrten
in die Herberge zum „König von Polen“ gleich am Hafen ein, die ihnen
von den Schiffern als wohlfeil empfohlen war, und in der je drei
in einer Bettstelle schlafen mußten. Aber da die Wanzen schon ihre
Winterquartiere bezogen hatten, gab es für sie alle eine friedliche
Nacht.
Am andern Morgen in der Frühe besichtigten unsere Spieler zunächst das
Zelt und die Bühne, auf der sie vor dem Magistrat und Volk zu Glogau
ein Zeugnis ihrer Kunst ablegen sollten. Sie machten flugs einen alten
Leiterwagen zur Garderobe zurecht, schnitten denen unter ihnen, die
Frauen darstellen mußten, die Bärte, die während der Schiffahrt lang
gewachsen waren, aus dem Gesicht und borgten sich aus der Festung eine
dicke Trommel, um hinter der Szene donnern zu können.
Dann machte sich der +Prinzipal+ der Truppe in seinem besten
französischen Rocke auf, um zunächst den Magistrat und hernach den
hochachtbaren Syndikus Andreas Gryphius selber aufzusuchen. Sein Weg
führte ihn mitten durch die Stadt, wo es gar elend und erbärmlich
aussah. Die Kriegsfurie, die dreißig Jahre lang in Deutschland
geschaltet hatte, war auch mit Glogau nicht anders denn wie ein roher
Viehtreiber umgegangen. Die meisten Häuser standen noch heute, neunzehn
Jahre nach dem Friedensschluß, leer, und man hörte am hellen Mittag die
Ratten drin rumoren. Schutt lag auf den Straßen, die Kirchen waren kahl
und ausgeraubt, und der Pfarrer hätte alle Sonntage über den Text: „Und
die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe!“ predigen
können. Die paar Menschen aber gingen zwischen den verfallenen Häusern
stumm und ernst herum wie Statisten, die Trauer, Armut und Verzweiflung
darstellen sollen.
Mitten in dieser Illustration zu einer Prophezeiung des Jeremias sah
das alte schiefe Patrizierhaus des Syndikus Gryphius fast fürstlich
aus. Unser Komödiantenmeister klopfte denn auch unter einem feierlichen
Gefühl mit dem Türringe an und ließ sich stumm wie eine Seele über
den Acheron durch den finstern Flur zum Studierzimmer des gelehrten
Poeten geleiten. „Introite!“ rief eine feine Stimme. Aber es dauerte
lange Zeit, ehe der Komödiant den Kopf, der zu dieser Stimme gehörte,
erblicken konnte. Hinter einem hohen Haufen von Folianten und
Pergamenten und Quadranten unter einer schweren, riesigen weißlockigen
Perücke saß der hochgelehrte Andreas Gryphius, eine Hornbrille auf der
Nase und eine Gänsefeder in der Hand, und sann über einen Reim auf
„Menschen“ nach. Sein Gesicht war ganz gelb, denn die Leber drückte ihn
heute noch mehr als sonst. Seine schneeweißen Hände zitterten vor Frost
trotz der Pelzstauchen, die er über den Pulsen trug. Aber seine Augen
blickten den Hereinkommenden fest und tief an, wie die Augen eines
Mannes, der viele Länder und viele Leiden gesehen hat, und der weiß,
daß er nicht mehr lange Zeit zu leben hat.
Es war dem Syndikus gar nicht recht, daß der Magistrat gerade dies
+lustige+ Stück von ihm zur Repräsentation gewählt hatte. Viel lieber
wäre es ihm gewesen, man hätte eines seiner Trauerspiele inszeniert,
in denen die Menschen in Alexandrinern sprachen und es zum Schluß auf
ein paar Leichen mehr oder weniger nicht ankam, wenn nur die Moral
siegreich blieb, Trauerspiele, in denen das Blut dick über die Bühne
floß, in denen die Helden noch im Sterben reimen konnten, und in denen
„die Parzen“ -- so nannte er die Chöre -- in edler und erhabener
Sprache Verse über die Vergänglichkeit wie diesen deklamierten:
„Sterbliche: was ist diß Leben,
Als ein ganz vermischter Traum?
diß, was Fleiß und Schweiß uns geben,
Schwindet als der Wellen Schaum.“
Aber der schlaue Magistrat von Glogau hatte folgendermaßen kalkuliert:
„Ein Hanswurst oder Pickelhering kommt in keinem Stück von Andreas
Gryphius vor. Ergo fällt die Hauptattraktion für das Publiko von
vorneherein fort. Lassen wir nun gar ein +trauriges+ Stück unsers
Syndikus agieren, so kommt uns nicht einmal ein Jude herein, und wir
müssen unser Stadtsäckel öffnen, in dem nicht mehr denn etliche lumpige
Dukaten miteinander Verstecken spielen. So wir aber ein Scherzspiel
des Poeten, etwa den ‚Horribilicribrifax‘ figurieren lassen, werden
mehr als hundert zahlende Leute kommen, und wir können von etwaigem
Überschuß sogar unser Ratszimmer neu kälken lassen.“
So ward denn der „Horribilicribrifax“ zum Jubel der +halben+ Stadt
-- denn die Frauen durften damals nicht mehr zu solchen Spielen
gehen -- angesetzt, und Gryphius selber sagte schließlich dem
Komödiantenmeister, nachdem dieser ihm feierlich versprochen hatte,
ein paar ernste Lieder des Dichters vor dem Theaterspiel sprechen zu
lassen, sein Erscheinen zu. Und er kam pünktlich um die Stunde, da
es beginnen sollte, und ward mit vielen Zeremonien, während das Volk
„Vivat“ schrie, oben auf die Bühne geleitet. Dort saß schon der ganze
Magistrat versammelt. Der Bürgermeister hielt eine lateinische Rede
auf den „divus Andreas“, in der Gryphius trotz seiner Rührung leise 14
Fehler konstatierte, und das Spiel begann. Und wie nun der gelahrte
Dichtersmann seine bunten Geschöpfe auf den Brettern herumspringen und
-stelzen sah, da vergaß er auf einmal seine Leberschmerzen und seine
Feierlichkeit und lachte mit den andern um die Wette, daß ihm die
runden Tränen aus seinen meist ins Papier vergrabenen Augen schossen.
Und wenn wir ihm heute wie damals seine Mitbürger am Schlusse der Feier
einen Lorbeerkranz auf die Perücke setzen, so wird er uns wie seinen
Glogauern nicht verargen, wenn wir nicht mehr mit ihm weinen, sondern
nur noch mit ihm lachen können. Das aber soll ihm nie vergessen werden,
daß dieser Schlesier überhaupt der einzige gebildete Mensch und Dichter
von bleibender Bedeutung gewesen ist, der sich zwischen Hans Sachs und
Lessing mit dem deutschen Theater und damit mit unserer Kultur befaßt
hat.
Lessing
Man kann an das Leben Lessings wie an das Mozarts nicht denken, ohne
dabei vor Scham sich zu wünschen, lieber Botokude als ein Deutscher zu
sein. Auf seinem Denkmal zu Braunschweig steht mit großen Buchstaben:
„Dem großen Denker und Dichter das deutsche Vaterland“. Auf seinem
Antlitz stand, da er noch lebte, mit kleinen Falten geschrieben:
Undank, Verbitterung, Ekel, Ingrimm, Wehmut und Verachtung. Und wenn
er gleich Mozart, dem er mit seinem Humor in den Augen ähnlich sah,
über die Menschen, wie der Mond über die Hunde, lachen konnte, wenn er
auch in seltenen lichten Momenten vor seinem inneren Auge das bewußte
Denkmal in Braunschweig mit der pompösen Inschrift erschaut hat: Dies
Lachen Lessings und Mozarts tut mir weher, als wenn ich von dem Elend
Deutschlands nach dem Dreißigjährigen Krieg oder unserer Niederlage bei
Jena lese.
Lessing hatte von vornherein ein schwarzes Los gezogen, da er sein
Leben in der Hauptsache dem deutschen Theater widmete. Schon als
Student von achtzehn Jahren studierte er zu Leipzig für Theologie
lieber Theatrologie und verkehrte statt mit dem heiligen Paulus mit
Madame Neuberin, die dort zum erstenmal den deutschen Thespiskarren
festgebunden hatte, und mit den verwegensten und besten Mitgliedern
ihrer Truppe. Damals waren die Schauspieler noch nicht wie heute gute,
solide Bürgersleute mit reinen Stehkragen, biederen Manieren, kleineren
Orden, bezahlten Rechnungen, großen Gagen, die gleich nach dem Theater
zu Bett gehen, in Gesellschaften nach dem Pudding ein paar Gedichtchen
vortragen, und die man, wenn sie sich die Bärte wachsen ließen, ruhig
mit Gerichtsassessoren verwechseln könnte. Nein, zu jener Zeit waren
meist Kerle dabei, mit denen man nicht gern allein bei Nacht eine
Stunde Wegs gegangen wäre, Kerle, die, wenn sie sich gezankt hatten,
nicht zum Richter liefen, sondern sich ein paar um die Ohren schlugen
und dann gerührt einander in die Arme fielen, die den Karl Moor aus
innerer Erfahrung spielten und einen Umweg um jeden Polizisten machten,
die es für ein Verbrechen hielten, Schulden zu zahlen, und darum gar
kein Geld nötig hatten, die eine heisere Kehle mit Branntwein und nicht
mit chlorsaurem Kali heilten, und deren Leben schnell und prasselnd wie
eine Pechfackel, nicht ruhig und musterhaft wie eine Kirchenkerze, zu
Ende brannte.
Man kann sich vorstellen, was aus dem würdigen Gesicht des Vaters
Lessing, des ehrwürdigen Pastor Primarius und Diakonus zu Kamentz
wurde, als er von diesem ruchlosen Umgang seines Sohnes erfuhr. Er
sah aus wie der fünfte Akt eines Trauerspiels, wenn die Katastrophe
heranbricht. Er hielt seinen Sohn schon für so radikal böse, daß er
glaubte, er würde kaum mehr aus des Satans Klauen zu reißen sein.
Gleichwohl wollte der fromme Vater alles noch mögliche versuchen und
ersann eine -- wie man in solchem Falle zu seinem Gewissen sagt! --
Notlüge. Er schrieb dem Sohne, die Mutter sei schwer erkrankt, und
wenn er ihr noch einmal, bevor sie ins Himmelreich käme, und so
weiter. Drei Tage darauf, mitten im eiskalten Januar 1748, erschien der
gehorsame Sohn, Stipendiat und Student der Gottesgelahrtheit vor seinem
Vater.
Der war ganz erstaunt, daß dem Jungen bei seinem Verkehr mit der
Theaterwelt noch kein Pferdefuß und keine Hörner angewachsen waren,
und lachte dann den vor Schrecken und Frost Halbtoten tüchtig aus.
Zum Abschied aber gab er dem jungen Theaterdichter folgende gute
Lehre mit nach Leipzig: „Häng er sein Herz nicht an die Bühne, mein
Sohn! Es wird ihm nimmerdar zum Segen gereichen. Wenn es ihn nach
einem Spiegel gelüstet, darinnen er sich beschauen möchte, so blick
er in die Bibel hinein, oder schließe sich in sein Kämmerlein und
halte dort eine stille Parade ab über sein Herz. Finito, und zur
Hauptsache: Geh er nicht mit Komödianten um, mein Sohn! Man wird
es ihm niemals Dank wissen, und er wird dessen nimmer froh werden!
Der kleinste Schauspieler dünkt sich mehr, als er, Gotthold Ephraim
Lessing, in seinen besten Stunden. Wenn er durchaus reimen und auf dem
Pegasus traben muß, so verfertige er Lieder wie dieser Gleim, oder
Hexameter, wie der fromme Klopstock, oder hübsche Fabeln, wie jener
Gellert zu Leipzig sie machen soll, oder meinethalber auch ein paar
gute Sinnsprüche nach der Weise des seligen Logau. Aber um seiner
Seele willen fang er keinen Handel mit Schauspielern an! Ich möchte
ihn lieber -- Gott verzeih’ mir! -- nicht auf die Erde gesetzet haben,
wenn ich dies wüßte. Oder ich möchte lieber -- Gott, verzeih’ mir
noch mehr! -- itzt einen Knüppel nehmen und ihn damit so lange vor den
Kopf schlagen, bis er tot wäre, um ihm den Ärger zu ersparen, der ihn
sonst vor der Zeit gelb färben wird. Eher möchte ich unsern Schweinen
Lateinisch beibringen, als meine Verse den Schauspielern, und es dünkt
mich ehrenvoller, Türklinke an einem schlechten Hause als deutscher
Theaterdichter zu sein!“
Aber der junge Lessing war schon so von dem Theaterfieber besessen,
daß die Warnungen seines Vaters von einem Ohr zum anderen spazierten,
ohne daß ein Wort in seinem Kopfe kleben blieb. Er fuhr nach Leipzig
zurück und opferte sein Blut und sein ganzes Genie, das er hatte, dem
deutschen Theater. Er schrieb „Minna von Barnhelm“, „Emilia Galotti“
und „Nathan den Weisen“. Er wurde der erste deutsche Dramaturg und
widmete ein ganzes Jahr seines kurzen Lebens dem Hamburger Theater. Er
wollte ein Gleiches für Mannheim tun, wenn er dort nicht schlechter als
der Portier bezahlt werden sollte. Er vertrieb die Franzosen von der
deutschen Schaubühne mit derselben Tapferkeit und Unerschrockenheit,
wie sie Blücher fünfzig Jahre später an der Katzbach bewies, und
Corneille war kein schwächerer Gegner als Napoleon. Er öffnete das
deutsche Theater für Shakespeare und war damit Anlaß, daß über
hundert Jahre lang bis heute dieser größte Dichter bei uns häufiger
als in England aufgeführt wurde. Er bewies schließlich mit seinen
eigenen Stücken, daß man nicht durchaus ein Ausländer sein muß, um in
Deutschland aufgeführt werden zu können, und kam nach allem Schaffen
und Ärger, wie der Alte prophezeit hatte, zu der sauren Erkenntnis, daß
das deutsche Theater ihm immer fatal gewesen, und daß er sich nie, es
sei auch noch so wenig, habe damit bemengen können, ohne Verdruß und
Unkosten davon zu haben.
So mußte er, der Freiesten einer, die je gelebt haben, einer, der
eher seine Zunge aufgegessen als eine Schmeichelei gesagt hätte,
Fürstendiener werden, und ward für 600 Taler im Jahr als Bibliothekar
des Erbprinzen von Braunschweig angestellt, während die Mätresse des
alten Herzogs 60000 Taler pro Anno verschlang. „Arm wie Lessing“ heißt
es noch heute in Wolfenbüttel von einem, der drei Fastentage in der
Woche feiert, und dessen Hosenböden glänzen. Dazu kam, daß Lessing
nicht weniger Unglück in seinem Leben wie im Spiel hatte und mehr als
Hiob und Lazarus zusammen. Er hatte einen Freund, Ewald von Kleist:
der ward ihm in der Schlacht von Kunersdorf erschossen. Er hatte einen
Monarchen, den er verehren mußte, Friedrich den Großen: er ward von
ihm völlig ignoriert und jedem hergelaufenen Franzosen nachgesetzt. Er
hatte eine Frau, die er liebte wie Tellheim seine Minna: er besaß sie
nur ein Jahr. Er hatte einen Sohn, auf den er sich unbändig gefreut
hatte: der lebte nur ein paar Stunden und riß die Mutter mit ins Grab.
Schließlich war er in die Wahrheit vernarrt und verdarb es dadurch mit
den meisten Menschen, denen mehr an einem guten Frühstück als an der
Wahrheit gelegen ist. Die Professoren konnten ihm nicht verzeihen,
daß er die alten Sprachen besser als sie verstand, und die Pastores
grollten ihm, weil er Christen, Juden und Mohammedaner gleich selig
pries und vor nunmehr hundertunddreißig Jahren erklärte, daß Gott
alle Konfessionen gleich liebhabe. Man war daher allgemein froh als
Lessing starb und nicht älter als einundfünfzig Jahre wurde, denn er
hätte schließlich alles gutgemacht, was Fanatiker bis damals Übles
angerichtet hatten. In den Armen eines dankbaren Juden, für den er,
als man ihn wie üblich malträtieren wollte, sich beim Herzog verwandt
hatte, und der ihn hielt, als der Todeskrampf ihn schüttelte, ist
Lessing gestorben. Er war der erste, der ausging, den Deutschen ein
Nationaltheater zu schaffen, und nur Juden an seinem Wege fand.
Er starb so arm, daß der Herzog von Braunschweig ihn auf Staatskosten
bestatten lassen mußte. Die Pferde, die bis dato nur dumme Prinzen
zu Grabe gefahren hatten, waren ganz stolz über die Ehre, die ihnen
widerfuhr. Die Erben Lessings bekamen zehn Tage später ein Reskript
von der herzoglichen Kasse, daß Lessing, der im Vorschuß gewesen sei,
durch seinen Tod einschließlich der Beerdigungskosten dem Herzog einen
Verlust von 361 Talern verursacht habe, die allergnädigst nachgelassen
würden.
Auf allen deutschen Bühnen wurden Trauerfestlichkeiten um ihn
abgehalten, und der große Schröder in Hamburg sagte schluchzend zu
seinen Schauspielern: „Lessing ist tot. Laßt euch begraben, Kinder!“
Goethe und Schiller aber, deren besonderer Gläubiger er war, schrieben
ihm auf den Leichenstein:
„Vormals im Leben ehrten wir dich wie einen der Götter.
Nun du gestorben, so herrscht über die Geister dein Geist.“
Der junge Goethe
An einem schönen Maiabend des Jahres 1772, als die Sterne schienen, die
Frösche quakten, die Hunde an der Kette sich mit dem Mond zankten und
die Bürger zum erstenmal probierten, wie das Bier auf offener Straße
schmeckte, brachte die Post, die alle Tage von Gießen nach Wetzlar
humpelte, einen für einen Gerichtspraktikanten, wie man ehemals die
Referendare nannte, höchst seltsam aussehenden jungen Menschen in das
friedliche Städtchen, in dem zu jener Zeit das Reichskammergericht
in den letzten Zügen lag. Er trug einen damals modischen blauen
Frack nebst gelber Weste, dazu eine buntseidene Hose und hohe braune
Stulpstiefel. Den Hut hatte er unterwegs verloren oder zu den Sternen
in die Luft geworfen, und so sah man, daß er schöne braune Locken auf
dem Haupte hatte, unter denen zwei schwarze Augen leuchteten, die so
groß waren wie die Räder der Postkutsche, die ihn durch die steilen
Gassen von Wetzlar fuhr. Vor dem Gasthof zum Kronprinzen, dicht an
dem riesigen, grauen Dom, in dem noch heute wie damals links die
Katholiken und rechts die Protestanten in seltener Eintracht zum lieben
Herrgott beten, hielt der zitronengelbe Postwagen an, nachdem er zuvor
noch einmal über einen dicken Prellstein gehopst war, daß dem armen
Rechtspraktikanten schier die Eingeweide aus dem Munde gesprungen wären.
Gleich trat der Wirt wie aus „Minna von Barnhelm“ eilfertig aus dem
Hausflur heran, schwatzte über das schöne Wetter und das beschwerliche
Reisen, wobei er im stillen abschätzte, in welches Stockwerk er
den Fremden unterbringen sollte. Dann nahm er ein Windlicht zur
Hand, trieb den Hausknecht mit „Allez! Allez!“ zum Gepäck, um zu
zeigen, daß er auch französisch schimpfen konnte, und geleitete den
Rechtspraktikanten aus Frankfurt -- das hatte er schon in der ersten
Minute herausgefragt -- in ein niedriges, blau gestrichenes Zimmer,
in dem ein Riesenbett, ein Schrank und eine Waschkommode sich im
Mondschein kichernd über Wetzlars Vergangenheit und die Eigenheiten
der Durchreisenden unterhielten. Der Rechtspraktikant ohne Hut und mit
den großen Augen schaute sich das alles mit einem kurzen Blick an, als
hätte er es schon tausendmal gesehen, streute ein paar Veilchen, die
er unterwegs gepflückt hatte, auf das Bett, um sich nicht zu einsam
vorzukommen, lehnte den Kopf zum Fenster hinaus, blickte zum Dom
und zu den Sternen und wartete träumend, bis man ihm sein Abendbrot
heraufbringen würde. Dazwischen schritt er ein paarmal im Zimmer auf
und ab, redete mir nichts dir nichts den Schrank an, der ob dieser
schnellen Vertraulichkeit gravitätisch sich in seinen Fournieren
zusammenzog, oder sprach wie ein Verliebter ein paar sinnlose Verse vor
sich her, so daß die Stubenmagd, die draußen am Schlüsselloch stand,
ganz entsetzt in die Küche lief und schrie: „Gott sei bei uns! Es ist
ein Schauspieler!“
Zu allgemeinem Erstaunen ließ er sich dann, als er sein Essen und zwei
Flaschen Rotwein heruntergestürzt hatte, noch den Torschlüssel geben,
obschon die Domuhr grade zehnmal „Nein!“ schlug, und rannte dann
ohne Hut durch das schnarchende Städtchen, um wie weiland Diogenes
eine Menschenseele in Wetzlar zu finden. Der Nachtwächter der freien
Reichskleinstadt aber sah ihn in jener Nacht an drei Orten: Zum ersten
Male wie er unten an der Mühle in der Lahn badete und sich dabei, ohne
sich zu schämen, vom Mond bescheinen ließ, zum anderen, wie er am
Brunnen vor dem Tore sich mit einem alten Salamander, der dort seit
1500 hauste, über Shakespeare unterhielt, und zum dritten Male, wie er
beim Zurückklettern über die Stadtmauer zwei andere Rechtspraktikanten
traf, die vom Liebchen heimkamen und ihn mit in eine Weinstube zogen,
um auf die Gesundheit des schwindsüchtigen Heiligen Römischen Reiches
einen Kanon zu singen. Um drei Uhr in der Frühe, als die Hähne schon
anfingen, ihr Organ zu üben, kam der junge Fremdling vor die Türe
seines Gasthauses. Aber da er den Torschlüssel längst verloren hatte,
mußten sie zu dreien erst eine Katzenmusik anstimmen, bis der Wirt mit
der Nachtzipfelmütze ihm öffnete und ihn in sein Gemach geleitete, das
ihm ein höchst vorwurfsvolles Gesicht schnitt. Aber der junge Herr
lachte es aus, warf seine Stiefel dem entrüsteten Schrank vor den Kopf,
sprang ins Bett und weinte sich über einen Band Klopstockscher „Oden“,
der stets auf seinem Nachttisch lag, langsam in seligen Schlaf.
Von da an sah man ihn alle Mittage im „Kronprinzen“ zu Wetzlar in der
Tafelrunde, die sich dort um den Herrn von Goué, einen gutmütigen
alten Sonderling, als König Artus versammelte und Allotria trieb.
Es waren lauter „Originalgenies“, wie man sie damals nannte, die da
herumrumorten und über dem guten alten Städtchen krächzend wie die
frechen Krähen einherflogen: Junge Burschen, die, wenn man sie fragte,
was sie werden wollten, einen Lachkrampf bekamen, oder denen es
einfiel, plötzlich auf der Straße auf einem Bein zu stehen oder mit den
Zähnen zu fletschen oder einem alten Weib die Zunge herauszustrecken.
Und ältere Knaben waren darunter, die erklärten, solange Friedrich
der Große lebe, brauche kein anderer Mensch in Deutschland etwas zu
tun, und die Frauen seien nur dazu da, um Hosenknöpfe anzunähen und
Heringe einzumachen, und der Wein sei die bequemste Weise, um ins
Paradies zu kommen. Zwischen beiden, dem Gemüt und der Gesinnung nach
gleichen Parteien, bewegte sich der neuhinzukommende Rechtspraktikant
aus Frankfurt so vergnügt, als sei er unter solchem trinkfesten, aber
charakterschwachen Gesindel zur Welt gekommen. Seine Tante -- denn
wie jeder gute Bürgerssohn hatte auch er in allen größeren Städten
50 Meilen um seine Vaterstadt eine Tante wohnen! -- war ganz empört,
als sie ihren Jungen, noch dazu mit augenscheinlichem Behagen unter
jenen Räubern entdeckte. Mit Ingrimm sah sie ihn jedesmal, wenn man an
dem düsteren Gebäude des Reichsjammergerichts vorüberkam, ein Kreuz
schlagen, als säße der Teufel darinnen, und hörte mit Seufzen beim
Morgenkaffee die Moritaten ihres Herrn neveu aus der vergangenen Nacht
erzählen.
Plötzlich nach ein paar Wochen ward es mit einem Male ganz ruhig
um den jungen schönen Mann aus Frankfurt. Er saß wohl noch bei der
Tafelrunde alle Mittage im „Kronprinzen“, aber es war, als habe er nur
seine Hände, seinen blauen Frack und seine gelbe Weste dahingesandt
und lachte nur ~in effigie~ mit, wenn der alte Herr von Goué Unsinn
erzählte. In Wirklichkeit lief der Jüngling immer, ob er nun saß,
trank oder schlief, um ein kleines Haus in der Stadt herum, das
„Deutsche Haus“, in dem die Tochter des Amtmanns Buff als Braut des
würdigen Herrn Johann Christian Kestner lebte. Sobald er allein war,
konnte er nur „Lotte“, nichts als „Lotte!“ flüstern, ihr Schattenbild
trug er immerfort in der linken Brusttasche über seinem Herzen, und
nachts hing er es an die Wand über sein Bett, damit er es beim ersten
Augenaufschlagen sehen könnte. Kestner, der Bräutigam, dem er sich
anvertraute, konnte es gar nicht fassen, daß man so lieben konnte. Er
verstand darunter nur, ein bis zwei Jahre verlobt zu sein, bei Tisch
nebeneinander zu sitzen, sich angesichts des Vaters täglich einen Kuß
zu versetzen, zu heiraten und Kinder zu bekommen.
Wollte dieser junge Mensch denn eine neue Art sich zu lieben in
Deutschland entdecken? Lotte selber ahnte nicht, was das war, sie
glaubte, das Fieber zu bekommen in seiner Nähe, sie konnte ihm nicht
gehören und mußte doch immer weinen, wenn sie seiner gedachte, und
sie wußte nicht ganz genau, ob sie ihn das einemal, da er sie geküßt,
nicht vorher leise wiedergeküßt hatte, ehe sie ihn von sich stieß.
Jede Nacht in Wetzlar aber sah den Jüngling nicht mehr wie noch vor
wenigen Wochen lachend und jauchzend durch das Städtchen rennen,
sondern schaute ihn, mit der Pistole in der Hand zwischen Leben und Tod
schwankend von Schatten zu Schatten flüchten, und noch heute glitzern
am Abend alle Bäume in Wetzlar von dem Tränentau jenes Unglücklichen,
und es ist dann, als ob sein Schmerz noch die ganze Stadt überschatte.
Diese gräßliche Unentschiedenheit währte bis zu dem Morgen, da der
junge Rechtspraktikant ohne Abschied zu nehmen -- Kestner und die
Tante waren ganz verwundert darob! -- Wetzlar verließ, die Pistole in
die Lahn schleuderte und ins Leben weiter seine Straße zog und aus
seinen dortigen Abenteuern den Roman „Werthers Leiden“ wob, mit den
erschütternden Schlußsätzen, die wie Hammerschläge klingen, mit denen
man einen Sarg zunagelt.
Aus diesem jungen Rechtspraktikanten wurde später der Geheime
Legationsrat Goethe zu Weimar, der noch viele Lieben und Krankheiten
überstehen und alles, was ihm je teuer war, überleben mußte, bis
er als Greis als größter Dichter Deutschlands nach Walhalla zu den
germanischen Göttern entrückt ward.
Goethe und Italien
Jeder Deutsche von Bildung, der einen Sohn hat, sollte vom Augenblick
seiner Geburt an jeden Tag einen Groschen für ihn zurücklegen, auf
daß er ihn, wenn er zwanzig Jahre alt geworden, eine Reise durch
Italien machen lassen könnte. Denn Italien ist noch heute das
komplementäre Land für einen jeden von uns, und was uns unsere Schulen
und Universitäten schuldig bleiben, das wird uns Florenz und Rom in
müheloser Schönheit lehren. Goethe, dessen halbes Wesen italienisch
ist, war 37 Jahre alt, als er zum erstenmal über den Brenner fuhr. Es
war ihm zumute, als sei er in Italien geboren und erzogen worden und
käme nur von einer Grönlandfahrt zurück. Die zwei Jahre, die er in
Italien und in Rom zubrachte, hat er die glücklichsten Jahre seines
Lebens genannt, und die vierzig grauen deutschen Jahre, die dieser
Reise folgten, hätte er nicht so ertragen, wenn er nicht diese Bilder
in der Erinnerung gehabt hätte. Ein junger Maler vom Rhein, der damals
Studien halber in Rom lebte, hat Goethe dort kennengelernt und hat
ihn in einem bisher unbekannt gebliebenen Briefe an seine Eltern
folgendermaßen beschrieben:
„Ihr könnt Euch nicht denken, wie enttäuscht ich zu Anfang war, als
mir der berühmte Verfasser des ‚Werther‘ präsentiert wurde. Es war
in Trastevere, auf dem rechten Tiberufer, nahe bei der herrlichen
Kirche Santa Maria. Man hatte dort beim Arbeiten an dem Brunnen auf
dem Platz vor der Kirche eine antike Statue gefunden, und eine
kleine Künstlergesellschaft hatte sich von der Stadt aus frühmorgens
aufgemacht, um den Fund an Ort und Stelle zu betrachten, ehe er
versteigert wurde. Tischbein hatte Goethe mitgebracht, und so konnte
ich, der ich mit Angelika Kauffmann hinausgepilgert war, den berühmten
Mann nach Herzenslust betrachten. Außer seinen ungewöhnlich großen
Augen fiel mir erst nichts Sonderliches an ihm auf, es sei denn, daß er
äußerst schweigsam war und sich das Werk nur stumm betrachtete, während
alle anderen, voran zwei junge Bildhauer aus Berlin, laut schreiend
Vermutungen über Gegenstand und Alter der Bildsäule anstellten. Es
schien ihn zu genieren, daß wir jüngern ihm gelegentlich neugierig
auf den Mund starrten, wie die Priester zu Delphi auf die Pythia,
voll Erwartung, welche Worte der Weisheit herauskommen würden. Er
tat uns aber den Gefallen nicht, sondern hörte nur ganz gespannt auf
das, was die anderen, insonderheit Tischbein, von sich gaben. Wie mir
denn überhaupt dieses an Goethe auffiel, daß er gleichsam vier Augen
und vier Ohren am Kopfe hat, mit denen er alles, was um ihn ist und
vorgeht, in sich hineinfrißt.
Erst als wir ihn und seine ganze Berühmtheit beinahe vergessen hatten,
wurde er mitteilsamer. Es war beim Imbiß, den wir in der bescheidenen
Trattoria neben der Kirche unter freiem blauem Himmel einnahmen. Ich
kam zufällig neben ihn zu sitzen, und da ich unversehens mit dem Wein
einen roten Flecken auf das weiße Tischtuch machte, zog er mich
väterlich bei dem Ohre, und zwar so schelmisch, daß ich ihm nicht böse
sein konnte. Es schien mir, als ob ein großes Kind in diesem Manne
stecke, das nur, um nicht mehr aufzufallen und ausgelacht zu werden,
sich ein steifes, würdiges Wesen zurechtgelegt hatte.
Nachher geriet, ich weiß nicht wie, die Unterhaltung auf den erhabenen
Michelangelo, und da wurde auf einmal mein Nachbar so lebendig, wie
unsereins nicht nach zwei Flaschen Frascati. Er meinte, angesichts
eines solchen Künstlers müsse man eigentlich Pinsel und Feder
vergraben. Man könne nichts Besseres schaffen als dieser, und man müsse
ihn ganz vergessen wie das Gefühl der Vergänglichkeit, ehe man zu
arbeiten begönne.
‚Aber deine ‚Iphigenie‘, mein Freund!‘ rief ihm Tischbein lächelnd über
die Tafel herüber.
Da sprang Goethe auf, schnitt ihm eine Grimasse und lief recht wie
ein ungezogener Junge von dannen. Wir suchten ihn allesamt und fanden
ihn endlich hinter dem Hause, wie er mit einem kleinen, gelben, wohl
vierzehnjährigen Mädchen, das er ‚Mignon‘ nannte, das Händespiel Mora
spielte, wobei er lachend einen Soldo nach dem anderen verlor. Ich habe
niemals einen erwachsenen Menschen so kindlich und natürlich spielen
sehen. Wie er denn überhaupt eine große Liebe zu Kindern und zu dem
naiven Volke an den Tag legte!
Auf der Heimfahrt, da wir mit der Kauffmann selbdritt in einem Wagen
saßen, unterhielt er sich in einemfort mit dem Vetturino über die
Mücken und die Pferde und die Straßen von Rom, bis die Kauffmann, die
sich vernachlässigt fühlte, ihn ganz verstimmt am Rockärmel zupfte.
‚Verzeih’, liebste Angelika,‘ sagte er, ‚aber dieser Mann ist so klug
wie die sieben Weisen zusammen. Du glaubst nicht, was selbst ein
Kutscher alles über Rom zu sagen hat.‘
Als wir den Tiber hinunterkamen, und die eirunde unvergeßliche Kuppel
von Sankt Peter über der Stadt an dem roten Abendhimmel stand, meinte
Goethe, daß er immer eine Art Furcht vor Michelangelo habe, der wie
ein Zauberer noch heute über Rom herrsche, und daß er darum von ihm
nur mit Bewunderung und Beben, wie die Juden von ihrem Gott, sprechen
könnte. Wenn er wie Odysseus die Toten auf eine kurze Zeit wieder zum
Leben erwecken könnte, würde er zunächst vor allen anderen dies mit
Michelangelo tun, um ihm einmal zu sagen, welch ein großer Mensch er
gewesen sei, und wie er ihn bewundere.
Hinterdrein vor dem Abschiednehmen gingen wir in der warmen Nacht noch
in eine Osteria und tranken schäumenden Wein, Goethe mehr als wir alle.
Ihr könnt Euch nicht denken, wie artig er um die Kauffmann bemüht
war, die ganz verliebt in ihn schien, und wie er sein Frankfurter
Deutsch setzte, daß es so flink wie Französisch und so anmutig wie
Toskanisch klang. Und mit uns Künstlern trieb er Schabernack, daß ich
mich verwunderte, wie ein solch heiterer Mensch über zehn Jahre in
Weimar, wie man sagt, damit zubringen konnte, Akten und Rechnungen
zu revidieren, Rekruten auszumustern, Bergwerke zu befahren, Felder
zu visitieren und Verordnungen über das Ochsentreiben oder den
Kümmelausschank zu diktieren. Freilich fiel mir auf, daß er immer, wenn
auf Deutschland die Rede kam, ein ganz ernstes Gesicht machte, wie etwa
ein Arzt, wenn man von Krankheiten spricht, und er einmal erklärte,
erst wenn um Berlin Wein wüchse und es über Preußen Gold geregnet
hätte, könnte man das Leben dort gut aushalten.
Bei all der Ausgelassenheit, wie er sie da in der Schenke zu Nacht
brachte, hatte Goethe doch etwas Stilles an sich, dergestalt, daß
nur der, der ihn hören wollte, ihn hören konnte, ganz anders wie
die meisten deutschen Reisenden, die man in Italien schon um drei
Straßenecken herum schreien hört und die die Kunstschätze vernehmlich
wie die Wiederkäuer abgrasen.
Wir trennten uns alle nach Mitternacht, als die Glocken von den Kirchen
auf Kommando der Zeit ‚Drei‘ schlugen und außer ein paar verliebten
Katzen nichts mehr auf den Straßen lebendig war, wobei Goethe lächelnd
sagte: ‚Nun gehe ich zu meiner Juno.‘ Hiermit meinte er die Büste des
großen Kopfes aus der Villa Ludovisi, die bei Tag und Nacht neben
seinem Lager stehen, und in die er, wie einst Pygmalion in Galathea,
verliebt sein soll.
So seltsam es klingt, erst als er weggegangen war, wurde mir klar,
welch ein seltener Mensch mit ihm unter uns Deutschen wandelt, wie man
denn das Licht eines Leuchtturmes erst weit draußen auf dem Meere recht
zu würdigen weiß und den Geist eines Großen erst, wenn er uns in unser
Leben hineinleuchtet und ihm seine Farbe verleiht. --“
Dies ist ein kleines Abbild von dem römischen Goethe, eh’ er nach
Deutschland in den Wald von Kaminen zurückkehrte und in Weimar heimisch
wurde und ein Weib nahm und Kinder bekam, die ihm alle dahinstarben bis
auf den einzigen Sohn, der gedrückt und verunglückt war und nicht alt
werden konnte und in Rom begraben liegt an der Stätte, wo der Vater in
schönster Blüte gestanden hat. Wenige Jahre später aber wandelte der
Enkel Goethes einsam wie ein Sonderling auf dem Palatin und schrieb die
in ihrer Unbeholfenheit wehmütigen Verse in sein Tagebuch:
„Am Kapitol steh’ ich, am Kapitol
Und weiß nicht, was ich soll!“
Solche Sperlinge waren aus den Kindern dieses größten Deutschen
geworden, dessen ganzes Manneskunstwerk auf der Kenntnis und der
Liebe zu Italien steht, und der darin unsern Schwalben und Singvögeln
gleicht, die bei uns brüten und Lieder singen aus Sehnsucht nach dem
Süden.
Nachfolge Goethes
Eine Laienpredigt.
Goethe der Große steht auf der Wende vom achtzehnten zum neunzehnten
Jahrhundert, zwischen dem Rokoko und der Moderne, am Ende einer
Gesellschaft, bei der +die Geburt+ alles galt, und zu Anfang einer
neuen, bei der einzig +das Geld+ den Ausschlag gibt. Denn, werden wir
uns darüber klar, in unserer heutigen Gesellschaft hängt die Stellung
des einzelnen und die Achtung, die er genießt, vor allem von der Summe
des +Geldes+ ab, die er besitzt. Adel und Orden sind auch heute noch
schön, aber sie haben nicht mehr die Kreditfähigkeit wie früher, da man
auf sein Adelsprädikat hin, so viel man zum Leben brauchte, geborgt
bekam. Heute leiht auch der dümmste Krämer keinem etwas bloß auf diese
Garantien, und das Wörtchen „von“ hat keinen Kurswert, ja kaum einen
Achtungswert mehr in der Bürgerwelt. Man erinnere sich nur des Stolzes,
mit dem der alte Krupp diese Ehre, die keine mehr ist, die er nicht
mehr so empfand, abgelehnt hat, was hundert Jahre früher undenkbar
gewesen wäre. Titel und Uniformen sind immer noch in Deutschland etwas
gern Gehörtes und Gesehenes und flößen manchem Mann und mancher Frau
eine gewisse Ehrfurcht ein. Aber im kleinsten Krähwinkel gilt heute der
Reichtum ebensoviel und der Millionär nicht weniger als der Landrat
und der Major. Vollends im Ausland, und wir müssen heutzutage, ob wir
wollen oder nicht, kosmopolitisch denken, fallen alle Titel wie Lumpen
von uns ab, und der Geheimrat, der sich seine Briefe nach Capri oder
Spanien unter seinem Titel senden läßt, wird wie jeder andere dort
nicht nach ihm, sondern nur nach der Höhe seiner Trinkgelder behandelt,
und das höchste, was er mit seinem Titel erreichen kann, ist, daß man
ihm die Hotelrechnung verteuert.
Unsere heutige verbürgerte und amerikanisierte Gesellschaft reguliert
sich in Deutschland, wie in allen Staaten, das kann man selbst in
Hinterpommern und auf der Schneeeifel nicht mehr leugnen, vorwiegend
nach dem Geld und dem Geldwert des einzelnen und ist mehr als je
zuvor auf dem Weg zu einer reinen Plutokratie, die in Amerika ja
tatsächlich schon eingetreten ist. Richtete sich einstmals der Ehrgeiz
in Deutschland vor allem auf einen möglichst langen Titel oder eine
möglichst schöne Uniform, so geht er heute im allgemeinen darauf aus,
ein Automobil zu besitzen, beim besten Schneider arbeiten zu lassen, in
den feinsten Hotels zu sitzen, weite Reisen zu machen, ein vornehmes
Haus oder besser noch, zwei vornehme Häuser zu führen usw. Seien wir
ehrlich, die wenigen Menschen, die dieses alles und mehr zur Verfügung
haben, die regieren jetzt in Deutschland, die genießen das schönste
Leben und die höchste Achtung, für die ist unser Militär, unsere
Polizei, unsere Justiz und sind unsere Gefängnisse da.
Die Leute, die dieses mehr oder minder klar bei uns eingesehen haben,
pflegen sich je nach ihrem Temperament zu +bescheiden+ oder zu
+opponieren+. An die ersten wendet sich bei uns die Kirche, an die
letzten, die Revoluzer, die Sozialdemokratie. Und merkwürdigerweise
haben beide im Grunde den gleichen Trost für ihre Patienten, nämlich
den auf ein besseres Leben im Jenseits oder im Diesseits, im Himmel
oder im Zukunftstaat. Von diesen beiden Hoffnungen leben heute
Millionen Menschen in Deutschland, trotzdem keiner ganz genau weiß, ob
und wie sie sich wirklich jemals erfüllen werden.
Um dieser Hoffnung willen ertragen sie „des Mächt’gen Druck, des
Stolzen Mißhandlungen“, und vermögen sich in all ihren Leiden und
Entbehrungen zu freuen, weil sie selig in ihrem Glauben sind, in dem
sie von den Herrschenden nach Kräften noch unterstützt werden, einmal
indem man die Religion von obenher fördert und zum andern, indem man
die Unzufriedenen auf dem Wege zu ihrem Zukunftstaat durch allerhand
Mittelchen und Klebpflästerchen zu vertrösten sucht.
Zwischen diesen beiden auch der Anzahl nach stärksten Parteien in
Deutschland wachsen nun eine Anzahl Männer und Frauen wie Blumen im
Korn herauf, die auf eine bessere Zukunft zugunsten einer +guten
Gegenwart Verzicht+ leisten, die sich sagen: „Wir wollen etwas von
unserm Dasein haben, indem wir mit den Menschen und mit dem Leben
fertig werden wollen, wie sie uns jetzt umgeben, wie es uns heute und
nur heute einmal verliehen ist.“ Diese merkwürdigen unzusammenhängenden
Menschen haben sich nach einer stummen aber deutlichen Übereinkunft
als Schutzpatron nicht etwa Nietzsche, der sonst für alles Moderne als
der Taufpate gilt, sondern Goethe ausersehen. Und zwar nicht einmal
so sehr Goethe den Dichter als wie Goethe den Menschen, den Freien,
den Parteilosen, den Einzelnen, die Persönlichkeit. Das Ideal „Goethe“
ist errichtet worden. Um diesen Freiheitsbaum tanzen heute die Freien
im Geiste in Deutschland wie einst die Jakobiner beim Ausbruch der
Revolution in Frankreich um die junge Pappel. Auf das große Bild seines
Lebens weisen sie hin mit Stolz und erhobenem Finger wie auf eine
Riesengottheit und sagen und singen: „So leben wir, so leben wir alle
Tage.“
Er ist +kein Christ+ gewesen dieser Goethe, jedenfalls nicht im
kirchlichen Sinne, mag man immerhin ein paar Ausdrücke, die darauf
schließen lassen könnten, aus seinen zahlreichen Werken herausfischen
und zusammenreihen. Im Grunde war er schon als echter Sohn des
achtzehnten, des heidnischsten Jahrhunderts so wenig ein Christ wie
Friedrich der Große. Daß ihm die Person Christi selber als einer der
verehrungswürdigsten Typen der Menschheit erschien, ist bei einem
edel denkenden Menschen selbstverständlich. Aber die Institution der
christlichen Kirche und ihre Moral hat er rein tatsächlich nicht
gebilligt: Er hat jahrzehntelang mit einer Frau ohne kirchlichen Segen
zusammengewohnt, er hat seine Kinder nicht oder erst spät taufen
lassen, ist ohne Priester und Bibel gestorben und hat sich, anders
wie Ibsen, so unkirchlich wie möglich beerdigen lassen. Man mag
darüber denken wie man will, man soll es nur nicht verschweigen oder
beschönigen. Seine Lebensführung war somit von Anfang bis zu Ende eine
dem kirchlich-christlichen Geist entgegengesetzte, sein Sittengesetz
ein freies und jenem begrenzenden Geist geradezu feindliches, indem er
die möglichste Entfaltung der Persönlichkeit statt ihre Beschränkung
zur Norm für jeden erhob. Er machte den Egoismus, der sich bis dahin
wie eine Spinne in allen Ecken herumgedrückt hatte, zum Herrn im Hause
und nahm ihm die falsche Scham, die er hatte erheucheln müssen. Er
lehrte sich und andern den Himmel auf Erden und nicht über den Wolken
oder in der Zukunft zu suchen und zu finden:
„Lerne nur das Glück ergreifen,
denn das Glück ist immer da.“
Er ging in keine Kirche hinein, und wenn der Sonntag oder ein Feiertag
kam, so ließ er sich von seinem Diener Kupferstiche bringen und besah
sich die Bilder von Raphael oder ließ sich vormusizieren oder schrieb
ein Gedicht an eine Wand im Freien und lief durch den Wald und war mit
alledem Christo ebenso nahe wie der Kirche ferne. Und dabei hat man
niemals eine Gotteslästerung wie noch bei Voltaire und Diderot oder
die Verhöhnung eines Ritus bei ihm erlebt. Nein, er hat beispielsweise
den Katholizismus, soweit er +deutsche+ Religion ist, verstanden und
tief mitempfunden, ohne dabei freilich in die frömmelnde Richtung eines
Friedrich Schlegel oder Zacharias Werner zu geraten, welch letzterem er
ob seines Übertritts zur römischen Kirche geradezu sein Haus verboten
hat. Er hat das überirdische Bild Christi, wie es uns in den schlichten
Farben der Evangelien überliefert ist, stets verehrt und niemals, wie
etwa später Heine, geschmäht und besudelt. Aber er war darum doch
kein Christ, wie ihn die Kirche, katholische oder protestantische, bei
uns verlangt, und hat dies bei jeder Gelegenheit so laut, wie es ihm
möglich war, betont. Das soll man nie vergessen, wenn man ihn, den
„dezidierten Nichtchristen“, wie dies heute sogar von orthodoxer Seite
gern geschieht, zum ~advocatus dei~ machen will.
Ebensowenig war er aber auch ein Gesellschaftsmensch, ein Mann der
Menge, ein +Kompromißler+, als welcher er jetzt in der Vorstellung
vieler Menschen gravitätisch herumspaziert als hehres Beispiel, wie
man sich in die Welt eingliedern soll. Freilich hat er das ~examen
rigorosissimum~ des Lebens glänzend bestanden, ist als ein alter
reicher Mann in allen Ehren gestorben, nachdem er seine Schriften, sein
Leben und seinen Ruhm wohl geordnet hatte. Seine Mitmenschen achteten
ihn, weil sein Herzog ihn geliebt und geehrt hatte, und wenn man auch
bei seinen Lebzeiten seine Stücke nicht anhören mochte, so nahm man
ihn doch als Staatsminister und damit höheres Wesen ehrfurchtsvoll
und kostenlos hin. Aber sein Leben darum als Musterbeispiel eines
guten Bürgers, eines wackeren Staatsangehörigen hinzustellen, das geht
wirklich +nicht+ an. Denjenigen, die ihn wegen seiner Kompromisse bei
festlichen Gelegenheiten gerne als ~+archicivis+~ feiern und zitieren,
muß man zurufen: „Laßt unsern Goethe aus dem Spiel!“ Denn einmal ganz
abgesehen von der Moral seiner Schriften wie seines Lebens, welche die
breite herrschende oder doch erheuchelte Gesellschaftsmoral fortwährend
heute noch vor den Kopf stößt und erst recht gestoßen hat, kann man
nicht behaupten, daß Goethe sich sehr in seine Zeit und seine Mitwelt
gefügt hat. Erinnert sei nur, um nicht in Kleinigkeiten zu geraten,
daran, wie er die „gute Gesellschaft“ in Weimar brüskierte, wie er
sich Anno 1813 verhielt, als er seinen Sohn verhinderte, bei Lützows
Jägern einzutreten, weil ihm sein einziges Kind noch lieber war als
Deutschlands Freiheit, und wie er nicht mit in die Begeisterung gegen
Napoleon einstimmte, weil er seine Größe fühlte und nicht behaglich
im Zimmer sitzen und Kriegslieder schreiben konnte. Oder man denke
daran, wie er sich in jenen häßlichen literarischen Froschmäusekrieg,
den „Xenienstreit“, hineinbringen ließ, so daß einer seiner Feinde mit
Recht sagen konnte:
„Lümmelhaft nahm er sich immer, der Goethe, und wird auch so bleiben,
fünfzigjährig und noch wirft er die Leute mit Kot.“
Nein, ein bequemer Bürger, ein treuer Diener seiner Zeit und ein
gutes Mitglied der Gesellschaft ist dieser Mann nicht gewesen, dessen
+größtes+ Glück war, einen Karl August zu finden, der ihn vor dem
Verhungern und vor der Verbannung gerettet hat.
Was war nun aber das große +Geheimnis Goethes+, das trotzdem bewirkt
hat, daß man sein Leben und gerade dieses heute noch als ein Vorbild
für jeden Menschen hinstellen kann und die +Nachfolge Goethes+ fast als
+modernes+ Evangelium predigt? Es war einfach dies, sein Leben seiner
Veranlagung und seinen eigenen Gesetzen nach +aufrichtig+ zu führen,
unbekümmert um die Vorschriften der Außenwelt, die nicht mit seinen
sittlichen Anschauungen zusammenfielen, und ohne bei jeder Tat, jedem
Wort zu fragen, was nützt mir das oder was schadet mir das? Das ist
seine Lebensführung gewesen, die ihm ein jeder von uns an der Stelle,
wo er steht, und mit den Gaben, die ihm verliehen sind, nachmachen
kann. Daß man ein guter Kaufmann, Vater, Gatte, Gelehrter und Beamter
+trotz+ einer Persönlichkeit sein kann, hat er am Anfang unserer
Zeit für diese bewiesen. Ein Japaner, der nach längerem Aufenthalt
im jetzigen Europa gefragt wurde, was er für die vorwiegendste
Eigenschaft in unserer heutigen europäischen Gesellschaft halte,
entgegnete mit vollem Recht: „+Die Feigheit+“. Es ist erklärlich,
daß eine Gesellschaft wie die unsrige, die vor allem auf Geld und
seiner Wertschätzung steht, so furchtsam ist. Denn diese Grundlage
ist nicht so sicher, wie der Grundbesitz und die Fideikommisse der
adligen Gesellschaft: Geld rollt, Banken können verkrachen, Fabriken
können verbrennen und verfallen, und der Mieter wohnt nie fest. Aber
die Angstmeierei unserer Gesellschaft, das Zittern vor dem, was die
Leute denken, und das ewige Rücksichtnehmen, bis man sich Hals und
Grat verdreht hat, ist der Schrecken vor einem Phantom, das nicht da
ist, einem Schatten, der nicht fällt. Mit den ewigen Scherwenzeleien
und Schiebungen kommen doch -- so stark sind die +demokratischen+
Wurzeln unserer Gesellschaft -- immer nur wenige weiter und vermögen
sich nur unter ständiger Gefahr für ihre Stellung zu halten. Wenn
man den einzelnen aus der Gesellschaft herausholen und ihn ausfragen
würde: „Wovor zitterst du eigentlich beständig?“ so könnte man ihm
leicht Grund nach Grund für seine Furchtsamkeit wie Zwiebelschalen
fortnehmen. Denn weil einer nie seine Meinung sagt oder alle Festessen
mitißt oder sich stets und überall beliebt machen will, darum kauft
keiner ihm einen Knopf mehr ab, wenn die Knöpfe nichts taugen, oder
behandelt ihn schlecht, wenn er Vorteile von ihm haben kann, oder läßt
ihn avancieren, wenn er ein Rindvieh ist. Die wenigen Ausnahmen davon
sind zu erbärmlich, daß man sie weiter erwähnen müßte. Die aber, die
erkannt haben, wie Glück und Achtung nicht erschlichen werden können
und wie die Gesellschaft im Grunde und mit Recht den einzelnen nur nach
dem Nutzen wertet, den sie von ihm hat, und wie „das höchste Glück der
Erdenkinder nur die Persönlichkeit“ ist, die man einzusetzen hat, alle
die werden sich mit Stolz und Recht heute +Goethes+ Jünger nennen.
Schiller
Noch heute ist Schiller der volkstümlichste, der beliebteste Dichter
in Deutschland, ist in unseren Tagen noch so volkstümlich wie ein
Kinematographentheater und wie Zeppelin und Hindenburg. Und er hat dies
verhältnismäßig ohne große Konzessionen erreicht.
Wohl hat er manchmal klein beigegeben, hat dem Theater gegeben, was
es damals wie heute forderte: Schaustellungen, herrliche Aktschlüsse
mit bengalischer Beleuchtung, Katafalk, Fahnen und Orchester, große
spannende Auftritte und leider auch, wenn nicht immer Belohnung der
Tugendhaften -- dafür schrieb er Tragödien! -- so doch meistens
Bestrafung der schlechten Menschen auf der Bühne, des bösen Geßler, der
heuchlerischen Königin Elisabeth. Schon als Jüngling von 23 Jahren mit
den „Räubern“ auf das Theater gebracht, lernte er diesem gefährlichen
Untier zu schmeicheln und sich den Beifall des Publikums sichern. Es
ist erstaunlich, mit welcher Kälte er schon damals, als feuertrunkener
Schwärmer, über seine Helden und Heldinnen nicht anders, als seien es
Kaninchen, verfügte. „Daß Euro Excellenz“, schrieb er an den Mannheimer
Intendanten Heribert von Dalberg, „die Amalia lieber erschießen als
erstechen lassen wollen, gefällt mir ungemein, und ich willige +mit
Vergnügen+ in diese Veränderung. Der Effekt muß erstaunlich seyn, und
kömmt mir auch räubermäßiger vor.“
Auch späterhin in seinen Briefen an Goethe oder Iffland, die beiden
Theaterdirektoren, spielt das Wort „Effekt“ eine Hauptrolle bei den
Mitteilungen über seine neuen Stücke, und auch als längst anerkannter
Dichter war er stets zu solchen Änderungen in seinen Stücken, die das
Theater verlangte, sofort bereit. Man sieht, dieser große Idealist, wie
er einem in der Schule als überirdisches Wesen vorgestellt wird, war
ein ebenso großer Realpolitiker, wenn es galt, die Anforderungen der
großen Menge und ihrer Anwälte, der Theaterdirektoren, zu befriedigen.
Das nahmen ihm die Romantiker übel, die den verworrenen Gang des Lebens
kaleidoskopisch verworren gestaltet wissen wollten, daß er Menschen
und Schicksale in Transparent und in Theater setzte und mehr als nötig
war „idealisierte“. Darum stießen sich Künstler wie Otto Ludwig,
stößt sich heute schon ein ganzer ästhetisch fein empfindender Kreis
in Deutschland an solchen Stellen in seinen Stücken, Momenten oder
Passagen, den Geschmack wund, in denen er mit kalter Berechnung dem
Moloch Theaterpublikum rohe Opfer gebracht hat. Während seine Gedichte,
die er nicht für das Lesebuch und für kein anderes Publikum als für
reife Menschen schrieb, vor allem seine Gedankenlyrik von keinem
bemängelt, von keinem übertroffen werden können.
Er wollte als Dramendichter ebenso ungestüm wie ein Theaterdirektor,
daß das Haus voll besetzt war, wenn seine Stücke gespielt wurden und
hätte, wie Goethe es getan hat, +aufgehört+, Dramen zu dichten, wenn
bei ihnen, wie etwa bei der „Iphigenie“, das Parkett so leer wie
heute die Kirchen in Paris ausgesehen hätte. Darum war „+Wirkung,
Effekt+“ die Parole, unter der er seine Schlachten auf der Schaubühne
schlug, und je älter er wurde, je seltener wagte er einen Ausfall
gegen die herrschende Moral, den herrschenden Geschmack seiner Zeit.
Nein, er befestigte durch viele Sentenzen in seinen Stücken wie durch
deren ganze sittliche Haltung gradezu die moralische gut bürgerliche
Ordnung, wie sie nach der +großen+ Revolution, für die er, wie Goethe,
übrigens kein tieferes Verständnis gehabt hat, über die Welt gekommen
war. Das konnte ihm +Nietzsche+, der nach Otto Ludwig zweite große
Schillerhasser in Deutschland, nicht vergeben, daß er die großen,
nichtssagenden Worte, das Edle, das Schöne, das Wahre, die Phrasen,
bei uns in Umlauf und Wert gesetzt hat. Er machte ihn vor allen für
diese billige, bildungsphilisterhafte kleine Gesinnung im neuen
Deutschland, die sich mit großen Redensarten loskauft, die mit Worten,
nicht mit Taten zahlt, verantwortlich, für jene falsche Pathetik,
die fortwährend „die Ideale“ im Munde herumdreht, die Hebbeltheater
gründet, um +Possen+ darin aufzuführen, die sich patriotisch gebärdet,
um Kommerzienrat zu werden, die im Frieden mit dem Degen rasselt, die
mit der rechten Hand Geld abnimmt, indessen die linke betet.
Es ist wahr, Schiller hat, Kants praktische Vernunft in die Poesie
umsetzend, alle jene allgemeinen edlen Begriffe Wahrheit, Schönheit,
Tugend und Gott als Worte des Glaubens auf den Thron erhoben und als
+Götzen+ über uns gesetzt und uns mit dem Schreckgespenst der +Schuld+
bedroht. „Der Übel größtes aber ist die Schuld.“ Konservativ wie die
meisten Dichter, hat er mit schönen Sätzen und herrlichen Versen einen
Schutzwall um die Guten gebaut und das zum Sieg gekommene Bürgertum,
dem er angehörte, im ruhigen Besitz seiner gewonnenen Güter befestigt.
Aber er selbst hat diesen Sieg erst in seiner Jugend mit erringen
helfen, da er seine vier gewaltigen Jünglingswerke „~in tyranos~“
geschrieben hat. Die französischen Schreckensmänner, die ihn zum Dank
für „die Räuber“ zum Ehrenbürger der französischen Republik ernannten,
verstanden seine Bedeutung für seine, für unsere Zeit viel besser als
er selbst. Sie merkten, daß er, wenn auch nicht wie Franklin „dem
Himmel den Blitz“, so doch „den Tyrannen das Zepter entrissen“ hatte.
„Die Räuber kosteten mich Vaterland, Ehre und Familie,“ durfte Schiller
sagen, der um dieses sein Werk alles auf einen Wurf gesetzt hatte.
Dieses blieb das größte Erlebnis in seinem Dasein, die Flucht von
der Karlsschule, das Zerbrechen der Fesseln, die Selbstbefreiung des
Individuums. Die sollte man nicht vergessen, wenn man mit den Sentenzen
des abgeklärten, des +friedlichen+ Schillers herumwirtschaftet. Die
Leute, die wie manche moderne Dichter nichts anderes erleben, als daß
sie sich einmal einen Zahn plombieren lassen oder höchstens einmal
Schöffe oder Geschworener werden, sollten daran denken, daß Schiller um
seine Ruhe gekämpft und gelitten hat wie ein Held.
„Und setzet ihr nicht das Leben ein,
Nie wird euch das Leben gewonnen sein.“
Dazu kommt, daß Schiller niemals platt im niedern Sinne wird. Eine
weite Fläche voll von Gemeinplätzen trennt ihn von Wildenbruch und
seinen andern Epigonen. Selbst in seinen schwächsten Stücken, in der
„Jungfrau von Orleans“, in „Maria Stuart“, trägt ihn sein Fittich
noch hoch über die Niederungen, in denen die von ihm in den „Xenien“
verhöhnten literarischen Frösche quaken. Aller +Hurrapatriotismus+,
alle Festbegeisterung wären ihm zuwider gewesen. Als Kotzebue ihn
feiern wollte, sagte er wegen Übelkeit im Magen ab.
Diese innere Wahrhaftigkeit mit jenem prachtvollen Schwung vereinigt,
mit dem er gleich dem Orchester, das er nach der Rütliszene vorschrieb,
in seine Verse wie der Sänger in die Harfe fällt, machen ihn, den
dithyrambischen Dichter, aus und ergreifen uns noch heute. Darum
faßt auch den, dem die Kunst sonst nichts bedeutet oder der ihr den
Rücken zugekehrt hat, beim Tönen seiner Verse eine ungeahnte Sehnsucht
nach einem höheren Reich wie den Älpler in der Ebene beim Klange des
Alphorns Heimweh nach den Alpen überkommt.
„Da beugt sich jede Erdengröße
Dem Fremdling aus der andern Welt,
Des Jubels nichtiges Getöse
Verstummt und jede Larve fällt.“
So ist sein Name bedeutungsvoll für sein Dichten geworden, das noch
jetzt wie immer im ersten Glanz, den er ihm verliehen hat, zu uns
„schillert“.
Das Leben, das er uns hinterließ, hat etwas Fragmentarisches,
mehr noch als ein jedes Menschenleben ein Fragment bedeutet. Es
beginnt mit jener Rhapsodie seiner Flucht aus Schwaben und mit der
leidenschaftlichen Neigung zur titanischen Charlotte von Kalb und endet
mit dem Adagio seines stillen Lebens in Weimar zwischen der Liebe
zu seinem sanften Lottchen und der Freundschaft zu Goethe. Sinnlos
riß der Tod ihn fort von einem Werke, dessen Torso noch erschütternd
groß wirkt. Napoleons Gipfel und Absturz, die gewaltigste Tragödie
seiner Zeit, hat er nicht mehr erlebt. Der hätte ihn sicherlich
gleich Goethe und Wieland zu sich nach Erfurt beschieden und ihn als
Mitbürger einer +neuen Zeit+ begrüßt, die mit der Nacht begonnen
hat, die bedeutungsvoller als die Nacht von Bethlehem war, mit der
Nacht, da in Paris die Menschenrechte erklärt wurden, und Posas
Ideal „Gedankenfreiheit“ endlich erfüllt werden sollte. Ja, Schiller
war einer der Taufpaten dieser herrlichen heutigen Zeit, in der der
einzelne frei in seinem Staate lebt, und auch in Deutschland und
Preußen ein jeder verfassungsmäßig das Recht hat, in Wort und Schrift
seine Meinung frei zu äußern, wenn auch leider nur wenige bisher von
diesem Rechte Gebrauch zu machen pflegen.
Den Revolutionär Schiller, den Robespierre des Dramas, der die Tyrannen
in seinen Stücken guillotinierte, soll man darum nicht vergessen,
wenn man des Dichters der Glocke, des Hüters der heiligen Ordnung,
der züchtigen Sitte, gedenkt. Diesen soll man wiederum nicht in den
Himmel erheben, wie es in der Aula wohl geschieht, wo Sankt Schiller
mit seinen Bürgersprüchen bis ins Maßlose gefeiert wird. Er war ein
Mensch wie wir, dem Wetter, der Zeit und den Launen unterworfen und
aus vielem zusammengesetzt. Denn +ein absolut edles+ Wesen ist ein
Monstrum, das nur in der Weltflucht gedeiht, oder ein Mythus, der nie
unter Menschen gewandelt ist. Aber Schillers Hand hielt doch die langen
bangen Jahre einer schrecklichen Krankheit hindurch bis zu seinem
Tode des Lichtes Himmelsfackel in der Hand, der Würde der Menschheit
zu leuchten. Und sein Genius, der sich an der Morgenröte einer neuen
Zeit entzündet hatte, stand wie eine Sonne bis zum Tode über seinem
Volke, das er, ein einzelner, Jahrzehnte vor Bismarck schon geeinigt
hatte. So starb er, so ging er durch die ~porta nigra~ des Todes,
„unendlich Licht mit seinem Licht verbindend“. Auf seinem Grabstein
steht nur +sein Name+, den er unsterblich in des Wortes menschlicher
Bedeutung gemacht hat. Wollte man dem etwas hinzufügen, man könnte
keine schöneren Worte finden als die, die Shakespeare dem gefallenen
Freiheitskämpfer Brutus nachruft:
„Sanft war sein Leben, und so mischten sich
Die Element’ in ihm, daß die Natur
Aufstehn durfte und der Welt verkünden:
Dies war ein Mann.“
Jean Paul
O du seliger, ewig jugendlicher Jean Paul, der du jetzt auf den
Asphodeloswiesen im Elysio unter den Schatten einherwandelst und am
Abend die grauen Flockenblumen abzupfst und in die Luft fortpustest,
ihnen nachschauend wie Kinder den Seifenblasen im Sonnenschein, siehst
du dich noch in jenem Zimmer der derben kreuzbraven Wirtin Rollwenzel
vor dem Städtchen Bayreuth sitzen, an dem Federhalter kauen, hin und
wieder einen Gedanken oder ein Bild aus deinen Nackenhaaren hinter
deinem kahlen Scheitel herausziehen und das große weiße Papier, das vor
dir liegt, langsam mit deinen schönen Buchstaben zumalen? Siehst du
dich noch schmunzeln vor Behagen, wenn dir ein besonders eigenartiger
Einfall übers Papier lief, und du ihm zwei Seiten lang nacheiltest
und dabei vom Hundertsten ins Tausendste und Hunderttausendste
kamst, oder wenn die Wirtin mit einem Krug voll Kulmbacher Bier zu
dir trat und du dich zurückbeugtest und die dicke braune deutsche
Ambrosia hinunterspültest und dabei drüberhin dankbar in den Himmel
sahst wie ein trinkendes Huhn? Wenn du dann noch eine Prise Borkauer
Schnupftabaks in die breiten Nasenlöcher geschoben hattest, wie
konntest du dann auf dem Papier mit den Flügeln schlagen und über
die Hecken und Zäune der Menschen fortfliegen und vor Vergnügen
krähen! Über dreißig deutsche Kleinstaaten flogst du an einem solchen
Vormittag, vor Bayreuth schreibend, hinüber und picktest alles, was
dir lächerlich schien, von den Wegen auf und brachtest es zu Papier,
allerlei schnurriges und monströses Zeug, das sonderbar aussah wie
Spinnen oder Meertiere im Spiritus. Vor dir, wenn du vom Schreiben
aufschautest, lagen die Höhen des Fichtelgebirges oder Frankenwaldes;
und du ließt deine großen, sanften, blauen Augen an ihren stillen
Linien so zufrieden vorbeirollen, wie der Herr von Goethe in Weimar
hinter den Bergen die Rückenformen schöner Menschen in Stein oder
Fleisch betrachtete. Nie fiel es dir ein, das Land Italia, von dem die
von der Griechheit befallenen damaligen Deutschen wie junge Mädchen
von ihren Erziehern schwärmten, zu betreten. Höchstens deine Helden
führtest du an ihrem Schopf auf den Palatin oder den Posilipp oder
ließest sie ihre Schwermut in dem Lago Maggiore widerspiegeln. Dir
selbst wäre es nicht wohl gewesen in Ländern, wo man kein Bier trinkt,
wo keine Wälder duften, keine Serenissimi reden und regieren, damit
ihre Untertanen etwas zu lachen und zu erzählen haben, und wo keine
deutsche Musik geblasen, gegeigt, gespielt, getrommelt oder gesungen
wird. Du mußtest im Frühling Aurikeln und Veilchen, im Sommer Rosen und
Gelbveiglein und im Herbst Astern und Stiefmütterchen um dich haben und
mußtest im Winter dicke Eisblumen an den Fenstern sehen: sonst wärst
du gestorben vor Heimweh. Wenn die anderen von Welschland sprachen,
hieltest du dir die Ohren zu und pfiffst Beethoven vor dich hin; und
nachts, wenn die Sterne am Himmel aufzogen, sagtest du: „Nun ist alles
auf Erden gleich.“
Drum saßest du alle Morgen allein im offnen Zimmer neben der Gaststube
der kreuzbraven Wirtin Rollwenzel vor dem Städtchen Bayreuth, die
Perlmutterdose voll Tabak und den Steinkrug voll Bier neben dir
und Oberfranken im Fenster eingerahmt vor dir, und schriebst ganz
gemächlich deine zehn bis fünfzehn Seiten deutsche Prosa tagtäglich in
deine Kladde. Und warst dabei nicht minder des Gottes voll als Dante,
da er in der Pineta dichtend umherging, oder als der blinde Milton,
als er seiner Tochter die Beschreibung des Satanas und der weinenden
Eva in die Feder diktierte. Und warst dabei nicht weniger behutsam
und dachtest ebensoviel über deine Kunst nach wie Lessing, Herder und
Schiller, die sich beim Dichten oft den Puls zählten wie ein Kranker
im Fieber. Du stütztest die Stirn in die Hand vor jedem neuen Kapitel
(oder Summula oder Jobelperiode oder Station oder Hundsposttag oder
Nummer oder Zettelkasten, oder wie du sonst noch deine Abschnitte
nanntest) und sannst dann lang und breit über das Romantische, über
den Humor, über den Stil, über die deutsche Sprache nach, bis du auf
einmal den Faden deiner Erzählung ganz verloren hattest. Dann galt
es, schnell übers Garn zu schlagen und mit ein paar Rückzügen, die
nicht ungeschickter, wenn auch unberühmter waren als die Friedrichs
des Großen nach der Schlacht bei Hochkirch oder die Napoleons von
Leipzig nach Paris, zu deinem Thema zurückzugelangen. Freilich verlorst
du oft eine Schar Leser bei solchen Exkursionen; Leute, die sagten:
„Wir kommen auf der Straße nicht mehr mit. Der Kerl gerät uns zu
sehr auf Abwege und Seitensprünge.“ Aber dir lag nichts an solchen
Lesern, die gegängelt werden wollen und mit Extrapost und stets frisch
gewechselten Pferden, wie ein persischer Satrap durch seinen Bezirk,
durch die Ereignisse hindurchreiten wollen bis zur Verlobung oder
zum Begräbnis. Sacht wie ein Landomnibus zwischen zwei Marktflecken
fährst du deine Insassen weiter; was tut’s, wenn der Pegasus unterwegs
stehen bleibt, wo immer ein Vergißmeinnicht sich zeigt, um es
mitzunehmen? „Nur Geduld!“ rufst du vom Bock hinunter, „wir kommen
schon an;“ und verkaufst für die Tränen einer Liane oder das Grinsen
eines Ironikers über eine schöne oder kluge Stelle tausend Seelen an
Kotzebue. Davon rührt es, daß heute mancher so schwer dich liest wie
einen Palimpsest, auf dem drei Texte übereinander geschrieben sind,
und du in Bibliotheken oft hoch oben stehst, wo selbst keine langen
Spinnfängerbesen mehr hinaufreichen, und das Subjekt, das alle Jahre
einmal zum Staubwischen dort hinaufklettern muß, kopfschüttelnd deine
seltsamen Titel liest, wie etwa diese: „Die Kunst, einzuschlafen“,
„~Dr.~ Fenks Leichenrede auf den Höchstseligen Magen des Fürsten von
Scheerau“, „Über das Leben nach dem Tode oder der Geburtstag“, „Das
Glück, auf dem linken Ohr taub zu sein“, „Verschiedene prophetische
Gedanken, welche teils ich, teils hundert andere wahrscheinlich 1807 am
einunddreißigsten Dezember haben werden“, „Ruhige Darlegung der Gründe,
warum die jungen Leute jetzo mit Recht von dem Alter die Ehrfurcht
erwarten, welche sonst selber dieses von ihnen fordert“, „Bitte, mich
nicht durch Geschenke arm zu machen“, „Vollständige Mitteilung der
schlechten, aberwitzigen unwahren und gottlosen überflüssigen Stellen,
die ich in meinen noch ungedruckten Satiren aus Achtung für den
Geschmack und das Publikum ausgestrichen habe“, „Einige gutgemeinte
Erinnerungen gegen die noch immer fortdauernde Unart, nur dann zu Bette
zu gehen, wenn es Nacht geworden.“
Wenn du täglich deine Hefte vollgeschrieben hattest, ewig wie
das Fichtelgebirge lebender Jean Paul, schrittest du zufrieden
wie ein Buchführer, dessen Saldos stimmen, nach Hause. Auf dem
Marktplatz von Bayreuth verwickelte sich dein Fuß dann wohl in den
geschnörkelten Schatten des vom Markgrafen Friedrich errichteten
alten Barockschlosses, du stolpertest und ließest das Dreierlicht im
Marienglas, das dir heimleuchtete, fallen und standest dann allein
unter den Sternen in der Abendluft, die nach Wäldern roch. Dann fuhren
wohl ein paar titanische Gedanken durch deine mächtige Stirn, daß sie
mit dem Jupiter und dem Hesperus über dir um die Wette leuchtete und du
sagen durftest: „Gefühlt habe ich es auch, Goethe!“
Aber dann kamen schon die Nachbarkinder und zupften und zogen dich
hinein, mit ihnen um die Lampe „Schwarzer Peter“ zu spielen, und du
folgtest ihnen willig, eingedenk deiner Worte: „Um wieviel leichter
erkauft man den unmündigen Kindern arkadische Schäferwelten als den
Erwachsenen nur +ein+ Schaf daraus!“ Und du hieltest ganz still und
ließest dir ruhig mit dem Korkstopfen einen dicken schwarzen Bart über
dein breites, feistes Gesicht malen, daß du aussahst wie die Maske
der Komödie bei den Griechen, und die Nachtwächter vor dir erschraken.
Und wenn du deine Nachtsuppe mit Pflaumen heruntergelöffelt hattest
(denn das viele Beißen verlernten deine Zähne sehr früh), dann gingst
du noch einmal zu einem Schlaftrunk schon im Schlafrock in die Kneipe
nebenan und schmunzeltest bis zu den Ohren hinauf, wenn der Apotheker,
der Pfarrer und der Bürgermeister, drei abgefeimte Hasenfüße, sich
zusammentaten, über Napoleon zu schimpfen, den sie durch ein Nadelöhr
gejagt haben würden. Nachts aber, in deiner hölzernen Bettstelle, in
der gewürfelten Flanelljacke, die dir den rundlichen Leib warmhielt,
träumtest du von einer Reihe sonderbarer Geschöpfe, die dich umflogen:
E. T. A. Hoffmann war darunter mit seinem Eulengesicht und Ludwig
Börne mit seinen traurigen Augen, der Professor Fechner mit seiner
Brille, Robert Schumann mit seinem edelsten Lächeln, Carlyle aus
Schottland, Friedrich Vischer aus Schwaben, Wilhelm Raabe, die Feder
in der Hand, und Gottfried Keller mit seinem Züricher Dialekt und
viele, viele andere. Alle aber nannten dich „Vater“, als hätten sie
dich über den Verlust deines einzigen Sohnes forttrösten wollen. Und
einer unter ihnen (es war Ludwig Börne, wie sich zwanzig Jahre später
herausstellte) trat hervor und redete dich an: „Eine Zeit wird kommen,
da wirst du allen geboren. Du stehst geduldig an der Pforte des
zwanzigsten Jahrhunderts und wartest lächelnd, bis dein schleichend
Volk dir nachkomme.“
Heinrich von Kleist
An einem Spätabend Ende November 1811 kam die Nachricht vom Tode des
vierunddreißigjährigen Heinrich von Kleist nach Weimar. Der alte
Wieland, bei dem der junge Dichter vor wenigen Jahren mehrere Wochen zu
Besuch geweilt hatte, erfuhr es zuerst. Er saß in seinem gepolsterten
Lehnstuhl nach dem Nachmittagskaffee, hatte sich eine lange Pfeife
angezündet und wollte gerade in geistiger Gemächlichkeit in den
Leipziger Blättern, die am Tisch vor ihm lagen, einen Rebus raten, wie
er dies gerne tat, als er unvermutet auf diese Anzeige als ein noch
größeres Rätsel stieß. Die Anzeige lautete aber:
„Am Nachmittag des 21. November zwischen 4 und 5 Uhr erschoß sich in
der Nähe des am Wannsee bei Berlin gelegenen Wirtshauses ‚Zum Stimming‘
der junge Schriftsteller Heinrich v. Kleist. Er war am Vorabend mit
einer gewissen Frau Henriette Vogel aus Berlin, die verheiratet
gewesen sein soll und Kinder hat, dort abgestiegen. Die Frau, die an
einem unheilbaren Herzleiden litt, soll von ihm ihren eigenen Tod als
einen Freundschaftsdienst gefordert haben, und er hat, um seinen Mut
und seinen Zynismus zu beweisen, ihr willfahren. Er hat erst seine
sogenannte Freundin getötet und hierauf seinem eigenen Leben durch
einen Schuß in den Mund ein Ende gemacht. Fuhrleute, die mit Weißbier
nach Potsdam zufuhren, fanden die beiden Leichen nebeneinander liegen
in einer Sandgrube am See. Kleist galt in literarischen Kreisen als
talentvoll, aber, wie dies eben seine Tat beweist, auch als völlig
undiszipliniert und haltlos. So erzählen die Wirtsleute, daß er am
Abend vor der Tat mit jener überspannten Frau reichlich Rum getrunken
habe und daß beide mit einer unaussprechlichen Heiterkeit und
Frivolität am Mittag zum Tode wie zu einer Ruderpartie aufgebrochen
seien. Man hat die Leichen der augenscheinlich geistig gestörten
Unglücklichen an dem Fundort auf der Uferhöhe des Sees bestattet. Gott
bewahre unsere Jugend in diesen aufgeregten Zeitläuften vor einer
solchen Lebensauffassung, die sich den schweren Aufgaben unserer Tage
feige entzieht!“
Der alte Wieland zitterte an allen Gliedern, als er dies langsam in
sich hineinbuchstabiert hatte. Und da sein Sohn, Kleists Jugendfreund,
nicht da war und auch sonst keiner, bei dem er sein altes Herz über
diese unbegreifliche Kunde ausschütten konnte, beschloß er, um nur mit
jemandem darüber reden zu können, auszugehen und irgendwen zu besuchen.
Als er sich seinen braunen Otterpelz anzog, fiel ihm ein, daß er es zu
Goethe am nächsten hatte, und so trippelte er denn, eine Stocklaterne
in der Hand, durch die Gassen Weimars im Abendnebel nach dem
Frauenplan. Erst als er vor dem Hause stand, aus dem heller Kerzenglanz
wie aus einem Schloß herauskam, fiel dem Alten ein, daß Goethe, wie man
sich sagte, dem lebenden Kleist gar nicht so sehr gewogen gewesen sei.
Aber da er nun schon dort war, mochte er nicht mehr umkehren, pochte
mit dem Türklopfer an und trat in den feierlichen Hausflur mit der
majestätisch breiten Treppe ein.
Goethe saß oben in dem erleuchteten, warmen Empfangszimmer schon
im Staatsrock, den Stern auf der Brust, bereit, ein paar Gäste zum
Abendtisch zu bewillkommnen. Eine Flasche Rotwein, die ihm noch seine
reiche Mutter geschickt hatte, stand neben ihm auf dem Tisch, auf
dem ein paar Kupferstiche Albrecht Dürers lagen, die der Geheimrat
sich langsam und ganz genau mit der Lupe besah. Als ihm der alte
Wieland gemeldet wurde, ging ihm Goethe steifen Schrittes mit beiden
ausgestreckten Händen entgegen.
„Es ist prächtig, daß Sie kommen! Sie treffen es gut. Ich erwarte ein
paar Abendgäste. Kanzler Müller wird kommen und Madame Schopenhauer
will mit ihrem Sohne erscheinen. Zudem versprach mir eine polnische
Pianistin, die auf der Durchreise nach Paris ist, uns ein paar
slawische Volkslieder vorzutragen. Aber was ist Ihnen?“
Wieland erzählte mit ein paar fliegenden Sätzen die entsetzliche
Nachricht vom Tode Kleists, ohne dabei zu gewahren, wie die Augen
Goethes ganz groß wurden und seine Stirne leise eine Falte mehr bekam.
„Das ist in der Tat erschütternd“, erwiderte der Dichter des Werther
und hielt sich zitternd am Stuhle fest. „Ich kann nie von dem
Selbstmord eines jungen Menschen hören, ohne dabei bis in das Innerste
meines Wesens zu erbeben. Denn es hat auch in meinem Leben Zeiten
gegeben, wo ich ganze Nächte lang mit der Pistole in der Hand durch
das Dunkel gelaufen bin, und wo es nur eines letzten Anstoßes zur Tat
bedurfte. Der braucht dann freilich nur ganz klein zu sein, wie etwa
im Falle Kleistens die Trostlosigkeit eines Tages im November, diesem
‚Hängemonat‘, wie ihn die Engländer nennen.“
„Aber diese Seelenruhe, dieser frivole Frohsinn, diese εἰρήνη, mit
der der Jüngling Kleist wie weiland Sokrates in den Tod gegangen ist,
dünket mich unerklärlich“, warf Wieland ein.
„Mitnichten,“ fuhr Goethe fort, „wenn einmal das letzte Bedenken
überwunden und gleichsam die letzte Aufenthaltsstation des Lebens
überschritten ist, wird man den Tod selbst schon als einen Vorgeschmack
der süßen Ruhe, die uns mit ihm erwartet, genießen, und wenn erst
der Fahrwind aus dem Elysium über eine Seele weht, wird sie sich mit
Frohlocken von diesem unserem höchst problematischen Leben lösen. Darum
soll keiner die Tat des Kleist eine frivole nennen. Selbst wir zwei
Alten, die wir uns hier im Warmen gegenübersitzen und mit Recht stolz
auf unsere sechzig oder wie Sie, mein Lieber, fast achtzig überlebten
Jahre sein können, wollen dies nicht tun. Denken wir uns nur in die
Seele dieses Unglücklichen, von dessen zahlreichen Dramen eines ‚Der
zerbrochene Krug‘ hier in Weimar unter meiner Leitung aufgeführt und
vom Pöbel verlacht wurde und ein anderes, das große Ritterschauspiel
‚Käthchen von Heilbronn‘, dreimal in Wien gegeben und abgelehnt wurde.
Mehr weiß unser deutsches Theater noch nicht von Kleist. Summieren
Sie zu dieser Nichtachtung, die einen ehrgeizigen Menschen, wie er
war, dreifach traf und vergiftete, noch das Elend seines preußischen
Vaterlandes seit Jena und die qualvolle Lage eines, der heute von der
Feder leben muß und hündischen Demütigungen ausgesetzt ist, so werden
Sie sich über seinen gewaltsamen Tod als einzigen Ausweg aus dieser See
von Plagen kaum mehr verwundern können.“
„Er soll eine solch verbitterte Wut gegen Napoleon gehabt haben,“
bemerkte Wieland, „daß er, wie mir mein Sohn erzählt hat, sich
monatelang mit dem Plane trug, den Kaiser selbst zu ermorden.“
„Das steht ihm nicht übel,“ war Goethes Antwort, „wie er denn auch auf
die Nachricht von dem Durchfall des ‚Zerbrochenen Kruges‘ in Weimar
meinen Namen unter Fäusteballen genannt und dazu gesagt haben soll:
‚Ich werde ihm den Lorbeer schon von der Stirne reißen‘, als ob ich
allein die Schuld an seinem Mißgeschick gewesen wäre. So hat er auch
späterhin mich mit manchen Spottversen und Pasquinaden geärgert und mir
damit jede Möglichkeit genommen, mich weiter für ihn einzusetzen und
noch etwas für ihn zu tun.“
„Ja,“ rief der alte Wieland dazwischen, „aber man spricht doch davon,
daß Sie ihn durchaus nicht anerkannt und gewürdigt hätten.“
„Ich weiß es, mein Freund, und diese literarische Lüge wird vielleicht
noch lange weiterleben, denn solch ein falsches Urteil läuft von
einem zum anderen gedankenlos über. Wie man auch Sie, mein lieber
Wieland, noch vielfach einen sittenlosen Mann nennt, trotzdem Sie in
zwanzigjähriger treuer Ehe vierzehn lebende gesunde Kinder zuwege
gebracht haben. Es hat wenige gegeben, die diesen Kleist, da er lebte,
mehr geachtet haben als ich, wenngleich mir sein Wesen und Dichten von
Grund aus ferne stand. Das Zertrümmerte, Chaotische bei ihm, dieser
Zustand, in dem ich lebte, ehe ich dichtete, machte mich bis in alle
meine Moleküle unruhig. Dieses Aufspüren und Aufjagen von Urtrieben
in uns bei Kleist, die wir mit Mühe seit ein paar tausend Jahren
gezähmt haben, flößte mir Grauen und Unbehagen ein und verwirrte mein
sicheres Gefühl vom mechanischen wie moralischen Gleichgewicht dieser
Welt. Aber darum verkannte ich nicht die titanische Größe in seiner
‚Penthesilea‘, deren Verse mir den Atem versetzten und mich vierzig
Jahre zurückwarfen, noch entging mir der feine Reiz im ‚Zerbrochenen
Krug‘, einem Stimmungsbild, das ein Teniers nun eben nicht besser hätte
malen können.“
„Sie kennen seinen Robert Guiskard nicht“, rief nun Wieland dazwischen.
„Wenn er dies Werk, aus dem er mir als mein Gast einst ein paar
Szenen vortrug, vollendet hätte, statt es zu vernichten, so müßten
Äschylus, Sophokles und Shakespeare vor ihm als Anfänger ausreißen.
Das Feuer, das dieser unaussprechliche Mensch in sich trug, vermochte
mich alten Vater, der ich dem lieben Gott fast schon die Hand reichen
kann, noch zu Tränen über das Weh dieser Welt zu schmelzen. Er hat mir
eingestanden, daß er sich beim Schreiben von Akt zu Akt immer mehr
in seine Helden bis zur Narrheit +verliebe+, so daß es ihm das Herz
abpresse, wenn er wie an jene Penthesilea schließlich Hand an sie legen
müsse. Und er weinte dabei ganz wahrhaftig, wie einst meine Frau, als
ich sie zwang, unseren lieben alten Gockelhahn abzuschlachten, und sie
das Messer in der Hand vor ihm stand und ihn mit den Worten: ‚Mein
Herzchen, mein Liebes, mein Lebenslicht, mein alles, mein Hab und Gut,
meine Schlösser, Äcker, Wiesen und Weinberge, mein Innerstes, mein
Herzblut und mein Augenstern‘, langsam ins andere Leben hinüberschnitt.
Von den Frauen insgemein verstand der Jüngling Kleist -- denken Sie nur
an sein ‚Käthchen‘ oder ‚Evchen‘! -- mehr als unser seliger Schiller
mit all seinen Theaterjungfrauen, denen ich für mein Leben gern einmal
in der Nachthaube begegnen möchte, um zu wissen, ob sie von Fleisch und
Blut seien. Summa ~summarum~: Ich behaupte dreist, daß wir Deutschen in
diesem Kleist unseren Shakespeare verloren haben.“
Zum Glück für den alten Wieland kam in diesem Augenblick der Diener und
meldete die Ankunft der Gäste. Goethe aber machte wie allem so auch
diesem Gespräch ein Ende, indem er sich erhob und kurz sagte:
„Dieses zu entscheiden, Herr Wieland, müssen wir dem Jahrhundert nach
uns überlassen.“
So sprach Goethe. Der Festredner aber, der zum hundertjährigen
Todestage am Grabe Heinrich von Kleists sprechen durfte, hätte sagen
müssen, daß es einen Shakespeare leider nur +einmal+ gegeben hat, und
daß irreale Bedingungssätze an einer Gruft und angesichts eines Toten
im Grunde überflüssig seien, aber daß der frühe Tod Kleists, der nicht
minder als Theodor Körner für sein Vaterland gefallen ist, für unser
deutsches Theater der schwerste Verlust gewesen ist, den es jemals
erfahren hat.
Franz Grillparzer
Was der Bürger heute bei uns zulande unter „Künstlern“ versteht, das
sind meist friedfertige, tugendhafte und tadellose Männer, deren
Gewissen so hell glänzt wie das Hemd, das sie tragen, die pünktlich
ihre Steuern zahlen, Weib und Kinder haben und am Sonntag doppelt so
fromm sind wie an Werktagen. Es sind gute Staatsbürger, die tagsüber
schreiben oder malen, mittags um zwölf Uhr essen und abends kegeln oder
Karten spielen, ehrsame Geschöpfe, die von den Schutzleuten gegrüßt
werden, mindestens zwei Vereinen angehören, ein Haus besitzen, den
Oberbürgermeister duzen, und wenn sie gestorben sind, mit Musik und
vielen Kränzen begraben werden. Öffnet man dann ihr Testament, so
entdeckt man zur allgemeinen Freude, daß der Dahingegangene zudem noch
ein hübsches kleines Vermögen hinterlassen hat, und Kinder und Enkel
feiern noch nach Jahren den einstigen Künstler in der Familie nach.
Gutmütig scheinen die Augen eines solchen Mannes, und sein Mund spricht
Worte der Milde und Liebe, und man schläft nicht unruhig, wenn man
einen Abend mit ihm verbracht und verlacht hat.
Leider stimmt das Bild, das die Geschichte uns von dem Leben der ganz
großen Künstler gibt, nicht mit diesem friedlichen Idyll überein, das
der gute Bürger, der abends im Klub, im Kasino oder in der „Erholung“
sitzt, sich nach dem Beispiel seiner heimischen städtischen Künstler
zurecht macht. Wir wollen einmal ganz absehen von der Kategorie
der ungeordneten wilden Individuen, die der Gesellschaft den Krieg
erklären, mit jedermann in Unfrieden leben, ihre Pflichten verträumen,
ewig gereizt sind und stets über 36 Grad Blutwärme haben, die früh
sterben, im Duell oder am Wein, oder abseits von allen verbittert den
Tod suchen und finden. Aber es gibt doch noch eine zweite Spielart
von großen Künstlern, die anscheinend ein schlichtes bürgerliches
Leben führen, ohne Lärm und ohne Widerspruch und scheinbar restlos im
Staate aufgehen, so daß man vermeinen könnte, sie hätten die Harmonie
zur Welt gefunden, die Goethe der Größte sich errungen hat. Blickt
man jedoch hinter diesen Deckel ihres äußeren Daseins in das Uhrwerk
ihres geheimen Lebens, zu dem nur sie selber den Schlüssel haben, so
erschrickt man wie vor dem Haupte der Medusa, das jeden, der es sah,
versteinerte. Zu diesen Tasso-Menschen, die von sich selbst gehetzt,
Jagdhund und Hase zugleich, die kurze Summe ihrer Tage unter Schmerzen
von der großen Qual der Welt subtrahieren, gehörte der bedeutendste
Dichter, den Wien uns Deutschen geschenkt hat: Franz Grillparzer.
Das Gemütsleben dieses Dichters, den jede Töchterschülerin lesen darf,
ist eine Hölle von Bitternissen und Sorgen und Ängsten gewesen mit
tiefen Schlünden, in die sich die Gewitter, die sich niemals offen bei
ihm entladen konnten, scheu hineinverkrochen. In seinen Tagebüchern,
in denen er sich vor uns aufgeschlossen hat, hat er seine Leiden
hinausgeschrien wie Philoktet auf seiner einsamen Insel, daß dem, der
vorüberfährt, vor Mitleid das Eingeweide brennt.
Schon der Beruf, in dem er saß, und den er doch nicht fortwerfen
konnte, so wenig wie ein Lahmer seine Krücke, machte ihm die Tage
grau. Jahrelang hockte er als Unterbeamter im Wiener Finanzministerium
sich den Rücken und die Seele krumm, zwischen Bureaukraten, die vom
Wetter, vom Gehalt und von den Vorgesetzten sprachen, unter „Theater“
Verkehr mit Schauspielerinnen verstanden und sich für des Dichters
Stücke höchstens nur wegen der Honorare, die sie einbringen könnten,
interessierten. Wenn Grillparzer über die Kindermörderin Medea
grübelte, klopfte plötzlich etwas an die Tür, und eine quäkende Stimme
fragte: „Haben der Herr Konzeptspraktikant schon die Zollabrechnung der
niederösterreichischen Bezirke revidiert?“
Immerfort bewarb er sich um einen Posten, der seiner geistigen
Beschaffenheit mehr zugesagt hätte, etwa bei der Hofbibliothek, und
schrieb unzählige Briefe, die anfingen: „Der gehorsamst Unterzeichnete
bittet devotest und in untertänigster Ehrfurcht ersterbend usw.“,
und die dann alle Verdienste des in tiefster Verehrung Erblassenden
aufzählen mußten, eine Beschäftigung, die jedem feiner organisierten
Menschen ein Gefühl ähnlich dem der Seekrankheit verursacht. Aber alles
dies half nicht einmal. Der sprichwörtlich gewordene Undank des Hauses
Habsburg bewährte sich auch bei diesem seinem größten Verherrlicher auf
das sichtbarste. Dreiundvierzig Jahre lang mußte der Dichter subalterne
Bücklinge machen und das Faß der Danaiden füllen helfen, bis ihm
endlich, als er nicht mehr singen, sondern nur noch knurren konnte,
das Gnadenbrot mit einem Titel und Orden daran überwiesen wurde.
Auch sein wirklicher Beruf, die dramatische Dichtkunst, belohnte
ihn nicht nach Verdienst. Nahm man seine Jugendwerke teilweise mit
überschwenglichem Jubel auf, so hatte man um so mehr an seinen späteren
Stücken zu nörgeln. Schließlich pfiffen ihn die bösartigen Wiener so
laut aus, daß er ganz theaterscheu wurde und zu zittern anfing, wenn
man ihn nach einem neuen Stück fragte. So starb seine Liebe zum Theater
mit +fünfzig+ Jahren plötzlich ab, in einem Alter, da beispielsweise
Ibsen später erst sein eigentliches Lebenswerk begann. Er verschloß das
wenige, was er noch bis zu seinem einundachtzigsten Geburtstag schrieb,
ängstlich in seinem Schreibtisch, wo es lieber vergilben als je wieder
ausgezischt werden sollte. Erst nach seinem Tode kam es ans Licht.
Mitsamt den ungezählten boshaften Sprüchlein, die der alte harmlose
Herr Hofrat Grillparzer, der immer den Hauszins pünktlich einzahlte,
und den die Kinder in Wien auf der Straße grüßten, jedesmal, wenn er
sich „gegiftet“, hergereimt hatte. Da sah man auf einmal, daß diese
Stütze des Staates, dieser korrekte Bürgersmann Grillparzer mit einer
Schar bissiger Ratten und giftiger Schlangen zusammengehaust hatte, die
ihm immerwährend vom Keller zum Giebel, vom Herzen zum Kopf gelaufen
und gekrochen waren.
Denn die unwürdige Behandlung, die er zeitlebens vom Kaiser bis zum
letzten Kritiker erdulden mußte, war Milch und Honig gegen die Teufel,
die in seiner Brust herumbrodelten. Außer Rousseau hat sich wohl
kein Geist so sehr selber gequält wie Grillparzer. Eine seltsame
Lust am Schmerz verlockte ihn immer wieder, sein Inneres im Spiegel
zu sehen, um schaudernd vor seinem Bilde zurückzufliehen: Neid,
Eitelkeit, Spottlust, Hang zur Lüge, zum Diebstahl und zur Wollust und
ein grenzenloser Egoismus, das alles stak in einen garstigen Knäuel
verschlungen in ihm und schnitt dem entsetzten Hofrat, der doch keinen
Flecken an seiner Hose duldete, gräßliche Fratzen. Er hatte nicht die
Einsicht noch den Humor, zu sich selber zu sagen: „~Ecce homo!~“ „So
ist der Mensch!“, sondern trug sich wie eine ekle Last, eine lebende
Leiche, ächzend zu Grabe.
Das Durcheinander in seiner Natur hat ihn, der als Beamter an
genaue Registrierung gewöhnt war, wohl am meisten gewurmt: +Heute+
zerfleischte und verkleinerte er sich selbst und kam sich erbärmlicher
als Kotzebue vor, +morgen+ wieder blähte er sich in gereiztem
Selbstgefühl vor allen Dichtern wie ein kalkuttischer Hahn, schimpfte
über Schiller und nahm dreist neben Goethe Platz. Er wurde von seinen
Launen wie von bösen Winden hin und her getrieben, wie er sich auch
mit seinen schwachen Kräften dagegen stemmen mochte. Er gehörte zu den
Leuten, die immer aus Furcht vor Regen einen Schirm bei sich tragen,
aber wenn es wirklich regnet, zufällig einen Stock mitgenommen haben,
oder zu denen, die im Theater stets hinter einem Pfeiler zu sitzen
kommen, denen die Bahn stets vor der Nase abfährt, und die bei der
Table d’hote immer die kalten Platten erhalten und dann eine Tücke in
das Objekt hineinlegen, die doch nur aus ihnen selber kommt. Dazu war
er ein Hypochonder, der ewig kränkelte, sich immerzu den Puls befühlte
oder die Zunge im Taschenspiegel besah, und dabei zweiundachtzig Jahre
alt wurde, ohne jemals dem Tode nahe gewesen zu sein.
Am allerunglücklichsten aber war er in der Liebe, diesem schönen
Fieber, das in allen seinen Stücken doch End- und Angelpunkt ist. In
seinem Leben war es nur eine Qual mehr, der Pfeil, der ihm am tiefsten
im Fleische saß. Jedesmal, wenn er sich verliebt hatte, merkte er auf
einmal beim dritten Kuß, daß er gar nicht lieben konnte. Er zerpflückte
seine Gefühle wie ein Kind die Blumen, und war dann entsetzt und
betrübt, wenn sie nicht mehr dufteten. So empfand er schon vor der
Liebe, was die Männer gemeiniglich erst nach der Liebe verspüren, und
blieb darum einsam, scheu und verkehrt vor der goldenen Pforte zum
Paradiese stehen. Und er fand, er schuf sich eine Gefährtin dabei, die
er festhielt, Kathi Fröhlich, ein Wiener Mädchen, so beschaffen wie
ihr Name, ein liebes Ding, dessen Briefe klingen wie Vogelstimmen vor
Sonnenaufgang. Sie opferte ihm ihr Leben und ihre Seele, denn er machte
sie zu seiner „ewigen Braut“, der nie die Hochzeitsfackel brannte.
Sie glühten, -- aber ach, sie schmolzen nicht. Er hat sie nicht aus
Geldmangel nicht geheiratet, wie man auf der Schule lernt, sondern
aus der Unfähigkeit, sich hinzugeben und sie hinzunehmen. Sie muß
Unsagbares gelitten haben, bis er sie dazu brachte, aus dem „du“ wieder
in das „Sie“ zu kommen, wenn sie mit ihm sprach, und aus der wärmsten
Liebe wieder in eine kühle Freundschaft hinein. Und man möchte lieber
der Karrenhund eines armen Kesselflickers als Grillparzers „ewige
Braut“ gewesen sein.
Ganz spät erst, als sie beide keine Zähne mehr hatten und einander
völlig ungefährlich geworden waren, zog er mit ihr und ihren Schwestern
zusammen unter ein Dach. Und abends spielten die beiden wohl Klavier
oder Tarock, je nach seiner Laune, und lächelten sich beim Abschied
Punkt zehn Uhr wehmütig aus runzligen Gesichtern an. So lebten sie noch
zwanzig Greisenjahre durch eine Wand getrennt nebeneinander, bis der
Tod sie holte, und man ihre Leichen nur durch eine Spanne Erde getrennt
nebeneinander in den Friedhof bettete. Ein paar Träumer aber wollen
ihre Seelen drunten im Inferno beide in trauriger Gemeinschaft unter
der dunklen Schar derer um Paolo und Francesca fliegen gesehen haben.
So war Franz Grillparzer, Dichter, Hofrat und Mensch, wohnhaft zu Wien,
Spiegelgasse Nr. 21, von dem man noch sprechen wird, wenn das letzte
schöne Haus aus den Tagen Alt-Wiens abgebrochen und fortgeschleift ist,
um irgendeinem hohen modernen Mietkasten Platz zu machen. Mit einem
tiefen Seufzer, wie ihn einst unser Dichter, dessen schweren Namen sich
die Literaturgeschichte nach Lord Byrons Prophezeiung gemerkt hat, ihn
ausstieß, als er schrieb: „Ich möchte, wär’s möglich, stehen bleiben,
wo Schiller und Goethe stand.“
Friedrich Hebbel
Die meisten Menschen gleichen leider im Leben den Gefährten des
Odysseus auf der Fahrt an der Insel der Sirenen vorüber: Wachs in den
Ohren rudern und arbeiten sie sich ab und hören nicht den lockenden
Sirenensang der Musen, die aus den Rätseln des Daseins Musik machen,
und starren verwundert und ohne Begreifen auf das +Genie+, das gleich
Odysseus in der Mitte ihres Fahrzeuges fest gebunden, beim Klang der
Zaubermusik vor Wonnen und vor Qualen sich windet. Als ein solcher
Abgetrennter stand auch Friedrich Hebbel in seiner Zeit, fest gebunden
an den Mast seiner Natur, unverstanden von den meisten, ein sich
selbst Quälender. So fuhr er unter laokoontischen Leiden den Weg zum
Tode hinab. Es gibt heute noch zahlreiche, meist sehr satte Leute, die
behaupten, daß viele Leiden erst den wahren Künstler machen, und daß
insbesondere ein rechter Dichter tüchtig hungern müsse wie ein Bär,
um nachher besser tanzen und springen zu können. Das Beispiel Hebbels
allein sollte diesen Spöttern ein für allemal den Mund stopfen: Zeit
seines Lebens hat er unter der gräßlichen Not seiner Jugend gelitten,
die er, der Sohn eines armen Maurers, in einem freudlosen Marktflecken
oben in Holstein unter Hunger und Entwürdigungen aller Art verleben
mußte. Er war nicht so leicht und glücklich geartet wie ein anderer
Parvenü, der freilich ein +Bürgerssohn+ und somit viel weniger zu
leiden hatte, ich meine Napoleon, der gerne in Gegenwart des Königs von
Preußen und des Kaisers von Rußland -- man kann sich die Gesichter der
hohen Potentaten dabei denken! -- von der Zeit erzählte, da er noch
Unterleutnant bei der Artillerie gewesen war. Hebbel konnte später, da
es ihm gut ging und er sich satt essen und anständig kleiden konnte,
nicht einmal stolz sein auf diesen Wechsel, ohne zugleich bitter werden
zu müssen. Das Gefühl, ein +Proletarier+ gewesen zu sein, das nur der
zu gleichem Los Verdammte verstehen kann, hat ihn, mehr als er es noch
sagen und klagen wollte, gequält. Man muß ihn sich nur vorstellen,
wie er herumstand mit seiner großen gekrümmten Gestalt, seinen
Bauernknochen und seinen roten, einst oft verfrorenen Händen in den
Salons der reichen blasierten Wiener Aristokraten, die ihn fortwährend
mit dem alemannischen Dichter Hebel verwechselten, die den Hunger
nicht kannten und ihren Magen nur, wenn sie zu +viel+ gegessen hatten,
verspürten. Gerade das Leben in Wien, dieser weichen, genußsüchtigen
Stadt, muß ihn immer wieder an die harte Not der Kindheit gemahnt
haben, da man die paar Winterkartoffeln im Keller verkaufen mußte, um
den Sarg für den Vater, der ihn und seine Geschwister stets voll Wut
seine „gefräßigen Wölfe“ genannt hatte, bezahlen zu können, da seine
Mutter bei fremden Leuten waschen mußte, um seine kleinen Geschwister
vor dem Hungertode zu bewahren, und da er selbst, ein bleicher
Schreiberlehrling, nachts neben den Stallknechten und Kuhmägden
schlief. Der Schatten dieser düstern Jugendzeit hat über seinem ganzen
Leben gelegen. Niemals hat er aus vollem Herzen lachen können, und mit
einem bittern Abschiedswort im Mund ist er aus seinem Menschendasein
fortgeschlichen.
Nicht, daß er kleinmütig gewesen wäre, ein anderer hätte die Riesenlast
und die Qual einer solchen Vergangenheit überhaupt nicht ertragen
können. Nur einsam und menschenscheu war er geworden und klammerte
sich lieber noch an die Tiere, Hunde oder Eichkätzchen, an, als an
die lieben Nachbarn, die -- seine Jugend hatte es ihn gelehrt! -- den
Schwächeren so unmenschlich quälen konnten. Nur den Frauen, die ihn
mehrmals in seinem Leben durch ihre Arbeit ernährt hatten, bewahrte
seine Seele eine glühende Dankbarkeit. Und in ritterlicher Weise hat
er, ein moderner Frauenlob, seine Schuld gegen das weibliche Geschlecht
in allen seinen Dramen abgetragen. Sonst lebte er wie eine Spinne in
seinem Netz und zog aus sich selbst seine Gedankenfäden und schrieb
jahraus, jahrein seine Tagebücher, in denen er sich über sich selber
Rechenschaft ablegte und das Plus und Minus seiner Seele miteinander
verglich. So kam er von selbst dazu, mehr die Menschen und die Dinge
zu begrübeln und ins Abstrakte, ins Reich der Ideen hinüberzuspielen,
als sie zu erleben. Der Geist des großen Philosophen Hegel, den er als
Werdender in sich aufgenommen hatte, begleitete ihn auch als reifen
Künstler. Darum war ihm das Wichtigste an einem Werke, daß es „seine
Idee“ klar zum Ausdruck brachte. Unter dieser Voraussetzung schuf er
denn auch, der direkte Vorläufer Ibsens, seine großen Dramen.
Das einzige, was ihn nämlich immer wieder mit der Öffentlichkeit
zusammenbrachte, war das Theater. Er liebte es mit der ganzen
heimlichen Liebe, die in ihm war. Schon äußerlich war er mit ihm
dadurch verbunden, daß seine Frau, der er sein ganzes spätes Glück
verdankte, als erste Darstellerin an der +damals+, beileibe nicht
heute, ersten deutschen Bühne, dem Wiener Hofburgtheater, tätig
war. Freilich fügte es sich -- wie manche Menschen eben Unglück
haben müssen, bis ihnen kein Zahn und nichts mehr weh tut --, daß
der damalige Leiter des Burgtheaters ein anderer Maurerssohn,
nämlich Heinrich Laube, war. Mit diesem lebte Hebbel in beständiger
literarischer Feindschaft, und Laube, der keineswegs zu den vornehmen
Charakteren gehörte, rächte sich in seiner Weise dafür, indem er auf
seiner Bühne nur Frau Hebbel und höchstens notgedrungen Herrn Hebbel
zu Worte kommen ließ. Auch dieses Mißgeschick konnte Hebbel nicht mit
Humor ertragen. Er verzehrte sich in stummer Wut über den hoffähig
gewordenen früheren Revolutionär, der ihm da vor der Nase französische
Plauderstücke und verlogene deutsche Jambendramen aufführen ließ. Dazu
kam, daß die Tagespresse sich das unfeierliche Gelübde abgelegt hatte,
Hebbel totzuschweigen, und nur ein paar Juden, Emil Kuh, Felix Bamberg
u. a., halfen dem deutschen Barden über den kleinen Kummer und die
große Verzweiflung hinweg.
Aber schließlich konnte ihm dies alles nicht den Mut und die Lust
am Theater nehmen. Wie Goethe hoffte er stets von neuem auf einen
Frühling der deutschen Bühne, wollte und konnte er nicht glauben, daß
die meisten Deutschen lieber in alberne Schwänke als in ernste Stücke
hineinliefen, daß der normale Mann in Deutschland +wöchentlich+
mehr für Zigarren, als +jährlich+ fürs Theater ausgibt. Wer ihm das
bewiesen hätte, dem hätte er ein: „Das wird und muß anders werden!“
entgegengehalten. Ja, er war der Ansicht, daß wie die Germanen einst
einen Bonifazius hatten, der sie zum Christentum überredete, so
hätten sie heute einen ebenso starken Glaubenshelden nötig, der sie
zum Theater als zu einer Kult- und Kulturstätte bekehren könnte. In
dieser Hoffnung schrieb er seine Stücke, allen voran die ragende
Nibelungentrilogie, eine Saat für die Zukunft, am Tage der Garben zu
reifen.
Es war ihm nicht vergönnt, gleich Richard Wagner, der ein Gleiches
wie er für die Deutschen in der Oper, dieser Mißgeburt aus Wort und
Musik, erstrebte, den Tag der Ernte zu erleben. Hebbels Bayreuth ist
jetzt noch überall und nirgends in Deutschland. Seine Recken- und
Heldenwelt liegt heute noch meist wie die Tierfelle, die sie nach alter
falscher Überlieferung tragen müssen, in deutschen Theatergarderoben
eingekampfert. Hin und wieder klopft und stellt irgendein Festtag sie
noch aus. Ibsens schlechteste Jugenddramen, Shaws albernste Possen,
Strindbergs ödeste Lamentationen muß das deutsche Publikum heute
geduldig über sich ergehen lassen, Hebbels reifste Werke bleiben ihm
noch immer so viel als möglich versagt. Aber wenn einstmals die Japaner
und Mongolen Europa einnehmen, oder die Amerikaner es aufkaufen und
sich eine Vorstellung von dem einstigen deutschen Geist und Wesen
machen wollen, so werden sie sich Hebbels „Nibelungen“ aufführen lassen.
Adelbert v. Chamisso
Drei Tage aus dem Leben Chamissos geben ein anschauliches klares
Bild von dem Schicksal und dem Wesen dieses deutschen Dichters, der
zeitlebens besser und schneller französisch als deutsch geredet und
verstanden hat, und der in der Nacht vor seinem Tode unaufhörlich in
der Sprache Frankreichs von seiner Kindheit phantasierte.
Der +erste+ Tag war ein strenger Wintertag im Jahre 1790. Der Schnee
lag schon fußhoch in den meilenweiten stillen Wäldern, die sich um
Boncourt, das Stammschloß der Chamissos in der Champagne, ausdehnten.
Der neunjährige Adelbert hatte den Nachmittag mit seinen Schlittschuhen
auf dem Weiher vor dem Schlosse zugebracht und war wohl fünfzigmal
in stummen Träumereien unter der steinernen, schneebedeckten Brücke
hin und her gelaufen, abseits von den Geschwistern, die, in vornehme
Pelze und Schals gehüllt, Bonbons lutschten und dabei von Paris, der
Königin Marie Antoinette und dem nächsten Hofball plauderten. Eine
strenge mürrische Erzieherin -- denn die Eltern verkehrten damals nur
~par distance~ mit ihren Kindern -- brachte den Kleinen ins Bett,
und dort, in einem großen, weißen und goldenen Rokokosaal, den ein
Kaminfeuer voll Scheitholz und Tannenzapfen durchwärmte, träumte das
Kind unter Spitzenvorhängen mit geschlossenen Augen weiter, wie es
vorhin auf dem weißen Eise mit offenen Augen von einer märchenhaften
Zukunft geträumt hatte. Mitten in der Nacht wurde der kleine Adelbert
von einem wahren Höllenlärm aufgeweckt. Drunten in der dunklen Stille
hörte man wilde Männerstimmen die Carmagnole johlen, die Hunde bellten
und erdrosselten sich vor Wut beinahe selber an ihren Ketten. Nun
pfiffen Flintenschüsse durch die Nacht. Scheiben klirrten. In dem
Vogelhaus hinter dem Brunnen mit der Sphinx hörte man die Hühner vor
Angst gackern, und es war, als ob der Lärm der Männer von Minute zu
Minute näher käme. Der Knabe sah beim Kerzenschein seine Eltern voll
Angst im Saale hin und her laufen, die Geschwister fingen an zu weinen.
Dann wurde er von einem alten Diener ergriffen, in das Kissen seines
Bettes gepackt und in einen großen Schlitten getragen, der hinter
dem Schlosse wartete. Die Eltern und Geschwister kamen zitternd und
wimmernd gleich hinterher. Die Revolutionsmänner hatten indes schon
die Scheune und die Dienerschaftsräume angesteckt. Es war so hell
geworden, daß man die Tauben erschreckt um den Turm mit der Sonnenuhr
flattern sah, auf der man deutlich die grün-goldenen Ziffern erkannte.
Die Luft war von dem Feuer ganz warm geworden, und der kleine Adelbert,
dem ganz sonderbar bei diesem schönen und schrecklichen Traumgesicht
zumute wurde, sah nur noch, wie ein Mann im Bauernkittel wütend das
Wappenschild der Chamissos, einen stehenden und einen ruhenden Löwen,
von dem Tor im Burghof herunterriß. Dann zogen die Pferde an, und der
Schlitten mit den lebenden Überresten von Schloß Boncourt fuhr eilig
der Grenze zu. Am andern Morgen, als der Knabe erwachte und zu seinem
Feigenbaum heruntergehen wollte, erzählte ihm die Mutter mit Tränen,
daß alles eingeäschert sei, und nach wenigen Wochen sah er sich mit
den Seinen in einer elenden Mietwohnung zu Düsseldorf am Rhein, wo
die völlig mittellosen Eltern mit sich zu Rate gingen, ob ihr vierter
Sohn Adelbert oder vielmehr Louis Charles Adelaide Comte de Chamisso,
Vicomte d’Ormond et Seigneur de Boncourt, nicht am besten zu einem
+Tischler+ in die Lehre treten sollte.
Der +zweite+ bedeutungsvolle Tag im Leben unseres Dichters war im
Herbst des Jahres 1805. Er war mittlerweile, da seine Hände doch zu
viele vornehme nichtstuende Ahnen gehabt hatten, um das Schreinern
erlernen zu können, Page am preußischen Hofe und dann +Leutnant+
im preußischen Linien-Infanterie-Regiment „von Goetze“ geworden.
Allerdings brachte er auch für dieses Handwerk nicht das rechte Talent
mit. Der Sinn für die Wichtigkeit der Gewehrgriffe oder des Lederzeugs
und die Bedeutung der Feldsignale ging ihm völlig ab, so daß er vor
seinem Oberst durchaus nicht die rühmliche Rolle wie später vor Apollo
gespielt hat. „O dieser Oberst!“ schrieb er nach Jahren auf seiner
Weltreise in dem Hafen von Hawaii in sein „Tagebuch“, als er wieder
einmal wie unsereins von der Schule von ihm geträumt hatte, „er hat
mich, ein schrecklicher Popanz, durch die Meere aller fünf Weltteile,
wann ich meine Kompagnie nicht finden konnte, wann ich ohne Degen auf
die Parade kam, wann -- was weiß ich, unablässig verfolgt, und immer
sein fürchterlicher Ruf: „Aber Herr Leutnant! Aber Herr Leutnant!“
An jenem Herbstabend Anno 1805 kam unser Chamisso spät vom Dienst aus
seiner Kaserne zu Potsdam. Man hatte ihm soeben mitgeteilt, daß der
Krieg mit Napoleon und Frankreich nun bald bevorstehe, und daß man
Marschordre bekommen und ins Feld rücken werde. Chamisso warf noch
einen Blick auf das kahle zweistöckige Soldatenhaus, lauschte den
Hörnern, die an allen vier Ecken des Kastens zu Bett bliesen, und
wandte sich seufzend zum Gehen, wobei er über seinen Degen stolperte.
„Sie alle haben ihre Heimat und ihr Vaterland,“ grübelte er vor sich
hin, „auf das sie stolz sind, und dem sie dienen können!“ Seine Eltern
und seine Geschwister waren längst wieder über den Rhein heimgekehrt,
und suchten unter Napoleon das wiederzufinden, was sie unter Ludwig
verloren hatten. Er allein besaß kein Vaterland mehr unter und hinter
sich, und gegen das, was er gehabt hatte, sollte er nun das Schwert
führen, das ihm an der Seite baumelte. Eine bittere Melancholie
überkam ihn, und seine Seele ward tieftraurig in dieser erbärmlichen,
erbärmlichen Welt. Die Wut seiner Kameraden gegen Napoleon, die diesen
Dämon immer „einen Teufel und ein Scheusal“ schimpften, konnte er
nicht mitfühlen. Und wie vermochte er erst die Franzosen zu hassen,
in deren Sprache er mehr als die Hälfte seiner Gedanken dachte! Er
zog heimlich auf der dunklen Straße seinen Degen aus der Scheide
und betrachtete ihn wehmütig, wie ein Schmetterling sich ein Stück
Bindfaden besieht, und er kam sich plötzlich wie ein Chevalier ohne
Land, ein Reiter ohne Pferd oder wie ein armer Jude und +Schlemihl+
vor, und es schien ihm im trüben Schein der Potsdamer Öllaterne, als
habe er sogar seinen Schatten verloren. Er weinte im Finstern ein paar
stille Tränen zum Erstaunen der geraden Stadt Potsdam, in der nachts
die Häuser exerzieren, und die so etwas höchst selten sah, und kam
traurig wie eine Nachtmütze vor seine Mietswohnung. Oben an seinem
Schreibtisch erst, bei seiner Studierlampe und vor seinen Büchern fand
er, Shakespeare, Schiller und Goethe um sich, seinen Frieden wieder,
und er übersetzte Rousseaus Ode:
„~Pourquoi, plaintive Philomèle,
Songer encore à vos malheurs?~“
ins Deutsche, während drunten auf der Gasse ein betrunkener preußischer
Patriot „Nieder mit Napolium!“ vor sich hingröhlte.
Der +dritte+ Tag im Leben Chamissos, der uns sein Bild vervollständigt,
war im Sommer des Jahres 1828. Vor dem Geschick, gegen Frankreich
das Schwert zu führen, hatte ihn vor sechzehn Jahren die schmähliche
Kapitulation der Festung Hameln, in der er mit seinem Regiment gelegen
hatte, bewahrt. Er war nach Frankreich heimgekehrt und hatte versucht,
wieder Franzose zu werden. Aber vergebens! Ein kurzes Gespräch mit
Uhland, der zu gleicher Zeit mit ihm in Paris weilte, dünkte ihm
schöner als eine Woche am Hofe Napoleons. Selbst die Verführungskunst
der Frau von Staël, die gleich ihm eine Verbannte war, und die ihm
um ein süßes Gramm +mehr+ als eine Freundin zugetan war, machte ihn
nicht wieder zum Franzosen. Es schien ihm, als könnte er nie mehr Ruhe
finden. Es ging ihm mit dieser schönen Frau wie mit seinem Vaterlande,
sie zog ihn an, und er floh innerlich vor ihr. So zwischen Frankreich
und Deutschland hin und her gewürfelt hatte er seltsamerweise seine
Ruhe erst auf einer großen dreijährigen +Weltreise+ gewonnen, die
er auf einem russischen Schiffe unternahm. Wie Peter Schlemihl
den Verlust seines Schattens endlich vergessen konnte, als er die
Siebenmeilenstiefel gefunden hatte, so erging es Chamisso, als er an
den weltentlegenen glücklichen Inseln des Stillen Ozeans landete und
angesichts fröhlicher anspruchsloser sogenannter „Wilder“ einsah, daß
für den weisen Menschen überall das Vaterland ist.
Nun war er schon seit zehn Jahren in Berlin, hatte den Leutnantsrock
längst vergessen und sich statt dessen mit Steinen und Pflanzen
angefreundet, die nach seinem Bekenntnis „viel mehr Verstand als
alle Rekruten hatten“. An einem Sommertage nun hatte ihn sein Freund
Hitzig, auch ein früherer Schattenloser, der sich darum ein „H“ vor
den Namen „Itzig“ gestohlen hatte, von der Stettiner Post abgeholt.
Chamisso, oder, -- er hatte sogar jetzt einen +Titel+ hinter sich, --
„der Kustos des botanischen Gartens zu Berlin“, war mit einer riesigen
Botanisiertrommel und einem Barometerkasten auf dem Buckel draußen
in der Mark gewesen, um „Heu“ für seine Herbarien einzusammeln. Nun
wanderte er rüstig mit seinen guten Spazierhölzern neben seinem Freunde
die lange Friedrichstraße hinauf nach Hause. Und als er die Leute
hinter sich, die dem wunderlichen Mann mit den langen Haaren und der
Botanisiertrommel nachsahen, respektvoll flüstern hörte: „Der Dichter
Chamisso!“ und als er bedachte, daß nach ein paar Schritten ein Haus
kam, in dem sein Weib auf ihn wartete und seine fünf Jungen ihn mit
dem Kriegsgesang „Arocha“ von den Sandwichinseln begrüßen würden, den
er ihnen beigebracht hatte, da wurde ihm so ausgelassen zumute, daß
er zum Erstaunen Hitzigs und der Friedrichstraße auf einem Bein zu
tanzen anfing. Ja, es war wahr geworden, was er kaum gehofft hatte:
Mit fünfzig Jahren war er zum deutschen Dichter geworden, und war das
heute, was Uhland der Deutsche mit dreißig Jahren gewesen war, und
aus dem „passivsten Tier der Welt“, wie er sich selbst in den Jahren
des Hin- und Herschwankens getauft hatte, war einer der fleißigsten
Menschen geworden. Er dachte daran und es wurde ihm warm dabei, daß
er mit dem „Heu“ von draußen ein paar frische Gedichte für seine Frau
mitgebracht, der er von der Reise geschrieben hatte: „Vergiß nicht die
Rosen, vergiß nicht, die Blumen in meinem Garten zu begießen, vergiß
nicht, den Sperlingen unter meinem Fenster Futter zu streuen, und
vergiß nicht, den Jungen die Buchstaben beizubringen. Ich bringe mich
dir wieder ganz, wie ich dich verlassen habe.“
Und auf einmal fiel er dem sprachlosen Hitzig vor lauter Jubel auf der
Straße um den Hals: „Weißt du, welches Motto ich meinen gesammelten
Gedichten voranstellen will? Die Verse, die Goethe dem Tasso in den
Mund legt, wie er seine Dichtung seinem Fürsten bringt:
„Und wie der Mensch nur sagen kann: Hie bin ich!
Daß Freunde seiner schonend sich erfreu’n,
So kann auch ich nur sagen: Nimm es hin!“
Heinrich Heine
Die Rheinländer haben unserm Volke und unserer Geschichte nicht viele
große Männer geschenkt. In der kurzen Spanne Zeit, der Handvoll
von Jahrhunderten, die uns moderne Deutsche von den mit Tierfellen
bedeckten, Jagd und Fischerei treibenden, unhistorischen Germanen,
unseren Vorfahren, trennen, haben die Rheinländer nur wenige bedeutende
Männer hervorgebracht, die einen gewaltigen, bleibenden Anteil an
der Kulturarbeit in unserem Volke gehabt, die ihren Namen über die
Jahrhunderte glänzend und für die Geschichte Deutschlands unvergeßlich
gemacht haben.
Sachsen, Schwaben und Schlesien haben vor allem unserm Vaterland in
der Literatur, der Philosophie, in der Kunst und den Wissenschaften
die führenden Geister gegeben, die das Gedanken- und Empfindungsleben
unseres Volkes geschaffen und zum Ausdruck gebracht haben. In
wirtschaftlicher Hinsicht allen anderen Stämmen unseres Vaterlandes
überlegen, haben die Rheinlande für die Kunst nur ein verhältnismäßig
kleines Kontingent von +großen+ Meistern gestellt. Beethoven, den
sie in der Musik haben, ist eigentlich nur ein Zufallsrheinländer.
Dreiviertel seines Lebens hat er in Wien zugebracht, und der
Grundcharakter seines Wesens und seiner unendlichen Musik ist nicht
rheinisch gewesen. Goethe ist von Geburt ein Mittelfranke, kein
eigentlicher Rheinländer. Und der einzige auch als Persönlichkeit
bedeutungsvolle Dichter, den sie bisher in der Literaturgeschichte
aufzuweisen haben, der am Rheine geboren und groß geworden ist, dessen
Name, nennt man die besten Namen, immer genannt werden wird, ist ein
Jude gewesen: Heinrich Heine.
Die meisten Literaturhistoriker haben das Phänomen Heinrich Heine
unter den Deutschen -- denn ein solches ist er unter unseren Dichtern
gewesen und geblieben! -- lediglich aus seinem +Judentum+ zu erklären
versucht. Die Selbstironie in seinem Wesen wie in seinem Dichten, der
Sarkasmus, mit dem sich fast ein jedes seiner Gedichte zum Schluß
selbst in den Schwanz beißt, die Spottsucht, die hinter jedem Ernst
nach seinem Witz sucht, das alles hat man als ein Charakteristikum
seines Volkes, seiner Rasse bezeichnet und gegeißelt. Man muß
zugeben, daß sich diese skeptische, ironisierende Neigung, die mit
sich selbst gern Schindluder treibt, vielfach bei den Juden, die
jahrhundertelang wie die Kellertiere von der Sonnenseite des Lebens
und Wirkens ferngehalten worden sind, ausgebildet hat. Aber diese
Selbstironie, diese Spottlust bei den Juden, die sich meist in
Kalauern und Börsenwitzen ein Genüge tut, ist doch mehr Kopfarbeit
und mehr Galgenhumor, als eigene eingeborene Empfindung, mehr eine
Notwehr des Verstandes, denn ein Erbteil des Herzens. So sehen wir
ja auch unsere heutigen frei gewordenen Juden immer weniger Gebrauch
von einer bitteren Selbstbespottung machen, mit der sie einstmals
vor Verzweiflung Rache am eigenen Schicksal nahmen. Nicht eigentlich
jüdisch ist also diese Selbstironie, diese Zwiespaltigkeit des Innern,
die sich immer als Doppelgänger sieht, diese unüberwindliche Scheu vor
allem Pathetischen, diese quälerische Lust, allem Ernsten eine Fratze
zu ziehen. Nein, alle, die +Rheinländer+ sind, fühlen, daß dies ihre
eigene tragikomische Domäne der Empfindungen ist, daß Heine nur das
Echo ihres Herzens war, und daß sein Blut wie das ihre geklungen hat,
mag er immerhin außerdem ein Jude gewesen sein.
Dieser Kern des Heineschen Wesens und Dichtens, diese Angst vor der
Phrase, diese Furcht vor der Lächerlichkeit, diese Scheu vor den
eigenen Tränen, die sich ihr Gemüt zu zeigen schämt, die ist typisch
rheinisch, die stammt aus Düsseldorf und nicht aus Palästina. Wenn ihn
jedes Große, dem er im Leben begegnet, zwingt, ihm den Witz abzugucken,
wenn er alle Dinge, alles Erleben komisch zu nehmen sucht, wenn er sich
selbst in der Matratzengruft in Paris, wo er die letzten acht Jahre
seines Lebens fast gelähmt zubrachte, zu einem schlechten Spaß machte,
so ist das echt rheinisch empfunden.
Aus dem Judentum Heines heraus hat man auch immer den +zweiten+
Hauptvorwurf begründet, mit dem man ihn vor und nach seinem Tode wie
einen herrenlosen Hund beschimpft hat: Er sei kein Deutscher, kein
Patriot, sondern ein Verräter und Franzosenfreund gewesen. Nun sind
die Rheinländer ihrem Naturell und ihren Neigungen nach schon mit dem
benachbarten, weintrinkenden Volk der Gallier verwandt. Ja, sie fühlten
sich durch häufige Berührung und geistigen Austausch jahrhundertelang,
eh’ die Erbfeindschaft entstand, als +Halbfranzosen+. Ein Vorwurf der
erwähnten Art trifft Heine also nicht so furchtbar schwer, wie die
Franzosenfresser glauben. Wir denken ja alle seit 1870 Gott sei Dank
ein wenig anders und milder und menschlicher über diese Dinge. Wir
geraten nicht gleich mehr in ~furor teutonicus~, wenn wir an Frankreich
und Paris denken. Der Gedanke: „Der Rhein, Deutschlands Strom, nicht
Deutschlands Grenze“, berauscht uns nicht mehr so wie unsere Voreltern,
weil er uns selbstverständlich geworden ist. Der Erz- und Erbfeind,
in dessen Hauptstadt wir in acht Stunden gelangen können, ist uns
naturgemäß nicht mehr so fremd und fürchterlich als wie vor fünfzig
Jahren noch. Und es ist ein erfreuliches Zeichen unserer Kultur, daß
man begonnen hat, auch in den +Schulen+ unserer Jugend nicht mehr die
Tollwut gegen alles, was französisch heißt, einzuimpfen.
Denken wir nur kurz an die Zeit zurück, in der Heinrich Heine vom
Jüngling zum Manne reifte, also in dem Alter war, in dem sich
die politische Gesinnung im Menschen bildet. Es war die Zeit für
Deutschland, wo Metternich Politik machte, wo die finstere Reaktion
gegen jeden Fortschritt vom Rhein bis zur Memel die Gemüter
niederdrückte. War es da einem Manne zu verdenken, wenn er nach
Frankreich hinüberschaute und sich hinübersehnte, wo der durch
die Revolution einmal entfesselte Wille zur Freiheit sich nicht
niederducken lassen wollte, sondern sich hintereinander 1830 und 1848
aufbäumte und die Geschichte aus ihrem Schlafe riß? Was hätte Heine
tun sollen? Hätte er Rhein- und Weinlieder dichten, oder Friedrich
Wilhelm III., seinen wortbrüchigen, oder Friedrich Wilhelm IV., seinen
unglücklichen Landesherrn, besingen sollen? Konnte er das nicht ruhig
den preußischen Hofpoeten überlassen, die damals unser Volk tagtäglich
mit patriotischen Gesängen überschwemmten? Mußte es nicht einen Mann,
der den Wert der alten französischen Kultur kannte und genoß, zum
Spotte reizen, wenn Leute wie Maßmann, der Dichter unseres „Heil Dir im
Siegerkranz“, die Franzosen als „Barbaren“ beschimpfte?
Es ist wahr, Heine hat für Napoleon den Ersten geschwärmt. Aber
tat das nicht Goethe fast noch mehr, der erklärt hatte, „dieser
Mann ist viel größer als seine Feinde“, der immer von Napoleon wie
von einem göttlichen Wesen gesprochen hat! Sahen nicht die beiden
Dichter mit ihrem Blick für Menschengröße täglich in ihrem Leben
die gewaltigen Segnungen aufwachsen, die Napoleon als Vollstrecker
der Errungenschaften der Revolution über unsere alte Erde gebracht
hatte? Schändet Heroenverehrung einen Menschen? Ist sie nicht vielmehr
das, was ihn von einem Kammerdiener unterscheidet? Man entsinnt sich
der Stelle in Heines Buch: „Le Grand“, wo er erzählt, wie er zuerst
Napoleon gesehen habe: Es war in Düsseldorf. Heine war noch ein
Knabe, als Napoleon seinen Einzug hielt. Es war in der Hauptallee
des Hofgartens, und der Knabe dachte gleich mit Schrecken an die
hochwohllöbliche Polizeiverordnung, daß man bei fünf Talern Strafe
nicht mitten durch die Allee reiten dürfe. Aber -- man denke! --
der Kaiser ritt auf seinem Schimmel im Sonnenschein mit seinem
Gefolge mitten durch die Allee! In diesem Geschichtchen hat man den
ganzen Napoleon, den Mann, der durch Polizeiverordnungen, Gebräuche,
Gewohnheiten und Gesetzesparagraphen mitten hindurchritt. Und die
Begeisterung für einen solchen Menschen hat man Heinrich Heine in der
damaligen heldenlosen Zeit verdacht!
Es stimmt fernerhin, Heine hat von der französischen Regierung ein
Jahreseinkommen erhalten und angenommen. Aber was blieb ihm anders
übrig in jener kläglichen Zeit, da seine Schriften vom Bundestag in
Deutschland verboten waren und nur heimlich gedruckt und verkauft
wurden, ohne daß er im fernen Paris viel von den Einkünften zu sehen
bekam. Hat nicht auch der urdeutsche Hebbel damals Gelder von dem
deutschfeindlichen Dänenkönig in Empfang genommen, um sein Dasein
fristen und seiner Kunst leben zu können? Müßten wir uns nicht, statt
Heine daraus ein Verbrechen zu machen, unseres Volkes in Grund und
Boden schämen, das seine führenden Geister hungern und betteln läßt,
das so wenig Gefühl für seine Würde und so wenig Liebe und Verständnis
für die Kunst hat, daß es den Beruf des Künstlers noch heutzutage nicht
genug achtet und stützt?
Nein, Heinrich Heine ist ein Deutscher gewesen, wenn er auch die
letzten fünfundzwanzig Jahre, fast die Hälfte seines Lebens, in
Paris gelebt hat. Das Heimweh nach dem Land über dem Rhein, diese
echt deutsche Gemütskrankheit, hat ihn bis zu seinem Tode geplagt.
Seine Muttersprache hat er, wie Richard Dehmel in seinem prächtigen
Gedicht zu Heines Ehren gesagt hat, mächtiger gesprochen, als alle
deutschen Müllers oder Schultzes. Seine ganze schriftstellerische
Arbeit in Frankreich war im Grunde nichts anderes als das Kulturwerk,
zwischen deutschem und französischem Wesen zu vermitteln, den beiden
Völkern Verständnis und Achtung füreinander beizubringen. Und dies ist
ihm bei den damaligen Franzosen so weit gelungen, daß ihre Dichter
eine Zeitlang Deutschland gerne „~le pays de Henri Heine~“, das Land
Heinrich Heines, genannt haben.
Der einzige Vorwurf gegen Heine, der lauter als die beiden genannten
heute noch den Markt der Meinungen beherrscht, ist der, daß er unsere
deutsche Kunst verdorben, unsere Lyrik vergiftet habe. Er selbst hat
sich zuweilen den letzten Romantiker genannt, hat seinen „Atta Troll“
für „das letzte freie Waldlied der Romantik“ erklärt. In Wahrheit
stand er zwischen der Romantik und dem Realismus, der unsere moderne
Zeit beherrscht. Seine Jugend fiel in die träumerische Zeit, da die
deutschen Dichter in den Wald der Poesie hinausritten, wie Heinrich von
Ofterdingen, die blaue Blume zu suchen, sein Ende in den Anfang der
nervösen Zeit, wo Eisenbahnen und Telegraphen und Maschinen unser Blut
unruhig aber nüchtern gemacht und die Menschen so umgerüttelt haben,
daß selbst die Dichter nicht mehr träumen können oder wollen. Zwischen
diesen zwei Zeiten hat Heinrich Heine gestanden, und es heißt nur die
Zeit schelten, wenn man den Zwiespalt, der notwendigerweise dadurch
in sein Dichten gekommen ist, tadeln will. Hätte er mit der alten Zeit
versteinern sollen, hätte er den feigen Tod der Romantiker im Schoße
der Kirche sterben sollen? Nein, er wußte und fühlte, daß es nichts
Unwürdigeres und nichts Dummeres gibt, als die Ideale von gestern
anzubeten, daß der, dessen Pulsschlag nicht mit dem seiner Zeit geht,
schon tot ist, ob er gleich noch weiter lebt. Und so gab er sich seiner
Zeit, wagte er es, modern zu sein, und eröffnete damit als erster unter
uns Deutschen die Zeit der Kritik, in der die Dichter den Menschen und
dann die Gesellschaft besahen, beurteilten und schließlich verurteilten.
Und darum hat er, dessen Ehre es ist, in unserer denkmalwütigen
Zeit kein öffentliches Monument in Deutschland zu haben, sich einen
Denkstein in uns verdient.
Brentano der Dichter
Man schrieb achtzehnhundertdreiundzwanzig, da wohnte zu Dülmen, im
finsteren Münsterlande, seit vier Jahren ein junger Mann, der mit
seinen geringelten schwarzen Locken, die ihm um die hohe Stirn hingen,
seinen dunklen italienischen Augen, seinem schönen ausdrucksvollen
sinnlichen Munde in diese flache Gegend, wo Gehöft und kahle Heide
einförmig umeinander standen und unter diesen derben flachsblonden
dickköpfigen deftigen Menschenschlag so schlecht wie etwa die Schwalbe
in unsern Winter hineinpaßte. Er hatte sich in einer breiten, niedrigen
westfälischen Bauernstube eingenistet, in der er keinen andern Schmuck
duldete als ein großes, buntes, hölzernes Kruzifix, das er von einem
Küster im benachbarten Coesfeld gekauft hatte, und das mit rotgemalten
Blutstropfen überronnen zu Häupten seines Bettes hing. In den ersten
Wochen, als er dort wohnte, hatte auf der schwarzen altmodischen
Bauernkommode noch ein schönes Frauenbildnis gestanden, unter dem
„Sophie Mereau“ zu lesen war. Und hinter diesem Namen war ein schwarzes
Kreuz von einer zitternden Hand mit Tinte aufgemalt. Aber jetzt war
dies schöne Bild, das wie ein Sonnenstrahl in dem düsteren Zimmer
gewirkt hatte, verschwunden, weil der Fremde es verschlossen hatte
und in einer Schieblade zwischen welken Efeublättern von ihrem Grabe
verwahrte. Es war, als habe er das heitere Bild der Toten aus ihrer
Jugendzeit nicht mehr ertragen: Dies Bild, das in seinen stillen Zügen
noch nichts von dem eigenen späteren Geschick wußte, noch nichts
von jener entsetzlichen Nacht, da sie unter schreienden Schmerzen
ein totes Kind in die Welt stoßen würde, noch nichts von dem grauen
anderen Morgen, da sie voll Verzweiflung sich von dem toten Kinde
nachziehen lassen würde in Frieden und Schweigen. Wie zum Hohne hatte
ihn, den Überlebenden, dies glückselige Bildnis seiner einstigen Frau
angelächelt, aus holden kindlichen Augen, die zu sagen schienen, so
etwas Schreckliches kann es nicht geben. Nun lag es im Schrank, den
Blick nach unten gekehrt, wie im hölzernen Sarge zwischen den welken
Blättern von ihrem Grabe neben der Zither mit blauem Band, auf welcher
der Fremde zuerst wohl abends, wenn die Schatten kamen, gespielt
hatte. Bis die Nähe des blutenden Heilands am Kruzifix ihn davon
zurückgeschreckt und er sie verschlossen hatte. Mit schlaff gewordenen
Saiten lag nun die Zither gleich dem Bilde nach unten gekehrt im
Schrank, vergessen und tot wie seine Jugendzeit, und das Kreuz des
Herrn hing triumphierend, einem großen Vogel gleich, mit ausgespannten
Flügeln als einziger Schmuck in der finsteren Kammer. Allabendlich aber
ging der Fremde auf die Gasse hinaus. Den Kopf zur Erde geneigt gleich
einem Geistlichen, schritt er an den Bauernhäusern entlang, um deren
Giebel am Sommerabend die Vögel schwirrten.
„Es sang vor langen Jahren
Wohl auch die Nachtigall,
Das war wohl süßer Schall,
Da wir zusammen waren“
zog es wie ein Traum durch seinen Kopf. Dann neigte er die schöne
Stirne noch tiefer, stierte auf den schwarzen Erdboden und murmelte
fünfmal ein Paternoster und fünfmal zehn Ave-Maria, wobei er die
braunen Kügelchen des Rosenkranzes, den er stets um den Hals
geschlungen trug, gedankenlos mit den Fingern abrollte. Vor einem
niedrigen einstöckigen Bauernhaus, in dem vorn eine Schenke war, am
Ende der Gassen, blieb er stehen. Eine Weile lauschte er, mit den einst
so glänzenden, jetzt lichtscheuen Augen in das Abendrot blinzelnd,
auf das Lied, das die Kinder hinter ihm sangen, die sich paarweise
aufgestellt hatten und das letzte Paar immer wieder durchs Tor kriechen
ließen:
„Macht auf das Tor, macht auf das Tor,
Es kommt ein goldner Wagen.
Wer sitzt darin, wer sitzt darin?
Ein Mann mit goldnen Haaren.
Was will er denn, was will er denn?
Er will Mariechen holen!
Was hat sie denn, was hat sie denn?
Sie hat sein Herz gestohlen.“
„O du verlorenes Wunderhorn“, seufzte er laut und wandte sich ab,
seine Tränen in die Schatten des Hauses zu verbergen. Die Türe stand
offen wie eine Kirchtüre. Durch einen langen schwarzen Flur ging es
ins Hinterhaus. Über die knarrende Wendeltreppe stieg er dort langsam
hinauf zum ersten Stock. Aus der Kammer hörte er seltsame Laute
und Sätze kommen, wie: „O du liebes Jesulein, du mein himmlischer
Bräutigam, sie ist so schwer, deine Last, und so süß! Laß mich den
Stein noch ein wenig tragen, gib ihn mir, du kannst nicht mehr, gib
ihn mir! Oder soll ich dir die Nesseln im Weinberge ausraufen? O das
viele Unkraut! O die Nachlässigen im Gebete! Wie mir meine Hände von
den Nesseln brennen! Mehr, mehr noch! Alle will ich vertilgen und
ausreißen, meine Fingerknöchel tun mir weh! O wie süß!“ Leise, ganz
leise stieß Brentano die Türe auf, die zu dieser Stimme führte. Da lag
im breiten eichenen Bauernbett eine wächserne weibliche Gestalt, Kopf
und Brust emporgerichtet und die Arme wie zwei dürre Stöcke von sich
gestoßen. Ein weißes Tuch, um ihre Haare gewunden, hob die scharfen
bleichen Züge mit den schwarzen Gruben unter den Augen unheimlich
ins Geisterhafte. Es war Anna Katharina Emmerich, die Tochter armer
westfälischer Bauersleute, das fromme +Nönnchen von Dülmen+, die die
Wunden unseres Heilandes an ihrem Körper trug, der zuliebe Brentano,
ein Mensch, der aus Goethes Geschlecht stammte, seit vier Jahren hier
hinter dem Leben der Welt sein Dasein verbrachte, ihre Gesichte und
Offenbarungen zu betrachten, zu belauschen, zu beschreiben.
Als sie mit ihren weit aufgerissenen, ekstatisch verdrehten Augen
den Freund, den „Pilger“, wie sie ihn hieß, in dem Türrahmen stehen
sah, sank sie, als hätte sie auf seinen Anblick gewartet, erschöpft
aufstöhnend in die von ihrem Schweiß feuchten Kissen zurück. Noch in
ihrem Sinken ergriff er zärtlich mit seinen beiden Händen behutsam
die mit der ehrwürdigen Signatur des höchsten Mitleidens bezeichnete
Hand, dieses bei ihr nur +geistige+ Sinneswerkzeug. „Wie steht es
heute, Schwester Anna Katharina?“ fragte er gedämpft, wie man in einer
Krankenstube spricht. „Unaussprechlich schön!“ kam es wie von weit
her aus ihrem Munde. „Ich bin jetzt so ruhig und habe ein solches
Vertrauen, als hätte ich nie eine Sünde begangen. Dies sind so +gesunde
Schmerzen+. Ich weiß nichts mehr von der trüben, schmutzigen Welt.
Unser lieber Heiland war bei mir, er hat mich mitgenommen, ich wollte
bei ihm bleiben! ...“ Aber plötzlich besann sie sich erschrocken und
deutete mit dem Finger geheimnisvoll auf den Mund. „Aber ich darf
um alles nicht davon reden“, und schwieg und lehnte sich zurück. In
dem Augenblicke flog die zahme Lerche, die in ihrem Zimmer oben über
dem Fensterbalken nistete, auf ihr Kopfkissen, als sei sie allein
dieser Geheimnisse wert. Die schwarze +Krankenschwester+ aber, die bis
dahin, ohne sich zu rühren, neben dem Bette gesessen und wie verzückt
der Stimme der seligen Ekstatikerin gelauscht hatte, erhob sich und
wischte der starr Daliegenden mit einem Schweißtuch die Angsttropfen
von der Stirn. „Gelobt sei Jesus Christus, Schwester Luise“, flüsterte
Brentano und setzte sich der Schwester gegenüber auf den hölzernen
Bauernstuhl auf der andern Seite des Bettes. Dann schwiegen die beiden,
neben der leise röchelnden Kranken sitzend, eine lange bedeutungsvolle
Weile miteinander. Sie wußten, daß sie Braut und Bräutigam waren
vor Gott, er, Klemens Brentano, und sie, +Luise Hensel+, in der
unsichtbaren Kirche Christi einander angetraut, aber auf Erden durch
ihre +Leiblichkeit+ eines von dem andern getrennt. „Erzähl etwas,
Klemens“, brach sie, durch das Schweigen verwirrt, das ihr wie eine
Sünde vorkam, die Stille. „Du weißt, sie hört es gerne“, fügte sie mit
einem liebevollen Blick auf die im Halbschlummer bei den toten Heiligen
weilende Kranke hinzu.
Und Klemens begann ihr aus der Chronika eines fahrenden Schülers
leise weiterzuerzählen. „Ich bin noch vielfach herumgeirrt durch die
Lande, ehe ich meinen Herrn und Meister Jesum Christum gefunden habe
und von ihm wert befunden ward, seine Wunder und seine Wunden zu
verehren. Denn ich war hoffärtig von Kindheit an, weil ich aus einem
vornehmen Hause stamme, darinnen Klugheit, Witz und Weltlichkeit
umgingen seit Väter Zeiten. Und ich ward mit viel Fürwitz empfangen und
bei Reichtum und Dünkel in die Schule geschickt. Und späterhin ging
ich mit lauter klugen Gesellen um, an allerhand Orten, in Jena und
Berlin, die vermeinten, das Reich Gottes mit ihrer flachen Hirnschale
erobern zu können. Durch sie verlockt wie einst du durch den Bann der
falschen Lehren Luthers lief ich gleich Parzival jahrelang in der
Irre. Aber immer brannten die himmlischen Tropfen, mit denen ich unter
der Patenschaft des letzten Kurfürsten von Trier, des Erzbischofs
Klemens Wenzeslaus, dereinst zum katholischen Christen getauft worden
bin, wie Feuer auf meinen Scheitel, so daß ich nur mit ewiger Reue
ein solch weltliches Leben geführt habe. Und ob ich mich auch an
ein Weib verloren habe, der Gott die ewige Seligkeit schenken möge,
ich bin dessen wie aller Irrwege zum Heil niemals aus Herzensgrunde
froh geworden. Und erst als ich dich fand, du gleich mir Bekehrte,
du sanfte, barmherzige Zuhörerin meiner Leiden, du Trösterin, du
mein liebes, +neues+ Leben, du Heiligtum, in deren Nähe alle Furien
weichen, als du mir deinen Mund entzogst und mit deiner Rechten auf das
+Kreuz+ mich wiesest, das immerdar durch alle Nebel um mich golden zu
mir gestrahlt, da ward es Ruhe und Meeresstille in mir. Da wurde ich
inne, daß alle meine Träume, deren Wollust ich seit meiner Kindheit
am Rheine genoß, da ich am liebsten die Welt in einem Spiegelglas
umgekehrt verzaubert betrachtete, nur Wolken waren, in deren Anblick
ich mich beim Aufstieg des Kreuzwegs nach Golgatha verloren hatte.
Dort, wo deine Hand hinwies, hing mein Herr und Heiland mit nach uns
ausgespannten Armen am Stamm, die köstlichste Frucht, die der Baum der
Menschheit getragen hat. Dort unter dem ewigen Licht, wo der Bronnen
seines Blutes rinnt, haben unsere Geister im Gebet sich gefunden und
vereinigt.“
Er reichte der barmherzigen Schwester, seiner unkörperlichen Geliebten,
von Rührung ergriffen, über das Bett der seraphischen Kranken seine
zitternde Hand. „Stille! Stille nur“, kam es von den Lippen seiner
Vermählten in Christo, und mit ihrem weißen Finger wies sie auf die
bleiche Nonne, die sich langsam wie ein Gespenst aus ihren Kissen
wieder emporhob. „Es kommt über sie,“ fuhr sie fort, „morgen ist
Freitag, der rote Todestag unseres Herrn, an dem ihre Wunden bluten
müssen.“ Das verzückte Lallen der stigmatisierten westfälischen Nonne
erhob sich von neuem mit seinen halb kindlich, halb priesterlich
monotonen Lauten. Es hallte, wie das Echo einer Abend-Litanei von
den Steinwänden eines Kirchengewölbes hallt. „Herr, hilf doch! Komme
doch, Jesu! O Herr, o Herr, komm! Meine Kräfte reichen nicht mehr.
Sie sind zu schwer für mich, alle diese Leiden, die ich +für andere+
tragen muß. Da ist eine arme Frau, ganz deutlich sehe ich sie, die
an Brustwassersucht leidet, mit der muß ich leiden, für die muß ich
leiden. Wir sind alle ein Leib in Jesu Christo! O hilf mir, mein
himmlischer Bräutigam, ich liege auf dem Kreuz, es ist ja bald aus.
O Herr, hilf doch!“ Immer stoßweiser ging ihr Atem, immer heftiger
arbeitete ihre arme Brust. Da beugten sich die beiden Menschen zu
seiten des Bettes, die miteinander lauschend diese sublimierte Wollust
genossen, voll Sorge über die ekstatische Kranke. Und sie sahen mit
Schaudern, wie sich die Male und Zeichen der Nonne zu röten begannen,
und wie ihre Stirne, ihre Brust und ihre Seite aus aufbrechenden Wunden
bluteten.
„O holt mir meine Seelenspeise“, wimmerte das Nönnlein mit schwacher
Stimme. „Gebt mir von dem heiligen Öle! Es durchdringt jedesmal wie ein
stärkender Tau alle meine Gebeine. Ich hungere nach meinem himmlischen
Gott und Herrn!“ --
Luise Hensel gab dem Freunde ein stummes Zeichen. „Es steht schlimm um
sie. Gehen Sie, ihr den Priester zu holen!“
Und hinaus in die Schatten schritt beim Klang des Angelus für die
stigmatisierte Nonne Emmerich, dies Häuflein wundes Fleisch, in der
nahen Pfarrkirche das letzte Sakrament zu bestellen, Klemens Brentano,
der größte Volksliederdichter der Deutschen, der Bruder der freien
Bettina, das Pflegekind der sonnigen Mutter Goethes, der später
geisteskrank wurde, den die katholische Nacht verschlang.
Eduard Mörike
Kleversulzbach, ein Flecken von 600 Einwohnern mit schwäbischem
Dialekt, zwischen den drei Oberamtsstädten Heilbronn, Weinsberg und
Neckarsulm gelegen, war in großer Erregung. Denn die entsetzliche
wochenlange pfarrerlose Zeit, da sich die Gemeinde bei Kindtaufen,
Hochzeiten und Begräbnissen mit jungen unwürdigen Vikaren behelfen
mußte, denen nichts im Gesicht stand als das Tübinger Stift, Homiletik
und gute Vorsätze, war vorüber. Heute sollte der neue Pfarrherr in
das mit Ackerblumenkränzen und einem vom Anstreicher des Dorfes
mit roten und grünen Buchstaben neu bemalten Willkommenschild
geschmückte Pfarrhaus einziehen. „Eduard Mörike hieß er und stammte
aus Ludwigsburg, war also Gott sei Dank ein Schwabe von Geburt“,
mehr wußte der Dorfschulze nicht von ihm zu berichten. Denn daß er
das theologische Studium nur mit mittelmäßigem Erfolge absolviert
hatte, und daß auch in seiner sittlichen Führung hin und wieder
etwas auszusetzen gewesen war, wie dies alles in den Papieren und
dem keineswegs glänzenden Schulzeugnis des jetzigen Herrn Hochwürden
zu lesen stand, das verschwieg der Schulze vorsichtigerweise der
höchst sittlichen Gemeinde von Kleversulzbach. Desgleichen auch die
Stelle aus dem Briefe des Pfarrers, bei dem der junge Mörike zuletzt
Vikariatsdienst versehen hatte, und die da lautete: „Vikarius Mörike
zeigte bei mir eine fast sündhafte Neigung zur Musik, und zwar leider
zu der +ungeistlichen+. So hat er in der ganzen Zeit von acht Wochen,
die er bei mir war, keinen Tag vorübergehen lassen, ohne sich nicht
etwas aus dem ‚Don Juan‘ des Mozart vorzuklimpern. Sonst ist mir noch
unangenehm an ihm aufgefallen, daß er in gelegentlichen Disputen über
den Wert der verschiedenen Religionen, falls es einem überhaupt gelang,
ihn da hinein zu verwickeln, bisweilen eine sonderbare schwärmerische
mystische Vorliebe für den Katholizismus äußerte.“
So viel oder so wenig Ungünstiges wußte der Ortsvorstand von
Kleversulzbach über den neuen Pfarrer Mörike. Die Klatschbasen aber,
die auch hier wie das Unkraut überall gediehen, wußten außerdem noch
ein paar kleine hübsche Sächelchen von ihm. So zur Hauptsache, daß er
noch unvermählt sei und zusammen mit seiner Mutter hause und einer
Schwester, die er zärtlich liebe, und die ihn recht im Essen und in der
Bequemlichkeit verwöhnt habe, so daß er zimperlich wie ein Apotheker
sei. Sodann -- und dies war ja noch viel interessanter --, daß er
bereits einmal zu heiraten +probiert+ habe, indem er schon vier Jahre
lang verlobt gewesen sei, natürlich mit einer Pfarrerstochter, und zwar
aus Plattenhardt. Aber zur Hochzeit sei es nicht gekommen, weil er der
Jungfer aus Plattenhardt nicht fromm genug gewesen war.
Das Interessanteste jedoch, was es von ihm zu klatschen gab, war,
daß er einmal als Student der Theologie in Tübingen eine Zeitlang
gemütsleidend gewesen war, und zwar aus Liebe zu einem überspannten
jungen Geschöpf aus der Schweiz, die unstet herumreiste und für die
das schwäbische Wort „rappelköppig“ recht wie erfunden zu sein schien.
Sie hatte den jungen dermaligen Kandidatus Mörike aber mit ihrem
Irrsinn so angesteckt, daß er sogar Verse auf sie gemacht und sie unter
dem Namen „+Peregrina+“ besungen haben sollte. Bis sie dann wie ein
Irrlicht plötzlich wieder verschwunden sei und dem Herrn Kandidaten
statt der „rot Fastnachtskleider“, in denen er eine Weile zu stecken
glaubte, wieder die ehrsamen schwarzen langen Theologenrockschöße
hinten angewachsen waren.
Während so Kleversulzbach, mit der nötigen Zurückhaltung natürlich,
da es sich um einen Pfarrer handelte, über Mörike sich unterrichtete,
wobei die guten alten Sprichworte: „Ein toller Most gibt einen reinen
Wein“, oder „Gut Ding will Weile haben“ zum Niederschlagen etwaiger
Unruhen angewandt wurden, zog unser Dichter und Pfarrer selber in aller
Seelenruhe in sein Dörfchen ein.
Es war ein nicht gar großes, nicht gar flinkes bedächtiges Männlein
im dunklen Überrock, nicht zu fett, aber auch beileibe nicht zu dürr,
mit lockigem, blondgrauem Haar, einem rundlichen, würdigen Gesicht
und einem kleinen feinen Stöckchen in der Hand. Seine schelmischen
stillen Augen standen sehr nahe unter der Stirn zusammen. Durch eine
altmodische goldene Brille sah er sich alles geruhsam an, die Pfarre,
die Diele, in der es spuken sollte und in der nachts die sündige Seele
eines früheren, in den Wein verliebten Pfarrers herumpolterte, die
braune Treppe und sein Predigtstüblein mit dem alten mit Fabeln und
Legenden bemalten Kachelofen. Dann trat er aus der Flurtüre unten in
den Garten hinaus, freute sich auf die Gockelhühner, die in dem Stall
bald herumstolzieren würden, beschaute sich den kahlen Gartensaal mit
den verschimmelten Fresken, die nur darum so schön waren, weil man
nichts mehr von ihnen sehen konnte. Die Äolsharfe, die draußen zwischen
Efeu im Fenster stand, ließ zu Ehren des neuen Pfarrers ein paar
traurige langgezogene Töne erklingen, die Mörike wie die Stimmen seiner
verstorbenen Vorgänger in die Ohren drangen. Dann wandelte er durch den
Obstgarten weiter, in dem unter der Junisonne die Äpfel süß und die
Pastorenbirnen saftig wurden, und kam an das Hinterpförtchen, das ins
freie Feld abseits vom Dorf hinausführte. Und als er die Türe, die sich
schwer auf rostigen Angeln drehte, nach außen aufstieß, sang sie ihm
zum Willkommen die Arie aus Mozarts „Titus“ vor: „Ach! Nur einmal noch
im Leben!“
Indessen war draußen auf der Straße vor dem Pfarrhaus auf einem
Leiterwagen das Hausgerät Seiner Hochwürden angelangt. Und ganz
Kleversulzbach half mehr noch aus Neugierde als aus Menschenliebe
der Mutter und der Schwester des neuen Pfarrers beim Auspacken und
Einräumen. Man schob das Spinett in die Diele, Kinder trugen die vielen
dicken Bücher in die Stube zum Pastor hinauf. Geranientöpfe wurden vor
jedes Fenster gestellt, und den Junokopf, der jeden an dieser Stätte in
der Hand genierte, setzte schließlich Mörike zum Entsetzen aller mitten
auf sein Pult und schob, damit er nicht wackeln konnte, einfach die
Bibel darunter.
Dann wurde die Hausmenagerie untergebracht, die Goldfische, die
Distelfinken, der Hund und die Katze, wobei der Hausherr folgendes
Vierklassensystem für die Tiere entwarf: „1. stinkende und zugleich
singende, 2. rein singende, 3. rein stinkende und 4. solche, die
weder stinken noch singen.“ Zum Schluß kamen dann die Raritäten in
ihre Schubfächer oder auf ihre Schränke und Wandgestelle: Die Münzen,
Autographen, Altertümer, Kruzifixe, Versteinerungen und vor allem die
Hausapotheke. Und man war mit alle diesem kaum zur Hälfte fertig, als
schon die Sterne in goldenen Haufen über Kleversulzbach heraufzogen
und den Gerechten nicht schöner als den Ungerechten leuchteten. Und
bald war es draußen auf den Dorfstraßen ganz still und friedlich wie am
Versöhnungsfest.
In dieser Idylle verlebte Mörike das wichtigste Jahrzehnt seines
Daseins. Hier konnte er die ersten fünf Tage in der Woche -- denn
vor Freitagabend dachte er nicht ans Predigen -- dichten, sammeln,
zeichnen, schnitzen, gravieren, mit seinen ungewöhnlich geschickten
Händen an allerhand Dingen herumbasteln, mit seinem beweglichen
Gesichte Fratzen schneiden und an sich als großer Hypochonder, der er
war, nach Herzensqual herumquacksalbern. Hier konnte er vor +allem+,
was nach dem Dichten das Schönste für ihn war, +herumfaulenzen+ wie
ein Neapolitaner. Wie schön waren die Tage, wenn man nichts zu tun
hatte, wie den fleißigen Bienen zuzusehen oder auf dem Rücken im
hohen Grase zu liegen, bis irgendeine Stimme rief: „Herr Pfarr! Das
Essen ischt fertick!“ und man sich am Abend wie ein Held vorkam, wenn
man einen Brief geschrieben hatte. Freilich auch in der Korrespondenz
darf man sich nicht zu sehr übersputen, und der biedere Theodor Storm,
der seinem schwäbischen Bruder in Apoll seine „Sommergeschichten und
Lieder“ mit einer prächtigen Widmung zugesandt hatte, mußte zweieinhalb
Jahre auf eine Antwort warten. Um sich das Vergnügen des Faulenzens
und Spintisierens noch mehr zu Gemüte führen zu können, hielt sich
Mörike meist in Kleversulzbach noch einen Vikar für seine Gemeinde, der
Taufreden und Grabpredigten ~da capo~ halten mußte. Doch wenn er in
jenen zehn Jahren in Kleversulzbach auch nicht mehr getan hätte, als
das Gedicht vom „verlassenen Mägdlein“ oder von dem „alten Turmhahn“ zu
machen, so könnte er von uns aus noch weitere zehn Jahre zum Faulenzen
bekommen.
Den Rest seines Lebens verbrachte der Dichter, der zum Pfarrer im
Grunde so wenig wie Schiller zum Medikus paßte, in Stuttgart als Lehrer
kleiner Mädchen am Katharinenstift, der einzige große Schwabe nach
Schiller, der dieser ihrer schönen Hauptstadt durch seine Gegenwart
etwas Athenisches verliehen hat. Er probierte noch einmal zu heiraten.
Aber dieses +zweite+ Experiment mißlang dem scheuen, lässigen, in
sich gekehrten, wetterwendischen Herrn noch mehr und endete nach
mancher ~perturbatio domestica~ mit Tränen und Türenschlagen und einer
schließlichen Trennung „auf unbestimmte Zeit“. Daraufhin zog der alte
Junggeselle mit einem Töchterchen wieder zur Schwester hin und wartete
zwischen Goldfischen, Versteinerungen, Noten und Gedichten geduldig
auf den Tod, der dem Siebenzigjährigen das Licht aus der Hand blies.
Seinen vornehmen, auserlesenen Geschmack, diese seine beste Qualität,
bewies er noch, indem er sich Anno 1870 nicht flugs über Nacht als
patriotischer Dichter begeistern konnte und drum nicht gleich mit in
die laute ungestimmte Fanfare hineingestoßen hat.
Sein Ruhm, der zeit seines Lebens nur ganz bescheidentlich wie „auch
einer“ geleuchtet hatte, weit überstrahlt von den hohen Namen eines
Uhland, Kerner und Schwab, erwies sich auf einmal als dauernder denn
das ganze Urteil seiner Zeit. Und heute gilt uns Mörike neben Schiller
und Hölderlin als einer der drei großen +Griechen+ aus Württemberg,
dessen Verse nicht minder lange blühen werden als die des von ihm
gefeierten Anakreon. Denn ein rosiger Hauch haftet an jeglichem seiner
Lieder.
Der Graf Platen
Was waren das für glückliche harmlose Zeitläufte bei uns, da man in
Deutschland noch nicht, wie die Franzosen scherzend sagten, „die
Homosexualität entdeckt hatte“! Da konnten die Literarhistoriker
noch des Dichters Platen gedenken, ohne dieses Problem seines
Daseins und Dichtens überhaupt erwähnen zu müssen. Da gab es für den
deutschen Gelehrten derlei nur bei Sueton im neronischen Rom oder
in Griechenland, beileibe nicht in unserem frommen, friedfertigen,
moralischen Vaterland, in dem man sich darum über solche Sachen
nicht einmal empören mußte, weil sie eben totgeschwiegen wurden.
Heute in unserer verfluchten, ehrlichen, die Menschen allesamt
öffentlich abstempelnden Zeit ist man, will man kein Falschmünzer
oder Duckmäuser heißen, geradezu genötigt, das Rätsel, das Platen wie
jeder bedeutende Mensch seinem Volke aufgab, von dieser Seite aus
zunächst zu lösen. Seine Tagebücher lassen keinen Zweifel, daß der
Dichter ein völlig konträr sexual empfindender Mensch gewesen ist,
daß er sich fortwährend, und zwar auf das heftigste, Frauen gleich
in +Männer+ verliebt hat. Schon auf der Kadettenschule in München,
auf die ihn seine adligen Eltern, die nach Väterweise einen Offizier
aus ihm machen wollten, mit zehn Jahren von Ansbach gebracht hatten,
fing es an. Eine vielleicht angeborene Neigung wurde so durch den
ausschließlichen Verkehr mit Männern, meist jüngeren Alters, auf das
unseligste gereizt und verstärkt. Nichts ist bekanntlich gefährlicher
für die Gesundheit der Liebes- und Geschlechtsempfindungen -- alle in
Internaten aufgewachsenen Menschen bestätigen es! -- als der einseitige
fortwährende Verkehr mit +Gleichgeschlechtlichen+ und die intime
Vertraulichkeit, die durch das stete zwangsgemeinsame Leben erweckt und
genährt wird. Es ist erschütternd in diesen Tagebüchern zu lesen, wie
zart erst auf den Zwischenstufen zwischen Knabe und Jüngling die Liebe
diesen noch schlummernden wie eine Pflanze lebenden Poeten ergriff.
Die Liebe zu einem +Mann+ natürlich, denn Frauen oder „Weiber“,
wie er bezeichnenderweise sagt, hatte er kaum gesehen. Und zwar zu
einem jungen blonden französischen Grafen, von dem er, vom Kadetten
zum Hofpagen aufgerückt, wie ein junges Mädchen von seinem Ideale
schwärmt, ohne daß er jemals ein Wort mit ihm zu sprechen wagte. Noch
hätte eine entschlossene Erziehungsweise, ein erfahrener, vornehmer,
älterer Mann vielleicht diesen weichen Knaben umbiegen und sein Herz
und seine Physis auf das andere Geschlecht hinlenken können. Aber der
fehlte eben dem Jüngling wie dem Kinde. Denn sein Vater in Ansbach
hatte Wichtigeres zu tun, hatte Forsten zu besichtigen und junge Bäume
zu behüten und über die harten napoleonischen Zeiten zu seufzen, und
konnte sich nicht um die Seele seines in zweiter Ehe spätgebornen
Knaben bekümmern.
So sehen wir den jungen Pagen Platen immer mehr in die Liebe zum
eigenen Geschlecht verstrickt. Dem Idealbild des jungen blonden
Franzosen folgt ein bayerischer Prinz als Gegenstand seiner Neigung,
und bald muß er sich gestehen, daß er sich am meisten in ungemischter
Männergesellschaft schüchtern fühle, weil die Zartheit der Weiber
seinem Wesen innewohne. Immer bedenklicher, gefährlicher wird diese
unglückliche Veranlagung. Als er ~faute de mieux~ sich entschloß,
Leutnant zu werden, wurde ihm der Abschied vom Pagengalakleid schwer,
das ihm so teuer war, wie weiland Werthern sein blauer Frack, in dem er
Lotten zum erstenmal gesehen, weil -- armer verirrter Knabe! -- einen
Augenblick lang des Franzosen schöne Hand darauf geruht hatte.
Bald wird er dann immer widerstandsloser das Opfer seiner Perversion,
die ihn wechselnd, gleich einem Schmetterling im Sturm, von
einer Neigung zur anderen treibt. Meist +ohne+ Erwiderung seiner
Leidenschaften zu finden. Aus einem jungen Offizier, Friedrich von
Brandenstein, den er im Alter von achtzehn Jahren wie ein Backfisch
bei einem Konzert und Deklamatorium in der Münchener Harmonie kennen
lernte, und den er in seinem Tagebuch wieder wie ein Backfisch als
„Federigo“ anschwärmt, bekommt er nur die Worte „Gut“ und „doch“ als
Entgegnung auf seine Fragen heraus. „Er ist blond wie der französische
Graf“ -- immer wieder kommt er auf diesen ersten Geliebten zurück --,
„aber er scheint sehr monoton zu sein“ muß er sich sagen. Er freut sich
darauf, seinem Federigo, der mit seinem Regiment gegen den von Elba
entsprungenen Napoleon ins Feld ziehen mußte, nach Frankreich folgen
zu können, wo die groben und abscheulichen unsittlichen Schriften, die
er in den Bibliotheken mancher Quartiere aufstöbert, sein Zartgefühl
verwundeten.
Sonst unblessiert heimgekehrt, wechseln flüchtige Passionen zu Freunden
und Fremden in seinem Busen wieder mit ernsten Leidenschaften, so
zu einem Hauptmann, den er „mein Wilhelm“ nennt, bis er auf einmal,
mit ihm auf die Wache ziehend, zu seinem Entsetzen entdeckt, daß
er gefühllos „wie ein Stein“ ist und keinen Begriff von Liebe und
Freundschaft hat.
Mehr und mehr von dem kalten soldatischen Gamaschendienst in den
kriegsmüden Zeiten nach Napoleon angewidert, wirft er sich auf
Sprachstudien, für die er ungewöhnlich begabt ist, und erlernt schnell
Lateinisch, Griechisch, Persisch, Arabisch, Italienisch, Französisch,
Spanisch mit besonderer Vorliebe, Schwedisch, Englisch und gar
Holländisch. Bald erlangt er durch die ihm von seinem König gewährte
Entlassung aus dem Militärdienst volle Studierfreiheit, der er sich
in Würzburg unter Döllinger und in Erlangen unter Schellings Einfluß
mit der ganzen Wißbegierde seiner zweiundzwanzig Jahre hingibt. Neue
Lieben, neue Freuden, neue Schmerzen erwarten den vom soldatischen
Zwang befreiten Jüngling auf der Universität. Diesmal heißt das
ahnungslose Opfer seiner Leidenschaft Eduard Schmidtlein, ein simpler
Junge allem Anschein nach, den er zuerst wieder „Adrast“ nennt, und
von dem er in sein jungfräuliches Tagebuch -- er versteckt sein Herz
jetzt gern hinter die französische Sprache -- schreibt: „~Il est beau
comme Apollon et vigoureux comme Hercule.~“
Die traurige absonderliche Aventüre mit diesem guten Jüngling, den der
Dichter auf der Straße mit Maiglöckchen beschenkte, den er belehrte und
zu edler Lektüre anregte, und der seine warme Neigung kühl erwiderte,
ist ergreifend in den Tagebüchern zu lesen. Bis zu jenen Worten, bei
denen man sich nach der Existenzberechtigung des § 175 in unserm
Strafgesetzbuch fragen muß, die lauten:
„O mein Eduard, morgen sind es vier Monate her, seit wir zärtlich
voneinander Abschied nahmen. Wir sollten uns niemals wiedersehen,
wir haben es nicht vermutet. Ich habe noch zwei Rosen von Dir, die
ich heute fand, eine rote und eine weiße; sie sind vertrocknet, aber
sie duften noch. Und meine Tränen fließen noch. Wir haben es nicht
vermutet.“
Dabei hat Platen -- man fühlt es aus all diesem Zarten heraus, nicht
wahr? -- nie an eine physische Hingabe und Vereinigung mit seinen
von ihm geliebten Freunden gedacht. Er ist später in Italien, in
Neapel, ganz erstaunt, als er hört, daß so etwas möglich ist. Seine
feine Seele zittert vor solchen Akten, und die Liebe zum eigenen
Geschlecht hat ihn -- diesen Fluch der Natur hat sie mitbekommen! --
niemals befriedigt. Sein Wesen war gegensätzlich zu Oskar Wilde gar
nicht auf +faktische+ Ausschweifung gerichtet. Er litt christlich
gräßlich unter seinem „Anderssein“, das ihn in die größte Melancholie
und Menschenscheu geworfen hat. Sein ganzes Gesicht, die schöne,
aber scheue Stirne und der verkniffene eingezogene Mund mit seinem
unmännlichen, süßlich-schüchternen Ausdruck, alles dies sieht aus
wie das fleischgewordene schlechte Gewissen. Die letzten acht Jahre
verbrachte er, von seinem Bayern-König Ludwig unterstützt, ewig
wandernd unstet in Italien. Kreuz und quer hat er dies Land durchzogen
von Stadt zu Stadt und jeden Punkt, der ihm dort gefiel, als ein
poetischer Baedeker mit einem Epigramm oder einem Sonett oder einer Ode
gefeiert. Bescheiden wie ein Franziskaner vermochte er mit geringem
Geld dieses rastlose Wanderleben in der Fremde zu führen. Nicht nur
seine krankhafte Geschlechtlichkeit trieb ihn scheu aus seinem Volke
in die Wildnis. Auch die geringe Anerkennung, die man daheim seinem
Schaffen entgegenbrachte, die Lobhudelung falscher Dichterpropheten
neben ihm durch das Publikum, machte ihn vor Schopenhauer und Nietzsche
+deutschlandkrank+. Seine Gereiztheit reagierte in den nach Grabbes
Literaturspaß beiden besten, wenn nicht einzigen literarischen
Komödien, die wir haben, in der „verhängnisvollen Gabel“ gegen Müllner
und die Schicksalstragödianten und im „romantischen Ödipus“ wider
Immermann und Heine, seine beiden persönlichen Feinde. Denn „Feind“
war ihm jeder, der seine Verse nicht vollendet fand, die er stets
gerne seinen Freunden vorlas, vielmehr „vorsang“, wie ein Ohrenzeuge
berichtet, oder auch sich allein „im Pinienhain, an den Buchten des
Meers, wo die Well abfließt voll triefenden Schaums“, vorsprach, wo er
einsam wandelnd sich an der Fülle des eigenen Wohllauts berauschte.
Man nimmt heute, sofern man sich in Deutschland noch für solche
Fragen, statt für Propeller interessiert, vielfach an, daß Heine in
der Kontroverse mit Platen zu weit gegangen sei. Mag sein. Aber wenn
Schriftsteller miteinander zanken, geht es bei uns selten manierlich
zu. Und daß Heine den Homosexualisten aus den Gedichten des Gegners
hervorholte und an die Wand malte, war schließlich nicht schlimmer, als
daß Platen ihn „den Petrarka des Laubhüttenfests“ geschimpft hatte,
„dessen Küsse Knoblauchgeruch absondern“ -- und dies alles nur, weil
Heine ein höchst harmloses Xenion Immermanns gegen den Gaselendichter
+publiziert+ hatte. Die Verbissenheit, die aus Platens aristophanischen
Literaturkomödien gegen das Romantische, als die derzeitige Mode in
der Lesewelt und auf der Bühne, mit der Wut eines Abseitsstehenden
und Nichtanerkannten knirscht, ist in ihnen oft stärker, als der
+Humor+, den der Dichter wider seine Gegner auftreiben kann. Der ist
mehr teutsch plump als attisch fein gesalzen, mehr kleinlich zänkisch
als überlegen spielerisch wie bei dem Unikum Aristophanes, wenngleich
Platen in seiner sich selbst gedichteten prahlerischen Grabschrift
davon meint:
„Lustspiele sind und Märchen mir gelungen
In einem Stil, den keiner übertroffen.“
Es ist kennzeichnend für Platen, daß er soviel Blut und Zeit an die
Literatur vergeudete, weil seine Veranlagung ihn ebenso von dem
aufreibenden Kampf der Geschlechter wie von einem lebendigen Wirken in
seinem Volke und Staate scheu zurückhielt. Der Außenstehende flüchtete
sich in Klagen, Elegien, Gaselen und Festgesängen, stellte sich und
seiner formalen Begabung gern schwere metrische Aufgaben, die er in
metrischen Verszeichen als ein Rechenexempel +vor+ seine Oden setzte,
und ist stolz, wenn er sie gelöst hat:
„Gestirnerleuchtete Nacht, ergeuß
In mein Gemüt tiefsinnigen Gesangs unerschöpflich reichen Quell.“
Viel Kunstvolles ist ihm gelungen, dessen Lieblingsblume die künstlich
gemacht aussehende Zierpflanze, die regelmäßige +Tulpe+ war. Neben
manchem Gequälten. Er, der sich stets soviel auf seine Sprache zugute
tat, hat die fürchterlichsten Verse gedichtet, wie etwa die -- und es
lassen sich noch viel schlimmere leicht herausfinden -- mit denen er
„Hermann und Dorothea“ zu kritisieren wagte:
„Holpricht ist der Hexameter zwar; doch wird das Gedicht stets
Bleiben der Stolz Deutschlands, bleiben die Perle der Kunst!“
Weil ihm der Vers so leicht vom Munde floß, denn er vermochte selbst
nach der Erstaufführung -- man denke an unsere heutigen premièrebangen
Poeten! -- eines seiner Stücke in Erlangen zum Schluß von der Bühne
herab in improvisierten Reimen zu danken, darum vermeinte er,
alles sei herrlich geraten, was er in seinen Gedichten auf Stelzen
laufen ließ. An Goethe, den er, wie ein Templer seinen Großmeister,
abgöttisch verehrte schätzte er vor allem das Nachgedichtete, den
Westöstlichen Divan, das Gebaute, Gebildete, Gemachte oder antiker
Form sich Nähernde, während er das Volksmäßige bei ihm, „den Faust“
etwa, so wenig wie Schillers Stücke und Verse beachtete. So sind auch
Platens Schönstes die Sonette und die „+Gaselen+“ geblieben, die der
Fünfundzwanzigjährige „dem Stern des Dichterpoles“ Goethen widmete. In
diesen unter seiner Sprache leicht gefügten, sonst so oft gekünstelt
wirkenden Lobgedichten gibt sich seine zarte Seele in edler Weise
preis. Sie haben in ihrer ganz beherrschten Form bis auf unsere Zeit,
so noch auf Stephan George und die Seinen, Einfluß gehabt. Gedichte wie:
Der Strom, der neben mir verrauschte, wo ist er nun?
Der Vogel, dessen Lied ich lauschte, wo ist er nun?
Wo ist die Rose, die die Freundin am Herzen trug,
Und jener Kuß, der mich berauschte, wo ist er nun?
Und jener Mensch, der ich gewesen, und den ich längst
Mit einem andern Ich vertauschte, wo ist er nun?
Noch ohne Bitternis, noch ohne Eigenlob singt hier der junge Poet seine
Schmerzen, seine Lust und seine Sehnsucht uns zu, ein feiner, halb
geratener Mann, eine „links angehängte Null“, wie er selbst sich einmal
genannt hat, ein Paradiesvogel, der später zur Spottdrossel wurde.
Scheu und schüchtern verbarg er das Rätsel seines Leibes, seiner Seele
vor der Welt. In der Erde der Fremde, bei Syrakus, in dem Staube, den
ein Äschylos, ein Pindar und Bacchylides durch ihre Schritte geweiht
haben, liegt er begraben. Dorthin war er matt und krank von Neapel
geflüchtet, „weil der protestantische Kirchhof in Neapel unweit der
Bordelle liege, und es darum nicht poetisch sei, dort bestattet zu
sein“. Von Männern umringt, gab er an einem kalten Winternachmittag
sein verkehrtes Wesen zur Heilung an die Natur zurück. Immergrüner
Lorbeer wächst um seine Gruft.
Ludwig Tieck
„Süße Liebe denkt in Tönen,
denn Gedanken stehn zu fern.“
Eines Nachts träumte Tieck, wovon er häufig träumte, daß er eine seiner
berühmten Vorlesungen abhalte. Es war noch in Dresden, wo er in einem
Eckhaus am Altmarkt wöchentlich zweimal die Zuhörer um sein Lesepult
versammelte. Jeder Bekannte wie jeder gebildete Fremde hatte freien
Zutritt zu diesen Abenden. Und kein Mensch von Namen und Ruf, der durch
Dresden reiste, versäumte einer solchen Vorlesung beizuwohnen, so daß
Tieck mit diesen Veranstaltungen geradezu seinem Hoftheater, als dessen
Dramaturg er für 700 Taler im Jahr angestellt war, selber Abbruch tat.
Schon schienen ihm in seinem Traum einige Menschen anwesend zu sein. Es
war kurz vor Beginn seiner Vorlesung, die mit dem Glockenschlag sieben
abends anzuheben pflegte. In dem Raum, den rings an den Wänden seine
sechzehntausend Bücher umglänzten, herrschte wie vor dem Anfang eines
Stücks im Theater jene gespannte Stimmung, die ihm beinahe noch lieber
war als das nachfolgende eigentliche Spiel. Eine Stimmung, wie er sie
im Prolog zu seinem „Gestiefelten Kater“ gemalt hat: Man schwatzte
durcheinander. Man rückte auf den Stühlen zurecht. Seine weißhaarige
Dienerin Friederike schob für zwei hinzukommende österreichische
Herren, die mit Orden geschmückt waren, noch zwei Prunksessel ein.
Seine Frauen erschienen: Seine etwas hausbackene Gattin Amalie, die ihm
früh vermählte, in der Jugend heißgeliebte Pastorentochter, die, bevor
sie sich setzte, noch das Deckchen an ihrem Ohrenstuhl zurechtzupfte.
Und seine Freundin, die Gräfin Finkenstein, über ihren entzündeten
schwachen Augen einen grünen Schutzschirm tragend, die im Vorbeigehen
zwei Fräulein, die mit Handarbeiten beschäftigt waren, streng
anherrschte: „Nicht stricken, meine Damen! Das verträgt der Dichter
nicht.“ Und zwischen den beiden seine kluge Tochter Dorothea, die
Übersetzerin, sein „bestes Werk“, wie seine Feinde sie bezeichneten,
mit ihrer hohen, vom Vater ererbten schwermütigen Stirn, ein wenig
näher zur Mutter als zur Gräfin geneigt.
Noch eine kurze Pause, während der die alte Friederike aus dem
Nebenzimmer das Lesetischchen mit den zwei Wachskerzen holte. Und nun
trat er selbst herein: die kleine von der Gicht völlig verkrümmte
Gestalt im feierlich altmodischen Frack und mit einem dicken Knoten im
weißen Halstuch. Die beiden Kinderaugen in seinem glatten Gesicht, das
in Paris jeden an den großen Napoleon erinnert hatte, glänzten heller
als die zwei Kerzen, zwischen die er sich jetzt niedersetzte. Der
Augenblick der höchsten Spannung war da, der, wo er den aufhorchenden
Gästen verkündete, was er heute vorlesen würde. Seine herrliche,
volltönende Stimme klang laut und priesterlich in die lauschende Stube:
„Leben und Tod der heiligen Genoveva, ein Trauerspiel von Ludwig Tieck.“
Ergebungsvoll sanken einige der anwesenden Damen, die das Stück
vielleicht schon kannten, in ihre Stühle zurück. Die Gräfin Finkenstein
funkelte sie mit zornigen Falkenblicken an: „Jawohl, meine Damen!“
hörte der Dichter sie zu seinem Erstaunen mit spöttischer Stimme
sprechen: „Es dauert volle drei Stunden.“
Da begann er schon vorzulesen und seinen heiligen Bonifacius mit
Schwert und Palmenzweigen einzuführen:
„Ich bin der wackre Bonifacius,
Der einst von Englands Ufern in die Wälder
Der Deutschen Christus’ heil’gen Glauben brachte.“
Aber schon wieder war er unterbrochen. Irgendeiner fing an zu gähnen.
Und weil dies ein leicht ansteckender Gesichtsausdruck ist, tat bald
der eine, bald die andere dem Gähnenden nach, daß der vorlesende
Dichter sich bald einem ganzen Auditorium von weit geöffneten Mäulern
gegenübersah.
„Ehe diese Leute mich zum besten haben, will ich ihnen selber einen
Schabernack spielen!“ dachte der Dichter im Traum. Er blätterte
unbemerkt in dem Band seiner „Gesammelten Schriften“ zurück und las:
Fischer: Ich möchte fast nach Hause gehn, denn ich fürchte toll zu
werden.
Bötticher: Es ist beinahe, als wenn es der Dichter drauf angelegt hätte.
Müller: Ein exzellenter Kunstgenuß, toll zu sein, das muß ich gestehn.
Die Worte, die der Dichter gesprochen hatte, stammten aus seinem
Kindermärchen vom „gestiefelten Kater“. Das Publikum spricht sie
dort in das Stück hinein. Sein eigenes Publikum fuhr fort zu gähnen;
allerdings schon etwas gelinder. Da las er ihm, weiter ins Buch
greifend, den Schluß vor:
Souffleur: Versuchen Sie ein paar Verse zu machen, Herr Dichter,
vielleicht bekommen sie dann mehr Respekt vor Ihnen.
Dichter (gegen das Parterre):
„Publikum, soll mich dein Urteil nur einigermaßen belehren,
Zeige, daß du mich nur einigermaßen verstehst.“
Im Traum sah Ludwig Tieck hierbei von seinem Buch auf. Die Zuhörer vor
ihm schienen nichts davon zu merken, daß er sich über sie lustig machte
mit seinem Vorlesen. Der Rat des Souffleurs leuchtete ihm ein. Er
deklamierte leise die Verse:
„Frisch und froh
Ohne Ach! und O!
Vergehen,
Verwehen,
Die Tage mir so!“
Das war wieder aus seiner „Genoveva“. Das Lied eines Schäfers. Kecker
geworden setzte der Dichter mit einem schelmischen Blick in sein
Auditorium hinzu:
„Ruhe, Süßliebchen, im Schatten
Der grünen, dämmernden Nacht!“
Dies rührte aus seiner wundersamen Liebesgeschichte von der schönen
Magelone her.
Nun wurde der träumende Dichter ganz verwegen und reihte noch den
Vogelgesang aus seiner Novelle vom „blonden Eckbert“ unvermittelt an:
„Waldeinsamkeit, die mich erfreut,
In ew’ger Zeit, o wie mich freut,
So morgen wie heut, Waldeinsamkeit.“
Schon als er das erste Wort dieses Gedichtes sprach, ward ihm etwas
unheimlich zumut, als ob er gefühlt hätte, daß er zu weit gegangen
wäre. Und in der Tat! Es erhob sich in diesem Augenblick aus der
schweigenden Schar seiner Zuhörer ein Mann, der im Schein der Kerzen
einen schwarzen Schatten über ihn warf und den Dichter folgendermaßen
andonnerte: „Mein Herr! Was unterstehen Sie sich aus Ihrem Publikum
einen solchen Narren zu machen, wie Sie selber einer sind!“
Ludwig Tieck (im Traum): „Ahnte mir doch ein Unheil! Bei meinem
melancholischen Gemüt! Sie sind ein Kunstrichter, nicht wahr?“
Der Kunstrichter: „So ist es. Ich habe mich erhoben als Sachwalter
der überreichen Begabung, mit der ein Genius Sie bei Ihrer Geburt
ausgestattet hat. Wissen Sie, daß Sie der leichtfertigste Poet sind,
der jemals von den Musen gehätschelt worden ist? Was können Sie nicht:
Gedichte, Novellen, Romane und Stücke purzeln Ihnen nur so aus Ihrem
Kopf wie Spielwaren aus Ihrem geliebten Nürnberg. Aber alles ist
oberflächlich gemacht. Hingehuschelt, wie Frau Aja sagte. Sie arbeiten
zu viel und vor allem zu schnell. Muß denn ein Stück wie ‚Ritter
Blaubart‘ beinahe an einem Abend hingerast werden und ein sechsaktiges
Spiel wie ‚Prinz Zerbino‘ in drei Tagen? Sehen Sie sich Goethe und
Shakespeare, Ihre Muster, an, zwischen denen Sie lichtempfangend wie
dort oben zwischen den zwei Kerzen sitzen, und -- -- --“
Ludwig Tieck unterbrach an dieser Stelle, wie er sich am Morgen nach
dem Erwachen genau erinnerte, die lange Strafpredigt seines Kritikus
dadurch, daß er ironisch lächelnd mit seinen bloßen Fingern die Kerzen
zu seinen beiden Seiten schneuzte. Ganz deutlich hatte er dabei den
brennenden Schmerz in seinen Fingerspitzen gefühlt. Vermutlich ein
Zucken der Handgicht, die ihn zuweilen zwickte.
Dann war er wieder eingeschlafen. Und sein Traum hatte sich
fortgesetzt. Aber diesmal befand er sich unter den Zuhörern. Am
Lesepult saß zu seinem komischen Schrecken ein anderer als er.
Nämlich sein alter Freund und späterer großer Gegner, der Berliner
Aufklärer Friedrich Nicolai. Er hielt in seiner Hand ein Glas, in
dem algengleich ein molluskenartiges Geschöpf herumschwamm, dem
eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit Tieck selber nicht abzusprechen
war: „Sie sehen hier“, so begann Nicolai mit seiner kratzbürstigen
preußischen Stimme zu dozieren, „in dieser Retorte eingefangen den
Affen Goethes, genannt Ludwig Tieck. Ursprünglich mit reiner Vernunft
begabt, verkrümmte sich dieser Berliner Junge unter dem Einfluß
der Lektüre der Bänkelsängereien des sechzehnten Säkuli zu einem
qualligen, romantischen Seeuntier. Lachen Sie nicht! Es ist zum Weinen
und zum katholisch werden! Was ihm, wie ich vernehme, seine Frau
und seine Tochter bereits vorgemacht haben sollen. Nur der Rest von
gesundem Menschenverstand, der ihm von seinem biederen Vater, einem
Seilermeister aus der alten Roßstraße vermacht worden ist, hat dies
letzte verhindert. Heiliger Lessing! Und so etwas muß ausgerechnet in
unserm Berlin jeboren werden. Warten Sie, meine Besten! Ich will Ihnen
nunmehr ein Kunststück vormachen. Ich werde mit dem Verstand an diese
poetische Mißgeburt herangehen.“
Der alte Nicolai stülpte das Glas um, blies dreimal kalt darauf:
„Was sehen Sie, meine Teuersten? Es ist leer. Leer wie seine ganze
Dichterei.“
Jetzt erhob sich in den Ohren des träumenden Dichters plötzlich
eine andere Stimme, eine viel weichere weltmännische. Sie ging von
einem jungen Manne aus, der sich unversehens aus den Zuhörerreihen
als Opponent erhoben hatte. Und wie Tieck weiter lauschte, war es
der geistige Genosse seiner Jugend, Friedrich Schlegel, der dem
alten Nicolai in die Parade fuhr: „Wir haben Sie nicht nötig und
Ihre Rezensionen, die neueste Literatur betreffend. Schweigen Sie!
Sie blamieren sich hier nur. Wir machen unsere Kritik selber, wir
Romantiker. Merken Sie denn nicht endlich, daß Sie bei der Beurteilung
seiner Werke von ganz verkehrten Voraussetzungen und Forderungen
ausgehen, Sie Nachtwächter? Blasen Sie Ihre Laterne aus. Was schleifen
Sie mit ihr noch durch den Morgentau herum? Hören Sie nicht diese
Melodie, Sie Stocktauber?“
Und wahrhaftig, man hörte jetzt eine merkwürdige Weise. Wie ein altes
Lied schien sie aus einer versunkenen Grotte im Runenberg zu sumsen.
Und sie tönte ähnlich wie jene Schauerromanze Tiecks, „Die Zeichen
im Walde“ genannt, die aus einhundertvierzehn auf „u“ anklingenden
Strophen bestand. Zwischendurch schien eine Fiedel ganz hell zu singen,
so wie Wackenroders und Novalis’ früh verhallte Stimmen gesprochen
hatten: „Laßt ihn doch! Er ist ein Dichter.“ „Dank Euch, meine beiden
Lieblinge,“ lispelte Tieck im Traum. Und ein Lächeln sprang über sein
Gesicht. Immer lauter überdröhnte nun alles die dumpfe Melodie, die
aus der Welt hervorwuchs: „Bim-baum! Bim-baum!“
Da erwachte der Dichter Tieck in seinem Berliner Zimmer in der
Friedrichstraße von den Morgenglocken, die von der französischen Kirche
tönten. An seinem Bett stand sein Diener mit einem schwarzen Samtrock,
um dem Achtzigjährigen beim Ankleiden zu helfen. Tieck strich sich über
seine Brauen: „Was hab’ ich mir da wieder zusammengeträumt! Welch ein
Tag ist heute?“ frug er den Diener. „Sonntag, Herr Hofrat! Hören Sie es
nicht an dem Läuten.“ „Ach ja!“ lächelte der fromme Tieck. „Für einen
Dichter ist immer Sonntag. Den andern Menschen muß man es ansagen.“
Jetzt erschien auch der junge +Köpke+, sein getreuer Eckermann. Er
brachte dem Meister einen Gipsabguß von der Büste seines Königs
Friedrich Wilhelms des Vierten. Tiecks Bruder, der Bildhauer, hatte
das Original gemacht. „Welch eine schöne Morgengabe!“ dankte der
königstreue Sänger dem Jünger. „Was haben Sie noch in der Hand?“
fragte er. „Den Wochenspielplan der Berliner Theater.“ „Ach! Legen Sie
ihn hinten zu den ungelesenen Zeitungen in die Ecke! In das Zimmer,
in dem einst meine sechzehntausend Bücher standen, die ich in der
letzten Woche alle verkauft habe! Weg mit dem Ballast vor der letzten
Fahrt! Die Gescheitheit ist uns nur im Wege auf der Reise zu Gott.
Wochenspielplan! Was kümmern mich die Herren Gutzkow und Laube! Mich
führt doch keine Bühne auf. Man hat mich vergessen. Aber was tut’s?
Darum bleibt doch für einen Dichter alle Tage Sonntag.“
E. T. A. Hoffmann
Im Winter des Jahres 1821 bekamen eine Reihe geistvoller und
künstlerischer Männer zu Berlin durch die Post eine in zierlichen
Antiquabuchstaben geschriebene Todesanzeige zugeschickt, die
folgendermaßen lautete:
„In der Nacht vom 29. bis zum 30. November dieses Jahres entschlief, um
zu einem besseren Dasein zu erwachen, mein theurer geliebter Zögling,
der Kater Murr, im vierten Jahre seines hoffnungsvollen Lebens. Wer den
Verewigten Jüngling kannte, wer ihn wandeln sah auf der Bahn der Tugend
und des Rechts, mißt meinen Schmerz und ehrt ihn durch Schweigen.“ Der
Mann, dem dieser Kater, als er noch springen konnte, gehört hatte,
der ihn immer, wenn er schrieb, auf seinem Pulte liegen gehabt und
ihm zwischendurch beim Dichten die Funken aus dem Fell gestreichelt
hatte, war der Königl. Preußische Kammergerichtsrat Hoffmann, der seit
dem Jahre 1816 für tausend Taler im Jahre zu Berlin judizierte und
Verfügungen verfaßte.
Dieser höchst sonderbare Mann war unter der Regierung Friedrichs
des Großen zu Königsberg in Preußen von zwei merkwürdigen Menschen
in die Welt gesetzt worden. Von einem Vater, der es vorzog, seine
Familie allein leben zu lassen, und der, nachdem er zwei Söhne
hervorgelockt hatte, sich nach Insterburg versetzen ließ, um seine
ganze Ehegeschichte wie einen schlechten Roman, den man gelesen hat,
gänzlich aus dem Gedächtnis zu verlieren. Zwanzig Jahre lebte der Alte
droben an der Inster allein als Kriminalrat mit seinen Akten, seinem
Tabak, polnischem Branntwein und saufenden Gutsbesitzern, bis er Anno
1797 starb, und der Sohn nichts anderes über ihn zu sagen wußte, als:
„Mancher ist in diesem Jahre gestorben, z. B. mein sogenannter Vater.“
Die Frau zu diesem Manne, die Mutter Hoffmanns, besaß zwei ebenso
hartnäckige wie unangenehme Eigenschaften, sie war hysterisch und
ordnungliebend. Diese letztere Tugend hatte ihren Mann von ihr nach
Insterburg getrieben. Die Hysterie, die sich in stets verweinten Augen
und einer roten Nasenspitze bei ihr abmalte, vertrieb ihr den Sohn,
dem die stete stumme Predigt ihrer traurigen Augen über das Thema:
„Warum hat mich dein Vater verlassen?“ allgemach fatal wurde. So
kletterte der kleine possierliche Junge lieber auf den Schoß seiner
Tante Sophie, der jüngeren Schwester seiner duldenden Mutter, die
eine schöne Stimme hatte und zur Laute die herrlichsten Lieder singen
konnte. Oder das Kind machte sich an den Bruder seiner Mutter, in
dessen Hause sie wohnten, seinen Vormund und Onkel Ottfried, einen hoch
musikalischen, aber völlig vertrottelten alten Sonderling, der trotz
seiner Glatze von der wehmütigen Schwester noch stets „Ottchen“ genannt
wurde, und der allabendlich, wenn die Kerzen brannten, allein oder
mit Freunden Konzerte veranstaltete, wobei er in einem pflaumfarbenen
oder zeisiggrünen Rock im Zimmer herumsprang wie die Tasten auf der
Klaviatur. Dies waren die ersten lebendigen Eindrücke des Kindes, das
später, als es Mann geworden, einmal die bittern Worte schrieb: „Ein
schlechter Vater ist noch immer viel besser als ein guter Erzieher.“
So wurde die Musik allein die beste Freundin und Trösterin des einsamen
Kindes. Und es ist fast symbolisch für ihn und für sein Leben, daß
sein Vater, der mysteriöse Mann zu Insterburg, in der Stunde seiner
+Geburt+, um der Mutter die Schmerzen zu erleichtern, und um dem
Kinde bei seinem Eintritt das Menschenleben möglichst pläsierlich
vorzutäuschen, einen Lautenisten herbeigeholt hatte, der der Wehmutter
und dem Säugling einen „Murki“, ein Murmelstück im Baß vorspielen
mußte. Von Oheim und Tante verwöhnt, aber mit Musik erfüllt, bezog der
Jüngling die damals weltberühmte Universität Königsberg, wo er, wie
sein weiland Vater, die Rechte studieren sollte. Es ist ergötzlich,
wenn man sich den jungen Hoffmann zu den Füßen +Kants+ vorstellt,
dessen Vorlesungen er eifrig besuchte, ohne sie jemals verstehen zu
können, und den Humor Gottes sich klarmacht, der diese beiden extremen
Geschöpfe erschafft und in diese komische Situation zusammenbringt.
Wie der von uns Erwachsenen sogenannte „Ernst des Lebens“, d. i. die
Zeit, wo man sich selbst sein Geld verdienen muß, für Hoffmann begann,
zeigte sich, daß in den damaligen unruhigen Zeitläuften, wo gerade
Napoleon mit Deutschland Katze und Maus spielte, die Musik ihren Mann
fast noch eher ernähren konnte, als die Juristerei. Zumal da Hoffmann,
der außerdem, daß er erzählen und mit der Feder wie auf dem Klavier
phantasieren konnte, noch die dritte Gabe, zeichnen zu können, besaß.
Dieses Talent machte sich bei ihm, dem anfänglichen Assessor zu Posen,
in farbigen Karikaturen Luft, die er von seinen Vorgesetzten, um die
Akten etwas zu beleben, zuweilen an deren Rand zeichnete. Nun können
preußische Beamte einen Spaß oder Stoß von Untergebenen sehr schlecht
vertragen, und der Assessor Hoffmann ward, um seine Phantasie etwas
trocken zu legen, in ein kleines Nest an der Weichsel versetzt, auf daß
er in sich gehe und einsehe, wie man sich als Beamter besser steht,
wenn man +keine+ Karikaturen zeichnet.
Um sich in der Polackei nicht tot zu langweilen, heiratete Hoffmann
dort eine Polin, ein gutes, treues Weib, die den Humor hatte, zu allem,
was der kleine hagere koboldartige Mann trieb, „Ja und Amen“ zu sagen,
und die alle Stunden bis zu seiner letzten bei ihm ausgehalten hat. Sie
weinte denn auch keine Träne, als ihr Mann den sichern Staatsdienst
verließ und sein Glück den Musen anvertraute. Sie folgte ihm, als er
als Musikdirektor ans Theater nach Bamberg ging, dorthin, und stopfte
ihm die Strümpfe und die üble Laune, wenn er weinend aus einem Stück
von Kotzebue heimkam.
Als er das Theater leid bekommen hatte, ging er wieder auf die
Wanderschaft und nährte sich zu Dresden -- es war gerade Anno 1813 --
von Karikaturen auf Napoleon, die einen reißenden Absatz fanden. Zum
Glück für ihn war justament sein Oheim Ottfried gestorben, der ihm ein
paar verstimmte Geigen, etzlich bunte Kleider und einige blanke Taler
hinterließ, und Hoffmann konnte, ohne zu verhungern, abwarten, bis
Napoleon nach Elba expediert war.
Um die Zeit besann man sich in Berlin wieder auf den früheren
+Beamten+ Hoffmann aus Königsberg, der sein Assessorexamen dereinst
mit „vorzüglich“ bestanden hatte, und dem, außer daß er zeichnen und
musizieren konnte und eine Zeitlang beim Theater gewesen war, nichts
Übles nachzusagen war. Man machte drum durch dieses wie durch alles,
was unter Napoleon geschehen war, einen dicken Strich, vielmehr man
+setzte es in Klammern+, und ernannte Hoffmann zum Kammergerichtsrat.
Zumal ein so ehrenwerter Mann wie sein Freund Hippel sich für ihn
verwandte, derselbe, der für den König Friedrich Wilhelm III. den
„Aufruf an mein Volk“ verfaßt hatte, der also ein Meister darin war,
Gegensätze zu vermitteln.
Hoffmann war nun als Kammergerichtsrat wieder ein nützliches Mitglied
der preußischen Gesellschaft geworden und versah zum größten Erstaunen
seiner nicht dichtenden und phantasielosen Kollegen sein Amt auf das
gewissenhafteste. Der Zufall wollte es -- und dies ist der beste
Witz in seinem Leben --, daß er, der Dichter der Nachtstücke und
Karikaturist, zum Mitkommissarius bei der Untersuchung der sogenannten
demagogischen Umtriebe eingesetzt wurde und eine alte ehrliche Haut
wie den Turnvater Jahn aburteilen mußte, der sicherlich nachts nur von
der Kniewelle, vom Stangenklettern oder dem Riesenaufschwung träumte,
während sein Judex, der Kammergerichtsrat, nachts in den Schatten
Teufel, Zwerge und Grimassen machende Marionetten sah, von denen er
eine ganze Menge mit scheußlichen Höllenfratzen in seinen Schränken
gesammelt hatte.
Solche Allotria, wozu auch ein ewiges Gesichterschneiden, seine
Lieblingsbeschäftigung, gehörte, trieb der Kammergerichtsrat Hoffmann
aber nur, um vor sich und dem Erzschelm, der ihm im Nacken saß,
seine Würde ertragen zu können. Daß er eine sogenannte Säule des
Staates geworden war, erschien ihm so tragikomisch, daß er jede Nacht
in der Weinstube bei Lutter und Wegener darauf trinken mußte, bis
er in jene Region kam, wo man vergißt, daß man Justizrat genannt
wird und eine Respektsperson ist. So waren ihm die liebsten Abende
die „Serapionsbrüderabende“, herrliche Kneipstunden, da sich die
Dichter Berlins bei ihm versammelten, und er mit einer weißen Schürze
dazwischen stand und unaufhörlich Kardinal, das war ein von ihm
erfundenes Gemisch von Rheinwein und Champagner, bereitete. Hatte er
sich so in die Hinterwelt der Träume hineingetrunken, so plauderte er
stundenlang mit seinem Kater Murr, wie er früher in Bamberg am meisten
mit einem Wirtshaushunde, den er „Berganza“ nannte, verkehrt hatte.
Oder er schrieb ein Nachtstück oder Phantasiestück nach Mitternacht auf
preußisches Aktenpapier und sah seine Gestalten schließlich so lebendig
werden, daß seine Frau sich mit dem Strickstrumpf zu ihm setzen
mußte, damit ihm nicht der Verstand vor Schrecken scheu wurde und
fortflog. Kein Wunder war es, daß er bei einer solchen ungewöhnlichen
Lebensweise kein Jubelgreis wurde, sondern, sechsundvierzig Jahre alt,
an der Rückenmarksdarre starb und den gleichen scheußlichen Weg wie
später Heine zum Tode ging.
Viele Literarhistoriker, die mit moralischen Messern sein Leben
sezierten, haben immer wieder geklagt: Was hätte Hoffmann nicht alles
erreichen können, wenn er einen besseren Wandel geführt hätte! Wir
aber, die wir mit Goethe glauben, daß jedes Menschen Bahn von Anbeginn
beschlossen ist, wollen nicht maulen, daß dieser Meteor kein Fixstern
war, und daß seine Werke keine lodernden Feuer sind, sondern mehr den
elektrischen, phosphorfarbenen Funken ähneln, die er aus dem Fell
seines Katers strich, und ihm stets voll Dank wieder Stunden aus unserm
Leben schenken.
Schweizer Dichter
(Gottfried Keller und C. F. Meyer)
Wir Deutschen haben mit dem kleinen Verbindungswörtchen „und“
schon oftmals in der Kunstgeschichte einen groben Unfug verübt:
Goethe und Schiller, zwei sternweit verschiedene Persönlichkeiten
und Dichter, sind durch dieses „und“ für Zeit und Ewigkeit wie auf
ihrem Denkmal in Weimar an ein und denselben Lorbeerkranz gebannt.
Neuerdings hat man denn auch wohl Nietzsche +und+ Schopenhauer
zusammengespannt, was ungefähr so klingt, als wenn man Himmel und
Hölle sagt, oder man nennt Ibsen +und+ Björnson, ein Genie und einen
talentierten Tagesschriftsteller, kaum ohne eine Unterscheidung zu
machen, zusammen. Nicht anders ist es mit Gottfried Keller und Conrad
Ferdinand Meyer gegangen, die man seit den neunziger Jahren immer
wie eine Schweizerfirma zusammen im Munde führt. Wiewohl Keller, der
Bedeutendere, manchesmal in seiner geraden, groben Art gegen diese
Zusammenstellung, die ihn, wie er sagte, zum „ewigen siamesischen
Zwillinge machte“, kräftig gewettert hat. Denn außer, daß sie beide
Züricher und Schweizer sind, gibt es nicht viel, was sie miteinander
gemeinsam haben.
Der eine, +Keller+, gibt die Menschen seiner Umgebung oder früherer
Zeiten, wie er sie sah und empfand, gleichsam auf Goldgrund wieder. Wie
ein alter Meister der Holzschneidekunst setzt er sich hin und zeichnet
umständlich und säuberlich seine Menschlein auf. Er schwindelt nicht,
ebensowenig wie Flaubert oder Fontane oder Tolstoi, um die größten
Romanciers seiner Zeit zu nennen. Aber er stellt seine Figuren nicht so
hart in die Luft wie jene, er malt sie nicht ~en plein air~, roh hin,
garstig oder hübsch, bescheiden oder frech. Er geht mit ihrem Bilde,
wie er es der Natur haarscharf abgesehen hat, in sein Kämmerlein und
zeichnet sie langsam ab wie Dürer oder ein Meister des Mittelalters
seine Gestalten, am liebsten noch mit ein paar Schwänzen oder
Schnörkeln und möglichst vielen Zutaten. Und da stehen sie, „die drei
gerechten Kammacher“ oder „Pankraz der Schmoller“. Stets nimmt er sich
Zeit, das macht ihn in unserer nervösen Zeit für viele ungenießbar; oft
werden ihm aus einer Geschichte zwei, wie beim „Tanzlegendchen“, oder
ein Dutzend und noch mehr, wie im „Grünen Heinrich“, und sein sauberer
Chronistenstil trabt, nie gehetzt, aber auch nie gehemmt, an schönen
und schaurigen Geschehnissen in gleicher Ruhe vorbei. Und doch ist er
nie oberflächlich, sondern sucht allem Lachen und allem Weinen auf den
dunklen Grund zu gehen, und wo er am einfachsten ist, wie bei seinen
+Frauenfiguren+, wo er nichts hinzuphantasieren und verzieren konnte
und mochte, da ist er am schönsten.
Die Welt von +Conrad Ferdinand Meyer+ ist eine ganz andere wie dieses
kleine, schlichte, winklige Beisammen der alltäglichen Menschen
Kellers: Feldherren und Kardinäle, Courtisanen und Regenten, Verbrecher
und Helden leben und welken und sterben in seinen Gedichten und
Geschichten, in denen die Zeit der Hohenstaufen und der Reformation
oder die Tage Dantes sich widerspiegeln. Die Welt Kellers, in der es
+über+ dem Durchschnitt nur noch Originale, keine Heroen gab, wäre
seinem von allen Literaturen überfütterten Geist bald zu klein und zu
eng geworden. Er, der seinen nicht gerade bedeutenden Namen Meyer mit
den kühnen Vornamen „Conrad Ferdinand“ herausschmücken mußte, sehnte
sich nach Größe und Heldentum, das er nicht in der Gegenwart, sondern
nur in der Vergangenheit entdecken konnte.
Und so verschieden wie ihr Dichten ist auch das Leben und Trachten
der beiden Schweizer gewesen: Der Jüngere, C. F. Meyer, war der Sproß
einer alten Zürcher Patrizierfamilie, Sohn eines frommen und gelahrten
Mannes und einer klugen, hochgebildeten, schwermütigen Frau, die ihrer
späteren Gemütskrankheit durch einen freiwilligen Tod im Gebirgswasser
ein tapferes Ende machte. Sie hatte den Ruhm ihres einzigen Sohnes,
den sie drei Viertel deutsch und ein Viertel französisch erziehen
ließ, nicht mehr erlebt. Denn der war ein spät fertiger Mann und wurde
neununddreißig Jahre alt, bevor er die ersten Früchte trug: Zwanzig
Balladen aus der Historie aller Zeiten und Völker. Als Jüngling und
heranwachsender Mann hatte der Sohn, der mit Unliebe wie Goethe und mit
noch größerer Unfähigkeit als Heine die Rechte zu studieren versuchte,
so jämmerlich wenig versprochen, daß die in ihrem Mutterstolz betrübte
Frau, die den Vaterlosen auf ihre Weise erzog, an ihren besten Freund
über ihn dieses schrieb: „Er hat kein Ziel und keine Karriere und kann
keinen Entschluß fassen. Und ich muß sagen, daß ich von ihm nichts mehr
in dieser Welt erwarte.“
Bis zur Gemütskrankheit und zur Irrenanstalt brachte diese jahrelange
Entschlußunfähigkeit und Willenlosigkeit den reichen und weichen
Jüngling, der mutlos und kraftlos, ein Kolumbus ohne Amerika, ein
Bonaparte ohne Kriege, seine Tage nicht anders wie seine Nächte in
unfruchtbarem, untätigem Dämmerzustand verbrachte. Da hat ihn die
einzige Schwester Betsy, die sich viel besser als die Mutter auf seine
Entwickelung verstand, nach deren Tod von neuem zum Leben erweckt.
Sie war eigentlich versehentlich durch einen Irrtum vor ihrer Geburt
von den beiden Geschwistern die Schwester geworden. Sie hatte das
männliche, entschlossene, zupackende Wesen mitbekommen, das dem Bruder
fehlte, während er mit seiner zarten, in sich gekehrten Art und seiner
nach innen geschlagenen heißen Leidenschaftlichkeit und Sinnlichkeit
auf manchen wie ein halbes Weib wirkte. Drum gebührt der Schwester
Betsy, die den Dichter in ihm aus seiner traurigen Verpuppung durch
ihre Liebe entfaltete, der Kranz, den Minerva den Frauen verliehen hat,
die einen Künstler und das delphische Feuer in ihm entzünden und hüten
können. Er gebührt ihr mehr noch als der eigenen späten Frau ihres
über alles geliebten Conrad, von der Betsy ihm abriet, solang es gehen
wollte, und die er, wie er alles eben spät anfing, erst als ein voller
Fünfziger heimführte.
Nun sieht die Schwester ihn zum erstenmal mit einem Weib, das auch
nachts, nicht bloß tags wie sie, die Stube mit ihm teilen darf, in
den besungenen und unbesungenen Süden reisen. In die Provence, die
ihm die Dekorationen zu mancher in ihm jetzt keimenden Geschichte
gibt, und nach Korsika, des alten Seneca wildem Patmos, das er beim
Abschiednehmen zum Dank mit deutschen Weisen feiert. Heimgekehrt in
das Land des Firnelichts, des großen stillen Leuchtens, siedelt er
sich in Kilchberg, einem Landgut bei Zürich über dem See an. Und dort
lebt er das letzte Drittel seines Daseins in behaglicher, sorgenloser
Abgeschiedenheit wie ein reicher, schöngeistiger Gelehrter. Freilich
lag sein Winkel nicht allzu fern von der Schweizer Hauptstadt,
von der er sich allwinterlich wider Willen in ihr kantonales und
internationales gesellschaftliches Leben ziehen ließ. Mehr als vierzig
Antrittsbesuche hat er an nur einem einzigen Tage gemacht. Und wie
viele schönen Stunden wurden damit zugebracht, Karten dieses Inhalts
auszufüllen oder zu beantworten: „C. F. Meyer und Frau erlauben sich
Herrn Carl Stauffer zum einfachen Abendessen einzuladen.“ Oder: „C.
F. Meyer und Frau danken Herrn Eduard Stößli für die liebenswürdige
Einladung, der sie gerne Folge leisten werden.“ So mit Menschen lebend
und ohne sie schaffend wirkte er wie ein Ausgraber und ein Neubeleber
toter Zeiten, ein Schliemann des Mittelalters und der Renaissance,
deren Evangelium soeben Jakob Burkhardt zu Basel in klarer, guter
deutscher Sprache gepredigt hatte. Kurz vor seinem Tode trübte sich
noch einmal das Licht in seinem Kopf, bei dessen Schein er wie bei
einer gemütlich brennenden Studierlampe seine Helden und Heiligen
aufgemalt hatte, und er ward mit seiner Einwilligung noch einmal
auf ein Jahr in eine Nervenheilanstalt geborgen. Aber als dann die
schwarze Majestät Mors wirklich fünf Jahre später vor ihn hintrat, da
stand er wieder fest und aufrecht auf seinem Kilchberg als anerkannter
und gekaufter Autor, als Gutsherr und Familienvater, als Ehrendoktor
der Philosophie der Universität Zürich, als Inhaber des königlich
bayrischen Maximilianordens und als Ehrenmitglied zahlloser Vereine.
Ganz anders Keller, dessen Leben außer dem, daß auch er wie ein guter
Wein erst spät klar und schmackhaft wurde, dem seines Landsmann und
Nachbarn so unähnlich ist wie ihre beiden Gesichter. Seine Jugend
möchte ich nicht und sollte keiner erzählen aus Respekt vor dem „Grünen
Heinrich“, in dem er in Wahrheit und Dichtung sich und das Ringen
seiner jungen Jahre abkonterfeit hat. Dieses sein größtes Werk war die
Frucht seiner Jünglingstränen und hat ihn belohnt für all sein Hungern
und Hoffen und Verzweifeln um „die heilige Kunst“, die ihn schließlich
doch aus dem Labyrinthe des Lebens zum Licht geführt hat. Als er nach
langen Irrfahrten endlich, siebenunddreißig Jahre alt, nach Zürich
zurückkehrte, wo seine treue Mutter den verlorenen Sohn, vor Freude
weinend, empfing, war er gerade so weit gekommen, daß er wußte, daß
er +nicht+ zum Maler taugte. Fünf Jahre lebte dann der Taugenichts
in Zürich herum, ohne etwas Rechtes zu tun, bis auf die andauernde
unermüdliche Tätigkeit, die er alle Abende in den Kneipen der Stadt
bis zum frühen Morgen entfaltete. Er wäre vielleicht verkommen, wie
die „kompakte Majorität“ so hübsch zu sagen pflegt, und an sich
selbst zugrunde gegangen, wenn da nicht der Züricher Regierungsrat,
als hätte es so kommen müssen, ihn zum ersten Staatsschreiber, einem
recht angesehenen Posten des Kantons, ernannt hätte. Man kann sich
denken, wie damals in der ganzen Stadt über diesen „Geniestreich“ der
Regierung gelacht und geschimpft wurde. „Ein ausgemachter Lüdrian, ein
unpraktischer Poet an der Spitze der Verwaltung!“ Keller bewies in
fünfzehn Jahren strenger, zuverlässigster Pflichterfüllung, daß man
nicht geradezu ein Idiot und ein untaugliches, träumerisches Subjekt im
öffentlichen Leben sein muß, wenn man außerdem noch Verse und Novellen
schreibt. „Er sei der beste Staatsschreiber der Schweiz gewesen“, haben
sogar -- seine Vorgesetzten von ihm gesagt. So wirkte er pünktlich
und treu bis zu dem Tage, wo er seinen Abschied nahm, sich einen
staatsmäßigen Schlafrock kaufte und dann in stiller Ruhe seine letzten
Werke schuf. Der Berüchtigte war mit den Jahren berühmt geworden: Sein
sechzigster Geburtstag war ein Festtag für die ganze Schweiz. Viele
Reden wurden auf ihn gehalten. Fünfzig Männergesangvereine sangen ihm
hintereinander sein Lied „O mein Heimatland“, das zur schweizerischen
Nationalhymne geworden war, vor, bis er schließlich unter ein paar
kräftigen Flüchen den Saal verließ. -- Zu allem hatte er sich Zeit
genommen, und auch zum Sterben nahm er sich gute Weile. Ein Jahr lang
siechte er dahin, ganz allein, „eine korrupte Bestie“, wie er sich
grimmig schalt. Er war, nachdem er ein paar Körbe bekommen hatte,
grimmig lachend und resignierend Junggeselle geblieben, und die
brummige Schwester Regula war zu ihm ins Haus gezogen. Nun ließ sie,
kurz vor ihm ins Grab gehend, unzuverlässig wie alle Frauenzimmer, ihn
für seine letzten Tage noch im Stich und allein. Arnold Böcklin, der
späte Freund, den er gefunden hatte, hielt seine Hand, als er starb.
Es sind keine Riesen, diese beiden Schweizer Poeten, keine Schöpfer,
bei deren Werken einem der Atem vor Bewunderung stockt oder die Seele
überquillt. In der Schweiz wächst, die Tüchtigkeit dieses braven,
tatfröhlichen Volkes in allen Ehren, außer den Bergen nicht viel
Großes. Man hat mir diese letztere Glosse im Lande Tells bös verargt,
wie mir zahlreiche Zuschriften schmerzlich bekundeten. Es tut mir wegen
des allzu groben Tons mancher dieser Beschwerdeführer fast leid, daß
ich nicht verantwortlich für diese Bemerkung zeichnen kann. Sie stammt
von +Böcklin+, und ist von ihm in Basel, in der Stadt, wo es nach
seiner Ansicht „über vierhundert Vereine und keine vier Menschen gab“,
oftmals im Wein und im Ärger herausgesprudelt worden. Und wer es nicht
glauben will, der mag die alten Maler fragen, die noch mit ihm dort und
in Florenz zechen durften, oder die steinernen Fratzen in Basel. Sie
werden es grinsend bestätigen. Aber die beiden Dichter der schönen,
der freien Schweiz haben in schlichter Weise als treue Landsknechte der
Kunst ehrlich gedient und sind echte deutsche Meister gewesen, denen
wir im Reich in jenen Jahren außer dem alten Fontane nichts an die
Seite zu stellen haben.
Theodor Fontane
Eine einzige Eigenschaft hat den alten Fontane groß gemacht, eine
Eigenschaft, die man, ich weiß nicht, ob auf das Konto seiner Klugheit
oder seines Herzens setzen muß, nämlich die, daß er nicht alt wurde mit
den Alten, sondern jung mit der Jugend geblieben ist. Und während die,
welche mit ihm grau geworden waren, auf ihr Alter und ihre Erfahrung
pochend, die Jungen ausschalten und höhnten, die sie von ihrem Platz
verdrängen wollten, da hat er fröhlich der Jugend seine alten Hände
gereicht und sie gebeten, bei ihnen stehen und mit ihnen leben zu
dürfen. Das war sein Eigentümliches, daß er nicht alt und nicht
feierlich werden konnte. Er fühlte das schon als Dreißigjähriger, wo er
einmal sein kleines zweijähriges Söhnchen, das, wie er voraussah, bald
viel älter und würdiger sein würde als sein Herr Papa, andichtete:
„Ach, wenn du dann in Prima sitzt
Und unter den Sextaknaben
Gewahrest, wie dein Vater schwitzt --
So wolle Mitleid haben.“
Und als er plötzlich später Großvater geworden war, fing er
gleich wieder an, mit seiner Enkelwelt jung zu sein und mit ihnen
Sorgen und Freuden zu teilen, wie mit dem Enkelkind von ihm, das
„vorschulpflichtig“ geworden ist:
„Löschblätter will ich ins Heft ihm kleben
Ja, das möcht’ ich noch erleben.“
Sie ist sehr selten gewesen, die sokratische Tugend des alten Fontane,
jung zu bleiben mit der Jugend, in der Generation in Deutschland, in
der er gelebt hat, der wir 1870 und alles, was wir heute bedeuten,
zu verdanken haben. Gerade dies Gefühl des eigenen Verdienstes, das
diese Generation haben durfte, mußte sie den Jungen gegenüber, die
nach ihr kamen, so überlegen und zäh im Bewahren ihrer Macht und ihrer
Stellung machen. Denken wir nur an den Gewaltigsten aus der Zeit, an
Bismarck zurück, wie er Wutanfälle und Weinkrämpfe bekam und die Stühle
und die Materie um sich zertrümmerte, als er den Abschied nehmen und
der Jugend das Feld räumen mußte. Und wie er bis zu seinem Tode noch
darunter stöhnte und seine Seele zerquälte, daß er andere an seinem
Werke schaffen sah: Die ergreifendste Tragödie, die das Theater der
Welt unsern Augen zu schauen gegeben hat. -- Oder, wer entsinnt sich
nicht, um die komische Seite dieser alterstolzen Zeit zu nehmen, wie
die Dichter von damals und auch die besten unter ihnen, wie Heyse,
Geibel und Freytag, immerfort über „den Kot“ zeterten, der durch die
modernen Schriftsteller in die Kunst gebracht würde, und dabei stets
ihre ästhetischen Forderungen, vor allem die Definition des „Schönen“,
herumpräsentierten, ohne daß sich die Menge und Mode drum kümmern
wollte. Dagegen war es wieder Fontane unter den Alten, der einsah, daß
sich die neue Zeit und die neue Kunst nicht wegräsonieren ließen, der
Zola las, den er „scheußlich“ fand, „aber mit verflucht viel Talent“,
und der noch in Gerhart Hauptmann den Naturalismus auf unserer
deutschen Bühne begrüßte. So ist es gekommen, daß er als Sechzig- oder
besser noch als Siebenzigjähriger, denn so alt war er, als er seine
bedeutendsten Romane schrieb, während alle seine Jugendgenossen in
Apoll längst vertrocknet waren, auf einmal wie ein alter Birnbaum in
schöner, rührender Blüte stand.
Wie Ibsen, der gleich ihm sein Eigentliches und Größtes erst in hohem
Alter zu sagen hatte, war er in seiner Jugend zunächst auf den Wunsch
seiner Eltern Apotheker geworden. Aber er bekam die „Giftbude“ bald
satt und faßte nun die „unglaubliche Idee“, wie er sagte, die damals
noch sehr selten war, ein Schriftsteller zu werden. Und da die paar
Gedichte und Balladen, die er schrieb, ihn und seine Familie nicht
nähren konnten, war er gezwungen, Zeitungskorrespondent und Kritiker
zu werden, und hat als solcher sein Leben lang vom dreißigsten bis
zum siebzigsten Jahre sich abgeplagt und gemüht und auf das Glück
gewartet. Er fühlte, er hatte kein Recht, sein Leben ganz an die Sache
zu setzen: „Ich bin keine große und keine reiche Dichternatur,“ gestand
er, bescheiden wie Lessing, sich selbst, „es drippelt nur so.“ Und
darum hielt er den schweren Beruf des Journalisten aus, solange er
konnte, und resignierte schließlich an seinem Lebensabend, nachdem er
dreihundertmal vergeblich gehofft und gewartet hatte, wie er es mit
hübschem Humor in Verse gefaßt hat:
„Dreihundertmal hab’ ich gedacht:
Heute hast du’s gut gemacht,
Dreihundertmal durchfuhr mich das Hoffen:
Heute hast du ins Schwarze getroffen,
Und dreihundertmal vernahm ich den Schrei
Des Scheibenwärters: „Es ging vorbei.“
Schmerzlich war’s mir dreihundertmal; --
Heute ist es mir egal.“
Das war schließlich das, was bei seinem langen Leben herausgekommen
war, eine stille lächelnde Ergebung in sein Schicksal: Nur nicht sich
den Hals abjagen nach dem Glück: „Es muß sich dir von selber geben --
Man hat es oder hat es nicht.“ Nur nicht denken, man hätte das Leben
+besser+ führen können, wenn man sieht, daß man die Partie verloren
hat. Die, die darüber klagten oder stöhnten, pflegte er wie sein alter
Briest zu trösten: „Laßt, laßt ... das ist ein zu weites Feld!“ Darum
konnte er wie kein anderer mit denen, die ihr Leben für verpfuscht
hielten, -- und wie die Welt steht und geht, müssen dies drei Viertel
aller Menschen glauben -- leise mitweinen. Und man sieht, namentlich
bei seinen schönsten Romanen „Effie Briest“ und „Irrungen, Wirrungen“,
den alten Mann vor sich, wie er von seinem Berliner Pult still ans
Fenster tritt und hinausblinzelt und tapfer die Tränen verschluckt, die
ihm in die blauen Augen getreten sind, die nach Hardens Ausspruch über
seinem soliden Gesicht „wie ein Band Goethe in einer Feldwebelstube“
standen.
Seine Natur weist manche Ähnlichkeiten mit Bismarck auf. Er war doch
mehr Märker als Gascogner, wenn er sich auch das Gegenteil weismachen
wollte. Namentlich in seinen prächtigen Briefen an seine Frau, mit
der er fast fünfzig Jahre lang Krieg und Frieden hatte, kann man ihn
oft mit Bismarck verwechseln: Familiensinn, Heimatliebe, Nüchternheit
im Beobachten und Handeln, unbedingte Zuverlässigkeit gegen Freund und
Feind, das sind ein paar märkische Eigenschaften, die beiden gemeinsam
waren. Es ist ein Typ, der langsam ausstirbt. Der alte Märker ist tot,
und wir haben den modernen Berliner dafür bekommen, was ein recht
schlechter Tausch gewesen ist. Der alte Fontane hat diese Wandlung noch
miterlebt und hat sie wiederum gefaßt ertragen und gelitten, wie alles,
was ihm sein langes Leben gebracht hatte. Zu seinem siebenzigsten
Geburtstag war’s, als er auf ein Bankett ging, das man ihm zu Ehren
gab. Wen hoffte er da nicht alles zu finden, die von Zitzewitz und
von Platen und von Stechlin und von Rammin und wie die märkischen
Adelsfamilien sonst noch heißen, die er in seinen Romanen gekonterfeit
und gefeiert hatte. Aber nichts von alledem war dort zu sehen; lauter
fremde, nichtarische Gesichter umdrängen ihn schreiend und jubelnd, als
er eintritt. Da nimmt der Alte resigniert den Arm eines von ihnen, den
er kennt und der ihm zunächst steht, und mit den Worten: „Kommen Sie,
Cohn!“ läßt er sich von ihm an seinen Ehrenplatz geleiten.
Seine Balladen und noch mehr als diese, seine Romane werden den alten
Fontane der Nachwelt bewahren. Wie sein Freund und Nachbar Menzel
alles, die ganze Arche Noä, malen konnte, so konnte er, Fontane,
alles bedichten: den sterbenden Cromwell, den jungen Bismarck, die
schöne Rosamunde, aber auch die Flamingos im Zoologischen Garten, die
Müggelberge und die Gegend um Potsdam, so gut wie Chinesen, schottische
Könige, Spreewälder Ammen und den Backfisch mit dem Mozartzopf. Die
beiden, der Maler und der Dichter, werden bleiben von dem, was Berlin
uns zwischen 1870 und 1900 an Kunst beschert hat. Und die Werke des
alten Fontane werden über seinem Grabe stehen wie der Birnbaum über dem
Sarge des alten Herrn von Ribbeck im Havelland, den er besungen hat,
und noch viele Jahre jeden, der davon pflückt, erfreuen und erfrischen.
Rückert
„Nein! Der richtige Ausdruck ist noch nicht da. Verflixt!“ seufzte
der Kunstmaler, den der Magistrat der Bezirksstadt Schweinfurt in
Unterfranken zur Verfertigung eines Bildes von dem größten Sohn
der Stadt, ihrem Ehrenbürger Friedrich Rückert, nach seinem Gut
Neuseß bei Koburg entsandt hatte. Zum Gedächtnis des demnächstigen
fünfundsiebenzigsten Dichter-Geburtstages sollte dies Bild im
Rathaussaal zu Schweinfurt aufgehängt werden. Fast wütend sah der Maler
auf die Staffelei, auf der die Leinwand stand. Schon sechs Sitzungen
waren ihm von dem greisen Dichter bewilligt worden. Aber der richtige
Ausdruck und das Geheimnis der Ähnlichkeit fehlte noch dem aus bunten
Ölfarben gemischten begonnenen Entwurf.
Es war ein goldener trächtiger Herbsttag. Ein paar weiße Wolken zogen
am blauen Pantheon des Himmels über das Dach des Dichterhauses, wie die
großen Gedanken der Menschheit: Gott, Liebe, Leben und Vergehen über
die Stirn des Poeten darin gezogen waren. Er selbst hielt gerade seinen
gewohnten einstündigen Nachmittagschlaf. Nach ihm erwartete er den
Maler zum Kaffee in der Gartenlaube, um ihm vor dem Abend noch einmal
zu sitzen. Der Künstler hatte sich inzwischen vor das angefangene Bild
gestohlen. Es stand in der Glasveranda des Hauses, weil hier das beste
Licht zum Malen war. Mißvergnügt über sein Werk, das ihn noch nicht mit
dem warmen Blick des Lebens anschaute, pinselte und strichelte er ein
wenig daran herum.
„Könnte man doch dem alten Dichter leibhaftig den Kopf abnehmen
an seinen langen schlichten eisgrauen Haaren, die ihm bis auf die
Schultern reichen, und ihn dort in den Rahmen für Schweinfurt
hineinsetzen!“ grübelte der Maler in seinen unglücklichen Geburtswehen.
„Er trägt ohnedies schwer an seinem gewaltigen Schädel, seitdem ihn
seine angebetete Frau Luise verlassen hat. Und wenn er keine so starken
Knochen hätte, wär’ er wohl schon unter dem Schmerz der Witwerschaft
zusammengebrochen, der seinen greisen Pastorenkopf zerknittert hat, wie
ein Gewitter ein reifes Ährenfeld. Ein komisches knorriges Gesicht!
Zu den ewig gerunzelten Augenbrauen, die ständig auf schlecht Wetter
stehen und keins der genossenen Lebensjahre zurückwünschen, will der
liebenswürdige ausdrucksvolle Mund nicht passen, der von Weisheiten und
Versen überläuft wie ein Brunnen, den das schmelzende Eis des Parnasses
nährt. Könnt’ ich nur den richtigen Ausdruck erwischen“, ächzte der
Maler, an seinem Handwerk verzweifelnd. Er wandte sich, die neue
Sitzung herbeisehnend ins Haus. Das breite sogenannte „Gute Zimmer“
neben der Veranda war von der verstorbenen Frau ganz den Bildern und
Andenken ihres Friedrichs vorbehalten. Und der Dichter achtete scharf
wie ein kleinstaatlicher Zollvisitator darauf, daß nicht das geringste
hier verschoben oder anders eingerichtet würde, wie es seine selige
Luise angeordnet hatte. Da hing an der Wand des von den Linden draußen
verdunkelten Zimmers des Dichters Silhouette als Würzburger Student
der Philologie. Und dort auf dem Nähkästchen seiner Frau über der von
ihr fein gehäkelten Decke lagen seine ersten Verse. Seine „Deutschen
Gedichte“, die er noch unter dem bescheidenen Namen „Freimund Reimer“
veröffentlicht hatte. Darunter waren seine 46 geharnischten Sonette, in
denen er mit papierenem Schwerte Napoleon bekämpft und ihm zweimal die
23 Stiche, mit denen einst die Verschwörer den Cäsar trafen, versetzt
hatte, der sonst so friedfertige Jüngling, der zu zart war, um mit
in die wirklichen Schlachten hinauszuziehen. Das Hauptzierstück des
Zimmers aber war ein großer Kupferstich nach dem Stielerschen Gemälde
von Goethe. Mit seinen sonnenhaften Augen schwebte der olympische
Vater des ganzen neuen deutschen Dichterhimmels über diesem Raum wie
sein Genius über der Poesie Rückerts. Bescheiden wie der Mond, der
sein mattes Licht einer stärkeren Leuchtkraft entlehnt, hing darunter
die bekannte Zeichnung, die Carl Barth, der Kupferstecher, von seinem
geliebten „Rückerto“ gemacht hatte. Sie stammte aus Rückerts römischer
Zeit Anno 1817 nach den großen Kriegen, da dort unter dem Vorsitz des
für Teutschland erglühenden bayrischen Kronprinzen Ludwig ein geistiges
~Coenaculum~ bestand, dem die Nazarener ihr Öl und die Historiker
Niebuhr und Bunsen ihr Salz beimischten. Ein Gedicht in Faksimile hing
eingerahmt darunter. Das begann:
„Als wir an der Ponte Molle saßen
Und das Leid der Welt im Wein vergaßen ...“
Der Dichter selbst aber sah finster aus seiner Zeichnung herab. Mit
dunklen stechenden Augen in schwarzer altdeutscher Burschentracht
und mit offenem Kragen, das kriegerische Schnurrbärtchen der
Befreiungskämpfer und Sänger um die Lippen. Düster wie Simon Magus
war er einst so durch Rom gewandelt, dem er innerlich fremd geblieben
war. Ihn hatte es viel mehr nach dem Orient gezogen. Und in Wien, wo
dieser beginnt, war ihm weit heimischer zumute gewesen, als an der
Tiber, die Goethen beseligte. „Zur Erinnerung an den Winter in Wien“
stand unter der Zeichnung, die an der Wand gegenüber hing. Es war
Joseph von Hammer-Purgstall, der erste und größte Orientalist, der den
einstigen Freund aus seinem Rahmen anschaute, mit dem Einverständnis
aus der gleichen Liebe zum Osten, die sie verbunden hatte, bis sie über
die Aussprache einiger persischer Wörter sich nach Professorenweise
miteinander verkrachten.
Der Maler, der sich die Vergangenheit seines Dichters an den Wänden
seiner guten Stube betrachtet hatte, stöhnte: „Das gibt mir alles nicht
mehr den richtigen Ausdruck für ihn“ und begab sich zu der Laube,
wo er sein lebendes Modell erwarten sollte. Leise schritt er durch
den Garten unter den Bäumen, die der Dichter, der sich nach seinem
eigenen Geständnis weit besser darauf verstand, Bäume zu züchten und
zu veredeln als Studenten der Philologie und zünftige Orientalisten
heranzubilden, meist selbst gepflanzt hatte. Da, wie der Maler in den
Seitenpfad zur Laube biegen wollte, sah er den greisen Poeten schon
dort liegen. In edler Verdrossenheit und Ungeselligkeit, zwischen
den türkischen Bohnenblüten, mit denen die Laube eingefaßt war. Sie
nickten ihm freundlich zu, wie die mit weißem Turban oder rotem Fes
geschmückten Häupter der morgenländischen Dichter, die er übersetzt
hatte, ein Dschami, ein Saadi, ein Dschelaledin Rumi, ein Hariri und
Firdusi im Geist ihn grüßen mochten.
Lang ausgestreckt auf seinem Rücken lag er da, des Dorfamtmanns Sohn
aus Frankenland, seiner liebsten Gewohnheit gemäß ins Anschauen Gottes
versunken, und lauschte auf das Klirren des Bächleins, das an seinem
Haus vorübersprang. Die lange Pfeife lehnte neben ihm und mischte ihren
Duft mit dem Kaffee, den man ihm gebracht hatte, dem würzigen Getränk
Arabiens, wie er sein reines Deutsch mit dem Indischen, Hebräischen,
Persischen und Chinesischen vermählt hatte. Auf seinem Schoß lag
ein Notizbuch. Darein schrieb der Alte ab und zu mit seiner klaren
zierlichen Handschrift, mit der er die gesamte Literatur des Ostens
exzerpiert hatte, einen Vers, den er sich leise vorsprach, indes
die Hummeln seinen glatten Mund umsummten. Wieviel hunderttausend
Reime waren ihm nicht entflogen seit seinem ersten Kindergedicht! Es
gab nichts in der Welt für ihn, das sich nicht bedichten ließ: Der
Tod eines Kindes so gut wie die Ablehnung einer Einladung oder das
Ausfliegen eines Kanarienvogels oder das Heldenmädchen Prohaska oder
der Abschied eines Dienstboten oder die Württemberger Verfassung oder
ein verstauchter Fuß oder das Frankfurter Rumpfparlament. Auf alles
fand er einen Reim. Hatte er doch zum Spaß ihrer sechsundzwanzig allein
auf das Wort: „Märchen“ aufgestöbert.
Am liebsten freilich waren ihm die Reime „Mein“ und „Dein“, so
wie er als Mann auch stets den Gleichklang auf sein Ich und die
Hälfte, die ihm zum Ganzen fehlte, gesucht hatte. Von Agnes Müller,
der frühverstorbenen, angefangen über Marielies, die Thüringer
Wirtstochter, die er unter dem Blumennamen „Amaryllis“ besang, trotzdem
sie ihn verschmähte und seine Gedichte -- o Tod jeder Dichterliebe!
-- zerriß, bis zu Luise, der Braut und Gattin, der er seinen vollen
Liebesfrühling in den Schoß geschüttet hatte.
„Du bist die Ruh,
Der Friede mild,
Die Sehnsucht du
Und was sie stillt.“
Selbst die weißgestrichenen Pfosten der Laube waren mit Reimen gefüllt,
mit ~versus memoriales~, die der Dichter, der außer seinen Briefen
keine Prosa schrieb, und der seinem eigenen Geständnis nach nur in
Versen denken und fassen konnte, dort hingekritzelt hatte. Neben der
Kaffeekanne auf dem Tischchen lagen drei Bände seiner Dramen, die kein
Mensch las, außer ihm selber. Im Banne Calderons, der ihm wie der Dämon
dem heiligen Cyprian mit magischer Gewalt im Nacken saß, hatte er in
ihnen den König Arsak von Armenien, Saul und David, Herodes den Großen,
Kaiser Heinrich den IV. und Cristoforo Colombo bedichtet und sich fast
krank geärgert, als keine Bühne gierig danach griff. Doch, um den alten
Poeten über diese nie vernarbte Wunde zu trösten, stand dicht neben
diesen totgeborenen Werken eine Vase voll hundertblättriger Rosen die
seine sorgliche Tochter dorthin gerückt hatte und duftete ihm wie die
sechs Liedersträuße zu, die er einst im Liebeslenz gewunden hatte.
So lag er dort auf seiner Gartenbank zwischen seinen Blumen, seinen
Versen und seinen dramatischen Schmerzenskindern, der ungesellige
greise Dichter. Wie ein morgenländischer Zauberer sah er im Schmuck
seiner langen Haare aus, indes seine knochigen Wangen noch von dem
Wein, den er beim Mittagsmahl genossen hatte, wie die des Hafis gerötet
waren. „Könnt’ ich ihn so aus der Natur wegstehlen“, dachte der Maler,
der ihn lange von ferne betrachtete, den weisen Brahmanen, der Verse
fangend in den Himmel schaute. Um das ländliche Bild des Stillebens
eines deutschen Dichters zu vollenden, spielte sein Enkeltöchterchen,
ein kleiner Blondkopf, um ihn herum. Sie wartete darauf, daß er ihr
ein Märlein von dem Bäumchen, das andere Blätter gewollt, oder vom
Büblein, das überall hat mitgenommen sein wollen, erzählte. Jetzt
reizte das goldene Medaillon an der Uhrkette des Großvaters besonders
ihre Neugier. Listig und leise machte sie sich an ihn heran, der mit
den poetischen Geistern der Luft zu sprechen schien. Vorsichtig öffnete
sie das Schlößchen, das die beiden Goldkapseln zusammenhielt. „Wer
ist das, Großväterchen?“ rief sie, erstaunt auf die beiden Bildchen
blickend, die darin waren. Sanft erschrocken, schaute der greise
Dichter zur Seite. Er sah seine über alles geliebte Luise als Braut und
als Silberbraut in den Händchen der Kleinen und einen Schimmer der
Ähnlichkeit mit seiner Frau auf dem Gesichtchen der Enkelin leuchten.
Die Tränen traten ihm in die Augen. Und jetzt -- das war der richtige
Ausdruck für den greisen Dichterkopf, wie der Maler ihn suchte -- jetzt
legte der Gottesfürchtige seine morsche Hand zum Segen auf den blonden
Scheitel der Kleinen und flüsterte mit seiner immer leisen Stimme:
„O wie liegt so weit, o wie liegt so weit,
Was mein einst war!“
Geibel
„Das soll mir einmal einer nachmachen von diesen Jungen, die sich
heute auf der deutschen Schaubühne herumlümmeln und der anständigen
Kunst die Luft wegnehmen, die wenige, die ihr die seichte, zuchtlose,
französische Schwankliteratur übrig läßt, Gott sei’s geklagt!“ Der
Mann, der das sagte, war ein bleicher Sechziger. „Unser Geibel“ nannten
ihn seine Lübecker. Er trug eine violette Samtjacke und ein schwarzes
Samtkäppchen, unter dem sich zu beiden Seiten und nach hinten schöne
Reste kühn geschwungener weißer Locken hervortaten. Er saß auf einem
roten Plüschstuhl. In der einen Hand hielt er ein Manuskript, dessen
Goldschnitteinband in dem Licht der roten Ampel glänzte, die auf dem
Sekretär neben ihm brannte. Mit der andern Hand schlug er zuweilen
zur rhythmischen Begleitung der Verse, die er vortrug, oder auch zur
Bekräftigung seiner Ansichten auf die mit zwei Löwenköpfen aus Messing
geschmückte Armlehne seines Plüschstuhles. Jetzt fuhr er fort, aus dem
sauber und deutlich wie ein hanseatisches Konossement geschriebenen
Manuskript in seiner Linken vorzulesen, in das er freilich kaum
hineinzublicken brauchte, so geläufig waren ihm die Verse.
+Brunhild+: Nieder in den Staub, du Schlange, die mit gift’ger Zunge
sticht!
Lügnerin!
+Kriemhild+: Die Wahrheit sprach ich und dein Grimm verlöscht sie
nicht!
+Brunhild+: Schweig! Wie Flaumen in die Lüfte blas’ ich deiner
Märchen Bau.
+Kriemhild+: Glauben willst du nicht dem Worte, rasend Weib, wohlan,
so schau! Kennst du diese Doppelspange: Dir vom Gürtel kam sie nie!
Bis der Held dich unterjochte -- -- --
+Die Jungfrauen+: Wehe! Wehe!
+Kriemhild+: Kennst du sie?
+Brunhild+: Gaukelspiel der finstern Mächte!
+Kriemhild+: Antwort gib!
+Brunhild+: Wie Rabenflug
Schwirrt es düster mir vor Augen. Aber nein! Es ist ein Trug
Du entwandest sie!
+Kriemhild+: Du wagst es?
+Brunhild+: Räuberin!
+Sigrun+: Laßt ab vom Streit!
Dort vom Schlosse naht der König.
+Kriemhild+: Wohl! Er kommt zur rechten Zeit.
„Das soll mir einmal einer nachmachen von diesen Dichterlingen und
modernen Schmierfinken, die unser Theater schänden!“ unterbrach
der Dichter seine Vorlesung. „Das ist echt dramatisch. Nicht zum
Einschlafen langweilig wie das Stabgereime eines Richard Wagners, bei
dem einem übel werden kann wie Gunthers Weibe in seiner verblasenen
Götterdämmerung! Vermutlich weil sie das endlose Vorspiel der drei
Nornen auf dem Walkürenfelsen mitanhören mußte. Die ganze hehre Edda
ist uns durch diesen unsittlichen Sudelmusikanten verzerrt und in den
Kot gezogen worden.
Auch meine Szene ist gewagt, ich geb’ es zu. Aber der gewaltige Dichter
des Nibelungenliedes hat sie nun einmal überliefert. Und ich glaube,
daß ich nicht gestrauchelt noch ausgeglitten bin, wie es leider einem
Hebbel an solchen schlüpfrigen Stellen zuweilen widerfahren ist.
Selbst den Gürtel, den er, dem Liede folgend, die rasende Kriemhild
der Nebenbuhlerin vor dem Münster zeigen läßt, hab’ ich als anstößig
vermieden und geb’ ihr nur seine Doppelspange. Was auch nur im
kleinsten über die Grenzen des Sittlichen hinausschweift, ist nicht
mehr ‚+schön+‘ nach den ewigen Grundbegriffen der Ästhetik. Irret euch
nicht, ihr herumvagierenden Ritter der Moderne! Gott läßt seiner nicht
spotten. Hab’ ich nicht recht, meine Lieben?“
Sein kleines Auditorium, das wie gewöhnlich aus seiner einzigen
Tochter Marie, ihrem Manne, dem soliden Rechtsanwalt Doktor Fehling,
und seiner rührend um ihn besorgten Nichte Bertha bestand, beteuerten
mit Kopfnicken, Brummen und Zärtlichkeiten die Richtigkeit seiner
Behauptungen und Befürchtungen. „Item, ich fahre fort“, kündigte
der Alte jetzt als sein eigener Heroldsruf mit erhobener Stimme an:
„+Gunther+ tritt auf im königlichen Schmucke.
+Gunther+: Welch ein Zwist! Wer ist’s, der frevelnd unsrer Hofburg
Frieden brach?
+Brunhild+: Schütze, räche mich mein Gatte, räche deines Weibes
Schmach!
+Gunther+: Was geschah?
+Brunhild+ (weist auf Kriemhild): Es spricht die Stolze -- meine
Lippe bebt vor Scham,
Daß nicht deine Kraft, daß Siegfried mir zur Nacht den Gürtel nahm.
+Gunther+: Wort des Unheils! Wehe!
+Sigrun+: Wehe, daß du diesen Zwist begannst!
+Brunhild+: Brich die Lästrung! Richte! Räche!
+Kriemhild+: Straf’ mich Lügen, so du kannst!
+Brunhild+: Ha! Du schweigst? Du zögerst? Rede! Bei der Hölle
Pforten, sprich!
War es Siegfried?
(Gunther schweigt)
+Die Jungfrauen+: Wehe! Wehe!
+Kriemhild+: Sein Verstummen richtet dich.“
Der Dichter hatte seine Stimme, so sehr er konnte, entfaltet. Wie
Theater-Donnerrollen dröhnte es durch die niedrige Lübecker Wohnstube.
Aber plötzlich brach er ab und heftete seine funkelnden blauen Augen
angstvoll ins Leere. Die Krankheit, die ihn allnächtlich um die elfte
Stunde wie ein stygischer Schatten heimzusuchen pflegte, trat heischend
hinter ihn und nahm ihm die Kraft, weiter zu deklamieren. Nur ein
paar Bekräftigungen seiner selbst ließ er, den das Glück überall, nur
nicht auf dem Theater angelächelt hatte, noch gegen die Dämonen der
Zweifelsucht los: „Was! das ist dialektisch gebaut! Ein Äschylus würde
sein Ergötzen daran haben. Traun! In der Form steh’ ich hinter keinem
zurück. Wie knapp Rede und Gegenrede aufeinander folgen! Meist nur in
einem Vers! ‚Stichomythie‘ nannten das die Griechen. Schade, daß ich
nicht mein eigener Kommentator sein kann! Ich könnte mehr aus meinen
Werken herauslesen als Bulthaupt von Bremen und dieser naseweise
Freytag. Ja, ja! man muß scharf zusehen bei mir, meine Herren Kritiker!
Die Stelle, die ich euch vorlas, bedeutet die Peripetie des Dramas, den
vorgeschriebenen Wendepunkt im Schicksal der Heldin, das von nun an der
Katastrophe zueilt. Ihr könnt euch den Aufbau meiner Stücke an einer
Pyramide klarmachen.“ Er zeichnete mit zitternder Hand eine solche
Figur in die Luft. „Seht ihr! Das war die Spitze, zu der ich meine
Brunhild führte. Jetzt geht’s bergab mit ihr. ‚Αὖτις ἔπειτα πέδονδε
κνλίνδετο λᾶας ἀναιδής‘, wie Allvater Homer singt, was unser plumper
alter Voß, vergröbernd wie immer mit: ‚Hurtig wie Donnergepolter
entrollte der tückische Marmor‘ übersetzt hat. Ich hätte ihm gerne die
Hand führen mögen bei manchen Versen des Joniers, meinem Nachbarn, dem
etwas grobschichtigen Alten von Eutin.
Hab ich’s euch recht gemacht mit meinem Vorlesen? Ich sag’ euch,
die Ziegler selbst ist zu matt an dieser Stelle, die freilich die
Kraft einer Göttin verlangt. Wahrlich! stellt das nicht alles in den
Schatten, womit sich dieser wabernde, wollustwühlende, wahnwitzige
Wagner an den Nibelungen versündigt hat?“
Die Nichte gab heimlich über seinem Kopf den beiden andern das Zeichen
zum Aufbruch. Allzu große Aufregung verschlimmerte die nächtlichen
Leiden des Onkels. Das wußte sie aus peinlicher Erfahrung. Tochter
und Schwiegersohn verabschiedeten sich denn auch unter den üblichen
Beifallsbestätigungen. „Nun? Bin ich wieder einmal zu heftig gewesen,
mein Nichtchen?“ meinte der greise Dichter, als sie beide allein waren,
schelmisch lächelnd. „Hab’ ich diesen Wagner wieder ~ad posteriora~
vorgenommen? Schon recht, ~Mimosa pudica~! Reich’ mir nur die Büchse
her. Ich verurteile mich selbst zu dem üblichen Strafschilling.“
Er ließ, noch immer neckisch, eine Mark in die von der Nichte ihm
vorgehaltene Sparbüchse fallen. Es war dies das Strafgeld, das er
für jede in Gegenwart von Damen gemachte gewagte Äußerung in seinem
Hause eingeführt hatte. „Da ist mein Obolus“, fügte er hinzu, und sein
Gesicht bekam plötzlich einen sinnenden Ausdruck, als wäre ihm bei dem
harten Fall des Geldstückes zu Bewußtsein gekommen, wie bald er so dem
Charon das letzte Fährgeld über den Totenstrom zahlen müßte.
„Umsonst entziehn dem blutigen Mars wir uns,
Dem Wogensturz der heulenden Adria,
Umsonst zur Herbstzeit ängstlich meiden
Wir den verderblichen Hauch des Südwinds.
Wir sehn trotzdem durchs Dunkel den stockenden
Kocyt einst schweifen -- -- -- --“
wie sein geliebter Horaz, dessen fünfzig schönste Oden er übersetzt
hatte, seinem Postumus klagt.
Die Nichte hatte behutsam die gestrickte Decke von den Knien des Onkels
fortgezogen, der sich nun, von ihr gestützt, ächzend aus dem weichen
Plüschstuhl erhob. „~Eheu fugaces, Postume, Postume labuntur anni!~“
sprach er, nachdenklich die langsam verblühenden Wangen der Nichte
tätschelnd. Sie wandte sich etwas frierend von seiner kalten Hand zum
Mahagoni-Büfett, einen silbernen Teelöffel aus dem Dutzendkästchen für
den Grog des Onkels zu holen, der ihm vor der Nachtruhe an sein Bett
gebracht werden mußte.
Langsam ging der greise Poet seinem Schlafzimmer zu. Vor dem
lebensgroßen Ölbild seiner verstorbenen Frau Ada Geibel, geborenen
Trummer, blieb er wie jeden Abend zu einer kurzen Andacht stehen.
Im Reifrock der Mode von 1850 aus blauem Taft mit breiten Volants
hing sie dort, wie ein Engel schon über ihm schwebend im Reichtum
ihrer Locken, die, wenn sie losgeschürzt waren, wie ein schwarzer
Wasserfall ihr bis an die Knie gereicht hatten. Sie schaute mit ihren
braunen Rätselaugen an ihm vorüber in das Himmelreich, in das sie ihm
vorangegangen war. Nur drei Jahre war sie sein gewesen. Aber er war
ihr treu geblieben, er, der Pastorensohn. Über die Jahrzehnte hinaus,
die sie jetzt von ihm trennten. „Anders wie jener französierte Heine,
der aus seinem Herzen einen Rangierbahnhof gemacht hat!“ knurrte er in
seinen geschweiften Knebelbart. Sein Fuß stieß an die Laute, die an die
Palmen und Blattpflanzen vor ihrem Bilde gelehnt war. Sie klang wie das
gebrochene Herz der Sappho auf Mytilene auf Lesbos. Seine müden Augen,
die einst in seiner Jugend, da er noch Hauslehrer in Athen gewesen war,
Marathons Ebene und das Felsengestade von Salamis und das goldrostige
Marmorgebälk der Akropolis geschaut hatten, blieben an dem Ölgemälde
Oswald Achenbachs: „Ein Abend in Sorrent“ haften, das neben der Tür
zu seinem Schlafgemach hing. „Sonderbar! Daß ich niemals in Rom war!“
sagte er, halb zur Nichte gewandt. Und eine Feuerbachsche Sehnsucht
nach dem Land voll Sonnenschein glomm in ihm auf. Aber er korrigierte
sich alsbald: „Freilich fürwahr, wer die Antike aus erster Hand
genossen hat, mag sie nicht mehr als Kopie aufgetischt bekommen.“ Die
gemütvollen Straßenlampen der Marzipanstadt blinzelten ihrem Hofpoeten
bestätigend durch das Fenster zu. Er schickte sich an, sich zur Ruhe
zu begeben, soweit das schmerzvolle Darmleiden, das er seit seinem
Aufenthalt in Griechenland hatte und das ihn regelmäßig außer den
Mittags- und Abendstunden wie der Geier den Prometheus heimsuchte, sie
ihm vergönnte. „Gute Nacht, Nichtchen!“
Aber sie hatte noch ein Anliegen: „Fräulein Froböse möchte wissen, wie
dir der erste Aufzug ihres Trauerspiels gefallen hätte, und ob sie es
weiterdichten sollte.“
„Richtig“, sagte er, schon in der Türe zu seinem Schlafzimmer stehend,
und begann lächelnd, wie er es oft in jüngeren Jahren im Lübecker
Ratskeller getan hatte, aus dem Stegreif in Versen zu sprechen:
„Beinah hätt’ ich’s schier vergessen,
Deine Freundin zu erfreuen,
Morgen werd’ ich es bereuen --“
Doch er war zu müde noch einen Reim zu suchen. Er dachte zitternd,
daß bald der Tod ihn mit dem Wort „Zypressen“ finden und Dichter
wie Gedicht damit zudecken würde. „Gott wird’s füglich fertig
machen!“ sprach er unter einem halben Gähnen. „Gott wird alles fertig
machen, sag’ ihr das, was von uns hier nicht vollendet und nicht gut
gemacht worden ist. Alles, bis auf Bismarcks Werk!“ Er lüftete leise
sein Samtkäppchen ihm zu Ehren, er, der Herold des neuen deutschen
Kaiserreiches. „Denn das ist vortrefflich geraten und bedarf keiner
Verbesserung! Ehre sei Gott in der Höhe! Gute Nacht!
Du magst mir noch etwas auf der Laute vorspielen, wie der Knabe dem
Scipio vor seinem Zelt in meiner herrlichen ‚Sophonisbe‘. Ich werde
dabei, soweit mein Darm es zuläßt, von Griechenland träumen.“
Wilhelm Busch
Eine Silhouette von ihm, zu seinen +Lebzeiten+ geschnitten.
Wiedensahl, das Dörfchen, in dem Wilhelm Busch geboren und gestorben
ist, ist ein Flecken in der Provinz Hannover mit einer Handvoll
Häusern, die friedlich dastehen, rote Ziegeldächer als Hüte über den
Kopf gestülpt oder dicke, moosbedeckte Strohkappen schief aufgesetzt.
Ein Bächlein fließt um das Dorf herum, auf dem im Sommer und im Winter,
wenn es nicht, um sich nicht zu erkälten, eine Eisdecke übergezogen
hat, die Enten und Gänse fröhlich ohne Unterschied des Geschlechtes
zusammen baden. Fette Wiesen und herrliche dunkle Tannenwälder umrahmen
das Bild. Den Dampf und die Elektrizität kennt diese jenseits der
Eisenbahn gelegene Idylle noch nicht. Und als es geschah, daß zum
erstenmal ein Automobil wild die Gegend durchfauchte, schrien die
Bauern: „Der Düvel ist gekommen und will den Wilhelm Busch holen.“ Man
wäscht sich dort an der Pumpe, man liest die Zeitungen von vorgestern,
und Musik nennt man dort, wenn der Viehknecht abends ins Horn trötet,
daß die Kühe von der Weide heimkehren sollen. Gleichwohl läßt es sich
im Sommer, wenn die Wiesen dick voller Blumen stehen und in der Sonne
strahlen wie ein Pfauenschwanz, und wenn die Vögel alle zusammen
musizieren, ohne je aus dem Takt zu kommen, dort ebensogut leben wie in
Berlin. Und selbst im Winter, wenn an den Fenstern die weißen Eisblumen
blühen und es draußen friert, daß die Steine heulen, und man drinnen
bei Rheinwein oder wenn’s zu kalt wird, bei altem Nordhäuser sich
tröstet, kann man das Dasein dort ebensogut ertragen wie in Rom oder
in Florenz. So dachte auch Wilhelm Busch, als er am 15. April 1832 in
Wiedensahl zur Welt kam:
„Kaum, eh’ man sich’s recht bedacht,
Schlupp! Ist man zur Welt gebracht.“
Sein Vater war der Krämer des Dorfes, der schwarze Seife, Talglichter,
Salz, Karamellen, Streichhölzchen und Bindfaden verkaufte. Und sein
Weib half ihm tapfer dabei. Die Großmutter nahm sich des Kleinen
an, da die Eltern, wie gesagt, Besseres und mehr zu tun hatten, als
Kinder zu weiden und groß zu ziehen. Die Alte, die, wie die Leute über
siebenzig Jahre gewöhnlich, nicht mehr viel schlafen konnte, stand mit
Herrn Busch jun. in der Frühe auf, schob ihm ein Stück Pumpernickel in
den Mund, damit seine Zähne sich amüsieren konnten, und steckte das
Herdfeuer an. „Besonders im Winter“, erzählt Busch einmal, „kam es mir
wonnig geheimnisvoll vor, so früh am Tage schon selbstbewußt in dieser
Welt zu sein, wenn ringsumher noch alles still und tot und dunkel war.
Dann saßen wir zwei, bis das Wasser kochte, im engen Lichtbezirk der
pompejanisch geformten zinnernen Lampe, sie spinnend, ich spielend oder
später aus dem Gesangbuch schöne Morgenlieder lesend.“ Als der Junge
größer geworden war und etwas werden mußte, schickte man ihn, während
die Großalte sich indessen zu ihren Müttern versammelte, auf die
Hochschule nach Hannover. Aber es erging Busch wie allen wählerischen
Leuten, er konnte und konnte den Beruf nicht finden, der auf dieser
Welt für ihn paßte. Und schon war er nahe daran, sich mangels
Beschäftigung aufzuhängen, als ihn ein Freund mit den Worten: „Maler
kannst du immer noch werden!“ an die Akademie nach Düsseldorf wies.
Hier saß er ein Jahr im Antikensaal ab und wollte gerade vor Langeweile
sterben, als ihm einfiel, daß man, wenn man den Rhein hinunterfuhr,
nach den Niederlanden kommen müßte. Er machte sich daher auf. Und hier
von den Bildern von Brouwer, Teniers, Frans Hals und anderen bekam er
wohl die erste Anregung zu seinem späteren Schaffen. „Ihre göttliche
Leichtigkeit der Darstellung malerischer Einfälle, ihre Unbefangenheit
eines guten Gewissens, welches nichts zu vertuschen braucht, haben für
immer meine Liebe und Bewunderung gewonnen“, gesteht er selbst.
Als letzten Studienort hat er sich dann München erwählt, wo er
allerdings mehr im Künstlerverein als in der Akademie saß, und wo
die „Fliegenden Blätter“ das erste Bild und die ersten Verse von ihm
brachten. Dann ging’s wieder für immer der Heimat zu. Über Düsseldorf.
Dort führte man ihn, der damals ob seines trockenen Humors in
Malerkreisen schon allgemein gefeiert wurde, jubelnd in den Malerverein
„Malkasten“, in der Hoffnung, daß dieser Märchenprinz aus Genieland
dieses verschlafene Dornröschen wachküssen würde. Aber man war bitter
enttäuscht von ihm; kein Spaß entschlüpfte inmitten der porzellanenen
Honoratioren seinem Munde. Endlich stand er auf und klopfte ans Glas:
Alles fuhr auf. „Wilhelm Busch wird reden“, und hundert neugierige
Augen sahen ihm auf den Mund, in Erwartung, was da herauskommen würde:
„Kellner! Noch einen Schoppen Mosel!“ sagte er und schwieg damit
definitiv.
Am andern Morgen fuhr er in die Einsamkeit nach Wiedensahl und schrieb
und malte dort ganz allein, „ohne wem was zu sagen“, wie er sich
ausdrückte, alle seine schönen Bildergeschichten auf. Und als es ihm
genug schien, schwieg er so beharrlich, wie damals im Düsseldorfer
„Malkasten“, und lebte friedlich in Wiedensahl bis auf den heutigen
Tag, auf keine andere Unterhaltung angewiesen als auf Bücher, Bauern
und das Jägerlatein des Försters am Abend in der Waldschenke. Er hat
sich niemals feiern lassen, und während andere berühmte Jubelgreise
sich zu ihrem siebenzigsten Geburtstag unter Tränen anreden lassen oder
im Kreise der lieben Ihren sitzen, tiefgerührt den Enkel auf dem Schoß,
bis dieser, ohne Respekt vor jenem Tag, sich unmanierlich benimmt, floh
Wilhelm Busch damals allein in die einsamen Tannenwälder, die Gott
sei Dank noch nicht das Reden gelernt haben. Früher las er viel im
Darwin und Schopenhauer, und abends, wenn die Leute in den Großstädten
Offenbach oder Blumenthal anhören, oder sich darüber freuen, daß einer
seiltanzen kann, ohne sich die Beine zu zerbrechen, dann holte er sich
Shakespeare und las sich bei der Lampe darin so glücklich, als wenn er
im Frack in der ersten Loge der Oper gesessen hätte.
Heutzutage, wo die Augen schon matter geworden sind, spielt er lieber
mit den Kindern herum oder sieht im Sommer den Bienen zu, die ihm noch
interessanter sind als eine Reichstagswahl, und raucht dabei Tabak,
soviel er paffen kann, und hüllt sich wie Zeus in blaue Wolken ein. Und
über kurz oder lang wird er eines nicht schönen Tages sterben, wenn es
einmal acht Tage hintereinander in grauen Streifen geregnet hat, oder
das Bier im Faß erfriert, und man rechte Lust auf das Grab bekommt,
wo man nicht mehr naß und kalt wird, und länger als acht Stunden
hintereinander schlafen kann, ohne von irgendeiner verfluchten Pflicht
geweckt zu werden. Und seiner Schwester Sohn, der Pfarrer in Wiedensahl
ist, wird ihn zur Ruhe bringen und über seiner Gruft folgende Predigt
halten: „Hier ruht in Gott und in Erde Wilhelm Busch, ein lachender
Philosoph, der letzte große Humorist, den wir Deutsche hatten. Denn die
bis dato nach ihm kamen, verdienen leider nicht den Namen. Amen!“
Homer
Der preußische Oberlehrer Traugott Semmelbart war gerade im Begriffe,
den Schülern seiner Oberprima die Schönheiten und Schwierigkeiten der
ionischen Sprachformen am siebzehnten Gesang der Ilias, der vom Streit
um die Leiche des Patroklus handelt, zu beweisen und zu erläutern. Sie
waren eben an der Stelle, wo es den griechischen Helden gelingt, den
nackten Leichnam, dem Hektor die herrliche goldene Rüstung Achills von
den Schultern gerissen hatte, fortzuschleifen, und wo ihr Dichter sie
den Trauermarsch zum Zelte des Achills antreten läßt. „Der Vers 722 war
falsch skandiert! -- Außerdem haben Sie später den Konjunktivus Aoristi
mit dem Imperativ verwechselt und in Vers 730 den Genitiv Singularis
mit dem Dativ Pluralis. Noch einmal die ganze Stelle von vorne!“
Also war des Oberlehrers Zensur ausgefallen, und der Oberprimaner
begann von neuem an den ionischen Versen Homers herumzubohren, zu sägen
und zu hobeln. Die Sonne Homers aber, die draußen schien, schaute
diesem fast noch mühevolleren Streite um die versifizierte Leiche des
Patroklus lächelnd durch die Fenstergitter zu und leuchtete gerade
auf die Stirne des an der Spitze der Klasse kämpfenden Oberlehrers.
Und siehe, unter ihrem Strahl geschah etwas Wunderbares, etwas, was
sich die alten Griechen nur unter der Einwirkung oder durch das
Dazwischenkommen irgendeines Gottes hätten erklären können. Traugott
Semmelbart unterbrach plötzlich seinen Schüler, klappte das Buch zu,
stieg auf sein Katheder und hielt hinter seiner Brille unvermutet eine
Ansprache:
„Liebe Schüler! Wir plagen uns nun seit zwei Uhr über dem Optativ, den
Synkopen, den Akzenten, den Endungen und dem ganzen Formenreichtum der
griechischen Sprache nicht anders, wie Menelaus und die beiden Ajas
gegen die Trojaner in Schweiß geraten sind. Es ist meine Pflicht, Ihnen
an der Hand des Homer die griechische Sprache zu verlebendigen. Aber,
nehmt’s mir nicht übel, ich habe manchmal das schlechte Gewissen, als
ginge der alte Homer dabei zu Tode. Vor lauter Nachdenken über alle
die schwierigen Worte sehen Sie schließlich die Bilder nicht mehr,
die dahinter stehen, und um derentwillen kennen wir Heutigen doch nur
unsern Homer, dessen Sprache tot ist gleich der Akropolis. So lassen
Sie mich Ihnen denn in dieser Stunde einen einzigen Rat für Ihr ganzes
Leben erteilen. Der lautet: Vergessen Sie den Homer +nach der Schule
nicht+! Dies griechische Buch, was Sie da in Händen halten, das mögen
Sie meinetwegen als Studenten schon verkaufen, um Bier oder Tabak
daraus zu machen. Das bißchen Jonische, das ich Ihnen eindrillen kann,
verlieren Sie ohnedies nach dem dritten Semester. Denn ich möchte den
sehen, der, wenn er nicht wie ich Altphilologe geworden ist, mir nach
zehn Jahren noch einen einzigen Vers aus der Ilias oder der Odyssee
ohne Wörterlexikon übersetzen könnte!
Nein, nicht um des Griechischen willen sollen Sie unsern Homer mir
nicht vergessen. Dieser Honig ist nur für die letzten Feinschmecker
bereitet. Sondern um seiner Kunst willen sollten Sie später, wenn Sie
nicht mehr an der Schulbank kleben, den Homer in dem körnigen Deutsch
des klugen Vater Voß immer von neuem genießen. Denn sein ist die Kraft
und der Reichtum und die Herrlichkeit in Ewigkeit, und solange es
Menschen gibt, die dichten müssen, wird Homer der erste ~praeceptor
poetarum~ bleiben. Goethe nahm seine ‚Odyssee‘ noch als Fremdenführer
mit nach Italien und las, als er um Siziliens felsige Küste herumfuhr,
die Abenteuer des klugen Dulders mit dem Zyklopen Polyphem. Er wußte,
daß der alte Homer, der Schöpfer der ganzen griechischen Kultur, die
Fibel ist, vor die man die Dichter setzen soll, ehe sie eine Nähnadel
zu beschreiben anfangen.
Denn -- und dieses können Menschen unter dreißig Jahren noch nicht
würdigen -- seine Kunst, Menschen und Gegenstände zu schildern, ist
bis zum Ende der Welt meisterhaft. Unter blauem Himmel hat er alles
gemalt, was es gibt, Segelschiffe, Pferdegespanne, Schilde, Waffen,
Meierhöfe, Mauern, Kleider, Webstühle, Flüsse, Meere und Berge. Man muß
nur daran denken, wie er die Dinge, die er beschreibt, zusammensetzt:
Einen Helden im Kriegskleid läßt er sich vor uns gürten und Stück für
Stück ankleiden, da steht er. Ein Schiff im Wind auf dem Meer läßt er
vor uns im Hafen langsam aufbauen, da fährt es. Einen Hund, der uns
interessieren soll, läßt er vor uns aufleben von seinem ersten Tage an
bis zu seinem letzten, daß wir wie auf ‚du und du‘ mit ihm stehen und
traurig werden wie beim Tode des alten Attinghausen, wenn er verlassen
und vergessen auf dem Miste liegt und beim Anblick seines nach zwanzig
Jahren heimkehrenden Herrn, des Odysseus, den kein Mensch erkennt,
schwach mit dem Schwanz wedelt und dann vor Erschütterung stirbt.
Niemals aber kommt es vor, daß sich Homer an seinen Gegenstand
verliert, weil er der naivste und darum der größte Dichter ist, den
die fünf Erdteile besitzen. Nicht kalt steht er bei seinen Geschöpfen.
Mit allumfassender Liebe sieht er alles an, den strahlenden göttlichen
Helden Achill, wie die kriechende, sterbliche Schildkröte auf dem
Sande davor. Und so wird alles warm für uns unter seiner Hand, das
Größte wie das Kleinste. Darum vielleicht dachten sich ihn die Griechen
blind, weil er nichts und niemanden bevorzugt und keinem andere Farben
mitgibt, als er im Spiegel hat.
Wie aber sind die Menschen, die er geschaffen hat? Es wäre leicht, +nur
das Schlechte+ an ihnen aufzuzählen: So wäre sein Agamemnon geizig
und feig, der Achill jähzornig und neidisch, Ajas dumm und furchtsam
und die Helena schwach und sinnlich zu nennen. Ja selbst sein Himmel
wimmelt von menschlichen Leidenschaften völlig unterworfenen Göttern,
und sein Zeus ist ein schlimmerer Sünder, als sich das Mittelalter den
Teufel vorstellte. Und wenn man seinen Olymp mit Luzians und Offenbachs
Augen anschaut, wird im Nu eine Parodie daraus. Und doch sieht man
seine Geschöpfe darum, weil er sie nicht verschönt und weiß oder
schwarz angestrichen hat, heute noch atmen und mit den Augen rollen,
seine Heroen und Götter und Frauen, wie man von den Bildwerken der
Antike sagt, daß sie nachts in den Museen aufwachen und miteinander
griechisch reden. Homers Himmel kennt keine Heiligen und seine Erde
keine Idealgestalten als Menschen, die leben, wie sie sind, ohne Scham
und ohne Reue, einzig nur das +griechische+ Gewissen kennend: ‚Erkenne
dich selbst und halte dein Maß!‘
Alles dieses aber zu fassen, zu verstehen und zu würdigen, reicht das
Gehirn von Achtzehnjährigen noch nicht völlig aus. Und darum, liebe
Schüler, ich beschwöre euch“ -- und hierbei klang des Oberlehrers
Stimme so einschmeichelnd und verführerisch, wie die Harfe im Palast
des Odysseus zum Schlemmermahl der Freier oder die Laute der Sirenen,
die den heimsegelnden Helden süßer als Vogellieder verlocken wollen
--: „Vergeßt den Homer nicht im Leben und lest bisweilen in ihm, ihr
mögt als Supernumerare, Schriftsteller, Pastöre, Ingenieure oder
Offiziere endigen! Laßt euch von ihm begleiten bis ins vierte und ins
achte Jahrzehnt eures Lebens! Und wenn ihr an eurem Todestage sagen
könnt: ‚Er ist mein bester Freund gewesen‘, werdet ihr reich ins Grab
hinuntergehen.“
Der Oberlehrer Traugott Semmelbart hielt auf einmal erschrocken im
Reden still. Seine Bäckchen waren vor Begeisterung ganz rot geworden,
wie die Schatten der Unterwelt, als sie wieder Blut getrunken. Er sah
auf einmal die Augen seines Primus höhnisch überlegen auf sich ruhen
und fühlte dunkel, daß die Bande der Ordnung in seiner Oberprima in
Verwirrung geraten würden, wenn er nicht schnell wieder die gewohnten
Zügel in die Hand nähme. Mit einem lauten Seufzer, ähnlich dem eines
Halbgottes, der zurück zur Erde kehren muß, wandte er sich von seinem
erhabenen Olymp zur griechischen Grammatik, stieg vom Katheder hinab
und sagte traurig: „Also, noch einmal, Brösicke! Von Vers 722:
ὣς ἔφαθ᾽, οἳ δ᾽ ἄρα νεκρὸν ἀπὸ χθονὸς ἀγκάζοντο.“
Cervantes
Wem heute ein Zahn weh tut oder der Magen schmerzt, der läßt sich
Metall in den Mund oder Pillen in den Magen legen. Oder wer in der
Nacht aufwacht und Herzklopfen verspürt, der rennt am andern Tag in der
Frühe zum Doktor, zieht sich aus, läßt sich beklopfen und behorchen,
und später massieren, elektrisieren oder gar hypnotisieren. So von zehn
Spezialärzten begleitet, lebt der moderne Mensch sein Leben dahin. Wird
er kränker, so legt er seinen Leib in warme Bäder hinein, und wird
er sehr krank, so stiftet er sich einem Sanatorium und läßt ein paar
Wochen lang geduldig allen heilsamen Hokuspokus mit sich geschehen. So
war es vor dreihundert Jahren, da Shakespeare und Cervantes lebten,
noch nicht. Man fragte nach dem Leben des einzelnen nicht viel und noch
weniger nach seiner Gesundheit. Wer sterben sollte und der Roßkur des
Daseins nicht mehr gewachsen war, den ließ man ohne viel Arzneien und
ohne lateinische Worte sterben.
Hier ist ein Brief von dem Dichter des Don Quixote aus dem Jahre
1578, der beweist, wie wenig man sich um das Wohlergehen, ja das
Vorhandensein eines einzelnen Menschen bekümmerte, der noch dazu der
größte Genius werden sollte, den Spanien der Welt zu vergeben hat.
Der Brief des Cervantes ist aus Algier datiert, wo der Dichter damals
als Gefangener des Deys Hassan Aga lebte, sofern man das Dasein eines
Wurmes „Leben“ nennt, und ist an seinen Bruder Rodrigo gerichtet.
Dieser Rodrigo war mitsamt seinen Bruder auf der Fahrt von Sizilien
nach Spanien von algerischen Piraten gefangengenommen worden, war aber
durch ein Lösegeld, das die gute Mutter Cervantes’ zusammengebettelt
hatte, aus der Sklaverei losgekauft und befand sich nun, Zigaretten
rauchend und nichtstuend, wieder am Manzanares. Der Brief des Cervantes
an diesen glücklichen Bruder lautet nun folgendermaßen:
„Ach, mein teurer Rodrigo, mir ist es eselsschlecht ergangen, seitdem
Du dieses Gestade verlassen hast. Mit einem ‚Ach!‘ beginne ich wie
diesen Brief so alle meine Tage. Denke Dir, ich habe einen noch
greulicheren Herrn gefunden, als der erste war. ‚Der lügt wieder
einmal!‘ wirst Du Dir denken, ‚denn das ist schlechterdings nicht
möglich.‘ Aber ich schwöre Dir bei meiner linken Hand, die ich, wie Du
und die Welt weiß, in der glorreichen Schlacht bei Lepanto wider die
Türken verlor, und die nun im Himmel droben auf mich wartet, daß dem
wahrlich so ist. War schon mein erster Tyrann grausamer als Pontius
Pilatus, so war er ein kupierter Hammel gegen den jetzigen. Dieser,
der kein anderer als der Dey von Algier selber ist, ist so tückisch,
daß der Teufel selbst nicht mit ihm zu Mittag speisen würde. Sein
Haus ist mit Ohren und Nasen tapeziert, die er den Gefangenen bei den
geringfügigsten Anlässen abschneiden läßt, und man sagt, er könne
abends nicht einschlafen, ehe er nicht mindestens zwei Christen sich zu
Tode heulen gehört hätte.
Jüngst hatte er mich zu zweitausend Stockschlägen verurteilt. Aber
beim zweiten Schlag mußten sie aufhören, denn beim dritten wäre ich
gestorben vor Wut, daß sie einen Hidalgo zu schlagen wagen. Sie schonen
mich aber, weil sie hoffen, noch mehr Lösegeld als Ohrenschmaus aus mir
herauszuschlagen.
Du kannst Dir ausmalen, was ich unter einer solchen Bestie
durchzumachen habe. Tagsüber mag es noch hingehen, denn man muß
arbeiten, bis man nichts mehr denkt und fühlt, es sei selbst, daß einem
eine Kanone über die Hühneraugen führe. Auch denke ich, wenn ich neben
den anderen Sklaven auf der Galeere mit Ketten angeschmiedet dasitze,
wohl an Kolumbus, der auch Ketten tragen mußte, und es vielleicht noch
schlimmer hatte als ich, und der nun doch in der Seligkeit sitzt und
lacht. Aber des Nachts weiß ich mir oft nicht zu raten und zu helfen
vor Qualen und Schmerzen. In ein graues Wollentuch gewickelt, werde
ich nicht anders denn wie in mein Grab nebst zween anderen in eine
leere Zisterne hineingelassen. Die Heiden decken ein Brett und ein paar
Steine darüber, daß wir nicht entwischen, und nun hocken wir drei uns
schlafen, nachdem wir vorher zur Madonna gebetet haben. Die Finsternis
und der üble Geruch möchten noch angehen, wiewohl die Hölle, wo sie
am tiefsten ist, nicht schlimmer duften kann, als der Rauchfang, in
dem man uns verfaulen läßt. Das Greulichste aber von allem ist das
Ungeziefer, das wir armen Schächer mit unserm letzten bißchen Blut
ernähren müssen. Du erinnerst Dich dieser Menschenfresser sicherlich
noch aus Deinen türkischen Tagen, Bruderherz. Aber sie treiben es itzo
toller als jemals. Morgens, wenn ich mich aus meinem grauen Leichentuch
herausschäle, glaube ich stets wieder die Schlacht von Lepanto, in der
ich wie Du und die Welt weiß, die linke Hand verlor, mitgemacht zu
haben, so voll Blut ist alles.
Kurzum, ich glaube, daß ich, dies alles zusammengerechnet, nicht mehr
lange zu leben haben werde. Halb sterbe ich vor Elend und halb vor
Mitleid, denn der Jammer um mich herum sticht mich oft mehr als alle
Flöhe zusammen. Vollends seit dem letzten Fluchtversuch, der uns durch
den Verrat eines Judas mißlang -- der Teufel möge ihm darum dermaleinst
jeden Tag den Leib aufsägen und heißes Blei hineintröpfeln! -- sind
alle Christen hier verzweifelt, und jeden Abend muß ich wie ein
Proviantmeister meinen Mut unter uns austeilen, bis ich schließlich
selbst keinen mehr habe.
Darum bei den Schutzheiligen unserer Familie beschwöre ich Euch,
Rodrigo, ruhet nicht eher, Ihr hättet mich denn aus dieser Mausefalle
befreit, darin man nur die Schalen vor allem zu essen bekommt, dieweil
der Satan seine Heiden uns vor Augen die Früchte selbst schnabulieren
läßt. Ich habe kaum fünf Zähne mehr im Munde, und diese fünf stehen
alle so verzwickt voneinander, daß ich meine ganze Mathematik
zusammennehmen muß, um eine Rinde altes Brot kleinzukriegen.
Male also der Mutter mein Los in rabenschwarzen Farben und sage ihr,
wenn sie keine Rabenmutter sein wolle, so möge sie das Lösegeld für
mich zusammenbringen, ganz einerlei wie. Sie soll irgendeinem Adligen
bei Hofe weismachen, daß seine Mutter eine Nichte des Onkels vom
Schwager meines Vaters war, oder daß, wie dies wahr ist, das Blut
des Geschlechts der Habsburger, aus dem der König -- Gott segne ihn!
-- selbst entstammt, in uns fließt, und daß es unrecht sei, daß ein
Nachfahre solchen erlauchten Hauses mit diesem Blute die algerischen
Flöhe füttern müsse.
Wahrlich, ich sage Dir, mir ist oft zumute, als sei ich zu Besserem
geboren, als hier mich verschimmeln zu sehen, und ich verspüre
bisweilen einen unendlichen Hunger danach, meinen Namen durch die
Gassen von Madrid schreien zu hören. Wenn ich wieder frei bin -- ich
weine, da ich dieses schreibe --, und erst die Vögel spanisch singen
höre, will ich lachen, wie noch niemals einer gelacht hat, denn ich
weiß, daß es kein Mensch und kein Tier auf der ganzen Welt schlechter
haben kann, als ich es gehabt habe.“
Als der Mann, der diesen verzweifelten Brief geschrieben haben würde,
wenn er Schreibpapier gehabt hätte, heimgekehrt und fünfundfünfzig
Jahre alt geworden war, schrieb er mit seiner +einen+ Hand und seinem
ganzen Herzen das Leben und die Taten des edlen Don Quixote auf und
wurde damit berühmter als alle Spanier, die vor ihm und nach ihm gelebt
haben. Dieser Don Quixote, der nirgends als in dem Kopf des Cervantes
gehaust hat, ist der große Witz, den eine neue Zeit auf das Mittelalter
gemacht hat.
In diesem Roman wird die ganze alte Empfindungswelt mit ihren
Troubadourliedern, Schäferromanen und ihrem Rüstungsgeklapper von der
Natürlichkeit zu Tode gekitzelt. Darum sollte man im Geiste stets
Cervantes’ Bild neben das des Kolumbus hängen, weil er, wie jener,
die alte Welt verlassend, eine neue Welt entdeckte. Denn er war der
erste Dichter, der sich über das Heldentum und die Liebe, dieses
Grundeigentum aller Poeten, lustig machte und sitzt als Primus auf
der Bank der Spötter, auf der wir heute Shaw und Wedekind gefeiert
sehen. Er hatte in seiner göttlichen Naivität keine Ahnung von seiner
übermenschlichen Bedeutung, und sah, als er sein Werk vollendet hatte,
zu seinem Erstaunen, wieviel sich hineindenken ließ, und wie über
seinen Helden nicht nur gelacht, sondern mehr noch geweint werden
konnte. Wir aber wollen seine Bilder nicht durch Begriffe verwischen,
sondern sie ansehen und anhören, wie große Visionen eines, der mit
einem heiteren und einem nassen Auge eine tote Zeit zu Grabe trägt.
Bei dem Don Quixote des Cervantes kam noch hinzu, was der Dichter
freilich nicht ahnen konnte, daß er damit ein Selbstbildnis der
spanischen Nation aufzeichnete, wie es kein Volk der Erde sonst
besitzt. Denn der Anfang eines neuen Spaniens, den man mit der
Entdeckung Amerikas gemacht wähnte, war nur der Beginn eines traurigen
Abc, das heute schon bis W hinunterbuchstabiert ist. So teilte sich die
Abendröte eines sterbenden Landes auch diesem Romane seines komischen
Helden mit, und als wir weiland Spanien mit großen Worten und lecken
Schiffen in den unglücklichen Kampf um Kuba aussegeln sahen, glaubten
wir nicht anders, als daß wir noch einmal den Auszug des unseligen Don
Quixote erlebt hätten.
William Shakespeare
Es kann an einem schönen Sommertag des Jahres 1612 gewesen sein, als
der Komet Shakespeare, ein Mann von siebenundvierzig Jahren, in seine
Heimatstadt, nach Stratford zurückkehrte. Er war fast fünfundzwanzig
Jahre lang in der Fremde gewesen, in London, wo er als Schauspieler
und späterer Theaterleiter ein Vermögen erworben und seinen guten
Ruf verloren hatte. Wie der Abdruck seines Gewerbes an der Hand des
Färbers, so klebte die Schmach seines verachteten Gewerbes an ihm.
Während die fünfundzwanzig Jahre mit Sonnenschein und Regen, mit Donner
und Blitz und Ungewitter über seine Seele gezogen waren und in diesem
Spiegel Gestalten wie Cäsar, Hamlet und König Lear hineingeschaut
hatten, war es in Stratford ganz wie früher geblieben.
Dort floß noch das Flüßchen, in dem er als Knabe gebadet hatte, wie ein
silberner Fisch im Morgenlicht dem Meere zu. Da grünten die Wiesen, und
Kühe rupften das Gras. Und am Abend, wenn die Nebel steigen, würden
wieder die Elfen kommen und tanzen und Oberon und Titania Hochzeit
feiern, wie er es einstmals aus jungen träumenden Augen belauscht
hatte. Dort war der Abhang, auf dem er immer gelegen hatte, die Chronik
in der Hand, aus der ihm Richard III. und Falstaff und Heinrich IV.
erschienen waren. Dort blühte die Hecke wieder, hinter der er zuerst
geweint hatte, und hinten rauschte der dunkelgrüne Busch, in dem er
gewildert und das Gruseln gelernt hatte.
Ging man ein wenig höher, so kam man auf eine öde Halde, wo ihm
einstmals am Abend die Hexen begegnet waren -- er sah sie noch ganz
deutlich vor sich --, wie sie kichernd und heulend giftige Kräuter
sammelten. Dort stand noch das Rathaus, düster und verwittert und stolz
auf sein Alter, in dem er zum erstenmal Menschen in bunten Trachten
Verse sprechen hörte und bei sich dachte, wieviel herrlicher dies sei,
als toten Kälbern das Fell über die Ohren zu ziehen und Handschuhe
daraus zu machen, ein Gewerbe, das er damals betreiben mußte.
Drüben lag seines Vaters Haus, das jetzt -- man könnte stolz darüber
werden! -- sein eigenes geworden war. Das Dach war schon oft
ausgebessert und geflickt wie ein alter Schuh, und die hintere Seite
zeigte Sprünge und Runzeln und Risse. Aber die vordere Seite hatte der
alte Shakespeare von dem Gelde seines Sohnes neu herrichten lassen und
in kindischer Freude über den Wohlstand des Sohnes mit dem nämlichen
Holz, das der Stadtschultheiß an seinem Hause hatte, bekleiden lassen.
Das war die letzte Freude des Vaters gewesen, der über die Gelder, die
der Sohn ihm von London schickte, fast sein letztes bißchen Verstand
verloren hatte. --
Dort stand die Kirche noch, in der man ihn getauft und getraut hatte,
oft hatte er beides in den ersten wilden Londoner Jahren vergessen.
Die Glocken klangen noch wie früher, nur etwas häufiger und etwas
frommer. Denn Stratford war puritanisch und orthodox geworden, und
man predigte von den Kanzeln gegen die, die am Sonntag die Leute von
den „Versammlungen zu den Heiligen“ zu den „Teufelsversammlungen“ ins
Theater lockten. Und wenn jetzt die Schauspieler in den Ferien vor
die Tore von Stratford kamen, zogen die puritanischen Ratsherren mit
den steifen Mühlsteinhalskrausen hinaus und boten ihnen Geld, daß sie
wieder abzögen und ihre Lämmer verschonten.
Wie würden Marlowe und Greene und alle die tollen Gesellen seiner
Jugend, die Stürmer und Dränger Altenglands gebrüllt haben, wenn sie
dies noch vernommen hätten! Er hörte fast in seinem Ohr die Witze,
die sie darüber reißen würden: „Kommt! Laßt uns Stratford belagern!
Heutzutage verdient man mehr, wenn man +nicht+ spielt, als früher, wenn
man sich heiser schrie.“
„Wo sind jene? Sagt es mir,
Die vor wenig Jahren
Eben also, gleich wie wir,
Jung und fröhlich waren?
Ihre Leiber deckt der Sand,
Sie sind in ein ander Land,
Aus dieser Welt gefahren.“
Er blickte zum Kirchhof hinüber, wo die Kreuze und weißen Steine stumm
über den Toten Wache standen, und mußte ihrer aller, die er gekannt
hatte, gedenken. Dort lag auch sein einziger Sohn Hamlet begraben,
der als Knabe, elf Jahre alt, gestorben war. Die Zypresse auf seinem
Grabe -- so groß würde er jetzt sein! -- schaute eben über die niedrige
Kirchhofsmauer herüber ihn traurig an.
Auf den Straßen aber spielten die Kinder seiner Schulfreunde mit dem
Ball, und keiner kannte ihn, und keinen kannte er. Und er wußte nur,
wenn er jetzt die Straße entlang weiterginge bis zu seinem kleinen
Hause und den Riegel aufdrückte und gebückt in die niedrige Stube
hineinträte, daß dort eine alte Frau, seine eigene Frau, strickend oder
spinnend am Herde säße. Sie würde ihn sonder viel Freude begrüßen, als
sei er fünf Stunden und nicht fünfundzwanzig Jahre fort gewesen, und
dann würde sie darüber keifen und schelten, daß des Nachbars Katze
an der Milch gewesen und -- alles in einem Atem! -- daß ihrer beider
Tochter Judith nun fast dreißig Jahre alt sei und noch immer keinen
Mann erwischt hätte.
Er mußte lächeln, wenn er daran dachte und auch daran, daß man ihm
heute abend eine Bibel an das Bett legen würde, und daß ihm am andern
Morgen früh nicht wie sonst irgendein Kamerad an die Tür trommeln
könnte mit den Worten: „He, William, fauler Hund! Sollen wir heute
ohne dich probieren?“, sondern daß vermutlich ein alter dicker Bürger
zu ihm kommen würde, um mit ihm zu beraten, ob nicht sein Sohn Thomas
und Shakespeares besagte Tochter Judith ein ehrbares Paar ausmachen
könnten, wenn er dem Mädchen eine schöne Aussteuer geben wollte.
Er hatte nicht mehr viel Zeit zum Leben übrig, das wußte er. Nur so
viel, um sein Vermögen zu ordnen, sich ein Grab zu kaufen und eine
Inschrift dafür zu dichten. Er war sterbensmüde und hatte mit den
Menschen, unter denen er herumging, nur den Klang der Sprache noch
gemeinsam. Wie ein Riese unter dem Zwergenvolk, oder ein alter Adler,
der nicht mehr fliegen will, unter Sperlingen, würde er nun abends in
der Schenke unter Stratfords Bürgern sitzen und zuhören, wie teuer in
diesem Jahr das Korn sein würde, und wieviel Eier die Hühner am Tage
gelegt hätten.
Hinter ihm lag eine Welt voll Bildern, wie sie niemand vor ihm noch
nach ihm gesehen hat. Eine Fülle von gesteigerten Gestalten hatte von
ihm den Prometheusfunken des Lebens empfangen, und wenn er die Augen
schloß, schwirrte und toste die Luft um ihn her von Wesen, die von ihm
Blut getrunken hatten. Es schwindelte ihn, und er mußte sich an das
Geländer der Brücke lehnen, die über den lieblichen, vielgewundenen
Avon führte.
Und es war ihm, als rauschte unter ihm sein ganzes buntes Leben, das
arme Leben eines Schauspielers und das reiche eines Dichters, mit
seinen vielen Schmerzen und seinen wenigen Freuden vorüber. Und dann
war ihm, als zöge er selber nun das goldene Tor der Träume und Märchen
hinter sich zu und schritt langsam durch die Welt der Kleinheit dem
Grabe zu, in jenes unentdeckte Land, von des Bezirk kein Wanderer
wiederkehrt. Und er sprach noch einmal die Abschiedsworte Prosperos aus
dem „Sturm“, sein eigenes Lebewohl an die Bühne und an die Kunst, vor
sich hin:
„Ihr Elfen von den Hügeln, Bächen, Hainen
Und ihr, die ihr am Strand spurlosen Fußes
Den ebbenden Neptunus jagt, und flieht,
Wann er zurückkehrt; halbe Zwerge, die ihr
Bei Mondschein grüne, saure Ringlein macht,
Wovon das Schaf nicht frißt; die ihr zur Kurzweil
Die nächt’gen Pilze bildet und am Klang
Der Abendglock’ euch freut, mit deren Hilfe
-- Seid ihr gleich schwache Fäntchen -- ich am Mittag
Die Sonn’ umhüllt, aufrührer’sche Wind’ entboten,
Die grüne See mit der azurnen Wölbung
In lauten Kampf gesetzt, den furchtbar’n Donner
Mit Feu’r bewehrt. Grüfte auf mein Geheiß
Erweckten ihre Toten, sprangen auf
Und ließen sie heraus, durch meiner Kunst
Gewalt’gen Zwang. Doch dieses grause Zaubern
Schwör’ ich hier ab. Und hab’ ich erst, wie jetzt
Ich’s tue, +himmlische+ Musik gefordert,
Zu wandeln ihre Sinne wie die luft’ge
Magie vermag: So brech’ ich meinen Stab
Begrab’ ihn manche Klafter in die Erde,
Und tiefer, als ein Senkblei je erforscht,
Will ich mein Buch ertränken.“
Martin Luther
Seit fast vier Jahrhunderten spaltet der Name Martin Luther wie ein
Axtschlag Deutschland und seine Bewohner in zwei Parteien. Noch heute
wird jener Mann in unseren Schulen +links+ den evangelisch getauften
Kindern als der Befreier und wackere Gottsucher und Finder gepriesen,
und +rechts+ den katholisch getauften als Deutschlands größter Schaden
und als Erzketzer und Sendbote des Satans geschildert. Wahr ist und
bleibt, daß Luthers Werk unser Land in die grimmigste Not und dem
völligen Zusammenbruch nahegebracht und unser Volk vielleicht für
immer, wenn wir nicht die Kraft finden, uns aus diesem Zwiespalt
emporzureißen, seiner Kultureinheit beraubt hat. Das alte Lied, das man
wider Luther seinerzeit auf den Gassen sang, hat sich bis auf unsere
Tage wahr erwiesen:
„Manch’ Burg verwüst in deutschen Landen,
Die vor den Türken wohl wär b’standen.
Das ist das Evangelion,
Daß wir von Luther gelernet hon,
Der euch hat bracht in alle Not,
Daß wir den Feind uns sein zum Spott.
Hätt’ Luther nie kein Buch geschrieben,
Deutschland wär’ wohl in Fried geblieben.“
Seine Tat, sein Protestantismus, hat einmal bewirkt, daß der deutsche
Katholizismus sich seinerseits zur Wehr setzen mußte und darum bis
in unser Jahrhundert hinein einen Fanatismus gezeitigt hat, wie er
in keinem anderen Lande der Welt mehr zu finden ist. Der Deutsche,
der zum erstenmal heute über und durch den Gotthard reist, ist ganz
erstaunt, drüben in Italien kaum eine Zentrumspartei zu finden, und
hört voll Erstaunen die Leute dort viel mehr von ihrem König als vom
Papste reden. Die unselige Vermischung von Religion und Politik, die
unserm Volk im Marke sitzt, kennt der Italiener, der doch unter den
Augen des Papstes lebt, nicht mehr. Bei uns spielt die Frage: „Ist er
katholisch oder evangelisch?“ leider noch in fast allen Beziehungen
eine Hauptrolle, und man hat vergessen, daß der vornehme geistige
Deutsche erst da anfängt, wo diese Fragen aufhören. Ich entsinne mich
aus der Schule, daß uns Evangelischen in der Religionsstunde oft mit
einer überlegenen Ironie gegen die andere Seite gezeigt wurde, daß
Deutschlands große Männer und Künstler, wie Goethe, Schiller, Kant,
selbst Friedrich der Große, lauter Protestanten gewesen waren, so daß
man sich schon ganz stolz im Besitz dieser übrigens in bezug auf ihre
evangelische Religion höchst imaginären Größen vorkam. Bis man erst
jahrelang nach dem Religionsunterricht erstaunt entdeckte, daß Mozart,
Beethoven und Eichendorff es ihrerseits nicht minder zustande gebracht
hatten, große Künstler und Katholiken gewesen zu sein. Der Streit
zwischen Protestanten und Katholiken über den Wert ihres Glaubens, der
in solche Lächerlichkeiten hineingerät, ist bei uns Deutschen zu unserm
eigenen größten Schaden durch Luther entfacht worden. Das ist wahr und
muß, wenn von ihm die Rede ist, gesagt werden.
Aber es darf nicht vergessen werden, daß Martin Luther selber dies
nicht vorhergesehen hat und nicht vorhersehen konnte. Er handelte aus
einem göttlichen Impuls heraus zunächst für sich selber, als er die
fünfundneunzig Thesen anschlug und gegen den auch von den heutigen
Katholiken verurteilten Ablaßhandel in Deutschland Einspruch erhob.
Das souveräne Individuum, der freie Christenmensch in ihm, empörte
sich und stand auf: ~Pereat mundus fiat iustitia!~ „Und wenn die Welt
voll Teufel wär’, es soll uns doch gelingen.“ Ich glaube, daß, wenn
man ihm an jenem Abend vor Allerheiligen, da er an der Schloßkirche zu
Wittenberg seine Thesen annagelte, mit jedem Schlage Roms Herrschaft
durchbohrend, die ganzen Greuel des Dreißigjährigen Krieges vor die
Seele gebracht hätte, er hätte nicht anders handeln können. Der Dämon
eines Genies läßt sich durch keinerlei praktische Erwägungen lahmlegen,
und wer alle Folgen bedenkt, der wird nie zu Taten kommen.
Darum dürfen wir Luther heute nicht mehr angreifen und beschimpfen,
weil sein Werk unermeßlichen Schaden über Deutschland gebracht hat.
Ebensowenig, wie man ihm vorwerfen kann, daß das Ablaßgeld, gegen das
er, der Bauernsohn, tobte, in Rom von den Päpsten hauptsächlich für
+die Kunst+ verausgabt wurde und damit dem Edelsten, was es auf der
Welt gibt, zugute kam. Dieses +für+ Michelangelo und +gegen+ Luther
Partei nehmen, wie es Nietzsche getan hat, ist töricht. Denn man
konnte vom Doktor Martinus trotz aller seiner Gelehrsamkeit nicht
verlangen, daß er die Dinge und das Welttheater schon unter dem
Gesichtswinkel von 1900 ansehen sollte. Für ihn war seine Sache die
wichtigste und heiligste von der Welt, und sie an ihren teilweise
schlimmen Folgen herabsetzen, heißt jedem Genius die Flügel binden.
Übrigens hat Luther später, als er schrittweise angreifend und erobernd
gegen Rom vorging, wohl keinen Augenblick daran gezweifelt, daß er
binnen kurzem das ganze Deutschland zu seiner evangelischen Freiheit
bekehren würde. Das halbe Deutschland war zwanzig Jahre nach den Thesen
auf seiner Seite, mußte er drum nicht meinen, daß nach vierzig Jahren
auch die andere Hälfte seiner Lehre zugefallen wäre? Darum verdreifacht
er oft sein sattsam bekanntes Schreien im Streit, dessen Molltöne uns
heute schon Ohrensausen machen, weil er bei sich dachte: „Voran, Doktor
Martin! Noch ein weniges, und alle Teutschen, Mannen und Frauen, sind
dein!“
Das war seine stärkste Eigenheit, die ihm die Herzen zutrug, der
freudige Mut, mit dem er in jeden Kampf auszog, jene dem Tod und Teufel
trotzende Tugend des germanischen Blutes, der zuliebe selbst der alte
kleine Windhorst später „Bravo!“ gerufen hat, als Bismarck jene Worte
sprach: „Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt.“
Was Kaiser und Könige zittern gemacht hatte und sie bettelnd nach
Kanossa trieb, die Bannbulle des Papstes, Luther verbrannte sie mit
eigener Hand, wobei er die Worte sprach: „Weil du den Heiligen des
Herrn betrübt hast, verzehre dich das ewige Feuer“, und damit sich als
ein Mensch dem Menschen Papst als ebenbürtig zur Seite stellte.
Diese innere Tapferkeit verließ ihn ebensowenig, als er, hierüber zur
Rechenschaft gerufen, den Weg Hussens nach Worms zog und, von allen
seinen wenigen Freunden gewarnt, im starken Gefühl seines Rechts
erklärte: „Ich will nach Worms gehen, und wenn auch so viele Teufel
dort wären als Ziegel auf den Dächern.“ Und mehr noch als seine
weltberühmten Worte vor Karl V., dem mächtigsten deutschen Kaiser, der
je da war, beweist der schlichte Vorgang nach dem Konzil seinen Mut,
daß er nämlich, wie Augenzeugen erzählen, beim Heraustreten aus der
letzten Sitzung die Hände mit gespreizten Fingern hoch emporstreckte,
wie die Deutschen beim Lanzenbrechen zum Zeichen des Sieges zu tun
pflegten, und dabei fröhlich ausrief: „Ich bin hindurch, ich bin
hindurch.“
Um so mehr ist dieser moralische Mut an ihm zu bewundern, weil Luther,
den man sich immer nach seinen späteren Jahren mit einem Schmerbauch
und gesunden Knochen vorstellt, einen höchst anfälligen Körper hatte
und vielleicht der nervöseste unter allen genialen Männern gewesen
ist. Dank einer verprügelten steinharten Jugendzeit war er, der die
Bannflüche von vier Päpsten aufrecht ertrug, zeitlebens so schreckhaft,
daß ihn ein rauschendes Blatt zum Zittern brachte, und so erregbar,
daß er taumelte, als er zum erstenmal als Mönchspriester am Altar den
Kelch erhob. Hierzu kam bei ihm, eine Folge seiner Nervenschwäche und
eines Steinleidens, eine häufige Schwermut und Bitterkeit, mit der vor
allen seine wackere Frau manchen harten Strauß zu kämpfen hatte. Diese
seine Schwarzseherei, die sich überall den Teufel an die Wand malte,
war letzthin so stark, daß er einen Haufen lieber Menschen um sich oder
doch die Laute in der Hand haben mußte, um nicht trübsinnig zu werden.
Sein Haus, das alte schwarze Kloster in Wittenberg, in dem er einst als
Mönch gebetet und gezweifelt, und das ihm nun sein Kurfürst zum ersten
evangelischen Pfarrhaus geschenkt hatte, war stets voll von alten
Tanten, Hauslehrern, Studenten, Kostgängern, Bittstellern, Bettlern und
geistigen Patienten. Und der Doktor konnte am besten schreiben, wenn
draußen unter seinem Fenster seine ältesten mit Melanchthons Kindern
um den Birnbaum spielten, oder das jüngste seiner sechs im Laufkorb
um seine Beine kroch oder an den Akten, Briefen, Bittschriften und
Beschwerden herumzupfte, mit denen in seiner Stube alle Tische, Bänke,
Stühle, Schemel und Fensternischen bedeckt waren. Und das Schönste, was
er je gesagt hat, ist dies: „Es kann mir nichts Schlimmeres in der Welt
geschehen, als wenn mein Sohn Hensichen böse auf mich ist.“
Späterhin erst bei dem alternden Luther trat an die Stelle jenes
tapferen Drauflosgehens die berüchtigte, von seinen Gegnern ihm
immer wieder vorgeworfene Diplomatie oder auf plump Deutsch
„Bauernschlauheit“. Aber was ist begreiflicher und gerechtfertigter,
als daß ein Mann, den die Hitze der Jugend verlassen hat, und der
immer mehr einsehen mußte, daß das Volk eine Herde ist, die dem
Leithammel folgt, und daß die Deutschen besonders gerne nachmachen, was
die Fürsten ihnen vormachen, sein Werk unter den Schutz der Mächtigen
zu stellen sucht! Sein Sach’ war ihm zu heilig und zu ernst, als daß
er sie auf die Spitze des Schwertes stellen wollte und ein kläglich
Ende, wie Sickingen, oder ein blutiges, wie Johann von Leyden, finden
mochte. Freilich, das Liebedienern um die Fürsten, wie es nach ihm oft
die evangelische Hofgeistlichkeit trieb, war nicht in Martin Luthers
Sinn. Der nannte einen Fehler seines Herrn des Kurfürsten dreist
ihm ins Gesicht eine Dummheit. Und man muß seinen Handel mit dem
freimütigen Landgrafen Philipp von Hessen, dem er, weil seine erste
Frau schwer krank war, eine zweite Ehe gestattete, erst einmal genau
durchlesen, ehe man ihn darum doppelzüngig und fuchsschlau nennt.
Jeder, der friedlich in seinem Bette stirbt, ist in gewissem Sinn
ein Kompromißmacher, aber er liegt drum oft nicht weniger heldenhaft
auf seinem Rücken als der, der den Märtyrertod gestorben oder in der
Schlacht gefallen ist. So ist Luther, der uns, wenn auch nicht unter
+eine+ Religion, so doch unter +eine+ Sprache gebracht hat, so ist
Goethe, so Bismarck für Deutschlands Befreiung gestorben.
Ein Heiliger war der Doktor Martin nicht und wollte es nicht sein;
einzig auf den Titel „Reformator“ machte er Anspruch und darf er
Anspruch machen. Solange man aber in Deutschland seinen Namen nicht,
ohne ihn zu verkleinern und zu verfluchen, oder ohne ihn andererseits
mit besonderer Feierlichkeit zu betonen, schlicht und einfach wie den
eines jeden großen Mannes nennt, solange wird es keine Kultur bei uns
geben. Solange wird es keine Lust sein, unter Deutschen zu leben.
Franziskus von Assisi
Aus dem Sonnengesang des Heiligen.
„Gelobt sei, mein Gott, mit allen deinen Geschöpfen
Vornehmlich mit unserer Frau Schwester, der Sonne,
Die den Tag wirkt und uns leuchtet durch ihr Licht.
Und sie ist schön und strahlet mit großem Glanz,
Von dir, o Höchster, ist sie ein Sinnbild.
Gelobt sei, mein Gott durch unsere Brüder, den Mond und die Sterne,
Am Himmel hast du sie gebildet so klar und funkelnd und schön.
Gelobt sei, mein Gott, durch unsern Bruder, den Wind,
Und durch die Luft und die Wolken und jegliches Wetter.
Gelobt sei, mein Gott, durch unsern Bruder, das Wasser,
Das sehr nütz ist und demütig und köstlich und keusch.
Gelobt sei, mein Gott, durch unsern Bruder, das Feuer,
Durch das du die Nacht erhellst.
Und es ist schön und freudig und stark und gewaltig.
Gelobt sei, mein Gott, durch unsere Schwester, die Mutter Erde.
Die uns versorgt und ernährt
Und viele Früchte ans Licht bringt und bunte Blumen und Kräuter.
Gelobt sei, mein Gott, durch unsern Bruder, den leiblichen Tod,
Dem kein lebender Mensch entrinnen kann.“
Zwei Laienpriester aus der guten Stadt Prag in Boheim hatten sich
Anno 1213 selbander auf die Beine gemacht, um nach Rom zu pilgern und
alldort Seiner Heiligkeit, dem gewaltigen Papst Innocenz dem III., die
Füße zu küssen und seinen Ablaß und apostolischen Segen zu empfahen.
Sie hatten schon viele Wegemeilen hinter sich und dreimal ihre Sohlen
schon völlig abgelaufen, als sie an einem lauen Maienabend in der Stadt
Terni, noch fünf Tagereisen vor der ewigen Stadt, ankamen. Sie wandten
sich an den Podesta des Ortes, wie man in Welschland den „Schulzen“
heißt, und bekamen von ihm eine bescheidene Herberge hinter dem Dome
angewiesen. Sie wuschen sich die staubige Landstraße von Spoleto nach
Terni von ihren Gesichtern ab, verfluchten ganz heimlich, daß nur
der Teufel es hörte, die ewigen Makkaroni, die man ihnen auftischte,
tranken „~aqua~“, bis sie einen Frosch im Magen zu haben glaubten und
wandelten dann gemeinsam einträglich nebeneinander auf den Domplatz
hinaus, um Gott zu dienen. Vor einem großen schwarzen Kruzifix aus
Byzanz in einer finstern Nische am Dom warfen sie sich nieder und
beteten wohl über eine Stunde lang zu dem Gott, der sie von dem
goldentorigen Prag durch fremde Menschen und Städte hindurch glücklich
bis auf dieses Pflaster geleitet hatte, und der ihnen nun bald seinen
leibhaftigen Stellvertreter von Angesicht zu Angesicht zeigen würde.
Als sie nun schon sehr lange auf den Knien gelegen hatten, begann der
ältere von ihnen, der schon mit Friedrich Barbarossa im Heiligen Lande
gewesen war, Kreuzschmerzen zu verspüren. Er stund also auf und fing
an, ein wenig im Schatten des Domes herumzugehen und den Tauben auf dem
Platz zuzusehen, als er auf einmal das größte Wunder erblickte, was er
von Prag bis Jerusalem jemals erschauet hatte.
Es war nämlich ein Mann auf einem Eselein angeritten gekommen, der eine
braune Kutte gleich den Bettlern trug, die unser Böhme wohl auf den
Landstraßen von Perugia gesehen hatte. Sein Gesicht war ganz bleich
und abgezehrt, und ein blonder Bart hing wirr daran, ohne nach einem
Bader zu fragen. Das Sonderbarste an ihm war aber für den frommen
Laienpriester aus Prag, daß er ganz wie er eine Tonsur ins Haupthaar
geschnitten hatte, also geistlich war gleich ihm. Ehe er sich noch
darüber ausgewundert hatte, fing -- o himmlisches Entsetzen! -- der
braune Mann auf dem Eselein laut und herrlich an zu singen, und nicht
etwa das „~Kyrie Eleis~“, sondern ein weltlich Lied, das die Sonne am
Himmel und die Freude auf Erden pries, und dessen Echo der Dom wie ein
aufgewachter Riese vielfach weitergab.
Der Böhme wollte sich voll sittlicher Empörung auf den singenden Reiter
Gottes stürzen: „Bruder! Was treibest du da?“ als plötzlich wie auf
einen Befehl vom Himmel alle Tauben vom Platz und vom Dach des Domes
auf den Mann in der Kutte herniederflatterten, ihn liebkosend umflogen
oder sich ihm, der sich ihrer nicht wehrte, auf Haupt, Schultern und
Arme setzten. Und auf einmal, als hätte man erst diese Huldigung
abwarten wollen, fiel alles Volk, das auf dem Platze beisammen war,
auf die Knie und rief: „Santo Francesco!“ und drängte sich an den
Heiligen heran, um seine Hände oder wenigstens seine Kutte küssen
zu können. Der aber ließ sich weder durch die Tauben noch durch die
Menschen beirren, die ihn umflogen und umknieten, sondern fuhr fort,
laut über den Platz hin mit zitternder Stimme zu singen und zu jubeln,
bis ihm die hellen Tränen über die bleichen Wangen liefen.
Unser Böhme, der dieses ungewöhnliche Bild nicht allein kapieren
konnte, lief zu seinem Gefährten zurück, der sich noch immer in seiner
finsteren Ecke um Gott plagte und zerbetete, und griff ihn an die
Schulter: „Steh auf! Komm mit, itzt sollst du den Antichristen sehen!“
und wies ihm das seltsame Schauspiel. Der heilige Franz auf seinem
Eselein hatte indessen zu singen aufgehört und sich daran gemacht,
die Vögel mit ein paar Krusten Brot zu füttern, die er aus der Kutte
zog, und die ihm selbst viel nötiger gewesen wären als den Tauben.
Aber nichts auf der Welt kam der Wonne gleich, die ihm aufs Gesicht
trat, wenn er schenken durfte oder trösten konnte. Ein paar Krüppel
humpelten nun heran und flehten den Heiligen wimmernd an, mit ihnen
ins Siechenhaus zu gehen, wo die Aussätzigen und Bresthaften seiner
warteten.
„Lebet wohl, meine Brüder und Schwestern“, sprach nun Franziskus zu
dem Volk, das ihn auf dem Markte umdrängte. „Gegen Abend will ich
wiederkehren und euch vom lieben Gott und von unserm Herrn Jesus
predigen.“ Dies sagte er aber nicht anders, wie eine Mutter ihren
Kindern verspricht, vor dem Einschlafen ein paar Märchen zu erzählen.
„Als ich auszog, Gott zu finden,“ fuhr er fort, „da wollte es mir
zuerst nicht gelingen, meine Augen ohne Ekel auf einem Aussätzigen
ruhen zu lassen. Nun kann ich sie mit der Hand streicheln, ohne daß
es mich graut, und vor allen meinen Brüdern sind sie mir die nächsten
geworden, denn sie bedürfen meiner am meisten. Gott hat sie geschaffen
gleich uns, darum müssen sie wohl sein.“ Sprach’s und ritt auf dem
Eselein, dessen Zügel zu führen Männer und Frauen sich stritten, den
Krüppeln nach zum Siechenhaus. Alles Volk aber wälzte sich schweigend
hinterher.
Zu den beiden Böhmen, die staunend und sprachlos dem Zug wie einem
Wundertier nachschauten, hatte sich unversehens ihr Gastwirt gesellt.
„Was! Den kennt ihr nicht,“ hub er an, „den heiligen Franziskum aus
der Bergstadt Assisi? Denkt euch, er heißt eigentlich Bernardone, und
sein Vater lebt noch dort und ist ein reicher Tuchhändler. Und dieser
Franziskus hat einstmals in Saus und Braus gelebt, und wo ein Fest
war in Assisi, war Franzesko dabei und saß, ein Narrenzepter in der
Hand, obenan. Aber eines Tages hat er dieses verlassen, die Feste, die
Frauen und die Freuden, und hat alles, was er nicht schon verschenkt
hatte, feierlich seinem Vater zurückgegeben, selbst das Hemd vom Leibe,
also daß er nackend war vor allem Volke, und der Bischof ihn in seinen
Mantel hüllen mußte. Fünfhunderttausend Lire könnte er jederzeit
wiederhaben, wenn er zum Vater heimkehrte, hat mir der Bruder erzählt,
der jüngst noch mit Tuchballen nach Rom reiste. Aber er hungert und
bettelt lieber und schläft auf den Kirchentreppen. Fünfhunderttausend
Lire im Stiche zu lassen, denkt nur! Darum nenne ich ihn stets
heimlich einen „~pazzo~“, einen Narren, wie die andern ihn laut einen
Heiligen heißen. Aber im Grunde mögen ~pazzo~ und ~santo~ gar nicht so
verschieden voneinander sein!“
Unsere beiden Böhmen schienen wohl ein Gleiches zu denken, sie
betrachteten ihre stillen Bäuche, dachten an ihre kleine, aber hübsche
Pfründe daheim an der Moldau und schüttelten verwundert die frommen
Köpfe. Das also war der +Spielmann Gottes+, von dem man schon in
deutschen Landen sprach, der die Armut über alle Dinge heilig pries,
der einem Bischof, der Stellen in seinem Sprengel verkaufte, den
Stab zerbrochen hatte, und der nicht mehr und nicht weniger als der
niederste von allen Brüdern sein wollte, die er um sich versammelt
hatte, und die gleich ihm ihr Hab und Gut zuvor den Armen geben mußten!
Wollte er mit Jubilieren den Himmel auf Erden verdienen, statt mit
Fasten und Beten?
Ganz in Verwirrung gebracht, folgten die beiden biedern Böhmen
ihrem Gastwirt, der sie am Ärmel zupfte, in die Herberge, wo ein
neuangekommener Kanonikus aus Padua emsig vertieft über einer fetten
Ente nebst Bratäpfeln und Kastanien saß. „Störet euch an jenen
Bettelbruder nicht, meine böhmischen Brüder!“ hub er an, sie zu
beruhigen, indem er vier geröstete Maronen mit einem Zug Chianti
hinunterspülte. „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen, und
unser Herr Christus am Kreuze sprach noch: ‚Mich dürstet!‘ Fasten ist
gut, aber essen ist besser. Kommt! Trinket mit mir auf alle Länder,
darinnen Wein wächset!“
Den beiden frommen Priestern aus Prag wurde jedoch nicht behaglich bei
diesem Schlemmermahl. Wie ganz anders hatten die Augen des Heiligen vom
Weine Gottes geleuchtet, als die roten Äuglein dieses vom irdischen
Moste zwinkerten! So machten sie sich denn beide, nachdem sie zum
Schein ein paar Gläser mitgetrunken hatten, vom Schenktisch fort und
traten auf die Straße zurück. Der Mond war inzwischen aufgegangen
und warf Licht und Schatten um den Dom. Als sie nun in ihre kleine
Nische gehen wollten, um vor dem Schlafen noch drei kurze Vaterunser
zu beten, sahen sie auf einmal des heiligen Franziskus’ Eselein unter
dem Kruzifix stehen und ein Bündlein Heu, das vor ihm auf der Straße
lag, verspeisen. Erschrocken blieben sie stehen, denn gleich daneben
gewahrten sie den Heiligen selbst im Schatten, wie er ein paar Blumen
in der Hand hielt, an denen er roch.
Es war aber eine schöne Jungfrau in Terni, die später die
Lieblingstochter der heiligen Klara, der Freundin des Franziskus,
wurde. Die dauerte es, daß der Heilige auf bloßen Steinen schlafen
sollte. Drum hatte sie in den Winkel am Dom, wo jener zu ruhen pflegte,
schöne rote Rosen hingestreut, damit er auf ihnen sich bette. Als aber
Sankt Franziskus dieses bemerkte, sprach er: „Mit nichten! Das wäre
nicht recht getan, ihr Schwestern Rosen, wenn ich auf euch schlummerte
und euch zerdrückte. Ruhet drum hier neben mir und welkt, bis der Tau
des neuen Morgens euch erweckt!“ Also sprach der Heilige und bettete
sich auf die Erde neben das Eselein und neben die Rosen, deren Duft
ihn im Traum auf Seraphschwingen in den christlichen Olymp hinauftrug.
Und ein paar verflogene Tauben nisteten über Nacht bei ihm in seiner
Kutte und wärmten ihn. Die beiden Böhmen aber, die diesem zuhörten und
zusahen, schlichen sich leise fort in ihre Herberge, und wie sie sich
endlich anschauten, merkten sie, daß sie beide geweint hatten.
So lebte Franziskus, da er auf Erden wandelte, der sich allem und
jedem hier verbrüdert und verschwistert fühlte, der alle Menschen
lieben konnte, nur die Verleumder und Angeber nicht, der, seinen
Sonnengesang anstimmend, den Tod in seiner Zelle erwartete und den
die Kirche für heilig erklärt hat, ohne das Ideal, dem er lebte,
verwirklichen zu können. Er steht vor allen Heiligen uns Deutschen
am nächsten, und darum haben Franz Liszt und spätere Wagnerianer als
bewußte Germanen laut auf ihn hingewiesen: „Kniet nieder! Denn hier
ist Geist von unserm Geiste!“, weil seine Lehre der Religion unserer
Vorfahren vielfach verwandt ist, vor allem in seiner Verehrung für die
Frauen und in der unbegrenzten Liebe zur Natur. Sein Leben hat sich
um +zwei+ Augenblicke bewegt, den einen, da er seine Habe fortgab, um
arm wie Christus zu werden, und den anderen, da er einsah, daß nicht
alle Menschen waren wie er, und daß Egoismus die Welt regiert, und er
darum in größter Verzweiflung seinen Vorsitz im Orden aufgab, um ein
Einsamer zu werden. Vor dieser konsequenten Treue gegen sein Ideal, das
Urchristentum, wirkt der Franziskus unserer Zeit, Leo Tolstoi, recht
wie ein Quacksalber gegen einen Arzt. Die Heilmittel, die Franz von
Assisi den Menschen, die ihn aufnahmen, brachte, waren aber: Armut und
Freude, indem er lehrte und +nicht anders+ lebte, in dem Glauben und
der Glückseligkeit, für die Lessing die Worte fand: „Der wahre Bettler
ist doch einzig und allein der wahre König.“
Dante
„Vor einigen Wochen“, so lautet der Bericht eines ghibellinischen
Ritters aus Ravenna zu Dantes Zeit an seinen Bruder in Verona, „ist
hier ein höchst seltsamer Mensch angekommen. Sein Name ist Dante
Alighieri, und er stammt aus einer vornehmen bürgerlichen Familie zu
Florenz. Er soll alldort am Arno hohe Staatsämter innegehabt haben,
bis er, der ein Demokrat war, von der Gegenpartei der Guelfen und
Schwarzen, ohne irgendeinen anderen Grund als den, daß er nicht zu
ihnen gehörte, aus Florenz verbannt wurde. Seit dem Tage irrt er
heimatlos und schutzlos in Oberitalien von Stadt zu Stadt wie ein
Vogel, dem man sein Nest zerstört hat. Eine Zeitlang hoffte er, daß
der Römerzug des weiland deutschen Kaisers Heinrich VII. ~Anno Domini~
1310 ihn in die Heimat zurückführen würde. Aber der plötzliche jähe
Tod dieses Fürsten, dem man -- ach, in welchen Zeiten leben wir! --
in der Hostie Gift gegeben haben soll, hat Dante jede Hoffnung auf
die Heimkehr geraubt. Und seitdem siecht er dahin an der bittersten
menschlichen Krankheit, an dem Heimweh, dergestalt, daß man ihn oft im
Grase liegen findet, seine Augen immer nach der Richtung hingewendet,
wo Florenz, die herrliche Stadt, am Horizonte liegt. Und ich glaube,
daß er an dieser Wunde verbluten muß. Ich habe mich, wie du siehst, an
ihn gemacht; denn er ist ein großer Gelehrter und kennt alle Sterne
bei ihrem Namen. Er unterrichtet hier zu Ravenna die Jünglinge, und
davon lebt er. Er muß früher ein großes Leben geführt haben, denn
man sagt ihm nach, daß er 33000 Mark Schulden in Florenz hinterlassen
habe. Er war dort verheiratet und hat mehrere Kinder gehabt. Aber seine
Seele hat er schon in seinem neunten Lebensjahre an ein achtjähriges
Kind in blutrotem Kleid zu Florenz verschenkt, die er Beatrice, die
Beseligende, nannte, und die, kaum erblüht, schon dahinstarb, als sei
sie zu schade für diese Zeit. Ihr galten seine ersten Reime und jenes
sonderbare Sonett von Amor, der ihm im Traum erschien:
‚Froh schien er mir; ich sah mein Herz ihn tragen
In seiner Hand; und seine Arm’ umschließen
Die Liebste, schlummernd, eingehüllt in Linnen.
Dann weckt’ er sie, und ließ sie, die voll Zagen,
Demütiglich mein brennend Herz genießen.
Drauf sah ich, wie er weinend ging von hinnen.‘
Es ist wirklich so, als ob diese Maid, bei deren Anblick sein neues,
inneres Leben begann, sein Herz verzehrt habe. Denn er spricht noch
heutigentags immer, sobald er allein ist -- und ich beschleiche ihn
gern in solchen Augenblicken -- mit dieser seiner Beatrice, als sei sie
noch am Lichte, und neulich hörte ich, daß er eine ganze Nacht lang
am Meere ihren Namen ins Leere gerufen habe. Und wenn man angesichts
solcher Begebenheiten daran denkt, wie mehrere florentinische Jünglinge
sein erstes Sonett von dem verzehrten Herzen nach dortiger Sitte
mit Versen beantworteten und ihm den guten Rat gaben, er solle sich
reichlich Hals und Gesicht waschen, so würde er schon wieder gesunden,
dann wird es einem klar, daß es auf Erden zweierlei Sorten von
Menschen gibt: die einen, die von Brot und Wein, und die anderen, die
von Liebe leben. Und unter dieser letzteren Schar steht Dante vor allen
andern.
Wie dieser Mann aussieht, fragst du mich? Er ist ganz braun im Gesicht,
hat eine Adlernase, glänzende Augen und ein starkes Kinn, wie aus Erz
gegossen. Aber er ist sehr klein und geht gebückt, so daß manche von
seiner Erscheinung enttäuscht sind, was ihn bitter kränken muß. Sein
Blick ist immer traurig, und nur einmal sah ich ihn wehmütig lächeln,
als ein paar Frauen ihm nachriefen: ‚Sehet, das ist der Mann, der
hinuntergefahren ist in die Hölle.‘ Seine große Traurigkeit rührt aber
davon, daß er fast fünfzehn Jahre schon im Exile lebt und als freier
Republikaner, der er war, an die Tür der Tyrannen wie ein Bettler
pochen muß, und er, der vielleicht der größte Mann Italiens ist, unter
einer Schar Banditen und heimatloser Geächteter leben muß. Ich habe mir
ein paar Verse von ihm aufgeschrieben, die ich nie lesen kann, ohne daß
mir die Lust zu weinen kommt. Er läßt darinnen seinen Ahnherrn ihm die
Verbannung folgendermaßen prophezeien:
‚Verlassen wirst du all die lieben Dinge,
Die dir am teuersten, und dieser Pfeil wird
Der erste sein von der Verbannung Bogen.
Du wirst dann merken, wie nach Salze schmecket
Das fremde Brot, und welch ein harter Gang ist
Das Auf- und Niedersteigen fremder Treppen.
Und was am meisten dir am Herzen frißt,
Wird die Gesellschaft sein, der bösen, blinden,
Mit der du in dies Tal gefallen bist.‘
Und noch eines von diesem eigenartigen Manne bleibt mir zu erwähnen
übrig: das ist jenes, daß er überaus empfindlich ist gegen Schmerz
und Freude, und die Farbe auf seinem Antlitz, das Rot und Bleich, so
schnell wechselt wie der Himmel im April. Als er seine Beatrice das
erstemal sah, wurde er ohnmächtig und ward wie tot von dannen getragen.
Vor Begeisterung kann er glühen wie ein Schmelzofen, daß man nicht
anders denkt, seine Augen brennten ab, und von Wut und Schmerz kann er
zittern wie im Fieber. Und dabei ist er doch stärker, als mancher, der
alle Tage im Sattel sitzt. Denn der Harnisch, in dem Dante steckt, ist
nicht von dieser Welt. Er hat ein großes Gedicht geschrieben in unserer
+eigenen+ italienischen Sprache, in dem er, von dem frommen heidnischen
Dichter Vergil und dann von Beatrice geleitet, von der Hölle durchs
Fegefeuer zum Himmel schreitet, und der Saum seines Kleides umglänzt
ihn dabei wie ein Heiligenschein. Von der Schönheit der himmlischen
Engelsmusik, die er vernommen hat, kann man nicht mit Menschenzungen
reden. Wie von silbernen Zinken und goldenen Pauken und elfenbeinernen
Harfen klingt sie aus seinen Versen an unser Ohr. Eher noch kann ich
dir von seiner Höllenfahrt erzählen, bei der einem Hören und Sehen
vergeht, und man sich angstvoll an sein Stückchen Leben klammert.
Lieber will ich nachts auf einer kahlen Planke über einen wilden
Wassersturz treiben, als sein ‚Inferno‘ ein +zweites+ Mal wiederlesen!
Er hat in diesem Buche seines Liedes gleichsam eine Fackel genommen
und unsere ganze morsche Zeit in Brand gesteckt, daß nichts von ihr
übrigbleibt als Feuer und schwarzer Dampf und Rauch und Wehgeschrei.
Wahrlich, was für ein Mann muß das sein, der ein solches Jüngstes
Gericht über seine Mitwelt zu halten wagt!“
Dies ist ein Abbild Dantes, des größten Dichters des Mittelalters, der
ein Gipfel des Katholizismus war, wie er niemals wieder erreicht worden
ist, und dem sein Nachkomme in der Kunst, der zweite große Florentiner,
Michelangelo, folgende Verse aufs Grab geschrieben hat:
„Wie groß er war, ist nimmer auszusagen,
Zu hell den Blinden ward sein Licht entzündet ...
Er stieg hinunter zu des Irrtums Reichen,
Uns zu belehren, dann empor zu Gotte.
Der Himmel wehrt’ ihm nicht die hohen Tore,
Dem seine Vaterstadt die ihren zuschloß.
Danklose Vaterstadt, die sich zum Schaden
Ward seines Unglücks Amme. Recht bezeugt das,
Wie Gott den Besten gibt die meisten Leiden.
Steh hier für tausend Zeugnisse dies eine:
Daß nie ein Gleicher so unwürd’gen Bann trug
Wie nie ein größrer Mann als er erschienen!“
Raffael
Der alte schöne Streit, wer größer gewesen sei, Raffael oder
Michelangelo, ist unter uns heute von der intellektuellen Mehrheit
zugunsten Michelangelos entschieden worden. Wir als ~pluralis
maioritatis~ genommen, schätzen heute die Eigenart, das Absonderliche
und Gewaltige, das Persönliche in der bildenden Kunst höher als die
Harmonie, das Maßvolle und Gefügte, das Unpersönliche. Darum liegt uns
Raffael der ~imitateur~ weniger als Michelangelo der ~créateur~. Einer
kultivierteren, geläuterten und geschmackvolleren Zeit wird Raffael,
die Summe seines Jahrhunderts, wieder das Ideal sein, was er den ruhe-
und bildungsbedürftigen Geistern aller Zeiten immer gewesen ist. Seine
Kunst, die sich aus den Werken aller seiner Zeitgenossen und dem Wissen
der ganzen Geschichte vor ihm vollgetrunken hat, wird dann wieder als
ein Gipfel des guten Geschmacks gewürdigt werden.
Lange galt er der Welt lediglich als Madonnenmaler und sein Leben als
das eines Heiligen. Noch die Nazarener in Deutschland verehrten ihn wie
einen Seliggesprochenen und bemühten sich, die ~chronique scandaleuse~
seines Landsmannes und Biographen, des Vasari, zu widerlegen, daß
Raffael infolge wilder Ausschweifungen schon mit siebenunddreißig
Jahren gestorben sei. Man braucht sich nicht gleich für eins dieser
Extreme, für den Heiligen oder den Wüstling, bei Raffael zu entscheiden
und muß doch dem Märchen von dem holden frommen Jüngling, das bei
seinem Namen in den meisten Menschen aufsteigt, widersprechen.
Zunächst war Raffael, der größte Madonnenmaler, so wenig fromm im
strengen christlichen Sinne, wie es Mozart, der größte katholische
Kirchenkomponist, gewesen ist. Der Geist der Renaissance, der Jupiter
und Gottvater eines war, die Plato mit der gleichen Verehrung wie das
Evangelium las, war in Raffael, der sich in einem heidnischen Tempel
bestatten ließ, mächtiger als in den meisten seiner Zeitgenossen.
Michelangelo betete und quälte sich und rang mit seinen Engeln und
seinen Teufeln, und seine Sonette sind voll von Selbstanklagen,
Vorwürfen und Gewissensbissen. Raffael tat seine Sünden wie seine
Freuden lächelnd und mit Schönheit und trug ihre Folgen ebenso. Den
edlen Gedanken, der in der +Absolution+, der Gnade auf Erden, liegt,
faßte seine kindliche Seele ganz. Wenn ihm Leo X. die Hand mit dem
Fischerring des Petrus auf den Scheitel gelegt hatte, fühlte er sich
gerechtfertigt und frei. Die beruhigende Macht, die in dem „~absolvo
te~“ liegt, eine harmonische Natur wie Raffael wußte sie zu nehmen
wie zu geben. Darum hinterließ er keinen einzigen Feind, vermochte er
keinem böse zu sein oder zu grollen, selbst seinem einzigen Nebenbuhler
Michelangelo nicht, der ihn, wo er nur konnte, angegriffen hat. Darum
lautete seine Antwort auf dessen Äußerung, alles, was Raffael in der
Kunst leiste, das habe er von ihm gelernt, vornehm und abweisend: er
schätze sich glücklich, zu einer Zeit, in der ein Michelangelo lebe,
geboren zu sein. Dies ist wie wenn einer mit der bloßen Hand einem
andern ins gezückte Schwert greift und ihn so entwaffnet. Aber dies
tat er nicht aus dem Geist des Christentums heraus: „Liebe deine
Feinde!“. Eine solche Gemütskraft besitzt der Romane durchweg überhaupt
nicht, sondern aus der Vornehmheit des Aristokraten, des Adelsmenschen
in der Renaissance, des vollendeten Edelmannes, des „Cortegiano“,
der Pöbeleien aus dem Wege geht und sie mit Geringschätzung bestraft
oder mit einer Höflichkeit forträumt. +Vornehmheit+ ist überhaupt der
Grundzug im Wesen wie im Leben Raffaels gewesen.
Während Michelangelo, auch darin plebejisch, von einem schiefen
schielenden Diener sich aufwarten ließ und wie ein Einsiedler nichts
nach Küche und Keller fragte, umgab den Raffael ein wahrer Hofstaat,
hinterließ er einen Palast gleich einem Fürsten. Beider Beispiel zeigt,
wie wenig man einem Künstler sein Leben vorschreiben kann und darf.
Eine Schar von Schülern weinte an Raffaels Sarg; als Michelangelo
starb, war man fast froh, daß der alte Riese endlich von der Erde mußte.
Auch darin war Raffael ganz der vollkommen vornehme Mann der
Renaissance, daß er soviel als möglich zu wissen suchte und, so oft
er konnte, mit Gelehrten umging. Nach Lionardo war er sicherlich der
universalste Geist unter den Künstlern seiner Zeit. Darin widerlegt er
völlig die heute wieder oft gepredigte Lehre, daß ein Maler ungebildet
sein müsse, daß das Wissen die Naivität vernichte. Dieser Blödsinn, der
aus Haß gegen die Akademien und das Akademische entstanden ist, wird
durch einen Blick auf Raffael lächerlich gemacht. Naivität ist als
ein Stück göttlicher Jugendkraft eine Veranlagung, die einem Künstler
mitgegeben ist oder nicht, und die durch nichts, auch nicht durch alle
Gelehrsamkeit der Welt in ihm verändert werden kann, eine Macht, die
in einem Künstler, der sie hat, von seiner Knabenzeit bis zu seinem
höchsten Greisenalter wirksam ist. Darum hätte der Raffael mit achtzig
Jahren im Grunde nichts anderes gemalt wie zur Zeit seines ersten
großen Bildes, des „Sposalizio“, und der Vorwurf der Kritiker, den sie
gegen einen Künstler erheben: „er bleibt sich selbst immer gleich“, ist
stets einer der größten Beweise für ihre Dummheit und das Können des
Künstlers gewesen. Die Wissenschaft hat somit das naive Genie eines
Raffael nicht verderben können, der in der griechischen Philosophie wie
einst als Kind in der „dem Himmel nahen“ Bergstadt Urbino zu Hause war
und die Wissenschaft der göttlichen Dinge mit gleichem Ernst und Fleiß
wie die Erkenntnis der Ursachen sich zu erringen suchte. Daß er neben
dieser Gelehrsamkeit, die ihn zum Architekten an der Peterskirche und
zum Archäologen bei der Ausgrabung des antiken Roms befähigte, einen
Takt und eine Herzensbildung besaß, die gleichen Schritt mit seinem
besten Geschmack hielt, beweist das Zeugnis aller seiner Zeitgenossen.
Freilich muß man sich daran gewöhnen, so wie man ihn nicht „fromm“
im kirchlichen Sinne nennen darf, ihm die Eigenschaft der „holden
Kindlichkeit“, mit der man früh verstorbene Künstler gerne schmückt,
+nicht+ zu verleihen. Er war, wenn auch kein Wüstling, doch einer der
sinnlichsten Männer der heißblütigen Renaissance. Als er die Villa
Farnesina mit jenen herrlichen göttlichen nackten Gestalten ausmalte,
die in einem Deckenfries die Geschichte von Amor und Psyche in
heidnischer Heiterkeit vor uns vorüberführen, mußten seine Freunde eine
Frau, von der er nicht getrennt sein wollte, zu ihm auf die Gerüste
bringen, so daß er durch sie selbst nun bei der Arbeit festgehalten
wurde. Es ist einer der für uns Menschen erhabensten Gedanken, daß
das Antlitz der Madonna und Himmelsmutter, wie sie Raffael gemalt hat
und wie sie von Millionen Menschen im Bilde verehrt wird, die Züge --
seiner Geliebten wiedergibt. Nicht so, wie sie „wirklich“ war, beim
Herde oder beim Schmause, zufällig, einen Augenblick lang, sondern wie
er sie sah, auch wenn sie nicht da war oder wenn er mit geschlossenen
Augen von ihr träumte. Dies Bild eines Bildes malte er dann, oder
wie er sich selbst in einem Brief an einen Freund ausdrückt: „Ich
bediene mich beim Arbeiten einer gewissen Idee, die mir vorschwebt.“
Damit ist er der Hort aller idealistischen, gegen die Kunst als
täuschende Nachahmung äußerer Erscheinung gestimmten Meister geworden
und muß folgemäßig einer dem Naturalismus zugeneigteren Kunstperiode
fremder erscheinen. Aber in den Zeiten idealistisch gesinnter
Künstler ist Raffael das herrlichste Exempel für ihre Kunsttheorien.
So war er es in den Tagen Winckelmanns und Goethes wie zur Zeit der
religiös-romanischen Maler, der Nazarener und neuerdings wieder unter
dem Einfluß von Burckhardt und Hermann Grimm. Namentlich die Nazarener,
diese leidenschaftliche Sekte der deutschen christlichen Kunst,
waren glühende Raffaelverehrer. „Wie könnte jemals“, sprach Friedrich
Overbeck, ihr Anführer in Rom, „eine Zeit kommen, wo dieser Meister der
Farben und der Komposition nicht mit +göttlichen+ Ehren bedacht würde?
Wo nicht das Herz eines jeden Malers erzittert vor der himmlischen
Harmonie und Würde und Ruhe dieses Meisters, dessen Bilder, wenn man
sie lange betrachtet, in Wahrheit zu singen scheinen, als seien den
Farben bei ihm Stimmen gegeben. Stets, solange Menschen malen, wird
man ihn als den größten aller Künstler und den Lehrmeister eines jeden
feiern, der nach ihm noch den Pinsel in die Hand zu nehmen wagt.“
Als Overbeck diese Worte, seiner Ideale voll, in Rom hervorstieß, wußte
er nicht, daß bereits in Paris die moderne Malerei begonnen hatte,
daß dort schon neue Menschen lebten, die, wie Manet, vor einem Bilde
von Raffael buchstäblich seekrank wurden. Er machte sich nicht klar,
daß die Wertschätzung auch dieses seines Abgottes wie die eines jeden
großen Künstlers von Zeitströmungen abhängig ist, die man so wenig
wie das Wetter machen kann. Er konnte nicht glauben, daß alles, auch
das größte Geistige einmal vergehen muß, und hatte doch ein Ereignis
miterlebt, das ihn wie nichts andres dazu hätte bewegen müssen. Es
war die Öffnung des Sarges von Raffael im Jahre 1833, die er in einem
Briefe an seinen Freund Veit wie die Aufdeckung eines heiligen Grabes
beschreibt. Es war am Kreuzerhöhungstage genau um Mittag, als man den
Sarg öffnete. „Welch ein Schauer uns anwandelte,“ schreibt Overbeck,
„als zuerst die Überreste des teuern Meisters aufgedeckt dalagen, das
wirst du aus dem, was unfehlbar in dir selber vorgeht, wenn du dies
hörst, besser abnehmen können, als ich es dir zu sagen vermöchte!“
Das Skelett und vor allem der Schädel waren noch gut erhalten. Die
rechte Hand Raffaels, die jene edlen Werke geschaffen hatte, wurde zur
Erinnerung in Gips abgeformt. Aber siehe da, nach dem Abguß zerfiel sie
vor den Augen der entsetzten Zuschauer wie Staub, ein erschütternder
Beweis für die Vergänglichkeit alles Irdischen, das nie wieder kommt.
Michelangelo in seinen Gedichten
Nicht des Künstlers Michelangelo soll hier gedacht werden, des Malers,
der die Decke der Sixtinischen Kapelle mit seinen Gedanken erfüllte,
die so groß sind, daß wir Menschen von heute uns darunter fürchten
und frieren, des Bildhauers, der aus einem riesigen Marmorblock,
den seine Zeitgenossen zerteilen wollten, in wenigen Wochen die
Kolossalstatue des David herausschlug, der den zürnenden Moses schuf
und die trauernde Mutter Gottes, die stumm vor Schmerz den toten Sohn
in ihrem Schoße hält, und der die Bilder der Nacht und der Morgenröte
aus ihrem steinernen Schlummer erweckte, auch nicht des Baumeisters,
der die letzten welken Jahre seines neunzigjährigen Lebens der Baukunst
und der Gelehrsamkeit weihte und die Kuppel zur Peterskirche in Rom
wölbte, die der Wanderer stundenweit über die ganze Campagna leuchten
sieht. Nein, wir wollen uns hier den unglücklichen einsamen Menschen
vergegenwärtigen, der hinter diesen Werken gestanden, gelebt und
gelitten hat, den Sterblichen, der den Strom des Göttlichen durch sich
rauschen hörte und mit seinen Händen den rohen Stoff, Marmor oder
Farbe, zu etwas Geistigem machte, der über sich selber hinausschuf
und so zugrunde ging. Und diesen, den Menschen Michelangelo, muß man
in seinen Gedichten suchen. Denn in ihnen hat er sich gegeben und
verraten, wie er war, er, der seine eigene Seele sonst nur im Stein
sich ausweinen oder im Bilde aufschreien lassen konnte. Einsam wie
Beethoven, ungesellig wie Timon von Athen, flüchtete er sich, wenn ihn
die Wüste des Alleinseins verschlingen wollte, in Verse hinein, sprach
und reimte er sich wie Friedrich der Große etwas vor, um nicht an der
Überfülle des eigenen Herzens ersticken zu müssen. Während Lionardo da
Vinci wie ein Grandseigneur von Hof zu Hof zog, Raffael alle Welt durch
seine Liebenswürdigkeit entzückte und Tizian mit Kaisern zu Tische
saß und von Venedigs Frauen bis an sein Ende umschwärmt wurde, hauste
Michelangelo wie ein Zyklop, wie Polyphem in seiner Höhle, tagelang nur
von einem alten Weib oder einem Tölpel von Bedienten, der ihm das Bett
machte, aufwusch und kochte, umgeben. Wie Beethoven seine Taubheit, so
machte ihn seine Häßlichkeit menschenscheu: Als Jüngling hatte ihm, als
er im Atelier von Ghirlandajo in Florenz studierte, ein Mitschüler,
den er durch irgendein hartes Urteil verletzt hatte, mit einem Stück
Marmor die Nase zerschmettert. Das brachte einen Zug sklavenhafter,
„malaiischer“ Häßlichkeit in sein Gesicht und trieb ihn immer wie
einen Geächteten aus dem Kreise der Menschen, die einen geselligen
Tauschhandel trieben, fort.
Ob es ihn frauenfeindlich gemacht hat, wie man oft behaupten hört, man
glaubt es nicht, wenn man in seinen Sonetten liest. Ein Mensch, der die
Nacht in ihrer herrlichen Nacktheit geformt hat, kann nicht blind für
Frauen gewesen sein. Eins seiner Sonette, das die Gewandung einer Frau
beschreibt, beginnt:
„Der goldne Kranz, sieh, wie er voll Entzücken
Das blonde Haar mit Blüten rings umfängt;
Es darf die Blume, die am tiefsten hängt,
Den ersten Kuß auf deine Stirne drücken.“
und schließt mit den +männlichen+ Versen:
„Doch größre Lust noch dieses Band genießt
Mit goldner Spitze, das am Mieder preßt
Die holde Brust, dir darf am Busen ruhen.
Der Gürtel schön verknüpft, der dich umschließt,
Mich dünkt, er spricht: Hier halt’ ich ewig fest!
Was würden da erst +meine Arme tuen+?“
+Eine+ Frau hat jedenfalls seinem Leben, als es schon zur Neige ging,
noch einen eigentümlichen Glanz verliehen, das war die Gräfin Vittoria
Colonna, eine Frau aus einem der adeligsten Geschlechter Roms. Das
Freundschaftsverhältnis, das ihn mit dieser klugen Frau verband, die
selbst Dichterin war, und deren Naturell aufs engste mit Kunst verwandt
gewesen sein muß, war für die damalige Zeit etwas äußerst Seltenes.
Wie in allem war auch hier Michelangelo wieder ganz anders als seine
leichtlebigen Zeitgenossen. Seine meisten und seine schönsten Sonette
hat er ihr gewidmet, wie jenes wundervolle Liebeslied, das er ihr mit
einem weißen Blatt übersandte:
„Bald rechts, bald links such’ ich zum Heil die Wege,
Stets mit den Füßen wankend,
Und hin und wieder schwankend,
Ob Tugend ich erwähle oder Sünde;
So irrt auf jedem Stege,
Wer nicht den Himmel sieht, und stürzt in Schlünde.
Daß ich den Ausweg finde,
Daß nicht des Irrtums Beute
Mein freier Geist bei meinem letzten Schritte;
Daß ich nicht ganz erblinde:
Drum, teure Herrin, breite
Dies weiße Blatt ich vor dich hin und bitte:
Den Weg zeig’ meinem Tritte
Mit heil’ger Feder, du! Sag’, sind die Reinen
Gott lieber als die Sünder, die da weinen?“
Mit welch schöner überirdischen Liebe muß er an dieser seltenen Frau
gehangen haben, daß er die Beantwortung dieser Frage von ihr erbat.
Sie war die einzige, mit der er sprechen und, was noch viel mehr
bedeutet, mit der er schweigen konnte. Er, der sonst nie begriff, wie
ein Künstler, der mitten in seinen Arbeiten stecke, Zeit und Gedanken
hernehmen könne, um den Leuten die Langeweile zu vertreiben, wurde Auge
in Auge mit ihr zum Plauderer, der über seine Kunst und seine Natur
sprechen konnte. Ordentlich galant, maßlos galant wie ein Bär oder ein
Riese wurde er vor ihr. Er hatte ihr einmal einige Bilder geschenkt,
für die sie ihm mit ein paar Gedichten dankte, worauf er ihr gleich ein
Sonett zurücksandte, das mit den Worten schließt:
„Ach! Welch ein Wucher, schenk’ ich, schlau wie Diebe
Dir schlechte Bilder, daß ich dann empfange
Gestalten von dir, wahr und schön, als Spende.“
„~Turpissime pitture~“, „ganz jämmerliche Malereien“, heißt es im
Original. Denn auch dies war eine Charaktereigenschaft bei ihm, daß
er niemals mit dem, was er geschaffen hatte, zufrieden war, daß er
sich nie genug tat und immer hinter dem, was er wollte, mit seinem
Vollenden zurückblieb. Und doch muß -- er hätte sonst das Leben nicht
ertragen können! -- muß er, wie Shakespeare, der Schöpfer des „Lear“,
goldene Momente in seinem Leben gehabt haben, wo er fühlte, daß etwas
Übermenschliches ihn durchrieselte, wo er das Rauschen von Flügeln, wie
Heine es beschreibt, über seinem Haupt gehört hat und wußte, daß sein
Name noch nach Jahrhunderten über Italien erklingen würde.
In seinen Gedichten freilich findet sich keine Zeile, die von diesem
Glücks- und Größegefühl spricht. Außer Gelegenheitsgedichten, Sonetten
oder Madrigalen, die er zum Dank für geschenkte Früchte, für Käse
oder Wein seinen Freunden verehrte, ist es immer nur das dunkle Echo
seiner Leiden und seiner Sünden, das er in seinen Liedern wachruft.
Stets quälte er sich selbst oder litt als echter frommer Katholik an
schlechtem und schwachem Gewissen.
„Von Kindheit an ward mir das Los gegeben,
In trüber Dämmrung traurig hinzuleben.“
sang er von sich oder:
„Blind ist die Welt und nur Verrätern treu,
Ich aber, Haß und Ehre gleich verachtend,
Geh’ still und einsam weiter meine Wege.“
„Seinen eigenen Feind“ hat er sich einmal in einer Strophe genannt.
Auch an der Zeit, in die sein Leben gestellt war, hat er schwer
getragen. Im Mannesalter war es vor allem der Verlust der
republikanischen Freiheit für seine Vaterstadt Florenz, an der er
zärtlich wie an seiner Familie hing, der ihm ins Herz schnitt und ihn
vom Arno fort nach Rom ins Exil trieb, bis er als Leiche im verhüllten
Sarg in einer Frühlingsnacht wieder heimkehrte. Er hatte selbst die
Befestigungsarbeiten geleitet, als Florenz belagert wurde, war aber
dann im Augenblick der Entscheidung, von einer plötzlichen Furcht und
Ahnung befallen, +geflohen+ -- wieder ein Zeichen für den Widerstreit
des Willens, der diesen gequälten Geist hin und her trieb. Später erst,
als er die „Nacht“ in Florenz in der Gruftkirche der Mediceer schuf,
senkte er seinen ganzen Schmerz über die verlorene Freiheit in diesen
Marmor hinein, den er selbst dies Klaglied singen läßt:
„Lieb ist der Schlaf mir und mein steinern Leben,
Solange Schmach und Schande bei uns weilen:
Nichts sehn, nichts hören ist mein ganz Begehren.
Drum wecke mich nicht auf! Geh! Sprich nur leise.“
Es ist keinem, auch Hermann Grimm nicht, seinem besten Biographen unter
uns, gelungen, die Wucht und Trauer dieser Verse in deutsche Reime
zu fassen. Später, als er alt geworden, litt er vor allem unter der
kunstfeindlichen Strömung am päpstlichen Hofe in Rom. Eingeschüchtert
durch die Fortschritte der Reformation in Deutschland, begann man die
Kirche immer mehr zu entweltlichen, und Michelangelo mußte es erleben,
daß Papst Paul IV. die nackten Figuren, die er im Jüngsten Gericht an
die Wand der Sixtina hingemalt hatte, von Stümperhänden mit Kleidern
bemalen ließ.
Neunzig Jahre war Michelangelo alt, als er starb. Ein Freund aus
Florenz fand den alten Mann, den „Greisen, der fast am andern Ufer
angekommen“, kurz vor seinem Tode im strömenden Regen allein auf der
Straße. Wie ein Gespenst lief er, der nicht mehr arbeiten konnte, unter
den Menschen umher. „Nun muß ich sterben,“ sagte er herzergreifend, „da
ich eben anfange, die ersten Laute in meiner Kunst stammeln zu können!“
Drei Tage darauf fand er die Ruhe, nach der er sich so lange gesehnt
hatte. In der Kirche Santa Croce in Florenz wurde er bestattet, unweit
des Friedhofes, +dessen Tote+ er einstmals in dem herrlichen „Lied von
der Vergänglichkeit“, das in Hugo Wolfs Seele zu Musik geworden ist, so
besungen hat:
„Alles endet, was entstehet.
Alles, alles rings vergehet.
Denn die Zeit flieht;
Und die Sonne sieht,
Daß alles rings vergehet:
Denken, Reden, Schmerz und Wonne.
Und die wir zu Enkeln hatten
Schwanden wie bei Tag die Schatten
Wie ein Dunst im Windeshauch.
Menschen waren wir ja auch,
Froh und traurig, so wie ihr,
Und nun sind wir leblos hier,
Sind nur Erde, wie ihr sehet.
Alles endet, was entstehet,
Alles, alles rings vergehet.“
Boccaccio
Dieses ist der Bericht, den der Augustinermönch und Professor der
Theologie Martino da Signa zu Florenz über das Leben und Schreiben
des hochberühmten Giovanni Boccaccio seinem Bruder in Christo dem
Kartäusermönch Ciani zu Siena übersandt hat:
„Du verlangst von mir, mein viellieber Bruder im Herrn, daß ich dir und
der Nachwelt eine Beschreibung von dem weltlichen Dasein unsers für und
für verehrten Meisters Boccaccio geben soll, ähnlich derjenigen, die
er selber von dem größten Sohne unserer Stadt Fiorenza, dem göttlichen
Dante, aufgezeichnet hat, an der sich die kommenden ~saecula~ nicht
minder als wir erfreuen werden. Denn, so schreibst du mit Recht, die
Züge eines großen Mannes im Bilde zu erhalten, ist selber etwas Großes,
und solche Beschäftigung ist ein adliges Tun. Aber wie vermöchte ich
die Feder so leicht und gewandt zu führen, das Wesen dieses Dichters
zu schildern, der zart wie eine Mücke über unsere Zeit hinflog und
ihr das Blut aussaugte, um es kommenden Geschlechtern zuzubringen.
Niemals würde es mir gelingen, ein würdiges Abbild seines Lebens, wie
es heute vor uns liegt, aufzuzeichnen, wie solches jenen Heiden vor
Christo, einem Plutarch oder Polybius wohl geglückt ist, die weniger
fromm, aber auch weniger einfältig als wir gewesen sind, und die unser
Meister Boccaccio darum so über alles geschätzt hat. Versuche darum
nicht, mich zu einem Werk, das ich nicht leisten könnte, anzustacheln,
auf daß ich nicht vor den späteren Zeiten dastehe wie Petrus, da
er über den See von Genezareth gehen wollte, darinnen er beinahe
versoffen wäre. Sondern vernimm aus diesem Schreiben nur das Wenige und
Einfältigliche, das ich für deine Ohren allein von dem irdischen Dasein
des Messer Boccaccio zu sagen weiß, vielleicht, daß du selber aus
diesem Hanf, den ich dir reiche, Seide spinnen und eine wirkliche wahre
Lebensbeschreibung des großen Mannes entwerfen könntest.
Geboren ward unser Meister im Jahre des Heils 1313, zu einer Zeit
also, da der König der Deutschen, Heinrich der VII., zum letztenmal
versuchte, unser von den schwäbischen Kaisern, den Hohenstaufen,
verwüstetes schönes Land unter Germanien zu bringen, und da der Herr
der Christenheit, der selige Papst Clemens V., die Residenz St. Peters
nach Avignon verlegte und damit die babylonische Gefangenschaft der
Kirche begann. Wie sich um die Ehre, einen Homer der Welt geschenkt zu
haben, sieben Städte in Griechenland wie Kinder um eine Brezel gezankt
haben sollen, wissen bei Boccaccio die drei Städte Paris, Florenz und
Certaldo im Gebiet von Siena nicht genau, in welcher von ihnen der
Meister zuerst seine Augen aufgeschlagen hat. Ich weiß es auch nicht
und hinterlasse die Entscheidung darüber als ein rechtes Fressen den
gelehrten Männern, die nach mir kommen und die die Kirchenbücher und
Archive danach durchstöbern mögen, bis sie geschliffene Gläser vor
den Augen tragen müssen. Tatsache ist, daß er einmal irgendwo geboren
worden ist, und daß er darum eine Mutter gehabt haben muß, wenngleich
keiner sie kennt und er selbst sie nicht mehr kannte. Ob sie, mag sie
nun eine hübsche Pariserin oder eine kluge Florentinerin gewesen sein,
von Lorbeeren geträumt hat, da sie mit ihm schwanger ging, gleich der
Mutter Dantes, das vermöchte nur ihr Beichtvater zu sagen. Und der ist
lange tot wie sie. Einige Feinde unseres Meisters, sonderlich die, die
sich ihr Gewissen an den anzüglichen Stellen in seinen Schriften wund
und blau stoßen, meinen zwar, seine Mutter habe geträumt, sie läge
unter einem Eichenbaum auf einer grünen Wiese neben einer klaren Quelle
und habe dort einen Sohn geboren. Der habe sich eine Weile von den
Eicheln genährt, die vom Baume herniederfielen, und sich plötzlich, so
schien es ihr, in ein Schwein verwandelt. Das Tier sei dann grunzend
in den Quell gestiegen und habe mit seinem Rüssel die Erde aufgewühlt,
also daß ein Morast aus der Quelle geworden sei, der die ganze Wiese
überschwemmt hätte. Alles dies deuten sie sinngemäß auf Boccaccio,
einzig aus Wut darüber, daß er einen sittenlosen Mönch einen Schelmen
heißt und eine nichtsnutzige Frauensperson ein Nickel. Wie es aber in
Wahrheit um seine Frömmigkeit bestellt war, das weißt du, Bruder, der
du ihm oft die Beichte abgenommen hast, besser als alle die, die Dreck
am Stecken haben und damit nach ihm schlagen, nun er sich nicht mehr
wehren und ihnen eine Nase drehen kann, über die noch in sechshundert
Jahren die Menschen lachen würden.
Mit seinem Vater muß unser junger Boccaccio nicht gut gestanden haben,
denn wo er seiner erwähnt, da geschieht es mit den Worten wie ‚ein
fühlloser trübsinniger Greis‘ oder ‚ein roher, stets nur auf Gewinn
bedachter Geizhals‘. Ausdrücke, über die man als unehrwürdige und
unkindliche wahrlich mit ihm gram sein müsse, wenn anders man nicht
bedächte, wie ein junger lebensfrischer Mensch, der Horaz und Ovid
seine Kameraden nennen durfte, einen alten mürrischen Filz lieben
sollte, der ihn über sechs Jahre lang zwang, kaufmännische Rechenkunst
zu treiben, einzig aus dem Grunde, weil er sein Vater war. Und
obgleich ein jeder Mensch dem jungen Boccaccio an den Augen ansah,
daß er hinter dem Zahltisch Verse machte und abends im Bett Dante
las, statt Zinseszinsen auszurechnen, so ruhte doch dieser sein nur
auf das Geld erpichter Vater nicht damit, aus dem Sohn ein goldenes
Kalb machen zu wollen. ‚Wenn du mehr zum Gelehrten taugst als zum
Kommercemachen,‘ sagte er zum Sohn, als der von seinem Lehrmeister ihm
als zu dumm zum Kaufmann wieder zugeschickt worden war, ‚so sollst du
mir das Rechtsstudium ergreifen und die päpstlichen Gesetzsammlungen,
das heilige kanonische Recht, statt deines gottvermaledeiten Dante
auswendig lernen. Denn der Mensch ist auf der Welt da, um Gold zu
machen, wie die Henne, um Eier auszubrüten. Und wer nicht das Vermögen
seines Vaters zum mindesten verdoppelt, der ist ein Lumpenhund, ein
Tagedieb, ein Schmarotzer, ein Taugegarnichts gewesen.‘
Mit diesen Zärtlichkeiten jagte der Alte unsern göttlichen Dichter in
sechs weitere Sklavenjahre hinein, in denen Boccaccio sich vergeblich
bemühte, die ~dicta Gratiani~ und die Dekretalen Gregors IX. in sein
Gehirn unterzustopfen, das die Poesien aller Zeiten und Völker bereits
in sich hereingeschmuggelt hatte. So daß er seit jenen Jahren einen
wahren Haß gegen alles Juristische in sich verspürte, und wenn er eines
Advokaten oder Notars ansichtig wurde, zu zittern begann, gleichwie ein
Pferd, das von ferne ein Kamel herankommen sieht.
Kein Wunder war es demnach fast, daß unser Dichter, der von seinem
Vater, wenn es eben anging, so weit weg lebte, wie Neapel von Florenz
liegt, nicht mehr als fünf Tränen herausdrücken konnte, als ihm ein
Bote die Nachricht brachte, daß dieser Vater an der Pest dahingegangen
sei. Denn nun konnte er die Rechtsgelahrtheit mit gutem Gewissen
denen überlassen, die besser damit fertig wurden als er. Er fuhr --
es verdreußt mich, dieses von ihm zu vermelden -- mit einer gewissen
stillen Heiterkeit nach Florenz zurück und summte bisweilen Liedchen
vor sich hin, die zu seiner schwarzen Trauerkleidung paßten wie eine
Gitarre in eine Kirche. Und doch, wer von uns sündhaften Menschen hätte
ihm darob lange böse sein können! Denn siehe, das Leben lag nun vor ihm
so lustig und frei wie der dritte Tag des Dekameron: Er konnte jetzt
dichten und singen von früh bis spät und selbst in der Nacht aufstehen
und aus einem falschen Reim einen guten machen, denn am nächsten Tage
hatte er ja nichts anderes, +schlechteres+ zu tun. Er konnte ein Haus
führen und einen Schmerbauch tragen -- er nannte sich selber damals
vor dem Spiegel ‚ein kleines Faß‘. Er konnte im Sommer in Certaldo
Blumen zum Kranze und Worte zu Gedichten winden. Er konnte seinen
Freund und Meister Petrarka zu sich laden, so oft er wollte und jener
es ihm gewährte, und konnte mit ihm wochenlang über die großen Sänger
und Männer des Altertums disputieren, eine Beschäftigung, die sie
etwas vermessentlich ‚+Humanismus+‘ tauften, nicht anders als ob die
Christenmenschen seither bis auf sie im Zustand der wilden Säue gelebt
hätten!
Sein Glück vollkommen zu machen, war unser Boccaccio +nicht+
verheiratet, denn die Liebe seiner Fiammetta war nur ein Flämmchen
und kein Kochofen geworden. Und wie sein Freund und Meister Petrarka
die herrliche Laura nur wenige Male gesehen hatte, um sie dann
unaufhörlich besingen zu können, so erging es auch unserm Dichter
mit seiner Fiammetta, welche bekanntlich als Tochter König Roberts
von Neapel ein Kind der Liebe war, was einige ja auch von unserm
Boccaccio selber behaupten. Feststeht, daß Fiammetta schon verheiratet
und Mutter war, als der Dichter am Ostersonnabend des Jahres 1338 in
der San Lorenzokirche bei der Frühmesse zum ersten Male die schöne
Neapolitanerin in grünem Kleide erblickte.
So sehr aber trug unser Poet ihr Bild in seinem Herzen, daß er erst,
als viele Jahre hinter diesem Blick lagen, noch einmal sein Herz an
ein Weibsbild, eine schöne und reiche Witwe zu Florenz, verlor. Diese
aber, die drei andere Männer im Sinne hatte, sah nicht das Feuer des
Prometheus in seinen Augen, sondern nur den Gran-Sasso seines Bauches,
und wies seine Werbung mit spitzen und garstigen Reden ab. Ein Ofen,
der keinen Abzug hat, der qualmt und raucht, bis allen die Augen
laufen, und so unser Meister auch nach dieser Niederlage: Er schrieb
jene Schmähschrift gegen die Weiber, genannt „Corbaccio“, in der er
selber wie ein wütender, alles zerhackender Rabe auf das Geschlecht der
Frauen, dem doch auch seine gepriesene Fiammetta angehörte, losfuhr und
sie allesamt beschimpft hat, daß man es, wenn man dies Buch gelesen,
leicht mit tausend Xantippen aufnehmen könnte, so viele häßliche Worte
und Gründe hat er einem damit gegen sie in den Mund gegeben. Recht
wie ein Herodes unter die Kinder fällt unser Boccaccio hier zwischen
die Frauen, und er hat sich für diese eine, die ihn +nicht+ nahm, an
ihnen allen gerächt als ein persischer Wüterich, der das Meer mit Ruten
schlagen ließ. Und die Frauen müssen doch wohl da sein, wenngleich --
darin hat er recht! -- ohne sie viel weniger Sünden auf der Welt wären.
Von dem Alter des Meister Boccaccio kann ich dir, Bruder Ciani, weniger
berichten. Und weißt du selbst ja auch mehr davon als ich. Denn du
warst doch der wackere Soldat unserer Kirche, der du auf Geheiß deines
Ordensmeisters Pietro de Petroni von Siena dich aufmachtest, um nach
der Weisung dieses deines verstorbenen Oberen den fast fünfzigjährigen
Boccaccio zur Buße und zur Umkehr von seinem sittenlosen Lebenswandel
zu ermahnen. Du selbst hast es mir oft erzählt, wie er da unter der
Wucht deiner Predigten zusammenschmolz wie eine Kerze, wenn der Wind
über sie fährt, wie er weinte wie ein Kind, wenn er seiner lockeren
Schriften und dann der Hölle gedachte, wie er in sich ging und es
als Gottes Strafgericht hinnahm, daß seine drei Kinder, die er außer
christlicher Ehe in die Welt gesetzt hatte, alle längst vor ihm
dahingegangen waren. ‚Mein Töchterchen Violante ist gestorben,‘ schrieb
er mir damals, ‚sie war fünfeinhalb Jahr alt. Von Kindern, die in
diesem Alter sterben, glauben wir, daß sie Engel werden.‘ Du weißt es,
mein Bruder, besser noch als ich, daß er seinen Frieden mit der Erde
und dem Himmel gemacht hatte, als er selbst zweiundsechzigjährig zu
Certaldo von Gott abberufen wurde. Du weißt, daß er mit jenen losen
Geschichtchen von uns Mönchen oder Äbten oder Priestern nur diejenigen
unserer Klerisei am Hemd gezupft hat, die es nicht besser verdient
haben. Denn in unserer Zeit liegt die Geistlichkeit oft im argen,
und manch einer von uns scheint mehr die Zotologie als die Theologie
studiert zu haben, so daß es hohe Zeit ist, daß einer einmal kommt,
diesen Augiasstall auszufegen und unsere Kirche an Haupt und Gliedern
zu reformieren. Derowegen wollen wir unserm Boccaccio nicht über das
Grab hinaus zürnen, der in seinen zehn Tagen des ‚Dekameron‘ eine Welt
aufgebaut hat, die nicht anders ist als die, die unser Herrgott in
sechs Tagen geschaffen hat, das ist voller Farben und Schatten, voller
Freuden und Schmerzen und voller Tugenden und Schlechtigkeiten, alles
durcheinander vermenget bis zum jüngsten Tage.
So: Mehr weiß ich dir nicht weder zum Ruhme noch zum Tadel des Meister
Boccaccio zu berichten. Wer es besser kann, der mache es besser!“
Giordano Bruno
Dem einstigen Dominikanermönch, jetzigem Gefangenen des ehrwürdigen
päpstlichen Inquisitionsgerichtes Giordano Bruno war soeben das
Todesurteil verkündet worden. Am andern Morgen in der Frühe sollte
er auf dem Blumenmarkt zu Rom als Ketzer lebendig verbrannt werden.
„Gelobt sei Gott!“, das war das einzige, was der Bote des Gerichts
aus dem Munde des Gefangenen auf seine düstere Botschaft hin gehört
hatte. Nun lag Bruno wieder allein in seinem Kerker auf einem Bündel
stinkenden Strohes, die Hand, an der die Kette war, unter seinen
Rücken gebogen, die andere vor Frost in den langen Bart gekrampft, und
hielt seine weiße Stirne in das Mondlicht, das durch das Gitterfenster
kam, hinein, als hätte es ihn wärmen können. Nichts hörte man als das
Klirren oder Schleifen der Kette, wenn er sich bewegte; einmal kam
eine Ratte aus einem Loch in der Wand spaziert, lief ruhig an den
Gefesselten heran, schaute ihm traurig zu, nahm einen Strohhalm mit und
lief wieder zu ihren Kindern zurück, um ihnen ein grausiges Märchen
von den Menschen zu erzählen. Stundenlang lag Bruno so da, schaute
offenen Auges in den Mond und sprach mit sich selber. Und sein Leben
wurde ihm in dieser letzten Nacht zu Bildern, die ihm die Abenteuer
eines +fremden+ Menschen zu sein deuchten: Er sah sich als Kind auf dem
einsamen Gehöft seines armen Vaters bei Nola mit Steinen spielen, da
kein Geld da war, ihm Spielzeug kaufen zu können.
Er entsann sich noch der Nächte, wenn fern aus dem Dunkel ein roter
Schein bis in seine Kammer geleuchtet und der Vater ihm erklärt hatte,
daß zwischen Nola und Neapel, wo der Oheim wohnte, ein Berg wachse, der
Feuer speie und bei Tag qualme wie ein Kamin, und daß der Teufel darin
wohne.
Und dann sah er sich zu Neapel selbst als sechzehnjährigen Novizen, wie
ihn das Kloster des heiligen Dominikus aufnahm, und er zuerst „Bruder
Giordano“ genannt wurde. Dreizehn Jahre hatte er dort gelebt, erst
immer in der Sakristei, drei Viertel des Tages verkniend und verbetend,
und dann die letzte Zeit immer in der Bibliothek über Folianten und
Büchern aus allen Ländern gebeugt. Die graue Zelle kam ihm wieder vor
die Augen, drin er gefastet und gebetet und allen Kasteiungen zum Trotz
böse Träume gehabt hatte; ein gelbes geschnitztes Kruzifix hatte als
einziger Schmuck an der Wand gehangen, da er alle Heiligenbilder und
selbst das der Madonna verschenkt hatte, um ganz allein mit seinem
Gotte zu sein.
Er fühlte noch auf seinem Haupte die Kälte der Schere, mit der man ihm
die nun längst überwachsene Tonsur in die braunen Haare geschnitten
hatte, und fror noch beim Erinnern daran. Er hörte sich wieder als
Priester die Messe lesen und die Beichte abnehmen bis zu dem Tage, da
er wie ein Tier aus einer Falle im Dunkeln aus Neapel geflohen war und
ziellos in der Welt umherziehen mußte.
Was hatte er denn Böses getan? Er hatte im Erasmus von Rotterdam und
andern deutschen Büchern gelesen, sich von einem Bruder, der am Hof
Karls V. gelebt, von Luther erzählen lassen und hatte ein paar Gedanken
als Gedichte aufgeschrieben. „Wenn Ihr das verwünschte Schreiben
sein lassen wolltet!“ hatte ihm der gute Prior immer in der Beichte
vorgehalten. „In der Tinte steckt der Teufel wie Gott im Weine. Ihr
braucht nur an beiden zu lecken, so merkt Ihr es. Ein Mönch muß ein
Huhn sein, das seine eigenen Eier +selbst+ aufißt.“
„So wenig Ihr dem Strom gebieten könnt: ‚Fließe nicht mehr!‘ und wie
Ihr die Vögel nicht am Singen, noch die Blumen am Blühen hindern könnt,
es sei denn, Ihr macht ihrer Daseinsform ein Ende, so wenig könnt Ihr
und kann ich dem Weltgeist, der aus mir klinget, den Mund verstopfen,
ehrwürdiger Vater!“ war Brunos Antwort gewesen.
Und dann waren die Jahre in der kalten Fremde gekommen, wo kein Lorbeer
wuchs und keine Pinien sich breiteten, wo die Menschen im Winter Felle
wie die Tiere tragen mußten, und wo man selbst die Marmorsteinbilder
umhüllen mußte, daß sie nicht vor Frost zersprangen. Wieviel Kälte
hatte er, der Neapolitaner, in den finstern Nebelländern ausstehen
müssen! Er sah sich wieder in Paris am Hofe des Königs und an der
Universität dort Vorlesungen über die +Unendlichkeit+ der Welt halten,
wie ein Storch auf einem Beine stehend, während die ihm feindlichen
Professoren die Zuhörer zum Grunzen, Brummen, Heulen, Brüllen und
Winseln aufreizten, bis Bruno ironisch sagte: „Fühlt ihr nun, welch
ein tragischer Gedanke das ist, zu wissen, daß auf andern Sternen
ähnliche Bestien leben?“
Und nach London träumte er sich wieder hin, wo er die glücklichste Zeit
seines Daseins im Hause des französischen Gesandten verbrachte, der
ihm in einem Dachstübchen Quarantäne gewährt hatte. Dort den geliebten
Gestirnen zehn Meter näher, hatte Bruno seine höchsten Gedanken zu
Papier gebracht, und die Stadt, in der damals Shakespeare lebte, war
ihm trotz ihrer schwarzen Straßen, ihrem Kaufmannsgesicht und ihrem
Biergeruch fest ans Herz gewachsen, weil er hier wie ein Vogel im
Norden erst das Singen gelernt und seine schönsten Sonette gedichtet
hatte.
Aber die Entrüstung der gelehrten Ochsen zu Oxford verscheuchte
ihn auch von dort. Die Steine, die ihm die englischen Philosophen
nachwarfen, fielen alle ins Meer, das sie wütend ob der Dummheit der
Menschen verschlang. Der Schatten Luthers lockte Bruno nach Wittenberg,
wo er zwei Jahre lang an der Universität den schweren deutschen
Köpfen vergeblich das Fliegen beizubringen suchte. Nur Hamlet, den
Dänenprinzen, soll er auf dem Gewissen gehabt haben.
Überall war er nur ein Fremdling, ein Vorübergehender, mehr in der
Luft als auf der Erde zu Hause. Einige reckten wohl die Köpfe nach ihm
in die Höhe, aber die meisten kümmerten sich so blutwenig um ihn, wie
die Bauern, die den Acker pflügen, um die Kraniche zu ihren Häupten.
Er hatte sein Vaterland und sein Volk verloren, und keiner um ihn
war da, der seine Sprache verstand. Ahasver, der ewige Jude, findet
überall doch die Seinigen, die er erkennt und die ihm von +Abraham+
her verwandt sind, aber Bruno fand in der Fremde und in seiner Zeit
keinen einzigen, der ihm ähnlich war. Wollte er sich unterhalten, so
mußte er nur große Tote, wie Luther und Kopernikus, aus ihren Gräbern
emporziehen und mit ihnen Dialoge führen.
Man will ihn oft in warmen Sommernächten auf den Stufen der
Schloßkirche zu Wittenberg, an die Luther seine Thesen anschlug,
weinend sitzen gesehen haben wie einstmals Alexander den Großen auf
dem Grabhügel des Achilles. Und wie jener diesen Heros um seinen
Sänger beneidet hatte, so beklagte sich Bruno bei der Nacht, daß ihm
ein Volk fehle, das seinen Ruhm wie den Luthers der Welt verkünde.
Zur evangelischen Landeskirche, zu der Luthers Religion geworden war,
überzutreten, daran hat er nicht eine Sekunde gedacht. Er hat das bis
heute vergessene Wort von der „Deformation“ gebildet und, wie nach ihm
Schiller, geglaubt, daß man, um religiös zu sein, nicht eine Religion
bekennen müsse.
Das Gefühl der Verlassenheit und dieses heimatlose Leben ins Leere
hinaus, das sein Kopf und sein Herz, die in ihm gleich stark waren,
führen mußten, hatten ihn schließlich nach Italien zurückgetrieben. Die
Sehnsucht nach dem Volk, das die Sprache redete, die er schrieb, lockte
ihn mit zauberhafter Macht über die Alpen. Wie das irrende Schiff,
das am Magnetberg zerschellt, zog es ihn, der im unendlichen Kosmos
herumtrieb, in die gefährliche Heimat zurück. „Wie dumm!“ pflegen die
klugen Leute hierbei zu sagen, aber die noch klügeren fügen hinzu: „Wie
traurig und wie notwendig!“
In der Heimat geriet er in das Netz der Inquisition. Er ward
festgenommen und lag nun sieben Jahre lang in Rom im Kerker, um seine
Lehren zu widerrufen. Aber wie konnte er widerrufen, was er doch wußte,
daß die Erde nicht die Welt sei und daß unendlich viele Sterne über uns
brennen, und der Boden, aus dem wir wachsen, nur ein winziges Teilchen
des Alls ist, und daß unsere Erde schon Milliarden Jahre vor Christi
Geburt gelebt hat! Seine einzige Sünde war die, daß seine beiden Augen
schon so weit sahen wie die Fernrohre Anno 1910 und so hielt er denn
in jener letzten Nacht vor seinem Tode, ohne ein Quentlein Reue zu
verspüren, noch einmal Zwiesprache mit den Sternen, die durch sein
Kerkerfenster schauten, und die er alle bei ihren Namen kannte wie die
Menschen ihre Kinder.
Als der letzte erloschen war, kam der Kerkermeister, löste ihn wie ein
Tier von seiner Kette, und Bruno wurde zum Scheiterhaufen geschleppt
und fand den Tod des Phönix, nach dem er sich in seinen schönen Liedern
gesehnt hatte. Seine Asche aber zerstäubte als eine Saat, die in
kommenden Jahrhunderten emporwuchs.
Denn genau dreihundert Jahre nach jenem Tage, da Bruno ohne ein
Wort des Widerrufs, ohne einen Laut des Schmerzes seinen Leib der
Flamme preisgab, stand auf dem nämlichen Platze in Rom eine gewaltige
Menschenmenge, das +junge+ Italien, und jubelte dem eben auf der
Stätte seines Scheiterhaufens enthüllten Denkmal Brunos zu. Der
Unterrichtsminister, ein dicker Herr im Frack, hielt eine glänzende
Lobesrede auf diesen +einzigen+ Philosophen Italiens. Die Sonne aber
wurde bei all dem Lärm neugierig, blickte durch die Februarwolken
hindurch und las die Inschrift auf dem Monument: „Dem Giordano Bruno
das von ihm vorausgeschaute Jahrhundert hier, wo der Scheiterhaufen
gebrannt hat“, sah sich die Menschen an, und verbarg sich weinend
wieder hinter dem Gewölk.
Zur Würdigung Molières
„Es gibt nur +ein+ Genie unter uns, Majestät; es ist Molière.“
Boileau zu Ludwig dem XIV.
Goethe hat sich zwei gleichgroße kritische Verdienste erworben: Er hat
die Augen seiner Mitwelt auf den damals wenig beachteten Rembrandt
gelenkt, und er hat die überragende Bedeutung Molières, dieses größten
Galliers, erkannt. „Ich kenne und liebe Molière seit meiner Jugend“,
hat er einmal zu Eckermann gesagt, „und habe während meines ganzen
Lebens von ihm gelernt. Es ist nicht bloß das vollendete künstlerische
Verfahren, was mich an ihm entzückt, sondern vorzüglich auch das
liebenswürdige Naturell, das hochgebildete Innere des Dichters. Ich
lese von Molière alle Jahre einige Stücke, so wie ich auch von Zeit
zu Zeit die Kupfer nach den großen italienischen Meistern betrachte.
Denn wir kleinen Menschen sind nicht fähig, die Größe solcher Dinge
in uns zu bewahren, und wir müssen daher von Zeit zu Zeit immer dahin
zurückkehren, um solche Eindrücke in uns aufzufrischen“.
Man achte wohl auf dieses „wir kleinen Menschen“, mit welchem Gefühl
ein +Goethe+ vor dem Werke Molières stand, um die ganze Größe jenes
Künstlers zu erfassen. Diese ungeheure Anerkenntnis Goethes sollte
für immer alle Gegner und Kritiker Molières zum Schweigen bringen.
Freilich läßt sich gegen ihn wie gegen alles Menschliche mancherlei
sagen und einwenden, und von diesem billigen Vorteil hat man gerade
gegen Molière gerne Gebrauch gemacht, ja tut es, weil man ihn zumeist
schlecht dargestellt sieht, noch heute vielfach. So könnte man, wenn
man +einseitig+ genug wäre, dies zu wollen, gegen ihn sagen, daß
er seine Fabel nicht zu erfinden und nicht auszuführen weiß, das,
was Aristoteles doch als das erste Erfordernis für den dramatischen
Dichter bezeichnet. Oder man könnte, wenn man +einfältig+ genug wäre,
dies zu können, von ihm behaupten, daß seine Stoffe zu alltäglich,
zu platt und hausbacken wären, daß er sich nicht wie Shakespeare in
seinen Komödien über die tatsächliche Wirklichkeit erheben konnte, und
daß er nie aus seiner bürgerlichen Welt von Wucherern, Quacksalbern,
Kupplerinnen, Tölpeln und anderem Gelichter herausgekommen sei. Es
ist wahr, Shakespeare hat die Menschen viel überlegener angeschaut
und erreicht dadurch, daß er fast einem jeden seiner komischen
Charaktere seinen +tragischen Schatten+ mitgegeben hat, bei denen, die
Verständnis dafür haben, viel tiefere Wirkungen. Der Hintergrund, auf
den Molière seine Figuren stellt, ist lediglich der der menschlichen
Torheit oder der menschlichen Schwäche. Er macht sich über seine
Geschöpfe nur lustig und hat wohl, als er sie schuf, oft Tränen über
sie gelacht, aber nur selten Tränen um sie geweint. Man erinnere
sich nur, wie verschieden die beiden Dichter den +Dünkel+ behandelt
haben, der eine an der Figur des Malvolio, der andere an der des
Herrn Jourdain, des adeligen Bürgermannes, um sich die Malweise der
beiden klarzumachen. Nicht aber, als ob Molière seine Menschen nur
einseitig, +nur typisch+ behandelt hätte, wie superkluge Leute oft
heutzutage behaupten, als ob er seine Menschen auf einen Leisten
gezwängt hätte, dergestalt, daß der eine bei ihm nur geizig, der
andere nur eingebildet und ein dritter nur hypochondrisch gewesen
sei. Nichts ist verkehrter als dieses. Weil er seine Charaktere auf
einen Hauptgrundzug brachte, wußte er doch ebensogut schon wie wir,
wie vielgestaltig eines jeden Seele und Sinnesart ist. Wenn er einen
Geizhals, wie dies sich eben verhält, fortwährend nur von seinem
Gelde, d. h. +eigentlich+ von seiner +Armut+ reden läßt, so vergißt er
doch nicht, ihm eine Reihe ganz anderer Eigenschaften mit auf seinen
traurigen Weg zu geben, als da sind: Eitelkeit, Sinnlichkeit u. a. m.
Daß ein Hypochonder drei Viertel des Tages damit verbringt, sich den
Puls zu fühlen, zu den Ärzten zu laufen und über seine Verdauung zu
reden, ist eben eine Einseitigkeit dieses Menschen, nicht eine des
Künstlers, der aus ihm eine Komödie macht. Von diesem landläufigen
Vorwurf gegen Molière, daß er nur Typen, keine Menschen geschaffen
habe, sollte man diesen Dichter endlich einmal freisprechen und den
Mikrokosmus seiner Gestalten nicht immer durch sinnlose Vergleiche
mit Shakespeares Welt trüben. Man achte nur einmal auf die Kunst, mit
der Molière die Handlung von innen heraus bloß durch seine Menschen
treiben läßt, um zu begreifen, wie lebendig diese sind. Er braucht
seine Fabel oft kaum, er pfropft sie manchmal, weil sie nun einmal
nach Aristoteles’ und Freund Boileaus Ansicht nicht fehlen darf, dem
Schluß seiner Stücke auf, wie z. B. im „Tartüff“ oder im „Geizhals.“
Im übrigen läßt er seine Szenen ohne Zutat ganz einfach von seinen
Menschen aufwickeln und spielen, wie jene von Goethe meistgerühmte
im „~Malade imaginaire~“ zwischen dem Kranken und seiner kleinen
Tochter Louison, „in der mehr praktische Lehren für den Dramatiker
enthalten sind als in sämtlichen Theorien“, oder im „Geizhals“ die
Szene zwischen Harpagon und der Kupplerin. In der Weise, wie sich hier
seine Figuren enthüllen oder sich verstecken, um sich von neuem zu
offenbaren, und wie so das Drama lediglich von den Charakteren, die
sich aufdecken und bloßstellen, weitergetrieben wird, in diesem ist
Molière ein vollendeter Meister. Er vermag einen menschlichen Charakter
im Nu in vielerlei Facetten glänzen zu lassen, hin und her zu wenden
und von hundert Seiten zu zeigen. Namentlich für die kleinen Listen
und Verschlagenheiten des Menschen, für diese ganze +linke+ Seite
unserer Seele, hat er feine Ohren und tiefes Verständnis gehabt. Das
alte Schulwort: „Racine schildert die Menschen, wie sie sein sollten,
Molière schildert sie, wie sie sind“, hat dies treffend ausgedrückt.
Alle läßt er wie in der Natur von ihrem +Egoismus+ in Bewegung setzen,
mag der auf Orden und Titel und Ansehen oder auf Wohlbehagen und ein
Weibchen oder mag er schließlich auf Einsamkeitsverlangen, wie im
„~Misanthrope~“ gehen. Selbst seine Götter, Jupiter wie Merkurius im
„~Amphitryo~“, treibt nichts Heroisches, nein nur Allzumenschliches
auf die Erde. Und dabei -- das trägt ihn über alle Zeiten fort --
moralisiert Molière niemals, es sei denn, daß er durch einen dritten,
den „~raisoneur~“ des französischen Theaters, seinen „Helden“ einmal
die Wahrheit sagen läßt. Sonst hat er die Menschen viel zu lieb, um
sie selber ausschelten zu können: selbst den scheinheiligen Tartüff,
den er von allen Kreaturen Gottes wohl am meisten gehaßt hat, mag er
zum Schluß nicht beschimpfen. „Es muß auch solche Käuze geben“, mit
dieser Weisheit, mit der der harmlose Spießbürger seine ungewöhnlichen
Mitmenschen erträgt, entläßt er die Geschöpfe, die er geschaffen. Ihn,
den Gallier, quälte die Menagerie von Menschen, die er wachgerufen,
mit ihren „Tiergesichtern“ noch nicht wie den Germanen Henrik Ibsen.
Er lachte nur über die komischen Gesellen, Männlein und Weiblein, die
er einfach nach dem Leben abgezeichnet hatte, ohne eine Karikatur aus
ihnen zu machen. Darum war und ist es so ungeheuer schwer, Molière
darzustellen, weil die meisten Schauspieler sich selten damit genug tun
können, „die Bescheidenheit der Natur“, wie Molière sie wiedergibt,
vorzuführen, sondern gerne der lieben Wirkung halber etwas hinzufügen.
Dann kommen Kotzebuesche Kerle und Benedixsche Frauenzimmer, kurzum
Theater, aber keine Menschen von Fleisch und Blut, mit Tugenden und
Lastern zum Vorschein. Vor solchen Fratzen muß dann der Gebildete
zum Buch flüchten, um Molière wieder verstehen und lieben zu können.
Und je mehr man sich mit ihm beschäftigt, um so größer wird er uns.
Kein Künstler hat, ohne sich wie unsere Naturalisten in Kleinigkeiten
und Nebensächlichkeiten zu verlieren, die Menschheit so trefflich
nachgeahmt wie er, mag immer auch der Humor, mit dem er dies tut,
nur von +dieser+ Welt sein. Es gibt ganz wenig Szenen bei ihm, wo
sein Humor etwas von +jener+ Welt hat, von dem Dämonischen, das, uns
unbewußt, uns regiert und unsere Taten tun läßt. Ich denke dabei vor
allem an die einzige Szene im „Geizhalse“, eine Szene, die sich neben
den stärksten Shakespeares sehen lassen kann: Es ist die, wo der
Geizhals nach dem Diebstahl seiner Kassette auf die Bühne stürzt, wie
ein Wahnsinniger nach dem Diebe schreiend, bis er schließlich -- eines
der tiefsten Symbole auf der Bühne! -- sich selbst am Ärmel und am
Kragen packt, als habe er sich selbst bestohlen. Der Dichter verwischt
hier mit Absicht die Grenze zwischen Spiel und Leben, er überspringt
die Rampe und läßt den Geizhals auf der sinnlosen Jagd nach seinem
Gelde ins Publikum hineinreden. Oder man denke an den Schlußakt des oft
zu gering geschätzten „bürgerlichen Edelmanns“ mit seinem grotesken
Größenwahnsinn in der türkischen Maskerade!
Moralisiert auch Molière niemals, so spricht doch eine
+Lieblingstendenz+ von ihm aus vielen seiner Werke, es ist die Neigung
zur Natürlichkeit, die Hochschätzung der Natur wider alles Gekünstelte,
Unnatürliche und Verlogene. So führt er in den „Gezierten“ und in den
„Gelehrten Frauen“ Kampf gegen das affektierte Wesen der Frauen und
läßt die Natürlichkeit, die Naivität triumphieren. So bekriegt er im
„Arzt wider Willen“, und erbitterter im „Eingebildeten Kranken“ -- man
sieht übrigens, wie gerne er ein Thema variiert! -- die Kurpfuscherei
und preist die Naturheilmethode. So gibt er im „~Misanthrope~“, einem
kleinen Volksliedchen, den Preis über fast alle Sonette und Madrigale,
die seine Zeit hervorgebracht hat.
Dieser Abscheu vor aller Unnatur und diese Lobpreisung alles Echten
und Ungemachten kam aus dem großen Herzen dieses Menschen, dem
„hochgebildeten Innern“, wie Goethe sagte, dieses Künstlers, der gleich
unserm Lessing ein reines Herz und eine seltene Vornehmheit besaß.
Der angesichts des Todes seiner Frau, die ihn betrogen hatte, weinend
verzieh mit den wehmütigen Worten: „Du hast nichts dafür gekonnt“,
der als Theaterdirektor todkrank sich nicht schonen wollte, um seine
Arbeiter nicht brotlos zu machen, und der auf der Bühne gestorben ist,
nachdem er seine Rolle unter dem Jubel des nichtsahnenden Publikums bis
zu Ende gespielt hatte.
Emile Zola
Es war im Dezember des Jahres 1861, als ein junger Mensch von
einundzwanzig Jahren, bei dessen späterem plötzlichen Tode die +ganze
gebildete+ Welt Trauer anlegte, Emile Zola, spät abends im Dunkel
die achtzehn Stiegen seiner Behausung im Quartier Latin zu Paris
herunterkroch. Er trug über seinem Hemd als einziges Bekleidungsstück
einen ehemals schwarzen, jetzt rostig-grünen Überzieher und an
den bloßen Füßen ein Paar zwölfmal geflickter, mit Bindfaden
zusammengehaltener Filzpantoffeln. Er blinzelte scheu und erschrocken
mit den Augen, als die Gaslaternen ihn und seine traurige Gestalt in
der schäbigen Schale betrachteten, schlug, zitternd am ganzen Leibe,
den Kragen in die Höhe und bog dann schnell in eine der finsteren
Seitengassen hinein, die ihn und sein Elend verbarg.
Er rannte mehr, als er ging, um nicht zu sehr zu frieren, die hohen
Häuser entlang bis zur Seine herunter, die in Nebel und Nacht gehüllt
schläfrig mitten durch Paris floß. Dort am Fluß lag eine Bäckerei in
einem feuchten Souterrain, wo es noch drei altbackene Brötchen für
einen Sou gab.
Der junge Zola konnte vor Zähneklappern nicht sprechen, er schob nur
ängstlich das Geldstück, das ihm in der Hand heiß geworden war, durchs
Gitter, nahm sein Brot und rannte spornstreichs an den hohen, düsteren
Häusern vorüber zurück. Er hatte seit drei Tagen nichts mehr zu kauen
gehabt. +Doch+, vorgestern war es ihm gelungen, unter einem alten,
dicken Schmöker, den er listig in der Dachtraufe als Falle aufgestellt
hatte, einen Spatzen zu fangen. Den hatte er an einer Gardinenstange
über einem bißchen Holz, das er aus dem Fußboden gebrochen hatte,
geröstet. Aber das arme Tier war so klein gewesen, daß er nach drei
Stunden wieder hungriger wurde als zuvor. So verschlang er denn das
eine Brötchen schon bei dem Aufstieg zu seiner himmelhohen Wohnung.
Oben in der Dachkammer, wo er hauste, lag seine Freundin, die nach
Pariser Frauenart Leid und Lust mit ihm teilte, im Bett und lachte ihn
an, als er mit seinen Brötchen hereintrat. Hier unter dem Dach war es
fast noch kälter als draußen am Fluß. Der Wind heulte ganze Symphonien
über Paris.
Außer dem Bett und einem Ofen, der aber kälter war als Grönland,
stand einem nichts in der kahlen Kammer im Wege. Nur in einer Ecke
lag noch ein alter Seehundskoffer, der auch Tisch sein konnte und
mußte, wenn man ihn in die Höhe stellte. Dieser Koffer aber war das
Allerheiligste in dem ganzen nackten Raume. Denn in ihm verwahrte der
junge Zola seine größten Schätze, mächtige Manuskriptbogen, auf denen
lange Verse geschrieben standen, die sich am Schlusse reimen mußten.
Mit diesen Reimen, die das Los und das Leben der Menschen besangen,
+Menschheitsphantasien+ waren, hatte der Jüngling dermaleinst gehofft,
Paris und die Welt zu erobern, als er noch als Gymnasiast in der
Provence mit gleichgestimmten Freunden die blauen Tage verschwärmt
hatte.
Nach und nach war die Enttäuschung über ihn gekommen. Der Tod seines
Vaters und die völlige Verarmung seiner Mutter trieben ihn aus dem
sonnigen Südfrankreich mitten im Winter in das düstere Paris, wo es
magere Stipendien und noch magerere Freitische gab. Jäh rüttelte ihn
dann das Leben aus dem Traum der Jugend auf: Er fiel zweimal kurz
hintereinander durch das Examen. Die paar Bekannten seiner Mutter,
die ihm bis dahin geholfen hatten, gaben ihn damit auf. Und nun trieb
der junge Zola wie ein Schiffbrüchiger mit seinem Seehundskoffer
und den langen, schon etwas vergilbten Versen seiner Jugend in das
Zigeunerleben der Großstadt hinein.
Ganz langsam gingen ihm die Kinderaugen auf und fielen die Träume um
ihn herunter ab, wie die faul gewordenen Tapeten in seiner Dachkammer.
Und wie er an jenem Abend sich in der kahlen, feuchten Stube wie im
Sarge seiner Jugend umblickte, wurde ihm mit einem Male klar, daß die
Millionen von Menschen in der Stadt unter ihm, von deren Edelsinn und
Nächstenliebe er geträumt hatte, lauter Egoisten waren, und daß die
Gesellschaft sich um den einzelnen nicht kümmert, sondern ihn einfach
verbraucht, und daß unsere Zeit keine Besonderheiten duldet, und daß
die Liebe, dieses überschwengliche Wort, diese höchste Erwartung aller
jungen Seelen, schließlich nichts weiter bedeutet als zwei Menschen,
die Appetit aufeinander haben und voneinander lassen, wenn sie einander
satt bekommen haben.
So wurde aus dem jungen Zola, der im Mondschein Reime schmiedete,
unter seinem Kopfkissen Hugos Gedichte hatte, mit seiner Liebsten
Veilchen pflückte und mit offenen Augen träumte und durchs Leben
nachtwandelte, der +Mann+ Zola, der Verfasser von „Germinal“, der
Freund Flauberts, der Hausbesitzer und reiche Schriftsteller, der das
Aussehen eines Bankbeamten hatte, der erklärte, daß ein Dichter ein
+Arbeiter+ sei wie alle anderen, der nicht mehr betete, weil er zu oft
vergeblich gebetet hatte, der statt an Gott nur mehr an Hunger und an
Liebe glaubte, der Reklame für sich machte und machen ließ, und Romane
in Lieferungen schrieb, der im Winter mitten unter reichgewordenen
Spießbürgern wohnte, der alle Phrasen haßte und alle Dinge bei ihrem
Namen nannte, der den Maschinen ihre Seele ablauschte, der den
Naturalismus für die einzig mögliche Kunstform erklärte, und der an
Kohlengas gestorben ist.
So wurde der Künstler Emile Zola, der das große Epos der Bürgerfamilien
Rougon-Macquart schrieb und mit Riesenlettern sein „~J’accuse~“ an den
Himmel des alten Frankreich unter Napoleon III. hinschrieb, das Anno
1870 an den Folgen der Ausschweifung und des Leichtsinns zusammenbrach
und einen jämmerlichen Tod wie Nana starb. Mit dem sinnlichen
Temperament eines Rubens und dem sittlichen Ernst des Tacitus malte
er die traurige Geschichte und Zeit jenes schwächlichen Monarchen in
überlebensgroßen Bildern ab. Keine verfallende Zeit hat einen größeren
Schilderer und Richter gefunden. Wer diesen Dichter aber, wie dies
einst geschah und heute noch oft geschieht, einen Mann ohne Scham und
Anstand nennt, der begeht damit ein Majestätsverbrechen an der Würde
der Menschheit, die in Zolas Hand nicht weniger sicher als in der
Schillers gelegen hat. Unerbittlich wie Minos in der Unterwelt hat er
alle jene kranken und faulen Seelen, die aus dem Sumpf des zweiten
Kaiserreichs heraufgewachsen waren, in den Tartarus zurückgeschleudert.
Es gibt selten etwas Größeres und Gräßlicheres in der Kunst, als die
Bilder, die Zola von dem Untergange jenes Frankreichs entworfen hat.
Seit Michelangelos „Jüngstem Gericht“ war kaum Ähnliches da, und
keiner außer Zola hat uns Lebende so über den Totenstrom gefahren, der
zwischen uns und unsern Ahnen flutet.
Aber damit nicht müde, so wenig wie Herkules, da er den Stall des
Augias gereinigt hatte, begann Zola in seinen letzten Jahren an Stelle
des weggefegten Schutts die Fundamente zu einer neuen Zeit zu legen.
Schon die große Romanreihe der Geschichte der „Rougon-Macquart“ klingt
aus mit einem weichen Akkord, schließt mit jenem wundervollen Bilde von
dem kleinen Kinde, dem einzigen, ersten, gesunden Sprossen aus jener
Generation von Säufern und Wüstlingen, das mit seinen Händchen nach
der Sonne und den Sternen greift. Und der Sechzigjährige begann seine
+vier+ Evangelien zu schreiben, die er, der sich in seinen Romanen
„Lourdes“ und „Rome“ als der erbittertste Gegner der herrschenden
Kirche erklärt hatte, als moderne lebensfrohe Ideale aufstellte.
Sie heißen: Fruchtbarkeit, Arbeit, Wahrheit und Gerechtigkeit. In
ihnen bricht sein starker Optimismus triumphierend durch. Über alle
Hemmnisse preist er den Sieg des Lebens, hofft er auf den friedlichen
Fortschritt der Wissenschaft und der Menschheit, die sich schon ihren
Planeten unterworfen hat und Raum und Zeit täglich mehr überwindet.
Er war der erste, der uns lehrte, daß man beim Dahinsausen eines
Zuges durch die Nacht ebenso vor Bewunderung erzittern kann, wie beim
Eintritt in einen Tempel, und er fand für das Gefühl: „Nichts ist
gewaltiger als der Mensch“, neue herrliche Worte.
Da riß ihn mitten aus der Arbeit an seinem Roman „Arbeit“ der jähe
schreckliche Tod hinweg. Man darf wohl sagen, daß der Verlust dieses
Mannes für Frankreich kein geringerer war, als der der Schlacht von
Sedan. Denn das große Reformationswerk, das Zola begonnen hatte, war
noch unvollendet, und es steht dahin, ob ein gleich starker und mutiger
Genius es jenseits des Rheines wieder aufnehmen wird. Darum kann
Frankreich das Andenken dieses gewaltigen Künstlers und Reformators
nicht genug ehren, und wenn es selbst seine Leiche statt in das
Pantheon neben die Gebeine +Napoleons des Ersten+ bringen würde.
Graf Gobineau
Kopfhoch, wie zur Zeit, da er lebte, ragt er noch heute aus dem
Bayreuther Menschenkreis um den elbischen Zwergriesen Richard Wagner
hervor: Dieser normännische Edelmann, der, wenn man will, ein Dilettant
war in allen Künsten, die er trieb, aber als solcher anregender gewirkt
hat als manche, die aus ihrem kleinen Glase trinken und ewig die eine
gleiche Scholle bearbeiten. Er war einer von den Mittlern, wie sie
Goethe liebte, ein Universalgenie aus der Familie der Herodote, der
Plinius, der Barthélemy, der Pückler-Muskau. Er war ein Sammler und ein
Reisender, wie es wenige gegeben hat, dieser letzte alte französische
Aristokrat, der seinen Stammbaum auf einen sagenhaften Yarl Ottar und
bis ins neunte Jahrhundert zurückführen konnte, und den das blaue
Wikingerblut, das in ihm kreiste, nie lange an einem Fleck rasten und
rosten ließ. Die Erinnerungen und Reisefrüchte, die er aus Kephalonia,
aus Naxos, aus Neufundland oder anders woher mit nach Hause brachte,
brauchten nicht an der Grenze verzollt zu werden, und kein Milliardär
konnte sie ihm durch Überbieten streitig machen. Es waren exotische
Novellen oder Volkslieder oder alte Keilinschriften oder fremde
Heldengedichte oder Sprichwörter, die er eingehandelt hatte, lauter
geistige Kostbarkeiten und Seltenheiten, deren ungeheueren Wert nur die
Kenner und Liebhaber zu schätzen wußten. Für sich selbst bedürfnislos
wie ein Derwisch opferte er alles, was er besaß oder verdiente, für
die fremden spirituellen Güter, die er in seinem Kopf mit von dannen
trug und die er dann in seinem geliebten Französisch nacherzählt vor
den Augen der zivilisierten Welt auspackte. So verband er als einer der
ersten in der modernen Zeit wieder den Orient mit dem Okzident durch
sein menschliches Gehirn, diesen glühendsten Fokus, der auf dieser Erde
brennt.
Er war kein solch großer Dichter und Könner, daß er seine Sache ganz
auf die Kunst stellen konnte und wollte. Er mochte als Dilettant, der
er in des Wortes bester Bedeutung war, sich gar nicht wie die Poeten
rings um ihn auf ein bestimmtes Gebiet verweisen und spezialisieren
lassen. Sein liebster Titel, den er gern unter alle seine offiziellen
Benennungen auf seine Visitenkarte zu schreiben pflegte, hieß: „Ein
Weltweiser“, und das Attribut, das er am meisten scheute, war das,
einseitig zu sein. Darum war er mit Lust Diplomat, weil es hier
gerade auf Vielseitigkeit ankam, und weil diese Art „Kunst“ keine
festbestimmte und von Regeln abhängige war. Es ließ ihn bei einer
einzigen Kunst gar nicht ruhen. Gleich dem von ihm höchst verehrten
Leonardo malte er, bildhauerte und dichtete er und scharmierte am
liebsten mit allen neun Musen zugleich. Bezeichnend für ihn ist, daß er
selten an einem einzigen Werke arbeitete, sondern meistens drei oder
vier in Angriff hatte. War er orientalisch gestimmt, so übersetzte
er ein persisches Heldengedicht, stand er in Renaissancegedanken
auf, so fuhr er in der Arbeit an diesem Werke fort, hatte er die
Nacht von Marmor geträumt, so machte er sich frühmorgens an seine
Statuen und meißelte an einer „Walküre“ oder einem „Buddha“ herum.
Oder war er schließlich ganz nüchtern aus dem Bett gestanden und
kam ihm beim Waschen und Kämmen keine einzige Impression, so setzte
er sich an seine fachwissenschaftlichen Studien und sprang auf sein
Steckenpferd, die „Rassentheorie“, in der er behauptete, daß die Kultur
Europas von Germanen geschaffen, und daß die ganze Aristokratie aller
europäischen Völker aus dieser blonden Rasse entsprossen sei. Dieser,
sein Lieblingsgedanke, den er hegte und pflegte und für den er sein
Leben lang Beweise sammelte, hat ihn dann auch mit Richard Wagner
zusammengebracht, der in ihm freudig einen seiner Bestätiger entdeckte.
Gobineau lebte, als Wagner ihn fand, seiner Kunst, besser gesagt,
seinen Künsten in Rom. Er war früher Gesandter der französischen
Republik gewesen, bis er auf einmal, vielleicht, weil er sein Vaterland
zu aristokratisch vertrat, brüsk von seiner Regierung entlassen wurde.
Bis dahin hatte er, ein altadliger französischer Edelmann, der durch
die Republik eigentlich heimatlos geworden war, unstet wie Peter
Schlemihl von Land zu Land gelebt: Gestern als Attaché in Persien, das
Jahr drauf als Bevollmächtigter in Neufundland, dann als Gesandter in
Athen, in Rio de Janeiro und wieder ein paar Jahre später in Stockholm.
Ein bitteres Gefühl der Entfremdung hielt ihn soviel als möglich von
Frankreich fern. Was sollte er dort, wo ein nach Zwiebeln riechender
Parvenü wie Gambetta, der Fisch und Kartoffeln mit dem Messer aß,
das große Wort und die Regierung führte. „Das Wort Vaterland
bedeutet heute nichts mehr als das ausschließliche Bestreben, Geld
zu verdienen“, aus diesen seinen Worten spricht ein großer Schmerz
und eine noch größere Verachtung. Sein Stammschloß, das seine Ahnen
erbaut und jahrhundertelang bewohnt hatten, verkaufte er an irgendeinen
reichgewordenen französischen Herrn Meunier oder Jourdain und löste so
die letzte, äußerlich gewordene Beziehung, die ihn mit dem Lande seiner
Väter verband. Ein treuer, brauner Diener, ein Syrier, Honoré genannt,
der Fleisch am Spieß braten und der Kaffee türkisch kochen konnte,
sowie ein paar Perserteppiche begleiteten den heimatlosen französischen
Grafen auf allen seinen Fahrten von Norden nach Süden. Und so gleichsam
zwischen zwei Schnellzügen auf der Reise in Turin, in der nämlichen
Stadt, in der Nietzsche ein paar Jahre später seinen großen Geist
aufgab, ist Gobineau in einem kalten Hotelbett einsam in der Fremde
gestorben.
Von sämtlichen Werken, die er den Gebildeten aller Völker als
Vermächtnis hinterlassen hat, ist seine Dichtung über die „Renaissance“
wohl das wertvollste, sicherlich das schönste. Die meisten, die uns
durch die gewaltigste neuere Zeit unsers Geschlechtes, die wir kennen,
hindurchführen, ziehen uns durch jene Welt wie durch ein Museum an
Bildern und toten Steinen vorüber. Gobineau hat, ohne viel Eigenes
hinzuzutun, jene Riesen im Guten wie im Bösen +selber+ zu uns sprechen
lassen. Gerade das ist das Treffliche an seinen Szenen, daß er nur
schildert, nicht richtet, etwa gar noch aus Rücksichten eines im 19.
Jahrhundert, nicht im Cinquecento Geborenen. Ohne gelehrten Kommentar
läßt er die Menschen und Übermenschen jener Zeit vor uns leben und
sterben: Savonarola oder Karl den V. oder Cesare Borgia oder Julius
den II., dem jenes tragische Geschick fiel, erst als Greis zum Herrn
über Rom und über die Seelen zu werden. Des Tacitus bekanntes Erstgebot
für den Geschichtschreiber ist hier erfüllt. Nicht eine Zeile im Text
noch im Vorwort verrät uns den eigenen Standpunkt des Schilderers,
der die Berichte der Chroniken sowie Briefe und Aufzeichnungen und
Anekdoten aus dem ~cinquecento~ wie einst die Daten und Urkunden zu
seiner Persergeschichte in Iran gesammelt hat, und sie nun in Dialogen
lebendig zusammenreiht. Nichts von Abscheu oder moralischer Entrüstung
über seinen Vorwurf ist aus diesen Szenen herauszulesen, und es ist
kaum einem Historiographen gelungen, die Gestalten der Vergangenheit
so getreu und klar in seinen Zauberspiegel einzufangen. Bei keinem
seiner anderen Werke hat der Künstler Gobineau so schön dem Gelehrten
beistehen und sein Wissen um die Dinge durch die seltene Gabe der
Einfühlung in frühere Zeiten erwärmen können.
So schenken die Szenen Gobineaus uns ein Bild im Hochrelief von der
„Renaissance“, das so wahr ist, wie es überhaupt ein Bildnis und
Gleichnis sein kann, und wer an der Hand dieses Dichters jene Zeit,
wie einst Dante an der Hand Vergils die Hölle, durchschritten hat, dem
wird jedes andere Bild nur flüchtige Wassermalerei bedeuten gegen diese
Erlebnisse.
Maupassant
So war der Mensch Maupassant: Ein gut gewachsener, breitbrüstiger,
muskulöser Kerl mit schönem, starkem braunen Haar, einem gewöhnlichen
Schnurrbart und ein Paar großen ernsten Augen. Nichts fiel auf in
seinem Gesicht, das dutzendweise vorkam und vorkommt, und hätte
sein Name nicht einen so großen literarischen Schatten hinter ihm
hergeworfen, kein Mensch hätte sich auf der Straße nach ihm umgeblickt.
Seine braunrote Hautfarbe sagte einem, daß dies ein Sportsmann sei,
und den kräftigen Armen sah man an, daß er tage- und nächtelang mit
seinem Ruderboot auf der Seine verbracht hatte. Das war die schönste
Zeit seines Lebens, als er noch im Marineministerium herumfaulenzte,
als er noch nicht „schreiben“ konnte und an den Fingern nur Schwielen
von der Ruderstange, nicht von der Feder hatte, und mit lustigen
Freunden und Freundinnen zwischen sechzehn und dreißig die Umgegend
von Paris auf dem Fluß von Charenton bis Argenteuil fröhlich machte.
„Wir waren meist zu fünf Strauchdieben“, erzählt er später selbst mit
der Wehmut und dem Stolz, die einem im Alter überkommt, wenn man von
+seiner+ verflogenen Jugend spricht. „Ich erinnere mich an so seltsame
Abenteuer, so unwahrscheinliche Späße, daß sie heute niemand glauben
würde. Man lebt heute so nicht mehr, selbst nicht auf der Seine, denn
die tolle Phantasie, die uns beständig in Atem hielt, ist in den
gegenwärtigen Seelen erloschen. Wir fünf besaßen einen einzigen Kahn,
den wir mit großer Mühe erstanden hatten, und in dem wir gelacht
haben, gelacht haben, wie wir nie wieder lachen werden.“ Das verlernte
er immer mehr, das Lachen, mit jedem Tag, da er älter und reicher
wurde. Aus dem jungen Burschen, bei dessen Liebesabenteuern ernste
Männer wie Flaubert und Zola vom bloßen Zuhören Seitenstiche vor Lachen
bekamen, kroch ein wohlbeleibter, ernster, blasierter Mann heraus, dem
die Havannazigarre traurig wie ein Wurm im Munde hing, der „für keinen
Groschen Poesie“ hatte, und aus dem das Lachen kurz und vertrocknet
klang, wie aus einem, der den Witz schon kennt, dem er zuhören muß.
Sein Geld machte ihm nicht die Freude, die er von ihm erhofft hatte.
Er war als Schriftsteller ein größerer Geschäftsmann als Beaumarchais.
„Ich schreibe keine Zeile unter einem Franc“, war seine Losung, und
wenn er von Verlegern sprach, geschah es nie, ohne ein „diese Hunde!“
hinzuzufügen, und sein größter Ehrgeiz war, möglichst viele von ihnen
zugrunde zu richten. Als Normanne schätzte er das Geld und konnte
besser rechnen als drei Juden. So hatte er es in wenigen Jahren zu
einem bedeutenden Vermögen gebracht; konnte sich eine Segeljacht, zwei
Häuser, eines in der Normandie und ein anderes in Cannes und vierzehn
Frauen in Paris halten. Konnte seiner Mutter Brillanten zu Weihnachten
schenken und seinem Vater, der stets mindestens dreißig Meilen von
ihr entfernt war, Zigarren schicken, wie sie die Königin von England
nicht teurer rauchte, und hätte mit alldem glücklich sein können gleich
Fortunatus mit seinem Glückssäckel.
Aber sein Reichtum machte ihn ebensowenig fröhlich wie Schopenhauer
und weiland König Midas: die Ärzte und seine Fettsucht verdarben ihm
den Appetit, indem sie ihm, dem Feinschmecker und Vielesser, eine
strenge Diät auferlegten. Das Rosenwasser, in dem er, ein Liebhaber
von Wohlgerüchen, täglich badete, roch er schließlich gar nicht
mehr. Von den Frauen war er übersättigt, sein Ruhm machte ihm auf
die Dauer keinen Spaß mehr, und die Arbeit, die Zola jung erhielt,
machte Maupassant, der stets sehr schnell und mit zwölf Atmosphären
Druck schrieb und schaffte, nur nervös. Dazu kam ein vermutlich schon
ererbter Hang zur Melancholie, der von Jahr zu Jahr wuchs und ihn
immer mehr überschattete. Aus ihm entstand seine große Verehrung für
Schopenhauer, in dessen Pessimismus er die ihm passende Weltanschauung
fand, aus ihm seine Liebe zur Einsamkeit und zur Schweigsamkeit,
sein Menschenhaß und seine Lieblingsbeschäftigung, den Spießbürger,
ohne „Pardon!“ zu sagen, auf die Zehen zu treten. So erschien er in
den letzten Jahren seines kranken Lebens als der dekadente Sproß
eines französischen Adelsgeschlechtes nach der Revolution, dessen
brutale Herreninstinkte sich statt in Hofintrigen oder gefährlichen
Liebesabenteuern oder Feldzügen damit befriedigen mußten, Verleger
um Geld zu pressen oder dem Herrn Meier und Schulze das schmutzige
Hemd aus der Hose zu ziehen oder sich über die schiefgetretenen
Absätze des Fräulein Soundso zu mokieren: als der blasierte, sich ewig
langweilende, verlebte, reiche junge Herr, für den alles, was über
der Materie war, Phrase hieß und abgedroschen war, wie er an Maria
Bashkirtseff schrieb, und gegen den Lord Byron wie ein Naturbursche
wirkt. So traf ihn sein Geschick, das noch viel grausiger war als das
von Oskar Wilde. Am Tisch seiner Mutter in Nizza brach der Irrsinn in
ihm aus, und Ibsens „Gespenster“ wurden lebendig. Er hatte noch die
geistige Kraft zu einem Selbstmordversuch, aber die Dummheit seiner
Diener verhinderte dies. Nach anderthalbjähriger Passionszeit starb er
in der Zwangsjacke im Irrenhaus bei Paris. Seine letzten Worte kurz
vor dem Tode -- und man muß hierbei unwillkürlich an Goethes letzte
vernehmlichen Worte: „Mehr Licht!“ denken -- waren: „Finster, ach wie
finster!“ Kein Geistlicher hat ihn begleitet. Zola, der Mutige, hielt
an seinem Grabe die Leichenrede.
So aber war der +Dichter+ Maupassant, der in diesem Menschen hauste:
ein Schüler Flauberts, ohne jede Tendenz das Leben erfassend und
beschreibend, wie es ist, nackt und nüchtern, nicht beschönigend,
nicht verhäßlichend. Das Entsetzen über den Naturalismus hatte sich
schon in Frankreich gelegt, als Maupassant zu schreiben anfing, so
daß er es nicht mehr nötig hatte, ein Programm aufzustellen und zu
verteidigen, was seiner Kunst nur zugute kam. Er war der größte Meister
im Erzählen, den die Neuzeit kennt, und seine Lust zu fabulieren ist
unerschöpflich gewesen. Vor allem im Beschreiben der Natur, die er
mit dem scharfen Auge des Jägers aufs Korn nahm, ist er groß. Wenn
er eine Landschaft betrachtete, die er schildern wollte, kniff er
gern, ganz wie ein Jäger, ein Auge zu und brachte sie dann in ein
paar Strichen, ein schreibender Impressionist, aufs Papier. Ein Stück
Natur, an dem Flaubert und Zola noch drei Seiten vollmalten, zeichnete
er in drei Zeilen, daß man es sah, roch, hörte und schmeckte. Vor
allem die Normandie, seine Heimat, mit ihren Apfelbäumen und ihrer
kräftigen salzigen Seeluft, und die Riviera, seine Nervenweide,
mit ihren Palmen und ihrem lauen, sinnlichen Duft, traf er wie ein
Photograph, und manche seiner Bilder daher wirken, wenn man sie liest,
mit der Anschaulichkeit von Ansichtskarten. Unter den Menschen, die
aus der Kamera seines Gehirns herauskommen, gelingen ihm die harmlosen
Bürger und stumpfsinnigen Bauern am besten, und von den Frauen die
mondänen, leichtfüßigen, parfümierten. „Du mußt den Kerl, den du
beschreiben willst, an seiner Nase packen und hin und her biegen, bis
du ihn in dir hast“, hatte ihn einst Flaubert gelehrt. Maupassant
befolgte diese Regel so gut, daß man seine Menschen oft atmen zu
hören glaubt. Gern allerdings versetzt er seinen Bürgern, wenn er
fertig mit ihnen ist, zum Schluß mit seiner vornehmen Künstlerhand
noch ein paar Maulschellen, wie Policinell alle Puppen herunterhaut,
ehe sie in den Kasten kommen. Am sichersten ist Maupassant in der
Wahl seiner Farben und Beiwörter. Während die Parnassiens zu seiner
Zeit oft tage- und nächtelang nach einem passenden Adjektivum wie
nach einem verlorenen Kragenknöpfchen herumsuchten, fand er ohne
Federlesen schnell das richtige Epitheton. Wie er denn überhaupt
ungeheuer rasch im Produzieren war und in zehn Jahren neunundzwanzig
Bände zusammengeschrieben hat. Er hatte +ebensolange+ dazu gebraucht,
sich unter Flauberts täglichem Einfluß auf seinen Beruf vorzubereiten,
und wenn er darum später die andern ganz langsam an ihren Büchern
herumbauen und die Worte vorsichtig wie ein Apotheker prüfen und
abwiegen sah, dann klimperte er wohl stolz mit seinen Goldstücken,
blies den Rauch aus seiner kurzen Pfeife und sagte: „Seht ihr wohl, das
kommt davon, daß ich mein Handwerk erst gelernt habe.“
Wenn er bei den Frauen, die er schildert, mehr das Sinnliche an diesen
merkwürdigen Wesen betont, wie dies übrigens die Franzosen von jeher
getan haben, so geschah dies keineswegs aus Frauenhaß, und Nietzsche
hatte unrecht, wenn er ihn darum so klug wie die Kirchenväter nannte,
die bekanntlich die Frauen noch als Bestien und nicht als Menschen
ansahen. Gerade aus den letzten Werken seines Lebens, aus den Romanen
„~Fort comme la mort~“ und „~Notre cœur~“ klingt eine so tiefe
Verehrung für die Frau als die natürliche Gefährtin des Mannes seit
dem Paradiese heraus, eine so edle und zarte Art der Hingabe an das
andere Geschlecht, daß man sich verwundern muß, wie man diesen Künstler
jemals neben Strindberg als Frauenfeind hat nennen können. Freilich
-- und hier rundet sich Maupassants nüchterner und darum grausamer
Pessimismus -- wird auch +die Liebe+ nach seinem Bekenntnis keinen von
der Einsamkeit befreien, in der ein jeder von uns lebt, leidet und
stirbt. Diese trostlose Einsicht von dem Alleinsein des einzelnen, von
dem Gefühl, daß wir alle einsame Feuer sind, kehrt stets als Refrain
bei diesem Dichter wieder. Vor diesen großen, grauen Hintergrund sind
fast alle seine Kreaturen gestellt, und vor ihm opfert ihr Schöpfer sie
dem Leben oder dem Tode mit dem furchtlosen, verzweifelten, traurigen
Mitleid des Pessimisten, indem er ihnen als einzigen Trost vor dem
Ergrauen das große Wort des Buddhismus zuraunt: „Geh an der Welt
vorüber, sie ist nichts!“
Lord Byron
In der Morgenstunde des ersten Dezembers 1900 erschien unter den ersten
verdammten Seelen Oskar Wilde vor der Hölle. Er legitimierte sich
als Verfasser der „Salome“, worauf man ihn ohne weiteres einließ und
ihm eine bestimmte Zelle anwies. Er erkundigte sich sogleich bei dem
Teufel, dem er zur besonderen Bedienung und Folterung überwiesen war,
wann man in der Hölle Besuche mache oder empfange, und erfuhr zu seiner
Freude, daß dies wie oben auf der Erde zwischen zwölf und ein Uhr oder
abends um fünf Uhr geschehe und gestattet sei. Der Dichter lächelte
dankbar gerührt, gab dem Teufelchen das letzte Frankstück, das er bei
sich hatte, und erklärte, daß er zunächst seinen bewunderten Lord Byron
besuchen möchte, und fragte, ob es weit zu ihm zu gehen sei. Worauf ihm
der Bescheid zuteil wurde: „O nein, Sire, hier eben um die linke Ecke
herum. Seine Lordschaft haben sich aus musikalischen Neigungen in der
Nähe des deutschen Viertels angesiedelt!“
„~Well!~“ bemerkte Wilde und machte sich, nachdem er eine Stunde lang
die nun einmal notwendigen Folterungen ausgehalten hatte, an die
Toilette. Er schnitt sich die etwas zu lang gewachsenen Fingernägel
und polierte sie, so gut es mit Stiefelwichse ging, die man ihm als
Pomade hingestellt hatte. Zu einem Bade im Styx schien es ihm etwas
kalt zu sein, und so verwendete er denn eine Stunde lang dazu, seine
Krawatte zu binden, das +einzige+ Bekleidungsstück, das man ihm
vergönnt hatte. Denn jeder darf dort unten nur das Stück von seinem
ganzen Habit tragen, das ihm am +liebsten+ ist. Als die Höllenuhr zwölf
schlug, machte er sich auf den Weg, nahm, um sich anmelden zu können,
die schwarze Visitenkarte vorn von der Türe seiner Zelle, auf der mit
seinem Blut geschrieben rot sein Name stand, und trat auf die endlos
lange, schmale, finstere Gasse hinaus.
Als er so von Tür zu Tür herumtappte, begegnete ihm zu seinem
Glücke Charon, der um diese Stunde den von dem ewigen Bellen und
Anderketteliegen halb tollen Zerberus spazieren führen mußte. Der
geleitete ihn brummend um die Ecke linkerhand, wobei der Zerberus,
wie dies bei Hunden üblich, stehenblieb, vor die Behausung seiner
Lordschaft, die um ein bedeutendes geräumiger war als die Zellen der
Nachbarschaft. Auch hatte sie ein kleines, schwarzes Fenster nach der
Straße zu, durch das Wilde vorsichtig hineinguckte, um sich zunächst
über die Situation klarzuwerden.
Zu seinem Erstaunen entdeckte er, daß schon ein Besuch bei Byron war,
und als er näher hineinguckte, sah er, daß es kein anderer als Shelley
war, der dort, +bloß+ mit einem +Strohhut+ angetan, bei dem Lord,
der seinerseits, vermutlich um seinen Klumpfuß zu verdecken, +nur
hohe+, braune +Stulpstiefel+ trug, zu Gaste war. Die beiden saßen mit
übereinandergeschlagenen, knöchernen Beinen sich an einem Tisch aus
Ebenholz gegenüber. Shelley rauchte aus einer Pfeife roten Qualm, und
Byron selbst trank aus einer riesigen Flasche Feuerwasser. Sie waren
mitten in einem Gespräch, und Wilde, der dies seltsame Bild nicht
aufstören wollte, hörte draußen, unter dem Fenster geduckt, wie Lord
Byron mit etwas heiser gewordener Stimme seinem Freunde erklärte:
„Du magst sagen, was du willst, Percy, die Engländer sind die
knotigsten Kerle, die Gott oben herumlaufen läßt. Sie haben uns beide,
weiß der Teufel, so gepiesackt, daß mir der Aufenthalt hier, ohne die
blödsinnige Hitze, fast wie ein Sanatorium vorkäme. Und was machen sie
mit allem ihrem Gelde, das sie der ganzen Welt abnehmen, sag’ mir doch!
Seife, Maschinen und gute Kleider. Das ist ihre ganze Kultur.
Es kommt noch so weit, daß ich mich vor Horaz und Tibull, diesen
römischen Griechen und Halbdichtern, schämen muß. Neulich sagte mir
schon Ovid im Klub ganz anzüglich: ‚Ihr seid jetzt schon reicher, als
wir jemals gewesen sind.‘ Ich dachte an Manchester und konnte nichts
erwidern. Wir verkommen, mein Freund, auf unseren Millionen, und
schließlich bleibt nur noch Shakespeare von uns übrig, wie Hannibal von
Karthago.
Unterbrich mich nicht! Die Kunst gilt ihnen keinen Sixpence mehr.
Maler werden zu Anstreichern und Dichter zu Journalisten in London
gemacht. Ich hatte mich vor den Aristokraten um meine ganze Lordschaft
gebracht, als ich mein erstes Gedicht fertig hatte. ‚Aber dafür sind
doch Schullehrer da‘, sagte mir meine Mutter ganz entrüstet, und ich
war wie von selbst zu den Whigs geworfen. Jeder Tory sah mich seitdem
wie einen Seiltänzer an.
Als ich mein erstes Drama, es war der ‚Manfred‘, herausgab, warnte
mich der Herzog von Devonshire: ‚O, armer Mann, denken Sie an Ihre
unsterbliche Seele, ehe Sie +Souffleur+ werden!‘ Es war am nämlichen
Tage, als mir Goethe aus Deutschland schrieb: ‚Ich rechne es mir zur
Ehre an, mit Ihnen in brieflichem Verkehr zu stehen. Ihre dramatischen
Versuche werden im Lande Shakespeares sicherlich die große Anerkennung
finden, die sie verdienen.‘
Jawohl, Herr Geheimrat, keine Schmiere hat sich drum bekümmert! Sieh
dir doch ihr Theater an, Percy, zum Donnerwetter, wiewohl das Fluchen
hier unten verboten ist, ehe du mich unterbrichst! Weißt du, was das
Neueste auf englischen Bühnen ist? Dreifach verschiedenes Sonnenlicht,
bunte Fräcke und echte Schneeflocken, die oben auf dem Schnürboden in
einer Gefriermaschine hergestellt werden. Als jüngst Hamlet dort in
halbem Mondlicht, umschneit, auf der Terrasse zu Helsingör erschien,
rief man zum Schluß den Schnee statt des Hamlets heraus. Und als der
Prinz gestorben war, lag er da, den Körper im Schatten, das Antlitz
blau und die Hände rot beleuchtet, die Augen zur Decke gerichtet.
Das andere war Schweigen. Im Hintergrunde hörte man sich Shakespeare
dreimal knarrend im Grabe umdrehen.
Alle ihre neuen Stücke sind um der Kostüme oder der Requisiten willen
geschrieben, die darin getragen oder schnell wie faule Wechsel
herumgereicht werden. Die Wegweiser nach Griechenland sind abgehauen
worden, und wer heute in London fürs Theater schreibt, der muß zuvor
zwei Jahre lang zu einem Taschenspieler in die Lehre gehen. Die
Poeten in England werden samt und sonders zu Spitzbuben, die sich vom
Verblüffen nähren. Auch den irischen, leider etwas byronisierenden
Duckmäuser haben sie dazu gemacht, der da draußen hinter dem Fenster
steht, und der sich einsperren ließ, statt ihnen davonzulaufen.“
Damit stieß Lord Byron mit seinem Klumpfuß die Türe auf und zog den
erschrockenen Wilde an seiner Krawatte in die schwarze Kammer herein.
„Nichts für ungut, mein Bester!“ fuhr seine Lordschaft fort, „ich
erkannte Sie schon lange an dem roten Schatten, den Sie drüben auf
die Behausung meines Freundes Garrick warfen. Es freut mich, daß Sie
endlich zu uns heruntergekommen sind. Hier, Percy, hast du den jungen
Athener aus Dublin, dessen ‚Salome‘ ich dir zum vorigen ersten April
geschenkt habe. Ein nicht übles Buch, wenngleich es mir ein wenig zu
stark parfümiert ist und nach Paris riecht wie eine Sumpfente.
Nehmen Sie Platz! Rauchen Sie oder trinken Sie? Es wird Ihnen
sicherlich bei uns gefallen, wiewohl Sie -- eine schlechte Wirkung vom
Zuchthaus her! -- eine gewisse Neigung zum Pietismus in der Nase haben.
Ich werde Sie heute abend zum Klub der Gemütlosen abholen. Sie finden
ein paar reizende Menschen dort: Béranger, Heine, Aristophanes, Poë,
Goldoni u. a. Die Gesellschaft ist völlig international. Wir erzählen
uns Fragmente aus unserm Leben. Mein Freund Schumann macht Musik dazu.
Leider ist das Lachen dort, wie überall hier unten in der Hölle,
verboten.
Wenn Sie Shakespeare sehen wollen -- gewöhnlich die erste Kuriosität
für alle neu angekommenen Engländer --, so machen wir den kleinen Umweg
über die Asphodeloswiesen, an dem Kessel der schlechten Mütter vorüber,
in dem meine Mutter zu sieden den Jammer hat, während mein Vater auf
dem Eis für die Jähzornigen ablagert. Shakespeare macht zwischen dem
blühenden Schierling allabendlich mit Homer und Li-Tai-Pe seinen
Spaziergang, da ihm die Gesellschaft des Sophokles wegen des ewigen
Fachsimpelns, in das sie beide wider Willen stets hineingerieten,
unerträglich geworden war.
Ich kann Sie leider nicht zum Diner begleiten, bei dem jeder
Feinschmecker dazu verurteilt ist, die ihm +nicht+ zusagenden Speisen
zu verzehren, da ich Ludwig dem II., dem Bayernkönig -- ~you know him!~
-- versprochen habe, ihm den siebzehnten Gesang meines ‚Don Juan‘
vorzulesen, den ich hier im Inferno geschrieben habe, und in dem ich
die neuesten Engländer, ~made in Germany~, Spießruten laufen lasse.
Seine höllische Herrlichkeit, der Satan +selbst+, haben mir zu Ehren in
der Maske des ‚Kain‘ gleichfalls sein Erscheinen in Aussicht gestellt.
Wenn Sie erst, wie ich heute, 75 Jahre in der Hölle gehaust und ihre
Konventionen vergessen haben, werde ich Sie mit zu diesen intimen
Zirkeln nehmen.“
Damit reichte der Lord seinem verlorenen bürgerlichen Bruder die
Hand, boxte Shelley freundschaftlich zur Türe hinaus und begann --
darin bestand seine harte tägliche Pönitenz --, aus seinen Werken die
mißlungenen Verse, die er nun nicht mehr ändern konnte, herauszusuchen
und wehmütig zu betrachten.
Oskar Wilde
Wer im Februar des Jahres 1892 um die Mittagszeit auf dem Embanquement
an der Themse in London auf und ab spazierte, der konnte fast täglich
beobachten, wie ein höchst elegant gekleideter Herr in einem herrlichen
Sealpelzmantel, eine Sonnenblume oder eine Pfauenfeder in der Hand
tragend, gegen zwei Uhr vom Lunch aus einem der vornehmen Hotels am
Strande dort heraustrat.
Er machte ein paar Schritte auf der Promenade, schaute aus seinen
großen, glaskugelartigen Augen zerstreut oder phlegmatisch ein wenig
dem Leben auf der Themse zu oder blickte dem Rauch seiner Zigarette
nach, drehte seine von grünen und blauen Steinen funkelnden Ringe
zurecht, pfiff schließlich einem Cab, drückte dem Bummler, der ihm den
Schlag öffnete, einen Schilling in die Hand und rollte von dannen in
den Hydepark oder irgendwohin, wo die große Welt sich amüsierte.
Dieser Mann im Sealpelzmantel mit der Sonnenblume und den bunten Ringen
und der Zigarette und den großen, glaskugelartigen Augen war Oskar
Wilde, der damals im Zenit seines Ruhmes stand und sich den „König des
Lebens“ nannte, der 300000 Schilling im Jahre einnahm, die er bis auf
den letzten Heller für sich und seine Lebensführung verbrauchte.
Von Hydepark fuhr er dann zum Tee zu irgendeiner Gräfin oder Fürstin,
die ihn -- er war damals das Orakel des guten Geschmacks für die
ganze Aristokratie Londons --über holländisches Porzellan oder
altfranzösische Gobelins oder japanische Holzschnitte oder sonstige
geldverschlingende Passionen um Rat fragte. Bisweilen traf er dort
auch zufällig seine Gattin mit dem einen oder anderen seiner beiden
Söhne. Man redete ein paar Worte zusammen: „Sie auch hier, Madame?“
-- „Du wirst ja ein hübscher Bengel, ~my boy~!“ und Oskar fuhr, sich
mit einer geschickten Wendung einen „guten Abgang“ machend, von
dannen. Zu einem Diner bei Lord Douglas oder Comte d’Orsay oder Fürst
Metternich oder zu einem der vornehmen Klubs im Pall Mall, wo der Prinz
von Wales verkehrte, und wo Wilde seinen Geist und sein Geld, beide
unerschöpflich, an die vornehme Welt verspielte.
Oder es gab eine Premiere für ihn an jenem Abend, ach, ja richtig,
„Lady Windermeres Fächer!“ wurde heute im St. James-Theater aufgeführt.
Und er fuhr hin in +dem+ Gehrock Londons, mokierte sich hinter den
Kulissen über die guten, beschränkten Leute, die da vorne vor Lachen
tobten und Beifall brüllten, und trat schließlich vor den Vorhang, eine
grüne Nelke im Knopfloch, die brennende Zigarette in der Hand und sagte
so blasiert als nur möglich: „Ich konstatiere mit Vergnügen, daß das
Stück dem Publikum zu gefallen scheint.“
Oder er fuhr mit ein paar Freunden oder noch lieber ganz allein
in einem eigens zu diesem Zweck gekauften schlechten Anzug nach
Whitechapel oder zu den Docks am Horizont der Riesenstadt hinaus
und trieb sich bis zur Erschlaffung in den Opiumhöhlen herum und
genoß das Laster mit geschlossenen Augen, wie ein Kind Süßigkeiten
herunterlutscht.
Oder er gab ein Fest in seinem Hause, das mit Kunstschätzen
vollgepfropft war wie ein Museum, bei dem es neu entdeckte Speisen gab,
Premieren von Bowlenmischungen, und bei denen ein Diener ein Vermögen
verwüstete, wenn er ein Sauciere fallen ließ.
Oder Wilde reiste, wenn er London und die Lords leid war, auf acht Tage
nach Paris, wo er ständig eine große, nur selten benutzte Wohnung auf
dem Boulevard des Capucines unterhielt, und wo alte Freunde und neue
Freuden seiner warteten.
So lebte damals dieser Mensch, der nach seinem eigenen Ausspruch sein
+Genie+ an sein Leben, an seine Werke nur sein +Talent+ ausgegeben hat,
und alle Welt war entzückt von ihm oder beneidete ihn.
Wer drei Jahre später als diese Zeit, da sein Glück im Zenit stand, nur
gewagt hätte, den Namen „Wilde“ in einem Salon Londons auszusprechen,
wäre gesteinigt worden. Der Mann dieses Namens, dem einst der
König von England kordial verschmitzt die Hand gedrückt hatte, saß
zusammengekauert in einer Art Kaninchenstall, im Zuchthause zu Reading,
und mußte mit der kahlen Hand, an der einst die bunten Ringe funkelten,
alte Säcke flicken und Taue zerpflücken. Er war vom Schwurgericht zu
London als Verderber der Jugend, als sittenloser, unmoralischer Mensch
zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Seine Haltung vor den
Geschworenen war glänzend und ein letztes Leuchten der Ritterlichkeit,
die im Dandytum steckt. Er widerrief kein Wort von dem, was er
geschrieben hatte, und zuckte nur leise nervös mit den Schultern, als
der Urteilsspruch ihm in die Ohren klang, während draußen der sittliche
Pöbel Londons vor dem Gerichtsgebäude bei der Nachricht kannibalische
Freudentänze aufführte. Und er ging aufrecht, ohne daß seine Füße
schauderten, in die Nacht der Gefangenschaft, die ihn vernichtete.
Viele +schlechte+ Psychologen haben sich damals gewundert und wundern
sich noch heute darüber, daß Wilde nicht die Frist bis zu seiner
Verhaftung, die das Gericht -- vielleicht absichtlich -- in die Länge
zog, benutzte, um ins Ausland zu fliehen. Was ihn daran hinderte, war
einmal die grausige Neugier, die Leiden zu schmecken, nachdem er alle
Freuden durchgekostet hatte, die teuflische Lust, in den Schatten zu
gehen und die andere düstere Hälfte des Daseins zu betreten. Und zum
andern war es das brünstige Verlangen des, der sich schuldig fühlt,
nach Gerechtigkeit, ob sie ihn auch auslöschen mag, der Schrei des
einzelnen, der seine Macht und damit sein Recht überschritten hat,
nach Sühne, dieser seltsame +soziale+ Trieb im Verbrecher, der einen
Raskolnikow zur Anzeige seiner Mordtat, einen Wilde zur Anerkennung
und Abbüßung seiner ihm gleichsam von ihm selbst verhängten Strafe
treibt. Weil er nicht wie Krupp bei uns den Mut hatte, +selber+ einen
Strich durchs Leben zu ziehen, hatte er dafür etwas nicht minder Gutes,
nämlich die fixe Idee, nach der Zuchthauszeit ein neues Leben zu
beginnen und mit neuen Kunstwerken die Schmach, die auf der schwarzen
Tafel seiner Vergangenheit stand, fortzutilgen und sich so wiederum die
Welt zu erobern.
Wie unmenschlich er unter dem mittelalterlichen Vollzug seiner Strafe
gelitten, das wird jedem aus seiner Ballade vom Zuchthause zu Reading
fürchterlich in die Ohren gellen. Nur eine kleine Geschichte sei hier
noch erwähnt, die man nicht erzählen und anhören kann, ohne von Wut
ergriffen zu werden: Es war in der ersten Hälfte seiner Leidenszeit.
Wilde wurde nebst mehreren anderen aus dem Zuchthause zu Wandsworth
nach Reading transportiert. Man mußte den Zug wechseln, und der Trupp
der Sträflinge stand eine Weile wartend auf dem Bahnsteig einer kleinen
Station. Ein paar Kaufleute gingen auf und ab und sprachen wohl über
die beste Möglichkeit, der Konkurrenz den Hals zu brechen. Plötzlich
bemerkt einer Wilde unter den Kurzgeschorenen. „Das ist ja Oskar
Wilde!“ ruft er, geht auf ihn zu und spuckt ihm, der ihn, ohne zu
zucken, aus seinen großen, glaskugelartigen Augen ansieht, mitten ins
Gesicht hinein. Dieser Mensch, den die Gesellschaft frei laufen ließ,
hätte siebenmal den Galgen verdient.
Der Dichter ist nach seiner Entlassung aus dem Kerker nicht wieder in
die Höhe gekommen. Er hatte nicht mehr die Kraft, die ~vita nuova~,
von der er geträumt hatte, zu beginnen. Das Sträflingsmal war ihm
zu tief in die Seele gebrannt, als daß er den Mut zu neuen Werken
gefunden hätte. Verkommen, vom Zuchthausbrei aufgetrieben und häßlich
geworden, lebte er noch ein paar Jahre in Paris, oft so arm, daß er
frühere Freunde um einen Absinth anborgen mußte, bis er im Nebelmonat
des Jahres 1900 in einem kleinen Hotel im Quartier Latin verendete.
Ein halb Dutzend Genossen aus alter Zeit geleiteten ihn, den einstigen
Liebling von ganz London, zum Armenkirchhof; ein einziger Kranz hing an
seinem Sarge. Er war von dem Wirte, bei dem er gewohnt hatte. „Meinem
Pensionär!“ stand auf der Schleife gedruckt.
So endete dieser Mensch, dessen Leben viel mehr Bedeutung hat als
seine Werke, dessen erste Tat nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus
-- dies beweist seine Güte -- ein offener Brief war mit einem
eindringlichen Protest gegen die Entlassung eines Gefängniswärters,
der einem hungrigen Kinde ein paar Keks gegeben hatte, dessen witzige
Stücke -- dies beweist seinen überlegenen Verstand -- von ihm alle
spielend, meist wegen Wetten hingeschrieben wurden, und dessen
Lieblingszitat -- dies beweist seine Vorurteilslosigkeit -- die Worte
des greisen Königs Lear im Shakespeare waren: „Kein Mensch ist sündig;
keiner, sag’ ich, keiner. Und ich verbürg’ es.“
Dostojewski
In der grauen Frühe eines Wintermorgens im Jahre 1849, in diesem
Jahre voll von Ängsten, Qualen und Unterdrückungen für ganz Europa,
wurde Fedor Dostojewski, eines reichen Arztes Sohn, gewohnt, fünfmal
in der Woche sein Hemd zu wechseln, samt seinen Kameraden aus dem
bleiernen Schlaf geweckt, den er auf der Pritsche in den feuchten
Gefängniszellen von Schlüsselburg schlief. Aus wilden, garstigen
Träumen, die wie zerfetzte Wolken über ihn herflogen, wurde er von
Gendarmen wachgeschüttelt. Er wollte sich von dem Unrat der Nacht
und der Unsauberkeit des Kerkers reinigen, aber der Mann in Uniform,
eine Talgkerze in der Hand, wehrte ihm ab: „Es hat keinen Sinn mehr,
Väterchen!“
Im selben Augenblick wußte Dostojewski, daß es zum Tode ging. Dem
Gefühl der Erleichterung, das seine wie ein Grab eingefallene Brust für
einen Augenblick emporhob, folgte sogleich eine entsetzliche Angst,
die ihm den Schweiß auf die Stirn trieb. „Mein Gott! Mein Gott!“ sagte
er nur, sich selbst ein Echo. Die Gefangenen wurden wie Schlachtvieh
hinausgetrieben. Sie sahen sich beim Licht der Blendlaternen, die wie
rote, entzündete Augen aus dem Morgennebel glänzten, aus dem Gefängnis
zur Richtstätte wanken, zehn bis fünfzehn schlotternde, halb schon
leblose Menschen, eine Schaufel voll für den Satan. Sie waren samt und
sonders in die sogenannte Petraschewskische Verschwörung verwickelt
gewesen, einen jener zahlreichen Versuche nach 1848, die in Frankreich
errungenen Volksfreiheiten auch in östliche Länder zu verpflanzen,
Experimente, die Zar Nikolaus I., der absoluteste Monarch Rußlands,
nur auf den Tod leiden konnte. Die Gefangenen trotteten stumm, ohne
einen Seufzer von sich zu geben, auf das Peloton Soldaten zu, die in
einer Ecke des Gefängnishofes bereitstanden, ihre Brüder kaltblütig
umzuschießen. Man sah die Gewehre an ihren Beschlägen und Bajonetten
in der Ferne hin und wieder aufblitzen. Trotz der Totenstille hatte
man das Gefühl, als ob die Luft einen dumpfen Ton von sich gäbe.
Die Gefangenen und die Soldaten näherten sich einander. Obgleich
das Militär ganz stillstand, schien es den Verurteilten doch, daß
sie ebenso langsam auf sie zukämen. In einer Entfernung von zwanzig
Schritten vor den Bewaffneten waren drei Pfähle in die Erde gegraben,
gegen die sich die Gefangenen anlehnen konnten. Auch war den Soldaten
damit das Zielen erleichtert.
Man führte die drei ersten zu den Pfählen hin, zog ihnen die
Todeskleider, lange, weiße Hemden, an und schob ihnen als Zeichen des
Mitleids weiße Mützen über die Augen. Der Pope trat an jeden mit einem
Kreuz heran. In einer geringen Entfernung zur Seite zu -- vor erst
sechzig Jahren ist dies alles dem größten russischen Genie vor eigenen
Augen begegnet! -- schaufelten ein paar Arbeiter emsig wie Aaskäfer den
Opfern das Massengrab.
Dostojewski war als achter an der Reihe, er sollte also mit der
dritten Abteilung zu den Pfählen hingehen. Er wußte, daß er nicht
mehr als fünf Minuten zu leben hatte. Er hat später oft erzählt, daß
ihm diese fünf Minuten als eine endlose Zeit und ein unermeßlicher
Reichtum erschienen wären. Er habe sich diese Zeit sogar eingeteilt
und +zwei+ Minuten davon bestimmt, sich von seinen Kameraden zu
verabschieden, +zwei weitere+ Minuten dafür, um ein letztes Mal im
stillen nachzudenken -- wer, wer hat den Mut, wenn er dieses liest,
einem Menschen den Tod zu geben? Die übrige Frist, +eine+ ewige Minute,
wollte er dazu benutzen, um noch einmal zum letztenmal um sich zu
schauen. Die ersten zwei Minuten für den Abschied von den Kameraden
seien schnell verstrichen, aber die beiden folgenden, die er für das
stille Nachdenken angesetzt hatte, haben ihm endlos lang gedeucht. Es
sei ihm +unmöglich+ gewesen, sich auszudenken, daß er jetzt noch lebte,
in drei Minuten aber irgend etwas anderes irgendwo anders sein sollte.
In der Nähe habe ein Turm gestanden, dessen vergoldetes Dach im ersten
Morgensonnenschein geleuchtet habe. Dieses glitzernde Licht schien ihm
schon zu jener neuen Natur zu gehören, und er glaubte, er würde in drei
Minuten irgendwie mit ihm verschmelzen.
In diese fast schon irren und haltlosen fliegenden Gedanken des
Verdammten da unten wurde plötzlich eine weiße Fahne an dem Turm
emporgezogen. Auf einen Befehl ihres Offiziers ließen die Soldaten die
schon erhobenen Gewehre sinken. Der dem Gefängnis vorstehende Major
trat herzu und verkündete den schon zu drei Viertel toten Gefangenen,
daß die Güte des Zaren das Todesurteil aufgehoben und sie zu
zehnjähriger Zwangsarbeit in Sibirien begnadigt hätte.
Dieses echte Stückchen einer absoluten Zarenlaune, diese grausame
Galgenfrist, diese kurze halbe Stunde zwischen Tod und Leben hat
Dostojewski, der schon von Geburt an Fallsucht litt, +für immer+
in seinen Nerven behalten. Die Spanne Zeit, in der er Abschied vom
Menschendasein genommen hatte und in das stygisch kalte Wasser des
Nichtmehrlebens untergetaucht war, hat sich ihm tiefer eingebrannt, als
alles Elend, das nachher kam, die fünf Jahre lange Gefangenschaft in
Sibirien und der Heeresdienst, den er als Gemeiner in der russischen
Armee antreten mußte, bis ihn Alexander II., Rußlands edelster und
unglücklichster Monarch, bei seinem Regierungsantritt begnadigte.
Sibiriens Glut und Eis, die Öde seines Gefängnisses dort, des
„Totenhauses“, zwischen Palisaden und Sträflingen, +niemals allein+
-- das war das gräßlichste dabei für diesen zarten Menschen! -- die
Roheiten beim Militär, alles war leichter zu ertragen und zu vergessen
als jene bangen Kirchhofsminuten vor dem Tode, da man ihm die Hoffnung,
das letzte Gut des Ärmsten, unter den Füßen fortgeschaufelt hatte und
er wie Dantes Verdammte „~senza ogni speranza~“ im Inferno, in der
Luft, im Nichts schwebte.
Es ist leicht auszudenken, wie ein Mensch, der aus dieser Region her
zum Leben, zu Menschen heimkehrt, als Schriftsteller schaffen und
wirken wird. Eine so gerüttelte Seele muß unrein fließen und strömen,
eine heruntergestürzte, soundso oft zersprungene und zerborstene
Glocke wird anders klingen als eine, die hoch über allem Volke im
Glockenstuhle hängt und nur am Feierabend und an Festtagen ihre
Stimme erhebt. Was Dostojewski in die Zvilisation Rußlands nach
Petersburg mitbrachte, als er gebleicht von Gefängnisluft, ergraut
von Erniedrigungen aller Art, mit vierzig Jahren die Feder nahm,
seinen ersten großen Roman zu schreiben, das war die tiefe Kenntnis
des russischen Volkes, der russischen Seele. Wie kein Künstler, kein
anderer Mensch mit Nerven und Geist in seinem Lande ist er durch ein
gemeinsames Schicksal mit seiner Rasse, seinem Volke vermengt und
verknetet worden. Tolstois Annäherungsversuche an das russische Bauern-
und Volksleben wirken dagegen wie Spielerei, die Laune eines großen
Mannes, der auch hinter dem Pflug und im Kittel ein Graf bleibt, und
Gorkis Jugendschicksale wie die Wander- und Handwerksburschenjahre
eines begabten jungen Menschen, der früh solchen Kreisen entwächst
und schnell sein Ziel erreicht. Dostojewski wurde durch ein Geschick,
das ihn zu den Paria warf, mit der Hefe seines Volkes vertraut und
vermischt. Sechs Jahre seines Manneslebens verbrachte er auf dem
Grunde, in der Tiefe zwischen russischen Leuten, durch nichts vor ihnen
ausgezeichnet und gesondert, ihnen gleich an Armut, Nahrung, Kleidung
und Schicksal.
Nach Petersburg heimgekehrt, fand er die Literatur seines Volkes vor
allem durch Turgenjews Einfluß noch mehr europäisiert, als sie es schon
durch Puschkin geworden war. Turgenjews erste gefällige Novellen, die
nach Pariser Geschmack zugestutzt waren, beherrschten den Büchermarkt.
Da machte sich Dostojewski mit im Zuchthaus erlerntem geduldigem,
zähem Fleiß daran, noch einmal von neuem zu schreiben anzufangen, ganz
ohne Vorbild und ohne Rücksicht auf den Geschmack und die Wünsche
des gebildeten Publikums, das auf den Boulevards von Petersburg
fast das gleiche wie auf denen von Paris verlangt. Es war die Seele
seines Volkes, die russische Seele, die er sich in tausend Bildern
und Gestalten vom Herzen schrieb, das eigentümliche gemeinsame Wesen
dieses Menschenhaufens, der das weite, weite, weite Land von der
Weichsel bis zur Wolga und darüber hinaus bis nach Sibirien bewohnt.
Keiner hat die russische Seele, dieses unergründliche Mysterium eines
Volkes, das uns verwandt und fremd ist, das Werden und Weben seines
Wesens so erschöpfend geschildert wie Dostojewski. In tausend Saiten,
auf tausend Seiten schlägt er das Melos seines Volkes an. In langen,
auch darin seinem Lande ähnlich, weithinschweifenden Romanen -- sein
größter Roman, die „Brüder Karamasow“, umfaßt mehr als sechzehnhundert
Seiten, und dies war erst als +Prolog+ zu einem großen Roman gedacht
-- schildert er die hervorragendsten Typen seines Vaterlandes. Durch
ihre Ausdehnung allein wären diese Romane Dostojewskis Unika der
Weltliteratur, wenn sie es nicht auch durch die Ausdehnung ihres
Stoffes und der Figuren wären. Wir sehen in ihnen das heilige Rußland
vor uns von einem Dichter umgepflügt, Menschen begegnen uns, die
Tausende Rubel verschwenden und um eine Kopeke schreien und geifern
können. Freunde, die ihre Geheimnisse, ihre Liebsten und die geweihten
Kreuze auf ihrer Brust miteinander tauschen und hinterdrein einer dem
anderen auflauern, um einander zu ermorden. Frauen, die sich jedem
für Geld hingeben, in Palästen und Pelzen sitzen, um auf einmal alles
zu verlassen und arm auf die Straße zu rennen. Säufer, die den Wodka
literweise trinken und plötzlich in der dunklen Weise der Offenbarung
des Johannes reden und in ein Kloster gehen, Bauern, die sich gut
vertragen, und von denen unvermutet der eine den anderen um eine
silberne Taschenuhr wie einen Hammel mit einem Messer von rückwärts
abschlachtet, wobei er sich bekreuzigt und im stillen betet: „Herr,
verzeihe mir um Christi willen!“ Männer, die sich jahrelang hassen und
fremd aneinander vorübergehen, bis sie sich eines Abends in die Arme
sinken: „Wir sind alle lächerlich gute Menschen.“
Die +Gegensätze+, die die menschliche Brust umspannen kann, kommen bei
diesen breit angelegten, einen halben Erdteil umfassenden Menschen
herrlich zum Ausdruck.
Wir lassen es uns heute meist bei dem +einen+ Typus, den Dostojewski
in Raskolnikow geschaffen hat, dem russischen Intelligenzler, genügen,
dem Mörderdilettanten, der seine Tat nicht tragen kann, vor einer
Maus erschrickt, mit einem Kanarienvogel fühlt und eine alte Vettel
ermordet, der sich in krankhaftem Ehrgeiz ein Napoleon dünkt und über
diese einzige Untat, die er nicht zur Guttat in seinem Busen stempeln
kann, ins Stolpern kommt. Dostojewskis andere „Helden“ -- er darf sie
so nennen -- Idioten, Sträflinge, Abbilder Christi, die alle lieben
und für alle Menschen leiden möchten, Träumer, Phantasten, von Dämonen
Besessene, sind bei uns kaum bekannt. Das wundersam weiche Wesen
dieser Leute, die zwischen Extremen hin und her fallen, die sich
ihren Gefühlen noch rückhaltlos hingeben, die jeden Augenblick wieder
ohne Vorurteile und ohne Bedenken sein können wie Tartaren, „aus dem
Tartarus“, der Unterwelt Gekommene, kurzum +die russische Seele+ hat
Dostojewski in seinen Werken vor allen anderen wiedererschaffen. Darum
ist er der größte Dichter Rußlands, und für jeden Fremden, der diesem
Volke nahekommen will, geht der Weg auch heute noch durch ihn und seine
Werke hindurch.
Ibsen
„Die ungesungenen Lieder sind stets die schönsten.“
(Worte des Skalden in Ibsens „Kronprätendenten“.)
Im Frühsommer 1886 saß wie gewöhnlich nachmittags um diese Zeit ein
älterer, ziemlich beleibter Herr im schwarzen, sorgfältig abgebürsteten
Gehrock, mit langen weißen Haaren und mit ebensolchem Bart an den
Backenseiten seines Professorengesichts vor einem Tisch im Café Opera
in München. Kaffee und Kognak standen neben ihm, und auf den beiden
Stühlen ihm zur Seite lagen hochaufeinander Haufen von Zeitungen und
bunten Wochenblättern. Er hatte soeben mit dem letzten Schluck Kognak
die letzte Zeitung erledigt und guckte nun aus kleinen verschmitzten
Äuglein starr vor sich hin, während hinter seiner hohen wuchtigen
Stirne die Gedanken über das Gelesene wie Mäuschen im Speicher hin
und her liefen. In diesem Augenblick setzte sich ein etwa zehn Jahre
jüngerer Herr, ein gemütlicher, korrekter Fünfziger mit den Worten:
„Sie erlauben doch!“ zu ihm an seinen Tisch.
„Bitte sehr, Herr Leutnant oder Herr Hauptmann -- ich werde das nie
auseinanderhalten können --, ich wollte ohnedies gehen.“
„Ach! Sie sind’s, pardon, Herr Doktor Ibsen!“ sagte der Jüngere, der
kein anderer war (wie es in seinen Erzählungen hieß) als der Dichter
Martin Greif, der, nachdem er sich als Offizier unter seinem wirklichen
Namen „Herman Frey“ hatte pensionieren lassen, nun in München wie
Ibsen als vogelfreier Greif und Dichter lebte.
„Also, wie geht’s Ihnen denn, Herr Doktor, was machen Sie, was
schreiben Sie jetzt?“ fragte Greif weiter.
„Ich weiß es nicht recht,“ meinte Ibsen, „und Sie?“
„Ja, ich habe soeben meine beiden Hohenstaufendramen ‚Heinrich der
Löwe‘ und ‚Die Pfalz im Rhein‘ vollendet und bin nun an den Vorstudien
zu meinem ‚Konradin‘. Kommen Sie nur einmal vormittags auf die
Bibliothek! Da können Sie mich hinter Büchern und alten Manuskripten
schwitzen sehen. Erst muß man die Historie intus haben, ehe man ans
eigentliche Dichten herangehen kann. Wissen Sie, einen ‚Konradin‘ muß
man schreiben, wenn man überhaupt die Hohenstaufen sich vornimmt. Das
ist der Gipfel, die blutige Krone des Ganzen. Und gibt es wohl in der
ganzen Welt etwas Tragischeres als diese edle, reine Jünglingsgestalt,
die seiner Ideale voll gen Italien ziehet, seine Väter zu rächen und
zu erfüllen, und die welsche Hinterlist in Neapel unter dem Beil des
Henkers verenden ließ?“
„Ich weiß es nicht,“ warf Ibsen mit seiner hohen spitzen Stimme ein,
„mir ist er freilich so gleichgültig wie Ihnen vermutlich Olaf der
Heilige, der sein Reich an Knut den Großen verlor und im Meer ertrunken
sein soll, was auch keine schöne Todesart ist.“
„Ja, Sie sind eben kein Deutscher, Herr Doktor, verzeihen Sie, aber
wenn unsereins schon als Kind von Barbarossa und den anderen großen
Hohenstaufen erzählen hört, vibriert es in ihm vor Begeisterung, und
wenn er Konradins bejammernswertes tückisches Schicksal nur liest, dann
muß er gar mit den Tränen kämpfen.“
„Das mag sein, Herr Greif, aber aus Kindern werden schließlich doch
einmal Männer. Und die pflegen bei uns in -- Norwegen wenigstens ganz
andere Interessen zu haben als die Kreuzzüge, die Hohenstaufen und Olaf
den Heiligen. Und am Ende sind die Theater wohl auch bei Ihnen nicht
+nur+ für die Kinder aufgebaut!“
„Ich weiß, Sie sind auch einer von den ganz Modernen mit Ihrer ‚Nora‘
und Ihren ‚Gespenstern‘ und wie die Sachen alle heißen mögen, mit
denen Sie die Menschheit verbessern wollen. Nicht um ein I-Tüpfelchen
werden Sie die Welt anders bekommen durch Ihre Dramen. Alles bleibt
schließlich beim alten.“
„Wie zu Zeiten Konradins,“ entwaffnete ihn Ibsen lächelnd.
„Und sie bewegt sich doch, hat schon Galilei, glaube ich, im Kerker
gesagt. Sie können doch nicht im Ernst ein Weiterschreiten der
Menschheit leugnen.“
„Fällt mir auch gar nicht ein! Ich konstatiere nur, daß es nicht Sache
des Theaters ist, Politik zu treiben und Tagesfragen zu erledigen.
Dafür sind die Zeitungen da, die da in zwei hohen Bergen um Sie liegen.
Dafür ist die Bühne zu schade, sind die Schauspieler zu schade, und ist
das Publikum zu schade.“
„So, das ist ja kurz und bündig, wie Sie mich zu den Toten werfen. Und
dabei habe ich mir, Sie wissen, ich mag meine Stücke +selber+ nicht
sehen, das +einzige+ darauf eingebildet, daß sie kein totes Theater
sind, sondern so lebendig wie Sie und ich Gott sei Dank noch sind. Und
daß sie darum ihr Publikum, ihr großes Publikum finden werden. Denn
sie sind Geist von unserer Zeit, und ich bin, wenn ich mich einmal
in meiner früheren Berufssprache so ausdrücken darf, nur der große
Destillator gewesen, der die Zeit um mich, wie ich sie sehe, filtriert
und den Extrakt daraus in seinen Stücken wiedergegeben hat. So etwas
Ähnliches sagt wohl auch, wie ich mich aus meiner Studentenzeit
entsinne, ein gewisser Shakespeare im ‚Hamlet‘, glaube ich, wo er
die Kunst des Schauspiels als ‚Spiegel und abgekürzte Chronik des
Zeitalters‘ bezeichnet. Ich befinde mich also auch für Sie in nicht
allzu schlechter Nachbarschaft.“
„Hm!“ knurrte Greif, „vom Standpunkt des Publikums aus können Sie alles
entschuldigen: Seiltänzer, Bauchredner, Operetten, Schwänke, Possen,
Ballettänzer, Taschenspielereien -- -- --“
„Und auch meine Stücke, nicht wahr?“ unterbrach ihn Ibsen freundlich.
„Ja, aber um des Kuckucks willen, warum schreiben wir denn eigentlich
unsere Stücke, wenn nicht des leidigen Publikums wegen? Damit wir sie
im Spind liegen haben oder bei Cotta oder Brockhaus oder Reclam oder
Hegel in Kopenhagen mit oder ohne Goldschnitt auf dem Lager verstauben
lassen? Sie sollen doch gelesen werden von möglichst vielen und
aufgeführt werden, wo nur ein Vorhang und Soffitten hängen. Die meisten
von uns -- Ihre Finanzverhältnisse mögen glücklicher liegen -- wollen
doch davon leben, wie jeder andere Arbeiter von seiner Arbeit. Von dem
Gezeter über die Dummheit oder Faulheit des Publikums wird keiner auf
die Dauer satt, geschweige denn fett.“
„So, also Anpassung an den Massengeschmack, Konzession dem Schaupöbel
aus Liebe zum täglichen Brot oder Kuchen! Pfui, Herr Doktor, in das
Horn der Tantiemenmacher stoßen Sie mit hinein! Die künstlerische
Gewissenlosigkeit der französischen Boulevardstückfabrikanten wollen
Sie zur Maxime für uns dramatische Dichter erheben! Nein, da mache ich
nicht mit, ganz und gar nicht! Lieber wollte ich verhungern, ehe daß
ich aus Rücksicht auf Tagesruhm oder Theaterdirektoren oder das Goldene
Kalb irgendwie Zugeständnisse machen würde.“
„Sie sollten nicht so verwegen vom Hunger sprechen, Herr Greif! Ich
weiß, so gut wie Zola in Paris, was das Wort auf und hinter sich hat,
weiß es auch, was es heißt, +keine+ Konzessionen machen, und habe es
am eigenen Leibe wohl und wehe durchgemacht und in den meisten meiner
Stücke gefeiert wie nichts auf der Welt. Aber klein beigeben müssen
wir doch, wenn wir unter und mit Menschen leben wollen. Wir müssen
unsere Uhr nach der Zeit einstellen, in der wir stehen. Darum meine
ich zunächst, wir sollen auch unsere Stücke so zusammensetzen, daß uns
das Publikum von heute dabei aushält und nicht eher wegläuft, bis das
letzte Wort gefallen ist und der Vorhang das Stück wie eine Schere oder
ein Fallbeil abschneidet. Und darum meine ich zweitens, sollen wir auch
unsere Stoffe aus dem Menschenleben um uns herum und nicht aus den
Geschichtsbüchern herholen. Schelten Sie mir die Zeitungen nicht, sie
stehen stets wie offene Photographenkästen bereit, alles aufzunehmen,
und bringen unsere Zeit blitzschnell und haarscharf auf die Platte.
Man kann manches davon gebrauchen, wenn man ans Malen oder Dichten
selber geht. Was nützen uns die schönsten historischen und poetischen
Stücke, wenn das Parkett dabei kalt bleibt und die Galerie lau, und der
erste Rang nur immer bei den Aktschlüssen, wenn mechanisch geklatscht
wird, aus dem Schlaf erwacht. Die modernen Franzosen sind gar nicht
so dumm, wenn sie nur Menschen auf die Bühne bringen, die im Theater
selbst überall herumsitzen, also daß die Szene nur ein verlängertes
Stück Parkett ist. Glauben Sie mir, ich habe dreißig Jahre lang um
Lea gedient und Stücke für sogenannte Gebildete geschrieben und die
Geschichte wie ein Eidervogelnest ausgenommen bis in die Wikingerzeit
und Kaiser Julian, bis ich endlich merkte, daß es nur Rahel war, die
ich liebte und gewinnen wollte, das +Volk+, die breite Masse, das große
Theaterpublikum, die ganze Gesellschaft unserer Zeit. Um +die+ will
ich die dreißig letzten Jahre meines Lebens werben mit aller Kraft
und Kunst, die mir verliehen ist, werde mich ihren Launen und Nerven
mit meinen Stücken äußerlich in der Technik, wie auch innerlich in
der Weltanschauung fügen. Ich werde mein Thema -- und schließlich ist
jedem Künstler nur +ein+ Thema gegeben -- nach allen möglichen Seiten
variieren und den Leuten immer wieder anders zu kommen versuchen.
‚Anders und doch derselbe!‘ wie ein Sprichwort im Norden heißt.
Namentlich die Invaliden des Lebens um mich herum will ich mir aufs
Korn nehmen und einen nach dem andern abschießen, und wenn mir selber
das Herz dabei weh tut.“
„Sehen Sie nur zu,“ warf Martin Greif dazwischen, „daß Ihnen einer
nicht dabei verlorengeht, wenn Sie dem Publikum nachlaufen oder
meinetwegen, wie Sie meinen, voranmarschieren: der bessere Teil von
Ihnen, der +Dichter+ Ibsen!“
„Den hoffe ich gerade auf meinem neuen Wege immer mehr zu finden.
Wissen Sie, früher in meiner ‚ersten Periode‘, wie Ihr Schiller gesagt
hätte, kam ich mir stets wie auf einem Maskenball vor, einmal als
Wiking oder als Römer, oder als Sören Kierkegard verkleidet. Und das
war mir sehr ungemütlich. Und wenn ich mich aus Verlegenheit ganz
phantastisch gebärden wollte, dann mußte ich immer an einem Untier
vorbei, das vor dem Parnaß lag, wie einstmals die Sphinx vor den Toren
von Theben. Dies scheußliche Ungeheuer hieß -- +Shakespeare+ und
stürzte jeden Dichter, der das Rätsel vom Menschen nicht raten konnte,
in den Abgrund hinunter. Und wenn ich die vielen Dichterknochen sah,
die da unten bleichten oder wie alte vergessene vermoderte Bücher
verfaulten, da wurde mir noch ungemütlicher zumute. Und darum beschloß
ich, meinen Ehrgeiz darin zu suchen, möglichst ohne Maske auf dem
Theater zu erscheinen und nicht ängstlich darauf zu passen, ob ich
auch Dichter genug bliebe und die Schönheit und Poesie nicht dabei in
Lumpen und Fetzen und Motten ginge, wie alte aus der Mode gekommene
Kostüme. Wenn unsere Zeit, wenn unsere Bühne keinen +Dichter+ verlangt
und erzeugt, gut, so gebe ich ihn, wie eine Schlafmütze oder einen
Haarbeutel oder einen Vatermörder oder sonst etwas Altes, was wir nicht
mehr tragen, hinter den Kulissen ab und komme als Richter, als Arzt,
als Pastor, als Lehrer auf die Bühne heraus. Und die Gesinnung, die
mich dazu treibt, helfen, raten, klären zu wollen, und meiner Zeit
den Spiegel vorzuhalten: ‚Wohl euch oder weh euch! So seid ihr!‘, die
wird jedes meiner Worte dann draußen auf der Szene +adeln+, so gut,
als hätt’ ich es mir von Apollo und der tragischen oder komischen Muse
selbst soufflieren lassen.“
So sprach der Mann, den wir in die Zukunft mitnehmen wollen, wie eine
alte Standarte, mit der und unter der viele Siege gegen die Masse als
„kompakte Majorität“ erkämpft worden sind. Und wenn man uns Anno 1950
fragt: „Was tragt ihr da für eine alte zerschossene und verstaubte
Scharteke auf dem Rücken?“ so wollen wir antworten: „Es war der, den
seine Zeit verlangte und der sie erfüllte, und darum trotz alledem:
~Ecce poeta!~“
Bismarck
Preußen und damit das neue Deutschland verdankt das, was es in der
Welt bedeutet hat, Friedrich dem Großen und Bismarck. Diese beiden
Genies, die wie durch ein Wunder ganz kurz hintereinander aus dem
dürren märkischen Boden hervorwuchsen, haben das Deutschland unserer
Tage geschaffen. Sie haben sehr viel Verschiedenes in sich gehabt,
diese beiden Preußen, und es ist ein Glück gewesen, daß sie nicht zu
gleicher Zeit in und um Berlin lebten, denn sie hätten sich sicherlich
nicht er- und vertragen können. Der Alte Fritz war ein Freidenker und
hat im ganzen Siebenjährigen Kriege kein einziges Mal gebetet. Bismarck
nahm, hundert Jahre später, die Bibel mit nach Sedan und Paris und
wechselte mit seiner puritanischen Braut Briefe über das Wesen der
Erbsünde und darüber, ob sein Vater, der ein leichtlebiger Rittmeister
gewesen, in den Himmel gekommen sei. Bismarck verstand im Gegensatz
zu dem Sieger von Leuthen blutwenig von der Kriegskunst, und es ist
eine ganz verkehrte Gewohnheit unserer Maler und Bildhauer, ihn, der
seiner Profession nach Jurist war und bei jeder Parade oder Feier
die Uniformstücke verwechselte, stets im Soldatenrock darzustellen.
Schließlich hatte Bismarck, ganz anders wie jener große Monarch, der
die Kunst und Kultur seiner Zeit kannte und genoß und alle Musen zu
sich nach Sanssouci lud, kein Verständnis für die Kunst. (Gegen diese
Behauptung spricht natürlich nicht, daß er die Klassiker zu zitieren
wußte oder gelegentlich Beethoven pries.) Wenn der Alte Fritz noch
im späteren Alter Rousseau zu verstehen suchte und ihn allnächtlich
nach dem Tagewerk noch studierte, blätterte Bismarck, wenn er abends
erschöpft heimkam und nach dem Essen mit Frau und Kindern und Hunden um
den Kamin saß, zu müde zu sprechen, in Stindes harmlosen Geschichten
von der Berlinerin Buchholz oder bestenfalls im Fritz Reuter herum,
oder ließ sich, wenn er sich zu sehr geärgert hatte, ein paar Lieder
aus dem „Trompeter von Säckingen“ vorsingen. Richard Wagners Bedeutung
sah er nicht, Zola war ihm ein Greuel, und daß zu seiner Zeit eine
Persönlichkeit wie Nietzsche gelebt hatte, erfuhr er ohne Erregung und
ohne Interesse erst in Friedrichsruh. Das Theater war ihm gleichgültig,
wenn nicht verhaßt, und die Malerei seiner Zeit war ihm, wenn nicht
„Lenbach“ darunter stand, ebenfalls „Wurscht“, um seinen Ausdruck zu
gebrauchen.
So nebensächlich vor dem Riesenlebenswerk des großen Mannes dies auch
erscheint, so traurig ist es doch, daß er in keiner einzigen Kunst
mitreden konnte, außer in der Staatskunst, wo er alles verstand;
daß kein Haus, kein Stein aus seiner Zeit einen heute gewaltig oder
lieblich an ihn in Berlin erinnert, wo er doch mehr als dreißig Jahre
lang wie ein ungekrönter König gewirkt hat. Er hätte niemals dort
hausen und herrschen brauchen, so weniges erinnert noch in Berlin an
Bismarck. Nicht einmal den +Leichnam+ des Mannes, der für Preußen das
Leben von Millionen Menschen +mehr+ wert war als Napoleon der Erste
für Frankreich, hat man dorthin gebracht, und nachts fühlt man heute am
Brandenburger Tor eher noch den Geist Friedrichs des Großen, als den
Bismarcks herumspuken.
Es ist darum eigentlich sehr seltsam, daß Bismarck so wenig Verständnis
und Liebe für die Kunst seiner Zeit, für die Kunst überhaupt gehabt
hat, weil er im Grunde selbst aus dem Stoff, aus dem man Künstler
bildet, zusammengemischt war und, nach einem Wort Hardens, aus
„Goethes Geschlecht“ stammte. Vielleicht war nur die fehlende
halbe Flasche Champagner, die -- er selbst hat es gesagt! -- jedem
Märker und Berliner im Blute mangelt, schuld daran, daß er sich,
blind und taub gegen die Musen, ganz von seiner gewaltigen Aufgabe
verschlingen ließ. Wer ihn draußen in Freiluft sah, dem fiel immer
gleich das Künstlerische, Sensible an ihm auf, der merkte, daß dieser
Realpolitiker eigentlich die Augen eines Träumers im Kopfe hatte. Die
Natur um sich herum sah er mit den Gefühlen eines Malers oder Poeten
an, der weiß, daß er diese Schönheit um sich nur auf kurze Zeit in
Pacht hat und sie darum dreifach mehr als die anderen Sterblichen
genießt. Die graue Herbst- und Winterschönheit seines Nebelheims an der
Elbe wußte er prachtvoll wie ein Balladendichter zu schildern.
Das war ja die Tragödie seines Körpers und seines Lebens, daß er,
statt unter Blättern und Bäumen zu atmen, zwischen gelbem Papier und
Menschen sein Dasein versitzen mußte, unter Ministern die einzig
fühlende Brust, daß er, statt den Staren und Hirschen lauschen zu
können, mit Windthorst und Richter und Bebel sich herumzanken mußte.
Er hätte ja längst abgedankt und dies Amt, das er sich für sich selbst
geschaffen hatte, verlassen, wenn er nur einen gesehen hätte, der
es besser verstanden als er. Er hätte niemals den schmachvollen Tag
seiner Entlassung abgewartet, wenn er nicht bestimmt voraus gewußt
hätte, daß ein Caprivi nach ihm Dummheiten machen werde. So hielt ihn
die Pflichttreue, diese heilige preußische Tugend, die er mit Kant,
mit Friedrich dem Großen gemeinsam hatte, in den Sielen und an der
Spitze bis zu jenem Tage, da er, ganz allein, eine gelbe Rose in der
Hand vom Schloß in Berlin Unter den Linden ging, um den Möbelwagen vor
das Kanzlerpalais zu bestellen. Er gehorchte wie eine Schildwache,
nicht ein Tropfen vom Blut eines Wallenstein war in ihm, und wenn
er auch daheim in der ersten Wut Spiegel zertrümmerte, wenn er auch
gelegentlich in Zeitungsartikeln seinem Ärger, seiner Verbitterung Luft
machte, eine Auflehnung gegen den Willen des Monarchen wäre ihm als
Preußen ganz unmöglich gewesen. Denn jener unbedingte Gehorsam gegen
den Vorgesetzten, das stumme Sichfügen in die Bestimmungen über einen,
ist eben das Ideal, das aus Brandenburg Deutschland gemacht hat.
Neben dieser Pflichttreue, die Bismarck veranlaßte, sich für Wilhelm
I. täglich müde zu arbeiten, wie sie ihn ebenso dazu zwang, sich von
Wilhelm II. wortlos abdanken zu lassen, ist es vor allem der Mut, in
dem er dem Alten Fritzen um nichts nachstand. Er sprang selbst auf den
Attentäter Kullmann zu, der ihn angeschossen hatte, und hielt ihn am
Gelenk über dem Ärmel fest -- denn die +Haut+ eines solchen Menschen
berührt man nicht --, bis die Polizei kam, den Mörder zu verhaften. Er
ritt ganz allein Anno 71 in seinem allbekannten Kürassierrock durch den
Triumphbogen nach Paris hinein, wo täglich Tausende Tod und Pest für
ihn herunterbeteten, und rauchte ruhig seine Zigarre dabei, während
die wütenden Weiber und Damen der Halle seinen Schimmel anspuckten. Er
hatte schließlich den höchsten moralischen Mut, daß er stolz darauf
war, am meisten gehaßt zu werden in Europa, allen Deutschen damit ein
Beispiel gebend, Unbeliebtheit und Hohn zu überwinden.
Durch diese Eigenschaften, die er im Krieg und Frieden, in der
Diplomatie wie im Parlament tagtäglich angesichts Deutschlands
vormachte und vorlebte, ist er der größte Erzieher unseres Volkes
gewesen, den die Geschichte kennt. Ja, man kann sagen, daß er wie ein
Prometheus ganz +neue+ Deutsche geschaffen, und daß seit ihm unser
Volk überhaupt ein ander Gesicht bekommen hat. Jeder, der Bismarck
als Gesandten in den sechziger Jahren im Ausland kennenlernte, war
erstaunt darüber, in ihm einen praktischen, klaren, entschlossenen
Deutschen kennenzulernen. „Er ist gar nicht sentimental“, schrieb
Mérimée ganz enttäuscht in Biarritz über ihn in sein Tagebuch.
Namentlich die Franzosen, die seit Hoffmann und Heine die Deutschen
immer als Träumer und Sterngucker angesehen hatten, die auch tagsüber
noch die Schlafmütze über die Ohren trugen, waren ganz entsetzt, daß
auf einmal einer kam, der rechnen konnte wie sie, und nach der fünften
Flasche Sekt noch keine Träne vergossen hatte, ja noch genau wußte,
was er bei der ersten gewollt hatte. Das unterschied Bismarck völlig
von dem Freiherrn vom Stein, seinem geistigen Vorfahren in Preußen,
daß er seinen Willen durchsetzen konnte. Früher war es Deutschland
lange ergangen wie dem schüchternen Gast, der vor Bescheidenheit immer
wartet, bis er auf einmal verdutzt sieht, daß alle Plätze besetzt
sind. Bismarck setzte sich auf den ersten besten leeren Stuhl und
erklärte dann laut: „Wo ich sitze, ist immer obenan.“ So hob er den
deutschen Michel in den Sattel und führte jene gewaltige Metamorphose
der Deutschen herbei, der das Ausland seit Jahren mit Staunen und mit
Grollen zuschaut.
Daß dieser Mann, der, wie er selbst sagte, „dem teutonischen Teufel
verschrieben war“, ein Genie gewesen, das sahen selbst die Windthorst
und Richter ein, als sein gewaltiges Bild plötzlich wie ein Spuk
verschwand und ihnen angesichts des +neuen+ Reichstages war, als hätten
sie diesen Riesen nur geträumt. Sein Staatswerk hat ihn dank der
völligen Unfähigkeit seiner Nachfolger nicht lange überlebt. Aber seine
Persönlichkeit ist geblieben und wird wachsen ins Sagenhafte.
Etwas über Friedrich den Großen
Wie Achilles seinen Homer, der Halbgott den heroischen Sänger gefunden
hat, so fand Friedrich der Große seinen Verkündiger, seinen Chronisten
und Bildner in Adolf Menzel, einem zugleich nüchternen, trocknen,
zugleich dämonischen Künstler. Und so war der große König auch, den
er in seinen Bildern geschildert und wiedergeboren hat: Einerseits
nüchtern, prosaisch, genau, ein Pflichtmensch und der erste Diener
seines Staates -- „wir Märker haben alle unsere Normaluhr im Kopfe“,
sagte Fontane -- und kalt und verdrossen und mit den Jahren immer
schwerer und immer seltener zu schönen Aufwallungen geneigt --,
„uns Märkern fehlt allen eine halbe Flasche Champagner im Blut und
Temperament“, sagte Bismarck. Aber zugleich steckte eine unheimliche
Dämonie, ein höllisches Feuer, eine überirdische Glut in dem alten wie
in dem jungen Fritzen.
Es ist wohl allgemein anerkannt -- und nur auf den Schulbänken wurde es
aus altmodischer Anständigkeit noch anders gelehrt --, daß Friedrich
II. im Grunde keinen rechtmäßigen Anspruch auf die schlesischen
Provinzen hatte. Gab es den überhaupt jemals, so hatte Brandenburg,
wie selbst die Freunde des Königs zugeben mußten, doch längst
durch feierliche Verträge darauf verzichtet. Nicht also Pakten und
Pergamente, noch der Besitz des schlesischen Landes, sondern einzig
+die Ruhmsucht+ war es, die Friedrich II. in drei blutige Kriege
hinaustrieb. Immer wieder sucht er anderen und sich zu beweisen,
welch eine edle Eigenschaft dieses sei, und wie alles Große in der
Welt nur der Ruhmsucht seine Geburt verdanke. Aber der preußische
Selbstregulator in ihm bewahrte ihn zugleich vor dem Schicksal
Napoleons und lehrte ihn sich beschränken und sich Grenzen zu setzen.
So machte er an der Oder halt: „Bis hierher und nicht weiter!“,
während alle seine Bewunderer ihn am liebsten ganz Österreich hätten
verschlingen und bis zum Ende der Welt vordringen sehen.
Er wagte Preußen dabei, das ist wahr, aber nicht wie ein tollkühner
Spieler, sondern wie ein Mann bei der besten Chance, groß zu werden
oder gering zu bleiben. Er trug während des ganzen Siebenjährigen
Krieges, da es sich um Sein oder Nichtsein seines Landes handelte,
immerwährend Gift bei sich, weil er wußte, daß in diesen Jahren Preußen
und er ganz eins waren und er, wenn Preußen fiel, mitsterben mußte.
Darum hätte er -- und dies ist seine wahre Größe -- nicht eine Sekunde
lang ein St. Helena, nicht eine halbe Sekunde lang ein Amerongen
erduldet. Und dies Bild ist das ergreifendste aus seinem Leben, wie
er nach der Schlacht bei Kunersdorf, eine Weile von den Seinigen
abgeschnitten, versteckt unter einer Brücke saß, sein Windspiel neben
sich, dem er, um nicht verraten zu werden, die Schnauze zudrückte,
während er in der anderen Hand ein Fläschchen mit Gift hielt, jeden
Augenblick bereit, es zu leeren, falls er vom Feind entdeckt würde.
Die Pflichttreue, mit der er im Kriege allem, der kleinsten Parade
wie der größten Schlacht, beiwohnte, ist allbekannt und seit jener
Zeit zum preußischen Ideal geworden. Ebenso die Bestimmtheit und
Entschlossenheit in Wort und Tat, die spartanisch-brandenburgischen
Eigenschaften, die „Feldwebeltugenden“, wie Heine sagte, die der König
schon als Kind zeigen konnte, dessen erster, uns erhaltener Brief -- er
galt seinem freigeistigen Erzieher, und Fritz war damals fünfzehn Jahre
alt -- so lautete: „Ich verspreche Ihnen, mein lieber Duhan, Ihnen
jährlich, wenn ich über mein eigenes Geld verfügen kann, 2400 Taler zu
geben und Sie immer noch ein wenig mehr zu lieben, als jetzt, wenn es
mir möglich ist. Friedrich, Kronprinz.“
Kriegsmüde und verbittert war der Alte Fritz aus einem Krieg mit der
ganzen Welt, die sieben Jahre lang mit allen Waffen des Hasses und
der Hinterlist wider ihn gekämpft hatte, nach Berlin heimgekehrt. Man
kannte ihn kaum wieder, so verwüstet sah er aus. Mit dem Humor, der
noch in ihm hauste wie ein Käuzchen in einer Ruine, hat er sich selbst
in einem Brief an eine Freundin beschrieben: „Auf der rechten Seite
des Kopfes sind meine Haare grau; meine Zähne zerbrechen und fallen
aus; mein Gesicht ist runzlig wie die Falbeln eines Weiberrockes,
mein Rücken krumm wie ein Fiedelbogen und mein Geist traurig und
niedergeschlagen wie ein Mönch des Trappistenordens.“
Er fuhr nach Potsdam hinaus, ließ sich ganz allein in der Kirche ein
Tedeum vorspielen, daß keiner die Tränen sah, die er weinte, und ging
dann stumm an seine Geschäfte. Er war ein Freigeist in allen religiösen
Dingen; jahrelang hatte er Voltaire, den größten Atheisten jener Zeit,
um sich, was ungefähr so wäre, als wenn Wilhelm der Zweite tagtäglich
statt mit Hofpredigern und Dauerbetern mit Häckel verkehrt hätte. Alle
Religionen sind gleich „gut“, erklärte er, „und wenn selbst Türken und
Heiden mein Land peuplieren, will ich sie Moscheen bauen“, und erließ
dann den berühmt gewordenen Bescheid an seinen Kultusminister, das
schönste Fürstenwort, das es gibt: „In meinen Landen kann jeder nach
seiner Fasson selig werden.“
Friedrich der Große ist gestorben an der traurigen Krankheit, an der
alle großen Eroberer sterben, an der Menschenverachtung. Freilich
die Schmeichler, diese Hofpest, wußte er sich gründlich vom Leibe zu
halten. Schon sein ruppiger Vater, würdig ein Genie zum Sohn zu haben,
duldete solche Kerle nicht. Als ihn einst ein Bürgermeister nach der
auch bis ins zwanzigste Jahrhundert noch herrschenden Unsitte mit
einer devoten lobesvollen Rede am Stadttor empfing, unterbrach ihn
der König, indem er ihn dabei auf seinen dicken Bürgermeisterbauch im
Sonntagsrock klopfte, mit den Worten: „Genug, Alter! Erkälten Sie sich
Ihren Chimborasso nicht!“ Der alte Fritz konnte über Schmeichler so
wütend werden, daß er seinen Krückstock nach ihnen warf. Anderseits
gab es auch keine Majestätsbeleidigungen für ihn; er wußte, daß er
zu groß war, als daß ihn die Kanaille hätte beleidigen können. Eine
Schmähschrift, die einst an den Mauern Berlins wider ihn angeschlagen
war, ließ er bekanntlich „niedriger hängen“, damit sie besser zu lesen
sei.
Alle Künstler behandelte er wie seinesgleichen. „Um Gottes willen,“
heißt es in einem Briefe an Voltaire, „schreiben Sie mir nur als
Mensch, und verachten Sie mit mir Titel, Namen und allen äußeren
Prunk.“ Aber im ganzen war ihm das Menschengeschlecht, „diese verruchte
Rasse, der wir angehören“, wie er sich ausdrückte, völlig zuwider
geworden. Seine Preußen hatten schließlich den Drill so sehr in den
Knochen, daß sie ihm wie Sklaven, nicht mehr wie Menschen vorkamen. Die
Handvoll Personen, die er geliebt, starben fast alle vor ihm, und so
lebte denn der einsame Philosoph in Sanssouci ohne eine Menschenseele
zwischen Bedienten, Hunden, Affen und Papageien. Die Zeit, die er einst
der Kunst, vor allem der Musik, geweiht hatte, verschlang nun gänzlich
der Staatsdienst. Er starb ganz einsam, ohne Priester, ohne einen
Verwandten, in den Armen eines Dieners, während draußen im Vorzimmer
zwei Lakaien sich um die Wachskerzen, die sie aus den Leuchtern
gestohlen hatten, zankten. Er wollte neben seinem Schlosse zwischen
seinen Windspielen bei Nacht bestattet werden. Aber die sogenannte
Pietät seiner Nachfolger verhinderte dies.
So starb dieses Genie, der größte Hohenzollernfürst, dessen Lebenswerk
über Jena und Sedan hinaus gehalten hat.
Napoleon
In zwei Aufnahmen
~a~) die positive Aufnahme
Schon Goethe hatte sich über die Weisheit: „Für einen Kammerdiener gibt
es keinen Helden“ tüchtig geärgert und laut erklärt, daß dieses immer
nur die Schuld des Kammerdieners wäre, der über dem Allzumenschlichen
seines Herrn, das er täglich sieht, größenblind geworden sei. Wer
über einem Menschen in Unterhosen den Sieger von Austerlitz vergißt,
der hat eine Lakaienseele und ist zu nichts Größerem geboren, als
mächtigen Herren die Stiefel auszuziehen und abzuputzen. In einer
die Helden hassenden Zeit haben wir Napoleon, den Heine und Byron
immer nur den Großen schlechthin nannten, mehr als uns recht war,
mit Kammerdieneraugen betrachten sehen: So von Shaw, dem nichts zu
groß ist, um es nicht klein zu kriegen, so von Sardou in seinem
Kulissenreißer „Madame Sans-Gêne“ und von manchen anderen. Nicht mehr
mit der Kinderphantasie unserer deutschen Pastoren vor hundert Jahren
haben die Schreiber unserer Zeit Napoleon geschaut, etwa als einen
Werwolf, der von Menschenblut lebt oder ein wildes Tier, das aus der
Felseneinsamkeit Korsikas ausgebrochen war, um Europa zu dezimieren und
die Welt auf den Kopf zu stellen.
Nein, im Gegenteil, man hat in unseren Tagen den gewaltigen Zwergen,
der am Anfang unserer ganzen bürgerlichen Zeit steht, für diese
jetzige Bürgerwelt zurecht photographiert, ihn vermenschlicht und
unter uns andere gebracht, ihm bestens sein Absonderliches, nicht sein
Ausschließliches abgeguckt. So bekamen wir einen Napoleon zu sehen,
wie er noch heute unter uns herumlaufen könnte, ohne sehr in der
Menagerie der Menschen aufzufallen: einen Mann, der gern schnupfte,
viel und alles durcheinander aß, Käse nach der Suppe und Äpfel zum
Schellfisch, der bei dem Schauspieler Talma Stunden im Repräsentieren
nahm, und einen dicken Bauch hatte, der eifersüchtig und abergläubisch
wie ein Italiener war, parvenühaft seine Familie auf alle Throne
Europas zu kleben suchte, der Französisch sprach wie ein Bauer bei uns
Hochdeutsch, der die Schlacht bei Leipzig infolge von Magenschmerzen
verlor, und der sich auf der Insel Sankt Helena mit dem gleichen
Ungestüm mit einem unbedeutenden Gefängniswärter wie einstmals mit
Blücher, mit Metternich oder dem Kaiser von Rußland herumzankte.
Diese verkleinerte Photographie fängt das Rätsel Napoleon noch weniger
ein als das Zerrbild, das die deutschen Freiheitskämpfer Anno 1813 sich
von ihm machten, die ihn als Vernichter ihres Vaterlandes, als Lügner
und falschen Propheten gehaßt haben, wie noch keiner in Deutschland
gehaßt worden ist. Was er zunächst als Testamentsvollstrecker der
Französischen Revolution allein für Gutes über Europa gebracht hat,
das sah man damals im Rausch des Patriotismus noch nicht. „Attila!
Attila!“ sollen ihm die Studenten zu Jena nachgerufen haben, dieselben
vielleicht, die zehn Jahre darauf unter Metternichs Knutenwirtschaft
sich fast nach dem fremden Tyrannen zurücksehnten. Der einzige Mann von
Bedeutung in Deutschland, der den allgemeinen Haß gegen Napoleon nicht
mithassen konnte, ist bekanntlich Goethe gewesen, der so begeistert
von dem persönlichen Reiz des Kaisers war, daß er -- die Geschichte
hat kein größeres Kompliment für Napoleon! -- lange überlegte, ob er
nicht sein Vaterland aufgeben und nach Paris ziehen sollte. Aber es
+war+ nur das Dämonische, die Urkraft in Napoleon, die Goethe zur
Bewunderung hinriß. Das Stück Zukunft in diesem Bürgerkaiser wurde
der Aristokrat und weimarische Staatsminister mit allen anderen noch
nicht gewahr, das Demokratische, man möchte fast sagen, Amerikanische
in Napoleon, das nicht Adel noch Stand, sondern nur das persönliche
Verdienst hochschätzte. Dies kam zum Vorschein, wenn er etwa an
den Habsburger, den Kaiser von Österreich, der ihn, um sich den
bürgerlichen Schwiegersohn zu erleichtern, an den Familienadel der
Bonaparte erinnerte, einfach schrieb, „Mein Adel rührt von Montenotte,
meiner ersten siegreichen Schlacht über die Österreicher, und von
nichts anderem her.“ Oder, wenn er einen beliebigen Prinzen von Preußen
in bitterer Ironie zu einer Hasenjagd auf dem Schlachtfeld von Jena
einlud und ihn dann obendrein noch warten ließ, während er von seinem
Stuhl aufsprang, als Goethe zur Audienz hereinkam.
Aber für dieses Demokratische in seinem Wesen hatte die Zeit, die ihn
erlebte, ebensowenig Augen wie für das Romantische in Napoleon. Man
war zu sehr überrascht von dieser Erscheinung, um sie schon verstehen
zu können. Denn Napoleon war wirklich ein Romantiker auf dem Throne,
wie es vor ihm nur Alexander der Große gewesen ist. Das, was deutsche
Geschichtschreiber stets als Pose und Phrase bei ihm gescholten haben,
das war seine Triebfeder, sein Daseinsgrund: So, wenn er, der keine
Dynastie hinter sich hatte, in Briefen oder Reden sich Hannibal zum
Ahnherrn machte, als er über die Alpen zog, oder Cäsar, wenn er in
Italien und Mohammed, wenn er in Ägypten war, oder den nach Persien
flüchtenden verbannten Themistokles, als er nach Belle-Alliance den
Schutz des englischen Königs anrief.
Es war ebensowenig geschauspielert wie unwahr, wenn in Potsdam sein
erster Besuch dem Sarge Friedrichs des Großen galt, und wenn er den
Degen des alten Fritzen für die +schönste+ Beute aus allen seinen
Kriegen erklärte, oder wenn er den Papst zu seiner Kaiserkrönung
herbeizog, oder wenn er seinen Sohn in der Wiege zum König von Rom
erklärte. Große Augenblicke bedürfen großer Worte, und man sollte
Napoleon so wenig einen Phrasenmacher nennen wie Bismarck, der, um
Rußland einzuschüchtern, schrie „Wir Deutschen fürchten Gott und sonst
nichts auf der Welt“. Politik ließ sich damals und läßt sich auch
heute oft nicht anders übersetzen als: Die Kunst, schön zu lügen. Und
hatte Napoleon nicht das Recht, ein Romantiker zu sein, wenn er seinem
Leben, das sich noch heute wie ein Roman erzählt, auf den Rücken sah?
Es gibt nichts Reizvolleres in seinem Leben für uns, die wir es heute
aus der Vogelschau betrachten, als die kurze Zeit, da er 22 Jahre alt,
im Sommer 1791 als Sekondeleutnant in Valence, einem Städtchen in
Südfrankreich, bei der Artillerie stand. Er dichtete damals -- welcher
bessere Sekondeleutnant täte dies nicht! -- klagte über den Dienst,
war unglücklich verliebt, las fünfmal „Werthers Leiden“ und schrieb
Sätze wie diesen in sein Tagebuch: „Die Liebe bringt mehr Unglück als
Glück, und es wäre eine Wohltat der schützenden Gottheit, uns damit zu
verschonen und die Menschen davon zu befreien.“ Er ahnte damals noch
nicht im geringsten, was das Schicksal aus ihm machen würde. „Erst nach
meiner dritten siegreichen Schlacht fühlte ich -- auf der Brücke von
Arcole war es! -- daß ich ein großer Mann werden würde, und diese fixe
Idee verließ mich seitdem nicht mehr“, hat er auf Sankt Helena gesagt.
Wenn man das Genie als eine Art Krankheit bezeichnen will, deren Wesen
Ruhmsucht ist, so war Napoleon später +völlig+ von dieser Krankheit
besessen. Ruhelos trieb sie ihn, wie den Orest die Furien, durch ganz
Europa umher, bis er auf der kleinen Felseninsel im Atlantischen Ozean,
wo dreitausend arme, verkommene Menschen, ein paar Schafe und Ziegen
und Milliarden Mücken lebten, eine qualvolle Erlösung fand. So war
er ein Abbild dessen, der vom Geist der Ordnung überritten wird, und
der in der Offenbarung Johannis also beschrieben wird: „Und es ging
heraus ein anderes Pferd, das war rot; und dem, der darauf saß, ward
gegeben, den Frieden zu nehmen von der Erde und daß sie untereinander
erwürgeten; und ihm ward ein großes Schwert gegeben.“
Neben dieser übermenschlichen dämonischen Triebkraft seines Daseins
seien schließlich noch ein paar freundliche Züge in dem Wesen dieses
„Tigers in Menschengestalt“, wie Theodor Körner ihn nannte, erwähnt.
Einmal die Art seiner Kriegführung in Ägypten, wo er zivilisierter,
als wir in China es waren, die alten Heiligtümer des Landes den
Gelehrten, nicht den Soldaten überließ, oder in Italien, wo er den mit
dem Tode bedrohte, der ein Kunstwerk zerstören würde und Florenz um
Michelangelos und Arezzo um Petrarkas willen nicht beschießen ließ.
Vergessen sei auch nicht, wie gütig er gegen seine Soldaten gewesen
ist, die wirklich nicht für einen Tyrannen und Menschenfresser so oft
in den Tod gegangen wären, wie er die Pestkranken, um sie von ihren
unheilvollen Qualen zu befreien, vergiften lassen wollte, und wie er
manche Nachmittage vor den Soldatenspitälern zu Paris Musik machen
ließ, um die Genesenden heiter zu stimmen.
Für die Franzosen ist dieser Napoleon eigentlich nur ein schöner Luxus
gewesen, wie sein Neffe, ~Napoléon le petit~ zum Kaufmann geboren, zum
Kaiser bestellt, ein unschöner Luxus für sie geworden ist. Jedenfalls
hat das französische Volk von der ganzen Kaiserei Bonapartes heute
nichts mehr in Händen als große Erinnerungen und verschollenen Ruhm
und eine noch jetzt mit infolge seiner vielen Kriegszüge dezimierte
Menschenschar. Die sozialen Eroberungen der großen Revolution, von
denen die dritte Republik heute zehrt und lebt, hat Napoleon gehemmt
und dem Volke, das ihn als Götzen anbetete, in seiner Entwicklung
nur geschadet. Was er, diese Laune des Seins, als unbewußter
Testamentsvollstrecker Voltaires, Rousseaus, Mirabeaus, Dantons den
übrigen Völkern übermittelt hat, die großen bleibenden demokratischen
Ideen aus dem Jahre 1789, hat alle Nationen weniger gekostet als die
französische. Namentlich um Deutschland hat sich dieser Sendbote der
Revolution verdienter gemacht als Bonifazius: Er hat die geistliche
Weltmacht in Deutschland vernichtet, die Reichsstädte größtenteils
aufgehoben, die Reichsritterschaft lächerlich gemacht und mit
diesem allen wider Wissen und Willen der Einigung des Reiches und
Bismarck vorgearbeitet. Er hat den Gedanken der Volksfreiheit und
der Verfassung über die Elbe fast bis nach Mecklenburg getragen, und
wenn wir in unsern Tagen auch in Preußen von Freiheit, Gleichheit und
Brüderlichkeit zu sprechen beginnen, so verdanken wir dies dem Dämon,
der ausgesandt ward, in alle Welt zu gehen und alle Völker zu lehren
und auf den heiligen Geist der neuen Zeit zu taufen. Und darum können
wir hundert Jahre nach dem Erscheinen dieses Kometen Napoleon mit Fug
und Recht ihn im Elysium zum deutschen +Ehrenbürger+ ernennen.
~b~) die negative Aufnahme
Es ist ein Prüfstein für jeden heutigen Menschen, wie er sich zu
Napoleon stellt. Nicht als ob noch ein Streit über seine persönliche
Bedeutung notwendig wäre. Die Zeit, die unmittelbar auf seine
Schreckensherrschaft folgte, hielt es in ihrer Verachtung gegen ihn
für angebracht, ihm fast jede überlegene außergewöhnliche Begabung
abzusprechen. Chateaubriand, der ihn nach Madame de Staël wohl am
heftigsten in Frankreich gehaßt hat, ging sogar so weit, ihm als
gepriesenem Feldherrn ein Mißtrauensvotum zu erteilen. „Man hat
gemeint,“ so schrieb er, „Napoleon hätte die Kriegskunst entwickelt
und vervollkommnet. In Wirklichkeit hat er sie zu ihrer Kindheit
zurückgeführt.“ Dieser Ausspruch ist freilich nicht so töricht,
wie Flaubert geglaubt hat, der ihn in seine Sammlung denkwürdiger
Dummheiten aufgenommen hat. Denn Napoleons Krieg- und Schlachtenführung
hatte wirklich etwas sehr Primitives an sich. Und das ganze große
Geheimnis dieser „Kunst“, die wie keine andere vom allmächtigen
Zufall abhängig ist, besteht nach seinen eigenen verächtlichen Worten
darin, daß man mit einer größeren Heereszahl eine kleinere angreift.
Aber lassen wir ihm ruhig seine lang genug erprobte Feldherrengabe,
die er am meisterhaftesten noch in seinem Absturz, in dem Feldzug in
Frankreich 1814, bewährt haben soll! Mögen sich Generalstäbler und
Kriegsschüler daran erbauen.
Seine Fähigkeit, Schlachten anzuordnen und Truppen zu leiten, soll
ebensowenig mehr bestritten sein wie seine Kraft, die Mannschaften
anzufeuern und Menschen für sich zu gewinnen. Von dem Zauber seiner
Persönlichkeit, mit dem er Männer, an deren Freundschaft oder
Bewunderung ihm etwas lag, einzufangen wußte, sind uns zahllose
Zeugnisse erhalten. In Deutschland ist die magnetische Macht seines
Einflusses am bekanntesten durch die Verehrung Goethes geworden,
der von ihm seit der Zusammenkunft in Erfurt stets wie von einem
überirdischen Wesen sprach und diese Vergötterung des „Einzigen“ noch
seinem unglücklichen Sohn August vermachte, dem im Freundeskreis
die Tränen in die Augen traten, wenn man die Schlacht bei Leipzig
feierte. Diese maßlose Überschätzung des fremden Kriegsgötzen verstieg
sich bei Goethe zu dem bekannten Ausspruch gegen Theodor Körner und
Lützows Freischaren im Jahre 1813: „Schüttelt immer an Euren Ketten!
Der Mann ist Euch zu groß. Ihr werdet sie nicht zerbrechen.“ Wir
wollen diese Narrheit des Dichters nicht hinterher zu entschuldigen
und verständlich zu machen suchen. Goethe hatte sich einmal in die
dämonische Persönlichkeit Napoleons versehen und war als Staatswesen
überhaupt auf das Unterordnen eingestellt. Für ihn gab es, nach seinen
eigenen Worten, kein schöneres Los, als einem selbsterwählten würdigen
Fürsten zu dienen. Napoleon galt ihm mit Recht als der befähigtste,
der gebieterischste unter allen ihm bekannten Herrschern seiner Zeit.
Und darum brachte er ihm, von dem er sich wie ein Pair behandelt sah,
willig seine Huldigung dar. Bis zu seinem eigenen Tode bewahrte er
Napoleon diese Treue, übersetzte im hohen Alter noch, wo er kaum mehr
etwas übertrug, Manzonis Ode auf den fünften Mai, den Todestag des
Kaisers, und sprach gegen seinen Eckermann stets von ihm wie von einem
vollkommenen Helden.
Die trübe Zeit der geistigen Reaktion, die auf den Sturz Napoleons
folgte, trug viel dazu bei, das Andenken an den Gewaltigen zu
verschönern. Die Unterdrückung, die sich auf alle freiheitlichen
Regungen legte, gab dem verschollen auf einer kleinen Insel des
Weltmeeres in Gefangenschaft lebenden Kaiser in der Vorstellung der
daheim Geknechteten einen Glanz und eine Verklärung, die seinem
Wesen in Wirklichkeit gar nicht entsprach. So durch einen Nebel von
Sagen und verherrlichenden Erinnerungen sahen ihn die unter den
poetischen Jüngern, die seine Exhumation, seine Befreiung vom Staube
der Verleumdung herbeiführten. Wie beispielsweise Lord Byron in
England, wie die polnischen Dichter, die ihn hinterdrein als ihren
Messias feierten, wie Heinrich Heine bei uns und der alte Stendhal
und der junge Viktor Hugo in Frankreich. Bis zu dem Jahre 1841, da
man unter dem Ministerium seines Geschichtschreibers Thiers die
Asche des Kaisers von Sankt Helena in den Invalidendom überführte,
blühte diese Wiedergeburt Napoleons in der Dichtung. Man umkleidete
in der poetischen Vorstellung den gewesenen Tyrannen, den Mörder des
Herzogs von Enghien, des armen Buchhändlers Palm und des biederen
Andreas Hofer, nun nachträglich mit den freiheitlichen Gedanken der
französischen Revolution, die er zeitlebens persönlich verachtet und
verlacht hatte. Man wollte sich nicht mehr erinnern, daß Napoleon
alle, die später noch von den großen gesellschaftlichen Plänen des
Jakobinertums sprachen, dem er selber ehemals seine militärischen
Dienste angeboten hatte, als „Ideologen und Faselhänse“ verfolgt hatte.
Man vergaß, daß Beethoven die Widmung der „Eroika“ an ihn zerrissen
hat. Vergaß, daß Napoleon seinem begabten Bruder Lucian, der sich
seine republikanische Gesinnung bewahrt hatte, geradezu nach dem Leben
trachten ließ und ihn zum vollkommenen Schweigen verurteilte. Gewiß!
Napoleon gab sich gern demokratisch und war es schon als Südländer
mehr als etwa sein nordischer Freund und Feind, Kaiser Alexander I.
von Rußland, der die heilige Allianz zur Erhaltung der Monarchien
begründete. Auch das Wort, dessen frohe Botschaft wir wieder vernahmen:
„Freie Bahn dem Tüchtigen!“ findet sich schon mehrfach in der Fassung:
„Dem Fähigen!“ bei Napoleon. Aber dies Gebahren war bei ihm, dem
Advokatensohn und Profitmacher der großen Revolution, mehr eine
verfluchte Notwendigkeit als eine Sache der Überzeugung. Er konnte
sich als bürgerlicher Parvenu kaum noch auf den zum größten Teil durch
die Guillotine weggefegten französischen Adel stützen. „Der Adel hat
mir gedient,“ schrieb er einmal, „aber zwischen uns gab es niemals
Gemeinschaft. Mit dem Volk Frankreichs dagegen war es eine andere
Sache. Seine Gemütsart stimmte mit der meinigen überein.“
Darum wußte er auch dies Volk so gut zu behandeln, daß es sich bis
zur Grenze seiner Möglichkeit für ihn hinschlachten ließ, daß es bis
Waterloo nicht müde ward, sein „~Vive l’empereur!~“ zu schreien. An
dem Glück dieses Volkes, das er, wie er in seinem Testament beteuert,
so sehr geliebt hat, daß seine Gebeine an den Ufern der Seine inmitten
der französischen Nation ruhen sollten, hat er nur, soweit es für
ihn paßte, Anteil genommen. Die „soziale Frage“, die bereits mit der
ersten französischen Revolution der Welt ihr Rätsel aufgab, hat er
kaum beachtet. Ihm war vor allem anderen an seinem Ruhm gelegen. „Der
Ehrgeiz ist der Hauptbeweggrund des Menschen“, mit diesem Satz begann
und endete seine ganze höchst einfache und wilde Psychologie. „Der
Wille zur Macht“, das war für ihn wie für seinen späten Bewunderer
Nietzsche, der nicht nur den Anfangsbuchstaben mit ihm gemein hatte,
die alleinige Triebkraft aller Menschen. Von sozialen Gefühlen mochte
der Korse ebensowenig wie der grausame Sachse wissen. „Ich habe die
Grenzen des Ruhms erweitert.“ Auf diese traurige Selbstvergötterung
laufen die Bekenntnisse hinaus, die er in Sankt Helena von sich gab.
Diese neronische Leidenschaft für den Ruhm, ~la gloire~, die kein Volk
mehr als das französische empfinden kann, hat ja diese Nation stets
wieder an ihn angezogen. Bis auf die Nationalisten und Annexionisten
nach 1870 in Frankreich, die ihn wie ihre Vorfahren den heiligen Ludwig
als ihren Abgott verehrten. Man verzieh ihm um seiner kriegerischen
Ruhmestaten, der vergessenen Schlachten und der verstaubten Fahnen
willen sogar, daß er die Republik samt ihren erhabensten geistigen
Errungenschaften vernichtet hatte. Denn den freien Kult der Religionen
hat er, der sich selber einen „guten Katholiken“ nannte, anders wie
sein leuchtendes Vorbild, Friedrich der Große, möglichst im Sinne Roms
eingeschränkt.
Er hat sich später nach seinem Sturz viel darauf zugute getan, daß
er die Ordnung in Frankreich wieder hergestellt habe. „Ich habe den
Abgrund der Anarchie zugeschüttet. Ich habe ein Chaos gesichtet,
die Revolution geläutert, habe die Völker veredelt, die Könige auf
ihrem Thron gesichert.“ So und ähnlich rühmt sich Napoleon in der
„Selbstrechtfertigung“, die er auf seiner letzten Insel diktiert
hat. Wie leicht er es sich mit diesem Ordnungschaffen gemacht
und auf wie falscher Grundlage seine Tyrannei gestanden hat, das
verschweigt der Regisseur seines eigenen Ruhmes. Um das von ihm wieder
völlig entmündigte Volk der Franzosen über seine neue Knechtschaft
hinwegzutrösten, hat er es von einem betäubenden Blutbad ins andere
gestürzt und mit dem Leben seiner Untertanen in einer Gefühlsroheit
und Phantasielosigkeit gewüstet, wie sie nur noch in unsern Zeiten
überboten werden sollte. Hinterdrein auf Sankt Helena hat er die
eiserne Stirn gehabt -- und auch in diesem berühmten Muster hat man
ihn heutzutage nachgeahmt -- zu behaupten, daß er immer hätte Frieden
machen wollen, und daß man ihn, den armen unfreiwilligen Feldherrn,
der „die Grenzen des Ruhmes erweitert“ hat, genötigt hätte, stets
neue Schlachten zu schlagen. Seine Frechheit in diesem Punkte ging
so weit, daß er in der erwähnten „Selbstrechtfertigung“ geradezu
behauptete: „Will man mich beschuldigen, den Krieg zu sehr geliebt zu
haben, so braucht mein Historiker nur nachzuweisen, daß ich stets der
Angegriffene war.“ Nirgends sind Feldherren widerwärtiger, als wenn sie
sich hinter ihre Lügen verschanzen. Man „braucht nur“ den unnötigsten
aller Feldzüge, den von 1812 und seine Vorgeschichte zu erwähnen, um
diese verlogenste Ausrede des Italiäners zu entwaffnen.
Napoleon hat sich sicherlich zuweilen selber gesagt, daß solche
Ausflüchte, wie er sie da für seine unersättliche Ruhmsucht machte,
von verständigen Menschen kaum geglaubt werden konnten. Er mußte sich,
wenn er sein Leben und seine Taten, wie er das fast unaufhörlich tat,
mit denen seines kriegerischen Vorbildes, mit Friedrich dem Großen,
verglich, selber bekennen, daß er sich und seinen Ehrgeiz nicht gleich
jenem Philosophen auf dem Thron zu bändigen gewußt hatte. Darum suchte
der schlaue Advokatensohn noch nach einem besonderen Kniff, um die
wahnsinnige russische Unternehmung, den Beginn seines Bankerotts, vor
der Nachwelt zu retten. Er habe, so behauptet er keck, mit diesem
seinem endgültigen „letzten“ Kriegszug Europa unter einen Hut, seinen
eigenen Dreispitz natürlich, bringen wollen. „Ich wollte ein großes
Weltreich mit einer Münze, einem Maß, einem Gewicht usw. aus ganz
Europa mit der Hauptstadt Paris bilden und dieses als Gegenschöpfung
gegen die Vereinigten Staaten Amerikas, diese großartige Gründung
Washingtons, meinem Sohne hinterlassen.“
Ein auch den Friedensfreund berauschender Gedanke! Seine Ausführung
hätte uns mit den Hekatomben von Menschen, die von Napoleon
hingeschlachtet worden sind, einigermaßen versöhnen können. Aber der
Kaiser der Franzosen vergaß bei dieser großen Rechnung die Hauptsache,
nämlich, daß er gar nicht der Mann war, der sich wie Washington
das allgemeine Vertrauen verdient hatte. Und er begriff nicht, daß
diese Riesenaufgabe sich nicht mit einem Kriege von noch so großer
Ausdehnung lösen ließ. Das plumpe Mittel des Kriegshelden Alexander,
den gordischen Knoten einfach mit dem Schwert zu durchhauen, hätte
bei dem europäischen Problem nichts geholfen. Es wird hier nie zur
Einheit führen. Nur auf friedliche Weise, nicht auf dem Weg durch
Blut und Eisen sind die Vereinigten Staaten Europas zu schaffen.
Amerika hat seit dem Bestehen seiner Republik weniger Kriege geführt
als jeder kleinste Staat in Europa und hat trotzdem auf friedliche,
geistige Weise die widerstrebendsten, verschiedensten Menschen seines
Riesenreiches zusammengeschweißt.
Napoleon wäre durchaus ungeeignet gewesen, dies Werk Washingtons, um
dessen Tod er seine Armee in einer seiner wirklich schönen Gesten
Trauer anlegen ließ, für Europa nachzumachen. Er, der ein Kulturvolk
wie das englische überhaupt vom Kontinent ausschließen wollte,
was heutige Narren ihm wieder nachzuäffen suchten. Er, der jede
selbständige Regung eines von ihm unterworfenen Volkes in Hamburg wie
in Tirol niederknallen oder knütteln ließ. Und er, der die Religion nur
darum pflegte, um mit ihr die Menschen zu knechten, weil er wie ein
Großkapitalist meinte: „Die Gesellschaft kann ohne Ungleichheit des
Vermögens nicht bestehen, und die Ungleichheit des Vermögens kann nicht
ohne Religion existieren.“
Nein! Zum Begründer des modernen, des freien Europas war dieser
Unfreie, dieser Lobredner der Artillerie, nicht geboren. Man muß
nur bei den Zeitgenossen nachlesen, wie alle Nationen, auch die
eigene französische, bei seiner schließlichen sichern Verbannung
aufatmeten. Selbst ein Goethe konnte sich in seinem Napoleonkult diesem
Freiheitshauch nicht entziehen, als er mit Hunderten von Landsleuten
damals 1615 an den endlich nicht mehr umkämpften Rhein reiste. Napoleon
hatte stets den Krieg, den er gerade führte, als letzten dargestellt.
1812 galt es nur noch einmal um die Einheit Europas Menschen
hinzuopfern. Und 1813 waren es die alten Grenzen Frankreichs, und nach
seiner Rückkehr von Elba war es nur noch der sichere Bestand des teuren
Vaterlandes, um den andere ihr Blut lassen mußten. Solche Kampfhähne
und Helden wie er finden ja immer wieder eine berechtigte Ausrede für
ihre Unsinnigkeiten und eine Heiligsprechung ihrer Mordtaten.
Der Geist der Bildung wendet entsetzt und angewidert sein Haupt
von diesem entarteten Sprossen und Überwinder der französischen
Revolution. Nur als Testamentsvollstrecker dieser geistigen Bewegung
hat er Bedeutung für das zwanzigste Jahrhundert. Er selber hat keine
Ideen hinterlassen, höchstens einige Phantasien. Die Kriegsgeschichte
mag seine 50 bis 60 großen Schlachten behalten. Die Geschichte der
Menschheit als eine Würdigung ihrer Höherentwicklung aus dem Tierischen
will nichts mehr von solchen „Ruhmestaten“ noch von jenem riesigen
Menschenverächter wissen. Sie fühlt nur noch ein Schaudern vor dem
Massenmörder, wie es in der gespenstischen Ballade von Zedlitz
ausgedrückt ist, wenn nachts um die zwölfte Stunde der Mann im kleinen
Hütchen Heerschau über die unzähligen Toten hält, mit denen er wie das
deutsche Kaisertum in dem letzten Kriege die Erde Europas um eines
Phantoms willen besät hat. „Ein falscher Wille zerstört die Bildnis“,
die Wahrheit dieser Worte des gottseligen Schusters Jakob Böhme hat
Napoleon der Welt erwiesen. Oder um es in die Sprache des Philosophen
zu fassen: „Napoleon als ein gewaltiger Spiegel des Willens zum Leben
hat die ganze Bosheit des menschlichen Willens offenbart. Die Leiden
seines Zeitalters, als die notwendige andere Seite davon, waren
mit solchem bösen Willen unzertrennlich verknüpft. Er hat niemals
begriffen, daß die Welt ein Trauerspiel sei, in welchem der Wille zum
Leben sich erkennen und -- sich wenden soll.“
Gedanken über Albrecht Dürer
Es gibt einen Begriff bei uns in Deutschland, mit dem wir tagtäglich
umgehen wie mit dem Metermaß, dem Literkrug und dem Pfundgewicht,
ein konstruierter Begriff, für den es im wirklichen Leben kein
einziges Beispiel gibt, das ist der +Normalmensch+. Für ihn sind
unsere Gesetze verfertigt, für ihn gelten unsere Sitten, geben wir
unsere Gesellschaften, feiern wir unsere Feste, für ihn sind unsere
Verfügungen erlassen, und sind Apotheken, Kirchen und Schulen erbaut.
Für ihn macht der Schneider seine fertigen Anzüge, schreibt der Arzt
seine Rezepte, gibt der Lehrer seine Schulaufgaben und der Richter
seine Urteile, und für ihn schaufelt der Totengräber seine Gräber. In
Wahrheit hat ihn niemand gesehen noch gehört; wie ein unsichtbarer
Geist wandelt der Normalmensch unter uns Deutschen umher, aber für
dieses knöcherne Gespenst tun wir alle unsere Pflichten, zahlen wir
unsere Steuern, leiden wir unseren Ärger. Was einem etwa im Leben
als solcher begegnet oder vorgestellt wird, das sind so widerwärtige
Kreaturen, daß man im Interesse des idealen Normalmenschen sich dagegen
verwahren muß, daß diese bloß anscheinend korrekten Geschöpfe seinen
Namen führen. Wenn man bloß einmal im kleinen Umkreis seiner Familie
und seiner Verwandtschaft Umschau hält, ist man baß erstaunt, daß man
so einen ganz richtigen Normalmenschen nirgends entdecken kann. Da ist
eine sonst unbescholtene Tante, die nachts ohne Licht nicht schlafen
mag, da ist ein Onkel, der trinkt, ein Neffe, der das Schießen nicht
vertragen kann, eine Cousine, die einen Zirkusreiter geheiratet hat,
ein Vetter, der gerne Tiere quält und ein Schwager, der die Platzangst
hat oder einer, der ins Hasardspiel versessen ist. Alles ganz harmlose,
unbestrafte Individuen, aber samt und sonders keineswegs völlig
normal zu nennen. Ja, man findet einen solchen Mustermenschen in ganz
Deutschland, von Memel bis Lindau nicht, und selbst Staatsanwälte, die
sich im Spiegel besehen, werden finden, daß sie irgend etwas Anormales
an sich haben, etwa, daß sie mit der linken Schulter zucken, wenn
einer freigesprochen wird, oder nachts das Strafgesetzbuch unter dem
Kopfkissen haben müssen.
Das Seltsame dabei ist, daß der Mensch meist diesen kleinen Grillen mit
einer gewissen Wehmut obliegt, daß er geärgert oder bekümmert diesen
seinen fixen Ideen nachgeht, durch die er lebt und verbrennt. „Denn
Leiden ist allen Kreaturen beigemischt“, wie Meister Eckehart sagt,
und darum sind seit alters her Rausch und Tränen Nachbarn gewesen.
An dieses Anormale und Schmerzliche, das in jedem Menschen wohnt und
ihn ausmacht, muß man immer denken, wenn man in die Bildergalerie
von Meister Albrecht Dürer eintritt. Bei ihm, der doch nach seinem
eigenen Bekenntnis „alles mit Fleiß nach der Natur gemacht hat und
nicht das Kleinste von ihr abgewichen ist“, überkommt uns als nächstes
Gefühl vor seinen Werken das der Absonderlichkeit und der Anormalität.
Alle seine Menschen und Figuren haben etwas Merkwürdiges, Apartes,
ihnen schmerzlich Eigentümliches. Dieser nach seinem besten Wissen
rein naturalistische Künstler hat, mit seiner Staffelei vor seinen
Mitmenschen sitzend, keinen Normalmenschen, ja nicht einmal einen Typus
entdecken können. Jeder hat sein eigen Gesicht wie seine Seele, und
seine besonderen Eckchen und Fältchen, Hans Tucher so gut wie Kaiser
Maximilian und der Apostel Petrus. Und wenn man selbst das harte
normale Stadtverordnetengesicht des Jakob Muffel lange betrachtet,
wird es einem plötzlich, als sähe man diesen scheinbar ruhigen Mann
nachts vom Bett aufspringen und wie Harpagon mit heißen, zitternden
Händen an seinen Truhen und Schränken herumstreichen, um sich zu
überzeugen, daß alles verschlossen sei. Oder seht euch das Bild des
Hieronymus Holzschuher an, das heute in Berlin lebt! Sieht er nicht aus
wie ein würdiger Ratsherr und Bürgermeister, von dessen Lippen Worte
der Weisheit träufeln, und der mit Martin Behaim, dem Seefahrer, von
dem neu entdeckten Westindien und der Insel Java parlieren konnte, wo
„die leut Man und Fraven hinden schwanz gleich die hündt haben?“ Aber
blickt diesem Herrn Holzschuher nur ein wenig länger in die Augen und
auf den Mund, und ihr seht plötzlich das feierliche Bild verwischt
und habt einen jähzornigen Mann vor euch, der mit seinem Weib wegen
einer angebrannten Suppe wie ein Feldwebel mit seinen Rekruten brüllt,
oder der leberkrank wird, wenn sein Söhnchen nicht Primus ist, oder
der einen Hund in den Leib tritt, der zu ungelegener Zeit an ihm
hochspringt.
Und so ist es mit jeglichem Bilde, das der Meister gemalt hat. Es führt
sein eigenes, seltsames, begrenztes Leben, und ist nicht ein Mensch
dem andern gleich auf Erden. Für diese Verschiedenheit der Menschen hat
kein Maler auf der ganzen Welt wohl schärfere Augen gehabt als Albrecht
Dürer, der um 1500 zwischen Himmel und Hölle in deutschen Landen zu
Nürnberg auf Erden lebte. Führte ihn seine Kunst zu Gott empor, so
zog ihn ein zänkisches Weib, das ihm sein Leben lang beigesellt war,
zum Teufel hinab. Der Schmerz der Erkenntnis, die Folge von Adams
Apfelbiß, spricht wie aus seinen schönen traurigen Augen und Lippen
aus fast allen seinen Werken: Aus dem Blick des Christuskindes, das
mit der Nelke oder den Haaren seiner Mutter spielt, ebenso wie aus
den Händen des heiligen Hieronymus, oder der Haltung des Frauenkopfes
bei dem Bild von der Melancholie, oder vielleicht am gewaltigsten aus
jenem Kupferstich vom verlorenen Sohn. Mitten in einem deutschen Gehöft
kniet er auf dem Boden, rings um sich die Schweine, die behaglich
schmatzende, mit dem Rüssel im Boden wühlende, vergnügliche Kreatur. Da
muß er die Hände zusammenfalten und zum Himmel emporblicken und wieder
kommen erste Tränen aus seinen Augen und ein erstes Gebet aus seinem
Munde. Wer den Menschenschmerz, der aus diesen zusammengepreßten Händen
und diesem geöffneten Munde kommt, einmal tief betrachtet hat, der
weiß, was Malen heißt, und was für eine zauberhafte Kunst das ist.
Ein solcher Künstler war Dürer, der größte Maler, den Deutschland
hervorgebracht hat, der das Leben verdoppeln konnte, weil er alles sah
wie es war, und jedem Menschen auf den Grund schauen konnte, wo wir
nur Oberfläche und Umrisse erblicken, als ob er dabei gewesen wäre und
zugesehen hätte, wie Gott die Welt erschuf. Er löste das Siegel eines
jeden Menschen, wenn er ihn malte, und als ein Freund und Schüler ihn
einmal leise getadelt hatte, daß das Bild, das er von seiner eigenen
alten Mutter gezeichnet hatte, nicht +häßlich+ genug wäre, da holte er
diesen, als die Alte später gestorben war, an die Leiche, auf daß er
sie betrachte und erkenne, „daß sie in ihrem Tod viel lieblicher sach
dann da sie noch das Leben hätt’“. „Und mir war dabei,“ erzählt jener,
„als ob Meister Albrecht sie schon im Leben oft so wie heute auf der
Totenbahre geschauet hätte.“ Das ist das Wunderbarste und Genialste
an Dürer, daß er außer seinen beiden Augen, die jedes Härchen auf den
Lidern des anderen sahen und den Mundwinkeln einer Frau anmerkten, ob
sie eine wilde oder eine fromme Jugend durchgemacht hatte, noch jenes
+dritte+ Auge hatte, vor dem alle Formen in eins zusammenfließen und
alles Vergängliche verewigt wird.
Der Normalmensch, der nirgends existiert, würde schließlich noch
von Dürer berichten, daß er bei Michael Wohlgemut zu Nürnberg
Zauberlehrling war und das Malen erlernte, und daß er in Venedig und
in Antwerpen gewesen wäre, und daß er an der Auszehrung gestorben
sei, und daß der Schwerpunkt der Dürerschen Kunst in seiner
ungewöhnlichen Persönlichkeit liege, der überwältigenden Kraft seines
leidenschaftlichen seelischen Empfindens, der rein menschlichen und
streng sittlichen Bildung seines Geistes, der Kindlichkeit seines
Gemüts und dem Adel seiner Gesinnung, der sich nicht nur überall in
seinen Leistungen ausspräche, sondern auch von seinen bedeutendsten
Zeitgenossen wie Pirkheimer, Kamerarius und Melanchthon wiederholt
bezeugt werde, wie dies alles in Brockhaus’ Konversationslexikon --
auch einer Einrichtung für Normalmenschen! -- zu lesen ist. Aber er
würde vergessen, zu erzählen, daß auf seinem Grabstein auf dem Friedhof
der St. Johanneskirche zu Nürnberg die Worte stehen: „Streue ihm
Blumen, o Wanderer, Blumen“, -- keine Phrasen!
Rembrandt
Rembrandt kam von dem Begräbnis seiner Frau in sein Haus zurück. In
der Breestraat lag es, mitten im Amsterdamer Judenviertel. Die reichen
Verwandten seiner Frau, die mit draußen auf dem Friedhof gewesen
waren, hatten ihn alle verlassen. Sie liebten diese mit jüdischen
Trödlern und Bettlern gefüllten Gassen nicht, und einer hatte sogar
auf dem Wege zum Grabe ziemlich laut gesagt, seine Base Saskia sei
an der schlechten jüdischen Luft so früh zugrunde gegangen. Und dann
hatten sich noch einmal alle Augen der reichen Sippschaft auf den
Maler Rembrandt gerichtet, der als ein armer Müllerssohn die Frechheit
gehabt hatte, ihre reiche Verwandte zu heiraten und nun noch lebendig
dastand mit seinem breiten plumpen, gemeinen plebejischen Gesicht,
während man den Sarg seiner Frau am Strick in die Erde hinunterließ.
An den stumm beredten Ausdruck dieser Augen, mit dem nur reiche
Holländer einen armen Schlucker ansehen können, dachte der Maler,
als er den Schlüssel in das Schloß seiner Haustüre steckte. Er zog
seine schwarzen Handschuhe aus, und er wußte plötzlich nicht, hatte
er jene Szene gemalt oder erlebt. Dann hing er den breiten braunen
Hut an einen Nagel, der aus dem Dunkel des Flurs aufleuchtete, und
ging in seine Werkstatt über den Gang nach hinten. Er setzte sich vor
seine Staffelei und sah sich das Machwerk, das daran hing, scharf
und lange an. Es war sein Selbstbildnis, das er in den Tagen ihrer
Krankheit, da er zu nichts anderm Geduld fand, begonnen hatte. Da
stand noch der Spiegel neben der Staffelei und fing seinen Kopf auf,
als er sich vornüber beugte. Er sah hinüber und herüber und verglich
die beiden Gesichter bis in die Schnurrbartspitzen. Also solch ein
Kerl war er! Eine dicke, nicht ganz gerade Nase, nicht schöner als
die des Sokrates, das Kinn sinnlich und nicht energisch vorgebaut,
die breite Stirne über den scharfen Augen von dem vielen angespannten
Sehen mit Falten grade und quer überzogen. Und just diesen scheusäligen
Kerl, dessen Bild sich im Spiegel ewig bewegte, während das auf der
Staffelei ewig stille stand, hatte diese schöne Frau, die man eben zu
Grabe getragen hatte, sich unter vielen ausgewählt und liebgehabt. Wo
mochte da das Rätsel stecken? Und Rembrandt hatte, ohne daß er wußte,
was er tat, wieder zu malen angefangen und ließ seinen Pinsel kalt und
ruhig zwischen den beiden Abbildern wie einen unbestechlichen Richter
zwischen zwei Parteien hin und her gehen, um einen möglichst gerechten
Vergleich herauszubekommen. Aber es wollte ihm heute nicht recht
gelingen, unparteiisch zu sein, das höchste Ziel, das einem Künstler,
der zwischen Gott und Natur steht, vorschwebt. Er mußte immer an den
Rembrandt denken, den die reichen Verwandten seiner toten Frau auf
dem Kirchhof wie einen Räuber und Mörder angesehen hatten. Er stand
auf und trat aus dem Zwielicht seiner Werkstatt an das Fenster, durch
das aus dem Hof das Licht ganz abgedämpft wie in eine Krankenstube
hereinsah. Das Blatt Papier fiel ihm ins Gedächtnis, das ihm irgendein
Vetter oder Schwager auf dem Heimwege mit einem vorwurfsvollen und
zugleich etwas hämischen Augenaufschlag zugesteckt hatte. Er zog es aus
der Tasche verknittert heraus. Vermutlich ein Traktätchen, wie es die
Kalvinisten, Remonstranten, Mennoniten oder wie die Sekten in Holland
alle hießen, drucken und unters Volk verteilen ließen, in dem mit
vielen gelehrten und ungelehrten Sätzen aus einem schönen Bibelspruch
etwas Unschönes gemacht worden war. Der Maler holte sein Augenglas
hervor, um besser lesen zu können -- denn er meinte kindlicherweise,
die Wissenschaft stecke in der Brille -- und begann ganz langsam, wie
er es auf der Küsterschule in Leyden gelernt hatte, zu buchstabieren.
„Es ist nicht zu leugnen (~Non est negandum~), daß der vermeintliche
Maler Rembrandt van Rijn keinesweges die Erwartung erfüllet hat,
welche daß künstlerische Holland auf Grund seiner in Leyden gemachten
Schildereien, insbesondere jenes fürtrefflichen Bildes von der Reue
des Judas, auf ihn gesetzt hatte. Die braune Brühe, in die er die
Bildwerke seiner zweiten Manier getunkt hat, um ein paar goldene
Flecken heller und greller daherauszufischen, ist sowohl unnatürlich
als auch unschön. Es ist nicht zu verwundern (~non est mirandum~), daß
der Maler in Amsterdam auf diesen Knüppel- und Irrweg geraten ist.
Hört man doch die Kenner von ihm berichten und erzählen, daß er in
einer finsteren Baute im finstersten Viertel von Amsterdam hauset, die
er mit türkischen Teppichen, Kaftans, indischen Schals und arabischem
Rüstzeug vollgepfropft und noch verdunkelt hat, daß man drinnen nicht
mehr weiß, ob draußen der Mond oder die Sonne am Himmel hängt. In
solch einer Grube mag dann freilich ein Gesicht oder eine ausgestreckte
Hand wie Silber oder der Stern von Bethlehem leuchten. Ist das die
ganze Herrlichkeit, die bei einem üppigen Wohlleben und Saufen mit den
deftigen Herren der Kaisergracht herauskommt?
Aber Afterkunst blendet nur die Pöbelplebs oder rohe Barbarenseelen.
Wir aber, seine Leydener Landsleute, die wir es wohlmeinen mit einem
jeden Sohne unserer Stadt, fragen diesen an, wie lange will er wohl
noch die Maulwurfsmalerei betreiben? Wartet er darauf, bis unsere
Geduld oder sein Talent zu Ende ist? Er soll es uns nicht zu weit
treiben, denn erstere ist vielleicht noch schwächer als letzteres.
Warum malet er nichts Niederländisches, Echtes, als da sind ein
Stilleben oder eine Mühle wie früher statt des morgenländischen
Plunders, den er uns neuerlich auftischt?“
„Und so weiter!“ dachte Rembrandt und besah sich nur noch die
Unterschrift des würdigen Traktamentes, das nach Galle wie ein
eingelegter Hering nach Essig schmeckte. „Arent van Büchel aus Leyden“
stand darunter, und der Künstler wußte nun gleich, warum der Esel ihm
über den Weg lief. Es war ein höherer Beamter und Ratsmitglied seiner
Vaterstadt, der sich darüber gefuchst hatte, daß der Maler aus Leyden
fort in die Hauptstadt verzogen war und die Mitgift seiner Frau in
Amsterdam versteuerte. „Wenn ich am Meer hauste oder in der Sonne säße,
würden sie so klug sein und daraus schließen, daß ich +zu helle Farben+
hätte, und wenn ich arm wäre, hieß es, daß ich reicher sein müßte!“
dachte der Maler und sah sich in seiner exotischen Werkstatt um. „Wo
Licht ist, da ist Finsternis, und wo Finsternis, da ist Licht“, mehr
kann man in der Malerei, wie in der ganzen Welt nicht lernen, sprach
er und zog sich selber an seinen Haaren wieder zu seinem Bild zurück.
„Ich weiß nicht, was ich bin und kann nur, was ich war, wie dort meine
Nase im Spiegel sehen.“ Das war aber ein Mensch, der heute seine tote
Frau begraben hatte und vorgestern die Amme seines Sohnes auf dem Schoß
gehabt und ihr die Ehe versprochen hatte, und der in diesen Tagen
die „Nachtwache“, eines der ersten Bilder der Welt, vollendet hatte.
Ein Mensch, der wußte, daß, wenn er den Holzhammer neben sich an die
Stubentüre auf der Seitenwand warf, dann ein junges Dienstmädchen
erschien, Hendrikje gerufen, sein Söhnchen Titus auf dem Arm und
einen Teller Suppe in der andern Hand, und daß sie selbdritt dann
essen würden, als sei dieses Kind ihr eigenes, dasselbe, das Saskia,
die er geliebt, als letztes vor dem Sterben mit den Lippen berührt
hatte. Aber er wußte nicht, ob er, der Mensch, dem die Tote dieses
Knäblein anvertraut hatte, das er so liebte, nicht doch einmal an die
Mündelgelder dieses Kindes greifen würde, wenn die Gläubiger, die unter
dem Kommando des Konkursverwalters mit dem furchtbaren Namen Torquinius
schon in sein Haus eingedrungen waren, ihn auf der Treibjagd in die
Enge gepreßt hätten. Und bei dem war er so wenig ein Wüstling, daß er
vier Fünftel der Zeit, die er wach war, der Arbeit weihte, und war ein
so guter Vater, daß sein Sohn Titus, als er ein Mann geworden war,
+ihn mehr noch+ als sein eigenes Weib und seine Kinder lieb hatte.
So seltsam sah der Mensch aus, den er um sein Herz zu tragen hatte,
bis er in einer Oktobernacht im Jahre 1669 erlosch. Wo waren die
Engel, die er so oft gemalt hatte, als er in den letzten Wochen seines
irdischen Daseins, die Binde unter der Mütze über die Stirn geknüpft,
um die ewigen Kopfschmerzen zu lindern, die Augen trüb und halb
blind vom Fusel abends wie eine Nachteule in den Schnapskneipen des
Armenviertels von Amsterdam herumkroch? Warum tat der Himmel, der ihm
soviel verdankte, nicht einmal seinen Mund auf, um diesem zitternden,
fast erblindeten Greise, den die Gassenkinder verhöhnten, ins Ohr zu
flüstern: „Du bist der größte Maler, den die Welt geboren hat.“ Der
Totengräber, der am Sterbemorgen in Rembrandts Stube kam, um zu sehen,
ob man den +Geistlichen+ bei dem Begräbnis bezahlen könnte, stellte
grinsend fest, daß außer dem Malergerät und dem wollenen Kleiderflaus
nichts vorhanden war, und daß man von einer Predigt und dem Segen an
seinem Grabe absehen müßte. Wo ihr größter Landsmann, der „einzige
fliegende Holländer“, begraben liegt, wußte nach drei Jahren keines
Menschen Seele mehr in den Niederlanden.
Erst als man das Wort und den Begriff „Helldunkel“ erfunden hatte,
wachte auch Rembrandt aus seiner Vergessenheit wieder auf. Goethe war
einer der kühnsten Entdecker des unbekannten Wundermannes. Die schönen
Worte, die bei Rembrandts Leben und Sterben gefehlt hatten, fanden
sich nun in würdigen Massen wie beim Begräbnis eines Akademiedirektors
ein. Man nannte ihn den Vertreter des protestantischen Christentums in
der Kunst und den tief Religiösen, ohne daran zu denken, daß dieser
schlichte große Mann seine Stoffe lediglich aus der Bibel nahm,
weil sie das einzige Buch war, das er las und lesen konnte, bis der
Konkursverwalter es ihm mit versteigerte. Grade seine Wiedergabe von
Christus selbst war lange Zeit und ist auch heute vielen noch nicht
nach dem Sinne. Denn er hat weniger den Gott als den Menschen in ihm
gesehen, den, der am meisten gelitten hat, den Freund der Bettler,
Kinder und Narren, dessen Schicksal dem seinigen verwandt war. Nie
hat er ihn „idealisiert“, wie man in der Töchterschule und in der
Gipsklasse sagt, oft ihn qualvoll, verzerrt und traurig dargestellt,
aber immer mit jener Hoheit, die aus den Augen Goethes oder von der
Stirne Napoleons leuchtete. Das stille, nie die Bescheidenheit der
Natur überschreitende dramatische Leben seiner Bilder hat erst unsere
Zeit ganz gewürdigt. Denkt man dabei an die schreienden, verzuckerten,
affektierten übertriebenen Figuren vieler Christusmaler, so ist einem,
als wenn man von Shakespeare zu Wildenbruch kommt oder von einem Helden
zu einem schlechten Schauspieler.
Über Rembrandts Malweise ist zu sagen, daß er sehr früh, schon in
Leyden merkte, daß die Geburtsstunde eines jeden bedeutenden Malers der
Augenblick ist, wo er sich innerlich frei macht von der Akademie und
ein neues Leben beginnt, indem er seine eigene Technik gefunden hat.
Und wenn auch diese den heutigen Malern nichts mehr zu geben hätte,
die das Licht und „seine Leiden und Taten“, die Farben, wie Goethe, der
Sohn des Lichtes, sie genannt hat, +draußen+ im Freien aufsuchen, die
+große Persönlichkeit+, die hinter den Werken Rembrandts steht, die
kann allen Deutschen, wie jener eine Deutsche in einem ganzen Buche
bewiesen hat, den Künstlern wie dem Publikum noch heute ein Erzieher
sein. Sie lehrt uns vor allem in der Kunst keine Kompromisse zu machen
und zu verlangen. Was klein an so großen Künstlern wie Schiller und
Richard Wagner ist, das haben sie ihrer Schwäche in diesem Punkte zu
verdanken. Rembrandts erhabenes tragisches Beispiel weist dem Künstler
den Weg zur Unsterblichkeit. Vor ihn sollte man die jungen Akademiker
führen, nicht um ihn zu kopieren, sondern um Persönlichkeiten und
eigene Menschen wie er zu werden. Und man sollte sie noch heute anreden
wie der alte Cornelius seine Schüler: „Nicht darauf kommt es an, meine
Herren, möglichst viele tausend Taler im Jahre zu verdienen und ein
Haus in der vornehmsten Straße zu erwerben, sondern einzig darauf,
Kunst zu machen.
Was nützt es dem Maler, wenn er sich hohe Orden und Titel und Revenuen
wie Rothschild ermalt und erster Klasse mit sechs Pferden und mit Musik
begraben wird, wenn er zehn Jahre später der Lächerlichkeit verfällt
und seine Bilder immer höher bis auf den Speicher wandern und die
Motten selbst sie nicht mehr mögen? Auf Rembrandt schaut, ihn ehrt wie
einen Heiligen, den Welteroberer, der auf der Strohmatte gestorben ist
und als Bettler erlosch, um als größter Künstler fortzuleben!“
Arthur Schopenhauer
Wir haben in Deutschland niemals eine richtige, erfolgreiche Revolution
gehabt. Das bißchen schöne heiße deutsche Blut anno 1848 wurde durch
die mechanisch bei uns wirkende Militärmaschine niedergedrückt und
tobte sich in den klingenden endlosen Reden des Frankfurter Parlaments
langsam und friedlich in einem nicht wehetuenden Idealismus zu Ende.
Und siebenzig Jahre später, 1918, ging es auch noch höchst gedämpft
und maßvoll zu. Es ist wohl weniger die Furcht vor Pulver, denn in
drei siegreichen Kriegen unter Bismarck und in dem verlorenen unter
Hindenburg bewiesen wir den alten ~furor teutonicus~ -- als vielmehr
die eingeborene Scheu vor unseren Fürsten, die uns beim Revolutionieren
hinderte, derzufolge wir verfahren, wie Heine gepfiffen hat:
„Der Deutsche wird die Majestät
Behandeln stets mit Pietät.
In einer sechsspännigen Hofkarosse,
Schwarz panaschiert und beflort die Rosse,
Hoch auf dem Bock mit der Trauerpeitsche
Der weinende Kutscher -- so wird der deutsche
Monarch einst nach dem Richtplatz kutschiert
Und untertänigst guillotiniert.“
Die fürchterliche Aufgabe, Revolution zu machen, blieb somit in
Deutschland immer nur +einzelnen+ überlassen, die wiederum in das
Gebiet des +Geistigen+ verschlagen wurden, da Politik bislang fast
stets bei uns Sache der oder des Fürsten war. So kam es, daß unser
Cromwell Martin Luther hieß, der die Bibel ins Deutsche übersetzte,
statt Karl V. den Kopf abzuschlagen, und daß unser unblutiger Camille
Desmoulins Immanuel Kant war, der eher fast Gott selber entthront
hätte, als daß er eine Zeile gegen seinen Monarchen geschrieben hätte.
Und so wird auch vielleicht die Religion der Zukunft als eine geistige
Umwälzung von Deutschland aus ihren Ausgang nehmen.
In die Reihe dieser deutschen Empörer und Aufwiegler, die die schwere
Aufgabe, die ihnen zugefallen ist, mit einem tragischen Leben
besiegeln, gehört auch der große Mensch, Denker und Künstler Arthur
Schopenhauer, dessen gewaltigen Schatten wir hier heraufbeschwören
wollen. Seine Ausnahmestellung unter den deutschen Gelehrten verdankte
er, da er lebte, zunächst einmal seinem Reichtum. Die Philosophen und
Künstler waren bis dahin in Deutschland von der Gnade ihres Herrschers
oder der Großen abhängig, oder wie noch heute bei uns, an die Gunst des
Publikums verkauft. Noch Goethe saß in der Idee fest, daß der Künstler
und Denker mit einem Augenaufschlag zu dem Fürsten oder dem Mächtigen
emporblicken müsse, der ihm die Mittel zum Leben spendete. Der Fleiß
und die Tatkraft eines reichen, früh verstorbenen Vaters, an dem der
Sohn sein Leben lang mit hamletischer Liebe hing, brachte Schopenhauer
von Jugend auf in eine völlig freie Unabhängigkeit, so daß er von
keines andern Laune und Humor, noch von der Anerkennung seiner Mitwelt
zu leben brauchte.
Man kann sich das herrliche Gefühl vorstellen, mit dem er im „Hotel zum
Schwanen“ oder im „Englischen Hof“ zu Frankfurt am Main, wo er täglich
zu Mittag aß, an der Table d’hote zwischen reisenden Engländern,
Offizieren, Bankiers und Millionären saß, ohne irgend jemand den Hof
machen oder sich überhaupt unterhalten zu müssen. Die Freude, daß das
Geld endlich einmal an den Rechten in Deutschland gekommen war, soll
bisweilen, wenn er den Schaum vom Champagner blies, aus seinen kleinen
Augen gezwinkert haben. Ohne diesen Reichtum, der ihm die Freiheit
gab, hätte er vielleicht dies Leben damals in Deutschland gar nicht
überstehen können. Denn zumeist saß er verbittert und in sich geduckt
wie einer, der nur auf die innere Stimme hört, und angewidert unter
den Menschen seiner Zeit. Man erzählte sich, und wenn es auch bloß
erfunden ist, so ist es doch gut erfunden, daß er im „Englischen Hof“
zu Frankfurt wochenlang täglich einen Taler vor sich auf den Tisch
gelegt und dabei vor sich hingeknurrt hätte: „Den will ich den Armen
schenken, wenn die Offiziere gegenüber heute von etwas anderem als von
Pferden und von Weibern sprechen!“ Aber nach jeder Mahlzeit hätte er
grinsend den Taler wieder zu sich gesteckt. Der Mangel an Ernst bei den
meisten Menschen um ihn mußte ihn, der noch oder schon die Schauer der
Unterwelt in sich verspürte und hinter allem und jedem die Flügel des
Todes rauschen hörte, unsagbar quälen.
Zuweilen geschah es dann, daß dieser an einem Freitag zur Welt
gekommene graue Geist beim Essen wohl wütend die „Times“ hervorholte
und zu lesen begann, bis ein reicher Lord, der neben ihm saß und für
den der Hausknecht sich englische Sprachbrocken einstudierte, ihn
erfreut fragte: „~Oh, you speak English?~“, und der Philosoph mit einem
kurzen „Nein!“ die Unterhaltung im Keim erstickte. Dazu kam, daß diesen
von Natur schon ungeselligen Polyphem die völlige Teilnahmlosigkeit,
welche die Mitwelt seinem Denken und Schreiben entgegenbrachte, noch
mehr in Menschenhaß und Einsamkeit hineintrieb.
Das philosophische System Hegels hing damals wie eine Sonne über dem
ganzen geistigen und künstlerischen Leben Deutschlands und gab allem,
was erdacht und erdichtet wurde, sein Licht mit. Gerade diesen Hegel
nun haßte Schopenhauer, wie Tag und Nacht sich hassen, und hat ihn so
kräftig beschmäht, wie seit Luther keiner in Deutschland geschimpft
hat. Die Folge davon war, daß er nicht einmal von den gelehrten Kreisen
und den Besten seiner Zeit beachtet wurde. In Heines Schriften, der
doch sehr belesen und stets auf Neues erpicht war, ist der Name
„Schopenhauer“ nicht einmal genannt. Hebbel, sonst ein Vorposten der
Generation um 1900, erwähnt ihn wenige Male, aber nur, um ohne Blick
für seine Größe sich über ihn als einen philosophischen Sonderling
lustig zu machen. Hegel selbst hat ihn völlig ignoriert.
Man kann sich denken, wie es in der Brust eines schon von Natur ernst
und düster veranlagten Menschen, dessen großer Ehrgeiz durch völlige
Nichtbeachtung oder Verhöhnung erstickt wurde, ausgesehen haben muß!
Die Hölle, wo sie am tiefsten ist, muß silberweiß sein gegen die Nacht,
in der dieser Geist jahrzehntelang gebrannt hat. Immer wieder ruft er
sich die Namen aller großen Männer und Märtyrer zu, wie ein Krieger in
der Schlacht seine Heiligen, um nicht vor Furcht oder Ekel wahnsinnig
zu werden. Aber die Kraft seines Geistes und sein Mut, der es mit Tod
und Teufel aufnahm, überstand dieses isolierte Leben über den Menschen
seiner Zeit, das seinen besten Jünger Nietzsche später zerbrochen hat.
Er wußte ganz genau, daß er den Prozeß, den er um sein Werk mit der
Mitwelt führte, vor der Nachwelt gewinnen würde, und darum schrie er so
lange: „Ich habe recht!“, bis ganz Deutschland ihn anstarrte. Freilich
kam er so zerzaust und verwundet aus dem Streit heraus, daß sein
Greisengesicht das entsetzlichste Antlitz ist, das wir Menschen kennen.
Bismarck, der doch Mut für sieben hatte, ertrug den Anblick dieses
Mannes schwer und saß als Gesandter beim Deutschen Bunde zu Frankfurt
ungern im „Englischen Hof“, wenn jener steinerne Gast erschien.
Dreißig Jahre lang lebte Schopenhauer in der Geburtsstadt Goethes, mit
dem er als Jüngling befreundet gewesen, und den er nun als einzige
deutsche Gottheit neben Kant verehrte. Lebte da zusammen mit seinen
Widersprüchen, seinen fixen Ideen, seiner Flöte und seiner genau von
ihm abgemessenen Weichselrohrpfeife, seinem Pudel und seinem Weiberhaß,
der wieder wie bei Hamlet zunächst daher rührte, daß seine Mutter in
den neuen Umarmungen eines Hausfreundes den geliebten Vater vergessen
hatte. Wie der finstere Alberich den Nibelungenhort hütete er seine
Lehre für die Zukunft. Sein Stolz war, viel zu denken und wenig zu
schreiben, und dies Wenige in einer so klaren und schönen Sprache, daß
+jeder+ Deutsche, wofern er nur selbst denken will, es verstehen kann.
Er rechnete damit, daß, wie von Hellas nur der Name und das Werk seiner
Dichter und Denker übriggeblieben wäre, so auch, wenn Deutschland
dereinst vergehen könnte, +sein+ Name und +seine+ Lehre wie die Platos
die Jahrtausende überdauern sollte. Darum predigte er unserem Volke
stets die Ehrfurcht vor seinen geistigen Führern vor, versuchte er
vergeblich den Barbaren und Hyperboräern, unter denen wir hausen,
Verehrung und Liebe für die Künste einzuposaunen.
Seine Lehre ist aufgeschrieben in dem Werk, dem er den Titel gab:
„Die Welt als Wille und Vorstellung.“ Seine Ethik ist darum für uns
Heutige von solcher Bedeutung, weil sie in der indischen und der ihr
nah verwandten untergegangenen germanischen Religion, der Mystik,
+wurzelt+, wie sie vor 600 Jahren zuletzt der Dominikanermönch Meister
Eckehart öffentlich vor dem Dom zu Köln verkündet hat. Darum kann
Schopenhauer jedem Deutschen, der sich in ihn versenkt und der ihm
opfert, ein Seelsorger, ein Tröster und Berater über dies Leben hin
werden. Und wer in der grauen Stunde des Todes die Hand nach ihm
ausstreckt, der wird mit allen Heilsmitteln, die die menschliche
Vernunft zu vergeben hat, von ihm gestärkt werden und ein schönes
leichtes irdisches Ende haben.
Friedrich Nietzsche
Glücklicher Meister, du starbst, bevor jedes Maul dich beschwatzte,
Gleich dem Läufer, der stolz seinen Staub überholt.
Friedrich Nietzsche, der Künstler, ist plötzlich in das Deutschland
nach 1870 wie ein Wolf in eine Hürde eingebrochen. Es läßt sich nicht
mehr leugnen, daß er während der letzten Jahrzehnte und noch heute
unser ganzes geistiges Leben bestimmt, mehr noch als dies, daß er
eine ganz neue Gefühlswelt wachgerufen und heiliggesprochen hat.
Darum vornehmlich ist er der Führer und Abgott des heutigen jungen
Deutschlands geworden, nicht weil er alte Tafeln zerbrach -- das taten
mit ihm Ibsen und andere noch viel krachender --, sondern weil er neue
Tafeln aufrichtete und frische, blühende Worte und Werte daraufschrieb.
In seinem Werk „Jenseits von Gut und Böse“, das leben wird wie die
Evangelien, hat er den Punkt außerhalb der alten moralischen Welt der
Vorurteile gefunden, von dem aus man diese ganze überkommene Welt der
Moralität aus den Angeln heben und +umwerten+ kann. Indem er einen
jeden an seinem Kragen packte und ihm an seinem höchst +eigenen+
Charakter Hamlets Weisheit: „An sich ist nichts weder gut noch böse;
das Denken macht es erst dazu“ klar machte, nötigte er ihn, zu fühlen,
wie widersinnig es ist, die Menschen in schwarze und weiße Schafe zu
scheiden. So hat er unsere Strafgesetzgebung ihrer falschen pharisäer-
und philisterhaften Moral zu entkleiden, unser Gesellschaftsleben
auf ein freieres Fundament zu stellen versucht, und so hat er die
Freiheit des Einzelmenschen gepredigt, Deutschlands zweiter +größerer+
Reformator als Luther. Das ist sein Eigenes, daß alle Erkenntnis ihm
immer Erlebnis hieß, daß er aus einem Denker ein Dichter wurde und aus
einem Philosophen ein Prophet. Er hat in seinem Zarathustra, diesem
einzigen Werke, keinen Satz geschrieben, der ihm nicht aus der Tiefe
seiner Empfindung wie eine Träne emporstieg. Seine ganze Liebe galt den
Menschen der +Zukunft+, den neuen, den Übermenschen, die den Menschen,
das unvollkommene traurige Erden- und Herdentier überwunden haben. Sein
ganzer Haß galt der Vergangenheit und ihren falschen Werten, als da
waren: Mitleid mit dem Schwachen und Hinfälligen, oder Sehnsucht nach
dem Jenseitigen. Wie eine Stimme von einem andern Stern klingen dann
seine Worte: „Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu
und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden.
Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.“ Keiner vor ihm hat
jemals so stark und unbedingt das Menschenleben gefeiert und gepriesen
wie er. Und das war ihm die Krone des irdischen Lebens: Lachen und
sich freuen und tanzen zu können. „Das Lachen sprach ich heilig; ihr
höheren Menschen, +lernt+ mir -- lachen.“ Namentlich dieses hat man
ihm lange Zeit bei uns in Deutschland sehr verübelt, wo man die Ehe,
die Kindererziehung, den Beruf für entsetzlich ernste, trübselige und
mit äußerster Schwerfälligkeit zu verrichtende Beschäftigungen hält,
und wo man vor lauter Pflichten gegen andere die Pflichten gegen sich
selbst vergessen hat. Dafür allein sind wir ihm zur ewigen Dankbarkeit
verpflichtet, daß er uns gelehrt hat, alles Vergängliche einmal von
oben herab, wie ein Vogel, wie ein Fliegender zu betrachten. Nicht
frivol, wie Feindschaft und Unverstand gemeint haben. Der Mann, der
sich und uns das Wort gegeben hat: „Was +uns+ das Leben verspricht, das
wollen +wir+ -- dem Leben halten“, der niemals genießen +wollte+, ist
vor diesem Schimpf, mit dem „+man+“ die Freien gerne bedenkt, für immer
gerettet.
Denn sein Leben ist das eines Märtyrers gewesen: Als Sohn eines
Pfarrers und als Sproß einer ganzen Pastorengeneration bestimmte ihn
sein Dämonion dazu, der stärkste Gegner des Christentums zu werden, den
es seit Voltaire gegeben hat. Zur Geselligkeit geneigt, trieben ihn
Krankheit und grausame Schmerzen von allen Menschen fort in die eisige
Öde der Gletscherwelt oder an das einsame blaue Meer. Von den Frauen,
mit denen seine zarte, edel gezüchtete Seele sich gerne vermischte,
scheuchte ihn späterhin vermutlich jene schlimmste Ansteckung zurück,
die den schönen Anschluß der Geschlechter zu Gift macht. Auf die
Freundschaft angewiesen wie kaum ein germanischer Mann vor ihm,
mußte er, der von Jahr zu Jahr sich wandelte, alle Kameraden und
Freunde hinter sich lassen und war schließlich unverstanden und ganz
allein in der Einsiedelei und Wüste seiner Gedanken und Gefühle, von
Teufeln und Tieren umlebt wie der heilige Antonius in der Versuchung.
„Aber, was tun Sie hier den lieben langen Tag?“, fragte ihn die
Frau eines einstigen Freundes, als sie ihn zwischen Kühen auf einem
blumenübersäten Wiesenabhang im Engadin träumend fand. „Ich fange
Gedanken“, war seine lächelnde Antwort.
Das war also aus dem vielversprechenden, glänzenden jungen Gelehrten
geworden, einer, der dichtet und in den Himmel stiert und dem Herrgott
die Zeit stiehlt. Keiner hatte ein volles Verständnis für ihn, nirgends
fand er einen Widerhall, und als endlich der heißersehnte Ruhm ihn aus
seiner Einöde für die ganze Welt emporriß, war es zu spät geworden.
Irgendwo in der Fremde, in einer großen Stadt, in der er auch nicht
eine einzige Seele kannte, ergriff ihn der Wahnsinn. Irgend ein
gleichgültiger Mensch holte ihn von der Straße fort, als er, sich nach
Liebe sehnend, ein Droschkenpferd umarmte. Er hatte nicht mehr die
Kraft des Bewußtseins, von dem Gift, das er für den letzten Fall bei
sich hatte, zu nehmen, und so fiel er denn in die gütigen Hände seiner
barmherzigen Schwester, die ihn, das heißt seinen irren Kadaver, bis
zum Ende seines Daseins weiterpäppelte. So mußte er, der den freien
Tod gelehrt hatte und das Wort: „Stirb zur rechten Zeit!“ noch zehn
elende Jahre auf der Erde fristen. Bei einem Gewitter im Sommer 1900,
zu Beginn des Jahrhunderts, von dem er prophezeite, daß in ihm Europa
über seine Lehren in Krämpfe fallen werde, unter Donner und Blitz, ist
er gestorben und nieder zur Hölle gefahren. „Zur Erde will ich wieder
werden, daß ich in der Ruhe habe, die mich gebar“, hatte er einst
gesprochen. Und so hat man ihn auf dem Friedhof neben dem Pfarrhause,
das ihn wie einen Drachen, der es verschlingen sollte, erzeugt hatte,
zur Ruhe bestattet. So sehr hat er das Leben lieb gehabt, daß in ihm
am Ende eine längst vergessene heidnische Lehre wieder zur Gewißheit
wurde, die Lehre von der ewigen Wiederkunft, nämlich, „daß alle Dinge
ewig wiederkehren und wir selber mit, und daß wir schon ewige Male
dagewesen sind, und alle Dinge mit uns“. Das war die letzte Erkenntnis,
die ihm sein Dasein brachte, die ihn quälte, wenn er sich bewußt wurde,
daß auch der kleinste Mensch ewig wiederkommen wird, und die ihn
zugleich beseligte, wenn er seines eigenen Heldenlebens gedachte. Mit
diesen zwiespältigen Gefühlen, die er in Liedern und Dithyramben sich
zusang, ist er vom Leben geschieden, mit irren Schritten schon durch
den Vorhof des Todes tappend.
Kein Denkmal verkündet noch in deutschen Landen mit steinernem Munde
seinen Ruhm. Aber Könige werden sterben und Reiche dahinsinken, doch
sein Name wird noch über ferne Jahrhunderte glänzen.
Von
Herbert Eulenberg
erschienen als weitere Bände der „Schattenbilder“
im Verlage von Bruno Cassirer,
Berlin
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