Neid

By Ernst von Wildenbruch

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Title: Neid

Author: Ernst von Wildenbruch

Release Date: July 14, 2014 [EBook #46270]

Language: German


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                                  Neid

                             [Illustration]

                             Eine Erzählung
                                  von
                         Ernst von Wildenbruch

                          Fünfzehntes Tausend

                             [Illustration]

                                 Berlin
                   G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
                                  1903


              Das Recht der Uebersetzung wird vorbehalten.

                 Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.

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Neid




[Illustration]

An den Ufern der Lahn, oberhalb Ems, nicht weit davon, liegt ein Ort,
der sich Arnstein nennt. Ein Bach geht zwischen den Häusern entlang;
über den Häusern steigt ein Hügel auf, und auf dem Hügel, weit
sichtbar, erhebt sich eine prächtige Kirche.

Einmal, vor Jahren bin ich in der Kirche gewesen.

Ein Bild hängt darin, ich glaube, nur ein einziges; und dieses Bild hat
es bewirkt, daß ich die Kirche nie wieder vergessen habe, und den Tag,
an dem ich die Kirche besuchte.

Nicht, daß es ein besonderes Kunstwerk gewesen wäre -- im Gegentheil,
eine mittelmäßige Schilderei, vielleicht aus dem siebzehnten
Jahrhundert. Aber der Gegenstand! Ein Mann ist im Brustbilde
dargestellt. Der Mann ist unbekleidet; Flammen umlodern ihn, zur
Rechten und Linken, mit großen, rothen Zungen, so daß er mitten im
Feuer zu stehen scheint. Zwei Schlangen ringeln sich über die Schultern
des Mannes, zwei große, dicke Schlangen: die eine hat sich in seine
Brust verbissen, da, wo in der Brust das Herz schlägt; die andere
sperrt den Rachen auf, um gleichfalls hinein zu schlagen in das
unbeschützte Fleisch. Gerade weil man dem Bilde ansieht, daß es dem
Maler nicht auf die Malerei angekommen ist, sondern auf den Vorgang,
wirkt dieser Vorgang so gräßlich. Mit der einen Hand hat der Mann die
beißende Schlange gepackt, als wollte er sie von sich losreißen; aber
es hilft ihm nichts; das Unthier haftet fest. Und so muß er aushalten
in der Höllenqual. Denn daß es Höllenflammen sind, die ihn umlecken,
Höllenqualen, die ihn zerreißen, das sieht man seinem Gesichte an, dem
fahlen, aschgrauen, das in Verzerrung dem Beschauer in die Augen
blickt. Um den oberen Rand des Gemäldes läuft eine Inschrift, ein
Distichon in lateinischer Sprache. Ich kann mich des Wortlautes nicht
genau mehr erinnern, nur den Inhalt habe ich behalten: »Der Du mich
anschaust und fragst, was mich in diesen Höllenpfuhl gestoßen, wisse,
es war der Neid.« =Invidia= -- so lautet das lateinische Wort.

Wie tief mich der Anblick der unheimlichen Schilderei gefesselt, merkte
ich daran, daß ich die Beschließerin der Kirche ganz vergessen hatte,
die hinter mir stand und jetzt leise mit ihrem Schlüsselbund klapperte.

Ich drehte mich um. »Was hat es für eine Bewandtniß mit dem Bilde da?«
fragte ich. »Wie kommt es her? Wen stellt es dar?«

»Das ist das Bild,« erwiderte die Frau, »von dem Mann, der die Kirche
hier gestiftet hat und hat bauen lassen.«

Merkwürdige Art, den Stifter einer Kirche zu verewigen, indem man sein
Bild in solcher Gestalt in seine Kirche hängt!

»Wer hat das Bild von ihm malen lassen?« forschte ich weiter.

»Er selber hat sich so malen lassen und bestimmt, daß das Bild für alle
Zeit da hängen sollte.«

»Er selber -- wer war der Mann?«

Das wußte die Frau nicht.

»Was hatte er gethan?« Das wußte sie auch nicht.

Düsteres Geheimniß. Wir waren allein in der Kirche, ich, die
Beschließerin und der da auf dem Bilde. Und in meiner Vorstellung
erschien es mir, als stände hinter dem Bilde etwas auf, etwas Dunkles,
irgend ein grauenvolles Ereigniß, eine furchtbare That. Niemand wußte
mehr, was es gewesen. Die Zeit hatte alles in Schweigen begraben, die
That und das Opfer. Nur Einer war übrig geblieben, ein Zeuge, der das
Schreckliche aus nächster Nähe mit angesehen hatte, aus allernächster,
der Thäter selbst. Und der hatte dafür gesorgt, daß sein Andenken der
Nachwelt erhalten blieb in solcher Gestalt. Was für eine Art von Mensch
mußte das gewesen sein. Meine Gedanken tasteten an dem verzerrten
Gesichte herum, das auf mich herabblickte.

Ein Mensch, in dem ein furchtbares Blut furchtbare Leidenschaften
geheizt hatte, dem das wilde Blut keine Ruhe gelassen hatte, bis daß er
die That vollbrachte, und in dessen Seele, nachdem die That geschehen
war, mit der gleichen elementaren Gewalt des bösen Antriebs der
Rückschlag gekommen war, die Reue.

Ein Schauer überlief mich. Der Angehörige der modernen Zeit, der
nervenschwachen, willensschwachen und gefühlskranken Zeit beugte sich
unwillkürlich vor einer Vergangenheit, in der es keine Nervenleiden,
aber Seelenschmerzen gab, in der man so schrecklich zu thun und so
schrecklich zu bereuen vermochte.

Wie sie ihn gepackt haben mußte, die Reue! Wie sie ihn geschüttelt,
zerrissen und zerfleischt haben mußte!

Mir war, als sähe ich ihn, wie er zum Beichtiger in den Beichtstuhl
kniete, mit heulenden Thränen sein Bekenntniß stammelnd, mit
klappernden Zähnen sein: »Was soll ich thun? Was soll ich thun?«
herausfragend.

»Faste, bete, kasteie Dich,« kam die Antwort, »und baue eine Kirche.«

Und er fastete, betete, kasteiete sich und baute eine Kirche. Eine
große Kirche, eine mächtige; je mächtiger, desto besser, wie eine
Riesenlast, die er auf den Wurm wälzen wollte, der an seiner Seele
fraß, daß sie den Wurm erdrückte.

Und als die Kirche erbaut, war Alles umsonst; der Wurm war nicht
erdrückt, lebte immer noch und nagte und nagte.

Da, als er fühlte, daß sein Leben zum Ende ging, ließ er einen Maler an
das Bett rufen, auf dem er versiechend lag und hieß ihn sein Bild
malen. Nicht ein Bild, das ihn darstellte in Kraft und Gewandung seines
Lebens -- denn offenbar war es ein reicher und mächtiger Mann gewesen
-- sondern so, wie er sich in seinem Jammer fühlte, als armen Sünder,
in aller Naktheit der schuldbewußten Seele, von Flammen gebrannt, von
dem Schlangenrachen der Reue zerfleischt.

Er selber gab die Inschrift an, die man auf das Bild setzen sollte, und
bestimmte, daß es aufgehängt würde in der Kirche, die er selbst gebaut,
sein eigenes Ich im eigenen Werke eingesperrt, sein Schatten, den er
von Grabesruhe und vom Frieden des Vergessens ausschloß, damit es dort
hinge wie der graue Aschenrest einer schrecklichen Feuersbrunst, wie
der fahle Widerschein eines mit Blut gemalten Vorgangs, so lange die
Kirche stehen würde, Jahrhunderte lang, immer und für alle Zeit. Immer
wieder, so oft die Augen zukünftiger Menschen sich auf das Bild richten
würden, den Schauder erweckend, der mit tastenden Fühlfäden hinunter
langte in das Grab, wo der Verbrecher lag, und für immer, wenn kein
Besucher in der Kirche war, mit sich allein in der furchtbaren
Einsamkeit, Jahre lang, Jahrhunderte lang, mit sich allein und der
Erinnerung an das, was einstmals gewesen.

Ich riß mich los und wandte mich hinaus. Seinen Namen hatte er den
kommenden Menschen nicht genannt. Warum? Weil er gewollt hatte, daß
nichts übrig bleiben sollte als nur der Schatten des Vergangenen? Sein
körperloses Ich? Seine Seele? Oder vielleicht, weil, wenn man seinen
Namen nannte, er sein Geschlecht zugleich an den Bußpfahl gekettet
haben würde? Sein Geschlecht, seine Familie, die doch nicht schuldig
war an seiner That, die es ja eben gewesen war, gegen die seine That
sich gerichtet hatte. Denn ich weiß nicht, wie es kam, aber ich konnte
den Gedanken nicht los werden, daß es eine Frevelthat gewesen sein
mußte von Familienangehörigen gegen Familienangehörige, von Bruder
gegen Bruder.

Und indem meine Vorstellung hieran arbeitete und knetete, nahmen meine
Gedanken plötzlich ihren eigenen Gang, weit fort von der Stelle, wo ich
mich befand, aus dem Westen Deutschlands in den fernen Osten, und mit
einem Male wußte ich, warum es eine That von Bruder gegen Bruder
gewesen sein mußte. Eine Geschichte fiel mir ein, die ich dort einmal
gehört hatte, in der alten Stadt am breiten Strom, der schweigend durch
den Osten Deutschlands geht, wie die schweigende Lahn durch den Westen.

In der alten Stadt, von der ich spreche, wohnte ein alter Mann, ein
einsamer.

Einsam durchs Leben gegangen, ohne Frau und Kinder, war es jetzt
doppelt still um ihn geworden, seitdem er sein Amt niedergelegt, den
Abschied genommen, und seitdem hierdurch auch der Verkehr mit den
Kollegen aufgehört hatte, mit denen er, dienstlich wenigstens, in
Verbindung gehalten worden war.

Er war Regierungsrath gewesen, der alte Graumann; jetzt war er
pensionirter Regierungsrath außer Diensten.

Gleich in den ersten Tagen, als ich die Stadt bezogen, hatte ich seinen
Namen gehört. Er war ja gewissermaßen eine Sehenswürdigkeit des Ortes,
und als solche war er mir genannt worden. Damit aber hatte es sein
Bewenden gehabt; man wußte eigentlich nichts von ihm. Er selbst
erzählte nichts, er verkehrte ja beinahe mit Niemandem; vielleicht gab
es auch nicht viel zu erzählen. Er war eben Beamter gewesen wie hundert
Andere auch und auf der actenstaubigen Straße des preußischen
Beamtenthums zum Regierungsrath hinauf geklettert und dann, nach
Jahren, an die Thür gelangt, aus der es wieder hinaus geht aus dem
Beamtenthum, durch den Abschied in das Außer-Dienstthum.

»Jetzt fängt meine gute Zeit an,« so berichtete die Stadtchronik, hatte
er zu einem Kollegen gesagt, als er zum letzten Male vom Amte kam,
»jetzt falle ich dem Staate zur Last.«

Recht höhnisch, beinahe teuflisch sollte er gelacht haben, indem er das
sagte, wie die Leute denn überhaupt geneigt waren, in dem alten
Sonderling etwas Unheimliches zu sehen, Etwas, wovor man sich
eigentlich in Acht nehmen mußte. Schrecklich heftig konnte er werden,
so erzählte man sich, wenn irgend Etwas ihm in die Quere kam, und
fürchterlich grob, wenn Menschen sich berufen fühlten, ihn seiner
Einsamkeit zu entreißen, und die Menschen ihm nicht paßten. »Man
brauchte ihn ja nur anzusehen -- er sah ja so böse aus.«

Inwieweit dieses zutraf, hatte ich bald Gelegenheit festzustellen, denn
ich begegnete ihm oftmals auf dem Spaziergange. In dem hohen
Kiefernwald, der sich, stromaufwärts, auf sandigen Hügeln erhebt, sah
ich ihn zum ersten Male, dann, mit Unterbrechungen, gingen wir öfter
und öfter an einander vorüber.

Gingen an einander vorüber -- denn indem ich ihn daher kommen sah, die
Hände auf dem Rücken, den großen, schweren Kopf, den kurz geschorenes,
graues Haar einfaßte, vornüber hängend, den abgebrauchten, schwarzen
Cylinderhut in den Nacken gerückt, die Augen zur Erde gesenkt, nicht
rechts noch links blickend, fühlte ich, daß da ein Mann an mir vorüber
ging, der nicht angesprochen sein wollte, weil Ansprache Störung
gewesen wäre, Störung in dem, was ihn beschäftigte.

Denn er war immer beschäftigt, das sah man dem verwitterten Gesicht an,
in dessen derben, beinahe plumpen Zügen ein beständiges Regen und
Bewegen war -- beschäftigt mit seinen Gedanken, mit sich selbst.
Manchmal auch gewann das stumme Mienenspiel Laute und Töne; seine
Lippen zuckten, er sprach vor sich hin. Ich hörte es, indem mich mein
Weg an ihm vorüber führte. Meistens nur ein Murmeln und Flüstern, dann
und wann zusammenhängende laute Worte, die polternd und grollend heraus
kamen, und manchmal auch ein Lachen, »ein recht höhnisches, beinahe
teuflisches«, würden die Leute gesagt haben, das aus einem grimmig
lächelnden Munde herausbrach.

Als wäre er immer von Menschen umgeben gewesen, mit denen er sich
unterhielt, so sah es aus -- Menschen, die vielleicht noch jetzt
lebendig umher gingen wie er selbst, ohne daß er mit ihnen zusammen
kam; Menschen auch vielleicht, die einstmals gewesen und jetzt nicht
mehr da waren.

Jedenfalls ein Mann, der manches gesehen, erlebt und wohl auch gelitten
hat, dieser alte Graumann, so sagte ich zu mir; einer jener Menschen,
die man ja in Deutschland trifft, die unscheinbar, fast unsichtbar
durch die Welt gehen und in ihrem Innern eine solche Fülle des Lebens,
eine so reich bevölkerte Welt verschließen, daß sie davon zehren
können, wenn es Abend im Leben wird, daß sie sich mit ihren Gestalten
unterhalten können, ohne daß sie das Geplauder und Geschwätz der
umgebenden Gesellschaft brauchen. Vorausgesetzt freilich, daß sie die
Gabe besitzen, die das Entlegene nahe bringt, das Vergangene
gegenwärtig, Todte wieder lebendig macht, Phantasie.

Ob ihm diese Gabe innewohnte? Seitdem ich ihm in die Augen gesehen
hatte, glaubte ich es.

Einmal nämlich, nachdem wir schon manchmal an einander vorüber gegangen
waren, und als wir uns wieder begegneten, bemerkte ich, daß er auf mich
Acht gab. Der Unbekannte, der ebenso beharrlich und einsam wie er
selbst die Gegend durchstreifte, mochte ihm aufgefallen sein. Er kam
den Weg zurück, den ich hinaus ging: als wir nahe bei einander waren,
wandte er das Haupt zur Seite und sah mich an. Er that nichts weiter,
er grüßte nicht, sprach nicht, aber mir war, als hätte Jemand
gesprochen. Solch' ein redender Blick war in den Augen gewesen, die mit
dunkel glühendem Feuer unter buschigen Brauen hervor schauten. Wie das
Nachglühen eines innerlich bewegten Lebens, das nicht zur Ruhe kommen,
nicht im Vergessen einschlafen will, sondern im Erinnern weiter lebt
und weiter. Ich konnte den Blick nicht vergessen, und ungefähr zu
derselben Zeit, als unter Bekannten das Gespräch auf ihn kam, hörte ich
etwas, das meine Vermuthung bestätigte, das ihn mir als einen Menschen
erscheinen ließ, den mehr und Anderes bewegte als die wirkliche
Alltagswelt, die ihn umgab. Wundervolle Bilder, so hieß es, hätte er an
den Wänden seiner Wohnung hängen. Wer sie gesehen haben sollte, da
eigentlich Niemand zu ihm kam, war schwer zu sagen; aber die Kunde war
da und behauptete sich. In der Vorstadt, jenseits der Brücke, bewohnte
er eine Wohnung von einigen Zimmern; eine alte Wirthschafterin, die des
Morgens kam und des Abends ging, besorgte ihm die Wohnung.
Wahrscheinlich war sie es, von der die Nachricht ausging. Wundervolle
Bilder, und in seinem Schlafzimmer ein ganz besonderes, in Oel
gemaltes, während in den Vorderzimmern Kupferstiche hingen; ein Bild,
auf dem zwei Kinder dargestellt waren, zwei Knaben. Und der eine von
den beiden Knaben, so hieß es flüsternd weiter, das wäre er selbst, wie
er damals ausgesehen hätte, der jetzige Regierungsrath außer Diensten,
der alte Graumann.

So wurde erzählt, theils laut, theils flüsternd; und dann ganz leise
wurde noch etwas hinzugesetzt: in dem Schlafzimmer, wo das Bild mit den
zwei Knaben hing, da wäre an einer Wand, so hieß es, ein Vorhang und
unter dem Vorhang etwas, das Niemand kannte, Niemand gesehen hatte,
weil keine Hand den Vorhang lüften durfte. Auch die der Wirthschafterin
nicht.

»Bei Todesstrafe?« hatten einige Spötter gefragt. Nun -- vielleicht
nicht gerade bei Todesstrafe, aber beim Zorn des alten Graumann, und
der konnte bös sein; man wußte davon in der Stadt zu erzählen.

Also forschte man nicht weiter und ließ dem Vorhang sein Geheimniß.

Aber das mit dem Kinderbild? Ja, das war vorhanden, und »solch ein
schönes Bild« sollte es sein, hatte die Wirthschafterin erzählt. »Ein
schönes Kind müßte er einmal gewesen sein, der Herr Regierungsrath! Ein
paar Augen im Kopf! Eigentlich schon damals ganz die Augen, die er noch
jetzt hätte, nur viel freundlicher, und nicht solche Zotten und Borsten
von Augenbrauen darüber, wie er sie jetzt hätte.«

»Und der andere von den beiden Knaben?«

Ja -- von dem wußte die Wirthschafterin nichts zu sagen, hatte ihn nie
gesehen und gekannt. »Aber es sähe so aus, als müßte es wohl ein Bruder
von dem Herrn Regierungsrath gewesen sein, ein jüngerer; denn so eine
Art von Aehnlichkeit mit dem älteren, was der Herr Regierungsrath wäre,
könnte man schon darin finden. Nur viel zarter und magerer und
schwächlicher. Und so ein liebes Gesichtchen, aber so traurig; wie
solche Kinder eben aussehen, die nicht lange leben sollen.« Denn daß er
gestorben sein mußte, schon lange Zeit, das nahm die Wirthschafterin
für bestimmt an. »Er würde doch sonst wohl einmal von dem Bruder
gesprochen haben, der Herr Regierungsrath, und das that er nie.«

Das Alles kam mir so nach und nach und stückweise zu Ohren, und als von
dem Kinderbilde gesprochen wurde, ging das Gespräch weiter, zu den
Kindern überhaupt, und da erfuhr ich denn, daß er eigentlich ein
Kinderfreund sei, der alte Graumann. »Aber freilich in seiner Art,«
setzte der Erzähler lachend hinzu.

»Wieso, in seiner Art?«

»Je nun,« hieß es, »so, daß man ihn schließlich hat auffordern müssen,
seine Freundschaft für die Kinder lieber für sich zu behalten.«

In der Stadt nämlich, so wurde erzählt, bestand eine Anstalt, von ein
paar wohlthätigen alten Damen geleitet, in der alle Jahre zu
Weihnachten armen Kindern aufgebaut und beschert wurde. Gaben und
Geschenke wurden mit Dank entgegengenommen, und natürlich stand es den
Gebern frei, der Bescherung beizuwohnen. Zu diesen gehörte auch der
alte Graumann, der sich regelmäßig am heiligen Abend mit einem ganzen
Haufen von Paketen und Päckchen einzustellen pflegte. Eigentlich
hätten, der Hausordnung gemäß, die Geschenke schon vorher abgeliefert
sein müssen, um von den Damen nach bestem Ermessen vertheilt zu werden.
Aber der alte Graumann war nicht der Mann, sich irgend einer
Hausordnung zu fügen. Seitdem er den Regierungsfrack ausgezogen hatte,
wollte er die Ellenbogen frei haben nach allen Richtungen. Wollten die
Damen seine Geschenke haben, so mußten sie ihn gewähren lassen. Also
ließ man ihn gewähren.

Und nun eben kam das Verrückte:

Spät erst, wenn der Baum schon längst angezündet war, und die Kinder
ihre Tische und Gaben in Empfang genommen hatten, erschien als letzter
Geschenkgeber der alte Graumann. Wie der Knecht Ruprecht selber sah er
aus mit seinem alten, verwitterten Gesicht, und die Schätze, die er
sorgsam verhüllt unter den Armen trug, erweckten sogleich eine
athemlose Spannung, eine Spannung, die in hellen Jubel ausgebrochen
sein würde, wenn sich die Kinder nicht eigentlich ein wenig vor ihm
gefürchtet hätten. Denn wenn er nun so dastand im erleuchteten Raume,
zunächst die kleinen Köpfe stumm überzählend, ob er auch keinen
übergangen hätte, und dann, wenn er sah, daß Alles stimmte, in sich
hinein lächelnd, geheimnißvoll, beinahe listig, ohne ein Wort zu
sprechen, dann überkam nicht nur die Kinder ein seltsam schauerndes
Gefühl, sondern auch die Erwachsenen gestanden sich, daß er doch
wirklich anders sei als alle anderen vernünftigen Menschen.

Einen Stuhl rückte er sich dann heran; mitten unter seinen Päckchen und
Paketen, die er auf den Erdboden gelegt hatte, setzte er sich nieder,
ganz ernsthaft jetzt, beinahe feierlich, und nun, langsam, langsam
begann er eins der Pakete aufzuknüpfen und dann ein zweites. Lautlose
Stille begleitete sein Thun, und all' die jungen Augen hingen an ihm,
wie wenn sie auf einen alten Zauberer blickten. Noch einmal ein Blick
über die lauschende Schar, dann mit erhobenem Zeigefinger winkte er
zwei von den Kindern heran, zwei Knaben. Die letzte Hülle sank von dem
Paket -- und ein allgemeines »Ah!« des entzückten Erstaunens athmete
aus jungen Kehlen auf -- was war da für eine Herrlichkeit zu Tage
gekommen! Ein Schaukelpferd oder so etwas Aehnliches. Und das
glückselige Jauchzen dessen, der das schöne Geschenk in die Hände
bekam! Daß sich der andere von den beiden Jungen vor Ungeduld kaum zu
lassen wußte, begreift sich; das für ihn bestimmte zweite Paket war ja
freilich viel kleiner als das erste, aber der Inhalt würde schon nicht
schlechter sein, das verstand sich doch von selbst. Und langsam,
langsam schälte sich auch die zweite Gabe aus ihrer Papierhülse heraus,
und -- ein allgemeines Verstummen sprachloser Verblüfftheit -- ein ganz
minderwerthiger Gegenstand, der sich mit dem ersten gar nicht
vergleichen ließ, kam zum Vorschein. Die Augen dessen, der das zweite
Geschenk erhielt, schielten unwillkürlich über die eigenen Hände
hinweg, zu denen hinüber, in denen sich das Schaukelpferd befand, und
es fehlte nicht viel, so hätten sie sich mit Thränen gefüllt.

Und während sich dieses begab, saß der alte Graumann regungslos auf
seinem Stuhl; seine großen, runden, glühenden Augen ruhten unverwandt
auf dem enttäuschten Gesichte des Kindes, forschend, prüfend, mit einem
ganz sonderbaren, tief bekümmerten Ausdruck, und wenn er sah, wie das
kleine Gesicht unter verhaltenem Weinen zuckte, streckte er den Arm aus
und zog den Knaben an sich, beugte sich zu ihm, und leise, so leise,
daß Keiner von den Anwesenden es verstand, flüsterte er ihm ein Wort
ins Ohr. Und dann kam ein anderes Paar von den Kindern an die Reihe.

Jetzt waren es zwei kleine Mädchen, die er heranwinkte. Wieder, wie
vorhin, nestelten sich zwei Pakete auf; wieder erschien aus dem einen
eine prächtige Gabe, eine schön gekleidete Puppe oder so etwas
Aehnliches, und wieder aus dem anderen ein Gegenstand, der sich mit dem
ersten kaum vergleichen ließ. Abermals dann der Vorgang wie zuvor, die
kleine Enttäuschte wurde herangezogen, und so wie vorhin dem Knaben
flüsterte er dem kleinen Mädchen, indem er ihm traurig und zärtlich das
Köpfchen streichelte, ein Wort ins Ohr, das kein Anderer verstand.

Und so ging das weiter. Immerfort abwechselnd entzücktes Staunen und
schweigende Verdutztheit; stammelnde, jauchzende Freude bei den Einen,
betrübte Niedergeschlagenheit bei den Anderen. Und mitten in all' dem
Wechsel von Gefühlen, von Freude und Leid der alte Graumann, wie das
verkörperte Schicksal, seine Pakete auswickelnd, seine Gaben
vertheilend, bis daß die letzte verschenkt war. Die letzte war immer
die schönste, und merkwürdiger Weise, in jedem Jahre wiederkehrend,
dieselbe: ein blitzblanker Kürassierhelm, ein Küraß und ein Säbel mit
Säbelkoppel.

Die zappelnde Wonne, die ein solches Geschenk jedesmal hervorrief, läßt
sich denken, aber nicht beschreiben, und kaum beschreiben auch läßt
sich die Enttäuschung, die jedesmal die Gegengabe erweckte, eine
magere, kleine Blechtrompete, die wirklich erbärmlich gegen die
Kürassierausrüstung abstach. Das Merkwürdigste aber bei diesem
Vorgange, der gewissermaßen den Gipfel aller vorherigen
Absonderlichkeiten bildete, war immer der alte Graumann selbst, der
jedesmal, wenn die letzte Gabe heran kam, wie in einen Zustand der
Erstarrung, in einen Traum mit wachen Augen zu versinken schien. Seine
großen, runden Augen weiteten sich über ihr gewöhnliches Maß und
blickten starr vor sich hin, über die Köpfe der Kinder hinweg, in die
leere Luft, und es sah aus, als müßte er zu sich selbst zurückkommen,
bis er endlich den Kleinen heranzog und ihm, wie den Anderen vorher,
sein leises Wort ins Ohr raunte.

War dieses dann erledigt, so erhob er sich, griff nach seinem alten,
widerhaarigen Cylinderhut, verneigte sich schweigend vor den
Anstaltsdamen, und ohne ein Wort zu sagen, ging er hinaus. Den
Anstaltsdamen blieb es dann überlassen, die erregten Gemüther der
Kinder wieder zur Ruhe zu bringen, und leichte Arbeit war das natürlich
nicht.

»Was hat der Herr Regierungsrath Dir denn ins Ohr gesagt?« so wurde,
vom Ersten anfangend, gefragt. -- »Er hat mir gesagt,« hieß es: »>wer
neidisch ist, kommt in die Hölle; sei nicht neidisch, Du lieber,
kleiner Junge.<« -- »Und Dir? Was hat er Dir gesagt?« -- »Er hat
gesagt: >wer neidisch ist, kommt in die Hölle; sei nicht neidisch, Du
liebes, kleines Mädchen.<«

Beiden also wörtlich das Nämliche. Und als die übrigen Kinder, in
gleicher Weise befragt, ihre Lippen aufthaten und feierlich, wie wenn
sie als Zeugen vor Gericht ständen, aussagten, was ihnen der alte,
unheimliche Mann anvertraut hatte, da stellte es sich heraus, daß es
immer und jedesmal dasselbe geheimnißvolle Wort, dieselbe Mahnung
gewesen war, die jedes von ihm empfangen hatte. Das wiederholte sich,
wie gesagt, zwei oder drei Weihnachten, und dann hatten es die
Anstaltsdamen satt. Solch ein böser, alter Mann! Er machte ihnen ja die
Kinder geradezu aufsässig und zerstörte alle Weihnachtsfreude. Und das
absichtlich; denn daß er mit wohlüberlegter Absicht verfuhr, das war ja
klar; hätte er es sonst einmal wie das andere Mal gemacht?

Darum, als zum vierten Male Weihnachten heranrückte, erhielt der alte
Graumann eines schönen Tages von den Anstaltsdamen einen Brief, worin
ihm höflichst für die liebevolle Gesinnung gedankt wurde, die er ihren
Schützlingen bisher erwiesen hatte, in dem ihm aber zugleich zu erwägen
gegeben wurde, ob er in Zukunft seine Geschenke nicht lieber vor der
Bescherung einsenden wollte, damit sie von den Damen vertheilt würden.
Die ethisch-erzieherische Methode, nach der er seine Gaben vertheilte,
wäre ja den Erwachsenen durchaus einleuchtend und auch dankenswerth,
aber er würde sich ja wohl selbst sagen, daß Kinder noch nicht fähig
wären, eine Methode, die solche Selbstüberwindung forderte und so harte
Proben auferlegte, gebührend zu würdigen, und darum möchte es
vielleicht besser sein -- der alte Regierungsrath hatte verstanden;
seit dem Tage hat man ihn in der Anstalt nie wieder gesehen.

»Die Damen hätten es anders einrichten sollen,« hörte man später den
Weinhändler Kurzer sagen, »hätten den Herrn Regierungsrath nicht so zu
ärgern brauchen; denn geärgert hat er sich schmählich.«

Der Weinhändler Kurzer war nämlich der Mann, der einen Weinkeller
unweit des Marktes besaß, einen Keller mit schönen Spitzbogengewölben.
Und in dem Keller erschien an jedem Nachmittag, pünktlich wie nach der
Uhr, zu einer Zeit, wo sonst Niemand anwesend war, der alte Graumann,
um einen kräftigen Schluck zu trinken.

Ob es die Gesellschaft des Herrn Kurzer war, die ihn lockte? Oder das
Spitzbogengewölbe? Man erzählte sich, daß es noch etwas Anderes war,
und das war wieder einmal solch' eine Schrulle des tollen alten Mannes.
In dem Keller nämlich, in einer Ecke, von Staub bedeckt, stand eine aus
Thon geformte Figur, ein Weib auf einem Löwen reitend. Halb und halb
erinnerte das Ding an Dannecker's Ariadne; es war eine noch ganz
unfertige Arbeit, offenbar von Händen angefertigt, die sich zum ersten
Male an so etwas versucht hatten; noch unfrei in der Erfindung, noch
ungeschickt in der Gestaltung. Trotzdem -- wer es für der Mühe werth
gehalten hätte, das sonderbare Gebilde näher anzusehen, würde
vielleicht entdeckt haben, daß sich in all' dem Unfertigen etwas regte,
das dermaleinst hätte fertig werden können. Aber es hielt es Niemand
für der Mühe werth -- ausgenommen Einen -- den alten Graumann. Er, so
hieß es, war geradezu verliebt in die Stümperei. Es knüpfte sich auch
eine Legende an die Figur: in der alten Stadt war vor Jahren ein junger
Bursche gewesen, der Sohn armer, achtbarer Eltern. Sein Vater war
Actuar am Gericht gewesen, und durch Fleiß, der nicht einen Tag
aussetzte, durch darbende Sparsamkeit, die sich nicht einen guten Tag
gönnte, hatte er es durchgesetzt, daß sein Sohn so viel gelernt hatte,
daß er auch Unterbeamter werden konnte, Unterbeamter an der Regierung.
Und für das Alles hatte ihm der Schlingel übel gelohnt; er that als
Beamter nicht gut. Nicht, daß er getrunken hätte oder eigentlich
liederlich gewesen wäre, aber er hatte den Kopf voller Flausen. Zum
Künstler, hatte er behauptet, wäre er geboren; ein Bildhauer steckte in
ihm, das fühle er, und das sollte hervorkommen.

Natürlich war er fürchterlich ausgelacht worden, und der alte Vater
empfand schier tödtlich den Schimpf, den ihm der Sohn bereitete. Denn
boshaft, wie die Menschen nun einmal sind, versäumten sie nie, wenn sie
des alten Actuars ansichtig wurden, ihn zu fragen, wie es seinem Sohne,
»dem Bildhauer«, ginge, ob er Fortschritte machte, und was dergleichen
Scherze mehr waren. Und während alle anderen vernünftigen Leute der
Stadt es als ihre Pflicht erkannten, dem jungen Menschen zur Vernunft
zu reden, war Einer, der das Gegentheil that, der ihn in seinen
Abgeschmacktheiten durch Zureden bestärkte. Das war unrecht von dem
Einen, und dieser Eine war Niemand anders als der Herr Regierungsrath
Graumann. Man erzählte sich, daß er dem jungen Menschen die Erlaubniß
gegeben habe, ihn zu besuchen; daß dieser oft Stunden lang bei ihm
verweilte, daß der Regierungsrath ihm seine Bilder zeigte, sich mit ihm
über seine Pläne unterhielt, ihn sogar mit Geld unterstützte. Lauter
Dinge, die aller Vernunft und gesellschaftlichen Ordnung doch geradezu
ins Gesicht schlugen. Und natürlich hatte es denn auch zu keinem guten
Ende geführt. Eines schönen Tages war der »Bildhauer« verschwunden
gewesen, fort von der Regierung, aus der Stadt, und fort von seinen
Eltern. Einfach durchgebrannt; Niemand wußte, wohin. Niemand wußte es
und hat es je erfahren. Denn seit dem Tage blieb er verschollen, und
kein Mensch hatte je wieder von ihm gehört. Ob vielleicht der alte
Graumann? Möglich -- aber der sagte nichts.

Bei dem Weinhändler Kurzer nun hatte »der Michelangelo der Ukermark«,
wie ihn einer von den Regierungsreferendaren, ein junger, besonders
geistreicher Mann, betitelt hatte, eine Rechnung. Er hatte dort
manchmal ein Glas Wein, und mehr als eins, getrunken, aber keins
bezahlt. Wahrscheinlich war es auch wieder dieser alte Sünder, der alte
Graumann, gewesen, der den Herrn Kurzer zu so sträflicher Nachsicht
veranlaßt hatte. Wenige Tage dann, bevor er auf Nimmerwiedersehen
verschwand, hatte er dem Weinhändler seine Löwenreiterin gebracht,
gewissermaßen als Bezahlung. »Vielleicht würde er sie später einmal
verwerthen können,« hatte er gemeint. Bis jetzt war es freilich nicht
geschehen.

»Wird auch wohl so bald nicht kommen,« meinte mit resignirtem
Schmunzeln der Herr Kurzer, wenn das Gespräch darauf kam.

Am Nachmittag des besagten Weihnachtsabends war also der alte Graumann
im Weinkeller erschienen. Statt einer halben Flasche, die er für
gewöhnlich trank, hatte er sich sogleich eine ganze bestellt, eine
ganze Flasche schweren Burgunder. Ueberhaupt war er dem Herrn Kurzer
ganz besonders aufgeregt erschienen.

»Gehen Sie denn heute Abend nicht zur Bescherung ins Stift?« hatte Herr
Kurzer gefragt; darauf aber war der Herr Regierungsrath gleich
sacksiedegrob geworden.

»Soll ich in ein Haus gehen, wo man mich 'rausschmeißt?« Und dann hatte
er die Geschichte mit dem Briefe erzählt. Furchtbar schien ihn die
Geschichte aufgeregt zu haben. So wie an dem Tage hatte Herr Kurzer ihn
noch niemals gesehen. Eine ganze Weile hatte er sich schweigend mit
seinem Burgunder unterhalten, dann war er mit einem Mal aufgestanden,
hatte die Figur aus der Ecke geholt und sie, ohne ein Wort zu sagen,
mitten auf den Tisch gestellt.

»Ganz staubig ist das Ding gewesen,« berichtete Herr Kurzer, »so daß
ich es erst habe abklopfen müssen.«

Alsdann hatte der Alte davor gesessen und kein Wort gesprochen und
immerfort das Ding angeschaut -- immerfort, »eigentlich nicht anders
als wie ein Verrückter,« hatte Herr Kurzer gemeint. Und dann hatte es
angefangen, in seinem Gesicht zu arbeiten. »Sie wissen ja, wenn er so
mit sich Unterhaltung macht;« diesmal aber hatte es ausgesehen, als ob
er sich mit der Löwenreiterin unterhielte oder vielmehr mit dem, der
die Löwenreiterin gemacht hatte. Immerfort in die Luft hätte er vor
sich hin gesprochen; lauter sonderbares Zeug. Herr Kurzer, der mit ihm
am Tische saß, hatte Einiges davon verstehen können.

»Dir haben sie es auch nicht gegönnt! Darum bist Du um die Ecke
gegangen. Und nun bist Du zum Teufel. Daß so etwas hier hat geboren
werden können, in dem Nest! Wie sie ihm das Herz abgefressen haben,
immerfort, bis er nicht mehr gekonnt hat, nicht mehr ausgehalten
hat! Nun ist er zum Teufel. Sie haben ihn auf dem Gewissen. Haben
ihm das Herz abgefressen. Mit ihrem ewigen dummen Gelache und
Gehöhn. Mit dem sie sich so klug vorgekommen sind, die Dummköpfe,
die gottserbärmlichen, die Strohköpfe, die Banausen!«

Was er dann weiter sagte, hatte Herr Kurzer nicht verstehen können,
weil es ein dumpfes Murren gewesen war. Dann aber hatte er wieder ein
Glas hinunter getrunken, mit der flachen Hand, wie es seine Gewohnheit
war, sich den Mund gewischt und dann plötzlich mit der Faust auf den
Tisch geschlagen, daß Flasche und Gläser geklirrt hatten und die
thönerne Figur, als sei die Seele ihres Verfertigers für einen
Augenblick in sie zurückgekehrt, einen dumpfen Klang von sich gegeben
hatte. Zu Herrn Kurzer hatte er sich herum gewandt »mit ein paar Augen,
daß ich doch gleich denke, der Teufel selber guckt mich an.« -- »Nicht
gegönnt haben sie's ihm,« hatte er Herrn Kurzer angeschrieen, »das ist
der Kern von dem ganzen Pudel! Neid ist die ganze Geschichte gewesen.
Nicht vertragen haben sie's können, daß da mitten unter ihnen so Einer
gekommen ist, der was Anderes gewesen ist als sie, mehr gekonnt hat als
sie! Ist ein Liederjahn -- hat's geheißen; ist nicht wahr, er war kein
Liederjahn. Kartoffeln sind sie gewesen, Alle mit einander, und er war
eine -- eine -- was soll ich sagen -- mitten unter den Kartoffeln eine
Ananas.«

»Das ist sehr gut,« hatte Herr Kurzer rasch eingeschoben, indem er
einen verunglückten Versuch machte, der Sache eine scherzhafte Wendung
zu geben. Einen sehr verunglückten, denn der Herr Regierungsrath hatte
ihn angesehen -- noch schrecklicher als vorhin.

»Gut nennen Sie das?«

»Ich meinte nur, was Sie da eben gesagt haben, von den Kartoffeln und
der Ananas,« beeilte sich Herr Kurzer zu seiner Entschuldigung
anzubringen.

Darauf aber hatte der alte Graumann lange Zeit gar nichts gesagt,
sondern schweigend das Haupt in die Hand gestützt wie Jemand, der ganz
in sich und seine Gedanken hinein kriecht. Endlich war er wieder heraus
gekommen und hatte die Hand auf Herrn Kurzer's Arm gelegt.

»Herr Kurzer,« hatte er gesagt, »kennen Sie die Geschichte von dem
Apostel Johannes, der sich, als er ein alter Mann geworden war, immer
in die Kirche tragen ließ und immer nur ein Wort und nichts als das
sagte: >Kinder, liebt Euch unter einander?<«

Herr Kurzer glaubte sich zu erinnern, daß er so etwas einmal gehört
hätte.

»Mein lieber Herr Kurzer, sehen Sie, das war ein alter Mann, und ich
bin auch ein alter Mann. Der hatte das Leben erfahren, sehen Sie, und
wußte, was er sagte, und hatte recht. Einmal wird die Zeit kommen, da
werden auch Sie sagen: der alte Graumann hat doch recht gehabt. Sehen
Sie, mein lieber Herr Kurzer, da sind nun unsere Prediger. Alle
Sonntage, die Gott werden läßt, klettert das auf die Kanzel und sabbert
den Leuten eine Stunde lang was vor und nachher, wenn's zu Ende ist,
gehen die Leute hinaus und sind genau so klug wie vorher. Wissen Sie,
was sie thun sollten? Auf die Kanzel sollten sie steigen, ihre Bücher
zu Hause lassen und den Leuten ein einziges Wort sagen, aber so, daß
die Leute es hören: >Seid nicht neidisch!<«

Herr Kurzer hatte sich unwillkürlich umgesehen. So fürchterlich
gebrüllt hätte der Regierungsrath, als er das sagte, daß er doch
wirklich geglaubt hätte, die Vorübergehenden würden von der Straße
herunter kommen, zu fragen, was da unten los sei.

Den alten Graumann aber hatten solche Befürchtungen offenbar nicht
angefochten.

»So sollten sie sprechen, die Prediger,« hatte er fortgefahren; »>ich
kenne Euch,< sollten sie zu den Leuten sagen, >ich kenne Euch Alle, die
Ihr da vor mir sitzt; durch Eure andächtigen, scheinheiligen Gesichter
sehe ich hindurch, bis in Eure schwarzen Herzen. Ja, guckt mich nur an;
denn in Euren Herzen ist es finster, finster, schwarz. Ein Höllenhund
sitzt in Euren Herzen, in jedem einzigen, der Neid! der Neid! Der
verdammte, verfluchte Neid!<«

Bei diesen Worten, so erzählte Herr Kurzer später, war der Herr
Regierungsrath aufgesprungen und im Keller auf- und abgegangen, auf und
ab, so daß es ihm beinahe ungemüthlich zu Muthe geworden wäre und er
gar nicht mehr gewußt hätte, was er eigentlich machen sollte. Endlich
hatte er sich ermannt und noch einmal den Versuch gemacht, die
Geschichte von der humoristischen Seite zu nehmen.

»Da würden die Herren Prediger ihre Kirchen wohl bald schön leer
haben,« hatte er bemerkt.

Ein Geknurr war die Antwort gewesen. »Glaub' ich selber. Habe Ihnen ja
den Brief gezeigt; haben es gehört, wie's Einem geht, wenn man den
Menschen die Wahrheit sagt, daß sie Neidhämmel sind. Zum Hause
schmeißen sie Einen 'raus. Denn sie fühlen, daß man recht hat, und weil
sie's fühlen, wollen sie's nicht Wort haben. Natürlich. Wenn man unter
Kranken steckt, darf man von der Krankheit nicht sprechen; ist nicht
angenehm, wenn man daran erinnert wird. Denn krank sind die Menschen
allesammt, und ihre Krankheit, wissen Sie, wie die heißt? Der Neid.«

»Es wird doch aber Ausnahmen geben,« hatte Herr Kurzer einzuwenden
gewagt; aber ein Lachen -- »Sie wissen ja, so ein recht höhnisches,
beinahe teuflisches« -- war von dem alten Graumann gekommen.
»Ausnahmen« -- und damit hatte er sich wieder zu seinem Burgunder
gesetzt, »wie soll's denn Ausnahmen geben, wenn die ganze Welt
aufgebaut ist auf dem verfluchten Gesetz: Seid neidisch auf einander!
Was einem Andern gehört, gehört nicht mir; und daß es nicht mir gehört,
sondern einem Andern, das ist nicht recht, und darum ist der Andre mein
Feind. Das ist die Weltordnung, diese -- diese famose, von der die
Prediger von den Kanzeln erzählen. Haben Sie's einmal angesehen, wenn
man Spatzen füttert? Da werfen sie einen Brocken hin -- surr, ist ein
Sperling da. Noch einen Brocken -- rutsch, kommt ein zweiter. Was thut
der erste? Von seinem Brocken, an dem er herum pickt, läßt er los und
fährt über den zweiten her, warum? Bloß damit der andere Spatz nicht
auch etwas abbekommt. Die Canaille! Wenn die Menschen so etwas sehen,
lachen sie. Schämen sollten sich die Menschen, statt zu lachen, sollten
sich sagen, daß sie's genau so machen wie die Spatzen, aber ganz genau!
Sind Sie einmal durch einen Wald gegangen? Haben Sie's gesehen, wie das
Gestrüpp und das Unterholz aufwächst und sich breit macht zwischen den
hohen Bäumen? Sie denken: das macht sich so von selbst, das ist eben
die Natur. Jawohl ist's die Natur, aber in der Natur steckt der Teufel.
Neidisch ist das Unterholz auf die hohen Bäume und möchte sie am
liebsten ersticken. Würde sie auch ersticken, wenn der Mensch sich
nicht darüber hermachte und das Unterholz kappte. Ja, der Mensch -- dem
Gestrüpp gegenüber hat er ein Einsehen, aber wenn man ihm sagt: seht in
Euch selber hinein, rodet es aus, was da drinnen bei Euch wächst, das
Wucherzeug, die Wasserpest, dann schmeißen sie Einen zum Haus hinaus.
Herr Kurzer, ich bin Beamter gewesen, bin lange Zeit Beamter gewesen,
viel zu lange. Ich habe es zu nichts gebracht. Nicht einmal das haben
sie mir gegönnt, daß sie mir den >Geheimrath< gegeben haben. Warum?
Soll ich's Ihnen sagen? Weil ich ein Esel gewesen bin mein Leben lang,
ein Dummkopf; weil ich auf meinem Weg immer zur Seite gesehen habe, was
sich da neben mir begab, statt daß so ein tüchtiger Beamter, verstehen
Sie, so ein Streber, immer mit Scheuklappen seinen Weg gehen muß, immer
nur vorwärts sehen muß, vor sich hin und hinauf, damit er hübsch
vorwärts kommt. -- Aber ich will Ihnen etwas sagen, Herr Kurzer: wenn
sie so an mir vorbei avancirt sind, mit so einem halb mitleidigen
Lächeln, weil ich immer hinter ihnen geblieben bin, bewundert habe ich
sie nicht und beneidet um ihre Orden, mit denen sie klunkerten, auch
nicht. Denn in meiner Dummheit bin ich klüger gewesen als sie und habe
etwas gewußt, was sie Alle nicht gewußt haben, daß sie krank sind,
Einer wie der Andere, neidisch, der Eine auf den Anderen, und weil ich
nichts gewollt habe, bin ich nicht neidisch gewesen.«

Und nach diesen Worten war der Herr Regierungsrath wieder stumm
geworden, hatte vor sich hingesehen und dann mit einer Stimme, »gerade
als wenn er aus dem Grabe heraus spräche«, gesagt: »Ich habe es mir
abgewöhnt.«

Was er damit hatte sagen wollen, vermochte Herr Kurzer nicht anzugeben.
Es hatte so ausgesehen, als wenn sich der alte Mann an etwas erinnerte,
an etwas, das vor langer Zeit einmal geschehen war, vielleicht damals,
als er noch ein Kind war; denn plötzlich war er dann auf die Kinder
gekommen.

»Ja, die Kinder,« hatte er wieder angefangen, »wenn man solch ein Kind
ansieht -- es ist doch so etwas Schönes. Das glaubt noch an einen
>lieben Gott<, weiß noch nichts von all' dem Dreck, durch den man
patschen muß, wenn's nachher ins Leben geht, Streberei, Kriecherei,
Heuchelei, und wie die Teufelseier alle heißen. Und sehen Sie, Herr
Kurzer« -- und dabei hatte er den Arm des Herrn Kurzer zwischen seine
Finger gepreßt, als wenn er ihm den Knochen zerdrücken wollte -- »sehen
Sie, Herr Kurzer, neidisch ist das darum doch. So ist der Mensch!
Neidisch sind solche Würmer auf einander auch schon! Schenkt man Einem
was, so sieht's nicht auf das, was es bekommen hat, sondern nach dem,
was das Andere gekriegt hat; und wenn ihm das schöner erscheint und
besser gefällt, dann geht der Teufel in ihm los. Das, was ich nicht
habe, das gerade möchte ich bekommen haben. Und da sitzt man nun vor
solch einem kleinen Geschöpf, solch einem armen, kleinen Ding und
sieht, wie das Gift in ihm zu kochen anfängt, und wie das Pflänzchen
krank wird, weil es die Krankheit eingesogen hat und angeerbt, die aus
dem Boden kommt, aus dem es wächst, der Welt, die so schön eingerichtet
ist, der -- der schlechten, schändlichen, verfluchten Welt! Und über
das Alles sieht man in die Zukunft hinaus, wenn das Kinderpflänzchen
einmal ausgewachsen sein wird und ein Strunk geworden sein wird, ein
dicker, grober, knotiger Strunk. Dann wird es gerade sein wie all' die
Strünke, die vor ihm gewesen sind, so hart, daß man Andere damit
todtschlagen kann. Und das Alles muß man mit ansehen und kann nichts
thun, es zu ändern; denn wenn man es ändern will, dann kommen die
Erwachsenen und schmeißen Einen zum Hause hinaus. Sie haben den Brief
gehört, Herr Kurzer -- schmeißen Einen zum Hause hinaus!«

Ueber diesem Gespräch, berichtete Herr Kurzer, war es mittlerweile spät
geworden, der Weihnachtsabend angebrochen. Durch das Kellerfenster
hindurch sah man in dem gegenüberliegenden Hause bereits einen
flammenden Lichterbaum. Da hinüber hatte der Herr Regierungsrath
gesehen, mit einem Ausdruck im Gesicht, meinte Herr Kurzer, daß man
recht gefühlt hätte, was für ein einsamer alter Mann er eigentlich war.
Dann hatte er gesagt: »Sie werden nun wohl auch Ihren Keller
zuschließen und bei sich zu Hause aufbauen wollen, Herr Kurzer; darum
will ich nur gehen.« Und damit war er aufgestanden, und Herr Kurzer
hatte ihm geholfen, den Mantel anziehen. Und als er schon den Mantel
angezogen und den Hut in der Hand hatte, war er noch einmal stehen
geblieben und in Gedanken versunken.

»Weil ich jetzt also den Kindern nichts mehr schenken soll,« hatte er
gesagt, »will ich Ihnen etwas lassen, Herr Kurzer. Wenn Sie wollen,
können Sie's wegschmeißen: Erfahrung, Herr Kurzer! Darauf, daß der
Mensch Erfahrung macht, darauf kommt es an!« Und indem er so sagte,
hätte der Herr Regierungsrath die Hand, darin er den Hut hielt,
emporgehoben und ausgesehen -- »gradezu feierlich,« meinte Herr Kurzer.

»Man muß etwas erlebt haben, Herr Kurzer, und das, was man erlebt hat,
behalten. Aber nicht im Kopf, verstehen Sie, sondern da, da drinnen im
Herzen. Ein Herz muß man haben, das sich erinnern kann. Und daran eben
fehlt es bei den Menschen; denn wenn man etwas aufbewahren soll, dann
muß man einen Raum haben, wo man es hineinthun kann; wenn man sein
Leben mit sich tragen soll im Herzen, muß man ein Herz haben, wo Platz
dafür da ist. Und das eben haben die Menschen nicht, sondern ihre
Herzen sind wie flache Teiche, wo ihre Strebergedanken drin
herumschwimmen wie gierige Fische mit dummen Glotzaugen, die nichts
Anderes denken können, als daß sie danach umhersehen, ob nicht irgendwo
ein Brocken herunterfällt, den sie aufschnappen können. Nein, Herr
Kurzer, nicht wie ein Teich muß das Herz des Menschen sein, sondern wie
das Meer. Sind Sie schon einmal am Meere gewesen, Herr Kurzer? -- Da
werden Sie gesehen haben, daß das Meer nicht die Farbe annimmt von dem
Tage, der grade darüber scheint, sondern daß es seine Farbe für sich
hat, und daß die Farbe immer bleibt, einen Tag wie alle. Woher erklären
Sie sich denn, daß das kommt? Das will ich Ihnen sagen; es kommt daher,
daß das Meer immerfort den ganzen Himmel widerspiegelt, bei Tag und bei
Nacht, Sonne, Mond und Sterne, heute hell und morgen dunkel, und das
Alles, was da immer von oben hinuntersieht, bleibt aufbewahrt in dem
tiefen Meere, und davon bekommt das Meer seine gleichmäßige Farbe. Ist
der Himmel, der darüber liegt, wie das bei uns da oben im Norden zu
sein pflegt, meistens grau, so wird auch das Meer grau; ist er hell und
blau, wie da unten im Süden, wird auch das Meer blau. Und so wie mit
dem Meere, sehen Sie, so ist es mit den Herzen der Menschen. Denn was
der Himmel für das Meer, das ist das Leben für den Menschen, das immer
über ihm liegt mit seinen Erlebnissen und Erfahrungen und Schicksalen.
Nicht immer nur den heutigen Tag muß man in sich hineinschlucken,
sondern alle Tage müssen dem Menschen gegenwärtig sein, die er schon
gelebt hat. Und nicht immer zappeln und streben muß man nach dem, was
morgen etwa kommen wird, sondern erinnern muß man sich, erinnern,
erinnern! Aber damit man sich erinnern kann, dazu gehört, daß man eben
ein tiefes Herz hat, so tief wie das Meer. Und daran eben fehlt es bei
den Menschen. Und wenn sie solche Herzen hätten, dann stände es besser
um die Welt; dann würden sie eine Ahnung davon bekommen, was das
eigentlich sagen will, wenn es heißt, daß vor Gott hundert Jahre sind
wie ein Tag. Denn das ist ein merkwürdiges Wort, Herr Kurzer, viel
merkwürdiger, als die Menschen es sich träumen lassen, die es gar nicht
verstehen. Einer hat es einmal verstanden, und das ist der alte Apostel
Johannes gewesen, von dem ich Ihnen gesagt habe. Als der alt geworden
ist, sehen Sie, da hat Alles vor ihm gelegen, was er jemals erlebt
hatte, an sich und an Anderen. Und weil er ein alter Mann geworden war,
der sich tragen lassen mußte und wahrscheinlich auch nicht viel mehr
sprechen konnte, hat er bei sich überlegt, wie er Alles das, was er
gesehen und mitgemacht und erlebt hatte, in ein einziges Wort
zusammendrücken könnte, das sie alle verständen, und da hat er kein
besseres gefunden, als das, was ich Ihnen gesagt habe: >Kinder, liebet
einander<. Und er hätte auch kein besseres finden können; denn damit
hat er Alles gesagt, was den Menschen noth thut, und was sie heilen
kann von ihrer niederträchtigen Krankheit, und es ist wirklich ein
schönes Wort gewesen, ein schönes, schönes.«

Und damit hatte der Herr Regierungsrath den Hut auf den Kopf gesetzt
und war hinausgegangen, und es hätte ausgesehen, meinte Herr Kurzer,
als hätte er vergessen gehabt, daß Herr Kurzer oder sonst noch Jemand
auf der Welt gewesen wäre.

Möglicher Weise war es bald nach dieser Unterhaltung des alten Graumann
mit dem Weinhändler Kurzer, jedenfalls in einem Winter, als ich seine
nähere Bekanntschaft machte.

Eine sonderbare Begebenheit bot den Anlaß dazu:

Vom Nachmittagsspaziergang zurückkehrend, ging ich den hohen Damm
entlang, der die Straße der Vorstadt, in deren Zeile die Wohnung des
Regierungsraths lag von tief gelegenen Wiesen auf der anderen Seite
trennte. Der vorüberfließende Strom überfluthete das flache Gelände;
die Wiesen bildeten das Schlittschuhlaufgebiet der Stadt. An jenem Tage
lag tiefer Schnee; die Eisbahn aber war glatt gefegt und wimmelte von
fahrendem Volk.

Das Haus, in welchem der alte Graumann wohnte, lag etwas von der
Straßenflucht zurückgerückt; ein Vorgarten befand sich davor, und in
diesem Vorgarten sah ich, indem ich näherkam, zwei Kinder, einen Knaben
und ein Mädchen, damit beschäftigt, einen Schneemann zu bauen. Je
lauter von der Eisbahn her das Gewirr und Gelärm vergnügter Stimmen
ertönte, um so stiller ging es auf dieser Seite zu, wo die beiden
Kleinen, offenbar armer Leute Kinder, emsig und wortlos ihrem Werke
oblagen.

Der weiße Mann war schon so ziemlich fertig; zwei Kohlenstücke waren
als Augen in seinen Kopf gesteckt; mit schwarzer Kohle war ihm eine
Nase und ein Mund gezeichnet, und aus dem Munde ragte, eine Cigarre
andeutend, ein Stück Holz. Aus dem Hause wurde ein Besen geholt und ihm
in den linken Arm gegeben. Und nun schien das Werk vollendet.
Brüderchen und Schwesterchen standen bewundernd davor. Nur eins noch
fehlte; Meister Schneemann hatte noch keine Kopfbedeckung. Eine
flüsternde Berathung der Geschwister, und dann lief der Junge abermals
ins Haus, um das fehlende Bekleidungsstück zu holen.

Im Augenblick aber, als er den Platz verließ, erschien von der Eisbahn
her eine Schar von Knaben, die Schlittschuhe über den Arm gehängt, in
ihrer Mitte, gewissermaßen den Kern bildend, zwei auffallend hübsche,
aber dreist blickende, dunkeläugige und dunkellockige Burschen von etwa
elf oder zwölf Jahren, die Jedermann in der Stadt kannte, weil es die
Söhne eines der reichsten und angesehensten Kaufleute des Orts und
einer überaus zärtlichen Mutter waren, »die die Rangen«, wie man sich
in der Stadt zuflüsterte, »kolossal verzog«. Immer sah man die Beiden
zusammen und als Dritten im Bunde stets einen großen, gelb-weißen
Bernhardiner, den der Vater ihnen geschenkt hatte, und der sie auf
Schritt und Tritt begleitete. Auch heute war der Hund mit ihnen auf der
Eisbahn gewesen, und mit der dicken Schnauze im Schnee wühlend trabte
er der Schar voraus.

Sobald nun die Jungen den Damm erstiegen hatten und des Schneemanns
drüben ansichtig geworden waren, entstand ein jauchzendes »Halloh«, und
im nächsten Augenblick war der ganze Schwarm vom Damm herab, über die
Straße hin, am Stacketenzaun des Vorgartens, mitten unter ihnen der
Bernhardiner, der sich auf den Hinterbeinen aufgerichtet hatte und die
Vorderpfoten auf den Zaun aufstützte.

Anfänglich begnügte man sich damit, den Schneemann, der einige Schritt
weit vom Stackete entfernt stand, schweigend zu bewundern; bald aber
wurde das langweilig, und die beiden Anführer griffen in den Schnee,
machten sich Schneebälle, die Anderen folgten ihrem Beispiel, und im
nächsten Augenblick eröffnete sich ein Bombardement von Schneebällen
auf den weißen Mann.

»Nicht schmeißen! Nicht kaput machen!« schrie das kleine Mädchen, das
allein auf dem Platze war, aber ein höhnendes Gelächter erstickte ihren
Ruf, denn gerade jetzt hatte ein wohlgezielter Wurf die Cigarre aus dem
Munde des Schneemannes geschleudert, und im nächsten Augenblick hatte
er nur noch ein Auge.

Jetzt kam der kleine Bruder aus dem Hause zurück. Von der Schwester,
die schon nah am Weinen war, auf das Unheil aufmerksam gemacht, das
ihrem Kunstwerk drohte, besann er sich nicht lange, steckte dem
Schneemann wieder die Cigarre in den Mund, das ausgeschossene
Kohlenauge wieder in den Kopf, stülpte ihm die alte, große Mütze, die
er mitgebracht hatte, auf den Kopf; dann griff auch er in den Schnee,
und klatsch -- hatte der eine von den Angreifern einen Schneeball
mitten im Gesicht.

Das gab dem »Ulk« eine neue Wendung; ein Schneeballkampf entstand, und
es dauerte nicht lange, so war der arme kleine Bursche da drinnen im
Vorgarten so mit Würfen und Schüssen zugedeckt, daß er mit dem
Schwesterchen, das er an der Hand nahm, bis an die Hausthür flüchten
mußte; für den Schneemann gab es nun keine Rettung mehr; das
ausdrucksvoll gemalte Gesicht war bald nur noch eine unförmliche Masse,
und alle Anstrengungen der Angreifer richteten sich darauf, ihm die
Mütze, die immer noch nicht herunter wollte, vom Kopfe zu schießen.
Endlich war »der große Wurf gelungen«, ein Schneeball hatte die Mütze
getroffen, ein zweiter, dritter schlug an der gleichen Stelle ein; ein
Triumphgeschrei erhob sich, und in das Geschrei der Knaben mischte sich
das tiefe, vergnügte Gebell des Bernhardiners. Der Hund wollte auch
dabei sein und sollte es auch. Im Augenblick, als die Mütze vom Kopfe
des Schneemanns herabglitt, packte einer von den beiden wilden Burschen
den Bernhardiner am ledernen Halsband, und indem er auf die Mütze
zeigte, die dunkelfarbig vom weißen Schnee abstach, rief er: »Allons,
apporte, Nero! Apporte!« Mit gellendem Jubel wurde der Gedanke
aufgenommen; »apporte, Nero, faß' Nero!« Der Hund, von allen Seiten
angefeuert, gebärdete sich wie rasend und machte die verzweifeltsten
Anstrengungen, über den Stacketenzaun hinüber zu kommen. »Wir müssen
ihm helfen,« hieß es; sämmtliche Knaben vereinigten ihre Hände unter
dem Leibe des Hundes, und indem sie das schwere, mächtige Thier
emporhoben, verschafften sie ihm die Möglichkeit, hinüber zu gelangen.
Ein letztes, aufgeregtes Geblaff, und dann, halb selber springend, halb
geschleudert, flog der Bernhardiner über den Stacketenzaun in den
Schnee des Vorgartens, in dem er sich überschlug. Im nächsten
Augenblick stand er hochaufgerichtet an dem Schneemann, in den er seine
breiten Pfoten einschlug, während er mit dem Maule nach der Mütze
schnappte, die auf der Schulter des Schneemanns liegen geblieben war.
Jetzt aber, aller Furcht vor etwaigen Schneebällen vergessend, kam der
kleine Junge wieder nach vorn gerannt. Die Mütze war offenbar die eines
erwachsenen Mannes, wahrscheinlich die seines Vaters, die er sich,
während der Vater außer Haus war, eigenmächtig geholt hatte. Wenn sie
in den Zähnen des Hundes entzwei ging, standen dem kleinen Kerl die
bedenklichsten Folgen in Aussicht. In voller Verzweiflung warf er sich
daher dem Hunde entgegen, um die Mütze zu retten. Aber es war zu spät;
der Hund hatte sie schon gepackt, und nun griff der Junge zu, um sie
dem Thier wieder zu entreißen. Ein Ringkampf entstand zwischen beiden,
zum brüllenden Ergötzen der Burschen draußen, die vor Entzücken über
ihr gelungenes Thun jauchzten und quietschten. Der Bernhardiner, nicht
bösartig von Natur, aber tollpatschig, wie solche große Hunde sind,
mochte glauben, daß der Knabe mit ihm spielen wollte; je mehr der
Gegner an der Mütze zog, um so fester packte er sie mit den Zähnen.
Beide Kämpfer drängten sich in den Schneemann hinein; der Schneemann
kam ins Wanken, und plötzlich, wie ein Schneeberg, fiel er über sie,
beide für einen Augenblick unter seiner Masse begrabend.

Der Jubel da draußen, den dieses Schauspiel hervorrief, artete zu einem
wahrhaft höllenmäßigen Lärm aus, und in den Lärm mischte sich das
Zetergeschrei des kleinen Mädchens, das jetzt auch herangekommen war
und sich, unter strömenden Thränen, bemühte, den Bruder zu befreien,
der prustend, selbst wie ein kleiner Schneemann aussehend, unter der
Lawine hervorgekrochen kam.

In diesem Augenblick jedoch erscholl ein Laut, der sowohl den
Freudenlärm wie das Zetergeschrei jählings verstummen machte. Auf dem
Balkon seiner Wohnung, der sich über dem Hauseingange befand, war der
alte Graumann erschienen. Und mit einer Stimme, die wirklich furchtbar,
wie die eines angeschossenen Bären, klang, brüllte er in den Kampf
hinunter.

»Ihr Schlingel, Ihr infamen,« schrie er zu den Jungen hinüber, die
draußen am Stacketenzaun standen, »was macht Ihr da? Wollt Ihr gleich
Euren Köter fortrufen, Euren verfluchten!«

Die Erscheinung des alten Mannes, der sich, blauroth vor Zorn im
Gesicht, über die Brüstung des Balkons gebeugt hatte, und der Ton
seiner Stimme wirkten so erschreckend, daß für einen Augenblick
allgemeine Stille eintrat und die von Winterluft und Aufregung
glühenden Gesichter der Knaben erblaßten. Dann aber, von den beiden
Rädelsführern ausgehend, erhob sich ein höhnisches Flüstern und
Kichern, »der olle Graumann! der olle, verdrehte Graumann!« Ob das
Gekicher bis zu ihm hinauf drang, vermag ich nicht zu sagen; jedenfalls
aber richtete sich der Alte plötzlich auf, und indem er die Glasthür
des Balkons schmetternd hinter sich zuwarf, verschwand er im Innern
seiner Wohnung. Kaum eine Minute darauf kam er durch die Hausthür unten
wieder zum Vorschein, eine große Lederpeitsche in den Händen, mit der
er sich sofort, unter wüthenden Hieben, auf den Bernhardiner stürzte.
Der Hund stieß ein klägliches Geheul aus, und mit eingezogenem Schweif
floh er rund um den Garten, von dem alten Graumann unablässig verfolgt.

Aus dem, was als ein Spaß begonnen hatte, schien jetzt bitterböser
Ernst werden zu wollen. Die Jungen draußen, namentlich die beiden
Besitzer des Bernhardiners, geriethen auch ihrerseits in eine wilde
Erregung, und als der Alte jetzt dicht am Stacket vorbei kam, schrie
ihn der eine der beiden Buben, indem er wüthend beide Fäuste ballte,
kreischend an: »Herr Graumann, ich werde es meinem Vater sagen, wenn
sie unseren Hund schlagen! Sie dürfen unseren Hund nicht schlagen, Herr
Graumann! Und ich werde es meinem Vater sagen!«

Der alte Mann blieb jählings stehen, und mit einer schweren Bewegung
drehte er das Gesicht zu dem Jungen herum. »Deinem Vater wirst Du es
sagen? Du rotznäsiger, frecher, infamer Schlingel! Erst werde ich mit
Dir ein Wort sprechen, Du --« und mit den Worten griff er über den Zaun
hinweg, nach dem Kragen des Jungen, der sich nur durch einen schnellen
Sprung vor dem Griffe zu retten vermochte.

»Ihr Canaillen,« donnerte der Regierungsrath, indem er dicht an den
Zaun herantrat, »das, was Ihr verdient, das ist die Karbatsche!«

Er schwang auch wirklich die Peitsche empor, als wenn er mitten unter
die Knabenschar hineinhauen wollte, und bei der Aufregung, in der er
sich befand, würde er sein Vorhaben sicherlich ausgeführt haben, wenn
nicht in diesem Augenblick eine Frauenstimme ertönt wäre, die seinen
erhobenen Arm langsam niedersinken ließ. Es war die Mutter der beiden
»Rangen«, die heraus gekommen war, ihre Söhne von der Eisbahn
abzuholen, und die sie nun hier in einem solchen Conflict vorfand.

»Aber Herr Regierungsrath« -- die ohnehin energische Stimme der Dame
klingelte förmlich in gellender Erregtheit --, »ich würde es doch nicht
für möglich gehalten haben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen
hätte, daß Sie auf offener Straße mit der Peitsche nach meinen Knaben
schlagen!« Der alte Graumann verneigte sich mit höhnischer
Beflissenheit, indem er die grüne Sammetkappe lüftete, die er auf dem
Kopfe trug: »Und ich würde es nicht für möglich gehalten haben, gnädige
Frau, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, daß sich Ihre
Musjehs von Söhnen auf offener Straße wie Strolche und Einbrecher
benehmen würden.«

»Wie -- Einbrecher?« Die Dame brachte es beinah mit einem Schrei
hervor, indem sie fragend die Augen auf ihre Jungen richtete. Jetzt
drängten sich diese an die Mutter, und indem der Rückschlag der
bisherigen Aufregung eintrat, brachen sie in Thränen aus. »Es haben
welche einen Schneemann gebaut,« berichteten sie, »und ihm eine Mütze
aufgesetzt, und die Mütze ist heruntergefallen, und dann ist Nero über
den Zaun gesprungen und hat die Mütze apportirt.«

»Lüge nicht, Du Galgenstrick!« donnerte der alte Graumann dazwischen.
»Nicht heruntergefallen ist die Mütze! herunter geschmissen habt Ihr
sie, mit Euren Schneebällen!«

»Aber ist denn das ein so himmelschreiendes Unrecht,« hob die erzürnte
Vertheidigerin ihrer Sprößlinge wieder an, »wenn Kinder mit
Schneebällen nach einem Schneemann werfen?«

»Jawohl, gnädige Frau!« -- der Alte schrie ihr seine Worte jetzt ohne
alle Höflichkeit ins Gesicht -- »jawohl ist es ein himmelschreiendes
Unrecht, wenn ein Paar Bengel, die von ihrer Mutter wie Chenille-Affen
verzogen werden, die Alles geschenkt bekommen, was sie sich nur denken
können, und viel mehr, als ihnen gut ist, wenn solche Bengel einem Paar
armer Kinder, die nichts von all' dem haben, was _sie_ haben, das arme,
kleine bißchen Vergnügen stören und zunichte machen, was solche arme
Kinder haben! Jawohl, gnädige Frau! Eine Niederträchtigkeit, das ist
es, was Ihre Musjehs gemacht haben! Daß solch ein Schneemann keine
große Kostbarkeit ist, das weiß ich; jawohl, gnädige Frau, ich bin so
frei, es zu wissen. Aber darauf kommt es nicht an. Denn der Schneemann
gehörte den beiden Kleinen, und darauf kommt es an. Gehörte nicht Ihren
Musjehs, gehörte den beiden Kleinen, die ihn sich gemacht hatten! Ihre
Jungen haben Schlittschuhe und Schlitten und einen Hund, so groß wie
der Chimborasso, und die Kleinen haben nichts. Und daß Ihre Jungens
ihnen nicht das einmal gönnen wollen, das ist eine Niederträchtigkeit!
Daß sie ihren großen Köter auf die Kleinen hetzen, das ist eine
Niederträchtigkeit!«

»Aber, wer hat denn mit Hunden gehetzt?«

»Ihre Herren Jungens, gnädige Frau. Jawohl, gnädige Frau, bin so frei;
Ihre Herren Söhne haben den Chimborasso auf die Kleinen gehetzt! Und
dafür soll sie der Teufel fricassiren, gnädige Frau! Bin so frei, Ihnen
das zu sagen.«

Die Augen der beleidigten Dame verdrehten sich förmlich und richteten
sich abermals auf die Knaben.

»Nicht gehetzt,« schrieen beide wie mit einem Munde. »Nero ist von
selber über den Zaun gesprungen!«

Jetzt kam die Reihe, die Augen zu verdrehen, an den alten Graumann, und
er that es so, daß man nur noch das Weiße darin sah.

»Ihr -- Lügenbolzen,« sagte er keuchend, »Ihr habt ihn nicht gehetzt?
Von selber ist er gesprungen? Mit Euren eignen Händen habt Ihr den
Köter aufgehoben, Ihr sammt Euren Cumpanen, und ihn hinüber geworfen
über den Zaun!«

»Herr Regierungsrath« -- unterbrach die Dame. Aber der Alte ließ sich
nicht unterbrechen.

»Das habe ich gesehen! Mit meinen eigenen Augen gesehen!«

»Herr Regierungsrath,« -- wiederholte die Dame, und sie bemühte sich,
ihren Worten den scharfen und kühlen Ton zu geben, mit dem man im
Weltverkehr Ungebildeten den Unterschied zwischen ihnen und den
Gebildeten klar macht, »Ihren Behauptungen stehen die Worte meiner
Söhne entgegen, und meine Söhne lügen nicht.«

Der Alte ließ sein bekanntes, beinah teuflisches Lachen hören.
»Vielleicht interessirt es Sie, gnädige Frau« -- und er machte abermals
seine höhnische Verbeugung --, »zu erfahren, daß Ihre Herren Söhne
lügen wie gedruckt.«

»Sie irren sich! Meine Söhne lügen nicht, Herr Regierungsrath!« Das
Taschentuch wurde aus dem Pelzmuff gerissen und fuchtelte in zuckenden
Bewegungen in der Luft herum. Der alte Graumann trat so nahe an den
Stacketenzaun heran, als er vermochte. »Gnädige Frau,« -- und er bohrte
die großen, runden, glühenden Augen in das aufgeregte Gesicht der Frau,
-- »Sie hören, daß ich es Ihnen sage, und ich bin ein alter Mann,
und« --

»Und das sind meine Söhne, und meine Söhne sind anständiger Leute Kind
und lügen nicht, und Sie --« die Stimme der Frau, die beinah zum
Ueberschnappen gestiegen war, brach ab.

»Und ich?«

»Und Sie -- Sie müssen mir das nicht übel nehmen, Herr Regierungsrath,
alle Welt weiß das -- Sie -- sind ein aufgeregter alter -- Mann.«

In diesem Augenblick trat ich heran. Ich hatte den Wortwechsel vom
ersten bis zum letzten Worte mit angehört. Ein Gefühl sagte mir, daß
ich eingreifen mußte, wenn etwas Unangenehmes auf offener Straße
vermieden werden sollte.

»Erlauben Sie einem Unparteiischen das Wort, gnädige Frau, der, vom
Zufall geführt, den Vorgang von Anfang bis zu Ende mit angesehen hat.«

Die Augen aller Kriegführenden richteten sich in überraschtem Schweigen
auf mich.

»Ich habe den Vorgang, wie gesagt, in allen Einzelheiten verfolgt und
muß bestätigen, daß es sich genau so zugetragen hat, wie Herr
Regierungsrath Graumann gesagt hat. Der Hund ist nicht von selbst
gesprungen; die Knaben haben ihm mit eigenen Händen über den Zaun
geholfen und ihn auf die Mütze gehetzt, die der Schneemann auf dem
Kopfe trug.«

Eine Stille trat nach diesen Worten ein, als wenn eine Granate geplatzt
wäre und Alles sich umsähe, wer verwundet und todt und wer noch am
Leben sei. Dann, mit einem Griff, faßte die lautlos gewordene Mutter
ihre beiden Söhne an der Hand, drehte sich herum, daß die Schleppe
ihres schwerstoffenen Kleides wie ein zorniger Drachenschweif durch den
Schnee fegte, und ohne Wort und Gruß, nicht einmal mit einem
Kopfnicken, trat sie mit ihren Jungen den Rückzug nach der Stadt zu an.
Der alte Graumann sah ihr nach, öffnete die Thür des Gartenzauns, jagte
den Bernhardiner, der sich immer noch hinter ihm herumdrückte, zum
Garten hinaus, und dann, als er sah, daß auch ich meines Wegs gehen
wollte, streckte er mir über den Zaun die Hand hin.

»Bitte, kommen Sie doch herein.«

Ob es nur mein Dazwischentreten in seiner Streitsache oder was es sonst
war, das ihn zu der Aufforderung veranlaßte, ich weiß es nicht. Ebenso
wenig war ich mir klar darüber, was ich bei ihm sollte und wollte; aber
der tiefe Klang seiner Stimme, die von der Aufregung heiser geworden
war, hatte etwas Gebieterisches. Ich trat ein.

Im Vorgarten standen die beiden Kleinen, dicht an einander gedrückt,
die Mütze in Händen, auf die sie unter stummen Thränen niederblickten.
Der alte Graumann nahm ihnen die Mütze aus der Hand. »Hm! Ist wohl
kaput gegangen?« fragte er.

»Es is Vatern seine,« erwiderte schluchzend und stockend der kleine
Junge, »und wenn Vater nach Haus kommt --« »Dann gibt's Prügel!«
ergänzte der alte Graumann, indem er sich zu mir wandte. Er klopfte dem
Jungen den Schnee ab, der noch immer, wie ein weißer Ueberzug, an
seinem Rock und in seinen Haaren klebte. »Ihr hättet die Mütze von
Eurem Vater nicht zu so etwas gebrauchen sollen,« sagte er, indem er
sich zu den Kindern niederbeugte; »denn was für die Menschen ist, das
ist doch nicht für die Schneemänner, nicht wahr?« Er stand zwischen den
Beiden, indem er sie mit dem rechten und dem linken Arme an sich
drückte. »Aber laßt nur jetzt das Weinen sein,« fuhr er fort, »Ihr seid
nicht schuld dran, daß die Mütze entzwei gegangen ist, das werde ich
Eurem Vater sagen, und dann werde ich Vatern eine neue Mütze kaufen,
und dann ist Alles wieder gut, und er wird Euch nichts thun.«

Er war mit den Kleinen in das Haus eingetreten. Zu ebener Erde befand
sich die Wohnung, in der die Kinder mit ihren Eltern wohnten. Er
klopfte; Niemand gab Antwort. Die Thüre war nicht verschlossen; er
öffnete, und hinter ihm stehend blickte ich in die leere, ärmliche
Behausung.

»Ist denn Eure Mutter nicht zu Hause?« fragte der alte Graumann.

»Mutter is auf Wäsche in die Stadt,« gab das kleine Mädchen mit dünner,
piepsender Stimme zur Antwort. Der alte Graumann ließ den Kopf
niederhängen, und dann, mit der eigenthümlichen schweren Bewegung, die
ich vorhin an ihm wahrgenommen hatte, drehte er das Gesicht zu mir
herum; in seinen Augen brannte wieder das finstere Glühen, das ich an
ihm kannte. »Sehen Sie,« sagte er mit unterdrücktem Laut, »so ist es
nun. Solche Lümmel --« und er deutete mit dem Kopfe nach der Stadt
zu --, »das geht nach Hause, und zu Hause zieht ihnen die Frau Mama
trockene Stiefel an und trockene, warme Kleider, und dann, statt der
Karbatsche, die sie verdient hätten, gibt's Kaffee oder Thee oder
womöglich Choc'lade, und das hier muß in die alte, finstre Kabache
kriechen, wo nicht Vater und Mutter und Niemand auf sie wartet, und
Niemand ihnen einen anderen Rock gibt, und einen Schluck Warmes, und
womöglich nachher noch Prügel.«

In diesem Augenblicke trat, den Schnee von den Füßen trampelnd, zur
Hausthür die Wirthschafterin des Regierungsraths herein, die von ihren
Nachmittagsbesorgungen kam. Ein Freudenschein ging über das Gesicht des
alten Graumann.

»Sie kommen zur rechten Zeit,« sagte er. »Nu mal gleich hinauf und
Kaffee gekocht! Aber ordentlich, eine ganze große Kanne voll! Hier sind
zwei Herrschaften, die welchen haben wollen. Nicht wahr, meine
Herrschaften? Wir wollen Kaffee haben?« Dabei faßte er die Kleinen
unters Kinn und hob ihre blassen, verfrorenen Gesichter empor. Die
beiden Kinder sahen ihn mit aufgerissenen Augen staunend an. »Und dann
zum Bäcker,« fuhr er zu der Wirthschafterin fort, »oder vielmehr nicht
zum Bäcker, zum Conditor, über die Brücke, an der Ecke, Sie wissen ja,
und Kuchen geholt, für eine ganze Mark; da haben Sie eine Mark. Hier
sind zwei Herrschaften, die Kuchen haben wollen. Nicht wahr, meine
Herrschaften, wir wollen Kuchen haben?« Wieder wurden die beiden
kleinen Gesichter emporgehoben. Der Bruder sah die Schwester, die
Schwester den Bruder an. Dann richteten sich beider Augen auf den
unbegreiflichen alten Mann, und ein schüchtern-verschämtes, beinahe
mißtrauisches Lächeln stieg in den Gesichtern auf und färbte ihre
Wangen mit leiser Röthe. War es ein Traum, was sie erlebten? War das
»der alte, böse Regierungsrath«, von dem man im Hause nur flüsternd
sprach, weil das ganze Haus sich vor ihm fürchtete? Der alte Graumann
hatte den Ausdruck in den Kindergesichtern bemerkt. Er winkte der
Wirthschafterin, daß sie sich auf den Weg machen sollte, dann drehte er
sich wieder zu mir herum.

»Sehen Sie,« sagte er halblaut, »so ist das nun mit dem Menschen. So
verprügelt, daß er es gar nicht glauben kann, daß man ihm einmal was
Gutes thun will. So trampeln sie auf einander herum, diese Menschen,
diese Canaillen; so läßt Einer den Andern neben sich verkommen und
erfrieren, bis daß er ein Eiszapfen wird!« Plötzlich trat er wieder auf
die Kleinen zu. »Seid Ihr Schneemänner? Nein, Ihr seid doch keine
Schneemänner. Seid Ihr kleine Menschen? Ja, Ihr seid doch Menschen! Das
wißt Ihr doch, daß Ihr Menschen seid?« Die Kinder brachten keinen Laut
hervor; die Freudigkeit war von ihren Gesichtern wie weggewischt.
Jetzt, wo er so polternd auf sie einsprach, Dinge, die sie nicht
verstanden, war es doch wieder der alte, böse Mann, zu dem sie
furchtsam emporschauten.

Der alte Graumann legte seine beiden großen Hände auf die kleinen
blonden Köpfe; seine dicken Finger trommelten leise auf ihrem Haar. Es
war eine unbehülfliche, beinahe hülflose Bewegung. Was sie Alles zu
sagen hatten, die schweren fingernden Hände! Wie wenn Jemand auf einem
stummen Klavier spielt, so sah es aus, dem er Musik entlocken möchte,
und das keine Töne von sich gibt. Was er Alles zu sagen haben mochte,
der alte Mann, der über die beiden Kinderhäupter hin in die Ecke des
Flurs starrte, mit einem so in sich versunkenen, so in das eigene
Innere gerichteten trostlosen Blick? Ich konnte die Augen nicht von ihm
lassen. Was er Alles zu sagen hatte und nicht sagen konnte, weil er in
lebenslanger Einsamkeit gewissermaßen die Sprache verlernt hatte, so
daß sie nur noch stoßweise, in gewaltsamen Ausbrüchen, beinah im
Gebrüll herauskam, den Hörer im Zweifel lassend, ob Haß oder Liebe,
Zorn oder Güte aus ihm sprach!

An der Flurwand stand eine Bank, und auf diese ließ der alte Graumann
sich niederfallen, indem er die Kinder zu sich heranzog. Er drückte
ihre Stirnen an seine Schläfen, zur Rechten den Knaben, zur Linken das
Mädchen; zwischen den beiden kleinen Köpfen hing sein großer, grauer,
schwerer Kopf herab.

Er sprach zu den Kindern, aber weil diese lautlos blieben und keine
Antwort hervorbrachten, war es wie ein murmelndes Selbstgespräch.

»Das ist Dein Bruder? Nicht wahr? Und das ist Deine Schwester? Also
seid Ihr Geschwister. Habt Ihr Euch lieb? Ja, nicht wahr, Ihr habt Euch
lieb. Alle Menschen müssen sich lieb haben. Aber Geschwister, das ist
noch was besonderes, die müssen sich noch mehr lieb haben. Werdet Ihr
daran denken? Ja, nicht wahr, Ihr werdet daran denken.«

Er hob das Haupt empor; wieder erschien der dumpfe, trostlose Blick von
vorhin. »Geschwister, die sich nicht lieb haben, die kommen in die
Hölle.« Und da er nach diesen Worten verstummte, auch Niemand anders
sprach, entstand eine Stille, in der das düstere Wort nachzuzittern
schien, das er da eben ausgesprochen hatte.

Die Hausthür klappte, die Wirthschafterin kam zurück, mit einer großen
Kuchentüte in den Händen. Der alte Graumann erhob sich.

»Jetzt wollen wir Kaffee trinken gehen,« sagte er. Seine schweren Augen
gingen zu mir herüber. »Trinken Sie vielleicht auch eine Tasse mit?«

Es würde mir unmöglich gewesen sein, nein zu sagen. »Gern, Herr
Regierungsrath,« erwiderte ich. Er hielt mir plötzlich die Hand hin.
»Danke Ihnen.« Und ich fühlte meine Hand mit einem Druck erfaßt, wie
ich mich eines gleichen kaum zu erinnern vermochte.

Die beiden Kleinen trappelten die Treppe hinauf, uns voraus; wir
folgten. Und im nächsten Augenblicke also stand ich in dem
geheimnißvollen Raum, den das Gemunkel und Geflüster der Stadt wie die
Behausung eines bösen Geistes umschlich.

Einer solchen aber sah die Wohnung keineswegs ähnlich; im Gegentheil.
Ich hatte selten eine so zum Verweilen einladende Ausstattung gesehen,
und das kam daher, daß die Wände von oben bis unten mit Bildern bedeckt
waren. »Kupferstiche« hatte die Wirthschafterin in der Stadt
verbreitet, aber ich erkannte, daß es keine Kupferstiche, sondern
Radirungen waren, und auf Tischen und Stühlen lagen große Mappen,
anscheinend mit ähnlichen, noch nicht eingerahmten Blättern gefüllt.

Der Dämmer, der im Zimmer herrschte, ließ mich zunächst nur einen
allgemeinen Ueberblick gewinnen. Erst nachdem die Wirthschafterin die
große Hängelampe angezündet und noch mehr Licht gebracht hatte, wurde
es mir möglich, das Einzelne genauer zu erkennen. Es waren Alles Stücke
von künstlerischem Werth, einige von älteren, die Mehrzahl von neueren
Meistern, vorwiegend Landschaften, dann auch ganz phantastische Sachen,
mit der zartesten Empfindung, mit dem feinsten Verständniß ausgewählt
und zusammengestellt.

So etwas hier in der Stadt, an welcher der große, warme Strom der Kunst
vorüberging in weiter, weiter Ferne, kaum vernommen und kaum gesehen!
Ich war völlig verblüfft. Als ich mich umsah, stand der alte Graumann
hinter mir. Er war unhörbar herangetreten; seine Augen ruhten auf mir.

»Gefallen sie Ihnen?«

»Ja,« versetzte ich; »ich hätte nie geglaubt, daß ich hier am Orte so
etwas finden könnte.«

Ein grimmiges Lächeln huschte um seine Mundwinkel, als hätte er sagen
wollen: »Das glaube ich«, aber er sagte nichts, sondern ließ den Blick
schweigend neben dem meinigen über die Bilder wandern.

»Eine schöne Kunst,« sagte er nach einiger Zeit; »finden Sie auch?«

»Sie meinen -- das Radiren?« Er nickte.

»Eine tiefe, stille, einsame Kunst,« fuhr er, wie in Gedanken zu sich
selbst sprechend, fort. »Ganz, wie ich mir immer gedacht habe, daß
Kunst eigentlich sein muß. So vor seinem Brett sitzen; erst das Bild
sich herbeiholen aus seiner Phantasie; dann das Bild ausführen, Strich,
Strich nach Strich, so voll Andacht, voll Liebe, voll Liebe. Und
darüber Alles vergessen, was da draußen vor unseren Fenstern
vorbeiläuft, das ganze Menschenvolk, das da draußen umherstrampelt, in
seinen Alltagsgedanken und Eintagsgedanken« -- er brach ab.

Es fiel mir ein, was man mir vom Weinkeller des Herrn Kurzer erzählt
hatte und von der Figur der Löwenreiterin in dem Keller.

»Herr Regierungsrath üben die Kunst vielleicht selbst aus?« fragte ich.

Ein dumpfes Knurren, beinahe ein Fauchen war die Antwort.

»Wissen Sie nicht, daß ich Beamter gewesen bin? Beamter in Preußen und
Kunst machen! Ja! Nicht wahr?« Er schlurfte mit weiten Schritten im
Zimmer umher. Dann blieb er stehen. »Wenn ich nicht Beamter gewesen
wäre -- aber wer's einmal ist, der wird's nicht wieder los. Einmal
vielleicht« -- Abermals verstummte er, und wieder erschien der schwere,
trostlose Blick, den ich schon öfters an ihm bemerkt hatte. Dann schlug
er mit der Hand durch die Luft, als wenn er etwas abthun wollte, irgend
eine Erinnerung.

»Sie sind Referendar?« fragte er nach einiger Zeit.

»Ich bin Referendar.«

»Wollen also auch Beamter werden.« Er zuckte mit den Achseln, er wiegte
das Haupt. »Dann darf Ihnen so etwas« -- er warf die Hand nach den
Bildern hin -- »eigentlich gar nicht gefallen. Liegt seitab vom Weg.
Gibt's nicht, darf's nicht geben! Scheuklappen an den Kopf und vorwärts
und geradeaus! Nicht rechts noch links gesehen! Vorwärts und geradeaus!
Immer die Leiter 'rauf! Immer die Leiter 'rauf! Und das ein Lebenlang«
-- er fing wieder an auf- und abzugehen, und seine Worte verloren sich
in einem unverständlichen Gemurmel, das fast wie Grunzen klang.

Inzwischen war der Kaffee fertig geworden. Die Wirthschafterin räumte
behutsam die Mappen von dem großen Tische, der in der Mitte des Zimmers
stand und setzte die dampfende Kanne, Tassen und Teller auf.

»Jetzt Kaffee, Kinder, Kaffee!« rief der alte Graumann. Er nahm das
kleine Mädchen unter die Arme, setzte es auf einen Stuhl und rückte den
Stuhl an den Tisch. Desgleichen den Jungen. Die Wirthschafterin
schenkte ihnen die Tassen voll.

»Und jetzt einstippen, Kinder!« sagte er. Er schob ihnen den
Kuchenteller zu, und als er sah, daß die Kinder zu schüchtern waren
zuzulangen, steckte er jedem von ihnen ein Stück Kuchen in die Hand.
Nun kam die Sache in Gang. Ich stand in der dunklen Ecke des Zimmers.
Plötzlich faßte mich der alte Mann beim Arm. Mit einem Blick, als
sollte ich leise sein, deutete er mit dem Kopfe nach dem Tische hin, an
dem die Kleinen saßen, ihren Kuchen in den Kaffee tauchten und eifrig
und immer eifriger zu essen begannen. Seine Lippen bewegten sich, so
leise, daß ich ihn kaum verstand: »Wie das aufthaut! Wie das 'rauskommt
aus dem Boden! Wie das Mensch wird!« Als wenn er ein Wunder gewahrte,
so blickte er zu den Kindern hinüber. Das kleine Mädchen hatte
ausgetrunken. Noch bevor die Wirthschafterin ihm zuvorkommen konnte,
war der alte Graumann heran und schenkte ihr die Tasse wieder voll.
Dann setzte er sich selbst an den Tisch, den Kindern gegenüber. Das
Licht der Hängelampe fiel auf sein Gesicht; sein großes, plumpes
Gesicht leuchtete.

»Schmeckt es, Kinder?« fragte er. »Schmeckt es?«

Die beiden kleinen Gesichter erhoben sich zu ihm. Ein glückliches
Lächeln strahlte aus ihren Augen. »Ja -- gut,« sagte der Junge mit
einem Tone des gesättigten Behagens. Der alte Graumann wischte sich mit
der breiten, flachen Hand über den Mund. »Und Dir? schmeckt Dir es
auch?« wandte er sich an das Mädchen. »Ja, Herr Regierungsrath, sehr
gut,« erwiderte die kleine, piepende Stimme.

Der alte Graumann lachte wie ein vergnügter Bär. Er sprang auf, nahm
die kleinen Köpfe, einen nach dem anderen, in seine Hände und drückte
sie. »Ihr Kinder!« sagte er, »Ihr Kinder!« Dann plötzlich stürzte er
ans Fenster, schüttelte die geballte Faust nach der dunklen Straße zu,
als stände da draußen Jemand. »Ihr Menschen,« brüllte er, »o Ihr --
Canaillen!«

Die Kinder fuhren erschrocken auf. Vom Fenster kam er zu ihnen zurück;
er streichelte sie, klopfte sie auf Kopf und Rücken.

»Habt Ihr Taschen an den Röcken? Nein --. Also packen wir den Kuchen
wieder in die Tüte. Gehört Euch; nehmt Ihr mit zu Vater und Mutter.« Er
raffte die Ueberbleibsel des Kuchens in dem Papier zusammen und gab sie
dem kleinen Mädchen in die Hand. Die Kleinen hatten sich erhoben; er
stand vor ihnen.

»Nächstens kommt Ihr wieder zu mir 'rauf. Wollt Ihr wieder zu mir 'rauf
kommen? Trinkt Ihr wieder Kaffee bei mir. Wollt Ihr wieder Kaffee
trinken?«

Die Kinder standen und blickten stumm und rathlos zu ihm auf. Dann mit
unwillkürlicher Bewegung erhob der Knabe den rechten Arm und streckte
dem alten Mann die kleine Hand hin. Der alte Graumann legte die kleine
Hand in die Fläche seiner rechten Hand und deckte die linke darüber,
als wenn er eine Kostbarkeit in seiner Hand verschlösse. »Wir bedanken
uns auch schön,« piepte das kleine Mädchen.

Der alte Graumann ließ die Hand des Knaben fahren, drückte die Köpfe
der beiden Kinder an einander und sein Gesicht darauf, so daß er beide
mit den Lippen berührte. »Ach,« sagte er, »ach, ach, ach.«

Er richtete sich auf und drehte sich nach mir um. »Ich muß mit ihnen
hinuntergehen,« erklärte er. »Sie wissen, wegen der Mütze. Sie schenken
sich eine Tasse Kaffee unterdessen ein. Nicht wahr? Kuchen ist nicht
mehr da. Aber eine Cigarre vielleicht?« Er stellte die Cigarrenkiste
vor mich auf den Tisch.

»Gern,« sagte ich, denn ich fühlte, daß er mich noch haben wollte.

Der Regierungsrath trat zwischen die beiden Kleinen, nahm den Jungen an
der rechten, das Mädchen an der linken Hand, so zu Dreien verließen sie
das Zimmer.

Ich schaute ihnen nach. Wie sie neben ihm einhertrippelten, die kleinen
Geschöpfe, immer noch befangen, kaum im Klaren darüber, was sich
eigentlich mit ihnen begeben hatte, und doch vertrauensvoll, weil er
wie ein Schutzgeist zwischen ihnen ging, der sie vor dem Zorn ihres
Vaters bewahren würde! »Der alte, böse Mann« ihr Schutzgeist! Ich hatte
Zeit, dem Gedanken nachzuhängen, denn ich blieb eine Weile allein. Wie
merkwürdig das Alles! Gestern noch war er mir als eine Spukgestalt
erschienen und heute so nahe und so lebendig. Und indem ich dieses
Mannes gedachte, dieses sonderbaren, scheinbar aus Widersprüchen
zusammengesetzten, erlebte ich, was man erlebt, wenn man zum ersten
Male in die Atmosphäre eines ungewöhnlichen Menschen tritt: man bekommt
ein unbestimmtes, aber starkes Allgemeingefühl von seiner
Persönlichkeit. Ich fühlte, indem ich seiner gedachte, eine Wärme,
beinahe eine Gluth; nicht anders, als wenn ein Ofen vor mir stände, in
dem unausgesetzt ein mächtiges Feuer brannte. Alles, was mir die
stummen, heißen Augen angedeutet hatten, wenn ich auf dem Spaziergang
an ihm vorüber schritt, bestätigte sich: ein Mensch, der über seinem
Innern stand wie über einem brodelnden Kessel; darin herumwühlend in
unablässigem Sinnen; Erinnerungen heraus fischend, Gedanken daraus
schöpfend. Und das alles stumm, in stummer, verschlossener Brust. Bis
daß eine Stunde kam, da ein Mensch ihm erschien, der ihm Vertrauen
einflößte. Und da wuchs der dunkle Strom, der sein Inneres durchwogte,
wuchs und schlug an die Wände der Brust, als wenn er sie sprengen und
durchbrechen wollte. Wie ein dumpfer Ruf erhob es sich aus dem dunklen
Strom, wie ein Hülfeschrei: »Höre mich an!«

Sollte ich ihn nicht anhören? Ja -- ich sollte, ich sollte.

Durch eine andere Thür, als durch die wir eingetreten waren, durch das
Schlafzimmer, das an den Vorderraum anstieß, kam er zurück. Ein
Kopfnicken begrüßte mich, als er mich rauchend am Tische sah. Dann,
seiner Gewohnheit folgend, durchmaß er ein paarmal schweigend das
Zimmer.

»Einmal vor Jahren,« hob er an, »als der Oberpräsident der Provinz
Brandenburg eine Inspectionsreise machte und sich seine Beamten
vorstellen ließ, hat er mir die Hand gegeben. Eine kolossale Ehre,
nicht wahr?« Er war stehen geblieben und sah mit höhnisch zwinkernden
Augen zu mir herüber. »Und vorhin, sehen Sie, als der Junge seine
kleine Pfote aufhob und nach meiner Hand langte, ist mir zu Muthe
gewesen, als wenn mir eine zehnmal größere Ehre angethan würde als
damals, wo der Herr Oberpräsident mir seine kalte, schwammige Hand zu
drücken erlaubte. Mangel an Standes- und Beamtenbewußtsein -- das haben
sie mir in die Conduitenliste geschrieben, ich weiß es. Sehen Sie, die
haben mich erkannt. Es ist wahr; in Preußen, wenn der Mensch Geheimrath
wird, wird er bekanntlich klug. Schade, daß ich's nicht geworden bin;
hätte vielleicht noch was aus mir werden können.« Unter innerlichem
Lachen nahm er seine Wanderung durch die Stube wieder auf.

»Die Menschen,« begann er von Neuem, »da schreiben sie dicke Bücher,
haspeln sich die Seele aus dem Leibe in parlamentarischem Geschwätz,
ganze Zeitungen schreiben sie voll, wie die Noth abgeschafft und der
Menschheit geholfen werden kann. Ihr Dummköpfe und flachen Herzen!
Steht's nicht geschrieben auf dem Gesicht Eures Mitmenschen? Könnt
Ihr's nicht lesen, was da steht, das einzige Mittel, das helfen kann
und helfen würde, das Jeder brauchen könnte, wenn Ihr's nur brauchen
wolltet: Fülle Deines Nebenmenschen Herz mit Glück!«

Er hatte das so laut gesagt -- »gebrüllt« würde der Weinhändler Kurzer
gesagt haben --, daß ich mich unwillkürlich im Stuhle aufreckte. Mitten
im Zimmer stand er, die glühenden Augen ins Leere gerichtet, den
rechten Arm in unbewußter Bewegung emporgestreckt, wie ein Bußprediger
der alten Zeit, mächtig, feierlich, ergreifend.

In schweigendem Staunen blickte ich auf den alten, wundersamen Mann.
Langsam ließ er den Arm sinken, langsam kamen seine Augen aus der Ferne
zurück, zu mir herüber.

»Langweilt Sie das Alles?« fragte er mit schwerem Ton.

»Nein,« erwiderte ich rasch, »durchaus nicht.«

Seine Augen ruhten auf mir wie eine körperliche Last, seine Brust hob
sich, er trat einen Schritt auf mich zu.

»Ich muß Ihnen etwas sagen, -- Sie gefallen mir.« Dreimal, als wenn er
das Wort bestätigen und bekräftigen wollte, nickte er mit dem grauen
Haupte vor sich hin. »Wir sind uns manchmal auf dem Spaziergange
draußen begegnet. Wenn wir uns begegnet sind, sind Sie immer anders
gewesen als die Anderen. Die Anderen gehen ja fast niemals allein,
immer wie die Dohlen, in ganzen Schwärmen, immer schwatzend. Wenn mir
so ein Haufen begegnet, stoßen sie sich unter einander an: >da kommt
der verrückte alte Kerl< und dann grinsen sie, als sollten ihnen die
Gesichter auseinander klappen. Kommt zufällig mal einer allein, dann
grinst er, solange wir noch weit von einander sind, und wenn er nahe
'ran ist, macht er, daß er vorbei kommt, als wenn er sich fürchtete.
Sie sind manchmal an mir vorbei gegangen, nicht wie ein flacher, leerer
Mensch, der auf nichts Acht gibt, denn Sie hatten mich wohl bemerkt,
das habe ich gesehen. Aber Sie haben es gemacht wie ein ernster,
nachdenklicher Mensch. Haben nicht gegrinst und sich auch nicht
gefürchtet. >Wirst ihn nicht stören, den alten Kerl<, so sind Sie an
mir vorüber gegangen, aufmerksam und still und anständig. Ich habe das
wohl bemerkt. Sie haben's vielleicht nicht gedacht, aber ich habe es
bemerkt. Ich weiß, was die Menschen von mir sagen. Aber es ist nur halb
richtig, wie Alles immer nur halb richtig ist, was sie sagen, die
Menschen, die Alles immer nur von außen ansehen. Ich bin ein Grobian,
das ist wahr; aber ich will Ihnen etwas sagen, -- nur von außen, --
innerlich vielleicht nicht.«

Bei den letzten Worten hatte sich seine Stimme beinahe zum Flüstern
gesenkt. Dennoch hatte ich ihn verstanden, und indem ich ihm von der
Seite zusah, wie er wieder auf- und niederzugehen anfing, und indem ich
an Alles dachte, was ich heute mit ihm erlebt hatte, begriff ich, was
er meinte, und gab ihm schweigend Recht.

»Und heute,« fuhr er, hin und her wandelnd fort, »bei dem, was heute
geschehen ist, und wie Sie dabei gewesen sind, das hat mir gefallen.
Ich muß es Ihnen sagen, hat mir gefallen. Sie hatten es mit angesehen,
was sich da anspann mit den beiden Kleinen, die sich ihren Schneemann
gebaut hatten, und den rüden Bengeln, die ihnen das Vergnügen störten.
Hundert Andere wären einfach vorüber gegangen. Natürlich. Sind ja
Kinder. Alles Kinderei. Wie wird sich ein vernünftiger Mensch um so
etwas kümmern. Ihr Flachköpfe! Wer von den Kindern nicht lernt, von den
Erwachsenen lernt so Einer gewiß nichts. Die Erwachsenen sind ja gar
keine Menschen mehr. Jeder hat einen Beruf, und der Beruf, das wird
seine Natur. Eine wirkliche Natur hat so Einer gar nicht mehr. Das
Kind, das ist die Menschenpflanze, wie sie aus der Erde kommt, das hat
noch gar nichts Anderes als seine angeborene Natur, das ist der Mensch.
Wer darin zu lesen versteht, der kann Dinge erfahren -- merkwürdige --,
die er sein ganzes Leben lang nicht wieder vergißt.«

Wieder verloren sich diese letzten Worte in einem murmelnden Geflüster,
und ich fing an zu bemerken, daß dieses Flüstern immer da eintrat, wo
seine Worte und Gedanken sich auf ihn selbst richteten. Durch die
Schlafstubenthür, die bei seinem Wiedereintreten offen geblieben war,
konnte ich in das Schlafzimmer hineinsehen. Auf einem kleinen Tische an
der Hinterwand, mir gerade gegenüber, hatte die Wirthschafterin, indem
sie davonging, eine Lampe aufgestellt, und diese Lampe beleuchtete ein
Bild, das darüber an der Wand hing. Ein Oelbild, zwei Knaben
darstellend, mit runden, rothen Wangen, mit feurigen Augen der eine,
der größere, mit schmalem, blassem Gesicht, mit wehmüthig bittenden
Augen der andere, der kleinere. Das Bild, von dem ich gehört hatte, das
ihn darstellte, den alten Graumann, wie er ausgesehen hatte als Kind.
Und der Andere -- sein Bruder? Meine Augen hingen an dem Bilde. Die
Dinge, »die man ein Leben lang nicht wieder vergißt« -- ob sie im
Zusammenhang stehen mochten mit dem Bilde da drüben?

Ob er es bemerkt hatte, daß das Bild meine Aufmerksamkeit fesselte, --
ich weiß es nicht; jedenfalls sagte er nichts. Er setzte seine
Stubenwanderung und sein Selbstgespräch fort.

»Sie haben es anders gemacht als die Andern, sind nicht vorbeigegangen,
sind stehen geblieben, haben sich die Geschichte angesehen. Von meinem
Fenster habe ich Alles sehen können. Das ist ein Mensch, habe ich mir
gesagt, der nimmt die Kinder ernst; denn daß Sie nicht aus bloßer
Neugier stehen geblieben sind, habe ich an Ihrem Gesichte bemerkt. Das
muß ein Mensch sein, habe ich mir gesagt, der innerlich Zeit hat; denn
wer Kindern zusehen will, muß Zeit haben. Darum kann es kein Streber
sein, denn ein Streber hat nie Zeit. Das muß ein innerlich feiner
Mensch sein, habe ich mir gesagt, denn wer Kinder ernst nehmen will,
muß innerlich fein sein. Und das eben ist das Unglück,« -- er brach
plötzlich wieder in seinen Donnerlaut aus -- »daß es so gräßlich wenig
innerlich feine Menschen giebt! Wenn man so alt geworden ist wie ich,
-- es ist gräßlich, wenn man zurückdenkt und sieht, wie wenig innerlich
feine Menschen Einem begegnet sind auf der Welt! Alles so gar nicht da
für den Nebenmenschen! Alles nur immer vor sich hinstierend auf den
eigenen Weg! So roh, so ordinär, so knotig! Ja, Knoten --, das sind
sie, die Menschen, alle, wie sie gebacken sind, Beamtenknoten,
Geldknoten, Berufsknoten! Und am knotigsten, wenn sie sich Lackstiefel
anziehen, einen Frack darüber hängen und womöglich ein paar Orden dran
stecken und sich einbilden, jetzt wären sie fein. O Du Herrgott im
Himmel, was für eiserne Seelen, was für erbarmungslose Gemüther laufen
unter den schwarzen Fräcken und hinter den weißen Hemdenbrüsten umher!
Weil sie eine Hornhaut über ihrem Inneren haben, die immer dicker wird,
je weiter sie hineinkommen in das Leben! In dieses Leben, das gar kein
eigentliches Leben mehr ist, sondern so eine Art von Wettlauf zwischen
zwei Reihen von Schutzmännern, die Acht geben, daß Keiner dem Andern
das Portemonnaie aus der Tasche holt und den Andern todtschlägt. Und
unterdessen wird das da drinnen, was man die Seele nennt, die
Menschenseele, was etwas so Schönes ist, wenn es aus Gottes Händen zur
Erde herunter kommt, etwas so Zartes, Empfängliches und
Empfindliches --, das wird nun immer härter und holziger, bis daß es
zur Borke wird, zur fühllosen Borke! Da giebt's keine Augen mehr für
das blasse Gesicht, das neben uns hergeht, keine Ohren mehr, wenn etwas
neben uns seufzt; da wird zugegriffen, und wenn man dabei einem Andern
ins Herz greift, -- seine Schuld, warum ist er mir in den Griff
gekommen. Da wird drauf los gegangen, und wenn man dabei einen Andern
unter die Füße tritt, -- seine Schuld, warum ist er mir in den Weg
gekommen. Und wenn das zufällig ein Kind war, -- ja, Du mein Gott -- es
ist ja so etwas Kleines; wer hat denn Zeit, auf so ein Pflänzchen zu
achten. Und wenn es wirklich einen Tritt abbekommen hat, -- na, mein
Gott -- wird ja nicht dran sterben, ist ja noch so jung, das wächst
sich ja Alles wieder aus.«

Er war stehen geblieben.

»Und das ist eben der Irrthum! Das ist nicht wahr! Es wächst sich nicht
wieder aus. Es gibt Seelen, die können Fußtritte nicht vertragen. Wenn
die einmal wund geworden sind, bleiben sie wund, ihr Lebenlang; ihr
Lebenlang.«

Er war an den Tisch getreten, an dem ich saß. Er stützte die Hände auf;
das Licht der Lampe spiegelte sich in seinen Augen. Seine Augen gingen
über mich hinweg; seine Brust arbeitete, als wühlte darinnen ein
Entschluß. Wie ein Gefäß sah er aus, wie ein übervolles, aus dem der
Inhalt heraus will, und auf das man den Deckel niederdrückt, weil
nichts heraus soll. Ich gab keinen Laut von mir. Verstohlen, von der
Seite blickte ich ihn an. Mir ahnte, daß, wenn ich ein Wort spräche,
ich die Seele, die da vor mir kämpfte und rang, stören würde,
zurückschrecken und wieder stumm machen würde, diese merkwürdige Seele,
die hinter Borsten und Stacheln der Außenseite versteckt lag wie ein
Geheimniß, weich, beinah hülflos wie ein Kind.

»Sie sind ein Mensch,« fing er wieder an, »der innerlich Zeit hat. Mit
solchen Menschen kann man sprechen. Solche Menschen können zuhören.
Wollen Sie zuhören?«

Er hatte mich nicht angesehen, indem er sprach.

»Wenn Sie sprechen wollen,« erwiderte ich, »gern; wirklich gern.«

Wieder, wie er vorhin gethan hatte, nickte er dreimal mit dem grauen
Haupte vor sich hin. Er sah mich auch jetzt nicht an. Vom Tische trat
er zurück, in die dunkle Ecke des Gemaches, hinter mich. Ob er stand,
ob er sich setzte, ich weiß es nicht. Ich fühlte, daß er nicht
angesehen sein wollte; ich sah mich nicht um. Und aus der dunklen Ecke
hinter mir, so wie ich es hier wiedergebe, mit allen Kreuz- und
Quersprüngen und Sonderbarkeiten, kam nun das, was er mir an dem Abend
erzählte, der alte Graumann.

»Es waren einmal zwei Kinder. Zwei Knaben. Brüder. Geschwister. Die
Kinder hatten Eltern.

Wenn man so von Eltern spricht, dann klingt das immer, als wäre das so
ein Ding, gewissermaßen ein Mensch. In Wahrheit ist das ganz anders.
Vater und Mutter sind jedes ein Mensch für sich, und die Menschen sind
verschieden. Sehr. Der Vater also von den Beiden war ein Beamter. Ein
Jurist. Und Juristen sind noch mehr Beamte als Andere. Was ein guter
Jurist sein will, das muß denken können wie ein Mathematiker, ganz
unkörperlich, was man so abstrakt nennt. Und wer ein ganzes Leben lang
so abstrakt denkt, wird es zuletzt selbst; und dann sieht er die Welt
wie ein Schachbrett an und die Menschen darauf wie Schachfiguren, die
jede ihre vorgeschriebene Gangart haben, im Uebrigen aber sich nicht
unterscheiden, weil sie alle von Holz oder von Elfenbein oder von
irgend einer Masse überhaupt sind. Und wenn so eine Schachfigur einen
anderen Gang gehen will, als die Regel befiehlt, dann -- dann geht das
einfach nicht. So eine ist abgeschmackt. Ist abgeschmackt -- es gibt ja
schlimmere Worte -- aber wenn er so vom Gericht kam, die Acten unterm
Arm, in seinem schwarzen Gerichtsfrack -- denn damals trugen sie ja
noch Fräcke -- und unzufrieden war mit irgend etwas, dann kam das: »es
ist abgeschmackt«, und das war dann jedesmal, als wenn Eis zerhackt
würde, und die Eissplitter flogen umher und trafen, wohin es war, in
das Gesicht, in die Augen, aber immer dahin, wo es wehe that.

Er war nämlich ein Rath am Gericht, an einem Oberlandesgericht, und ein
sehr angesehener, ein Senatspräsident.

Vielleicht wäre er gern Gerichtspräsident gewesen, und es wurmte ihn
heimlich, daß er's nicht war. Denn er war ehrgeizig und stolz und
eigentlich furchtbar leidenschaftlich. Aber er zeigte das nicht, hatte
sich immer in der Gewalt, wie wenn er immer am Tische säße als
Senatspräsident, schluckte Alles in sich hinein. Und so etwas ein Leben
lang. Das ist wie eine Feuersbrunst in einem Bergwerk, wo man die
Schächte zubaut, damit sie erstickt. Inwendig frißt das doch weiter,
und einmal, bei Gelegenheit bricht das doch heraus, und dann wird so
etwas fürchterlich.

In seiner Jugend mußte er ein stattlicher Mann gewesen sein, schlank
und groß; daher wird es sich erklärt haben, daß er solch' eine Frau
bekommen hat, wie er sie gehabt hat. Denn die Frau -- das war eine
herrliche Frau.

Ich weiß nicht -- daß heißt, ich habe es immer scheußlich gefunden,
wenn Menschen von ihrer »schönen Mutter« sprechen. Ein Muttergesicht
ist ganz etwas Anderes als schön, das ist heilig. Ich bin jetzt nahe an
die siebzig Jahre und wenn ich denke, wie lange das her ist, daß sie
nicht mehr da ist, dann ist mir, als wäre es eine Ewigkeit. Aber noch
jetzt, wenn ich so einsam für mich hingehe oder des Nachts liege und
nicht schlafen kann, dann sehe ich ihr Gesicht. Dann ist mir wie an dem
Tage, als das Bild da gemalt wurde, von den beiden Brüdern. Das war an
einem Sommertag. Und da setzte sie sich uns gegenüber, damit wir hübsch
still hielten. Ihren Strohhut hatte sie an den Bändern -- denn damals
banden die Frauen die Hüte noch unterm Kinn zusammen -- um den Arm
gehängt und eine Häkelarbeit vorgenommen. Und immer über die Arbeit sah
sie zu uns hinüber und freute sich und sah so glücklich aus wie später
niemals wieder, niemals wieder.

Daß nämlich das Bild gemalt wurde, das war ihr Werk gewesen, das hatte
sie durchgesetzt, während er es eigentlich gar nicht hatte haben
wollen. Wenigstens, daß auch der ältere von den beiden Jungen auf dem
Bilde war, daran lag ihm nun schon gewiß gar nichts, denn --

Aber wie gesagt -- denn ihren Willen hatte sie auch; nur daß es eine
ganz andere Art war als wie der seine. So eine Art warmer Südwind, bei
dem die Geschöpfe aufleben, gegen einen harten, kalten Nordost, der
Alles erfrieren macht.

Aber mit dem Bilde, das hatte sie durchgesetzt. Das war ihr ein
Bedürfniß gewesen. So etwas liebte sie. Wie sie denn überhaupt gar
nicht abstrakt war. Sondern sie hatte etwas, was er nicht hatte, wovon
er keine Ahnung hatte, was er gar nicht verstand, Phantasie! Phantasie!
Phantasie!

Und damals, als das Bild gemalt wurde, war überhaupt Alles noch gut.
Wenigstens so ziemlich. Da saßen die beiden Brüder noch einträchtig
beisammen und hatten einander lieb. Während später -- aber das ist
eigentlich nicht richtig -- denn der Kleine hat den Andern immer lieb
gehabt, auch später. Aber der Andere -- -- An dem Tage aber war auch
der Andere dem Kleinen noch gut und hielt ihn an der Hand und sagte:
»Schnudri, jetzt mußt Du still sitzen, sonst kann der Maler Dich nicht
malen.« Und da lachte der Kleine. Und wenn er lachte, das war immer so
rührend anzusehen, weil es immer aussah, als thäte ihm das Lachen
eigentlich weh. Und es sah auch gar nicht bloß so aus, sondern
wahrscheinlich war es wirklich so, weil der arme, kleine Junge
innerlich krank war, was der Andere damals freilich noch nicht wußte.
Das hat er später erst erfahren, und als er es später erfuhr, war es zu
spät; da war Alles vorbei -- Alles vorbei.

An dem Tage aber, als er sagte: »Schnudri, jetzt mußt Du still sitzen,«
da war der Kleine ganz glücklich. Denn er hörte es so gern, daß der
Bruder ihn Schnudri nannte; denn das war ihm ja ein Zeichen, daß ihm
der Bruder gut war. Und mehr wollte er ja gar nicht. Nur gut sollte er
ihm sein; denn es war eine so zärtliche Seele in dem kleinen Jungen,
eine so feine!

Und daß er an dem älteren Bruder hing, das kam vielleicht auch daher,
daß er ihn bewunderte. Denn der konnte alles Mögliche, was er nicht
konnte. Der war größer und stärker als er und hatte runde, rothe Backen
und eine breite Brust, und er hatte schmale Backen und eine
eingesunkene, kleine Brust. Wenn sie neben einander her gingen, konnte
der Schnudri kaum Schritt halten mit dem Anderen und fing an zu
keuchen. Und dann nahm ihn der Andere an der Hand und ging langsamer.
Das heißt, das that er früher; später nicht mehr. Später, wenn er
hörte, daß der Kleine neben ihm einher keuchte, that er, als hörte er
es nicht, gab ihm auch nicht die Hand und ging nicht langsamer. Weil er
ein Hund geworden war und schlecht, eine Canaille!

Aber das allein, daß der Bruder größer und stärker war als er, das war
es nicht, was das Brüderchen an ihm bewunderte. Sondern es war noch
etwas Anderes. Nämlich der Andere wußte immer sehr schöne Spiele
anzugeben, die sie zusammen spielten. Immer fiel ihm was Neues ein, und
das dachte er sich dann im Stillen so aus, und dem Kleinen -- das war
merkwürdig -- fiel nie etwas ein. Sondern wenn sie zusammen hinaus
gingen in Wald und Feld, oder auch wenn sie bei schlechtem Wetter zu
Hause spielten, wartete er immer ganz still und geduldig, was der
Andere heute Neues angeben würde. Und wenn der es ihm dann gesagt
hatte, leuchteten ihm die Augen, und dann mit dem allergrößesten Eifer
machte er sich daran, daß er das neue Spiel nur ja recht genau
ausführte und so, daß der Bruder zufrieden war.

Da wurde alles Mögliche gespielt. Zum Beispiel »Kaufmann«. Dazu gingen
wir am See entlang, an dem unsere Stadt lag. Und an einer Stelle des
Ufers lagen eine Masse Kieselsteine. Unter denen suchten wir uns welche
aus, und jeder Kieselstein bedeutete ein Geldstück: einen
Silbergroschen, ein Fünfgroschen-, ein Zehngroschenstück -- damals
gab's noch keine Markrechnung -- und die schönsten waren Thaler. Dann
wurde gezählt bis Hundert, und wer bis dahin die schönsten Kiesel
zusammen gesucht hatte, der war der reichste Kaufmann und hatte
gewonnen. Und zu Hause hatten wir einen kleinen Verkaufsladen; den
hielt die Mutter unter Verschluß. Da war alles Mögliche drin: Mandeln
und Rosinen, Pfeffermünzkügelchen und Lakritzenstangen und
Mehlweißchen, was so eine Art Pfefferkuchen war; und mit unseren
Kieselsteinen kauften wir uns dann von der Mutter aus dem Laden. Denn
die Mutter, die spielte mit uns, aber der Vater nicht. Sondern wenn der
dazu kam, störte er uns.

Zwar für gewöhnlich ging er nur ganz rasch durch das Zimmer hindurch,
um an seine Acten zu kommen. Aber einmal kam es vor, da blieb er stehen
und erkundigte sich, wie das Spiel wäre, und was es für Regeln hätte.
Und weil nun, wie das gewöhnlich der Fall war, der Aeltere von den
Beiden mehr Kiesel gefunden hatte und also mehr kaufen konnte als der
Kleine, so sagte der Vater: »Das ist ja abgeschmackt; natürlich ist da
der große Bengel dem Kleinen voraus.« Und dabei griff er ohne Weiteres
in den einen Kasten, wo die Rosinen und Mandeln waren, und gab dem
Kleinen eine Hand voll. Darauf machte der Kleine ein ganz langes
Gesicht und sah sich ganz ängstlich nach dem Bruder um, als ob er es
nicht annehmen wollte, weil er fühlte, daß das doch alles Spiel
zerstörte. Dann aber, wie ihn der Vater unters Kinn faßte und sagte:
»Na, was besinnst Du Dich denn, Hänschen« -- denn in Wirklichkeit hieß
der Schnudri Hans -- da nahm er die Rosinen und Mandeln und fing an,
davon zu essen. Dabei aber sah er sich immer wieder nach dem Bruder um.
Und im Augenblick, als der Vater hinaus war, lief er auf den Bruder zu
und legte ihm die Arme um den Hals und sagte ihm ganz hastig ins Ohr:
»Das gilt ja nicht; das weiß ich ja; ich habe auch nur ganz wenig
Rosinen gegessen und will Alles gleich wieder hinein thun.« Und damit
lief er auch wirklich zu dem Kasten und that Alles wieder hinein, was
ihm der Vater gegeben hatte. Alsdann so blieb er an dem Kasten stehen,
ganz verschüchtert, als hätte er ein Unrecht begangen, und wie er den
Bruder so mitten im Zimmer stehen sah und sah, daß der Bruder mit
keinem Auge zu ihm hinsah, sondern immer nur an den Boden vor sich hin,
da fragte er ganz kleinlaut: »Wollen wir denn jetzt nicht weiter
spielen?« Darauf aber schüttelte der andere den Kopf und sagte: »Nein!
Und ich will überhaupt gar nicht mehr spielen!«

Und wie der Kleine das hörte, wurde er ganz still, und dann mit einem
Male fing er an zu weinen, bitterlich, und lief zu der Mutter hin und
steckte den Kopf in ihren Schoß und sagte: »Ich kann doch nichts dafür!
Ich kann doch nichts dafür!«

Und der Andere -- der Andere -- wenn er damals gewußt hätte, der
Andere, was er jetzt weiß -- daß er den Ton, mit dem es heraus kam,
das: »Ich kann doch nichts dafür!« hören und wieder hören würde, ein
Leben lang und auch jetzt noch, da er an die siebzig Jahre alt ist, in
so mancher, mancher schlaflosen Nacht -- dann würde er gekommen sein
und weiter mit ihm gespielt haben und gesagt haben: »Nein, nein, Du
kleine, Du feine, Du kluge Seele, Du bist nicht schuld, und ich will
Dir nicht weh thun und Dir nicht noch mehr aufladen als Dir schon zu
tragen gegeben ist.« Aber weil er das Alles damals nicht wußte, kam er
nicht und spielte mit ihm nicht weiter. Und auch als die Mutter ihn
rief und mit den traurigen Augen ansah und sagte: »Sei doch nicht so
häßlich gegen Deinen kleinen Bruder; sieh doch, wie er sich grämt« --
auch da kam er nicht, sondern schüttelte den Kopf und lief zur Stube
hinaus. Wie ein Hund lief er hinaus, wie ein böser, verstockter. Denn
es war ihm auch zu Muthe wie einem Hunde, der einen Fußtritt bekommen
hat. Und das war das Wort, das er vorhin gehört hatte: »Natürlich ist
da der große Bengel dem Kleinen voraus!« und der Ton, mit dem das Wort
heraus gekommen war, der kalte, scheußliche Ton, der ihm jetzt auch
noch immer wieder kommt, wenn er Nachts nicht schlafen kann, wie ein
Splitter von zerhacktem Eis, mitten hinein ins Herz!

Neben dem »Kaufmannsspiel«, von dem ich gesagt habe, gab es aber noch
andere: »Pascher und Grenzsoldat«, »Jagd« und »Post und Reise«, was der
Schnudri sehr gern hatte, weil er dabei immer in einem kleinen Wagen
gefahren wurde. Und an bestimmten Stellen, wo die »Post« an Hindernisse
kam, schmiß der Wagen um; und weil das immer die nämlichen Stellen
waren, wußte der Kleine schon vorher, wo er umgeschmissen werden würde,
und fürchtete sich immer ein bißchen, aber er freute sich doch noch
mehr und bereitete sich vor, und jedesmal gab es dann ein Gequietsche
vor lauter Vergnügen.

Das schönste von allen Spielen aber war das »Matrosenspiel«, das
konnten wir aber nicht alle Tage spielen, sondern immer nur, wenn der
Wind wehte; und je mehr Wind, um so besser. Dann ging es in den Wald
hinaus. In dem Walde stand eine alte, große Linde; und auf die
kletterten wir hinauf. Die Linde, das war unser Schiff. Darum, wenn wir
in die Nähe von dem Baume kamen, commandirte der Aeltere: »Alle Mann an
Bord!« und dann krähte der Kleine hinter drein: »Alle Mann an Bord!«
und lief, so schnell er laufen konnte, daß er an den Baum und hinauf
kam. Aber das wurde ihm jedesmal etwas schwer. Denn obschon die Zweige
der Linde ziemlich tief ansetzten, war es doch für den kleinen Jungen
zu hoch; darum mußte ihm immer der Andere, der vorauf geklettert war
und schon in der untersten Gabel stand, die Hand hinunter reichen, und
an seiner Hand zog er sich dann hinauf. Alsdann so hieß es: »Matrosen
in die Toppen!« und der Schnudri krähte wieder nach. Dann wurde weiter
hinauf geklettert, und der Baum war jetzt unser Mast. Und wenn der Wind
den Mastbaum packte und herüber beugte und hinüber, dann war das ein
herrliches Vergnügen. Wenn die Aeste durch einander rauschten und
aneinander schlugen, dann hieß es: »Die Taue knarren!« und: »Die Taue
knarren!« wiederholte der Kleine. »Es ist ein mächtiger Sturm« -- »es
ist ein mächtiger Sturm.« Dann holten wir unsere Taschentücher hervor
und faßten die Zipfel zusammen und hielten sie so, daß sich der Wind
hinein setzte und sie aufbauschte wie kleine Segel. »Jetzt segeln wir!«
sagte der Aeltere; »jetzt segeln wir!« sagte der Kleine. »Hü -- wie das
geht!« »Hü -- wie das geht!«

Und wenn wir dann eine Zeit lang gesegelt waren, ging es noch einmal
den Baum hinauf, immer höher, beinahe bis in die Spitze. Da war es am
schönsten. Da zweigten sich mehrere Aeste nach rechts und links, so daß
eine ziemlich große Gabel entstand. Und wenn wir uns dicht zu einander
drängten, konnten wir beide in der Gabel sitzen. Das war die Cajüte.
Und da setzten wir uns dann hinein, und der Kleine, weil er sich immer
ein bißchen fürchtete, hielt sich mit seinem einen Arm an den Aesten,
mit dem anderen schlang er sich um den Bruder, ganz eng, ganz eng. Und
wenn er sich so an mich drückte, dann konnte ich sein Herz an meinem
Leibe schlagen fühlen; das ging immer so rasch: puck, puck, puck;
beinahe als wenn es flatterte wie ein kleiner Vogel, oder als wenn es
das Pendel einer Uhr gewesen wäre, die zu rasch lief, zu rasch. Aber
das Alles habe ich mir erst später gesagt, als die Uhr abgelaufen war
und das Pendel stand. Damals gab ich nicht Acht darauf. Damals war ich
ja selbst noch ein Kind, und daran, daß ein Kind sterben könnte, daran
denkt ein gesundes Kind nicht. Wenn also nun die Beiden in ihrer Cajüte
saßen und der Wind sie wiegte herüber -- hinüber, herüber -- hinüber,
dann nach einem Weilchen fing der Schnudri an und fragte: »Wo fahren
wir denn jetzt?« Denn er wußte, daß er so fragen mußte, weil das zum
Spiel gehörte. Und dann sagte der Andere: »Jetzt fahren wir an
Spitzbergen vorbei nach dem Nordpol« oder: »Jetzt fahren wir nach
Ostindien.« Und jedesmal wußte der Schnudri, was er darauf zu sagen und
zu thun hatte, und das that er auch immer wie am Schnürchen. Wenn es
hieß: »Nach Spitzbergen!« dann fing er an zu schnattern, als wenn ihn
fröre, und rief: »Na ja, darum wird es ja auch so kalt! Puh! Und da
kommt ja schon ein Eisbär gelaufen! Den müssen wir schießen. Puff -- da
liegt er.« Dagegen, wenn es hieß, daß wir nach Indien führen, dann fing
er an zu schnaufen wie vor Hitze: »Na ja,« sagte er dann, »da sehe ich
ja schon die große Stadt Calcutta. Und da kommt ja auch schon der
Großmogul. Guten Morgen, Herr Großmogul, wie haben Sie geschlafen?« Und
jedesmal, wenn er den Großmogul begrüßte, war ihm das so komisch, daß
er lachte, lachte, daß sein magerer, kleiner Körper an meinem Leibe
schütterte. Und das Alles hatte sich der Aeltere ausgedacht. Immer fuhr
er mit dem kleinen Bruder durch die weite Welt, immerfort erzählte er
ihm, und Alles, was er erzählte, stand ihm immer ganz leibhaftig vor
Augen. »Jetzt fahren wir durch den indischen Ocean,« hieß es; »der ist
so blau, daß, wenn man die Hand hinein taucht, kommt sie wieder heraus,
als wenn man sie in blaue Tinte gesteckt hätte. Der ist so tief -- wohl
zwanzigtausend Meilen tief. Und ganz, ganz unten ist es wunderschön. Da
sind große Wiesen, aber die sind nicht grün wie die hier oben, sondern
ganz blau. Und auf diesen Wiesen gehen die Meermänner spazieren und auf
die Jagd. Und wie man hier oben nach Hirschen und Rehen jagt, so jagen
sie da unten nach Fischen. Aber natürlich nicht mit Flinten; die würden
ja im Wasser nicht losgehen, sondern mit Spießen. Und die Spieße sind
ganz von Gold und haben Spitzen von lauter Diamanten. Und jetzt steigen
wir aus,« hieß es weiter, »und jetzt sind wir in China. Da laufen die
Chinesen herum, und die sind so gelb, daß ihre Köpfe aussehen wie
Citronen, und die Augen darin sind so klein wie kleine, schwarze
Rosinen. Jetzt kommen wir an die große Mauer. Und auf der großen Mauer
da laufen immerfort die Wächter auf und ab und lassen Niemanden heraus
und Niemanden hinein, wenn er nicht die Parole weiß. Und die Parole,
die heißt: >Plumpudding<.«

Und jedesmal, wenn der Schnudri das hörte, wurde er ganz schwach vor
Lachen und drückte seinen Kopf und sein Gesicht an den Bruder und
stöhnte zuletzt, weil er nicht mehr lachen konnte: »Oh -- oh -- oh!«

»Und weil wir die Parole gewußt haben,« erzählte der Andere weiter,
»sind wir durch die große Mauer durchgekommen, und jetzt sind wir in
einem Wald, der ist so groß, daß er gar kein Ende hat; so groß wie ganz
Asien. Und in dem Walde sind alle Thiere, die man sich nur denken kann:
Löwen und Tiger, Hirsche und Rehe, Elephanten und Giraffen, und dann
noch eines, das ist das merkwürdigste von allen, ein Thier, das es
sonst gar nicht weiter giebt, das Einhorn.« Und jedesmal, wenn der
Kleine von dem Einhorn hörte, machte er ganz große Augen und hörte ganz
lautlos zu. Und der Andere beschrieb es ihm dann so genau, als hätte er
es eben erst gesehen: »Das ist ein Thier ungefähr wie ein Pferd und
ganz weiß. Aber nicht wie ein Schimmel so weiß, sondern viel weißer
noch, wie es sich gar nicht beschreiben läßt. Auf der Stirn hat es ein
Horn, aber nicht ein so krummes wie das Nashorn eins hat, sondern ganz
grade und lang und so spitz wie eine Lanze. Von seinen vier Hufen ist
der eine von Gold, der andere von Silber, der dritte ist so schwarz wie
eine Steinkohle und der vierte wie einer von den blauen Steinen, wie
Mama welche um den Hals trägt.« Unsere Mutter trug nämlich einen
Halsschmuck von Amethysten.

Und das Alles sich auszudenken und zu erzählen, machte dem Anderen
solches Vergnügen, daß er oft gar nicht aufhören konnte und es manchmal
beinahe schon dunkel war, wenn sie von ihrem Baume herunter kletterten
und alsdann -- was hast Du, was kannst Du -- machten, daß sie nach
Hause kamen. Und mit dem Allen, was er gehört hatte, war der Kleine
dann immer so voll geladen wie eine kleine Kanone, daß er es gar nicht
aushielt, sondern losschießen mußte gegen irgend Jemanden. Das war dann
gewöhnlich die Mutter. Auf die lief er mit ausgebreiteten Armen zu und
prustete vor Lachen: »Mama, Mama, weißt Du, wie die Parole heißt, damit
sie Einen durchlassen durch die große Mauer? >Plumpudding!
Plumpudding!<«

Und weil die Mutter sich immer freute, wenn der Kleine vergnügt war,
nahm sie ihn dann manchmal auf den Schoß und ließ sich noch mehr von
ihm erzählen, und wenn sie dann hörte, was sich ihr Aeltester Alles
ausgedacht hatte, schüttelte sie manchmal leise den Kopf und sah sich
nach ihm um und lächelte. Das war dann jedesmal so merkwürdig
anzusehen, halb traurig, halb freudig, aber Alles zusammen so sanft, so
schön, so -- so -- Aber einmal wieder, als der Schnudri auf ihrem
Schoße saß und ihr gerade erzählte, was er von dem Einhorn gehört
hatte, da erschien der Vater auf der Schwelle von seinem Arbeitszimmer.
Es hatte ihn Niemand kommen sehen, und erst als er plötzlich sagte:
»Von wem hast Du denn all' das dumme Zeug?« da merkten wir, daß er da
war.

Alsdann, wie der Kleine stumm wurde, wie er das immer wurde, wenn der
Vater zu ihm sprach, faßte er ihn wieder unters Kinn und sagte: »Wer
hat Dir denn das Alles erzählt, Hänschen?« Darauf drehte der Schnudri
ganz ängstlich das Gesicht zu dem Bruder herum, und der Vater zuckte
die Achseln, wie wenn er sagen wollte: »Na ja! -- Das ist doch die
Abgeschmacktheit in der Potenz,« sagte er darauf zu dem Anderen, »daß
Du Deinem kleinen Bruder solchen Unsinn vorerzählst! Besser, als daß Du
Dich mit Einhörnern und solchem Zeug abgiebst, wäre es, wenn Du Dich
mit Deinen Rechnenaufgaben beschäftigtest. Deine Censur im Rechnen und
Mathematik ist wieder einmal miserabel ausgefallen.«

Darin hatte er nun recht. Denn Mathematik, und was damit zusammenhing,
wollte dem Jungen absolut nicht in den Kopf. Darum, als der Vater die
Thür wieder hinter sich zugeworfen hatte, stand er wie vor den Kopf
geschlagen da. Er schämte sich. Aber nicht darüber, daß er im Rechnen
und Mathematik nichts taugte, sondern es war eine ganz andere Scham in
ihm, eine viel tiefere, schlimmere. Wie ein heißes Feuer stieg sie in
seinem Innern auf und ging ihm über den ganzen Leib, daß er feuerroth
wurde von Kopf zu Füßen. Kein Feuer, das den Menschen erleuchtet,
sondern im Gegentheil ein rauchiges, das Alles dunkel machte da
drinnen. Und der Rauch, der sich damals in der Seele des Jungen
entwickelte -- wenn ich überlege -- ganz hat er sich eigentlich nie
wieder verzogen, bis heute, siebzig Jahre lang.

Denn das Schlimmste war, daß er eigentlich nicht sagen konnte, warum er
sich schämte. Denn er war ja noch ein Kind. Zwar dem Kleinen gegenüber
hieß er ja immer »der Große«. Aber er war noch nicht groß, war auch
noch ein Kind.

Immer, wenn er dem kleinen Bruder erzählte von dem indischen Ocean, von
dem großen Wald und dem Einhorn im Walde, war ihm das so gegenwärtig
gewesen, daß er zuletzt gar nicht mehr fragte, ob es wahr sei oder
nicht. Und weil das Alles so etwas ganz Anderes war als das, was er in
der Schule zu lernen und zu arbeiten hatte, versteckte er es wie eine
geheimnißvolle Sache, beinahe wie eine verbotene in sich. Nur dem
kleinen Bruder erzählte er es, und dem band er es auf die Seele: »Du
darfst Niemandem davon sagen, höchstens der Mama.«

Und nun war doch Alles an den Tag gekommen. Und im Augenblick, als es
heraus kam, war auch gleich so hineingefahren worden. Alles war dummer
Unsinn! Darum schämte er sich. Denn er war damals noch zu klein, um
sich gegen den Verstand zur Wehr zu setzen, der ihm da gegenüber stand;
er wußte damals noch nicht, daß gar nicht Alles Unsinn ist, was solch
einem kalten, abstrakten Juristenverstande so erscheint.

Seine Erzählungen, das war ihm immer gewesen wie eine andere Welt,
in der er sich vor seinem Vater versteckte und vor seinem
Mathematiklehrer. Und nun war das Alles aufgedeckt und gab's kein
Versteck mehr. Darum war der schwarze Rauch in ihm, von dem ich
gesagt habe; und er grämte sich, grämte sich.

Zwar am nächsten Tage stieg er wieder mit dem kleinen Bruder auf den
Baum, und als sie in der Cajüte saßen, wollte er wieder anfangen, zu
erzählen. Im Augenblick aber, als er den Mund aufthat, war es ihm, als
hörte er das von gestern: »Das ist ja die Abgeschmacktheit in der
Potenz« -- ganz deutlich, mit dem kalten, verächtlichen, gräßlichen Ton
-- und das Wort brach ihm vom Munde ab; er sah nichts mehr vom
indischen Ocean und vom Wald und vom Einhorn, sondern nur noch die
graue Schiefertafel zu Hause, wo er ein Exempel zu rechnen hatte. Und
als der kleine Bruder ganz schüchtern fragte: »Fahren wir denn heute
nicht?« sagte er kurz und wild: »Nein -- kann nicht mehr,« und stieg
vom Baum hinunter, der Kleine ganz stumm hinter drein, und ging mit ihm
nach Hause und sprach auf dem ganzen Wege kein Wort, denn in seinem
Herzen war die Verzweiflung.

Und an dem Allen -- daß das Alles so gekommen war, das hatte ihm doch
eigentlich der kleine Bruder angerichtet. Zwar, wenn er gerecht gewesen
wäre, hätte er sich ja sagen müssen, daß der Kleine gar nicht schuld
daran war. Der Mama hatte er es erzählt, und das hatte er ihm ja selbst
erlaubt, und hatte nicht gemerkt, daß der Vater hinzugekommen war. Weil
er sich vor Freude gar nicht zu lassen vermochte, hatte er Alles
ausgeschwatzt, aus lauter Bewunderung. Das Alles hätte er sich sagen
müssen, wenn er gerecht gewesen wäre. Aber er war nicht gerecht. Er
hatte vom Vater das Temperament geerbt, das böse, heftige, während der
Kleine sanft war, wie die Mutter. Darum wurde Alles stumm in ihm, was
da zum Guten reden wollte, und nur der Groll blieb lebendig, der
finstere, verstockte. Der kleine Bruder war doch an Allem schuld. Und
von dem Tage an nistete sich in seinem Herzen etwas ein, etwas
Schreckliches, so eine Art von Haß gegen den kleinen Bruder.

Eine Art von Haß, mit Neid vermischt. Denn was er schon lange dunkel
gefühlt hatte, das wurde ihm nun immer deutlicher: daß der Kleine dem
Vater lieber war als er. Vielleicht eben, weil der Vater in ihm das
nämliche Temperament spürte, wie in sich selbst, das ihm wahrscheinlich
böse Stunden bereitete, von denen er Niemandem etwas sagte; während der
Kleine, wie ich schon gesagt habe, ganz das sanfte, liebe Temperament
von der Mutter hatte. Auch in der Schule war der Kleine ganz anders als
der Andere; ein viel besseres Lern-Kind; schrieb eine viel sauberere
Handschrift, rechnete viel besser, ja sogar sehr gut; brachte auch
immer sehr gute Censuren nach Hause. War mit seiner Kleidung viel
ordentlicher, überhaupt in Allem viel gründlicher, so daß es eigentlich
gar nicht zu verwundern war, daß der Vater ihn lieber mochte als den
Andern.

Aber das ist eben das Leiden in den Kindern, daß sie keine
Vernunftgründe haben, um ihrem Gefühle aufzuhelfen, wenn es verwundet
wird. Und darum -- wer ein Kind in seinem Gefühle verwundet, der begeht
ein Verbrechen -- ein -- ein --

Und darum, weil der Junge fühlte, daß sein Vater häßlich gegen ihn war
und lieblos, fing er an, seinen Vater zu hassen. Und in dem Vater auch
den kleinen Bruder, den der Vater mehr liebte als ihn. Darum, wenn der
Kleine mit ihm spazieren ging und mit ihm spielen wollte, sagte er bei
sich: »So -- also? Zu Hause bist du schon der Verzug und Hahn im Korbe,
und nun bin ich Dir gut dazu, daß ich Dir auch noch zu Gefallen sein
soll?« Und dann, wenn der kleine Bruder nach seiner Hand griff und sich
daran hängen wollte, zog er die Hand zurück und gab sie ihm nicht. Wenn
der Kleine mit den stummen Augen zu ihm aufsah, ob er ihn nicht wieder
einmal »Schnudri« nennen würde, nannte er ihn »Hans«, und wenn er
wartete und lauschte, ob sie nicht wieder einmal auf den Baum und in
die Cajüte steigen und durch die Welt reisen würden, biß er die Zähne
auf einander und spielte nicht und erzählte ihm nichts.

Und nun weiß ich nicht, ob der arme, kleine Junge sich dessen bewußt
war, was in der Seele des Bruders vorging; aber das Eine weiß ich, daß
er stiller wurde und trauriger von einem Tage zum andern. Er war ja
krank, und solche kranken Kinder -- das ist ja, als wenn sie schon vom
jenseitigen Licht etwas in den Augen hätten, daß sie wie kleine
Hellseher Dinge sehen, allen Erwachsenen verborgen. Wohl möglich darum,
daß er wohl geahnt hat, was für ein Wurm an dem Herzen des Bruders
fraß. Und wenn er es gefühlt hat, was muß sie dann gelitten haben, die
arme, stumme Seele, die kleine! Da er doch fühlte, daß er nicht schuld
war und nicht ändern konnte, nicht helfen!

Damals habe ich erfahren, daß die Seelen der Menschen einander ansehen
können, ohne daß sie die Augen, mit einander sprechen können, ohne daß
sie den Mund brauchen; habe erfahren, daß der Mensch für den
Nebenmenschen ein Kraut ist, an dem er sich das Leben essen kann --
oder den Tod.

Ja, es gibt solche Seelen, in deren Nähe wir aufblühen; und was man die
großen Menschen nennt, sind eben solche, an deren Seele tausende
aufblühen, während an dem gewöhnlichen Menschen nur eine oder ein paar.
Und es giebt dagegen Seelen, von denen der eisige Frost zu uns
herüberweht, so daß wir an ihnen verkommen und verwelken. Und so ist es
damals gewesen, daß der kleine Junge verwelkt ist an der Seele seines
Bruders, neben der er herging wie ein armer, kleiner Bettler, weil er
sie brauchte, und die der Andere vor ihm zuschloß wie ein hartherziger
Schuft!

Ich habe das Leben kennen gelernt seitdem und Dinge verstehen gelernt,
die ich damals nicht verstand. Ich habe es mir wiederholt, tausend und
tausendmal, daß er krank war, der Kleine, und gestorben sein würde so
wie so. Aber in der schlaflosen Nacht, in der schrecklich
geheimnißvollen Stunde, wo uns die Dinge gegenüber treten, so, wie sie
sind, wo kein Tageslärm die Stimme des Gewissens übertönt, und kein
Sonnenlicht das Nachtgesicht der Reue verdunkelt, da ist das Bewußtsein
über mich hergefallen und hat zu mir gesprochen: »Es ist nicht wahr,
was Du Dir einredest. Er ist verwelkt und verkommen an Deinem bösen,
finstern, harten Herzen, Dein kleiner Bruder, Dein armer, weicher,
kleiner Bruder!« Und daß er mir das später ins Gesicht gesagt hat, der
Mann -- er -- der Eishacker -- so wie er mir Alles sagte, ins Gesicht
hinein, ohne alle Rücksicht, das hat einen Riß zwischen uns gemacht,
über den ich nicht wieder hinweg gekommen bin, hat mir mein Leben
vergiftet; denn das Leben eines Menschen ist vergiftet, der in
Feindschaft seines Vaters gedenkt.

Als nun die Eltern merkten, daß der Kleine immer blässer wurde und
immer elender, da natürlich schlossen sie ihn immer zärtlicher in ihr
Herz. Und weil sie anfingen, sich um ihn zu sorgen, so forschten sie
nach, woher es kommen möchte, daß es so bergab mit ihm ging. Aber
zunächst bekamen sie es nicht heraus, denn der kleine Junge sagte
nichts. Allen Gram, den ihm der Bruder bereitete, verschloß er in
seinem stummen Herzen, und davon wurde das kranke, kleine Herz
natürlich noch kränker. Er wollte den Bruder nicht verrathen. Immer,
wenn der Vater so hart zu dem Anderen sprach, dann sah man, wie der
Kleine darunter litt, weil er doch den Bruder so lieb hatte. Dann
zuckte es ihm durch den ganzen kleinen Körper, und sein Gesicht wurde
ganz lang und sah gar nicht mehr wie ein Kindergesicht aus, sondern wie
das eines alten Menschen. Und das war jedesmal ein so jämmerlicher
Anblick, daß die Mutter es gar nicht mehr mit ansehen konnte; und darum
kam es vor, wenn der Vater so heftig, beinahe wüthend gegen den Anderen
losfuhr, daß sie aufstand und sagte: »Aber Graumann« -- denn das war
merkwürdig, daß sie ihn nie beim Vornamen nannte --, »aber Graumann,
denk doch an Hänschen! Sieh doch Hänschen an!« Und dann brach der Vater
in seinem Strafgericht ab und nahm Hänschen unters Kinn und streichelte
ihn und ging hinaus. Aber dem Anderen gönnte er darum doch kein gutes
Wort, so daß alsdann die Mutter aufstand und den Kopf des Anderen in
ihre Arme nahm und ihn küßte. Und dabei weinte sie -- weinte, -- denn
sie fühlte, was sich da anspann zwischen Vater und Kind; daß das etwas
Böses, etwas Schreckliches war. Und von da an wurde auch die Mutter
immer stiller und immer trauriger.

Eines Tages aber, als der Kleine mit der Mutter allein war, muß ihm
doch das Herz übergegangen sein, und er muß der Mutter erzählt haben,
wie es zwischen ihm und dem Bruder stand. Und ob der Vater wieder dazu
gekommen ist -- ich weiß es nicht -- aber soviel ist sicher, er hatte
es auch erfahren. Und sobald er es erfahren hatte, muß ihm gleich die
Wuth zu Kopfe gestiegen sein, denn mit einer Stimme, daß das ganze Haus
erdröhnte, rief er den Anderen herein. Und wie der nun vor ihm stand
und ihn nicht ansah, weil er ihn nicht mehr ansehen konnte, sondern den
Kopf zur Erde senkte, da muß er sich jedenfalls gedacht haben, daß es
ein böser, schlechter, verstockter Bube sei, mit dem man nicht anders
sprechen dürfe, als mit äußerster Strenge. Und vielleicht, wenn er in
dem Augenblicke sanft und freundlich zu ihm gesprochen und ihm
vorgestellt hätte, wie unrecht das war, was er an dem kleinen Bruder
that, vielleicht, daß dann Alles geschmolzen wäre, was sich in der
verrauchten Seele zu verhärten angefangen hatte, daß Alles noch gut
geworden wäre; aber statt dessen ging es gleich in einem Tone los, als
wäre jedes Wort ein Peitschenhieb gewesen, der den Jungen zusammenhauen
sollte. »Und jetzt auf der Stelle gehst Du mit Deinem kleinen Bruder!
Und gehst ordentlich, langsam mit ihm spazieren! Und wenn Ihr nachher
nach Hause kommt, erkundige ich mich. Und wenn Du's anders gemacht
hast, sprechen wir uns anders!«

Und damit wies er uns hinaus. Und ich mußte den Schnudri an der Hand
nehmen, und die kleine, magere Hand zitterte in der meinigen. Sie
zitterte! Die Hand des Brüderchens zitterte in des Bruders Hand! Und
der Bruder fühlte es, er sah die eingefallenen Wangen und die Augen
darüber, mit dem hohlen Blick. Und in seinem Herzen war keine
Mahnerstimme, die ihn warnte, vorsichtig zu sein mit dem gebrechlichen,
kleinen Geschöpf, in seiner Seele kein Mitleid, kein Erbarmen, sondern
nur Gefühl für das eigene Leid und die eigene Beschimpfung und die
eigene Kränkung. Und jetzt hatte er es ja vor Augen, daß es der kleine
Bruder gewesen war, der ihm das eingerührt hatte. Darum gewann der
Teufel Macht über ihn, und in seiner verwilderten Seele stieg ein
scheußlicher Gedanke auf: Rache! Er nahm den kleinen Wagen mit, den sie
brauchten, wenn sie »Post und Reise« spielten, und sprach kein Wort,
und der Kleine ging lautlos neben ihm her. Als sie ins Feld hinaus
gekommen waren, sagte er: »Wir wollen Post und Reise spielen, setz'
Dich ein«. Und obwohl man dem Kleinen ansah, daß er sich fürchtete,
wirklich fürchtete, that er doch ganz gehorsam, was ihm der Andere
befohlen hatte, und setzte sich still in das Wägelchen. Nur mit den
Händen hielt er sich fest an den Seiten des Wagens, beinahe krampfhaft.
Aber das hatte der Andere wohl bemerkt, die Canaille, und er dachte bei
sich: »Das soll Dir doch nichts helfen«. Darauf nahm er die Deichsel
des Wagens in die Hände und fing an zu laufen und den Wagen hinter sich
her zu ziehen, immer schneller, immer toller, immer wilder. Und wie das
so über Stock und Stein ging und gar nicht den gewohnten Weg, da fing
der Kleine an zu merken, daß das gar kein Spiel mehr war wie früher,
sondern ganz etwas Anderes; er fing an zu weinen und dann zu schreien,
ganz laut, ganz kläglich. Aber der Andere that, als hörte er es nicht,
und plötzlich an einer Stelle, wo der Kleine es sich nicht versah, mit
einem Krach warf er den Wagen um, so daß der kleine Kerl hinausflog und
mit Kopf und Gesicht auf die Erde schlug. Und so, mit dem Gesicht an
der Erde, blieb er liegen, eine lange Zeit, eine merkwürdig lange Zeit,
daß es fast unheimlich wurde. Und als er sich dann endlich aufrichtete,
da hatte er eine dicke Beule an der Stirn. Denn an der Stelle, wo der
Andere ihn umgeworfen hatte, lagen Steine, und auf einen davon war er
mit der Stirn aufgeschlagen.

Als der Andere das sah, bekam er einen Schreck, und so niederträchtig
er auch schon geworden war, so that ihm das Brüderchen in dem
Augenblick doch leid. Darum wollte er ihm die Erde vom Gesicht
abwischen und ihm gut zureden.

Aber inzwischen hatte sich der Kleine aufgesetzt und die Arme um die
Beine geschlungen und den Kopf auf die Kniee gesenkt und schluchzte vor
sich hin. Und wie der Bruder herantrat und ihn trösten wollte,
schüttelte er den Kopf, als sollte er nicht kommen, sollte nicht
kommen. Und wenn er in dem Augenblick aufgestanden wäre und dem Anderen
eine Strafpredigt gehalten hätte wegen seiner Schändlichkeit, so wäre
es nicht halb so schrecklich gewesen wie der kleine, stumme Kopf, der
immer hin und her ging, hin und her, so traurig, als wären die Gedanken
darin so trostlos gewesen, daß kein Mund sie aussprechen konnte. Darum
blieb der Andere stehen, wo er stand, und getraute sich kein Wort zu
sagen und wartete, bis daß der Kleine von selbst aufstand und anfing,
nach Hause zu gehen. Und auf dem Nachhauseweg gingen sie neben einander
her; der Kleine faßte nicht nach der Hand des Bruders, sah nicht zu ihm
auf, und der Andere sah nicht zu ihm hin, und das Schweigen, das
zwischen den Brüdern war, redete eine Sprache -- eine Sprache --

Zu Hause natürlich wurde die Beule sogleich entdeckt, und es kam auch
heraus, wie er zu der Beule gekommen war, und es dauerte nicht lange,
so wußte auch der Vater, was geschehen war.

Und da zeigte es sich, wie das ist, wenn ein Mensch seine Leidenschaft
immer hinunterschluckt, und die Leidenschaft eines Tages sich nicht
mehr halten läßt, sondern herausbricht. Denn für gewöhnlich hatte er so
kalte Augen und Züge wie von Stein. Aber an dem Tage, als er gehört
hatte, was geschehen war, wurden die Augen -- ganz gräßlich wurden sie,
-- die Glieder flogen ihm am Leibe, und wenn nicht in dem Augenblicke
die Mutter dazwischen gefahren wäre -- mit einem Schrei kam sie
zwischen beide -- so glaube ich, er hätte den Jungen am Halse genommen
und erwürgt. Weil aber die Mutter dazwischen kam, blieb er stehen und
wollte etwas sagen. Denn zuerst konnte er nicht sprechen, so furchtbar
war die Aufregung in ihm und die Wuth. Und endlich sagte er: »Solch ein
niederträchtiger Lümmel!« Und als der Junge das hörte und den Vater vor
sich stehen sah und fühlte, wie der Vater ihn haßte, da kam etwas über
ihn, -- als wenn er verrückt geworden wäre in dem Augenblick -- als
wenn ein wildes Thier in seinem Leibe gesessen hätte und plötzlich
heraus kam. Da vergaß er, daß der Mann ihm gegenüber sein Vater war,
daß der Mann ein starker, erwachsener Mann war, der ihn mit einem
Streich in Grund und Boden hätte schmettern können. Er hob beide Fäuste
auf und ballte sie und stieß damit in die Luft nach dem Vater hin und
schrie, -- so laut er konnte, schrie er: »An dem Allen bist Du schuld!
Du! Du! Ich habe eine Menge mit dem Schnudri gespielt. Und die Spiele
haben ihm immer sehr gut gefallen. Und dann hast Du uns alle Spiele zu
nichte gemacht. Und aus unserem Laden hast Du die Mandeln und Rosinen
genommen. Und hast gesagt, ich wäre ein großer Bengel. Und hast sie an
den Schnudri gegeben. Und was ich dem Schnudri erzählt habe von dem
Einhorn in dem großen Walde, das wäre alles Unsinn, hast Du gesagt. Und
darum kann ich ihm nichts mehr erzählen. Und weiß nicht mehr, was ich
mit ihm spielen soll. Und daß das Alles so gekommen ist --«

In dem Augenblick aber stürzte sich die Mutter auf den Jungen. Wie eine
Verzweifelte stürzte sie sich auf ihn und hielt ihm die Hände, beide
weiche Hände, vor den Mund, -- ja -- es sind sechzig Jahre her, -- und
noch jetzt fühle ich, wie weich die Hände waren, die sie dem Jungen vor
den Mund drückte. Und als der Junge die Hände an seinem Gesicht fühlte,
fing er an zu weinen, zu heulen. Denn er fühlte, was er an dem kleinen
Bruder gethan hatte, und fühlte, wie gräßlich das Alles war, daß er so
sprach und schrie, und konnte sich doch nicht helfen, nicht helfen. Und
als er so zu heulen anfing, drückte die Mutter seinen Kopf an sich,
fest, als wenn sie ihn ersticken wollte mit seinem Weinen. Und ihren
Shawl -- denn es fror sie damals schon immer so, und darum trug sie
auch in der Stube immer einen Shawl -- ihren Shawl, den wickelte sie
förmlich um dem Jungen seinen Kopf, als wenn sie ihn verstecken wollte.
Vielleicht, weil es ihr graute, ihn anzusehen, vielleicht auch, weil
sie ihn schützen wollte. Und zu dem Allen sprach sie kein Wort. Nur das
Keuchen konnte ich hören, mit dem ihre Brust ging, als sie mich an sich
drückte, so fest, so fest, so fest. Dann riß sie ihn fort, aus dem
Zimmer hinaus. Als sie mit ihm auf den Flur gekommen war, ließ sie ihn
los. Aber es war nicht, als wenn sie ihn freiwillig losließe, sondern
die Arme fielen ihr herab, wie von selbst. Und auf dem Flur stand eine
Bank. Auf die setzte sie sich. Aber es sah wieder nicht so aus, als ob
sie sich freiwillig setzte, sondern als ob sie darauf niederfiele. Ihr
Kopf fiel hinten über an die Wand. Sie machte beide Augen zu, ihr
Gesicht wurde so blaß, als wenn gar kein Blut mehr darin gewesen wäre,
und der Mund ging ihr halb auf, so daß sie aussah wie eine Todte. Als
der Junge, der vor ihr stand und immer auf sie hinblickte, das sah,
wollte er wieder anfangen zu schreien und zu heulen. Aber da that sie
die Augen auf, riß sie auf, und die Augen waren so verstört, so
verstört. Und wollte etwas sagen, konnte aber nicht sprechen, sondern
winkte ihn heran. Und da kniete der Junge vor ihr nieder, zwischen
ihren Knieen, und umfaßte ihre Kniee mit seinen beiden Armen. Und sie
beugte sich auf seinen Kopf, legte die Hände auf seinen Kopf, faltete
die Hände auf seinem Kopf. Auf die gefalteten Hände drückte sie das
Gesicht. Und dann kam ihr das Weinen. Und so furchtbar weinte sie, so
furchtbar, daß ihr ganzer Leib sich schüttelte und zuckte. Und während
sie so weinte, sprach sie immer vor sich hin, sie murmelte nur, so daß
der Junge nicht verstehen konnte, was sie sagte. Aber es klang, als
wenn sie betete. Und sicherlich war es auch so; sicherlich hat sie in
dem Augenblick gebetet für die Seele ihres Kindes, für die arme,
verlorene Seele. Sicherlich hat sie vorausgesehen in dem Augenblick in
die weite, weite Zukunft, in die Zeit, wo sie nicht mehr da sein würde,
um ihm zu helfen, um die Einzige zu sein, die ihn noch liebte, und hat
geahnt, was für eine Zeit das für ihn sein würde, was für ein Leben!
Was für ein Leben!

Nachdem sie alsdann zu weinen aufgehört hatte, that sie die Hände vom
Kopfe des Jungen und legte sie um sein Gesicht und zog seinen Kopf zu
sich herauf, so daß sie ihm ins Ohr sprechen konnte, und dann sagte
sie: »Weißt Du denn nicht mehr, was ich Dir gesagt habe? Daß Kindern,
die nach ihren Eltern schlagen, die Hände aus dem Grabe wachsen? Wie
konntest Du denn nur die Fäuste gegen den Papa erheben? Warum bist Du
denn jetzt so? So häßlich und böse gegen Deinen kleinen Bruder? Siehst
Du denn nicht, wie er sich grämt? Weil er Dich doch so lieb hat!
Hänschen ist doch so schwach; also solltest Du doch doppelt gut zu ihm
sein. Und statt dessen wirfst Du ihn mit dem Wagen um, so daß er sich
Beulen an den Kopf schlägt. Weißt Du denn nicht, daß Du Deiner Mutter
das Herz brichst, wenn Du so bist? Willst Du denn das? Hast Du denn
Deine Mutter gar nicht ein bißchen lieb?«

Und indem sie so sprach, hielt sie den Kopf ihres Jungen an ihre weiche
Brust gedrückt, ein so milder Hauch ging von ihr aus, von ihrem Kleide,
ihrem Munde, ihrem ganzen Wesen, beinahe, wie ein Duft von Blumen, und
doch noch anders, noch lieblicher, und indem der Junge die holde Luft
athmete und ihre sanften, traurigen Worte hörte und daran dachte, wie
er sie da eben hatte sitzen sehen, so blaß, beinahe als wenn sie todt
gewesen wäre, und eine Ahnung ihm kam, daß das Alles, was er da umfaßt
hielt, die Güte, die Liebe, die Mutter, daß ihm das Alles einmal
verloren gehen könnte und er dann nichts mehr haben würde, nichts, da
kam ihm die Reue, der Kummer, der Jammer, und all' der Neid, der sein
Herz verbittert hatte, all' die Verstocktheit, die seine Seele
verhärtet hatte, all' das Böse, Schlechte, Niederträchtige wurde noch
einmal weich, und er wurde noch einmal wieder gut; denn von Haus aus
war er nicht schlecht, war es nicht, -- nur Fußtritte konnte er nicht
vertragen. Darum, statt daß er vorhin geheult hatte, fing er jetzt an,
bitterlich zu weinen, und küßte die Mutter ins Gesicht, immer wieder
und noch einmal.

Und weil sie eine so feine Seele war, eine so kluge, eine, wie ich
gesagt habe, daß die Menschen daran aufblühen und warm und lebendig
werden, so mochte sie wohl fühlen, daß es jetzt nicht gut gewesen wäre,
wenn sie dem Jungen noch mehr zusetzte, sondern daß es am besten war,
wie es jetzt war. Darum streichelte sie ihm das Haar und küßte ihn und
sagte nur: »Und morgen, nicht wahr, gehst Du wieder wie früher mit
Hänschen? Und spielst mit ihm? Und bist gut zu ihm? Bist wieder mein
lieber Junge?«

Und darauf nickte der Junge, -- Alles wollte er thun, Alles.

Und alsdann ging sie in die Stube zurück und kam dann wieder heraus und
führte den Kleinen an der Hand mit sich. Dem Kleinen hatten sie
inzwischen, der Beule wegen, den Kopf verbunden; und wie das kleine
Gesicht unter dem weißen Verbande beinahe verschwand, sah das so
jämmerlich aus, so jämmerlich, daß der Andere wieder zu weinen anfing.
Aber da sagte die Mutter: »Hör' nur jetzt auf zu weinen; morgen ist
Hänschens Kopf wieder heil, und dann ist Alles wieder gut. Nicht wahr,
Hänschen?« Darauf hing sich der Kleine an ihr Kleid und sah zu der
Mutter auf und dann auf den Bruder und dann wieder auf die Mutter und
sagte: »Post und Reise will ich nicht wieder spielen.« Und die Mutter
drückte ihn an sich, ganz vorsichtig, daß sie ihm nicht wehe that, und
sagte: »Nein, nein, er wird etwas Anderes mit Dir spielen. Ihr habt ja
noch eine Menge anderer Spiele. Aber jetzt gebt Euch die Hände, gebt
Euch die Hände.«

Aber da sah es so aus, als wenn der Kleine sich fürchtete, und es
zuckte ihm durch den Leib, wie es immer geschah, wenn der Vater zu ihm
sprach, vor dem er sich auch immer fürchtete. Darum nahm die Mutter
seine kleine Hand in ihre Hand und winkte den Bruder heran und sagte:
»Komm her und gib Hänschen die Hand und sag ihm, Du wirst ihm nie
wieder weh thun.« Und unter Stocken und Schluchzen nahm der die Hand
des Brüderchens und sprach nach, wie die Mutter ihn geheißen.

Alsdann so setzte sie sich auf die Bank, auf der sie vorhin gesessen
hatte; den Schnudri nahm sie auf ihren Schoß, und den Anderen winkte
sie heran, daß er sich zu ihr setzen sollte, an ihre andere Seite. Mit
dem rechten Arme hielt sie den Kleinen an sich, den linken hatte sie um
den Anderen geschlungen, und so saßen die Dreie, und keines sprach ein
Wort, so daß eine tiefe Stille entstand. Und weil es schon Nachmittag
gewesen war, als das Alles geschah, und im Flur noch kein Licht
angezündet war, so wurde es immer dunkler. Und wie die Mutter so
zwischen den beiden Brüdern, ihren Kindern saß, mit dem Kopfe
zurückgelehnt an die Wand, immer vor sich hin denkend -- wer weiß, was
sie da Alles gedacht haben mag --, da schimmerte ihr Gesicht durch das
Dunkel ganz weiß, fast schneeweiß, so daß es dem Jungen, indem er zu
ihr aufblickte so erschien, als säße da ein Engel zwischen ihnen, wie
er sich immer vorgestellt hatte, daß die Engel aussehen müßten,
schneeweiß von Kopf zu Füßen und im ganzen Gesicht. Und endlich, nach
einer langen Zeit seufzte sie auf, und das klang, als wenn sie fort
gewesen wäre, weit fort, und nun zurück käme. Dann richtete sie den
Kopf von der Wand auf, legte die rechte Hand auf den Kopf des Kleinen,
die linke auf des Anderen Haupt und drückte sie zueinander, daß ihre
Stirnen sich berührten, ganz leise, damit es dem Kleinen nicht weh'
that, und auf die beiden Köpfe drückte sie die Lippen, so daß sie beide
zugleich berührte, und dann sprach sie, mit einer Stimme, die ganz
anders klang als gewöhnlich, so wunderbar, so tief: »Meine Kinder,
meine Kinder, denkt daran, was der Herr Christus gesagt hat, der so gut
war und ohne Neid -- Menschen müssen nicht neidisch sein auf einander,
alle Menschen müssen sich lieben. Aber Geschwister noch mehr als alle
Anderen, die müssen sich noch mehr lieben. Und wenn Geschwister sich
nicht lieb haben, kommen sie in die Hölle.«

So sagte sie. Und der Ton, mit dem sie das sagte, der war so wunderbar,
so feierlich, daß mir in dem Augenblick war, als spräche Gott selber
vom Himmel herab, so daß ich das Wort nie wieder vergessen konnte,
sondern es behalten habe, sechzig Jahre lang, ein Leben lang. Und in
den sechzig Jahren habe ich erfahren, daß es die Wahrheit gewesen ist,
was sie damals sprach, die Wahrheit! die Wahrheit!

Von da an gingen die beiden Brüder wieder mit einander spazieren, neben
einander und Hand in Hand, so daß es aussah wie früher. Aber es war
doch nicht mehr, wie es früher gewesen war. Denn obgleich Keiner es dem
Anderen sagte, so war es doch so: sie fürchteten sich vor einander. Der
Kleine -- das merkte man ihm an und daran konnte man sehen, was für
eine feine Seele in dem Kinde war -- der Kleine zwar wollte den Anderen
vergessen machen, was geschehen war, und hing sich an seine Hand und
bemühte sich beinahe, Unterhaltung zu machen, wenn er den Bruder so
stumm vor sich hingehen sah. Aber wenn der Andere eine plötzliche
Bewegung machte oder ein heftiges Wort sprach, dann zuckte er
unwillkürlich zusammen, durch den ganzen Leib, wie er es früher nie
gethan hatte. Und das Alles sah der Andere, und er merkte daran, daß
der Kleine sich zwang, und daß im Grunde seiner Seele das Mißtrauen
saß. Und darum war es ihm, als ginge in dem kleinen Bruder sein böses
Gewissen neben ihm her, und er getraute sich nicht mehr, die Spiele mit
ihm zu spielen, die sie früher gespielt hatten, weil er immer dachte,
daß das Brüderchen sich vor ihm fürchten würde. Und an das Erzählen,
wie früher in der Cajüte, dachte er schon gar nicht mehr; denn auf
seiner Seele lag es jetzt immer wie eine Centnerlast, wie ein Alb.

Und trotz alledem -- wenn damals -- denn die Seele eines Menschen, in
der es so hergegangen ist, die ist ja wie ein umgestürzter Acker, wo es
nur darauf ankommt, was hineingesät wird -- wenn damals ein Säemann
gekommen wäre, ein kluger, wahrhaft kluger, herzenskluger, und die Saat
gestreut hätte, aus der das Heil für die Menschen aufgeht, einzig und
allein, Vergebung, Vergebung, Vergebung, statt des tauben, todten
Zeugs, was so schöne Schulmeister-Namen hat, Zucht und Ordnung,
heilsame Strenge, und wie es heißt -- es hätte damals -- auch damals
noch, Alles -- aber --

Und die Gelegenheit war eigentlich so günstig.

Denn dieses Alles, was ich da gesagt habe, hatte sich im Winter
zugetragen, nicht allzu lange vor Weihnachten. Und jetzt rückte die
Weihnachtszeit heran. Weihnachten aber, das ist eine so wunderbare
Zeit. Da werden die Menschen ein paar Tage lang besser. Kinder, die
krank gewesen sind, werden gesund, und Kinder, die nicht mehr kindlich
gefühlt haben, lernen wieder fühlen, daß sie schließlich doch Alles nur
durch die Eltern haben. Denn in der Zeit werden ihnen die Eltern
heilig, weil sie mit dem Weihnachtsmann sich unterhalten, der doch
eigentlich Niemand anders ist als der liebe Gott.

Und so, als der heilige Abend heranrückte, ging es auch den beiden
Kindern, den verstörten. Die Erwartung und die Freude ging in ihren
Herzen auf, wie ein Licht; erst nur leise, dann aber immer heller,
zuletzt wie ein brennender Lichterbaum, der da drinnen angezündet war,
lange vor dem wirklichen. Und vor dem Freudenlichte ging aller
Schatten, alles Dunkle aus ihren Seelen, das da hinein gekommen war,
und es war, als ob sie sich in dem hellen Lichte wieder fänden, daß der
Aeltere den Schnudri wieder erkannte, und der Schnudri den Anderen.

Statt hinauszulaufen ins Feld, gingen sie jetzt durch die Straßen der
Stadt spazieren. In den Straßen war es ja jetzt viel schöner, als da
draußen. Da waren die vielen Läden mit den herrlich erleuchteten
Schaufenstern, und in den Schaufenstern all' die wundervollen Sachen.
Namentlich die Spielwaarenläden. Vor denen blieben die Beiden schier
stundenlang stehen, und Einer machte den Anderen auf die einzelnen
Herrlichkeiten aufmerksam. Und in ihren Köpfen machten sie sich
förmlich ein Verzeichniß, so daß sie am nächsten Tage immer genau
wußten, was alles neu hinzu gekommen war.

Da kam auch dem Aelteren die Lust wieder, sich Geschichten auszudenken
und sie dem kleinen Bruder zu erzählen. Wenn sie eine Eisenbahn im
Schaufenster stehen sahen, setzte er sich mit dem Schnudri im Geiste
hinein, und dann fuhren sie, fuhren immer durch ungeheuer lange
Tunnels, wo es pechrabenschwarze Nacht drin war, so daß den Kleinen das
Gruseln ankam und er sich an dem Bruder drückte. Oder durch alle
Hauptstädte der Welt. Und wenn sie nach Paris kamen, fuhren sie gleich
bei einem »ganz berühmten« Hotel vor, wo sie sich ein Mittagessen von
mindestens zwanzig Gerichten auftischen ließen. Und wenn sie alsdann
nach Haus gingen, sagte der Schnudri: »Jetzt sieh nur, was ich für
einen dicken Bauch gekriegt habe; so colossal haben wir in Paris in dem
berühmten Hotel zu Mittag gegessen.« Dabei zeigte er auf seinen Leib,
und der kleine Leib war so mager, so mager -- denn obschon der Kleine
jetzt wieder ganz vergnügt geworden war, wollte es doch körperlich gar
nicht wieder mit ihm werden, aber auch gar nicht.

Und eines Tages, als sie wieder an die Spielwaarenläden kamen und vor
das Schaufenster traten, thaten beide zu gleicher Zeit einen Schrei, ja
geradezu einen Schrei, obschon sie sich gleich darauf Mühe gaben, ihre
Aufregung zu unterdrücken; so ungeheuer war die Wirkung von dem
gewesen, was sie da im Schaufenster angekommen sahen: das war nämlich
eine Kürassieruniform, Küraß, Helm und Säbel, und sogar noch eine
Trompete dazu. Wie das so vor ihnen hing und flimmerte und blitzte, da
wurden beide ganz lautlos und standen, und standen, und endlich, wie
betäubt, gingen sie nach Haus.

Zu Hause aber -- wie das die Art des Kleinen war -- lief der Kleine
gleich wieder mit ausgebreiteten Armen auf die Mutter zu: »Mama! --
Mama!« -- Und dann kletterte er ihr auf den Schoß und erzählte ihr ins
Ohr, was sie da gesehen hatten von der Kürassieruniform. Und dabei
zitterte er vor Aufregung am ganzen Leibe, so daß die Mutter ihn wieder
an sich drücken mußte und »rege Dich nicht so auf, Hänschen,« sagte, --
»rege Dich nicht so auf.«

Am nächsten Nachmittage aber gingen die Eltern zusammen in die Stadt.
Und da zog der Kleine den Anderen in die Ecke der Stube und flüsterte
ihm zu: »Paß auf, was ich Dir sage, sie gehen und kaufen den
Kürassiergeneral!« Denn daß die Uniform nur für einen General sein
könnte, das stand für den Kleinen fest.

Und von dem Augenblick an wurde die Kürassieruniform geradezu der
einzige Gedanke in den Köpfen der Beiden, so daß sie sogar des Nachts
davon träumten. Der Aeltere aber faßte den Plan zu einem großartigen
Spiele, und als er es dem Schnudri erzählte, wurde der ganz Feuer und
Flamme.

Mit einigen von ihren Schulkameraden -- natürlich sollten das nur ihre
besten Freunde sein, und sie wurden auch gleich namentlich alle
festgestellt -- wollten sie sich am ersten oder zweiten Feiertag, je
nachdem das Wetter sein würde, zusammenthun zu einem Spiel »Pascher und
Grenzsoldat«. Sobald der Kleine das gehört hatte, fing er vor Entzücken
an, auf einem Beine herumzutanzen. »Famos! Und Du bist der General von
den Grenzsoldaten.«

Das hatte sich der Andere im Stillen auch schon so gedacht; denn die
Kürassieruniform war ja, wie es schien, nur einmal vorhanden, also
konnte nur Einer von ihnen beiden sie bekommen. Aber der Schnudri war
doch eigentlich zu schwach dafür und zu klein, während er sich im
Geiste schon sah, wie er mit geschwungenem Säbel durchs Feld galoppirte
und seine Soldaten gegen die Pascher anführte. Und dem Schnudri
leuchtete das auch gleich so ein, daß ihm gar kein anderer Gedanke kam,
zumal doch der Andere es wieder gewesen war, von dem der Gedanke zu dem
famosen Spiele ausging. Darum war das Einzige, was er sagte, nur, daß
er fragte: »Bei welcher Partei soll ich denn aber sein? Pascher oder
Grenzsoldat?« Worauf der Andere erwiderte: »Natürlich bist Du auch
Grenzsoldat, und ich gebe Dir die Trompete, und dann bist Du der
Trompeter von den Grenzsoldaten und galoppirst immer neben dem
General.« Und wie der Kleine das hörte, wurde er ganz taumelig vor
Freude, und galoppirte durch das Zimmer, legte die hohle Hand an den
Mund und machte »tütü! tütü!«, als wäre es schon die Trompete. Und
obschon die Trompete doch eigentlich nur etwas Jämmerliches war im
Vergleich zu der ganzen herrlichen Kürassieruniform, die der Andere
bekommen sollte, war der kleine Junge doch ganz zufrieden damit, und es
schien ihm bloß ganz natürlich, daß der Andere die ganze Herrlichkeit
bekam, und es war kein Hintergedanke in ihm, keine Bitterkeit, sondern
in dem kleinen Leibe war ein Gemüth größer, als das manches
Erwachsenen, in dem armen, kranken Körper eine Seele, so schön, so
gesund, so rein, und ohne die Krankheit, an der die Menschen kranken,
ohne Neid. Ohne Neid! Ohne Neid!

Und so rückte nun der heilige Abend immer näher, und es waren bis zu
ihm nur noch wenige Tage, und täglich standen die Beiden vor dem
Kalender und zählten, wie viel Tage noch dazwischen waren. Und der
Aeltere sagte zu dem Schnudri: »Siehst Du,« sagte er, »das sind jetzt
die kürzesten Tage vom ganzen Jahr. Weißt Du, warum sie so kurz sind?
Weil sie wissen, daß sie eigentlich ganz überflüssig sind und dem
heiligen Abend bloß den Weg vertreten. Darum machen sie, daß sie so
schnell aus der Welt kommen als nur möglich.« Und wie der Schnudri an
den Späßen des Anderen immer ein großes Vergnügen empfand, so auch an
diesem. Darum lief er schnurstracks wieder zu der Mutter und wollte
sich ausschütten vor Lachen: »Mama, jetzt gib mal Acht, weißt Du, wer
ich bin? Einer von den kürzesten Tagen. Siehst Du, die sind so kurz --
>guten Morgen< sagen sie und dann gleich darauf >gute Nacht.<« Und
damit machte er der Mutter eine Verbeugung und gleich darauf noch eine
und lief davon. Aber es war merkwürdig -- die Mutter, die sonst immer
so froh dreinschaute, wenn sie ihr Kerlchen vergnügt sah, blieb heute
ganz ernst, beinah traurig. Ja, es sah beinah so aus, als ob sie
verweinte Augen hätte, so daß ich immer bei mir denken mußte, sie hätte
da still in ihrem Zimmer über ihrer Arbeit gesessen und vor sich hin
geweint. Worüber denn nur? Und dann fiel es mir ein, daß heute Morgen,
bevor der Vater auf das Gericht ging, da hatte ich Vater und Mutter so
laut mit einander sprechen hören, beinah heftig, als wenn sie sich
zankten. Als die Thür aufging, und der Vater heraustrat, hatte ich noch
die letzten Worte der Mutter gehört: »Doch nur jetzt nicht! Nur jetzt
nicht!« Aber der Vater hatte sich nicht mehr umgesehen, sondern mit dem
Hut auf dem Kopf war er davon gegangen, zum Hause hinaus, den Kopf so
gesenkt und die Augen in die Erde gebohrt, was immer ein Zeichen war,
daß irgend etwas wieder »abgeschmackt« in der Welt war, daß es in dem
Bergwerke da drinnen brannte, brannte, brannte. Und ich weiß nicht --
aber von dem Augenblick an legte es sich dem Jungen auf das Herz -- wie
ein Vorgefühl, eine Ahnung, wie etwas Schweres, das ihm das Herz
erdrückte, so daß er sich gar nicht mehr freuen konnte, wie er sich
bisher gefreut hatte.

Dann endlich, wie nun der Tag gekommen, an dem Abends beschert werden
sollte, weil da die Kinder in das Zimmer nicht hineindurften, wo
aufgebaut wurde, drückten sich die Beiden im Hause herum; der Kleine
immer am Schlüsselloch, um in die Weihnachtsstube hineinzugucken, der
Andere aber still in irgend einer Ecke. Darauf, als die Mutter aus dem
Zimmer heraustrat, und als sie merkte, daß der Schnudri durch das
Schlüsselloch geguckt hatte, drohte sie ihm mit dem Finger und
lächelte. Aber es war ein so schwaches Lächeln, gar kein recht
freudiges, sondern als ob traurige Gedanken dahinter ständen. Und wie
sie den Anderen so dahinten stehen sah, in der Ecke, blieb sie stehen,
als überlegte sie etwas, und dann ging sie hin zu ihm, legte den Arm um
ihn und ging mit ihm hinaus, in ein anderes Zimmer, wo sie mit ihm
allein war. Da ging sie mit ihm auf und ab, sagte erst gar nichts, und
endlich fing sie an, und man hörte, wie schwer es ihr wurde.

»Heut ist nun Weihnachten,« sagte sie, »und das, was ich Euch neulich
gesagt habe, als ich mit Euch auf der Bank saß, nicht wahr, das hast Du
behalten? Daran wirst Du denken? Nicht wahr? Und mein lieber Junge
sein? Daß Menschen nicht neidisch sein sollen auf einander? Und
Hänschen ist noch so schwach; ein krankes kleines Kind. Und so einem
armen kranken Kinde dem thut man doch gern etwas besonders Gutes an.
Und das begreifen die Anderen. Nicht wahr?« Dann schwieg sie. Und es
war, als wenn sie eigentlich noch mehr hätte sagen wollen, als ob sie
aber nicht recht gewußt hätte, ob sie es sagen sollte. Beinah als wenn
sie sich davor fürchtete. Und weil der Junge auch nicht wußte, was er
erwidern sollte, so gingen sie noch eine Weile stumm mit einander auf
und ab. Und dann blieb sie stehen, nahm seinen Kopf zwischen beide
Hände und küßte ihn auf den Kopf. Ganz schwer drückte sie die Lippen
darauf, und es war ein so langer, langer Kuß -- beinah, wie wenn man
Jemand küßt, den man vor einer schweren Gefahr weiß, oder von dem man
Abschied nimmt. Ja -- wie wenn sie Abschied nähme -- so war es. Denn
während ihm sonst immer zu Muthe war, als küßte ihn das Leben selbst,
wenn die Mutter ihn küßte, ging es heute wie ein kalter Strom von ihren
Lippen durch ihn hin, vom Kopf bis zu den Füßen.

Und nun endlich, als es dunkel geworden war, kam die Mutter und
kleidete die Beiden zur Bescherung an, in ihre Sonntagssachen. Der
Vater war im Zimmer geblieben, und aus dem Zimmer erscholl jetzt eine
Klingel, was so viel heißen wollte als: »Jetzt könnt Ihr kommen.« Und
die Klingel, die tönte so kurz, so grell und gar nicht wie eine
freundliche Einladung, sondern wie ein Befehl. Darauf nahm die Mutter
die Beiden an der Hand, und so mit ihnen ging sie hinein.

Als wir eintraten, war das ganze Zimmer ein Meer von Glanz. Alle
Lichter brannten. Aber vor dem strahlenden Baume stand es wie ein
Schatten; das war der Vater in seinem langen, schwarzen Gehrock. Er war
ja von Natur lang und groß, heute aber sah es aus, als wäre er noch
länger gewesen als gewöhnlich. Die Mutter ließ die Hände ihrer Jungen
los und ging auf die andere Seite des Zimmers hinüber, die Beiden aber
blieben auf der Schwelle, weil sie sahen, daß der Vater zwischen ihnen
und dem Baume stehen blieb. Er wollte ihnen zuvor noch einige Worte
sagen, und das that er denn auch. »Bevor Ihr an Eure Tische tretet,«
sagte er, »wünsche ich, daß Ihr Euch überlegt, was Weihnachten
bedeutet. Weihnachten bedeutet das Ende eines Jahres, und wenn ein Jahr
zu Ende geht, sollte sich ein Jeder Rechenschaft geben, wie er sich im
Laufe des Jahres verhalten hat, ob er Anlaß zur Zufriedenheit gegeben
hat oder zur Unzufriedenheit. Und ob das Erstere oder das Letztere der
Fall gewesen ist, das wird ein Jeder an dem erkennen, was er am
Weihnachtsabend geschenkt bekommt. Und darnach möge dann ein Jeder sich
für das nächste Jahre einrichten und ernste, feste Entschlüsse fassen,
damit, wenn im abgelaufenen Jahre nicht Alles so gewesen ist, wie es
hätte sein sollen, dieses im nächsten Jahre anders und besser wird.«
Und während er beim Beginn seiner Ansprache die Beiden angesehen hatte,
als spräche er zu beiden gemeinsam, richtete er die letzten Worte ganz
ausschließlich an den Aelteren, an den Großen. Und unter seinen Worten
stand der Junge mit gesenktem Haupt; die Worte gingen über ihn hin wie
ein eisiger Strom, und trotz der Wärme, die von dem brennenden Baume
kam, fing er an zu zittern, wie im Frost. Denn hinter all' dem Licht
und dem Glanz stieg ihm die Erinnerung wieder auf an all' die
schrecklichen Dinge, die da gewesen waren, die da untergetaucht waren
unter der Erwartung, der Freude, und die nun wiederkamen, wie etwas,
was immer da sein würde, vor dem es kein Entrinnen gab.

»Und nun kommt heran,« sagte der Vater, und damit trat er auf die Seite.

Im Augenblick aber, als er zur Seite trat und die Aussicht auf den Baum
frei machte, kam ein Jubelschrei, als ob das ganze Zimmer bersten
sollte. Von dem Schnudri kam das her, und es war geradezu merkwürdig,
daß der Kleine so viel Kraft in der Lunge hatte, um solch einen Laut
von sich zu geben. Unter dem Weihnachtsbaume flimmerte, funkelte und
blitzte es; das war der Kürassiergeneral, Küraß, Helm und Säbel; auch
die Trompete fehlte nicht, und das Alles lag auf dem Kleinen seinem
Tische. Solch ein Entzücken nun wie damals an dem kleinen Jungen habe
ich mein ganzes Leben lang bei keinem Menschen gesehen. »Der
Kürassiergeneral,« schrie er, »der Kürassiergeneral!« Dann galoppirte
er rund um die Stube, flog auf den Vater zu und kletterte an dem
hinauf, lief auf die Mutter zu, sprang ihr auf den Schoß und küßte sie,
wie nicht gescheidt. Und von der Mutter zu dem Bruder, den er mit
seiner Umarmung anlief, als wenn er ihn umreißen wollte. Er hatte eben
gar nicht an die Möglichkeit gedacht, daß er die Uniform bekommen
könnte, darum war seine Ueberraschung so ungeheuer groß; der Andere
würde sie bekommen, so hatte er gedacht. Und der Andere hatte sie nicht
bekommen. Auf dessen Tisch lagen ein paar Bücher, die er für die Schule
brauchte; auch eine Reisebeschreibung, eine vernünftige, in der vom
Einhorne nichts stand, dann noch einige nützliche Gegenstände -- und
weiter nichts. Von Spielsachen nichts.

Und vor dem Tische stand er nun, und das weiße Tischtuch, das von den
paar Büchern kaum zugedeckt wurde, sah ihn an wie ein blasses, weißes,
leeres Gesicht, in dem nur eins zu lesen war: Vorwurf, Vorwurf. Er
konnte sich kaum entschließen, eins der Bücher zu berühren. Endlich
that er es doch, weil er den Blick des Vaters auf sich gerichtet sah,
weil er sich fürchtete und sich schämte. Denn die schreckliche Scham
von damals war wieder in ihm; das rauchige Feuer, das Alles dunkel in
ihm machte, dunkel. Und unterdessen sah er, wie der kleine Bruder
schier närrisch vor Freude herumtanzte. Und da kam ihm ein ganz
sonderbares Gefühl, -- als gehörte er gar nicht mehr mit dem kleinen
Bruder zusammen, als wären sie gar nicht Brüder mehr, als wäre der
Kleine das Kind seiner Eltern, er aber nicht mehr, sondern als wäre er
ganz fern von dem Allen hier, ganz wo anders, ganz da draußen, ganz
allein. All' diese Gedanken, all' diese Vorstellungen, das ging ihm
durch den Kopf, als wenn schwarze Flügel ihm um die Ohren schlugen.
Darum fühlte er zunächst kaum einen Kummer, überhaupt nichts
Bestimmtes, sondern nur eine dumpfe Betäubung.

Und wie er so stand und gar nicht wußte, was er mit sich anfangen
sollte, fühlte er, wie sich von hinten zwei Arme um ihn legten, das
waren die Arme der Mutter, und wie sich ein Gesicht an sein Gesicht
schob, das war wieder die Mutter, und sie flüsterte ihm ins Ohr, so
leise, als ob Niemand außer ihm es hören sollte: »Du bist mein lieber
Junge -- das weißt Du -- nicht wahr?« Aber er regte kein Glied, er
konnte nicht, denn zum ersten Mal im Leben war ihm auch die Mutter
fremd geworden, und nichts war in ihm als eine Angst und ein kaltes
Grausen. Darum, als die Mutter ihm weiter sagte: »Komm mit mir, der
Vater erwartet, daß Du Dich bedankst,« setzte er keinen Widerstand
entgegen, sondern ließ sich führen, ganz willenlos, ganz mechanisch --
ja -- mechanisch -- denn heute noch fühle ich, wie das war, als er die
paar Schritte da hinüberging zu dem langen, schwarzen Mann in dem
langen, schwarzen Rock. Wie wenn Einem die Füße eingeschlafen sind, so
daß man sie gar nicht fühlt, sondern immer denkt, sie müßten unten
Einem abbrechen wie Stücke Holz, so war das.

Der Vater hatte sich in den Armstuhl gesetzt und die Zeitung
vorgenommen. Als nun die Mutter mit dem Jungen zu ihm herantrat, ließ
er die Augen nicht von der Zeitung, drehte sich auch nicht herum,
sondern sagte nur: »Nun?« Darauf sagte die Mutter für mich: »Er will
sich bedanken.« Der Vater las in seiner Zeitung weiter und zuckte mit
den Achseln, und das sah so aus, als wollte er sagen: »Das glaube ein
Anderer.« Alsdann, nach einiger Zeit ließ er die Zeitung sinken, wandte
sich herum und sagte: »Daß Du im Rechnen kein Held bist, brauche ich
Dir wohl nicht erst zu sagen. Trotzdem, was ein Defizit ist, das wirst
Du doch wohl wissen? Und dann wird es Dir auch klar sein, daß dieses
Jahr mit einem gehörigen Defizit abschließt. Laß Dir das jetzt als eine
heilsame Lehre dienen für das kommende Jahr und sorge dafür, daß das
nächste Jahr besser abschließt.« Und nachdem er das gesagt hatte, nahm
er seine Zeitung wieder auf und fing an, weiter zu lesen. Der Junge
aber, als er hörte, daß der Vater nicht weiter sprach, richtete das
Haupt auf, das er bis dahin gesenkt gehabt hatte, und als er sah, daß
der Vater ihn nicht mehr ansah, sah er ihn von der Seite an, und da war
es ihm, als ob es nie auf Erden ein menschliches Wesen geben würde, vor
dem er solches Entsetzen empfände wie vor dem Manne, der da saß, und
der sein Vater war. Darum, ganz still ging er in eine Ecke, hinter dem
Baume, und setzte sich dort hin und sah auf den Lichterbaum und in der
Stube umher und auf die Menschen da vorn, und es kam ihm vor, als wäre
das eine ganz andere Stube als früher, als wären das Menschen, die er
gar nicht kannte, und als wäre das Alles, was er erlebte, ein
gräßlicher, gräßlicher Traum.

Von seiner Ecke aus sah er dann, wie die Eltern dem Schnudri den Küraß
anlegten, den Säbel umschnallten und den Helm aufsetzten. Aber der
Körper des kleinen Jungen war viel zu mager und dürftig für die Sachen,
so daß sie ihm alle nicht paßten. Der Helm rutschte ihm beinahe über
das kleine Gesicht, der Küraß und das Säbelkoppel waren zu weit; die
Sachen waren eben auf einen größeren Jungen berechnet. Und als er sah,
daß der Kleine ein betrübtes Gesicht machte, freute er sich. Den Kummer
des kleinen Bruder zu sehen, das war an dem heiligen Abend seine
Weihnachtsfreude.

Aber die Mutter wußte der Sache abzuhelfen. Sie holte rasch ein paar
alte Zeitungen herbei, stopfte davon einen Ballen in den Helm, ein paar
Ballen unter den Küraß, dann holte sie einen Hammer und einen runden
Nagel und schlug damit noch ein paar Löcher in den Riemen des
Säbelkoppels und als nun die Sachen dem Schnudri wieder anprobirt
wurden, saß Alles wie angegossen, und der kleine Kerl stand mitten im
Zimmer und strahlte vor Wonne und Vergnügen, daß sein Gesicht fast noch
heller glänzte als der Küraß, in dem die Lichter spiegelten. Und wie er
da stand -- unterm Weihnachtsbaum -- so froh, so glücklich, ohne eine
Ahnung, daß Jemand es ihm mißgönnen könnte, weil er selbst von Neid
nichts wußte, so sehe ich ihn stehen, immer noch, heute noch, nach
sechzig Jahren noch, den Kleinen, das Brüderchen, dem er seine Freude
nicht gönnte, -- seine unschuldige Freude, die auch seine letzte sein
sollte -- in seinem armen, kleinen unschuldigen Leben -- der Andere --
die Canaille, der Satan, der Hund!

Und bis dahin war der Kleine so von der eigenen Freude erfüllt gewesen,
daß er noch an gar nichts Anderes hatte denken können. Erst nachdem er
sich ein wenig beruhigt hatte, fiel ihm der Bruder wieder ein, und er
ging an dessen Tisch, um zu sehen, was der Schönes bekommen hatte. Und
als er vor dem Tische stand und sah, wie traurig der aussah, wurde er
ganz still, und sein Gesicht wieder ganz alt, und über den Tisch hin
blickte er in die Ecke, hinter dem Baume, wo er den Anderen sitzen sah.
Da wurde er ganz rathlos; das konnte man an seinem Gesichte wahrnehmen.
Es fiel ihm ein, was zwischen ihm und dem Bruder verabredet worden war,
daß sie mit den Schulkameraden »Pascher und Grenzer« spielen wollten,
und daß der Andere der General hatte sein sollen -- und nun war es so
gekommen, und das Alles war doch nicht mehr möglich.

Was sollte denn nun werden? Er wußte sich keinen Rath. Er grämte sich
für den Bruder -- das sah man ihm an. Daneben aber konnte er doch die
Freude nicht unterdrücken, daß er die Uniform bekommen hatte -- das sah
man ihm auch an. Und plötzlich, weil er den Drang fühlte, irgend etwas
zu thun, trat er hinter den Baum, zu dem Bruder, und ohne ein Wort zu
sagen, bot er ihm die Trompete an, die er in Händen trug. Die wollte er
ihm schenken; so hatte er doch etwas. Und nun war das ja von dem
Kleinen so gut gemeint, wie nur möglich, aber es kam zur unrechten
Zeit. Denn dem Anderen, der auch daran gedacht hatte, wie er als
General den Kleinen zu seinem Trompeter hatte machen wollen, und der
schon zu den Schulkameraden geprahlt hatte, wie er morgen als
Kürassiergeneral erscheinen würde, kam es vor wie eine furchtbare
Beschimpfung, daß er nun vorlieb nehmen sollte mit dem elenden Ding da,
der Trompete. Wie ein Almosen erschien es ihm, das der Kleine, der
Alles bekommen hatte, ihm hinwarf, wie einem Bettler. Darum, als der
kleine Bruder ihm die Trompete hinhielt, riß er sie ihm aus der Hand,
-- wie ein böser Affe riß er sie ihm aus der Hand. In seinem Herzen war
eine Wuth, ein Haß und ein Neid -- mit beiden Händen packte er die
Trompete, um sie zu zerbrechen, und weil er sie nicht zerbrechen
konnte, verbog er sie, so daß sie einen Knick bekam und nicht mehr zu
gebrauchen war. Das Alles geschah ganz lautlos, so daß die Eltern
nichts davon hörten und sahen. Nur der kleine Bruder sah es, und der
wurde leichenblaß, als er es sah, und wollte aufschreien. In dem
Augenblick aber kam dem Anderen das Bewußtsein, was er gethan hatte,
und die erbärmliche Angst vor dem Manne im langen, schwarzen Rock, und
unwillkürlich sah er hinüber, wo der saß, ob der auch nichts gesehen
hätte. Und als der kleine Bruder den Blick gewahrte, schluckte er den
Schrei hinunter, den er hatte thun wollen. -- Solch ein Kind war das!
Solch eine Seele war in dem kleinen Kind! Schluckte den Schrei
hinunter, schluckte Alles hinunter, Schreck, Kummer, Jammer und blieb
ganz still, ganz lautlos, und nahm die verbogene Trompete rasch wieder
an sich und stopfte sie irgendwohin, versteckte sie, daß Niemand sie
finden, Niemand sehen sollte, was der Andere gethan hatte, Niemand den
Bruder strafen sollte! Nur sprechen konnte er an dem Abend mit dem
Bruder nicht mehr, kein Wort, kein Wort. Mit dem Bruder nicht mehr, und
überhaupt mit Niemand mehr, sondern er wurde ganz still; lachte nicht
mehr und freute sich nicht mehr, und so blaß, wie er in dem Augenblick
geworden war, als der Andere ihm die Trompete verbog, so blieb er den
ganzen Abend. Nur von Zeit zu Zeit sah er nach der Ecke hin, wo der
Bruder war, und immer, wenn er es that, war eine Angst in seinen Augen,
eine Angst --

Und, wie gesagt, das blieb den ganzen Abend so, ja, es wurde eigentlich
immer schlimmer. Wie ein armes, kleines Thier, das den Raubvogel über
seinem Kopfe sieht, oder irgend etwas Schreckliches wittert, das nach
ihm blinzelt, so war es mit dem Kinde, so daß er am ganzen Leibe
zitterte, als die Mutter ihm sagte: »Jetzt, Hänschen, denk' ich, gehen
wir zu Bett!« Und als sie ihm den Helm abnahm und den Küraß und den
Säbel, fing er plötzlich an, lautlos zu weinen. Lautlos, wie solche
kranke Kinder weinen. Und als die Mutter ihn an sich drückte und
fragte: »Warum weinst Du denn, Hänschen?« sagte er: »Aber morgen gehört
sie mir doch wieder?« Darauf lächelte die Mutter, und als sie fühlte,
wie er zitterte, setzte sie sich und nahm ihn auf den Schoß: »Wem soll
sie denn sonst gehören? Freilich doch gehört sie Dir. Meinst Du denn,
es wird Jemand kommen, sie Dir wegnehmen?« Und so etwas Aehnliches war
es gewiß, was er meinte; aber er sagte es nicht, sondern drückte seinen
kleinen Kopf an die Mutter, und allmählich hörte er auf, zu weinen.

In der Nacht aber -- die Brüder schliefen nämlich in einem und
demselben Zimmer, und für gewöhnlich schliefen sie ein, sobald sie sich
hingelegt hatten -- in dieser Nacht aber konnte der Andere nicht
einschlafen, weil ihn die bösen Gedanken wach hielten. Und wie er so
wach dalag, merkte er, daß auch der Kleine nicht schlief, sondern es
war, als wenn er immerfort lauschte und horchte. Als wenn er immerfort
in Angst gewesen wäre, daß plötzlich etwas Schreckliches geschehen
würde, daß Jemand kommen und ihm seine Uniform wegnehmen würde, so war
es. Und als es ganz tief in der Nacht und im Hause Alles ganz still
war, da muß in dem Weihnachtszimmer irgend eine Thür aufgestanden und
zugeklappt, oder irgend etwas gefallen sein, -- es kam von dem
Weihnachtszimmer ein Geräusch.

Im Augenblick also, wie das Geräusch kam, war der Kleine in seinem
Bette auf und aus dem Bette heraus, und so, wie er war, im Hemd und
ohne Schuh und Strümpfe, lief er aus dem Schlafzimmer hinaus, auf den
dunklen, kalten Flur hinaus und in das Weihnachtszimmer hinüber. Gleich
darauf kam er dann wieder, und wie er ging, klipperte und klapperte
etwas, und da war es der Helm, der Küraß, der Säbel, die ganze
Kürassieruniform, die er mit sich schleppte und die er auf sein Bett
legte und zu sich unter die Decke nahm, als wenn er gemeint hätte, daß
er anders nicht sicher gewesen wäre und doch Jemand kommen und sie ihm
fortnehmen würde.

Und dieses Alles machte er so leise, als er nur konnte. Kaum einen Laut
gab er von sich. Nur als er wieder in sein Bette kroch, konnte man
hören, wie es ihn schauderte und fror, daß ihm die Zähne im Munde
klapperten. Und dieses Alles hörte der Andere, und weil das
Laternenlicht von der Straße ins Zimmer schien, konnte er es auch
sehen. Und auch er gab keinen Laut von sich. Unter seiner Decke lag er
zusammengeringelt wie ein böses Thier, und Alles, was er dachte, war
nur, daß es kindisch war, was der Kleine that, kindisch und lächerlich.
Und wenn er voraus hätte sehen können in die Zukunft, so würde er
gewußt haben, daß einmal eine Zeit kommen würde, wo er sein halbes
Leben dafür hingegeben hätte, wenn er in der Nacht aufgestanden wäre
und dem kleinen Bruder gesagt hätte: »Fürchte Dich nicht! Ich will Dir
Deine Sachen nicht nehmen. Und wenn Du Dich vor mir nicht zu fürchten
brauchst, brauchst Du es vor keinem Anderen. Denn alle Anderen gönnen
Dir ja Deine Freude.« Aber er kam nicht und sagte nichts, sondern in
seinem Herzen war nur der giftige Neid, als er sah, wie der Kleine das
Alles zu sich ins Bett nahm, wonach er verlangt hatte, weil es dem
Kleinen gehörte und nicht ihm, dem Anderen.

Darauf nun, am nächsten Tage, was der erste Weihnachtsfeiertag war,
kamen die Schulkameraden, mit denen sie sich verabredet hatten, daß sie
zusammen »Pascher und Grenzer« spielen wollten. Der Schnudri hatte
seine Kürassieruniform angelegt, denn es machte ihn doch ungeheuer
stolz, sich so zeigen zu können. Für den Anderen aber, als er sah, wie
die Jungen sich erstaunten, als sie den Kleinen mit der Uniform sahen
und nicht ihn, für den war das ein fürchterlicher Augenblick. Sie
fragten ihn ja nicht geradezu, aber er las es doch in ihren Augen:
»Warum hast denn Du sie nicht gekriegt?« Erklären konnte er ja nichts;
dazu hätte er Dinge erklären müssen, die er selbst kaum verstand.
Darum, wie nun ein allgemeines, verlegenes Schweigen entstand, ging ihm
wieder die Scham über den Leib, vom Kopf bis zu Füßen, daß er blutroth
wurde. Ihm war, als wenn man ihn mit der Faust auf den Kopf geschlagen
hätte, so daß er den Kopf gar nicht erheben konnte. Und so zogen sie
denn ins Feld hinaus und waren alle ganz still.

Als sie hinausgekommen waren, blieben sie alle stehen, als wenn sie
sich berathen wollten, aber Niemand wußte etwas zu sagen. Alle sahen
auf die beiden Brüder, namentlich den Aelteren, was der sagen würde,
weil er es doch immer war, der bei den Spielen Alles angab; aber weil
der nichts sagte, sagte auch kein Anderer etwas.

Endlich fragte Einer: »Aber, wer soll denn nun General sein?« Darauf
zeigte der Aeltere auf den Kleinen und sagte: »Na, wer? -- Da steht er
ja.« Das sagte er aber nicht in gutem Sinne, sondern aus Bosheit, weil
es ihm wie ein Hohn vorkam, daß der Kleine der Anführer sein sollte und
weil er wußte, daß die Anderen es auch so aufnehmen würden. Und so war
es auch. Denn der Schnudri war ja beinah der kleinste und schwächste
von Allen. Darum erschien es den übrigen Jungen wie eine Beleidigung,
daß er sie kommandiren sollte. Und außerdem erschien es ihnen überhaupt
ungerecht, daß er solch eine schöne Uniform bekommen sollte. Denn unter
den Jungen war es eine allgemeine Ansicht, daß der Kleine ein
verzogenes Muttersöhnchen wäre, weil sie doch nicht wußten, daß er
krank war. Oder, wenn sie es gewußt hätten, würden sie vermuthlich doch
keine Rücksicht darauf genommen haben. Denn darin sind ja die Jungen
wie die Thiere in einer Herde; wird ein Stück krank, so gehört es nicht
mehr zu ihnen. Aber Rücksicht darauf nehmen -- das giebt es nicht.

Darum, als der Andere gesagt hatte: »Da steht er ja«, wurde ein
allgemeines Gemurmel unter den Jungen, und der Eine, der vorhin gefragt
hatte, sagte: »Na, das wäre mir auch ein schöner General.« Und wie er
das gesagt hatte, wurde aus dem Gemurre ein allgemeines Gejohle, und
der Kleine stand ganz verdonnert mitten unter den Anderen, weil er
merkte, daß sie alle gegen ihn waren, und weil er doch auch fühlte, daß
er zu schwach war, um sie anzuführen. Und wie er so dastand und den
Kopf hängen ließ, trat Einer auf ihn zu und sagte: »Weißt Du, was Du
thun solltest? Deine Uniform solltest Du ausziehen, und sie Deinem
Bruder geben; denn für den paßt sie doch viel besser als wie für Dich.«
Darauf stimmten alle die Uebrigen mit »ja! ja!« dem bei. Der Kleine
aber verzog das Gesicht, als wenn er zu weinen anfangen wollte, und
drückte die Hände über der Brust zusammen, wie um seinen Küraß fest zu
halten, weil er doch um alle Welt die schöne Uniform nicht hergeben
wollte. Der Andere aber, wie er gehört hatte, was für ein Vorschlag
gemacht worden war, und daß der Schnudri die Uniform hergeben sollte
für ihn -- mit einem Mal kam ihm ein Gedanke, und er sagte: »Jetzt will
ich Euch sagen, was wir spielen wollen: Rebellion! Der Hans also ist
der General, und wir Anderen sind die Soldaten. Und die Soldaten also
machen Rebellion gegen den General. Und der General will ihnen
entwischen, und die Soldaten verfolgen ihn. Und dazu kriegt er zwanzig
Schritte Vorsprung. Und wenn er bis da oben auf den Berg rauf kommt« --
in der Mitte der Ebene war nämlich ein Hügel -- »dann hat er gewonnen.
Wenn er aber vorher eingeholt wird, dann haben die Soldaten gewonnen,
und dann wird dem General seine Uniform weggenommen.«

Das war denn ein Vorschlag, der sofort zündete. »Ein famoses Spiel! Ein
famoses Spiel!« Feuer und Flamme waren sie gleich alle mit einander.
Aber Höllenfeuer war es, und von dem Teufel angezündet, der einstmals
dem Kain zugeflüstert hatte: »Schlage deinen Bruder Abel todt.« Wenn er
hinauf kam bis auf den Berg, dann sollte ihm seine Uniform gehören
dürfen -- jawohl -- aber sie wußten, daß er nicht hinaufkommen würde,
daß sie ihn vorher einholen und berauben und vergewaltigen würden, den
armen, schwachen, kleinen Kerl.

Ein Spiel nannten sie das, -- und es war kein Spiel, sondern etwas
Ernsthaftes, Furchtbares, Gräßliches, ein Stück Menschenniedertracht,
die sich einen unschuldigen Mantel umhing, wie sie das immer thut, weil
sie sich schämt und fürchtet vor dem Gottesauge dadrinnen in der Seele;
Neid, höllischer, verdammter, verfluchter Neid, der sich Spiel nannte,
während er in Wirklichkeit die Jungen, so, wie sie waren, in Wölfe
verwandelte, in habgierige Bestien. Und daß so etwas vorging, daß er
plötzlich umgeben und umringt war wie von Wölfen, das muß er gefühlt
haben, der kleine Junge; das sah man seinem Gesicht an, wie er
umhersah, so kläglich, wie er nach seinem Bruder sah, seinem großen
Bruder, ob ihm der nicht zu Hülfe kommen würde. Aber der -- von dem
ging ja die ganze Geschichte aus; und in dessen Seele war jetzt wahr
und wahrhaftig der Teufel los, daß er nichts Anderes mehr denken
konnte, als daß die Uniform, nach der er sich so rasend gesehnt hatte,
ihm nun für einige Zeit wenigstens doch gehören würde, doch!

Darum sah man dem Kleinen an, wie ihm die Sache unheimlich wurde, und
wie er dicht am Weinen war, und wie er am liebsten gar nicht
mitgespielt hätte, sondern fortgegangen und weit davon gewesen wäre,
weit davon. Aber das Alles war nun nicht möglich, und die Jungen würden
ihn auch gar nicht davon gelassen haben. Sondern sie sagten ihm: »Hier,
wo wir jetzt sind, bleibst Du also stehen. Wir gehen jetzt zwanzig
Schritt zurück. Dann wird gezählt eins -- zwei -- drei -- und bei drei
fängst Du an zu laufen, nach dem Berge hin, und wir hinterher.« Und
damit so ging der ganze Haufe von ihm fort, zurück, und indem sie
gingen, zählten sie laut ihre Schritte, bis daß sie zwanzig gezählt
hatten; und alsdann so machten sie wieder Kehrt, und Einer zählte ganz
laut eins -- zwei -- drei. Und im Augenblick, als das »Drei« heraus
kam, fing die ganze Meute an zu laufen, zu laufen -- und Jeder schrie,
so laut er schreien konnte: »Fangt den General! Fangt den General!« Und
wenn in dem Augenblick ein Erwachsener vorübergegangen wäre und es mit
angesehen hätte, dann, in der Art, wie die Erwachsenen über die Kinder
denken, würde er wahrscheinlich gesagt haben: »Sieh' Einer, wie die
munteren Jungen sich amüsiren«, -- und nicht geahnt würde er haben, daß
das, was er für ein Vergnügen hielt, in Wahrheit ein Wettlauf war um
Leben und Tod. Ja! Um Leben und Tod! Denn wie er die Meute losbrechen
sah, fing auch der Kleine zu laufen an, so schnell die kleinen Beine
vermochten. Aber gleich bei den ersten Schritten muß er gefühlt haben,
daß es eine verlorene Sache war, daß sie ihn einholen würden. Wie er
das Geschrei hinter sich hörte, muß es ihm gewesen sein als käme eine
Indianerhorde hinter ihm drein, die ihm die Kopfhaut abziehen würde, so
daß ihn die Todesangst ergriff und die Verzweiflung. Darum gleich nach
den ersten Schritten fing er an zu schreien, ganz gellend, ganz
kreischend. Was es war, konnte man nicht verstehen, aber es klang, als
wenn er »nein! nein! nein!« schrie. Sie sollten ihm das nicht thun,
sollten nicht so gegen ihn sein. Aber natürlich hörte Keiner darauf,
sondern die Hetzjagd ging weiter. Der Helm flog ihm vom Kopfe. Wie er
zur Erde rollte, waren gleich drei, vier darüber her, aber der Andere
stieß sie alle fort; Keiner außer ihm sollte den Helm haben und die
Uniform. Er setzte sich den Helm auf; und dann mit einem »Hussah«
weiter und wie ein wildes Thier hinter dem Kleinen her. Denn wie ein
toller Hund, so war er gerade, der nichts mehr von Allem weiß, was er
früher gescheut und geliebt hat, sondern nach Allem schnappt und beißt.
Die Uniform! die Uniform! Das war das Einzige, was er noch denken
konnte und fühlen. Wie eine Fackel, die ihm der Teufel vor die Augen
hielt, so war das. Und darauf, wie der Kleine die Schritte immer näher
hinter sich hörte und das keuchende Laufen und die Stimmen, die schon
ganz heiser geworden waren von dem rauhen Geschrei, blieb er plötzlich
stehen, lief nicht weiter, blieb stehen, gab Alles verloren, warf sich
zur Erde, ganz platt, streckte beide Arme von sich und drückte das
Gesicht in das feuchte, graue, kalte Wintergras. In dem Augenblick
waren sie über ihn her, und allen voran der Andere, der Bruder über den
Bruder.

Die Schnallen, mit denen der Küraß an den Schultern des Kleinen fest
gemacht war, schnallte er auf. Das Säbelkoppel, das der Kleine um den
Leib hatte, schnallte er ihm ab. Alles rack -- rack -- rack. Alles mit
ein paar Griffen. Alles so rasch, obschon ihm die Hände vor
Leidenschaft flogen, wie ein Räuber, der Jemanden überfallen hat und
ausplündert. Und dann eben so rasch den Küraß an die eigenen Schultern,
das Säbelkoppel um den eigenen Leib. Und dann den Säbel herausgerissen.
Und »hurrah« -- jetzt war er der General! Und »hurrah«, jetzt hatten
sie einen Anführer, wie es sich gehörte. Jetzt konnten sie spielen.
Jetzt wollten sie spielen, »Pascher und Grenzsoldat«, gehörig, so daß
man sich am Kragen kriegte und raufte und prügelte; denn sie waren Alle
wild geworden, wild, wild. Zwar der Kleine lag noch immer an der Erde,
die Arme ausgestreckt, das Gesicht ins Gras gedrückt, und schluchzte
und wimmerte, daß der kleine Körper gegen den Erdboden stieß. Aber --
ach was -- das Muttersöhnchen! Es war ihm ja gar nichts geschehen. Er
würde sich schon beruhigen und, wenn er sich ausgeheult, aufstehen und
nachkommen. Alles war doch ein Spiel; und Spaß muß doch Jeder
verstehen. Darum jetzt nur fort von hier und vorwärts, daß wir zum
Spiel kommen! Fort -- denn ob es den Anderen so ging, wie ihm, daß sie
eine Art Grauen fühlten, als sie den Kleinen nicht aufstehen sahen --
ich weiß es nicht -- aber wahrscheinlich war es so. Wahrscheinlich war
es so, daß sie fühlten, sie hätten da etwas gethan, was sie lieber
nicht hätten thun sollen, nicht hätten thun sollen.

Und so wurde denn nun losgespielt, so wild und toll und wüthig wie nur
möglich. Eine Stunde lang, und noch eine, und immer weiter. Und endlich
kam dann eine Pause, und in der Pause ein Umhersehen, ein Hälserecken,
ein Fragen von Einem zum Anderen -- war denn der Kleine nicht
nachgekommen? Nein -- der Kleine war nicht nachgekommen. Also in einem
Hui ging es nach der Stelle zurück, wo vorhin, -- aber die Stelle war
leer. Er war nicht mehr da -- war fort -- wo denn hin? Und darauf, als
nach all' dem Lärm und Geschrei eine Stille eintrat, eine ganz
lautlose, allgemeine, kam Einer damit heraus -- er glaubte -- er hätte
gesehen, wie der Kleine ganz allein übers Feld gegangen wäre -- nach
der Stadt zu -- nach Hause zu. -- Und da mit einem Mal -- wie wenn
Jemand in einem wüsten Rausch gewesen ist und plötzlich zur Besinnung
kommt -- so ging es dem Betreffenden, so war ihm zu Muthe. »Nach der
Stadt zu wäre er gegangen?« -- »Ja! -- Als ob er eins getrunken gehabt
hätte -- ganz taumelig -- und die Hände am Kopf.«

Wie ein eiskalter Strom ging es dem Jungen über den Leib und sauste und
brauste ihm in den Ohren. Keinen Laut konnte er hervorbringen. Die
Kehle war ihm wie zugeschnürt. Ohne ein Wort zu sprechen, knöpfte er
sich den Küraß ab, und den Säbel ab, nahm den Helm vom Kopf. Nichts vom
Spiel mehr; das Spiel war ihm verleidet. Die Uniform, nach der er so
wüthend verlangt hatte, sie war ihm verleidet. Am liebsten hätte er sie
von sich geworfen, fort. Aber das ging doch nicht; es war doch dem
Kleinen sein Eigenthum. Also mußte er sie dem Kleinen wieder bringen,
nach Haus. Und indem er das dachte -- nach Haus -- war ihm, als wenn
eine Hand in seiner Brust gewesen wäre, mit langen, eisernen Fingern,
die sich um sein Herz legten und sein Herz zusammendrückten, langsam
wie eine Schraube.

Keiner von Allen dachte mehr ans Spielen; Keiner sprach ein Wort. Wie
eine Herde von stummen Thieren zogen sie nach der Stadt zurück. Es war
ein grauer, nebeliger Wintertag. Kein Strahl von Sonne, auch keine
Ahnung davon. Wie sie nun in die Nähe der Stadt kamen und die Stadt vor
ihnen lag und der graue Himmel über den Dächern, den Ziegeldächern, auf
denen die rothen Ziegel ganz rostbraun aussahen vor Alter, so daß Alles
in einander verschwamm, so öde, so grau in grau -- wie er das Alles sah
-- da war es ihm -- da überkam es ihn -- als wenn da etwas Todtes vor
ihm läge -- wie ein todtes Gesicht, das er früher gekannt, das ihm
zugenickt und gelächelt hatte, und das nun gestorben war und die Augen
auf ihn richtete, erloschene, in denen nie wieder Licht sein würde, nie
wieder. Und nicht wie ein Gesicht nur -- wie ein großer, stummer,
todter Leib, so sah es aus, daß er denken mußte, so müßte es aussehen,
wenn die Mutter vor Einem läge, kalt, stumm und todt. So war ihm zu
Muth; und so stark fühlte er das, so furchtbar, daß er nicht weiter
gehen konnte, sondern stehen bleiben mußte. Und dabei schlugen der
Küraß und der Helm und der Säbel, die er in den Händen trug, an
einander, und gaben einen leisen Klang, beinah wie eine ferne, ferne
Glocke. Und da war es ihm, als wäre irgendwo, wo er sie nicht sehen
konnte, eine Uhr, eine große Uhr, und als schlüge die Glocke in der Uhr
mit einem Tone, wie er nie einen gehört, so tief, so dumpf, so schwer.
Und heute, da sechzig Jahre um sind seit dem Augenblick, weiß ich, wo
die Uhr war, die er damals nicht sehen konnte -- in seiner Seele -- und
was die Uhr damals schlug: Schicksal, Schicksal, Schicksalstunde.

Eine solche Angst war in ihm, solch' ein Grauen, daß er am liebsten gar
nicht in die Stadt zurück und nach Hause gegangen wäre, sondern in die
Welt, irgend wohin -- vielleicht noch lieber in den See, in das kalte
Wasser hinunter und den Tod. Ja -- so war ihm, so war ihm zu Muthe.
Aber die Sachen des Kleinen, die ihm in den Händen wie Blei lagen, weil
er sie dem Kleinen genommen hatte, geraubt, gestohlen, er mußte sie
doch zurück bringen an den Kleinen. Darum mit den Anderen ging er in
die Stadt, und als sie in die Stadt gekommen waren, wandte er sich in
der Richtung, wo das Haus der Eltern lag. Als er aber an die Straße kam
und das Haus von ferne sah, packte ihn das Grausen wieder so, daß er
nicht darauf zu gehen konnte, sondern umkehrte und in eine Nebenstraße
ging und aus der in eine andere und wieder in eine andere, immerfort,
die ganze Stadt entlang, wie sinnlos, wie betäubt, wie ein verwildertes
Thier, das vom Hofe gelaufen ist und sich nicht wieder zurück getraut.
Essen und Trinken -- Hunger und Durst -- danach fragte er nicht, daran
dachte er nicht, davon wußte er nichts. Erst als es dunkler und immer
dunkler, zuletzt fast ganz dunkel wurde, und weil er doch nicht auf der
Straße bleiben konnte in der Nacht, und weil er so müde geworden war,
daß er kaum mehr gehen konnte, sondern beinahe hingefallen wäre und
liegen geblieben auf dem Pflaster, schlich er nach Hause, ganz langsam,
leise, ganz leise. Und nun hatte er sich vorgestellt, wenn er in die
Nähe von dem Hause käme, dann würde darin ein Lärmen und Toben sein,
und bis auf die Straße hinaus würde er die Stimme hören, vor der er
sich so fürchtete, die Stimme des Vaters, die mit dem Tone, den er
kannte, mit dem schrecklichen Tone durch das ganze Haus donnerte: »Wo
steckt der Bengel? Wo bleibt er?« Und als er nun an das Haus heran kam,
lag das Haus so dunkel, so still, und kein Laut war rings herum zu
hören, kein Laut. Eigentlich hätte ihm das ja lieb sein müssen -- aber
dennoch war es ihm nicht lieb, sondern -- er wußte selbst kaum, warum
-- unheimlich, unheimlich.

Also klinkte er die Hausthür auf, ganz vorsichtig, ganz leise, und dann
auf den Fußspitzen, wie ein Verbrecher schlüpfte er hinein. Und im
Hause war Alles dunkel, und so, wie es draußen gewesen war, so war es
drinnen, ganz still Alles, daß man keinen Laut hörte, fast todtenstill.

Kein Mensch war zu sehen, nicht der Vater, nicht die Mutter und der
Kleine erst recht nicht. Darum tappte er sich über den Flur nach dem
Zimmer hin, wo er mit dem kleinen Bruder zusammen schlief; da wollte er
hinein, ins Bett und sich verstecken. Im Augenblick aber, als er die
Thür ergreifen wollte, kam ein Lichtschein, und den Gang herauf, der
nach der Küche führte, kam Jemand, und die da kam, das war die alte
Köchin. Sie hatte ein Licht in der Hand, und weil sie gehört haben
mochte, daß Jemand da herum schlich, blieb sie stehen und hielt die
Hand vor das Licht, damit sie erkennen konnte, wer es war -- und wie
sie da stand und das Licht ihre Stirn beleuchtete, die so alt und voll
Runzeln und Falten war, das sehe ich noch, daß ich es malen könnte, so
genau. Darauf, als sie erkannt hatte, wer es war, ließ sie die Hand
herab und sagte -- und auch das, wie sie sprach, höre ich heute noch
ganz deutlich und genau -- und sagte -- kein Vorwurf war in dem Ton,
wie sie sprach, nicht einmal ein Erstaunen, sondern nur etwas so
Schweres, als wenn sich die Worte aus ihrem Munde heraus schleppten --
und sagte: »Wo bist denn Du gewesen? Weißt Du denn nicht, was hier
geschehen ist? Und daß Hänschen im Sterben liegt?«

So sagte sie, und als sie so gesagt hatte, war dem Jungen, als würde
ihm ein Nagel, ein ganz langer Nagel vom Kopf herunter durch den ganzen
Leib geschlagen und nagelte ihn am Fußboden fest. Und was man den
kalten Schweiß nennt, damals in der Stunde habe ich das kennen gelernt.

Darauf, wie ein Rasender wollte er auf und in die Stube der Eltern
hinein, aber da faßte ihn die alte Köchin am Arm und sagte, und diesmal
sprach sie ganz hastig, ganz flüsternd, ganz angstvoll: »Nein, nein, da
darfst Du nicht hinein, Vater und Mutter sind ja da bei ihm drin, und
Niemand darf hinein.« Und dann, wie der Junge am Thürpfosten lehnte,
selber so starr und steif wie ein Stück Holz, machte sie die Thür zu
dem Zimmer auf, wo die Brüder schliefen und leuchtete hinein und sagte:
»Geh Du nur jetzt und leg Dich zu Bett, da ist nun nichts mehr zu
machen.«

Und als sie so hinein leuchtete und er hinein trat in das Zimmer, da
sah er, daß das Bett, in dem der Kleine sonst lag, nicht mehr da war,
und an der Stelle, wo es gestanden hatte, war ein leerer Fleck. Und was
damals in dem Zimmer war, das ist seitdem in seinem Herzen geworden,
ein leerer Fleck. Ein leerer Fleck! Sechzig Jahre sind hingegangen
seitdem, und der leere Fleck ist geblieben, nichts hat ihn ausgefüllt;
nur ein Schattengesicht, das mich ansieht mit traurigen Augen, an dem
kein Leib mehr ist, kein Leben, das mich ansieht in der Nacht, wenn ich
nicht schlafen kann!

Dann bewegt es die Lippen, dann hör' ich's: »Kann nicht mehr spielen
mit Dir, nicht mehr sitzen mit Dir in der Cajüte und den Arm um Dich
schlingen und zuhören, wenn Du erzählst von dem großen Wald und dem
Einhorn und den Thieren darin. Nie mehr -- nie mehr -- --«

Die Erzählung brach ab.

Aus der Ecke hinter mir, von wo die Erzählung gekommen war, kam es
hervor; mit schwerem Schritt kam der alte Graumann hervor. Auf einen
Stuhl fiel er nieder; auf den Tisch daran ich saß, warf er die Arme,
auf die Arme fiel sein graues Haupt. »O Bruder! O Brüderchen! O armer,
kleiner Bruder!«

Ein Stöhnen durchschütterte ihn. Wie ein alter Baum sah er aus, den
Sturmwind schüttelt, als wenn er ihn brechen wollte.

»Und am nächsten Tage« -- aber er vollendete den Satz nicht. Vom Stuhl,
auf den er niedergesunken war, sprang er auf. »Aber das kann ich nicht
erzählen! Kann ich nicht erzählen!« Im Zimmer stürmte er auf und ab.
»Wie er an der Thür stand, an der Thür des Zimmers, wo sie ihn hinein
getragen hatten, den Kleinen, in seinem Bett. Wie er hinein wollte und
nicht hinein konnte, weil die Thür von innen verriegelt war. Wie er an
der Thür klinkte und hinein wollte, mit Gewalt. Bis daß wieder die alte
Köchin kam und ihn am Arme nahm und zurückzog und sagte: >Mach doch
keinen solchen Lärm. Es darf ja kein lautes Wort gesprochen werden im
Haus.< Wie er dann stehen blieb auf dem Flur, immer die Augen auf der
Thüre und sein Schluchzen verschluckte und seine Thränen, daß ihm ein
Geschmack im Munde wurde und in der Kehle, als wenn er Gift hinunter
würgte. Und wie die alte Köchin immer wieder kam und versuchte, ihn von
der Stelle fortzubringen und wie er nicht fortzubringen war, sondern
auf den Küraß zeigte und den Helm und den Säbel, die er den ganzen Tag
nicht aus den Händen ließ, und sagte: >Ich muß ihm doch seine Sachen
wieder bringen, seine Sachen wieder bringen.< Worauf dann die Alte
sagte: >Ach laß doch die Sachen; was soll er denn damit? Er weiß ja von
nichts mehr etwas.< Worauf es ihm erst ganz klar wurde, wie es um den
kleinen Bruder stand, und daß er ihn vielleicht nie wieder sehen würde.
Und so kam es auch. So geschah es auch. Aber das Alles kann ich nicht
mehr erzählen! Was ich keinem Menschen erzählt habe, das habe ich Ihnen
erzählt. Aber das kann ich nicht, das können Sie nicht verlangen!
Sechzig Jahre lang hat das Alles begraben gelegen da drinnen in mir.
Sprechen muß der Mensch. Nicht nur zu sich selbst; wenn er immer nur zu
sich selbst spricht, das macht verrückt. Sprechen muß der Mensch zu
einem anderen Menschen. Sechzig Jahre lang habe ich keinen gefunden, --
Sie sind ein weicher Mensch, ein guter Mensch, ein feiner Mensch, -- zu
Ihnen habe ich gesprochen. Darum habe ich das Grab aufgebrochen, worin
die alten Geschichten liegen, die schrecklichen Geschichten. Nun sind
sie wieder wach geworden, die Todten wieder lebendig geworden. Nun ist
es wieder da, und ich wieder drin, mitten drin, in der Hölle! In der
Hölle! Und das Wort ist wieder da -- hier in meinen Ohren -- das
gräßliche, das er nachher mir gesagt hat, der Mann von Stein, der Mann
von Eis -- >Daran, daß Dein kleiner Bruder gestorben ist, daran --
bist --<, und der Schrei ist wieder da, mit dem die Mutter sich dem
Manne entgegen warf, als er das sagte -- mit einem Gesicht -- wie ich
es nie an ihr gesehen -- so verzerrt, so -- so -- gar nicht mehr das
Gesicht meiner Mutter, meiner sanften, süßen Mutter -- wie sie den Arm
gegen ihn ausstreckte, ganz lang: >Es ist nicht Dein Kind nur, sondern
meines auch! Und meinem Kinde das Leben vergiften -- das sollst Du
nicht! das darfst Du nicht! das -- das --<, und wie sie dann -- krach
-- zur Erde fiel, ganz starr, ganz weiß, wie mit einem Schlage, bevor
Jemand sie aufzufangen vermochte, -- das Alles erzähle ich Ihnen nicht,
erzähle ich nicht. Wie soll ein Mensch das erzählen, ein Mensch von
Fleisch und Blut, -- wie kann er das? Aber zeigen will ich Ihnen --
kommen Sie mit --, Ihnen, dem ich Alles gesagt, Ihnen will ich zeigen,
was kein Mensch gesehen, -- kommen Sie mit.«

Er nahm die Lampe auf, die auf dem Tische stand, und wandte sich nach
dem Schlafzimmer. Als er bemerkte, daß dort bereits eine Lampe stand,
setzte er jene wieder nieder. »Kommen Sie.« Er schritt mir voran; ich
folgte ihm. Indem ich aufstand, fühlte ich, daß mir die Glieder so
schwer geworden waren, daß ich Mühe hatte, mich zu erheben.

In dem Schlafzimmer, an der Wand, dem Bette gegenüber, war ein Vorhang
von schwerem, dunkelgrünem Stoff. Es fiel mir ein, daß man mir von
einem solchen erzählt hatte.

Der Vorhang war geschlossen. Er trat heran, und mit einem Griff schlug
er ihn auseinander. Das Licht der Lampe, die unter dem Bilde der
beiden Brüder stand, fiel auf die Stelle; an der Wand, im stillen
Lichte leise blinkend, hingen die Stücke einer Kinderuniform, einer
Kürassieruniform, ein kleiner Helm, ein Küraß, ein Säbel und eine
verbogene Trompete, -- wie so etwas ausgesehen hatte vor sechzig
Jahren.

Keiner Bewegung fähig, wortlos stand ich da. Diese armen, kleinen
Ueberbleibsel lang vergangener Zeit, diese Erinnerungszeichen an Dinge
und Menschen, von denen auf Gottes weiter Welt nur ein Mensch noch, ein
einziger, etwas wußte, -- so hatte dieser Mensch sie festgehalten und
bewahrt in seinem liebeverlangenden, liebeberaubten, tiefen,
unglücklichen Herzen!

Zwischen der Lampe und dem Vorhang, mitten im Zimmer, stand ein Stuhl;
auf diesen Stuhl hatte er sich gesetzt, beide Arme auf der Lehne, das
Gesicht in die Arme gedrückt, so daß das graue Haupt gerade vor mir
war. Eine unwillkürliche Regung erfaßte mich, ich beugte mich nieder
und drückte die Lippen auf sein graues Haar. Er blickte nicht auf, er
nickte nur, und es sah aus, als hätte er gesagt: »Ja, nicht wahr? Ja,
nicht wahr?«

Als ich sah, daß er keine Bewegung machte, aufzustehen, und weil ich
fühlte, daß er für heute nichts mehr zu sagen hatte, beugte ich mich zu
seinem Ohr. »Lassen Sie mich jetzt gehen,« sagte ich, »aber wenn Sie
erlauben, komme ich wieder!« Statt aller Antwort griff er nach meiner
Hand, und seine Hand sagte, was sein Mund nicht aussprach: »Komm
wieder! Laß mich nicht allein! Komm wieder!«

Geräuschlos verließ ich ihn. Ueber die dunkle Treppe tappte ich mich
hinunter. Die Hausthür war geschlossen; ich mußte den Vater der Kinder,
durch die ich heute die Bekanntschaft des alten Mannes gemacht hatte,
herausklopfen, damit er mir aufschloß. Am Nachmittag war ich gekommen
-- als ich über die Brücke zur Stadt zurück ging, schlug es von den
Thürmen Mitternacht. Tief, dumpf und schwer kam der Klang über das
Wasser. Ich blieb stehen. An die Uhr mußte ich denken, von der er mir
gesagt hatte, die unsichtbare, die in seiner Seele Schicksal,
Schicksal, Schicksalsstunde geschlagen hatte. Ueber das Brückengeländer
sah ich hinunter in den winterlichen Strom, auf dessen grauem Rücken
die Eisschollen dahin rauschten. Von der Strömung getrieben, stürmten
sie, wie ein angreifender Haufen, gegen das Ufer, auf dem die Häuser
der Stadt lagen. Aber das Bollwerk stand fest; machtlos prallten sie
dagegen, und zerschellend setzten sie ihren Lauf fort. Gegen die
Elemente hat der Mensch Schutzwehr und Dämme gefunden -- wer schützt
den Menschen wider den Menschen? Wer schützt ihn gegen sich selbst? Der
Stern, der in Jahrtausenden immer einmal aufgeht aus einem göttlichen
Herzen, der heilige Stern, den wir Liebe und Vergebung nennen, wann
endlich bleibt er am Himmel, um nicht wieder unterzugehen? Das Wort,
das ich heute vernommen hatte, als letzten aus sechzig Jahren
qualvoller Erfahrung gekelterten Lebensspruch, wann endlich wird es
Gebot für jeden Einzelnen -- »Fülle das Herz Deines Nebenmenschen mit
Glück?«

[Illustration]

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  Dichtungen von
  Ernst von Wildenbruch.


                                                           geh.    geb.
                                                          M. Pf.  M. Pf.

  #Der Astronom.# Erzählung. 7. Aufl.                      2,--    3,--

  #Das edle Blut.# Eine Erzählung. Neue Ausgabe mit
      Zeichnungen von _Carl Röhling_. 59. Tausend.
      Kart. M. 1,50                                                2,20

  #Claudia's Garten.# Eine Legende. Neue Ausgabe mit
      Zeichnungen von _Carl Röhling_. 13. Aufl.
      Kart. M. 1,50                                                2,20

  #Die Danaide.# Eine Erzählung. Neue Ausgabe mit
      Zeichnungen von _Herm. Vogel_. Kart. M. 1,50                 2,20

  #Francesca von Rimini.# Erzählung. 2. Aufl.              2,--    3,--

  #Unter der Geißel.# Erzählung. 6. Tausend.
      Kart. M. 2,20                                                3,--

  #Kinderthränen.# Zwei Erzählungen. (Der Letzte.
      -- Die Landpartie.) 18. Aufl.                        2,--    3,--

  #Lachendes Land.# Humoresken und Anderes.
      13. vermehrte Auflage der »Humoresken«               4,--    5,--

  #Eifernde Liebe.# Roman. 13. Tausend                     4,--    5,--

  #Lieder und Balladen.# 7. Aufl.                          4,--    5,--

  #Der Meister von Tanagra.# Eine Künstlergeschichte
      aus Alt-Hellas. 9. Aufl.                             2,--    3,--

  #Novellen.# (Francesca von Rimini. -- Vor den
      Schranken. -- Brunhild.) 7. Aufl.                    4,--    5,--

  #Neue Novellen.# (Das Riechbüchschen. -- Die
      Danaide. -- Die heilige Frau. -- Das Wunder.)
      9. vermehrte Aufl.                                   4,--    5,--

  #Sedan.# Ein Heldenlied in drei Gesängen. 3. Aufl.       1,--    2,--

  #Vice-Mama.# Eine Erzählung. 9. Tausend. Kart. 3 M.              3,60

  #Vionville.# Ein Heldenlied in drei Gesängen. 4. Aufl.   1,--    2,--

  #Tiefe Wasser.# Fünf Erzählungen. 6. Aufl.               4,--    5,--

  #Der Zauberer Cyprianus.# Eine Legende. 4. Aufl.         3,--    4,--

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  Dramen von
  Ernst von Wildenbruch.


                                                           geh.    geb.
                                                          M. Pf.  M. Pf.

  #Der Fürst von Verona.# Trauerspiel                      2,--    3,--

  #Das neue Gebot.# Schauspiel. 6. Aufl.                   2,--    3,--

  #Der Generalfeldoberst.# Trauerspiel. Neue Ausgabe       2,--    3,--

  #Gewitternacht.# Tragödie                                2,--    3,--

  #Harold.# Trauerspiel. 7. Aufl.                          2,--    3,--

  #Die Haubenlerche.# Schauspiel. 3. Aufl.                 2,--    3,--

  #Heinrich und Heinrichs Geschlecht.# Tragödie.
      12. Aufl.                                            3,--    4,--

  #Der neue Herr.# Schauspiel. 4. Aufl.                    2,--    3,--

  #Die Herrin ihrer Hand.# Schauspiel                      2,--    3,--

  #Der Junge von Hennersdorf.# Volksstück                  2,--    3,--

  #Jungfer Immergrün.# Volksstück                          1,--     --

  #Die Karolinger.# Trauerspiel. 18. Aufl.                 2,--    3,--

  #König Laurin.# Tragödie                                 2,--    3,--

  #Das heilige Lachen.# Märchenschwank. 2. Aufl.           2,--    3,--

  #Christoph Marlow.# Trauerspiel. 2. Aufl.                2,--    3,--

  #Meister Balzer.# Schauspiel                             2,--    3,--

  #Der Menonit.# Trauerspiel. 5. Aufl.                     3,--    4,--

  #Die Quitzows.# Schauspiel. Neue Ausgabe mit
      Zeichnungen von _Hugo L. Braune_. 18. Aufl.          2,--    3,--

  #Die Tochter des Erasmus.# Schauspiel. 5. Aufl.          2,--    3,--

  #Väter und Söhne.# Schauspiel. 4. Aufl.                  2,--    3,--

  #Willehalm.# Dramatische Legende                         2,--    3,--

------------------------------------------------------------------------




[Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Der Halbtitel wurde entfernt.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit
folgenden Ausnahmen:

  Seite 14:
  "Ä" zu "Ae" vereinheitlicht
  (so eine Art von Aehnlichkeit mit dem älteren)

  Seite 18:
  "Ä" zu "Ae" vereinheitlicht
  (Ein Schaukelpferd oder so etwas Aehnliches)

  Seite 29:
  "«" angefügt
  (»Gut nennen Sie das?«)

  Seite 39:
  "sie" geändert in "Sie"
  (Da werden Sie gesehen haben)

  Seite 41:
  "eineinander" geändert in "einander"
  (>Kinder, liebet einander<)

  Seite 42:
  "überfluthtete" geändert in "überfluthete"
  (Der vorüberfließende Strom überfluthete das flache Gelände)

  Seite 44:
  "iu" geändert in "in"
  (die beiden Anführer griffen in den Schnee)

  Seite 45:
  "nnd" geändert in "und"
  (ein Schneeballkampf entstand, und es dauerte nicht lange)

  Seite 69:
  "«" verschoben
  (»Schmeckt es Kinder?« fragte er.)

  Seite 99:
  "sonstgar" geändert in "sonst gar"
  (ein Thier, das es sonst gar nicht weiter giebt)

  Seite 102:
  "«" angefügt
  (ist wieder einmal miserabel ausgefallen.«)

  Seite 118:
  "uud" geändert in "und"
  (daß er so sprach und schrie, und konnte sich doch nicht helfen)

  Seite 123:
  "«" verschoben
  (»Post und Reise will ich nicht wieder spielen.«)

  Seite 124:
  "dreie" geändert in "Dreie"
  (so saßen die Dreie, und keines sprach ein Wort)

  Seite 144:
  "," eingefügt
  (eine ganz andere Stube als früher, als wären das Menschen)]






End of the Project Gutenberg EBook of Neid, by Ernst von Wildenbruch

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all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org/license

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
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1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
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License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

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electronic work, or any part of this electronic work, without
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- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

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     and discontinue all use of and all access to other copies of
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     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
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written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
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providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
[email protected].  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     [email protected]


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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