The Project Gutenberg eBook of Wenn ich die Sonne grüße …
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Title: Wenn ich die Sonne grüße …
Roman aus der Gegenwart
Author: Elisabeth von Maltzahn
Release date: April 15, 2026 [eBook #78454]
Language: German
Original publication: Berlin: Verlag von Martin Warneck, 1915
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/78454
Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WENN ICH DIE SONNE GRÜSSE … ***
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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion
des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
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Wenn ich die Sonne
grüße ...
Roman aus der Gegenwart
von
E. von Maltzahn
34. bis 35. Tausend
[Illustration]
Berlin 1923
Verlag von Martin Warneck
+Copyright 1915 by Martin Warneck, Berlin+
Alle Rechte, einschließlich das der Übersetzung, vorbehalten
Inhaltsverzeichnis.
Seite
1. Kapitel. Haus Kambach 5
2. " Wir winden dir den Jungfernkranz! 19
3. " Bodenständig 33
4. " O Deutschland! 53
5. " Adel 75
6. " Gala 102
7. " Trotz alledem 115
8. " Allein 137
9. " Bankrott 157
10. " Ein Ton 170
11. " Um die Volksseele 185
12. " Der alte Krückstock 213
13. " Eine Heimkehr 232
14. " Jutta 244
15. " Ein Frauenlos 267
16. " Gold gab ich für Eisen! 277
17. " Der getreue Eckart 299
18. " Veteranen 312
19. " »Wenn ich die Sonne grüße ...« 329
20. " »O Deutschland, meine Freude« 347
Deutschland!
Du deutsche Erde an Haff und Strom,
Es rauscht ein Lied durch den Föhrendom!
Wie Schildgetöne, so trutzhaft klingt's,
Durch Mark und Bein, durch die Seele dringt's:
Seit wann ist der Deutsche des Teufels Knecht?
Seit wann vergaß er sein heilig' Recht?
Seit wann sind Zucht und Sitte gebannt?
Wer jagte die Treue aus deutschem Land?
Wer trieb mit dem Kreuze den ersten Spott?
Wer lehrte den Wahn: Es gibt keinen Gott!? --
Wie ein Brand flog's herein, wie giftiger Samen,
Und Deutschland -- sprach Amen. -- --
Mein Vaterland, was hast du getan!
Mein deutsches Volk! Einst warest du stark!
Sag', warum huldigst du Trug und Wahn?
Es hat dich getroffen bis tief ins Mark!
Nun liegst du blutend in deinen Wunden
Und kannst nicht gesunden! --
Doch! Du kannst es! Nach oben den Blick!
Zum Urquell zurück!
Zurück zum Kreuze mit all deiner Last,
Zu ihm, den du irrend verlästert hast!
Er nimmt dich an! Er zerbricht deine Ketten,
Er heilt deine Wunden und will dich erretten
Aus des Todes Feuer, aus all deiner Not --
Auch in der Tiefe bleibt er dein Gott! -- --
Seit wann ist der Deutsche des Teufels Knecht?
Das Kreuz verbleibet dein heiligstes Recht! --
Zurück zum Urquell, so wirst du heil,
So wirst du stark, so leuchtet dein Schwert,
So sind gesegnet Heimat und Herd,
So hast du das beste himmlische Teil! -- --
Verwehte der ewigen Liebe Samen? --
Deutschland -- mein herrliches Vaterland,
Ich weiß es, -- es kann ja nicht anders sein --
Du schlägst in die heil'ge allmächtige Hand
Beichtend, betend und glaubend ein --
Und Gott spricht Amen.
Erstes Kapitel.
Haus Kambach.
Das Land, das noch Liebe zur Scholle kennt,
Das noch Edelleute sein Eigen nennt,
Das die Treue pflegt und die Sitte noch ehrt,
Das Land ist die Schätze der Erde wert!
In den Stürmen der Zeit verbleibet es stark --
Das Land ist die Mark!
Ein wundervoller Herbstabend geht zur Neige. Auf den Stoppelfeldern
liegt des Tages letzter Strahl, Ebereschen voll glühender Frucht säumen
die Landstraßen, Stockrosen und Gladiolen flammen in den Gärten.
Drüben liegt die Heide in des Abends lichte Töne getaucht, seine tiefen
Schatten auf dem weißen Sandweg, seinen bronzenen Glanz in den leise
wehenden Zweigen der Birken. Am Horizont ein Waldstreifen, breit und
dunkel; weiterhin einer Kieferngruppe krauses Gebilde.
Um die kleine Dorfkirche, um den Kranz herbstlicher Linden spielen die
scheidenden Lichter. Mücken tanzen, eine Schar Kinder dreht sich im
Ringelreihen auf dem letzten sonnigen Fleckchen. Wie flüssiges Gold
liegt's über dem Friedhof mit seinen Kreuzen und Grabsteinen. Es ist,
als tränke die Sonne dies Gold aus dem Laub der vielhundertjährigen
Bäume, als mische sie mit dem eigenen Blute den wundervollen
Farbenton, um die leuchtende Schale über einen weltfernen Erdenwinkel
auszugießen.
Altweibersommer weht über den Acker, jener duftige Zauber später Tage,
dem man an den Küsten des Meeres, wo die Sage bis spät in die Nächte
spinnt, den lieblichen Namen Septemberseide gibt.
Und weit im Lande ein Ahnen stiller Herrlichkeit: träumende Seen,
sonnige Wiesen, dunkle Wasserstraßen im Schweigen bunter Wälder,
altertümliche Kleinstädte mit ragenden Kirchen aus grauer Zeit,
vornehme Edelsitze, vergessene Klöster -- es ist das Land fürstlicher
Hochzeitsfeste und fröhlicher Kindtaufen, das Land treuer Arbeit
und heißer Kämpfe, das, niedergedrückt und zertreten, immer wieder
aufblühte, erstarkte, zu Macht und Ansehen gelangte, bis es das
Herzland eines gewaltigen geeinten Reiches wurde, die Heimstätte der
Zollern, Mark Brandenburg.
* * * * *
Im letzten goldenen Tagesschein lag Haus Kambach. Ein breiter
einstöckiger Bau mit efeuumsponnener Freitreppe. Ausgedehnte
Rasenflächen, stolze Georginengruppen, einer Blutbuche purpurne
Herbstgestalt, hier und da eine vornehme Auslandspflanze, -- keine
Prachtanlage -- der schlichte, von den Vätern ererbte Edelsitz war's,
das Landhaus des märkischen Adels.
Der Altan bot ein wundervolles Stimmungsbild: im Kranz ihrer Linden
grüßte die Kirche herüber. In breitem Ring lagen die strohgedeckten
Häuser der Dorfbewohner um den Herrensitz, patriarchalische
Verhältnisse und Verständnis für Heimatbrauch und -sitte bekundend.
Das rein äußerliche Ansehen dieses märkischen Dorfes war ein schöner
Beweis dafür, daß es noch gesundes Volksleben in Deutschland gibt:
jene starke Zusammengehörigkeit von Gutsherrn und Arbeiterschaft,
die einzig sichere Unterlage für den Großgrundbesitz, -- mit einem
Wort, das Dorf, das keine Landflucht kennt, weder die Landflucht des
Volkes, das unzufrieden und verhetzt den Weltstädten zuwandert, noch
die Landflucht der oberen Stände, die immer eine Entfremdung zwischen
der besitzenden und arbeitenden Klasse herbeiführen muß. Die Kambachs
gehörten nicht zu dem altangesessenen Adel, der die Wintermonate in
irgendeiner Hofstadt oder im Süden verbringt, der seine Hochzeiten in
Berliner Gasthöfen feiert und damit sein soziales Interesse einschlafen
läßt und seine gutsherrlichen Pflichten versäumt. Die Kambachs blieben
zu Hause. Von den kaiserlichen Hoffesten, wo sie als königstreue Männer
erschienen, kehrten sie nach drei bis vier Tagen zurück. Ihre Töchter
zogen im Brautschmuck von der umkränzten Schwelle der Heimat in die
schlichte Gutskirche hinüber, vom ganzen Dorf, wie von einer großen
Familie begleitet. Sie pflegten die altehrwürdigen Heimatbräuche,
Erntefeste, Silvesterabende mit ihren volkstümlichen Sitten, sie
sorgten für gute Büchereien, für Unterhaltungsabende, sie hielten es
für ihre Ehrenpflicht, bei solchen Gelegenheiten -- und nicht nur dann
-- enge Fühlung mit ihren Leuten zu unterhalten. Sie teilten Leid
und Freud' mit ihnen, sie hatten mit einem Wort sozialen Sinn, aber
keinen künstlich gezüchteten, dem Zwange schwieriger Verhältnisse
entsprungenen, sondern ererbten, angeborenen. Und weil sie dieses Erbe
hochhielten, waren die Kambacher immer rechte Gutsherren gewesen.
Das wußte aber auch das ganze Dorf. Und sein Dank war zähe Treue zu
einer Zeit, da die Umsturzpartei an alle Türen klopfte, und die roten
Verführer ihre Hetzblätter in jedes Haus trugen.
Wer aus der Großstadt oder aus Fabrikbezirken kam, der staunte diese
wundersamen, im besten Sinne vorsündflutlichen Verhältnisse an und
wunderte sich, daß so etwas im zwanzigsten Jahrhundert im Königreich
Preußen noch möglich war. Die braven Kambacher aber lachten sich ins
Fäustchen und freuten sich ihrer patriarchalischen Verhältnisse.
Drüben, wo der Park sich lichtete, schritten zwei Gestalten langsam den
Wiesensaum entlang dem Gutshause zu. Die gebeugte Gestalt des Mannes
erzählte von des Lebens Mühen, von manch hartem Spatenstich. Aber das
kluge feingeschnittene Gesicht war jung geblieben, und in den hellen
Augen glänzte ein fast kindlicher Frohsinn. Das war Franz Schenker, der
Spreewälder, der schon zu Zeiten des alten Herrn als Gärtnerbursche
nach Kambach gekommen war. Später rückte er zum Diener auf und war nun
schon seit Jahren Hausverwalter und Kammerdiener in einer Person, das
Bild eines ehrwürdigen Faktotums. Auf seinen eigenen Wunsch war ihm
auch noch die Oberaufsicht über den Garten übertragen worden. Denn
Obst- und Rosenzucht waren sein Steckenpferd. Herr von Kambach konnte
seine Gärtnereien keinen besseren Händen anvertrauen. Seine einzige
Sorge blieb die, daß der Alte sich, wie es von jeher seine Art gewesen,
zuviel Arbeit auflud. Aber Franz Schenker beteuerte immer wieder, mit
mehreren gutgeschulten Gärtnerburschen an der Hand sei die Sache ein
Kinderspiel. Und dabei blieb es.
Trotz all dieser wirtschaftlichen Vorzüge war er mehr wie ein Faktotum
und eine außergewöhnliche Arbeitskraft. Man sah es Schenkersch olle
Vadder, so hieß er allgemein, auf den ersten Blick nicht an, daß er
mit dem ganzen Dorf in engster Fühlung stand, daß sein Einfluß viel
weiter ging als der des Gutsherrn und des Pastors. Und doch war Herr
von Kambach ein Gutsherr, wie man ihn selten fand, und Pastor Wendler
versah sein Amt nach besten Kräften. Aber Franz Schenker war eben Franz
Schenker, und oft fragte man sich, wie's werden solle, wenn der Alte
einmal die Augen schlösse. Er war Ratgeber, Schiedsrichter, Freund und
Seelsorger von ganz Kambach; ja man erzählte sich, die alte Exzellenz,
die Mutter des gnädigen Herrn, bespräche oft wichtige soziale Fragen
mit ihm.
Die deutsche Frau zog's zu dem deutschen Manne, zu dem alten Diener
ihres Hauses, der sein Vaterland über alles auf Erden liebte, die
einfache fromme Bibelchristin zu der Seele, die eines Weges mit ihr
wanderte. Der Standesunterschied störte Frau Sabine nicht, für sie war
das Schlichte, solange es echt blieb, vornehm. Auch der naturgemäß
engere Gesichtskreis des Mannes, die andere Auffassung mancher
wichtiger Punkte wirkte nicht hemmend, sondern ergänzend. Eins lernte
vom anderen. Franz Schenker lehrte Sabine von Kambach in das Herz
seines und ihres Volkes schauen, sie aber erschloß dem Spreewälder den
Blick für das Große, Allgemeine, für die Aufgaben der Zukunft. Es war
ein feines eigenartiges Freundschaftsverhältnis zwischen der Edelfrau
und dem alten Kammerdiener. --
Franz Schenker war kirchlich. Er kannte den Unterschied zwischen
positiv und liberal besser wie mancher Edelmann von Geblüt, und seine
Beurteilung kirchlicher Einrichtungen bewies, daß er sich auch noch mit
anderen Dingen, als den Edeltannen des Kambacher Parks beschäftigte.
Langsam ging er neben der alten Exzellenz her.
Frau von Kambach war die märkische Landedelfrau, wie sie leibte und
lebte. Eine hohe kräftige ehrfurchtgebietende Erscheinung in der
Krone des Alters. »Großmutters weißes Haar leuchtet durch den ganzen
Garten,« hatte einmal ein Enkelkind stolz erklärt, und es war etwas
Wahres daran. Als sie vor fünfzig Jahren in Kambach einzog, mochten
strahlende Freundlichkeit, Frische und Anmut des Wesens, Schönheit
der Farben, mit einem Wort jene blühende Gesundheit des Leibes und
der Seele der Hauptreiz der jungen Frau gewesen sein, heut war's die
Milde des Alters, verbunden mit seltener Klarheit des Geistes und
dem gründlichen, wenn's not tat, auch rücksichtslosen Urteil eines
scharfen Verstandes. Redensarten machte Großmutter Kambach nicht,
sie widerstrebten ihrem geraden wahrhaftigen Sinn. Kam ihr aber ein
aufrichtiger Mensch entgegen, so war der Weg zu dem liebewarmen
mütterlichen Herzen der alten Frau nicht mehr weit. --
»Das Pack, das aus den Großstädten herüberkommt, schmeißen wir einfach
'raus, Exzellenz,« sagte Franz Schenker. »Es is das einzige Mittel, was
hilft!« Er wandte Frau Sabine das lebhafte Gesicht zu. »Exzellenz, wenn
wir die Prügelstrafe noch hätten, stünd's nich so schlimm ums deutsche
Vaterland. Die hätte nich abgeschafft werden dürfen!«
Frau von Kambach blieb stehen und stützte sich auf den Krückstock.
»Ich bin ganz Ihrer Meinung, Schenker! Aber sagen Sie, haben Sie keine
Unannehmlichkeiten, wenn Sie so scharf vorgehen?«
»Unannehmlichkeiten, Exzellenz? Wer soll mich was anhaben? Det dringt
mit eine Frechheit in die Häuser und schmiert die Leute seinen Kram
an, -- da werd' ick doch wohl das Recht haben, wenn so'n Schuft mit
seinen Mitteln zur Geburtenverhütung zu meine Schwiegertochter in die
Stube kommt, ihm das Jackleder vollzuhauen! Der versucht's kein zweites
Mal, und von Anzeige is keine Rede! Das Pack kann froh sein, wenn's
mit heilen Knochen aus Kambach raus is! ~Wir~ erstatten Anzeige,
wenn's nur was hülfe! Aber man fängt ja jetzt oben an, hellhörig zu
werden, Zeit wird's wahrhaftig!« Und Franz Schenker wischte sich den
Schweiß von der Stirn. Bei diesem Gesprächsstoff lief ihm stets die
Galle über.
Die alte Exzellenz war weitergegangen. Ihr Gesicht war sehr ernst
geworden.
»Kommt das hier öfter vor?« fragte sie.
»Diesen Sommer war's schlimm. Ick allein hab' Stücker acht in den
Häusern verdreschen helfen.« Er lachte kurz. »Nie hab' ick solchen Spaß
am Prügeln gehabt!«
»Und -- und die Frauen?«
Der Alte richtete sich kerzengerade in die Höhe.
»Exzellenz -- keine Kambacherin is für diese Gemeinheiten zu haben
gewesen! 's wär' ihnen auch schlecht bekommen; denn noch is Schenkersch
olle Vadder da!« Er atmete schwer. »Der Menschenschlag in unsere Gegend
is 'n gesunder! Wenn manches auch faul is -- allein durch die Nähe von
Berlin, -- noch is die Mark die Mark!«
»Gott gebe, daß Sie recht haben!«
»Wir haben doch noch Religion, Exzellenz,« sagte Franz Schenker.
Wieder blieb Frau Sabine stehen. Der Krückstock scharrte im Kies.
»Noch« -- sie betonte das Wort -- »wie lange noch? -- Sind Sie auch ein
Blinder, der die Größe der Gefahr nicht erkennt? Es geht ums Ganze,
Schenker, der Geburtenrückgang ist nur ein Ausschnitt aus dem trüben
Gesamtbilde.«
Er blickte sie starr an. Das war nun das drittemal in kurzer Zeit, daß
er dieser Auffassung begegnete.
Gewiß, die Gefahr war groß, ein Tor, der sie geleugnet hätte! Die
rote Flut wälzte ihren Giftstrom durchs deutsche Land, Glaube und
Sittlichkeit untergrabend. Auf Kanzeln und Lehrstühlen führten
Irrlehrer das Wort, und niemand dachte daran, ihnen ernstlich zu
wehren. Die »Richtungen« waren ja gleichberechtigt. -- In allen
Gesellschaftskreisen machte sich jüdischer Einfluß geltend, die
Ansprüche wuchsen ins Ungeheuerliche, eine Üppigkeit, von der man
früher nichts geahnt, zerrüttete das Familienleben.
»Deutschland steht im Begriff, das Opfer des Goldes zu werden,« so
hatte Frau von Kambach, als er vor einigen Wochen Rosen zur Zucht nach
Dreilinden gebracht, geäußert und hinzugefügt: »Ehe der Liberalismus
nicht durch entschiedenen Nationalismus und der Mammonismus nicht durch
die Religion überwunden werden, eher werden wir nicht frei!«
Franz Schenker hatte viel über dies Wort nachdenken müssen. Soviel
stand fest: die alte Exzellenz sah und hörte mehr, als er in seinem
stillen Kambach. Er hatte nur Fühlung auf dem Lande, sie dagegen
in Stadt und Land. Alle Kreise standen ihr offen. Den Winter über
verbrachte sie in Berlin. Aber nicht die Landflucht trieb sie aus
ihrem geliebten Dreilinden, sondern lediglich das baufällige kalte
Fachwerkhaus, welches der gichtisch Veranlagten den Winteraufenthalt
unmöglich machte. Sobald die ersten Veilchen blühten, kehrte die
Greisin zurück, und der alte Witwensitz rüstete sich zum Empfang
fröhlicher Gäste. Denn von Anfang Mai bis Ende Oktober ward das Haus
nicht leer. Verwandte, Erholungsbedürftige, Menschen aus dem großen
Freundeskreise Frau Sabines kehrten an hellen Sommertagen bei ihr
ein. Franz Schenker wußte, es waren nicht nur Männer aus leitenden
kirchlichen Stellen darunter, sondern auch Persönlichkeiten, die
in besonders enger Fühlung mit dem Volke standen, Laien und Frauen
mit warmem Herzen und offenem Auge für Deutschlands Not. Sie alle
trugen das Leben herein, das wahrhaftige Leben in seiner wirklichen
Gestalt. Denn sie kannten es. Sie scheuten sich nicht, dem Feind
ihres Vaterlandes furchtlos ins Auge zu schauen. Und doch -- immer
wieder hatte Schenker sich fragen müssen: Ist die Gefahr so groß,
wie sie sagen? Ist das Gesindel, welches sich herumtreibt, sind die
Juden, die sich überall breit machen, sind Großstadterscheinungen und
Lebemenschen, sind Theater, Kino, Presse wirklich jenes unbegrenzten,
zersetzenden Einflusses fähig? Ihn schauderte bei dem Gedanken, daß
er diese schwere Frage zu leicht genommen, daß jenes furchtbare
Gespenst, das ihm in den letzten Wochen so oft begegnet, mehr als
eine vorübergehende Gefahr bedeute, daß es eine Großmacht sei, der
Feind deutscher Art, deutschen Lebens. Und immer mehr fühlte er's,
diese Gefahr stand nicht allein. Sie hatte Verbündete. Eine starke
geeinte Macht zog aus, dem deutschen Volke die Seele zu rauben. Darum
der scharf einsetzende Kampf wider Religion und Sitte, wider Thron
und Herrschaft, darum die Lockungen der Sozialdemokratie, die Sucht,
das Familienleben zu zerstören, die Lüge auf allen Gebieten. Denn es
ging ums Ganze, um Deutschlands Verfall. »Noch -- wie lange noch?« Das
kurze Wort aus dem Munde der hochgestellten und doch so schlichten
kerndeutschen Frau hatten dem Manne, dessen ganze Seele die Sorge um
sein Volk erfüllte, die Binde von den Augen gerissen. Und wie bei allen
stark empfindenden Naturen das heiße Fühlen des Augenblicks den Träger
befreiender Taten, den Gedanken auslöst, so trugen auch seine Sinne
geflügeltes Hoffen ans Licht. Um den Ausdruck ringend, gab er einem
kaum gefaßten Gedanken die erste ungefüge Form. Denn die Sorge mahnte
ihn, die Stunde zu nützen, und die Liebe trat ihr, alle Hindernisse
überschreitend, zur Seite. Die Hoffnung aber unterstrich den Vorsatz
der beiden: ›Noch ist's Zeit‹. Noch -- warum klopfte dies Wort immer
wieder bei ihm an?
»Exzellenz,« sagte er und eine tiefe Erregung durchzitterte seine
Stimme, »wenn's wirklich so steht, is es dann nich 'n Unrecht, daß man
ungenützt die Zeit verstreichen läßt? Noch is nich alles verloren. Wir
haben doch noch Männer und Frauen, die treu zu Altar und Thron stehen
und überall ihren Christenglauben bekennen würden. Dürfen sie müßig
sein, wenn man das Vaterland verkauft? Ick bin nur 'n schlichter Mann
und versteh' mich nich auszudrücken. Aber ick hab' neulich mal in'n
Buch von einen Berliner Pastor gelesen, und der sagt, wenn alle die
wirklichen Christen eine Mauer bildeten gegen den Feind, wenn sie ihm
mit der Bibel in der Hand entgegenträten, dann müßte er zurückweichen.
Eine Schar von wahrhaftigen Betern sei selbst dem Teufel ungemütlich,
Exzellenz! Das fällt mir eben wieder ein. Es steht ja mit unseren
Volk viel schlimmer, als man hier bei uns in Kambach ahnt. Und darum
bin ick dankbar, daß ick manchmal auch was anderes höre und sehe
und lese, und daß Exzellenz mir die Augen geöffnet haben. Ick hab'
ja immer gedacht, es wär' nich so schlimm. Jetzt versteh' ick erst
das Wort, das ick kürzlich in Drachenburg, wo ick meinen Wilhelm
besuchte, in einer christlichen Volksversammlung hörte: ›Wann wird
Deutschland seine Vogelstraußpolitik aufgeben und den Geburtenrückgang
als eine Einzelerscheinung, eine vorübergehende Modekrankheit zu
betrachten aufhören?‹ So hat der Mann gesagt. Ick hielt ihn für einen
Schwarzseher. Jetzt weiß ick, was er gemeint hat, als er sagte:
der Geburtenrückgang is 'n Glied in der langen Kette der deutschen
Verfallserscheinungen.«
Er schwieg. Auf den klaren Zügen lag tiefe Trauer.
Langsam gingen sie durch den sinkenden Abend. Aus den Wiesen stiegen
die Nebel, die ersten Sterne blitzten. Fern hinter dem weißen
Herrenhause lag der Wald wie ein dunkles Geheimnis. Der Mond ging auf.
Über der Dorfkirche stand die feine glänzende Sichel.
Der Blick der alten Frau weilte auf dem friedlichem Bilde. Ihre
Gedanken wanderten. In wenigen Tagen sollte dort drüben eine Kambach
im Brautschmuck zum Altar treten, ein liebliches Kind, das Welt und
Menschen nicht kannte.
Ein Seufzer verklang. -- --
Franz Schenker war noch bei seiner Idee.
»Wenn Exzellenz die Sache einmal überlegen wollten,« begann er von
neuem, »Exzellenz verstehen so etwas zu machen, und ...«
Sie unterbrach ihn. »Aber Schenker, was denken Sie sich? Ein paar
Missionsstunden hab' ich eingerichtet! Wie kann eine Frau eine so große
Sache in die Hand nehmen! Das ist Mannesarbeit!«
»Gewiß, aber die Frau is des Mannes Gehilfin! Wenn Exzellenz die Frage
noch mal überlegten und dann einen oder mehrere Herren, die was davon
verstehen, ins Vertrauen zögen« -- er sah sie erwartungsvoll an.
Sie drohte ihm lächelnd.
»Sie sind doch unverbesserlich, Schenker, -- immer muß Ihre alte
Gnädige die Kastanien für Sie aus dem Feuer holen!«
»Weil niemand besser dazu geeignet is,« entgegnete er mit bescheidener
Würde. Zuversichtlich blickte er in das klare Gesicht. Er war seiner
Sache gewiß.
Sie waren am Teich hinter dem Gutshause angelangt. Herbstzauber webte
um die leuchtende Pracht der Baumgruppen. Weiße Malven erschlossen
ihre keusche Schönheit dem Mondlicht. Ein feiner Duft zog von den
Resedabeeten herüber. Im Gartensaal strahlten die Kronleuchter hinter
Rosengerank und wucherndem Geißblatt.
»Genau wie vor fünfzig Jahren, als ich mit Fritz Karl den Ball
eröffnete,« dachte Frau Sabine.
»Ick muß noch ins Treibhaus, Exzellenz,« sagte Franz Schenker und
blieb, den weißen Kopf entblößend, stehen. »Exzellenz nehmen's nich
übel, daß ick vorhin meine Meinung sagte?«
Die alte Dame sah ihn voll an. »Schenker, machen Sie keine Redensarten!
Sie wissen, daß ich große Stücke auf Sie halte. Sie sind ein
Mann, der nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat, ein
Wort mitzusprechen. Es wäre ein Unrecht, wenn Sie's nicht täten.
Deutschlands Not geht uns alle an. Denn hier handelt es sich nicht um
Dinge, die am grünen Tisch gemacht werden, sondern um die Gesundung des
Volkstums. Zweierlei fehlt uns: die Erkenntnis der Zeit und -- Männer.
Wir brauchen einen Bismarck und einen Luther. Ob Gott sie uns geben
wird?«
»Vielleicht sind sie schon da, Exzellenz!«
Sie zuckte die Achseln. »Gott hat verschiedene Eisen im Feuer. Wir
haben es vielleicht nötig, daß die Geschichte uns vor eine harte
Aufgabe stellt.«
»Exzellenz meinen einen Krieg?«
»Ich meine nichts Bestimmtes. Nur das ist mir klar, daß wir dem
Untergang zutreiben. Es hat einmal einer gesagt, wir brauchten eine
schwere Kolonisationsaufgabe, um zu gesunden. Die gelbe Gefahr ist
nicht von heute, eine zweite Völkerwanderung nicht ausgeschlossen.
Ich bin keine Schwärmerin -- unmöglich ist das nicht! Stellen Sie
sich nicht nur eine starke Grenzverschiebung, stellen Sie sich einmal
eine germanische Grenzerweiterung vor, und die harte schwere Aufgabe
ist geboten. Da gilt's nicht nur die Urbarmachung russischer Sümpfe,
da gilt's, entartetes Volksleben veredeln. Das wäre eine Arbeit, wie
unsere kampfesscheue Zeit sie brauchte. Deutschland ist stärker,
als sein Alltagleben verrät. Aber es ist ein Acker, der einer tief
gehenden Pflugschar bedarf, um Edelfrüchte zu reifen. Denken Sie an
1806 und dann vor allem an 1813! Der deutsche Volkscharakter braucht
immer wieder den Gewaltherrn in irgendeiner Gestalt -- ob er Krieg
oder Pestilenz heißt oder harte schwere Arbeit, -- ohne eine große Not
findet unser Volk seinen Gott nicht wieder.«
»Und wenn zehntausend übrig blieben, die nicht abgefallen wären?«
fragte der Spreewälder.
Sie antwortete nicht. Mit zusammengezogenen Brauen blickte sie über die
mondbeglänzten Wiesen.
»Exzellenz,« sagte Franz Schenker leise, »wenn's fünftausend wären?«
Sie schwieg noch immer.
»Wenn's nur tausend wären!«
Die Edelfrau breitete die Hand über die Augen.
»Es heißt doch, ›Ihr seid das Salz der Erde‹, Exzellenz! Tun's nich oft
schon 'n paar Körnchen?« fragte er. Die alte Stimme bebte.
Da reichte Sabine von Kambach dem treuen Manne die Hand. »Gott geb's!«
sagte sie und schritt dem Hause zu.
Auf dem Altan blieb sie stehen und wandte noch einmal den Blick.
Schweigend lagen die Lande im Mondlicht, ein Bild des Friedens.
Da zog's durch ihre Seele: ›Du hast harte Worte geredet, und dein
Schweigen war das härteste!‹ Die Tränen stiegen ihr brennend empor.
Aber Heimatliebe ist wahrhaftig. Sie nennt die Sünde ihres Volkes bei
Namen.
Durch die Seele der Greisin zog das Wort eines Mannes, der wie wenige
sein Volk geliebt -- das Wort Heinrich von Treitschkes: »Wer ein wenig
über den nächsten Tag hinausdenkt, wird sich kaum der Ahnung erwehren
können, daß vielleicht schon am Beginn des kommenden Jahrhunderts
ein ungeheurer Kampf um das Christentum selber, um alle Grundlagen
der christlichen Gesittung ausbrechen mag. Gewaltige Kräfte der
Zersetzung und der Verneinung sind überall in Europa am Werke:
Materialismus, Nihilismus, Mammonsdienst und Genußgier, Spötterei und
wissenschaftliche Überhebung. Der Tag kann kommen, da alles, was noch
christlich ist, unter einem Banner sich zusammenscharen muß.«
Aber der Warner blieb ungehört, wie viele andere -- -- --
Ein schwerer Fittich rauschte über Deutschland.
Zweites Kapitel.
Wir winden dir den Jungfernkranz!
Wir schmücken singend Kirchlein und Saal,
Wir schmücken das stille sonnige Haus!
Wir winden dir in den Hochzeitskranz
Den vollen purpurnen Heidestrauß!
Wir sprechen den Heimatsegen dazu,
Den Festtagsgruß aus verklungener Zeit -- --
Ob wohl die träumende Ahnfrau erwacht,
Weil ein märkischer Junker sein Herzlieb freit?
Auf dem Altan vor dem Herrenhause saßen die Brautjungfern,
Hochzeitskränze windend. Ein anmutiges Bild, das jedes Geschlecht, jede
Zeit kennt und liebt, das immer wieder erwachen und emporsteigen wird,
-- ein Stück Heimatbrauch, wie er nicht lebensvoller gedacht werden
kann: die Töchter der Mark, der scheidenden Gespielin den Ehrendienst
leistend.
Um die laubgefüllten Körbe saßen die schlanken Mädchengestalten,
weithin leuchteten die Sommerkleider, die bunten Seidenbänder und
Schärpen. Auf blendenden Schultern, auf fleißig schaffenden Händen
flimmerte die späte Sonne, als sei's ein Strauß duftender Edelrosen,
den sie abschiednehmend küßte. Mehr als eine blonde Schönheit war unter
den Kranzwinderinnen. Manch eine beugte sich, heimlich von eigenem
Liebesglück träumend, über die duftenden Mulden, aber keine war Braut,
-- eine alte Sitte hätte sie von dem lieblichen Dienst ausgeschlossen.
Und die purpurnen Wälder leuchteten, und die weiße Septemberseide flog
über Acker und Heidstrecke, über blinkende Wasserspiegel. Vom Gutshaus
aber klang's jubelnd und jauchzend ins weite Land:
»Wir winden dir den Jungfernkranz
Mit veilchenblauer Seide!
Wir führen dich zu Spiel und Tanz,
Zu lauter Lust und Freude!
Schöner grüner,
Schöner grüner Jungfernkranz!«
Tieflandzauber wehte über Wald und Anger, über die altehrwürdige Heimat
-- --
Würden ums Abendgold die Flammen aus den Fenstern schlagen und der
Jungfernschleier über das Kambacher Moor wehen?
In den braunen und blauen Mädchenaugen stand heimliches Fragen.
»Sibylle,« rief ein goldhaariges Fräulein von Seelow, »heut nacht
brennt deine Kammer!« Und ein dunkeläugiger Schelm von siebzehn Sommern
erklärte: »Ich will aber den langen Beelitz zum Trauführer haben!«
Glutübergossen hatte sich die junge Gräfin Bühler über den
Hochzeitskranz geneigt. Jetzt hob sie das schöne Antlitz: »Kleine
Mädchen haben gar nichts zu wollen!«
»Oho, ich sag's ihm heut abend!«
»Tu', was du nicht lassen kannst!«
Ein Blütenregen war die Antwort.
»Höre, Esther Sophie, sei etwas sparsamer mit den Rosen,« mischte sich
eine Adelsleben ein. »Franz Schenker hat sagen lassen, es seien die
letzten!«
»Schenkersch olle Vadder rückt nie mit etwas heraus, außer wenn
Großmutter Kambach oder Eberhard kommen! Für andere Sterbliche hat
seine schöne Seele kein Verständnis! Ich fürchte, er ist etwas
überspannt!«
»Wenn du nur nicht überspannt bist!« meinte Anna Bertha von Strohbeck.
»Den Mann, der dich einmal bekommt, beneide ich nicht!«
Alles lachte.
»Du hast ja auch noch keine Gelegenheit dazu gehabt!« rief die Kleine
schnippisch.
»Ich bin fertig,« sagte Sibylle ruhig, als ginge die Sache sie nichts
mehr an. Behutsam legte sie das Blumengewinde über den Stuhl. Hoch
aufgerichtet stand sie in ihrem weißen Kleide da. Im dunklen Haar, das
in schweren Flechten um den feinen Kopf gesteckt war, hingen ein paar
Rosenblätter, -- lachend schüttelte sie sie ab. Alles sah sie an. Keine
hatte sie je so schön gesehen.
»Wenn er in diesem Augenblick käme,« begann die jüngste Kranzwinderin
von neuem.
Aber Sibylle Bühler drehte sich um und ging langsam ins Haus.
»Jetzt ist's genug, Esther Sophie,« sagte sie mit ruhiger Bestimmtheit.
Da wurde die Kleine feuerrot und verstummte.
Gleich darauf zogen Geigenklänge durchs Haus. Künstlerspiel.
»Chopin!« sagte Sigrid Adelsleben. »Eins weiß ich: wenn ich so spielte,
bliebe ich nicht daheim, und ob die ganze Verwandtschaft sich auf den
Kopf stellte! Eine Kunst, wie diese, ist Allgemeingut und gehört in die
Öffentlichkeit!«
»Das liegt Sibylle nicht!«
»Wer sagt das?«
»Sie selbst hat mir gesagt, sie ginge nicht zur Bühne.«
»Die Geige ist für den Konzertsaal.«
Frage und Antwort flogen herüber und hinüber.
»Wo mag Ilse nur stecken?«
»Die ist mit ihrem Schatz in den Wald gegangen,« klang es zurück.
»Streng genommen hätte sie Cercle halten müssen,« meinte Ursula von
Dachow. »Während wir unsere zarten Finger opfern, streift sie mit dem
Liebsten durchs Land! -- Wir hätten Handschuhe anziehen sollen,
Kinder!«
»Ja, man ist immer klüger, wenn man vom Rathaus kommt! -- Da sind ja
die beiden!«
Ein Fräulein von der Malwitz reckte den Hals. »Platz für die Königin!«
Die Brautjungfern sprangen von den Sitzen. Wie auf Kommando hoben sie
die Hochzeitskränze empor und hielten sie zurücktretend in weitem Bogen
über den geschaffenen Durchgang. Die feinen Gestalten leicht geneigt,
die weißen Arme emporgestreckt, die lachenden Gesichter auf die
Kommenden gerichtet, standen sie da.
Und wieder zog das alte Jungfernlied in den märkischen Herbsttag
hinaus.
Wolf Dietrich von Bühler und seine Braut standen still und lauschten
der Huldigung. Ein frohes Lächeln lag auf Ilses lieblichen Zügen,
während sie den Gespielinnen zuwinkte. Ihre edlen Formen hob ein
schlichtes Sommerkleid besonders vorteilhaft hervor. Eine rote Rose im
Gürtel, eine kostbare Perlenschnur, das Brautgeschenk Graf Bühlers,
waren der einzige Schmuck der vornehmen Erscheinung. Etwas ungemein
Zartes, Weibliches lag über ihrem ganzen Wesen, jene Milde, die, mit
dem Starken gepaart, nach Schillers Ausspruch einen guten Klang gibt.
Wolf Dietrich von Bühler spielte in der Gesellschaft eine Rolle. Sein
gewandtes liebenswürdiges Wesen, sein feines Auftreten, seine ganze
Art, sich zu geben, alles nahm für den schönen, aber leicht veranlagten
Mann ein. Der Menschenkenner las in dem frauenhaften Gesicht allerdings
manches, das besser nicht darin gestanden hätte, andere freuten sich
des angenehmen, jederzeit gefälligen Kameraden. Wolf Dietrich hatte
der Vater gefehlt. Sein Leichtsinn -- mütterliches Erbe -- war niemals
weder erkannt noch bekämpft worden. Gräfin Bühler, eine geborene Gräfin
Firlemont, eine bildhübsche gefeierte Frau, hatte zwar, wie sie sagte,
um ihrer Kinder willen nicht wieder geheiratet, sich aber keineswegs
der Erziehung derselben gewidmet. Wenigstens waren ihre Begriffe
von Kindererziehung so oberflächliche, daß der Großvater Bühler,
ein Edelmann vom alten Schlage, ihr oft in sehr entschiedener Weise
entgegentrat. Aber die Gräfin war Wolf Dietrichs und Sibyllens einziger
Vormund und ließ sich nicht dreinreden. Es gab die unerquicklichsten
Auftritte, welchen die leidenschaftliche Frau eine solche Schärfe zu
verleihen wußte, daß der alte Herr es schließlich aufgab, mit ihr
zu verhandeln und seinen Einfluß in anderer Weise geltend zu machen
suchte. Es kam hinzu, daß seine Schwiegertochter als Französin für die
vornehme Einfachheit des märkischen Adels kein Verständnis hatte.
Wolf Dietrich verehrte und liebte den Großvater auf seine Art; trotzdem
war es Graf Bühler nicht gelungen, dem Enkel seinen grenzenlosen
Leichtsinn auszutreiben. Er artete nach den Firlemonts. Der Sinn für
ererbte Scholle und ehrwürdige Überlieferung fehlte ihm gänzlich.
Seine religiösen Ansichten waren höchst oberflächlicher Art und
verdienten eher den Namen einer sehr willkürlichen Weltanschauung.
Nach außen wahrte er den guten Schein, schon um des Großvaters willen,
dessen ritterliche Persönlichkeit er stets in Ehren gehalten. Er
begleitete den alten Herrn in die heimische Dorfkirche und würde in
seiner Gegenwart niemals in herabsetzender Weise über religiöse Dinge
gesprochen haben. Aber im Grunde war er mit dem Christentum fertig. Es
vertrug sich nicht mit den modernen Lebensanschauungen, war unvereinbar
mit der Wissenschaft, war mit einem Worte rückständig. Die Frage des
Ersatzes war ja längst eine schreiende. Ob man denselben in Kunst und
Wissenschaft, in Moral oder Religiosität suchte, mußte jeder mit sich
selbst abmachen.
Obgleich der junge Offizier dem Großvater seine Ansichten nach
Möglichkeit zu verbergen suchte, wußte jener doch, wie die Dinge
standen. Aber er sagte sich: ›Viel reden nützt nichts. Das Leben muß
ihn in die Schule nehmen‹, und trug seine Sorgen vor Gott.
Mehr Freude als an dem verwöhnten Enkel, erlebte er an Sibylle, die
ganz ihres Vaters Tochter war. Wochenlang war sie bei dem Großvater,
während ihre Mutter Italien und die Schweiz bereiste. Gräfin Bühler
kam ihrem Schwiegervater in diesem Punkte bereitwillig entgegen; denn
es entsprach ganz ihren Wünschen, sich ab und zu ohne die schöne
Tochter zu zeigen. Sibylle aber tat nichts lieber, als dem alten Herrn
Gesellschaft zu leisten.
* * * * *
Das Jungfernlied war verklungen, das Brautpaar betrat den Altan.
Feierlich, als nahten zwei Fürstenkinder, senkten sich die
Hochzeitskränze. Lachend ging Ilse auf den Scherz ein und schritt, nach
allen Seiten grüßend, mit der Würde einer Herzogin an der Seite ihres
Verlobten durch die Reihen der Gespielinnen.
Es war ein Bild, wie es nicht anmutiger sein konnte, und über die
ernsten Züge des Gutsherrn, der mit dem greisen Erblandmarschall aus
einem Fenster des oberen Stocks auf die Gruppe niederblickte, ging ein
Lächeln.
»Das war meine selige Frau, wie sie leibte und lebte!« sagte er und
beugte sich vor, um der Tochter nachzusehen.
Graf Bühler nickte versonnen. »Wolf Dietrich kann sich glücklich
preisen. Er verdient Ilse gar nicht.« Als der Hausherr schwieg,
fuhr er fort: »Sie wissen ja, wie ich über diese Heirat denke,
lieber Kambach, und ich will Ihnen am allerwenigsten heute das Herz
schwerer machen, als es schon ist, aber ich muß es Ihnen noch einmal
aussprechen: ich werde die Sorge nicht los! Und diese Sorge betrifft
nicht nur Ihre Tochter, welche durch die Heirat mit meinem Enkel aller
Wahrscheinlichkeit nach keiner leichten Zukunft entgegengeht, sie
betrifft auch Ihren Sohn.«
Er hielt inne, das feine geistvolle Gesicht beobachtend auf die Züge
des anderen gerichtet.
Herr von Kambach blickte noch immer auf die Stelle, wo die helle
Gestalt seines Kindes im Sonnenschein gestanden. Eine tiefe Falte
hatte sich in die hohe Stirn des alten Soldaten gegraben, und die
schmalen bartlosen Lippen preßten sich fest aufeinander. Er fuhr mit
der Rechten über das kurz verschnittene Haar. Diese Frage durfte
außer seiner Mutter nur einer anschneiden, -- der Mann, der vor ihm
stand. Trotzdem ging allemal ein Stich durch das Herz des Vaters und
märkischen Edelmannes. Starb die alte Art aus? War die Rasse nicht
mehr rein? Wahrlich, bisweilen kam ihm der Gedanke, daß die Mächte,
vor denen er noch bis vor kurzem seine alte Mark sicher geglaubt, auch
hier Fuß faßten. Denn immer wieder mußte er sich sagen, daß es nicht
nur das Garnisonsleben war, das Eliteregiment mit seiner Üppigkeit,
seinen unleugbaren Versuchungen, das dem Mann Gefahren brachte, wies
doch neben diesen Nachtseiten gerade der Offizierstand Vorzüge auf,
wie die strenge Zucht, die scharfe Fassung des Ehrbegriffs, den festen
kameradschaftlichen Zusammenschluß, -- Vorzüge, die nicht nur geeignet
waren, das sittliche Leben in hohem Maße zu festigen, sondern auch
das Geschlecht, das in unentwegter Treue zu Altar und Thron stand,
dem Vaterlande zu erhalten. Nein, der Schaden lag an anderer Stelle:
der Offizierstand als solcher verschuldete den Niedergang nicht, --
Deutschlands Söhne waren es, welche den Verfall in die Armee trugen.
Ein erschütternd schwerer Vorwurf gegen Staat und Kirche, Gesellschaft
und Familie! Das eiserne Pflichtgefühl, das die Väter stark gemacht,
war den Enkeln verloren gegangen. Gottesfurcht und Gottvertrauen, jene
felsenfesten Träger gesunden Volkslebens, lehnte der moderne Mensch in
unfaßlicher Selbstüberhebung ab. Der Kapitalismus aber trug den Fluch
des Goldes herein, Gesellschaft und Persönlichkeit vergiftend. Das war
Deutschland hundert Jahre nach den Befreiungskriegen!
Und der königstreue märkische Edelmann schaute blutenden Herzens die
sichtbaren Spuren des großen allgemeinen vaterländischen Verfalls am
eigenen Fleisch und Blut. Darum brach unter der leisesten Berührung von
treuer Hand immer wieder die Wunde auf, -- ein Kambach verstand auf
dem Schlachtfeld für seinen König zu sterben, mit gebundenen Händen
Deutschland verbluten zu sehen, verstand er nicht. Das war mehr, als
Manneskraft ertrug! --
Harro stand bei den Drachenburger Ulanen. Es war Überlieferung bei den
Kambachs, daß der älteste Sohn in dies Regiment trat. Er war etwas
jünger als Wolf Dietrich Bühler, den er von klein auf kannte. Die
Familiengüter grenzten aneinander; solange man denken konnte, hatten
die Kambachs und Bühlers gute Nachbarschaft gehalten. Die Knaben
hatten zusammen gespielt, das Kadettenhaus hatte sie zusammengeführt,
später das Regiment. Die Kameradschaft war eine alte, die Freundschaft
schien neueren Datums. Harro Kambach hatte im Regiment geäußert, die
Verlobung seiner Schwester sei die Veranlassung gewesen. Aber man
glaubte ihm nicht recht.
Am wenigsten der Großvater Bühler. Und so sehr er den Enkel trotz
seines Leichtsinns liebte, glaubte er, soweit es in seiner Macht
stand, andere vor seinem Einfluß bewahren zu müssen. Er hatte vor Wolf
Dietrichs Verlobung dem Oberstallmeister seine Bedenken ausgesprochen
und dem Freunde nichts verhehlt. Aber belastende Dinge lagen nicht
vor, und Ilse war mündig. Der Kambacher konnte seine Tochter
daher nur warnen. Und er tat es mit aller ihm zu Gebote stehenden
Überzeugungskunst. Er verhehlte ihr nicht, daß seines Erachtens
ein ausnahmsweise starker gereifter, um nicht zu sagen männlicher
Frauencharakter dazu gehöre, um dieser ungefestigten leichtherzigen
Persönlichkeit den Rücken zu stärken, er sagte ihr ganz offen, daß
ihre Veranlagung ihm selbst zwar die bei weitem liebere, aber nicht
die für diese Vereinigung richtige sei. Denn ihrem Bunde mit Bühler
werde die notwendige Ergänzung fehlen. Er hatte ihr endlich die letzten
schwersten Folgen einer unglücklichen Ehe klargemacht, -- alles war
vergeblich. In Tränen hatte sie vor dem Vater gestanden: »Ich lieb'
ihn doch über alles!« Dabei war's geblieben. Denn der Oberstallmeister
war der Ansicht, daß ausgewachsene Menschen ihr Schicksal selbst
entscheiden müssen. So ward Ilse Kambach Bühlers Braut. --
»Erlaucht,« sagte der Hausherr, »so schwer dies Gespräch für mich als
Vater ist, bitte ich doch daran festzuhalten, daß es nicht nur die
alte treue Freundschaft ist, die mir dasselbe ermöglicht, sondern das
persönliche Bewußtsein: wir stehen als Christen und Edelleute auf
demselben Boden. Die Ursache unseres großen völkischen Niedergangs ist
dieselbe, die dem Verderben des einzelnen zugrunde liegt: der Abfall
von dem lebendigen Gott. Das ist Hauptursache für alles andere, --
für den sittlichen Niedergang aller Kreise, für das Absterben von
Vaterlandsliebe und Königstreue!« Er schritt erregt durch den sonnigen
Raum. »Sollen wir den Kindern einer in der Zersetzung begriffenen Zeit
den allgemeinen Verfall zum Vorwurf machen? Kann der Apfel dafür, daß
er wurmstichig ist? Erlaucht, das sind Fragen, die einen zermürben,
wenn man Söhne hat, Fragen, die das Blut aufpeitschen und einen von
Zwiespalt zu Zwiespalt hetzen. Und doch komme ich immer wieder zu dem
schweren Ergebnis: der einzelne ist verantwortlich. Zumal der Sohn
eines christlichen Hauses, dem Gottesfurcht und Königstreue ererbte
Kleinodien sind. Ich sage damit nicht zuviel -- bei uns Söhnen der Mark
gehe ich sogar noch einen Schritt weiter und spreche stolz von einem
Erbteil adligen Blutes. Wer das aber verleugnen kann, -- um Sinnenlust
und Geldgier verleugnen kann, -- der ist nicht wert, ein Preuße zu
heißen, der ist ein Lump!«
Er blieb vor dem alten Herrn stehen. Die blauen Augen lohten: »Ich weiß
ganz genau, was Erlaucht mir über meinen Sohn sagen wollen. Nichts, was
ihn gesellschaftlich unmöglich macht -- Gott bewahre! Auslachen würde
man mich, wollte ich Erkundigungen in dieser Richtung einziehen! Aber,
-- dies Aber spricht Bände für mich! Meine Mutter kam neulich auf der
Rückfahrt von Bühl hierher und hat mir gesagt, was Brelow erzählt hat!«
Der Greis nickte still vor sich hin. Die feinen Nasenflügel bebten.
»Sie wollte sich den Jungen vornehmen, -- keiner versteht's besser wie
sie!«
»Wenn's nur was hülfe!« entgegnete der Hausherr.
»Wie Sie ja inzwischen erfahren haben,« fuhr der Erblandmarschall
fort, »hat Joachim Brelow seinem Vater erzählt, man spräche in
Offizierskreisen nicht gerade ablehnend, aber in verändertem Ton von
den beiden. Etwas Greifbares hat er nicht gewußt -- fast wär's mir
lieber gewesen! Denn man steht ja mit gebundenen Händen da. Und doch
besagt dieser ›veränderte Ton‹ alles.«
Kambach nickte finster vor sich hin, und der Graf fuhr fort: »Ich
muß immer an das Urteil denken, das der Franzose über die erste
Grenzüberschreitung der Frau fällt: ›+Un peu déclassée!+‹ Wieviel
weiter darf der Mann gehen, ohne daß ihn der geringste Vorwurf trifft!
Und ich bin überzeugt, daß nur diejenigen, welche wir schätzen, ihre
kameradschaftliche Haltung verändert haben.«
Kambach nickte: »Ich habe mir die Sache diese Tage viel durch den Kopf
gehen lassen, sie auch mit meiner Mutter besprochen. Ilse muß sehen,
wie sie fertig wird, gewarnt worden ist sie oft genug. Harro werde ich
sagen, was ich über ihn gehört habe. Das Urteil der Kameraden wiegt
manchmal schwerer, als der Rat des Vaters.«
Sorgenvoll blickte er über die herbstliche Landschaft.
Da legte sich eine Hand auf seinen Arm. »Sehen Sie nicht zu schwarz in
die Zukunft, lieber Kambach!« sagte Graf Bühler. »Wenn wir Menschen
nicht aus noch ein wissen, löst unser Herrgott mit einem Hauch seines
Mundes die Fragen der Zeit.«
Doch der andere stand unter dem Druck schwerer Verantwortung. »Er
verlangt aber auch, daß wir an unserem Teil dazu beitragen! Wenn der
Junge vergessen sollte, daß er ein preußischer Offizier ist, dann --
gnade ihm Gott!« Die Reckengestalt straffte sich, wieder stand die
Falte zwischen den Brauen.
»Vielleicht gelingt es Ihnen zu verhüten, daß er es vergißt,« sagte
der Erblandmarschall mit der Milde des Alters. »Ich habe mir Wolf
Dietrich übrigens kürzlich noch einmal vorgenommen und sehr ernst mit
ihm geredet. Er war zugänglich und weich wie immer, wenn ich ihm etwas
vorhalte. Allerdings mußte ich, wie gewöhnlich, wenn ich ihn ermahne,
an den Sohn im Evangelium denken, der dem Vater antwortet: ›Ich will's
tun!‹ und tut's nicht. -- Ob Ilse irgendwelchen Einfluß auf ihn ausüben
wird?«
Kambach schüttelte den Kopf. »Ilse ist ein weiches hingebendes
Geschöpf, zu jedem Opfer bereit, -- ein Charakter ist sie nicht. An
diese Stelle hätte eine Frau wie Sibylle gehört.«
Der Greis sah nachdenklich vor sich nieder, dann richtete er das kluge
Auge fragend auf sein Gegenüber: »Ist Ihnen etwas von einer Neigung
Harros zu Sibylle bekannt?«
Herr von Kambach sah überrascht auf. »Nein.«
»Ich möchte Sie doch auf diese Möglichkeit aufmerksam machen,«
entgegnete der andere ernst.
»Würden Erlaucht seiner Werbung zustimmen?«
Der Graf zuckte die Achseln. »Ich komme nicht in Frage. Sibylle steht
unter der Vormundschaft ihrer Mutter und wird in absehbarer Zeit
mündig.«
Ein Wagen rollte über den Fahrdamm.
»Das sind Brelows,« sagte der Hausherr. »Verzeihung, Erlaucht!« Er
wandte sich zur Tür, seinen Gästen entgegenzugehen.
Der alte Herr hielt ihn zurück. »Nicht wahr, es ist alles beim alten
zwischen uns?«
Der Oberstallmeister blickte in das schöne ehrwürdige Gesicht.
»Erlaucht!« Sie sahen sich fest ins Auge.
»Solange die Bühlers und Kambachs noch eine märkische Ackerkrume
besitzen, soll's wahr bleiben: Hie gut Brandenburg allewege!«
Der Erblandmarschall umfaßte die Rechte des Gutsnachbarn mit kräftigem
Druck. »Ich weiß es, wir stehen zusammen!«
Der andere richtete sich hoch auf, als gälte es, seinem König den
Fahneneid zu leisten. »Gott walt's!« antwortete er mit fester Stimme.
-- --
Auf dem Altan ward's lebendig. Mädchenlachen klang herauf,
Willkommensrufe.
Die beiden Männer hörten es nicht.
So oft die Geschichte im Vorüberschreiten den Schleier von einer
leuchtenden Vergangenheit hebt, wird in deutschen Herzen die Sehnsucht
nach nationalem Reichtum, nach persönlichen Trägern großer Ideale wach.
Ein Fragen nach den Zeichen der Zeit hebt an, der Alltag ist vergessen
-- --
Endlich brach der Kambacher das Schweigen. »Könnt' ich dem Jungen
begreiflich machen, daß Gott, König und Vaterland mehr als wesenlose
Begriffe, daß sie im höchsten Sinne Wirklichkeit, daß sie Leben und
Wahrheit sind! Könnt' ich ihn mit einem Wort -- Geschichte lehren!
Denn sonst wird er im ganzen Leben kein Mann! Aber es wird mir nicht
gelingen!«
»Vielleicht gelingt es einer Frau,« erwiderte Job Wilhelm von Bühler,
als spräche er zu sich selber, und sein Blick flog über den Altan zu
einer stolzen Mädchengestalt im weißen Sommerkleide, welche soeben Graf
Brelow begrüßte. ›Der gelingt's,‹ fügte er in Gedanken hinzu, ›aber sie
ist zu schade für ihn.‹
»Guten Tag, Sibylle,« rief eine helle Stimme, »wie ich mich freue!«
Und eine goldhaarige Frau, Mitte Dreißig, umarmte das junge Mädchen.
»Wahrhaftig, Sie sind noch schöner geworden!« fügte sie halblaut hinzu.
Sibylle wurde dunkelrot. »Helfen Sie mir, Graf Brelow,« sagte sie
lachend. »Ihre Frau ist ja schlimmer, als die Drachenburger Ulanen!«
Und sie wollte ins Haus schlüpfen. Aber sie kam nicht weit.
»Tag, Billy!« Ein blutjunger Gardedragoner stand vor ihr.
»Donnerwetter, Cousinchen, hast du dich seit meinem letzten Besuch in
Bühl verändert!«
»Glaub' nicht, daß du jünger geworden bist,« gab sie schlagfertig
zurück und reichte ihm weitergehend die Hand.
»Aber schöner!«
Sie zuckte mit vielsagendem Gesicht die Achseln. --
»Gestatten gnädigste Gräfin!« Ein Ulan verbeugte sich vor Sibylle.
Freundlich begrüßte sie den Hünen.
»Wie geht's Ihren Schwestern, Herr von Luckau?«
»Danke, gut. Die jüngste kommt morgen.«
»So, das ist ja hübsch!«
Drei andere tauchten hinter ihm auf. Von Offizieren umringt, stand
das junge Mädchen auf den Stufen. Einem nach dem anderen reichte sie
kameradschaftlich die Hand; sie kannte die Herren von den Berliner
Hofbällen. Mit derselben ruhigen Freundlichkeit begegnete sie jedem,
der ihr nahte. Keiner unter den hochgewachsenen märkischen Edelleuten
konnte sich einer Bevorzugung von seiten Sibylle Bühlers rühmen.
Und dann kam ein Augenblick, wo flammende Röte in das schöne Gesicht
stieg. Der Kreis öffnete sich, und ein junger Offizier neigte sich
tief über die Mädchenhand: »Darf ich mich als Trauführer vorstellen,
gnädigste Gräfin? Der Bruder der Braut hat das Recht, seine Dame zu
wählen!« Sein leuchtender Blick tauchte in die nachtschwarzen Augen.
Sie antwortete nicht. Langsam senkte sie die seidenen Wimpern.
Der greise Menschenkenner am Fenster des oberen Stocks wußte genug.
Drittes Kapitel.
Bodenständig.
Eh' du ein Edelgut vertauscht,
Geh still mit deinem Gott zu Rat,
Daß er dir in die Seele schreibt,
Was seine Huld gegeben hat.
Daß Heimatliebe, Heimatbrauch,
Daß Treue und Beständigkeit
Von Gott, dem Herrn, gesegnet sind
Zum großen Werk der Ewigkeit.
Wieder ging ein sonniger Herbsttag zur Neige. Die märkische Heide lag
im Goldglanz der Dämmerung, und die purpurnen Wälder rüsteten sich zur
Nacht.
Da jauchzten die Geigen durchs Kambacher Haus, und der Brautschleier
wehte. Die neuvermählte Gräfin Bühler eröffnete mit ihrem jungen
Gatten den Ball. Aller Blicke begleiteten die schönen hochgewachsenen
Gestalten durch den kerzenhellen Gartensaal. Die Trauführer mit ihren
Damen folgten.
Die Neuvermählten stellten sich in der Mitte des Saales auf, die Paare
schlossen einen Ring, und das sogenannte Abtanzen des Brautkranzes
begann. Mit verbundenen Augen tastete die junge Frau hierhin und
dorthin. Dann schritt sie auf ihre Schwägerin Sibylle zu. Harro
Kambach erhielt den Strauß.
Mehr als ein vielsagender Blick folgte dem Paar, das nach tiefer
Verneigung vor den Neuvermählten den Abschiedsreigen eröffnete. --
Die Jagdhörner klangen. Die Brautführer schritten, silberne Armleuchter
tragend, voran, und, gefolgt von den Gespielinnen, betrat Ilse Bühler
zum letzten Male den Raum, den sie als Mädchen bewohnt.
Unten harrte der Viererzug, hinter sich, gleich einer langen funkelnden
Kette, die Schar berittener Bauern, die der Tochter des Gutsherrn nach
alter Sitte mit brennenden Fackeln bis zur Grenze das Geleit geben
sollte.
Über Sumpf und Sand, über des Tieflandes endloser Weite blaute die
Mondnacht. Aus dem Hochzeitssaal lockte Walzermusik, und der Wind trug
festliche Klänge vom Dorf herauf.
Oben in dem hellen Raum standen die märkischen Edelfräulein in ihren
langen seidenen Hofkleidern und leisteten der jungen Frau den letzten
Dienst. Kein Wort wurde gesprochen. Sinnender Ernst lag auf allen
Gesichtern. Wie ausgewechselt schien die fröhliche Schar.
Dann stand Ilse Bühler im Reisekleid auf der Schwelle. Ein letztes
Mal ging ihr Blick durch den freundlichen Raum, darin sie soviel
erlebt, Frohes und Trübes. Noch war alles unverändert. Die Uhr tickte,
die Blumen blühten am Fenster. Vom Schreibtisch grüßten die Bilder
ihrer Lieben, auf der Staffelei stand eine eben vollendete Skizze,
eine stille herbstliche Waldstraße. Sie hatte vor der Hochzeit alles
einpacken wollen, aber Sibylle hatte gebeten: »Das besorg' ich, wenn du
abgereist bist!« Ilse sagte nicht nein. Die schwesterliche Liebe tat
der mutterlosen Braut wohl.
Wie ein Traum zog das Leben an der Scheidenden vorüber -- --
Ihr Blick fiel auf das Kleid, das sie soeben abgelegt, auf Kranz und
Schleier. Sinnend ruhte ihr Auge darauf -- das war nun vorüber -- ein
Schauer durchrann die schöne Gestalt.
Es klopfte. Sie wurde gerufen. Es war Zeit.
Leidenschaftlich umschlang sie Sibylle. Die übrigen Brautjungfern
umringten sie. Schweigend küßte sie eine nach der anderen, dann schritt
sie ihnen voran die Treppe hinab.
Unten kam das Schwerste. Der Abschied von Vater und Großmutter, von
den Brüdern. Unbemerkt hatten sie den Saal verlassen und erwarteten
in der Halle die junge Frau. Sogar der alte Erblandmarschall hatte
es sich nicht nehmen lassen, trotz eines Ischiasanfalles noch einmal
herunterzukommen. Neben Frau Sabine, die sich auf Harros Arm stützte,
stand er über seinen Krückstock gebeugt. Der kleine Eberhard Kambach,
ein frischer hübscher Junge, der Ostern konfirmiert werden sollte,
wollte Stühle holen, aber die beiden Alten wehrten ab. Ilse käme ja
gleich, und sie wollten vom Altan die Abfahrt sehen.
Neben der strammen soldatischen Erscheinung des Oberstallmeisters stand
eine Gestalt, die nicht ganz in das Kambacher Gutshaus paßte. Eine
überschlanke bildhübsche, aber nicht mehr junge Frau im sehr engen,
tief ausgeschnittenen, spitzenüberrieselten türkisblauen Hofkleide.
Man fragte sich unwillkürlich, warum eine Dame, die über solch eine
Erscheinung verfügte, in ihrer Kleidung nicht wählerischer sei.
»Hinreißend schön, aber nicht vornehm,« hatte der kleine Gardedragoner,
der vor wenigen Stunden, in den Anblick der Tochter versunken, auf der
Freitreppe gestanden, über Gräfin Bühler geurteilt, und seine Ansicht
war die allgemeine. Der alte märkische Adel war für das Halbweltliche
noch nicht reif.
Ilse Bühler hatte den Umstehenden Lebewohl gesagt. Hastig küßte sie den
kleinen Bruder. »Besuch' mich bald, Bubi!« Ihre Stimme erstickte. Sie
wandte sich ab. Im nächsten Augenblick hing sie aufschluchzend am Halse
des Vaters. Er preßte sie an sich. In tiefer Bewegung flüsterte er ihr
etwas ins Ohr. Da faßte sie sich. Unter Tränen lächelnd beugte sie sich
über seine Hände und küßte sie wieder und wieder. Dann nahm sie rasch
entschlossen seinen Arm, nickte den Zurückbleibenden noch einmal zu und
ließ sich an den Wagen führen.
Dort wartete Wolf Dietrich, der das letzte Lebewohl nicht hatte
stören wollen. Nachdem er seiner jungen Frau in den Wagen geholfen,
verabschiedete er sich mit fast zu stark betonter, das Förmliche
streifender Ehrerbietigkeit von seinem Schwiegervater. Dann stieg er
ein.
Der weit zurückgeschlagene Landauer glich einem Rosengarten.
Dankend winkte Ilse den Brautjungfern zu. Ein letzter Händedruck, ein
letzter Blick in die Augen des Vaters, und fort ging's, den breiten
Kiesweg entlang, der Dorfstraße zu. In langem Zuge folgten die
Fackelreiter. -- --
Der Hochzeitswagen war längst im Dunkel der Herbstnacht verschwunden,
nur die tanzenden Lichter glühten und flimmerten noch auf der Heide.
Regungslos stand Herr von Kambach auf den Stufen. Der Himmel hatte sich
bewölkt, ein feiner Sprühregen zog über die stillen Lande. Er merkte
es nicht. Seine Gedanken waren bei seinem Kinde. Langsam rann ihm eine
Träne die Wange herab, und er schämte sich ihrer nicht.
Da legte sich eine Hand auf seinen Arm. Eine schlanke Mädchengestalt
in rosa Seide stand im hellen Schein des Lüsters vor ihm. Ein dichter
Kranz halb aufgebrochener Rosen blühte im dunklen Haar, eine Reihe
echter Perlen umschloß den Hals. Allen anderen Schmuck hatte Sibylle
Bühler verschmäht.
»Es regnet,« sagte sie freundlich, und die schönen Augen sahen ihn
bittend an. Sie glichen zwei anderen zum Verwechseln. In das Herz
seines Kindes hatten diese nachtschwarzen Augen geschaut, und die junge
Seele war unter ihrem Blick erschauert. Und nun sahen sie ihn an, diese
samtweichen Augen der Bühlers! Aber in denen des jungen Weibes lag eine
Ruhe und Klarheit, eine geistige Schönheit, die sich in Wolf Dietrichs
Augen nicht widerspiegelte. Und wie so oft schon stieg's in der Seele
des Mannes empor: ›Es ist das fremde Blut! Warum mußte Kaspar Heinrich
die Firlemont freien!‹ -- Aber Sibylle war eine echte Bühler! --
Und es lag etwas Warmes, Väterliches in seiner Art, als er den Arm des
jungen Mädchens in den seinen zog. »Ja, Kind, Sie haben recht. Ich bin
schon ganz naß!« Er strich über das feuchte Haar.
Jetzt erst gewahrte er, daß sie so, wie sie den Saal verlassen, im
ausgeschnittenen Kleide vor ihm stand.
»Menschenkind, sind Sie toll? Schnell! Sie erkälten sich!« Er war
wieder ganz der alte Kambach. »Marsch hinauf und zehnmal durch den Saal
gewalzt und dann einen Punsch drauf! Verstanden?«
Sie lachte. »Ich habe ja gar nicht im Regen gestanden!«
Aber er ließ nicht locker.
Auf der Treppe begegneten sie dem langen Malwitz.
»Sind Sie schon für den Walzer versagt?« rief er ihm entgegen. »Nein?
Gut. So sorgen Sie dafür, daß die Gräfin warm wird!« Und er erzählte
ihm Sibyllens Leichtsinn.
Sie aber lehnte alles ab.
»Es wäre schlimm, wenn ein Landmädchen nicht mehr vertragen könnte!«
Und sie folgte ihrem Tänzer in den Saal. --
Das Wort von den ›fürstlichen Hochzeiten der Mark‹ bewahrheitete sich
wie kein anderes. Was das Land an ererbtem Glanz und Reichtum barg, an
hundertjährigem Brauch und edler Sitte, das trat an seinen Ehrentagen
aus der Verborgenheit ans Licht und grüßte das Volk. Die schlichten
Gutshäuser schmückten sich, als sollten Könige unter ihrem Dache
rasten, die fleißigen blonden Landedelfrauen holten Perlen und Gestein
aus den Truhen, goldgestickte Stoffe, kostbare Schleier, die ledigen
Mägdlein rüsteten stolz das Hofkleid und pflückten im Park die Rosen
zum Jungfernkranz.
Fürstlich war auch die Hochzeitstafel. Im äußeren Schmuck, in
allem, was sie bot. Vom goldenen hundertjährigen Tafelaufsatz
und dem fein gewirkten Wappentuch bis zum kristallenen Kelch und
seinem perlenden Inhalt war's fürstliche Gastfreundschaft, die das
märkische Hochzeitshaus bot. Das großartigste aber war und blieb der
patriarchalische Geist, der diese Gastfreundschaft beseelte. Freite die
Herrentochter, so feierte der ärmste Knecht die Hochzeit fröhlich mit,
so trank er des Edelmanns Wein und aß seinen Fisch. Kein Kind im Dorf,
das nicht seinen Festkuchen erhielt, kein armes Mütterchen, dessen man
nicht im Gutshause gedacht.
Park und Gartensaal standen offen. Niemand war ausgeschlossen. Und
wer des Schauens müde geworden, der ging in den herrschaftlichen
Milchkeller hinüber, wo sich die Paare nach den Klängen der Fidel
drehten, und wagte ein Tänzchen.
Waren die festlichen Tage vorüber und die Hochzeitskränze verwelkt,
herrschte Ebbe im Säckel des Gutsherrn. Doch gute Ernten füllten ihn
wieder, und Treue lohnte die Treue. Ein starker zäher Kitt verband
Herrn und Knecht. Denn es war nicht nur preußische Adelsehre, welche
diese patriarchalischen wahrhaft fürstlichen Feste gebot, es war die
Liebe zur Scholle, zu Volk und Vaterland, die immer wieder einen
Markstein am deutschen Lebenswege aufrichtete. -- --
Die Nacht war heraufgestiegen. Die letzten Regentropfen hingen an Busch
und Baum, die Sterne funkelten. In leuchtender Klarheit stand der Mond
über dem Altan.
Drinnen klangen die Geigen. Die Paare schwebten über das Parkett. Eine
wunderbare Ruhe lag über dem stimmungsvollen Bilde. Licht, Farbe, Töne
schienen sich miteinander zu verschmelzen. Denn hier brannten noch
Kerzen in den Kronleuchtern, wahrhaftige Kerzen wie in alter Zeit,
als Gräfin Sabine Trach und der junge Kambacher Herr den Hubertusball
eröffneten. Daher der zarte Schimmer, der feenhafte Glanz, der den
Bildern aus den Tagen Friedrichs des Großen eigen, der das Flötenspiel
des königlichen Künstlers mit seinen sanften Lichtern umspielte.
Es war, als hätte die junge Frau, die unten in der Halle in heißem
Abschiedsschmerz des Vaters Hände geküßt, ihren Dornröschentraum
durch den Hochzeitssaal getragen, und die schönste Blüte sei langsam
entblättert. -- -- --
* * * * *
Sibylle Bühler tanzte den Tischwalzer mit dem Sohn des Hauses. Man
hatte die Nachbarskinder an diesem Abend schon öfter beisammen gesehen,
-- nun tanzten sie auch noch den Tischwalzer zusammen, -- die jungen
Mädchen begannen zu tuscheln.
Doch die beiden trugen eine solch eherne Ruhe zur Schau, daß der kleine
Dragonerleutnant von Dachow, der seine Cousine vergötterte, sich
erleichtert sagte, er habe sich gestern mittag wohl geirrt.
Gräfin Brelow aber, die Sibylle seit ihrer Mädchenzeit kannte und
liebte, sagte zu ihrem Manne: »Wenn ich nicht wüßte, sie ist die
einzige, die ihm dazu verhelfen kann, ein rechter Kambach zu werden,
ich würde alles tun, um die beiden Menschen zu trennen! Aber du wirst
es erleben, Achim, sie bringt ihn zurecht!«
»So kampflustig?« Er sah sie lächelnd an. Drei Körbe hatte sie
ihm gegeben, und nun war sie glückliche Frau und Mutter von sechs
Kindern. »Du irrst dich auch manchmal,« sagte er. »Außerdem betonst
du doch sonst das Wort bei jeder Gelegenheit ›Ehen werden im Himmel
geschlossen‹, und nun denkst du daran, die beiden zu trennen.«
»Ich denke eben nicht daran!« entgegnete sie, mit ihrem kostbaren
Spitzenfächer spielend.
»Aber du würdest daran denken, wenn Sibylle nicht Sibylle wäre.«
»Ja, das würde ich.« Sie rückte dicht an ihn heran. »Erinnerst du dich
eines großen Marmorbildes in einer früheren Dresdener Kunstausstellung:
›Mann und Weib‹? Sie schlafen. Seite an Seite liegen sie ausgestreckt,
-- Idealgestalten deutschen Lebens. Ich sagte dir schon damals, daß die
Frau Sibylle gleiche; Harro Kambach kannte ich noch nicht! Jetzt weiß
ich, wer der Mann ist, -- seltsam, -- als ob die beiden dem Künstler
vor Augen gestanden hätten!«
»Und weil sie jenem Marmorbilde gleichen, sollen sie sich heiraten?
Ursel, -- nimm's nicht übel!«
»Ja, ja, ich weiß, ich bin eine Schwärmerin! Aber sei nur ganz still.
Mein Haushalt geht am Schnürchen!«
»Weil du eine vorzügliche Mamsell hast!«
»Ach was! Hör' zu! -- Also erstens ist die Ähnlichkeit geradezu
überwältigend. Außerdem habe ich niemals die Ergänzung der Seelen
widergespiegelt gesehen, wie in diesen Gestalten!«
»Und deshalb sollen sich Harro Kambach und Sibylle Bühler auch
ergänzen, -- lieber Schatz!« Er lachte hell auf.
»Sei still, da kommen sie.« Langsam schritten die zwei vorüber, ihrem
Platz zu.
Graf Brelows Augen folgten ihnen. »Sie ist überhaupt viel zu schade für
ihn,« sagte er. »Zum Glück weiß der Großvater, was für ein Luftikus
Kambach ist. Hoffentlich ist die Mutter vernünftig und Sibylle selbst
...«
»Sibylle liebt ihn,« unterbrach die Gräfin ihren Mann. »Zu schade,
sagst du, sei sie für ihn?« fuhr sie dann fort. »Gibt's Größeres, als
einen Menschen zu Gott zu führen?«
»Wer sagt dir, daß ihr das gelingt? Ist nicht auch die Möglichkeit
vorhanden, daß der Mann das Weib von Gott löst?«
»Nein!« rief sie lebhaft, »das ist unmöglich -- bei Sibylle? Nein!«
»Gesetzt den Fall, du behieltest recht, Ursel, aber sie brächte ihn
trotzdem nicht auf den rechten Weg! Bitte stell' dir diese Ehe vor!«
»Die Hölle auf Erden!« rief sie, und dann faßte sie seine Hand. »Bei
uns war's auch nicht immer so, wie's heut' ist!«
Er blickte glücklich auf sie nieder. »Aber jetzt bleibt es wie's ist,
nicht wahr? Was wäre ein Brelow ohne das Kreuz?«
Sie hob die strahlenden Augen zu ihm empor. »Darum gönn' ich's auch
einem Kambach! Du sollst sehen, Achim, sie bringt es ihm.« -- --
Der Kotillon begann.
Harro Kambach verneigte sich vor der schönen Frau.
»Verzeihung, Herr Graf!«
Brelow nickte dem jungen Offizier freundlich zu. Dann erhob er sich, um
seiner Frau Platz zu machen.
Ein mit Rosen beladener Wagen wurde in den Saal gefahren. Zwei
weißgekleidete kleine Mädchen aus der Nachbarschaft trugen Kissen mit
weißen und roten Orden herein.
Der Sohn des Hauses schlang den Arm um seine Dame. Die tanzende Jugend
folgte dem eleganten Paar. Offiziere und junge Mädchen drängten nach
der Mitte des Saales.
Gräfin Brelow stand mit einer rotweißen Schleife vor dem alten
Erblandmarschall. »Darf ich, Erlaucht?«
Sie steckte ihm den Orden an den Frack.
Er neigte den weißen Kopf über ihre Hand. »Wär' ich dreißig Jahre
jünger, meine gnädigste Gräfin, so sollten Sie den langen Bühler kennen
lernen! Aber das Alter!«
Die braunen Augen sahen den bekannten ehemaligen Prinzessinnentänzer
schelmisch an: »Ich komme doch aus Freundschaft, Erlaucht!«
»Das weiß ich!« Er nickte ihr väterlich zu. »Setzen Sie sich zu mir,
Ihr Tänzer ist beschäftigt, er wird Sie schon finden!«
Sie nahm an seiner Seite Platz.
»Das ist eine Hochzeit nach meinem Sinn,« begann der alte Herr in
aufgeräumter Stimmung. »Die Kambacher verstehen's! Fürstliche Aufnahme,
ausgezeichnete Bewirtung, -- und doch keine Protzerei, keine Berliner
Üppigkeit! Wissen Sie, Gräfin, daß mich die Berliner Gasthofhochzeiten
geradezu anwidern. Das gehört sich nicht für einen Landedelmann. Ein
echter Junker feiert seine Feste auf der Scholle!«
Sie nickte eifrig. »Das ist ganz meine Meinung, Erlaucht! Wo soll die
Bodenständigkeit herkommen, wenn die Landflucht der höheren Kreise
überhandnimmt! Meine Verwandten Klemm gehen jetzt für sechs Monate nach
Ägypten, nur weil sie sich zu Hause langweilen. Sie sind alle beide
kerngesund, es fehlt ihnen nichts als sozialer Sinn und das nötige
Pflichtgefühl. Im Frühjahr heiratet die älteste Tochter, die Hochzeit
ist natürlich in Berlin. Achim gerät ganz aus dem Häuschen, wenn ich
davon anfange. Ich glaube, er ließe sich scheiden, wenn ich auf solche
Gedanken verfiele.«
»Das würde ich ihm durchaus nicht verdenken,« sagte der alte Herr.
»Landedelfrauen, denen die Heimatliebe und damit der Sinn für das
Ererbte fehlt, wissen gar nicht, welch ein Kleinod ihnen anvertraut
ist. Die Frau ist die Hüterin der Volksseele, die Beschützerin des
Familienlebens, der Sitte. Nirgends aber hat sie so Gelegenheit,
ihrem hohen Beruf nachzugehen, wie auf eigenem Grund und Boden; denn
keine andere Frau kann unmittelbarer, persönlicher, uneingeschränkter
ihren Einfluß ausüben, als die Landedelfrau. Sie begeht darum nicht
nur ein Unrecht, sie begeht eine grenzenlose Torheit, wenn sie auf
diesen Einfluß verzichtet; denn sie verliert mit ihm die Liebe und
Anhänglichkeit ihrer Untergebenen. Die Frau trägt eine Macht auf
dem Haupte, gnädigste Gräfin, Sie werden das ja selbst am besten
wissen! Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: auf den Gütern, wo die
Herrschaft keinerlei persönliche Fühlung mit den Leuten hat, blüht
die Sozialdemokratie. Die Frauen und Töchter der Majoratsherren, die
niemals auf Erntefesten mittanzen, niemals Krankenbesuche im Dorf
machen, mit einem Wort, die die Leute nicht kennen, die schädigen,
-- das klingt furchtbar hart, aber es ist nun einmal so, -- ich
sage, die schädigen den Großgrundbesitz. Denn sie beschleunigen
durch ihr Verhalten, durch ihren Mangel an Interesse die Landflucht.
Die Herrschaft, die den Leuten keine Liebe entgegenbringt, kein
Zusammengehörigkeitsgefühl in ihnen weckt, kann auch keine Treue von
ihnen erwarten. Aber ich will nicht nur auf die Frauen schelten. Die
Schuld des Mannes auf diesem Gebiet ist wahrhaftig nicht die geringere.
Vom Hundertsten kämen wir ins Tausendste, wollten wir dem Kapitel
Bodenständigkeit nachgehen, wollten wir ›Landflucht und Landsucht‹
mit all ihren gefährlichen Auswüchsen betrachten. Wissen Sie das
Neueste? ›Bodenständig ist rückständig!‹ Ein leichtfertigeres Wort ist
selten geprägt worden. Gott bewahre uns vor diesem Schmarotzertum, vor
dem Spiel mit ererbtem Gut und Besitz, vor der Verachtung von Glaube
und Sitte, von Heimatgefühl und Beamtentreue! Lieber will ich ein
bettelarmer Edelmann sein, als mit einem jener vaterlandslosen Gesellen
an einem Tische sitzen, die nicht etwa durch die Not getrieben,
sondern um Geld und Glanz und Genuß das Erbe der Väter an jüdische
Grundstücksmakler verschachern!«
Er hatte erregt gesprochen. Hastig fuhr er über die hohe Stirn.
Besorgt blickte sie ihn an.
Er seufzte. »Nirgends haben die Sozialdemokraten leichteres Spiel als
da, wo die alten patriarchalischen Verhältnisse nicht mehr bestehen!
Wo es nicht mehr Treue um Treue gilt, da sieht es schlimm aus!« Er
hielt einen Augenblick inne. Sinnend ging sein Blick durch den Saal.
»In unserer Gegend macht sich das noch nicht so fühlbar wie auf
manchen anderen Gütern. Zumal Kambach hat ja geradezu einzigartige
Verhältnisse, und die dankt es in erster Linie seinen Gutsherren! Hab'
ich nicht recht?«
»Ganz gewiß. Die Kambacher sind ein vorbildliches Geschlecht. Haben
Erlaucht bemerkt, in wie wunderhübscher Weise heute das ganze Dorf
teilnahm? Das Bild während der Trauung wird mir unvergeßlich sein!«
»Gewiß. Diese Hochzeitsfeiern bilden ein wichtiges Stück in der
Heimatkunde der Mark. Und Sie haben sehr recht. Gerade die Kambacher
Feste haben einen eigenen Reiz. Das ganze Dorf war heute auf den
Beinen. Überall begegnete man frohen Gesichtern. Der alte Schenker
strahlte, als hätte er seine eigene Tochter verheiratet. -- Morgen ist
ein großes Volksfest! ›Damit keiner zu kurz kommt!‹ sagt Kambach.«
Gräfin Brelow lächelte.
»Er denkt immer an seine Leute!« --
»Nun, Ursel, du bist in deinem Fahrwasser, dann kann ich ja
wieder gehen!« sagte eine bekannte Stimme. »Wenn meine Frau
auf patriarchalische Verhältnisse gebracht wird, bin ich
nämlich überflüssig, Erlaucht,« wandte sich Graf Brelow an den
Erblandmarschall. »Es hat auch nicht den geringsten Zweck, ihr die
heutigen sozialen Verhältnisse zu erklären, ich bin und bleibe in ihren
Augen ein Umstürzler.«
Graf Bühler lachte. »Sind Sie auch, mein lieber Brelow! Ihre Frau
hat ganz recht. Sie vertritt das Alte, Angeborene, während Sie
dem Neuen die Tür öffnen. Ich weiß ganz genau, was Sie für die
volkswirtschaftliche Selbständigkeit ins Feld führen, weiß auch, daß
Zeiten und Menschen sich in mancher Beziehung geändert haben, trotzdem
muß ich bei all den an sich gewiß sehr lobenswerten, die Aufbesserung
der ländlichen Arbeiterverhältnisse betreffenden Bestrebungen immer
wieder an das Breysigsche Wort denken: ›Feste dauernde Bande voll
tiefen Glückes werden heute nur zerschnitten, nie neu geknüpft‹.«
Graf Brelow blickte den alten Herrn lächelnd an. »Erlaucht kennen
meine Stellung doch! Die altehrwürdigen patriarchalischen Verhältnisse
in hohen Ehren! Sie bilden zum großen Teil den Kitt, der unserem
ländlichen Volksleben seinen letzten Halt gibt. Selbstverständlich
sind Führerschaft und Gebietersinn im allerbesten Sinne notwendig,
und darum ist auch das patriarchalische Verhältnis notwendig; denn es
schafft nicht nur Bodenständigkeit, es stärkt dem Christentum, stärkt
vaterländischem Sinn und Königstreue den Rücken. Ich gebe offen zu: es
ist ein alter Führerirrtum, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse mit
denen der Masse zu verwechseln. Denn es gibt ein geborenes Herrentum
und gibt Kreise, die des Geführtseins nicht nur bedürfen, sondern die
bewußt und unbewußt den Führer begehren, die viel lieber gelenkt werden
wollen, als selbst die Last und Verantwortung des Lenkens übernehmen.
Darin liegt durchaus keine Kraftverminderung für mich, Erlaucht,
-- im Gegenteil: das Können der Seele, ihr Vermögen wird durch die
Führerschaft eines Starken gesteigert.«
Der alte Herr nickte.
»Ja, ja, -- aber -- trotzdem, ich weiß schon, was kommt!«
»Das schadet nicht. Erlaucht werden es noch einmal hören! Und meiner
Frau schadet es auch nicht! -- Das, was Erlaucht fordern, und was
jeder rechte Gutsherr grundsätzlich erstreben wird, ist die uralte
väterliche Form der Herrschaft! Ein gesegnetes Erbe, welches noch heute
da ein Segen bleibt, wo das Verhältnis zwischen Herrn und Knecht ein
mustergültiges ist. Aber wir haben nicht nur mit dem Durchschnitt,
sondern in den meisten Fällen mit Verhältnissen unter dem Durchschnitt
zu rechnen. Bühl und Kambach stellen eine Auslese dar -- ich wollte,
in Dambeck wär's auch so. Den Zeitgeist können wir nicht ändern, aber
wir können die Verhältnisse in zeitgemäßer Weise zu bessern suchen. Ich
meine nicht, daß das Alte an sich abgewirtschaftet hat, aber daß manche
alte Form hinfällig geworden ist und darum mancher Wunsch nach Wandel
und Neuschöpfung berechtigt ist, das muß ich gerade in bezug auf die
ländlichen Arbeiterverhältnisse anerkennen! Wir dürfen nicht vergessen,
daß der Fabrikarbeiter in äußerlich, wenn auch nur scheinbar, freieren
Verhältnissen lebt als der Landarbeiter. Letzterer nimmt daher in den
Augen des Volkes einen untergeordneteren Platz ein als jener, wenn auch
seine Verhältnisse in Wirklichkeit vielleicht die günstigeren sind.
Aber das soziale Gefühl spricht bei den Leuten zu stark mit, und wir
haben die Pflicht, es zu berücksichtigen, sonst gehen uns vielleicht
gerade ~die~ Werte verloren, die das patriarchalische Verhältnis
vergangener Zeiten geschaffen hat.«
Graf Bühler blickte auf seinen Krückstock nieder. Dann hob er die
hellen Augen voll zu dem Sprecher empor.
»Ich glaube, wir wollen im Grunde dasselbe, lieber Brelow,« sagte er
freundlich, »nur müssen Sie dem Alter eine gewisse Rückständigkeit
zugute halten. Es hängt am alten Brauch, an der alten überlieferten
Form. Aber das eine möchte ich aussprechen, und auch Ihre Frau soll's
hören: ich glaube nicht, daß die Kambacher und Bühler enger mit ihrer
Gutsherrschaft verwachsen sind als die Dambecker!« Er schüttelte
dem anderen die Hand. »Trotz allem, was mir am Neuen schwer wird,
naturgemäß schwer werden muß, denn wir Alten leben immer in der
Vergangenheit, die bekanntlich stets einen Heiligenschein trägt, --
trotzdem, oder gerade darum soll das Neue mich mahnen, gerecht zu sein.
In der Beziehung muß ich noch von Ihnen lernen, lieber Brelow!«
Die Blicke der beiden Männer begegneten sich klar und fest. Aus Graf
Brelows Augen leuchtete helle Freude.
Dann sah er seine Frau an. ›Na, Ursel, was sagst du nun?‹ fragte sein
Blick.
Sie nickte ihm herzlich zu. »Sei nur ganz still,« lachte sie, und ein
paar Grübchen traten in die rosigen Wangen, »ich schreib's mir hinter
die Ohren!«
»Das möcht' ich mir auch ausgebeten haben! -- Auf Wiedersehen,
Erlaucht!« -- Mit einer leichten Verbeugung gegen den alten Herrn
schritt er weiter.
Gleich darauf sahen die beiden ihn mit Sibylle Bühler vorübertanzen.
-- --
* * * * *
Harro stand vor der Gräfin.
»Ja, ja, ich bin Ihnen ausgerückt, Baron,« lachte sie. »Aber hier ist
noch Platz, setzen Sie sich zu uns. Nachher kommt noch ein Tänzchen in
Ehren!«
Er verbeugte sich gegen den Erblandmarschall. »Gestatten, Erlaucht?«
»Bitte, lieber Harro! Nicht wahr, dies ist ein gemütliches Eckchen,
wir sind hier ganz unter uns! -- Übrigens sprachen wir gerade von den
Vorzügen Ihres Hauses! Die Ohren müssen Ihnen geklungen haben!«
Harro beugte sich vor. Eine Ahnung sagte ihm, was nun kommen werde:
die Predigt über den vorbildlichen Landedelmann. Fürchterlich. Aber
was half's? Man mußte andächtig zuhören. Hoffentlich tat der alte
Herr keine persönlichen Fragen. Er verfügte über eine unversiegbare
Gründlichkeit.
»Sie brauchen keine Abhandlung über das Agrariertum zu befürchten,«
sagte der Graf mit feinem Lächeln. »Ich habe nur meiner Hochachtung
vor dem konservativen Sinn Ihres Vaters Ausdruck gegeben und die Treue
bewundert, die in geradezu vorbildlicher Weise das patriarchalische
Verhältnis aufrechtzuhalten sucht. Ein Tag wie der heutige zeigt das
wahre Bild des Gutslebens. Ich rechne es Ihrem Vater sehr hoch an, daß
er den Bitten meines Enkels, die Hochzeit in Berlin zu feiern, nicht
nachgegeben hat!«
Harro schwieg.
»Sie scheinen anderer Meinung zu sein,« sagte der Erblandmarschall.
Gräfin Brelow blickte gespannt auf den jungen Offizier.
Der wollte dem ehrwürdigen Gast seines Vaters ungern widersprechen.
»Verzeihung, Erlaucht ...« sagte er zögernd, »aber ...«
»Hätten Sie die Hochzeit in Berlin gegeben?« unterbrach ihn Graf
Bühler.
»Ja,« erwiderte Harro. »Man muß doch zugeben, daß die Räumlichkeiten
unserer Landhäuser für solche Gelegenheiten nicht genügen.«
»Sie haben immer genügt; aber selbst wenn dem so wäre -- ist das das
allein Ausschlaggebende für Sie?«
Harro zuckte die Achseln. »Was soll denn sonst den Ausschlag geben,
Erlaucht? Wir sahen doch heute wieder, daß der Tanzsaal viel zu klein
ist! Kambach genügt überhaupt nicht den Anforderungen der Neuzeit.
Außerdem ist es nicht mehr Mode, daß der Adel seine Hochzeiten auf dem
Lande feiert! Das spricht doch alles mit!«
»So. Aber eins scheint bei Ihnen nicht mitzusprechen: Heimatsitte und
Heimatbrauch, patriarchalisches Verhältnis, -- mit einem Wort: sozialer
Sinn.« Er zog die weißen Brauen in die Höhe. »Der hat freilich nur
Wert, wenn er angeboren ist!«
Harro biß sich auf die Lippen. ›Gut, daß uns hier wenigstens keiner
hört,‹ dachte er und sah Sibylle Bühler nach, die mit Jaspar Malwitz
vorübertanzte.
Der Erblandmarschall beobachtete ihn scharf. »Nehmen Sie's einem alten
Mann, der Sie außerdem noch über die Taufe gehalten hat, nicht übel,
lieber Harro; aber solche Ansichten gehören sich nicht für einen
märkischen Junker und preußischen Edelmann. Leider ist ja das Leben
von heute nicht dazu angetan, die Liebe zur Scholle zu stärken, aber
den Kambachern steckt sie im Blut. Man urteilt ja, wenn man jünger ist
und noch keine Erfahrungen gesammelt hat, anders als ein Mann, der die
Höhen des Lebens überschritt, -- darum vergessen Sie nicht, was Ihnen
heute einer sagt, dessen Tage vielleicht gezählt sind: wer sein Gut nur
als Sommeraufenthalt betrachtet, wird nie ein rechter Gutsherr!«
»Verzeihung, Erlaucht, es gibt aber doch Verhältnisse ...«
»Wenn Sie die Schwindsucht bekommen, und der Arzt behauptet, Sie
könnten nur in Ägypten genesen, so reisen Sie in Gottes Namen, wenn
Ihr Geldbeutel es erlaubt,« rief Graf Bühler. »Meine Frau hat sich
unter stark vorgeschrittenen Krankheitserscheinungen in den Bühler
Kiefernwäldern erholt -- man kann also über diesen Punkt streiten. Daß
sie damals ganz gesund wurde, wissen Sie, ebenso, daß sie nicht an der
Schwindsucht gestorben ist, -- aber wie gesagt, ich will da mit niemand
rechten. Das, was ich meine, liegt an ganz anderer Stelle. Es handelt
sich nicht um Zwangslagen, es handelt sich um willkürliche Entäußerung
von Überlieferung und Besitz. Das erste ist eine Not, das zweite eine
Schuld.«
Harro fuhr herum.
»Entäußerung, Erlaucht? Abwesenheit bedeutet doch nicht Entäußerung?«
»Dauernde oder wiederholte längere Abwesenheit läuft schließlich auf
Entäußerung hinaus. Darum braucht nicht Grund und Boden verkauft
zu werden, es ist etwas Größeres, das mit der Preisgabe des
patriarchalischen Verhältnisses verschachert wird: die Volksseele.
Ihres Vaters großzügige Auffassung seiner gutsherrlichen Aufgaben ist
mir stets vorbildlich gewesen. In den schwersten Tagen hat er nie
vergessen, was er seinen Leuten schuldig war. Heute sehen Sie den
Dank!«
Harro blickte vor sich nieder. Er erkannte eine Wahrheit in den
Worten seines greisen Paten, aber schoß der alte Herr nicht in seinen
Einzelforderungen über das Ziel hinaus? Er scheute sich, an dieser
Stelle und in diesem Augenblick seinen Widerspruch zu reizen; es war
eben stets zu bedenken, daß er Sibyllens Großvater war. Nur eins
ärgerte ihn: daß Gräfin Brelow einen so charakterlosen Eindruck von ihm
bekam. Es war eine regelrechte Zwangslage, in der er sich befand.
Seine Pflichten als Vortänzer fielen ihm ein. Er zog die Uhr und
blickte auf die Gräfin. Der Ball sollte mit einem Huldigungsreigen vor
dem Hausherrn und seiner Mutter beschlossen werden.
Ein Regimentskamerad schien ihn zu suchen.
Er erhob sich.
Da klang die alte Stimme noch einmal an sein Ohr: »Sozialer Sinn ist
keine Mache, sondern ein kostbares Eigengut aus einem Guß. Wer dies
oder jenes Stück Heimatbrauch preisgibt, arbeitet am Verfall des
Volkstums. Es geht ums Ganze! Darum ist es nicht nur Verhöhnung des
patriarchalischen Verhältnisses, wenn die Tochter eines Landedelmannes
ihre Hochzeit in der Großstadt feiert, -- es ist ein soziales
Verbrechen!«
Die letzten Worte waren mit ungewöhnlicher Schärfe gesprochen. Ein paar
junge Mädchen sahen sich um, allgemeines Schweigen herrschte.
Leichenblaß stand der junge Offizier da: »Erlaucht!«
Ein breiter Schatten fiel auf die kleine Gruppe. Er wandte sich um.
Vor ihm stand sein Vater, die Großmutter Kambach am Arm. Ein Blick
sagte Harro, daß die beiden den größten Teil der Unterhaltung mit
angehört hatten. Ein unsagbar peinlicher Augenblick folgte.
»Nicht wahr, du mußt erst morgen abend wieder in Drachenburg sein?«
wandte sich der Oberstallmeister mit undurchdringlicher Miene an seinen
Ältesten. »Ich habe vorher noch mit dir zu reden.«
Er ging an ihm vorüber auf Graf Bühler zu.
Von der Galerie riefen die Jagdhörner. Noch einmal schwebte der Reigen
durch den Saal. Hochgewachsene Junker, lichte Mädchengestalten
verneigten sich vor dem Hausherrn und der greisen Edelfrau.
Dann klang das Halali.
Draußen schlug die Turmuhr halb zwei.
»Nu is det och all wider vorbi,« sagte Franz Schenker, der neben seiner
Frau in der offenen Saaltür stand, »aber 's ward och Tid!«
Viertes Kapitel.
O Deutschland!
Gib Antwort, Deutschland, wo ist deine Ehr'?
Wo ist dein markiges Heldengeschlecht?
Wo ist deine Zucht, die strahlende Wehr?
Wo ist dein Glaube, dein heiligstes Recht?
Wo sind die Männer von dazumal?
Wo ist der starke adlige Sinn?
Wo sind die Beter, die Streiter des Herrn?
Gib Antwort: wo sind deine Frauen hin?
Schläfst du, Deutschland? Die Wachtfeuer glüh'n
Von Waffen starrt's, der Feind kommt zuhauf!
Drüben im nächtlichen Dom am Rhein
Da stehn deine Kaiser vom Schlafe auf!
Vernimmst du nichts vom Jammer der Zeit?
Vom Kampf der Geister ums Morgengrau'n?
Wach auf vom Schlafe! Antworte mir!
Deutschland, wo sind deine Männer und Frau'n?
Der Gottesdienst war beendet. Unter den herbstlichen Linden standen
die Kirchgänger in Gruppen, besprachen die Predigt und blickten der
Gutsherrschaft und den letzten Hochzeitsgästen nach, die langsam dem
Herrenhause zuwanderten.
Die nächsten Nachbarn waren den Sonntag über noch geblieben, Graf und
Gräfin Brelow, Graf Bühler mit seiner Tochter Nandine, Sibylle, die
den Großvater nach Schloß Bühl begleiten sollte. Einige Drachenburger
Herren, die mit dem Sohn des Hauses gekommen waren, ein Graf Luckau,
zwei Malwitze und der Oberleutnant von Roselius, Harro Kambachs
Freund, beschlossen den Kreis.
Manch weißes Haupt entblößte sich ehrerbietig vor dem Gutsherrn, mehr
als ein Blick voll Stolz und Dankbarkeit folgte der hohen soldatischen
Erscheinung.
Nach allen Seiten freundlich grüßend, schritt Herr von Kambach in
eifrigem Gespräch mit der Gräfin Brelow der Dorfstraße zu.
»Pastor Wendler tritt jeden Sonntag etwas deutlicher mit seiner wahren
Ansicht hervor,« sagte die schöne Frau.
Die Brelows waren in Kambach eingepfarrt.
Der Oberstallmeister blickte vor sich nieder. »Eigentümlich, --
erinnern Sie sich noch der Probepredigt?«
»Ja, gewiß, sie war ganz positiv. Sollte er sein Mäntelchen damals
schon nach dem Winde gehängt haben?«
Herr von Kambach schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Aber er
ist, besonders in den letzten Jahren, in liberales Fahrwasser geraten.
Ich beklage das um so mehr, da ich ihn als Mensch sehr hoch stelle.«
Er blieb stehen und blickte auf das schöne leuchtende Land zu seinen
Füßen. »Wenn das, was die heutige Predigt befürchten läßt, sich
bewahrheiten sollte, komme ich in eine schwierige Lage. Sie wissen,
Eberhard soll Ostern konfirmiert werden.«
Sie nickte. »Ja, und gerade der Unterricht ist eine so große Gefahr.
Erinnern Sie sich, was Lieselotte damals aus der Berliner Pensionszeit
alles mitbrachte? Wir lassen kein Kind wieder am städtischen
Konfirmandenunterricht teilnehmen!«
»Es ist nur die Frage, wie lange das Land noch positiv ist,« sagte er
ernst. »Höre ich noch eine solche Predigt, so sehe ich mich gezwungen,
den Jungen aus der Konfirmandenstunde zu nehmen, -- was spreche ich
damit aber vor dem ganzen Dorfe aus? Die Leute sind hier sehr kirchlich
und zum Teil schon hellhörig geworden! Der alte Schenker würde sonst
auch wohl dafür sorgen, daß seine Kambacher nicht einschlafen!«
Sie lachte. »Das glaube ich!«
Eberhard kam hinter den beiden hergelaufen.
»Vater, -- Großmutter ist noch mit Fräulein Eichel und Herrn von
Roselius in der Kirche. Sie wollen das Bild von der Urgroßmutter
besehen. Wir sollen nicht mit dem zweiten Frühstück auf sie warten.«
»Schön, mein Junge!« sagte der Oberstallmeister. »Roselius kennt die
Geschichte der Stradivariusgeige wohl noch nicht,« wandte er sich
dann zu seiner Begleiterin, während sie die Dorfstraße überschritten.
»Wir haben das alte Bühlersche Erbstück Sibylle geschenkt, was ja das
Gegebene war. -- Ich habe übrigens selten solch ein Spiel gehört!«
Gräfin Ursula nickte stumm zu seinen Worten. Ihre Gedanken wanderten
in die kleine Dorfkirche zurück, wo die Frau, deren liebliches Bild
im Chorstuhl der Kambachs hing, in der stillen Gruft ruhte. Eine
königliche Mitgift hatte sie ins Haus gebracht, edle deutsche Kunst!
-- --
Man erzählte sich von Sophie Charlotte von Kambach, daß bei ihrem Tode
ein leises Klingen die Saiten der Stradivariusgeige bewegt habe, wie
das Schluchzen eines Kindes -- --
Gräfin Brelows Blick schweifte zum Altan hinüber, wo zwei schöne junge
Menschen in tiefem Gespräch beieinander standen -- ein Kambach und eine
Bühler. -- --
* * * * *
In dem freundlichen Studierzimmer Pastor Wendlers saß Exzellenz von
Kambach auf dem grünen Ripssofa dem Hausherrn gegenüber. Sie hatte ihre
Gesellschafterin, Fräulein Eichel, mit dem Oberleutnant ins Schloß
geschickt und war den harten schweren Weg, den heißeste Sorge und
Liebe sie antreten hießen, allein gegangen. Und nun saß sie dem Manne
gegenüber, den sie von klein auf gekannt, der als junger Geistlicher
mit seinen Nöten zu ihr gekommen und als reifer Mann die betagte
geistvolle Frau um Rat gefragt, bis -- ja, bis -- -- Es war eben eine
Zeit gekommen, da er den Weg nach dem stillen Dreilinden nicht mehr
fand.
Und heute kam die Greisin zu ihm. Mit einer Selbstverständlichkeit, als
sei nichts zwischen sie getreten, war sie nach dem Gottesdienst auf der
Pfarre erschienen und hatte ihn um eine Unterredung gebeten, wie jedes
andere Gemeindeglied aus dem Dorf.
Dreilinden war in Kambach eingepfarrt, und während der Sommermonate
versäumte die alte Exzellenz keinen Gottesdienst. Pastor Wendler
hatte sich oft im stillen gewundert, daß sie sich noch unter seine
Kanzel setzte -- war's das gutsherrliche Vorbild, die Sitte, die sie
hochhielt, er wußte es nicht. Aber eins wußte er. Hätte er heute die
greise Frau um ihr Urteil über seine Wortverkündung gebeten, sie
hätte ihm, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, erwidert: ›Es ist
Irrlehre!‹
Über ihren Krückstock gebeugt, saß sie in der Herbstsonne, und die
blauen Augen blickten ihn mit der alten Freundlichkeit an. Aber in dem
stillen Gesicht stand eine stumme Frage: ›Warum hast du mir das getan?‹
In seiner Seele erwachte Widerspruch. Was hatte er denn getan? War
es etwa ein Unrecht, der Wissenschaft den Platz zu geben, der ihr
gebührte, und dem modernen Menschen nach Kräften die Steine des
Anstoßes aus dem Wege zu räumen? Er veräußerte ja nichts, indem er die
starre Form der Orthodoxie preisgab, das Kreuz blieb ja bestehen, --
war es nicht heilige Pflicht, den Schutt der Jahrhunderte zu entfernen
und die Wahrheit in vollem Glanze erstrahlen zu lassen? Seltsam, daß
liberal und modern immer verwechselt wurden! Und dann kam's, worauf er
gewartet -- kein Wort des Vorwurfs, -- aber eine tiefe schwere Klage,
von banger Sorge um Volk und Vaterland getragen: wie's menschenmöglich
sei, daß auch er, gerade er dem Subjektivismus der Jetztzeit verfallen
sei, wie's habe geschehen können, daß von seinem Christusglauben, den
er einst so freudig bekannt, nichts als bloße Jesusverehrung übrig
geblieben sei?
Ohne die geringste Schärfe kamen die schweren Worte über die Lippen der
alten Edelfrau; aber die tiefe Trauer, die sie begleiteten, löste ein
Empfinden in der Seele des Mannes aus, das er bisher nicht gekannt: den
Schmerz des Unverstandenseins.
Und doch war ~er's~ gewesen, der sich stillschweigend von ihr
zurückgezogen, sie aber kam mit unveränderter Güte, mit ihrem klaren
ungeschminkten Wort in sein Haus. Sie pochte nicht auf ihr reiches
Wissen, um das sie manch einer hätte beneiden können, auf ihre große
Kenntnis in kirchlichen Fragen, sie kam als schlichte Bibelchristin,
die ihr Heiligstes angetastet sah. Aus dieser Sorge heraus, die im
Blick auf ihre Kirche, ihr Volk und Vaterland ins Unermeßliche wuchs,
trat sie vor ihn mit heiligem Ernst, mit großer tragender Liebe,
mit der Hoffnung, die keinen aufgibt, die bis zur letzten Stunde an
ihn glaubt. Das nahm der schweren Unterredung von vornherein die
Schärfe, so stark die Gegensätze auch waren. Denn Frau von Kambach gab
nicht eines Schritte Breite ihres alten heiligen Besitzes preis, und
Pastor Wendler verteidigte mit zäher Ausdauer das im Schweiße seines
Angesichts errungene Neuland.
»Exzellenz sagten vorhin, ich kranke am Subjektivismus der Jetztzeit,
wie soll ich das verstehen?« fragte er ernst.
»Sie machten in Ihrer Predigt das Wunder als solches vom Glauben des
einzelnen abhängig. Glaube er an das Wunder, so sei es vorhanden,
glaube er nicht daran, so sei es hinfällig. Das Wunder wird so als
etwas Unwirkliches, Zufälliges hingestellt und erhält außerdem durch
diese Abhängigkeit vom menschlichen Urteil das Gepräge des Irdischen,
Innerweltlichen.«
Er schüttelte den Kopf.
»Ich freue mich, Eurer Exzellenz dies Mißverständnis erklären zu
können. Selbstverständlich wird das Wunder Tatsache, sobald der Glaube
von ihm Besitz ergreift!«
»Und wenn er es nicht tut?«
»Dann ist das Wunder natürlich zwecklos, weil es seine Aufgabe nicht
erfüllt.«
»Nach dem, was Sie in der Predigt sagten, ist es in dem Falle
überhaupt nicht vorhanden,« entgegnete Frau von Kambach. »Sie dürfen
nur nicht vergessen, daß Ihr heutiger Text die Heilswunder in den
Mittelpunkt stellte, daß sich der Begriff Wunder in diesem Falle mit
der Person Christi deckt. Ich bin die letzte, welche die Wissenschaft
auf religiösem Gebiet ablehnt. Es gibt eine berechtigte Bibelkritik.
Nämlich die, welche Gottes Herrlichkeit mehr und mehr zu ergründen
strebt, welche die vorhandenen Schwierigkeiten zu überwinden und die
äußeren und inneren Fragen jener großen vergangenen Zeit immer tiefer
zu erforschen sucht. Das ist die Bibelkritik, oder richtiger gesagt
die Forschung, welche sich ~unter~ das Wort stellt. Sie darf
nicht verwechselt werden mit jener anderen, welche sich zum Richter
der Heiligen Schrift aufwirft und das Christentum und seine Grundlagen
letzten Endes als ein Erzeugnis menschlicher Geistesentwicklung
betrachtet. Man kann diese Art nicht entschieden genug ablehnen.«
Er zuckte die Achseln. »So weit sind wir noch lange nicht, Exzellenz!«
»So weit sind wir längst. Und Sie selbst befinden sich auf dem besten
Wege dazu, lieber Wendler!«
»Exzellenz erklärten vorhin die Forschung, ja selbst die Bibelkritik
für berechtigt. Die Wissenschaft soll also nicht ausgeschaltet
werden. Wo aber ist ihre Grenze? Meines Erachtens ist sie sehr schwer
festzustellen.«
»Meines Erachtens sehr leicht. Die Grenze ist die Person Jesu Christi.«
Wieder zuckte er die Achseln. »Gerade dort hat die Kritik am meisten
Grund, einzusetzen. Wenn Exzellenz an die Verschiedenheit der Berichte
denken -- was ist echt, was unecht? -- Das ganze Neue Testament fordert
geradezu den Subjektivismus heraus,« -- er seufzte -- »Exzellenz
-- warum müssen wir von diesen Dingen reden? Ich sage es offen und
ehrlich: ich bin nicht wieder nach Dreilinden gekommen, weil ich
es nicht übers Herz brachte, die Frau, der ich so vieles danke,
zu kränken; denn ich weiß es, was ich jetzt ausspreche, muß Eure
Exzellenz verletzen. Aber meine heiligste Überzeugung kann ich nicht
verleugnen. Alles ist im Fluß, im Werden. Die Hauptsache ist, daß wir
die wunderbaren Möglichkeiten zur Erziehung des menschlichen Geistes
und Willens in rechter Weise verwerten, daß unser Volk es lernt, seine
religiösen Aufgaben zu erfüllen und die große Entwicklung, welche mit
Gottes Hilfe angebahnt ist, zur vollen Entfaltung zu bringen. Die Zeit
des Abfalls hat ihren Höhepunkt überschritten. Ein hungerndes Volk
wartet sehnend auf lebendiges Brot. Aber dies Volk ist frei, es will
keine Ketten, es will Leben, will sein eigenes persönliches Erlebnis.
Und es hat vollkommen recht: die starre verknöcherte Orthodoxie
bringt ihm dies Erlebnis nicht. Glaube kann nicht durch logische
Beweise erzwungen werden; denn er ist der Ausdruck persönlichsten
Fürwahrhaltens. Wir haben es mit Schwachen zu tun, mit Kindern, welche
die schwere Kost des Apostolikums nicht vertragen, die langsam, langsam
glauben ~lernen~ sollen, die wir nicht vor jenes übernatürliche,
ihren Sinnen unfaßbare Christusbild des Supranaturalismus führen
dürfen, -- das glimmende Fünklein würde ersticken! Wenn wir mit dem
groben Geschütz der Orthodoxie auffahren wollten, würden wir alles
verderben, das Dogma hat noch keinen Menschen zum Glauben gebracht! Wir
müssen Jesum erleben, Exzellenz!«
Frau von Kambach hatte ihr Gegenüber ruhig angehört. »Und Sie glauben
wirklich, daß Sie diese hungernden Seelen satt machen?« fragte sie,
»glauben wirklich, daß das Erleben, das Sie predigen, einem Menschen
die Kraft gibt zum Leben und Sterben? Mißverstehen Sie mich nicht: ich
will dies vielumstrittene Wort durchaus nicht verwerfen. Es ist die
heißeste Tagesfrage: wie werde ich der christlichen Wahrheit gewiß? Und
ich bin ganz der Ansicht, daß christliche Wahrheitsgewißheit nur durch
persönliche Heilserfahrung möglich ist, -- und das ist der Punkt, wo
unsere Ansichten auseinanderzugehen scheinen -- durch die Gewißheit,
welche sich auf Heilstatsachen gründet, auf den Tatbestand göttlicher
Offenbarung. So und nur so werde ich in Gottes Gemeinschaft gezogen,
so nur erlebe ich diese Gemeinschaft -- auf Grund geschichtlicher
Tatsachen, -- denn ein Glaube, dem die Wirklichkeit fehlte, wäre
nicht lebensfähig! -- Was nützt mir die wunderbarste Hypothese? Davon
wird eine hungernde Seele nicht satt, und die Vergebung der Sünden
wird uns nur gewiß in dem felsenfesten Bewußtsein: Er trug unsere
Krankheit. Nein, nein -- Sie mögen mir sagen, was Sie wollen, ohne die
Gründung auf den Glauben an Krippe und Kreuz und die Ostertatsache kein
persönliches Erleben, keine Heilsgewißheit! Und diesen Glauben bringt
uns die Forschung nicht, so wichtig sie sonst auch ist, den bringt uns
nur Gottes heiliger Geist, -- Gott selbst dringt auf uns ein, ergreift
uns, -- es kommt nur darauf an, daß wir uns ergreifen lassen. Unsere
Zeit hat unvereinbare Gegensätze in den Begriff Erleben hineingetragen.
Die moderne Theologie erklärt: ›Wir müssen Jesum erleben, müssen in ihm
leben.‹ Die Bibel sagt: ›Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus
lebt in mir!‹ Es kommt wieder auf das hinaus, was ich vorhin sagte.
Hier göttliche Gnadengabe, -- dort Menschenwerk. Ich muß immer wieder
daran denken, daß der Herr, das Kommen des Heiligen Geistes verheißend,
sagt: ›Er wird die Welt strafen um die Sünde, ~daß sie nicht glauben
an mich~.‹ Daran krankt unsere Zeit. Den Heiland der Bibel will
sie nicht, den Versöhner ihrer Sünde lehnt sie ab, sein Kreuz, sein
leeres Grab versteht sie nicht, -- was aber der kleine Menschenverstand
nicht erfaßt, das verwirft er, es muß ein neuer Weg zur religiösen
Gewißheit gefunden werden. Glauben Sie wirklich, daß solch ein armes
Menschenkind, das lebenslang nur Jesusverehrung gekannt, in vielleicht
ganz plötzlicher Todesnot die Kraft findet, das Bild menschlicher
Weisheit zu vergessen und mit brechendem Herzen und schwindendem Odem
den Blick glaubensvoll auf ein anderes zu richten, auf das Bild des
heiligen barmherzigen Heilandes, seines Herrn und Gottes? Es ist zum
mindesten ein furchtbar gewagtes Spiel, das die moderne Theologie mit
der Menschenseele treibt!«
»Exzellenz!« -- In heißem Schmerz kam's von den Lippen des Mannes.
Jetzt hatte sie ihn in tiefster Seele getroffen. Aber sie hielt seinen
Blick aus. Sie wußte, nur die Wahrheit konnte ihm helfen.
»Das Apostolikum ist eine Unmöglichkeit für unsere Zeit!« rief er
erregt. »Es ist doch schließlich nichts weiter als eine menschliche
Form! Ich verwerfe durchaus nicht das Ganze, der alte Most soll ja
nur in neue Schläuche gefüllt werden. Gewiß, der Modernismus ist eine
Gefahr, aber er ist notwendig und berechtigt. Und den Dienst der
Aufrüttelung hat er uns geleistet. Es ist nun einmal nicht Gottes
Wille, daß die Geschichte der Völker geradlinig fortgeht, darum ist
auch die Kirchengeschichte Strömungen unterworfen. Herrschte nicht so
viel Lehrstreitigkeit, so würde trotzdem alles seinen geordneten Gang
gehen -- es ist ein großes Unrecht, immer wieder die Kluft zu erweitern
und von unüberbrückbaren Gegensätzen zu sprechen. Auf diese Weise wird
die Notlage nicht gebessert.«
»Die Kluft würde nie entstanden sein, wenn die Grundwahrheiten der
Kirche nicht angetastet worden wären,« erwiderte Frau von Kambach.
»Mit jedem, der Christus, den gekreuzigten und auferstandenen Sohn des
ewigen persönlichen Gottes, als seinen Herrn und Versöhner bekennt,
weiß ich mich im tiefsten Glaubensgrunde eins -- ~da~ gilt für
mich die ›Gleichberechtigung der Richtungen‹, -- wo man aber seine
Gottheit leugnet oder verschleiert, da hört für mich allerdings die
Gemeinschaft auf, denn der Glaubensgrund ist ein anderer, es handelt
sich letzten Endes nicht um Richtungen, sondern um verschiedene
Religionen. -- Sie nennen das Apostolikum eine menschliche Form,
vergessen aber, daß sein Inhalt ein göttlicher ist. Denn es faßt die
Heilstatsachen der Schrift zusammen. Wenn Sie das Apostolikum ablehnen,
lehnen Sie die Schrift ab.«
»Ich denke nicht daran, Exzellenz! Ich lehne höchstens eine veraltete
Auffassung der Schrift ab. Wozu sind wir Prediger des Evangeliums
denn da? Doch ganz gewiß nicht dazu, um unerträgliche Irrtümer zu
verbreiten! Es stünde wahrhaftig traurig um unsere Kirche, wenn die
Gleichberechtigung der Richtungen nicht anerkannt würde.«
Sie sah ihn mit tiefem Schmerz an. »Glauben Sie wirklich, daß die
bibelgläubige Gemeinde sie anerkennt? Ich kann Ihnen sagen, das wird
nie geschehen; denn es handelt sich, wie ich schon sagte, in Wahrheit
nicht um verschiedene Richtungen, sondern um verschiedene Religionen!«
Er war aufgestanden und ans Fenster getreten. Seufzend strich er
das volle dunkle Haar aus der Stirn. »Ich wußte es, daß unsere Wege
auseinandergingen, Exzellenz -- mußte dies Gespräch denn sein?«
Sie wandte ihm das Antlitz voll zu. »Mein lieber Herr Pastor, würden
Sie mich noch achten und ehren können, wenn ich Sie blind in Ihr
Verderben rennen ließe? Und Sie sind's nicht allein! Eine Gemeinde ist
Ihnen anvertraut, Sie sind berufen, an der Seele unseres Volkes zu
arbeiten. Ich weiß es, Sie sind sich Ihrer großen Verantwortung bewußt,
-- und doch, -- wie ist's menschenmöglich!«
Er stand noch immer am Fenster und blickte hinaus. Eine heiße Ungeduld
malte sich in dem geistreichen Gesicht. »Wenn Exzellenz zu verfügen
hätten, würde also kein liberaler Theologe zum Amte zugelassen werden!«
sagte er endlich. »Dann würde allerdings manche Gemeinde hirtenlos
sein.«
»Ich würde den Suchenden, Ringenden immer ordinieren,« erwiderte sie,
»würde es ihm aber zur Pflicht machen, falls er im Laufe der Zeit
nicht zum vollen Heilsglauben durchdringt, sein Amt niederzulegen. Den
bewußten Irrlehrer, der in Christus nur den höchstbegnadeten Menschen
sehen will, würde ich dagegen ablehnen. Er gehört nicht auf die
Kanzel.«
Pastor Wendler trat an den Tisch. »Ist das christliche Liebe?«
»Das ist christliche Zucht,« erwiderte die alte Frau.
»Exzellenz verlangen sehr viel.«
»Nicht zuviel. Ich sagte Ihnen schon: mit jedem Suchenden würde ich
Geduld haben. Die Ablehnung des bewußten Irrlehrers aber halte ich für
eine zwiefache Pflicht: wir schulden sie der Gemeinde, deren Seelsorger
er wird, und dem Manne selbst, weil man, ihn zulassend, der Hehler
seiner bewußten oder unbewußten Unwahrhaftigkeit wird.«
»Unwahrhaftigkeit?«
»Gut. Sagen Sie Entstellung der Tatsachen. Es läuft auf eins hinaus.«
Er schüttelte den Kopf. »Ich kann nur immer wieder fragen: wo ist die
Grenze?«
»Und ich kann nur immer wieder antworten: die Grenze ist die Person
Jesu Christi.«
Still war's im Zimmer. Ein tiefer heiliger Ernst lagerte auf der Stirn
der weißhaarigen Frau. In dem ehrlichen Antlitz des Mannes arbeitete
es.
»Unwahrhaftigkeit? Entstellung der Tatsachen? Exzellenz!« Die Tränen
standen ihm in den Augen.
»Es sind harte Worte, ich gebe es zu, aber die Wahrheit fordert sie,«
sagte sie traurig.
Er tat einen Schritt auf sie zu, -- auf seinem Gesicht lag's wie eine
flehende beschwörende Bitte. »Die Wahrheit! Gewiß! Aber ist Christus
nicht wahrhaftiger Mensch?«
»Er ist der menschgewordene Sohn Gottes, also zuerst wahrer Gott!«
»Exzellenz dürfen nicht vergessen, daß von dem Glauben ausgegangen
werden kann: Er ist wahrer Mensch!«
Sie blickte ihn fest an.
»Ist es nicht zuviel verlangt,« fuhr er mit bebender Stimme fort,
»gleich bei der Ordination eine Entscheidung zu fordern, die mancher
andere erst auf der Höhe des Lebens zu treffen vermag -- oder auch
nicht?«
»Ich habe Ihnen vorhin gesagt, daß ich einem aufrichtig Suchenden, der
noch nicht alle Punkte des Glaubensbekenntnisses unterschreiben kann,
Zeit lassen würde, wenn er in der Hauptsache auf ewigem Grunde steht,«
entgegnete sie. »Nur den bewußten Irrlehrer würde ich bedingungslos
ablehnen.«
Er seufzte. »Was wird heutzutage nicht alles Irrlehrer genannt!«
Doch die alte Dame ließ sich nicht irre machen.
»Christus ist kein vergöttlichter Mensch, sondern der menschgewordene
Gott. Nur als wahrhaftiger Gott konnte er uns erlösen; es war die
Vorbedingung dafür, daß er es als wahrhaftiger Mensch getan hat. Wer
daher in dem Glauben an den Menschen stecken bleibt, wird niemals über
Jesusverehrung hinauskommen. Den Lebendigen, der ihn Tod und Teufel
entreißt, lernt er nicht kennen, im besten Falle auf Umwegen. Ich sagte
vorhin schon: dies Verfahren gleicht einem Glücksspiel.«
»Wenn der Ordinand aber gar nicht weiß, ob er an die Gottheit Christi
glauben will, oder ob er später daran glauben wollen wird -- wer kann
das von sich selber wissen! Das Menschenherz ist wie eine Meereswoge.«
»Mein lieber Wendler,« sagte die alte Exzellenz, und ihre Stimme bebte,
»das läuft daraus hinaus, daß jeder nach seiner Fasson selig werden
kann. Ich habe nur eine Antwort für Ihre, mir unfaßliche Anschauung,
nämlich die: ein Mann und denkender Mensch weiß, was er will. Für uns
aber käme einer solchen Unwissenheit gegenüber wohl nur die Pflicht,
die Gemeinde vor Irrlehre zu bewahren, in Betracht. Wer in ~dem~
Augenblick nicht weiß, was er will, sollte dem heiligsten Amte
fernbleiben und sich erst einmal gründlich auf sich selbst besinnen.«
Er antwortete nicht. Mit zusammengezogenen Brauen blickte er in den
herbstlichen Garten.
Sie sah ihn nachdenklich an. »Welche weltliche Organisation würde
Persönlichkeiten aufnehmen, die sich im Widerspruch zu ihren Satzungen
befänden,« sagte sie endlich. »Stellen Sie sich bitte einen Juristen
vor, der unter Ausschaltung der Gesetze nach eigenem Gutdünken
arbeitet! Der bloße Gedanke wirkt lächerlich. Die christliche Kirche
aber soll jedem ihre Tür öffnen, ob er sich zu den Heilswahrheiten
bekennt oder nicht. Wer schließt Monisten, Pantheisten, wer schließt
Atheisten aus? Niemand! Die Kirche wird zum Sprechsaal.«
»Solange einer nicht zum Angriff übergeht, hat er meines Erachtens das
Recht auf die Kanzel,« sagte Pastor Wendler.
»So!? Meines Erachtens gehört er nicht auf die Kanzel, solange er mit
vollem Bewußtsein die Heilstatsachen ablehnt. Denn bewußte Ablehnung
ist Unglaube, ob er zum Angriff übergeht oder nicht. Die Predigt des
Unglaubens enthält immer Irrlehre -- Irrlehre aber birgt den Tod.
Haben Sie je gehört, daß sie die Frucht lebendigen Christenglaubens
gezeitigt?«
Wieder war's still in dem hellen Raum. In heißem Kampf stand der
Geistliche am Fenster.
»In der Enge der Orthodoxie, in den starren Grenzen des Dogmas kann die
Menschenseele nicht gedeihen!« rief er erregt. »Christenglaube fordert
Freiheit und darum in erster Linie ungehemmte Verstandesarbeit!«
Frau von Kambach hatte sich erhoben. Auf ihren Krückstock gestützt,
trat sie auf Pastor Wendler zu. Ihr ganzes Wesen trug den Stempel jener
tiefen geheiligten Mütterlichkeit, die wahrhaftigen deutschen Frauen
auch dem Manne gegenüber eigen ist. Leise legte sie die Hand auf seine
Schulter, und während ihr Auge in tiefem Mitleid das seine suchte,
sagte sie langsam, jedes Wort abwägend: »Auf dies Bekenntnis wollen Sie
sich zum Sterben niederlegen, lieber Freund? Wissen Sie denn gar nicht,
worauf Sie sich in letzter Linie gründen? Auf Selbsterlösung, auf ein
Trugbild, das Ihnen unter den Händen zergeht! Fühlen Sie nicht, daß
Ihre Seele dies Brot nicht sättigt? Die Forschung in hohen Ehren! Aber
die Wissenschaft, die ihre Grenze nicht kennt, ist Scheinwissenschaft.
Denn ein Wunder, das mein kleiner, armseliger Verstand in tausend
Stücke zerlegen und wieder zusammensetzen kann, ist kein Wunder. Im
Leben bietet solch ein Glaube keinen Halt, im Sterben verzweifelt man
daran« -- wieder bebte die alte Stimme, »es gibt nur eine wahrhaftige
Theologie: die Theologie des Kreuzes! Sehen Sie denn nicht, daß sich
ohne sie alles auflöst?«
Sie hielt einen Augenblick inne, als erwarte sie seine Antwort.
Aber er schwieg. In hartem Kampf starrte er auf die goldene Pracht der
Natur.
›Er wird die Welt strafen um die Sünde, daß sie nicht glauben an mich!‹
Wie ferner Wellenschlag zog das Wort an seiner Seele vorüber.
Hatte sie recht? -- An den Jesus der Schrift glaubte das zwanzigste
Jahrhundert nicht mehr. Aber bedeutete das eine Veräußerung ewiger
Werte? Im Gegenteil! Es räumte den Schutt von den Kleinodien, lockte
die Fernstehenden herzu, ebnete Grüblern und Zweiflern den Weg zum
Kreuz.
Zum Kreuz? Jawohl, zum Kreuz! Das heiligste Vorbild, die höchste
Verkörperung göttlichen Willens stellte die Kreuzesgestalt dar, nicht
etwa nur in der Form einer Regel oder Vorschrift, sondern lebendig,
mit Fleisch und Blut umhüllt, Herz und Gewissen aufrüttelnd, -- aber
-- an einem hielt er fest, mußte er festhalten: der Name Gottmensch
kennzeichnete Jesus als den einen Menschen, bei dem die Ähnlichkeit mit
Gott am stärksten hervortritt, kennzeichnete den Gottmenschen, auf den
jeder Mensch angelegt ist, der aber bisher bei keinem anderen in so
hervorragender Weise zutage getreten war. ›Die dem Lichte erschlossene
und von der ewigen Sonne geküßte Blüte der Menschheit‹[1] -- mit
diesen Worten hatte ein liberaler Führer die Christusgestalt gezeichnet
und zugleich den feinen Unterschied, der den Streitpunkt zwischen den
beiden großen kirchlichen Lagern bildete, klargestellt. Das Prädikat
›Gott von Gott, Geist vom Geist, Licht vom Licht von Ewigkeit‹ erkannte
der Liberalismus in dem Sinne, wie ihn die Orthodoxie forderte, nicht
an.
Wieder klang die Stimme der Greisin an sein Ohr. »Ich komme ja nicht
um meinetwillen zu Ihnen. Mein Christenglaube steht und fällt mit
dem zweiten Artikel. Aber das Herz brennt mir im Blick auf das arme
irregeleitete Volk, im Blick auf Deutschlands religiösen und sittlichen
Niedergang. Sehen Sie denn nicht, daß mit der christlichen Kirche die
Sitte verfällt? Die Kirche ist die einzige wahre Volkserzieherin. Was
soll werden, wenn sie versagt? Und sie muß versagen, wenn man ihr den
Boden unter den Füßen entzieht. Denn eine Kirche, die sich nicht auf
die geoffenbarten Heilstatsachen gründet, ist keine christliche Kirche.
Daß Sie nicht mitschuldig werden an dem großen Verfall, daß Sie nicht
unter das Wort vom Mühlstein fallen, darum komme ich!« Und dann legte
sich ihre Hand schwer auf seinen Arm. »Mein eigener Enkel ist unter
Ihren diesjährigen Konfirmanden« -- hier stockte sie -- »Herr Pastor,
es ist meine heilige Pflicht, darüber zu wachen, daß dies Kind nicht
verführt werde!« Ihre Stimme brach -- sie wandte sich ab.
Tief erschüttert stand er da.
›Verführt!‹ Wie ein Peitschenschlag hatte ihn das Wort getroffen.
Die Lippen zusammengepreßt, sah er wie geistesabwesend hinaus. Und
doch war er mit all seinen Gedanken und Sinnen daheim, in der engen
Studierstube bei der greisen Frau, die er noch heute trotz allem, das
sie in dieser Stunde geredet hatte, wie eine Mutter verehrte. Denn eins
fühlte er immer wieder: die Liebe hatte sie in sein Haus geführt, die
große große Heimatliebe, die vom Himmel kommt, die die Sehnsucht nach
der oberen Welt und ihrem heiligen Bürgerrecht hineintragen will in
das irdische Vaterland. Selten war er einer Frau begegnet, so stark
und mutig, so warmen treuen Herzens, so kindlichen Gemütes, wie seiner
alten Exzellenz! Ja, so hatte er sie immer geheißen, -- dann war's
allmählich anders geworden ... Und heute?
Wie eine Mutter stand sie an seiner Seite, die Hand auf seine
Schulter gelegt, in den klaren Augen die tiefe bange Frage nach dem
Allerheiligsten seiner Seele. Ein herzliches Mitgefühl mit dem Manne,
der ihrer Meinung nach in eine vom Glauben abweichende Strömung
geraten, lag in ihren Worten, aber auch eine Festigkeit, eine Gewißheit
des eigenen heiligen Besitzes, wie sie nur eine wirklich faßbare
überweltliche Wahrheit in einer Menschenseele auszulösen vermag.
Er wußte, ein Herzleiden bedrohte ihr Leben auf Schritt und Tritt; sie
hatte oft davon gesprochen, aber nur wie von einer Begleiterscheinung
des Tages, einem Wolkenschatten, der über einen blühenden Garten zieht.
Mit dem, was Frau von Kambach unter Leben verstand, hatte diese Last
nichts gemein; denn das Leben, das sie lebte, wurzelte nicht in dieser
Erde.
Aber Pastor Wendler hielt ihren Glauben trotzdem für die falsche
Vorstellung einer orthodox erzogenen, in den Grenzen eines streng
konservativen Elternhauses aufgewachsenen vornehmen Frau. Es gab auch
eine anerzogene Bekenntnistreue. Die Sorge, sie zu kränken, hatte seine
Auseinandersetzung beschränkt. Wie oft hatte er's erlebt, daß die
klaffenden Gegensätze der beiden Richtungen einen unheilbaren Bruch
geschaffen. Das sollte nicht sein! -- -- --
Er merkte, sie hatte noch etwas auf dem Herzen. Zaudernd stand sie da,
ganz gegen ihre sonstige Art. Aber dann wußte sie, was sie wollte.
»Ich darf Sie nicht länger stören,« sagte sie. »Man kann keinem
Menschen den Glauben einreden -- man darf's auch nicht. Nur warnen muß
ich Sie; denn Sie jagen einem Schatten nach. Die Bibelkritik, die Sie
vertreten, wird Sie nie auf die Höhe führen, weil sie in dieser Erde
wurzelt. Sie fordert Erfahrungswissen, sie überträgt wissenschaftliche
Ergebnisse auf das Gebiet des Glaubens -- und -- entgleist. -- Ich will
gehen. Wir kommen nicht zusammen. So nicht. Ehe der Mensch sich nicht
bankrott erklärt, wird er kein Christ. Und das soll mein letztes Wort,
meine Abschiedsbitte an Sie sein. Tun Sie mir die Liebe, Ihre Seele zu
erforschen, ob irgendwo in einem Winkel eine Sünde steckt, vielleicht
eine alte halbvergessene, -- die aber doch noch lebendig ist, von der
Sie nicht sagen können: sie ist in Gottes Schuldbuch ausgestrichen!
Wenn dem so ist, wenn Sie diese Schuld nicht tilgen können, und der
Jesus, den Sie mit solch glühender Sehnsucht verehren, Ihnen die
große Gnade, die wir alle brauchen, nicht geben kann, -- dann -- dann
beschwöre ich Sie, bleiben Sie nicht verzweifelt auf halbem Wege
stehen, sondern gehen Sie zu dem, den uns die Schrift zeigt, zu unserem
persönlichen Gott und Heiland. Denn wir werden nicht ohne ihn fertig,
auch Sie nicht. Wenn Sie ihn aber gefunden haben, dann kommen Sie zu
mir -- ich weiß, daß Sie kommen! Denn ich will Ihre Freude teilen! --
Wollen Sie mir das versprechen?« Wieder sahen ihn die blauen Augen voll
mütterlicher Liebe und Güte an.
Pastor Wendler erwiderte diesen Blick. Sein Gesicht war aschfahl.
»Ich verspreche es,« sagte er mit erstickter Stimme.
Über das ehrwürdige Frauenantlitz ging ein heller Schein. Als käme der
Mann vor ihr mit der Botschaft eines großen wundervollen Sieges, an den
sie nie gedacht, traten ihr die Tränen in die Augen. Mit festem Druck
umfaßte sie seine Hände:
»Ich danke Ihnen!«
Wieder stand er überwältigt vor der großen geheiligten Liebe.
Schweigend beugte er sich über die Frauenhand und küßte sie. -- -- --
In der Mittagsstille ging sie durch das friedliche Dorf.
Franz Schenker saß vor seinem Häuschen und las.
Ehrerbietig erhob er sich, sein Käppchen ziehend. »Ick lese eine
Predigt, Exzellenz,« sagte er; »denn heute morgen war's zu erbärmlich.
Was ist das nur mit unserem Herrn Pastor? Er predigte doch früher ganz
anders.«
Frau von Kambach zuckte die Achseln. »Der Glaube ist nicht jedermanns
Ding!«
Er merkte, sie wollte nicht weiter von der Sache reden. Aber in ihrem
Gesicht lag jener stille klare Ausdruck, den er immer darin gewahrt,
wenn sie einen schweren Weg hinter sich hatte. Und Franz Schenker
dachte sich sein Teil.
Sie aber wanderte weiter.
Um das weiße Haupt wehte Septemberseide. Auf die kurz gemähten Wiesen
fiel der Schatten der hohen Gestalt.
Es war schön in Wald und Feld. Aber es gibt Zeiten, wo die Seele die
Abgeschlossenheit des Raumes braucht, der ihr Eigenleben umschließt,
das stillste heiligste Zusammensein mit Gott.
So kam's, daß die Greisin, am Gartensaal vorüber, die alte eichene
Treppe emporstieg in ihr eigenes Standquartier. -- --
Am offenen Fenster saß sie und sann den letzten Stunden nach.
Wie die Not der Zeit sich häufte! Was sie eben erlebt, war ja nur
ein Ausschnitt aus dem großen erschütternden Gemälde. Aber dieser
Ausschnitt bildete den Kernpunkt der schweren Gesamtlage. Der Grund des
völkischen Niederganges war Gottentfremdung, die Sünde des Unglaubens.
Aus dieser Saat sproßten die Giftfrüchte der Sittenlosigkeit, der
Verweichlichung und Lüge, aus ihr gingen die Verbrechen hervor. Sie
war's, welche den Verfall in die höchsten Kreise getragen, die, das
Leben eines ganzen Volkes mit ihren Fäulniserregern durchseuchend,
seinen sittlichen sozialen und politischen Niedergang planmäßig
anbahnte. Wo wollt's hinaus?
Eine heiße Angst überkam die alte Frau. Mit weitem Blick und offener
Seele stand sie Deutschlands Not gegenüber. Ihren Familienschmuck hätte
sie um ihres Volkes willen geopfert, ihr Festkleid, ihr weißes Haar,
die Krone ihres Alters.
Aber das zwanzigste Jahrhundert beging ein Verbrechen an der
Volksseele, das Gold und Silber nicht gutmachten. Der alte Schenker
hatte recht: hier wurde Größeres gefordert. Eine lebendige Mauer mußte
die höchsten Werte schützen, Männer und Frauen mußten ausziehen, die
deutsche Volksseele zu retten.
Zum erstenmal in diesen bewegten Tagen fand sie Zeit, dem Gedanken
des schlichten Spreewälder Häuslersohnes nachzugehen. Er war ihr ja
nicht fremd, aber Schenker hatte ihn aufs neue angeregt. Und während
sie sinnend dasaß, stieg eine vergangene Zeit vor ihr auf. Männer,
von glühender Vaterlandsliebe und banger Sorge erfüllt, die ihren
Weggenossen die gleiche Mahnung zugerufen, zogen an ihrem Geiste
vorüber, ein Wichern, ein Stöcker. Zwei Starke, die Großes geschaffen
und die Grundsteine zum Bauwerk kommender Geschlechter gelegt.
Dann waren sie schlafen gegangen. Deutschland verlor zu früh zwei
Volkserzieher, und keiner stand auf und trat in die Bresche. Die
Arbeit der Inneren Mission zersplitterte. Überall lagen edle Kräfte
brach, und das Unkraut wucherte. Nicht zum erstenmal war Exzellenz von
Kambach dem Wunsche des Zusammenschlusses begegnet, aber nie war ihr
das ursprüngliche, aus der Not herausgeborene heiße Begehr aus den
Reihen des Volkes entgegengetreten, wie in jener Abendstunde auf der
Waldwiese. Deutschland war müde geworden, aber noch besaß es Männer,
die auf den Höhen seiner Berge die Ehrenwacht hielten, Männer und --
Frauen. Ja, auch Frauen. Vielleicht waren sie sogar in der Überzahl.
Jedenfalls hatte Franz Schenker, der zunächst natürlich an seine
Kambacher dachte, ohne sich zu besinnen, das hoffnungsfreudige Wort
gesprochen: ›Noch haben wir Männer und Frauen, die treu zu Altar und
Thron stehen und überall ihren Christenglauben bekennen würden!‹ Und
dann hatte er seine alte Exzellenz gebeten, die Sache in die Hand zu
nehmen. Ein unglaublicher Einfall, und doch wurde sie das schlichte
Wort, das mit echt Schenkerscher Selbstverständlichkeit bei ihr
anklopfte, nicht wieder los. Sie hatte ja auch nicht nein gesagt. Nun
stand sie vor der Riesenaufgabe.
Ihr Blick fiel auf ein vielbenutztes Buch, eine Sammlung deutscher
Dichtungen. Sie nahm es und blätterte darin. Und dann las sie die
ergreifenden Worte, die Herder vor hundert Jahren an sein Volk
richtete:
›Unsere Väter, o Deutschland -- meine Sorge -- waren nicht, wie wir
jetzt sind!‹
Das war eine Anklage auf der ganzen Linie. War's nicht, als richte sie
sich gegen das Geschlecht von heute? Eine innere Unruhe ergriff die
Frau, deren ganzes Schaffen und Sinnen im Dienst ihres Volkes stand.
Wenn eine die Pflichten der Gutsherrin und Edelfrau ernst nahm, war
sie's -- --
Aber ein echtes Weib trägt die Krone des Gottesgnadentums und mißt
seine Arbeit mit ewigem Maß. Selbstzufriedenheit kennt es nicht. Auch
die greise Kambacherin trug ihr Werk in die Fackelhelle des göttlichen
Wortes und bekannte: ›Es hat Flecken und Makel!‹
Durch die Feierstille des Sonntags zog das Beichtgebet: ›Wir haben
gesündigt!‹ Die Schuld ihres Volkes war ihre Schuld. -- --
»Wir haben das Bismarckwort vergessen,« sagte sie leise, während
sie sich erhob und zum Fenster trat: »Wir sind nicht auf der Welt,
um glücklich zu sein und zu genießen, sondern um unsere Pflicht und
Schuldigkeit zu tun!«
Gedankenverloren blickte sie in die Weite. Über ihre Wange stahl sich
eine Träne und tropfte auf die gefalteten Hände nieder. Ein Seufzer
stieg aus der tiefsten Tiefe ihrer Seele: »O Deutschland, meine Sorge!«
Fünftes Kapitel.
Adel.
Ihr Kinder des Schwertes, vergeßt es nicht:
Ihr seid die Träger von Ehr' und Pflicht!
Ihr seid die Schirmherrn von Land und Herd,
Das Schwert, das ihr führt, ist ein adlig Schwert!
Die Scholle der Heimat ist euch vertraut,
Der deutsche Acker, den ihr bebaut,
Die Sitte, der alte heilige Kitt,
Der Glaube, darum euer Ahnherr stritt!
Adel des Blutes ist Vornehmheit,
Adel der Seele Persönlichkeit,
Adel des Schaffens ist Kraft und Zucht,
Adel ist's, der die Wahrheit sucht.
Adel kämpft für Altar und Thron,
Adel kennt keinen irdischen Lohn!
Adel ist Gottesdienst, Adel ist Pflicht, --
Ihr Kinder des Schwertes, vergeßt es nicht!
Es klopfte.
Die alte Frau fuhr aus ihren Träumen auf.
»Darf ich kommen, Großmama?« Harro stand auf der Schwelle. »Ich möchte
dir Lebewohl sagen!« Er trat zu ihr und beugte sich über ihre Hand.
»Stör' ich dich, oder darf ich mich einen Augenblick zu dir setzen?«
»Durchaus nicht, mein Junge, bleib nur!« Sie fühlte, er hatte etwas
auf dem Herzen. »Fahrt ihr jungen Herren zusammen?« fragte sie,
sich setzend und auf einen Stuhl weisend. Sie freute sich allemal,
wenn die Enkel zu ihr kamen. Wie manches Mißverständnis hatte sie
schon beseitigt, wie oft schon war's ihrer großmütterlichen Liebe
gelungen, zwischen Vater und Sohn zu vermitteln! Denn die herbe, ja
strenge Soldatennatur Karl Heinrichs von Kambach, dessen ritterlicher
Sinn kein Stäubchen auf dem Bilde des eigenen Lebens duldete, war
dem leichtherzigen Sohne zu stark. Die väterliche Art hatte etwas
Vergewaltigendes für ihn. Sie stählte ihn nicht, sie erdrückte ihn.
Es war die Strenge altadliger Häuser, die nicht nur den Gehorsam aufs
Wort fordert, sondern auch in vielen Fällen den erwachsenen Kindern
die persönliche Rechtfertigung versagt, -- eine zu weit gehende, ihre
Grenzen überschreitende, aber vielfach traditionell gewordene Strenge.
Herr von Kambach war ein ganzer Mann, eine Persönlichkeit aus einem
Guß. Seine edelmännische Gesinnung, sein strenges Pflichtgefühl, sein
schlichtes biblisches Christentum erwarben ihm überall Anerkennung.
Aber er war wie die meisten starken Charaktere heftig und vertrug
von seinen Kindern keinen Widerspruch. Die Behauptung Harros, in
Kambach dürfe nur ~eine~ Meinung herrschen, war daher nicht ganz
unberechtigt.
Frau Sabine mit ihrem klaren Blick für Menschen und Verhältnisse hatte
schon oft die allzu schroffe Haltung ihres Sohnes seinen Kindern
gegenüber beklagt. Sie wußte, ändern würde sie seine Art nicht, sie
gehörte zur Herrennatur. Doch wo sie konnte, milderte und ebnete sie,
und wenn's in des Vaters Arbeitszimmer scharf hergegangen war, kamen
die Enkel zur Großmutter. In den meisten Fällen unterstrich dann Frau
Sabine zwar des Sohnes Wort, aber die Jugend wußte ihre Angelegenheit
wohlverwahrt. Immer wieder klopfte sie bei ihr an, ob es in dem stillen
Dreilinden war oder in der Dorotheenstraße in Berlin oder in dem
sogenannten Sirenenquartier in Kambach, welches der Oberstallmeister
seiner Mutter zur Verfügung gestellt hatte. -- --
Den Oberkörper leicht vorgebeugt, saß Harro, mit seinem Siegelring
spielend, der Großmutter gegenüber. Er war eine angenehme Erscheinung,
in vielem an den Vater erinnernd, aber doch kein ausgesprochener
Kambach. Der Sellernsche Einschlag war unverkennbar, und im ganzen
Wesen und Auftreten erinnerte er am meisten von allen Kindern an die
früh verstorbene Mutter.
Er schien mit einer Anwandlung von Verlegenheit zu kämpfen. Die langen
Wimpern gesenkt, betrachtete er aufmerksam das Wappen seines Ringes.
Sinnend blickte die alte Frau den Enkel an. Sie wußte, er hatte einen
heiligen Respekt vor ihr.
»Nun, Harro,« sagte sie endlich, »wo drückt dich der Schuh? Daß du
nicht nur zum Abschiednehmen kommst, hab' ich auf den ersten Blick
gesehen.«
Der Ulan lachte. »Ja, Großmamachen, du bist furchtbar klug! Darum
kommen wir ja auch immer zu dir!« Er rückte auf seinem Stuhl hin und
her.
»Nun also, was gibt's?« fragte sie.
»Großmama, ich komme mit einer Riesenbitte. Du -- du sollst die Hände
über mein Lebensglück breiten.«
Frau Sabine wußte Bescheid. Aber sie verhielt sich abwartend.
»Also kurz gesagt: ich liebe Sibylle!«
»Das ist mir nichts Neues, mein Junge!«
Er sah überrascht auf. »Aber ich bin doch kolossal vorsichtig gewesen!«
Die alte Frau lachte. »Die Auffassung kann ich nicht gerade teilen,
aber das schadet ja nicht. Die Hauptsache ist: du hast guten Geschmack!
Und das freut mich! Ich wüßte keine zweite, die mir als Enkelin so
willkommen wäre, wie Sibylle!«
Harro strahlte. »Ich wußte es!«
Sie nickte. »Es ist nur die Frage, ob sie dich nimmt!«
Er sah die Großmutter voll an. »Sie nimmt mich.«
Der klare ruhige Ernst seines Wesens gefiel ihr. Er erschien in diesem
Augenblick gereifter und männlicher als sonst. Und zugleich sagte sie
sich, warum er zu ihr kam, und freute sich dessen. Sie sollte seine
Fürsprecherin sein. Bei seinem Vater und bei Sibyllens Großvater. Er
wollte einen Menschen zur Seite haben, vor dem die beiden Familien
Respekt hatten. Dieser Wunsch enthielt ein Zugeständnis der eigenen
Mängel und zugleich den Beweis echt kindlicher Ehrerbietung. Denn
berechnend war Harro nicht. Er war leichtsinnig und zum großen Kummer
der Seinen religiös gleichgültig, aber im übrigen eine durchaus
aufrichtige Natur. Sonst wäre sein Verhältnis zu der Großmutter
unmöglich gewesen. Denn Frau von Kambach nahm gerade ihm gegenüber kein
Blatt vor den Mund, und Harro mußte sich oft messerscharfe Wahrheiten
sagen lassen. Aber er kam immer wieder.
Auch heute sagte sich die alte Dame, daß sie den Augenblick nützen
müsse, um dem Enkel einige Ermahnungen mit auf den Weg zu geben.
»Ich soll die Hände über deine Liebe breiten?« sagte sie lächelnd.
»Wie meinst du das? Du weißt, das Ehestiften liebe ich nicht. Es kommt
nichts dabei heraus als Ärger und Aufregung, und klappt die Sache
nachher nicht, so wird man verantwortlich gemacht. Das ist nichts für
eine Frau mit weißen Haaren!«
»Großmamachen, das sollst du ja auch gar nicht. Ich möchte nur, daß der
alte Bühler eine etwas bessere Meinung von mir bekommt.« Er hielt inne
und blickte auf seine Stiefelspitzen nieder. »Ich -- ich habe gestern
abend einen kleinen Zusammenstoß mit ihm gehabt, und Papa ist ja leider
nicht gerade mein Fürsprecher.«
Frau von Kambach überhörte die letzten Worte.
»Was hast du denn angestellt?«
»Gott -- im Grunde nichts. Ich erlaubte mir zu äußern, daß ländliche
Hochzeiten im allgemeinen nicht meinem Geschmack entsprächen -- da
bekam ich's! Zuerst wurde die Unterhaltung halblaut geführt, nur Gräfin
Brelow war Zeuge, aber dann muß ich wohl irgend etwas gesagt haben,
was dem alten Herrn zu modern erschien, kurz und gut, er erklärte mit
gereizter Stimme, es sei ein soziales Verbrechen, wenn die Hochzeit
eines Landedelfräuleins in einem Berliner Gasthof gefeiert werde. Ein
paar Regimentskameraden drehten sich um, die jungen Mädchen reckten
die Hälse, -- du kannst dir denken, daß es ein höchst unangenehmer
Augenblick für mich war! Ich konnte doch schließlich dem ältesten und
vornehmsten Gast unseres Hauses nicht entgegentreten! -- Du kamst
gerade mit Papa vorbei, als die letzten Worte gesprochen wurden. Die
Folge war, daß wir eben eine endlose Auseinandersetzung über die
Pflichten des Edelmannes und preußischen Offiziers hatten.«
Exzellenz von Kambach lehnte sich zurück. »Harro, du weißt, daß ich
in dem Punkt mit deinem Vater vollständig übereinstimme,« sagte sie
ernst. »Er hat ganz recht, wenn er sagt, daß es dir noch am rechten
Pflichtgefühl fehlt.«
Harro blickte, an der Unterlippe nagend, vor sich nieder. »Ich bin
gar nicht solch ein Luftikus, wie Papa denkt! Ich habe noch nichts
Ehrenrühriges getan!«
»Dann würden sie dich auch hoffentlich in Brandenburg nicht behalten.
Deine Antwort ist übrigens sehr bezeichnend für dich. Zwischen dem, was
unserem alten edelmännischen Begriff gegen die Ehre geht, und dem,
was man heutzutage als ehrenrührig bezeichnet, liegt noch sehr, sehr
viel. Aber das laßt ihr Jungen nicht mehr gelten, ihr kennt nur den
modernen Ehrbegriff. Daß dein Vater das nicht vertragen kann, ist ganz
natürlich!« Und die welke Hand, welche die beiden goldenen Trauringe
trug, strich glättend über das schwarze Seidenkleid.
»Er fordert sehr viel von seinen Söhnen,« sagte Harro.
»Würde dein Vater so groß vor dir stehen, wenn er weniger von dir
verlangte? Ein echter märkischer Junker wird immer einen vollen
Lebenseinsatz fordern, die völlige Hingabe an Vaterland und Beruf,
mit einem Worte: Mannentreue. Nur ganze Männer sind Persönlichkeiten.
Aber was nennt sich heutzutage alles Mann! Nicht die Hälfte
dieser weibischen, im Überfluß lebenden Tagediebe verdient diesen
Namen. -- Lappen sind's! -- Sieh dir bitte die sogenannte erste
Gesellschaft einmal näher an, -- wir sind heruntergekommen, furchtbar
heruntergekommen!«
»Großmama!« rief der Enkel in gekränktem Ehrgefühl.
Aber die alte Exzellenz war in ihrem Fahrwasser. Wenn diese Frage
angeschnitten wurde, regte sich die Vaterlandsfreundin und märkische
Edelfrau in ihr. Und noch eine andere.
»Bitte, laß mich ausreden,« rief sie. »Das muß doch jeder, der offenen
Auges durch die Welt geht, erkennen, daß unserem Volke mit dem
Christentum die Sittlichkeit mehr und mehr abhanden gekommen ist. Es
herrscht bei der heranwachsenden Jugend eine geradezu erschreckende
Auffassung von Pflicht und Verantwortlichkeit. Was früher ganz
selbstverständlich war, ist heute unmodern und rückständig. ›Man muß
sich ausleben,‹ ist das dritte Wort. Das verdanken wir Nietzsche.
Es liegt ein Fluch auf seiner christusfeindlichen, widergöttlichen
Philosophie, -- der Fluch der Unsittlichkeit!«
»Aber Großmama, man kann doch nicht alles verwerfen, was er gesagt hat!
Außerdem war er jahrelang schwer krank.«
»Ich denke nicht daran, ihn zu verurteilen,« sagte Frau von Kambach.
»Möglicherweise war er besser, als seine Lehre. Sogar christlich
gesinnte Männer erklären, bei unbefangener Beurteilung manches Gute
an ihm zu finden. Aber das schafft doch die Tatsache nicht aus der
Welt, daß er die Lauge seines Spottes über Religion und Christentum
ausgegossen hat, und daß seine Saat immer weiter aufgeht.«
»Es ist keiner unter den Lebenden, der ihm an Geist und Begabung
ebenbürtig wäre,« entgegnete der junge Offizier. »Seine Schimpfereien
auf das Christentum finde ich natürlich unanständig, aber das sind eben
Krankheitserscheinungen.«
»Zum Teil, gewiß. Ob sie es durchweg sind, ist erwiesenermaßen
zweifelhaft. Aber gesetzt den Fall, sie wären es, Harro -- ist's nicht
ein trauriges Zeichen unserer Zeit, daß man die Geisteserzeugnisse
eines Wahnsinnigen zum Evangelium erhebt? Ich habe immer das Gefühl,
daß das, was er verkündigt, unserem verweichlichten kampfesscheuen
Geschlecht so gut behagt, weil es sein schrankenloses Triebleben mit
Nietzsches Namen decken zu können glaubt. Denn er entschuldigt nicht
nur alles, er rechtfertigt es in sittlicher Hinsicht. Diese Weisheit
ist das Evangelium Tausender geworden. Und eben dadurch ist uns die
Sittlichkeit verloren gegangen.«
»Wir stehen auf dem Höhepunkt der Kultur, Großmama!«
»Jawohl -- und waten im Sumpf! Die höchste Blüte der Kultur ist immer
die Sittlichkeit gewesen, und nur das Christentum hat sie den Völkern
gebracht. Sieh dir doch die Geschichte an! Die alten Griechen und Römer
standen, was Kunst und Wissenschaft anbelangt, doch gewiß auf der Höhe,
und was war der Abschluß? Sie endeten im Morast, denn ihrer Kultur
fehlte die sittliche Edelkraft. Gott sei's geklagt, -- so weit sind wir
auch! Warum lehnen wir das Christentum ab!«
Der Ulan antwortete nicht.
»Es ist doch nicht nur die arbeitende Klasse,« fuhr Exzellenz von
Kambach fort, »die ohne christliche Zucht verloren geht, -- die
höchsten und allerhöchsten Kreise degenerieren in derselben Weise,
das Fremdwort drückt es nur etwas feiner aus. Darum sollte gerade
der Stand, der die höchste und schwerste nationale Pflichterfüllung
fordert, sich fest auf das Christentum gründen. Denn nur wer seinem
himmlischen König die Treue hält, vermag sie auch dem irdischen zu
bewahren.«
»Verzeih, Großmama, da muß ich dir widersprechen. Ich kann meinem
König sehr gut die Treue halten, ohne an Gott zu glauben. Der Begriff
Edelmann ist für mich durchaus nicht von dem des Christen abhängig.
Wenn ich meinem König die Treue schwöre, dann halte ich sie ihm auch.«
Die alte Dame schüttelte den Kopf. »Mein lieber Junge, ich möchte
dir nicht wehe tun. Ich zweifle deine Aufrichtigkeit gewiß nicht
an. Aber du siehst nicht klar in der Sache. Der Unglaube lehnt das
Gottesgnadentum ab -- sonst wäre er eben kein Unglaube -- kann da
noch von wahrhaftiger Königstreue die Rede sein? Gottesleugnung und
Königstreue sind unvereinbar, du kannst es mir glauben, und wenn die
alte preußische Zucht und der Geist eines vornehmen Offizierkorps
die Frage auch äußerlich noch bejahen, der Kitt ist brüchig -- denn
die Gesinnung steht nicht mit dem äußeren Verhalten im Einklang. Wie
verträgt sich z. B. die Stellung des Gottesleugners zum Besuch des
Gottesdienstes? Wenn du nicht an Gott glaubst, so ist dein Kirchgang
eine Lüge. Versäumst du aber absichtlich den vorgeschriebenen
Gottesdienst, so machst du dich des Ungehorsams gegen den obersten
Kriegsherrn schuldig. Aus dieser Zwickmühle findet der Gottesleugner
keinen Ausweg -- findest du einen?«
»Das sind die letzten schwersten Folgerungen, Großmama! Ich muß
offen gestehen, so bis ins kleinste bin ich der Frage noch nicht
nachgegangen.«
»Bis ins kleinste? Das liegt doch sehr nahe.«
Er zuckte die Achseln.
»Stelle dir einen Sozialdemokraten als Reichskanzler vor,« fuhr sie
fort. »Das liegt auf derselben Linie. Kannst du dir einen tolleren
Widerspruch denken: Anarchismus und Atheismus Wächter des Königtums von
Gottes Gnaden? Es wäre Gotteslästerung!«
»Aber Großmama, was denkst du eigentlich von mir, das würde ich doch im
ganzen Leben nicht befürworten,« rief der Enkel erregt.
»Gewiß, Harro, das glaube ich dir. Die Praxis des Wahnsinns befürwortet
man nicht. Dagegen hat ihn schon mancher in der Theorie vertreten. Ich
bin, wie gesagt, überzeugt, daß du ein königstreuer Mensch sein willst,
aber das eine muß ich dir immer wieder aufs neue sagen: das Beste, die
sittliche Lebenskraft fehlt dir -- das Christentum.«
»Großmama, ich kann doch nichts dafür, daß es mich kalt läßt und mir
nichts gibt!«
Frau von Kambach sah ihren Enkel traurig an.
»Als ob du dir jemals die Mühe gegeben hättest, dich eingehender damit
zu beschäftigen, Harro! Es heißt: ›Wer da anklopft, dem wird aufgetan!‹
-- Was gibt dir denn die Kunst? Würde die Musik dich trösten, wenn du
alles, was dir lieb ist, verlörst? Denn so weit bist du doch noch nicht
wie jene Tänzerin, die am Sarge Richard Wagners einen Kranz mit der
Inschrift niederlegte: ›Lebe wohl, du Gott!‹«
»Nein, so weit bin ich noch nicht!«
»Noch nicht, Harro, aber du steuerst mit vollen Segeln auf die
Vergottung des Künstlertums los!«
»Wenn Sibylle ihre Stradivariusgeige spielt, fällt mir allerdings
jedesmal der Ausspruch Novalis' ein: ›Der Künstler ist durchaus
transzendental.‹ Und Novalis war doch gewiß ein frommer Mann.«
»Das streite ich nicht ab. Aber er war von starker mystischer
Veranlagung. Außerdem kann das Wort auch so gedeutet werden, daß jedes
Künstlertum transzendentale Züge, d. h. Züge der göttlichen Gabe,
trägt.«
Er zuckte die Achseln. »Ich glaube, daß es anders gemeint ist!«
»Dann beglücke nur nicht Sibylle mit deiner Weisheit, sie faßt ihre
Kunst ganz anders auf und würde wahrscheinlich wenig erbaut von deiner
Ansicht sein.«
»Sibylle liebt mich,« entgegnete er stolz.
»Mag sein, aber sie hat einen sehr bestimmten christlichen Standpunkt.
Wenn du sie aufs Gewissen fragst, wird sie dir dasselbe sagen wie ich,
nämlich, daß der Gottesleugner nur ein Gegner des Gottesgnadentums
sein kann. Denn wenn sich seine Praxis nicht mit der antichristlichen
und antimonarchischen Theorie deckt, so ist er eben kein waschechter
Anarchist und Atheist. Und das glaube ich im Grunde von den meisten,
auch von dir! Du bist im Grunde gar kein Atheist, mein lieber Junge,
laß dir das von deiner alten Großmutter sagen!«
Jetzt erwachte der junge Stolz.
»Aber Großmama, ich bin doch kein Kind mehr, ich muß doch wissen, was
ich will.«
»Nein, Harro, du weißt es eben nicht, und es gibt ältere und
erfahrenere Leute wie du, die nicht wissen, was sie wollen. Es ist
einfach eine Torheit, nicht an einen persönlichen Gott zu glauben
und dann seinen Unglauben wissenschaftlich begründen zu wollen.
Wahrhaftige Wissenschaft lehnt den Glauben nicht ab. Ihr aber lest
die Bibel gar nicht und behauptet dann, sie sei nicht mehr zeitgemäß,
dagegen glaubt ihr unbesehen die tollste sogenannte wissenschaftliche
Hypothese!«
In dem hübschen jungen Gesicht zuckte Wettergeleucht. Es war wirklich
nicht so ganz einfach mit der Großmutter. Und durch Harros frauenhaft
eitlen Sinn flog der Gedanke: es spricht doch sehr für dich, daß du
dich wie ein Schuljunge abkanzeln läßt und trotz alledem immer wieder
kommst. Ein anständiger Charakter und eine gute Kinderstube sind doch
unbezahlbar. Und die Kambachsche Freiherrnkrone schimmerte im
Goldglanz.
»Du mußt doch bedenken, Großmamachen, daß die Zeiten sich geändert
haben,« sagte er. »Nicht nur die Bibel paßt nicht mehr in unsere
Zeit, auch unsere ganzen sozialen kirchlichen und gesellschaftlichen
Verhältnisse haben gewechselt. Das zähe Festhalten altadliger
konservativer Häuser an Überlieferung und Sitte ist ja sehr schön, aber
es kommt mir immer so vor wie eine Ruine, welche die verschlungenen
Gewinde tausendjährigen Efeus zusammenhalten, bis ein Sturm das
Ganze niederreißt. Und schließlich wirkt solche überlieferte Treue
tragikomisch! So ist's auch mit dem Christentum, -- mein Gott, man
sieht das doch alle Tage!«
»Harro!« -- Ein tiefer Schmerz durchzitterte die alte Stimme. »Das sagt
ein Kambach, ein preußischer Edelmann, ein Mann, dessen Vorfahren Gut
und Blut für Altar und Thron geopfert, das -- das sagt mein Enkel?« Die
Tränen stiegen ihr in die Augen, ihre Stimme brach. Sie stand auf und
trat ans Fenster. »Das -- das ist zuviel!«
Eine flammende Röte war in die Stirn des jungen Offiziers gestiegen.
Tränen im Auge der Großmutter konnte er nicht ertragen. Mochte sie
bisweilen schroff und hart, mochte sie altmodisch und einseitig in
ihrem Urteil sein, sie war die Großmutter, die Frau, die ihm wie
so oft schon die Mutter ersetzt, deren ehrwürdige geliebte Gestalt
eine scheidende Generation vertrat, die -- man mochte sagen, was man
wollte -- größer, stärker, opferwilliger war, als das Geschlecht von
heute. Daß die Greisin den einzelnen für die Gebrechen der Gegenwart
verantwortlich machte, war eine berechtigte Schwäche des Alters,
welches bekanntlich immer nur die gute alte Zeit gelten ließ. Das
durfte man ihr nicht verübeln.
Er sprang auf und trat an ihre Seite.
»Großmama,« rief er, die schmalen Hände an die Lippen ziehend, »verzeih
mir, du weißt doch, daß es nicht schlimm gemeint ist! Ich bin doch kein
Umstürzler; aber Zeiten und Menschen wechseln, und wir müssen uns ihnen
anpassen -- es geht nun einmal nicht anders, wir kommen sonst nicht
vorwärts im Leben, man geht an uns vorbei zur Tagesordnung über --
bitte, versteh mich doch, Großmamachen! Du weißt doch, daß ich so nicht
nach Drachenburg zurückkehren kann!«
Er streichelte ihre Hände. Er bettelte und flehte, wie einst das schöne
goldlockige Kind: »Sei wieder gut, Großmamachen!«
Exzellenz von Kambach wandte dem Enkel das Antlitz zu. Aus den nassen
Augen leuchtete die warme Mutterliebe ihres großen Herzens, -- um die
Lippen aber lag noch der feste Zug unbeugsamen Willens und unentwegter
Rechtlichkeit. Der strahlende Stolz der deutschen Edelfrau wachte über
märkischer Ehre, über der Treue zu Altar und Thron.
Und der junge Sproß des alten edlen Geschlechts verstand in den
ehrwürdigen Zügen zu lesen und -- schwieg.
Dann hörte er ihre Stimme. Es wirkte beruhigend auf ihn, daß sie
wieder redete. Denn wenn Großmutter Kambach schwieg, standen die
Dinge schlimm. Solange sie aber noch sprach, war Hoffnung auf einen
erträglichen Ausgang der Sache vorhanden.
»Ich will dir verzeihen,« sagte sie, und noch zitterte der Schmerz in
ihren Worten nach, »aber eins merke dir: das Wort tragikomisch darf
ein Edelmann in bezug auf Überlieferung und Sitte, vor allem aber in
bezug auf das Christentum nicht in den Mund nehmen, Harro! Wer das
tut, ist kein rechter Edelmann. Denn so eng der monarchische Gedanke
mit dem Adel verknüpft ist, so eng sind beide mit dem Gottesgnadentum
verbunden. Wer diese alte Wahrheit ablehnt, ist darum auch kein echter
Vaterlandsfreund. Denn nicht das erlauchte Blut ist's, nicht Macht und
Krone sind's, die dem Königtum seine unantastbare Würde verleihen,
sondern das Prädikat: von Gottes Gnaden. Es ist darum ganz berechtigt,
wenn man das Gottesgnadentum den Lebensnerv des Königtums nennt, und
ebenso berechtigt, wenn man das Christentum als Träger und Grundstein
des monarchischen Gedankens fordert. Denn wo soll die Achtung vor einer
göttlichen Einrichtung herkommen, wenn man nicht an Gott und Ewigkeit
glaubt?« Sie seufzte. »Es ist bezeichnend für unsere Zeit, daß sie auf
dem Gebiet der Jugendpflege die Religion fast durchweg ausschaltet. Als
ob Sport und Spiel den Menschen zur Persönlichkeit reiften!«
»Sie sind aber sehr nötig, Großmama, und halten junge Leute, zumal
Schüler, von manchen Dummheiten ab.«
Sie schritt an ihrem Krückstock auf den verlassenen Platz zu und setzte
sich wieder.
»Gewiß, Harro. Ich kann das Wort ›Ertüchtigung‹ allerdings nicht
leiden, aber ich beglückwünsche es trotzdem, daß mehr Gewicht auf
diese Seite der Jugenderziehung gelegt wird wie früher. Nur darf man
sich, wenn man die Hauptsache ausschaltet, nicht über einen halben
Erfolg wundern. Denn Persönlichkeiten erzieht der Geist Gottes. Darum
wird das Geschlecht, das wir auf diese Art großziehen, trotz seiner
körperlichen ›Ertüchtigung‹ kein Heldengeschlecht werden. Denn ein Leib
ohne Geist ist nun einmal tot.«
Harro Kambach sah nachdenklich vor sich nieder. Ein Wort Kurt Breysigs
zog ihm durch den Sinn: ›Persönlichkeit ist Kraft, Persönlichkeit ist
Adel, Persönlichkeit ist Zucht!‹ Sollte sich dasselbe nicht ohne die
Grundlagen des Christentums in die Tat umsetzen lassen? Anderenfalls
hätte Breysig hinzufügen müssen: Adel ist Gottesgnadentum. Der Adel
des Blutes wäre damit freilich hinfällig gewesen, -- allein der Adel
des Schaffens und der Gesinnung wäre in Betracht gekommen. Dann hätte
allerdings das, was die Großmutter behauptete, zu Recht bestanden:
entartete dieser von Gottesbewußtsein belebte und Gottes Kraft
gestählte Adel, so war eine Zersetzung von oben nach unten angebahnt.
Aber das war eben Ansichtssache -- nichts weiter. Es kam alles auf die
Auffassung des Weltgeschehens an.
Er sagte es ihr.
»Warum soll ich nicht stark und frei sein ohne Gott, warum soll ich
nicht freiwillig Selbstzucht üben können, Großmama?«
»Es mag sein, daß es einem Starken eine Zeitlang gelingt,« entgegnete
sie ernst, -- »aber« -- sie sah ihn fragend an -- »ob du so stark
bist, Harro? -- Außerdem müssen wir mit dem Durchschnitt rechnen und
bedenken, was für Stürmen und Nöten ein Menschenherz oft ausgesetzt
ist. Du bist noch jung! Stelle dir einmal die Zeit ohne Ewigkeit vor,
ohne einen Schimmer von Hoffnung auf das Zukünftige und dich selbst in
verzweifelter Lage -- glaubst du, daß dein Persönlichkeitsbewußtsein
dadurch gefestigt werden würde?«
Er schwieg.
Da fuhr sie fort: »Genau so ist's im Blick auf das große Ganze. Ein
ewigkeitsloses Geschlecht ist dem Verfall ausgeliefert. Es lebt ja
nur für diese Zeit!« Sie nahm ein Buch von einem neben ihr stehenden
Tischchen und blätterte darin. Es währte ein Weilchen, bis die alten
Augen fanden, was sie suchten.
Und dann las sie.
»Was ist die Zeit ohne Ewigkeit, ohne den göttlichen Heilsgedanken, der
das Irdische in den Glanz des Himmels rückt? Was sind Vaterland und
Volksseele, die Einzelgestalt, die du liebst und ehrst? Was bist du
selber mit dem heißen Leben deiner Sinne, der Sehnsucht deines Herzens?
Eine Eintagsfliege, die morgen vermodert! Fasse es bis ins letzte,
schwerste, und dann sage mir, ob du angesichts der entsetzlichen Leere,
die dich erfüllt, der unsäglich tiefen grausen Hoffnungslosigkeit,
noch den Wagemut hast, die Tollkühnheit, nicht nur zum handelnden oder
geistigen Schaffen, sondern zum Kampf, zum Opfer deines Herzblutes,
um -- ja, worum? Sind's nicht Erde und Asche, um die du streitest?
Ist's aber eines freien deutschen Mannes würdig, das Leben für sie
einzusetzen? Vaterlandsliebe und Mannentreue, die Arbeit, wie sie auch
heiße, die Liebe, welche Züge sie auch trage, der Ehe geheiligte Last
und Lust, Mutterglück mit seinen Schmerzen und Wonnen, -- was wären sie
alle? Ein Nichts, ein Wolkenschatten auf der Heide, das krause Spiel
eines pantheistischen Gedankens, einer Laune des Tages? Und hinter dem
allem -- Tausenden vielleicht ein weltenferner, kaum gedachter Gedanke
-- der Zweifel, die leise, immer dringender werdende Frage: wenn's
anders wäre? Sie läßt dich nicht los, sie zermürbt dir die Sinne, sie
hetzt dich hierhin und dorthin. Denn hinter dieser großen Frage, welche
der moderne Mensch immer wieder auszuschalten sucht, steht unabweisbar
die Schuld. Bis in die Ewigkeit reicht sie. Und die Ewigkeit gibt
der Zeit Antwort. Jenes erkenntnistheoretisch Unerklärliche,
Unbestimmbare, jene wunderbare Stimme, die lauter als alle anderen
Stimmen redet, bezeugt dem Menschen unausgesetzt seine Schuld. Das ist
das Gewissen. Die ewige Lampe der Seele hat es einer geheißen.«
Schweigend legte sie das Buch auf den Tisch.
Der Enkel stand am Fenster und schaute kopfschüttelnd hinaus.
»Großmama, da kann ich nicht mit. Warum soll ich meine Persönlichkeit
nicht für die Kleinodien einer begrenzten Zeit einsetzen, wenn sie
meines Volkes Geschichte umschließt? Warum soll ich es bedauern, daß
große Tage ihren Abschluß finden? Im Gegenteil! Gerade der Verzicht auf
die Unsterblichkeit läßt uns das einmalige Geschenk des Lebens, das
keine Aufhöhung erwarten läßt, höher werten, ja ich möchte sagen, es
läßt es uns großzügiger, geschlossener, leidenschaftlicher auffassen,
als wenn wir mit einer neuen verbesserten Auflage rechnen sollten. Das
Ewige im Sinne der Bibel ist dem modernen Menschen zu unwirklich, er
findet weder sein Glück noch seine Zukunft darin!«
»So!? Ist etwa das Glück, das ihr sucht, ein wirkliches? Ist's nicht
vielmehr ein Rausch? Was bleibt euch von Genuß und Überfluß, von
Liebelei und Mode, von Sinnenlust und Spiel, von Rennen und Kabarett
und Austernfrühstück, -- was trägt euch der Besuch in einem Hause ein,
das ihr in Uniform nicht betreten dürft? Es gibt eine Wirklichkeit,
Harro, vor der mir graut!« Die blauen Augen flammten.
Der Enkel senkte den Blick. »Großmama, das gehört nun einmal zum Leben,
man darf es nur nicht übertreiben und muß vor allem ein anständiger
Mensch bleiben!«
»So!? Du traust dir recht viel zu, mein Junge! Ich frage mich nur,
woher du diese übermenschliche Seelenkraft nimmst. Was heißt das: ein
anständiger Mensch bleiben? Willst du damit sagen, daß du dich bisher
von groben Sünden rein gehalten, daß du noch nicht in unerlaubten
Beziehungen zu einer Frau gestanden, daß du noch nicht gespielt hast?
Mein Ehrbegriff ist ein anderer. Nicht, daß ich die ganze Welt mit
dem Maß messe, das ich an meine Person lege, es wäre ungerecht und
kurzsichtig, aber an meine Familie muß ich es legen,« sie hob das weiße
Haupt stolz empor, »meine Kinder und Enkel dürfen nicht vergessen,
daß sie den Namen Kambach tragen! Du aber bist auf dem besten Wege,
dein Blut zu verleugnen, Harro. Ich habe in letzter Zeit verschiedenes
über dich gehört, -- keine schwerwiegenden Tatsachen, sondern kleine
Züge, die aber für deine ganze Persönlichkeit, für deine Stellung
im Regiment bezeichnend sind. Einer Frau würde man in Frankreich in
solchem Falle mit der Bemerkung ›+un peu déclassée+‹ das Urteil
sprechen. Die Stellung des Mannes ist eine andere, -- ich möchte noch
kaum von Grenzüberschreitung reden, -- und doch, für den Edelmann muß
es bis ins kleinste gelten: mein Erstes und mein Letztes ist die Ehre!
-- Wie ich höre, zieht man sich von dir zurück -- etwas Bedenklicheres
kann man von einem preußischen Offizier nicht sagen, es sei denn, daß
er als der einzige wahrhaft vornehme Mann in einem heruntergekommenen
Regiment seine Stellung behaupte. Aber so stehen die Dinge nicht. Das
Drachenburger Ulanenregiment vertritt die Elite. Es ist ein schlechtes
Zeichen für einen jungen Offizier, wenn sich Männer wie Jobst Dachow,
wie die Malwitze und Seelows von ihm zurückziehen.«
»Das war wegen vorübergehender Meinungsverschiedenheiten, Großmama,«
sagte Harro mit zerdrückter Stimme, »es ist alles wieder in Ordnung.«
»Mein lieber Junge, ich bin genau so weit unterrichtet, wie dein
Vater, der dir eben schon, wie ich annehme, mit echt Kambachscher
Gründlichkeit den Standpunkt klargemacht hat. Ich will daher die Sache
selbst nicht weiter berühren. Hättest du mich nicht um meine Fürsprache
gebeten, so hätte ich überhaupt geschwiegen, aber diese deine Bitte
fordert reinen Tisch. Ich muß daher nochmals auf den ›anständigen
Menschen‹ zurückkommen. Du faßt diesen Begriff immer noch viel zu
eng, und das liegt an deiner Stellung zum Christentum. Das, was ich
dir eben vorlas, zeichnet klar und deutlich die heutige entgottete
Weltanschauung -- einerlei wie sie heißt. Wir brauchen auf keine
Einzelheiten einzugehen. Aber darüber müssen wir uns klar sein, daß
der Mensch, der keinen Gott und keine Ewigkeit hat, mit vollem Recht
in den Tag hineinleben kann, weil Pflicht und Verantwortlichkeit nicht
für ihn vorhanden sind. Damit aber fällt die Sittlichkeit fort. Rede
mir nicht darein, -- sie fällt fort. Vom schwersten dunkelsten Fall
der Schande bis zur kaum angedeuteten Grenzüberschreitung fällt die
Sittlichkeit fort. Wir entarten ohne den lebendigen Gott, wir verfaulen
bei lebendigem Leibe. Das sind eiserne Worte, namenlos schwere
Anklagen, aber sie sind berechtigt. Denn es geht ein Gespenst durch
unser Vaterland: der deutsche Verfall!«
Exzellenz von Kambach hielt inne. Ihre Augen blickten an ihm vorüber
in den herbstlichen Park hinaus, in die strahlende Ferne, als wollte
sie alle, die ihres Volkes waren, ob sie in den Hütten des Heidelandes
wohnten oder in den Schlössern der Mark, warnen, beschwören: ›Kehrt
um, noch ist's Zeit!‹ Es lag etwas Prophetisches in diesem Blick,
etwas Weitschauendes, aber unsäglich Trauriges. Etwas, das von der
Einsamkeit der letzten Edelgeborenen redete, von dem Herzleid der
letzten Deutschen, die sich zum Kreuz bekennen, von dem Schmerz der
Heimatliebe, die sterbend um ihr Vaterland trauert. Und doch war dies
Leid untrennbar von dem eisernen Willen, von dem flammenden Stolz, von
der unbesiegbaren Kraft dieser Frau. Beugen würde sich dieser Stolz
nur vor einem Höheren, -- vor dem Haß der Welt, vor der Gemeinheit nie
-- eher würde er unter dem Schwerte der Revolution verbluten. Harro
Kambach kannte diesen Stolz und bewunderte ihn. Heimlich gestand er
sich: ›Du besitzt ihn nicht!‹ Und der Gedanke stieg ihm auf: ›Wie
kommt eine Frau zu solch starker freier wunderbarer Heimatliebe,
woher wird ihr die Kraft, bis ins hohe Alter, so still und selbstlos
an einem Werke zu bauen, das sie nach ihren eigenen Aussagen nur als
ein verlorenes ansehen kann?‹ Bedeutete nicht jede Kulturarbeit für
sie einen hoffnungslosen Einsatz edler Kräfte? Gewiß, aber nur die
Kulturarbeit im Lichte moderner Weltanschauung -- jede von christlichem
Geiste beherrschte Arbeit aber faßte sie anders auf! Und doch -- auf
der ganzen Linie widersprach das biblische Christentum, das sie so
stark betonte, der Wirklichkeit. Oder nicht? Ein leiser, leiser Zweifel
erwachte in der Seele des Mannes, ob das, was gerade in den höchsten
Kreisen vielfach für rückständig galt, wirklich rückständig sei. Die
wenigen seiner Regimentskameraden, die sich das schlichte Christentum
ihres Elternhauses bewahrt hatten, waren allgemein beliebt und
geachtet. Sie waren durchaus keine Mucker, aber ihr Leben spielte sich
in ganz bestimmten Grenzen ab. Harro glaubte, eine solche Unfreiheit
nicht ertragen zu können, aber hochhalten und bewundern mußte er diese
Persönlichkeiten aus einem Guß.
Und wieder klang die Stimme, die er so liebte, an sein Ohr:
»Wenn ihr nur hören wolltet! Den Glauben kann man niemand einreden,
durch Menschenworte findet man nicht seinen Gott -- aber das solltet
ihr offenen Auges erkennen, daß wir einen schweren völkischen
Niedergang zu verzeichnen haben, daß eine furchtbare Zersetzung durch
alle Kreise geht. Doch anstatt Hand anzulegen und die entsetzliche Flut
einzudämmen, geht man mit bösem Beispiel voran. ›Genußsucht, Spiel,
Frauen‹ -- der tausendjährige Totenspruch der Völker gilt auch uns. Ein
wahrhaft christliches Volk wird diesen dreien immer die Tür weisen --
das besagt alles. Aber die Zucht des Christentums paßt uns nicht, denn
unser ganzes Wesen ist selbstsüchtig. Darum vergessen wir immer wieder,
daß wir Glieder einer großen Kette sind, daß jeder einzelne seinen Teil
an der vaterländischen Gesamtpflicht zu erfüllen hat und die Übernahme
dieser Pflicht den ganzen Menschen, Leib und Seele fordert. Es ist
eine Hauptaufgabe des deutschen Adels, eine germanische Rassenauslese
darzustellen. Damit ist nicht nur vor der Verjudung des Adels, sondern
vor sozialer kultureller und politischer Verschwommenheit, mit einem
Worte, vor dem weibischen Geiste des zwanzigsten Jahrhunderts gewarnt.
Wir haben keine Männer mehr, das ist Deutschlands Unglück!«
Ein zweites Mal klang die zornige Anklage an Harros Ohr. Das Blut stieg
ihm in die Stirn.
»Großmama, das ist zu viel! Das darf sich ein preußischer Offizier
nicht sagen lassen. Verzeih, -- aber --«
Frau von Kambach sah ihn fest an. »Ich bin die erste, die Gott auf
den Knien danken würde, wenn mein Enkel sich solche Worte nicht sagen
zu lassen brauchte,« erwiderte sie, jedes Wort betonend, mit bebender
Stimme. »Du kamst zu mir als ein Bittender. Über deine Liebe soll ich
die Hände breiten. Einem Mädchen gegenüber, das -- ich sage es mit
Schmerz -- viel, viel zu gut für dich ist, soll ich deine Fürsprecherin
sein, aber die Wahrheit kannst du nicht ertragen!«
Die Erregung übermannte sie. Schwer atmend erhob sie sich und trat auf
ihn zu. Das edle Haupt im Witwenschleier stolz zurückgeworfen, stand
sie da, und doch wußte er, daß ihre Seele blutete.
Wieder kam das Weiche, Edle in ihm zum Durchbruch. Wieder sagte er
sich: vergiß nicht, daß zwei Generationen miteinander ringen, daß dem
Alten vor dem Neuen in jeder Form graut, daß es, das Beste wollend,
irregeht, -- und ertrage die strenge, aber treu gemeinte Art der Frau,
die mit mütterlicher Liebe deine Jugend behütete!
»Großmama,« bat er, »versteh' mich, ich bitte dich, und verzeih' mir!«
Sie sah ihn voll an.
Auf dem abgeklärten Gesicht lag stille Trauer. Sie kannte ihn und
wußte, daß ein weiches Gemüt und treue Anhänglichkeit ihn zu ihr
zurückführten, daß aber ihre Worte in den Wind gesprochen waren. Es war
ja die Verzweiflung ihres Sohnes, daß diese liebenswürdige, die Herzen
im Sturm erobernde Art niemals hielt, was sie versprach.
Und sie machte sich hart.
»Du hast ja schon heute abend meine Worte vergessen! Ich kenne dich!«
Aber er bat weiter. »Großmutter, du hast sehr hart zu mir gesprochen,
aber ich will versuchen, dich zu verstehen und deine Wünsche zu
beherzigen. Nur eins bitte ich dich, verlang' nicht zuviel von mir! In
einem Regiment geht es anders zu als in einem ländlichen Gutshause.«
»Das habe ich nie bestritten. Hier wie dort sind Gefahren. Hier wie
dort soll man ihnen aus dem Wege gehen, aber,« -- sie zögerte einen
Augenblick, -- »das tust du nicht!«
»Das tue ich doch, Großmama!«
»Harro!«
Er blickte sie an. »Kein Mensch kann mir etwas nachsagen.«
Sie zuckte die Achseln. »Eins wird dir mancher nachsagen können, daß
du den alten kategorischen Imperativ: ›Du sollst! Du mußt!‹ nicht mehr
kennst! Er bildet die erste Vorbedingung für den anständigen Menschen.
Äußerer Disziplin mußt du dich freilich fügen, aber innere Zucht,
Selbstzucht kennst du nicht, wie alle, die ihren Gott und Heiland
verloren haben.«
Er antwortete nicht.
Totenstille herrschte.
Da klang's durch den Park mit jauchzender Sehnsucht und tiefer
Leidenschaft: Geigentöne.
»Die kennt Disziplin, und ihre Liebe muß diese Tat innerer
Selbstverleugnung fordern, sonst ist sie nicht echt,« sagte
hinüberlauschend die alte Frau.
»Großmama, vergib! Mehr will ich heute nicht! Ich will nichts
versprechen, was ich nicht halten kann; ich bitte dich nur: breit' die
Hände über mein Glück!«
Sie zauderte noch immer.
Da fuhr er fort: »Das eine kann und darf ich dir versprechen: soviel an
mir liegt, will ich ein Mann werden, der einer Sibylle Bühler würdig
ist! Das schwör' ich dir!«
Er sah sie fest an.
Eine Sekunde lang war's ihr, als blicke sie in die treuen blauen
Kambachaugen des Sohnes.
Enttäuschung und Zweifel zurückdrängend, hob sie die Hand. Ehrerbietig
neigte er das Haupt, und die zitternde Rechte der Greisin ruhte einen
Augenblick segnend darauf.
»Gott helfe dir!« sagte sie leise.
Dann nahm er Abschied.
Noch einmal küßte er ihre Hände: »Ich danke dir, Großmama!«
Da umschlang sie ihn in aufwallender Liebe und küßte ihn.
Tief und fest sah sie ihm in die Augen: »Auch für das, was ein
preußischer Offizier nicht mit anhören darf?«
Er erwiderte ihren Blick klar und ernst: »Auch für das, Großmama!«
Dann ging er.
Auf den Dielen verklang sein leichter Schritt.
Sie aber trat zum Schreibtisch und nahm ein Kinderbildchen im goldenen
Rahmen in die zitternden Hände. Lange, lange, betrachtete sie es. »Ganz
wie Ilse!« sagte sie leise vor sich hin. »Ein liebevolles Gemüt, weich
wie Wachs, kein Charakter! Nur Eberhard ist ein rechter Kambach!«
Sie stellte das Bild an seinen Platz. Die Hände über den Knien
gefaltet, blickte sie ins Land hinaus. »Ob ich's noch erleben werde?
Franz Schenker hat Mut, eine Fünfundsiebzigjährige vor die Aufgabe zu
stellen, die junge volle Kräfte fordert.«
Es klopfte. Ein Diener trat ein. »Herr Oberleutnant von Roselius!«
»Ich lasse bitten!«
Sie ging dem jungen Ulanenoffizier entgegen der sich ehrerbietig über
ihre Hand beugte.
Man setzte sich.
»Gestatten Ew. Exzellenz, daß ich mich ganz gehorsamst empfehle,«
sagte er, ihrem Anerbieten, abzulegen, Folge leistend. »Darf ich
zugleich meinen verbindlichsten Dank für alle widerfahrene Güte und
Freundlichkeit aussprechen?«
Die alte Dame blickte wohlgefällig in das offene männliche Gesicht.
»Dafür, daß Sie mir zweimal die Freude machten, ein Stündchen bei mir
zu verbringen, sollten Sie mir nicht danken, Herr von Roselius!« sagte
sie herzlich. »Sie wissen, daß ich mich immer auf das Wiedersehen mit
Ihnen freue. Hoffentlich sehe ich Sie diesen Winter, wenn Sie zu den
Bällen kommen, öfter bei mir in der Dorotheenstraße!«
Er verbeugte sich. »Danke gehorsamst, Exzellenz. Es ist eine große
Ehre und Freude für mich, kommen zu dürfen!«
Sie nickte ihm zu. Seine schlichte bescheidene, überaus feine Art hatte
es ihr längst angetan.
»Sie fahren mit Harro?« fragte sie. »Ich habe noch eine herzliche Bitte
an Sie! Haben Sie ein Auge auf ihn! Ich weiß, er hält große Stücke auf
Sie, und wenn ein Mensch ihn zu beeinflussen vermag, so sind Sie es. Es
fehlt ihm jenes tiefinnerliche, edelmännische Pflichtgefühl, ohne das
wahre Heimatliebe nicht lebensfähig ist.«
»Gewiß, Exzellenz. Ich habe bis in die Nächte hinein mit ihm über
diesen Punkt gestritten. Der gute Wille ist vorhanden, aber die
Grundlage echt vaterländischer Gesinnung fehlt, das Christentum. Das
künstlerische Ersatzmittel, das er sich erwählt, wird ihn nicht zum
Manne reifen, -- noch niemals hat ein Wagnerrausch Persönlichkeiten
gezeitigt. Harros häufige Bayreuthfahrten gefallen mir deshalb nicht.«
»Mir auch nicht. Aber noch weniger gefallen mir die Gerüchte, die über
ihn umlaufen. Graf Brelow hat neulich mit mir darüber gesprochen,
wußte aber nichts Bestimmtes, nur, daß einige Herren sich von Harro
zurückziehen. Aber das muß doch einen bestimmten Grund haben. Bitte,
schenken Sie mir reinen Wein ein! Er steht doch nicht etwa in einem
unerlaubten Verhältnis zu einer Frau?«
»Nein,« entgegnete Roselius entschieden, »es ist mir wenigstens nichts
davon bekannt.«
Frau von Kambach blickte ihr Gegenüber fest an. »Spiel?« fragte sie
leise.
Er sah einen Moment vor sich nieder, dann richtete er den ehrlichen
Blick voll auf die alte Dame. »Exzellenz, das ist eine sehr, sehr
schwere Frage. Stellte sie ein anderer an mich, ich würde mit einem
runden Nein antworten. Denn solange ich nicht mit meiner Person für
eine Tatsache eintreten kann, ist der Wahlspruch meines Vaters auch der
meine:
›Es gibt im Heiligtum der Ehre
Ein Allerheiligstes, -- des andren Ehre!‹
Zu meinem tiefsten Schmerz muß ich Ew. Exzellenz als Harros Großmutter
eine andere Antwort geben. Von einem Freunde weiß ich, daß er in
Drachenburg und Berlin häufig mit Herren aus anderen Regimentern
zusammen gesehen worden ist, die in bezug auf Spiel und Damenverkehr
keinen ganz einwandfreien Ruf haben. Der Beweis, daß er selbst -- das
betone ich nochmals -- in irgendeiner Weise entgleist ist, hat bisher
gefehlt. Aber dieser Umgang schadet ihm natürlich.«
Er schwieg. Ein tiefer sittlicher Ernst lag auf den klaren Zügen.
›Fänd' ich einmal in Harros Gesicht solchen Ausdruck,‹ zog es Frau
Sabine durch den Sinn. »Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir
sagen, wer du bist,« entgegnete sie und strich seufzend über das weiße
Haar. --
Es klopfte.
»Herr Baron, der Wagen wartet,« meldete der Diener.
Roselius erhob sich. »Ich verspreche Ew. Exzellenz, die Augen
offenzuhalten und im übrigen zu tun, was in meinen Kräften steht und
kameradschaftliche Pflicht mir gebietet!«
»Haben Sie herzlichen Dank!« Sie geleitete ihn zur Tür »Gott befohlen!«
Noch einmal beugte er sich über ihre Hand, und die dunklen Augen
blickten sie ernst an.
›Noch ernster als sonst!‹ dachte sie, während ihr Blick der vornehmen
Erscheinung folgte. Sie wußte, was es ihn gekostet, Ilses Hochzeit
mitzumachen, wußte, daß er noch immer einen heißen Kampf kämpfte!
Warum konnte es nicht anders kommen? Die Enkelin war ihr ein Rätsel!
Sinnend stand sie am Fenster und sah den Abfahrenden nach. Außer dem
Hausherrn und Eberhard waren Brelows und die übrigen Gäste auf der
Freitreppe versammelt. Sibylle stellte wie immer die jungen Mädchen
der Umgegend in Schatten. Jedenfalls trug sie den Namen, den ihr
das Drachenburger Ulanenregiment verliehen, mit Recht, und niemand
mißgönnte ihr ihn. Denn ›Brandenburgs Rose‹ war aller Liebling. -- In
ihrer natürlichen Anmut stand sie an das Gitter gelehnt und blickte
lächelnd auf das fröhliche Bild. Ein großer Jagdwagen voll junger
Offiziere stand zur Abfahrt bereit.
Harros Blicke hingen an der schönen Erscheinung. Hinter der hellen
Gestalt glühte der wilde Wein an der Mauer. Der Wind spielte mit dem
schwarzen Haar, der duftige Stoff des eleganten Sommerkleides flatterte
in leichten Volants um den blendenden Hals und die schlanken Arme. Eine
Rose, die er ihr am Morgen gebracht, blühte an ihrer Brust.
Sie fühlte den heißen Blick des Mannes und senkte befangen die Wimpern.
Aber nicht nur der Kambach hatte Augen für weiblichen Liebreiz.
In dem Augenblick, als die Füchse anzogen, klang's wie auf Kommando in
den strahlenden Mittag:
»Hoch Brandenburgs Rose!«
Was auf der Treppe stand, stimmte in die fröhliche Huldigung ein.
Sibylle wurde flammend rot, faßte sich aber rasch und wandte sich dem
kleinen Eberhard, der sie wie eine Heilige verehrte, lachend zu: »Ihr
meint ja doch nur meine Geige!«
Er sah sie mit seinen blauen Kambachaugen ehrlich an: »Aber Billy, dann
würden wir's doch sagen!«
Alles blickte lächelnd auf Sibyllens ritterlichen kleinen Freund, der
seiner Angebeteten auf Schritt und Tritt folgte, ihr Blumen brachte und
den leisesten Wunsch von den Augen las. Dunkelrot stand er da.
Aber Sibylle schlang den Arm um seinen Nacken und sagte: »Du hast ganz
recht, Eberhard, so gehört sich's -- ihr würdet's mir sagen!«
Ein leuchtender Blick dankte ihr.
»Wir gehen nachher noch etwas in die Heide,« flüsterte sie ihm zu.
-- --
Unter Grüßen und Tücherschwenken fuhren die jungen Söhne der Mark durch
die roten Ebereschenalleen ihren Garnisonen zu.
Aber die Brautjungfern schlossen einen Kreis um Sibylle und sangen das
alte Kranzlied.
»Hoch Brandenburgs Rose!« jubelte es von der Dorfstraße herüber, und
wie eine Antwort zog es in den klaren Herbsttag hinaus: »Wir winden dir
den Jungfernkranz!«
Sechstes Kapitel.
Gala.
Siehst du das Märchen um Mitternacht
In lichter Seide, im Spitzenschleier?
Rosen im Haar, wie ein Maientag
Tritt es herein zu glänzender Feier!
Schaut sich im festlichen Raume um,
Rafft den Goldsaum der weißen Schleppe,
Fragt den Heiduck nach dem alten Fritz, --
›Kam er nicht über die Wendeltreppe?‹
Der aber schüttelt den weißen Kopf,
Weiset zum Reiterstandbild hinüber, --
›Vielleicht erwacht er um Mitternacht, --
Vielleicht auch nicht, -- die Zeit ist vorüber!‹
In Berlin schneite es. Weihnachten hatten graue Schleier die Straßen
verhüllt, -- endlich, um Mitte Januar war's Winter geworden.
Frostklarer weißer schimmernder Winter! Und er kleidete die Kaiserstadt
gut. Denn Berlin bei Nebel, Berlin bei schlechtem Wetter war
fürchterlich! Zumal in den Tagen der Hoffeste, wo das Land sich in der
Reichshauptstadt traf. Es hatte einmal einer gesagt, zum Galaball mit
seinem anmutigen Abendbilde gehörten verschneite Portale und weiße
Gitter. Denn die Straße feiere mit. Eine Wahrheit steckte darin, aber
eine feine aristokratische aus der Zeit Friedrichs des Großen. Ob das
zwanzigste Jahrhundert sie verstehen würde, war eine andere Frage.
Jedenfalls aber war dieser Wunsch heute voll und ganz erfüllt worden.
Eine feenhafte Winternacht stieg über der Mark auf. In glitzernder
Frostkrone, den weißen Pelz um die Schultern geschlagen, betrat eine
Königin die stolze Heimstätte der Zollern und grüßte den Kaiser. Seinem
Fest verlieh sie ihren Glanz, seinem Hause wob sie jenes märchenhafte
weiße Gewand -- das Wunder des Winters. -- -- -- --
* * * * *
Karossen fahren an. Automobile. Taghell liegt das Schloßportal im
Glanz elektrischen Lichtes. Um jede Gestalt der helle Schimmer der
Frostnacht. Wie glitzernder Rauhreif blinkt's in Schleiern und
Diademen, in seidenem Frauenhaar. Aber die Pelze verhüllten die
Hofkleider, die goldgestickten Fracks und Uniformen. Nur die Helme
funkeln mit den Brillanten um die Wette.
Und dann fallen die Hüllen. In glänzendem Zuge bewegt sich die Schar
erlauchter und edler Gäste die Marmortreppe hinan.
Oben das Aufstrahlen neuen Lichts, neuen Glanzes. Gold- und
Silbergefunkel, leuchtende Epauletts, blitzende Orden, Brokat,
rosendurchwirkte Schleier, Smaragdkolliers, Brillanten -- Gala.
Getragen von jener Feierstille, dem Vorspiel königlicher Feste, jenem
feinen Zeremoniell souveräner Höfe. Endlich halblaute Unterhaltung.
Leise ausgetauschte Verbindlichkeiten.
Der Saal füllt sich. Immer interessanter und stimmungsvoller gestaltet
sich das Bild, immer internationaler. Das Ausland sendet seine
Botschafter, seine Frauentype. Eigenart im weitesten völkischen
Sinne. Überall tauchen die fremden Gestalten auf, als gälte es,
ihre Art mit deutschem Blute zu mischen. Hohe Offiziere stehen in
Gruppen, Diplomaten, Attachés, Kammerherren. Dazwischen immer wieder
Frauenschönheit. Botschafterinnen mit Brillantreifen im Haar,
Landedelfrauen, Offiziersdamen, junge Mädchen, frisch, gesund, ein
Strauß blühender Rosen. Drüben unterhält sich der Reichskanzler mit der
Gemahlin des russischen Botschafters. Dicht daneben steht ein Chinese
mit einem Edelfräulein aus der Uckermark. -- --
Auf und nieder wogt die leise Unterhaltung. -- --
Und dann klingt ein Ton durch die Stille: der Stab des
Zeremonienmeisters klopft dreimal auf das Parkett.
Unter dem Vortritt der Pagen und Hofchargen betreten die Majestäten,
von drei Marschällen geleitet, unter den Klängen des +Grand marche
festivale+ von Gounod den Saal. Der Kaiser in der Uniform des ersten
Garderegiments, die Kaiserin in meergrünem silbergesticktem Brokat, ein
flimmerndes Diadem im weißen Haar. Hinter den Majestäten die Prinzen
und Prinzessinnen des Königlichen Hauses und das Gefolge.
Die Gesellschaft versinkt in einer tiefen Verneigung. Liebenswürdig
grüßt das Kaiserpaar nach allen Seiten. Während eines kurzen Cercles
spielt die Kapelle. Der Oberzeremonienmeister gibt das Zeichen zum
Beginn des Tanzes. Die Kapelle setzt mit dem Walzer Tesoro mio ein.
Zwei Gardedukorps eröffnen mit Hofdamen der Kaiserin den Ball.
Rundtänze wechseln mit Lançiers und den alten Tänzen, Menuett +à la
reine+, Prinzengavotte, Gavotte der Kaiserin.
Die Majestäten sehen den Tänzen zu, nehmen Vorstellungen entgegen und
ziehen zahllose Anwesende ins Gespräch.
Auf und nieder wogt das glänzende Bild.
* * * * *
Die Souperpause ging ihrem Ende entgegen. Langsam leerte sich der Saal,
wo die Jugend gespeist hatte, in Gängen und Nischen ward es lebendig.
Der helle Schein des Vollmonds fiel in einen verschwiegenen
Wintergarten. Wie heimliches Werben umflimmerte sein silberner Glanz
die rosige Ampel. Kamelienbäume neigten die blütenschweren Äste,
Flieder und Jasmin dufteten, ein Springbrunnen plätscherte. -- --
Durch das dichte Grün der Myrten schimmerte eine helle Toilette.
Halblaute Unterhaltung klang herüber.
Ein weißhaariger Landstand lehnte im Eingang. Eine Rasseerscheinung.
Ein Gesicht wie ein alter Adler. Der ganze Mann Aristokrat vom Scheitel
bis zur Sohle. Uradel.
Suchend blickte er sich um.
»Sie glauben nicht, wie ich mich freue, daß Sie Großmama Gesellschaft
leisten,« klang's hinter der Myrtenhecke. »Ich weiß, wie sehr sie diese
Zeit genießen wird! Und dazu Ihr Geigenspiel, Gräfin!«
Ein helles Lachen klang durch den Raum.
»Wo denken Sie hin, Baron! Ich bin die Genießende! Ich jubiliere
geradezu, daß mir die langweilige italienische Reise erlassen worden
ist! Sechsmal bin ich in Italien gewesen, und leider fehlt mir jedes
Verständnis für Mamas Art zu reisen. Wir sind eben ganz verschieden
veranlagt. Ich will unterwegs Natur und Kunst genießen, und Mama fragt
nichts danach. Wissen Sie, da traf sich's herrlich, daß ich Gesang-
und Geigenunterricht nicht wieder unterbrechen durfte -- Mama reist ja
außerdem gern allein, sie kann mich wirklich entbehren!«
»Wann ist Ihre Frau Mutter abgereist?«
»Gestern. Sie wollte eigentlich erst morgen fahren, um mich noch auf
den Hofball begleiten zu können. Aber mein Onkel Firlemont drahtete, er
wolle sich Montag mit ihr in Venedig treffen, da mußte sie ihre Pläne
ändern.«
»Es gibt doch auch genug Menschen, die Sie mit Wonne bemuttern würden,
Gräfin,« sagte Harro Kambach lakonisch.
Die leise Antwort verklang im Plätschern des Springbrunnens.
Langsam trat der Landstand näher. Eine Falte stand zwischen seinen
Brauen.
»Wenn ich eine alte Exzellenz wäre, würde ich meine Staatskutsche
bekränzen und ›Brandenburgs Rose‹ mit Musik zu Hofe fahren!« rief der
Ulan.
Wieder klang das helle Mädchenlachen: »Das würden Sie aus dem einfachen
Grunde bleiben lassen, weil ›Brandenburgs Rose‹ Sie stechen würde, und
die Polizei keinen groben Unfug duldet.«
»Oho! ›Brandenburgs Rose‹ sticht nicht, und was die Polizei anbelangt
...«
»Das geht hier ja sehr kriegerisch zu!« Graf Bühler stand vor seiner
Enkelin. Wohlgefällig ruhte sein Blick auf der eleganten Erscheinung.
Sibylle und ihr Tänzer hatten sich erhoben.
»Was sagen Sie dazu, lieber Kambach, daß der Ausreißer sein Quartier in
der Dorotheenstraße aufgeschlagen hat?« wandte sich der alte Herr an
den jungen Offizier.
Sibylle errötete. »Ich komme doch Ende Februar zu dir, Großpapa,«
sagte sie lächelnd, zwei Grübchen in den Wangen. »Es war so sehr gütig
von Exzellenz von Kambach, mich einzuladen, außerdem verlernte ich ja
alles, wenn ich jetzt fortginge!«
»Ja, ja, schon gut!« Er nickte ihr lächelnd zu. »Kann's mir denken,
mein Deern, daß du heilsfroh bist, nicht von Gasthof zu Gasthof gondeln
zu müssen.«
Sie senkte die Wimpern. Der Großvater war sonst nicht vor anderen so
scharf. Ob er Harro schon mit zur Familie rechnete? Ein fragender Blick
flog zu dem alten Herrn hinüber.
Aber der nickte ihr ein zweites Mal zu. »Ja, ja, Billy, ich kann's mir
denken!« -- --
* * * * *
Eine Polka lockte. Sie traten in den Saal.
»Haben Sie Ihren Vater gesehen, lieber Kambach?« fragt Graf Bühler im
Gehen.
»Papa ist von Seiner Majestät befohlen worden, Erlaucht!«
»So, so. Danke.« Und fort war er. -- --
»Bleiben Sie recht lange bei Großmama,« sagte Harro Kambach zu seiner
Dame, während sie über das Parkett flogen. Sein Auge ruhte auf ihr.
Sie fühlte, daß diesem Wunsch ein anderer zugrunde lag. War sie
erst in Bühl, dann konnte er nicht alle Augenblicke kommen. In der
Dorotheenstraße ging der Enkel Exzellenz von Kambachs ungehindert ein
und aus.
Eine tiefe Neigung zog sie zu dem schönen ritterlichen Manne, eine
Neigung, wie sie sie nie zuvor empfunden. Aber Sibylle Bühler gehörte
nicht zu den Frauen, die sich von einer großen Leidenschaft beherrschen
lassen. Sie blickte auf Leben und Zukunft, abwägend, die Frage der
Ergänzung in Betracht ziehend. Und doch war sie keine kühle Natur.
Sie war eine echte deutsche Frau, mit deutschem Blut und deutscher
Sehnsucht, zu der Liebe Opfern bereit. Aber sie hatte die klare
zielbewußte Klugheit der Bühlers, die nach allen Seiten Umschau hielt,
bevor sie handelte. Und diese Klugheit mahnte zur Vorsicht. Nur ihre
bisherige Zurückhaltung, die sie sich bei aller Freundlichkeit bewahrt,
hatte Harro Kambach noch von einer Werbung zurückgehalten. Es war
das erstemal gewesen, daß sie dieselbe weniger betont. Und nun kam
der Besuch bei seiner Großmutter dazu. Exzellenz von Kambach war in
Sibyllens Augen das Ideal einer deutschen Frau. Wohl wußte sie, daß sie
von vielen wegen ihres tatkräftigen Handelns, ihres scharfen Urteils,
ihrer, wie es manchen scheinen wollte, allzu schroffen Stellung in
Bekenntnisfragen angegriffen wurde, aber was die Menschen sagten, war
für sie durchaus nicht maßgebend. Im Gegenteil. Die allgemeine Meinung
hatte von jeher ihren Widerspruch herausgefordert. Die unglaubliche
Oberflächlichkeit, mit welcher die höchsten Kreise den unerhörtesten
Klatsch verbreiteten, hatte ihr Feingefühl stets beleidigt. Sie sah
selbst und urteilte selbst. Das gab ihrem Wesen jene Sicherheit, die,
mit angeborenem Takt gepaart, ihrer ganzen Persönlichkeit ihr Gepräge
verlieh. -- --
Als Exzellenz von Kambach gehört, daß Gräfin Bühler wieder, wie es
hieß, wegen eines verschleppten Luftröhrenkatarrhs für längere Zeit
nach dem Süden gehe, ihre Tochter aber wegen eben erneut begonnenen
Musikunterrichts in Potsdam lassen werde, lud sie Sibylle ein,
die nächsten Wochen bei ihr zu verbringen. Mit großer Freude und
Dankbarkeit sagte das junge Mädchen zu. Gräfin Bühler war, obwohl sie
ihrer Tochter nichts in den Weg legte, weniger entzückt.
»Du bist sowieso schon auf dem besten Wege, eine ›Betschwester‹ zu
werden,« sagte sie in ihrer spöttischen Art. »Wenn du vier Wochen bei
der alten Kambach gewesen bist, werde ich dich wohl in irgendeinem
Diakonissenhause wiederfinden. Die Schwesternhaube wäre nicht übel zu
deinem Madonnengesicht, aber meine Einwilligung bekommst du vorläufig
nicht, liebes Kind! Höchstens später, wenn der Anschluß als endgültig
versäumt zu betrachten ist!«
Sibylle kannte diese Redensarten und schwieg. Sie war froh, daß die
Mutter ihr nicht verbot, der Einladung zu folgen. Daß sie nicht ihr
zuliebe ja gesagt, als die alte Dame in eigener Person gekommen
war, um ihren Liebling zu sich zu bitten, wußte sie nur zu gut. Da
sprachen ganz andere Dinge mit, nicht zuletzt der Wunsch, häufiger
ohne die in ihrer norddeutschen Zurückhaltung so unbequeme Tochter
reisen zu können. Vielleicht folgten dieser Einladung andere. Aus
Schicklichkeitsgründen konnte sie Sibylle nicht immer allein zu Hause
lassen, und ob sie den ganzen Tag ihre Stradivariusgeige spielte, --
sie war noch nicht alt genug und zu hübsch. Einmal ging das wohl, aber
nicht öfter. Dazu wurde in Potsdam zuviel geklatscht. Gräfin Bühler kam
die Einladung daher in gewissem Sinne nicht unwillkommen.
Sibylle hatte sich längst daran gewöhnt, ihren Weg allein zu gehen.
Ihre Kindesliebe zu der gefallsüchtigen oberflächlichen Frau beruhte
lediglich auf Pflichtgefühl. Daß sie sich der Abwesenheit der Mutter
heimlich freute, war daher kein Wunder. --
Sie war ihrem Tänzer die Antwort schuldig geblieben. Die langen Wimpern
gesenkt, ließ sie sich auf ihren Platz führen.
»Nun?« fragte er endlich.
»Fräulein Eichel wird eifersüchtig werden,« wich sie ihm aus.
»Ach, die alte Landpomeranze, -- Verzeihung, Gräfin, -- die rechnet
nicht mit!«
Sibylle lachte ihm hell ins Gesicht. »Bitte, ich bin auch eine
Landpomeranze! In Bühl hat meine Wiege gestanden, und die paar Jahre,
die wir in Potsdam sind, haben mich nicht zur Städterin gemacht.«
Er lächelte. »Mag sein, aber Sie haben Ihr Leben nicht unter alten
Tanten und Landpastörchen verbracht. Sie haben anderes gelesen als
Kreuzzeitung und Reichsboten und Missionsblätter, und ich weiß nicht
was für gottseliges Zeug, haben anderes gesehen als Armenstrickstrümpfe
und Wickelbänder! Ja, ja, verzeihen Sie, ich verfalle in Stallton, aber
ist's nicht so? Mein Gott, was hockt alles auf den Gütern zusammen! Ich
bewundere immer die Hausherren, die meist als Hahn im Korbe diesen
Normalzustand ertragen, und kann nur sagen: Gott bewahre mich davor,
zwei bis drei sechzigjährigen Tanten Altenteil gewähren zu müssen,
abgesehen von der für den Landwirt sehr empfindlichen Mehrbelastung
des Geldbeutels! Sehen Sie, Gräfin, diese heillose Jungfernwirtschaft
ist mitschuldig am Niedergang des Großgrundbesitzes. Was diese alten
Schmarotzer aufessen, soll der Grund und Boden abwerfen außer allem
übrigen, was sonst ein Gut verschlingt! -- Papa ist ein Schlaumeier,
der hat rechtzeitig dafür gesorgt, daß seine Schwestern die Welt zu
sehen bekamen! Na ja, eine war immer hübscher wie die andere -- noch
jetzt ist's eine Freude, diese drei schönen alten Frauen zu sehen,
aber trotzdem, Papa hat dafür gesorgt, daß in Kambach unsere vornehmen
Regimenter verkehrten, daß Leben in die Landschaft kam; und was war der
Erfolg? Alle drei haben erste Partien gemacht! Ja -- Papa!« Und Harro
sang seines Vaters Lob, als hätte er niemals seine Strenge erfahren,
niemals in starrem Gegensatz zu seinen Auffassungen von Landhochzeiten
und altmärkischer Gastfreundschaft gestanden.
»Aber Fräulein Eichel ist doch kein Schmarotzer!« sagte Sibylle.
»Ich glaube, Ihre Großmutter wäre unglücklich, wenn sie ihren treuen
Hausgeist nicht hätte!«
Harro Kambach schüttelte beinahe ungeduldig den Kopf. »Es ist möglich,
daß sie ein Engel vom Himmel ist, der aus Versehen in dies entsetzliche
mausegraue Kleid hineingeraten ist -- ich kann nun einmal Leute, die
aus Frömmigkeit ewig Grau und Schwarz tragen, nicht leiden, Gräfin, --
gewiß, eine Untugend von mir, aber ich kann's nicht! Und dann dieser
glattgekämmte Scheitel, -- sie nimmt Wasser, behaupte ich! Wissen Sie,
es ist wirklich ein Unrecht, wenn eine Frau sich so zurecht macht!
Könnten Sie in dem Punkte nicht einen Wandel schaffen? Es ist wirklich
ein Kreuz, ihr gegenüber bei Tisch zu sitzen! Nirgends sagt die Bibel,
daß die Frauen sich zu Vogelscheuchen machen sollen, im Gegenteil, ich
weiß ganz genau, daß irgendwo etwas von zierlichen Kleidern steht,
ich wundere mich nur, daß Fräulein Eichel die Stelle nicht zu kennen
scheint, -- aber ich will Sie nicht länger elenden!«
»Ich kann Fräulein Eichels Haar beim besten Willen nicht so schlimm
finden,« sagte Sibylle. »Das kommt Ihnen nur so vor, weil Sie
immer gebrannte Frauenköpfe sehen -- ja, ja!« Sie lachte. »Und das
Mausegraue? Gewiß, sie zieht sich meist dunkel an, aber ich habe sie
doch auch schon in ganz hellen Kleidern gesehen!«
»Ich nicht!« Er blickte sie von der Seite an. »Aber da kommt Graf Lier
mit einem Kotillonstrauß!«
Er sah der schlanken Mädchengestalt nach, wie sie im Arm des blauen
Husaren durch den Saal schwebte. Nun hatte er ihr doch nicht gesagt,
warum sie so lange bei der Großmutter bleiben sollte. Aber sie würde es
sich schon denken können.
Das Paar kehrte zurück. Mehr als ein bewundernder Blick ruhte auf dem
jungen Mädchen. Sehr bekannt schien Sibylle nicht zu sein. In manchem
Auge stand eine Frage.
Und jetzt, -- was war das? Mitten durch den Saal kam ein schwarzer
Husar, eine Teerose in der Hand, auf Sibylle Bühler zu -- der
Kronprinz.
Nach tiefer Verneigung folgte sie dem Thronfolger. Ein feines Rot lag
auf ihren Wangen.
»Wer ist das?« hörte Kambach seine Nachbarin ihren Tänzer fragen.
»Uradel. Aus der Uckermark. Sechzehn Ahnen. Bildschöne Frau, nicht
wahr?«
Sie nickte. »Ja, wer ist es denn?«
»Eine Frau von Riddeck; soviel ich weiß, steht der Mann bei der Garde!«
Harro lachte in sich hinein. Mochten die beiden denken, was sie wollten
-- sein Blick folgte Sibylle, -- warum wurde sie immer für eine Frau
gehalten? Es ärgerte ihn. Ein Mädchen konnte gerade so gut Haltung
haben, hatte manchmal mehr. Verdrehte Auffassung! Hinterpommern! Hier
in Berlin war so etwas nicht lebensfähig.
Sie tanzte noch immer.
Und dann sah er sie plötzlich vor dem Kaiser stehen. Ein hübsches Bild:
Seine Majestät im Gespräch mit der jungen Brandenburgerin. Der Kaiser
sehr leutselig. Sibylle unbefangen und natürlich wie immer. Das liebten
die Hohenzollern.
Während Harro hinüberblickte, schlug die Unterhaltung des schwarzen
Husaren mit dem pommerschen Landedelfräulein an sein Ohr.
»'s ist ein Jammer, daß wir das Kronprinzenpaar nicht mehr in Danzig
haben, gnädiges Fräulein! Die Zeit bleibt die schönste meines Lebens!
-- Die ganze Bevölkerung trauert den hohen Herrschaften nach! Sie
gehörten so ganz zu uns! Warum muß alles Schöne im Leben von so kurzer
Dauer sein!«
»Seien Sie doch zufrieden! Sie sind immerhin die Bevorzugten gewesen!«
»Ja, ja, das sind wir. Aber gerade darum empfinden wir den Abstand.
Allein die kleinen Prinzensöhne! Jeden Morgen sah ich sie beim
Ausritt!«
Er blickte gedankenverloren über das bunte Treiben hinweg. »Und die
Frau Kronprinzessin!«
Sie nickte. »Ich kann's mir denken, man braucht sie ja nur anzusehen!«
-- --
* * * * *
»'n Abend, Harro! Ganz allein? Ach so, -- Billy ist deine Dame! Sie
sieht famos aus heute abend, von allen Seiten wird's einem gesagt.
Jetzt heißt's den Anschluß erreichen!« Wolf Dietrich Bühler zwinkerte
seinem Schwager zu. »Wie stehen die Aktien, alter Junge?«
Dem anderen stieg das Blut ins Gesicht.
»Sei nicht so laut,« sagte er scharf und zog die Stirn in Falten.
Graf Bühler zuckte die Achseln. »Hab' dich nicht, in Drachenburg
erzählen sich die Spatzen auf den Dächern deinen Roman. Und in
Potsdam?« Er lachte.
»Wie geht's Ilse?« fragte Kambach ablenkend.
»Danke, gut! Sie hätte sich praktischer einrichten sollen. Alles fragt,
warum sie nicht hier ist.« In der ihm eigenen burschikosen Art kam's
heraus.
Harro fühlte sich unangenehm berührt. Aber er sagte nichts. Seit Wolf
Dietrich verheiratet war, hatte seine Freundschaft für den Kameraden
eine merkliche Abkühlung erlitten. Er stand seiner Schwester sehr nahe.
Um so mehr verletzte ihn die Art, wie Bühler ohne jede Rücksicht auf
ihren schonungsbedürftigen Zustand die junge Frau behandelte. Einmal
war es sogar zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen den beiden
Schwägern gekommen. Die Stimmung war daher auf beiden Seiten eine
gereizte. --
»Wo steckt denn Roselius eigentlich?« fragte Bühler.
»Seine Mutter ist schwer erkrankt!« klang es kurz zurück.
»Und da muß der Ärmste Diakonisse spielen?«
Harro drehte sich auf dem Absatz um und begrüßte einen Kameraden.
Die Jagdhörner riefen. In hellen Fanfaren klang das Halali durch den
Saal.
Der Dittersdorfer Huldigungsreigen beschloß das Fest.
Wieder zeigte der schimmernde Saal eine einzige tiefe Verneigung,
wieder grüßten die Allerhöchsten Herrschaften nach allen Seiten. Die
goldenen Türen taten sich auf und schlossen sich wieder. Die Majestäten
hatten den Saal verlassen.
Auf Treppen und Galerien ward's lebendig. Noch einmal belebte das
farbenreiche wechselnde Bild das verschneite Portal. Dann verflog's
wie ein anmutiger Traum, Licht um Licht erlosch, dunkel lagen die
Fensterreihen des Zollernschlosses. --
Durch die Winterstille klang das Schlagen der Uhren. Nicht lange
mehr, und Berlin erwachte zur Arbeit. Aber noch war's Nacht. In
tiefem Traum lag die Weltstadt. Der Schnee glitzerte. Drüben über der
Friedrichstraße lag der berüchtigte Schein nächtlichen Lebens. Sonst
winterliches Dunkel, schneeverwehte Straßenlaternen.
Fern über den Havelseen stand eine dunkle Wolkenwand wie dräuendes
Wintergewitter. Schwarz und gespenstisch hing es über Deutschland.
Der Zeiger rückte. Im Osten dämmerte es.
Da stieg die Zeit, die oben im Turm gewacht, den tausendjährigen
Wendelstein hinab und zog den Strang:
›Sechs hat die Glocke!‹
Aber niemand hörte die Mahnerin.
Deutschland schlief.
Siebentes Kapitel.
Trotz alledem ...
Auf keinen Menschen Rücksicht nehmen, --
Keinem Menschen sich anbequemen,
Niemand Zugeständnisse machen, --
Streng über Haus und Schwelle wachen, --
Nach keiner fremden Meinung fragen,
Wenn's heißt, des Kreuzes Banner tragen -- --
Im Geisteskampf, im Glaubensstreit,
Gilt's heil'ge Rücksichtslosigkeit!
In der Dorotheenstraße in dem stillen Quartier der alten Exzellenz saß
der Oberstallmeister von Kambach seiner Mutter gegenüber.
Er war eben vom Lande hereingekommen. Wohlig umfing ihn die
gleichmäßige Wärme.
»Bei dir ist's gemütlich, Mama!« Er sah sich um. »Ist etwas verändert?«
»Nein; nur die Blumenfülle von meinem Geburtstag!«
»So.« Zerstreut flog sein Blick über die Frühlingspracht.
Sie merkte, er kam mit etwas Besonderem zu ihr, mit etwas, das ihn
drückte. Vor kaum vierzehn Tagen hatten sie sich ja erst gesehen.
Allerdings nur flüchtig und nicht unter vier Augen. Trotzdem. Sie
fühlte, er kam nicht nur in Geschäften oder um nach ihr zu sehen.
Frau von Kambachs Arbeitszimmer war ein behaglicher Raum mit schönen
alten Möbeln, mit kostbaren Gemälden und Stichen aus der Vergangenheit.
In der Nähe des Fensters stand der breite Diplomatenschreibtisch ihres
verstorbenen Mannes, darüber hing ein lebensgroßes Bild des alten
Kambachers, -- ein Kunstwerk von großer Frische und Ursprünglichkeit.
Das graue Haar kurz geschnitten, die blauen Augen sprühend, die Hand
am Degen, schien Fritz Karl von Kambach aus dem breiten Goldrahmen
heraustreten zu wollen in das stille Gemach seines im weißen Haar noch
arbeitsfrohen Weibes, unter die Menschen, in den Reichstag, seinen
alten Platz in der Welt wieder einzunehmen, den er sich erkämpft und
mit Ehren behauptet.
Unter dem Bilde saß der Sohn. Rassig vornehm energisch, wie der Vater.
›Meinem Fritz Karl wie aus den Augen geschnitten,‹ dachte die Greisin,
während sie den Vergleich zwischen dem Toten und Lebenden zog.
Der alte Kambach hatte es bis zum Generalmajor gebracht und erst spät
das väterliche Gut übernommen. Karl Heinrich, der ebenfalls, wie alle
Kambachs, bei den Drachenburger Ulanen gedient, mußte krankheitshalber
als Oberleutnant den Abschied nehmen. Er trat in den Hofdienst und
rückte bis zum Oberstallmeister auf. Aber die Sehnsucht nach dem
militärischen Beruf verließ ihn nicht. Noch niemals hatte es einen
Kambach gegeben, der nicht mit Leib und Seele Soldat war. Königstreue
und Vaterlandsliebe lagen dem stolzen Geschlecht im Blut.
»So, Karl Heinrich, nun kram' aus,« sagte Frau Sabine, dem Sohne
zunickend.
»Es ist aber viel, Mama! Stör' ich dich wirklich nicht?« Er warf einen
fragenden Blick auf den Schreibtisch. »Ich weiß ja, wie du überlaufen
wirst, und dann noch so und so viele Wohltätigkeitsveranstaltungen in
diesen Monaten!«
»Das besorgt Fräulein Eichel,« entgegnete Frau von Kambach.
»Ja, aber es geht dir doch auch sonst viel im Kopf herum, z. B. der
Bund der bibelgläubigen Christen. Ich wäre deshalb sowieso in diesen
Tagen zu dir gekommen. Wie weit bist du?«
»Nachher, Karl Heinrich! Du wirst noch genug davon hören! Erst deine
persönlichen Angelegenheiten! Wozu ist eine Mutter denn da? Ich bin
keine Anhängerin der Frauenemanzipation, mein Junge!«
Er lachte. »Das weiß ich.«
»Na, also.« Sie setzte sich im Lehnstuhl zurecht.
Auf seiner Stirn lagerten Sorgen. »Vielleicht ahnst du's schon, Mama:
Ilse!«
Er hatte die Worte rasch, beinahe heftig herausgestoßen. Seine Stirn
rötete sich.
»Ja, nun sag' ich wieder zuerst, was eigentlich zuletzt kommen sollte
-- das da ist schuld daran,« er wies auf das Bild seiner Tochter, »na,
es ist ja schließlich einerlei; wenn du beides gehört hast, sagst du
vielleicht: ›Er kommt wenigstens mit dem Schlimmsten zuerst heraus!‹
Ja -- Ilse!« Er seufzte. »Ich hab's ihr ja von Anfang an gesagt, daß
sie eine Dummheit begehe. Deutlich bin ich, weiß Gott, gewesen, --
sonst würde ich mir heute die wahnsinnigsten Vorwürfe machen! Aber
dies hätte ich denn doch nicht für möglich gehalten! Ich kann eine
ganze Menge vertragen und jede weibliche Zimperlichkeit ist mir
fürchterlich, aber wenn ein junger Ehemann gleich im ersten Vierteljahr
seine Frau derartig behandelt, weil es ihm gegen den Strich geht, daß
er nicht mit ihr auf den Hofbällen glänzen kann, so hört denn doch die
Weltgeschichte auf! Er hat weder Pietät noch Gefühl, Mama, da können
wir noch etwas erleben! Ein-, höchstens Zweikindersystem! Und Gott
weiß, was sonst noch alles! -- Ich habe mir Wolf Dietrich übrigens
neulich vorgenommen und mir ausgebeten, daß er seine schlechte Laune
nicht immer an Ilse ausläßt. Na ja, vor mir hat er Respekt, schon wegen
der Zulage, denn der alte Bühler gibt dem Luftikus nicht viel, was ich
ihm durchaus nicht verdenke -- also Wolf Dietrich entschuldigte sich
und gelobte Besserung, aber ich gebe nichts darauf. So einen muß unser
Herrgott erst mal feste beim Kragen nehmen und schütteln, daß ihm die
Puste vergeht! Allein diese Gereiztheit mit den Dienstboten um nichts
und wieder nichts, es ist ja unerhört! Sein Bursche möcht' ich nicht
sein! Zum Donnerwetter!« Er schlug mit der Faust aufs Knie. »Verzeih,
Mama! Aber es kribbelt einen in allen zehn Fingern, den Bengel einmal
an die frische Luft zu setzen und gründlich zu verhauen!«
Er seufzte. »Und bei alledem ist Ilse wie ein Lamm, das reizt ihn
natürlich immer mehr. Sie scheint ihn für sehr nervös zu halten und
schont ihn, wo sie kann!«
»Für besonders nervös halte ich ihn durchaus nicht,« sagte die alte
Dame nachdenklich. »Er spielt doch nicht etwa, Karl Heinrich,
oder ....«
Der Oberstallmeister fuhr empor. »Was meinst du, Mama?«
»Ach, ich möchte keinen unbegründeten Verdacht aussprechen!«
»Ist auch nicht nötig, ich kann's mir schon denken!« Er zuckte die
Achseln. »Beweise fehlen mir auch.«
In ihrem Gedächtnis war eine kleine Begebenheit lebendig geworden,
-- nein, keine Begebenheit, nur ein flüchtiges Bild, ein kaum zutage
tretender und doch ihrem scharfen Auge nicht unbemerkt gebliebener
Zug, der mit kurzem Federstrich den ganzen Menschen zeichnete. Kein
verhängnisvolles Wort, keine bezeichnende Bemerkung -- nichts --
nichts weiter als die Art und Weise, wie der Drachenburger Ulan eine
Berliner Schauspielerin begrüßt hatte. Es war keine von den vielen,
allzu vielen, ein eisiger Blick hatte ihn in die Schranken gewiesen --
aber die alte Exzellenz wußte genug. Ein Mann, der durch einen einzigen
Blick eine Frau erniedrigen konnte, war kein Edelmann. Und Exzellenz
von Kambach hatte es aufs tiefste beklagt, daß sie diesen Augenblick
nicht vor der Hochzeit ihrer Enkelin erlebt. Geredet, gewarnt worden
war viel, aber Tatsachen, Beweise hatten gefehlt.
»Ja, Mamachen, du kannst es dir wohl denken, worauf ich hinaus will,«
begann Herr von Kambach aufs neue.
Sie blickte ihn ernst an. »Vermittlerin? Karl Heinrich, du weißt, ich
halte nichts davon.«
Er räusperte sich. »Es ist ein Unterschied, Mama, ob ein Mann das
tut, oder eine Frau in deinem Alter und von deiner Art. Vor mir
hat Wolf Dietrich Dampf, vor seinem Großvater Respekt, meinetwegen
Hochachtung und einen Rest kindlicher Ergebenheit. Für dich aber hat
er eine unbegrenzte Verehrung. Das liegt in deiner Person, -- in der
wunderbaren Vereinigung von männlicher Kraft und zartestem weiblichen
Empfinden. Verzeih, aber das mußte gesagt werden. Und dann noch eins
-- es ist dein Christentum, das immer wieder Tat wird, meinst du, das
mache ihm keinen Eindruck? Man braucht ja nur einen flüchtigen Einblick
in dein Leben und Schaffen zu tun. Es ist der letzte Rest eines guten
Kerns, der Bühler nicht nur kühle Hochachtung abnötigt, sondern ihm das
Herz warm macht. Du könntest ihn um den Finger wickeln, Mama!«
»Vorübergehend vielleicht, auf die Dauer nicht. Er ist zu leichtsinnig
veranlagt! Unsere ganze gesellschaftliche Umwelt kommt dazu. Sie färbt
ab. Nur ganze Menschen, Persönlichkeiten, die auf sich achten, die ihr
Innenleben im Auge haben, die vor Gott wandeln, bleiben unberührt
von den Einflüssen einer gefährlichen Umgebung, die anderen gehen
zugrunde. Wolf Dietrich ist nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Er
ist die Frucht einer Zeit, die mit dem Persönlichkeitsbegriff spielt.
Denn sie bringt gerade das Gegenteil von dem hervor, was sie fordert:
Determinismus. Ich wenigstens vermag die Arbeit, die im letzten
Grunde nur zum Vorteil der Einzelperson geschieht, nicht mit meinen
Persönlichkeitsidealen zu vereinen.«
Der Sohn nickte zustimmend. »Ja, es ist eine Schande für uns, daß
solche Leute des Königs Rock tragen. Eine größere Verkennung des
monarchischen Gedankens gibt es kaum, wie die Verbreitung entgotteter
Weltanschauungen in der Armee.«
Beide schwiegen.
»Ja, Karl Heinrich,« sagte die alte Dame endlich, »du kennst meine
Ansicht. Ich glaube ja nicht, daß durch Reden und Vorstellungen viel
geändert wird. Aber ich will, wenn die Gelegenheit sich bietet, gerne
auf deinen Schwiegersohn einzuwirken versuchen.«
»Danke, Mama.« Erleichtert klang's.
»Wenn es nur hilft, Karl Heinrich!«
Er sah nach der Uhr. »Um halb drei ist eine Sitzung des Bundes der
Landwirte, nachher geselliges Zusammensein, -- verzeih, wir essen um
halb zwei, nicht wahr?«
»Gewöhnlich essen wir um halb zwei,« entgegnete Frau von Kambach, »aber
bitte, bestimme ganz, wie es dir paßt. Willst du nicht überhaupt erst
frühstücken?«
»Nein, danke. Ich möchte erst alles mit dir besprechen. Ändere deine
Tagesordnung ja nicht, es paßt alles sehr gut. -- Also, bitte,
erschrick nicht -- ich habe Eberhard aus den Konfirmandenunterricht
nehmen müssen!«
Nein, sie erschrak nicht. Sie blieb sogar merkwürdig ruhig. Aber ein
tiefer Schmerzenszug trat in ihr klares Frauengesicht. »Also wirklich?«
sagte sie leise.
»Du hast darauf gewartet?«
Sie nickte.
»Ich hätte es mir denken können,« meinte er.
»Ich hatte am Tage nach Ilses Hochzeit ein Gespräch mit Pastor Wendler
über seine Predigt,« sagte sie. »Und was ich da hörte, war derartig,
daß ich mich auf alles gefaßt machte. Ich hätte gerne mit dir darüber
gesprochen, aber damals hatten wir keinen ungestörten Augenblick, und
während der kurzen Zeit, die ich im November in Dreilinden war, haben
wir uns ja kaum gesehen. Schreiben wollte ich nicht in der Sache.
Außerdem wußte ich, daß du in bezug auf Wendlers Konfirmandenunterricht
längst Bedenken hegtest. Auch hattest du die Predigt ja gehört.«
»Ja, gewiß. Wären meine Bedenken damals, als der Konfirmandenunterricht
begann, so stark gewesen wie in letzter Zeit, ich hätte den Jungen
gar nicht erst hingehen lassen. Der Anfang des Unterrichts liegt ja
Fünfvierteljahr zurück, Mama! Gerade im letzten Jahr ist aber eine
große Veränderung mit Wendler vor sich gegangen.«
Sie nickte gedankenverloren.
»Eberhard ist ja sehr verschlossen,« fuhr der Kambacher fort. »Zum Teil
ist es auch angeborene Vornehmheit, daß sich der Junge niemals ein
Urteil über seine Lehrer erlaubt. Ich weiß, daß er unter den beiden
letzten Hauslehrern geradezu gelitten hat, -- trotzdem niemals ein
Wort der Klage! Es hat mich wirklich gefreut!! Aber dies war zuviel.
Ich hatte ihm schon ein paarmal angemerkt, daß nicht alles in Ordnung
war, aber er sagte nichts. Und dann kam er plötzlich gestern zu mir,
ganz aus dem Häuschen vor Kummer und Enttäuschung. Was war geschehen?
Wendler richtet die Frage: ›Was ist Glaube?‹ an die Jungens, und
Eberhard antwortet: ›Glaube ist eine gewisse Zuversicht des, das man
hoffet und nicht zweifelt an dem, das man nicht siehet!‹ Da schüttelt
Wendler den Kopf: ›Mein guter Junge, das ist ein Bibelwort, es ist
in diesem Falle aber nicht am Platz! Die Frage muß wissenschaftlich
beantwortet werden!‹ -- Aber es kommt noch viel schlimmer! -- Nun
stelle dir die armen Kinder vor, Mama! Es sind in diesem Jahr mehrere
Knaben aus sogenannten besseren Familien darunter, Honoratiorensöhne,
der Älteste von meinem Inspektor, dein Dreilindener hat auch einen
dabei, -- alles Kinder aus guten christlichen Familien, die solche
Ansichten zum mindesten irreführen müssen, abgesehen von Eberhard
und dem kleinen Riddeck. Knaben von fünfzehn und sechzehn Jahren,
welche nichts anderes kennen gelernt haben als das unumstößliche
Christenbekenntnis eines frommen Elternhauses, sind natürlich wie
vor den Kopf geschlagen, wenn ein Mann wie Wendler, zu dem sie
emporgesehen, solche Behauptungen aufstellt. Ich mache mir heute die
bittersten Vorwürfe, daß ich Eberhard nicht gleich damals im Herbst
vorm Jahr fortgegeben habe. Dann wäre dieser Unterricht einfach
weggefallen. Denn ich kann's nicht leugnen, ich hab' mir manchmal
Sorgen gemacht, dann aber sagte ich mir: ›Du bist sehr streng positiv
erzogen! Vergiß nicht, daß auch die Orthodoxie ihre Mängel hat, ihre
Schärfen, ihre Engigkeit!‹ Das hab' ich mir gesagt, Mama! Und in
diesem Bestreben bin ich in meiner menschlichen Rücksicht zu weit
gegangen. Ich habe gerecht und milde sein wollen, aber ich war's am
verkehrten Ende. Im Blick auf das große Ganze ist mein Urteil klar
geblieben, was die letzten Ergebnisse des Liberalismus sind, hab'
ich immer gewußt, aber ich habe die Folgerungen in bezug auf die
Einzelperson nicht genügend gezogen. Denn es handelt sich nicht um
irgendwelche Nebenfragen, sondern um den Kern unseres Bekenntnisses,
um die Frage nach der Person des Herrn. Das hab' ich nicht scharf
genug ins Auge gefaßt. Nun hab' ich die Bescherung. Gibt man dem
Liberalismus den kleinen Finger, so nimmt er die ganze Hand. Zuerst
war Wendler bescheiden und vorsichtig -- jetzt erklärt er in der
Konfirmandenstunde, es stehe in der ganzen Bibel kein Wort davon, daß
Christus der Sohn Gottes sei. Der Dreilindener Inspektorssohn hat ganz
mutig den Finger aufgehoben und an das eidliche Bekenntnis vor Kaiphas
erinnert. Da hat der Mensch die Stirn, dem Jungen zu antworten: ›Dann
hat Jesus sich eben geirrt!‹« Er atmete schwer.
»Jatho!« sagte seine Mutter.
Er stützte den Kopf in die Hand. »Mama, das wäre mir nicht passiert,
wenn Thea noch lebte,« sagte er gepreßt.
Mit mütterlicher Liebe blickte die alte Exzellenz auf den Sohn. In
gewissem Sinne hatte er recht. Aber doch nicht ganz. Gott hatte ihn
doch diesen Weg geführt, das genügte ihr.
Sie sagte es ihm.
»Gewiß,« entgegnete er, »das ist auch mir die Hauptsache. Aber gerade
in Glaubensfragen bedürfen wir der weiblichen Ergänzung. Du siehst es
hier doch wieder. Thea hätte mich bestimmt verhindert, Eberhard in
Kambach konfirmieren zu lassen. Und du hättest es, wärest du dauernd
bei mir, auch getan. Wendler hat übrigens einen heiligen Respekt vor
dir. In den paar Sommerwochen, wo du in Dreilinden bist, nimmt er sich
in acht!«
»Das konnte man an dem Sonntag nach Ilses Hochzeit nicht behaupten.«
»Nee, eigentlich nicht. Er hat sich gegen den Inspektor sehr erfreut
geäußert, daß du nach den anstrengenden Tagen noch zur Kirche gekommen
seiest, er wird also wohl nicht damit gerechnet haben.«
Sie lachte. »Also eine Überrumpelung?«
»Scheint so. Du hattest dich ja auch so gesetzt, daß man dich von der
Kanzel aus kaum sehen konnte.«
»Die Sonne blendete mich.«
Auf dem Schreibtisch schlug eine kleine bronzene Standuhr.
»Willst du wirklich nicht frühstücken? Ein Glas Portwein? Es ist noch
eine volle Stunde Zeit bis zum Essen.«
»Danke, Mama, ich habe keinen Hunger. Auch liegt mir viel daran, erst
alles mit dir durchzusprechen, wenn du erlaubst.«
»Aber du hast heute noch viel vor. Ich finde, du siehst angegriffen
aus.«
»Bei der Hetzerei kein Wunder! Kaum war ich vom zweiten Hofball zurück,
so kam dies! Ich hatte den Kopf voll wegen Ilse -- noch nicht einmal
mit dir hatte ich davon sprechen können! Kaum weiß ich, welches von
beiden mir schwerer wird, das mit ihr oder Eberhard! Hier sehe ich
wenigstens einen Ausweg, in der Bühlerschen Sache nicht. Daher fällt
sie mir so auf die Nerven!« Er seufzte.
Zum erstenmal erschien der Mutter sein Gesicht gealtert, die Züge
schlaff, die Augen müde. Diese sprühenden, trotzigen, sieghaften
Kambachaugen! -- Ihre Gedanken wanderten. Wann hatte sie bei ihrem
Fritz Karl zum erstenmal diese Müdigkeit bemerkt? Sie sann nach.
Richtig -- als Bismarck ging! -- Gott! König! Vaterland! Das war's.
Damit waren diese Männer verwachsen, das machte sie jauchzen, das
war ihre Lust, aber auch ihre tiefste Herzenssorge! Mancher hätte
gewiß gefragt, was das mit Familiennöten zu tun habe. Es handelte
sich eben im letzten Grunde um mehr als Familiennöte, um Größeres,
Überweltliches. In irdisches Gewand gehüllte Ewigkeitswerte standen
auf dem Spiel. Ob die feinen goldenen Fäden, von einem Ufer zum
anderen gespannt, auch fernerhin die Verbindung zwischen Himmel und
Erde bilden würden, ob die drahtlose Telegraphie zwischen Gott und
der Seele bestehen blieb oder jäh zerrissen ward, darum ging's!
Dieselben Fäden aber schlangen sich um Thron und Altar. Königstreue und
Vaterlandsliebe wurzelten im Gottesglauben, des Glaubens Pflegerin aber
war die deutsche Familie. Ob dem behüteten Kinde des Landadels durch
liberale Torheit der erste Zweifel in die junge Seele getragen wurde,
ob eine zartgewöhnte Frau in ihrer Ehe unter den Folgen allgemeinen
Niedergangs litt -- es kam auf dasselbe heraus, -- auf die riesenhafte
Gesamtgefahr, die Deutschland bedrohte. Noch galt die alte heilige
Losung -- wie lange noch? -- Durch die Seele der greisen Edelfrau zog
Herders mahnendes Dichterwort. Immer wieder stand es über den großen
völkischen und religiösen Fragen, immer wieder gab es dem Einzelleben
seine ernste Unterschrift: ›Unsere Väter, o Deutschland -- meine Sorge
-- waren nicht, wie wir jetzt sind!‹ Im eigenen Hause sah Sabine von
Kambach das Unheil anheben -- wo wollt's hinaus? -- --
»Ich komme nun mit einer großen Bitte, Mama,« begann der
Oberstallmeister aufs neue. »Willst du Eberhard ein paar Tage bei dir
aufnehmen, bis ich eine geeignete Unterkunft für ihn gefunden habe? Ich
will ihn hier bei Jakobi konfirmieren lassen. Vielleicht nimmt er ihn
selbst ins Haus, das wäre mir das liebste.«
»Kann er nicht bei mir bleiben? Du weißt, welche Freude du mir damit
machen würdest!«
»Ich danke dir herzlich, Mama, ich habe den Gedanken selbst erwogen.
Aber ein fast sechzehnjähriger Junge gehört in männliche Hände. Es
wird mir schwer genug, ihn jetzt fortzugeben, doch was hilft's? Aber
wenn du ihn aufnehmen willst, bis das Weitere geregelt ist, bin ich dir
sehr dankbar!«
Die alte Frau nickte dem Sohne freundlich zu. Natürlich verstand sie
ihn. Er hatte ganz recht. Da mußte das Großmutterherz schweigen.
»Was hat Wendler denn gesagt?« fragte sie.
»Eigentlich nichts. Er gab sofort zu, die beiden Bemerkungen gemacht zu
haben. Ehrlich war er ja immer, darauf setze ich überhaupt meine letzte
Hoffnung. Ein ehrlicher Mensch kann nicht an der Wahrheit vorüber.
Allerdings tut der Liberalismus ja alles, um sie seinen Anhängern zu
verschleiern. -- Meine Aufgabe war natürlich keine leichte! Es ist
sehr schwer, zu einem Geistlichen zu sagen: ›Was mein Kind von Ihnen
empfangen hat, ist Irrlehre!‹ Tausendmal lieber hätte ich gesagt: ›Sie
predigen unter aller Kanone!‹«
Frau von Kambach lachte. »Das sieht dir ähnlich!«
»Ja, ich bin nun einmal ein alter Soldat!«
Ein rascher Schritt klang im Nebenzimmer auf dem Teppich.
»Ach, bitte, Fräulein Eichel, einen Augenblick!« rief Exzellenz von
Kambach.
Die Gesellschaftsdame erschien auf der Schwelle. Ein frisches angenehm
aussehendes Mädchen, Mitte der dreißig.
Herr von Kambach erhob sich. »Guten Tag, Fräulein Eichel!«
»Guten Tag, Herr Baron!«
Sie schüttelten sich freundschaftlich die Hände.
»Geht's Ihnen gut?« fragte er.
»Danke, ausgezeichnet!«
»Bitte, Fräulein Eichel,« sagte Frau von Kambach, »schicken Sie doch
Friedrich vor Tisch noch einmal zu Frau von Schink hinüber, ich käme
zwischen vier und fünf zu ihr.«
»Er darf dann wohl gleich zur Post gehen, Exzellenz?« Die braunen Augen
sahen auf die Standuhr. »Es ist noch früh genug!«
»Dann geben Sie ihm bitte meine Briefe mit!« Frau Sabine sah zum
Schreibtisch hinüber. »Einen an die Stadtmission, einen an Graf Bühler
und zwei Karten! -- Danke!«
Sie waren wieder allein.
»So, Mama, nun aber endlich zu dir!« Der Oberstallmeister hatte seinen
Platz wieder eingenommen. »Du siehst gut aus.«
»Danke, ich bin auch recht frisch!«
»Das freut mich! -- Und was macht der Bund? Ich habe mich leider bisher
so wenig darum kümmern können.«
»Vorläufig ist es noch keiner. Wir sammeln uns erst. Vor allen
Dingen brauchen wir Geld. Eine hübsche Summe hat Frau von Schink uns
zugesagt. Dann fehlt uns immer noch der Direktor. Jeden können wir
nicht gebrauchen. Der Mann muß eine Persönlichkeit aus einem Guß sein,
erste Bedingung ist natürlich: ganz positiv. Die leiseste Neigung zur
Mittelpartei würde ihn für unsere Zwecke unmöglich machen. Daneben sind
Organisationstalent, rednerische Begabung und der rechte Überblick
auf sozialem, völkischem und kirchlichem Gebiet notwendig, vor allem
aber volles Verständnis für den ganzen bitteren Ernst der Zeit und
ein brennendes Herz für die Not unseres Volkes und unserer Kirche.
Darum kann es nur ein Mann sein, dem sein Christenglaube Lebensbesitz
geworden, der die Kämpfe der Zeit aus eigener Erfahrung kennt. Einen
Träger toter Orthodoxie können wir nicht gebrauchen. An einer solchen
Wahl würden gerade die Kreise, auf die wir rechnen, Anstoß nehmen!«
»Das unterschreibe ich alles, Mamachen. Ich fürchte nur eins. Bei
~den~ Anforderungen kannst du dir gleich den Engel Gabriel
bestellen. Auf dieser Welt wirst du schwerlich finden, was du suchst!«
»Doch, Karl Heinrich! Nur Geduld!«
»Soll es ein Pastor sein?«
»Das ist nicht nötig. Es muß vor allem ein ~Mann~ sein!«
»Wir haben ja große Auswahl!«
»Ach, Karl Heinrich, spotte nicht! Du selbst kommst unbedingt in den
Vorstand, bitte, nimm die Sache also ernst.«
»Das tue ich, Mama. Mein ganzes Interesse gehört ihr. Nur was die
Männlichkeit von heute anbetrifft ...«
»Gewiß, du hast ganz recht, wir haben mehr Waschlappen, als Männer!
Aber die Männer, die wir haben, müssen heran. Mir ist übrigens gar
nicht bange um die rechte Persönlichkeit. Wir müssen nur warten
lernen. Alles, was bis jetzt in Vorschlag gebracht worden ist, scheint
den Herren, welche die Sache vorläufig in die Hand genommen haben,
ungeeignet, und ich kann ihnen nur zustimmen. Weißt du nicht jemand?«
Er zuckte die Achseln.
»Für den Direktorposten? Nein, Mama. -- In den engeren Vorstand würde
ich Brelow wählen. Ich will mir aber die Sache durch den Kopf gehen
lassen.«
»Ja, bitte, tu das!«
»Einfach ist die Geschichte nicht,« meinte er. »Es ist ja
alles Friedenspartei -- zum Teil aus reiner Unklarheit und
Begriffsverschwommenheit!«
»Gerade deshalb ist ein fester Zusammenschluß der bibelgläubigen Kreise
so nötig,« sagte Frau von Kambach.
Er nickte. »Gewiß, Mama! Ich betrachte ihn sogar als eine
Lebensbedingung für unser Volk. Diese Arbeit ~muß~ getan werden.
Sie ist der letzte Sturmlauf, der letzte Rettungsversuch, das letzte
Aufgebot. Mißlingt diese Mobilmachung, so liegt Deutschland im
Chausseegraben! Das klingt sehr hochtrabend, als betrachteten wir uns
als die einzigen Volkserretter. Aber nach Abstrich alles Persönlichen
ist das Werk, das hier getrieben werden soll, die alleinige Handhabe
gegen den deutschen Verfall. Denn das einzige, was uns noch wieder auf
die Beine helfen kann, ist die Rückkehr zu dem lebendigen Gott und
seinem Wort. Das aber wollen unsere Gegner naturgemäß verhindern. Zum
Teil unbewußt. Die innerweltliche Weltanschauung hat leider schon viele
Opfer gefordert. Darum heißt die Losung: Kampf! Und zwar Kampf bis
aufs Messer. Gerade diesen Gesichtspunkt wird man im anderen Lager für
unbiblisch erklären trotz des Herrenwortes: ›Ich bin nicht gekommen,
den Frieden zu bringen, sondern das Schwert!‹ -- Und nicht nur dort.
Fromme Kreise, auf die wir gerne rechneten, werden uns mißverstehen.
Kreise, welche mit vorbildlicher Treue Einzelseelsorge treiben, die
aber in der Stille ihrer Friedensarbeit den Blick für das große Ganze
verlieren, für das Elend der Massen; denen darum das Verständnis dafür
abgeht, daß der Kampf gegen den großen völkischen Abfall mit anderen
Waffen geführt werden muß, als der Kampf um die einzelne Seele,
mit anderen Worten: daß es hier eine Arbeit gilt, die man nicht in
Glacéhandschuhen tun kann. Wir würden ja auch nicht fertig, wenn wir
jedem Landstreicher erst eine feierliche Einladung schicken wollten,
-- die Leute kommen eben nur, wenn man sie ~holt~. Natürlich wird
da manches Gelichter mit unterlaufen, -- mein Himmel, das ist nicht zu
ändern, da tritt eben das Wort vom Unkraut unter dem Weizen in Kraft.
Also -- ohne große Volksversammlungen in Riesensälen -- hier in Berlin
am besten in einem großen Zentrumslokal, geschickt organisiert, vorher
natürlich, -- verzeih den Ausdruck, -- die nötige Reklame in der großen
Öffentlichkeit, -- ohne das alles kommen wir nicht vom Fleck, Mama!
Man mag die Sache ansehen, wie man will. Christus hat gesagt: ›Gehet
hin in alle Welt!‹, aber er hat nicht gesagt, daß Deutschland nicht
mit dazu gehöre. Und wenn wir zu Hinz und Kunz gehen und bei Schulz
und Müller Seelsorge treiben, so ist das alles recht schön und gut,
aber den Herrenbefehl: ›Gehet hin in alle Welt!‹ erfüllen wir damit
noch lange nicht! Und doch wird die Erfüllung dieses Befehls einmal von
uns gefordert werden. Wir müssen also mit einer starken Gegnerschaft
rechnen, mit mancher Ablehnung, -- nicht zuletzt mit der Ablehnung der
Kirche!«
»Mit der Ablehnung der Kirche?« unterbrach ihn seine Mutter.
»Gewiß, Mama. Die Kirche ist -- mittelparteilich! -- Ich halte ihr die
Treue, solange ich es mit meinem Bekenntnis vereinen kann, oder bis man
mich hinaussetzt. Aber Zugeständnisse mache ich nicht. Der Liberalismus
ist Luft für mich. Ich fordere als bibelgläubiger Christ reinliche
Scheidung. Das sind ja auch die Grundforderungen der Bundessatzungen!«
Sie nickte.
»Na also. Glaubst du, daß man oben sehr entzückt davon sein wird, wo
man nichts als ehrfurchtsvolle Leisetreterei gewöhnt ist?« Er zuckte
die Achseln. »Das nächste wird sein, daß die Presse, -- vielleicht auch
die paar großen konservativen Tageszeitungen, die wir noch haben, uns
totschweigen! Wir stecken ja auch noch in den Windeln und können nichts
verlangen! Macht nichts! Wird schon kommen! In zwei, drei Jahren sind
wir den Herrschaften schon unbequemer, und in zehn Jahren? -- Wenn wir
nur einen Luther hätten, der uns die Fahne vorantrüge!«
Seine Augen blitzten. Er war wieder ganz der Alte.
Sie sah ihn lächelnd an. »Parteipolitik darf aber nicht bei uns
getrieben werden!«
»Gott bewahre uns davor!«
»Es ist aber nicht ganz leicht, sie völlig auszuschalten,« entgegnete
sie.
Er sah sie ernst an. »Es ist das erste, was die Satzungen betonen
müssen, daß wir sie ausschalten!«
»Und wenn ein Heißsporn sie trotzdem hineinträgt?«
»Dann raus mit ihm an die frische Luft!«
Der Diener erschien auf der Schwelle.
»Karl Heinrich, wir müssen essen. Es wird sonst zu spät für dich!«
Er stand auf und bot ihr den Arm. Auf den Krückstock gestützt, richtete
sie sich zu ihrer ganzen Höhe empor und ließ sich von dem Sohne ins
Speisezimmer führen, wo Fräulein Eichel wartete.
»Sibylle ist nach Drachenburg zu den Geschwistern gefahren,« erklärte
die Hausfrau die Abwesenheit des Gastes.
»Möchte sie ihrem Bruder einmal gründlich den Kopf waschen,« murmelte
der Oberstallmeister vor sich hin.
Nach dem Tischgebet sagte seine Mutter: »Ist es dir recht, wenn wir in
nächster Zeit eine größere Sitzung in der Bundesangelegenheit in meinem
Hause anberaumen?«
»Wann?«
»Montag in acht Tagen.«
»Ja. Das paßt.«
»Am liebsten wär's mir, du hieltest einen kurzen zusammenfassenden
Vortrag über Grundsätze und Gestaltung des Bundes. Das ist noch nicht
klar ausgesprochen worden. Eine Frau kann das nicht.«
»Aber Exzellenz!« Fräulein Eichels braune Augen blitzten schelmisch.
»Nein, das muß ein Mann tun. Sie wissen recht gut, liebe Eichel, daß
ich redende Frauen nicht leiden kann.«
»Nun ja, in Volksversammlungen, Exzellenz.«
»Ich gebe zu,« sagte die alte Dame, »daß die Frau unter bestimmten
Voraussetzungen nicht nur reden darf, sondern muß -- überall da, wo
bestimmte weibliche Arbeitsgebiete betreten werden, zumal da, wo nur
das Weib zum Weibe sprechen darf, ist die Frau am Platze. Aber nicht
da, wo sie dem Manne das Wort entzieht. Das ist Grenzüberschreitung,
und von da ist's nicht mehr weit zur Frauenemanzipation! Ja, ja, liebe
Eichel!« Sie nickte ihrem treuen Hausgeist, dessen Tatendurst ihr
manchmal etwas zu viel wurde, freundlich zu. »Unser Arbeitsfeld ist
groß genug, nur keine Gebietserweiterung!«
Fräulein Eichel lachte. »Ich bin ja so bodenständig wie ein alter
Krautjunker, Exzellenz.«
»Ja, ich kenne Sie, Eichelchen!« -- --
»Der Vortrag will mir nicht recht in den Sinn,« sagte Herr von Kambach
nach kurzem Schweigen.
»Nun, dann sag's in ein paar Worten. Ich möchte nur um der Sache selbst
und um aller derer willen, die ihr dienen wollen, daß das Programm
jetzt möglichst bis ins kleinste festgelegt wird.«
Er nickte nachdenklich.
»Man könnte das ganze Programm in das Wort zusammenfassen: ›Seid das
Salz der Erde, seid die Kraft des Volkes, das Licht der Welt, das Blut
der Kirche!‹ Das besagt alles. Aber du hast recht: Wir brauchen die
irdische Form auch im Dienste der Ewigkeit. Kannst du mir vielleicht
ein paar Aufzeichnungen machen, Mama? Heute abend wird's wohl spät
werden, aber ich bin ja doch noch bis übermorgen hier, dann besprechen
wir das Weitere, wenn es dir paßt!« Er sah auf die Uhr. »Darf Friedrich
mir einen Kraftwagen holen? Ich komme sonst zu spät.«
Sie drückte auf den Knopf der Elektrischen und gab dem eintretenden
Diener ihre Befehle.
Dann sprach sie das Dankgebet und hob die Tafel auf.
Der Sohn küßte ihr die Hand. »Leb wohl, Mama, ich muß eilen! Auf
Wiedersehen, Fräulein Eichel! Bitte, tu' mir die Liebe, Mama, und
bleibe nicht etwa auf, es kann sehr spät werden, bis ich komme!«
»Nein, ich gehe zu Bett, dafür sorgt schon Fräulein Eichel!«
Er nickte der Gesellschafterin zu. »Ja, tun Sie das bitte, Fräulein
Eichel!«
»Sie können sich auf mich verlassen, Herr Baron!«
Ȇbrigens, Mama, ehe ich's vergesse, darf ich Montag in acht Tagen
Schenker mitbringen? Er ist Feuer und Flamme für die Sache, und wir
dürfen nicht vergessen, daß er es war, der dem Gedanken zuerst Ausdruck
gab. Wenn die Frage auch in der Luft lag, die erste Anregung danken wir
ihm!«
»Aber selbstverständlich, Karl Heinrich! Daß ich daran selbst noch
nicht dachte! Er ist mir wichtiger als alle anderen, mit seinem
gesunden Urteil, seinem schlichten Christentum!«
»Und seiner Gründlichkeit, Exzellenz,« warf Fräulein Eichel ein. »Wenn
er etwas durchsetzen will, läßt er nicht locker!«
Herr von Kambach knöpfte sich den Pelz zu. »Ob Friedrich zurück ist?«
»Er kommt gerade herauf.«
»Herr Baron, der Kraftwagen wartet.«
»Danke!« Er griff zum Zylinder. »Leb wohl, Mama! Fräulein Eichel, Sie
sind dafür verantwortlich, daß meine Mutter um zehn zu Bett geht!« -- --
* * * * *
Auf der verschneiten Straße lag der letzte Sonnenstrahl.
Frau von Kambach stand am Fenster und sah dem Sohne nach. Eben schloß
Friedrich den Kraftwagen und fort ging's.
Da hob sie den Blick.
Ein rosiger Hauch zog über Erker und First, wie ein feiner duftiger
Schleier. Die alte Frau achtete nicht darauf. Ihre Gedanken waren noch
ganz bei dem großen Werk, dem sie mit ihrer letzten Lebenskraft diente,
bei dem Manne, dessen Feuergeist seine Zeit überflügeln wollte. Würde
seine Führerschaft der still beginnenden Arbeit zum Segen werden? Würde
die lohende Glut dieser starken Seele nicht verheerend wirken, wo mit
ruhiger Hand gebaut werden sollte? Sie wollte ihn ja nicht anders.
Er war ein ganzer Mann, ein ganzer Christ, einer, der sich zum Kreuz
bekannte, wie wenige. Der, ohne rechts und links zu blicken, seinem
Ziel entgegenwanderte, unbekümmert um das, was ihm in den Weg kam.
Das Lied von dem tapferen Schwaben paßte auf ihn, aber dieser Schwabe
verstand auch das Dreinschlagen, und wo sein Schwert hintraf, da wuchs
kein Gras wieder. Das war die heilige Rücksichtslosigkeit der Kambacher
in Glaubenssachen.
Und trotzdem, heute zum erstenmal, aber immer wiederkehrend der
Gedanke: ist er hier am Platz? Selbst ein Petrus mußte sich von
seinem Herrn den Verweis erteilen lassen: ›Stecke dein Schwert in die
Scheide!‹ -- Es gab mancherlei Gaben, Kräfte, Ämter, aber eins war
nicht für alle! -- --
Wenige Augenblicke, nachdem sie ihm gesagt, daß man ihm eine führende
Stellung zugedacht, war der Zweifel in ihrer Seele aufgestiegen und
raunte und flüsterte: ›ist's wohl getan?‹
Und Mutterliebe und Mutterstolz kämpften mit Pflicht und Recht.
Es war kein leichter Kampf. Es galt ein Abwägen, peinlich genau, vor
dem Richtstuhl des Gewissens. Aber immer wieder kam die greise Frau
zu dem Ergebnis: trotz alledem, und gerade darum! Doch sie traute
dem eigenen Empfinden nicht, immer wieder machte sie sich hart, immer
wieder sagte sie sich: du bist seine Mutter! Und ein heißes Gebet stieg
aus ihrer Seele: ›Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib
Ehre!‹
Die Schatten dunkelten. Über die weiße Straße breitete sich der
Dämmerung violetter Samt. Die Mondsichel glänzte silbern über den
Dächern.
»Trotz alledem und gerade darum!« -- Ja, sie brauchten einen Starken,
einen, der im Namen des höchsten Gottes kam mit Schleuder und Stein.
Einen, der glaubensstark, die Bibel in der Hand, Weltweisen und
Kirchenfürsten entgegentrat mit einem unerschrockenen: ›Es stehet
geschrieben!‹ Einen, der's nicht litt, daß sie das Kreuz antasteten,
der in heiligem Zorn die angebotene Rechte fortstieß, die sich frevelnd
nach des Heilandes Ehrenkrone ausstreckte und im selben Augenblick, als
sei nichts geschehen, wahrer Jüngerschaft ihr Schutz- und Trutzbündnis
anbot. Einen, der klipp und klar erklärte: ›Wir erkennen die
Gleichberechtigung der Richtungen nicht an! Was ihr Richtungen nennt,
sind verschiedene Religionen, die sich wie Wasser und Feuer scheiden!
Hie Christentum, hie modernes Heidentum!‹
›Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert!‹
-- Das war das strikte unumstößliche Herrenwort, die heilige Losung
für die Eroberung der Welt im Zeichen des Kreuzes. Nein, -- mochte er
manchem unbequem werden, mochte er viele vor den Kopf stoßen, hier
waren keine Halben zu brauchen. Es schadete auch nichts, wenn er
einmal wetterte und dreinschlug, schadete nichts, wenn er, wie heute
mittag, erklärte: ›Wenn's so weiter geht, liegt Deutschland nächstens
im Chausseegraben!‹, schadete nichts, wenn er noch ganz andere Sachen
sagte! Das war alles nur Beiwerk, das dem einen gefiel und dem anderen
nicht, die Hauptsache war die Persönlichkeit. Die aber war aus einem
Guß: ein ganzer Mann, ein ganzer Christ!
Sie atmete auf. Wie ein Alp fiel's ihr von der Seele.
Mit glänzenden Augen sah sie dem scheidenden Tage nach.
Da flammte drüben unter dem Dach ein Licht auf, und noch eins, und
wieder eins. Ein verspätetes Christbäumchen, das die Absicht zu haben
schien, oben in der kleinen Dachkammer der alten Näherin das Osterfest
zu feiern, sandte der Edelfrau seinen leuchtenden Gruß.
Die Tränen stiegen ihr in die Augen. Wie eine Antwort auf ihr Fragen
strahlten ihr die Lichter der Weihnacht entgegen. Sie aber trat mit
befreiter Seele in den hohen Schein der Ewigkeit. ›Trotz alledem, und
gerade darum!‹
Achtes Kapitel.
Allein.
Weißt du, wie's ist, wenn in tiefer Nacht
Kein Mensch noch Engel deiner gedenkt?
Wenn niemand nach deiner Seele fragt,
Wenn sich kein Herz in deines versenkt?
Wenn droben der Nebel das Kreuz verhüllt,
Wenn kein Blümlein duftet im Felsgestein, --
Verstehst du's, weißt du es, was das heißt:
Allein sein, -- mutterseelenallein?
Eine weiße sternklare Nacht ging über der Mark auf, über ihren
verträumten Schlössern und altertümlichen Kleinstädten, ihren
Kiefernwäldern und stillen Seen.
Kein Lüftchen regte sich. Leise hüllte der Rauhreif die schlafenden
Dörfer in seinen weißen Spitzenschleier. -- --
Über Haus Kambach stand der Vollmond, groß und klar. Breit und
wuchtig lag das Herrenhaus da, wie ein starker Mauerwall schirmte
es das schlafende Dorf und die ragende Kirche, -- ein Bild zäher
Bodenständigkeit und treu bewahrten ehrwürdigen Erbes. Der Schnee
flimmerte. Es war eiskalt. Auf der Dorfstraße keine Menschenseele.
Alles saß drinnen um die Feuerstätten oder in den Spinnstuben.
Eine schmale Spur führte zwischen den strohgedeckten Häusern auf die
Pfarre zu. Die Sommerrose war bis unter das Dach geklettert, leise
schwankten die zarten Zweige vor dem hellen Fenster der Studierstube.
Sonst war's dunkel im Haus. Still und einsam lag es unter der Last des
Schnees, vom breiten Geäst der alten Linde überdacht.
Hinter den weißen Vorhängen sah man einen auf und nieder schreiten. Der
immer wiederkehrende hastende Schatten brachte etwas Fremdes in die
nächtliche Winterstille, etwas vom Kampf des Tages.
Auf und nieder ging's, auf und nieder. -- --
Es mußte etwas Sonderliches sein, das dem Manne drinnen die Ruhe nahm.
Abend für Abend konnte man Pastor Wendler, über seine Bücher gebeugt,
am Schreibtisch sitzen sehen, ohne seine Stellung im geringsten zu
verändern, -- was trieb ihn heut in dem engen Raum hin und her?
In den letzten Tagen waren allerhand Gerüchte über ihn verbreitet
worden, -- der Gutsherr habe sich mit ihm überworfen, er verließe
Kambach und dergleichen mehr. Dann hieß es wieder, an dem allen sei
kein wahres Wort.
Der rastlose Wanderer drinnen wußte nicht, was über ihn geredet
wurde, und wollt's auch nicht wissen. Menschen, die durch den Sturm
schreiten, fragen nicht nach fallendem Laube und welkenden Blüten. Sie
brauchen ihre ganze Kraft, ihren ganzen Willen im Kampfe gegen die
Naturgewalten. Das Kleine wird ihnen klein, das Große groß. Achtlos
zertreten sie den Halm am Wege, erst wenn die greisen Schildträger
verklungener Zeiten, vom Sturm gefällt, zur Rechten und Linken
niederbrechen, wenn Bergbachgebraus und Föhrenrauschen verstummen und
das große Schweigen die Toten ehrt, dann, erst dann verhalten sie den
eilenden Schritt, und das Auge fragt, was der Mund verschweigt: ›Wann
kommt die Reihe an mich?‹ Doch die Antwort bleibt aus; denn die Nacht
ist noch nicht vorüber.
Sie stürmen weiter. Mit fiebernden Sinnen, mit keuchender Brust, in
den Adern die Siedeglut des Willens zur Macht, zum Leben. Aber an ihrem
hörnernen Kleide haftet ein Verhängnis. Trifft der Wurfspeer des Todes
die Schulter, ist er Sieger. -- -- --
An der Bahre der Waldwächter erbeben die Sinne; ein heimlicher Sprung,
fein wie Glasgespinst, geht durch die Seele, ein leiser Schmerzenslaut
verweht -- regte der Wind zerrissene Saiten? -- --
Kurt Wendler war des Wanderns müde geworden und hatte sich an seinen
Schreibtisch gesetzt. Ein tiefer Schmerz lagerte auf seiner Stirn, eine
Unrast beherrschte sein Wesen, die vergeblich nach einem Ausweg suchte.
Vor ihm lag die aufgeschlagene Bibel, aber er blickte darüber hinweg
auf das Bild eines hübschen, etwa sechzehnjährigen Knaben. Ein echtes
rechtes Jungensbild war's, voll Natürlichkeit und Frische: Eberhard
Kambach. Wie die großen nachdenklichen Kinderaugen ihn vorwurfsvoll
anschauten! Noch niemals war er diesem Ausdruck begegnet -- oder doch?
Herrgott -- ja -- einmal vor drei Tagen, in der Konfirmandenstunde. Da
hatten diese Augen ihn angeschaut, als ob er dem Kinde etwas geraubt
hätte, etwas, das ihm heiliger war, als alles andere auf Erden, als
Vater- und Mutterliebe, als der kleine fröhliche Kamerad, an den
er sein Herz gehängt. Zum erstenmal hatten sie den Lehrer zornig
angeblitzt, als wollten sie ihm zurufen: ›Glaub', was du willst! Ich
glaub', was Vater und Mutter glauben, die wissen's ganz genau, wie's
in der Bibel steht! Ich laß mir nichts wegnehmen!‹ Aber er hatte die
stumme Mahnung unbeachtet gelassen, der Trotz war über ihn gekommen. Er
hatte es bisher mit dem Worte gehalten:
›Das Beste, was du wissen mußt,
Darfst du den Buben doch nicht sagen!‹
Nun sollten sie's wissen, selbst auf die Gefahr hin, daß es ihn Amt
und Brot kostete. Nichts Halbes wollte er ihnen mehr bringen, nichts
Veraltetes, Versteinertes, sondern Leben, Entwicklung, Wirklichkeit!
Vor allem fort mit dem alten orthodoxen Gottesbegriff, mit der
Christusgestalt des Supranaturalismus, dieser Unmöglichkeit aller
Unmöglichkeiten!
Und dann war jene Szene gekommen. Die bloße Erinnerung daran trieb ihm
das Blut zum Herzen. Seine Behauptung, Christus habe sich an keiner
Stelle in der ganzen Bibel zu seiner ewigen Gottessohnschaft bekannt,
war gefallen. Der kleine Inspektorssohn hatte auf das eidliche Zeugnis
vor Kaiphas hingewiesen. Achtzig helle fragende Kinderaugen blickten
erwartungsvoll zu ihm auf.
»Dann hat Jesus sich eben geirrt!« Ja, so hatte er gesprochen. Es war
ihm selbst eigen ums Herz gewesen, als er die Worte, die ein Jatho
in öffentlicher Versammlung geredet, an dieser Stelle wiederholte.
Die Kambacher Dorfbuben waren wahrhaftig die letzten, die für diese
feine Philosophie reif waren. Doch das machte nichts. Borsdorfer Äpfel
reiften auch nicht an einem Tage.
Dann war's gekommen, was ihm an der Seele nagte.
Dicht unter dem Lehrstuhl klang ein heißes bitterliches Schluchzen,
ein Schluchzen aus allen Quellen der Seele. Der stille vornehme Knabe
sprang auf und rief in leidenschaftlichem Schmerz dem Lehrer zu: »Das
ist nicht wahr, Herr Pastor!« Damit stürzte er hinaus.
Keiner hielt ihn zurück. Wie ein Bann lag's auf der kleinen Schar.
Es blieb Pastor Wendler nichts anderes übrig, als die
Konfirmandenstunde zu schließen.
Das war vor wenigen Tagen gewesen.
Eine Stunde nach dem Vorfall war Herr von Kambach im Pastorat. Kurz
und bündig, wie es seine Art war, erklärte er Wendler, daß sein Sohn
seine Konfirmandenstunden von nun an nicht mehr besuchen werde. In der
Gesamtfrage werde er als Patron entscheiden. Nur so viel wolle er ihm,
um jedes Mißverständnis auszuschließen, schon heute sagen, daß für sie
beide nebeneinander kein Raum in der Kambacher Kirche mehr sei. Das war
deutsch gesprochen.
Aber eines berührte der Gutsherr mit keinem Wort: die Ungezogenheit
Eberhards in Gegenwart der Klasse. Pastor Wendler wies darauf hin.
Das Antlitz des Kambachers ward hart wie Stahl. »Dafür soll ich den
Jungen schelten? Zum Kuckuck, Herr Pastor, ist bei mir 'ne Schraube los
oder bei Ihnen? -- Wenn in einer Versammlung eine Majestätsbeleidigung
ausgesprochen wird, so erklärt man -- vorausgesetzt, daß die
Herrschaften nicht schon samt und sonders als Sozialdemokraten bekannt
sind, -- den Betreffenden für einen Lumpen und befördert ihn an die
frische Luft. Sie haben die allerhöchste Majestät vor unmündigen
Kindern beleidigt, und man hat Sie hübsch auf Ihrem Lehrstuhl gelassen.
Von Rechts wegen hätten Sie ihn räumen müssen. Tatsache ist, daß das
nicht geschehen ist. Und nun verlangen Sie noch obendrein, daß Ihre
Konfirmanden, die doch schließlich keine Wickelkinder mehr sind, Amen
sagen, wenn Sie erklären, Christus sei nicht Gottes Sohn!«
»Natürlich ist er Gottes Sohn, aber nicht in dem Sinne wie ..«
»Ja, ja, ich weiß schon, ›die reinste Menschenblüte, von Gottes Sonne
geküßt‹, -- ›höchste Vergöttlichung, unmittelbarste Vermittlung
transzendenter Werte‹ -- ich danke für die liberalen Kamellen,
Verehrtester! Ihren zurechtgestutzten Heiland kann unsereins im Leben
nicht gebrauchen, und im Sterben erst recht nicht! Ihr Streben und
Forschen in allen Ehren, -- aber wir Positiven forschen auch, --
glauben Sie ja nicht, daß wir so in den Tag hineinleben, -- denkt
nicht dran, wir vergessen nur nicht, wo unser kleiner armseliger
Menschenverstand ein Ende hat, und bekrittelten nicht das Wunder der
Wunder, die Person unseres Herrn. Das aber tun Sie! Und nun setzen
Sie Ihrem Tun die Krone auf und tragen das Gift durch Predigt und
Konfirmandenstunde ins Volk und verwahren sich dann noch dagegen,
wenn ein armes Kind, dem Sie seinen Heiland nehmen wollen, Ihnen die
Wahrheit ins Gesicht sagt.«
»Es hätte nicht in dieser Form geschehen dürfen!«
»Zum Donnerwetter! Form hin, Form her!« Er schlug auf den Tisch, daß es
krachte. »Ich hätt's Ihnen gegönnt, daß die Bengels Sie ausgepfiffen
hätten!«
»Herr Baron, ich muß aber doch sehr bitten ...«
»Daß ich das Lokal verlasse? Mit Vergnügen! Nehmen Sie's nicht
übel, daß ich deutlich wurde, -- ich bin nun einmal nicht für die
Leisetreterei von heutzutage. Die Kambacher sprechen lieber Deutsch
wie Französisch. Eberhard steckt's ja, gottlob, auch im Blute, der
Schlingel hat Rasse! So, nun wissen Sie's. Sagen mußt' ich die ganze
Wahrheit schon deshalb, verehrter Herr Pastor, weil ich Ihnen gegenüber
die Pflichten des Patrons nicht vergessen darf. Sie könnten mir sonst
mit Recht die bittersten Vorwürfe machen, ganz davon abgesehen, daß ich
für mich und mein Haus jede liberale Rutschpartie dankend ablehne.« Er
reichte ihm, als sei nichts geschehen, die Hand. »Gott befohlen!« Und
fort war er.
Wie betäubt stand Pastor Wendler da. Immer zog er bei diesem Manne den
kürzeren. War's die rasende Lebhaftigkeit, die Herrennatur, die keine
andere Meinung aufkommen ließ? Aber er selber war doch auch nicht
ums Wort verlegen und wußte was er wollte. Warum schrumpfte denn,
sobald Herr von Kambach auf der Bildfläche erschien, sein leuchtender
wissenschaftlicher Bau wie eine welkende ›Königin der Nacht‹ zusammen?
Sonderbar! Eigentlich hätte er ihn doch auf Matt setzen müssen, weil
er mit der Wissenschaft auf dem Gebiet des Glaubens nichts anzufangen
wußte. Und doch erkannte er sie sonst an. Nur hier nicht. Er wußte
eine ganze Menge, war sehr belesen, hielt ganz vorzügliche politische
und soziale Reden, war in den modernen Weltanschauungsfragen stets auf
dem laufenden, trotzdem -- Glaube und Wissenschaft blieben getrennte
Gebiete. Anders tat es die alte Schule eben nicht. Aber das Christentum
des Kambachers war ebensowenig tote Orthodoxie wie das seiner Mutter
und des alten Schenker. Im Gegenteil! Was steckte für Leben darin! Er
war fest davon überzeugt, daß diese drei Menschen um ihres Glaubens
willen große schwere Opfer bringen würden! Warum mußten denn gerade sie
seine Gegner sein, die einzigen Positiven seiner Bekanntschaft, die
Eindruck auf ihn machten, die ihm unbegrenzten Respekt abzwangen!? Es
war zum Tollwerden!
Seine Gedanken wanderten. An die Seite der greisen Landedelfrau sah
er eine junge kräftige Frauengestalt treten. Mit den Füßen stand sie
auf der Erde, ihre Hände taten Werktagsarbeit, aber die klare Stirn
umleuchtete Morgenglanz. Es gibt Sonntagskinder, die hellen Auges, ein
Sträußchen am Hute über die Berge wandern und tausend Herrlichkeiten
schauen, die anderen Sterblichen verborgen bleiben. Solch ein
Sonntagskind war der treue Hausgeist der alten Exzellenz, Fräulein
Jutta Eichel.
Es war in jener Zeit gewesen, wo er noch viel in Dreilinden verkehrte,
als Pastor Wendler plötzlich die Sehnsucht gepackt, den Sonnenschein,
der von der schlichten freundlichen Gestalt ausging, in sein einsames
Pfarrhaus zu tragen. An einem schönen Herbstabend betrat er den
Dreilindener Gutshof. Die alte Exzellenz war ausgefahren. Sie, die
er suchte, stand in der Halle, die letzten Rosen des Jahres in einer
venetianischen Schale ordnend.
Die Lichter des scheidenden Tages umspielten die Mädchengestalt und die
purpurnen Blüten. Heimlich spann die Dämmerung ihre Schleier um den
traulichen Kamin und das eichene Gestühl aus der Väter Zeiten. Ein paar
Rosenblätter waren auf den breiten geklöppelten Einsatz der leinenen
Tischdecke gefallen; wie Blutstropfen leuchteten sie in den goldenen
Abend hinaus.
Er aber stand im Türrahmen und betrachtete still das feine
stimmungsvolle Bild. ›Wie ein Kunstwerk der alten niederländischen
Schule!‹ zog es ihm durch den Sinn.
Da hob sie den Kopf.
Ihre Blicke trafen sich. Auf ihrem Antlitz lag's wie der Wiederschein
der roten Rosen.
Regungslos verharrte er im Schein des sinkenden Abends. Wie ein
Schattenbild hob sich die hohe Gestalt vom lichten Himmel.
Sie aber stand, die späten Blüten in den Händen, im dunklen Auge
flehende Abwehr.
Aber er merkte es nicht. Er sah nur das Ganze, das Bild des
niederländischen Meisters.
Dann trat er neben sie. Sie solle sich nicht stören lassen. Ganz
obenhin sagte er's. Sie empfanden es beide. Zögernd steckte sie die
letzte Knospe zwischen die schwellenden Blüten.
»Ich darf's gleich hinübertragen?«
Er folgte ihr in das Wohnzimmer der Hausfrau, wo sie die Rosenschale
unter ein großes Kruzifix, eines jener herrlichen Schnitzwerke der
Frauen Südtirols, stellte.
»Lieben Sie die katholische Kunst?« fragte er.
»Ich sah nie einen Kruzifixus wie diesen,« erwiderte sie, zu dem
dorngekrönten Antlitz aufblickend. »Soll ich den Glauben verachten, der
sich zu demselben Herrn und Heiland bekennt wie ich?«
Er zuckte die Achseln.
»Würden Sie je katholisch werden?«
»Niemals,« rief sie lebhaft. »Das römische System stößt mich ab. Aber
mit dem einzelnen Katholiken fühle ich mich, sofern er ein wahrhaftiger
Christ ist, auf demselben Heilsgrunde stehend, einig in Glauben und
Hoffnung.«
Er sah sie mit einem eigenen Blick an. In seinen Augen stand eine heiße
Frage. Bis in die Seele drang sie ihr.
Wieder sah sie zum Kreuz empor. Und während sie sich in den Anblick der
edlen Züge versenkte, kam ein heiliger Mut über sie, eine nie gekannte
Kraft. Voll und klar wandte sie dem Manne das dunkle Auge zu und sagte
mit fester Stimme: »Tausendmal näher steht mir der Katholik, der sich
zu seinem Heiland und Erlöser als dem ewigen Gottessohn bekennt, als
der Vertreter der modernen Theologie, der die Gottessohnschaft Christi
leugnet!«
Wie ein Schlag ins Gesicht traf ihn ihr Wort. Er hatte sie verstanden.
Eine unüberbrückbare Kluft hatte sie zwischen ihnen aufgerichtet. Und
doch wußte er's, daß sie ihn liebte. Trotzdem hieß sie ihn gehen.
Eine grenzenlose Bitterkeit stieg in ihm auf, ein unbezwingbarer Neid
nach dem Gut dieser stillen starken Menschen, die, ohne rechts und
links zu blicken, ihrem Ziele zuwanderten. Eine Ruh' lag über diesen
Gestalten, über diesen Trägern innerer Kraft und heiligen Segens. Warum
besaß er sie nicht?
Weil eine solche Ruh' unmöglich, weil diese Menschen Schwärmer waren.
Trotzig gab er seiner Seele die Antwort.
Arm und einsam war er ausgegangen, sein spätes Glück zu suchen, ärmer
und einsamer noch kehrte er heim.
Und dann kamen die langen Winter, und der geliebte Pfad lag verschneit!
-- -- --
Mutterseelenallein saß er mit seinen Büchern in dem kahlen
Studiergemach.
Nur die vorwurfsvollen Augen des kleinen Junkers blickten ihn an.
Allein -- mutterseelenallein, und draußen der Pfad verschneit -- --
Nach einem uralten Liebeslied klang's, nach der zarten poetischen
Stimmung deutscher Vergangenheit! Im Kamin summte der Nachtwind die
Melodie dazu, weich und sehnsüchtig, als klagte eine Äolsharfe.
Dann klang's aus anderen Pfeifen, fremd und sieghaft, als fegte die
wilde Jagd übers Dach. -- --
Plötzlich Stille, kein Laut mehr auf weiter Heide. -- --
Und dann, was war das?
Er lauschte hinaus.
Aus weiter Ferne zog's durch das große Schweigen herüber, wie
Meeresbrausen, wie der Pilgerchor ausziehender Christen, Orgeltöne,
tief und gewaltig, das uralte halbvergessene Kirchenlied, das die
mittelalterliche Gemeinde in den heiligen Nächten gesungen:
›Es kommt ein Schiff geladen
Bis an sein'n höchsten Bord --
Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden,
Des Vaters ew'ges Wort!‹
Er fuhr auf. Was hatte dies Lied mit seiner Einsamkeit, seiner
Verlassenheit zu tun? Zum Tollwerden waren die Winternächte in dem
hundertjährigen Pfarrhause mit seinen altmodischen Kaminen! Was Wunder,
daß der Nachtwind sich drin verfing und droben seine Psalter sang!
Wenn dann auch noch das verflixte Käuzchen seine Jeremiaden anfing, --
um aus der Haut zu fahren war's! Aber heut' Nacht war's dem Totenvogel
wohl zu kalt. So hatte er wenigstens davor Ruhe.
›Daß nicht unter dir gefunden werde, der auf Vogelgeschrei achte!‹
Ja, ja, er wußte es. Aber es war nun einmal nicht angenehm, wenn die
Kreatur draußen die halbe Nacht wimmerte. -- --
›Es kommt ein Schiff geladen
Bis an sein'n höchsten Bord -- --‹
Wieder die Glockentöne!
Es war doch vorhin ganz klar und still gewesen? Ob das Wetter umschlug?
Nein, er kannte den Ton, das war Nordostwind. Oder doch nicht?
›Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden,
Des Vaters ew'ges Wort!‹
Die blauen Kambachaugen blickten herüber. Ja, gewiß, er leugnete es
keinen Augenblick, er hatte es vor der ganzen Klasse gesagt und würde
es, wenn's sein müßte, vor dem Konsistorium wiederholen: ›Dann hat
Jesus sich eben geirrt!‹
›Das ist nicht wahr, Herr Pastor!‹ -- -- Knabenlippen sprachen es
trotzig und hart.
›Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden,
Des Vaters ew'ges Wort!‹
»Zum Donnerwetter!« Er sprang empor und riß das Fenster auf.
Totenstill lag der weiße Garten in winterlicher Schönheit. Drüben
träumte, tief eingeschneit, die Kirche im Kranz ihrer Linden, Hütt' an
Hüttlein geschmiegt zu ihren Füßen, fern in bräutlicher Reinheit die
märkische Heide.
Aber hinter dem Gutshaus in den Kiefernforsten summte der Nachtwind in
den Kronen. Immer dasselbe Lied, jenen uralten, längst verklungenen
Choral. Seltsam, -- wie die Einbildung ihre Schleier wob, wie sie
Menschengeist und Windeswehen in ihren Dienst zwang ...
›Der Wind brauset, wo er will!‹
Zum Kuckuck! Warum denn immer gleich die Bibel? Das war doch ein sehr
natürlich zu erklärender Vorgang. Wetterumschlag -- Nerven, -- man war
doch auch Stimmungen unterworfen -- das Nachtgespräch mit Nikodemus
hatte zudem neben großer sprachlicher Schönheit den Vorzug, rein
persönlichen Charakter an sich zu tragen. Man konnte es so oder so
auffassen. Ja, gewiß, so oder so!
Drüben holte die alte Turmuhr zum Schlage aus.
Zwölf? Na, ja. Es war Zeit, daß man zu Bett ging. --
Es kam alles von dem ewigen Alleinsein her. Warum hatte Jutta Eichel
nicht ja sagen können? Sie liebte ihn doch. Er wußte es ganz genau. Die
Folge war, daß sie sich und ihn unglücklich machte. War das recht?
›Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden,
Des Vaters ew'ges Wort!‹
Er schlug das Fenster zu. Was hatte das mit der Ehe zu tun? Gar nichts.
Aber sie dachte anders. Er wußte es wohl.
Und es hatte Stunden gegeben, wo er es Jutta Eichel sehr hoch
angerechnet, daß sie die letzten Folgerungen ihrer Überzeugung zog.
Trotzdem, -- wenn die Engigkeit der Positiven ihren Höhepunkt nicht
bald überschritten hatte, hörte ja jedes Zusammengehen auf.
Er zuckte die Achseln.
Zwischen Kambach und Dreilinden hatte es bereits aufgehört.
Ein Seufzer verwehte.
Die Nacht breitete ihre Schatten über das heilige Buch -- --
Er nahm die Lampe und ging hinaus. Als er die Diele überschritt, hörte
er draußen ein Geräusch auf den Stufen. Nervös wandte er sich um.
Da gellte auch schon die Nachtglocke durch das stille Haus.
Er öffnete.
Vor ihm stand in seinem großen Dienermantel der alte Schenker.
»Kommen Sie mit, so rasch Sie können, Herr Pastor! Der junge Herr liegt
schwer krank an Lungenentzündung und will Sie sprechen!«
Sehr kurz und bestimmt klang's. Ganz Schenkersche Art. Aber ein
gewisser Einschlag, den er sonst bei dem alten Manne noch nicht
vermißt, fehlte: die Ehrerbietung vor dem geistlichen Amt. Oder kam es
ihm nur so vor? In dieser Nacht war alles möglich.
»Um Gottes willen, was ist denn geschehen?«
»Bitte, Herr Pastor! Ick erzähl's Ihnen unterwegens!«
Und Wendler fuhr in den Mantel, nahm den Schlapphut vom Nagel und ging
mit Schenkersch Vadder in die Nacht hinaus. Als die Haushälterin, durch
die Klingel geweckt, endlich zum Vorschein kam, fand sie ein paar
Schneeabdrücke auf den Fliesen und den Platz, wo des Pastors Hut und
Mantel hingen, leer.
»Es wird die Frau des Häuslers sein, die schon seit drei Tagen im
Sterben liegt,« murmelte sie vor sich hin. Und das flackernde Licht in
der Rechten, wanderte sie müden Schrittes den Weg, den sie gekommen,
über die alte knarrende Treppe zurück. -- --
* * * * *
»Also Lungenentzündung?«
»Ja, Herr Pastor. Herr Sanitätsrat Elsasser schüttelte gleich das
erstemal, als er kam, den Kopf. Wir mußten sofort nach Berlin drahten.
Herr Oberstallmeister wird mit dem Nachtzug erwartet. Als Herr
Sanitätsrat vor einer halben Stunde noch Herrn Doktor Kruse mitbrachte,
erklärten beide, es sei keine Hoffnung. Die Krankheit habe gleich
zu heftig eingesetzt, gegen eine so schwere Lungenentzündung sei
menschliche Kunst machtlos.«
Hart und scharf klang Franz Schenkers Stimme.
»Wie das Unglück geschehen is?« Er zuckte die Achseln. »In den
Tagen, wo der junge Herr allein war, is nichts vorgefallen! Mamsell
achtet auf ihn, als wär's 'n Prinz, und ick hab' auch meine Pflicht
und Schuldigkeit getan. Der Gedanke wird dem gnädigen Herrn gar
nich kommen, daß in den Tagen etwas versäumt worden is, das is
ausgeschlossen, gänzlich ausgeschlossen!« Die weiße Kammerdienerweste
strahlte.
»Ja, aber, was ist denn geschehen?«
Wieder jenes schweigende Achselzucken, jenes bedeutsame Wiegen des
weißen Kopfes.
»Mein Gott, so reden Sie doch!«
»Ja, Herr Pastor, wenn ick offen und ehrlich meine Meinung sagen soll,
und anders tu' ick's nich, -- das ganze Dorf weiß es, daß Schenkersch
olle Vadder es nich anders tut -- dann kann ick nur sagen: das war
vorige Woche nach die Konfirmandenstunde! Erst die furchtbare Aufregung
-- ick hab' das Kind ja in meinen ganzen Leben nich so gesehen, --
und dann is der junge Herr nachmittags bei den scharfen Ostwind noch
Schlittschuh gelaufen. Da is das Unglück geschehen! Erst die Aufregung,
und dann hinaus in den schneidenden Wind -- kein Wunder, Herr Pastor!«
Schweigend ging Wendler neben dem Alten her.
»Ick hab' das ja längst kommen sehen,« brummte Schenker vor sich hin.
»Was haben Sie kommen sehen?«
Schenker stellte sich trotz der bisherigen Eile mitten auf die
Dorfstraße hin. Das bedeutete eine längere Rede mit erhobener Stimme.
Denn das Schenkersche Organ war auf die Vorgänge des Lebens abgestimmt.
Je wichtiger die Sache, desto durchdringender die Stimme. Es kam vor,
daß Schenker einem guten Freunde mitten auf der Dorfstraße unter dem
Siegel der Verschwiegenheit die tiefsten Geheimnisse ins Ohr brüllte,
daß er sich vierundzwanzig Stunden später sehr wunderte, daß diese
Geheimnisse ihren Weg durch alle Spinnstuben genommen und schließlich
in der Herrenküche bei Mamsell angelangt waren, daß Mamsell sich den
Alten vornahm und wegen seiner Redseligkeit gehörig herunterputzte, das
alles konnte vorkommen und immer wieder vorkommen, und trotzdem blieb
es beim alten.
Pastor Wendler war schon mehr als ein Schenkersches Geheimnis auf der
Kambacher Dorfstraße anvertraut worden. Doch in dieser Nacht hatte er
eine entschiedene Abneigung gegen alles Vertrauliche.
»Kommen Sie,« sagte er, »es ist gleich halb eins.«
Aber Schenker blieb stehen.
»Da Sie 's einmal durchaus wissen wollen, wo sich unser junger Herr
die Lungenentzündung geholt hat, will ick's Ihnen nich verhehlen: in
~Ihre~ Konfirmandenstunde! Mehr brauch' ick wohl nich zu sagen!
Inspektors haben mir die Geschichte erzählt, die wissen alles von ihren
Wilhelm!«
Er stampfte weiter durch den Schnee.
Jetzt blieb der Pastor stehen.
»Und Sie glauben die Geschichte wirklich so, wie die dummen Jungens sie
erzählen, Herr Schenker? Warum ist denn keiner zu mir gekommen und hat
mich gefragt, wie die Sache sich verhält?«
Schenker wandte erstaunt den Kopf. »Die Jungens lügen nich!«
»So. Aber es sind Kinder.«
»Mag sein. Wir Großen kennen Sie aber auch, Herr Pastor! Kurzum -- es
wundert mich nich im geringsten, wenn Sie glauben, der Herr Christus
habe sich geirrt, wenn er sich für Gottes Sohn gehalten hätte, -- so,
wie Sie sind, können Sie es gar nich glauben, -- aber daß Sie so etwas
unsere Kinder lehren, -- das is stark, das is unerhört! Wie Sie's vor
Gott verantworten wollen, is Ihre Sache, aber das kann ick Ihnen sagen:
Ihre Kirche is nächsten Sonntag leer!«
Sie waren vor dem Gutshause angelangt.
»Ich will Ihnen in Anbetracht der Erregung, in der Sie sich naturgemäß
befinden, die Art und Weise, in der Sie zu mir gesprochen haben, nicht
nachtragen,« sagte der Geistliche. »Später, wenn Sie ruhiger geworden
sind, sprechen wir noch einmal darüber!«
Er trat ein.
»Ick wüßte nich, was Sie mir nachtragen sollten, Herr Pastor,« klang
die alte Stimme neben ihm. »Ick hab' die Wahrheit gesagt! Wenn die hart
war, is es nich meine Schuld!«
Wendler zuckte die Achseln. Das Herz war ihm zum Zerspringen schwer. --
-- --
Oben in dem weiten, matt erhellten Raum lag Eberhard Kambach in hohem
Fieber in den Kissen. Als Pastor Wendler eintrat, flog ein Lächeln über
sein Gesicht, mühsam versuchte er sich aufzurichten.
»Eberhard!« Der Geistliche hielt die heiße Hand in der seinen. Er
wollte weitersprechen und konnte nicht.
Da klang's mit matter Stimme zu ihm empor: »Herr Pastor, ich hätt'
nicht so heftig werden dürfen neulich in der letzten Stunde! Das, was
ich sagte, kann ich nicht zurücknehmen, denn, denn -- es ist doch wahr,
daß der Herr Jesus Gottes Sohn ist!« Die großen Augen sahen flehend zu
ihm auf. »Was sollt' ich jetzt wohl anfangen, wenn er's nicht wäre, er
könnte ja nicht mein Erlöser sein.«
Sein Atem ging schwer. Eine Pause entstand.
»Aber mein Ton war ungehörig,« sagte er dann, »wollen Sie mir
verzeihen?«
Ermüdet lehnte er sich zurück.
Tief erschüttert stand Wendler da.
»Verzeihen Sie mir,« klang's ein zweites Mal aus den Kissen.
Er wandte sich ab. -- »Eberhard -- ich -- ich hab' dir nichts zu
verzeihen!«
In die blauen Augen trat ein helles Leuchten. »Herr Pastor, wissen
Sie's jetzt auch?« In atemloser Spannung hing der Blick des todkranken
Knaben an dem geliebten Antlitz.
»So wie du weiß ich's nicht, Eberhard!« Mühsam, als sei in der Seele
etwas in Scherben gebrochen, kam's von den Lippen des Mannes.
»Aber Sie müssen's wissen, Herr Pastor, so wie ich's weiß, daß der
Heiland dicht bei mir ist, und daß ich mich nicht zu fürchten brauche.«
Die fieberheißen Hände umklammerten Wendlers Rechte. Die Stimme ward
schwächer.
Er kniete neben dem Kranken nieder.
»Eberhard, vergib mir, daß ich jenes Wort sprach, ich hätt' es nicht
sprechen dürfen -- ich wußte -- ich nahm dir etwas!«
»Sie haben mir nichts genommen!«
Wieder war's still.
»Vergib mir,« bat der Pastor.
Das Rot auf dem jungen Gesicht ward noch einen Schein dunkler. Leise
drückte Eberhard Kambach die Hand seines Lehrers. Der verstand die
zarte Art dieses Vergebens und dankte es schweigend dem sterbenden
Kinde.
»Ob die anderen Jungens wohl einmal für mich aufstehen würden?« klang
es leise an sein Ohr. »Morgen früh ist's vielleicht zu spät! Ich möchte
so gern noch ein Lied hören.«
»Ich will's ihnen sagen!« Wendler erhob sich. »Was sollen sie denn
singen, Eberhard?«
»Das ew'ge Licht geht da herein ...«
Wieder jenes wunderbare Aufleuchten der blauen Augen.
Über die Züge des Mannes flog ein Staunen. War das der Tod? Woher kam
dem Jungen in der schwersten Stunde der selige Glaube an das Licht
der Weihnacht? Das Wort frommer Eltern allein konnte solchen Glaubens
Grund nicht sein, und hätt' er fürs Leben gereicht -- im Tode? Nein.
Autoritätsglaube war etwas Ehrfurchtgebietendes, -- Lebenskräfte barg
er nicht. Er war kein Glaube im tiefsten wirklichsten Sinne. Und
gewaltsam drängte es auf ihn ein: was hülf' dir dein Glaube, wenn du in
diesem Augenblick sterben solltest? würdest du im Glanz deines Sterns
still und unverzagt den letzten, dunklen Weg wandern?
Eine große rücksichtslose Ehrlichkeit kam über ihn. »Nein, tausendmal
nein,« rief er seiner Seele zu, seinen Sinnen, die sich selbst in
dieser Stunde noch mit Fleisch und Blut besprechen wollten, mit
Weltklugheit und Gelehrsamkeit, mit der Weisheit, die sich Theologia
nannte.
Kurt Wendler erklärte sich am Sterbelager eines Kindes bankrott. -- --
Ein leises Geräusch an der Tür ließ ihn aufblicken. Auf der Schwelle
stand eine hohe Gestalt im Pelz.
»Vater!« rief Eberhard Kambach und richtete sich auf -- dann flog sein
Blick von einem zum anderen, die blauen Augen baten für den Mann, den
er vor wenig Tagen in heißem Schmerz bei dem Vater verklagt.
Aber der Oberstallmeister trug den Kampf um sein Allerheiligstes nicht
an das Sterbelager seines Kindes. Er hatte genug gesehen.
Im Innersten erschüttert, aber äußerlich gefaßt, trat er an das Bett
seines Lieblings und strich ihm in wortlosem Schmerz über den dunklen
Kopf. Dann reichte er dem Geistlichen mit festem Druck die Hand. Eine
Sekunde lang sahen sich die beiden Männer in die Augen. -- --
* * * * *
Vom Kirchturm schlug es halb zwei, als Pastor Wendler von Haus zu Haus
wanderte und den Knabenchor weckte. Dann ging er zum Kantor.
Die hellen Tränen rannen dem treuen Manne über die Wangen, -- am
heiligen Abend hatte der Sohn seines Gutsherrn das alte Weihnachtslied
noch mitgesungen. Nun sollt's ihn auf der letzten Fahrt geleiten.
Abschiednehmend reichte er dem Pfarrer die Hand und schritt seiner
kleinen Sängerschar voran dem Schlosse zu.
Eine Viertelstunde mochte vergangen sein. Da klangen die Knabenstimmen
glockenhell zu den stillen Fenstern empor:
»Das ew'ge Licht geht da herein,
Gibt der Welt ein'n neuen Schein!
Es leucht't wohl mitten in der Nacht,
Und uns des Lichtes Kinder macht -- Kyrieleis!
Das hat er alles uns getan,
Sein groß' Lieb' zu zeigen an;
Dess' freu' sich alle Christenheit
Und dank' ihm das in Ewigkeit -- Kyrieleis!«
Über die weiße Heide schwebten die letzten Akkorde, als wollten sie
eines Kindes Seele, die in mondheller Nacht die Flügel gebreitet,
hinübergeleiten ins ewige Licht. -- -- --
Dann kein Laut mehr.
Eine Sternschnuppe ging leuchtend nieder. Auf einem kurzen stillen
Erdenwege blieb ihr heller Schein liegen.
Neuntes Kapitel.
Bankrott.
Gottesleugnung ist eine Entgleisung des Willens!
Wille, der weiß, was er will, sucht und erkennt seinen Gott.
»So wie Sie sind, können Sie es nicht glauben!« Die stille verschneite
Nacht hatte die Worte, die der Mann aus dem Volke mit schlichter
Ehrlichkeit geredet, gehört und leise, leise nachgesprochen.
Der Tauwind trug sie auf weichen Flügeln die Dorfstraße entlang und
sang sie über einsamer Schwelle.
Die Mauern des alten Hauses hatten sie vernommen und gaben sie weiter.
Und eine unsichtbare heilige Hand schrieb sie im Sturmeswehen mit
eisernem Griffel an die Wände eines engen Kämmerleins.
Taghell ward's drinnen vom Schein der ewigen Lampe.
›So wie du bist, kannst du es nicht glauben!‹
Ein hartes unwiderrufliches Menetekel, eine Stimme, die kein Mensch zum
Schweigen brachte!
Männer und Frauen kamen vorüber und sahen die güldene Ampel, vom
Nachtwind bewegt, und fragten, was sie bedeute.
›Das ist das Gewissen!‹ erwiderte die Stimme. ›Auch in euren Seelen
brennt die ewige Lampe -- seid ihr blind geworden?‹
Aber sie zogen lachend weiter.
Nur einer lachte nicht. Der Mann drinnen, den das Wort anging. Er
trug es in die Stunden des Tages, in Leben und Arbeit. Auf seinen
Krankenbesuchen begleitete es ihn, die Augen der Sterbenden riefen es
ihm zu. Und tief im Grunde der Seele meißelten unsichtbare Hände, als
wollten sie mit Gewalt die steinernen Wände sprengen: ›So -- wie -- du
-- bist --, -- -- kannst du es nicht!‹
Arbeiteten drinnen Berserkerfäuste? Spalteten Giganten hart und
leidenschaftslos das Gestein? Er wußte es nicht. Aber das wußte er, daß
ihn die Unrast der Seele zerrieb.
Wieder war's Abend geworden. Er hatte gewartet, ob vom Herrenhause
nach ihm geschickt werde, aber es kam niemand. Morgens früh war ihm
der Todesfall gemeldet worden. Er war ins Schloß gegangen, hatte den
Gutsherrn aber nicht getroffen. Dann hatte er zu Hause vergeblich
gewartet. Ob man ihn nicht wollte? Vermutlich. Der Oberstallmeister
zog die Folgerungen aus seinem Christentum. Hätte er -- Kurt Wendler
-- in diesem Augenblick hungernd oder dürstend an seine Tür geklopft,
er hätte ihn gespeist und getränkt, aber das Wort vom Auferstehen und
Leben durfte der Irrlehrer nicht am Grabe seines Kindes sprechen.
Auf dem Gebiet der Liebe würde Karl Heinrich von Kambach, ob's noch
so schwer war, immer Zugeständnisse machen, auf dem Gebiet der
Glaubenstreue und des Bekenntnisses nie. Darin lag aber auch seine
Stärke. Und der Pfarrer nahm vor der rücksichtslosen und doch so
vornehmen Gegnerschaft im stillen den Hut ab. Es lag etwas in dieser
wurzelechten Treue, in dieser bodenständigen aufrechten wahrhaft
innerlichen Kraft, das größer war, edler, als der Adel des Blutes.
-- --
Wenn Schenker doch wenigstens einmal käme! Der war an allem schuld.
Der hatte ihn mit seinem übereilten Wort den Stock zwischen die Füße
geworfen! Ja, er!
Übereilt? Das war Schenker eigentlich nicht. Wenigstens vertrat er
immer, was er sagte. Und lag nicht eine gewisse Wahrheit in seinem Wort?
›So -- wie -- du -- bist -- kannst du es nicht glauben!‹
Wieder das Feilen, das rastlose Hämmern. -- --
Da -- was war das? Er schreckte auf.
Eine Schneelast kam mit Donnergetöse das alte Giebeldach herunter. So
weit war er schon, daß ihn so etwas zusammenfahren ließ. Nerven. -- --
Unsinn! -- Er machte sich hart. Jetzt Schluß. So ging's nicht weiter.
Mannesstolz und Manneskraft erwachten, die Sehnsucht, mit dem Feinde
die Klingen zu kreuzen.
›So, wie du bist!‹
Herr Gott im Himmel, er wollt' es ja gar nicht glauben! Warum wurde
ihm denn fortwährend vorgeworfen, er könne es nicht? Er konnte es
wohl! Aber es wäre gegen seine Überzeugung gegangen. Nicht Eigensinn
oder Mangel an Einsicht oder gar theologische Ungebildetheit --
er wußte mehr wie mancher Positive -- hielten ihn zurück, sondern
lediglich die Tatsache, daß er eine veraltete Form nicht anerkennen
konnte und wollte. Denn wahres Christentum durfte nicht in dem Sinne
christozentrisch aufgefaßt werden, wie der Supranaturalismus es tat.
Entsprach das leuchtende, von oben verklärte, von Gott geweihte, von
seinem Hauch erfüllte, den Menschen beseligende befreiende Jesusbild
nicht tausendmal mehr der Wahrheit, als jene geheimnisvolle Vorstellung
des Offenbarungsglaubens? Ganz gewiß! Hier herrschte Freiheit, dort
Gebundenheit, hier Entwicklung, dort Formelwesen ohne Leben und Geist.
Und eine Einseitigkeit, die sich jedem Fortschritt verschloß, sammelte
sich zum Kreuzzug gegen die ›Irrlehre‹. Volk wider Volk! Darauf
kam's hinaus! Das war das Traurige. Die starre ablehnende Haltung
auf positiver Seite war daran schuld, die Weigerung, die angebotene
Bruderhand zu ergreifen.
Finster vor sich niederblickend, saß er da. Wenige Stunden noch und
der Augenblick kehrte wieder, wo er sich vor vierundzwanzig Stunden
am Sterbebett eines Kindes bankrott erklärt. Und heute? Das war eben
Überreiztheit der Nerven gewesen! Kein Wunder! Was war gestern alles
auf ihn eingestürmt! Jetzt, wo eine gewisse Entspannung eintrat, wo er
Welt und Dinge mit anderen Augen zu betrachten anfing, konnte er diese
Erklärung nicht aufrecht erhalten. Nein, nein, er war nicht bankrott,
er dachte nicht daran. Die Glaubensgewißheit der Positiven war nicht
größer, als die der Liberalen, -- zuletzt standen sie beide vor einer
verschlossenen Tür.
Oder nicht?
›Aber Sie müssen es wissen, Herr Pastor, -- so wie ich es weiß, daß
der Heiland dicht bei mir ist, und daß ich mich nicht zu fürchten
brauche!‹ So hatte ein fünfzehnjähriger Konfirmand angesichts des Todes
gesprochen! -- --
Pastor Wendler seufzte.
›So -- wie -- du -- jetzt -- bist!‹? -- --
Er sprang auf, griff zu Hut und Wettermantel und trat in die Dämmerung
hinaus.
Der Tauschnee spritzte. Aus den Dachrinnen kam das Wasser in Bächen
herab. Es war ein Kunststück, aus dem Hause zu kommen.
Ziellos wanderte er die Dorfstraße entlang, in der Richtung nach dem
Gutshause zu. Er gestand sich's nicht ein, daß es ihn mit magnetischer
Kraft in den stillen Raum zog, wo der kleine Junker den letzten Schlaf
schlief. Und doch war's so.
Als er sich dem Park näherte, sah er einen Wagen vorfahren. Im hellen
Schein der Laterne erkannte er mehrere verschleierte Gestalten,
darunter eine auffallend große, vom Alter gebeugte Frau, Exzellenz von
Kambach. Ein Stich ging ihm durchs Herz, -- er kehrte um. -- --
Mitten im Dorf blieb er stehen. Was hatte er dieser Frau eigentlich
getan, daß er gewissermaßen die Flucht vor ihr ergriff?
›So -- wie -- du -- bist -- --‹
›Dann hat sich Jesus eben geirrt -- --‹
Und drüben lag ein junges blühendes Menschenleben auf der Bahre --
ihres Herzens Freude und Wonne.
Das Hämmern und Feilen begann von neuem.
›Das ist dein Werk -- --‹
›Unsinn -- Lungenentzündung -- --‹
›Und das andere -- das -- das!?‹
›Mein eigener Enkel ist unter Ihren diesjährigen Konfirmanden, Herr
Pastor, es ist meine heilige Pflicht, darüber zu wachen, daß dies Kind
nicht verführt werde!‹ Als sei es gestern gewesen, klang ihm die alte
zitternde Stimme im Ohr.
Und dann hörte er eine andere. Mühsam brachte sie die Worte heraus.
Dem todkranken Kinde gehörte sie an, das sich still zum Sterben
niedergelegt: ›Sie haben mir nichts genommen!‹ Ein sieghaftes
königliches Wort, ein Bekenntnis heiliger Glaubensgewißheit, aber
auch ein rückhaltloser Hinweis auf die Ohnmacht und Armseligkeit
des Mannes, zu dessen Füßen dies Kind gesessen. Es war der Ertrag
seiner Konfirmandenstunde: die Zurechtweisung aus dem Munde eines
Fünfzehnjährigen: ›Das ist nicht wahr, Herr Pastor!‹ -- Die stolze
Erklärung angesichts des Todes: ›Sie haben mir nichts genommen!‹ --
Nichts gegeben -- nichts genommen! Wahrhaftig, eine reiche Ernte!
Trotz der christlichen Weihe des jesuzentrischen Liberalismus, trotz
seines reformatorischen Unterbaus, trotz des Hinweises auf den Vater im
Himmel, auf die ewige Heimat und des Zeugnisses von Jesu von Nazareth!
Trotz alledem! Er konnte diesen Mangel nicht leugnen.
Den Kopf gesenkt, wanderte er raschen Schrittes die Dorfstraße entlang.
Mancher der Vorübergehenden, der ihn trotz der Dunkelheit erkannte,
blieb stehen und schaute seinem Pfarrer verwundert nach. -- --
* * * * *
»Ja, sehen Sie, lieber Schenker, das ist eben die Gefahr an diesem
jesuzentrischen Liberalismus! Den Kern des Christentums, den Glauben
an Christi Kreuzestod und Auferstehen, den Frieden der Sündenvergebung
durch sein Blut löst er heraus und reicht uns die leere Schale!«
Schwer und wuchtig klangen die Worte durch die Nachtstille.
Wie angewurzelt stand der Pfarrer. Hatte sich alles gegen ihn
verschworen, waren die Geister der Mitternacht erwacht, ihn zu narren?
-- Spuk? -- Unsinn! -- Und doch! Was war das? Was bedeutete das? Mitten
in seine Grübeleien klang eine Antwort, die -- die --
Dicht vor ihm wanderten zwei Männer durch den Schnee. Daß er sie nicht
früher bemerkt hatte -- --
Der alte Schenker war's und ein Geistlicher aus Drachenburg, der im
Schloß verkehrte und mit dem Inspektor befreundet war. Wendler kannte
ihn wenig. Pastor Krug gehörte dem äußersten Flügel der positiven
Rechten an.
»Herr Pastor, was heißt das eigentlich: Jesuzentrischer Liberalismus?«
hörte Wendler jetzt Schenkersch Vadder fragen.
»Dem bibelgläubigen Christentum ist Christus der ewige Sohn des
lebendigen Gottes, der um unserer Sünde willen Gekreuzigte, und
um unserer Gerechtigkeit willen Auferweckte, der Wesensinhalt und
Mittelpunkt des Glaubens,« antwortete Pastor Krug. »Diese auf Tatsachen
der Schrift gegründete Glaubensstellung ist ~christozentrisch~.
Denn unser Heil steht und fällt mit Christo dem Gekreuzigten und
Auferstandenen, dem ewigen und lebendigen Sohne Gottes. -- Im Gegensatz
hierzu steht der jesuzentrische Liberalismus, der den Heiland wohl als
höchstbegnadeten Gottmenschen ansieht, aber immer doch nur als den
Gottmenschen, auf den jeder Mensch angelegt ist. In der Person Jesu,
sagen die Liberalen, sei der Gottmensch am schärfsten herausgearbeitet,
in ihm spiegele sich die Gottheit am klarsten wieder. Darum nennen sie
ihn auch Gottes eingeborenen Sohn, d. h. den Träger göttlichen Lebens,
weil sein menschliches Leben allein auf Gott gerichtet gewesen sei. Und
doch kommt das alles auf Gottesleugnung heraus, auf die Leugnung der
Gottheit Christi. Wer aber den Sohn nicht hat, der hat auch den Vater
nicht! Das wird auf jener Seite so oft vergessen. Ich kann mir nicht
helfen, es kommt mir immer vor, als fehle der Wille oder als sei ihm
eine falsche Richtung gegeben worden!«
»Ja, in Unordnung is da was, Herr Pastor! Ick versteh's auch nicht! Ick
weiß doch, daß ick einen Heiland brauch', wie werd' ick denn so dumm
sein und ihn nicht haben wollen!«
»Oder ihn mir nach meinem eigenen kleinen Verstande zurechtmachen,«
ergänzte Pastor Krug. »Als ob wir den Heiland der Liberalen gebrauchen
könnten! Gott versöhnen kann er uns nicht, weil er ein Mensch ist und
bleibt, und seine ganze Persönlichkeit der Vergangenheit angehört
und darum nicht ewig ist. Wenn Jesus auch auf liberaler Seite als
Helfer, Erretter und Heiland verehrt wird, so wissen wir darum doch
ganz genau, was wir von dieser Jesusverehrung zu halten haben. Zu der
Versöhnung durch sein Blut, zur Vergebung der Sünden bekennt sie sich
nicht, von Leben und Seligkeit kann sie im ewigen Sinne nichts wissen.
Diese Auffassung nennt man ~jesuzentrisch~. -- Habe ich mich klar
ausgedrückt, Herr Schenker?«
»Gewiß, Herr Pastor, ick danke Ihnen vielmals. Die Sache selbst
wußt' ick natürlich. Nur den Unterschied zwischen jesuzentrisch und
christozentrisch kannt' ick nich. Wo soll unsereins das auch her
wissen!«
»Sie sehen, warum die liberale Theologie keinen Boden unter den
Füßen hat,« fuhr der Geistliche fort. »Sie wurzelt letzten Endes,
wenn sie es auch nie zugeben wird, in dieser Erde. Daher ist sie
auch zum Teil an der Entsittlichung unseres Volkes schuld. Denn wo
keine Ewigkeitshoffnung ist, da ist auch keine Sittlichkeit. Das
ist die natürliche Folge. Man kann sich daher gar nicht über die
kirchlich-liberale Freundschaft mit den Monisten wundern!«
»Monisten?« Schenkers Weisheit war am Ende. »Die glauben gar nichts!?«
Pastor Krug lachte. »Sie behaupten, sehr viel zu glauben, aber wenn
man's bei Lichte besieht, kommt allerdings wenig dabei heraus. Sie
glauben jedenfalls an keinen persönlichen Gott.«
»Det sei ick doch!« platzte Schenker heraus. »Verzeihen Sie, Herr
Pastor, aber meine Frau und ick sprechen immer Platt, da geht's mich
dann wie eben!«
Der Geistliche nickte.
»Und dann wundert man sich noch, wenn solche Sachen vorkommen, wie
mit der armen jungen Lehrersfrau in Dambeck! Ick kann nur sagen, ick
würd' mir bei der ersten besten Gelegenheit, ja, sobald mir das Leben
irgendwie unbequem würde, eine Kugel durch den Kopf jagen, wenn ick
keine Ewigkeitshoffnung hätte, wenn ick nich wüßte: du bist um Christi
willen bei Gott in Gnaden!«
»Wann ist es denn geschehen?«
»Heute nachmittag hat sie sich erschossen. Kein Mensch weiß, wo sie die
Pistole herbekommen hat! Graf Brelow war vorhin im Schloß. Der Kutscher
hat mir die Geschichte erzählt. Gewundert hab' ick mir ja weiter nich.
Was die Frau für Zeug las, -- ach, du meine Güte! Warum unser Herr
Pastor ihr auch solche Bücher gegeben hat?«
»Wendler?«
Der Alte nickte.
»Was hat er ihr denn gegeben?« fragte der Geistliche. »Können Sie mir
nicht die Titel nennen?«
»Die hab' ick vergessen, Herr Pastor. In den Brief, den sie geschrieben
hat, stand das ja alles drin, aber ick hab's wahrhaftig wieder
vergessen. Da fällt mir ein, Herr Petzold soll von Volksbüchern
gesprochen haben. Es müssen aber doch wohl Bücher gewesen sein, die
unsereins, der die liberalen Schliche nich kennt, irreführen. Und dann
hat er auch noch zu Mirow gesagt, wenn er 'ne blasse Ahnung gehabt
hätte, daß seine Frau so was läse, so wäre er ganz gehörig dagegen
eingeschritten. Er hätte wohl gewußt, daß sie viel und gern gelesen
hätte, aber gegen die Bücher, die er bei ihr gesehen, hätte er nichts
einwenden können. Det hätte sie ihm verheimlicht, daß sie solche Sachen
im Hause gehabt hat. Es sei gar kein Wunder, daß es so gekommen sei.
Eine Frau wie seine Louise, die schon von Haus aus nich gerade fromm
gewesen sei, könne unmöglich, noch dazu in schwerer Zeit, durch solche
Bücher zum Glauben kommen. Sie erregten nur Zweifel. Ja, Herr Pastor,
wenn's so steht, hat er ja ganz recht! Is wahrhaftig kein Wunder, daß
die arme Seele sich schließlich ein Leid angetan hat!« Und der Alte
stampfte ingrimmig durch den Schnee. »Der hat schon mancherlei auf'n
Gewissen. Bei unsern jungen Herrn is doch auch die Aufregung von wegen
die Konfirmandenstunde mit schuld. Nee, Herr Pastor, allens was recht
is, -- aber, wat to dull is, dat is to dull!«
Einen Augenblick war's still, dann begann der Alte von neuem: »Was
der Dambecker Kutscher is, der hat mir vorhin, wie Herr Pastor mit
Herrn Grafen oben waren, die Petzoldsche Geschichte haarklein erzählt.
Sein Großvater hat schon in Brelowschen Diensten gestanden, er kennt
das ganze Dorf. Seine Enkel gehen bei Herrn Petzold in die Schule.
So is es gekommen, daß er öfter mit ihm gesprochen hat, und daß Herr
Petzold dem alten Mirow sein Herz ausschüttete. Der Frau war nichts
gut genug. In mein' ganzen langen Leben hab' ich noch keine so feine
Dorfschullehrerwohnung gesehen. Und dann die Kleider! Die Dambecker
Frau Gräfin ging nich so fein angezogen wie Frau Petzold! -- Und
die Leserei! Natürlich litt der Haushalt darunter; die Frau soll ja
nich von die Bücher wegzubringen gewesen sein. So is das Unglück
geschehen! -- -- Herr Pastor, wir Kambacher haben ja die Händler mit
ihren schmutzigen Mitteln immer wieder an die frische Luft gesetzt
und feste verhauen, -- ick hab' selbst dabei geholfen, und solange
meine alten Knochen ihre Schuldigkeit tun, soll der olle Schenker
nich dabei fehlen! In Dambeck scheinen sie nich so scharf vorgegangen
zu sein. Daher is die Geschichte da wohl so eingerissen. Im Falle
Petzold scheint die Sache so zu liegen. Er ist 'n fleißiger arbeitsamer
Mann, der seine Freude an seinen beiden Kindern hat und so was nie
mitmachen würde. Aber sie hat alles in Staat angelegt und sich nich
um Gottes Ordnung gekümmert. Kurz und gut, Herr Pastor, Frau Petzold
hat an ihren zwei Kindern genug gehabt. Und wie die Versuchung an sie
herangetreten is, da hat sie nicht widerstehen können. Der Mann hat
auch hiervon keine Ahnung gehabt. Wie die Frau dann kränker und kränker
geworden is, hat er Verdacht geschöpft. Aber sie hat nich mit der
Sprache herausgewollt. Erst in dem Brief, den sie vor ihrem Tode an ihn
geschrieben hat, is alles gesagt -- -- das Schreiben soll eine schwere
Selbstanklage enthalten, -- Herr Petzold hat es dem alten Mirow gezeigt
-- ihres Gottes habe sie vergessen, schreibt die Frau, ihre heiligsten
Pflichten habe sie versäumt. Schon als Mädchen habe sie allerlei
zusammengelesen, besonders eine Menge Bücher von einen sehr berühmten
Irrlehrer, -- ick hab' den Namen vergessen, mit 'n N fing er an ...«
»Nietzsche?« fragte der Geistliche.
»Is gerne möglich, Herr Pastor! Der alte Mirow wußte es selbst nich
mehr genau! -- Na, das is jedenfalls ganz was Schlimmes gewesen,
und Herr Pastor Wendler hat sie durch die Volksbücher davon heilen
wollen. Was dabei herausgekommen is, sehen wir ja! Er hat es gewiß
treu gemeint, aber was die liberale Lehre is, die hat nu mal keine
Kraft. Traurig! Die Frau hat geschrieben, ihr Unglaube habe sie arm
gemacht, so arm, daß sie nun, wo sie krank und siech sei, nich mehr
leben könne. Das Leben habe ja auch keinen Zweck; denn nach dem, was
Herr Pastor Wendler ihr gesagt, und was in den Büchern stehe, die er
ihr geliehen, könne es, wenn man's recht bedenke, keine Ewigkeit geben.
Es sei sonst ja alles recht schön und gut, was darin stehe, aber Trost
biete es nich, wenigstens nich, wenn man so schwer gefehlt habe, und
Ewigkeitshoffnung könne man erst recht nich daraus schöpfen! -- Dann
hat sie noch einen Brief an Pastor Wendler geschrieben ...«
Sie waren vor Schenkers Häuschen angelangt. Hinter blühenden
Geranienstöcken saß eine weißhaarige Frau bei der Lampe am Spinnrad.
Sie sah traurig aus. Das Leid drüben im Gutshause lastete auf der
treuen Seele.
Pastor Krug reichte dem alten Kammerdiener die Hand.
»Gott befohlen, Herr Schenker! Ein trauriges Wiedersehen heute!« Er
wandte sich um. »Was war das?«
Schenker drehte den Kopf.
Eine hohe Gestalt im Wettermantel enteilte im Nebel.
»Um Gotteswillen, das is ja unser Herr Pastor!«
»Der ist uns doch nicht begegnet,« meinte der Geistliche.
»Nein, nein, er is uns nich begegnet,« rief der Alte erregt. »Er muß
hinter uns hergegangen sein -- er hat alles gehört!«
»Vielleicht sollte er's hören,« sagte Pastor Krug und ging den Weg, den
er gekommen, dem Inspektorhause zu, wo sein Wagen wartete.
Eine halbe Stunde später war er auf dem Heimwege.
In den Tagelöhnerwohnungen war noch Licht. Heimlich glühte es hinter
den kleinen Scheiben, hinter dem Grün der Myrten und den roten Stauden
des ›fleißigen Lieschen‹. Nur die Pfarre lag dunkel und still unter der
schirmenden Krone der Sommerlinde.
Einen Augenblick war's ihm, als müsse er an die Tür des Mannes klopfen,
der da drinnen den schwersten Kampf seines Lebens kämpfte, aber dann
sagte er sich: ›Nein. In der Stunde, da Gott uns zerbricht, scheidet
das Menschliche aus. Auch menschliche Treue. Es gibt Kämpfe, die der
Mensch allein kämpft.‹ Und im Herzen das Gebet, daß der Wille eines
Starken sich dem Stärksten beuge, fuhr er durch die feiernde Heide
seiner abgeschiedenen Pfarre zu.
Sein Entschluß reute ihn nicht. Er wußte es aus eigener, tief
innerlicher Erfahrung: jenes heilige ›Ich will!‹ war das Größte,
Ureigenste, Persönlichste im Menschen! Es war der höchste Freiheitsakt,
den eine Seele vollzog, wenn sie erklärte: ›Ich will aus dem Staube,
will ans Licht, will zu dir, näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir!‹
Eine Umwertung aller Werte barg diese Tat, und der oft mißdeutete
alte Spruch ward Ewigkeitswahrheit: ›Des Menschen Wille ist sein
Himmelreich!‹
Zehntes Kapitel.
Ein Ton.
Ich hab' eine Mutter und hab' sie nicht! --
An ihr Festgewand, an ihr schimmernd' Geschmeid
Denkt sie zu aller Stunde und Zeit;
An ihres Haares seidene Pracht,
An ihrer Augen leuchtende Nacht,
An die roten Rosen an ihrer Brust,
An Erdenliebe und Erdenlust,
An Glück und Liebe und Sonnenschein,
An tausend lachende Melodei'n,
An alles, was einst in Scherben bricht! --
Ob ihres Kindes verlassene Seele
Den Durst gestillt an lebendiger Quelle,
Danach fragt sie nicht!
Ein weicher linder Tag war's, einer von jenen neuen Frühlingsboten, die
alles versprechen und nichts halten. Um die Dächer flog der Tauwind,
sein Lenzlied singend, und der Tropfenfall unten auf den Steinen schlug
den Takt dazu. Aber in der südlich milden Luft lag's wie ein Traum von
Veilchenduft und Zentifolienblüte, wie eine große Sehnsucht nach der
bräutlichen Pracht weißer Narzissen. In den Blumenhallen standen sie in
dichten Sträußen, auf dem Potsdamer Platz, an den Straßenecken lockten
sie die Vorübergehenden. Schon küßte die Sonne drüben im Tiergarten
ihre Schwestern wach. Von jeher hatte sich der Frühling beeilt, nach
Berlin zu kommen. -- --
Aus den offenen Fenstern eines hellen Gartenzimmers in der
Dorotheenstraße klang eine Frauenstimme. Wie ein Trauerschleier lag's
über dem Liede, über dem weichen vollen Alt. Ein seltsames Lied
war's, auf einen einzigen Ton gestimmt. Aber die Klänge eines edlen
Instruments gaben dem wunderbaren Sang ihr vielstimmiges Geleit, wie
ein Kirchenchor der Stimme eines Engels. Es war das Lied des Meisters
Peter Cornelius aus seinem ergreifenden Werk ›Trauer und Trost‹: ein
Ton.
Zart wie ein Hauch schwebte es durch den stillen Raum in den lachenden
Vorfrühling hinaus, ein Allerseelenlied, von Tränen betaut, von
Ewigkeitshoffnung getragen:
›Mir klingt ein Ton so wunderbar,
In Herz und Sinnen immerdar.
Ist es der Hauch, der dir entschwebt,
Als einmal noch dein Mund gebebt?
Ist es des Glöckleins trüber Klang,
Der dir gefolgt den Weg entlang?
Mir klingt der Ton so voll und rein,
Als schlöß er deine Seele ein. --
Als stiegest liebend nieder du
Und sängest meinen Schmerz in Ruh!‹
Der letzte Ton war verklungen. Sinnend blickte ein dunkeläugiges
Mädchen auf die Noten. Die schlanken schmalen Hände ruhten auf den
Tasten.
›Als stiegest liebend nieder du
Und sängest meinen Schmerz in Ruh!‹[2]
flüsterte sie und ihre Augen schimmerten in Tränen.
Vor ihrer Seele stieg ein Bild auf: eine schlanke Knabengestalt mit
blauen Augen und blondem Haar, mit hellem Sinn und klarem Blick
-- der junge Adel, wie er leibte und lebte. Nun lag das blühende
hoffnungsvolle Menschenleben im Grabe. Wie ein Held war dies Kind den
letzten dunklen Weg gegangen, den Jubelpsalter der Weihnacht auf den
Lippen.
Wieder wurden die Töne unter dem Druck der Mädchenhände lebendig,
wieder klang die helle Stimme. Aber über diesem Liede lag kein
Schleier. Leise zwar, unter den Tränen frischen Schmerzes, aber dennoch
froh wie ein Kind im Schein der Christnacht sang Sibylle Bühler, alles
um sich her vergessend, das holde weihnachtliche Lied:
›Das ew'ge Licht geht da herein,
Gibt der Welt ein'n neuen Schein!
Es leucht't wohl mitten in der Nacht
Und uns des Lichtes Kinder macht, -- Kyrieleis!‹
Das Lieblingslied ihres kleinen frohen Kameraden war ja auch das ihre.
Wie oft hatten sie es zusammen gesungen!
›Und uns des Lichtes Kinder macht‹ --
zog es in den goldenen Mittag hinaus. Dann war es still in der hellen
Gartenstube der Dorotheenstraße.
Träumend saß Sibylle Bühler im Schein der Märzsonne. Sie hatte es
nicht bemerkt, daß sich leise die Tür öffnete, daß eine Frauengestalt
in Trauerkleidern, auf den Krückstock gestützt, von der Schwelle
herüberlauschte. Frau von Kambach war älter geworden in den letzten
Wochen. Der Tod des jungen hoffnungsvollen Enkels hatte sie schwer
getroffen. Die ersten Tage nach dem Begräbnis hatten Sibylle und
Fräulein Eichel sogar einen körperlichen Zusammenbruch befürchtet.
Aber der glaubensstarke Geist siegte über die Schwäche des Leibes.
Nur die körperliche Widerstandskraft ging der Greisin in jenen
Tagen verloren. Die Spannkraft des Geistes, die ihrem Wesen seine
wunderbare Frische gab, kehrte mit der Teilnahme am Leben und an
den Fragen des Tages zurück. Aber die geplante Bundessitzung hatte
doch hinausgeschoben werden müssen, auch aus Rücksicht auf Herrn von
Kambach, der an dem festgesetzten Tage nicht hatte kommen können.
Die Rechte fest auf den Krückstock gestützt, stand Frau Sabine da. Über
das welke Gesicht liefen die hellen Tränen. Leise schluchzte sie auf.
Sibylle wandte den Kopf. Ein heißes Erschrecken flog über ihre Züge.
»Exzellenz!«
Sie sprang auf und eilte auf die alte Dame zu.
»Verzeihung, Exzellenz!«
Sie neigte sich über die zitternde Hand und küßte sie. »Was hab' ich
getan, -- ich -- hatte ja keine Ahnung!«
Frau von Kambach sah das junge Mädchen groß an.
»Aber liebes Kind, was sollten Sie mir getan haben, ich wüßte es
wirklich nicht!«
Sibylle kämpfte mit den Tränen. »Ich hätte diese beiden Lieder nicht
singen sollen, Exzellenz!«
Die alte Dame schüttelte den Kopf.
»Das versteh' ich nicht, liebe Sibylle! Kommen Sie, wir wollen uns ans
Fenster setzen, die Sonne scheint so schön herein! Das Stehen wird mir
noch schwer!«
Sie legte den Arm in den ihres Gastes und ließ sich zu dem behaglichen
weißen Peddigrohrsessel am Fenster führen. Dort nahm sie Platz, Sibylle
aber setzte sich, wie sie es liebte, auf eine Fußbank und lehnte den
dunklen Kopf an die Knie der alten Frau.
Der Himmel blaute und der Goldlack duftete, die Sonne umspielte das
feine stimmungsvolle Bild mit ihren Lichtern.
»Ich hätt's nicht tun sollen,« sagte das Mädchen noch einmal und
schmiegte die rosige Wange an die alten Hände, -- »es war zu früh --
besonders das Lied vom ew'gen Licht,« sie stockte -- »Verzeihung,
Exzellenz!« Und sie hob das schöne erregte Gesicht zu der Greisin empor.
Freundlich strich Frau von Kambach über das duftige Haar. »Aber Billy,
glauben Sie wirklich, daß es mich traurig macht, dies Lied zu hören?
Die schönste Erinnerung an meinen lieben Jungen ist damit verknüpft.
Ich hatte Sie schon bitten wollen, es einmal zu singen, Sie haben mir
also einen Wunsch erfüllt!«
»Ich dachte, Exzellenz ...« sie zauderte.
»Was dachten Sie, Kind?«
Sibylle errötete.
»Ach -- ich mußte an Mama denken! Da hätt' ich's nicht gedurft! Als
Papa damals in Bühl starb, ließ er sich vom Kirchenchor ›Wenn ich
einmal soll scheiden‹ vorsingen. Ich fühlte es Mama an, daß es ihr
schrecklich war. Hinterher haben wir es nie mehr singen dürfen, und
es war doch Papas Lieblingslied. Ich glaube,« wieder stockte sie,
»Mama will nicht an den Tod erinnert sein. Aber das sag' ich nur Eurer
Exzellenz!«
Über ihre Züge huschte ein schmerzliches Lächeln, als wollte sie das
tiefste Vermissen verbergen, die große unerfüllte Sehnsucht: ›Ich hab'
eine Mutter -- und hab' sie nicht!‹
Und dann legte sie plötzlich den Kopf in den Schoß der alten Frau und
weinte bitterlich.
Die Greisin verstand dies Weinen. Wie ein lang zurückgehaltener Quell
durchbrach es alle Dämme und überflutete alle Hindernisse. Unaufhaltsam
trieb und drängte es empor aus der Enge innerer Gebundenheit zur
Freiheit, aus der Heimatlosigkeit in den Hafen.
Sibylle war ein Charakter, war trotz ihrer Jugend eine Persönlichkeit.
Denn sie besaß wahres Christentum. Am Sterbebette des Vaters hatte
sie zuerst seine Kraft erfahren und später, je länger je mehr erlebt,
daß das alte heilige Erbteil der Bühlers Leben und Seligkeit barg.
Unbewußt begann sie sich innerlich von der Mutter zu lösen. Schon das
tief angelegte gemütvolle Kind hatte, ohne sich darüber klar zu werden,
unter dieser Frau gelitten. Seine kleine Seele hatte gedarbt. Seinem
Leben hatte nicht nur wahre Mutterliebe gefehlt, sondern das Heiligste,
was Mutterliebe einem Kinde bringen kann: Religion. So kam es, daß
sich das heranwachsende Mädchen, ohne sich dessen bewußt zu werden,
immer mehr von der Frau entfernte, die von Weltlust und Vergnügen
lebte. Aber das Weib, zumal das junge werdende, bedarf in Lust und
Last des Lebens des Weibes. Die Liebe ihres Großvaters, dessen edle,
wahrhaft christliche Persönlichkeit von jeher einen starken Einfluß
auf sie ausgeübt, ersetzte Sibylle Bühler die Mutter nicht. Ganz davon
abgesehen, daß ihr stark ausgeprägtes Pflichtgefühl sie immer wieder zu
der oberflächlichen Frau zurücktrieb, sie immer aufs neue mahnte, ihr
die Seele zu erschließen und bei ihr zu suchen, was sie brauchte. Sie
mühte sich vergeblich. Gräfin Bühler hatte nichts zu vergeben. Aber die
Bande des Blutes waren zu stark. Ganz kam Sibylle innerlich von ihrer
Mutter nicht los. Immer wieder suchte sie die Ursache der Entfremdung
bei sich, immer wieder glaubte sie, sie bei sich zu finden. Das brachte
Zwiespalt und Unruhe in ihre Seele, das nahm ihr in vielen Fällen die
Klarheit des Urteils und verschob die feinen Grenzlinien von Pflicht
und Recht. Das brachte ihr die Gefahr sittlicher Begriffsverwirrung
im zartesten innerlichsten Sinne. Sie gab und gab, aber ihre Schätze
wurden nicht genommen. Das ließ sie irrewerden an weiblicher Eigenart,
an dem wahren Wesen der Frau. Und es erstarrte etwas in ihr, als
sie das, was jedem echten Weibe eigen, bei der Frau, die ihr das
Leben gegeben, nicht fand, als sie erkannte, daß ihrer Mutter die
Mütterlichkeit fehlte. Exzellenz von Kambach wußte dies alles, ohne daß
man es ihr gesagt. Sie fühlte, daß die Kluft zwischen den beiden Frauen
unüberbrückbar sei. Und ihre Liebe zu dem holden Geschöpf, das in den
letzten Wochen ihr stilles Leben mit seinem Frohsinn verschönt, wuchs.
»Es ist hier alles so anders als zu Hause,« klang es stockend zu ihr
empor, »so wie ich's lieb', Exzellenz, und wie ich's mir im stillen so
oft wünsche. Aber zu Hause wird es nie so sein. Mama ist ganz anders
erzogen. Sie ist eben eine Firlemont, das entschuldigt ja alles.
Wenn das ganze Leben bei uns nur einen Schmerz für mich bedeutete,
ein Entbehren, so wär's ja ganz selbstverständlich, daß ich es, ohne
ein Wort darüber zu verlieren, ertrüge; denn ich gehöre zu meiner
Mutter, aber -- aber,« und Sibylle Bühler quälte sich um den Ausdruck,
»es wirkt verflachend auf mich! -- Wenn ich in Bühl oder hier etwas
innerlich empfangen habe, das wertvoller ist, als all der Tand und
Schein, der uns umgibt, wenn ich reicher heimgekommen bin, als ich
fortging, -- ein paar Wochen, Exzellenz, und ich hab's verloren! Es
ist, als färbte die Umgebung auf mich ab!« Ein Beben ging durch den
schlanken Körper. »Alles leidet darunter,« fügte sie leise hinzu, »mein
ganzes Sein, mein Innenleben, mein Gebet ...«
Sie schwieg. Den Kopf an die Knie der Greisin gelehnt, weinte sie leise
vor sich hin.
Frau von Kambach wußte, das war noch nicht alles. Aber sie konnte
warten.
»Wegen der beiden Lieder,« sagte sie freundlich, »dürfen Sie sich
nicht grämen! Im Gegenteil, die möchte ich noch oft hören. Sehen Sie,
Kind, Ihre Mutter tut mir leid. Rasse, Erziehung, Veranlagung haben sie
zu dem gemacht, was sie ist. All der äußere Schimmer, der sie umgibt,
all die Unrast, die sie hierhin und dorthin treibt, ihr ganzes Wesen
ist für mich der Beweis dafür, daß sie mit heißer Sehnsucht etwas
sucht, aber -- auf falsche Art, an verkehrten Stellen. Sie ersehnt,
ohne es zu wissen, dasselbe wie wir, begnügt sich aber mit kümmerlichen
Ersatzmitteln, weil der Weg zu der einen köstlichen Perle ihr zu steil
ist.«
»Wenn Mama nicht fortwährend Unterhaltung hat, ist sie todunglücklich,«
sagte das junge Mädchen.
»Sehen Sie! Das ist es. Irgendwo muß der Mensch seinen Durst stillen.
Da sie aber die lebendige Quelle nicht kennt, läßt sie sich von tausend
Stimmen locken. Unser Leben muß aber auf ~einen~ Ton gestimmt
sein, gerad' wie das schöne Lied von Peter Cornelius, das Sie vorhin
sangen. Wenn dieser eine Ton hindurchgeht, dann gibt's keinen Mißklang
mehr, dann hat unser Leid seinen Stachel verloren und unsere Freude
ist verklärt. Nicht wahr, jetzt verstehen Sie auch, warum ich das Lied
vom ewigen Licht so liebe! Nicht nur, weil es Eberhards Lieblingslied
war und ihn in der Sterbestunde erquickt hat, sondern weil seine
Ewigkeitswahrheit auch mein Sterben erhellen wird!«
Sie schwieg.
Kein Laut ging durch den stillen Raum. Nur ein verirrtes Bienchen, von
der Frühlingssonne wachgeküßt, summte über den Blumen. --
Die Greisin wartete noch immer. Sie wußte, auf der jungen Seele lastete
etwas, das sie nicht länger allein tragen konnte.
Harro Kambach war zum Luftschifferbataillon abkommandiert und kam,
seit er in Berlin war, fast jeden Tag in das Haus seiner Großmutter.
Die alte Dame wußte, wem diese Besuche galten. Sie zu hindern, lag
kein Anlaß vor. Aber manche Nacht lag sie wach und sann und sann, ob's
ein Glück sei, wenn die Wege der beiden Menschen sich einen würden.
Ihre Gedanken kamen nicht zum Abschluß. Was sie schon im Herbst
gefürchtet, als der Enkel sie gebeten, die Hände über seine Liebe zu
breiten, bestand noch heute. Dem Manne konnte diese Verbindung zum
Segen gereichen, kam's anders, so war nicht nur ein Frauenherz seines
Glückes beraubt, sondern auch das Allerheiligste der Ehe, die innerste
seelische Gemeinschaft zerstört. Und was dann? -- --
Noch eines kam hinzu. Sibylle war ihr nicht ganz klar. Sie hatte das
Gefühl, hier ringt eine Seele um die Antwort auf eine große heilige
Frage. Und diese Antwort blieb aus. Der greisen Frau ward's zur immer
stärkeren Gewißheit: entweder treibt die Glaubensfrage hier Mann und
Weib auseinander oder der Mann wird geheiligt durch das Weib. Aber
einer Sibylle Bühler gegenüber durfte der Einfluß der Frau nicht zu
stark betont werden und noch weniger die Möglichkeit seines Erfolges.
Ihr starker zielbewußter Geist würde Gefahr laufen, eigene Kraft und
eigenen Wert zu überschätzen. In dem Bewußtsein der Überlegenheit
würde ihr verloren gehen, was dem Weibe gehörte. Und das durfte nicht
sein! Der stille Wandel der Frau, der ungesucht und ungewollt einem
schwankenden Manne Führerdienste leistet, durfte nichts von seiner
Eigenart einbüßen. Damit wäre dem Manne nicht geholfen worden, die
Frau aber hätte sich selbst und ihre heiligste Mitgift verloren.
Und je länger die Lebenserfahrene die beiden Menschen beieinander
sah, um so mehr ward ihr Sibyllens Zurückhaltung erklärlich -- ein
unausgesprochenes Etwas im Wesen des Mannes ließ sie zaudern. Das
machte sie unsicher. Das legte ihr einen Bann aufs Herz. Darum saß sie
noch immer schweigend zu ihren Füßen, darum sprach sie nicht weiter.
Nur ihre Zurückhaltung verhinderte Harros Werbung, das wußte Sibylle so
gut wie Exzellenz von Kambach. Und eine las nach Frauenart in der Seele
der anderen -- -- --
Aber der Greisin ward das Schweigen schwer. In ihrem langen Leben war
ihr viel Vertrauen geschenkt, die schwersten Lasten waren ihr auf Herz
und Gewissen gelegt worden, nicht nur von Kindern und Enkeln. Und dies
junge schöne Geschöpf, das sonst mit allem zu ihr kam, schwieg. Doch
sie hatte ein feines Verständnis für dies Schweigen. Sie besaß nicht
nur Lebensklugheit und Menschenkenntnis, sondern Herzenstakt.
Geduldig wartete sie.
Doch Sibylle Bühler brachte das Bekenntnis ihrer Liebe nicht über die
Lippen.
›Sie hat eine Mutter und hat sie nicht!‹ zog es der alten Frau durch
die Seele, und sie ehrte den scheuen Stolz.
Nachdenklich blickte sie hinaus. In ihrer Seele erwachte die
Vergangenheit, die eigene Jugend mit ihrem Glück. Sie hatte es leichter
gehabt als Sibylle Bühler. --
Da klang wieder das heiße bitterliche Weinen zu ihr empor.
Sie neigte sich über das junge Mädchen. »Nun, Billy, ist's denn so
schwer zu sagen?«
»Ach, Exzellenz, ich -- ich weiß ja nicht, ob ich's sagen darf!«
Einen Augenblick war's still. Dann fragte Frau von Kambach mit weicher
Stimme: »Harro?«
Sibylle nickte.
»Ja,« sagte sie leise und schmiegte ihr heißes Gesicht an die schmalen
Frauenhände. Und dann kam eine Ruh' über sie, die sie nie gekannt. Sie
wußte, jetzt konnte sie alles sagen und fragen. An dies Herz konnte
sie getrost ihre Sorgen legen, aus diesen lieben Händen wollte sie den
Segen empfangen für ihren Weg in Glück und Leid. Ja, auch im Leid!
Und zagend kam sie von ihren Lippen, die bange schwere Frage nach dem
Glauben des geliebten Mannes.
Frau Sabine antwortete nicht sogleich. Vor ihrem Geiste stand das
ritterliche Bild ihres Enkels, und in ihrer Seele klangen seine Worte
wieder: ›Soviel an mir liegt, will ich ein Mann werden, der einer
Sibylle Bühler würdig ist! Das schwör' ich dir!‹
Sie wußte, dieser Schwur war ihm heilig. Ob das Leben mit seiner Lust
seine Sinne je und dann gefangen nahm, er war ihm heilig. Denn das,
was ihn bisher gehindert hatte, ein ganzer Mann und ein Christ zu
werden, war lediglich der Wille -- der angekränkelte verweichlichte,
seiner Kraft beraubte Wille, der den alten kategorischen Imperativ ›Du
sollst!‹ verneinte -- keine unedle Art, im Gegenteil, als ein rechter
Kambach besaß er ein Stück wahrhaftiger innerer Vornehmheit -- was
hier fehlte, war der Wille. Aber diese Tatsache sagte viel, alles.
Sie war der Maßstab für den ganzen Menschen. Trotzdem stieg im Herzen
der Großmutter immer wieder die Hoffnung auf, daß die gute alte Art
auch hier ihr Recht geltend machen werde. Und diese Hoffnung sprach
sie aus. Ohne das gegenwärtige Bild zu verschleiern. Ohne der Jungen
zu verhehlen, daß ihres Enkels Weltanschauung eine höchst moderne
sei, daß man von Religion wohl kaum bei ihm reden könne. Daß seine
Wagnerverehrung ihn vielmehr zu Schopenhauer und Nietzsche treibe.
Sibylle war sehr ernst bei ihren Worten geworden.
»Und trotzdem hoffen Exzellenz?«
»Ja, das tue ich. Er kann die gesunde Kambachsche Natur auf die Dauer
nicht ganz verleugnen, einmal muß sie zum Durchbruch kommen. Außerdem
nimmt unser Herrgott einen jeden von uns früher oder später in seine
Schule!«
Wieder war's still im Zimmer, nur die Biene flog summend von Kelch zu
Kelch.
»Und ich?« fragte das junge Mädchen.
Frau Sabine zögerte. Sie fühlte die Riesenverantwortung, die das Weib
dem Weibe auferlegte. Sie wußte, Sibylle würde sich an ihre Antwort
klammern, mochte sie ausfallen, wie sie wollte, -- wußte, wie stark
ihr Einfluß gerade auf junge Menschen war, wußte, wie stark er hier
war, und hütete sich, ihn in einer Form geltend zu machen, die nur das
eigene Gewissen vorschreiben durfte.
»Sünde ist's nicht, wenn eine Frau einen Mann heiratet, der nicht
mit ihr auf einem Glaubensgrunde steht,« erwiderte sie. »Ob's leicht
ist, ob's glücklich macht, ist eine andere Frage. Jedenfalls ist's
ein Wagnis, welches viel Mut und Gottvertrauen fordert. Keinenfalls
aber soll die Frau ihrer Liebe die Kraft beimessen, den Unglauben des
Mannes zu überwinden. Das hieße die Rechnung ohne den Wirt machen.
Denn das ist kein Glaube, der einem anderen zuliebe seine Überzeugung
zu wechseln wähnt, -- das ist eingebildeter Glaube. Mann und Weib sind
keine Kinder, bei denen Autoritätsglaube den ersten Grund legt, sondern
reife Menschen. Wer aber plötzlich einem Weibe zuliebe seine ganz freie
Weltanschauung aufgibt und sich zu dem lebendigen Gott bekennt, darf
sich nicht wundern, wenn einem Zweifel an diesem Glauben aufsteigen. Er
ist zum mindesten eine überraschende Erscheinung. Ich für meine Person
habe in derartigen Fällen gewöhnlich die Erfahrung gemacht, daß solche
Männer überhaupt keine ordentlichen Männer waren!«
Sibylle hatte mit gespanntester Aufmerksamkeit den Worten ihrer alten
Freundin gelauscht. Ein schelmisches Lächeln huschte über ihre Züge.
»Es ist aber auch ein Kunststück, in den Augen Eurer Exzellenz ein
ordentlicher Mann zu sein!«
Frau von Kambach lachte herzlich. »Ach wirklich, Billy? Desto besser!
Auf diesem Gebiet müssen hohe Anforderungen gestellt werden. Sind sie
denn aber soviel höher als die, welche ich an die Frau stelle?«
»Ja,« klang die ehrliche Antwort.
Die andere schüttelte den weißen Kopf. »Nein, Liebling, das ist ein
Irrtum. Vielleicht haben die letzten Wochen mit ihren Kirchen- und
Wahlkämpfen die Frage nach dem Manne in den Vordergrund gestellt und
Bilder entrollt, die einem die Schamröte ins Gesicht treiben, -- aber
meine Stellung zur Frauenfrage kann wohl kaum ernster sein, als sie
ist. Ich will ganz von den Frauen absehen, -- ob sie aus den höchsten
Kreisen stammen oder aus dem Volk, -- deren wir uns schämen müssen, --
die scheiden, wo es den Kampf um die höchsten Güter gilt, aus, -- aber
das wird sich keine von uns verhehlen, daß gerade ~die~ Frauen,
mit denen wir rechnen müssen, vielfach nicht auf dem Posten sind. Die
gebildeten christlich sein wollenden Frauen von heute sind oft von
einer Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit, wie sie nicht schlimmer
sein können. Und gerade die Frauen unserer Kreise sind es, -- es wird
einem himmelangst, wenn man sich sagen muß: das sind deutsche Gattinnen
und Mütter, das sind die, welche es werden wollen!«
Sibylle senkte den Kopf. »Verzeihung, Exzellenz, ich seh's ein, wieviel
ich noch lernen muß!« Sie küßte die Hand der Greisin. »Ich bin ja so
dankbar, daß ich hier sein darf!« Und dann kam's wie ein Angstruf von
den jungen Lippen: »Wenn ich nur nicht auch so werde!«
»Noch sind Sie es nicht, und die Anlage dazu haben Sie, soweit ich
es beurteilen kann, auch nicht, aber seien Sie auf der Hut, wir leben
~in~ der Welt!«
Sibylle nickte. »Ja, ich weiß, die Welt färbt ab! Wie oft hab' ich
das schon gemerkt!« Zögernd setzte sie hinzu: »Mama sagt mir das ja
nicht, die sieht nur darauf, daß ich gut angezogen bin und viel tanze.
Aber wenn Exzellenz es mir sagten, wenn ich mich ändern soll, -- wenn
Exzellenz wüßten, wie dankbar ich wäre, ich kann's nicht sagen, wie
sehr!«
Die alte Frau blickte still auf ihren Liebling. In ihren Augen glänzten
Tränen.
»Wollen Exzellenz es tun?« fragte die Junge.
»Ja,« klang die schlichte Antwort.
Und Sibylle Bühler war sie genug. -- -- --
Die Dämmerung wob ihre Schleier um das Frühlingsbild in der großen
Stadt, um ihre Gärten und Höfe.
In das trauliche Hinterzimmer blickte die feine goldene Mondsichel.
»Sünde ist's nicht?« klang's noch einmal hinter den Goldlackstauden,
aber diesmal kam's fragend von scheuen Mädchenlippen.
»Der ungläubige Mann ist geheiligt durch das Weib, schreibt Paulus den
Korinthern,« erwiderte Frau Sabine. »Das bleibt bestehen, leugnet aber
die Schwere der Frage nicht ab. Die Antwort muß die Liebe geben.«
Sie nahm den dunklen Mädchenkopf in beide Hände und sah tief in die
nachtschwarzen Augen.
Sibylle Bühler war blaß geworden, aber ihre Stimme war fest und klar,
als sie Harro von Kambachs Großmutter die Antwort gab. Es war die
größte, die ein Frauenherz geben kann: »Ich liebe ihn!«
* * * * *
Feierstille waltete. Auf dem jungen Haupt lagen segnend die alten Hände.
Der Frühlingswind stahl sich durchs offene Fenster und huschte über die
Saiten der Stradivariusgeige. -- --
Und durch die Dämmerung zog klingend und singend, leise wie ein Hauch,
-- ein Ton. -- --
Elftes Kapitel.
Um die Volksseele.
Sag' an, wo ist der streitbare Held,
Der stolz im Kampf deine Farbe trägt?
Der sein rotes Herzblut für dich verspritzt,
Der dir sein Leben zu Füßen legt?
Wem steht es geschrieben in Herz und Sinn,
Daß Heimatliebe im Himmel wohnt,
Daß sie im Glanze der Ewigkeit,
Über den goldenen Sternen thront?
Deutschland, ich wollte, ich wäre ein Mann, --
Bei Gott! Mein Schwert führt' ich ritterlich.
Und kämpfte als ein streitbarer Held
Um die Königskrone, -- um dich -- um dich!
Schenkersch Vadder war in Berlin, oder richtiger gesagt in der
Dorotheenstraße. Denn Berlin war ihm ein Greuel. Diese Überfülle auf
Straßen und Plätzen, dieser Lärm Tag und Nacht, dies Treiben und Hasten
entsprach nicht seinem gediegenen Kammerdienercharakter. Und vor allem
diese Gesellschaft! Gewiß, man traf auch aristokratische Einfachheit,
Menschen, die sich ins Privatleben zurückgezogen, Gestalten aus der
Hofgesellschaft, Landadel, -- aber das war eben nicht das eigentliche
Berlin, war nicht Berlin +W+! Was z. B. alles auf dem Potsdamer
Platz und in der Leipziger Straße herumlief, -- man hätt' es nicht für
möglich gehalten! Nun, ja, man kam eben vom Dorf, da gab es, Gott sei
Dank, so etwas noch nicht! Und in Kambach würd's auch niemals so weit
kommen! Frauen, wie er sie heute morgen bei der Ankunft auf dem Bahnhof
gesehen, hätten sich nicht auf der Dorfstraße blicken lassen dürfen, --
Kleider wie ein Futteral, -- er hatte heute morgen fortwährend auf den
Augenblick gewartet, wo eine Naht platzen würde, -- himmelhohe Absätze
mit ›Edelsteinen‹ besetzt, Patschuliduft, -- Schenker hatte von der
Köchin der alten Exzellenz erfahren, das nenne man ›elegant-mondän‹.
Das hieß jedenfalls soviel wie ›überelegant‹. Malvine wußte es nicht
genau, man konnte sich ja schließlich auch sein Teil denken. Die Männer
sahen dementsprechend aus. Schenker hatte nur immer den weißen Kopf
geschüttelt, -- »na, denn man zu, det kann ja noch nett werden!« Der
Alte war froh, als er glücklich in der Dorotheenstraße angelangt war.
Aber als Sibylle Bühler in ihrer vornehmen Schönheit vor ihm stand
und ihn freundlich begrüßte, konnt' er's nicht lassen, Vergleiche zu
ziehen. Warum gab es so etwas nur noch vereinzelt, eigentlich nur noch
auf alten märkischen Schlössern? Und während er Herrn von Kambachs
Koffer auspackte, dachte er über die Frauenfrage nach. Es war doch
eine heikle Sache! Gut, daß diese Weiber in Berlin wohnten und nicht
in Kambach, -- na, der olle Schenker war schließlich auch noch da, und
schlimmstenfalls gab's Reitpeitschen!
Und das großstädtische Straßenbild blieb in der Seele des Greises
haften. --
Vor zwanzig Jahren wäre das alles nicht möglich gewesen! Und doch
war's nur ein Ausschnitt aus dem großen Gesamtbilde. Ihn schauderte.
Immer gewisser ward's ihm: sein schönes heißgeliebtes Vaterland war
das reine Babel geworden. Vor einiger Zeit hatte er in Drachenburg
in einer christlichen Versammlung gehört, Paris sei nichts gegen die
Friedrichstraße. Damals hatte er sich über die übertriebene Äußerung
geärgert, -- heut glaubte er sie. Herrgott, wo sollte das hinführen?
Ging es so weiter, so verfaulte Deutschland bei lebendigem Leibe! Ein
Glück und Segen, daß man endlich anfing, die Scheuklappen abzulegen,
daß sich Männer und Frauen fanden, die auf die Pestbeule ihres Volkes
hinwiesen und erklärten: ›Da hapert's!‹ Hoffentlich war's noch nicht zu
spät!
»Ach was! Daß du das schändliche Sorgen nicht lassen kannst,
Schenkersch Vadder! -- Aber das viele Geld, das zur Gründung des Bundes
nötig is, und was sonst drum und dran bummelt! -- Schenker, wat du da
seist, is einfach Quatsch!! Du kennst genug Geschichten, wo Gott der
Herr sich einfach seine Leute rangekriegt hat, und wenn das nötige Geld
nich da war, hat er's ihnen geschenkt und dann wieder aus der Tasche
geholt für seine Sache! Also -- bitte!«
Und die treue Seele, die sich in den langen stillen Stunden im
Kambacher Gutshause angewöhnt, in allen Tonarten Selbstgespräche zu
führen, vergaß, daß die Wände in der Dorotheenstraße dünner waren, und
hielt ihrem alten Adam eine Moralpredigt nach allen Regeln der Kunst.
Aber nebenan saß ein dankbarer Zuhörer und freute sich, daß es noch
solch kernige Art im deutschen Vaterlande gab, deren engere Heimat
seine alte Mark war.
Leise erhob er sich und öffnete die Tür zum angrenzenden Zimmer. Dort
saß Exzellenz von Kambach rechnend am Schreibtisch.
»Bitte, Mamachen, komm einen Augenblick herein und hör' dir Schenkers
Selbstgespräch an! Es ist zu köstlich!«
Sie sah überrascht auf. Zum erstenmal, seit sein Kind zu Grabe getragen
war, hörte sie den alten fröhlichen Ton.
»Von dem können wir lernen! 's ist doch was Prachtvolles um die
märkische Art. Aber bitte, komm, sonst entgeht uns das Beste!« Der
Oberstallmeister bot seiner Mutter den Arm. »Daß er uns nur nicht hört,
der Kerl hat noch immer Ohren wie 'n Luchs!«
Und dann standen sie vor der angelehnten Tür hinter dem Vorhang. --
»Wenn Malwine das ›elegant-mondän‹ nennt, so is sie eben so'n Schaf,
wie alle anderen,« sagte drinnen die alte Stimme in bestimmtem Ton.
»Elegant? Was elegant is, weiß der olle Schenker ganz genau -- Gräfin
Bühler is elegant -- das heißt die junge -- Gott bewahr' einen vor der
aufgedonnerten Mama, -- is ja gar keine Bühler, is 'ne Firlemontsche!«
Er lachte kurz in sich hinein. »Aber Gräfin Sibylle! Die sollten sie
man ordentlich ran kriegen zur Bundesarbeit. Schade, daß sie noch
so jung is! -- -- Ja -- und nu -- mondän! Eigentlich müßt' ick doch
wissen, was das heißt, schon damit ick drüber reden kann!«
Stille folgte. Ein paar Schritte.
»Hier war doch sonst 'n Fremdwörterbuch, oder so was in der
Fremdenstube!«
Die Tür des Bücherschrankes ging. Ab und an ein Geräusch, als zöge eine
unkundige Hand ein Buch aus dem Fach.
Dann wieder die alte Stimme: »+Mondain, m.+ (sp. mongdäng) ein weltlich
gesinnter Mensch! -- Na, das hab' ick doch von Anfang an geseit!
Das gehört also mit zu den ganzen Kram. Die Geburtenverhütung, die
Unsittlichkeit, die Frechheit gegen die Obrigkeit, die Verachtung
von Gottes Wort, das alles is verwandt mit die Gesellschaft, mit die
verrückte Kleidermode, mit die Edelsteine an den Stelzenabsätzen!
Is ja Glas, nix weiter, aber es soll was vorstellen! Wenn so'n
Frauenzimmer mal Kobolz aus der Straßenbahn schießt, -- daß du dich
nich unterstehst, und die etwa aufsammelst, Schenker! Wenigstens wasch
dir nachher die Hände, sonst denkt deine alte Exzellenz, du brauchst
Patschuli, und wärst hier in Berlin +mong-+, +mong-+, +mongdain+
geworden, elegant-+mongdain+!«
Ein helles Gelächter ließ den Alten aufschrecken. Auf der Schwelle
standen Mutter und Sohn.
»Nein, mein guter Schenker, das wird Ihre alte Exzellenz niemals von
Ihnen denken! Wir kennen uns!«
Schenker war einen Augenblick regelrecht verlegen. Das kam selten vor.
Aber wenn's vorkam, hatte es seinen guten Grund. Zu dumm, diese dünnen
Wände in der Großstadt! Na, nu war's geschehen! -- Vielleicht war's
seinem inwendigen Menschen nötig, daß er sich mal gründlich lächerlich
machte. Es war dasselbe, als wenn Mamsell in Kambach von dem dösigen
Hausmädchen sagte: ›Ab und an 'n tüchtiges Donnerwetter -- dann geht's
wieder 'ne Weile!‹ Vielleicht dachte der liebe Gott ähnlich über ihn.
Und aus dieser Empfindung heraus und mit der leisen Anwandlung eines
schlechten Gewissens wegen seiner unbarmherzigen Gesinnung gegenüber
der Berliner Halbweltsdame kämpfend, sagte er:
»Exzellenz, ick bin doch auch man bloß 'n sündiger Mensch! Wenn ick
dauernd mit die Gesellschaft verkehrte, dann weiß ick wahrhaftig nich,
was dabei herauskäme!«
Ein leichter Schritt klang im Nebenzimmer: Fräulein Eichel.
»Frau von Schink läßt fragen, ob es dabei bliebe, daß die Sitzung um
vier Uhr wäre, Exzellenz?«
»Punkt vier Uhr. Können wir schon Tee bekommen, liebe Eichel? Es wird
sonst zu spät!«
»Es ist alles fertig, Exzellenz!«
»Danke.« Sie nickte dem alten Diener freundlich zu. ›Um dich bin ich
nicht bange,‹ sagten die hellen Augen.
Und dann klappte der Krückstock auf den Dielen. -- --
* * * * *
In dem hell erleuchteten behaglichen Salon Exzellenz von Kambachs
hatte sich ein Kreis von etwa dreißig Personen zusammengefunden.
Eine Gesellschaft aus allen Volksschichten. Hoher Adel, weißhaarige
Generäle, einige Geistliche, Herren aus dem Kaufmannsstande, eine
Anzahl Damen, ein paar schlichte bürgerliche Gestalten, mehrere Leute
aus dem Volk. Ein scheinbar wahllos zusammengewürfelter Kreis. Nur
der Eingeweihte wußte, daß die Einzelgestalt ihre besondere Bedeutung
hatte, daß hier Persönlichkeiten und Werte abgeschätzt worden waren,
daß keiner gekommen, und ob es der Bescheidenste, Geringste war, bei
dessen Erscheinen man nicht des Wortes gedenken durfte: ›Es sind
mancherlei Ämter.‹
Ein eigenartiges interessantes Bild bot das schlichte Frauengemach
dem, der gelernt, den Blick auf das Überweltliche zu richten, der
die großen Tagesfragen in den hohen Schein der Ewigkeit rückte,
der im Menschenantlitz zu lesen verstand, der nicht irgendeinen
vaterlandslosen Gesellen in seinem Weggenossen erblickte, sondern
die heilige Frage auf brennender Lippe trug: ›Von wannen bist du?‹
Eine unausgesprochene Zusammengehörigkeit schien diesen Kreis zur
festen Gemeinschaft zu verbinden, ein zäher Kitt das junge noch
ungefestigte Werk zusammenzuhalten. Und an der Wiege des neugeborenen
Kindes die ehrwürdigen Paten, zwei Menschen aus ganz verschiedenen
Gesellschaftskreisen, ganz verschiedenen äußeren Verhältnissen,
Gestalten aus einer Zeit, an der das Geschlecht von heute in großen
Scharen achselzuckend vorüberging -- eine fünfundsiebzigjährige
märkische Landedelfrau und ein einfacher Häuslerssohn aus dem
Spreewald, der im Dienst seines Herrn in Ehren weiß geworden war.
Schenker hatte sich zwar mit Händen und Füßen, und nicht zum wenigsten
mit seinem schlagfertigen Mundwerk dagegen gewehrt, als man ihm einen
regelrechten Ehrenplatz einräumen wollte; aber Frau von Kambach hatte
kurz und bündig erklärt: »Keine Redensarten, Schenker! Es muß alles
seine Ordnung haben. Sie sind der erste gewesen, der die Frage angeregt
hat!«
Und er hatte alles über sich ergehen lassen. Denn in einem früheren
ähnlichen Falle hatte ihm seine alte Exzellenz, als er ihr zuviel
geredet, einfach erwidert: ›Schenker, das ist Quatsch!‹ Und das wollte
er nicht gern zum zweitenmal hören. Einmal hatte er es sich ja schon
selber gesagt, das war aber etwas anderes. Schließlich hatte er doch
auch weiße Haare und war ein alter Kammerdiener. --
Allgemeine Überraschung und Freude herrschte, als sich in dem
Augenblick, wo Herr von Kambach die Sitzung eröffnen wollte, noch
einmal die Tür auftat, und der ehrwürdige Graf Bühler, auf dessen
Erscheinen man wegen eines kaum überstandenen Ischiasanfalles nicht
gerechnet hatte, auf den Arm seiner Enkelin gestützt hereintrat. Graf
und Gräfin Brelow, die mit dem alten Herren zusammen gereist waren,
folgten. Lächelnd winkte der Erblandmarschall den Anwesenden zu.
»Guten Tag, alle miteinander! Sitzen bleiben! Leute, die zu spät
kommen, gehören in den Winkel!« Eine Mahnung, die allerdings wenig
Anklang zu finden schien, denn alles wollte dem greisen Standesherrn
die Hand drücken.
Dann endlich Stühlerücken, Stille, Erwartung der Dinge, die da kommen
sollten.
Einer der anwesenden Geistlichen sprach ein kurzes Gebet, worauf der
Oberstallmeister die Erschienenen begrüßte:
»›Hüte, starkes Volk der Ehre
Manneswort und Weibesreinheit,
Kindeslust und Greiseslehre,
Kraft und Huld in steter Einheit!
Stolz und fest und treu bewache
Vaterland und Muttersprache!‹
Mit diesen Worten Peter Roseggers heiße ich Sie, meine verehrten
Anwesenden, in dieser Stunde im Namen meiner Mutter willkommen! Was
uns hier zusammenführt, ist jedem von uns bekannt! Trotzdem ist der
Wunsch laut geworden, daß, bevor wir die Grundforderungen des Werkes,
das wir im Namen Gottes beginnen, festlegen, noch einmal klipp und und
klar ausgesprochen werde, was wir eigentlich wollen. Manch einer wird
denken: ›Wieder 'n neuer Verein, der sich berufen fühlt, Deutschland
aus dem Morast zu ziehen, und nachher verläuft die Sache im Sande,
oder es bleibt bei begeisterten Aufrufen und großartigen Tagungen, bei
Beschlüssen, die niemals Wirklichkeit werden!‹ -- Lassen wir die Leute
denken, was sie wollen! Erstens fahren wir niemand in die Parade, und
zweitens sind wir kein neuer Verein, sondern ein Bund. Aus dem Morast
ziehen wollen wir Deutschland allerdings mit Gottes Hilfe und der Hilfe
anderer Leute. Denn wir wollen nicht trennen, sondern sammeln. Alles,
was vorhanden ist, was seit Wichern und Stöcker auf dem Gebiet der
Inneren Mission geleistet ist, wollen wir zusammenschließen zu einem
großen starken Ganzen. Der ›Bund bibelgläubiger Christen‹ soll ein
~Volksbund~ sein. Denn wir haben bisher wohl Offizierskompagnien,
aber keine Soldatenregimenter. Ohne sie aber können wir nicht in den
Kampf ziehen. Ungezählte Einzelgefechte haben stattgefunden, mit Mut
und Ausdauer ist hier und dort gestritten worden. Aber unsere Zeit
fordert große schwere Entscheidungskämpfe, welche keine Zersplitterung
ertragen. Darum heißt es sammeln, was an Kräften vorhanden ist, darum
heißt es in geschlossenen Reihen zum Angriff vorgehen. Wie vor hundert
Jahren in dem heißen Ringen um äußere Freiheit, muß es auch heute im
Kampf um Deutschlands heiligste ewige Güter heißen: das Volk steht auf.
Ja, ~das Volk~ soll aufstehen, ~das Volk~ soll sich erheben
wie ein Mann, ~das Volk~ soll dem Volke zeigen, daß es noch Mark
in den Knochen hat, daß es noch wahrhaftiges Deutschtum, wahrhaftiges
Christentum gibt, -- ~das Volk~ soll dem Volke helfen. Mit
einem Wort -- wir brauchen eine christliche ~Volksmission~!
Deutschland rühmt sich seiner blühenden Kultur, aber daß diese Kultur
keine Sittlichkeit mehr kennt, daß unser Volk bei lebendigem Leibe
verfault, scheint Nebensache zu sein! Es ist eine Schande, wie weit wir
heruntergekommen sind! -- --
Aus diesem Sumpf aber kann uns nur eines retten: der Neuaufbau des
christlichen Familienlebens. Denn das Haus ist die Geburtsstätte
kommenden nationalen Glücks oder Unglücks; es bildet die Grundlage
zukünftiger Völkergeschichte. Sind die Familien aber entchristlicht, so
setzt sofort der sittliche Bankrott und damit der völkische Verfall ein.
Das Wort Roseggers, das ich Ihnen zurief, betont zwar nicht die
Notwendigkeit christlicher Waffenrüstung, aber es schließt sie
als heilige Selbstverständlichkeit ein. Denn echtes Deutschtum,
Vaterlandsliebe, Mannesehre, Frauenreinheit, Schutz der Sitte und des
Herdfeuers sind nur da vorhanden, wo das Christentum die Wurzel des
Volkslebens ist. Wird es ausgeschaltet, geht die Sittlichkeit verloren,
und das Volk versumpft. Bei uns in Deutschland ist diese Zersetzung
im vollen Gange. Ich wiederhole: seit der Feind am Werke ist, die
Grundlagen unseres Volkslebens zu untergraben, seit er mit allen ihm zu
Gebote stehenden Mitteln das Christentum angreift, ist diese Zersetzung
im vollen Gange. Daß unsere Gegner aber in der Wahl ihrer Mittel nicht
ängstlich sind, ist nichts Neues. ›Die Verlästerung des Namens Gottes
ist nötig, um der Religion den Garaus zu machen!‹ erklärt Liebknecht.
Das ist deutlich geredet. Wir wissen wenigstens, mit wem wir es zu tun
haben!
Aber unsere Gegner sollen es auch wissen. Darum zugefaßt und aus
dem Schlamm geholt, was sich noch herausholen läßt! Nur keine
Glacéhandschuhe angezogen, -- sonst kommen wir nicht weit! Denn es
geht ums Ganze. Wir brauchen Ellenbogenfreiheit! Ohne Püffe geht's
nicht ab. Der Kampf, in den wir treten, ist ein Kampf auf der ganzen
Linie, eine Gegenmobilmachung wider die Mächte des Unglaubens und des
Halbglaubens, des modernen Heidentums in all seinen Erscheinungen.
Leicht wird's nicht sein! Aber wenn der Feind erklärt: ›Der Begriff
›Gott‹ muß zerstört werden, denn er ist der Grundstein einer verderbten
Zivilisation,‹[3] -- so haben wir ihm als Christen eine Antwort zu
geben, die er sich nicht hinter den Spiegel steckt. Also hinein ins
Gefecht! Nur keine Müdigkeit vorgeschützt, nur nicht an die eigene
Bequemlichkeit gedacht! Wir können nur ganze Menschen brauchen, ganze
Christen! Kein rechter Kämpfer, der abseits steht: ›was geht's mich
an?‹ Es gilt unseren höchsten ~Gemeinbesitz~ schirmen, unsere
~gemeinsamen~ völkischen sozialen und religiösen Kleinodien
retten. Darum die zwingende Notwendigkeit der geschlossenen,
festgefügten Macht des bibelgläubigen, deutschen Protestantismus.
Das christliche Zusammengehörigkeitsbewußtsein ist eingeschlafen,
-- unsere Sache ist es, unser Volk aus diesem verhängnisvollen
Dornröschenschlummer zu erwecken! Das ist -- kurz zusammengefaßt --
unsere Aufgabe!
Über Form und Art unserer Kampfesweise, über die Einzelarbeit, vom
Gesichtspunkt des großen Ganzen betrachtet, eine vorläufige Einigung zu
erzielen, schlage ich Ihnen eine Besprechung vor.
Ehe wir beginnen, erlaube ich mir, Ihnen als vorläufige Arbeitsziele
des Bundes folgende Aufstellung der Hauptpunkte vorzulegen.« Herr von
Kambach nahm ein vor ihm liegendes Blatt vom Tisch und las:
»1. Es gilt die Zusammenfassung aller, im deutschen Volk noch
vorhandenen biblisch-sittlichen Lebenskräfte zur Stärkung christlicher
Weltanschauung und zum inneren Ausbau gesunden Volkslebens.
2. Es gilt eine umfassende Aufklärungsarbeit über die Pflichten der
gläubigen evangelischen Gruppe im christlichen nationalen und sozialen
Sinne dem deutschen Volke gegenüber.
3. Es gilt den Kampf gegen jede widerchristliche Weltanschauung,
wie sie auch heiße, durch Volksversammlungen, Vorträge, Schriften,
Flugblätter.
4. Es gilt die grundsätzliche Ablehnung und Bekämpfung ja wenn möglich
Ausrottung der widerchristlichen antimonarchischen Presse, der
Schundliteratur, des Schmutzes in Wort und Bild.
5. Es gilt die Förderung und Verbreitung der auf christlich-positiver
Grundlage stehenden Tageszeitungen und die Gründung einer
deutsch-evangelischen Volkspresse.«
Er ließ das Blatt sinken. Die blauen Augen schauten blitzend über den
kleinen Kreis.
Da erhob sich Graf Bühler. Es schien, als sei er in den letzten Wochen
älter, gebrechlicher geworden. Der Winter ist der Feind der Greise, und
der Tod im Nachbarhause hatte seinen Schatten auf den Weg treuer Liebe
geworfen. Aber die Adleraugen hatten nichts von ihrem Feuer verloren,
und die Sprache war scharf und klingend wie vordem.
»Ich glaube im Namen aller Anwesenden zu handeln, wenn ich Ihnen
warm für Ihre Ausführungen danke, mein lieber Kambach,« sagte er
herzlich. »Sie haben uns die große Frage in ihren Hauptzügen knapp und
zielbewußt dargelegt, haben in schöner klarer Weise ausgesprochen, was
wir wollen. Gestützt auf Ihre Ausführungen, auf die Grundforderungen
des Arbeitsziels wird es uns möglich sein, das Riesenwerk immer
vollkommener zu gestalten und die rechte Form für seinen Ausbau zu
finden. Nebenbei gesagt können wir uns in bezug auf letztere den
Katholizismus -- mag uns das römische System an sich auch abstoßen --
in unseren späteren Verhandlungen zum Vorbild nehmen.
Ich brauche wohl kaum zu betonen, wie wohltuend es mich berührt,
daß der Bund sich unter das Banner der Weltmission stellt. Denn
Familienmission und Volksmission sind Weltmission. Nicht nur draußen
in den Heidenlanden werden Entscheidungsschlachten geschlagen. Auch
unser Vaterland hat eine große heilige Volksmission dringend nötig.
Was die Innere Mission in großzügiger Weise begonnen und fortgeführt,
bedarf, wie vorhin schon gesagt wurde, des engeren Zusammenschlusses,
nicht nur mit gleichartigen Vereinigungen, sondern mit dem Volksganzen,
soweit es noch auf dem Boden des biblischen Evangeliums steht. Es geht
ums Ganze. Darum gilt es Arbeit im großen Stil, -- Einzelseelsorge
allein wird da nicht fertig. Darum dürfen wir, -- so wertvoll gerade
uns die Treue im Kleinen, Alltäglichen ist, -- nie vergessen, daß wir
Weltmission treiben, daß Deutschland ein Stück Weltgeschichte umfaßt,
daß der Herrenbefehl: ›Gehet hin in alle Welt!‹ unser Vaterland nicht
ausschließt.«
Einen Augenblick schwieg der Sprecher. Die alten Augen hatten den
weitschauenden Blick wandernder Ewigkeitsmenschen, die dem Ziele nahe
sind. Und dann klangen seine Worte wie eine Prophezeiung durch den
stillen Raum:
»Eine Sage vom Oststrande steht mir vor der Seele. Jahrhunderte alt,
grüßt sie wie eine Verheißung diese Stunde.«
In grauer Zeit entsandte das Kloster Amelungsborn den Mönch Berno
als Bischof von Schwerin und Apostel der Wenden in die heidnischen
Obotritenlande. Aber an der Ostküste stand Satans Stuhl, und
harte Arbeit wartete des Westfalen. Ein heißes Ringen begann, ein
gewaltiges Roden, ein Kampf, Mann gegen Mann. Doch das Kreuz siegte.
Junge Siedelungen winkten, aus dem Grün der Wälder ragten die
Einödskirchlein. Hand in Hand mit der Urbarmachung des wilden Landes
ging die stille Arbeit der Glaubensboten.
Jahre waren ins Land gezogen. Die Macht des Heidentums war gebrochen.
Am Sankt Johannistag im Jahre des Heils 1186 grüßte der junge
Landesherr Heinrich Borwin seine geistlichen Untertanen im Kloster zu
Doberan, und Bischof Berno vollzog die Abtweihe.
Sommerschönheit lag über dem Lande, das Korn rauschte, und die Rosen
blühten. Aber über der Küste gewitterte es.
Die Nacht stieg herauf.
In der Stunde, da der junge Konvent sich zum ersten Gottesdienst unterm
eigenen Dache rüstete, empörte Luzifer die See und die Fürsten der
Tiefe rüttelten an den Pforten der Abtei.
Das Ostmeer schlug den schwarzgrünen Mantel um die leuchtenden
Schultern und betrat, von der Hölle geführt, siegesgewiß das Land.
Aber im Kloster lag der Konvent auf den Knien. Eine Macht, die Berge
versetzte und dem Meere gebot, die den Willen des Allmächtigen
wandelte, kämpfte wider den Fürsten des Abgrunds -- das Gebet. Näher
und näher rauschte die Flut.
»Vor den Stürmen der Nacht, vor dem Toben der Hölle wollest du deine
heilige Kirche bewahren und schirmen!« betete Bischof Berno an den
Stufen des Altars.
»Von den Mächten der Finsternis, von den bösen Geistern aus der Tiefe
wollest du uns erretten! Daß dein Kreuz den Sieg behalte in unseren
Landen, wollest du eine Mauer bauen, lieber Herr und Gott, einen
heiligen Damm wider alle deine Feinde!«
Näher und näher kam die Flut. Der Sturm zersplitterte die Kirchpforte.
›Einen heiligen Damm wollest du bauen, lieber Herr und Gott!‹
Die dritte Nachtwache ging vorüber. Im Glanz der Morgenröte stand der
Abt vor dem Kirchenfürsten:
»Komm herüber und schaue die Wunder des Höchsten!«
Und dann standen Mönche und Schiffervolk vor dem Riesenwerk.
Ein gewaltiger Damm schied Meer und Land, eine Mauer aus tausend und
abertausend glattgespülten Kieselsteinen, ein Deich, wie ihn das
Ostmeer nie geschaut, von unsichtbaren Händen gebaut -- ein Wunder!
Die alte Stimme bebte vor innerer Bewegung.
»Wissen Sie, was das Meer bedeutet?« rief er. »Es ist die zersetzende
Macht des Unglaubens, die, von der Hölle aufgepeitscht, unser Volk
bedroht. Die Obotritenlande sind Deutschland. -- Und der heilige Damm?
Und die Kieselsteine? Das ist die Hauptsache, daß uns das klar ist! Der
heilige Damm stellt die Gemeinde Jesu Christi dar, die glattgespülten
Kieselsteine ihre durch sein Blut erlösten und gereinigten Glieder.
Jeder einzelne Stein eine Menschenseele, ein Glied in der Kette, die
den Unglauben eindämmen soll! -- Wie mir ums Herz war, als kürzlich
meine Enkeltochter mit dieser Sage zu mir kam, und nach beendeter
Lektüre zu mir sagte: ›Großvater, das ist der Bund bibelgläubiger
Christen!‹ -- ich kann's Ihnen nicht sagen! Aber eines wünsche ich uns
allen in dieser Stunde: daß wir ein heiliger Damm wider die Mächte des
Unglaubens werden zur Ehre unseres Herrn und zum Heil unseres Volkes.«
Er setzte sich.
Besorgt ruhte Sibyllens Auge auf ihm. Seine Wangen waren gerötet, und
die Hand, die sich auf den Krückstock stützte, zitterte.
Ein Rechtsanwalt erhob sich.
»Anknüpfend an das Wort des Herrn Oberstallmeisters, ›der Kampf, in den
wir treten, ist ein Kampf auf der ganzen Linie, eine Gegenmobilmachung
wider die Mächte des Unglaubens und des modernen Heidentums in all
ihren Erscheinungen‹, -- möchte ich, um jedes Mißverständnis über die
Stellung des Bundes von vornherein auszuschalten, vorschlagen, diese
Frage noch besonders zu erläutern. Denn hier gilt es nicht nur den
Kampf mit unseren bewußten Gegnern, sondern -- Gott sei's geklagt --
zum großen Teil mit Männern aus dem eigenen Lager. Nichts ist der
Kirche der Reformation gefährlicher, als diese Friedenspartei. Denn
sie unterstützt den jesuzentrischen Liberalismus, eine Richtung, die
wie keine andere versteht, das Schafskleid zu tragen. Wenn unser
Arbeitsziel wohl auch keinen Zweifel darüber aufkommen lassen wird, daß
wir zum äußersten Flügel der positiven Rechten gezählt sein wollen, so
erscheint es mir trotzdem geboten, unsere Stellungnahme nach dieser
Richtung hin besonders klarzustellen. Vielleicht hat einer der Herren
Geistlichen die Güte, meine kurzen Worte zu ergänzen.«
Pastor Lehmann, ein starker Fünfziger, mit ausgeprägten Zügen und
hellem Blick, ergriff das Wort.
»Gestern abend war ich bei einem Freunde, auf dessen
Bundesgenossenschaft ich bestimmt gerechnet hatte. Ich hatte mich
getäuscht. Nach einer fast zweistündigen Unterredung erklärte er:
›Nehmt euch nur in acht, daß ihr nicht zu sehr Farbe bekennt!‹ und
lehnte es glatt ab, der Frage näherzutreten. Und das war ein positiver
Geistlicher. Der Zug der Zeit geht auf Vermittlungspolitik, aus den
landeskirchlichen Nöten herausgeboren. Dem heißen Wunsche, den äußeren
Bestand der geschichtlich gewordenen Kirche zu retten, entspringt
das immer dringender werdende Begehr: ›Schließt euch zusammen, ihr
Positiven und Liberalen gegen den gemeinsamen Feind! Der Antichrist
steht vor den Toren!‹ -- Aber wir können nicht gegen die Wahrheit!
Zugeständnisse auf dem Gebiet der Liebe dürfen wir machen, auf dem
Gebiet des Bekenntnisses nicht. Wir halten es mit dem Lutherwort:
›Unsere Liebe ist bereit, für euch zu sterben; wer uns aber an den
Glauben greift, der greift uns an den Augapfel.‹ Es ist schlimm genug,
daß der antichristliche Geist moderner Weltanschauung eine mit sich
selber zerfallene Kirche findet, daß er sich mit vollem Recht auf eine
wesensverwandte Gruppe innerhalb der Kirchenmauern berufen kann. Die
Antwort der Kirche auf den Angriff des Gegners ist daher eine halbe
eingeschränkte, ein Zugeständnis, eine, ob auch unausgesprochene
Versöhnung. Aber diese Versöhnung ist Truggold. In Wahrheit bedeutet
sie eine Gebietsabtretung. -- Wir würden ja mit Freuden dem brennenden
Wunsche des Zusammenschlusses nachkommen, wenn wir es mit unserem
Gewissen vereinigen könnten. Es liegt uns darum auch gänzlich fern,
über sie zu Gerichte zu sitzen, die von ihrem Standpunkt aus ihr Werk
treiben, aber an einem Strang mit einem Subjektivismus ziehen, der,
nur nach eigenem Maße messend, an den geoffenbarten Heilstatsachen
vorübergeht und die Gestalt Jesu Christi ihrer ewigen Gottheit
entkleidet, -- das können wir nicht. Denn es geht um die höchsten
Güter, um eine Entchristlichung nicht nur der Kirche, sondern des
Christentums.
Wenn darum auch noch Männer aus unserer Mitte dieser
Vermittlungspolitik zustimmen zu sollen glauben, so bleibt uns nichts
anderes übrig, als uns, ob auch blutenden Herzens, von ihnen zu
trennen. Es ist keine Frage, daß wir recht allein dastehen, ja, daß
uns unsere eigenen Freunde nicht nur verlassen, sondern angreifen
werden, und die offizielle kirchenregimentliche Gnadensonne uns
niemals scheinen wird. Wir werden es ertragen um deswillen, der für
uns das Kreuz trug. In seiner Kraft stehen wir fest und unentwegt auf
dem Grunde unseres Heils, auf dem Boden des wirklichen Christentums.
Des Christentums der Bibel, das die Sünde bei Namen nennt und von
Gnade lebt! Das die Überwelt kennt, dessen Heiland und Erlöser nicht
nur eine gottbegnadete Idealgestalt, sondern der ewige eingeborene
Sohn des Vaters ist, Gott von Gott, Geist vom Geist, Licht vom Licht
von Ewigkeit! Das sein Leben in sich trägt, und seine Wahrheit
in alle Lande ruft! Das menschliche Umprägung göttlicher Werte
nicht verträgt und für Falschmünzerei erklärt! Das darum auch eine
~wirkliche evangelische~ Kirche fordert! Nicht als staatliche
Kultusgemeinschaft, sondern als eine Kultusgemeinschaft, in welcher
die Anbetung des Herrn lebendig ist, -- nicht als bloße religiöse
Gesinnungsgemeinschaft, sondern als biblische Bekenntnisgemeinschaft.
Diese Forderung muß die selbstverständliche Voraussetzung für unsere
Arbeit bilden!«
Tiefes Schweigen herrschte.
Jeder ging seinen Gedanken nach.
Da erhob sich ein schlichter Bürstenbinder. »Es ist eine hohe Ehre
für uns, daß Christus unsere schwache Kraft in seinen Dienst stellt.
Wollen wir aber unserer Arbeit froh und unseres Sieges gewiß bleiben,
so gilt zuerst und zuletzt die Arbeit am eigenen Herzen, im eigenen
Leben. Wir vergessen angesichts großer Aufgaben so leicht das Kleine,
Unscheinbare, und doch ist es maßgebend für unsere Ewigkeit.«
»Ganz recht,« klang's vom anderen Ende des Tisches herüber, »det sei
ick doch immer!« Schenker war so mit Leib und Seele bei der Sache, daß
er aus Versehen Platt sprach. Für gewöhnlich tat er das nicht im Salon
der alten Exzellenz. Aber heute war's etwas anderes. Ganz gleichgültig
war's, ob er Platt sprach oder Hochdeutsch. Streng genommen hätte hier
ja überhaupt Platt gesprochen werden müssen; denn man war ja bei der
Gründung eines Volksbundes. Darum war's auch ganz selbstverständlich,
daß Schenker seinen Mund auftat, zumal nach allem, was er in Berlin
gesehen. Die Herrschaften hier hatten sich schon daran gewöhnt, um so
besser war's, wenn einer vom Lande kam und ihnen über die heillosen
Zustände die Augen öffnete, um nicht einen ganz anderen Ausdruck zu
gebrauchen. Aber der alte Schenker war ein feiner Kammerdiener, der
in allem maßvoll blieb, -- trotz alledem -- besser gepaßt hätte ein
anderes Wort --, aber abgesehen von den Kammerdienermanieren war man
hier unter Damen.
Hätte ihm einer vor drei Wochen gesagt, er werde in Berlin eine Rede
halten, er hätte erwidert: ›Jau sin woll in'n Kopp all 'n bißken
schwach?‹, und nun war's mit einemmal höchste Selbstverständlichkeit.
»Exzellenz gestatten,« begann er, sich nach rechts verbeugend, und
dann verbesserte er sich: »Exzellenz haben's ja selbst befohlen!« Er
wandte sich an die Anwesenden: »Ick würd' ja nich die Unverschämtheit
haben, wenn Exzellenz nich heute mittag gesagt hätten: ›Schenker, ich
erwarte aber, daß Sie reden!‹ Ick tu' also man bloß meine verdammte
Pflicht und Schuldigkeit! -- Lange will ick die Herrschaften auch nich
aufhalten. Nur einen Wunsch hätt' ick. Und den muß ick aussprechen:
nämlich, daß die Herren Vorstände gleich von vornherein in der
Sittlichkeitsfrage scharf vorgehen. Denn det is 'n Morast, wo'n
anständiger Mensch sich gar keine Vorstellung von machen kann. Herr
Oberstallmeister hat ganz recht, wenn er sagt, für solche Arbeit
taugten keine Glacéhandschuhe. Aber 'ne andere Frage is die, ob man
nich lieber welche dazu anzöge.« Er blickte auf sein Gegenüber. »Ich
tu's ja nich, gnädiger Herr, ick pack' zu, ick hab' die schmierigen
Kerls mit ihren Geburtenverhütungsmitteln eigenhändig verhauen -- aber
det muß ick doch sagen -- Schenkersch Vadder hat Reinlichkeitsgefühl,
hinterher hab' ich mir gründlich gewaschen! -- Und um nu gleich auf die
Großstadt zu kommen -- denn da kommt doch die ganze Geschichte her --
das Weibervolk, was hier herumläuft, ick meine die Frauenzimmer mit den
Florstrümpfen und edelsteinbesetzten Absätzen, die sollte der Bund man
lieber gleich samt und sonders der Polizei übergeben, das Pack verführt
ja nur die anständigen Frauen. Und was die Bundesarbeit anbelangt, so
muß die christliche Frau feste rangekriegt werden; denn eher wird's
nich anders! Von der Frau hängt's ab, wie das Hauswesen is, wie die
Kinder erzogen sind, und ob der Mann ins Wirtshaus rennt oder nich. Das
war vorhin sehr schön gesagt von die Familienmission, gnädiger Herr,
ick bedanke mich ganz untertänigst für die Aufklärung, so halb und halb
hatte ick mich das ja so vorgestellt, aber unsereins versteht nich,
sich so fein auszudrücken. Und darum hab' ick noch eine ganz besondere
Bitte.«
Er wandte sich an Frau von Kambach.
»Wir alle wissen, daß wir in dieser Sache ohne die Frau nich
fertig werden. Es muß daher ganz genau gesagt werden, was wir
von ihr erwarten. Und da mein' ick, keine könnte uns das besser
auseinandersetzen, als Eure Exzellenz!« Und Schenkersch Vadder machte
seine feinste Kammerdienerverbeugung und sagte mit einladender
Handbewegung in seiner ehrerbietigen, aber bestimmten Art: »Darf ick
bitten, Exzellenz?«
Alles verkniff sich das Lachen.
Drüben an der anderen Seite des Tisches scharrte der Krückstock.
»Schenker! Schenker!« drohte die alte Dame, aber sie erhob sich und
wandte sich, die Hände auf den Tisch stützend, ihren Gästen zu.
»Ich bin gebeten worden, in der Frauenfrage das Wort zu ergreifen,
und komme, entgegen meiner sonstigen Gepflogenheit, in Versammlungen
nicht zu reden, diesem Wunsche nach. Denn diese Versammlung ist nicht
öffentlich,« -- ein vielsagender Blick streifte Fräulein Eichel --
»auch stehe ich auf dem eigentlichen Arbeitsgebiet der Frau. Wir
wurden vorhin ermahnt, der Treue im Kleinen nicht zu vergessen, der
Arbeit am eigenen Herzen. Diese Mahnung gilt uns allen. Aber die
Frau hat sie in besonderer Weise zu befolgen, weil sie die Hüterin
des Familienlebens ist. Ich freue mich, hier nicht zu Frauen zu
sprechen, die durch Reichsgottesarbeit glänzen wollen, sondern zu
solchen, denen das Marienwort ›Siehe, ich bin des Herrn Magd!‹ der
schönste Stein in ihrer Krone bleibt, deren Dienst Dank ist. Denen
darum jeder Gedanke an die heutzutage allgemein gewordene, beliebte
Grenzüberschreitung ferneliegt, die das Beste, was die Frau besitzt,
ihre Würde und Reinheit, wie eine Königskrone hüten und bewahren. Ich
will in dieser kurzen Stunde nicht die schweren Schäden aufdecken,
welche die weibliche Grenzüberschreitung bereits geschaffen, -- das
sind Dinge, deren Bekämpfung Sache eines besonderen Ausschusses sein
werden, die ernsteste Ortsgruppenarbeit fordern, nur das eine will ich
hervorheben, daß unser Volk sich an der Vermännlichung und Verbildung
der Frau verbluten muß. Denn die Frau ist und bleibt die Pflegerin des
Familienlebens und der Sitte, die Seele des deutschen Hauses. Begibt
sie sich, dieses königlichen Vorrechts vergessend, auf das Ackerland
des Mannes, so verwildert nicht nur ihr eigener Garten, sondern die
großen Nationalgüter werden durch ihr Pflichtversäumnis geschädigt.
Dann wird Eheirrung das geflügelte Wort, Ehescheidung steht auf der
Tagesordnung. Die Weigerung der Mutterschaft führt zum Verbrechen am
keimenden Leben. Unzucht verdrängt die Sittlichkeit. Und, Gott sei's
geklagt, dahin kommt's nicht erst, so weit sind wir. Hier in die
Bresche zu treten, ist Sache der bibelgläubigen deutschen Frau. Der
Kampf an der breiten Öffentlichkeit ist Mannespflicht, die fein und
still ergänzende Mitarbeiterschaft an dem großen Werk, das wir treiben,
ist unsere Sache. Während die Männer das Kreuz in Deutschlands Gaue
tragen, sollen wir die heilige Schwelle der Heimat hüten, sollen die
Ewigkeitswerte schirmen, die unser irdisch Haus umschließt. Als Jesu
Jüngerinnen sollen wir seine Liebe in die ärmste Hütte tragen, die
eine köstliche Perle sollen wir unseren irrenden Schwestern bringen,
eine starke unzerreißbare Kette sollen wir schließen und uns den
unglücklichen Töchtern unserer Zeit entgegenstellen mit einem heiligen:
›Bis hierher und nicht weiter!‹ ~Die Arbeit der Frau ist die vorhin
schon erwähnte Familienmission.~ Wie wir sie treiben sollen? Durch
Wort und Tat und Wandel, durch unentwegte Treue zu dem Gekreuzigten,
durch das Vorbild der durch Gottes Geist geheiligten Persönlichkeit.
Es kann darum nicht stark genug unterstrichen werden, daß die Arbeit
am eigenen Herzen in erster Linie stehen muß, daß wir uns täglich mit
unserem Tun und Lassen unter Gottes Wort stellen. Das muß gerade im
Blick auf dies Werk unsere vornehmste Sorge sein, daß wir in Tat und
Wahrheit Christen sind. ~Es ist viel wichtiger, daß unter hundert
auch nur zehn Hausfrauen ihren Kindern treue betende Mütter, ihren
Dienstboten gerechte liebevolle und fürsorgende Herrinnen sind, als daß
eine große öffentliche Tagung glänzend verläuft.~ Wir können darum
die persönliche Herzensstellung zu Gott und unserem Heilande nicht
stark genug betonen. ›Glaube ist eine Haltung der Seele, ein Spiegel
in rechter Richtung‹, sagt Drummond. Ich möchte hinzufügen: daß wir
immer mehr diese rechte Richtung gewinnen, ist unsere Lebensaufgabe.
Es gibt auch eine heilige Einseitigkeit, nämlich die, welche den Blick
unentwegt auf das Kreuz richtet!
Das schöne Dichterwort: ›Willst du genau erfahren, was sich ziemt, so
frage nur bei edlen Frauen an‹, hat heute etwas von seinem guten Klang
verloren. Unsere Sache ist es, die Saiten wieder auf den alten hellen
Ton zu stimmen. Darum lassen Sie uns Sorge tragen, daß das Zeugnis des
Altmeisters in unserem Leben, unserem Christentum Wahrheit werde, darum
lassen Sie uns aber auch nie vergessen, daß nur ~die~ Frau im
vornehmsten höchsten Sinne weiß, was sich ziemt, die sich die Antwort
auf alle Fragen des Lebens unter dem Kreuz sucht.«
Sie schwieg.
Ehrerbietig stand der alte Schenker auf. »Ich danke untertänigst,
Exzellenz!«
Da erhob sich am anderen Ende des Tisches ein Großindustrieller, Herr
Wehrmann.
»Anknüpfend an das Drummondsche Wort, das Ew. Exzellenz eben
gebrauchten: ›Glaube ist eine Haltung der Seele, ein Spiegel in rechter
Richtung‹, möchte ich daran erinnern, wie schwer es heutzutage, wo das
Gold die Welt beherrscht, dem Kaufmann gemacht wird, sich die rechte
Haltung der Seele zu bewahren und auf das Leben zu übertragen. Denn
ein Christentum, das bloße Weltanschauung ist, und sich nicht durch
die Tat bewährt, ist kein wahres Christentum. Nur wer sich nicht vom
Geiste der Selbstsucht leiten läßt, wer Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit
auch im Handel und Wandel durchsetzt, wer jene Fremdkörper, die unser
Volk vergiften, erkennt und rücksichtslos bei Namen nennt, verdient
den Namen eines ›Großindustriellen‹, eines wahrhaft ›königlichen
Kaufmannes‹. Ich kann Ihnen aber sagen, meine verehrten Anwesenden,
es kostet einen Kampf, im Erwerbsleben mit solchen Grundsätzen Ernst
zu machen, zumal für den jungen ungefestigten Menschen, dem das Neue
verlockend entgegentritt. Möchte es dem Bunde gelingen, auch in den
vielversuchten Kreisen der Welthandelspolitik dem Christentum immer
mehr Eingang zu verschaffen, daß der Glaube die Haltung der Seele
werde, daß er Handel und Wandel die rechte Richtung verleihe. Nur
die Krämerseele ist dem Golde dienstbar, der ›königliche Kaufmann‹
beherrscht die Schätze der Erde; denn für ihn gilt das Wort: ›Dein,
Herr, sind Silber und Gold!‹ Wer aber diesem Herrn dient, der regiert!«
»Bravo! Das sollte unser Vorsitzender werden!« klang es gedämpft
herüber und hinüber, während Herr Wehrmann sich setzte.
Oberleutnant von Roselius hatte sich erhoben.
»Darf ich mit ganz gehorsamsten Dank den Worten unserer hochverehrten
Exzellenz von Kambach, die wohl uns allen aus der Seele gesprochen
waren, die Bitte hinzufügen, daß die Arbeit der Frau die Theaterfrage
umschließt? Ich meine nicht die Frage als solche, sondern die Frage
weiblicher Fürsorge, den Theaterangestellten gegenüber. Sie ist sehr
schwer zu lösen, ich möchte heute darum nur bitten, sich derselben
später zu erinnern.«
Ein biederer Bäckermeister empfahl, den Kinos zu Leibe zu gehen. »An
diesem Gift geht Deutschland zugrunde,« schloß er seine kurze kernige
Ausführung.
»Gewiß,« bestätigte ein Arbeiter, der in Exzellenz von Kambachs
Garten Schnee geschaufelt, »die Kinos sind 'n Verderb, aber die
Schundliteratur is noch schlimmer. An das, was ich tagtäglich sehe und
höre, gewöhn' ich mir, und schließlich tut' ich ins selbe Horn. Das
is nich nur bei uns kleinen Leuten so, das is dieselbe Geschichte bei
Herrschaften. Hier nimmt mich ja keiner meine unverblümte Aussprache
übel, darum red' ich frei von der Leber weg!«
»Sehr richtig,« klang's dazwischen, und der Alte schloß ermuntert: »Das
Jux, was unsere Kinder da vorgesetzt kriegen, sollte man lieber gleich
in'n Müllkasten schütten!«
»Glauben Sie, daß die moderne Jugend sich ihr Futter nehmen läßt,« rief
ein Charlottenburger Kirchenältester, »die buddelt ihr Konfekt wieder
aus! Mit allen Hunden gehetzt ist die Gesellschaft! Aber das Ganze ist
daran schuld; wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen!«
»Die Sittlichkeitsfrage ist überhaupt so weit verzweigt, daß sie später
zur Aufgabe eines besonderen Ausschusses gemacht werden sollte,« sagte
Graf Brelow. »Zu den Gefahren, welche die Herren Vorredner anführten,
gesellt sich noch manches andere. Abgesehen von der Unzucht an sich,
möchte ich heute nur auf einige Punkte aufmerksam machen. Es sind die
Schankwirtschaften, die Büchereien und die Sonntagsentheiligung.«
»Je mehr Einzelschäden wir zusammentragen, um so trüber gestaltet
sich das Gesamtbild,« meinte Exzellenz von Kambachs Hausarzt, der
weißhaarige Geheimrat Groner. »Aber wir wollen keine Vogelstraußpolitik
treiben, wir fordern die Wahrheit. Nur wer seinen Gegner kennt, kann
ihn recht bekämpfen. Und wir haben ihn erkannt: Wir wissen, daß der
riesenhafte Kampf, den Deutschland heute kämpft, der Kampf zwischen
Glauben und Unglauben ist, zwischen dem lebendigen Gott und dem toten
Götzen Mammon, -- mögen die Einzelschäden auftauchen, wo und wann sie
wollen, mögen sie heißen, wie sie wollen, ihre Fäden laufen zusammen
in der Abkehr von Gott, in der Feindschaft wider das Kreuz. Darum der
Sittenverfall im deutschen Land. Denn das Volk, das den Glauben an
einen persönlichen lebendigen Gott verwirft, muß von der Höhe seiner
Kultur in die Tiefe stürzen, ob es der Antike angehört oder sich als
Weltanschauung des modernen Heidentums monistisch zurechtstutzt. Daß
der Bund das offen bei Namen nennt, daß er das geringste Zugeständnis
nach links, daß er die sogenannte ›Gleichberechtigung der Richtungen‹
glatt ablehnt, wird ihm viele zu Gegnern machen, die einer gemäßigteren
Losung vielleicht gerne zugestimmt hätten. Aber lassen wir uns nicht
irremachen. Gerade in dieser Stellung liegt unsere Kraft. Denn
nicht nur unsere Ewigkeit gründet sich einzig und allein auf die
geoffenbarten Heilstatsachen, auf den Glauben an Jesum Christum, den
gekreuzigten und auferstandenen ewigen Sohn des lebendigen Gottes,
auch unseres Volkes Erdenglück und Zukunft stehen und fallen mit
seiner Stellungnahme zum Kreuz. Darum, -- wollen wir in Wahrheit
Deutschlands Helfer sein, so muß es heißen: ›Landgraf, werde hart!‹
Hart gegenüber jeder Falschmünzerei, wie sie auch heiße, hart gegenüber
dem Feinde, der unserem Volke die Grundlagen seines Christenglaubens
untergraben will. Und nicht nur heilige Abwehr gilt's, sondern, wie
uns vorhin so treffend gesagt wurde: Gegenmobilmachung, Angriff. Das
biblische Evangelium in das nationale und sittliche Volksleben, in das
kirchliche, in das Familien- und Einzelleben, hineinzutragen oder das
verlöschende neu zu entfachen, das ist die Aufgabe der Bekenner und
Bekennerinnen Jesu Christi.
Möchte jeder von uns an seinem Teil, von der Liebe regiert, vom Geiste
Gottes geleitet, dazu beitragen, diese gewaltige Aufgabe zu lösen!«
Oberstallmeister von Kambach ergriff das Wort.
»Mit herzlichem Dank für die mancherlei wertvolle Anregung möchte
ich noch auf eins hinweisen, das ich vorhin außer acht gelassen
habe, das aber auf unserm Programm nicht vergessen werden darf: der
Bund lehnt jede Parteipolitik grundsätzlich ab. Nicht, daß er sich
seines Einflusses auf die Politik als solche begeben will. Es ist ein
Irrtum, Religion und Politik zu scheiden. Politische Verhältnisse sind
nicht, -- wie viele glauben -- allein entscheidend für nationales
Glück oder Unglück. Sie sind Werkzeuge Gottes, die in seinen Händen
Zuchtruten oder Gnadenerweise werden, -- ganz gewiß! Aber der tiefste
Grund völkischer Reaktion liegt lediglich in der Stellungnahme zu dem
persönlichen Gott. Darum können und dürfen wir Christentum und Politik
nicht trennen. Nur Parteipolitik gehört nicht hierher.
Ich schließe mit einem Wort Spurgeons: ›Der Teufel hat nie ein größeres
Kunststück ausgeführt, als da er den gläubigen Christen weismachte, die
Religion gehöre nicht in die Politik. Ich wüßte kein Gebiet, wo sie
mehr hineingehörte!‹ -- Darum vorwärts in der Kraft des Kreuzes, im
Namen Gottes!«
»Bravo!!« klang's einstimmig von allen Seiten. »Sehr richtig!«
Der alte Bühler blickte auf die Uhr, nickte dem Oberstallmeister zu und
sagte: »Da wir die wirtschaftliche Frage morgen in einer Sondersitzung
behandeln wollen, darf ich vielleicht mit Rücksicht auf unsere gütige
Wirtin den Schluß der Sitzung beantragen. Nur noch eine Frage. Haben
wir eigentlich einen Direktor in Aussicht?«
»Bis jetzt noch nicht, Erlaucht. Meine Mutter und ich haben uns die
größte Mühe gegeben, aber die Persönlichkeit für diesen Posten ist
nicht so leicht zu finden. Ich wäre sehr dankbar für jeden Hinweis. Da
wir nicht eher an die Öffentlichkeit treten können, wäre eine baldige
Erledigung der Frage dringend erwünscht.«
»Nur keine Übereilung, Karl Heinrich,« sagte Frau Sabine. »Wir brauchen
eine Persönlichkeit aus einem Guß.«
»Sei unbesorgt, Mama. Einen, der für liberale Rutschpartien zu haben
ist, nehmen wir nicht.«
Sie lächelte. Das wußte sie wohl. Dafür stand ein Kambach an der
Spitze. Aber es gab viel zu bedenken bei dieser Wahl. Sie war ihr
längst ein heiliges Gebetsanliegen.
* * * * *
Die Sitzung war geschlossen. Es war still geworden im Hause. Die
müde Greisin bedurfte der Ruhe. Sibylle ging in ein Konzert. Der
Oberstallmeister wollte noch einen alten Freund aufsuchen.
»Hab' ich dir eigentlich schon erzählt, Mama, daß Pastor Wendler sehr
krank an einer Art gastrischem Fieber ist?« fragte er abschiednehmend.
»Die Aufregungen der letzten Zeit sollen daran schuld sein, vor allem
die Geschichte mit der Lehrerfrau. Daß er die Rede an Eberhards Sarg
nicht halten konnte, war ja klar, aber leicht war's nicht für mich,
als ich ein paar Tage danach von seiner Erkrankung erfuhr. Er hat sich
gleich nach Drachenburg ins Krankenhaus begeben. Zweimal war ich da,
wurde aber nicht vorgelassen. In den letzten Tagen habe ich nichts
gehört. Übermorgen will ich in Drachenburg einen Zug überschlagen und
noch einmal versuchen, ihn zu sehen.«
Sie hatte ihm aufmerksam zugehört.
»Ja, tu' das!« bat sie. Ihre ganze Seele lag in den Worten.
Er küßte ihre Hand.
»Versprich dir nicht zuviel davon, Mama!«
»Geh' nur, Karl Heinrich!« --
Und dann rüstete sie sich zur Nacht.
Beim Schein der Lampe saß sie, das weiße Haupt über die Bibel geneigt.
›Es war aber ein Jünger zu Damaskus, mit Namen Ananias. Zu dem sprach
der Herr im Gesicht: ›Ananias!‹ Und er sprach: ›Hier bin ich, Herr!‹
Der Herr sprach zu ihm: ›Stehe auf und gehe hin in die Gasse, die da
heißt die Richtige, und frage in dem Hause des Judas nach einem, namens
Saul, von Tarsus; denn siehe, er betet.‹
Von den Türmen riefen die Uhren. Die Greisin schloß das heilige Buch
und trat ans Fenster. Sterngefunkel grüßte die Erde.
Sie blickte empor.
›Denn siehe, er betet!‹ --
Ihre Seele breitete die Flügel und zog durch die schlafenden Lande,
höher, immer höher hinan. Wege, die nur der Glaube kennt, die nur der
Glaube geht.
Ein hoher Schein stand über dem Werk des vergangenen Tages, bis in
die Ewigkeit ihres Volkes hinein reichte die Arbeit, um die sich eine
kleine Schar deutscher Männer und Frauen zum erstenmal gesammelt.
Und Glaube war's, der in leuchtender Märznacht die Spule ergriff und
den Webstuhl umschritt, der mit feinen goldenen Fäden das Geschick
eines Starken mit seines Volkes Geschichte verknüpfte.
Zwölftes Kapitel.
Der alte Krückstock.
Es klingt ein Ton in den Garten hinaus:
Großmutters Krückstock wandert durchs Haus.
Großmutters Krückstock, verbraucht und alt --
Es naht die liebe gebeugte Gestalt.
Die alte Zeit tritt leise herein,
Erinnerung webt ihren Schleier fein.
Ein welkes Myrtenkränzlein erblüht,
Gelbveiglein duftet, der Thymian glüht.
Die Spindel schnurrt, das Märchen wird wach
Und huscht verstohlen durchs stille Gemach.
Zieht aber feiernd der Mond herauf,
Schlagen greise Hände die Bibel auf.
Dann spricht die Ahne das Nachtgebet --
Es scharrt der Krückstock -- ›Kind, -- es ist spät!‹
Frühlingszauber in der märkischen Heide! Singen und Klingen über
Sumpf und Sand, über dem stillen schwermütigen Lande mit seinen
verträumten Seen und sonnigen Hügeln! Lerchen jubelten in den Lüften,
Schwalbenschwänze und Feuerfalter gaukelten über bunten Ackerkräutern.
Und ein Surren und Summen ringsum in Gras und Farn, über junger Saat
und blühenden Sträuchern. Der ganze Zauber des märkischen Tieflandes,
dessen sanft gewellte Heidstrecken und leuchtende Fernblicke die arme
nordische Ebene so wunderlieblich schmückten, war vom Winterschlafe
erwacht und grüßte die Heimat. Und das junge Leben und Weben in Wald
und Wiese war schön, wie ein Stück Sonntagsfreude!
Hell und freundlich grüßte das Gutshaus, vom goldenen Schleier
knospender Linden umweht, herüber. Breit und behaglich lag's im Kranz
strohgedeckter Scheunen. Die Fenster blinkten in der Sonne, als
brennte das Haus, ein warmer Schein spielte um das alte Schieferdach.
Goldlack und allerhand altmodische Blumen dufteten hinter den weißen
Mullgardinen, eine Gartenbank aus dem vorigen Jahrhundert erzählte ein
Stück Familiengeschichte, und hochgemut grüßte der Hausspruch über dem
Eingang:
›Gott, wer zu dir sich stellet,
Hat sicher sich gestellt,
Wer sich zu dir gesellet,
Der hat sich gut gesellt!‹[4]
Das war der Witwensitz der Frauen von Kambach. Wie ein stiller Zeuge
ihrer starken stillen bodenständigen Art, ragte der schlichte Bau ins
märkische Land hinaus.
Hinter dem Hause, wo der Garten sich in Wiesen verlor, war alles
veilchenblau, und süßer Duft wehte über den Wegen. Weit hinaus schaute
das Auge. Wie ein feiner duftiger Aquarell lag die überschwemmte
Ebene im Sonnenglanz. Der Birken lichtgrüne Schleier wehten über
dem Moor, und das weiße Sumpfgras blühte. Weiterhin eine zerzauste
Kiefernkrone über sprossendem Schilf und blühendem Dorn, dahinter die
Ferne, duftig wie ein Hauch. Keine feste Linie mehr, -- ein Traum
von rosa Heidhügeln, von blauen Seen und lauschigen Wasserstraßen,
von efeuumsponnenen Domen, verwitterten Edelsitzen und verlassenen
Kirchhöfen, -- Fontanes tiefsinnige Poesie war erwacht und grüßte die
Heimat! -- --
Zwei Frauen saßen auf der Bank in der Sonne. Eine alte und eine junge.
Die Greisin blickte sinnend in die Weite, die andere schaute vor
sich nieder, als quäle sie des Lebens Alltäglichkeit. Ein unsäglich
schwermütiger Zug lag in dem schönen Antlitz der jungen Frau, die in
wenig Monden zum erstenmal Mutter werden sollte, ein abgrundtiefes
Leid. Und die Alte im weißen Haar fühlte: es war eine von den Lasten,
denen morgens der erste Gedanke gilt, die abends die letzte Träne
befeuchtet, die sich in der Stille der Mitternacht auf die Seele legen
wie ein Alp.
Das härteste aber war: dem jungen Weibe fehlte die Tragkraft. Es gibt
Frauen, die wie ein klarer rascher Bach ihre Stärke an des Lebens
Last erproben, die, je länger, je mehr, die Kunst des Tragens lernen,
deren Spannkraft unter ihrer Bürde wächst -- Ilse Bühler gehörte
nicht zu ihnen. Sie welkte unter ihrer Last dahin. Mühselig schleppte
sie sich von einem Tag zum anderen. Nur die Hoffnung hielt sie noch
aufrecht: ›Es ist ein Übergang! Wenn er sein Kind in den Armen hält,
wenn ich ihm wieder bin, was ich ihm einst in den ersten Tagen der
Ehe war: die jugendschöne, sonnige Frau, -- dann, dann wird's sein
wie einst!‹ -- Und sie vergaß über ihrer brennenden Weibessehnsucht,
wie tief sie sich selbst und den Mann, den sie liebte, mit diesem
Gedanken erniedrigte, wie sie, auf die innerste, seelische Gemeinschaft
verzichtend, das Allerheiligste der Ehe entweihte und veräußerlichte,
vergaß vor allem, daß diese Hoffnung ein Trugbild war, die angesichts
der Wirklichkeit in nichts zerrinnen mußte, -- vergaß, daß Wolf
Dietrich weniger Augenblicksmensch, als kalter berechnender Selbstling
war. Einem bösen schlimmen Wort aber, das er in schwerer Stunde zu ihr
gesprochen, glaubten Frauenliebe und Weibessehnsucht seinen schärfsten
Stachel nehmen zu dürfen, -- es war nicht so gemeint, er sprach's in
der Erregung! Aber es war so gemeint. Klar und deutlich hatte er's
ausgesprochen: ›Ich will keine Kinder, höchstens dies eine; wozu
habe ich eine schöne Frau? Dazu stehe ich nicht in einem eleganten
Regiment!‹ -- Wohl gab es Stunden, wo die wahre Erkenntnis in der Seele
der jungen Gräfin erwachte und sie zu erdrücken drohte. Aber bisher
war's ihr wieder und wieder gelungen, die Schatten, die ihr Glück
verdunkeln wollten, zu verscheuchen. Nur in letzter Zeit und besonders
in dem stillen Dreilinden, wo sie während Fräulein Eichel's kurzem
Urlaub der Großmutter Gesellschaft leistete, legten sich die Gedanken
wie ein Bann auf ihr Herz.
›Es sind Nerven,‹ sagte sie sich und schob sie beiseite.
Aber sie kamen wieder und wurden ihr zur Qual. -- --
Ilse Bühler war nicht im landläufigen Sinne oberflächlich. Sie hätte
mit dem Manne, den sie liebte, hellen Auges trocknes Brot gegessen, und
gehörte nicht zu den jungen Frauen, die nur nach Tand und Vergnügen
fragen. Dafür hatten schon Elternhaus und Erziehung gesorgt. Aber
ihrem Wesen fehlte die Tiefe und darum die Kraft. Was ihr Vater
vorausgesehen, traf -- viel früher als er's erwartet -- ein: sie ging
an dem Wesen ihres Mannes zugrunde. Nicht stark genug, um dem Sturm
zu trotzen, ward ihr die gemeinsame Not zu schwer. Es kam hinzu, daß
ihr das tiefste religiöse Bedürfnis fehlte. So blieb ihr Leben arm und
leer, und die Zeit, die ihrer Seele zur Festigung hätte dienen können,
verstrich ungenützt. Sie verstand das Kreuz nicht, darum vermochte sie
nicht, es im Glauben zu umfassen.
»Wenn er sich nur ein einziges Mal auf das Kind gefreut hätte,« sagte
sie mit erstickter Stimme und wandte das Gesicht zur Seite.
Exzellenz von Kambach schwieg. Was sollte sie sagen? Ihre Sorgen
waren viel ernsterer Art als die ihrer Enkelin, welche glaubte,
die Entfremdung ihres Gatten allein in den augenblicklichen äußeren
Verhältnissen suchen zu sollen. Die Großmutter blickte tiefer.
Abgesehen davon, daß Roselius in den letzten Wochen öfter bei ihr
gewesen und eingehend mit ihr über den Kameraden, in dessen Hause
er seit seiner Verheiratung viel verkehrte, gesprochen, hatte sie
selber längst mit dem feinen Gefühl der reifen Frau bemerkt, daß
diese Ehe nie eine glückliche werden würde. Bühlers leichtlebiger
und leidenschaftlicher Charakter forderte sprühende Sinne. Die
zarte Hingabe seiner Frau mußte seinem Wesen auf die Dauer nicht
nur widersprechen, sondern die Gatten einander entfremden. Ilses
Vater hatte das alles vorausgesehen und sie gewarnt. Aber in ihrer
blinden Liebe zu dem schönen ritterlichen Manne hatte sie seine Worte
in den Wind geschlagen. Nun war das Unglück da. Was ihn in einem
kurzen Brautstand entzückt, was seinem eitlen Charakter vorübergehend
geschmeichelt, langweilte Bühler auf die Dauer. Er wußte selbst nicht
warum. Daß die Reinheit der Frau, die er an sich gebunden, seine Seele
immer wieder an empfindlicher Stelle traf, gestand er sich nicht ein.
Und doch war dies der tiefste letzte Grund, daß er sich immer mehr von
ihr zurückzog. Er hatte die Braut in seiner Art geliebt, d. h. seine
Leidenschaft hatte sich an ihrer Schönheit berauscht. Die Ehe, Ilses
schonungsbedürftiger Zustand, die Enttäuschung, mit seiner jungen
Gattin nicht bei Hofe glänzen zu können, der Gedanke, ›übers Jahr ist's
vielleicht nicht anders!‹ -- das alles reizte und verstimmte ihn. Und
nicht gewohnt, sich in Zucht zu nehmen, ließ er seine Launen an ihr aus
und ging seine eigenen Wege. Wohin die aber führten, ward der greisen
Exzellenz je länger, je mehr zur Gewißheit.
»Manchmal überkommt mich eine wahre Angst vor der Zukunft, Großmama,«
klang's leise und gepreßt an ihrer Seite. »Ich glaube, Wolf Dietrich
wäre entsetzt, wenn wir mehr als ein Kind bekämen ...«
»Mit dieser Möglichkeit wird er sich doch aber abfinden müssen.«
Einen Augenblick war's still. In die blassen Wangen der jungen Frau
stieg flammende Röte. Sie wandte sich ab. »Ich glaube nicht, daß er das
tut,« sagte sie mit zerdrückter Stimme.
»Ilse!« Die alte Dame legte die Hand schwer auf den Arm der jungen.
»Und -- und du?«
»Ich -- ich muß gehorchen!« klang tonlos die Antwort.
Wieder war's still.
Mit gefurchter Stirn blickte die Greisin in den Frühlingstag hinaus.
Ein abgrundtiefes Frauenleid lag vor ihr ausgebreitet, das Martyrium
des Weibes, dessen tiefstes Empfinden noch wurzelecht, dessen Sehnsucht
noch rein und natürlich ist. Und gerade sie, deren Seele ungefestigt
war, deren Charakter erst reifen sollte in der Schule des Lebens, die
in dieser Stunde nichts besaß, als die Sehnsucht, ihr Kindlein ans
Herz zu drücken, gerade sie mußte die Verachtung der Mutterschaft aufs
tiefste kränken.
Und dann klangen Worte neben ihr, die sie trotz allem, was sie in den
letzten Wochen erlebt, nicht für möglich gehalten, -- leise und scheu,
unter dem Druck tiefsten Leides: »Eigentlich -- wollte er's schon
diesmal nicht!«
Es ging über die Kraft der Sprecherin. Sie barg das Gesicht in den
Händen und schluchzte wie ein Kind.
Sprachlos saß Frau von Kambach da. In ihrer Seele lohte der Zorn. War's
menschenmöglich, daß das von einem Bühler gesagt wurde? Von einem
märkischen Edelmann? Einem Christen? Ach, das war ja die Ursache aller
Not -- er war kein Christ! Ein Ausschnitt aus dem großen Gesamtbilde
war dies Leid, das ihr besonders schwer auf die Seele fallen mußte.
Die Ursache des großen völkischen Niederganges umschloß das schwere
Einzelurteil: kein Christ! Und es wollte etwas in dem alten treuen
Herzen zerspringen bei dem Gedanken: ›Von oben nach unten! An dem
Kindermord in unserem Vaterland sind schuldig, die deines Blutes sind
-- wir, der deutsche Adel!‹
Wo wollt's hinaus? Stand die Welt auf dem Kopf, daß alles, was sonst
hoch und heilig gehalten ward, mit Füßen getreten wurde? Und in
tausend und abertausend Fällen, wie hier, aus dem leichtfertigsten
oberflächlichsten Grunde, -- um Frauenschönheit, um Spiel und Tanz,
um bequemes Leben! -- Diesmal hatten sich Mutterhände schützend über
die Wiege eines mit heißer Sehnsucht erwarteten Kindleins gebreitet,
-- übers Jahr würde es heißen: ›Ich muß gehorchen!‹ -- Aber wie oft
war's gerade das Weib, das sich seiner höchsten Würde in unfaßlicher
Leichtfertigkeit entäußerte und sich seines heiligsten Dienstes mit
der schamlosen Begründung weigerte: ›Ich will mir nicht die Saison
verderben!‹ So sprachen deutsche Frauen!
Der greisen Brandenburgerin war's oft ums Herz, als habe sie keine
Heimat mehr, als sei das Land, darin sie lebe, ein fremdes, mit neuen
Sitten, neuen Bräuchen und -- das war das Schwerste, Unerträglichste
-- neuem Glauben. Denn nie wär's so weit gekommen, hätte Deutschland
nicht seines Gottes vergessen! Aber der Abfall vom Kreuz konnte nur
Entsittlichung bringen, und der Geburtenrückgang war ihre erste Frucht.
Ein religiös sittlicher Schaden der Ruin eines ganzen Volkes! -- --
Ihre Gedanken kehrten zum eigenen zurück. Mit zitterndem Arm umschlang
sie die Enkelin.
Da legte Ilse Bühler den Kopf an die Schulter der Großmutter und weinte
sich satt.
Sanft strich Frau Sabine über das blonde Haar.
Was war in ein paar Monaten aus dem blühenden Mädchen geworden? Eine
müde überzarte Frau, deren Gesundheit schon jetzt Grund zu ernster
Sorge gab. Ihre Gedanken wanderten. Könnte sie Ilse, um ihr die
täglichen Aufregungen fern zu halten, wenigstens in den beiden nächsten
Monaten zu sich nehmen! Bühler kam in diesen Tagen, um seine Frau
wieder abzuholen. Sie wollte mit ihm sprechen. Aber Ilse sollte nichts
vorher erfahren.
Grundsätzlich war Frau von Kambach freilich gegen diesen Gedanken.
Aber so, wie die Dinge lagen, erkannte sie ihn beinahe als eine
Lebensforderung. Denn wer sollte sich in jener Zeit der jungen
Frau annehmen? Eine Mutter hatte sie nicht; Gräfin Bühlers für ein
Krankenzimmer vollständig ungeschulte Persönlichkeit hätte mehr
geschadet als genützt, auf andere Verwandte war nicht zu rechnen;
Sibylle war seit einigen Tagen Harros Braut, und sie selbst mit ihren
Altersbeschwerden, ihrem ungelenken Körper paßte nicht mehr in den
Rahmen einer jungen Häuslichkeit. Hier aber in der Stille des kleinen
Dreilindens, in Fräulein Eichels treuer Pflege war mehr Aussicht,
der zarten Frau in schweren Tagen zu helfen, als in Drachenburg oder
Kambach. Das wollte sie dem Enkel sagen und zugleich die Gelegenheit
benutzen, ihm noch einmal ins Gewissen zu reden. Ob viel dabei
herauskommen würde, war eine andere Frage, doch sie sagte sich: ›Dann
hast du wenigstens deine Pflicht als Großmutter erfüllt!‹
Aber während sie sinnend in die Weite blickte, erwachte ein Zweifel in
ihrer Seele: würde Ilse dieser Gedanke nicht verletzen, würde sie ihn
nicht zurückweisen? Sie sah auf die Enkelin nieder. Sie war ruhiger
geworden, aber der gesenkte Kopf mit der schweren blonden Flechtenkrone
lehnte noch immer an ihrer Schulter.
Schweigend hielt sie sie umfaßt.
Sie hatte ihr nichts Neues zu sagen. Den Rat, fest auf Gott zu
vertrauen, hatte sie ihr wieder und wieder gegeben, auch heute noch.
Ilse hatte auch versucht, sich an den treuen Worten der Großmutter
aufzurichten, aber ihre zarte empfindsame Natur war nicht stark genug,
um über irdische Not hinwegzublicken. Es kam hinzu, daß ihre Stimmung
von ihrem Befinden abhängig war, daß ihr nervöser Zustand sie Schein
und Sein nicht mehr unterscheiden ließ.
Trotzdem war Frau von Kambach überrascht, als sie, sich aufrichtend,
sagte: »Großmutter, ich hab' eine große Bitte an dich! Du wirst sie
vielleicht nicht verstehen und mich abweisen, wirst sagen: ›Die Frau
gehört in das Haus ihres Mannes!‹ Das tut sie auch. Aber, Großmutter,
-- ich -- ich kann nicht mehr, körperlich und seelisch nicht!! Wenn
ich eine Weile Ruhe hätte, würd's wieder gehen, aber jetzt in dieser
Verfassung dies Leben ertragen« -- sie brach, über die eigenen Worte
erschreckend, jäh ab.
Aber die Großmutter legte ihre schlanke feine Hand auf die der jungen
Offiziersfrau.
»Weiter, Ilse!«
Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann sagte Ilse Bühler tief
errötend: »Großmama, laß mich hier bleiben, bis alles vorüber ist!«
Frau von Kambach antwortete nicht. Dieselben Wege, die sie in
fürsorgender Liebe gewandert war, ging eine andere in unüberwindlicher
Furcht.
Und das Warum stockte der alten Frau auf der Lippe. Aber dann machte
sie sich stark und sprach's dennoch aus.
Ilse strich das Goldhaar aus dem erhitzten Gesicht. »Warum?« Sie senkte
den Blick, und die Lippen zuckten. »Großmama, du weißt es doch, -- weil
-- weil's zu Hause unmöglich ist.« Und stockend kam's hinterdrein: »Ich
habe gestern schon mit Sibylle darüber gesprochen. Sie meint auch, es
gehe nicht. Und wenn sie es meint -- Wolf Dietrich ist doch ihr Bruder,
und auf Billy hört er noch am ersten.«
Schweigend hatte Exzellenz von Kambach zugehört. Die einfachen Worte
erzählten eine große Tragödie. Ungewollt -- unbewußt: ›Es geht nicht,
Billy sagt es auch!‹ -- Die Frau, die noch kein Jahr verheiratet war,
hatte keine stille Stätte im Hause ihres Mannes -- »wenn ich eine Weile
Ruhe hätte, würd's wieder gehen!« So mußte sie sprechen, um ihrer
selbst, um ihres Kindes willen. Ob sie die ganze Tragweite ihrer Worte
ahnte? Die Greisin, die wie wenige das Leben kannte, glaubte es nicht.
Aber, daß sie litt, war klar, daß eine Wunde blutete und blutete. Frau
von Kambach sagte sich: ›Wenn Gott nicht ein Wunder tut, wird sie nie
heilen, nie vernarben!‹
»Weiß Wolf Dietrich von dem Gedanken?« fragte sie.
»Nein, ich wollte dich erst fragen und dich bitten ...«
»Ich soll's ihm sagen?« Die alte Frau schüttelte den Kopf. »Kind, Kind,
ihr seid weit gekommen in den paar Monaten eurer Ehe! Nimmst du die
Sache nicht zu schwer, Ilse?«
Die junge Gräfin schwieg. Das letzte, tiefste, das sie kaum zu glauben
wagte, das je und dann wie ein Gespenst in ihrer Seele auftauchte und
wieder verschwand, das konnte und wollte, -- das durfte sie niemand
sagen. Auch der Großmutter nicht. Es war ja nur ein Schatten, der
auf ihren Weg fiel; woher er kam, was er bedeutete, wußte sie nicht,
wollt's auch nicht wissen, -- etwas Unwirkliches war und blieb es, dem
Gestalt und Leben fehlten. Herr Gott, -- ja -- sie fehlten! Vielleicht
war's das Beste! Aber warum stürmten die Gedanken immer wieder auf
sie ein? Fast erschien es ihr ein Verbrechen, einen Verrat, daß sie
ihnen Einlaß gewährt, daß sie immer wieder jener Stimme lauschte.
Die flüchtige Bemerkung einer älteren Dame, welche vor seiner Heirat
stark auf Graf Bühler für ihre Tochter gerechnet hatte und seiner
jungen Frau nicht gerade wohlgesinnt war, hatte den ersten heimlichen
Zweifel in Ilses Herz getragen. Eine Bemerkung wie hundert andere
war's gewesen, aber ihr feines weibliches Gefühl sagte ihr, daß sie
heimliches Gift barg. Wolf Dietrich Bühler war als eleganter Vortänzer
bekannt. Die Feststellung dieser Tatsache an sich hätte nicht zu
befremden brauchen. Aber der Ton, mit dem Frau von Kazarwsky über eine
Berliner Schauspielerin, mit der er auf einem Kostümfest den ersten
Walzer getanzt, sprach, ließ die Gräfin aufhorchen. Sie hatte es
sowieso schon empfunden, daß Wolf Dietrich sich in diesem Winter nicht
auf den Besuch der Hoffeste und Regimentsbälle beschränkte, sondern
zahllose Einladungen angenommen, die er hätte ablehnen können. Die
Abende, an denen er ihr Gesellschaft geleistet, konnte sie zählen, und
dann war er schlecht gelaunt gewesen, nervös, gelangweilt! --
Sie seufzte. »Großmamachen, du weißt ja, wie es bei uns aussieht,«
sagte sie traurig. »Ich will mich wahrhaftig nicht besser machen, als
ich bin, aber ich weiß nicht, was ich tun soll, um diesen Zustand zu
ändern.«
Verzweifelt klang's. -- --
Ein Wagen rollte über den Fahrdamm.
Gräfin Bühler lauschte hinüber. »Das ist Mama mit dem Brautpaar!«
Die alte Exzellenz erhob sich. »Ich will mit Wolf Dietrich sprechen,
Ilse,« sagte sie, während sie in das Haus gingen. »Aber wenn er nein
sagt, mußt du dich fügen!«
Schwermütig blickten die blauen Augen der jungen Frau über die
blühenden Wiesen in die sonnige Weite. »Er sagt nicht nein!« entgegnete
sie leise.
Und Frau von Kambach widersprach nicht.
* * * * *
Sibylle Bühler war eine reizende Braut. Das Glück strahlte ihr aus
den Augen und machte sie noch schöner. In einem eleganten fliederlila
Straßenkleide saß sie ihrem Verlobten gegenüber im offenen Landauer,
und winkte schon von weitem ihrer geliebten Exzellenz und der
Schwägerin zu.
Dann hielt der Wagen. Sie war die erste, welche die Greisin begrüßte.
»Nun werd' ich auch eine Kambach!« jubelte sie und küßte wieder und
wieder ihre Hände.
Frau Sabine schloß ihren Liebling in die Arme: »Willkommen in
Dreilinden, liebes Kind!« sagte sie mit mütterlicher Herzlichkeit.
»Möchte mein Enkel sich deiner würdig zeigen!«
In die warme Freundlichkeit mischte sich milder Ernst, Ein feines Rot
stieg in die Wangen der Braut. Zum zweitenmal ward ihrem Verlobten eine
Mahnung aus berufenem Munde zuteil. Heute sprach die Liebe sie aus,
gestern die Gerechtigkeit. Streng und scharf hatte der Empfang des
Großvaters auf der Bühler Freitreppe gelautet: »Ich wünsche Ihnen von
Herzen Glück, mein lieber Kambach! Ob ich meine Enkelin beglückwünschen
darf, weiß ich nicht!«
Harro hatte vor dem Manne im weißen Haar geschwiegen, sie selbst einen
Augenblick mit den Tränen gekämpft. Ihre Mutter, die immer Herrin
der Lage blieb, stellte mit einer Bemerkung über das gute Aussehen
des Schwiegervaters äußerlich das Gleichgewicht wieder her, aber der
Schatten, der sich auf die Stunde des Glückes gelegt, ließ sich nicht
ganz verscheuchen. Zumal Sibylle, die den Großvater so zärtlich liebte,
konnte diesen Empfang nicht begreifen. Erst das Wort der Frau, die sie
wegen ihrer gerechten Denkweise so hoch verehrte, half ihr die Art
des Greises auch in dieser Stunde verstehen. Sie begann einzusehen,
daß sein Glückwunsch, von seinem Standpunkt aus, nicht anders lauten
konnte. Er war niemals für die Verlobung gewesen, und hätte sie
am liebsten verhindert. Freude darüber zu heucheln, hätte seiner
großzügigen aufrichtigen Natur widersprochen. Aber nicht nur das --
sein Wahrheitsgefühl forderte es, der persönlichen Empfindung in diesem
Augenblick Ausdruck zu verleihen. Daß seine Meinung schroff herauskam,
lag in der ihm eigenen Schärfe und in der Natur der Sache. Noch niemals
hatte sich ein rechter Bühler mit etwas einverstanden erklärt, wenn
er es nicht war. Der alte konservative Geist, der keine Neuerung, wie
sie auch heißen mochte, ertrug, kam hinzu, der schärfere Ehrbegriff,
die straffere Zucht einer vergangenen Zeit. Und Sibylle mühte sich,
einem großen edlen Charakter gerecht zu werden. Aber leicht war's
nicht, weil das Wort des Großvaters eine bittere Wahrheit enthielt.
Sie wußte, es richtete sich gegen Vergangenes. Das tat ihr weh. Ihre
Liebe hätte es gern bedeckt. Aber auch des Gegenwärtigen gedachte der
Erblandmarschall, denn die Glaubenslosigkeit eines deutschen Mannes
bedeutet für ihn einen sittlichen Mangel.
Das alles hatte sie vor ihrer Verlobung gewußt. Mit dem Mute echter
Frauenliebe hatte sie, ohne ihre Kraft zu überschätzen, dem Vertreter
einer atheistischen Weltanschauung das Jawort gegeben. Sie wußte,
daß sie in ihrer jungen Ehe entweder mit Nietzsche und Schopenhauer
zu kämpfen haben würde oder mit religiöser Gleichgültigkeit. Auf das
erste richtete sie sich mit dem Wagemut des Glaubens, vor dem zweiten
bangte ihr, -- dennoch -- es gibt Frauen, denen ihre Liebe allezeit und
allerorten die königliche Gebieterin bleibt. Das Schwerste wird ihnen
leicht, das Unmögliche dünkt sie möglich, sie glauben und hoffen alles.
Und wenn ihre Zuversicht zuschanden wird, bereuen sie nicht, sondern
sagen sich: ›Ich tat, was ich konnte!‹
Von diesen Gesichtspunkten aus ward sie dem alten Herrn gerecht. Sie
war überzeugt, hätte sie ihn gefragt: ›Großvater, warum hast du mir
das getan?‹, so hätte er ihr mit derselben Offenheit geantwortet:
›Aber, Billy, soll ich denn lügen? Ich kann dich beim besten Willen
nicht beglückwünschen! Wenn ich es später nachholen kann, soll's mich
herzlich freuen!‹
So würde der alte märkische Edelmann sprechen. Lieber sagte er eine
Grobheit, als daß er die Wahrheit verschwieg oder umging.
Aber auch in der Enkelin steckte ein gut Teil von dieser Kraft. Ehrlich
sah sie ein, daß das, was sie im ersten Augenblick als übertriebene
Schärfe aufgefaßt, zu der ureigensten Natur des Großvaters gehörte,
und schaute ihrem Glück, dessen Klippen ihr nicht verborgen geblieben,
mutig ins Auge. Sie war eine Kampfnatur im besten Sinne. Ein Glück, auf
Rosen gebettet, hätte ihrem starken klaren Charakter kaum entsprochen.
Wahrer Friede würde immer ihres Herzens Sehnsucht bleiben, aber niemals
würde sie ihn um den Preis des heiligsten Gutes erkaufen. Der Kampf um
dieses Gut hörte aber nicht auf, solange die Erde stand, -- wundersam
hätt' es zugehen müssen, wenn er ihr Haus verschonte. Als ein Stück
Kampf hatte sie in jungen Jahren ihr Christentum verstehen gelernt; sie
wußte nur zu gut, daß die Wachtfeuer nicht verlöschen dürfen, solange
die Sünde eine Großmacht auf Erden bedeutete.
So verlor jenes schlimme Wort im Blick auf die ehrwürdige Gestalt
eines alten tüchtigen Geschlechts, welches preußische Zucht und wahres
Christentum hoch hielt, seine Schärfe.
Auf ihrem frischen glücklichen Gesicht lag ein Zug ernsten Sinnens, als
sie ihre Schwägerin umarmte.
Harro Kambach begrüßte seine Großmutter.
»Na, mein Junge, nun bist du ja am Ziel,« sagte sie bewegt und küßte
ihn auf die Stirn. »Sei ein rechter Kambach und halte dein Kleinod in
Ehren!«
In die hübschen Züge des jungen Offiziers trat tiefer Ernst. Zum
zweitenmal beugte er sich über die Hände der alten Frau.
»Du bist der letzte Kambach,« sagte sie, von Erinnerungen übermannt,
mit zitternder Stimme.
Er blickte auf. Klar und fest sah er sie an. »Ich will meinem Namen
Ehre machen, Großmama!« entgegnete er einfach.
Sie nickte ihm freundlich zu und begrüßte Sibyllens Mutter.
Gräfin Bühler benutzte in Deutschland jede Gelegenheit, irgendein
elegantes Kleid, welches die Riviera nicht wieder sehen sollte,
spazieren zu führen. Aber was man dort durchgehen ließ, bezeichneten
die schlichten Landedelleute der Mark in den meisten Fällen als
›Unmöglichkeiten‹. Ob die Gräfin dies nicht wußte, oder nicht wissen
wollte, blieb unklar. Jedenfalls kehrte sie sich nicht im geringsten
daran, und bemutterte das Brautpaar in einer meergrünen Tuchtoilette
mit silberner Paillettestickerei verziert. Exzellenz von Kambach hatte
den Eindruck, daß Harro und Sibylle die Begleitung dieses wandelnden
Pariser Modebildes wenig angenehm sei, und täuschte sich nicht.
Man war mit dem ›Meergrünen‹ in Kambach ziemlich abgeblitzt. Dem
Oberstallmeister war alles Auffällige ein Greuel. Er hatte sich in der
Unterhaltung fast ausschließlich an seine Schwiegertochter gewandt. Der
strengste Sittenrichter der ganzen Umgegend aber war der alte Schenker.
Als vornehmer Kammerdiener hatte er sich natürlich in der Gewalt,
aber seine Haltung, sein Gesichtsausdruck, seine Art, einer Dame aus
dem Wagen zu helfen, oder ihr den Mantel umzugeben, drückten seine
Gefühle in unzweideutiger Weise aus. Nun war es in diesem Falle schwer
für Schenker, sich in den richtigen Grenzen zu bewegen, denn Gräfin
Sibylle hätte er am liebsten die Hand geküßt und ihr einen Rosenstrauß
überreicht. Aber in Livree ging das dummerweise nicht. Heute abend
sollte sie ihre Marschall Niel's aber haben, er hatte sie im Treibhaus
für sie aufgespart. Die ›Firlemontsche‹ bekam natürlich keine, na, sie
war ja auch vollständig Nebenperson. Aber beim Empfang war die Sache
nich ohne, immer zwei Gesichter auf Lager haben, war ein bißchen viel
verlangt. Doch es mußte sein. Und mit eisiger Förmlichkeit half er der
Brautmutter aus dem Wagen, das ›Meergrüne‹ und die ›Paillettestickerei‹
mit einem verächtlichen Blick streifend.
Harro fing diesen Blick auf und mußte innerlich lachen. ›Nun geht's zu
Mamsell, und dann heißt's: hat das Weib sich wieder aufklaviert!‹ Im
Grunde gab er dem alten Manne recht. Auf die Schwiegermutter hätte er
selber mit Freuden verzichtet. -- --
Exzellenz von Kambach und Gräfin Bühler hatten sich trotz gegenseitiger
Bemühungen nie verstanden. Charaktere und Lebensinteressen waren zu
verschieden. Auch heute kam kein richtiges Gespräch in Gang. Die Gräfin
schwatzte beim Gabelfrühstück über ihre Reisen, über Mentone und Monte
Carlo, über die italienischen Seen und Sankt Moritz. Den Orten, welche
eine Spielgelegenheit aufwiesen, gehörte ihr besonderes Interesse.
Mit Sorge bemerkte es Exzellenz von Kambach. Gut, daß Sibylle von der
Mutter fort kam.
Während die Gräfin auf sie einredete, beobachtete sie das Brautpaar.
Sibylle bewahrte trotz ihres strahlenden Glückes jene feine
Zurückhaltung, die ihrem Wesen seinen Reiz verlieh. ›Über den Kopf
wächst er ihr nicht‹ dachte die alte Dame, ›aber sie wird immer ganz
Weib bleiben, und darin liegt ihre Stärke!‹
Freundlich nickte sie den beiden zu.
Ilse war sehr einsilbig und zog sich gleich nach dem Frühstück,
Kopfschmerzen vorschützend, auf ihr Zimmer zurück.
»Arme Kleine!« sagte Gräfin Bühler, ihr nachblickend. »Billy wird sich
hoffentlich einmal besser aufführen!«
Die Braut schien die Worte ihrer Mutter zu überhören, aber eine feine
Röte färbte ihre Wangen, während sie ihren Verlobten in ein Gespräch
über Bayreuth verwickelte.
Harro befand sich in seinem Fahrwasser. Wagnermusik war sein höchstes.
Er begann derartig für den ›Parsifal‹ zu schwärmen, daß Sibylle sich
der Hoffnung hingab, die Bemerkung ihrer Mutter sei ihm entgangen.
Die Hausfrau aber sagte mit leiser Stimme scharf und verweisend:
»Sie scheinen zu vergessen, daß Sie nicht in Monte Carlo, sondern in
Dreilinden sind!«
Die schöne Frau zog die Schultern in die Höhe. »+Mon Dieu -- on dit
cela!+«
»Bei uns in der Mark überlegt eine Frau, was sie sagt,« klang es kurz
zurück.
Gräfin Bühler stieg das Blut in die Wangen. Sie sah auf die alte
Standuhr. »Bitte, lieber Harro, bestelle den Wagen!« --
Exzellenz von Kambach machte kein Hehl daraus, daß sie auf eine
Verlängerung des gräflichen Besuches keinen Wert legte. Sie
forderte ihre Gäste nicht zu längerem Bleiben auf, wandte sich fast
ausschließlich an Sibylle, und erhob sich endlich, um dem jungen
Mädchen ein Pastellbild ihrer verstorbenen Schwiegermutter zu schenken.
Überglücklich dankte ihr die Braut.
»Wie ähnlich Harro ihr sieht!« sagte sie dann, das Bild betrachtend.
Er trat näher. »Findest du?«
»Ja, Schatz!« Sie faßte seine Hand. »Aber nicht wahr, du bist ein
rechter Kambach wie dein Vater?«
Eine leichte Verlegenheit malte sich auf seinem Gesicht. »Mein Vater
steht hoch über mir!« gestand er ehrlich.
Gräfin Bühler drängte zum Aufbruch. »Kinder, wir müssen fahren.
Großpapa erwartet uns.«
Der junge Offizier sah sie erstaunt an; aber er schwieg. Sie wußte
doch, daß der alte Herr nach Dambeck wollte.
Sibylle war der Vorgang entgangen. Glücklich blickte sie auf Frau
Sabinens Geschenk. »Es soll mir ein doppelt liebes Andenken sein,«
sagte sie und küßte die schmale Hand. --
Der Diener meldete den Wagen.
Mit großer Lebhaftigkeit verabschiedete sich die Gräfin, allem Anschein
nach froh, diesen Besuch hinter sich zu haben.
»Komm bald wieder, Sibylle,« bat die alte Exzellenz, die Braut des
Enkels umarmend, »aber bleib' über Nacht! Ich sehne mich nach deinem
Geigenspiel!«
Dann sah sie den Abfahrenden nach.
›Sie ist eine rechte Bühler,‹ zog es ihr durch den Sinn, während ihr
Blick der anmutigen Mädchengestalt folgte, die ihr die letzten Grüße
zuwinkte, -- ›sie wird ihm helfen, ein Mann zu werden!‹ Lange noch
stand sie und schaute dem dahinrollenden Gefährt nach. »Wenn er sie nur
glücklich macht!« seufzte sie.
Dann ging sie ins Haus. --
Was Ilse wohl machte?
Sie war in ernster Sorge um die junge Frau. Wie sollte das enden? Und
das Herz der Greisin war wieder ganz bei der Enkelin, deren schwachen
Schultern die Last des Lebens zu schwer war. -- --
Der Krückstock klang auf den Dielen, auf der eichenen Treppe. Er
gehörte zum eisernen Bestand des Witwensitzes, zu der hundertjährigen
Standuhr, darin der Totenwurm an stillen Winterabenden pochte, zu den
altmodischen Möbeln und dunklen Ahnenbildern, zu all den Dingen, die
sich zur Zeit der Freiheitskriege, und früher schon, Heimatrecht im
Hause erworben hatten. Zu ihnen gehörte der alte Krückstock.
Aber es würde ein Tag kommen, wo man ihn nicht mehr auf den stillen
Gängen und Treppen hören, wo der gewohnte Ton für immer verstummen
würde. Es war nur das bekannte kurze Aufschlagen, welches das Nahen
einer lieben ehrwürdigen Gestalt verkündete, das vielleicht nur
~eine~ treue Seele vermissen würde, aber das schöne Dreilinden
trug dermaleinst mit dem alten Krückstock sein Bestes zu Grabe.
Dreizehntes Kapitel.
Eine Heimkehr.
Hilf uns Gott, in Nacht und Nebel
Off'nen Aug's durchs Leben gehen!
Lehr' uns auf die Zeiten achten
Und das eigne Herz verstehen!
Ob wir in des Waldes Dickicht,
Fern vom Feierzug der Frommen
Uns'ren Weg uns suchen müssen --
Wenn wir nur nach Hause kommen!
Schenk' uns unterm Kreuze Gnade,
Nimm uns ab die Last der Sünden!
Hilf uns aus dem Tal der Tränen
In die ew'ge Heimat finden!
»Der alte Schenker ist da und fragt, ob Exzellenz einen Augenblick zu
sprechen seien?«
Die Wirtschafterin war leise durch die geöffneten Räume gekommen und
stand am Schreibtisch ihrer Herrin.
Aufgeschlagene Bücher lagen vor der Gutsfrau, die, über die
Monatsrechnung gebeugt, den Inspektor erwartete.
»Krügern, das paßt mir sehr schlecht, ich erwarte Herrn Niemann jeden
Augenblick,« sagte sie, über ihre Brillengläser hinweg auf die behäbige
Erscheinung der Alten blickend. »Will er denn etwas Besonderes?«
»Es scheint so, Exzellenz.« Sie lächelte. »Das heißt, bei Herrn
Schenker ist vieles etwas Besonderes, was es gar nicht ist. Er hat
das so an sich, Exzellenz, aus einer Kleinigkeit, die ein anderer kaum
beachtet, macht er etwas! Was er will, weiß ich nicht! Er tut sehr
wichtig und geheimnisvoll!«
›Er wird irgendeinen Einfall im Kopfe haben, welcher den Bund
betrifft,‹ dachte Frau Sabine und sagte sich, daß es eine Härte sei,
die alte treue Seele unverrichteter Sache wieder gehen zu lassen. Sie
sah auf die Uhr. Es war noch nicht spät.
»Er soll kommen. Bitte, gehen Sie dann gleich zu Herrn Niemann hinüber,
und sagen Sie ihm, wir wollten morgen früh abrechnen. Das paßt ihm
sowieso besser, ich richte mich eben danach ein!«
Fünf Minuten später stand Schenkersch Vadder in tadelloser Haltung auf
der Schwelle.
»Ick bitte tausendmal um Entschuldigung, daß ick ungelegen komme,«
sagte er, »Exzellenz sind gerade bei die Abrechnung!« Er zögerte.
»Bleiben Sie nur, Schenker,« sagte Frau von Kambach, die ganz genau
merkte, daß der Alte gar nicht daran dachte, seinen Vorschlag in
die Tat umzusetzen. Natürlich hätte er sich auf einen Wink von
ihr empfohlen, aber erst, nachdem er zwischen Tür und Angel seine
Geheimnisse ausgekramt hatte. Denn heute war er vollgepfropft von
Geschichten. Und sie ertappte sich darauf, daß sie regelrecht neugierig
war.
Dann saß Franz Schenker neben ihr am Schreibtisch. Die Frühlingsluft
spielte mit dem weißen Haar der beiden Alten und strich über die
blühenden Blumen unter dem Bilde des seligen Kambachers. Draußen
rüstete sich, kaum merklich, der letzte Apriltag zur Nacht. Noch
glühten die Farben, aber die wunderbar tiefen Töne verrieten das
nahende Aufleuchten entschwindender Schönheit. --
Und der greise Kammerdiener erzählte. Es war allerdings etwas, das
nicht alle Tage vorkam.
Schenkersch Vadder war so hingenommen, daß seine Gefühle völlig mit ihm
durchgingen. Die Tränen traten ihm in die Augen, er sprach platt, und
schlug im Eifer des Gefechtes mit der flachen Hand aufs Knie, daß es
schallte. Aber er hatte auch wirklich etwas erlebt und bedauerte nur,
daß seine alte Gnädige nicht dabei gewesen war.
»Also, Exzellenz,« begann er, zitternd vor Erregung, »daß ick's kurz
sage: wir haben unsern Herrn Pastor wieder!«
Frau von Kambach sah ihn fragend ein.
»Exzellenz verstehen mich nich,« fuhr er fort. »Das glaub' ick wohl!
Und ick mein' ja auch nich bloß, daß er nu endlich aus 'n Drachenburger
Krankenhaus zurück is, das wär' ja alles ganz schön und gut, aber
seine Gemeinde hätte blitzwenig davon. Unter uns gesagt, Exzellenz
-- wir hätten ihn nich behalten. Denn auf die Länge ging das nich.
Ganz Kambach hätt' er mit seine Irrlehre verdorben! Nich mal der olle
Schenker hätt' was dran ändern können. Ick sag's ganz offen, Exzellenz,
eine tolle Angst hab' ick vor die Rückkehr von unsern Herrn Pastor
gehabt -- meine eigene Frau hat mich ausgescholten. ›Franz‹, hat sie
gesagt, ›du schämst dich wohl gar nich, 'n Christ willst du sein, und
benimmst dich wie 'n olles Waschweib.‹ Jawohl, Exzellenz, was meine
Frau is, die is nich ohne! -- Also, Herr Pastor Wendler kam in der
stillen Woche aus 'n Krankenhaus zurück, und am Ostersonntag stand
er auf der Kanzel. ›Na, denn man zu!‹ dacht' ick, ›dann erfahren wir
wenigstens gleich, woran wir sind!‹ Denn am ersten Ostertag hat die
Geschichte ihre Haken und Ösen mit die Texte. Wenn da einer an der
Auferstehung vorbeigeht, is die Sache faul, und wenn er nur von der
geistigen redet, is sie noch fauler. Wenn man in meine Jahre is, merkt
man so ungefähr, was die Glocke geschlagen hat, nämlich, ob der Pastor
glaubt, daß der Herr Jesus leibhaftig auferstanden ist oder ob nur
sein Geist in der Luft herumfliegt. Herr Pastor Krug hat mich das
vor einige Zeit mal auseinandergesetzt. Gott bewahr' unser deutsches
Vaterland vor so 'n Unsinn! ›Jesuzentrischer Liberalismus‹ nannte
er's. Das hat 'ne Zeit gedauert, bis mein alter Kopf das Wort behielt.
Den ersten Abend, als Herr Pastor Krug mich die Sache lang und breit
auseinandergesetzt hatte, da wußt' ick's ganz genau, aber nachher? Weg
war's! Da hab' ick Herrn Pastor neulich nochmal danach gefragt! --
Na, mir kann's einerlei sein, wie's heißt, für so was is Schenkersch
Vadder in sein'n ganzen Leben nich zu haben gewesen. Is überhaupt 'ne
Frechheit, so an unseren Herrn Jesus seine Person herumzupflücken. Der
neue Bund soll da man gleich gründlich aufräumen!« Er fuhr mit allen
fünf Fingern durch das dichte, weiße Haar, daß es wie ein Wald zu
Berge stand. »Exzellenz, so was hab' ick noch nich erlebt! Das war 'ne
Predigt!« Er verbesserte sich. »Nee, 'ne Predigt war's gar nich! Es war
'ne Heimkehr! Das sagte Herr Pastor Wendler auch selbst!«
»Eine Heimkehr!« wiederholte die alte Frau mit leiser Stimme, und ihr
sinnender Blick schweifte aus dem Fenster in die Weite hinaus, wo
der goldene Wetterhahn des Kambacher Kirchturms über den Heidhügeln
funkelte.
Aber Schenker hatte noch viel auf dem Herzen.
»Also, es war eine Predigt, und war doch keine! -- Ick kann das nich
so ausdrücken, Exzellenz, aber ein schöneres Glaubensbekenntnis hab'
ick mein Lebtag nich gehört! Und solche Osterfreude hab' ick noch bei
keinen Menschen gesehen! Der Mann war einfach nich wiederzuerkennen. Es
war, als brennte ein Feuer in seinem Herzen, und die Flammen wollten
überall heraus. Das war wirkliches Leben, was nich totzukriegen is.
›Wo hädd harr det man alwile her?‹ säd min Fru. ›Det künde von sin
Krankheet alot jo nich sinn!‹ -- ›Nee, Mudder,‹ häbb ick jesäd,
›de Krankheet aleene mokt et nich.‹ Aba ick räde all wieder Platt,
Exzellenz!«
»Macht nichts, Schenker! Ich versteh' Platt so gut wie Hochdeutsch!«
Doch der Alte konnte den feinen Kammerdiener nicht ganz verleugnen. In
wohlgesetztem Hochdeutsch sprach er weiter.
»Ick bring's ja nich wieder zusammen, was Herr Pastor Wendler gesagt
hat! Aber die Hauptsache weiß ick noch. Vor allem klang durch alles
sein lebendiger Osterglaube hindurch. Überhaupt betonte er immer
wieder gerade das, was sonst in seinen Predigten fehlte: daß wir den
lebendigen persönlichen Heiland brauchen, den Gottessohn, den man
schauen kann. ›Wir Pfarrer werden doch nich bloß zu Hochzeiten und
Kindtaufen gerufen,‹ sagte er, ›wie oft stehen wir an Sterbebetten und
Totenladen. Was nützen da schöne Reden -- einen Sünderheiland brauchen
wir, der unsere Schuld ins Meer senkt und über die Gräber ruft: ›Ich
lebe und ihr sollt auch leben!‹ Aber das schönste war doch, wie er
von seinem Heimweh nach dem alten Bibelglauben sprach. Obgleich er
nicht gerade von sich dabei redete, merkte man's doch, daß er alles
selbst erlebt und durchgekämpft hatte. Einmal dachte ick: ›Das geht auf
die Geschichte mit unseren jungen Herrn,‹ und ein anderes Mal merkte
man's ganz deutlich, daß er an Frau Petzold dachte! Der Mann hat was
durchgemacht, Exzellenz! -- ›Gar kein Evangelium,‹ sagte er, oder das
ganze, das, von dem der Dichter singt: ›Wenn ich dies Wunder fassen
will, so steht mein Geist vor Ehrfurcht still!‹ -- Exzellenz, ick
kann's nich sagen, wie mir diese Predigt ergriffen hat!«
»Diese Heimkehr!« sagte die alte Frau mit leiser Stimme.
Schenker wischte sich über die Augen. -- »Und dann hat er noch von dem
modernen Menschen gesprochen! Wir haben ja auch so 'n paar unter den
Lehrern und Honoratioren. Daß so was auch aufs Dorf kommen muß! Na,
unser Herr Pastor sagte, wir sollten man bloß nich denken, daß so 'n
moderner Mensch nich dasselbe sehnende Herz in der Brust trüge, wie
andere Leute. Es sei Einbildung, daß man glaube, man könne ohne den
Herrn Jesum und sein Kreuz fertig werden! Wenn der moderne Mensch so
kalt und gleichgültig tue, so sei das nur eine Larve, die das blutende
Herz und die innere Einsamkeit verbergen solle. Denn wenn einer noch
so gelehrt und noch so berühmt sei, seine Seele mache das alles nicht
satt. Darum sei es ein Gottesraub, das Bekenntnis, das die Gemeinde
mit ihrem Herzblut erlebt und verteidigt, durch Menschenfündlein
zu ersetzen oder nach menschlicher Meinung umzubilden! Exzellenz,
das hat der Mann gesagt, der vor kaum zwei Monaten erklärte, das
Glaubensbekenntnis könne man verschieden auslegen!«
Seine Augen leuchteten, auf dem alten treuen Gesicht lag das Rot
freudiger Erregung.
Er schwieg.
Nachdenklich sah er vor sich nieder, eine leichte Verlegenheit malte
sich in seinen Zügen.
Er räusperte sich.
»Dann kam noch etwas,« sagte er endlich zögernd, »eigentlich war's
nich ganz in der Ordnung, noch dazu am Ostersonntag, aber, im Grunde
hab' ick mir doch gefreut. ›Schenker,‹ hab' ick zu mir gesagt, ›du
hast doch 'ne Frau, wie's nich viele gibt! In ganz Kambach is keine
solche, und in Dambeck und Bühl, und hier in Dreilinden auch nich!‹ Na
-- und in Berlin? Ach, du meine Güte,« er lachte hell auf, und schlug
mit der Hand aufs Knie -- »Berlin!!! -- Also, -- Exzellenz, -- was tut
meine Frau? Kaum hatten wir nach der Predigt ›Auf, auf, mein Herz, mit
Freuden!‹ gesungen, steht sie auf und sagt: ›Nu wollen wir noch »Nun
danket alle Gott!« singen.‹ Und damit fing sie auch schon an. Sie war
feuerrot geworden und schielte nach mir rüber. Aber ick muckste mir
nich, Exzellenz. Hätt' ick meine Frau angesehen, wär's vorbei gewesen,
und das paßt sich doch schließlich nich für 'n ollen weißhaarigen
Kammerdiener. Nur ganz heimlich hab' ick ihre Hand gefaßt. -- Dann
sangen wir alle mit. -- In meinen ganzen Leben hab' ick das Lied nich
so singen gehört, nur damals, als der Friede gefeiert wurde! -- Pastor
Wendler stand am Altar. Er war ganz blaß und sah sehr bewegt aus, als
er in die Sakristei ging.«
Wieder war's still zwischen den beiden. Auf die Seele der alten
Frau wirkte die schlichte liebliche Erzählung wie eine wundersame
Glaubensstärkung, dem Manne aber, der sie erlebt, ward das Stücklein
Kirchengeschichte, das sich im engen Rahmen der Heimat abgespielt,
immer mehr ein Stück Lebensgeschichte.
»Exzellenz,« hub er endlich noch einmal an, »ick hab' nu noch einen
anderen Gedanken! Er is vielleicht ganz verkehrt, dann laß ick mich
gern eines Besseren belehren, aber Exzellenz werden gestatten, daß ick
ihn ausspreche. Denn er verläßt mich nich mehr! Und das will was sagen!
Ick bin sonst wahrhaftig nich so.«
Er sah die alte Dame erwartungsvoll an.
Sie aber nickte ihm ermutigend zu.
Da holte er tief Atem und fuhr fort: »Exzellenz, -- wir haben noch
immer keinen Bundesdirektor! Die Sucherei geht nu schon durch Wochen
und Monate! Wir haben heute schon den ersten Mai, und die Geschichte
kommt nich vom Fleck. Der gnädige Herr schreibt sich die Finger wund,
und immer is es vergeblich! Entweder paßt die kirchliche Richtung nich,
oder es heißt: ›Die Sache steckt noch zu tief in den Anfangsgründen,
daraufhin kann man Amt und Brot nich aufgeben!‹ Na -- die passen
natürlich nich für uns, Exzellenz! Hier gilt's Opfer bringen, gerad so
gut, wie bei der Äußeren Mission, und da is die Sache doch noch ganz
anders! Hier wird man doch nich von die Klapperschlangen gefressen oder
von die Hottentottens aufgespießt! Aber trotzdem -- einen Verzicht
gilt's. Schon einfach deshalb, weil wir kein Geld haben. Wir brauchen
also einen ganzen Mann. Und da fuhr's mir heut nacht durch den Kopf:
›Da suchen und suchen wir, und der Mann is da!‹ Und als ick mir die
Sache länger überlegte, hab' ick mir gesagt: ›Schenker, du bist doch 'n
alter Teekessel, hättest du das nich gleich am ersten Ostertag nach der
Predigt wissen können? Vierzehn Tage eher hätt'st du die Herrschaften
von ihre Sorge befreit!‹ Aber wie's im Leben so geht, Exzellenz, --
heut morgen dacht' ick: Wenn Exzellenz nu säd: ›Schenker, das is
Quatsch!‹ Det kann ick nämlich schlecht vertragen, Exzellenz!«
Er sah sie erwartungsvoll an.
Frau Sabine hatte den Kopf in die Hand gestützt. Schweigend ruhte ihr
Blick auf dem Alten. In ihren Augen standen Tränen. --
Ein stiller Vorfrühlingsabend stieg vor ihrem Geiste auf. In dem
dämmernden Stadtgarten blühten Veilchen und Krokus und ein weicher
Wind strich um die Dächer. Sinnend saß sie über der Apostelgeschichte,
über dem Werdegang des gewaltigen Kämpfers, dessen heißem Ringen jener
wunderbare Sieg folgte, -- ›denn siehe, er betet!‹ Ein Gedanke war
ihr durch den Sinn geflattert, woher er kam, wußte sie nicht, aber
ihre Seele folgte seinem leuchtenden Flug. Glaubenswege zogen sie
miteinander, zu lichten Firnen empor. Nur die Kühnheit und Leichtigkeit
des Gedankens aus der Überwelt durfte den schwindelnden Aufstieg wagen,
nur die Trägerin des Wetterkreuzes durfte nach den Stürmen der Nacht
von der Grenze des ewigen Schnees in die Zukunft schauen. Dann waren
sie zu Tal gezogen. Aber durch das Grau des Alltags hindurch klang's
immer wieder wie eine lichte Weissagung: ›Denn siehe, er betet!‹ -- Und
heute stand einer vor der Greisin und sprach: ›Das Wort ist erfüllet!‹
Sinnend blickte sie vor sich hin.
Da fuhr der Alte fort: »Dann hab' ich mir gesagt: ›Schäme dir,
Schenkersch Vadder! Die Missionare zucken mit keiner Wimper in
Todesgefahr, und du bist empfindlich, wenn deine alte Herrschaft dir
die Wahrheit sagt. Gleich heute gehst du nach Dreilinden!‹ Na, und da
bin ich nu!«
Wieder nickte Frau von Kambach ihm freundlich zu. »Der Gedanke ist
zu erwägen, lieber Schenker. Er ist mir selbst schon durch den Kopf
gepflogen, um so mehr freue ich mich der Anregung von anderer Seite.
In der Hauptsache bin ich vollkommen mit Ihnen einig. Wendler ist
ein ganzer Mann, der sich nach allem, was Sie mir berichten, auch
als ganzer Christ beweisen wird. Menschen, die sich zum Glauben
durchkämpfen, sind keine halben. Denken Sie daran, wie Saulus ein
Paulus wurde! Ich bin also sehr dankbar für die Anregung, muß mir die
Sache aber in Ruhe überlegen und vor allem erst mit meinem Sohn darüber
sprechen. Er weiß noch nichts?«
»Nein, Exzellenz. Ich wollte zuerst hier vorsprechen.«
Sie nickte. »Gut. Ich fahre morgen nach Kambach. Wissen Sie, ob mein
Sohn in den Vormittagsstunden zu Hause ist?«
»Der gnädige Herr hat nicht gesagt, daß er etwas Besonderes vorhätte!«
»Schön. Dann bestellen Sie, ich käme um elf. Paßt es nicht, können Sie
mich ja benachrichtigen.«
»Sehr wohl, Exzellenz.« Er erhob sich.
Frau von Kambach reichte ihm die Hand. »Adieu, lieber Schenker! Eine so
große Freude hab' ich lange nicht gehabt, und daß Sie sie mir bringen
durften, war schön!«
Seine Augen leuchteten. Er verbeugte sich. »Ich danke untertänigst,
Exzellenz!«
Schritte klangen im Nebenzimmer. Ein junger Diener erschien auf der
Schwelle.
»Herr Pastor Wendler!«
Die beiden Alten sahen sich an.
»Ich lasse bitten,« sagte die Hausfrau. »Sie sind ihm zuvorgekommen,«
wandte sie sich halblaut an Schenker.
Schwerfällig erhob sie sich und ging dem Gast entgegen.
Sein rascher Schritt klang an ihr Ohr. ›Ganz so wie einst!‹ zog es ihr
durch den Sinn.
Da stand er schon vor ihr, groß, kräftig, das blaue Auge leuchtend, --
keine Spur von einer eben überwundenen wochenlangen Krankheit, weder in
Aussehen und Farbe, noch in den Bewegungen, -- nun ja, er war in froher
Erregung durch die blühende Mark gewandert.
Sie streckte ihm die Rechte entgegen. »Herzlich willkommen, mein lieber
Wendler!«
Er beugte sich über ihre Hand. Dann sah er sie voll an. In dem
männlichen Gesicht arbeitete es.
»Es ist lange her, daß ich hier war,« sagte er, und seine Stimme bebte
leise. »Aber Exzellenz haben mir gestattet, wiederzukommen ...« Er
hielt inne, tief Atem holend. Das menschliche Wort erschien ihm zu arm
in dieser Stunde.
Sie verstand ihn.
Schweigend hielt sie seine Hand umfaßt.
»Ich bat Sie, wenn es so weit sei, Ihre Freude teilen zu dürfen,« sagte
sie endlich, -- »nicht wahr, die Stunde ist gekommen?«
Der lang entbehrte Ton schlug ihm warm ans Herz. Wie unwert erschien er
sich dieser Liebe! Aber sie war nichts als der Abglanz einer größeren
heiligeren, die er mit heißer Sehnsucht gesucht und endlich gefunden.
Die Bewegung übermannte ihn. Tränen traten in seine Augen. Er wandte
sich ab.
Da fiel sein Blick auf den alten Schenker, der bescheiden in der
Fensternische stehen geblieben war. Sein Gesichtsausdruck sagte ihm
alles. Fragend sah er die Gutsherrin an. Lächelnd nickte sie ihm zu.
»Ja, lieber Wendler, Sie haben recht, Sie brauchen mir nichts mehr
zu sagen. Unser guter Schenker hat mir eben über die Osterpredigt
berichtet, und daß Sie zum Schluß ›Nun danket alle Gott!‹ miteinander
gesungen haben! Mir tut nur leid, daß ich nicht dabei gewesen bin, --
aber nicht wahr, ich darf mich auch jetzt noch mit Ihnen freuen?«
Wie eine Mutter sah sie ihn an.
Und den Mann, der jahrzehntelang, von niemand umhegt und geliebt, sein
einsames Leben geführt, traf dieser Blick in tiefster Seele.
»Exzellenz!«
Als müßt' er das innerste, heiligste Empfinden dieser Stunde selbst vor
diesen lieben Augen verbergen, beugte er sich ein zweites Mal über die
greise Hand und drückte einen langen innigen Kuß darauf. -- --
* * * * *
Der Westwind trug den Klang der Kambacher Betglocke herüber. Heimatlich
grüßte er die beiden Menschen.
Ein leiser Schritt verklang auf den Dielen. Behutsam ward eine Tür
geschlossen.
Sie waren allein.
»Ich wußte, daß Sie heimkehren würden,« sagte sie leise, »es ist kalt
und einsam in der Fremde!«
»Und doch hätte ich den Weg niemals gefunden, hätte mich nicht einer
geführt,« klang es zurück. »Denn ich war blind. Jetzt ist mir die
Decke von den Augen genommen, ich habe erkannt, daß die Wissenschaft
uns den Frieden der Seele nicht schenkt. Darum fror mich bei aller
Gelehrsamkeit -- sie hat mich arm gemacht!«
»Arm,« wiederholte die alte Frau nachdenklich. »Wären Sie reich
gewesen, so hätten Sie sich nicht führen lassen. Zur Heimkehr gehört
Heimweh!«
Sinnend blickte er in den leuchtenden Abend hinaus. Wie ein
dunkelgrüner Rahmen umschloß das efeuumsponnene Fenster die verträumte
Landschaft. Rosa Abendwolken schifften vorüber, und der letzte Strahl
mischte sich mit dem Bronzeton der Heide. Sehnsüchtig trällerte eine
Lerche über den wehenden Birken.
Drüben verhallte die Glocke ...
›Zur Heimkehr gehört Heimweh!‹ zog es durch die Seele des Mannes, der
nach heißem Kampf und langer Irrfahrt den Weg nach Hause gefunden.
Vierzehntes Kapitel.
Jutta.
Weißt du nicht, daß späte Rosen
In der Herbstzeit schnell verblühen?
Daß sie frühe sich entfalten
Und ums Abendgold verglühen?
Daß ein kurzes helles Leuchten
Auf den roten Blättern schimmert,
Wenn des Taues Brautgeschmeide
In den dunklen Kelchen flimmert?
Duftend wird die letzte Rose
Deiner Liebe sich erfreuen,
Und die samtnen Spätherbstblätter
Still auf deine Pfade streuen.
Feiernd geht der Tag zur Neige,
Wenn die Schnitter heimwärts ziehen,
Und beim Klang der Abendglocke
Leuchtender die Felsen glühen ...
»Eins steht fest: Wir können heute gleich zwei Ortsgruppen gründen,
eine agrarische und eine militärische!« sagte der Oberstallmeister
lachend zu seiner Mutter, die, auf den Arm des Sohnes gestützt, der
Gutskirche zuwanderte. »Na, dann ist wenigstens ein Anfang gemacht, dem
der klingende Beigeschmack hoffentlich nicht fehlt! Denn wir brauchen
Geld! -- Du sagst: ›Das wird schon kommen!‹ Ja, mein Himmel, in den
Mund fliegen einem die gebratenen Tauben heutzutage nicht!« Er grüßte
freundlich hierhin und dorthin. Es ist doch großartig, -- +in
corpore+ sind die Leute erschienen! Die ganze Umgegend ist da. In
Bühl kann tatsächlich nur der Nachtwächter zu Hause geblieben sein,
mit Kind und Kegel ist das Volk angetreten. Und sieh mal die Bauern!
Alle Achtung! Ich hätt's nicht für möglich gehalten! -- Was hat da nu
gezogen? Gräfin Sibylle Bühlers Stradivariusgeige oder der neue Bund
und sein interessanter Direktor? Jedenfalls war's eine gute Idee von
Billy! Überhaupt die als Schwiegertochter! Wenn aus Harro noch mal
was Vernünftiges wird, können wir's ihr danken. Auf seine Haltung als
Bräutigam gebe ich natürlich nichts, aber Roselius hat mir vor einiger
Zeit gesagt, wenn ein Mensch Einfluß auf ihn habe, sei sie es.«
Die alte Dame nickte. »Er hat sich in letzter Zeit entschieden zu
seinem Vorteil verändert,« stimmte sie dem Sohne bei. »Ich glaube,
Eberhards Tod hat auch dazu beigetragen!«
»Mag sein. Ich schiebe viel auf seine veränderten Gefühle für Bühler.
Harro liebt Ilse sehr, sie haben alles miteinander geteilt, -- nun
zeigt ihm ihre Ehe den Mann, den er seinen Freund genannt, im wahren
Licht. Das muß ihm zu denken geben! Ich halte es immer für das beste,
wenn das Leben einen Menschen erzieht. Das ist das sicherste Verfahren.
Aber wenn es ihn zu Gott zurückführen soll, muß es ihn doch noch anders
anfassen. Denn solange er dieser verrückten Weltanschauung huldigt,
wird nichts aus dem Jungen. Er weiß ja selbst nicht, was er glaubt!«
»Vielleicht hat Gott ihm gerade deshalb diese Frau in den Weg
gestellt,« meinte die Greisin und blieb Atem holend stehen.
Mit hellen Augen sah sie sich um -- --
Über der alten Dorfkirche, über dem Kranz knospender Linden blaute der
Himmel. Mückenschwärme tanzten in der Sonne, Bienenvölker summten in
den Kronen. Wie die Säulen eines alten Doms umrahmten die grauen Stämme
die feinen stimmungsvollen Bilder des märkischen Tieflandes, das licht
getönt herübergrüßte. Schmucke Dörfer, vom Kirchturm gekrönt, nickten
herein, sonnige Heidhügel, blaue Seen im Sonnenglanz, farbenfröhlichen
Wandgemälden gleich, vom grünen Dach der Sommerlinde überschattet. Und
zwischen den Grabsteinen, auf den Wegen ein buntes Durcheinander von
Menschen aller Art, die in Gruppen redend beisammen standen: Landadel,
Offiziere, Honoratioren, Bauern, selbst der schlichte Arbeiter und sein
Weib fehlten nicht.
Herr von Kambach und seine Mutter hatten ein paar Drachenburger Ulanen
begrüßt, dann traten sie an eine Bauerngruppe heran.
Ehrerbietig entblößten die Alten die weißen Köpfe, und eine lebhafte
Unterhaltung entspann sich über den Bund, der heute seine erste
Ortsgruppe erhalten sollte.
Ein ehrwürdiger Dreilindener Bauersmann erklärte, zuerst sei's ihn
hart angekommen, daß er seinen Pastor, nachdem er's eben gelernt,
den Herrn Christum recht zu verkünden, wieder hergeben solle, aber
nun, wo er neulich auf der großen Versammlung gehört, wozu man ihn
haben wolle, könne er nichts dagegen sagen. Denn so eine Sache, wie
der Bund bibelgläubiger Christen, habe schon lange gefehlt, und der
Direktor, der an die Spitze trete, müsse ein ganzer Mann sein. Und das
sei Herr Pastor Wendler. Für Kambach und Dreilinden und die anderen
eingepfarrten Güter sei sein Fortgang ein großer Verlust, aber wo es
sich um eine Sache handele, die dem ganzen deutschen Vaterlande zugute
käme, dürfe man nicht an sich denken.
Exzellenz von Kambach nickte ihm freundlich zu. »Das ist recht, Rudow,
wir müssen auch Opfer bringen können.«
Des Alten Augen leuchteten.
»Det häbb' ick och all jesäd, Exzellenz!« -- --
Auf den Arm des Sohnes gestützt, wanderte die greise Frau weiter, von
Gruppe zu Gruppe. Überall wußte sie das rechte Wort, überall freute man
sich beim Nahen der ehrwürdigen Gestalt.
Vom Turm schlug es drei. Durch die geschmückten Pforten kam der lange
Zug und füllte das Schiff. Aber der Raum reichte nicht aus. In den
Gängen standen die Menschen, auf den Stufen, vor der offenen Kirchtür
saß, was drinnen keinen Platz mehr gefunden.
Und dann begann auf dem Orgelchor ein leises Tönen, ein Klingen und
Flöten wie Hirtenschalmeien, ein Locken und Werben, als lüd' eine helle
Stimme zum festlichen Singspiel: die Stradivariusgeige.
Wer ihre Geschichte kannte, hob unwillkürlich den Blick zu dem
Bilde der Ahnfrau empor. Mit lieblichem Lächeln schaute die schöne
dunkelhaarige Frau im weißen Atlaskleide auf die Anwesenden nieder.
Eine rote Rose blühte in ihren Locken, so leuchtend und farbenfrisch,
als sei sie eben gepflückt, ein kostbarer Schmuck flimmerte auf dem
weißen Halse.
Und die Geige jauchzte durch die stille Kirche. -- --
Als habe sie den alten vergoldeten Rahmen verlassen und sei in den
Kreis der Lebenden getreten, stand Sibylle an der Brüstung des Chors,
das Ebenbild jener Frau, die mit ihrer Liebe die Kunst in das Kambacher
Herrenhaus getragen. Ihr Erbe aber war den Bühlers zurückgegeben
worden. Doch als seien die Saiten der Stradivariusgeige unlöslich mit
der Geschichte des alten Geschlechts verknüpft, ward ihre Trägerin
eines Kambachs Braut. Im schlichten weißen Sommerkleide, einen Strauß
dunkler Rosen an der Brust, das schöne Haupt über die Geige geneigt,
spielte Sibylle Bühler das Largo von Händel. Orgeltöne mischten sich
sanft mit den wundervollen Klängen. Ein junger Berliner Musiker, der
sie häufig begleitet, stellte an diesem Tage seine Kunst in den Dienst
der großen Sache.
Die Zusammenstellung war äußerst geschickt. Kein schwer verständliches
Tonstück, keine dem einfachen Manne unverständliche Musik erklang in
der kleinen Dorfkirche, -- echte deutsche Kunst im kirchlichen Gewande
grüßte das Volk. Wenn etwas an die Herzen griff und für einen großen
heiligen Zweck zu werben geeignet war, so war's das Spiel dieser beiden
jungen Menschen, die ihre ganze Seele in die Kunst legten.
Wenn die Geige schwieg, sang Sibylle mit Gräfin Brelow zweistimmige
Lieder.
Lautlose Stille herrschte im Schiff. Keiner Predigt hätten die
märkischen Bauern andächtiger gelauscht. Regungslos saßen sie neben
ihren Frauen und Töchtern in den Kirchenbänken, und manches Auge ward
feucht.
Die letzte Nummer, eine Bachsche Kantate, war verhallt, da klangen
noch einmal die beiden schönen Frauenstimmen vom Chor. Leise und zart
schwebte es durch die Kirche:
›Das ew'ge Licht geht da herein,
Gibt der Welt ein'n neuen Schein!
Es leucht't wohl mitten in der Nacht,
Und uns des Lichtes Kinder macht -- Kyrieleis!‹
Tiefes Schweigen herrschte. Unbeachtet zogen die Laute des Lebens an
der offenen Pforte vorüber, an der stillen Allerseelenfeier drinnen.
Im hohen dunklen Chorstuhl saß Pastor Wendler am Altar. Seine Gedanken
waren bei dem sterbenden Kinde, dem er Steine für Brot gegeben. Zum
Dank dafür hatte es ihm die lebendige Quelle gezeigt ...
Sein Blick schweifte zu der greisen Frau hinüber, die mit dem
hoffnungsvollen Enkel ein Stück Lebensfreude ins Grab gelegt. Den Kopf
in die Hand gestützt, saß sie, den festlichen Klängen lauschend. Auf
dem ehrwürdigen Gesicht lag's wie Verklärung, aber dann drückte sie
doch das Spitzentaschentuch an die Augen.
An ihrer Seite saß der Oberstallmeister. In dem männlichen Gesicht
arbeitete es, auch ihn packte die Erinnerung.
Und durch die Seele des Einsamen zog ein heißes Dankgebet, daß es
ihm vergönnt gewesen, mit den beiden treuen Menschen ins reine zu
kommen, bevor diese ernste heilige Stunde sie gemeinsam grüßte. Der
Heimgekehrte konnte ihnen, ob auch um Vergangenes trauernd, offen in
die Augen sehen, der Verirrte hätte es nicht gekonnt. --
* * * * *
›Das hat er alles uns getan,
Sein' groß' Lieb' zu zeigen an!
Dess' freu' sich alle Christenheit,
Und dank' ihm das in Ewigkeit -- Kyrieleis!‹
tönte es vom Chor.
Leise, leise, als trügen Engelsflügel eine Seele nach Hause, zogen die
weichen Töne in den Sommertag hinaus.
Dann ging eine Bewegung durch die Reihen.
Unter den brausenden Klängen des Händelschen Festchors ›Seht, er kommt
mit Preis gekrönt‹, leerte sich die Kirche. -- --
An den Ausgängen standen drei der ersten Bundesmitglieder mit Tellern,
unter ihnen der alte Schenker. Mit würdevoller Miene sah er vor sich
nieder, als habe er nichts mit der Sache zu tun. Aber die alten Augen
beobachteten um so schärfer.
Eine Viertelstunde später trat er mit seinen Genossen in die Sakristei.
»So, Herr Pastor, da bringen wir den Bundesschatz! Nu fehlt man
bloß noch der Schatzmeister! Was der olle Mammon doch für 'ne Rolle
spielt! Da freut man sich nu wie so'n klein' Jung', der von Muttern
'n Stück Gebratenes aufs Brot gekriegt hat! Aber wir bringen auch 'n
ganzen Batzen!« Seine Augen vergrößerten sich. »Über die Hälfte is
Gold, und in mein'n Teller hat jemand 'n blauen Lappen eingebuddelt.
Wie's geschehen is, weiß der Himmel! Mitten mang unter die Goldstücke
seh' ick da plötzlich zu meine größte Verwunderung so was wie'n
blauen Zippel! Ick trau' meinen Augen nich! ›Schenker,‹ häbb ick
jesäd, ›du wirst woll swach in'n Kopp!‹ Aber nee! Als ick zufass',
hab' ick wahrhaftig 'n Hundertmarkschein bei'n Wickel! Hier is er!«
Triumphierend hob er den Schein in die Höhe.
Alle lachten.
»Nu wollen wir aber ans Zählen gehen!« sagte der Kirchenälteste.
Und sie setzten sich um den Tisch.
Drei weiße Köpfe beugten sich über die Teller.
Wendler sah dem alten Kammerdiener über die Schulter. »Bei Ihnen
scheinen die Kambacher und Dreilindener gewesen zu sein, Herr Schenker!«
»Und die Herren Offiziere! Die lassen sich nicht lumpen, Herr Pastor,
wenn Brandenburgs Rose die Geige spielt!«
Wieder klang das Klappern der Münzen.
Endlich waren die Alten fertig. Die drei Summen wurden zusammengezählt.
Kopfschüttelnd blickte der Kirchenälteste auf das Ergebnis. »Das ist
unmöglich!«
»Ick hab' mir nich verrechnet,« erklärte Schenker spitz, »ick hab' in
der Schule für Kopfrechnen immer ›gut‹ bekommen.«
Der alte Müller gab für seine Person dieselbe Ehrenerklärung ab.
Da sagte der Schulze beleidigt: »Die Herren werden mir doch nicht
zutrauen, det ick das Einmaleins verlernt habe? Darf ich bitten, Herr
Pastor?«
Er reichte Wendler das Blatt.
Der überflog die Zahlen und trat an den Tisch. »Wir wollen die
Einzelsummen noch einmal nachrechnen.«
Alles stimmte.
Da erklärte Wendler: »Die Rechnung ist richtig:
neunhundertundsiebenundneunzig Mark!«
»Alle Achtung!« rief der Müller.
»Det häbb ick doch jesäd, die Sache stimmt!« Schenker schlug mit der
Hand aufs Knie. »Aber daß da drei Mark an tausend fehlen, das geht nich
an!« Er zog seinen Geldbeutel aus der Tasche und legte einen Taler auf
den Tisch.
»Bravo, Schenker!« rief der Pastor. »Zur Belohnung tragen Sie den
Bundesschatz ins Gutshaus. Dann erfahren wir auch gleich, wieviel
Mitglieder sich noch gemeldet haben!«
Schenker verbeugte sich. »Ich dank' auch für die Ehre, Herr Pastor!«
sagte er; dann nahm er mit einer Miene, als sei ihm der Hort der
Nibelungen anvertraut worden, den Geldsack vom Tisch und verließ
erhobenen Hauptes die Sakristei.
* * * * *
Eine Viertelstunde später ging Pastor Wendler die Dorfstraße entlang,
dem Herrenhause zu.
Der Weg war heiß und staubig; so beschloß er, den kleinen Umweg über
die Wiesen zu machen.
Ein erfrischender Wind wehte ihm entgegen. Grillen zirpten im Grase,
Falter gaukelten über dem Moor. Am Bachrand blühten Vergißmeinnichte,
und das Sumpfgras flatterte neben der duftigen rosa Federnelke. Es war
schön in der stillen Natur.
Ein Kiefernwäldchen nahm ihn auf. Gedankenverloren wanderte er den Pfad
entlang.
Immer einsamer ward der Forst, immer weltabgeschiedener, und doch
waren menschliche Wohnstätten in der Nähe. Aber ihren Bewohnern waren
Heimaterde und Waldstille heilig. Sie hüteten das deutsche Erbe.
Gedankenverloren wanderte er weiter.
Über den Wiesen verwehten die Laute des Lebens, -- er hörte sie nicht.
Die Einsamkeit redete zu seiner Seele.
Sie hatte es oft getan in letzter Zeit. In dunklen Nächten hatte
sie frisches Öl auf die ewige Lampe gegossen, die Trägerin jener
strengen heiligen Flamme über den Tiefen der Seele. Und als die
Leuchte des Gewissens zur Fackelhelle entfacht war, als die gewaltige
Gesetzesgeberin unumschränkt im Hause regierte, da geleitete die
Einsamkeit eine lichte Gestalt in den Garten des Mannes und sagte: ›Laß
sie deine Rosen gießen, derweil du den Wein schneidest!‹
Zaudernd stand er: ›Schon einmal freit' ich vergebens!‹
Sie schaute ihm ernst ins Angesicht. »Damals verachtetest du, was
echter Frauenliebe am höchsten steht! Damals wiesest du auf den
schönsten Stein in ihrer Krone und sprachest: ›es ist ein Kiesel!‹ --
das Blatt hat sich gewendet!«
Ja, das Blatt hatte sich gewendet! Sinnend ging sein Blick über die
Frauengestalt mit dem Kränzlein im Haar. »Jutta,« sagte er leise.
In tiefen Gedanken wanderte er weiter.
Da hörte er plötzlich von einem Seitenpfad Stimmen herüberklingen.
Lauschend blieb er stehen.
»Und ich sage dir, wenn du nicht aus Überzeugung unser Mitglied wirst,
so hat deine Zugehörigkeit nicht den geringsten Wert,« sagte eine
Frauenstimme.
»Aber, lieber Schatz, die Hauptsache ist doch der Beitrag! Habt ihr
denn so viele Mitglieder, die zwanzig Mark bezahlen?«
»Nein, durchaus nicht.«
»Ja, was willst du denn? Freu' dich doch!«
Wendler bog die Zweige auseinander. Ein weißes Kleid schimmerte durch
die Büsche. Er erkannte das Brautpaar. Der Offizier hatte den Arm um
das junge Mädchen gelegt, ihre Hand lag in der seinen. Den dunklen Kopf
gesenkt, sah sie vor sich nieder.
»Meinst du wirklich, Gott könne sein Werk nicht ohne uns und unser Geld
treiben?« hörte Wendler Sibylle sagen.
»Ja, was bedeutet denn die ganze Sache?«
»Sie bedeutet, daß seine erlösten Kinder Arbeiter am Bau seines Reiches
werden sollen, Menschen, die aus Dank und aus Liebe zum Heil ihres
Volkes und zu Gottes Ehren arbeiten!« rief sie lebhaft. »Eine bloße
Geldspende, die gar nicht der Sache zuliebe gegeben wird, hat also im
letzten Grunde keine Bedeutung. Denn Gold und Silber sind tote Werte,
solange die Liebe sie nicht geheiligt hat.«
»Aber ich gebe mein Geld dir zuliebe, Billy, -- bist du denn nicht viel
mehr wie diese Sache?«
»Im Gegenteil, ich bin viel weniger. Denn es geht um unseres Volkes
Ewigkeit. Ich aber bin nur ein leicht zu ersetzendes Glied in der
Kette der Männer und Frauen, die das Werk treiben! Du mußt die Sache
großzügiger auffassen, Harro! Himmlische und irdische Liebe sind
zweierlei!« Ein Seufzer verwehte.
»Ich kann da nicht mit,« sagte er mit zerdrückter Stimme.
»Weil du an keinen persönlichen Gott glaubst,« klang es traurig zurück.
»Wer keine Ewigkeit hat, kann natürlich auch keine Ewigkeitsarbeit
treiben. Das wäre Widerspruch.«
Dann war es still zwischen den beiden. Nachdenklich blickte der
Oberleutnant ins Grüne, während die Braut mit ihrem Sonnenschirm
Figuren in den Sand zeichnete.
Wartend stand der Geistliche. Die Sache interessierte ihn. Nicht nur
psychologisch; auch der Bundesdirektor fragte sich: ›Was folgt nun?‹
Daß sich zudem ein klein wenig menschliche Neugier in dies Interesse
mischte, gestand er sich nicht ein.
Und dann kam's, worauf er gewartet.
»Sag' mal, Billy, warum hast du eigentlich ›ja‹ gesagt, als ich um
dich anhielt? Dein Höchstes und Bestes kann ich nicht anerkennen -- du
hast's mir ja freilich gleich damals gesagt, daß es dir schwer werde,
daß wir uns darin nicht verständen, aber erst seit einiger Zeit merke
ich, welch eine Macht deine Weltanschauung auf dich ausübt -- leidest
du nicht darunter?« Harro Kambach hatte sich vorgebeugt und sprach
eindringlich zu seiner Braut. »Ich hab's dir doch alles ehrlich vorher
gesagt, Kind!«
Sibylle Bühler hatte ihr Spiel mit dem Sonnenschirm aufgegeben. »Ich
hab' ›ja‹ gesagt, weil ich dich grenzenlos liebhab', -- weil ich mir
sagte, ein so ehrlicher Mensch, wie du, findet früher oder später
seinen Gott. Denk' nur nicht, ich bildete mir ein, die Liebe zu mir
würde dich zum Glauben bringen. Dann wärst du kein rechter Mann,
vor allem aber wäre dein Glaube nicht der rechte. Glaube, der auf
Frauenliebe gegründet ist, ist kein Glaube, denn er wurzelt nicht in
persönlicher Erfahrung. Die Heilsgewißheit fehlt ihm. Ich kann für dich
beten, kann dir den Weg zeigen, -- und das will ich tun, soweit es in
meinen Kräften steht -- mehr kann ich nicht. -- --
›Nach der Wahrheit steilen Burgen
Mag ein andrer wohl die Pfade
Dir durch Dorn und Felsen zeigen:
~Führen~ kann nur Gottes Gnade!‹[5]
Kennst du den Vers? In einer Zeit, wo ich im Zweifel war, ob ich der
Sehnsucht meines Herzens folgen dürfe, fand ich dies Dichterwort.«
Die dunklen Augen strahlten ihn an: »Nun weiß ich's, ich darf deine
Wegweiserin sein!«
Er zog sie an sich. Ihr Haupt ruhte an seiner Brust.
In tiefer Bewegung beugte er sich über sie und küßte sie. »Und wenn ich
dir nicht folgen kann?«
Wieder hob sie den Blick voll zu ihm auf. »Weißt du, wie es weiter
heißt?
›Die Erkenntnis ist das Erbe
Nicht der Weisen, nein der Frommen!
Nicht im Grübeln, nein im Beten
Wird dir Offenbarung kommen!‹
Und dann das Letzte, Schönste:
›Soll ein Menschenauge schauen,
Muß der Himmel sich erschließen,
Und ein Strahl von seinem Lichte
In das dunkle Herz sich gießen.‹«
Ihre Stimme bebte. »Führen kann nur Gottes Gnade!« sagte sie leise.
Wendler sah noch, wie über das Antlitz des Mannes ein Schatten flog,
wie er schmerzlich den Kopf schüttelte, dann verließ er leise sein
stilles Versteck.
Nachdenklich wanderte er weiter.
Ein leichter Wind hatte sich aufgemacht und rauschte in den Kronen.
›Das ist echte Frauenliebe,‹ dachte er, ›Wegweiserin will sie dem Manne
sein!‹
Unwillkürlich zog er den Vergleich zwischen Sibylle Bühler und der
Frau, nach deren Liebe er sich sehnte, wie nach einem frischen Trunk,
-- sie hatte sich ihm versagt. Sie hatte es übers Herz gebracht, ihm
zu weigern, was wahrhaftiger Frauensinn mit vollen Händen austeilt,
hatte vergessen, daß ein echtes Weib nur dann glücklich ist, wenn
es einem geliebten Menschen zum Quell der Erquickung und des Segens
wird. Oder nicht? Hatte sie gelitten, gedarbt? Wartete sie auf sein
jubelndes Bekenntnis: ›Dein Gott ist mein Gott!?‹ Er grübelte weiter.
Sibylle Bühler reichte einem Manne die Hand, der viel weniger glaubte,
als er geglaubt, der im Grunde überhaupt keine Religion, sondern nur
eine moderne Weltanschauung besaß, -- Jutta Eichel wies den glühenden
Jesusverehrer von sich. Und doch standen diese beiden Frauen auf
gleichem Boden, auf dem Boden des bibelgläubigen Christentums. Beide
kannten das Wort: ›Der ungläubige Mann wird geheiligt durch das Weib.‹
In echt frauenhafter Demut hatte sich die junge Gräfin unter dies
Wort gestellt, -- die Tochter des orthodoxen Pfarrhauses hatte es
nicht vermocht. Oder lagen die Dinge anders? Er grübelte weiter. In
heißer Sehnsucht, sich selbst und dem Weibe, das er noch immer mit
seiner ganzen Manneskraft liebte, gerecht zu werden, zwang er sich zum
Nachdenken.
Und dann stand er plötzlich tief aufatmend still.
Beide hatten recht gehandelt, die eine, als sie sich dem Manne
angelobte, dessen verflachte Weltanschauung ihn halt- und führerlos
gemacht, die andere, als sie in heiliger Sorge um den eigenen
Glaubensschatz dem Geliebten auswich, der ihr die toten Früchte
menschlicher Weisheit bot. Sie hatte recht gehabt, als sie ihn von
sich wies, sein Wissensdünkel hätte sich niemals vor einem Weibe
gebeugt. Über ihn hatte ein Gewaltiger kommen und sein Werk in Stücke
brechen müssen, daß er's im tiefsten erschütterndsten Sinne erlebte:
›~Führen~ kann nur Gottes Gnade!‹ Und er hatte es erlebt. Was ihn
einst ein Makel gedünkt, war heute sein jubelndes Bekenntnis: ›Du bist
mir zu stark gewesen und hast gewonnen!‹
Aber seine Sehnsucht nach Frauenliebe war gewachsen. Wie würde Jutta
Eichel ihm heute begegnen? Er hatte sie seit jener Stunde nicht
wieder allein gesehen, obwohl er in den letzten Wochen häufig in
Bundesangelegenheiten bei der alten Exzellenz gewesen, aber ihre
Gesellschafterin war stets abwesend, oder huschte nur mit einer
dringenden wirtschaftlichen Frage durchs Zimmer. Ob sie nichts mehr von
ihm wissen wollte? Seufzend blickte er auf.
Wo war er hingeraten?
Der Wald hatte sich gelichtet. Zwischen den dunklen Stämmen schimmerte
das Grün der Wiesen. Er trat ins Freie. Wahrhaftig, da lag Dreilinden!
In seiner Erregung hatte er einen verkehrten Weg eingeschlagen.
Freundlich grüßten die roten Dächer des Gutshauses über die Felder. In
den leise wehenden Zweigen der Birken spann die Sonne ihre goldenen
Netze. Ein leuchtender Falter gaukelte über dem Rain. Und die Fenster
drüben blinkten und lockten, und der Wind trug die Klänge eines alten
Volksliedes herüber:
›Meine Mutter hat's gewollt!
Den andren ich nehmen sollt'!
Mein Herze sollt vergessen,
Was es zuvor besessen, --
Das hat es nicht gewollt!
Meine Mutter klag' ich an!
Sie hat nicht wohl getan!
Was sonst in Ehren stünde,
Nun ist es worden Sünde, --
Was fang' ich an?
Für all mein'n Stolz und Freud'
Empfangen hab' ich Leid!
Oh, -- wär' es nicht geschehen,
Oh, -- könnt' ich betteln gehen
Über die braune Heid'!‹
Wie ein Alp legte sich der schwermütige Sang auf seine Seele.
Er strich mit der Hand über die heiße Stirn.
Was war das? Verwehter Heidezauber? Der Spuk nahender Dämmerung?
›Meine Mutter hat's gewollt!‹
Sie hatte ja nicht Vater, noch Mutter, nicht Bruder, noch Schwester,
und kein anderer hatte an ihre Tür gepocht; er wußte es. Aber das Erbe
des Elternhauses besaß sie voll und ganz und hielt es mit starken
reinen Händen fest. Und in diesem Sinne traf ihn in dieser Stunde
das Wort bis ins Mark. Was sie fernhielt, war trotz allem, das sie
in letzter Zeit über ihn gehört, die Sorge um das heiligste Erbe des
Vaterhauses. Und mit plötzlicher Klarheit stand's vor ihm: Frauenliebe
versteht dich erst, wenn du selbst vor sie hintrittst: ›Ich glaube an
Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn, unseren Herrn!‹ Was hatte ihn
abgehalten, alle Hindernisse überwindend, zu ihr zu gehen? Die Scheu
vor dem Eingeständnis des Riesenirrtums, der seine Seele in Fesseln
geschlagen?
Nun und nie!
Der Stolz?
Das Blut stieg ihm in die Stirn. Pochte einmal abgewiesene Mannesliebe
ein zweites Mal an die Tür eines Weibes?
Er preßte die Lippen zusammen. Ja, der Stolz war's.
›Warum wies sie dich denn ab?‹ raunte das Gewissen.
Da gestand er sich's ehrlich. ›Um des Glaubens willen!‹
Ja, darum ganz allein.
Seine Augen leuchteten.
»Gerad' der Mannesstolz soll dir seinen Glauben bekennen!« sagte er
leise und wanderte mit großen Schritten dem Gutshause zu.
Er wußte, sie war daheim. Jedenfalls leistete sie in Abwesenheit der
alten Dame Gräfin Ilse Bühler, welche seit einigen Wochen in Dreilinden
war, Gesellschaft.
Ohne Umschweife wollte er auf sein Ziel losgehen und sie um eine
Unterredung bitten lassen. Dann mochte kommen, was da wollte, sie wußte
es aus seinem eigenen Munde, woran sie mit ihm war.
Ein starkes Glücksgefühl durchschauerte ihn. Und während seine Seele
sich bereitete, einer anderen ihr Allerheiligstes zu erschließen,
kehrte eine große schöne Gewißheit bei ihm ein. Nicht die Gewißheit des
Besitzes, sondern des Friedens, der, höher als alle Vernunft, Glück und
Schmerz überdauert.
So ausgerüstet wanderte er wie einst über den sonnigen Hof. Fast
dasselbe Bild war's, nur die Zeit war eine andere. Damals stand eine
schlanke Gestalt in der offenen Halle, des Spätsommers glühende
Zentifolienpracht in den Händen, heute schritt sie, einen duftenden
Fliederstrauß tragend, dem Hause zu. Ein Zug sanfter Trauer lagerte
auf der hellen Mädchenstirn, ein tiefer Ernst, der ihrem ganzen Wesen
etwas Frauenhaftes gab.
Mit einem Schritt war er an ihrer Seite. Leuchtenden Auges grüßte er
sie und reichte ihr die Hand. »Darf ich Sie einen Augenblick sprechen,
Fräulein Eichel?«
Sein plötzliches Erscheinen hatte sie erschreckt. Sie war leichenblaß
geworden. Doch mit der ihr eigenen Willenskraft beherrschte sie sich
und reichte ihm freundlich die Hand. »Guten Abend, Herr Pastor!
Exzellenz ist noch nicht zurück! Aber ich stehe ganz zu Ihrer
Verfügung. Sie kommen gewiß in einer Armenangelegenheit, -- Sie wissen,
mein Gebiet! -- Gräfin Bühler schläft, ich bin also ganz frei. --
Wollen wir uns unter die Linde setzen?«
Sie sagte es mit einer gewissen Hast, dann eilte sie ihm voran, dem
schattigen Platze zu. Scheute sie die Enge des Raumes, das Alleinsein
mit ihm in den stillen vier Wänden? Nachdenklich folgte er ihr.
Und dann saßen die beiden Menschen unter den lang herabhängenden
Zweigen des alten Baumes auf der weißen Gartenbank. Die Bienenvölker
summten in den Kronen, im hereinbrechenden Sonnenlicht tanzte ein
Mückenschwarm. Eine feine goldgrüne Dämmerung spann ihre Fäden um den
verschwiegenen Platz.
Kein Ton unterbrach die Feierstille des Frühlingsabends. Eines meinte
des anderen Herzschlag zu vernehmen und das stille Glühen seiner
Seele zu spüren. Mit aller Kraft rang der Mann seine Sehnsucht
nieder; mit frauenhafter Scheu suchte das Weib seine Liebe zu
verbergen. Und dennoch wußt' es eins vom anderen, daß die Saiten
ihrer Seele zerspringen wollten unter den vollen Tönen einer großen
tiefen Leidenschaft. Als würf' das Meer seiner Woge Gewalt gegen ein
schwankes Türlein, und das Rauschen kläng' hindurch und das Jubeln der
jungfräulichen Flut -- so empfanden zwei Seelen der Liebe Königsgewalt.
Mannesart begehrte dieser Liebe Kraft, Frauensinn sehnte sich nach
jenem stillen zarten Dienst, der echten Weibes Seligkeit.
Und dann klang es mit verhaltener Leidenschaft durch die Abendstille:
»Ich komme nicht wegen der Armen, ich will nichts von Exzellenz von
Kambach, -- nur zu Ihnen will ich! Will's Ihnen endlich, endlich selber
sagen, daß Ihr Heiland auch mein Gott und Herr ist, -- nicht die
vergöttlichte Idealgestalt von dieser Erde, -- nein, der König meiner
Seele, den ich auf den Knien anbete, mein Versöhner und Erlöser! --
Ich bringe Ihnen kein Gold und Silber, arm gehe ich in eine ungewisse
Zukunft, aber was ich besitze ist echt, -- der Glaube, wie die Liebe!«
Er hielt tief atmend inne.
Gesenkten Hauptes saß sie neben ihm, die Hände im Schoß verschlungen.
Auf den schweren Flechten flimmerte die Sonne und umwob das dunkle
Haupt mit feinen goldenen Rauten.
Sinnend sah er auf sie nieder. »Jutta,« sagte er leise.
Aber sie regte sich nicht.
»Soll ich gehen?« fragte er.
Da hob sie die Augen voll zu ihm auf. »Nein, nein!« Eine große
Sehnsucht lag in ihrem Blick, aber um den schmalen Mund zuckte
verhaltener Schmerz.
»Zweifeln Sie an mir?« fragte er traurig, »an dem Glauben des Mannes,
der seinen Meister auf Umwegen fand?«
»Nein,« rief sie lebhaft, »keinen Augenblick! In tiefster Seele
beglückt mich, woran ich nie gezweifelt, was ich aber von Ihnen selbst
hören mußte, ehe es mir zum unbestrittenen köstlichen Besitz wurde.
Die tiefe Kluft von einst ist überbrückt. Aber etwas anderes liegt mir
auf der Seele, etwas, das mich schon damals drückte, was aber hinter
der großen Hauptsache zurücktrat.« Ihre Stimme bebte. Sie wandte
das Antlitz zur Seite. »Ich weiß nicht, ob Sie sich nicht in mir
täuschen. Es ist etwas anderes, ob man ein Mädchen von fünfundzwanzig
Jahren heiratet, oder eines, das die Mitte der Dreißig überschritten.
Gewiß, es gibt Menschen, die immer jung bleiben, die etwas Leuchtendes
an sich haben, etwas Unverwelkliches, -- das sind die sogenannten
Sonntagskinder, denen eine besondere Gabe beschert ward, die sie im
Dienste anderer verwerten. Und dieser Dienst erhält sie jung. Aber an
mir ist nichts Leuchtendes! Ich bin nichts, als ein guter Hausgeist,
wie Exzellenz sagt. Von Ihnen aber hab' ich immer gedacht, Sie
brauchten eine jener feinsinnigen idealen Frauen, die überall Glanz
und Wärme hintragen und unbewußt durch ihr ganzes Wesen anderen zur
Erquickung werden! Das werd' ich nie!«
»Wissen Sie das so genau? Soll ich Ihre alte Exzellenz danach fragen?«
Er beugte sich vor und suchte ihren Blick.
Aber sie wich ihm aus. »Exzellenz -- ich sagte es doch schon -- die
antwortet Ihnen: ›Eichelchen ist ein treuer Hausgeist!‹ Das ist ein
großes unverdientes Lob, -- aber -- ich glaube, Sie brauchen mehr! Sie
brauchen eine Rose, an der Sie sich erquicken können, eine junge holde
Frau, die Ihnen ihre erste Liebe schenkt, eine, die mehr ist, als ich!«
Errötend brach sie ab.
Sein Auge ruhte sinnend auf ihr. Nie war sie ihm begehrenswerter
erschienen, als in diesem Augenblick, wo sie ihn in die Tiefen ihrer
Seele schauen ließ. Das war das Große an ihr, -- die Aufrichtigkeit.
Sie war mehr als die bloße Erkenntnis: ›Die Knospe ist aufgeblüht,
was du zu vergeben hast, ist still glühende reife Frauenliebe, tiefe
abgeklärte Weibessehnsucht, die ausschaut, ob einer des Weges kommt,
den sie erquicken darf!‹ Größer war der stille Verzicht, der ehrlich
und selbstlos zurücktrat: ›Es ist Herbstrosenglut, morgen fällt
der erste Schnee in den dunklen Kelch, -- geh eine Tür weiter, im
Nachbarsgarten duftet eine liebliche Knospe, die brich, die nimm ans
Herz!‹
Ahnte sie gar nicht, daß er sich gerade nach dieser klaren reifen
Frauenliebe sehnte, daß er gerade ihrer bedurfte, in den Kämpfen des
Tages? Daß er ein Weib brauchte, das ihm nicht nur das Haus schmückte,
sondern ihm geistig ebenbürtig zur Seite stand? Freilich nicht als
Gefährtin im modernen Sinne. Die Frau, die er suchte, mußte sich ihrer
Würde bewußt sein, sie mußte Schleier und Diadem vor dem Staub der
Gasse zu schützen wissen, mußte, ihres königlichen Dienstes eingedenk,
zuerst und zuletzt ganz Weib sein. Und das war die Frau, die hier an
seiner Seite saß und ungewollt und unbewußt den schönsten Stein in
ihrer Krone funkeln ließ, die Demut: ›An mir ist nichts Leuchtendes!
Ich bin nichts als ein guter Hausgeist!‹ -- --
»Eine, die mehr ist als Sie?« wiederholte er langsam ihre Worte. »Was
denken Sie eigentlich von mir? Ich will kein Fräulein Doktor heiraten,
sondern eine deutsche Frau!«
»Ach, das meinte ich nicht!« entgegnete sie. »Ich dachte nur, gerade
Ihre Frau müßte anders sein, etwa wie Gräfin Sibylle -- mit einem Wort
-- anders als ich!«
»Anders als Sie? -- Ich will Ihnen keine Schmeicheleien sagen, aber
eines muß ich hier aussprechen. Ich weiß, Sie meinen nicht die äußere
Schönheit, sondern die Seele, welche die ganze Persönlichkeit der
Gräfin zu dem macht, was sie ist. Ich sah sie ja nur selten und
flüchtig, aber das ist mein Eindruck von ihr: daß die Seele den Leib
adelt. -- Muß ich Ihnen denn erst sagen, daß Ihnen dasselbe helle Licht
aus den Augen strahlt? -- Gewiß, Sie sind beide keine Schablonen, jede
von Ihnen hat ihre Eigenart, aber eines steht fest,« -- wieder beugte
er sich zu ihr nieder, »ich brauche nicht weiterzugehen, ich will die
Frau, die ich liebe, genau so, wie sie ist ...,« er faßte ihre Hand und
drückte sie leise. »Jutta!«
Sie schwieg noch immer.
Da sagte er mit tiefernster Stimme: »Aber vielleicht ist Ihr Ideal
eines Mannes ein anderes?«
Durch ihre Gestalt ging ein Beben. Sie umklammerte seine Hand. »Nein,«
sagte sie kaum hörbar.
Aber er hatte sie verstanden.
Es hielt ihn nicht länger.
Er zog sie in seine Arme.
Und als wär's seit langer Zeit ihr gewohnter Platz, legte sie den Kopf
an seine Brust.
Kein Laut ging durch die abendliche Stille.
Die große Sehnsucht zweier Menschen war erfüllt: eines lauschte auf des
anderen Herzschlag. -- -- --
Und heimlich, als sei's ein Unrecht, streute die Sommerlinde ihre
goldenen Knospen auf die weiße Gartenbank, in die dunklen Flechten der
Braut. -- --
»Ich hab's gewußt,« sagte Pastor Wendler leise. »Als du mich
fortschicktest, sagte ich mir: ›Nur der Glaube trennt uns!‹«
Sie hob den Kopf und sah ihn strahlend an.
»Geliebt hast du mich damals schon, Jutta!«
Sie fand in ihres Herzens Seligkeit noch immer keine Worte.
Er aber wollte sein ganzes Glück aus ihrem Munde hören.
»Seit wann?« fragte er mit weicher Stimme.
Da sah sie ihn mit einem Ausdruck an, wie er ihn nie an ihr geschaut,
dann legte sie aufs neue den Kopf an seine Brust. »Immer!« -- -- --
* * * * *
Über den Hof rollte ein Wagen.
Sie richtete sich auf.
»Das ist Exzellenz!«
Er nickte ihr fröhlich zu.
Langsam traten sie aus ihrem grünen Versteck.
Als die Füchse hielten, standen sie Hand in Hand auf den Stufen.
Frau von Kambachs Blick ging fragend von einem zum andern. Ihre Augen
wurden immer größer.
Der Pastor öffnete den Wagenschlag und half ihr beim Aussteigen. Jutta
stand still daneben.
Frau Sabine nickte ihr lächelnd zu.
Dann sah sie dem abfahrenden Wagen nach, bis er um die Hausecke bog.
Auf den Krückstock gestützt, stand die greise Gestalt, helle Freude im
Antlitz. »Eichelchen, -- Kinder, -- was habt ihr gemacht?«
Da beugte sich ein dunkler Mädchenkopf über ihre Hand: »Exzellenz, er
will mich gerade so, wie ich bin!«
Jubelnd kam's heraus, kaum wußte sie, was sie sagte.
»Das glaub' ich schon,« rief die alte Dame, über das Haar ihrer treuen
Gehilfin streichend.
Und dann drohte sie dem Pastor.
»Ist das eine Art, mir hinterrücks meinen treuen Hausgeist abspenstig
zu machen?«
Er neigte sich über ihre Hand. »Ich brauche eine Frau Direktor, und
daran sind Exzellenz allein schuld. Wer hat mich auf den Posten
berufen? -- Unter hundert Frauen aber ist vielleicht eine, die mir die
rechte Gefährtin ist, und aus tiefster Seele dank' ich's Gott, daß ich
ihr begegnet bin!«
Er zog die Braut an sich.
Der alten Frau traten die Tränen in die Augen. Ihr Blick schweifte
über die Heide im Abendglanz, ihre Gedanken wanderten.
Wie oft hatte sie um diese Stunde hier gestanden und ihres schönen
geliebten Vaterlandes gedacht, wie oft war Herders mahnender Ruf durch
ihre Seele gezogen: ›O Deutschland, meine Sorge!‹
Aber so groß die Not, so schwer die Schuld, so riesenhaft die Last,
so drohend die Gefahr, immer wieder ging der große Meister durch die
Häuser und berief die besten und edelsten Kräfte zum Bau seines Reiches.
Und ohne auch nur einen Augenblick an sich zu denken, an die Lücke in
ihrem Hause, an den leeren Platz an ihrem Tisch, an alle Liebe und
Treue, die von ihr ging, gab sie, was von ihr gefordert ward.
›Es ist einer von den glattgespülten Kieselsteinen‹, zog es durch
ihre Seele, als sie in später Abendstunde über der Bibel saß. ›Einen
heiligen Damm wollest du bauen, lieber Herr und Gott!‹
Fünfzehntes Kapitel.
Ein Frauenlos.
Das ist die dunkelste Schuld, die das Erbe des Blutes mißachtet,
Die das Vermächtnis an Kinder und Enkel entehrt.
In einem stillen Dreilindener Gartenzimmer mit lichten Wänden und
duftigen Mullgardinen, lag Gräfin Ilse Bühler in den weißen Kissen. In
schweren Zöpfen hing das goldblonde Haar über ihre Schultern herab, die
durchsichtigen Hände ruhten still auf der Decke. Ein müder todmüder Zug
in dem blassen Gesicht alterte die junge Frau um Jahre. Schmerzlich
zuckte der Mund, und in den blauen Augen standen Tränen.
Exzellenz von Kambach trat an das Bett der Enkelin. »Nun, Liebling?«
fragte sie leise und strich sanft über die schöne Stirn.
Lächelnd sah sie auf die Wöchnerin nieder, aber es war ein fremdes
seltsames Lächeln, und Ilse Bühler fühlte, es sollte ihr etwas
verbergen.
Forschend richtete sie den Blick auf die Greisin.
»Großmutter, ich möchte mein Kind sehen!«
Wieder strich die welke Frauenhand über ihre Stirn. »Hab' noch etwas
Geduld, Ilse!«
Die Gräfin wechselte jäh die Farben: »Großmutter, Ihr verbergt mir
etwas! Was ist mit dem Kleinen? Um Gottes willen, sag' mir's!« Erregt
versuchte sie, sich aufzurichten.
»Ilse!« Mahnend hob Frau von Kambach die Hand. »Du weißt, was der
Sanitätsrat gesagt hat! Ich muß mich darauf verlassen können, daß
du seine Anordnungen genau befolgst, sonst dürfen wir dich keinen
Augenblick allein lassen.«
Gehorsam legte sich Gräfin Bühler in die Kissen zurück. Ihre Augen
füllten sich aufs neue mit Tränen.
»Ich will ja nur meinen Jungen sehen, Großmama!« sagte sie bittend.
Ein tiefes Mitleid überkam die alte Frau. Im angrenzenden Zimmer lag
ein schwaches Kind mit greisenhaften Zügen in der Wiege. Kaum einen
Laut gab es von sich, kraftlos hingen die Glieder am Körper. Es war ein
Bild des Jammers. Und der alte Sanitätsrat hatte feuchten Auges vor dem
kleinen Wesen gestanden und traurig den Kopf geschüttelt. »Exzellenz,
das sind böse Sachen!«
Er sah sich um. »Hört uns niemand? Nein?« Und mit halblauter Stimme
fuhr er fort: »Ein fast knochenloser Körperorganismus -- was das
bedeutet, Exzellenz?« Er zuckte mit vielsagendem Gesicht die Achseln.
-- »Die Herren Offiziere heiraten immer wieder skrupellos darauf los,
ich kann hier nur eines sagen, -- Berlin bei Nacht, -- und nicht nur
Berlin! Denn Graf Bühler steht nicht, wie viele, unter dem Fluch eines
düsteren Familienerbes. Wir haben es mit einer Schuld zu tun!«
Frau von Kambach hatte die zitternde Rechte auf den Arm des
Hausfreundes gelegt: »Um Gottes willen! Erklären Sie sich!«
Da beugte sich der alte Mann über die Wiege und sagte, die Hand auf das
blonde Köpfchen legend, mit erstickter Stimme: »Syphilis, Exzellenz!«
Sprachlos hatte sie ihn angeschaut. Dann war der Schmerz wie ein
Gewappneter über sie gekommen. Sie hatte sich schwer auf den nächsten
Stuhl niedergelassen. Ein heißes Schluchzen rang sich aus ihrer Brust.
Ihr erster Urenkel, der Sohn einer Kambach, der Erbe schwerer sexueller
Verfehlungen! Aufs tiefste erschüttert, weinte sie vor sich hin.
»Exzellenz,« mahnte der alte Arzt, und wies zum Nebenzimmer, wo die
junge Mutter lag.
Da raffte sie sich auf. Ein leises Zittern rann durch ihre Gestalt,
als sie sich erhob, aber dann stand sie hoch aufgerichtet auf den
Krückstock gestützt, vor ihm.
»Soll ich's ihr sagen?«
»Nein,« erwiderte er ernst. »Es könnte ihr Tod sein! Aber auf ein sehr
sehr schwaches Kind müssen Sie die Gräfin vorbereiten, schon deshalb,
damit sie nicht bei seinem Anblick erschrickt.«
Und dann hatte er sie mit ihrer schweren Mission allein gelassen.
* * * * *
Stunden waren vergangen. Exzellenz von Kambach hatte nicht den Mut
gehabt, Ilses Zimmer wieder zu betreten. Aber dann mußte es sein.
Das Schwerste kam in später Abendstunde, wo sie den Enkel erwartete.
Sie hatte sich vorgenommen, der jungen Frau erst mit beginnender
Dämmerung das Kind zu zeigen. Wenn die Schatten des sinkenden Tages auf
das kleine Geschöpf fielen, würde ihr das Schlimmste verborgen bleiben.
Über die ersten Stunden hinaus konnte und wollte die Greisin nicht
denken, für den nächsten Tag mochte Gott sorgen. -- --
»Der Kleine schläft jetzt, Ilse,« sagte sie, froh, zu keiner Notlüge
ihre Zuflucht nehmen zu müssen, »wenn er erwacht, sollst du ihn sehen.
Aber es ist ein schwaches Kindchen, dessen kleines Leben wir hüten
müssen, du wirst es dir anders gedacht haben!«
Mit banger Frage hingen die blauen Augen an den Lippen der Großmutter.
»Ich darf es dir nicht verschweigen, Ilse, daß es kein blühendes
kräftiges Kind ist,« -- sie stockte; was sollte sie, ohne die Wahrheit
zu umgehen, weiter sagen? -- »Versuch' doch, noch etwas zu schlafen,«
fügte sie unvermittelt hinzu, »du siehst abgespannt aus!«
Mechanisch nickte Ilse Bühler. Ihre Augen hingen angstvoll an der Tür,
die sie von ihrem Kinde trennte.
Erschüttert wandte Frau von Kambach sich ab.
Welch namenlosen Jammer enthüllte diese Offiziersehe, welch dunkles
Bild vornehmen Familienlebens! Einen Ausschnitt aus dem Riesengemälde
des deutschen Verfalls stellte es dar, eine Einzelerscheinung, wie sie
nicht trüber gedacht werden konnte. Und doch war -- wie irrtümlich
vielfach behauptet wurde -- die Armee nicht in erster Linie die
Trägerin und Verbreiterin der Geschlechtskrankheiten. Der statistische
Nachweis Berlins stellte im Gegensatz zum Studententum, welches
fünfundzwanzig vom Hundert lieferte, bei den Soldaten vier vom Hundert
fest. Noch besaß die Armee ein gutes Stück altpreußischer Zucht, --
und doch, und doch! Wann würde der Seuche, welche die furchtbare
sittliche und völkische Verheerung anrichtete, Einhalt geboten werden?
Und im äußeren Gegensatz zu dieser Tragödie der planmäßig betriebene
Geburtenrückgang, -- zwei Dämonen, die sich scheinbar gleichgültig
gegenüberstanden, in Wahrheit aber mit der Siedeglut teuflischen
Begehrs Hand in Hand ihr Opfer umkreisten. Hier die junge Mutter, die
der erste Anblick ihres heiß ersehnten Kindes vor die furchtbarste
Erfahrung ihres Lebens stellte, -- dort die Frau, die um Tand und
Wohlleben, um ein paar durchschwärmte Nächte das Allerheiligste der Ehe
mit Füßen trat! -- Wahrlich, das deutsche Volk stand unter dem Zeichen
langsamer Ausrottung, und nur ~eine~ Erklärung gab's für Gottes
Langmut: Seine Mühlen mahlten langsam, aber trefflich fein. -- --
* * * * *
Ilse Bühler hatte ihr Kind gesehen. Die Sommerlinde umschattete
barmherzig das stille Frauengemach, die Dämmerung breitete ihren feinen
Schleier über das Neugeborene. Mit großen Augen schaute die junge
Mutter auf das Knäblein, ihre Brust atmete schwer, ihre Lippen zuckten,
dann neigte sie sich über das blonde Köpfchen und hauchte einen scheuen
Kuß auf die kleine Stirn. Mit verzweifeltem Blick folgte sie dem Kinde,
als es hinausgetragen wurde. Dann schloß sie die Augen. Träne um Träne
rann die blassen Wangen herab.
Sorgenvoll saß Frau von Kambach an ihrer Seite.
Dunkler wurden die Schatten.
Durch die Zweige der Linde blickte schimmernd die feine goldene
Mondsichel.
Die Arbeit rastete.
Von der Landstraße wehten die Klänge eines alten Volksliedes herüber:
›Ich hab die Nacht geträumet
Wohl einen schweren Traum;
Es wuchs in meinem Garten
Ein Rosmarienbaum.
Ein Kirchhof war der Garten,
Ein Blumenbeet das Grab,
Und von den grünen Bäumen
Fiel Kron' und Blüte ab.
Die Blüten tät ich sammeln
In einen goldnen Krug,
Der fiel mir aus den Händen,
Daß er in Stücke schlug.
Draus sah ich Perlen rinnen
Und Tröpflein rosenrot, --
Was mag der Traum bedeuten?
Ach, Liebster, bist du tot?‹
Fern über der Heide verklang die junge Stimme.
Sinnend blickte die alte Frau aus dem Fenster. Welch wunderbare
Schönheit lag in den schlichten Worten.
›Die Blüten tät ich sammeln
In einen goldnen Krug,
Der fiel mir aus den Händen,
Das er in Stücke schlug!‹
zog es durch ihre Seele.
Und dann blickte sie wieder auf das weiße Antlitz in den Kissen. Die
Tränen traten ihr in die Augen.
Das war auch eine von den vielen, die ausgegangen waren, als alle
Berge blühten, ihr Frühlingssträußchen zu pflücken. Ihr Krüglein
war zerbrochen, ihre Blumen verwelkt, auf ihren Garten war ein Reif
gefallen -- -- -- was würde das Ende sein?
Die erste und letzte Liebe dieses jungen betrogenen Weibes, das mit der
größten Not seines Lebens kämpfte, hieß Wolf Dietrich Bühler -- -- --
Und weiter, weiter -- --
Sollte sich jenes altberühmte, Fürstengeschlechtern geredete Wort an
der vielhundertjährigen Adelssippe der Mark erfüllen:
›Es wenden die Herrscher
Ihr segnendes Auge
Von ganzen Geschlechtern
Und meiden, im Enkel
Die eh'mals geliebten,
Still redenden Züge
Des Ahnherrn zu sehn!?‹
Es graute ihr ...
Da klang's leise durch die Abendstille: »Großmutter, bis du da?«
»Ja, Liebling! Willst du Licht?«
»Ach nein, laß uns im Dunkeln bleiben, -- Großmutter -- was ist's mit
dem Kleinen?«
»Ich sagt' es dir doch, Ilse, es ist ein schwaches zartes Kind!«
»Nein, nein,« klang's traurig mit leiser Ungeduld zurück, »das mein'
ich nicht, -- ach, Großmutter, sag' mir's doch, das Fragen ist so
schwer!«
Die alte Frau antwortete nicht.
Totenstille herrschte in dem dämmernden Raum.
»Großmutter!« Flehend klang's aus den Kissen.
Da neigte sie sich über das Bett und faßte die Hände der Enkelin. Sie
waren eiskalt.
Sie erschrak. »Ilse, frierst du?«
»Nein, ich will nur wissen, was mit dem Kleinen ist!«
Eine heiße Angst überkam die Greisin. Die Unterhaltung währte ihr schon
viel zu lange für die zarte Frau.
»Liebling, ich sagt' es dir!« Sie strich leise über die schmalen Hände.
Ein tiefer Seufzer antwortete ihr. Und dann kam's stockend flüsternd,
verzweifelt heraus: »Wenn du mir das Entsetzliche nicht sagen willst,
so muß ich's mir selber sagen -- Wolf Dietrich -- ist krank und das
Kind -- --« schluchzend barg sie das Antlitz in den Kissen. -- --
Eine schwere Viertelstunde zog vorüber. -- --
Still war's im Zimmer. So still, als hätte der Tod seine Ernte
gehalten. Aber es war nur das Schweigen eines großen Schmerzes, der auf
dem Leben lastete.
Der Schlag der Uhren klang durch das stille Gutshaus. Durch die offenen
Fenster wehten Lindenblütendüfte.
Draußen unter dem hundertjährigen Stamm standen zwei und hielten sich
bei den Händen. Zwei Starke. Menschen, die klar und zielbewußt ihren
Weg gingen, deren Willen ein höherer Wille geheiligt.
Schweigend standen sie unter der Linde.
»Wenn Gott das Kind doch zu sich nähme!« sagte Jutta Eichel endlich und
blickte zu den verhangenen Fenstern empor.
»Vielleicht soll es leben!« entgegnete der Pfarrer.
Sie sah ihn sinnend an. Eine Flut von Fragen, die eine Braut nicht
ausspricht, zog durch ihre Seele.
Von der Dorfstraße klang das Rollen eines Wagens herüber.
Sie schreckte empor. »Das ist Graf Bühler.«
Fröstelnd zog sie ihr Tuch um die Schultern.
Er aber empfand unwillkürlich, daß es nicht nur die Nachtluft war, die
sie erschauern ließ. Ihre Frauenreinheit erbebte vor der Begegnung mit
der dunkelsten Menschenschuld.
Er faßte ihre Hand fester. »Komm,« sagte er leise. »Du begleitest mich
noch ein Stück, nicht wahr?«
Dankbar nickte sie ihm zu. Zum erstenmal, seit Wendler als
Bundesdirektor nach Düsseldorf übergesiedelt war, sahen die Verlobten
sich wieder. In Anbetracht der Verhältnisse war er des Kambachers Gast,
hielt sich aber den größten Teil des Tages in Dreilinden auf.
Hand in Hand wanderten sie schweigend durchs Korn.
Grillen zirpten. Durch die Halme ging ein Flüstern. Heckenrosen blühten
am Rain. Die Nebel brauten. In einen weißen Schleier gehüllt, träumte
die Heide.
Und ein Stern nach dem anderen ging über den deutschen Landen auf. -- --
* * * * *
In dem matt erleuchteten Raum unter der rosenfarbenen Ampel stand die
greise Gutsfrau mit dem Enkel an der Wiege.
»Das ist ~Ihr~ Kind!« Hart und scharf klangen ihre Worte. Sie
hatte sich bis jetzt nicht entschließen können, Wolf Dietrich Bühler
das verwandtschaftliche Du anzubieten.
Unbeweglich stand der junge Offizier neben ihr.
Das Blut stieg ihm in die Stirn. Sein Kind!
Er strich flüchtig mit der Hand über die Augen -- sein Blick streifte
scheu das kleine Wesen in den Kissen. So sah also der Stammhalter
der Bühler aus, -- eine Empfehlung der Rasse bedeutete dies Würmchen
allerdings nicht! Und es fuhr ihm durch den Kopf: ›Tor, der ich war,
als ich ihren Bitten nachgab und nicht sofort das Unglück verhinderte
-- nun steh' ich am Pranger!‹
Und dann sagte er, die Achseln zuckend: »Eine Frühgeburt, das erste
Kind einer überzarten blutarmen Frau ...«
Zwei klare Augen blickten ihn durchdringend an. »Nein,« klang
erbarmungslos die Antwort, »keine Frühgeburt, sondern der
unausbleibliche Fluch der Syphilis! -- Aber hier ist nicht der Ort,
diese Dinge zu bereden!« Sie trat dicht an ihn heran. »Nur noch ein
kurzes Wort hab' ich Ihnen zu sagen, dann mögen Sie zur Ruhe gehen. Sie
sind mein Gast, und das Gastrecht ist mir heilig. Mein Enkel sind Sie
nicht mehr. Ich gehöre der alten Zeit an, einer Zeit, da man Zucht und
Sitte noch nicht mit Füßen trat, da ein Edelmann seine Sinne meisterte
und das Erbe des Blutes ehrte. Sie mögen über die vorsintflutlichen
Ansichten der alten Kambach denken, wie Sie wollen, -- Ihre Kritik
berührt mich nicht. Nach außen werde ich die Rücksicht auf Ihre Familie
nicht vergessen, -- innerlich trennt uns ein breiter Graben, den nur
eines überbrücken kann: Ihre Umkehr unter das Kreuz! -- Gute Nacht,
Graf Bühler!«
Das weiße Haupt erhoben, schritt sie flammenden Auges an ihm vorüber
zur Tür.
Schweigend öffnete er dieselbe.
Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, ging sie hinaus.
Draußen auf den Fliesen klang das Aufschlagen des Krückstockes.
Bis sich die Tür ihres Arbeitszimmers hinter ihr geschlossen, reichte
die Kraft der starken stolzen Frau.
Dann sank sie schwer in einen Sessel und weinte bitterlich.
Sechzehntes Kapitel.
Gold gab ich für Eisen!
Dann erst wird der Smaragd zum kostbaren Kleinod,
Wenn ihn die Liebe zum Baustein der Ewigkeit weiht.
Im ›blauen Salon‹ brannte Kaminfeuer und der Teekessel summte.
Wenn die Bezeichnung auch schon seit Jahren nicht mehr stimmte, denn
die blaue Seide war längst durch einen dunklen Gobelinstoff ersetzt, so
behielt der hübsche elegante Raum doch seinen alten Namen. Man war eben
in allem konservativ in Dreilinden.
Die Sonne blickte herein und mischte ihr Gold mit dem Feuer im
Kamin. Leuchtend lag der warme Bronzeton auf den Familienbildern und
hundertjährigen Erinnerungen.
Neben dem feinen Porzellan stand ein Bachvergißmeinnichtkranz. Auf dem
Kaminsims duftete in kristallenem Kelch eine dunkle Edelrose. Es war
Sommerzeit.
Unter dem Kessel züngelte die blaue Flamme und spiegelte sich im
Silber des Teegeschirrs; leise begann das Wasser zu singen. Ein Hauch
stiller Heimlichkeit webte über dem sonnigen Bilde, über den drei
Frauengestalten, die den ›blauen Salon‹ belebten.
»Sag' mal, Billy, was war das für ein Wertpaket, das du heute mittag
erhieltest?« fragte Frau von Kambach die Braut des Enkels.
Das junge Mädchen blickte errötend von der Handarbeit auf.
»Großmama, ich habe es noch gar nicht aufgemacht! Es scheint etwas aus
dem Nachlaß Tante Nandine Linderns zu sein. Ich kam heute mittag nicht
dazu, es zu öffnen, erst hab' ich geübt, dann waren wir im Dorf, und
eben schrieb ich an Harro. Aber wenn du wissen möchtest, was darin ist,
will ich gleich hinaufgehen.«
Belustigt blickte die alte Exzellenz ihren Liebling an. »Sag' mal,
Billy, bist du denn gar nicht neugierig?«
»Warum? Ich bekomme jetzt alle Tage Hochzeitsgeschenke! Natürlich macht
mir das Auspacken Spaß, aber ich hatte heute eben Wichtigeres zu tun!«
»Hast du dir das Paket näher angesehen? Du sagst doch selbst, es sei
kein Hochzeitsgeschenk!«
»Näher angesehen? Es kommt aus Raklitten, und Ehrengard Lindern hat es
abgeschickt!«
Sie legte ihre Arbeit zusammen und verließ das Zimmer.
In zehn Minuten war sie zurück.
»Großmama! Du hast recht gehabt! Das hätte ich gleich aufmachen
sollen!« Mit hochgeröteten Wangen stand sie da. »Aber wer hätte das
auch gedacht! Wie eine Herzogin komm' ich mir vor!«
Sie öffnete das himmelblaue Samtkästchen und legte es der alten Dame in
den Schoß. Ein kostbares Halsband aus Perlen und Brillanten funkelte
ihr entgegen.
»Ist es nicht entzückend?«
Staunend blickte Exzellenz von Kambach auf den wertvollen Schmuck.
»Also wirklich kein Hochzeitsgeschenk?«
»Nein, nein, ein Erbstück,« klang die stolze Antwort. »Hier steht's:
›Meinem lieben Patchen zum Andenken an die alte Tante Nandine Lindern.‹
-- Wie wird Harro sich freuen! Er erklärte neulich schon, ich müsse mit
der Zeit irgendein größeres Schmuckstück für die Hoffeste haben, das
gehöre sich so. Ich hab' ihm natürlich geantwortet, er sei wohl nicht
recht klug! Bühl sei Majorat, und die Töchter, wie immer in solchen
Fällen, arme Landpomeranzen, aber wenn die Männer sich etwas in den
Kopf gesetzt haben, ist nichts zu wollen. Da schwieg ich denn und
dachte: ›Abwarten, Tee trinken!‹ Und nun ist sein Wunsch erfüllt! Ich
werde ihm vorläufig nichts davon sagen. Mitte Oktober ist ein großes
Fest im Marmorpalais, dann erscheine ich im Brillantschmuck! ~Die~
Augen möcht' ich sehen! -- Nicht wahr, Großmama, du hebst ihn mir
bis dahin auf! Meine Geige darf ich ja schon bei dir einquartieren.
Eichelchen, kommen Sie doch mal her! Das Mittelstück ist doch einzig in
seiner Art!«
Und zwei dunkle Köpfe neigten sich neben dem weißen über die
schimmernde Pracht.
»Ich hätte gar nicht gedacht, daß Sie sich so über einen Schmuck freuen
könnten,« sagte Jutta Eichel endlich.
»Warum denn nicht? Es ist doch nicht in erster Linie der Schmuck,
sondern die Erinnerung an eine liebe Gestalt und vergangene Zeiten, --
das macht ihn mir wertvoll! Außerdem freu' ich mich, daß mein Schatz
seinen Willen bekommt, denn sonst würde er mir fortwährend mit der
Sache in den Ohren liegen. Und dazu ist sie mir nicht wichtig genug.
Zu guter Letzt aber sehe ich nicht ein, warum ich mich nicht auch
persönlich freuen soll, wenn ich etwas Schönes geschenkt bekomme.
Kaufen würde ich mir so etwas doch nie, und wenn ich über Millionen
verfügte -- aber so? Schließlich bin ich doch auch keine Vogelscheuche!
Kommen Sie, wir wollen einen Hopser machen -- ›Rosen aus dem Süden‹
-- keine Müdigkeit vorgeschützt! Morgen kommt hoffentlich der
Brillantschmuck für Fräulein Jutta Eichel!«
Und ehe er's hindern konnte, wurde der treue Hausgeist im Sturm durch
den ›blauen Salon‹ gewirbelt, daß die Flamme unter dem Kessel erschrak
und das Porzellan klirrte.
Endlich machte der Wildfang Schluß.
»Verzeih, Großmama, aber Eichelchen hat manchmal Grappen im Kopf, die
müssen ihr unbedingt noch vor der Ehe ausgetrieben werden; sonst gibt
es ein Unglück!«
Exzellenz von Kambach versuchte ein ernstes Gesicht zu machen. »Sag'
mal, Billy, bist du eigentlich verrückt geworden? Glaubst du etwa, daß
du für die Ehe reif bist, wenn du solche Allotria treibst?«
»Großmutter, das sind keine Allotria, das nennt man in der
Jugendbewegung ›Ertüchtigung‹. Außerdem muß auch mal etwas Leben in
die Landschaft gebracht werden, sonst wird selbst die Ehe mit der Zeit
langweilig!«
Eichelchen hatte sich von ihrem Schreck erholt und sich der Juwelen
bemächtigt. Vorsichtig nahm sie das Halsband heraus und trat zu Sibylle.
»Zur Strafe für den Überfall will ich Sie gleich in Ihrem Erbschmuck
sehen,« sagte sie und legte es um den weißen Hals.
Sie trat ein paar Schritte zurück. »Ah -- Brandenburgs Rose!«
Sibylle wurde dunkelrot. Vom Schein des Feuers umflirrt, stand sie am
Kamin. Leuchtend hob sich die weiße Gestalt vom weinroten Teppich, und
der letzte Strahl spielte mit den Edelsteinen.
›Sophie Charlotte,‹ zog es der alten Frau durch den Sinn, und ihre
Gedanken weilten bei dem Bilde der Ahnfrau.
Da löste Sibylle den Schmuck und legte ihn in das Kästchen zurück.
»Ehe ich nach Bühl zurückkehre, darf ich dir das Halsband geben, nicht
wahr, Großmama? Jetzt will ich mich noch etwas daran freuen. Und
niemand erfährt etwas davon, auch Großpapa und Mama nicht!« Ihr Blick
flog zu Jutta Eichel hinüber; bittend legte sie den Finger an die
Lippen.
Die nickte ihr zu. »Ich schweige wie das Grab!«
Sibylle ging. Dann sah sie noch einmal zur Tür herein.
»Eh' ich's vergesse, Großmama, ist es sehr unbescheiden, wenn ich für
Montag früh um einen Wagen bitte? Mama will dabei sein, wenn ich mein
Brautkleid zum letztenmal anprobiere. Gestern ist sie von der Reise
zurückgekehrt, bleibt einige Tage in Potsdam und will dann, ehe sie
zur Hochzeit nach Bühl kommt, noch nach Mecklenburg. Eine schreckliche
Hetzerei! Ich hätte das Kleid ja längst schon zum zweitenmal
anprobieren können, aber sie wollte durchaus dabei sein. Darf ich
Montag früh fahren?«
»Natürlich, Billy.«
»Danke tausendmal, Großmama!«
Und fort war sie. --
Ein Wagen rollte über den Hof.
»Das ist Herr Oberstallmeister,« sagte Fräulein Eichel. »Soll ich noch
einmal Tee machen?«
Die Gutsherrin sah auf die Uhr. »Es ist gleich halb sechs! Lassen Sie
nur bitte abräumen. Mein Sohn wird zum Abendbrot bleiben!«
Die Gesellschafterin klingelte; dann setzte sie die Tassen zusammen.
»Wenn Exzellenz mich brauchen sollten, -- ich gehe nur dem Postboten
entgegen,« sagte sie und trug Brot und Kuchen hinaus. -- --
* * * * *
Sibylle hatte ihren Schmuck in Sicherheit gebracht und stand, ihren
Schwiegervater erwartend, in der offenen Haustür.
»Tag, Billy,« rief er, die Freitreppe heraufkommend, »Großmama ist doch
zu Hause?«
»Ja, Papa!«
Er küßte sie auf die Stirn.
»Was macht Harro?«
»Der ist vorgestern in Johannistal aufgestiegen!«
»So, alles gut verlaufen? -- Und das tapfere Bräutchen hat keine Spur
von Angst? Famos!«
»Aber Papa, wir wollen doch unsere Hochzeitsreise mit der ›Brandenburg‹
machen! Wie sollt' ich da Angst haben? Im Gegenteil. Ich freue mich wie
ein Zaunkönig!« Sie schob den Arm in den seinen. »Du bleibst doch zum
Abendbrot?«
»Ich muß zurück. Der ganze Schreibtisch liegt voll. Die Bundesarbeit
wächst mit jedem Tage, und wir Vorsitzenden haben alle Hände voll zu
tun. Die Drachenburger Ortsgruppe kommt noch dazu,« -- er fuhr mit der
Hand durch das dichte graue Haar -- »ach ja!« -- --
Frau von Kambach ging dem Sohne entgegen. »Schön, daß du kommst, Karl
Heinrich!«
»Ich muß dringend mit dir sprechen, Mama!«
Sie nickte. »Wie geht es Ilse?«
Auf seine Stirn trat eine Falte. »Sie nimmt sich sehr zusammen. Aber
daß es unter den obwaltenden Umständen mit ihrer Erholung langsam geht,
ist kein Wunder! Dazu die Sorge um das Kind!«
Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß es groß wird, Mama! Es
war jedenfalls sehr richtig, daß du die Nottaufe veranlaßtest!«
Frau von Kambach nickte. »Es war in dem Augenblick das Gegebene! Man
konnte gar nicht wissen, ob das kleine Geschöpf die Fahrt nach Kambach
überstehen würde. Ich für meine Person hätte nicht die geringsten
Bedenken gehabt, wenn Ilse hier geblieben wäre. Das Dorf liegt abseits,
und ich habe jeden Verkehr mit dem Herrenhause untersagt. Aber als
sie hörte, daß Diphtherie im Dorf sei, erklärte sie sofort, sie könne
wegen des Kindes nicht bleiben. Zureden hätte nichts genützt, sie war
derartig nervös, daß nichts mit ihr anzufangen war. Außerdem sagte
ich mir: vielleicht ist es besser so. Diphtherie ist doch nun einmal
übertragbar! -- Hoffentlich schadet ihr und dem Kinde die Fahrt nicht!
Für Ilse war es reichlich früh, aber der Wagen federt zum Glück sehr
gut.«
»Ich glaube, die Fahrt wird weniger nachteilig für sie gewesen
sein, als alles übrige, was das arme Kind durchgemacht hat und noch
durchmacht,« entgegnete der Oberstallmeister. »Ilses Zukunft liegt sehr
dunkel vor mir.« Er strich seufzend über die Stirn. »Ein anderes Mal
davon, Mama. Ich komme nämlich wegen einer Bundesangelegenheit und bin
sehr eilig.« Er sah auf die Uhr. »Dreiviertel sechs!«
Man setzte sich.
Sibylle wollte sich entfernen.
»Bleib nur, Kind,« rief die Greisin, »oder hast du noch zu tun?«
»Ich möchte nur noch an Mama schreiben, daß ich Montag komme. Wenn ich
mich beeile, geht meine Karte jetzt noch mit fort, und sie hat sie
Montag früh.«
»Was ist denn los?« rief der Oberstallmeister dazwischen.
»Ach, sie muß noch einmal nach Berlin, um ihr Brautkleid
anzuprobieren,« entgegnete seine Mutter. »Setz' dich doch gleich an
meinen Schreibtisch, Billy, es ist höchste Zeit!«
»Danke, Großmama.«
Das junge Mädchen zog sich in das Nebenzimmer zurück.
Ohne auf die Unterhaltung drinnen zu achten, schrieb sie in fliegender
Eile.
Dann griff sie zum Löscher.
Da klang ihres Schwiegervaters Stimme laut und erregt herein: »Wenn
wir nicht in allernächster Zeit mit einer bestimmten pekuniären
Sicherheit für mindestens zwei Jahre rechnen können, so bedeutet das
einen Rückschritt der Bundesarbeit. Wehrmann und ich haben nach allen
Ecken und Enden hin geschrieben; aber kein Mensch hat Geld, und die,
welche es haben, rücken nichts heraus. Ja, wenn's für etwas anderes
wäre! Aber für den Bund bibelgläubiger Christen? Nee, das gibt's nicht!
Dabei brauchen wir, zumal bei der Einstellung neuer Arbeitskräfte
mit allem, was drum und dran hängt, für die nächsten zwei bis drei
Jahre rund dreißigtausend Mark. Und das ist noch niedrig gerechnet.
Ich weiß tatsächlich nicht mehr aus noch ein. Ein paar tausend Mark
bekomme ich ja schließlich von guten Freunden zusammen, aber was soll
mir das helfen! Opfer bringt dies verwaschene Geschlecht eben nicht
mehr, höchstens für Schlemmerei und Spiel, und der Himmel weiß, was
sonst noch! Mit einem Donnerwetter möchte man dreinfahren, damit die
Herrschaften das Wort wieder lernten: ›Gold gab ich für Eisen!‹ Ich
wollte, meine olle Klitsche brächte mir mal 'ne Musterernte, dann wüßt'
ich, was ich täte, aber ich komme ja wieder nur so gerade durch. Es ist
um aus der Haut zu fahren!«
Erschrocken lauschte Sibylle hinüber. Das waren ja böse Aussichten!
Aber nein, es war unmöglich! Die Sache, die ihnen allen so am Herzen
lag, die von so unendlicher Wichtigkeit war, konnte und durfte nicht
Schaden leiden! Vielleicht sah ihr Schwiegervater in seiner regen
Phantasie auch zu schwarz.
Und dann hörte sie Frau von Kambachs klare Stimme.
Aber auf dem Schreibtisch mahnte die Standuhr.
Sie flog hinaus. -- --
* * * * *
Gen Abend ging's. Langsam schlenderte der alte Postbote durch die
Heide. Man durft' es ihm nicht verargen, daß er auch einmal die ganze
Pracht in Ruhe genießen wollte.
Einer von jenen Tagen, welche das Land in ihre goldene Schleier hüllen
und dem bescheidensten Erdenwinkel einen stillen Zauber verleihen,
ging zur Neige. Einer von den Tagen, wo alles leuchtet, wo die Farbe
glüht und Märchenschönheit das Alltägliche umspinnt. Wo Wald und Heide
Königreiche werden, wo das Bauerngärtlein mit seinem Bienenstock,
seinen Malven und Nelken, seiner weißen Wäsche auf dem Zaun wie ein
Idyll den Wanderer grüßt. Wo einem der Gedanke aufsteigt: ›Es ging
ein Himmelskind durch die Lande und segnete Wald und Anger und das
Herdfeuer der Menschen!‹ Solch ein Tag war's, solch ein wundervoller!
-- --
Unter dem steinernen Torbogen des Gutshauses stand Jutta Eichel. Auf
den frischen klaren Zügen lag sehnende Erwartung.
Die Hand über die Augen gebreitet, spähte sie über die Heide.
Endlich tauchte der alte Postbote zwischen den Hügeln auf. Schwerfällig
stolperte er auf sie zu.
»Na, ick dacht's mir doch, Fräulein Eichel steht schon am Hoftor! Ein
Glück, daß der Brief da ist, sonst wär's mir wohl schlecht gegangen!«
Er blieb vor ihr stehen und kramte seine Tasche durch. »Da is er schon!
Aus Düsseldorf! Wann wird denn Hochzeit gemacht, wenn ick mir die
Anfrage erlauben darf!?«
»Wenn die Hochzeit in Bühl gewesen ist!« klang die fröhliche Antwort.
»So, so. Konnt' ick mir denken.« Er kramte weiter. »Für Gräfin Bühler
is auch was da! Aus Berlin. Der Herr Oberleutnant is ja wohl bei die
Luftschifferabteilung? Is ja allens ganz gut, und 's Deutsche Reich
muß wohl solche Einrichtungen haben, aber -- ick weiß nich -- die
Dinger haben nu doch mal keine Flügel, und darum kommt so oft was vor!
Denn was die Perpellers sind, -- das sind doch nu und nie richtige
Flügel, wie die Vögel sie haben! Und ick sag' mir immer, wenn der liebe
Herrgott die Vögel so für die Luft eingerichtet hat, dann müßten die
Luftschiffe auch Flügel haben, -- warum geht die Geschichte denn sonst
immer schief? Nee, nee, das gefällt mich nich, Fräulein Eichel!« Er
schloß die Tasche. »Abends gibt's nich viel, is 'ne flaue Post, nur der
Düsseldorfer Brief darf nich fehlen!«
Er nickte ihr freundlich zu und setzte seinen Weg fort.
Einen Augenblick stand sie noch, die dämmernde Heide überschauend, dann
begann sie, langsam dem Gutshause zuwandernd, ihren Brief zu lesen.
Ein stilles Glück lag auf ihren klaren Zügen und gab ihnen einen
eigenen Reiz. Einen feinen innerlichen, der ihr ganzes Wesen
durchstrahlte und ihm jene Anmut verlieh, von welcher der Dichter singt:
›Ist der Leib ein Gotteshaus,
Blickt ein Engel zum Aug' heraus.‹
Wendler hatte gewußt, was er tat, als er seine Lebensgefährtin
erwählte. Wie kein anderer bedurfte er der Frau, deren Hand fest
in der seinen lag, deren Auge hell blieb, wenn Wolken über den
Weg zogen, die mit starker Seele des Lebens Last trug. Die ganze
Arbeitsfülle, verbunden mit den Schwierigkeiten, die ein in den
ersten Anfängen steckendes, von allen Seiten mißtrauisch betrachtetes,
vielfach angefeindetes Werk begleiten, war auf ihn eingestürmt.
Mitten hineingestellt in den Geisteskampf der Zeit, wuchs ihm mit
der Größe der Aufgabe nicht nur das Verantwortlichkeitsbewußtsein
ins Riesenhafte, auch seine Kraft erstarkte unter der Last. Mit dem
Ewigkeitsgedanken, der seit dem großen Wendepunkt seines Lebens der
Grundton seines Tun und Denkens geworden, kehrte die Freude am Ausbau
überweltlicher Ziele bei ihm ein und ward ein Stück seiner selbst.
Ein starker frischer Mut, der Mut des Glaubens, der vergebene Schuld
im Buche der ewigen Liebe getilgt weiß, ließ ihn Vergangenes dahinten
lassen und aufbauen, was er zerstört. Kindesdemut fügte Stein an Stein,
Mannesstolz hob, den Spöttern zum Trotz, das verachtete Werkzeug vom
Boden und forderte blitzenden Auges: ›Den Hammer in Ehren!‹
Wohl flogen die Pfeile um den tapferen Streiter, aber das Werk wuchs.
Ortsgruppe reihte sich an Ortsgruppe, und die Zahl der Mitglieder
mehrte sich zusehends.
Den letzten Brief an Frau von Kambach durchzog's wie ein Jubilate, und
das unerschütterliche Gottvertrauen, das aus jeder Zeile sprach, wirkte
belebend und erfrischend auf die greise Frau, deren starkem Geist es
in der letzten Zeit oft schwer geworden war, Leid und Sorgen mit dem
Mute früherer Tage zu überwinden. Denn die Sorge um geliebte Menschen
zermürbt, zumal, wenn man mit gebundenen Händen vor einem abgrundtiefen
Schmerz steht, -- die Sorge um das Wachstum des Reiches Gottes hält
wach, aber auch sie trägt ihren Namen mit Recht, solange Erdenkinder
hienieden ihre Straße ziehen. Das Wort von den Lilien auf dem Felde
bleibt dem Menschenherzen nun einmal eine schwierige Lektion.
Nachdenklich wanderte die Braut dem Herrenhause zu. Auch in ihrer
Seele lebte die Sorge. Ihr Verlobter hatte sie über die wirtschaftliche
Lage des Bundes nicht im unklaren gelassen, auch in bezug auf die neu
aufgetauchten Schwierigkeiten nicht. Ob Exzellenz von Kambach und ihr
Sohn das alles in vollem Umfange wußten? Und zum erstenmal zog eine
brennende Sehnsucht nach Reichtum in ihr Frauenherz. -- --
* * * * *
Sibylle Bühler war aus Potsdam zurückgekehrt, schöner, strahlender denn
je.
»Es ist etwas an ihr, das wie ein Magnet auf mich wirkt, -- ist es das
Leuchten ihrer Augen, die Frische ihres Wesens, ich weiß es nicht!
Selten hat ein Mensch solche Anziehungskraft auf mich ausgeübt!« sagte
Exzellenz von Kambach zu Fräulein Eichel.
Sie nickte. »Ja, es ist ein wundervolles Gemisch von Ernst und
Lebensfreude in Gräfin Sibylle! Man glaubt oft kaum, daß es ein und
derselbe Mensch ist. Neulich die Freude über den Schmuck war doch
einfach reizend!«
»Ja,« erwiderte die Greisin, »aber ich bin überzeugt, daß sie mit noch
größerer Freude ein Opfer für eine große Reichsgottessache bringen
würde! So jung sie ist, ihr Leben hat Ewigkeitsinhalt, und der Grundton
ihres Wesens ist der Zug zum Überweltlichen. Man findet selten in dem
Alter solche Klarheit im Urteil und Handeln, solches Zielbewußtsein!«
Sinnend ruhte ihr Blick auf dem Bilde des Brautpaares vor ihr auf dem
Schreibtisch. »Ich hoffe, mein Enkel wird an ihr erstarken; sie gehört
zu den Frauen, die den Mann, den sie lieben, in kluger und taktvoller
Weise unmerklich beeinflussen. Übrigens -- ist Billy noch beim Packen?«
»Sie stimmte eben ihre Geige. Der Koffer war fertig bis auf das, was
morgen früh hinein soll!«
»So, dann wird sie wohl gleich herunterkommen.«
Fräulein Eichel ging.
Gleich darauf erschien Sibylle, ihre Geige im Arm.
Sie sah erhitzt aus. Ihre Augen glänzten.
›Es ist die Erregung des Abschieds,‹ dachte Frau von Kambach.
»Nun, da bist du ja,« begrüßte sie freundlich die Enkelin.
»Ja, Großmama, und hier bringe ich dir die Vielgeliebte! Niemand gäb'
ich sie so gern in Verwahrung wie dir! Der Kasten bedurfte leider
so sehr der Ausbesserung, daß ich ihn neulich nach Berlin schicken
mußte. Aber er wird dir in den allernächsten Tagen zugestellt werden.
Bis dahin darf die Geige vielleicht hier in deinem Zimmer an der Wand
hängen, -- es kommt ja niemand daran!«
Die alte Dame nickte. »Anna ist ja vorsichtig beim Reinmachen, und
Fräulein Eichel wischt bei mir Staub. Ich glaube, wir können ohne Sorge
sein!«
»Es dauert ja auch nur kurze Zeit,« sagte die Braut und schlang ein
seidenes Band um das Instrument.
»Aber erst spielst du mir noch etwas zum Abschied,« bat die Greisin.
Sibylle nickte. »Was soll ich spielen?«
»Was du willst!«
Weich und sehnsüchtig zog Händels Arioso durch den Herbstabend. ›Ein
feines, nahezu künstlerisches Spiel,‹ hatte ein namhafter Kritiker
nach einem Berliner Wohltätigkeitskonzert über Sibylles Leistungen
geurteilt. Der alten Frau war es mehr -- eine seelische Erquickung in
stillen Stunden.
Das Largo des großen Tonkünstlers folgte, die liebliche Harfenarie
klang durch den stillen Raum.
Das ernste Antlitz über die Geige geneigt, stand die Braut im Schein
des flackernden Feuers.
»Nun noch ›Ein Ton‹,« bat Frau Sabine.
Da hängte Sibylle die Geige an die Wand und setzte sich an den Flügel.
Auf der weichen Stimme lag's wie ein Schleier, als sie leise Peter
Cornelius' tiefsinniges Lied anstimmte:
›Mir klingt ein Ton so wunderbar
In Herz und Sinnen immerdar!
Ist es der Hauch, der dir entschwebt,
Als einmal noch dein Mund gebebt?
Ist es des Glöckleins leiser Klang,
Der dir gefolgt den Weg entlang?‹
Der Gesang brach ab. Ein leises Weinen klang zu der alten Frau hinüber.
»Billy!« Sie trat zum Flügel und zog den dunklen Mädchenkopf an die
Brust. Sanft strich sie über das seidene Haar.
Kein Laut unterbrach das Schweigen. Aber die jungen Lippen küßten die
alten Hände.
»Verzeih, Großmama,« sagte Sibylle Bühler dann mit stockender Stimme,
»es war wie ein Abschied ...«
Frau von Kambach schwieg, eine Träne rann ihr die Wange herab; sie
beugte sich über die Braut und küßte sie. Dann schloß sie den Flügel.
»Du wolltest mir noch deinen Schmuck bringen,« sagte sie, auf ihren
Stock gestützt zum Kamin schreitend, wo sie sich in einen Klubsessel
niederließ.
Sibylle antwortete nicht sogleich. Das Rot auf ihren Wangen vertiefte
sich. Dann zog sie einen Briefumschlag aus der Tasche, legte ihn der
Greisin in den Schoß und sagte mit leisem Beben in der Stimme: »Da ist
er, Großmama, aber du darfst nicht schelten!«
Sprachlos blickte Exzellenz von Kambach die Enkelin an. Dann
schüttelte sie den weißen Kopf und sagte ernst: »Ich verstehe dich
nicht!« Sie öffnete den Briefumschlag und zog den Inhalt heraus:
Banknoten.
»Billy, was stellt dies vor? Bitte, äußere dich darüber!« rief sie und
ihre Stimme durchzitterte Erregung. »Du sagst, das sei der Schmuck, --
man verkauft doch nicht ein altes Erbstück um nichts und wieder nichts!«
»Das habe ich auch nicht getan, Großmama! Um nichts und wieder nichts
hätte ich das Halsband nie verkauft!«
»Ja, aber was stellt das vor?«
Da zog sich Sibylle, wie es ihre Art war, einen Schemel neben den Stuhl
der Greisin und setzte sich zu ihren Füßen. »So kann ich's dir am
besten sagen!« Sie lehnte den Kopf an ihre Knie. »Aber niemand darf's
wissen, auch Harro nicht, wenigstens jetzt noch nicht, -- er versteht's
doch nicht,« fügte sie traurig hinzu, »es ist zu heilig!« Sie hielt
inne, als müsse sie sich sammeln.
Und dann begann sie aufs neue mit leiser Stimme: »Also, um es kurz zu
machen, Großmama, ich hörte Sonnabend abend, während ich nach Potsdam
schrieb, wie Papa dir sagte, wenn er nicht in allernächster Zeit eine
Sicherheit von dreißigtausend Mark für drei Jahre erhielte, so sei ein
Rückgang der Bundesarbeit zu befürchten. -- Ich erschrak im ersten
Augenblick natürlich sehr, du weißt ja, wie mir die Sache am Herzen
liegt, aber andererseits sagte ich mir doch auch, daß Papas lebhafte
Phantasie ihn vielleicht etwas schwarz sehen ließe. Das Letzte hörte
ich nicht mehr -- ihr wußtet ja, daß ich nebenan saß; aber ich kam
mir doch etwas vor, wie ein ›Lauscher an der Wand‹; denn Papa hatte
meine Anwesenheit sicher längst vergessen, außerdem mußte meine Karte
schleunigst fort. Abends wurde musiziert und von allem möglichen
anderem gesprochen -- kurz und gut, ehrlich gestanden, hätte ich in
diesen Tagen, kurz vor meiner Hochzeit vielleicht gar nicht wieder
daran gedacht, wenn nicht ...«
Sie sprang auf und lief in das geöffnete Nebenzimmer -- »es ist doch
niemand hier?« Und dann setzte sie sich wieder auf ihr Schemelchen zu
Füßen der Greisin. Aber sie lehnte den Kopf nicht wieder an ihre Knie
und sah sie leuchtenden Auges an: »Großmama, keinem andern könnt' ich
es sagen, nur dir, denn nur du verstehst so etwas!«
Sie hielt einen Augenblick inne, als koste es sie trotzdem einen Kampf,
den Schleier von ihrem Geheimnis zu lüften, dann fuhr sie fort: »Also
ich dachte nicht wieder daran. Sonntag morgen fuhren wir zur Kirche.
Ich wußte, daß ich als Braut zum letztenmal neben dir im Kambacher
Stuhl saß, nach der Predigt sollte unser Aufgebot kommen, das alles
bewegte mich. Die Gedanken an den Bund lagen mir in dem Augenblick
gänzlich fern. -- Da mit einemmal kam's über mich, ich weiß nicht wie.
Durch meinen Kopf flog es wie ein Wirbelwind: ›die dreißigtausend Mark
~müssen~ geschafft werden, und ~du~ hast sie aufzubringen!‹
Mit einer Wucht stürmte es auf mich ein, wie ich es nie erlebt, und
ich fühlte und wußte es ganz bestimmt, das war nicht ~mein eigener
Gedanke~, es war eine unsichtbare übermenschliche Kraft, die mich
unter ihren Willen zwang. Ich war wie betäubt. Auch körperlich. Mühsam
versuchte ich, meine Gedanken zu sammeln, meine Einkünfte zu übersehen,
obgleich ich mir sagen mußte, daß gar nicht daran zu denken sei, daß
ich diese Summe aufbrächte! Pastor Möller predigte über das Gebet. Ich
hörte nicht zu und dachte nicht an Beten. Ich rechnete. Aber meine
Rechnung stimmte nicht. Und in mir hämmerte und dröhnte es weiter:
›Du sollst! Du mußt!‹ -- Ich war in heller Verzweiflung; am liebsten
wäre ich aus der Kirche gerannt, aber das ging doch nicht! So hielt
ich aus. Meine Lage wurde immer unerträglicher. Da, schließlich, als
ich nicht mehr aus noch ein wußte, tat ich einen Stoßseufzer: ›Lieber
Gott, schenk' mir doch einen vernünftigen Gedanken!‹ Es war kein Gebet,
Großmama, es war ein Verzweiflungsschrei. Aber im selben Augenblick
kam's wie eine Antwort: ›Du bist wohl ganz auf den Kopf gefallen! Wozu
hast du den Schmuck, der mindestens zwanzigtausend Mark wert ist? Vor
hundert Jahren gaben deutsche Edelfrauen den letzten Taler für die
äußere Freiheit des Vaterlandes -- und ihr?‹ -- Großmutter, -- ich
kann dir sagen, es war mir, als nähme mir einer eine Riesenlast ab und
schenkte mir ein Königreich dafür!«
Von Bewegung übermannt, legte sie den dunklen Kopf wieder auf ihren
Platz in den Schoß der alten Frau. »Nicht wahr, du schiltst nicht?«
Nein, sie schalt nicht. Ganz still saß sie da, und während zwei große
Tränen über ihre Wangen liefen, legte sie die zitternden Hände auf das
junge Haupt.
Kein Laut ging durch's Zimmer. Ein großes feierndes Schweigen lag über
den beiden Menschen, denen heilige unsichtbare Hände den Schleier
der Überwelt gelüftet. Und ob jenes wunderbare Leuchten nur eines
Augenblicks Länge gewährt, sie wußten, hinter den wallenden Nebeln
lag die lichte Stadt, deren Glanz wie eine schimmernde Sternschnuppe
auf ihren Weg gefallen war. Und dieser Glanz blieb an der armen Erde
haften. Über dem Pfad der beiden Frauen stand der hohe Schein einer
Ewigkeitsstunde.
Endlich richtete sich Sibylle auf. Noch war sie keines weiteren Wortes
fähig.
Da nahm die alte Frau das schöne erglühende Mädchengesicht in beide
Hände und küßte die Enkelin: »Gott segne dich, Liebling!«
Sibylle zog die greise Hand an die Lippen. »Gut, daß du nicht mehr
schiltst,« sagte sie, ihre Bewegung meisternd, und ein Anflug von
Schalk huschte um ihren Mund.
»Nein, nein, ich sage überhaupt nichts mehr,« erklärte Frau von
Kambach. »Wenn Gott so gewaltig spricht, haben wir Menschen zu
schweigen!«
Lächelnd strich sie über das seidene Haar.
»Aber nun erzähl' mir das übrige. Also du bist mitsamt deinem Schmuck,
ohne einer Menschenseele etwas zu sagen, in Berlin gewesen und hast die
Steine einschätzen lassen, du Ausreißer?«
»Ja, Großmama,« erwiderte Sibylle triumphierend. »Und ich hatte
Glück. Mama hatte fürchterliche Kopfschmerzen und ließ mich allein
zu Gerson fahren, so hatte ich freie Hand. Harro war in Johannistal.
Solche herrliche Fahrt habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht
gemacht! Und dann kam das Schönste. Ich war bei Lorenz und ließ den
Wert des Schmuckes feststellen. Großmama, ich dachte, es würden
vielleicht zwanzigtausend Mark dabei herauskommen, und zerbrach mir
den ganzen Tag darüber den Kopf, wen ich bitten solle, weiterzuhelfen.
Denn Großpapa hätte höchstens zweitausend Mark geben können bei den
schlechten Ernten, und Mama interessiert sich ja leider gar nicht für
solche Sachen. -- Also der alte Lorenz besah mein Halsband von allen
Seiten und prüfte die Steine eine halbe Ewigkeit. Ich stand wie auf
Kohlen. Am liebsten hätte ich ihn beim Rockkragen genommen und tüchtig
geschüttelt. Schließlich erklärte er dann mit größter Gemütsruhe:
›Gnädigste Gräfin, ich biete Ihnen für den Schmuck dreißigtausend Mark,
aber nehmen Sie's einem alten Manne nicht übel, es ist eine Sünde
und Schande, wenn Sie ihn verkaufen!‹ -- Na, das war ja meine Sache.
Wir haben den Handel gleich abgeschlossen. Ich war mit ihm auf der
Deutschen Bank, -- da sind die dreißigtausend Mark!«
»Aber Billy!«
»Findest du es unpassend, Großmama?«
Frau von Kambach lachte. »Etwas modern, aber vor allem sehr
unvorsichtig. Man kutschiert nicht mit dreißigtausend Mark Wertpapieren
in der Welt herum, sondern läßt die Angelegenheit durch die Bank
ordnen. Du bist doch sonst so gewandt in solchen Sachen!«
Die junge Gräfin senkte die Wimpern. »Ja, du hast recht, es war
bodenlos dumm! Ich war eben so aus dem Häuschen vor Freude, daß ich
alles verkehrt machte. Es ist ein Glück, daß nicht noch Schlimmeres
geschah. Ich hätte gerade so gut in meinem Brautkleid zu Kempinsky oder
Wertheim laufen können, -- gut, daß sie bei Gerson aufpaßten!« Zwei
Grübchen traten dem Schelm in die Wangen.
»Mir scheint, es wäre noch ganz anderes möglich gewesen,« sagte Frau
von Kambach und strich lächelnd über das glühende Gesicht.
»Morgen muß das Geld natürlich fort,« erklärte Sibylle, sich erhebend,
»die Sache ist mir jetzt selbst etwas ungemütlich. Willst du es solange
verwahren, Großmama? -- Und dann hast du wohl die Güte, es unter deinem
Namen an Direktor Wendler zu schicken?«
»Ich soll es schicken? Dann hast du ja die Freude nicht?«
»Ich habe meine Freude gehabt,« entgegnete Sibylle leise, und ihr Blick
ging über die Kreuzesgestalt an der Wand. »Geht das Geld unter meinem
Namen nach Düsseldorf, so ist sie dahin. Die Frauen, die 1813 Gold
für Eisen gaben, haben auch nicht ihre Karte daran gehängt, und mein
Schmuck dient einer größeren ewigen Sache!«
Frau von Kambach war dem Blick der Enkelin gefolgt. Sie widersprach ihr
nicht länger.
»So darf ich's Wendler auch nicht sagen?«
Sibylle antwortete nicht sogleich.
»Nein,« entgegnete sie dann, »oder -- doch -- ja! Aber erst nach der
Hochzeit -- wenn -- wenn ich die Sonne grüße! -- Er soll nur nicht
darüber sprechen!«
Und dann rief sie plötzlich begeistert: »Großmama, ich hab ja auf der
Rückreise die ›Brandenburg‹ gesehen, wie ein silberner Fisch zog sie
durch die strahlende Luft! Wie ich mich auf die Hochzeitsreise freue!«
Hochaufgerichtet stand die schlanke weiße Gestalt im Glanz des
scheidenden Tages, in den Augen jenes wunderbare Leuchten, das ihr
ganzes Wesen verklärte.
»Also sag's ihm nur, aber erst dann, -- wenn ich die Sonne grüße!«
-- --
* * * * *
Und dann war Frau Sabine allein. Durch ihre Seele zog's wie ein Gruß
aus der Ewigkeit -- -- --
Sinnend blickte sie über den Hof. Da sah sie den alten Postboten
auf das Herrenhaus zukommen. Was wollte der denn am Sonntagabend in
Dreilinden? Es mußte ein besonderer Grund vorliegen.
Sie trat zum Fenster und winkte ihm.
Eilig schritt der Alte auf die Gutsherrin zu.
»Ick komm' nochmal, Exzellenz,« rief er ihr schon von weitem entgegen,
»Exzellenz sollen nich bis morgen warten!« Er nahm die Mütze ab
und strich erregt über das graue Haar. »Die Welt geht aus'n Fugen,
Exzellenz -- bei die Gottlosigkeit kann man sich über nichts mehr
wundern!« Er zog ein Sonderblatt aus der Posttasche und reichte es ihr
hinauf.
Sie schob die Brille zurecht. Leise bebte ihre Hand.
Und dann wurde ihr Blick starr. Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen.
Wieder und wieder las sie den kurzen inhaltsschweren Drahtbericht:
›Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Herzogin von
Hohenberg ermordet -- --‹
Das Blatt entsank ihren Händen und flatterte dem alten Postboten vor
die Füße.
Schwerfällig bückte er sich danach.
»Exzellenz, det is zuviel!« Er glättete das zerknitterte Sonderblatt.
»Meine Meinung is die: jetzt is es aus -- det kann unser Herrgott sich
nich länger gefallen lassen!«
Sie fand noch immer keine Worte.
Wieder und wieder las sie die entsetzliche Botschaft.
»Ick hab Exzellenz erschreckt,« fuhr der Alte, ihr Schweigen
mißverstehend, fort, »aber ick meinte, Exzellenz wüßten so was lieber
heut als morgen, darum bin ick gleich nochmal rübergekommen. Exzellenz
wollen entschuldigen!« Er wollte gehen.
Da reichte sie ihm die Hand. »Sie haben nichts versehen, mein guter
Peters! Im Gegenteil. Ich danke Ihnen herzlich, daß Sie noch einmal,
noch dazu am Sonntag, herübergekommen sind. Mein alter Kopf kann das
Entsetzliche nur noch nicht fassen, die Worte fehlen mir!« Sie atmete
schwer. Dann beugte sie sich vor und sagte mit gedämpfter Stimme: »Sie
haben recht, Peters, das geht nicht so weiter, das, -- das -- --«
Der Greis nickte. »Als die Leute den Turm zu Babel bauten, wußten sie
nicht mehr, was sie Gott schuldig waren, -- heutzutage is ihnen das
Turmbauen langweilig geworden, da versuchen sie Thron und Altar zu
stürzen, -- so is es doch, Exzellenz!«
Sie blickte gedankenverloren in die Ferne.
Über der feiernden Heide stand der rote Schein der untergegangenen
Sonne. Dunkler und dunkler ward die purpurne Lohe. Wer fremd durch die
Mark wanderte, glaubte ein fernes Dorf brennen zu sehen, aber auch
Einheimische hatte der glühende Himmel schon irregeführt. Es war, als
wogte ein Feuermeer hinter den dämmernden Hügeln, als schlügen die
hellen Flammen aus dem Heidboden. »Die Welt brennt!« hatte vor Jahren
eines ihrer Enkelkinder gerufen, als sie ihm beim Schlafengehen die
leuchtende Heide gezeigt, und nicht geruht, bis sie es im Nachtröckchen
ans Fenster trug und hinausschauen ließ. Mit bloßen Füßen hatte es auf
dem Fensterbrett gestanden und dem verglühenden Schein nachgesehen:
»Die Welt brennt, Omama!«
In der Seele der Großmutter erwachte die Erinnerung. Die kleine
schlichte Begebenheit aus der Kambacher Kinderstube trat aus
dem Rahmen des Alltäglichen, aus der Enge in die Weite, und
das Wort des märkischen Landbuben wurde im Glanz des sinkenden
Juniabends Geschichte. Auf der Stirn der deutschen Frau lag's wie
Prophetenklarheit; in tiefer Scheu vor dem Gewaltigen kam's über die
greisen Lippen: »Die Welt brennt!«
Entglomm fern in Bosnien heimlich beginnender Rassenkampf? nahte eine
zweite Völkerwanderung? -- Als zöge die gewappnete Reitergestalt jenes
wundersamen Bildes, das ein deutscher Meister mit flammendem Pinsel
geschaffen, im Glanze germanischer Siegesfeuer über die dämmernde
Erde, leuchtete das Herzland eines gewaltigen geeinten Reiches wie ein
glühender Rubin in die Nacht hinaus -- -- --
Siebzehntes Kapitel.
Der getreue Eckart.
Deutschen Weibes Schwelle schirmen,
Ist des Mannes höchste Ehre!
Frauenadels Wächter heißen,
Höher steht's, als güldne Wehre!
»Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar für Ihre Mitteilungen, mein
lieber Herr von Roselius! Es scheint ja leider, als solle das traurige
Material, das mir bereits zur Verfügung steht, vervollständigt werden.
Ja, ich will es Ihnen offen sagen, als Sie sich bei mir melden ließen,
ahnte ich, warum Sie kamen. Es fragt sich nun nur, wie man meiner armen
Enkelin am besten hilft -- ich fürchte, ehe sie nicht mit eigenen Augen
ihr Unglück sieht, wird sie nicht zu einer Scheidung zu bewegen sein!«
Frau von Kambach saß in ihrem Arbeitszimmer, den Kopf sorgenvoll in die
Hand gestützt, dem vor einer Stunde überraschend eingetroffenen Gast
gegenüber. »Sie werden es erleben, ehe sie nicht vor Tatsachen steht,
ist nichts zu machen!«
»Dieser Standpunkt wäre durchaus berechtigt, Exzellenz,« entgegnete der
Oberleutnant, »aber Gräfin Bühler steht vor Tatsachen!«
»Sie meinen das Kind?«
»Ja. Es ist mehr wie erblich belastet, es ist, wie Sie selbst mir
mitteilten, nach Aussage des Arztes kaum lebensfähig!«
»Gewiß, das unterliegt keinem Zweifel, aber eines dürfen wir nicht
vergessen. Es kann sich hier um Vergangenes handeln. Sie wissen, wie
verzweigt und schwierig dies Kapitel ist, wie viele Winkelzüge und
Ausreden es ermöglicht -- etwas ganz anderes ist es dagegen, wenn
~heute~ eine tatsächliche Verschuldung zu beweisen wäre, wenn
z. B. der Beweis unerlaubten Verkehrs erbracht werden könnte. Frauen
ertragen und vergeben unendlich viel, wenn sie lieben, nur dies
Eine, Letzte nicht. Darauf kommt es also an. Sie haben Beweise, daß
derartiges vorliegt?«
Er sah ernst vor sich nieder. »Der letzte Beweis fehlt mir ...«
Sie seufzte. »Ich dachte es mir! -- Sie haben also einen ganz
bestimmten begründeten Verdacht; denn sonst würden Sie nicht so
sprechen.«
»Ja, den habe ich allerdings.«
Beide schwiegen. -- --
»Exzellenz werden sich gewundert haben,« begann der Offizier aufs
neue, »daß ich seit dem vorigen Herbst so viel im Bühlerschen Hause
verkehre. Ich könnte ja mancherlei Gründe dafür angeben, vor allem
die Kambachsche Gastfreundschaft und den Zauber echter Weiblichkeit,
welche es traulich machen. Wir Junggesellen sehnen uns immer wieder
nach derartigem Anschluß, wenn wir es auch nicht aussprechen.« Er fuhr
mit der Hand über die Stirne, als wollte er einen Schatten bannen.
»Trotzdem -- der Grund liegt tiefer. Ich rede sonst natürlich nicht
davon, aber vor Ew. Exzellenz mache ich kein Hehl daraus: ich kann
es nicht mit ansehen, daß die Tochter eines alten edlen Geschlechtes
zugrunde gerichtet wird, daß eine Kambach ...« er atmete schwer,
»Exzellenz wollen mir das übrige ersparen!«
In tiefer Bewegung sah die alte Frau ihn an. Wie anders hätte das
arme Kind es an der Seite dieses treuen zuverlässigen Mannes haben
können -- aber Ilse hatte sich durch Äußerlichkeiten und schöne Worte
betören lassen. Nun war es zu spät, und die ritterliche Treue, die ihre
Schwelle bewachte, vermochte die junge Frau kaum vor dem Äußersten zu
schützen.
Die Tränen traten ihr in die Augen.
»Also ein getreuer Eckart?« sagte sie leise.
Er schien ihre Gedanken nicht zu ahnen.
»Hätt' ich's sein können!« rief er leidenschaftlich, »aber es ist
wirklich ein wahres Wort, daß die Sünde im Finstern schleicht. Glauben
Ew. Exzellenz, daß es mir bis jetzt, während Gräfin Bühlers bald
vierwöchentlicher Abwesenheit, gelungen ist, dahinterzukommen, wie die
Dinge stehen? Den Burschen kann ich doch schließlich nicht fragen! Es
ist zum Tollwerden! Die Sache liegt auf der Hand, nur der letzte Beweis
fehlt. Die Angst um die Gräfin läßt mich nicht mehr los! Darum kam ich
her! Es lag mir am nächsten, Ew. Exzellenz meine Sorgen mitzuteilen.
Herr von Kambach hat mich niemals nach seinem Schwiegersohn gefragt, --
ich darf mich ihm nicht aufdrängen. Aber vielleicht könnte doch durch
eine Warnung das Ärgste verhütet werden! Stellen Ew. Exzellenz sich
vor, was eine unvorhergesehene Begegnung für die zarte Frau, die meines
Erachtens trotz allem, was ihre Ehe trübt, an derartiges nicht denkt,
bedeuten würde!«
Sie hatte ihn während der letzten Worte sprachlos angesehen. »Also, Sie
glauben wirklich ...?«
»Ich glaube alles,« erwiderte er mit zusammengezogenen Brauen.
Wieder saßen sie schweigend.
»Und Harro?« fragte dann die Greisin.
»Harro?« Seine Züge klärten sich auf. »Ich habe ihn ja seit seinem
Kommando zum Luftschifferbataillon kaum gesehen. Aber er beginnt doch,
wie es scheint, die Folgerungen des Lebens zu ziehen. Er ist ja trotz
seiner leichten Ader nicht schlecht veranlagt. Vor allem ist ihm die
geschwisterliche Liebe zu Hilfe gekommen. Der Grundstein, den das
Elternhaus legt, wird so leicht nicht zertrümmert, Exzellenz! Ich habe
ihn im Herbst in heller Empörung gesehen, als Bühler zum erstenmal in
seiner Gegenwart ungezogen gegen die Gräfin wurde, -- na, und was dann
alles folgte, wissen Exzellenz ja! -- Im übrigen hoffe ich, daß Harros
Ehe einen guten Einfluß auf ihn ausüben wird. Gräfin Sibylle ist wie
geschaffen zur Führerin einer solchen Natur. Sie wird ihn, ohne daß er
und andere es merken, in kluger und taktvoller Weise beeinflussen, --
sie tut es jetzt schon. Er ist schon viel zuverlässiger und ernster
geworden. Es scheint wirklich, als begänne sein Leben eine andere
Richtung zu bekommen. Wollen Exzellenz mir glauben, daß er kürzlich vor
einigen Kameraden unseren Bund durch dick und dünn verteidigte -- trotz
seiner noch immer recht freien Weltanschauung. Seine Auffassung von der
Sache war natürlich unklar. Aber der mühevolle, kein Opfer scheuende
Kampf um ein versinkendes Volk hat auf ihn einen derartigen Eindruck
gemacht, daß er mit seiner Person dafür eintrat. Natürlich kamen die
anderen, zumal die Spötter, auf ihre Rechnung. Als aber ein Neuling
›Hoch, Brandenburgs Rose!‹ dazwischenrief, da hätten Ew. Exzellenz
unsere jungen Offiziere sehen sollen! Und Kambach war natürlich fein
heraus! -- Doch ich wollte das nur anführen!«
Sie nickte ihm lächelnd zu: »Ja, sie ist eine rechte Bühler!« -- --
* * * * *
Roselius konnte nicht zum Abend bleiben, weil er schon gegen sechs
wieder in Drachenburg sein mußte. Und Dreilinden hatte nicht die gute
Bahnverbindung, wie Kambach. So mußte er Frau von Kambachs Einladung
ablehnen. Mit herzlichem Dank entließ sie ihn.
»Ich werde tun, was ich kann,« sagte sie, als er ihr, Abschied nehmend,
die Hand küßte, »aber solange meine Mitteilungen sich nicht auf
Tatsachen gründen, werde ich einen schweren Stand haben.«
»Ich fürchte, meine Vermutungen werden bald Tatsachen werden,«
entgegnete er ernst. »Darum habe ich nur die eine Bitte, daß irgend
etwas geschehe, bevor die Gräfin zurückkehrt.«
»Ich werde morgen nach Kambach fahren und mit meinem Sohn sprechen.
Darf ich Ihren Namen nennen?«
»Selbstredend, Exzellenz! Nur die letzte, kaum denkbare Möglichkeit
eines Irrtums würde heute meinen Eid verhindern. Ich sah eine
verschleierte Gestalt, die mir bekannt vorkam, in vorgerückter
Stunde die Villa betreten und nach Mitternacht wieder verlassen. Da
ich Bühlers gegenüber wohne, konnte ich die Sache gut beobachten.
Auffallend ist außerdem, daß die häufigen Fahrten nach Berlin mit dem
Tage, wo die Gräfin nach Kambach ging, aufgehört haben -- er scheint
häusliche Empfänge bequemer zu finden, -- man weiß wirklich nicht, was
größer ist, die bodenlose Unverschämtheit oder die Unvorsichtigkeit!
Es liegt also jedenfalls etwas vor, -- darum meine ich, es müßten
Maßregeln getroffen werden, die Gräfin vor dem Äußersten zu schützen!«
Er verbeugte sich tief. »Ich empfehle mich ganz gehorsamst, Exzellenz!«
Fünf Minuten später rollte der Wagen über den Hof. -- --
* * * * *
Die Abendsonne stand über den Feldern, als Oberleutnant von Roselius
heimkehrte. Nach Erledigung einer dienstlichen Angelegenheit wollte er
noch ins Kasino gehen. Seinen Burschen, den er ausgeschickt, erwartend,
stand er auf dem Balkon.
Es dämmerte. Dunkler wurden die Schatten. Laternen blitzten auf, hier
und da wurde eine Villa hell. Von den Kirchen klang der Schlag der
Turmuhren herüber, und das Rathaus antwortete.
Gedankenverloren blickte er die Straße entlang.
Da sah er eine Dame langsam den Bürgersteig auf und nieder wandern.
Soweit Roselius es im Zwielicht erkennen konnte, war sie unauffällig
gekleidet. Trotzdem fiel sie, vielleicht nur durch ihr fortwährendes
Auf- und Abgehen im Halbdunklen, auf. Ihm aber fuhr's durch den Sinn:
›Das ist sie!‹ Er gab das Kasino auf, ließ sich kaltes Abendbrot
auf den Balkon bringen und fuhr, durch eine Säule gedeckt, fort,
die Fremde, die inzwischen näher gekommen war, zu beobachten. Jetzt
fiel der Schein einer Laterne auf ihre Gestalt, sie neigte den Kopf,
aber er hatte sie schon erkannt. Es war eine bekannte Berliner
Varietekünstlerin. Heute war sie unverschleiert. -- --
Und wieder das Auf- und Abwandern. -- --
Da leuchtete plötzlich in der Bühlerschen Villa ein Licht hinter
den verhangenen Scheiben auf. Die Halbweltdame schien nicht darauf
zu achten. Gelassen wanderte sie noch einmal auf und nieder, blieb
unvermittelt stehen und bog raschen Schrittes in eine Seitenstraße ein.
Aber der heimliche Späher durchschaute das Manöver und wartete. Er
hatte sich nicht geirrt. Nach kaum zehn Minuten kam sie im Schatten der
Mauern zurück, huschte eilig durch den Vorgarten und verschwand in der
Villa. -- -- --
Wahrhaftig, die Unverfrorenheit, etwas derartiges in einem vornehmen
Regiment zu wagen, suchte ihresgleichen! -- --
Roselius sah die Straße entlang. Sie war menschenleer. Er war also der
einzige Zeuge des Vorgangs. -- --
Über den Kirchen stieg die Sommernacht herauf. Vollmondschein lag auf
dem deutschen Städtebild, und die Sterne zogen funkelnd ihre Bahn.
Er aber rang mit abgrundtiefer Not, mit fremder Schuld und fremdem
herzbrechendem Leid.
Während er in schweren Gedanken die Straße überschaute, nahten zwei
Gestalten. Er hatte nicht acht auf sie. Erst als sie in den Lichtkreis
der Laternen traten, ward seine Aufmerksamkeit gefesselt.
Und dann blickte er starr auf die schlanke Frau im langen Reisemantel,
-- ein Ruck ging durch seine Gestalt -- im nächsten Augenblick war er
auf der Treppe. Wie aus dem Boden gezaubert stand er vor ihr, atemlos,
gewaltsam seine Erregung meisternd: »Gnädigste Gräfin, -- verzeihen Sie
einen Augenblick!«
Ilse Bühler stand sprachlos vor ihm, ihr Kind im Arm. Ihre Begleiterin
trug großes Handgepäck, welches für einen Wagen berechnet schien.
»Um Gottes willen, Herr von Roselius, was ist geschehen? Ist mein Mann
krank?«
Er gab der Jungfer einen Wink, zurückzubleiben, und ging an der Seite
der jungen Frau die Straße entlang.
»Nein, er ist nicht krank, aber Sie dürfen nicht hinein, -- in diesem
Augenblick nicht, -- es ist unmöglich!«
Sie blieb vor ihm stehen.
»Sie sprechen in Rätseln! Sagen Sie mir doch um Gottes willen, worum es
sich handelt!«
»Ich kann Ihnen nur sagen, gnädigste Gräfin, daß Sie Ihr Haus heute
abend nicht betreten dürfen!«
»Aber wenn ich es will!«
»Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihnen zu folgen!«
Sie zuckte die Achseln. Eine dunkle Ahnung stieg in ihr auf und legte
sich wie ein Alp auf ihr Herz. Aber sie bäumte sich dagegen auf. Sie
wollte das Entsetzliche nicht glauben. Der Regimentskamerad ihres
Mannes irrte -- mußte irren --, es konnte nicht anders sein! Denn trotz
allem, was gewesen, trotz allem, was ihre junge Ehe getrübt, liebte er
sie -- dies Bewußtsein machte sie stark, Vergangenes zu tragen, ob's
noch so schwer war. Und sie umfaßte das kleine Bündel in ihrem Arm
fester und drückte das schwache Körperchen an sich.
Seit vier Wochen war sie bei ihrem Vater, um sich zu erholen. Nach
Sibyllens Hochzeit, die in Bühl stattfinden sollte, wollte sie mit
ihrem Manne nach Drachenburg zurückkehren. Da fing der Kleine an zu
kränkeln. Der Kambacher Hausarzt schob die Sache auf den Milchwechsel
und nannte sie ungefährlich. Aber Ilse erklärte ihrem Vater, der
alte Herr verstände nichts von der Behandlung so kleiner Kinder, ihr
Drachenburger Arzt habe Fritz Karl ganz anders behandelt, sie müsse
nach Hause. Der Oberstallmeister war dagegen. Zuerst fügte sich Ilse
den Wünschen des Vaters, dann aber erklärte sie plötzlich eines
Morgens mit ungewöhnlicher Bestimmtheit, sie reise nachmittags. Und so
geschah's. Unterwegs gestand ihr die Jungfer, daß sie vergessen habe,
die Drahtnachricht an den Grafen zu befördern, -- so war kein Wagen
an der Bahn und zum Unglück an dem überfüllten Zug kein Gepäckträger
zu haben. Die Koffer mußten auf der Bahn bleiben. Nur mit dem
Notwendigsten versehen, kam sie unerwartet zu Hause an. --
»Haben Sie Barmherzigkeit mit mir,« sagte sie, »was ist es?« Erschöpft
lehnte sie sich an das Gartengitter.
Er antwortete nicht.
»Herr von Roselius!« bat sie flehend.
»Das kann ein Mann einer Frau nicht sagen, gnädigste Gräfin!« Mit
erstickter Stimme kam's heraus, so leise, daß nur sie es vernahm.
Einen Augenblick stand sie wie gelähmt. Dann raffte sie sich gewaltsam
auf und trat dicht vor ihn hin: »So sagen Sie mir nur eines, ich
beschwöre Sie -- ist -- ist es -- das Schwerste?«
Er blickte in das schöne geliebte Antlitz, und sein Herz zog sich
zusammen in tiefem Weh. Aber er machte sich hart. »Ja,« antwortete er
tonlos.
Da raffte sie die letzte Kraft zusammen und schritt ihm voran.
Ein paarmal war's ihm, als müsse er sie stützen, aber dann ging sie
erhobenen Hauptes weiter.
Auf der Schwelle machte er noch einen letzten Versuch, sie
zurückzuhalten, doch sie schüttelte stumm den Kopf. Und er verstand
sie. Anderen glaubte sie es nicht, daß ihre Liebe mit Füßen getreten
wurde.
Die Jungfer, eine Kambacherin, mochte ahnen, daß ihrer jungen Herrin
Schweres bevorstand. Bescheiden trat sie vor und fragte, ob sie ihr das
Kind abnehmen solle.
Aber die Gräfin hatte auch für diese treue Seele nur ein Kopfschütteln
und drückte das Kleine, als gewähre es ihr einen Schutz in schwerster
Stunde, fester an sich. -- --
Dann klingelt sie.
Der Bursche, der jedenfalls Befehl hat, ungebetene Gäste fernzuhalten,
prallt bei dem unerwarteten Anblick seiner Herrin zurück.
Ein Blick aus den Augen des Oberleutnants gibt ihm die Haltung wieder
und zwingt ihn zum Schweigen.
Kein Wort wird gesprochen.
Lautlos gleitet das Frauenkleid über den schweren Läufer, und der
Schritt des Mannes verklingt ungehört.
Dann steht Ilse Bühler vor der Tür ihres Mannes.
Ein fremder steinerner Ausdruck liegt auf ihren Zügen.
Drinnen klingt die Stimme des Hausherrn, dazwischen Frauenlachen und
Gläserklingen.
Wieder will Roselius ihr den Weg vertreten. Aber sie sieht seinen
flehenden Blick nicht. Sie legt die Hand auf die Türklinke -- sie
öffnet -- --
Und dann zittert ein markerschütternder irrer Schrei durch das
nächtliche Haus -- -- starke Hände stützen die Ohnmächtige und halten
das gleitende Kind -- drinnen tönt ein Fluch, das Lachen verstummt,
auf dem Parkett zersplittert ein Kelch, -- ein Flüstern, ein eiliges
Rauschen weicher Seide -- es ist still im Haus. -- -- --
* * * * *
Am anderen Mittag stand ein geschlossener Wagen vor dem Kambacher
Gutshause. Eine blasse Frau stieg langsam die Freitreppe hinan. Es war
Ilse Bühler.
Die furchtbare Aufregung hatte ihr die Kraft gegeben, sich
aufrechtzuhalten und, sobald sie aus ihrer Ohnmacht erwacht war, das
Haus ihres Mannes für immer zu verlassen. Nicht einmal die Kleider
hatte sie gewechselt. Nur für das Kind sorgte sie, daß es hatte, was es
brauchte.
Ihren Mann sah sie nicht mehr. Nach einer scharfen Auseinandersetzung
mit Roselius hatte er das Haus verlassen. Und sie war froh, ihm nicht
mehr zu begegnen. Es war ja doch vorbei; was sollte es, sich um
Tatsachen zu streiten, die wie Felssteine auf ihrem Lebenswege lagen?
So machte sie sich hart. Ohne einen letzten Blick auf die Räume zu
werfen, die einst ihr Glück umschlossen, nahm sie ihr Kind und verließ,
gefolgt von der treuen Jungfer, das Haus.
Am Gartengitter wartete der Wagen, den Roselius bestellt. Er hatte ihr
behilflich sein, sie zur Bahn geleiten wollen, aber sie bat ihn, davon
abzusehen.
»Es ist besser so,« sagte sie, ihm herzlich dankend. »Ich komme schon
durch!«
Da hatte er der tapferen Frau die Hand geküßt und war gegangen. -- --
Und nun stand sie ihrem Vater gegenüber.
Der ganze Jammer ihrer Lage stürmte auf sie ein, ihr zertretener
Stolz bäumte sich auf gegen die Demütigung, die in dieser Heimkehr
lag. Wie oft hatte ihr Vater sie gewarnt; nun mußte sie vor ihn
treten, die Scherben ihres Glückes in den Händen. Es war ihr ums
Herz, als zerbräche etwas in ihr, als müsse sie den letzten Funken
Selbstbewußtsein begraben.
Er hatte ihren Wagen nicht kommen gehört. Überrascht blickte er auf,
als es leise an seine Tür klopfte, und die Tochter eintrat.
Ein Blick sagte ihm alles. Aber sie mußte ihm selbst sagen, warum sie
nach kaum vierundzwanzig Stunden ins Elternhaus zurückkehrte. Sein
Gerechtigkeitsgefühl forderte ihre Erklärung dem Manne gegenüber, den
er, ob auch widerstrebenden Herzens, als Sohn anerkannt.
»Du kommst zurück, Ilse?« fragte er, sich erhebend und der jungen Frau
einen Stuhl neben den Schreibtisch rückend.
Dann saßen sie sich gegenüber.
Sorgenvoll ruhte sein Auge auf ihr.
Sie senkte den Blick. »Ich durfte nicht bleiben, Vater!«
»Warum nicht?«
Seine kurze soldatische Art hatte, so sehr sie ihn liebte, von jeher
etwas Einschüchterndes für sie gehabt. Flammende Röte stieg ihr in die
Stirn. Wieder senkte sie den Blick.
Er aber vermutete Unüberlegtheit, Übereilung, verletzte Eitelkeit oder
irgendeine andere weibliche Schwäche hinter ihrer Tat.
»Ich weiß, daß du es nicht leicht mit deinem Mann hast,« sagte er,
»aber du bist genügend gewarnt worden, liebes Kind! So traurig
sich deine Ehe auch gestaltet hat, -- vorläufig wenigstens gilt es
darum: ›Wer A gesagt hat, muß auch B sagen,‹ -- es sei denn, daß
ganz bestimmte schwerwiegende Gründe dich veranlaßten, sein Haus zu
verlassen, nachdem du gestern aus freien Stücken zu ihm zurückgekehrt
bist. Ich muß dich daher bitten, dich deutlicher zu erklären!«
Er lehnte sich im Stuhl zurück, die blauen Augen blickten sie
durchdringend an. »Was ist der Grund deines Fortgehens?«
Ein Zittern durchrann die Gestalt der Gräfin. Sie öffnete die Lippen
und schloß sie wieder. Ein Ausdruck namenlosen Schmerzes lag auf den
schönen Zügen.
Dann schlug sie beide Hände vors Gesicht und stöhnte in tiefster
seelischer Qual: »Ehebruch!« -- -- --
Still war's im Zimmer. Regungslos saß Ilse Bühler da, das Gesicht in
den Händen vergraben, stumm tränenlos verzweifelt.
Die Brauen zusammengezogen, starrte Herr von Kambach vor sich nieder.
Dann fiel sein Blick auf die gebrochene Gestalt seiner Tochter.
Schwerfällig stand er auf und beugte sich über sie. Seine Hand strich
liebkosend über ihre Wange, wieder, immer wieder.
Ohne sich zu regen, hielt sie ihm still.
Ratlos stand er da. Fast schämte er sich, daß er kein Wort des Trostes
für das Kind hatte, -- was sollte er sagen? Und leise streichelte er
die weiche Wange.
Er merkte nicht, daß es klopfte, daß eine gebeugte Gestalt am
Krückstock eintrat. Erst ein leises Hüsteln ließ ihn aufsehen. Vor ihm
stand seine Mutter.
Sie sahen sich an. -- -- --
Und dann näherte sich Exzellenz von Kambach der Enkelin.
»Ilse!«
Wie aus wirrem Traum erwachend, sah die junge Frau empor. Und unter dem
Blick der Augen, die mit mütterlicher Treue ihre Jugend behütet, löste
sich der Bann. Die Tränen stiegen ihr heiß empor, ein Weinen aus allen
Quellen der Seele erschütterte ihren Körper.
»Großmutter,« schluchzte sie, »Großmutter!«
Achtzehntes Kapitel.
Veteranen.
Wir möchten euch wieder lehren
Die alte preußische Zucht,
Die Treue, die allerorten
Das Heil ihres Volkes sucht!
Was Vaterlandsliebe und Sitte,
Was unser geweihtes Gut,
Wir möchten's ins Herz euch schreiben
Mit märkischem Adelsblut!
Ihr habt eures Gottes vergessen, --
Nun fault eure beste Kraft!
Wo ist die blinkende Ehre
Altpreußischer Ritterschaft?
Es war einer von jenen Sommertagen, die dem Herbst zum Verwechseln
gleichen, wo Sonne und Nebel miteinander kämpfen, wo sie leuchtend
siegt, oder ein leiser Regen niederschauert, Stunde um Stunde, bis der
Abend das Land in seine Schleier hüllt. Heute blieb der Nebel König.
Von Busch und Baum tropfte es, in den Dachrinnen des alten Schlosses
plätscherte es, durch alle Ritzen kroch's naßkalt herein.
Ein frischer Wind hatte sich aufgemacht und fuhr über den Park.
Zerzauste Pflanzen standen trauernd auf den Rasenplätzen, geknickte
Blumen welkten am Wege. Es war ein grauer freudloser Tag.
Melancholisch blickte der alte Graf Bühler ins Freie.
»Nun auch noch dieses trostlose Wetter,« sagte er, den weißen Kopf
schüttelnd, »als ob der Hochzeitstag des armen Kindes nicht schon
trübe genug wäre! Exzellenz haben heute früh noch keine Nachricht aus
Kambach?«
Er wandte sich der Greisin zu, die, am vergangenen Abend eingetroffen,
am Schreibtisch eines Bühlschen Gastzimmers saß.
»Doch, eben schreibt Fräulein Eichel, die Besserung in Ilses Befinden
halte an. Das Fieber sei heruntergegangen, der Arzt den Umständen nach
zufrieden. Daß das Kind starb, ist ja nur ein Glück, Erlaucht! Wir
können Gott danken, daß er dies arme kleine Leben auslöschte, bevor ...«
»Sagen Sie es nur ruhig,« rief er mit bebender Stimme, »bevor die
Sünde des Vaters seine Tage vergiftete! Es heißt nicht umsonst: ›bis
ins dritte und vierte Glied‹. Die Bibel lügt nicht!« Zornesröte lag
auf dem edlen Antlitz. »Exzellenz, ich habe manchen schweren Tag in
meinem Leben zu verzeichnen, ich hab' an Sarg und Grab gestanden,
hab' gefehlt und geirrt, denn ich bin ein sündiger Mensch, -- aber
ich bin ein Edelmann geblieben! -- Obgleich ich als Christ natürlich
ein ausgesprochener Gegner des Duells bin, hab' ich's darum doch
verstanden, daß Harro Kambach seinen Schwager forderte. Es spricht für
ihn, daß er sofort für die Ehre seiner Schwester eintrat. Es hat mir
gefallen, wenn ich auch das Duell als solches aufs schärfste verurteile
und mich über die ablehnende Haltung des Ehrenrates freue! Die Strafe,
die Wolf Dietrich zuteil wird, ist meiner Ansicht nach überdies die
einzig richtige, weil sie den Schuldigen wirklich trifft. Wer mit
schlichtem Abschied aus dem Heer entlassen ist, der ist erledigt.« Er
seufzte. »Ja, Exzellenz, die schwerste Stunde meines Lebens war die,
in welcher ich mir sagen mußte: ›Dein Enkel hat seiner Mannesehre
vergessen, einer deines Blutes ist -- ein Schuft!‹ Das war zuviel, und
das verwind' ich auch nicht wieder -- das -- das bringt mich ins Grab!
Zum erstenmal in meinem Leben hab' ich's beklagt, daß Bühl Majorat
ist, -- wär's anders, keinen Halm erbte der Mann, der des Königs Rock
ausziehen mußte, der -- der nicht mehr mein Enkel ist!«
Die Greisin antwortete nicht. Was sie da vernahm, war Art von ihrer
Art, die Jahrhunderte alte Überlieferung des Begriffes Adel. Sie hätte
denselben, ohne schwarz weiß zu nennen, nicht anders fassen können,
sich selbst wäre sie untreu geworden, hätte sie den Makel auf dem alten
Schilde entschuldigend bedeckt. Denn hier gab es keine Entschuldigung.
Hier konnte nicht einmal das sittlich stark anrüchige Wort
›Interessenvertretung‹ zum Milderungsgrunde werden, hier handelte es
sich um die nackte ungeschminkte Sünde in ihrer furchtbarsten Gestalt.
Sie wußte, viele würden die Haltung des greisen Erblandmarschalls hart
nennen, -- mochten sie es tun! -- Die Knochenerweichung des modernen
Sittlichkeitsbegriffs war ja nicht von gestern. Ob zudem die Vielen,
welche für den Mann, der seine Ehe mit Füßen getreten, eine Lanze
brachen, die gefallene Frau in ähnlicher Weise verteidigen würden?
Frau von Kambach wußte, daß in dem Verhalten des alten Edelmannes der
Haß gegen die doppelte Moral stark mitsprach. Sie selbst empfand die
sittliche Verfehlung der Frau naturgemäß schwerer als die des Mannes,
ihrem echt weiblichen Sinne hätte eine andere Auffassung widersprochen.
Sie wußte, daß Graf Bühler, dessen ritterlicher Sinn Frauenehre wie
kein anderer hochhielt, ebenso dachte. Trotzdem waren sie sich darin
einig, daß Gesellschaft und Rechtspflege hier einer gründlichen
Verbesserung bedurften, daß Recht und Gerechtigkeit nicht miteinander
in Einklang standen. Es war ein Ausschnitt aus dem Zeitgemälde,
das sich in immer düstereren Einzelbildern vor den Augen der Welt
entrollte, ein Kapitel aus der Geschichte des deutschen Verfalls. So
gab sie ihm vollkommen recht, so strich sie nichts ab von dem klaren
scharfen Urteil. Nur um eines bangte sie: daß er vergessen möchte, daß
es gen Abend ging, daß der Tod ihn abrufen könne, bevor er das Wort der
Vergebung gesprochen.
Mühsam erhob sie sich und trat an seine Seite.
»Ich stehe auf ganz demselben Standpunkt, -- Erlaucht wissen das ja!
Für eine alte Frau wie mich, passen die modernen Begriffe nicht. Nur
eines möchte ich bitten: Lassen Sie uns nicht vergessen, daß unsere
Tage gezählt sind, und daß es für jeden von uns heißt: ›Vergebet, so
wird euch vergeben!‹«
Die Adleraugen sahen sie blitzend an. Ritterlich zog er die welke
Frauenhand an die Lippen. »Seien Sie unbesorgt, teuerste Freundin, ich
werde es nie vergessen, daß ich ein Christ bin, aber es gibt auch eine
christliche Zucht!«
»Gewiß, anders meinte ich's ja auch nicht. Nur müssen wir beide daran
denken, daß wir nicht mehr allzulange Zeit haben!«
Er nickte nachdenklich. »Sie haben ganz recht.« Er sah vor sich nieder.
»Das erschwert uns das Handeln. Heute darf ich ihm nicht vergeben. Denn
noch ist seine Reue nicht echt.«
»Nein, noch ist sie nicht echt. Aber ist's nicht andererseits die
schwerste Strafe, daß er von der Hochzeitsfeier der einzigen Schwester
ausgeschlossen ist?«
»Er bleibt auch sonst ausgeschlossen.«
Sie sah gequält zum Fenster hinaus. Alles, was er sagte, entsprach
ihrem Gerechtigkeitssinn. Und doch --
»Ich bitte Erlaucht ja auch nur, dem verlorenen Sohn die Tür nicht zu
verschließen, wenn er sich aufmacht und am Vaterhause klopft,« sagte
sie mit leise bebender Stimme.
Die Tränen stiegen ihm in die Augen.
Er gedachte einer anderen, die ihn ein Menschenalter hindurch auf
seinem Wege begleitet, die ihm die Sorgen verscheucht und den Zorn
besänftigt. Nun fehlte die sanfte glättende Hand, die beruhigende
Stimme auf Schritt und Tritt.
Die Erinnerung stieg herauf und grüßte die ehrwürdigen Vertreter
vergangener Tage.
Er zog die Uhr. »Es wird Zeit,« sagte er. »Um elf kommt der
Standesbeamte.«
Noch einmal neigte er den Kopf über die Hand der alten Freundin. »Sie
können sich auf mich verlassen,« sagte er leise.
Dann war sie allein.
Den Kopf in die Hand gestützt, sah sie vor sich nieder. Sie hatte
sich diesen Tag so ganz anders gedacht. Leuchtend und sonnig, wie
das junge Menschenkind, das heut zum Traualtar treten wollte. Statt
dessen überall Unruhe, schweres Warten. Seit dem Tage von Sarajewo
wetterleuchtete es am politischen Himmel. Ein Bann lag über Europa. In
fiebernder Spannung blickten die Völker auf Österreichs greisen Kaiser.
Serbien war die Brutstätte für Laster und Königsmord. Ob seine Fürsten
und Herren an die Bahre Franz Ferdinands traten, ob der Mann aus dem
Volke der Leiche des Ermordeten nahte, -- die Todeswunde brach auf und
blutete und blutete -- -- Sollte der internationale Giftkessel brodeln
bis zum Überschäumen? sollte er ungehindert seine furchtbare Lauge über
Thron und Herrschaft ergießen? Die Völker Europas warteten -- -- --
Aber ihre Propheten sprachen: ›Es ist die Wende der Weltgeschichte!‹ --
Ein Ahnen ringsum. Blutzeichen wiesen auf eherne Zeiten. -- -- -- -- --
Ein Wolkenschatten zog über das Hochzeitshaus in der Mark. Das
Gespenst, das Deutschland bedrohte, blickte zum Fenster herein und
nickte einem zu, der sich drinnen eingenistet. Der Schmerz war's, der
stärker ist als der Tod; denn die Schuld, die der Letzte seines Stammes
begangen, bedeutete Verrat an ererbtem Blut und edler Sippe. Das war
der fressende Wurm am Mark des Edelgeborenen. Wie eine schwere Anklage
stand eine reine Frau vor dem alten Geschlecht. Niemals würde ein Wort
über ihre Lippen kommen, aber ihr Anblick blieb ein stummer Vorwurf und
der Sarg eines kleinen Kindes stand zwischen zwei Familien, die seit
Jahrhunderten treu zueinander gehalten.
Schloß Bühl hatte sich zu einem großen glänzenden Fest gerüstet; nun
sollte die Hochzeit in aller Stille gefeiert werden. Denn allein
der Umstand, daß drüben in Kambach die Tochter des Hauses, während
man ihr Kind begrub, schwer krank daniederlag, verbot rauschende
Lustbarkeiten. Aber obgleich nur die engste Familie und ein paar von
Harros Regimentskameraden geladen waren, herrschte Zerrissenheit in
dem kleinen Kreise. Man fand sich schwer zueinander. Wolf Dietrich
Bühler hatte sich in der Familie großer Beliebtheit erfreut, da wollt's
manchem nicht recht in den Sinn, daß er plötzlich ein räudiges Schaf
geworden sein solle. Konnte nicht auch die Frau schuld an dem Unglück
sein? Und einer gab hier seine Weisheit zum besten, und der andere
dort. Es wurde vergrößert, wurde verkleinert. Und zuletzt wußten die
wenigsten, wie sie sich zu der Sache stellen sollten. Die Hauptpersonen
merkten zum Glück nicht viel davon. Nicht nur das Brautpaar. An den
greisen Hausherrn, an Exzellenz von Kambach und ihren Sohn, an die
Brautmutter wagte sich der Klatsch nicht heran. Aber eine frohe
Stimmung wollte nicht aufkommen; es wäre ja auch unnatürlich gewesen.
Grau in grau lag der Tag, auf den sie sich so gefreut, vor der alten
Frau. Alles hatte sich verschoben. Nicht nur das große Ganze. Auch
kleine Zwischenfälle störten und beunruhigten sie. Direktor Wendler,
an den eine Einladung ergangen war, konnte sich erst kurz vor seiner
eigenen Hochzeit frei machen. Eichelchen war an Ilses Krankenlager
gefesselt, bis eine Diakonisse aus Berlin eintreffen würde. Ein
Dreilindener Kochlehrling, ein frisches niedliches Mädchen von siebzehn
Jahren, lag mit schwerer Diphtherie im Drachenburger Krankenhause. Und
endlich konnte die greise Frau sich nicht an die Hochzeitsreise des
jungen Paares mit dem Luftschiff gewöhnen. Wie vieles Neue dem Alter
fremd bleibt, war ihr diese Errungenschaft der Neuzeit fremd geblieben.
Schließlich hatte sie sich zwar so weit daran gewöhnt, daß sie die
strategische Notwendigkeit der Luftschiffahrt zugab. Aber niemand
durfte ihr damit kommen, daß es zum guten Ton gehöre, in einer Gondel
gesessen zu haben. Wer solche Ideen vertrat, kam schön bei ihr an.
Sibyllens brennendem Wunsch, ihre Hochzeitsreise mit der ›Brandenburg‹
zu machen, hatte sie, soviel sie konnte, entgegengearbeitet. Aber
gegen die flammende Begeisterung des Brautpaars, welche durch den
Oberstallmeister noch genährt wurde, kam sie nicht auf. Sibylle machte
ihr allen Ernstes den Vorschlag: »Großmutter, fahr doch ein Stück
mit, du wirst entzückt sein!«, und Harro erklärte, es sei nur bei
ganz seltenen, unvorhergesehenen Zwischenfällen, mit denen man doch
schließlich überall rechnen müsse, gefährlich. -- Sie merkte, sie drang
nicht durch. Aber ihre Sorge war unvermindert. Immer wieder dachte
sie an den Ausspruch eines ihr bekannten Fachmannes: ›Den höheren
Naturgewalten ist das Luftschiff natürlich nicht gewachsen. Wohl vermag
es starken Winden standzuhalten, der Gewalt des Orkans gegenüber ist
die Kraft der Propeller so gut wie machtlos.‹ -- Allerdings -- Flügel
ersetzten sie nicht, und die forderte der Verkehr mit der Luft. Das
Leben fehlte. Die unumschränkte Herrschaft über Bewegung und Kurs. Das
Natürliche, das sich der Natur anpaßte. Dann fragte sie sich zwar:
›Sind wir nicht in anderen Lebenslagen ebenso oft oder gar öfter in
Gefahr?‹ Doch die Angst ließ sie nicht los, und immer wieder zog ihr
das warnende Wort der Phorkyas aus dem ›Faust‹ durch den Sinn:
›Aber hüte dich zu fliegen,
Freier Flug ist dir versagt!‹ -- -- --
Es klopfte.
Sibylle trat ein. Ernst und glücklich.
Sie hatte eine schwere Zeit hinter sich. Die Ungewißheit bis zur
Entscheidung des Ehrenrates wenige Tage vor der Hochzeit hatte Mut und
Gottvertrauen auf eine starke Probe gestellt. Dann waren die Würfel
gefallen: der Mann, den sie liebte, war ihr neu geschenkt worden. --
Ganz still saß sie einen Augenblick bei der Großmutter. Gesprochen
wurde kaum.
Zum letztenmal legte Frau von Kambach die Hände auf das dunkle
Mädchenhaupt, das in wenig Augenblicken Kranz und Schleier zieren
sollten.
Dann schied die Braut.
»Großmutter, nicht wahr, du betest für uns?« sagte sie mit bewegter
Stimme.
»Ja, mein Liebling, das verspreche ich dir!« Sie schlang den Arm um den
Hals der Enkelin. »Gott behüte dir dein Glück!« Sie küßte sie mehrmals.
»Leb' wohl, meine Billy!«
In tiefer Bewegung neigte sich das junge Mädchen zum letztenmal über
die Hand der Greisin. Dann eilte sie hinaus.
»Nicht wahr, wenn der Sturm anhält, fahrt ihr nicht mit der
›Brandenburg‹ -- du versprichst es mir?« rief Frau von Kambach ihr nach.
Sie blieb auf der Schwelle stehen.
»Verlaß dich darauf, Großmama! Harro würde das niemals tun, schon dir
zuliebe! Außerdem fahren die Zeppelinschiffe bei solchem Sturm gar
nicht. Was hätten wir auch davon, da oben im Nebel zu sitzen und zu
frieren,« -- ein Lächeln flog über ihr lebhaftes Gesicht, -- »du weißt
doch, ich will die Sonne grüßen!! Düsseldorf ist ja auch weit fort von
hier und wir haben noch vierundzwanzig Stunden Zeit bis zum Aufstieg,
bis dahin kann schönstes Wetter sein!«
Beruhigt nickte ihr die Greisin zu. »Harro kommt noch zu mir, nicht
wahr?«
»Ja, gewiß. Ich wollte auf ihn warten, aber es wurde zu spät, weil
die Ziviltrauung jetzt ist, und er vorher noch mit Papa zu tun hatte.
Nachher muß ich mich gleich umziehen, darum benutze ich den freien
Augenblick. Verzeih, daß wir getrennt kommen! Harro wird also sofort
nach dem Standesamt bei dir erscheinen!«
Noch einmal strahlten die dunklen Augen Frau Sabine an. »Leb wohl,
Großmutter!«
Dann fiel die Tür ins Schloß und ein leichter Schritt ging über die
Dielen. -- -- --
* * * * *
Stunden waren vergangen. Der Sturm hatte sich gelegt. In die Fenster
der Bühler Dorfkirche hatte die Sonne geleuchtet und die Braut an ihrem
Ehrentage gegrüßt.
Nun war alles vorüber. Wie einst Ilse Bühler, wurde die junge Frau von
Kambach von bäuerlichen Fackelreitern zur Gutsgrenze geleitet.
Schenkersch Vadder, der seinen Herrn begleitet und die Oberaufsicht
beim Decken der Hochzeitstafel geführt, hatte es sich nicht nehmen
lassen, den Neuvermählten den Wagenschlag zu öffnen, und die Bühler
Dienerschaft überließ dem Greise gern das Ehrenamt.
Sibylle rechnete ihm den kleinen Dienst hoch an. Freundlich nickte sie
ihm zu, zog eine weiße Marschall-Niel-Rose aus dem Brautbukett und
reichte sie ihm.
Franz Schenker strahlte. Mit tiefer Verbeugung sagte er: »Ich danke
untertänigst, gnä' Frau!«
Sie lächelte. »Besuchen Sie uns auch einmal, Herr Schenker!«
Dann sah sie sich um, ob ihre Blumen alle im Wagen seien, und zog die
Reisedecke in die Höhe: »So, Harro, nun kann's losgehen!«
Ein letztes Grüßen, ein Flattern weißer Tücher, die Pferde zogen an
und die Tochter des alten märkischen Geschlechtes fuhr, von wehenden
Fackeln begleitet, ins Leben hinaus.
»Hoch Brandenburgs Rose!« jauchzte es hinter der Scheidenden her, dann
war alles still, nur der Hufschlag der Rosse klang durch die Nacht,
und der Wind summte sein tausendjähriges Feierlied in den Zweigen der
träumenden Birken. -- --
* * * * *
»Ob es wohl morgen schön wird?« sagte die junge Frau und betrachtete
zweifelnd vom Fenster des +D+-Zuges den Himmel. »Es wäre ein
Jammer, wenn wir nicht fliegen könnten!«
Ihr Gatte trat zu ihr und legte den Arm um die schlanke Gestalt.
Glücklich sah er auf sie nieder. Dann prüfte sein Auge den Himmel. »Das
Wetterglas steht nicht schlecht,« sagte er. »Ich habe Großmama übrigens
versprochen, daß wir die Fahrt nur bei gutem Wetter mitmachen. Und dies
Versprechen muß ich halten. Es tut mir so leid, daß sie sich noch immer
so ängstigt, es wäre wirklich das beste, sie machte einmal selber eine
Zeppelinfahrt!«
»Das tut sie nicht,« meinte Sibylle. »Sie sieht ja jetzt ein, daß
Deutschland nicht ohne die Luftschiffahrt auskommen kann, -- das ist
Papas Verdienst. Aber sie läßt sie auch nur strategisch gelten. Daß
wir unsere Hochzeitsreise mit der ›Brandenburg‹ machen wollen, ist
eigentlich ein Verbrechen. Großmutter ist zu alt für solche Neuerungen,
Schatz! Sie sagte mir neulich, hier müsse es heißen, ›Naturkraft gegen
Naturkraft‹. Aber der schöpferische Grundgedanke fehle, der Propeller
habe weder das Anpassungsvermögen noch die natürliche Widerstandskraft
des fliegenden Vogels.«
Er zuckte die Achseln. »Als die Eisenbahn erfunden wurde, war es
dieselbe Geschichte. Niemand von den älteren Herrschaften wollte in die
›Höllenmaschine‹ hinein. Und heute? Wenn man die Sache so ansehen will,
hält überhaupt kein menschliches Werk den Elementen stand. Dann ist die
Natur König!«
»Gott,« sagte sie leise.
Er schloß das Fenster und zog sie neben sich auf den Polstersitz.
»Du mußt doch zugeben, daß hinter allem Leben eine Naturgesetzlichkeit
steht, die das Ganze beherrscht, Billy, und somit alles Weltgeschehen
von ihr abhängig ist.«
Sibylle Kambach blickte ihren jungen Gatten voll an. »Ich denke gar
nicht daran, das zuzugeben.«
Er sah ihr belustigt in die sprühenden Augen. »Unsere Hochzeitsreise
fängt ja schön an!«
»Daran bist du ganz allein schuld! Ich kann das doch nicht
stillschweigend mit anhören, wenn du etwas so Widersinniges sagst!«
»Oho!«
»Ja. Du sagtest doch kürzlich, du neigtest neuerdings stark zum
Pantheismus. Danach ließest du den Schöpfer gelten. Ist denn dieser
Schöpfer abhängig von den Gesetzen der Natur, die er selbst geschaffen
hat? Liegt darin nicht schon ein Widerspruch? Gott wäre demnach ja eine
Maschine! Außerdem müßte ein in irgendeiner Weise abhängiger Schöpfer
doch wieder einen Schöpfer haben und dieser wieder einen! Wer wäre dann
der Urschöpfer? Nein, lieber Schatz, du kannst es mir glauben, das, was
wir Naturgesetzlichkeit nennen, ist etwas anderes, als du annimmst. Es
ist ein fortwirkender, aber kein schöpferischer Faktor. Die Kräfte, die
Gott in die Natur gelegt hat, entwickeln sich weiter. Wir kurzsichtigen
Menschen nennen das ›Naturgesetzlichkeit‹ und bilden uns, der Himmel
weiß was auf diese großartige Erkenntnistheorie ein. Und doch kommen
wir selbst am schlechtesten dabei weg, denn nach dieser Theorie haben
wir keinen allmächtigen Gott und Vater im Himmel, sondern sind der
Naturgesetzlichkeit verfallen.« Sie sah ernst vor sich nieder.
Ihrem Mann war diese Wanderung durch die Gefilde der Philosophie wenig
angenehm, aber er mußte sich andererseits sagen, daß er nicht ganz
unschuldig daran sei.
»Na, unsere Hochzeitsreise soll nicht durch die Frage gestört werden,
nicht wahr, Schatz?« versuchte er Sibylle von dem heiklen Thema
abzulenken. »Wir haben ja unser Glück!«
»Mich beunruhigt die Frage durchaus nicht, Harro, denn ich habe die
Antwort,« erwiderte sie. »Aber aufs Glück kommt es nicht an, sondern
darauf, daß wir auf Felsengrund stehen.«
Sie schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn heiß und innig.
Er aber blickte in die dunklen Augen, die ihre ganze Seele
widerspiegelten, und sagte sich: ›Sie gibt dir ihr Bestes!‹
Schweigend saßen sie beisammen.
Draußen huschten die Lichter vorüber, und die farbigen Signale
leuchteten.
»Ich möchte gerne noch etwas von der ›Brandenburg‹ hören,« bat sie.
»Ist sie schön ausgestattet?«
Sie rückte näher an seine Seite und breitete die Reisedecke über sich
und den Gatten. »So, nun ist's gemütlich, -- nun erzähl'! Schade, daß
wir die Probefahrt nicht mitgemacht haben, -- wir hätten acht Tage
früher heiraten sollen.«
»Ja, Billy, das ist nun zu spät! Warum hast du nicht eher daran
gedacht?«
Sie nahm den Hut ab und lehnte den Kopf an seine Schulter. »So --
also Herr Oberleutnant sind zum Vortrag bei Durchläuchting befohlen!
Antreten!«
Er lachte. »Warte, wenn wir erst in unseren vier Pfählen sind, kehre
ich den Herrn und Gebieter heraus. Heute geht dir noch einmal alles
durch -- aber dann! Durchläuchting wird sich noch wundern!«
Ihre Augen blitzten ihn an. »Durchläuchting ist auf alles vorbereitet!«
»So -- desto besser!«
Und dann begann er ihr von dem wunderbaren Schiff zu erzählen,
vom neuesten Zeppelin. »Die ›Brandenburg‹ entspricht in ihrer
Länge etwa den Luftschiffen der Ostfriesland-Klasse: 160 zu 166,5
Meter,« sagte er. »Du hast ja nur den einen Freiballonaufstieg beim
Luftschifferbataillon erlebt, nicht wahr?«
»Ich habe die ›Schwaben‹ von der Bahn aus fliegen sehen,« entgegnete
sie.
»Das ist etwas ganz anderes, Billy! Das haben Millionen Menschen
gesehen. Es ist ein wundervoller Anblick, wenn solch ein silberner
Delphin an einem schönen Sommermorgen in den Wolken erscheint, aber es
ist nicht mit der Nahwirkung zu vergleichen. Ich kann dir sagen, es
ist ein geradezu großartiges Bild, wenn solch ein Riese sich langsam
erhebt und als Segler der Lüfte die Wolken durchquert. Man glaubt, die
lebendige Verkörperung deutscher Heldenkraft und Kriegsgewalt vor sich
zu sehen!« Seine Augen leuchteten. Der preußische Offizier sprach.
»Und die Kabine?« fragte sie in frauenhafter Neugier.
»An der wirst du deine helle Freude haben! Sie erinnert an den
+D+-Zug, ist aber nicht so vollgepfropft und darum viel
behaglicher. Sie hat nur vierundzwanzig Plätze. Der rote Teppich und
die hübschen Peddigrohrsessel machen den hellen luftigen Raum, der
eigentlich ganz Fenster ist, höchst behaglich. Im übrigen ist es ganz
wie auf einem unserer großen Dampfer. Ausgezeichnete Verpflegung, Sekt,
Kaviar, tadelloser Steward, -- alles, was du willst. Aber man vergißt
Hunger und Durst da oben!« Gedankenverloren blickte er vor sich hin.
»Ach ja, du hast ja im vorigen Jahr die Rheinreise mit der ›Viktoria
Louise‹ gemacht!«
Er nickte. »Es war über alle Beschreibung schön. Du machst dir
keinen Begriff von solch einer Fahrt. Man muß so etwas eben erlebt
haben! Wir flogen damals über Baden-Baden, taten einen Blick in den
Schwarzwald, dann ging es über die Ebene, dem Rhein zu. Nie hab' ich
etwas so überwältigend Schönes gesehen, wie das breite grünseidene
Band des gewaltigen Stromes mit seinen malerischen Ufern und stolzen
Schiffen. Deutschlands Juwel, von oben geschaut, möcht' ich diese Fahrt
überschreiben. Eigentlich hätt' ich dir das alles gar nicht erzählen
sollen, Billy,« -- er sah sie lächelnd an. »Na, mit Worten läßt sich's
nicht beschreiben, wie schön die Reise war, und etwas Vorfreude hat
auch ihren Reiz!«
Sie nickte. »Vorfreude ist manchmal das Schönste,« sagte sie mit
glänzenden Augen.
»Diesmal nicht!« --
Hand in Hand saßen sie aneinander gelehnt. Er hatte dem Schaffner ein
Trinkgeld gegeben; so störte keiner ihr junges Glück.
»Wenn ich nur der armen Ilse helfen könnte,« sagte Sibylle endlich,
»die Ereignisse der letzten Zeit liegen mir wie ein Stein auf dem
Herzen. Wenn Wolf Dietrich nicht mein Bruder wäre, so ...«
»Ich verstehe das, Billy,« entgegnete ihr Mann, »aber du darfst die
Sache auch nicht zu schwer nehmen. Deine Familie ist doch schließlich
nicht dafür verantwortlich, daß Wolf Dietrich ein -- ein ...«
»Sag's nur ruhig,« meinte sie traurig, »daß er ein Lump ist!«
Er schwieg.
Da begann sie von neuem: »Weißt du, das ist das schwerste, daß es
niemals wesentlich mit ihm anders werden wird. Die Scheidung und alles,
was drum und dran hängt, wird ihm höchst peinlich sein, aber mehr auch
nicht. Ändern wird Wolf Dietrich sich nicht. Viele werden sagen, er sei
durch seine Veranlagung entschuldigt,« -- sie zuckte die Achseln.
Er antwortete nicht.
»Ach, Harro,« fuhr sie fort, »ich würd' es sonst ja nicht aussprechen,
aber siehst du, Wolf Dietrich hat Mamas Natur. Er hat ihr heißes,
leidenschaftliches Blut geerbt. Außerdem ist er bodenlos leichtsinnig;
seine Erziehung war nicht streng genug -- nun haben wir die Folgen. Er
hat eben nie gelernt, sich selbst zu bezwingen.«
»Kein Wunder,« sagte er.
Sibylle sah ihn von der Seite an. »Du meinst, -- weil -- Mama es auch
nicht tut? Es ist schon möglich, jedenfalls haben wir von ihr keine
Selbstbeherrschung gelernt.« Eine leichte Bitterkeit lag im Ton ihrer
Stimme. Sie wollte nicht über die eigene Mutter urteilen, aber der
tiefe Fall des einzigen Bruders ließ sie die Ursachen erforschen. Sie
fand sie in der eigenen Kinderstube.
»Die Firlemonts sind alle so,« sagte sie, nach einer Entschuldigung
suchend. »Onkel Axel sitzt ewig in Monte Carlo, Onkel Fred ist zum
zweitenmal geschieden und Tante Antoinette -- von der kann man
überhaupt nicht sprechen ... Mama ist ganz anders als ihre Geschwister,
es ist überhaupt ein Wunder, daß sie so ist, denn die Großeltern
sollen sich niemals um ihre Kinder gekümmert haben! Harro -- findest
du nicht, daß Wolf Dietrich etwas, -- ich meine selbstredend nicht,
daß ihn keinerlei Vorwurf trifft, -- aber daß er ein ganz klein wenig
entschuldigt ist? Denn schlecht ist er nicht!«
Nein, schlecht war er nicht. Das fand Harro auch. Aber der dunkle
Flecken auf der Offiziersehre blieb. Das konnte auch die eigene
Schwester nicht leugnen.
Sie fuhren in den Potsdamer Bahnhof ein.
»Wenn Ilse nur wieder gesund wird,« dachte sie, während ihr Mann einem
Gepäckträger winkte.
Da gewahrte sie, am Fenster stehend, einen Herrn auf dem Bahnsteig. Auf
den ersten Blick war der Offizier in Zivil erkennbar: Wolf Dietrich.
Sie prallte zurück. Es ging über ihre Kraft -- am heutigen Abend
eine zwanglose Begegnung mit ihm, während Ilse krank daniederlag --
unmöglich! Sie sagte es ihrem Mann.
Der zog die Brauen zusammen.
»Nee, Kindchen, das geht allerdings nicht!« Er blickte hinaus.
»Wahrhaftig! Er hat uns aber nicht gesehen!«
Sie öffnete ihre Reisetasche und zog einen dichten Autoschleier hervor,
den sie über den Hut band. »So,« sagte sie. »Du bist ja in Zivil!« Noch
einmal sah sie hinaus. »Er scheint hier jemand zu erwarten!«
»Ja, Billy, es hilft nichts, wir müssen aussteigen!« Harro Kambach ging
seiner Frau voran. Draußen zog er ihren Arm in den seinen. Ohne rechts
und links zu blicken, schritten sie über den Bahnsteig.
Fünf Minuten später saßen sie im Auto.
In Sibylles Augen standen Tränen. Sie preßte die Lippen zusammen. Vor
ihrem Geiste stand das Bild des schönen lebensfrohen Mannes, der ihr
liebster Spielkamerad gewesen. Es krampfte sich alles in ihr zusammen,
wenn sie daran dachte, was aus ihm geworden war. Denn trotz allem,
das gewesen, die geschwisterliche Liebe vermochte sie nicht aus ihrem
Herzen zu reißen. Er war und blieb ihr einziger Bruder.
Neunzehntes Kapitel.
»Wenn ich die Sonne grüße ...«
Wenn eine Seele in brennender Sehnsucht,
Den goldenen Sonnenaufgang zu schauen,
Leise, leise die Flügel entfaltend
Den Fuß von der dämmernden Erde löst,
Blicke ihr nach in die strahlende Weite,
Bis sie sich nahet dem Tore des Lichts, --
Ob nicht ein Funke vom himmlischen Feuer
Niederfällt auf den finsteren Pfad -- -- --
Warte nur, warte! gedulde dich fein!
Schon glühen die Zinnen in purpurner Schöne
Schon zieht sie droben durchs Perlentor
Mit tausend glückseligen Gästen ein ...
Warte nur, warte! ... Wenn eine Seele
Den goldenen Sonnenaufgang zu schauen,
Leise, leise die Flügel entfaltend,
Den Fuß von der dämmernden Erde löst,
Hebe den Blick zum Tore des Lichts!
Der Sonnenschein, der eine Stunde lang Sibylle Kambachs Hochzeitstag
erhellte, war nicht von Dauer gewesen. Schon am Nachmittag zog ein
Regenschauer über die Heide, und der sternklare Abend war trügerisch.
Am anderen Morgen lag das Land grau in grau. Ein kalter Wind wehte.
Hoffentlich geben die Kinder die Fahrt mit der ›Brandenburg‹
auf,« sagte Frau von Kambach zu Graf Bühler, als sie sich von ihm
verabschiedete.
Er zuckte die Achseln.
»Das Wetter kann in Düsseldorf gut sein, Exzellenz!« Er geleitete sie
hinaus. »Also auf Wiedersehen am Dienstag! Ich freue mich, daß unser
Bundesdirektor die prächtige kleine Frau bekommt! Hoffentlich ist Ilse
bis dahin wohler! Ich sehe leider sehr, sehr schwarz in der Sache!« Er
seufzte tief.
»Gott gebe, daß wir uns irren,« sagte sie halblaut. »Karl Heinrich
sagte mir gestern abend, ehe er nach Hause fuhr, ja auch, der Arzt habe
gemeint, Ilses Erkrankung läge ganz anderes zugrunde.«
»Dasselbe hat er mir gesagt. Es wäre ja auch geradezu ein Wunder,
wenn die unglückliche Frau gesund bliebe!« Er neigte den weißen Kopf
über ihre Hand. »Befehlen wir's dem, ohne dessen Willen kein Haar von
unserem Haupte fällt, teuerste Freundin!«
Sie standen auf den Steinstufen. Der Regen sprühte.
Ein Diener trat mit geöffnetem Schirm zu der Greisin.
»Ich bitte Sie,« wandte sie sich an Graf Bühler, der ihr den Arm
reichen wollte, »bleiben Sie drin!«
Sie nickte ihm herzlich zu, stützte sich auf den Arm des Dieners
und ließ sich von ihm beim Einsteigen helfen. Noch einmal sah das
freundliche Gesicht aus dem Fenster, die beiden Alten winkten einander
zum letztenmal zu, und fort ging's in den kühlen Morgen hinaus.
Zwei Stunden später saß Frau Sabine in ihrem Arbeitszimmer beim
prasselnden Kaminfeuer, von Eichelchens treuer Fürsorge umhegt. Eine
Großnichte, ein Fräulein von Kambach, welches der alten Dame, bis
sich ein passender Ersatz für Fräulein Eichel gefunden, Gesellschaft
leisten sollte, wurde nachmittags erwartet. Die Nachrichten über
die junge Gräfin Bühler, welche die Gesellschafterin mitbrachte,
lauteten günstiger, eine Diakonisse war in Kambach eingetroffen. Die
Braut konnte ihren Platz am Krankenlager ohne Sorgen verlassen. Auch
der Kochlehrling war außer Gefahr. Mit gutem Gewissen schied Jutta
Eichel von ihrer alten Exzellenz, aber die Trennung ward den beiden
Frauen bitter schwer. Die Alte gab ihr Bestes, die liebe sorgende
Hausgenossin, an die sie sich in jahrelangem Zusammenleben und
Zusammenarbeiten gewöhnt -- die Junge verließ eine Frau, die der Waise
Mutterliebe geschenkt. Das bedeutete einen scharfen Schnitt für zwei
Menschen, die zehn Jahre treu zueinander gehalten in Freud' und Leid.
Aber beide gehörten zu den großzügigen Naturen, die den Blick auf das
Ganze richten, die bei allem, was sie tun, auf das Werk schauen, dem
sie dienen. Und diese Großzügigkeit, dieser Blick ins Weite machte sie
stark und ließ ihre persönlichen Wünsche und Gefühle zurücktreten.
Das traf hier insonderheit auf die Greisin zu, die niemals mit einer
Silbe über den für sie gewiß nicht leichten Wechsel geklagt, aber
auch der Entschluß der Braut, die, selbst ohne Vermögen, dem Manne,
den sie liebte, in eine wenigstens zunächst nur in beschränktem Maße
sichergestellte Zukunft folgte, erforderte Mut.
Frau von Kambach befand sich seit ihrer Rückkehr aus Bühl in einer
nervösen Unruhe. Kaum zehn Minuten saß sie auf einem Fleck, machte
sich am Schreibtisch zu schaffen, sah in den Regen hinaus, lauschte
auf den Wind und fragte immer wieder, ob der Wagen für Direktor
Wendler auch rechtzeitig zur Bahn gefahren sei. Fräulein Eichel,
welche diese Nervosität auf die Ereignisse der letzten Zeit und auf
die fortwährenden Witterungswechsel schob, sagte nichts. Sie wußte,
daß Wind und Wetter nicht ohne Einfluß auf Gichtiker sind, und daß der
Gedanke an die Luftschiffahrt des jungen Ehepaares nach wie vor die
alte Dame beunruhigte. Da sie beides nicht zu ändern vermochte, suchte
sie, ohne die Dinge zu berühren, ihre Herrin abzulenken, indem sie ihr
aus den Briefen ihres Verlobten erzählte und ihr die Kreuzzeitung
vorlas. Frau von Kambach wurde auch etwas ruhiger, aber ganz gelang
es ihrem treuen Hausgeist nicht, das seelische Gleichgewicht
wiederherzustellen. Zum Unglück war der Wind zum Sturm geworden; so
wurde ihre Aufmerksamkeit immer wieder draußen gefesselt. Fräulein
Eichel sah es mit Sorge. Ganz unbegründet erschien ihr die Angst der
alten Frau ja nicht. Aber andererseits fragte sie sich: ›Warum soll
gerade der »Brandenburg« etwas zustoßen?‹ In Düsseldorf wollte das
junge Paar die Gondel besteigen; dort konnte strahlendes Wetter sein,
wenn es in der Mark stürmte. Trotzdem legte sie die Sturmwarnung der
Kreuzzeitung unauffällig beiseite.
Im selben Augenblick rollte ein Wagen über den Hof.
Sie eilte zum Fenster.
»Da ist er! Verzeihung, Exzellenz!« Sie lief hinaus. Gleich darauf kam
sie mit ihrem Verlobten zurück.
Nach kurzer herzlicher Begrüßung mit der Hausfrau bat Wendler, auf sein
Zimmer gehen zu dürfen, um sich vom Reisestaub zu säubern.
Exzellenz von Kambach nickte. »Und dann frühstücken Sie etwas, wir
essen heute erst um zwei!«
Er verbeugte sich dankend und folgte seiner Braut.
»Darf ich Sie vor dem Essen noch auf ein Stündchen zu mir bitten, Herr
Direktor?« rief die Greisin ihm nach. »Ich möchte gerne mit Ihnen
einiges besprechen. Es soll auch nicht lange dauern,« fügte sie mit
einem Blick auf Jutta lächelnd hinzu.
Dann gingen die beiden.
* * * * *
Der Sturm brauste über die Heide und schlug den Regen gegen die
Fenster des Herrenhauses. Wirbelnd flogen die Blätter der Parkbäume,
und die alte Linde ächzte. Hinter dem Hoftor stand eine Wetterwand
in schwarzblauer Schönheit, langgezogene weiße Wolken flatterten, vom
Sturme getrieben, am Himmel.
Die Gutsfrau stand am Fenster und blickte auf das trübe wildbewegte
Bild. Sie sah die Menschen gegen den Sturm ankämpfen, sah, wie er an
ihren Kleidern zerrte, wie er ihnen die Tücher und Mützen vom Kopfe
riß und weit über den Hof trug. Und sie dachte: ›Wenn's hier unten
im Binnenland so ausschaut, wie mag's auf hoher See sein, -- in den
Lüften!‹ --
Draußen schlug die Hausuhr eins.
Da kam ein rascher fester Schritt über die Diele. Wendler trat ein.
»Komm' ich zu früh, Exzellenz?«
»Nein, nein!« Und sie bat ihn, Platz zu nehmen.
Sein erstes Wort galt der Freude über ihre Geldsendung.
»Was das für ein Tag war, -- ich kann's nicht sagen! Nur der wird mir's
ganz nachfühlen, auf dessen Schultern ähnliche Sorgen gelastet!«
Sie nickte still. »Eine Glaubensstärkung war's mir, ein großes
wundervolles Erlebnis!«
Er sah sie ernst an. »Auch mir war's eine Glaubensstärkung, obgleich
mir das persönliche Erlebnis fehlte. Aber ich sehne mich danach, dieses
schöne Stück unserer Bundesgeschichte zu erfahren -- ist das zuviel
verlangt, Exzellenz?«
Sie blickte sinnend in den Sturm hinaus. ›Wenn ich die Sonne grüße!‹
hatte Sibylle gesagt.
»Vielleicht hab' ich kein Recht auf dies Geheimnis,« fuhr er fort,
»vielleicht ist's zu persönlich, zu -- heilig -- ich weiß es nicht!
Aber immer wieder steigt mir die Sehnsucht auf, mich an seinem hellen
Schein zu erfreuen! Exzellenz wissen es aus eigener Erfahrung, wir
brauchen Sonne auf unserem Wege! Darum bitte ich herzlich, ist's
möglich, ist mein Wunsch keine Verwegenheit, -- so zeigen Sie mir den
goldenen Strahl, den Sie aufgefangen!«
Sie sah ihn voll an. »Können Sie warten? Vielleicht nur bis morgen?«
Er nickte.
»Sie sind der einzige, dem ich dies Geheimnis anzuvertrauen das Recht
habe,« fuhr sie fort, »aber es hat eine Klausel. Vielleicht ist sie
schon morgen hinfällig!«
Wieder sah sie hinaus, als müsse der Himmel ihr die Antwort sagen.
Dann redeten sie von der Bundesarbeit. Neben viel Anfeindung war
ein frischer fröhlicher Fortgang der großen Sache zu verzeichnen.
Mit Freuden empfand es die Greisin; der rechte Mann war gefunden,
einer, der nicht rechts noch links schaute und sich nicht um die
unvermeidlichen Nörgler und Spötter kümmerte. Wie die Verkörperung des
schönen Geibelschen Wortes kam er ihr vor:
›Wer da fährt nach großem Ziel,
Muß am Steuer ruhig sitzen,
Unbekümmert, ob am Kiel
Lob und Tadel hoch aufspritzen!‹
Sein Werdegang war ein Wunder. Denn von ungefähr war's nicht, daß Gott
der Herr dem Irrlehrer seine Damaskusstunde schenkte und ihn zum Zeugen
der Wahrheit berief! Wie Sonnenglanz lag's auf dem Lebenswege, der
durch soviel Dunkel geführt. -- --
Im Fluge verging die kurze Stunde. Erstaunt blickte Exzellenz von
Kambach auf, als Jutta zum Essen erschien.
Nach dem Kaffee, der gleich nach Tisch eingenommen wurde, brachen die
Verlobten auf, um dem Kambacher Geistlichen, Wendlers Nachfolger, der
sie trauen sollte, einen Besuch zu machen.
Frau von Kambach warnte zwar vor dem Wetter, aber Jutta erklärte,
morgen sei keine Zeit, und Sturm seien sie beide gewohnt. Dann setzte
sie alles zum Nachmittagstee für die alte Dame zurecht.
Wendler sah auf die Uhr. »Vor halb sieben werden wir kaum zurück sein
können! Ist das nicht zu spät, Jutta?«
Fräulein Eichel blickte fragend auf die Hausfrau.
Doch die schüttelte den weißen Kopf. »Geht nur, Kinder!«
* * * * *
Es dämmerte. Aber es war nicht jenes friedliche Einspinnen von Raum
und Form in die rieselnden Schleier des Abends, es war ein hastendes
Dunkeln, als würfe der düstere Sturmfittich hier und dort seine
flüchtigen Schatten.
Die Vorhänge wurden geschlossen. Gedämpfter klang das Brausen des
Sturmes, und der helle Schein der Lampe verbreitete Behaglichkeit und
Wärme.
Frau Sabine saß feiernd am Kamin und blickte in die verglimmende Glut.
Ab und an fuhr ein Windstoß in den Schlot, dann lohten blaue Flämmchen
auf, duckten sich scheu vor des Sturmes Gewalt und erloschen wieder.
Die Gedanken der greisen Frau wanderten. Ein Leben, so reich an Liebe
wie das ihre, stand nimmer still, es verzehrte sich im Dienst anderer.
Und ein Großmutterherz hatte doppelte Arbeit.
Während ihre Seele weite Wege wanderte, ging ihr Blick über die
Bilder an den Wänden. Die Erinnerung stieg herauf. Sie verlieh den
alten Gemälden ihren Glanz und erzählte den Lebenden die Geschichte
der Toten. Durch die Seele der einsamen Frau zog's: ›Wie lange noch,
und dein Bild hängt in der Reihe der Ahnen!‹ Ihr Auge ruhte auf dem
duftigen Pastell Sophie Charlottes. Es war eine Kopie des Gemäldes
in der Kambacher Kirche. Darunter hing an blauseidenem Bande die
Stradivariusgeige.
›Sonderbar,‹ dachte sie, ›daß der Kasten noch immer nicht fertig
ist! Wenn er morgen nicht eintrifft, muß ich die Geige anderweitig
unterbringen!‹
Und dann lauschte sie wieder auf den Sturm. In kurzen Stößen fuhr er um
das Dach, aber seine Kraft schien gebrochen. Schwächer und schwächer
ward das Pfeifen um First und Schlot. Und dann war alles still.
Fast bedrückend wirkte das plötzliche Schweigen der Elemente.
Draußen erhob sich langsam die Natur und lauschte aufatmend dem
verhallenden Schritt des Gewaltherrn, drinnen fragte eine müde Seele:
›Gilt's einen Waffenstillstand, oder hat der Kriegszug ein Ende?‹
Überall ein Fragen im Land, überall die wundersame Antwort: feierndes
Schweigen. Mit ihm nahte die Ruhe der Nacht im Geleit funkelnder
Sterne. Durch den Spalt des Vorhangs blickten sie in den traulichen
Raum.
Über die greise Frau kam ein tiefer Friede. Des Tages Sorgen
zerstreuten sich, die Unrast verschwand. Es war einer von den
Augenblicken, da die Ewigkeit an ihre Tür pochte und, die Hand
ausstreckend, auf die leuchtende Brücke wies, die den dämmernden Strom
überspannte. Greifbar nahe lagen die Ufer der Heimat, und die Sehnsucht
breitete die Flügel. In solchen Augenblicken ward ihr der Abend licht,
und über der letzten Wegstrecke lag ein stiller Glanz. Leise verrann
die geweihte Stunde; sie aber dachte: ›Könnt' ich sie halten!‹
Draußen schlug eine Uhr. Aus dem bronzenen Gehäuse auf dem
Schreibtisch der Hausfrau antwortete eine helle Stimme.
Ein Mäuschen knabberte irgendwo am Schragen, -- dann war's wieder still.
›Wenn Sibylle mir jetzt ein Lied singen könnte!‹ zog es durch die Seele
der Einsamen -- --
Eine heiße Sehnsucht erwachte in ihr nach all der blühenden Jugend, die
mit der Enkelin von ihr gegangen, nach all der Liebe. -- -- Ob es ihr
gelingen würde, sich an das Neue, das in ihr Leben trat, zu gewöhnen,
es ans Herz zu drücken mit der alten Kraft? Und eine weitere Frage war,
ob es sich an sie gewöhnen würde? Es war ein eigen Ding um die Jugend
von heute ... So spann sie Zukunftsbilder.
Und dann wurden plötzlich ihre Augen starr. Mit angehaltenem Atem
saß sie und blickte auf die Stradivariusgeige. Ein Klingen und Tönen
entschwebte den Saiten, als harften unsichtbare Hände in weiter Ferne,
jenseits der Zeit. --
Wie ein Gruß wehte es durch den stillen Raum, wie eine zarte Bitte
um ein letztes Gedenken. -- -- Leise, leise verhallte die wunderbare
Stimme; dann war alles still -- --
Aber am Kamin saß eine mit gefalteten Händen, die Augen unverwandt auf
die Geige gerichtet, und lauschte -- und lauschte -- --
* * * * *
Stunden waren vergangen.
Die Gutsherrin saß mit den Verlobten und der inzwischen eingetroffenen
Renate Kambach, einem echten Landedelfräulein von achtzehn Sommern,
am Kamin und hörte dem frohen Gespräch der jungen Leute zu. Aber sie
war nicht recht bei der Sache. Immer wieder streifte ihr Blick zu der
Stradivariusgeige hinüber, und durch ihre Seele zog heimliches Fragen.
Kein Hauch hatte die Saiten berührt, das seidene Band, das Sibylle um
den Knauf geschlungen, streifte sie nicht -- was war geschehen? Und an
die Seele der alten Frau klopften die Gedanken -- --
Jutta fragte ihre Herrin, ob sie müde sei, und ob sie zur Abendandacht
klingeln solle.
Aber sie wehrte ab.
»Nein, Eichelchen, lassen Sie nur!«
Und sie blieben beisammen.
Bis spät in die Nacht hinein wurde musiziert. Wendler sang, von seiner
Braut begleitet, mit schöner Stimme einige Löwesche Balladen, Renate
überraschte die Großtante mit einem gutgeschulten Alt.
Schließlich erklärte Eichelchen, es sei halb zwölf, und Exzellenz von
Kambach müsse zu Bett. Sie werde zur Andacht klingeln.
»Nehmen Sie sich in acht, lieber Wendler, daß Sie nicht allzusehr unter
den Pantoffel geraten,« wandte sich die alte Dame lachend an ihren
Gast, »Sie sehen, wie mit mir umgesprungen wird!«
Er ging auf den Scherz ein. »Ja, zu meinem großen Erstaunen, Exzellenz,
wenn ich das geahnt hätte!«
»Da fährt ein Wagen über den Hof,« rief Renate dazwischen.
Alle horchten auf.
»So spät!« sagte die Hausfrau, und Jutta ging hinaus.
Als sie nicht zurückkehrte, folgte ihr Wendler.
Die Diele war leer, kein Dienstbote zu finden. Schließlich sagte ihm
ein Küchenmädchen, Fräulein Eichel sei im Inspektorhause.
Er ging hinüber.
Schon auf dem Flur hörte er eine bekannte Stimme in großer Erregung
sprechen.
Er trat ein.
Mitten in der Stube stand Schenker, um ihn herum die Inspektorsleute,
Jutta Eichel und die Dienerschaft.
»Und ick kann's Exzellenz nich sagen!« rief der Alte, während ihm
die hellen Tränen über die Backen liefen, »ick krieg's nich fertig!
Was zuviel is, det is zuviel! Der gnädige Herr wäre ja auch selbst
gekommen, aber er mußte doch gleich nach Baden-Baden, da is det Unglück
geschehen. Darum schickte er mich. Er hat sich ja auch gesagt, das das
'ne furchtbare Zumutung is, und darum meinte er, ick solle den Herrn
Direktor bitten, mir'n bißchen zu helfen. Denn wie soll ick armer alter
Mann unsere Exzellenz det beibringen. Was unser Herr Pastor is, der
war gerade zu 'ner sterbenden Frau nach Kanzin gerufen, sonst wär'
der gewiß gefahren, -- der Inspektor is krank, na, wer bleibt denn da
übrig, als Schenkersch olle Vadder? Is ja auch ganz selbstverständlich,
wenn man so lange in herrschaftliche Dienste is, -- wenn's man nich
über meine Kräfte ginge! Tot -- tot, nich auszudenken is es,« -- und
wieder stürzten ihm die Tränen über das Gesicht. Schwerfällig ließ er
sich auf einen Stuhl nieder. »Oh, du lieber Herr und Gott, mußte das
denn sein?«
Erschüttert standen die anderen um ihn herum. Leises Schluchzen klang
durch die Nachtstille.
Man hatte Wendlers Kommen nicht bemerkt. Jetzt trat er vor und näherte
sich dem Alten, der schweigend vor sich niedersah.
Der Angerufene fuhr empor. Einen Augenblick starrte er den Direktor wie
geistesabwesend an. Dann erhob er sich und faßte seine beiden Hände.
»Gott sei Dank, da sind Sie ja, Herr Pastor, -- ick wollt' sagen, Herr
Direktor, nich wahr, ick tu' keine Fehlbitte?«
»Ich helfe Ihnen gerne, lieber Herr Schenker, aber ich weiß noch gar
nicht, was passiert ist.«
»Sie wissen's noch nich?« Der Alte sank in sich zusammen.
Da trat der Inspektor zu Wendler. »Unsere Herrschaft ist schwer
heimgesucht worden,« sagte er mit bebender Stimme, »der Herr
Oberleutnant und die junge gnädige Frau sind mit der ›Brandenburg‹
abgestürzt, und die gnädige Frau ist --« Dem treuen Manne versagte die
Stimme.
»Tot?« fragte Wendler erschüttert.
»Tot,« klang es leise zurück.
Und dann war alles still. -- --
»Wie ist es gekommen?« fragte Wendler endlich.
Schenker ermannte sich. »Sie müssen ja wohl in Düsseldorf gut
Wetter gehabt haben; denn sonst hätten sie die Fahrt nich gemacht.
Der Herr Oberleutnant sagte zu mir: ›Schenker, wir fahren nur bei
schönem Wetter!‹ Na, und dann is jedenfalls der Sturm gekommen, und
die Propellers sind kaput gegangen! So denk' ick's mir! Näheres
wissen wir ja noch nicht! Der gnädige Herr bekam so vor zwei Stunden
das Telegramm: ›Brandenburg verunglückt. Oberleutnant von Kambach
Sanatorium Wild, Frau von Kambach tot.‹«
Die Tür wurde leise geöffnet, Renate sah herein. Durch das lange
Fortbleiben der Verlobten beunruhigt, hatte Frau Sabine die Nichte
geschickt. Als sie die verstörten Gesichter sah, blieb sie erschrocken
stehen.
Da ging Jutta auf sie zu und teilte ihr die erschütternde Tatsache
leise mit.
Renate war wie betäubt und konnte sich kaum fassen. Aber es war keine
Zeit, den eigenen Gefühlen nachzugehen.
»Seien Sie stark, Baronin,« bat Jutta, »wir müssen hinüber!« -- --
Wendler stand neben Schenker, der, völlig erschöpft, um ein Glas Wein
gebeten hatte.
»Bleiben Sie vorläufig ruhig hier, Herr Schenker, ich will erst allein
zu Exzellenz gehen,« sagte er, dem alten Manne die Hand auf die
Schulter legend. »Wenn's nicht zu spät wird, ruf' ich Sie noch. Sie
fahren heute abend doch nicht mehr nach Hause, nicht wahr?«
»Ick fahre erst morgen früh. Meine Frau sagte gleich, das würde zu
spät!«
So ging Wendler seinen schweren Weg allein.
* * * * *
»Sagen Sie mir alles, es ist ein Unglück mit der ›Brandenburg‹
geschehen,« empfing ihn die greise Edelfrau, aufrecht am Krückstock
stehend.
Ein tiefes Mitleid überkam ihn mit der tapferen Lebensheldin, der ein
kostbares Kleinod nach dem anderen abgefordert wurde.
Er wollte sie zu ihrem Stuhl geleiten.
Aber sie wehrte ihm.
»Nachher! Erst sagen Sie mir alles! Ich weiß, es ist das Schlimmste,
Allerschlimmste!«
Er zögerte. Eine Mitteilung der furchtbaren Tatsache ohne jede
schonende Vorbereitung erschien ihm geradezu brutal.
Da sah sie ihn durchdringend an.
»Tot?« fragte sie mit leise bebender Stimme.
»Ihr Enkel lebt, Exzellenz!«
Sie wandte den Blick nicht von ihm. »Er lebt -- aber er ist ein
Krüppel! Sie wissen es nicht?«
Wendler schüttelte den Kopf.
»Und -- und -- Sibylle?«
Er antwortete nicht.
Nun verfärbte sie sich doch. Sein Blick hatte ihr alles gesagt.
Langsam neigte sie das ehrwürdige Haupt auf die Brust.
»Ich wußt' es,« sagte sie leise. »Um die Dämmerung klangen die Saiten
der Geige!«
Langsam rannen die ersten heißen Tränen über das welke Gesicht. --
Und dann ließ sie's ohne Einwände geschehen, daß er sie zu ihrem Platz
am Kamin führte. --
Ganz still war's im Zimmer, als warteten die Lebenden auf einen letzten
Gruß der Toten.
Doch der Augenblick, da die Ewigkeit die Saiten bewegt, kehrte nicht
wieder. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die Raum und Zeit nicht
beengen, von denen es gilt: ›Der Wind bläset, wo er will!‹ --
Er wollte sie verlassen, ihr Jutta schicken, aber sie bat: »Bleiben
Sie noch ein Weilchen bei mir!« Sie drückte das Taschentuch gegen die
Augen und kämpfte mutig gegen die Tränen. Und was vielleicht keiner
anderen Frau gelungen wäre, erzwang sie sich durch unerschütterliche
Glaubenszuversicht und eine fast übermenschliche Selbstbeherrschung.
›Dem Alter, welches, an der Pforte der Ewigkeit stehend, die
Geschehnisse des Lebens in einem anderen Lichte schaut als die Jugend,
wird der Kampf mit Not und Tod leichter!‹ zog es ihm durch den Sinn.
Trotzdem -- es war etwas Großes, daß ihre Kraft ausreichte, daß sie
nicht zusammenbrach, und er sagte sich ehrlichen Herzens: ›An dieser
Kraft bist du erstarkt.‹
Aber das Größte war ihm noch vorbehalten, das Stück Ewigkeit, das dies
Frauenherz umschloß, hatte ihm noch nicht in seiner ganzen wunderbaren
Schönheit geleuchtet.
»Ich durfte es Ihnen nicht eher mitteilen,« begann sie leise, Sibylle
hatte ausdrücklich gesagt: ›Wenn ich die Sonne grüße, nicht eher!
Dann sag's ihm! Aber er soll nicht darüber reden!‹ Sie hatte sich
so sehr auf die Fahrt gefreut!« setzte sie hinzu. »Nun hab' ich den
ganzen Tag gewartet, ob es hell werden würde, doch es stürmte fort.
›Natürlich haben sie die Fahrt mit der ›Brandenburg‹ aufgegeben,‹ so
sagte ich mir. Ich will damit aber niemand einen Vorwurf machen. Das
Wetter ist nicht überall das gleiche, und der Sturm setzte hier auch
erst gegen Mittag ein. -- Dann kam der Abend, das wunderbare Tönen der
Saiten gemahnte mich an Vergangenes, an das Klingen der Geige in der
Stunde, da Sibyllens Ahnfrau, Sophie Charlotte, die Augen schloß, und
an vieles andere. Sie wissen, wie ich über Aberglauben denke! Diese
wunderbaren Tatsachen entspringen einem anderen Boden. Christenglaube
bedingt sie nicht. Aber er erstarkt an dem Beweis der Gnade, die einem
Leben, das ein einziger Gottesdienst gewesen, im Tode ihr leuchtendes
Ewigkeitssiegel aufdrückt. Darum traf mich diese Botschaft nicht wie
ein Blitz aus heiterem Himmel, darum steht auch über diesem schweren
Kreuz Ewigkeitsfriede!«
Sie hielt einen Augenblick inne. Das Sprechen wurde ihr schwer.
In tiefer Bewegung blickte er sie an. Wahrlich, diese Frau stand auf
des Glaubens hoher Warte, darum schaute und erlebte sie mehr als andere.
»Und so ist ihr Wort in höherem ewigen Sinne erfüllt worden, -- jetzt
schaut sie die Sonne!« Ein Beben ging durch die alte Stimme, aber
mutig fuhr die Greisin fort: »Ich brauche es Ihnen wohl kaum mehr zu
sagen, daß Sibylle die dreißigtausend Mark gespendet hat, -- aber die
Geschichte jenes Schmuckes, welcher ihre Gabe ermöglichte, darf ich
Ihnen nicht länger vorenthalten. Hätte ich das Vermögen, ich würde
versucht sein, die Juwelen, die eine so wunderbare Weihe empfangen,
zurückzukaufen. Es sind wahrhaftig ›köstliche Perlen‹.
Aber das ist ganz ausgeschlossen. Verfügte ich über solche Mittel, sie
hätten längst der Bundesarbeit gedient.«
Wieder hielt sie einen Augenblick inne. Er hatte das Gefühl, daß
nur der Wille sie noch aufrechthielt, aber er wagte nicht, sie zu
unterbrechen.
Und dann erzählte sie ihm die Geschichte des Erbschmuckes in all den
feinen Einzelheiten, die sich so wunderbar zum Ganzen gefügt.
Als sie geendet, saß er, den Kopf in die Hand gestützt, und blickte
gedankenverloren in die Glut. In seinen Augen standen Tränen, und er
schämte sich derselben nicht.
Lange schwiegen beide.
Dann sagte er: »Ist's nicht, als sei ein edles Samenkorn in die Erde
gesenkt, das sterbend Frucht bringt? So wenig ich die Heimgegangene
gekannt, ein Wort von ihr, das mir, ohne daß sie es ahnte, zu Ohren
kam, wird mir unvergeßlich sein: ›Gold und Silber sind tote Werte,
solange die Liebe sie nicht geheiligt hat!‹ Dieses Wort möchte ich über
ihr Leben setzen! -- Gott gebe, daß er, zu dem es gesprochen ward, dem
dies reiche reine Frauenherz, ob auch nur kurze Zeit, angehörte, seine
köstliche Frucht erkennt und bewahrt!«
Er erhob sich und trat an ihren Stuhl.
»Ich danke Ew. Exzellenz von ganzem Herzen,« sagte er mit erstickter
Stimme. »So oft ich dies Haus betrete, immer verlasse ich es reicher,
als ich gekommen.«
Sie antwortete nicht. Sie hielt seine Hände umfaßt und sah ihm still in
die Augen.
›Wenn ich die Sonne grüße!‹ stand in dem klaren Antlitz geschrieben.
›Es währt nicht mehr lange!‹
Dann ging er.
»Ich möchte den alten Schenker noch sehen!« rief sie ihm nach.
Er wandte sich um. »Jetzt noch, Exzellenz, -- es ist sehr spät!«
»Lassen Sie ihn nur kommen, die alte treue Seele würde es empfinden!«
›An alle denkt sie,‹ zog es ihm durch den Sinn, als er ins
Inspektorhaus hinüberging, ›nur nicht an sich!‹ -- -- --
Fünf Minuten später trat Schenker in Frau von Kambachs Arbeitszimmer.
Er nahm seinen ganzen Mut zusammen, aber dies Wiedersehen ging über
seine Kraft. Als seine alte Exzellenz in ihrer tiefen Trauer auf ihn
zukam, schluchzte er laut. Jedem gewaltsamen Schmerzensausbruch wäre er
gewachsen gewesen, -- die stille Ergebung auf dem geliebten Antlitz war
mehr, als er in diesem Augenblick ertragen konnte.
Sanft legte sie die Hand auf seinen Arm.
»Schenker,« sagte sie leise, »lassen Sie uns das Wort nicht vergessen:
›Ich habe Gedanken des Friedens über euch, und nicht des Leides!‹ Daran
müssen wir kurzsichtigen Menschen uns halten und -- glauben. Dann
kommen wir aber auch durch!«
Sie setzte sich und wies auf einen Stuhl. »Das ist mein einziger Trost,
wenn ich an meinen Enkel denke; denn ohne Grund führt uns der Herr
nicht solch dunkle Wege. Vielleicht mußte diese Not über ihn kommen,
damit er seinen Gott findet!«
Schenker trocknete seine Tränen mit dem bunten Taschentuch und nickte
vor sich hin. »Exzellenz verstehen's, einen zu trösten! Aber es ist
über mich alten Mann gekommen wie so'n Hagelwetter, ick bin wie vor'n
Kopf geschlagen! Vor wenig Tagen frisch und gesund im Brautkleid am
Altar -- und nu so! Ick seh' die junge gnädige Frau ja noch vor mir,
wie sie zur Abfahrt die Treppe herunterkam. Sie hatte ja Augen für
alles. Als sie mich am Wagenschlag sah, zog sie eine Rose aus 'n
Brautbukett und schenkte sie mir. Und dann sagte sie: ›Herr Schenker,
besuchen sie uns auch mal!‹ So hat sie gesagt, Exzellenz! Er fuhr mit
der Hand über die Augen. »Ick hab' mir die Rose gleich gepreßt und
in meine Bibel gelegt. Es is ne Niel aus 'n Kambacher Treibhaus, ick
hatte sie mitgebracht, in Bühl haben sie nur die gelben. Nu hab' ick
wenigstens 'n schönes Andenken!«
Mit wehmütiger Freude ruhte Frau Sabines Auge auf der greisen Gestalt,
der letzten aus der Zeit ihres seligen Mannes. Sie wußte nur zu gut,
welch treue Anhänglichkeit an alles, was Kambach hieß, einmal mit dem
alten Kammerdiener dahingehen würde.
»Es ist spät geworden,« sagte sie, sich am Krückstock aufrichtend.
»Seinen Abendsegen mag heut ein jeder für sich lesen, mich verlangt's,
allein zu sein!«
Er hatte sich erhoben. Ehrerbietig wünschte er ihr eine gute Nacht.
»Gott helfe uns durch alles Dunkel,« sagte sie mit zitternder Stimme.
Er nickte stumm.
Dann war sie allein.
Müde schritt sie über den Teppich.
Vor der Stradivariusgeige blieb sie stehen, liebkosend strich sie über
die Saiten.
Und dann klang ein heißes bitterliches Schluchzen durch das Schweigen
der Mitternacht: »Billy, meine Billy -- -- --«
Zwanzigstes Kapitel.
O Deutschland, meine Freude!
Vor dir, Allmächtiger sinke ich in die Kniee! --
Groß und gewaltig steigen die Tage empor,
Feuersäulen im Wechsel dämmernder Zeiten --
Du hast sie entzündet!
Lichte Heldengestalten in schimmernder Wehr,
Männer, den Sieg im Auge, die Seele geharnischt,
Du hast sie geadelt!
Aus allen Gauen strömt, dem Königsruf folgend,
Ein großes wunderbares gewaltiges Volk -- -- --
Vor dir, Allmächtiger, sinke ich in die Kniee
Mit einem Hauch deines Mundes erneutest du Deutschland!
Niemals ertönte helleres Schwerterklingen!
Nie griff ein Volk so reinen Gewissens zum Schwert! --
Ob es siegen wird, ob es im Kampfe verblutet --
Nie war des deutschen Volkes Seele herrlicher! --
Vor dir, Allmächtiger, sinke ich in die Kniee!
Es sind die Augusttage 1914. Es ist die Wende der Weltgeschichte,
die Stunde, da Deutschland sich panzert. Der Augenblick, da der
Allmächtige mit eisernem Hammer an die Pforten eines neuen Reiches
schlägt, das in überweltlicher Schöne aus Schutt und Trümmern erblühen
soll. Riesenopfer fordert die gewaltige Wiedergeburt, ein Volksopfer
ohnegleichen! Auf den Höhen lodern Wachtfeuer und die Hüter deutscher
Ehre spähen ins Land hinaus. Ein Grauen liegt in der Luft, das Grauen
vor dem nie dagewesenen Völkerleid, vor dem großen Sterben und Bluten,
-- aber vor dem heiligen, in tiefster Not geläuterten Gottesglauben,
vor Heldengröße und Opferfreudigkeit weicht es zurück. In hehrer
Schöne steigen die drei aus dem Dunkel dämmernder Zeiten empor,
Nibelungengestalten, vom Glanz verklungener Tage umschimmert. ›Gott,
König, Vaterland!‹ ist Deutschlands gewaltige Losung. Männeraugen
leuchten bei ihrem Klange, heller tönen Waffenruf und Schwertklingen,
tiefer erglüht die purpurne Seide der Fahnen. Tapfere Frauen zerdrücken
die Träne im Auge, um den stummen Mund ein stolzes Lächeln. Die
schwielige Faust des Arbeiters fühlt den Druck der schlanken gepflegten
Hand des Edelmannes und umschließt sie heiß -- -- Jünglinge gürten sich
jauchzend mit dem Schwert, liebliche Bräute folgen dem Scheidenden
zum Altar. Und über dem deutschen Lebensbilde der große heilige Ernst
der Stunde. In alle Gaue geht des Königs Ruf. Das Eisen ist lebendig
geworden, das heilige Eisen, das Jahrtausende ruhen und rasten kann,
wenn die Welt Deutschlands Ehre wahrt. In dieser Stunde beginnt
es, zu sieden. Seine Läuterungskraft durchdringt das ganze Volk:
es gibt keinen Berliner Pöbel mehr, keinen Tagedieb, keinen roten
Internationalen, -- es gibt nur Menschen, -- Deutsche! Wie gebannt
stehen sie. Schloßplatz und Linden sind nicht wie sonst ein wogendes
Menschenmeer, sie sind ein starrender Fels -- --
Und die Weltgeschichte geht vorüber -- -- --
Während der Kaiser sein Volk in den Dom zum Gebet sendet, während das
Lied von der festen Burg die Kuppel sprengen will, fährt draußen der
reinigende Blitzstrahl nieder: die Kriegserklärung zerreißt die bange
Stunde des Wartens auf die russische Antwort.
Ein Brausen steht in der Luft -- --
Einer, der jene denkwürdige Nacht erlebt, sagt: »Wenn dies Volk ohne
Waffen und Wehr, nur mit dem Feldgeschrei: ›für Gott und unsere
gerechte Sache!‹ unter dem Donner der heimischen Erde daher geschritten
käme, -- kein Feind hielte ihm stand, das Entsetzen lähmte ihm die
Sinne!« -- -- Auf und nieder wogender Meeresflut gleich braust die
flammende Antwort einer in ihren tiefsten Tiefen erschütterten
Volksseele. Betend neigt sich Deutschland vor seinem Gott, -- singend
huldigt es seinem Kaiser -- --
Es sind die Augusttage des Jahres 1914. Es ist die Wende der
Weltgeschichte, die Stunde, da Deutschland sich panzert.
* * * * *
Um den stillen Platz unter der Linde, wo der Kambacher Pfarrer die
Braut geküßt, webte Mittagszauber, und ein Klingen und Singen ging
durch die Zweige, als rüstete sich die alte Mark zur Maienfeier. Aber
schon ging der Sommer zur Neige, über der Heide lag ein goldklarer
Glanz und die ersten weißen Fäden wehten. Wie späte Liebesgrüße
dufteten dunkle Rosen in den sonnigen Mauernischen des Witwenhauses,
über dem leuchtenden Waldbilde lag, schöner als Lenzeswerben, jene
tiefe stille Herbstesglückseligkeit, deren klare Schönheit das große,
seltene Erlebnis der Menschenseele widerspiegelt. Um die Kiefern webte
ein Rosenwunder -- ein Traum von bekränzten Tagen und flatternden
Purpurstandarten zog durch die stille Mark -- -- --
Die Glocken des Kriegsbettages waren verklungen. In der Kambacher
Dorfkirche hatte ein deutscher Mann seine Gemeinde zur Buße gerufen,
zur Beugung unter ein schweres, aber gerechtes Gottesgericht. Im
Augenblick der gewaltigsten Volkserhebung der Weltgeschichte grüßte
sein flammendes Wort Brandenburgs Söhne:
»Wir wissen es wohl, warum uns Gott diesen Krieg gesandt hat! Weil
wir in Gefahr sind, unsere heiligsten Güter zu verlieren, weil unser
politisches und soziales, unser sittliches und religiöses Leben
angefressen ist! Noch ist der deutsche Volkskörper nicht verfault, aber
wir dürfen uns keiner Täuschung darüber hingeben, daß die Zersetzung
begonnen hat, ja daß sie nicht von gestern und ehegestern ist. Und
nicht um Einzelschäden und Einzelsünden geht's, -- unser ganzes Volk
trägt die Schuld am deutschen Verfall, alle, die deutschen Blutes
sind, müssen an ihre Brust schlagen, ob sie Kronen tragen oder mit
schwieliger Hand ihr Tagewerk treiben, -- keiner ist ausgeschlossen! --
Ihr Kambacher und Dreilindener Bauern, ob ihr Gottes Wort und Sakrament
ehrt, ob ihr eure Ehen rein haltet wie wenig andere, ob ihr die Sitte
wahrt und dem Schmutz in Wort und Bild zornig die Türe weist, --
vergeßt es nicht: einst am jüngsten Tag wird die Frage des Herrn eine
zwiefache sein: ›Was habt ihr getan? was habt ihr nicht getan?‹ Keiner
unter uns wird vor dieser Doppelfrage bestehen können, keiner wird die
Stirn haben, zu behaupten, er hätte die göttliche Forderung bis ins
kleinste erfüllt, -- keiner, -- die Volkssünde steht wider uns auf! Ein
einziges unterlassenes Gebet für den Träger der Krone, ein unüberlegtes
Urteil über die Obrigkeit, die geringste Versündigung am Deutschtum,
an der heiligen Innerlichkeit seines Wesens, das scheinbar kleinste
Versäumnis des christlichen Vorbildes, -- sie sprechen uns mitschuldig
am deutschen Verfall. Darum umschließt dies Gericht uns alle, darum
soll's jedem einzelnen ein Weg nicht nur zur Buße und Umkehr, sondern,
will's Gott, zur Erneuerung und Wiedergeburt werden. Denn an eines
neuen Reiches Pforte klopft Gottes gewaltiger Hammer. Daß Deutschland
die Kraft besaß, aus seinem tiefen Todestraum aufzustehen und einig
wie ein Mann vor seinen Kaiser zu treten, -- Gottes Gnade war's, die
im letzten Augenblick den Brand aus dem Feuer riß, -- ein Wunder! Und
als ein Wunder steht's vor uns, wie die kaum begonnene vaterländische
Not Kräfte entbindet, deren Besitz wir längst aufgegeben, wie sie
Werte ans Licht trägt, die wir dem sittlich verarmten Boden nicht mehr
zutrauten. Die gewaltige Pflugschar der großen Zeit reißt die Scholle
auf, daß aus ihrem Blute eine Saat ersprieße, des deutschen Ackers
würdig.
Wir haben einen sittlichen Niedergang zu verzeichnen, aber noch sind
wir kein untergehendes Volk. Noch nicht. Darum werden wir gezüchtigt,
aber nicht zermalmt. Durch die ungeheuren Opfer an Gut und Blut, an
Liebe und Leben, die uns auferlegt werden, rechnet Gott mit uns ab.
~Wir vertreten eine gerechte Sache -- ganz gewiß -- nach außen hin
stehen wir rein da! Aber so oft wir uns dies wiederholen im Kampf oder
Sieg, so oft sollen wir uns eine andere schwerere Wahrheit vorhalten:
daß wir nach innen tief verschuldet sind und Gott auf tausend nicht
eins antworten können.~ Darum mußte ein Sturm über uns kommen. Das
Geschlecht, das in frevelhaftem Leichtsinn das Erbe der Reformation
verschleuderte und seine heiligen Güter in den Staub trat, konnte nur
mit donnernder Sprache erweckt und durch eiserne Zucht zur Besinnung
gebracht werden. Und das will Gott. Er hat uns das Größte vertraut,
hat uns zu Trägern des Lichtes geweiht! Zum Salz der Erde hat er uns
gemacht, daß Kind und Kindeskind die Botschaft seines Heils den Völkern
der Welt vererben. Weil er die ~eine~ köstliche Perle in unsere
Hände gelegt, darum, und nur darum, übt er noch einmal Geduld, darum
schlägt er uns wohl, aber er tötet uns nicht.«
In lautlosen Schweigen saßen die Bauern unter der Kanzel. Manch weißer
Kopf nickte verständnisvoll zu den schlichten mannhaften Worten des
jungen Pfarrers, manch treues Auge leuchtete hell auf, aber auch viele
heiße Tränen rannen.
Auf dem Altar flimmerten die Kerzen über den Abendmahlsgeräten.
Feierlich klangen die Einsetzungsworte durch die stille Kirche.
Dann traten die Söhne der Mark mit ihren Frauen und Bräuten an den
Gottestisch. Manch einer der Alten dachte, im Chorstuhl sitzend,
vergangener Zeiten: ›So wird's vor hundert Jahren gewesen sein!‹
Inzwischen hatte man vieles erlebt, Krieg und Kriegsgeschrei, -- aber
diesmal galt's Größeres, Außerordentliches, das fühlten alle, diesmal
sollte Deutschland alles genommen, diesmal sollte es zertreten, vom
Erdboden vertilgt werden -- warum sonst Englands Kriegserklärung?
-- eine Gemeinheit war's, -- und die Gedanken der greisen Kambacher
wanderten ein Stücklein Wegs ins Völkerleben draußen. --
Der Patronatsstuhl war leer. Der Kambacher hatte keine Ruhe gehabt und
war schon vor einigen Tagen nach Berlin gefahren, obgleich Harro jeden
Augenblick eintreffen konnte. Seine Verletzung heilte leicht, sobald er
dienstfähig war, wollte er zu seinem Regiment zurückkehren.
»Er soll nach Berlin kommen, falls ich nicht da bin,« hatte der
Oberstallmeister abschiednehmend zu Ilse gesagt, die während seiner
Abwesenheit nach Dreilinden gehen wollte. »Ich muß meinen Kaiser
sehen und das Stück Weltgeschichte erleben, das sich in diesen Tagen
abspielt. In solchen Zeiten hält's kein rechter Kambach auf der Scholle
aus. Hätt' ich nicht den alten Schaden aus der Leutnantszeit, ich
wüßte, was ich täte! Gut, daß ich dem Vaterland wenigstens einen Sohn
schenken kann!« Damit war er zur Bahn gefahren.
So kam's, daß am Kriegsbettag Ilse Bühler neben der alten Exzellenz auf
dem Dreilindener Chor saß. -- -- --
»Das war das rechte Wort für diese Stunde, mein lieber Herr Pastor,«
sagte Frau Sabine, den Geistlichen begrüßend, während sie, auf den
Arm der Enkelin gestützt, dem Kirchhoftor zuschritt, wo ihr Wagen
wartete. »Besonders für die Erklärung des Begriffs ›Volksschuld‹ danke
ich ihnen herzlich im Namen unserer Bauern. Wir tragen ja alle unseren
alten Adam mit uns herum, das wird wohl keiner leugnen, dazu sind's zu
gute Christen, aber ihr Gesichtskreis ist doch gewaltig eng. Kambach
und Dreilinden sind die Mark, -- na, und da die Verhältnisse hier so
gut wie nur möglich sind, will der Begriff ›Volksschuld‹ nicht in den
märkischen Bauernschädel hinein. Aber heute war der Boden bereitet und
die Aussaat die rechte!« Sie reichte ihm abschiednehmend die Hand.
»Lassen Sie sich bald mal in Dreilinden sehen!«
»Ich danke gehorsamst, Exzellenz! Sobald meine Zeit es erlaubt,
werde ich vorsprechen. Wissen Exzellenz, daß Graf Brelow sich als
Freiwilliger gemeldet hat?«
»Erzählen Sie das nicht meinem Sohn. Er ist außer sich, daß er nicht
dienstfähig ist. Wenn er hört, daß Brelow mitgeht, können wir noch
etwas erleben.«
»Aber Herr Oberstallmeister ist doch viel älter!«
»Als ob er daran dächte! Kennen sie den märkischen Adel so schlecht?
Man hat unsere Junker nicht umsonst ›Kinder des Schwertes‹ geheißen!«
»Herr von Kambach schrieb mir gestern eine Karte,« sagte Pastor Möller.
»Es muß etwas Großes sein, diese Tage in Berlin zu verleben, darum
freue ich mich, daß er schon am 29. Juli abreiste. Er hatte keine Ruhe
mehr!«
»Sehen Sie! Das sind die Kambachs! Gott, König, Vaterland. -- alles
andere ist Nebensache! Aber das ist das Wahre! Ich möchte meinen Sohn
nicht anders haben.«
Sie saß längst im Wagen, von Ilse sorgfältig in Decken gehüllt. Blaß
und ernst nahm die junge Gräfin neben der Großmutter Platz, die mit
jugendlicher Frische die große Zeit grüßte.
»Graf Bühl ist auch in Berlin. Alle lassen sie einen allein! Am
liebsten wäre ich mit dabei. Aber eine alte Frau wie ich gehört ins
Haus, und gerade jetzt dürfen die scheinbar kleinen Pflichten nicht
vernachlässigt werden. Meine Dreilindener brauchen mich auch. Ich
hoffe einer der beiden Herren kehrt bald zurück, damit wir auch einmal
persönliche Berichte hören, nicht wahr, Ilse?« Freundlich wandte sie
sich an die junge Frau.
Die nickte stumm. Ein abgrundtiefes Leid alterte die schönen Züge.
Mitleidig ruhte Pastor Möllers Auge auf ihr. Er kannte diese Naturen,
welche die erste Not zerbrach. Und außerdem war die arme Frau krank.
Wer dies Gebiet kannte, sah auf den ersten Blick, daß nicht alles in
Ordnung war.
Die Pferde zogen an. Ehrerbietig grüßte er die greise Gutsherrin.
Das war eine von denen, die sich immer wieder aufrichteten, die im
Dienste anderer den Segen ihres Tuns am eigenen Herzen erfuhren. Und er
gedachte eines schlichten Wortes, das einer über Frauenleben und -glück
geschrieben: ›Lieben heißt nicht: begehren; lieben heißt: schenken und
Opfer bringen.‹ --
Über dem Witwensitz der greisen Kambacherin stand das Wort ›mobil‹ wie
über keinem anderen Hause, wo eine deutsche Frau waltete. Vom ergrauten
Verwalter und seinem schaffensfrohen Weibe bis zum Küchenmädchen und
Stallknecht wußten sie alle: jetzt ging eine Arbeit an, wie sie vorher
nicht dagewesen. Aber keines trauerte den vergangenen Tagen nach,
-- wer länger als ein Jahr in den Diensten Exzellenz von Kambachs
stand, der spürte etwas von dem Geist, der das alte Haus durchwehte
und wollte nicht ausgeschlossen sein, wenn es eine große gemeinsame
Sache galt, wenn man unter den Flaggen ›wir‹ und ›bei uns‹ segelte.
Frau Sabine hatte es von jeher verstanden, ihre Leute für die großen
völkischen und religiösen Fragen zu gewinnen, und dadurch ein festes
Band zwischen Herrschaft und Untergebenen geknüpft. Kein Wunder, daß in
der Stunde, wo Deutschland von Ost und West bedroht ward, die märkische
Vaterlandsliebe auflohte, daß auch der Kleinste und Geringste an seinem
Teil mithelfen wollte. Nie stand der deutsche Strickstrumpf so hoch in
Ehren, nie ward auf dem Dreilindener Gutshof gespart, wie in den großen
Augusttagen! -- -- --
* * * * *
Frau von Kambach stand, dem abfahrenden Wagen nachblickend, auf den
Steinstufen.
»Leg' dich ein paar Stunden hin, Ilse,« sagte sie. »Die Fahrt wird dir
sonst zuviel. Ich werde dir dein Essen hinaufschicken. Bleib nur ruhig
bis zum Abend oben.«
Die junge Frau schwieg.
Besorgt sah die Großmutter sie von der Seite an. »Es ist wirklich
besser so,« sagte sie freundlich. »Ruhe ist jetzt das einzige für dich.
Ich bin gewiß sehr dafür, daß man sich zusammennimmt, aber es gibt
Fälle, wo man die Besserung nicht dadurch erzwingt!«
Ilse zog die welke Hand an die Lippen.
»Die erzwinge ich überhaupt nicht, Großmama,« sagte sie mit erstickter
Stimme. »Aber daß ich die Hände in den Schoß legen und abseits stehen
muß, wo das Vaterland blutet, -- das -- das ist zuviel. Vor einem Jahr
hätte ich Johanniterin werden können,« -- sie wandte sich ab und eilte
die Treppen hinan, die letzten Worte verwehte der Sommerwind.
Die alte Frau sah ihr traurig nach. »Also doch eine rechte Kambach,«
zog es ihr durch den Sinn. Und im stillen bat sie der Enkelin ein
Unrecht ab. Sie hatte geglaubt, daß der Schmerz auf dem schönen
Antlitz nur dem einem galt und immer wieder dem einen, der es nicht
verdiente, daß eine reine Frau um ihn weinte -- -- -- Wäre der Fluch
der Mannesschuld nicht gewesen, der dies junge Leben vergiftet, es wäre
leichter gewesen, dem Wüstling zu vergeben, -- aber so? Sie hielt Ilse
für sehr krank -- --
Nachdenklich ging sie ins Haus und sah die Post durch. Außer der
Kreuzzeitung war eine Karte von Renate gekommen, die während Ilses
Besuch nach Hause gefahren war, um von zwei Brüdern, die bei den
Drachenburger Ulanen standen, Abschied zu nehmen. Morgen wollte sie
zurückkehren. Auch von Eichelchen war ein glücklicher Brief dabei.
Nach beendeter Mahlzeit nahm Exzellenz von Kambach die Kreuzzeitung und
setzte sich an den Schreibtisch. Hastig putzte sie die Brillengläser,
auf ihren klaren Zügen malte sich Ungeduld.
Und dann knisterten die Blätter.
Das stille Gemach der märkischen Edelfrau ward hell, die große Zeit
stieg leuchtend aus dem Grau des Alltagslebens empor und grüßte die
Fünfundsiebzigjährige.
Sie aber las und las: die gewaltige, vom Geiste tiefsten Glaubens und
heiligster Vaterlandsliebe getragene Thronrede, die weltgeschichtliche
Tagung des Reichstages, -- die alten Hände begannen zu zittern, die
Brillengläser wurden blind, -- wenn Fritz Karl das noch erlebt hätte!
Eine Hoffnung erwachte in ihrer Seele und hob kühn die Schwingen
zum Adlerflug. Sollte das Wort Wilhelms des Ersten, das er in echt
königlicher Demut über den Sieg der siebziger Jahre schrieb, ein
zweites Mal in größerem, hehrerem Sinne Wahrheit werden? ›Welch eine
Wendung durch Gottes Führung!‹ Kein Fürstenwort hätte die gewaltige
Stunde des 4. August, da das wunderbar geeinte Volk seinem Kaiser die
Treue gelobte, treffender zeichnen können, als jene schlichte Drahtung
des greisen Kriegsherrn.
Aber dann zuckte die welke Hand im Zorn zusammen: eine Sonderausgabe
brachte Englands Kriegserklärung. Das war zuviel -- und doch --
Bismarck hatte den Vettern drüben nie getraut. Ja, Bismarck! Und der
gepanzerte Recke stand vor ihrem geistigen Auge.
Die Zeit ging. Sie hörte nicht den Schlag der Uhren, sie blickte auf
die schimmernde Schöne deutscher Heldentage, sie sah deutsches Blut
strömen und betete und glaubte.
Aber die große Freude über Deutschlands Erwachen vermochte die
Sorge aus dem Herzen der alten Frau nur vorübergehend zu bannen.
Die Seherin schaute nicht nur die sonnigen Bergkuppen, sie schaute
den Talschatten. Nebel und Nachtgezücht duckten sich zwar in feiger
Scheu vor Heldengröße und Mannestreue, aber sobald das leuchtende
Heer seinen Blicken entschwand, würde das Gelichter sein böses Spiel
um so toller treiben. Nach siebzig war's nicht anders gewesen; der
Zeitabschnitt nach dem Kriege bedeutete sogar einen Tiefstand deutschen
Lebens, wie ihn die Geschichte in wenig Fällen verzeichnet. Und dieser
Tiefstand erklärte sich nicht nur aus der plötzlichen Goldflut, sondern
aus allgemeiner Oberflächlichkeit, aus dem mangelnden Willen, die
große Zeit auszukaufen und die Früchte des Krieges einzuernten. Der
deutsche Michel wartete eben stets, bis ihm die gebratenen Tauben
in den Mund flogen. Aber der Segen des Krieges wollte erkämpft und
erarbeitet, wollte vor allem erbetet sein. Neues entstand nur, wenn
das Alte verging und starb. Die schwersten Erfahrungen aber glichen
toten Werken, solange sie nicht im Kern erfaßt und ausgenutzt wurden.
Und an diesem Willen zum Siege zweifelte die Frau, die wie wenige
ihr Volk kannte. Ohne einen Augenblick das große Gnadengeschenk zu
unterschätzen oder den Wert der neu erwachten Kräfte des Glaubens,
der Opferwilligkeit und Einigkeit zu verkennen, sagte sie sich: die
zerstörenden Mächte in unserem Volk hat ihr Feuer noch nicht verzehrt.
Nur das Volk, das den schmalen Pfad der Buße ging, fand den Weg
zum Tor des Lichts. Würde die Läuterungsglut der eisernen Zeit ein
Geschlecht hervorbringen, das seine Krone zu tragen verstand und seine
heiligsten Güter wahrte? Sabine von Kambach zweifelte nicht daran,
daß Deutschland, ob auch unter ungeheuren Opfern an Gut und Blut, in
dem schweren äußeren Ringen siegen würde. Ein Volk, das noch solch
starke innere Werte barg, kehrte aus dem Kampf um Sein oder Nichtsein
nur siegend zurück oder -- auf dem Schilde. Ein anderes war es, ob
die Volkskraft den schwereren inneren Kampf mit den Mächten der Tiefe
bestehen und ihres Sieges Früchte bewahren würde. Das zwanzigste
Jahrhundert hatte es vergessen, daß die Kraft eines Volkes in der Buße
wurzelte. Das Jahr 1914 forderte zur Gesundung Deutschlands nicht nur
die Gesundung des Volkes, es forderte die Gesundung der Kirche.
* * * * *
Fern über der Heide verklang die Kambacher Glocke. Da raste ein
Kraftwagen über den Hof. Schwerfällig erhob sich Exzellenz von Kambach
und blickte hinaus.
Auf den Diener gestützt, stieg Graf Bühler die Stufen hinan.
Sie ging dem alten Freunde entgegen. »Erlaucht, trotz Ischias?«
Er küßte ihre Hand. »Was schert mich Ischias! Wär ich dreißig Jahre
jünger! Aber meinen Kaiser mußte ich sehen und die gewaltigen Stunden
mit erleben! So etwas kommt in hundert Jahren nicht wieder vor! --
Übrigens soll ich Sie von Harro grüßen, ich traf ihn gestern bei seinem
Vater, -- er kommt heute abend zu Ihnen, um Abschied zu nehmen.«
Und dann saßen die beiden Alten zusammen am Kamin und der
Erblandmarschall erzählte.
Wie ein Jüngling im weißen Haar erschien er Frau Sabine. So hatte sie
ihn nicht mehr gesehen, seit der Enkel den alten Namen entehrt. Die
Adleraugen blitzten, die ehrwürdige Gestalt war straff aufgerichtet,
nur die gichtgekrümmte Hand, die den Krückstock umfaßte, redete von
Krankheit und Greisenalter.
›Märkischer Uradel!‹ dachte sie, während ihr Auge auf den edlen Zügen
ruhte. ›Gott, König, Vaterland! das ist sein Lebensnerv!‹
»Wie ich hergekommen bin, weiß ich nicht,« sagte der Graf. »Ich wäre
auch noch geblieben, aber ich sagte mir, daß Sie hier säßen und die
Stunden zählten, bis einer käme und Ihnen Bericht erstattete! Karl
Heinrich war nicht loszueisen, man kann's ihm ja schließlich auch nicht
verdenken, daß er dabei sein will, wenn der Sohn ins Feld rückt, -- na,
da sagte ich mir, daß ich an der Reihe sei, nach Dreilinden zu fahren!«
Er nickte der alten Freundin herzlich zu: »Und ich hab's gern getan,
Exzellenz!«
Die Tränen stiegen ihr in die Augen. »Das weiß ich,« sagte sie leise.
Aber er war schon wieder in Berlin. Auf dem Schloßplatz. Im Reichstag.
An irgendeiner Straßenecke. Bei Kranzler. Ganz wie damals nach dem
Kriege, wo sich alles in der Reichshauptstadt traf. Nur ein Unterschied
bestand zwischen einst und jetzt. Damals war ein ruhmvoller Friede
unterzeichnet und Berlin begrüßte jubelnd seinen Kaiser, -- heute stand
Deutschland vor der furchtbarsten Aufgabe der Weltgeschichte.
Er erriet ihre Gedanken.
»Sie wundern sich über meine Stimmung, teuerste Freundin? Ich kann's
verstehen! Man muß dabei gewesen sein! Siebzig war ein Kinderspiel
gegen diese Begeisterung, diese heilige Einigkeit! Es war mir in diesen
Tagen, als ob ganz Deutschland seine Kleinodien vor seinem Kaiser
ausbreitete und in der Sonne funkeln ließ! Und dazu wurde ›Ein feste
Burg‹ gesungen, -- kann es Größeres geben? Das brauchte der Kaiser aber
auch in der Stunde übermenschlich schwerer Entscheidung! Wie ich mich
freue, daß wir's abgewartet haben, bis das Pack uns ins Land fiel, --
ob es strategisch richtig war, ist etwas anderes, -- aber niemals hat
Deutschland größer dagestanden! Auf den Knien sollten wir Gott danken,
daß wir solchen Kaiser haben!«
Sie nickte.
Still war's zwischen den beiden Alten.
»Mißverstanden hab' ich Ihre Freude aber keinen Augenblick,« sagte sie
dann.
»Nein? das freut mich! -- Als ich durch unsere alte Mark fuhr, hatte
ich das Gefühl: das Größte, Herrlichste dieser Heldentage haben doch zu
wenige im deutschen Vaterland persönlich miterlebt. Der Widerschein der
gewaltigen Stunde leuchtet ja überall, wo deutsches Leben ist, -- dafür
sorgt schon die Heimatliebe, -- aber ein Sonnenaufgang ist doch etwas
anderes als Morgenleuchten! Darum dacht' ich: wir sahen die Majestät,
die Glorie dieses Krieges, seine überirdische Weihe, -- Millionen
Menschen aber, die dasselbe Recht haben, den Glanz dieser Tage zu
erleben, sehen nur das Grauen über dem Völkerbilde, die abgrundtiefe
Not, -- sie bringen dieselben Opfer wie wir, Exzellenz, -- das gehört
auch zu den Härten des Lebens, die unser kleiner Verstand nicht erfaßt!
Und doch geben sie das Beste hin, wenn es die Scholle gilt!« Er blickte
sinnend über das dämmernde Land. Seine Augen leuchteten -- --
Sie aber fühlte, ihre Seelen waren auf den gleichen Ton gestimmt. Was
Frauensehnsucht in der Stille der Heide erträumt, hatte der Mann
in Händen gehalten. Das Zollernschwert hatte der märkische Edelmann
blitzen sehen, über die purpurne Seide der Kaiserstandarte hatte er das
weiße Haupt geneigt, -- und mehr noch -- Job Wilhelm von Bühler hatte
Größeres, Gewaltigeres schauen dürfen: eine Volkserhebung, wie sie nie
dagewesen, ein Erwachen, wie es kein deutsches Herz zu fassen gewagt,
eine Einigkeit, so stark, so unzerstörbar, daß der Feind, der ein mit
sich selbst zerfallenes Volk mit kurzem Handstreich niederzuschlagen
wähnte, staunend den eilenden Schritt verhielt und das Auge starr auf
die gepanzerte Lichtgestalt richtete!
So kam's, daß der greise Märker, während er die überwältigende Kunde
in das stille Heidehaus trug, mit all seinen Herzgedanken in der
Kaiserstadt war, am Thron, unter dem strömenden Volk, an der Stätte,
da das deutsche Blut am stärksten pulsierte, da Glaube und Liebe am
hellsten leuchteten.
Schweigend folgte sie seinem Blick -- --
Da wandte er ihr das Auge zu. In dem geistvollen Antlitz arbeitete es:
»Ich hätt' es nicht für möglich gehalten!« Und eine Träne rann ihm die
Wange herab.
Durch die Dämmerstille des märkischen Dorfes klang der Flügelschlag der
großen Zeit -- --
Sabine von Kambach lauschte hinüber. Ein Traum von schlichter
Heldengröße und deutschen Siegen flog durch den Sommerabend -- standen
die Toten auf, die Kämpfer von 1813? ›Ich hätt' es nicht für möglich
gehalten!‹ klang ihr das Wort des Freundes im Ohr.
Und das andere, -- der Feind, der Deutschland knebelte und in den
Staub drückte, der ihm mehr nahm, als Gut und Blut, der ihm die Seele
mordete? was ward aus ihm? Vieles würde der Riesenkampf fortfegen,
manch böser Gewohnheit würde der neu erwachte Gottesglaube die Türe
weisen, -- ob der Keim des furchtbaren Giftes dadurch zerstört ward?
Frau von Kambach sprach dem Grafen ihre Sorge aus.
Aufmerksam hörte er ihr zu.
»Exzellenz haben mir aus der Seele gesprochen, -- erwiderte er, als sie
geendet. »Es wäre eine Täuschung, wenn wir die innere Gefahr, die unser
Volk bedroht, angesichts der großen Erhebung, die wir erleben durften,
für beseitigt halten wollten. Sie ist nicht beseitigt. Die Mächte der
Hölle werden nicht durch einen großen völkischen Aufschwung vernichtet,
noch durch äußere erschütternde Ereignisse an sich überwunden. Dies
Gift kann nur dann ausgerottet werden, wenn die Frucht der großen
vaterländischen Not die Buße ist. Wir brauchen einen Neubau, -- nur ein
völliger Bruch mit der Vergangenheit ermöglicht ihn.«
Sie nickte. »Wir werden nach dem Kriege vor gewaltige völkische und
religiöse Aufgaben gestellt werden! Es war mit das erste, was ich mir
im Blick auf dieselben sagte: daß es eine gnädige Fügung ist, daß der
Bund bibelgläubiger Christen nicht erst gegründet zu werden braucht,
sondern daß er -- wenn auch erst seit einigen Monaten -- besteht. Wie
viele würden uns als Schwarzseher verlachen, wenn wir heute oder nach
einem, will's Gott, siegreichen Kriege einen solchen Volksbund gründen
wollten! Hab' ich nicht recht?«
»Gewiß. Genau dasselbe dachte ich vor einigen Tagen, als mir im Blick
auf diese Frage das Herdersche Wort einfiel, das Sie so oft angeführt
haben: ›Unsere Väter, o, Deutschland, meine Sorge, waren nicht, wie
wir jetzt sind!› Die meisten würden, wenn man sie daran erinnerte,
denken: ›Na ja, die Herrschaften sind eben über siebzig!' Aber das
darf uns nicht irre machen! Wenn wir auch nicht mehr viel Zeit haben,
-- die Tage, die Gott uns noch schenkt, soll die Arbeit für sein Reich
ausfüllen, nicht wahr, Exzellenz?«
In ihren Augen glänzten Tränen. »Es liegt etwas Prophetisches über
der großen Zeit.« sagte sie leise. »Mag einer sagen, was er will, ich
glaub's dennoch, daß Herders Wort sich noch einmal wandelt, daß es noch
einmal heißen wird: ›O Deutschland, meine Freude!‹«
Er neigte das weiße Haupt wie zum Gebet. »Gott walt's.« -- -- --
Ein Wagen jagte über die Kopfsteine.
»Das ist Harro!« Der Erblandmarschall erhob sich. »Ich werde Sie mit
ihm allein lassen. Darf Fritz mein Auto bestellen?«
»Bleiben Sie doch zum Tee!«
Er zögerte. »Gut, ich werde Ilse so lange Gesellschaft leisten.
Vielleicht kommt sie zu mir herunter. Wenn der Anfall auch diesmal
nicht schlimm ist, so wird mir das Treppensteigen doch schwer.«
»Natürlich kommt Ilse herunter,« sagte die alte Dame. »Bitte machen Sie
es sich inzwischen im blauen Salon bequem. Die Zigaretten stehen auf
ihrem gewohnten Platz.« Und sie schritt dem Gast voran zur Tür.
»Danke, danke, Exzellenz, ich bin hier ja zu Hause.«
Sie lächelte. »Gut, dann klingeln Sie bitte und schicken Sie Fritz
hinauf. Ilse ist auf ihrem Zimmer.« Sie nickte ihm freundlich zu, als
ginge sie an eine gewohnte Arbeit in Haus oder Garten, und doch hatte
sie Schweres vor sich.
Aber er kannte sie. Auf diesen Schultern hatten schon größere Lasten
gelegen.
* * * * *
An den Schreibtisch gelehnt, stand sie, den Enkel erwartend.
Im nächsten Augenblick trat Harro Kambach ein. Groß, hoch aufgerichtet.
In Felduniform. Ein Mann in des Königs Rock. Aber er war um Jahre
gealtert, das Haar ergraut. Auf den ersten Blick erkannte sie's: er
kam als ein anderer heim. In tiefer Bewegung umschlang sie ihn.
»Harro, mein Junge!«
Wie ein Klang aus der Kinderzeit grüßten ihn die schlichten Worte.
»Großmutter!«
Gewaltsam suchte er seinen Schmerz niederzuringen, aber es ging über
seine Kraft. Er neigte den Kopf auf ihre Schulter und weinte laut.
Und die starke Frau, die so viel ertragen im Leben, mußte sich hart
machen gegen die Mannestränen.
Ein Schüttern ging durch seinen Körper. Er raffte sich auf.
Schwer atmend stand er vor ihr.
Als er die äußere Ruhe wiedererlangt hatte, beugte er sich ehrerbietig
über ihre Hand. »Nicht wahr, es kommt niemand?«
Sie schüttelte den Kopf. Dann stützte sie sich auf seinen Arm und ließ
sich zu ihrem Lehnstuhl am Kamin führen.
Dort saßen sie sich gegenüber.
Alles an ihm schien ihr verändert. In seinem Wesen war etwas Neues. Und
unwillkürlich zog es durch ihren Sinn: Es ist nicht nur die Trauer um
das Liebste, nicht der Ernst der gewaltigen Zeit, die ihm ihr Gepräge
geben, es ist jenes unverkennbare Merkmal, das der Mensch an sich
trägt, der dem Tode ins Auge geschaut. Denn solche Linien grub nur das
Bewußtsein: ›Du stehst vor Gott!› Und eine Hoffnung, die sie lange
gehegt, wuchs.
»Papa läßt grüßen,« sagte Harro. »Er bleibt noch in Berlin, bis wir
ausrücken. Außerdem meinte er, es sei besser, wir wären zu zweien.«
Er schwieg.
Geduldig wartete sie. Wußte sie doch, daß er ihr alles sagen werde.
Und sie irrte nicht. Als sie eine Weile beieinander gesessen, klang
plötzlich Sibyllens Name an ihr Ohr. Leise, mit fast frauenhafter
Zartheit, sprach er ihn aus. Das Unglück selbst überging er; die
Erinnerung an das Furchtbare mochte zu gewaltsam auf ihn wirken, aber
was sie zuletzt miteinander geredet, erzählte er der Großmutter.
Und die alte Frau rechnete es ihm hoch an und freute sich des großen
Vertrauens.
Es war ein kurzer, knapper Bericht, aber er umschloß das
Glaubensbekenntnis eines Mannes:
»Im Augenblick der höchsten Gefahr rief sie mir ein Wort zu, das sie
schon einmal tags zuvor im +D+-Zug gesprochen: ›Aufs Glück kommt
es nicht an, sondern darauf, daß wir auf Felsengrund stehen!‹ Dies Wort
hat mich über Wasser gehalten, Großmutter, es hat mir in tiefster Not
meinen Gott gezeigt.«
Seine Stimme brach. Der Schmerz überwältigte ihn.
Schweigend blickte Frau Sabine ins Feuer.
Da begann er aufs neue: »Nun kann ich ins Feld ziehen! Ich hätt' es
ja vorher auch gemußt, aber jetzt weiß ich, daß Vaterlandsliebe und
Königstreue heilig sind, daß -- daß sie ewig sind. Großmutter! Das
hab' ich von dir gelernt, und -- von ihr!« Er wandte sich ab. »Wenn
Deutschland in Wahrheit frei werden soll, müssen wir das alle glauben!«
Sie sah ihn unverwandt an. Fast ging dies schlichte heilige Erlebnis
über ihre Kraft. Der Tag hatte des Großen schon zuviel gebracht.
Ein heißes Dankgebet stieg aus ihrem Herzen. Und während ihr Auge auf
der schlanken feldgrauen Gestalt ruhte, erwachte die Erinnerung.
›Einen heiligen Damm wolltest du bauen, lieber Herr und Gott!‹ klang
es durch ihre Seele und die Sage vom Oststrande stieg vor ihrem Geiste
auf.
War's nicht wunderbar, wie die blankgespülten Kieselsteine sich
überall hineinschoben und drängten, wie sie sich an Fels und
Basalt rieben, bis das wilde Geklüft sich glättete, wie sie sich
zusammenschlossen zum großen, starken Ganzen, zu jener Mauer, die sich
der Sünde entgegenstellt und den Verzweifelten deckt. Wahrlich, das
uralte Mönchsgebet galt heute noch und hatte nichts von seiner Kraft
eingebüßt. Und sie sah die Mauer wachsen. Ein neues Geschlecht, das
sich seine Kleinodien nicht rauben ließ, stand um das Kreuz geschart.
In den alten Augen lag's wie Prophetenklarheit, als schauten sie die
Geschichte kommender Völker, und durch die Seele der Frau, die täglich
in heißer Sorge die Hände für ihr Vaterland faltete, zog eine schöne
lichte Hoffnung. Die Sehnsucht aber klopfte an ihre Kammer: ›Ob wir's
erleben werden, daß die Heimatliebe ein Kränzlein trägt, daß sie
singend von Hütte zu Hütte wandernd Mann und Weib die Siegesbotschaft
ins Herz jubelt und Mägdlein und Buben ihren Hochgesang lehrt: O
Deutschland, meine Freude!?‹ --
Sie wandte sich wieder an den Enkel.
»Wann war es?« fragte sie leise.
»Etwa um sechs Uhr abends, -- um die Dämmerung!«
Über ihre Züge ging ein Leuchten.
»Um sechs Uhr abends klangen die Saiten der Geige -- --«
Still war's in Haus, als hätte eines den letzten Seufzer getan -- -- --
* * * * *
Die ersten Sterne blitzen am Himmel. Über die nächtliche Heide klingt
der Schritt der eisernen Zeit. Von Osten weht fernes Schwertklingen
herüber -- -- --
Es sind die Augusttage des Jahres 1914. Es ist die Wende der
Weltgeschichte, die Stunde, da Deutschland sich panzert -- --
Im Verlage von ~Martin Warneck in Berlin~ erschien ferner von
E. von Maltzahn
Ein Mann
Ein Roman aus der Gegenwart.
20. Tausend.
Die Verfasserin hat sich durch ihre tiefgründigen Erzählungen in
weitesten Kreisen einen großen Namen geschaffen, und man kann jedesmal
erwarten, daß sie uns etwas Besonderes zu sagen hat. So auch in ihrem
Roman »Ein Mann«. Ein tapferes Buch. Prächtige Charaktere werden uns
hier gezeichnet. Herr von Grambow ist ein wahrer Edelmann, der mit
seinem Christentum Ernst macht und keinen Augenblick zögert, bei
schweren Zusammenstößen mit den Vorurteilen der Gesellschaft die Folgen
auf sich zu nehmen. Ihm zur Seite steht Renate, eine Idealgestalt
einer deutschen Frau. Der Roman führt uns zum Teil in die Kreise der
Künstler als auch der Gesellschaft und ist, was Inhalt und Schilderung
anbetrifft, spannend und meisterhaft durchgeführt. Es ist ein Werk
reiner Kunst, von dem nur zu wünschen ist, daß es von vielen genossen,
daß es aber auch in vieler Leben beachtet wird. Über den Inhalt selbst
wollen wir nicht mehr verraten, sondern unsere Leser bitten: Nehmt und
lest, und ihr werdet an dem Inhalt des Buches Freude und Gewinn haben.
Abseits
Novellen.
7. Tausend.
»Abseits« nennt E. von Maltzahn mit Recht diese Novellen. Sie behandelt
darin Themen, die wohl vielen abseits liegen, aber die wohl wert sind,
bedacht zu werden. Ganz besonders möchte ich das von der zweiten
Erzählung behaupten. Besinnliche Leser werden viel Freude an dem
Büchlein haben.
Herrosé & Ziemsen GmbH. Co., Wittenberg.
Fußnoten:
[1] Geyer und Rittelmeyer, Leben aus Gott.
[2] Gedicht und Musik von Peter Cornelius.
[3] Karl Marx.
[4] J. Gabriel Seidl.
[5] ~Weber~, Dreizehnlinden.
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WENN ICH DIE SONNE GRÜSSE … ***
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array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
visit www.gutenberg.org/donate.
While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.
Section 5. General Information About Project Gutenberg electronic works
Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg eBooks with only a loose network of
volunteer support.
Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.
Most people start at our website which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org.
This website includes information about Project Gutenberg,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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