Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833

By Carl Christian Becher

The Project Gutenberg eBook of Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833
    
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Title: Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833

Author: Carl Christian Becher

Release date: February 6, 2026 [eBook #77872]

Language: German

Original publication: Hamburg: Perthes & Besser, 1834

Credits: Peter Becker and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive)


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEXICO IN DEN EREIGNISSVOLLEN JAHREN 1832 UND 1833 ***

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                     Anmerkungen zur Transkription

  Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1834 so weit
  wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
  wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
  verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

  In manchen Fällen, meist bei fremdsprachlichen Ausdrücken, wird das
  Plural-s mit einem Apostroph abgetrennt, z.B. ‚Tschako’s‘. Da der
  Sinn des Texts dadurch nicht verändert wird, wurde diese Schreibweise
  beibehalten. Ferner werden Apostrophe in Wörtern wie ‚haus’ten‘
  oder ‚erlös’t‘ eingesetzt, die offenbar von den alten Wortformen
  ‚hauseten‘ und ‚erlöset‘ herrühren. Auch diese Formen wurden nicht
  modernisiert.

  Überträge (hier ‚Transport‘ genannt) in mehrseitigen Tabellen wurden
  entfernt.

  Die Bildunterschrift der letzten Illustration (‚Karte von Mexiko‘)
  wurde vom Bearbeiter eingefügt. Im Original findet sich eine
  ausführliche Legende, aber kein Titel.

  Fußnoten wurden am Ende eines Abschnittes, also vor Einschüben und
  dem zweiten Hauptkapitel, positioniert.

  Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
  Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
  Symbole gekennzeichnet:

        kursiv:   _Unterstriche_
        gesperrt: +Pluszeichen+
        Antiqua:  ~Tilden~

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[Illustration]




                                 Mexico

               in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833

                                  und

                        die Reise hin und zurück

                       aus vertraulichen Briefen

        mit einem Anhange über die neuesten Ereignisse daselbst

                         aus officieller Quelle
                                 nebst

               mercantilischen und statistischen Notizen

                                  von

                            +C. C. Becher+,

     damaligem Sub-Director der Rheinisch-Westindischen Compagnie,
             Ritter des rothen Adler-Ordens vierter Classe.

 Mit einer Karte und lithographirten Ansicht der Hochebene von Mexico.

                               ~... and with your gracious patience
                               I will a round unvarnished tale deliver.~

                                             ~Othello, _Shakespeare_.~

                                Hamburg,
                  in Commission bei Perthes & Besser.
                                 1834.




  An des Königlich preußischen wirklichen Geheimen Raths und
  Ober-Präsidenten von Westfalen


Freiherrn von Vincke Excellenz.

  Ew. Excellenz

haben mich während der dreizehn Jahre, während welcher ich meinen
Wirkungskreis hauptsächlich in Preußen hatte, mit so viel Güte
überhäuft, mit so viel Freundschaft geehrt, daß die dankbarste
Erinnerung an diese, -- meine oft mühsame und vielbewegte Laufbahn
erheiternden Verhältnisse, -- in meiner Seele nie erlöschen wird.

Von dem Wunsche beseelt, dies Anerkenntniß und den Ausdruck eines
unbegränzten Dankgefühls gegen +Ew. Excellenz öffentlich+ aussprechen
zu können, durfte ich die gegenwärtige, vielleicht nie wiederkehrende
Gelegenheit nicht versäumen, welche mir dafür

  “die Zueignung dieses Büchleins”

darbietet, und von der ich mir schmeichle, daß sie +Ew. Excellenz+ mit
Ihrem gewohnten Wohlwollen und mit Nachsicht aufnehmen werden.

Wem könnte ich auch wohl diesen “chronologischen Bericht” einer langen,
beschwerlichen, in meine Lebens-Verhältnisse nur zu ernst eingreifenden
Reise, besser zueignen, als Ew. Excellenz, welcher die Motive, ich darf
sagen die +reinen Motive+ derselben, mehr als jedem Andern bekannt
sind? -- als Ew. Excellenz, welche sie billigten als ich sie unternahm,
der ich, während und nach derselben, über alles Bericht erstattete, und
die es nun mit mir beklagen, daß der dabei beabsichtigte Zweck -- ohne
mein Verschulden -- nicht erreicht ward.

Wessen Name wäre aber auch wohl in anderer Hinsicht geeigneter,
einer +Darstellung der jetzigen Lage und Verhältnisse Mexico’s+,
gleichsam als Aegide, vorgedruckt zu werden, als der +Ew. Excellenz+,
die sich stets so lebhaft für den Verkehr des Vaterlandes mit
jenem entfernten aber wichtigen Staatenbunde interessirt, und so
wesentlich dazu beigetragen hat, daß die +politischen+ Verhältnisse
Preußens zu demselben sich schon früh +so+ gestalteten, daß sie den
+mercantilischen den+ Schutz gewähren konnten, welcher sich dort
bereits bei mehr als einer Gelegenheit, als höchst nützlich, ja
+nothwendig+, bewährt hat.

Möge Ew. Excellenz denn die Freude werden, des Vaterlandes
vortheilhaften Verkehr mit den vereinigten Staaten von Mexico, sich
mehr und mehr ausdehnen, mögen Sie überhaupt die unausbleibliche
Frucht Ihrer reichen Aussaat im Felde der vaterländischen Industrie,
+das stete Wachsen des National-Wohlstandes+, in vollem Maaße blühen
sehen, und möge es mir erlaubt seyn zu hoffen, daß alsdann auch mein
zwar unbedeutendes aber redliches Streben nach gleichem Ziele, in Ihrer
freundlichen Erinnerung fortlebe.

                             Mit Gesinnungen der innigsten Verehrung

                                         Ew. Excellenz

                           ganz gehorsamster Diener und dankbarer Freund

                                                   +C. C. Becher+.




Vorwort.


Es war zwar anfänglich meine Absicht nicht, etwas über eine Reise
drucken zu lassen, deren Erfolg den Erwartungen, die ich davon hegte
als ich sie unternahm, so wenig entsprochen hat; ich ward aber von so
vielen Seiten dazu aufgefordert, daß ich mich am Ende doch entschlossen
habe, aus den Briefen, die ich während der Reise an meine Familie und
Freunde geschrieben, ein Bild von dem Treiben und Seyn in dem so viel
besprochenen +heutigen Mexico+, während einer ereignißvollen Periode,
zu entwerfen, und es nun wage, dieses Bild, nebst einigen wenigen
Worten über Hayti und Nordamerika, dem Publicum vorzulegen.

Wenn ich mich damit meinen zahlreichen entfernteren Freunden, mit denen
ich nicht in ununterbrochenem Briefwechsel stehe, und die mithin in den
letzten Jahren weniger von mir erfahren haben, auf eine freundliche
Weise ins Gedächtniß zurückrufe und ihnen eine angenehme Stunde mache,
so wird mir ein schöner Lohn für die geringe Arbeit zu Theil.

So oft und viel auch schon über das +jetzige Mexico+ und die Reisen
dahin und zurück im +Einzelnen+ geschrieben worden seyn mag, so
ist doch, so viel ich weiß, noch nirgends +in Deutschland+ etwas
+Zusammenhängendes+ darüber bekannt gemacht worden.

Dies geschieht nun hier im +ersten Abschnitt+, und wenn auch darin,
der +Sache nach+, für +Manchen+ nichts +neues+ zum Vorschein kommt,
so mag es doch in der Art der Darstellung hier und da der Fall seyn,
denn jeder hat bekanntlich seine eigenthümliche Auffassung von den
Dingen, die er sieht, und giebt sie auf seine Art und Weise wieder. Die
Darstellung meiner Ansichten soll übrigens auf kein anderes Verdienst
Anspruch machen, als darauf, daß sie hier grade so wieder gegeben sind,
wie sie der Eindruck an Ort und Stelle hervorgebracht hat.

Die in dem Anhange geschilderten neuesten Ereignisse in der Republik
Mexico, sind mir aus amtlicher Quelle mitgetheilt worden, und liefern
den erfreulichen Beweis, daß ich mich nicht irrte, als ich, in meinen
Briefen von jenseits, dem Lande, aus der Staatsumwälzung von 1832 u.
33, große Vortheile und Fortschritte auf dem Wege der Civilisation
prophezeite.

Der +zweite Abschnitt+ enthält fragmentarische Notizen, sowohl
mercantilische wie statistische und administrative, worunter manches
noch nicht allgemein Bekannte gefunden werden dürfte.

+Das Ganze+ aber möge dazu beitragen das Interesse der Leser an den
vereinigten Staaten von Mexico zu erhöhen, und dadurch Deutschlands
Verbindungen und Verkehr mit einem Lande mehr und mehr zu beleben und
auszudehnen, dessen Wichtigkeit für ganz Europa eine jährlich wachsende
ist, und noch auf lange Zeit seyn wird, weil Mexico unermeßliche
Resourcen, vortreffliche Climate und Raum für das Zehnfache seiner
jetzigen Bevölkerung besitzt.

Im Juni 1834.

                                                     +C. C. Becher.+




Inhalts-Verzeichniss.


  I. Abtheilung.

  Hinreise, Aufenthalt und Rückreise.

                                                                    Pag.

  1. Brief.    Köln,  am  9.  October 1831                             1

  2.    „      Paris,  am  23.  October                                2

  3.    „      Bordeaux, am 2. November                                4

  4.    „      Am Bord des Schiffes,  den 10. November                 5

  5.    „         do.         do.     den 17. November                 7

  6.    „         do.         do.     den 24. November                 8

  7.    „         do.         do.     den 2. December, (unter der
                                      tropischen Linie.)               9

  8.    „         do.          do.     den 10. December               10

  9.    „         do.          do.     den 14. December, (Angesichts
                                       Haity.)                        12

            Zwei Stunden auf Haity, am 15. December                   13

  10.  „    Am Bord, vom 19. bis 29. December                         25

  11.  „      do.    am 31. December, (im Hafen von Vera-Cruz)        30

  12.  „       Vera-Cruz,  am  3.  Januar                1832         34

  13.  „   Vera-Cruz, am 9. Januar. Anfang der Revolution             38

  14.  „   Jalapa, am 12. Januar. Reiseart und Ortsbeschreibung       42

  15.  „   Puebla, am 15. Januar. Reise und Beschreibung              49

  16.  „   Mexico, am 21. Januar. Hinreise und Ankunft                57

  17.  „   Mexico, am 23. Januar. Beschreibung; Nationalpallast;
           Wohnung                                                    61

  18.  „   Mexico, am 29. Januar. Politik; Alameda; Theater;
           Stiergefecht                                               66

  19.  „   Mexico, am 21. Februar. Sturz mit dem Pferde;
           Pferderennen;  Politik                                     71

  20.  „   Mexico, am 21. März. Kriegsvorfälle; General
           Moctezuma                                                  75

  21.  „   Mexico, am 11. April. Der Paseo; Fahrt nach
  Chapultepec und Tacubaya; Spielwuth; Aquaduct                       79

  22.  „   Mexico, am 24. April. Heiße Bäder; Eingeborene
  am See Tescuco; Osterfest; Bustamante                               83

  23.   „   Mexico, am 31. Mai, nebst ~P.S.~ Abdankung der
  Minister                                                            89

      +Beilage+: Ausflucht nach dem Eisenwerke +Sitio+;
                 Beschreibung desselben und Rückfahrt;
                 schwimmende Gärten                                   91

  24. Brief. Mexico, am 17. Juni. Pfingstfest in St. Augustin;
  Spielsucht; Hahnengefecht; Optische Täuschung;
  ~bal paré~                                                         101

  25.  „   Jalapa, am 25. Juni. Reizende Gegend; Waffenstillstand    106

  26.  „   Jalapa, am 9. Juli. Politik; Conferenz in Puente;
           Meierei; Spinnen-Staaten-Bund; Kathedrale; Theater        110

  27.  „   Jalapa, am 24. Juli. Wiederanfang des Kriegs; Mord eines
           Europäers in Vera-Cruz                                    113

  28.  „   Mexico, am 13. August. Indianer; heidnischer Götzendienst
           bei katholischen Processionen; Feuerwerke; Diebereien;
           Geburtstag des Königs von Preußen                         116

  29.  „   Mexico, am 30. August. Merkwürdiger Vorfall im heißen Bade;
           Politik; Einladung Pedrazas; Bustamante übernimmt das
           Commando; Musquiz tritt an seine Stelle                   121

  30.  „   Mexico, am 17. September. Fest der Unabhängigkeit;
           Universitätsgebäude; Antiquitäten; (Karl Uhde)            124

      +Beilage+: aus der neuern Geschichte Mexico’s, Bravo,
                 Vittoria, Señora Rayon                              129

  31. Brief. Mexico, am 30. September. Sieg bei Gallinero; Versuch
             der Gefangenen, sich zu befreien; Tod des Engländers
             Short; Einkleidung einer Nonne; Struensee
             (Trauerspiel.)                                          136

  32.  „   Mexico, am 4. October. Tour auf’s Land; Pulquebereitung;
           Olivenbau; Einfluß europäischer Sitten; Butter; Bier;
           Wein                                                      139

  33.  „   Mexico, am 12. October. Kriegsereignisse; Santa Anna
           schlägt Facio, nimmt Puebla, unterhandelt mit der
           Regierung; Alaman verläßt Mexico                          144

  34.  „   Mexico, am 5. November. Fernere Kriegsereignisse; Mexico
           belagert; Folgen davon; Bustamante rückt heran;.Theurung;
           Briefwechsel; ~P. S.~ vom 8. November; Aufhebung der
           Belagerung                                                147

  35.  „   Mexico, am 9. December. Stillstand in den Operationen;
           Rückzug nach Puebla; Extrasteuern; Schlacht bei Puebla;
           Vereinigung Santa Anna’s und Bustamante’s, zu Gunsten
           Pedraza’s; Unterhandlung mit dem Congresse                152

  36.  „   Mexico, am 28. December.  Protest des Congresses;
           Garnison entscheidet für Pedraza; Ende der Noth;
           Pulvermühle in Santa Fé; Clima; Steinernes Schiff in
           Gouadeloupe; Sulzers Tod                                  157

  37.  „   Mexico, am 9. Januar 1833. Einzug der vereinten
           mexicanischen Armee; Hoffnungen der Fremden und des
           Landes; Pedraza; Zavala; Roccafuerte; Toleranz            162

  38.  „   Mexico, am 7. Februar. Tour in den deutschen
           Minendistrict; Schleidens Lage und Tod in Anganguco;
          der Bergbau daselbst, und Rückweg nach Mexico              168

  39.  „   Mexico, am 13. Februar. Pedraza; Mädchenschule;
           Vorbereitung  zur  Abreise                                179

  40.  „   Vera-Cruz,  am  3. März                                   182

  41.  „   New-York, am 1. bis 9. April. Reise dahin; Clima; Hafen;
           Zunahme des Verkehrs; Einwanderung; Bauart; Lebensweise;
           Damen; Theater; Blutaristokratie                          184

  42.  „   Am Bord ~the Sully~, am 30. April. Golphstrom; Hayfische  195

  43.  „   Paris, am 10. Mai. Havre; Auswanderung nach Amerika  etc. 199

  +Anhang+: Kurze Darstellung der politischen und administrativen
            Maßregeln in Mexico, seit der Präsidentschaft Santa
            Anna’s, so wie der gegenwärtigen Lage des Landes         203


  II. Abtheilung.

  mercantilische und statistische Notizen.

  1. Handel mit Mexico, Bordeaux, Havre, Hamburg und Bremen          217

  2. Ausfuhr. Staat von Oaxaca; Cochenille                           221
              Ausfuhrtabellen von 1758 bis 1832                      227
              Calculation des Werths in Bordeaux                     229

  3.    „     aus Mexico im Allgemeinen                              230
              Taback und Kaffee                                      232
              Preis des Kaffees bei freier Arbeit                    233

  4. Münzsorten                                                      235

  5. Maaß und Gewicht                                                236

  6. Der mexikanische Tarif                                          238

  7. Bergbau  und  Silbergewinnung                                   240
       Deutsch-Amerikanischer Bergwerks-Verein                       242
       Ertrag und Ausfuhr im Allgemeinen                             245
       Münze in Mexico                                               246

  8. ~Banco de Avio~ (Industrie-Belebungs-Bank)                      247

  9. Eisenschmelzerei auf dem Sitio                                  254

  10. Bevölkerung von Mexico                                         255

  11. Der Staat von Vera-Cruz                                        262

  12. Finanz-Departement                                             264




  Erste Abtheilung.

  Hinreise, Aufenthalt und Rückreise.


  An * * *

  Köln, am 9. October 1831.

Du siehst aus der Ueberschrift, daß der Rubicon überschritten ist.
Ich bin +diesseits+ des Rheins und kann jetzt nur noch +vorwärts+.
Stufenweise sollst Du stets etwas von mir hören, so wie ich in gleicher
Weise Nachrichten von dir erwarte.

So eben tritt Herr de B. zu mir ins Zimmer, um mir einen Besuch
zu machen und zu sagen, daß er mit seiner kleinen Frau (der
liebenswürdigen Mexikanerin -- der ersten die wohl je den Rhein
befahren -- und die wir, wie Du weißt, vor einigen Monaten zwischen
Mainz und hier auf dem Dampfboot trafen) auf der Rückkehr nach Mexico
begriffen sei, und sich in Falmouth einschiffen wolle. --

Wie doch in unserer Zeit Alles mit Riesenschritten voranschreitet!
Mexico, das noch vor 12 Jahren jeder andern Nation als der spanischen
fast gänzlich verschlossene Land, steht jetzt mit der ganzen Welt in
Verbindung und schließt davon nur (bis zu dereinstiger Anerkennung
seiner Unabhängigkeit) das ehemalige Mutterland, Alt-Spanien selbst,
aus. England, Frankreich und die Vereinigten Staaten von Nordamerika
haben eine regelmäßige monatliche Packetfahrt (England von Falmouth,
Frankreich von Bordeaux und Nordamerika von New-York aus) nach
Vera-Cruz in Gang gesetzt, und Deutschland unterhält einen sehr
lebhaften Verkehr mit den mexicanischen Häfen, von Hamburg und Bremen
aus. --

Es fehlt also jetzt nicht mehr an passenden Reisegelegenheiten nach
Mexico; ich aber habe, wie Du weißt, den Weg über Frankreich gewählt,
und reise morgen mit dem Frühesten über Aachen gen Bordeaux. -- S...,
der gleichzeitig mit mir von E... abgereist ist, geht über England, wir
werden nun sehen, wer von uns zuerst das Ziel erreicht.


  Paris, 23. October 1831.

Meine Reise vom Rhein hierher war eine ganz angenehme, und die
Behandlung an der belgischen und französischen Douane der Art, daß
sie mir meine gute Laune nicht verdarb. -- Paris selbst fand ich denn
noch immer das alte +Sodom+ und +Gomorrha+; und stets noch dasselbe
ungeheure Getriebe in den Straßen und an öffentlichen Orten! Doch ist
die Stadt in manchen Theilen und auf den Boulevards, seit ich zuletzt
hier war, sehr verschönert worden. -- Es giebt übrigens auch fast keine
große Stadt in Europa, wo nicht seit dem allgemeinen Frieden theils
das Innere, theils die Umgebung erheitert und verschönert worden wäre!
Der beste Beweis, daß den Völkern ein +friedlicher+ Zustand der Dinge
mehr zusagt und besser bekommt, als selbst der erfolgreichste +Krieg+,
-- und dennoch (wer sollte es glauben?) giebt es hier noch eine Menge
Unsinniger, die diesen herbei wünschen! -- Ich aber sage: der Himmel
erhalte uns den +Frieden+!

Durch die dir bekannte Gefälligkeit unseres Freundes R. war ich im
Stande manches schneller abzumachen, als ich ohne ihn gekonnt; dennoch
habe ich, da es mir auch hier an Geschäften nicht fehlte, gar vieles
ungesehen lassen müssen. Nach der Oper bin ich indessen doch einmal
gekommen, und sah dort zufällig ein seltenes Schauspiel, die beiden
+Ex-Souveräne+ nämlich, den Dei von Algier und Don Pedro von Brasilien,
in anstoßenden Logen! Letzterer ist ein hübscher, stattlicher Mann,
mit offener, intelligenter Physiognomie; er erschien in modischer
Civil-Kleidung, und sein ganzes Wesen bildete einen schneidenden
Contrast mit den maurischen Zügen des alten graubärtigen Deis, dessen
mit Brillen bewaffnete Augen mit sultanischem Wohlgefallen auf den
Pariser Opern-Tänzerinnen zu ruhen schienen. -- Des Deis Bruder,
gleich ihm in türkischer Tracht und Turban, aber während der ganzen
Vorstellung hinter ihm +stehend+, ist ein schöner, noch junger Mann.
-- Der dritte Exsouverain der neuesten Zeit, Carl X., war an +diesem+
Abend nicht in der Oper! --

Von unserm würdigen Gesandten, Herrn v. Werther, bin ich sehr gut
aufgenommen worden, und auch in merkantilischer Hinsicht habe ich
Ursache, mit meinem Pariser Aufenthalt zufrieden zu seyn; besonders
erfreut aber hat mich die Stunde, welche Herr v. Humboldt mir zu
widmen die Güte hatte, und in welcher ich, wie bei ihm stets der Fall,
sehr viel Interessantes vernommen habe. -- Mit unermüdeter, fast
beispielloser Geistesthätigkeit hat er in diesem Augenblick, trotz
seiner diplomatischen Verrichtungen, wieder Mehreres herausgegeben,
sowohl über seine Reise nach Asien, als auch über die merkantilische
Statistik von Cuba; von letzterem Werk hat er mir ein Exemplar verehrt,
was mich auf der Reise belehrend unterhalten wird. -- Auch hat er mich
mit Empfehlungs-Schreiben für Mexico versehen, und unter besseren
Auspicien, als denen +seines Namens+, kann ich in jenem Lande nicht
auftreten!

Ich reise nun heute Abend noch, in Gesellschaft des General-Lieutenants
v. P., nach Bordeaux, und schreibe dir von dort aus wieder. -- Lebe
wohl!


  Bordeaux, am 2. November 1831.

Auch bis hier war meine Reise eine glückliche und angenehme. Der Weg
von Paris hierher ist weit schöner, als jener von Belgiens Gränze
nach der Hauptstadt, und man muß sich auf letztern nicht beschränken,
wenn man ~la belle France~ sehen will. Die Ufer der Loire gewähren,
namentlich bei Blois und Tours, einen sehr reizenden Anblick; ersteres
erinnerte mich lebhaft an einige Punkte unseres schönen Neckars, in der
Nähe von Heidelberg. -- Die Stadt Poitiers, auf einer gleichsam einzeln
empor ragenden, steilen Anhöhe erbaut, hat eine höchst romantische,
jedoch kalte Lage. -- Der Anblick von Bordeaux aber, bei der Einfahrt
über die Garonne, ist wahrhaft prachtvoll zu nennen. Stadt, Hafen und
Quai haben etwas sehr Imposantes, und die erst seit kurzem vollendete,
steinerne Brücke über die Garonne, durch ihre Länge und Bauart in den
ersten Rang ähnlicher Werke gehörend, ist ein wahres Meisterstück der
Wasserbaukunst. In hohem Grade reizend ist die Ansicht, welche man von
dem Quai aus nach dem jenseitigen Ufer hat, besonders bei dem noch
immer, jedoch auch hier für diese Jahrszeit ausnahmsweise, schönen,
heiteren und milden Wetter.

Meine Freunde hier, die mich mit der zuvorkommendsten Güte empfangen
haben, bedauerten, daß ich nicht in Zeiten für das zuletzt von hier
nach Mexico gesegelte Packetboot gekommen, weil es das schönste und
bequemste sei, was in dieser Fahrt ist; ich bin jedoch mit dem, worauf
ich mich einschiffen werde und welches ich so eben gesehen habe,
vollkommen zufrieden. Es heißt l’Esteva, und wird von Capitain Beck,
einem, wie es heißt, sehr geschickten Seemann, befehligt.

Da ich mich in den letzten Tagen nicht ganz wohl befand, so habe ich
mir einen gewandten, schon öfter zur See gereisten Bedienten engagirt,
und fahre nun morgen den Fluß hinunter, von wo aus wir mit dem ersten
guten Winde unter Segel gehen werden.

Mit dem Lootsen, der an der Mündung des Flusses das Schiff verläßt,
sage ich Dir dann noch ein letztes Lebewohl von Europa aus! -- Bis
dahin Adieu!


  Am Bord des Esteva, den 10. Novbr. 1831,
  in der Gironde.

Als ich Dir zuletzt von Bordeaux aus schrieb, glaubte ich nicht Dir
+heute+ noch von diesseits des Meeres schreiben zu können! Indessen
-- der Mensch denkt’s, und Gott lenkt’s! Kaum waren wir nämlich in
Paulliac, einem kleinen Fischerort 6 Lieues abwärts von Bordeaux,
angelangt, als der gänzlich contrair gewordene Wind uns nöthigte, vor
Anker zu gehen, und ich mußte mich nun leider, -- nachdem ich meinen
Aufenthalt in Paris mehr als mir lieb war verkürzt hatte, um ja nicht
zu spät für’s Packet nach Bordeaux zu kommen, und diesen letztern Ort
verließ, ehe ich noch wieder ganz hergestellt war, -- acht Tage in
einem unbedeutenden Fischernest langweilen! Indessen, so wie alles sein
Ende erreicht, so gestatteten uns denn auch endlich Wind und Wetter
gestern Abend an Bord zu gehen, und machen jetzt so gute Miene, daß
wir Hoffnung hegen dürfen, eine schnelle Fahrt aus dem biscayischen
Meerbusen zu haben, was in dieser Jahreszeit häufig der beschwerlichste
und gefahrvollste Theil der Reise ist. Das, einige Wochen vor uns
gesegelte, schöne Packetboot, von dem ich Dir in meinem letzten sagte,
hat dies erfahren; es mußte, wie wir noch vor unserer Abreise von
Paulliac vernahmen, durch heftige Stürme und bedeutende Beschädigung
gezwungen, in den Hafen von +Brest+ einlaufen, um zu repariren, und
da dies viel Zeit erfordern wird, so sind die meisten der 72!!!
Passagiere, die sich am Bord befanden, nach Bordeaux zurückgekehrt,
um andere Reise-Gelegenheit zu suchen! -- Welch ein Glück also, daß
ich nicht der 73ste Passagier geworden bin; -- und doch beklagte ich
dies noch vor kurzem und meine Bordeauxer Freunde mit mir! So weiß der
kurzsichtige Mensch nie was ihn frommt! -- Ich fühle mich nun am Bord
unseres Schiffchens in recht behaglicher Stimmung und bin bereits ganz
einheimisch geworden. Meine Cajüte ist klein, aber bequem, und geräumig
genug, um darin lesen und schreiben zu können.

Die Cajüten auf diesem Schiffe sind nicht, wie in der Regel üblich, im
untern Raum, sondern auf dem Verdeck angebracht, was, da hierdurch ein
freier Luftzug bewirkt wird, für Reisen nach heißen Zonen sehr passend
ist; für jene nach nördlichen Ländern dürften jedoch die Cajüten
unter Deck vorzuziehen seyn. Wir sind in Allem neunzehn Passagiere,
worunter mehrere Damen; eine Wittwe mit zwei liebenswürdigen schon
erwachsenen Töchtern, welche versuchen will, die ihr in Europa untreu
gewordene Göttinn Fortuna in Mexico wieder zu erhaschen; sodann eine
verheirathete Dame, eine Genferin, die mit ihren beiden, allerliebsten
kleinen Mädchen von 11 und 13 Jahren zu ihrem bereits in Mexico
etablirten Gatten reist. -- Unser Capitain ist ein noch junger,
einnehmender und gebildeter Mann; es bedarf mithin zu einer angenehmen
Reise nur eines günstigen Windes, und dieser scheint sich, wie schon
gesagt, einstellen zu wollen. -- Haben wir nun eine schnelle Fahrt nach
Westindien, so darfst Du schon in ein paar Monaten Nachrichten von mir
erwarten, indem es mir wohl gelingen wird, dort auf einer der Inseln
Briefe nach Europa zur Post zu geben; bis dahin mußt Du Dich aber
gedulden, und mit mir hoffen, daß wir gegenseitig nicht allzulange ohne
Kunde von einander bleiben.

Diese Zeilen sind denn wirklich die letzten, die ich Dir aus diesem
Welttheil schreibe; ich gebe sie dem Lootsen mit, der uns in einer
halben Stunde verläßt!

Lebe wohl, recht wohl; ich umarme Dich und die Kinder.


  Am Bord des Esteva, den 17. Novbr. 1831.

Wir sind auf der Höhe der Azoren und mithin über die Gränzen Europas
hinaus. -- Der Unterschied der Temperatur ist auch schon merklich
fühlbar, aber höchst angenehm; denn ohne daß wir von Hitze litten,
haben wir z. B. grade heute am 17. Novbr. die Luftwärme eines schönen,
nicht zu heißen Sommertages am Rhein, und gerne tränken wir daher den
Caffee im Garten, wenn nur einer zur Hand wäre! Das könnte nun zwar
morgen oder übermorgen der Fall werden, wo wir Madeira zu erreichen
hoffen, und ich habe daher auch wohl schon gewünscht, daß wir an etwas
Mangel leiden möchten, was uns nöthigte, auf jener paradiesischen Insel
zu landen; aber wir sind leider (?) zu gut mit Allem versehen, um
deshalb irgendwo einlaufen zu müssen. Wir werden mithin Madeira blos
vorbeisegeln, und höchstens die Umrisse der blauen Berge am Horizont
bewundern können, mit dem Lande aber warten müssen, bis wir nach
Westindien kommen.

Es ist übrigens doch eine ziemlich ennüyante Parthie um eine längere
Seereise, besonders für einen, an unausgesetzte Thätigkeit gewöhnten,
Geschäftsmann! -- Sind auch die Reisen zu Lande häufig ermüdender und
beschwerlicher, als die zur See, so kömmt man dagegen auf erstern doch
auch hin und wieder an Punkte, wo man sich geistig und körperlich
erfrischen und erholen kann; aber auf dem Meer gleicht ein Tag dem
andern, man ißt und trinkt und schläft und staunt Himmel und Wasser an.
Nur Sturm und schlechtes Wetter bringen eine Abwechselung hervor; doch
eine solche wünscht man sich eben nicht.


  Am 24. November.

Es gibt doch in der That nichts Unsichereres und Trügerischeres als
Wasser, Wind und Wetter! -- So glaubten wir z. B. mit Zuversicht,
ehegestern, im 31sten Grad der Breite, die für die Fahrt nach
Westindien so günstigen Passatwinde zu erhaschen, als uns auf einmal
ein Sturm aus Südwesten zu fassen kriegte, das Schiff aus seinem
Cours heraus nach der afrikanischen Küste trieb, und uns namentlich
gestern Nacht mit vielem Unheil bedrohte; “denn die Elemente hassen
das Gebild von Menschenhand.” -- Es war ein erhabenes, aber auch
zugleich furchtbares Schauspiel, dieser 24stündige Riesenkampf mit den
empörten Elementen, gegen welche die Kraft des Menschen nichts, seine
Gewandtheit dagegen oft alles vermag! Diese sollte denn auch diesmal
siegen, und wir blieben Gottlob unversehrt.

Unbeschreiblich groß und schön war der Anblick der sich auf allen
Seiten um uns her aufthürmenden, tobenden Wassermassen; aber so, und
von diesem Standpunkt aus, wünsche ich Aehnliches doch nicht wieder zu
sehen! Heute hat sich nun alles wieder zum Guten gewendet, das Wetter
ist schön und der Wind passabel günstig; nur sind wir leider weit
südlicher gekommen, als wir sollten, und müssen jetzt viel verlornen
Weg nachholen.

Wenn ich Dir übrigens eben von der +afrikanischen+ Küste sprach, so
mußt Du nicht glauben, daß wir dort von übergroßer Hitze gelitten
hätten; im Gegentheil, Luft und Winde waren kalt, und man konnte und
kann noch Ueberrock und Mantel vertragen.


  Am 2. December.

Gestern passirten wir die tropische Linie des Krebses, und es ist doch
nun endlich so heiß geworden, daß ich zu der Sommerkleidung meine
Zuflucht nehmen mußte. Unter dem Aequator mag freilich die Hitze noch
größer seyn, als hier unter dem Wendekreis. Bei dem Durchgang des einen
sowohl wie des andern ist es übrigens, wie Du wissen wirst, allgemeine
Sitte der Matrosen, jeden Reisenden, der die Fahrt zum erstenmale
macht, einer sogenannten Taufe zu unterwerfen. Diese Ceremonie, welche
zur großen Belustigung des jüngeren Theils der Passagiere heute
stattfand, will ich Dir nunmehr, wenn auch nur um +der Kleinen+ willen,
wenigstens in großen Zügen beschreiben; es wird sie jedenfalls amüsiren.

Als wir nämlich gestern bei Tische saßen, und eben die tropische Linie
durch waren, hörten wir aus den obersten Segeln den Himmelsfürsten
+Tropique+ mit lauter und rauher Stimme uns begrüßen, und gleich
darauf kam ein mit der Peitsche knallender Courier, auf einem recht
scheußlichen Seepferd (ein Matrose auf dem Rücken eines andern) in die
Cajüte geritten, und brachte von dem besagten Prinzen Tropique ein
Schreiben an den Capitain, worin er ihn in seiner Zone willkommen hieß,
und guten Wind versprach, wenn er ihm die noch nicht hier gewesenen
Passagiere morgen zur Taufe ausliefern wolle. Auf das Versprechen, dies
zu thun, kam nun heute der uralte Himmelsfürst mit seiner jungen Frau,
in Begleitung von Neptun und mehreren Dämonen der Unter- und Oberwelt,
unter lautem Getöse angezogen, um bei der Taufe zu präsidiren.

Das Personal dieser grotesken Maskerade und der Gens-d’armerie, welche
bekanntlich bei keinem französischen Spektakelstück fehlen darf, nebst
dem Seepferd und Priester und Meßner, wurden natürlich durch theils
verkleidete, theils entkleidete Matrosen dargestellt, welche letztere
sich mit Theer bestrichen und mit Federn und Werg beklebt hatten, um
ihren über- und unterirdischen Rollen gebührend zu entsprechen.

Die Feier der Taufe selbst ward nun in einer aus Flaggen und Segeltuch
zierlich errichteten Capelle, durch Priester und Meßner, auf eine
bizarre, mitunter ganz belustigende Weise, an allen Passagieren
vorgenommen, von denen sich keine besser dabei benahmen, als die schon
erwähnten, niedlichen Genfer Mädchen von 11 und 13 Jahren.

Die meiste Belustigung erregte einer der Dämonen, (ein nackter mit
Theer beschmierter und in bunte Federn gerollter Matrose) der beständig
um die Capelle herum sprang und hineinzudringen suchte, um die Taufe zu
stören, dabei aber von dem Wache stehenden Neptun mit dem Dreizack oft
sehr derbe und fühlbar zurückgejagt ward.

Nach beendigter Tauf-Ceremonie trat der, bei 28° Hitze über die große
+Kälte+ hienieden klagende Fürst Tropique, mit Taufgeschenken gehörig
versehen, die Rückreise nach den höheren Regionen an. Die Capelle ward
von den Matrosen demolirt, und der Spaß, welcher das Monotone einer
Seefahrt, während eines halben Tages ganz angenehm unterbrach, hatte
ein Ende.


  Am 10. December.

Wir begegnen jetzt täglich schwimmenden Massen von Seegras, die schon
dem +Columbus+ eine willkommene Andeutung der Nähe des Landes waren,
und hoffen, in wenigen Tagen +Hayti+ zu erspähen. -- Herzlich will ich
mich des erquickenden Anblicks erfreuen, denn man wird es nachgerade
müde, nichts als Himmel und Wasser zu sehen. Wenn mich indessen auch
die Langeweile dann und wann etwas plagt, so befinde ich mich doch in
jeder andern Hinsicht ganz wohl, und damit Du siehst, daß mir am Bord
des Esteva an materiellen Bedürfnissen nichts abgeht, will ich Dir eine
Beschreibung unserer Tages-Eintheilung geben, um so mehr als es ohnehin
unverzeihlich seyn würde, einer braven Hausfrau gar nichts von Küche
und Keller zu erzählen, die doch im Leben (zu Land wie zu Wasser) eine
so wesentliche Rolle spielen. So höre denn. Bei der hier stattfindenden
Tag-und Nacht-Gleiche, (Abends um 6 wird’s dunkel, Morgens um 6 geht
die Sonne auf) bekommt man gegen 7 Uhr Morgens, nach Verlangen:
Thee, Caffee oder Chocolade, -- versteht sich alles ohne Milch. Um 9
Uhr wird ein Gabelfrühstück aufgetragen, bestehend aus einer Tasse
Bouillon, Eierkuchen, Coteletten, Schinken u. dergl., nebst Erdäpfeln
und sonst einem Gemüse, wobei denn jeder so viel Wein, oder Wein und
Wasser trinkt, als ihm beliebt. Um 1 Uhr wird dem etwa Hungrigen ein
Imbiß, nebst einem Glas Bouteillenbier, gereicht; um 4 Uhr speist man
zu Mittag und es werden dabei folgende Gerichte aufgetragen: gute
Bouillon mit Reis oder Nudeln, Rind- oder Kalbfleisch, auch wohl
Hammelbraten; sodann, und zwar täglich, gekochte oder gebratene Hühner,
zur Abwechslung auch Enten oder Kalkuten; Gemüse jeder Art, und zweimal
in der Woche Torten und kleine Pasteten; schließlich Butter und Käse,
etwas Dessert, Caffee und Liqueur; und dabei rother Wein nach Lust und
Belieben. -- Zum Beschluß des Tages endlich wird jedem, der es wünscht,
am Abend ein Glas Wein, Wasser und Zucker, Himbeersaft oder dergl.
gereicht, und Du wirst somit gestehen, daß man sich am Bord des Esteva
wenigstens über die Kost nicht zu beklagen hat, und daß sie jener auf
den englischen Packetbooten, die Du ja aus früherer Erfahrung kennst,
vorzuziehen ist; was +Dir+ insbesondere aber noch mehr als Vorzug
erscheinen würde, ist der Umstand, daß man aus den französischen
Packeten nur Holz und keine Steinkohlen brennt, deren Geruch und
Dampf die Neigung zur Seekrankheit so leicht erregt, und Dir oft so
unangenehm war.


  Am 14. December.

Endlich! und zwar in genauer Uebereinstimmung mit der Berechnung
unseres sachkundigen Capitains, sahen wir gestern Mittag Punkt 1 Uhr
das Cap Samana auf +Hayti+. Wir genossen bis spät in die schöne,
warme, mondhelle Nacht das herrlichste Schauspiel, indem wir uns den
malerisch schönen Ufern dieser prachtvollen Insel immer mehr näherten,
deren gebirgiger Umriß sich am reinen Firmament in erhabener und
mannichfaltiger Gestaltung erhob.

Heute war ich mit Sonnenaufgang wieder auf dem Verdeck, um mich
auf’s Neue an dem schönen, so lang entbehrten Anblick des Landes zu
laben; wir sind nunmehr dem Ufer so nahe, daß wir Alles deutlich
unterscheiden, und unsere Augen weiden können an den üppig bewachsenen
Bergen, den schönen grünen Hügeln und den am Fuß derselben gelegenen,
freundlichen Dörfern und Pflanzungen. -- Einzelne Berggruppen
erinnerten mich lebhaft an unser schönes Siebengebirge bei Bonn, nur
mit dem Unterschied, daß die hiesigen Gruppen nun schon 30 deutsche
Meilen lang anhalten und noch nicht zu Ende sind.

Diese Augenweide, der balsamische Landgeruch, den uns ein leichter
Zephyr von der so nahen Küste herüber weht, und die über alle
Beschreibung schönen, nur unter einem tropischen Himmel zu erlebenden,
warmen, mondhellen Nächte, haben einen Eindruck auf mich gemacht,
der sich wohl nur mit dem Leben verwischen wird. Wahrlich, hier wird
es einem nicht schwer, das Entzücken zu begreifen, welches Columbus
empfinden mußte, als er sein gefahrvolles und rastloses Streben durch
die Entdeckung dieser schönen Insel belohnt sah. Es war aber gerade
in derselben Bucht, in welcher ich morgen den Fuß ans Land zu setzen
hoffe, wo Columbus zuerst auf Hayti landete. Diese Bucht, die er den
Hafen von +St. Nicolas+ nannte, gehört zu den wenigen Orten, welche
bis auf diesen Tag den Namen tragen, den er ihnen bei der Entdeckung
beilegte. -- Wir aber sollen daselbst Frankreichs Correspondenz mit
Westindien abliefern, und da mir der Capitain erlaubt hat, mit den
Depeschen ans Land zu gehen, so benutze ich diese Gelegenheit, um Dir
das bisher für Dich Niedergeschriebene via Nordamerika zuzusenden, und
Dir Nachrichten von mir zu geben, welche Du auf diese Weise um einige
Monate früher erhältst, als wenn ich damit bis zu unserer Ankunft in
Vera-Cruz warten wollte! Wir haben noch einen weiten Weg dahin, und
wer weiß, was uns auf demselben noch bevorsteht! Ich falte daher alles
Fertige zusammen, und gebe es morgen in St. Nicolas zur Post.

Leb wohl, tausendmal wohl!




Zwei Stunden auf Hayti.


Am 15. December 1831, Morgens 9 Uhr, erreichten wir den Hafen der Insel
Hayti, ~St. Nicholas au mole~ genannt. Der Lieutenant und ich gingen
ans Land, um Briefe und Depeschen für Portauprince dort abzugeben;
und so war ich denn endlich auf der Insel, mit welcher ich früher in
so enger Verbindung gestanden, und konnte Manches von dem in der Nähe
sehen, was mir freilich schon oft von Augenzeugen geschildert worden
war. Die Scene war originell in hohem Grade; ich will versuchen ein
Bild davon zu entwerfen.

Als wir mit dem Boot in die Bucht ruderten, gewahrten wir auf beiden
Seiten Batterien, welche den Eingang vertheidigen, und bei Ansicht
der französischen Flagge, die wir führten, die haytische, blau und
roth in parallelen Streifen, aufzogen. Wir wollten in der Nähe des
Regierungs-Gebäudes landen, wurden aber von zwei Soldaten und einem
Offizier, die man uns entgegen sandte, bedeutet, daß wir tiefer in
den Hafen fahren und an der Douane landen müßten. Der Anblick von
schwarzen Männern, in europäischer Uniform von Tuch, blau und roth mit
weißen ledernen Bandeliers, schlechten Flinten und Säbeln, Tschako’s,
Pantalons ~ad libitum~ und nackten Füßen, erschien mir, ich gestehe es,
eigen und komisch genug. Zur Ehre des haytischen Militairs sei jedoch
hier gesagt, daß der Offizier nicht barfuß ging, sondern Schuhe an den
Füßen und einen großen dreieckigen Sturmhut mit Cokarde auf dem Kopfe
trug.

Der erhaltenen Weisung gemäß, stiegen wir bei der Douane ans Land; auch
hier waren die Menschen, welche wir zu Gesicht bekamen, schwarz und mit
stark afrikanischen Zügen bezeichnet; sie haben nämlich platte, breite
Nasen, hohe Backenknochen und dick aufgeworfene Lippen. Die Zähne der
jüngeren Personen sind weiß, ohne blendend weiß zu seyn, und mehr stark
als schön.

Der Director an der Douane war ein junger, sowohl von Wuchs wie von
Gesichtszügen schöner Mann, und würde gewiß bei unsern Damen, trotz
seiner schwarzen Farbe, Glück gemacht haben. Er sprach ein angenehmes
und richtiges Französisch und schien unterrichtet; meine Fragen in
Betreff der Bevölkerung des Städtchens, das er mit Wohlgefälligkeit
eine +Stadt+ nannte, beantwortete er mir ausweichend; wahrscheinlich um
nicht in Widerspruch mit seiner Benennung des Orts zu gerathen.

Der Postsecretair, dem wir unsere Briefe und Depeschen gegen eine
Bescheinigung zu übergeben hatten, war ein Mulatte und sprach und
schrieb gut französisch; der Obrist, der auf geschehene Meldung uns
auf der Hauptwache besuchte, war ein Neger, zwar wie es schien, noch
jung, aber ohne körperliche Energie; er klagte über zu große Hitze
(es war der 15. Decbr.) und ich konnte ihm nur Recht geben, denn ich
litt selbst davon. Dies gab Gelegenheit von der natürlich noch weit
größeren Hitze des Sommers und ihren Wirkungen zu sprechen; der Obrist
schilderte sie als extrem und versicherte, daß nicht allein an der
Küste, sondern auch im Innern des Landes, die Sommerhitze hinraffende
Climafieber erzeuge, und daß alsdann die Eingebornen, eben so wenig wie
Ausländer, sich ungestraft der Sonne zu sehr aussetzen dürften; jetzt,
wo die Sonnenstrahlen die Insel nur in schiefer Richtung berührten,
ginge es noch an, aber im Sommer, wo sie senkrecht fielen, sei die
Hitze oft unerträglich.

Das Französische des Herrn Obristen war nicht das reinste, und er
schien sich besser auf sein Creolisch, (ein corruptes Französisch,
welches sich auf den Inseln nach und nach zu einem förmlichen Patois
gebildet hat, und von den Einwohnern allgemein gesprochen wird,)
zu verstehen. Von den europäischen Angelegenheiten war er nicht
ununterrichtet, bedauerte die Polen, ~qui avaient si bien assisté la
France autrefois~, und fällte ein richtiges Urtheil über die belgischen
Angelegenheiten: ~ce pays n’ayant maintenant plus la même importance
qu’auparavant~ u. s. w. -- Im Ganzen genommen machte jedoch die
Unterhaltung mit dem Obristen nicht den angenehmen Eindruck auf mich,
wie jene mit dem Director der Douane.

Der General, der Anfangs auch auf die Hauptsache zu uns kommen wollte,
ließ der großen Hitze wegen absagen, was ich bedauerte, da ich ihn
gern gesprochen hätte; wären wir, des für die Hauptreise günstigen
Windes wegen, nicht so sehr eilig gewesen, so würde ich dem General
meine Aufwartung gemacht haben. Bei Gelegenheit der Meldung vom General
ermangelte der Herr Obrist nicht seine Autorität dadurch kund zu thun,
daß er der Ordonnanz in meiner Gegenwart einen derben Verweis, wegen
des Tragens eines Kopftuchs unter dem Tschako, ertheilte.

Da wir etwas Erfrischung für das Schiff mitzunehmen beabsichtigten, so
frugen wir den Obrist, ob und wo diese wohl in der Stadt zu haben wäre,
worauf er uns erwiderte, daß wenn man uns früher heransegeln gesehen
hätte, ohne Zweifel und wie üblich, alle Arten von Erfrischungen aus
der Nachbarschaft vom Lande herbeigebracht worden wären; so aber sei
es zweifelhaft, ob wir fänden, was wir suchten; er wolle jedoch den
Capitain mit uns schicken, um uns die Wohnung des Schlächters u. s. w.
zu zeigen! Dieß gibt den Maßstab des Verhältnisses zwischen Militair
und Bürgern auf Hayti! Der Capitain übernahm den Auftrag sehr gern; wir
fanden bei dem Schlächter, dem einzigen des Orts, frisches Rindfleisch,
und kauften dessen ein gutes Viertheil.

Die recht hübsche, junge und muntere Frau des Schlächters hatte ein
drei Wochen altes Kind im Schooße liegen, welches, mit Ausnahme des
Kopfes, mir viel kleiner schien, als Kinder gleichen Alters bei uns;
ich hatte nachher Gelegenheit diese Bemerkungen an mehreren neugebornen
Kindern, die man den Kommenden und Gehenden in den überall offenen
Wohnungen nirgends verbirgt, zu machen; wenn sodann diese Kinder
heranwachsen, so haben sie bis zum 14ten oder 15ten Jahre einen sehr
dicken, hervorstehenden Leib und sehr dünne Beine, auf welchen sie
indessen ganz lustig einherhüpfen, und weder ihren nackten Körper
durch Bekleidung oder Kopfbedeckung gegen die Sonne, noch ihre bloßen
Füße gegen den brennenden Boden zu schützen versuchen.

Es schien dem oberwähnten Herrn Obristen zu gefallen, daß ich einen
solchen kleinen, nackten Homunculus zu mir rief, auf den Schooß nahm,
ihn um seinen Namen befragte und liebkos’te; es ging mir aber ganz
von Herzen, denn das schwarze Kind lächelte mich so freundlich an mit
seinen milchweißen Augen und elfenbeinernen Zähnen, daß ich mich sehr
zu ihm hingezogen fühlte.

Ich sah nachher noch viele, recht hübsche Kinder, beiderlei
Geschlechts, worunter mir besonders ein Knabe von etwa 13 Jahren, für
dieses Alter recht groß und stark, durch sein intelligentes, offenes
Gesicht, gefiel. Er war der Sohn eines wohlhabenden Mannes, bereits
in einer Erziehungsanstalt in Portauprince gewesen, und sollte zur
Vollendung seiner Studien wieder dahin zurück. Wäre ich auf der
Rückreise nach Europa gewesen, ich hätte darauf angetragen, ihn mir
dahin mitzugeben, und der Vater würde wahrscheinlich darauf eingegangen
seyn, denn er legte großen Werth auf die Erziehung seiner Kinder. Daß
dieser Jüngling und seine sechs Geschwister, bis auf die jüngsten von
wenigen Jahren, die bloß ein schneeweißes Hemd übergeworfen hatten,
sehr ordentlich gekleidet gingen, versteht sich von selbst.

Der Vater, der wie alle Einwohner, die es vermögen, eine Boutique
hielt, ein noch junger Mann, erzählte mit Wohlgefallen, daß er sieben
Kinder habe, die denn auch alle um uns herumstanden, aber seine Frau,
die vor uns saß, zeigte auf ihren hochschwangern Leib und fügte hinzu:
~et voici le huitième~. Da Mann und Frau nicht von einer Gesichtsfarbe
waren, er schwarz und sie dunkelbraun, so fand ein großer Unterschied
unter den Kindern statt; sie waren theils mulatten-, theils negerartig.

Man kann überhaupt keine mannichfaltigere Abstufung der Gesichtsfarben
sehen, als auf Hayti. Mulatten, die fast weiß sind, braun und
olivenfarb in allen Nüancen, und ganz schwarz. Diese letztere Hautfarbe
gefällt mir nach der weißen am besten, und erscheint dem Auge am
reinlichsten. Nicht minder als die Hautfarbe, weichen die Gesichtszüge
von einander ab, und man erkennt deutlich die große Verschiedenheit
der afrikanischen Völkerschaften, welche die frühere Sclaveneinfuhr
auf diese Insel verpflanzt hat. Der Schnurrbart, den die Militärs, wie
es scheint, gern tragen, steht einigen schwarzen Gesichtern gar nicht
übel, andern desto schlechter. Den älteren Leuten ergrauen wie bei
uns Haupt- und Barthaare, was gegen die schwarze Hautfarbe unangenehm
absticht.

Unter den Weibern sah ich mehrere hübsche Figuren. Alle +jüngeren+
haben einen vollen Busen; bei den +älteren+ ist das Gegentheil der
Fall, und diese scheinen überhaupt sehr häßlich zu werden. Die
Haltung des Körpers bei den jüngeren Weibern ist sehr gerade, und
hat in dieser Hinsicht einige Grazie; desto mehr fehlt ihnen diese
im Anzug, den sie trotz ihrer Putzsucht äußerst nachlässig um den
Körper hängen haben, so daß die Schultern entblößt sind, ungefähr
wie heutigen Tages bei unsern jungen Schönen auf den Bällen, beides
wohl Folge der allzu großen Hitze, zu welcher sich, freilich nur auf
Hayti, die einfachere Bekleidung unserer Mutter Eva (versteht sich nach
der Apfel-Katastrophe) weit besser passen würde, als die ~robes~ von
englischen, gedruckten Callicos oder weißen Musselinen! Die Kopftücher,
die hier ~à la française~ getragen werden, kleiden gut und geben den
Weibern ein reinliches Ansehen. Ueberhaupt scheint Reinlichkeit, des
Körpers sowohl wie der Häuser u. s. w. in hohem Grade bei diesen
Leutchen zu herrschen, und ich könnte im lieben Vaterland gar manchen
Ort nennen, der sich in dieser Hinsicht mit St. Nicholas auf Hayti
nicht vergleichen kann.

Die ärmeren Weiber, die uns Früchte, Fische u. dgl. zum Verkauf
brachten, trugen schneeweiße Hemden, und obgleich diese zum Theil sehr
zerrissen waren, so stach die schwarze Hautfarbe darunter doch minder
unangenehm hervor, als es unter ähnlichen Umständen die, leider nur
allzu oft schmutzige, Hautfarbe einer zerlumpten, deutschen Bauerfrau
gethan haben würde.

Die Männer sind einfacher, und deshalb fürs Auge angenehmer gekleidet;
auf dem Kopf das bekannte ~mouchoir~, leichte baumwollene Jacke
und Pantalons, bilden den gewöhnlichen Anzug; einige Wohlhabendere
tragen tuchene Jacken und graue Hüte, und kleiden sich überhaupt mehr
europäisch, welche Eitelkeit sie denn durch vermehrten Schweiß gehörig
abbüßen müssen.

Der Charakter dieses Völkchens scheint sehr gutmüthig, und der
Empfang, der uns überall und ohne Ausnahme zu Theil ward, konnte nicht
freundlicher seyn; auch waren die Preise, welche man uns für die
verschiedenen Früchte, wie Orangen, Ananas, Bananen, Kokosnüsse u.
dgl., ferner Fische, Fleisch u. s. w. abforderte, obgleich man sah und
wußte, daß wir die Dinge haben mußten, keineswegs übertrieben, und auch
hierin dürfte ein Vergleich mit manchem europäischen kleinen Hafen zu
Gunsten des haytischen ausfallen. Etwas träge scheint das Volk zu seyn;
wie wäre dies aber auch unter einem solchen Himmelsstrich anders zu
erwarten? und wer will es Menschen unter der tropischen Zone verargen,
wenn sie ungezwungen nur so viel arbeiten, als zu einer bequemen,
alle +ihre+ Bedürfnisse befriedigenden Existenz erforderlich ist. Die
Bevölkerung der Insel im Allgemeinen kann indessen unmöglich ohne
einen ziemlich hohen Grad von landwirthschaftlicher Industrie seyn, da
sie jährlich circa 40 Millionen Pfund Kaffee liefert, und diesen gegen
Waaren, europäischen und nordamerikanischen Ursprungs, austauscht und
ausführt.

Diesen direkten Handel betreiben jedoch nur die größeren Häfen der
Insel, wie Portauprince, Cap Français, Jacqmel u. s. w. St. Nicholas
hat daran keinen Theil; es verkehrt nur mit Portauprince, bezieht
von daher die europäischen Manufacturwaaren, die es an die in seiner
Nähe gelegenen Pflanzer gegen Kaffee absetzt, und diesen sodann nach
Portauprince als Zahlung sendet.

Bei Gelegenheit dieser Erläuterungen erfuhr ich mit großem Interesse,
daß in der Nähe von St. Nicholas noch die Rudera einer +deutschen+
Kolonie, etwa 80 Menschen, existirten, welche sich als fleißige
Pflanzer auszeichnen und für die Kaufleute zu St. Nicholas gute Kunden
sind. Es waren hier früher viele, welche das französische Gouvernement
vor der ersten Revolution dahin gesandt hatte, und die sich, wie mir
versichert worden, ganz wohl befanden. Der berüchtigte +Christoph+
hatte sie aber als Nichtneger zu vertilgen gesucht; das jetzt noch
vorhandene, kleine Häufchen ist seiner Wuth entgangen, und von der
nunmehrigen Republik entschädigt und in ihr Eigenthum wieder eingesetzt
worden. Sehr habe ich bedauert, diese kleine Kolonie, trotz ihrer
Nähe, aus Mangel an Zeit -- nicht besuchen zu können; sie wird von den
Einwohnern von St. Nicholas noch immer als eine deutsche Niederlassung
bezeichnet, mischt sich jedoch natürlich jedes Jahr mehr mit den
Eingebornen des Landes, und wird sich mithin diesen, sowohl in Farbe
als in Charakter und Sitten, welche letzteren von den deutschen wo
möglich noch mehr abweichen als die erstere, immer mehr nähern.

Vieles, was theils Convenienz, theils eine höhere Erkenntniß des
wahrhaft Schönen und Edlen aus unserer Unterhaltung und unserm Betragen
verbannt, ist bei jenen zwanglosen Kindern der Natur nicht im Mindesten
anstößig, und eine Unterhaltung, bei welcher unsere Schönen sich die
Ohren verstopfen, oder wohl gar in Ohnmacht fallen würden, verletzt
dort kein jungfräuliches Ohr; und dennoch soll häusliches Glück und
eheliche Treue auf Hayti sehr heimisch seyn.

Der Gebrauch ungebundener Rede und der freiere Umgang zwischen beiden
Geschlechtern dürfte mithin auch weit weniger zu beklagen seyn, als der
Mangel an Ausbildung durch eine sorgfältigere Erziehung und belehrenden
Unterricht. Dieser Mangel erzeugt eine Leerheit, die bei einer übrigens
großen Lebendigkeit natürlich zu trivialer Unterhaltung und Geschmack
an kindischem, nichts sagendem Wesen führen muß und geführt hat. Daß
es übrigens weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht an
gehörigem Indicium fehlt, geht daraus hervor, daß fast jedes Haus eine
Boutique hat, welche meist von dem weiblichen Theil der Familie besorgt
und wahrgenommen wird.

Daß diese Boutiquen fast alle, nach nordamerikanischer Art (~Stores~
genannt) +Alles+, d. h. von einem Glas Schnaps bis zum feinsten
Mußlin, zum Kauf ausbieten, wird niemand überraschen, der von
Colonialverhältnissen schon hat reden hören; als besondere Bemerkung
gilt jedoch hier, daß der größte Verkehr dieser ~marchandes~ in
englischen Baumwollenwaaren stattfindet, und es gewährte mir vielen
Spaß, in fast jedem Hause meine alten Bekannten, die Ginga’s, Sirsakaß,
~mouchoirs~ u. s. w. zum Verkaufe aufgeboten zu sehen. Auf meine
Fragen über diesen Manufacturwaarenhandel, gewahrte ich überall
eine entschiedene Vorliebe für Waaren englischen Ursprungs; Folge
der während des ganzen Continentalkrieges ausschließlichen Zufuhr
englischer Waaren. Auch trägt man auf Hayti fast nur baumwollene
Stoffe, weniger Leinen und fast gar keine Seide.

Diese kleine Hafenstadt liegt am Fuße eines Gebirges, welches sich der
ganzen Küste entlang hinzieht, und dem an der Insel vorüber Segelnden
den Anblick des Binnenlandes verbirgt.

Das kleine Thal von St. Nicholas ist sehr eng, und die Hitze würde
daher fast unerträglich seyn, wenn die Luft nicht durch das so nah
gelegene Meer etwas abgekühlt würde. Die Häuser sind, mit sehr wenigen
Ausnahmen, alle von Holz und einstöckig; sie haben einen Vorbau des
Daches, der auf Pfeilern ruht und zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen
dient; sie sind mit hölzernen Schindeln gedeckt, die von Nordamerika
nebst vielem Bauholz zugeführt werden. Da in Westindien häufig Stürme
(Orkane) wüthen, die diese Häuser umreißen und die Dächer nach allen
Richtungen hinwehen, so ist dieser Holzhandel zwischen den vereinigten
Staaten von Nordamerika und den Inseln sehr beträchtlich. Die Straßen
fand ich breit und in gerader Linie gezogen, aber nicht gepflastert;
man scheint ursprünglich auf einen nunmehr ab- und festgetretenen Rasen
gebaut zu haben. Die Häuser stehen weit auseinander, und haben fast
alle ein kleines Gärtchen hinter dem gleichfalls sehr kleinen Hofe.

Die Abtheilungen oder Zimmer in den Häusern sind geräumig, und da sie
bis an das schräglaufende, nur leicht mit Schindeln bedeckte Dach
reichen, hoch und luftig. Glasfenster hat man hier deshalb nicht, weil
sie die Hitze vermehren würden; so lange es Tag ist, läßt man gern mit
dem Lichte auch die Luft herein, und wird es Nacht, so thun hölzerne
Jalousieläden bessere Dienste, als Glasfenster, wenn man die Oeffnungen
überhaupt schließen will in den schönen, mondhellen Nächten, welche
in diesem Himmelsstriche einen so zauberischen Reiz haben, daß ihn
ein Nordländer aus Erfahrung kennen lernen muß, um ihn zu begreifen.
Nichts gleicht dem Glanz der Gestirne in diesem heitern Aether, und der
Mond strahlt ein so sanftes Licht hernieder, als wolle er besänftigen
und heilen, was die sengende Sonne am Tage verletzte. In dem Bau
sowohl, wie in der Einrichtung und Eintheilung der Häuser herrscht
kein übler Geschmack; ich bin in dem Ansprachzimmer eines Boutiquiers
gewesen, das an verhältnismäßiger Eleganz nichts zu wünschen übrig
ließ; auf der einen Seite war sodann das Magazin und auf der andern
die Schlafzimmer, worin ich die schönsten Betten, mit weißem Mußlin
geziert, auf eleganten, vierpföstigen Mahagonibettstellen (welche
gleichfalls von Nordamerika bezogen werden) aufgeschlagen fand. -- Zu
verwundern ist, daß die Bewohner eines so heißen Landes die luxuriöse
Natur ihres Bodens nicht mehr benutzen, um dem großen Bedürfniß des
Schutzes gegen die brennenden Sonnenstrahlen dadurch abzuhelfen, daß
sie, nach holländischer Sitte, eine Reihe Schatten gewährender Bäume
vor ihre Häuser pflanzen; eine solche, in heißen Ländern so besonders
wohlthätige, Sitte würde auf Hayti bei dem ersten Vorbild um so mehr
Nachahmer finden müssen, als es mit so wenig Mühe geschehen und ohne
alle Sorgfalt erhalten werden kann; denn der üppige Boden bringt
alles hervor, was die vegetabilische Natur Schönes in ihrem Schooße
zu bilden vermag. So wie man landet, sieht man den schönen Kokosbaum
hervorragen mit seinen palmenartigen Zweigen, den in seinen Blättern
ihm ähnlichen Bananenbaum, den Feigenbaum, Zitronen, Orangen aller Art,
Zuckerrohr, Kaffee, Taback und hundert andere, minder ausgezeichnete
Pflanzen und Gewächse. Wer nun aber hofft, diese in einiger Ordnung
und mit Geschmack der Anlage in den Gärtchen der Einwohner zu finden,
würde sich sehr irren; sie stehen in diesen allen untereinander wie
Unkraut, und werden nur geschätzt, sofern sie Nahrung geben, oder einen
Gegenstand des Handels bilden. Der Sinn für Gartenanlagen scheint den
Bewohnern von St. Nicholas zu mangeln, und doch sind sie nicht ganz
unempfindlich gegen die Schönheiten der Pflanzen-Natur, denn man rühmte
mir mit Wärme die schöne Blüthe, welche die eine oder die andere Frucht
vor der Reife treibe, und freuete sich der vortrefflichen Limonade,
welche die verschiedenen Orangen bei der Mischung mit ihrem guten
klaren Wasser hervorbringe, welches letztere ich durch mehrere Versuche
vollkommen bestätigt fand.

Die schönste Blume, welche ich auf Hayti gesehen, wächst auf einem
hohen Baume, dessen Name mir aber entfallen ist; man schnitt mir mit
der größten Bereitwilligkeit alles ab, was an Blumen auf dem Baume war,
und dankte freundlichst für das Frankenstück, welches ich dem netten,
schwarzen Mädchen dafür gab.

Von vierfüßigen Thieren sah ich mittelgroße Kühe, schöne Esel, kleine
Pferde und, in den Höfen angebunden, auch Schweine. Hunde und Katzen
bemerkte ich nicht; eben so wenig wildes Geflügel, auch keine zahme
Tauben; dagegen Hühner die Menge, und hier und da Gänse von etwas
schwererer Art, als die unsrigen. Von fliegenden Fischen gab es im
Hafen ganze Heerden, und an andern Fischen für die Tafel war kein
Mangel; wir kauften deren von verschiedenen Sorten.

Gern hätte ich meine Untersuchungen fortgesetzt, und meine Wißbegierde
durch noch tausend Fragen befriedigt, aber wir mußten leider nach
zweistündigem Aufenthalt wieder zu Schiff, und somit kann ich eine
Fortsetzung nur dann liefern, wenn mich der Zufall wieder einmal nach
Hayti führt, und dann hoffentlich auf mehr als +zwei Stunden+!


  Am Bord des Esteva, den 19. Dec. 1831.

Auf Hayti wäre ich denn nun gewesen! Es war mir sehr interessant und
ich habe, wie Du siehst, manches darüber niedergeschrieben. Die etwas
lange Erzählung trägt das Gepräge der Muße einer Seereise; wollte ich
jeden zweistündigen Abschnitt meiner Landreise so breit beschreiben,
so würde ich ganze Folianten damit füllen, wozu mir hoffentlich Lust
und Zeit fehlen wird. Von einer Seefahrt dürfte es aber schwer halten,
auch nur so viele Zeilen zu füllen, als von einer gleich lang dauernden
Landreise Seiten. -- Das Leben zur See ist ein gar zu monotones; die
Sonne geht jeden Tag auf und unter, der Mond thut es drei Wochen lang
auch, und der Mensch -- nun, was der Mensch thut, habe ich Dir bereits
erzählt, und fahre damit fort. --

Während unseres Aufenthalts von nur wenig Stunden in St. Nicholas,
war der Wind so stark geworden, daß es uns nur mit Mühe und nach
mehrstündigem, angestrengten Rudern gelang, das Schiff wieder zu
erreichen; es lief jedoch alles gut ab. Wir wurden freudig bewillkommt
und über das am Lande Gesehene von allen Seiten mit Fragen bestürmt,
die wir bei dem heute sehr heitern Mittagsmahl, so gut wir konnten,
zu befriedigen trachteten, nachdem wir die mitgebrachten Blumen und
Früchte unter die Damen und Kinder vertheilt hatten.

Bei dem so sehr günstigen Winde ließ der Capitain alle Segel beisetzen,
um das Versäumte nachzuholen, und es dauerte auch nicht lange, so
verloren wir die nördlichen Ufer von Hayti aus dem Gesichte, um sie
gegen die südlichen von Cuba zu vertauschen. -- Diesen letztern kamen
wir aber leider nicht so nahe wie jenen, und mußten uns mit dem
Anblick des malerischen Umrisses der schönen blauen Gebirge, die den
Horizont begränzten, begnügen; und auch diese hatten wir am andern
Morgen aus dem Gesichte verloren, und sahen wieder blos den Himmel
über uns und um uns her die See. -- Wir befinden uns nun in dem
+mexicanischen Meerbusen+ auf der Bank von Campeche, und die vielen
Seevögel und fliegenden Fische, die sich sehen lassen, die große Menge
von auftauchenden Meerschweinen (eine Delphinart) und mitunter auch
kleine Wallfische, welchen wir begegnen, zeugen von der Nähe der Küste
von Yuccatan und von unserm Fortschreiten auf der nun hoffentlich bald
beendigten Reise.


  Am 24. December 1831.

Hätten wir den günstigen Wind, der uns so rasch an den westindischen
Inseln vorbeiführte, nur noch zwei Tage länger behalten, so wären wir
heute schon in Vera-Cruz angelangt, während wir jetzt durch leider
eingetretene, gänzliche Windstille, nach glücklich zurückgelegtem Wege
von 1500 deutschen Meilen, nur noch ungefähr 20 Meilen von unserm
Ziele wie festgebannt liegen, und ich dergestalt den, dem deutschen
Familien-Vater so lieben, Christabend einsam auf der See zubringen
muß, statt ihn am Lande, im traulichen Kreise der Meinigen, oder mit
Freunden zu feiern. Meine Reisegefährten fühlen +diese+ Täuschung
deshalb weniger, weil es meistens Franzosen und Spanier sind, in deren
Heimath man die Feier dieses frohen Kinderfestes wenig oder gar nicht
kennt.

Wir können übrigens von Glück sagen, daß uns diese Windstille nicht
einige Tage früher befallen hat, indem wir sonst wohl schwerlich dem
größten aller Uebel, dem, eine Beute der Seeräuber zu werden, entgangen
wären. Als wir nämlich am 20sten, des Abends gegen 11 Uhr, uns, der
wunderschönen, mondhellen Nacht wegen, noch auf dem Verdeck befanden,
wurden wir plötzlich durch das Erscheinen eines fremden Schiffes
unangenehm überrascht; es schien von der Küste von Campeche gekommen
zu seyn, und ehe wir es uns versahen, kam sein sehr stark bemanntes
Boot auf uns zu und fragte, in Antwort auf unsern Anruf, nach Curs,
Länge-Berechnung[1] u. s. w. Das Verdächtige eines solchen Verfahrens
in später Nacht war augenscheinlich, und ließ keinen Zweifel, daß man
darauf gerechnet hatte, wir wären, wie in der Regel um diese Zeit der
Fall ist, bereits alle zu Bett gegangen, und man hätte nur die bei
Nachtzeit schwache Matrosen-Wache auf dem Verdecke zu überwinden. In
diesem Falle wäre es der wohlbewaffneten Mannschaft jenes Bootes ein
Leichtes gewesen, sich unseres Schiffes zu bemächtigen. Die Räuber
hätten es, wie sie bei solchen Gelegenheiten zu thun pflegen, rasch
erstiegen, die Wache niedergemacht, die Luken und Kajüten verrammelt
und uns in ihrer Gewalt gehabt. Was aber alsdann unser Schicksal
gewesen wäre, läßt sich mit nur allzugroßer Gewißheit schließen, denn
nur selten sind den Piraten (diesem Auswurf der Menschheit!) Schiffe in
die Hände gefallen, deren Mannschaft und Passagiere sie nicht gemordet
hätten; sey es auch nur in der Absicht, die Schlupfwinkel geheim zu
halten, wo sie ihren Raub hinführen. -- Welch ein reges Leben sich in
jenem kritischen Moment an Bord unseres Schiffes, unter der starken
Besatzung und den vielen Passagieren, die sich alle zu bewaffnen
eilten, äußerte, kannst Du Dir denken. Alle Welt war glücklicher Weise
noch auf dem Verdeck, und die 19 Matrosen und fast eben so viele
streitbare Passagiere erschienen nun auf der Seite, welcher das Boot
sich nahte, und mochte dasselbe wohl abschrecken, denn es ruderte
sofort nach dem, nicht weit entfernten, fremden Fahrzeuge zurück,
vielleicht um Verstärkung zu holen. Da aber unser Capitain, den
wachsenden Wind benutzend, noch mehr Segel aufziehen ließ, so entgingen
wir schnell der Gefahr eines förmlichen Angriffs, dessen Folgen
schrecklich für uns hätten werden können. --

Vor einigen Jahren wurden in diesen Gewässern viele Seeräubereien und
unerhörte Gräuel verübt. -- Den vereinten Bemühungen der englischen
und nordamerikanischen Marine gelang es aber damals, die Piraten bis
in ihre Räuberhöhlen auf der Südseite von Cuba und der Spitze von
Campeche zu verfolgen, und sie so vollständig zu vertilgen, daß man
sich wieder der größten Sicherheit erfreute. Es wäre sehr zu beklagen,
wenn jene Hyder ihr Haupt aufs neue erheben sollte, und man nur an Bord
+bewaffneter+ Fahrzeuge hinlängliche Sicherheit finden könnte![2]


  Am 25. December.

Gestern ward uns noch spät am Abend das angenehmste und erfreulichste
Christ-Geschenk zu Theil, welches wir in unserer Lage wünschen konnten,
nämlich ein frischer Wind aus der rechten Ecke, der uns denn auch in
der Nacht ungefähr 10 deutsche Meilen vorwärts brachte, nun aber uns
wieder untreu werden zu wollen scheint. --

So eben ruft man +Land!!+ und wir erblicken hoch in den Wolken, den
Pic des Orizaba! -- Du begreifst, daß man eine 16000 Fuß über die
Meeresfläche emporragende Bergspitze aus sehr weiter Ferne sehen
kann, und wir würden sie daher auch schon früher erspäht haben, wenn
der Horizont heute Morgen nicht etwas bewölkt gewesen wäre; jetzt, am
hohen Mittage, sehen wir aber diesen majestätischen Berg, dessen Kuppel
mit ewigem Schnee bedeckt ist, in vollem Glanze. Diese im Sonnenschein
glimmernde Schneemasse, einer in die hohen Lüfte hingezauberten
Pyramide nicht unähnlich, ist doch unter einem so brennenden
Himmelsstrich in der That ein wunderbar und erhaben schöner Anblick!
Leider wird er uns nur allzulange, fürchte ich, entzücken; denn es ist
so eben wieder eine totale Windstille eingetreten.


  Am 29. December.

Die Stille dauerte nicht lange. -- Gegen Abend erhob sich der Wind
und brachte uns der Küste so nahe, daß wir sie deutlich erkennen
konnten; und schon hofften wir, noch in derselben Nacht im Hafen von
Vera-Cruz die Anker werfen zu können, als uns einer der, in dieser
Jahrszeit hier so häufigen, Nordstürme überfiel, und uns nöthigte, das
Weite zu suchen! Wir wurden über 30 Meilen weit zurück getrieben, und
hatten eine schwere Zeit zu bestehen; der Sturm war der stärkste und
gefahrvollste, den wir gehabt haben, und legte sich erst den zweiten
Tag.

Nun aber änderte sich auch die Scene; wir hatten zwar des verlornen
Weges viel nachzuholen, doch das Wetter war ruhig geworden und der Wind
günstig, so daß wir schon gestern Abend den majestätischen +Orizaba+,
gleich einem ersehnten Friedensboten, wieder erblickten, und uns an
dessen wunderschöner Beleuchtung bei einem prachtvollen Sonnenuntergang
ergötzen konnten. Es war das großartigste Naturgemälde, welches ich je
gesehen!

So eben kommt ein mexicanischer Lootse an Bord. So fern vom Hafen hätte
ich mir ihn nicht erwartet; doch freue ich mich dessen nicht wenig;
denn nun dürfen wir doch zuversichtlich hoffen, morgen Vera-Cruz zu
erreichen.


  Am Bord des Esteva, den 31. December 1831,
  im Hafen von Vera-Cruz.

Diesmal ward unsere Erwartung nicht getäuscht, und es gelang uns
gestern endlich, den +Hafen+ zu erreichen, wenn anders eine offene
Rhede, auf welcher hier die Schiffe liegen müssen und auf welcher
sie allen Gefahren der so häufigen Nordstürme ausgesetzt sind, diese
Benennung verdient. Wir haben in der Nähe vom Fort St. Ulloa, der Stadt
Vera-Cruz grade gegenüber, Anker geworfen, und sind noch außerdem zu
mehrerer Sicherheit an die Mauer-Ringe jener uneinnehmbaren Wasserfeste
gekettet, die wir -- leider! -- so bald noch nicht verlassen sollen;
denn, -- stelle Dir, wenn Du kannst, meine Enttäuschung vor, -- +wir
müssen hier eine Cholera-Quarantäne abhalten+!

Du hast doch wohl von jenem Engländer gehört, der, um nicht den ihn
überall verfolgenden Gassenhauer “~Marlborough s’en va-t-en guerre~”
in seinen Ohren gellen zu hören, von Paris bis an das äußerste Ende
von Europa reis’te, und als auch dies nichts half, sogar nach Indien
flüchtete, aber auch dort bei seiner Landung in Pondicheri die verhaßte
Melodie leiern hörte, worauf er sich denn aus Verzweiflung eine Kugel
durch den Kopf jagte! -- So soll es mir, wie es scheint, (versteht
sich mit Ausnahme der tragischen Schlußbegebenheit) mit der +Cholera+
ergehen. Aus Hamburg noch zur rechten Zeit dieser Seuche entflohen,
hörte ich am Rhein mehr als genügend davon reden; an den belgischen und
französischen Gränzen beschäftigte man sich damit, Cholera-Quarantänen
einzurichten, die mich jedoch glücklicher Weise noch nicht trafen; in
Paris rechnete man mir den Monat vor, wo die Cholera eintreten +würde+,
und in Bordeaux die Zeit, wo sie anlangen +könnte+. Ueberall war die
Rede von der Cholera und fast nur von ihr! -- Gut, dachte ich, dies
hat bald ein Ende; Du kommst nun nach einem Lande, wo man wenigstens
+diese+ verhaßte Krankheit nicht kennt, und höchstens vom +gelben
Fieber+ spricht, welches man aber nicht dahin bringt, sondern sich
allenfalls dort holt! Urtheile daher von meinem Erstaunen und Verdruß,
als das erste Boot, welches uns hier zur Seite kam, das +Sanitätsboot+
war, um uns anzukündigen, daß “+da wir aus Europa kämen, allwo die
Cholera herrsche+,” wir Quarantaine halten müßten! Der Befehl dazu war
erst an diesem Tage aus der Hauptstadt in Vera-Cruz angelangt, und
unser Schiff das +erste+, auf welches die Maßregel angewandt ward. --
Ein neuer Beweis, daß niemand seinem Verhängniß entgehen kann!

Nach einer Seereise von etlichen und funfzig Tagen ist ein Verbot zu
landen, wie Du begreifen wirst, eben kein angenehmes; was ist aber zu
machen? man muß sich ~bon gré mal gré~ darein finden, und wir können
uns noch glücklich preisen, daß man die Zeit der Quarantäne auf nur
wenige Tage beschränken will. Mittlerweile darf denn aber auch Niemand
zu uns, und unsere Bekannten und Freunde können sich uns nur in einiger
Entfernung in Booten nähern, und so mit uns sprechen; auf diese Weise
erfahre ich so eben, daß sich Gelegenheit zum Schreiben nach Europa
darbietet, die ich denn natürlich dazu benutzen werde, Dir das bisher
Geschriebene einzusenden und meine glückliche Ankunft zu melden. Man
will mir heute Abend ein Boot senden, um die Briefe abzuholen, und ich
werde dafür sorgen, daß sie alsdann fertig sind.

Das Wetter ist sehr schön, und die Temperatur nicht bloß warm,
sondern heiß, jedoch nicht drückend; ich befinde mich dabei sehr wohl
und lasse mich durch die Hitze nicht abhalten, meine Beobachtungen
auf dem Verdecke zu machen und sie dann in meiner Kajüte für dich
niederzuschreiben.

Wir liegen der Stadt so nahe, daß wir die Fenster in den Häusern
zählen und das Ganze somit bequem übersehen können. Vera-Cruz nimmt
sich, in der glanzvollen Beleuchtung einer tropischen Sonne, recht
malerisch aus mit seinen Thürmen, Kirchen und öffentlichen Gebäuden!
In der Nähe besehen mögen sie wohl weniger pittoresk erscheinen, doch
muß ich hierüber mein Urtheil noch zurückhalten. -- Was das Treiben
auf der hiesigen Rhede betrifft, so ist dies mit der Thätigkeit eines
Hafens, welcher Ausfuhr von Colonial-Producten hat, freilich nicht
zu vergleichen, aber doch auch nicht gering zu nennen. Das Hin- und
Hersegeln der vielen Boote, zwischen den Schiffen auf der Rhede und dem
Landungsplatze (~Muelle~) an der Stadt, gewährt einen recht belebten
und freundlichen Anblick. Bei der nahe gelegenen Insel Sacrificio[3]
liegen in diesem Augenblick zwei französische Kriegsschiffe, und
hier auf der Rhede sechs französische, ein bremer, ein hamburger und
ein amerikanisches Kauffahrteischiff, so wie mehrere mexikanische
Küstenfahrer; aber, wie es der Zufall gerade will, kein britisches
Schiff irgend einer Art. Auch ist das englische Packetboot, auf welchem
S... im October sich in Falmouth einschiffte, noch nicht angekommen;
wir haben diesem also den Rang abgelaufen.

Das interessanteste und neueste Schauspiel für mich ist anjetzt
das, täglich zweimal zwischen Vera-Cruz und St. Ulloa dicht an uns
vorüberfahrende, große Ruderboot, auf welchem der Festungs-Garnison
theils ablösendes Militair, theils der tägliche Bedarf an frischen
Lebensmitteln zugeführt wird. Dieses Boot ist mit Menschen von allen
Racen angefüllt: mit Creolen, Indianern (wie man die +Mexicaner+
hier nennt), Negern, Mestizen, und wie sie, nach ihren verschiedenen
Abstammungen und den Nüancen ihrer Hautfarbe, alle heißen mögen. Der am
Ruder stehende Steuermann ist ein Indianer von dunkler Kupferfarbe, und
hat, außer einer Binde um die Lenden, keine Bekleidung, ja, trotz der
sengenden Sonnenstrahlen, und seiner ergrauten Haare, nicht einmal eine
Kopfbedeckung. Die Uebrigen bilden ein seltsames Gemisch von zum Theil
nackten, zum Theil nur halbbekleideten Menschen beiderlei Geschlechts
und aller Farben, und das Ganze macht auf den, an solche Bilder noch
nicht gewöhnten, Europäer einen ganz eigenthümlichen Eindruck. Man
fühlt zwar bei der hier herrschenden Hitze, wie die Kleider oft etwas
Ueberflüssiges und Lästiges seyn können; aber es bedarf, mit unsern
Begriffen, doch einiger Zeit, ehe sich das Auge an den Anblick ganzer
Gruppen von nackten Menschen gewöhnt!

Doch nun ist es Zeit, daß ich schließe; das Boot könnte mich sonst
überraschen, ehe ich fertig wäre, und ich möchte doch so gerne, daß Du
diese Mittheilungen recht bald erhieltest. -- Mögen sie Euch Alle so
wohl treffen, wie ich mich fühle!

Morgen schlägt die Stunde unserer Erlösung, und wir kommen dann endlich
wieder +ans Land+, und auf festen Grund und Boden!


  Stadt Vera-Cruz, am 3. Januar 1832.

Erst gestern, also grade an meinem Geburtstage (dem 55sten) bin ich
ans Land gekommen, und in die Mauern dieser viel besprochenen Stadt
eingezogen. Ich würde einen ganzen Tag früher erlös’t worden seyn, wenn
nicht abermals einer jener Nordwinde, welche in dieser Jahrszeit hier
jedesmal zum Sturme werden, sich erhoben, und das noch kurz vorher so
stille und ruhige Wasser in eine so heftige Bewegung versetzt hätte,
daß kein Boot auslaufen konnte. Die schäumenden Wellen brachen sich
mit Wuth an der Festung St. Ulloa, und der gegenüberliegenden Muelle
der Stadt, deren Thore geschlossen werden mußten, um den Andrang des
Wassers zu hemmen. Mehrere Schiffe wichen von ihren Ankerplätzen,
und uns rettete von ähnlichem Unfall nur der doppelte Schutz der
eignen Anker und der starken Ringe an den Mauern der Festung. Höchst
merkwürdig ist die schnelle Aenderung der Temperatur, welche diese
Nordwinde hier hervorbringen; in weniger als einer Viertelstunde geht
alsdann die Luft von der größten Hitze zu einer Kälte über, gegen
welche der warme tuchene Mantel (~Capa~) der besseren Classe, oder
die, vom Volke allgemein getragene, wollene Decke (~Zerapa~), deren
auch der ärmste ~Lépero~ nicht ermangelt, kaum zu schützen vermag. --
Auf dem Wasser ist diese Kälte aber noch empfindlicher als am Lande,
und ich habe nie mehr gefroren, als in der letzten Nacht, welche wir
auf dem Schiffe zubringen mußten. Diese war überhaupt ganz geeignet,
den Wunsch, das Schiff zu verlassen, auf’s Höchste zu steigern;
wir litten nicht allein, wie gesagt, viel von Kälte, sondern der
Sturm wüthete auch dermaßen, daß unser Fahrzeug beständig auf eine
gefahrdrohende Weise hin- und hergeworfen ward; das unaufhörliche
Rufen der zahlreichen, auf den nahen Mauern der Festung ausgestellten,
Schildwachen, die durch ihr Schreien das Heulen des Sturmes zu
überbieten trachteten, vermehrte noch das Grausige jener Nacht.

Wenn aber der Uebergang von Hitze zu Kälte hier schnell ist, so ist
es der entgegengesetzte Wechsel der Temperatur nicht minder. So wie
sich gestern Morgen der Nordwind legte, trat auch die tropische Sonne
wieder in ihre Rechte ein; die Atmosphäre ward brennend heiß, und die
Wogen ebneten sich zu einem glatten Wasserspiegel; der Hafen füllte
sich allmählig auf’s neue mit geschäftigen Booten, und endlich schlug
die Stunde unserer Erlösung. Das Sanitätsboot kam heran und mit ihm
der Hafen-Capitain, der die Quarantäne aufhob, die Pässe visirte und
uns Erlaubniß zum Landen ertheilte. -- Du kannst denken, daß ich das
Boot, welches mich abzuholen kam, nicht lange auf mich warten ließ.
Es waren nunmehr 60 Tage verflossen, seit wir Bordeaux verlassen
hatten, und 54 seitdem wir in See gegangen waren, und ich hatte hieran,
für meinen Theil wenigstens, ganz genug. Unsere Ueberfahrt gehörte,
was Schnelligkeit betrifft, nur zu den mittelmäßigen, da aber Alles
glücklich überstanden war, so durften wir uns immerhin Glück wünschen,
es so gut getroffen zu haben, weshalb wir denn auch dem Capitain
Beck für die Gewandtheit und Energie, womit er alle Schwierigkeiten
überwunden, und für die vielen Aufmerksamkeiten, welche er uns während
der Reise bezeigt, und wodurch er sie zu einer so angenehmen für
uns gemacht hatte, unsern Dank nicht vorenthalten durften, und ihm
denselben beim Abschied schriftlich überreichten.

Daß ich nun hier in Vera-Cruz von meinen Freunden, wie geschehen, auf
das zuvorkommendste aufgenommen werden würde, hatte ich erwartet,
nicht aber, daß ich das Clima so angenehm finden, und hinter meinem
Musquito-Netz so vortrefflich schlafen würde, wie ich vergangene Nacht
gethan. Der Januar ist denn aber auch der angenehmste Monat an dieser
Küste, und in dieser Jahrszeit ist Vera-Cruz durchaus gesund, was wohl
zum Theil den alsdann hier so häufigen Nordstürmen zuzuschreiben ist.
Diese reinigen nämlich die Luft von den ungesunden Dünsten, welche sich
im Sommer, (hier Regenzeit genannt) sammlen, und dann vereint mit einer
oft übermäßig großen Hitze,[4] das gelbe Fieber oder schwarze Erbrechen
(~vomito prieto~) erzeugen, weshalb auch Vera-Cruz, in den Monaten Mai
bis October, mit Recht so sehr gefürchtet ist. Diese, den Eingebornen
des Hochlandes von Mexico in noch höherem Grade, als den Europäern,
gefährliche Seuche, beschränkt sich jedoch nicht auf die Stadt
Vera-Cruz allein, sondern äußert ihren Einfluß an der ganzen Küste,
und eine gute Strecke aufwärts ins Gebirge, namentlich auf dem Wege
nach Mexico hin, bis zu dem 2700 Fuß über der Meeresfläche gelegenen
Landgut, Encero, so daß der, auch schon sehr hoch liegende, von schöner
kräftiger Vegetation umgebene, und von einem nicht unbedeutenden
Waldstrom bespülte Flecken, ~Puente national~, (halben Weges zwischen
Vera-Cruz und Jalapa), dem Einfluß des Vomitos in den besagten Monaten
ebenfalls unterworfen ist. Der Ursprung dieser verheerenden Krankheit
dürfte mithin auch wohl in noch andern Gründen, als der Ausdünstung
der Sümpfe, welche Vera-Cruz umgeben, zu suchen seyn. Ich überlasse
indessen diesen Punkt den Naturforschern, und beschränke mich darauf,
einem Jeden zu rathen, in der ungesunden Jahrszeit, d. h. von Mai bis
October, sich nicht weiter küstenabwärts als Jalapa zu wagen, und
sich nicht sicher zu glauben, wenn etwa, wie jetzt der Fall, während
einiger Jahre die Krankheit sich nur in sehr geringem Grade zeigt;
sie pflegt alsdann mit erhöhter Kraft wiederzukehren, und Niemand kann
voraussagen, +wann+ dies geschehen wird.[5]

Vor der Hand ist aber durchaus nichts zu befürchten, und Du kannst
daher meinetwegen ganz ruhig seyn; ich wenigstens bin es eben so sehr,
wie ich es in Europa seyn würde, und werde mithin meine Abreise von
hier keineswegs übereilen.

Ich finde die Stadt weit hübscher, und bei dem beständig heitern Himmel
und hellen Sonnenschein viel freundlicher, als ich sie mir gedacht. Die
Straßen sind breit und winkelrecht, viele Häuser groß, ansehnlich und
im Innern schön, bequem und den Erfordernissen des Climas angemessen
eingerichtet. -- Wir wohnen auf dem sogenannten großen Platz (~plaza~),
und haben das ganz ansehnliche, altertümlich gebaute Stadthaus
(~Palacio~) gerade vor uns und die Hauptkirche (~Cathedrale~) zur
Seite, -- welche letztere sich aber weder von außen, noch von innen
besonders auszeichnet.

Das, an die Stelle des vor einigen Jahren abgebrannten, neu erbaute
Zollhaus (~Aduana~) ist einfach aber geräumig, und für die allerdings
großen Geschäfte dieses Hafens sehr zweckmäßig eingerichtet.

Heute Morgen, früh um 6 Uhr, ging ich auf den mit Früchten, Fischen,
Fleisch und sonstigen Lebensbedürfnissen wohl versehenen Markt, und
ergötzte mich an dem bunten Gemisch dieser Bewohner heißer Zonen,
und an den Farben-Mischungen und Abstufungen von schwarz bis zu
schmutzweiß; reinweiße Hautfarbe gibt es hier unter der niedern Classe
-- (in meinen Augen ein häßlicher Menschenschlag!) -- nicht. Das Ganze
machte jedoch, der Neuheit wegen, einen ganz gefälligen Eindruck auf
mich. -- Von der unmittelbaren Umgebung der Stadt ist gar nichts zu
sagen; es ist eine Wüste, und so weit das Auge reicht, sieht man von
den bekanntlich flachen Dächern der Häuser nur Sandhügel und hie und da
eine Gruppe von Tannen-Gebüsch auf der einen, das Meer auf der andern
Seite.

Hoffentlich habe ich bald Schöneres in dieser Beziehung zu berichten.
Für heute nur noch ein Lebewohl.


  Vera-Cruz, den 9. Januar 1832.

Ich bin, wie Du siehst, noch immer hier, und trete erst morgen die
Reise nach der Hauptstadt an; ob ich aber überhaupt dahin gelangen
werde, ist jetzt sehr zweifelhaft, denn dieses noch vor wenigen Tagen
scheinbar so friedliche Land ist mit einemmale in einen revolutionären
Zustand versetzt worden! Kaum war mein letzter Brief (vom 3. dieses)
an Dich geschlossen, als wir erfuhren, daß noch an demselben Tage
eine Revolution gegen die Minister (Alaman und Consorten) ausbrechen
werde. Dies geschah denn auch und zwar, wie es hier zu Lande, wo all
dergleichen von dem Militair ausgeht, üblich seyn soll, durch ein
sogenanntes ~pronunciamento~, eine Protestation, der Truppen.

Das Offizier-Corps der Garnison, Obrist Landero an der Spitze, trat
nämlich zusammen und erklärte, Namens der Armee, welche sich als
Beschützerin (?!) der Freiheiten der Nation betrachtet: “daß die
Minister in mehrern Fällen pflicht- und gesetzwidrig gehandelt hätten,
und deshalb von dem, dermalen am Ruder stehenden, Vice-Präsidenten
Bustamente entlassen werden müßten! Geschähe dies, so wolle man zum
Gehorsam gegen das Gouvernement zurückkehren, -- wo nicht, das Begehren
mit gewaffneter Hand durchsetzen.”[6] -- Die Garnison sandte hierauf
eine Deputation an den, in der Nähe von Vera-Cruz auf seinem Landgute
(~hacienda~) wohnenden, General Santa Anna, mit der Bitte, sich an die
Spitze dieser Bewegung zu stellen. Derselbe ließ sich willig finden,
-- (man sagt sogar, das ganze Drama sei vorher mit ihm verabredet
gewesen) -- und ward nun von einer Abtheilung Dragoner abgeholt, und
mit klingendem Spiel, Hurrahrufen und Glockengeläute empfangen. Er
nahm Besitz von dem Stadthause, wo, mit den Civil-Autoritäten und der
Garnison, die weitern Operationen noch in derselben Nacht verabredet
wurden. -- Der Commandant der Festung St. Ulloa ist den Beschlüssen
der Besatzung dieser Stadt beigetreten, und hat sich unter die Befehle
von Santa Anna gestellt. Dies ist wichtig, indem die Stadt von jener
Festung gänzlich dominirt wird, und von ihr (so wie Antwerpen von
seiner Citadelle) jeden Augenblick in den Grund geschossen werden kann.

Es ging übrigens hierbei Alles weit ruhiger zu, als bei ähnlichen
Gelegenheiten in Europa der Fall zu seyn pflegt. Nur wenige Menschen
hatten sich bei dem Einzuge von Santa Anna auf der ~plaza~ versammelt,
und nach einem etwas schwachen Rufe von: ~viva Santa Anna y mueren
los ministros!~ -- ging jedermann ruhig nach Hause und, zur gewohnten
Stunde (in der Regel eine frühere als bei uns), zu Bette. Auch die
darauf folgenden Tage blieb Alles im herkömmlichen Gleise, und man
bemerkt selbst heute noch die stattgehabte Revolution nur an der
verdoppelten Militairwache vor dem Stadthause. Indessen geht dies
ganz natürlich zu, da das Volk wenig Theil an der Sache zu nehmen
scheint, und das Militair keine weitern Schritte thun will, bis die
Antwort des Vice-Präsidenten in Mexico, auf ein vom General Santa
Anna an ihn gerichtetes +vermittelndes+ Schreiben, eingetroffen ist.
-- Mittlerweile mustert der Feldherr die hier befindlichen Truppen,
etwa 1000 an der Zahl, und trifft Vorkehrungen für einen kräftigen
Widerstand und selbst Angriff, falls die Regierung auf seine Vorschläge
nicht eingehen sollte. Die etwas verfallenen Mauern der Stadt will
man repariren; zwei neue Forts an den Enden derselben sind in gutem
Zustande und bestreichen die Zugänge von der Landseite.

Am 6ten war Feiertag und Hochmesse in der Cathedrale, welcher Santa
Anna mit seinem ganzen Stabe beiwohnte. Die Militairmusik war
vortrefflich, und das Officier-Corps, -- (ein weit zahlreicheres
als bei gleicher Truppenzahl in Europa) -- nahm sich in den reichen
Uniformen sehr gut aus. Beides übertraf meine Erwartung.

Der General ist ein schlank gewachsener schöner Mann von etwa 34
Jahren und von freundlichen, angenehmen Gesichtszügen. Ich ward ihm
vorgestellt, und unterhielt mich mit ihm ziemlich lange über die
neuesten, ihn wie es schien am meisten interessirenden, politischen
Vorfälle in Europa, -- die belgische und polnische Revolution
nämlich, wobei er nicht ermangelte, Preußen über die bei der letztern
beobachtete Neutralität zu becomplimentiren. -- Santa Anna’s Manieren
und ganzes Wesen haben etwas Mildes und Einnehmendes und bilden einen
schneidenden Contrast mit denen des aufbrausenden Obristen Landero,
der, wie oben erwähnt, an der Spitze der Revolution steht, und bei
der Audienz zugegen war. Santa Anna erbot sich, mir eine Escorte von
einigen Dragonern bis Puente nacional mitzugeben, was ich in der
gegenwärtigen Lage des Landes, wie Du denken kannst, sehr dankbar
annahm.

An jenem Feiertage arrangirten meine Freunde für den Nachmittag eine
kleine Partie aufs Land; die meisten derselben waren zu Pferd, und
nahmen sich in der eigentümlichen, zwar oft reichen, aber doch auch
in einigen Stücken sehr grotesken Tracht der mexicanischen Cavalleros
(mit ihren ganz kurzen Jacken, Ueberhosen, die von der Wade abwärts
aufgeknöpft sind, schweren rasselnden Sporen, und breitrandigem
mit Silbertosseln behangenem Hut) für ein, nicht daran gewöhntes,
europäisches Auge, komisch genug aus. +Ich+ fuhr in einer Volanta,
einem hier üblichen, niedrigen, zweiräderigen, einspännigen Wägelchen,
nach Art der holländischen Gigs, und gelangte in einer Stunde über
Sand und Moor, nach einem Punkt, auf dem halben Weg nach Medelin, wo
zwar etwas mehr Vegetation ist, als ganz nahe bei Vera-Cruz, der aber
dennoch aller und jeder Naturschönheit ermangelt. -- Es stand hier
früher ein Schloß, in dessen sehr verfallenem Gemäuer gegenwärtig ein
temporaires Wirthshaus angelegt ist, wo sich an Sonn- und Festtagen
eine, übrigens sehr gemischte, Gesellschaft einfindet, um das hier zu
Lande allgemein beliebte Hazardspiel, ~Monte~, zu frequentiren, wobei
denn Einige Silber, noch Mehrere aber Gold, und zwar oft große Summen,
einsetzen. Etliche Paare aus dem Volk tanzen dann wohl aus einer
Plattform im Freien, nach einer einfachen, ja elenden Guitarren-Musik,
den beliebten Fandango, worin sie jedoch den Spaniern an Grazie sehr
nachstehen sollen, -- und ich bemerkte auch in der That sehr wenig von
dieser Eigenschaft. -- Da es bekanntlich in dieser Zone schon um 6 Uhr
Abends dunkel wird, so kehrt man von einer solchen Parthie sehr früh
nach der Stadt zurück; ich habe daher nur noch zu erwähnen, daß wir den
Abend, im freundlichen Kreise mehrerer Europäer, bei einer Tasse Thee
recht angenehm zubrachten.

Gestern ist nun auch endlich das englische October-Packet, und mit ihm
S... und sein Sohn, so wie de B.. und Frau, angekommen. Ihre Reise
war zwar, gleich der meinigen, ohne Unfall; aber, wie Du siehst, von
viel längerer Dauer, und nach dem, was sie mir davon erzählen, in
mancher Beziehung minder angenehm. Da S. hier keine Geschäfte hat, und
nach seinen Bergwerken eilt, so wird er mich morgen schon nach der
Hauptstadt +Mexico+ begleiten, was mir sehr lieb ist, da man hier zu
Lande kaum stark und caravanenartig genug reisen kann, um sich gegen
Räubereien zu schützen. ~Tout comme chez nous~, -- könnte hier ein
Altspanier oder Italiener ausrufen! Gottlob, daß wir Deutschen dies
nicht können!

Lebe wohl. Bald schreibe ich wieder.


  Jalapa, den 12. Januar 1832.

Ich wollte, Du hättest uns sehen können auf unserm Zuge von Vera-Cruz
hieher! Es würde Dich höchlich amüsirt haben, denn Aehnliches haben wir
-- in unserm Theile von Europa wenigstens -- nicht anzuweisen. Da Du es
aber nun einmal nicht sehen konntest, so will ich versuchen, es Dir zu
beschreiben. Höre also.

Wir verließen Vera-Cruz am 10ten, des Morgens nach dem Frühstück, in
folgender Ordnung: zwei Dragoner in rother Uniform voraus; dann ich, in
einer von Maulthieren getragenen, bedeckten Sänfte (~litera~) liegend,
in leichter Sommerkleidung, mit Strohhut und sonstigem Schutzwehr
gegen die Hitze versehen; hierauf, in zwei andern Litera’s, einige
der Damen, die mit mir von Bordeaux gekommen waren, und sich, der
Escorte wegen, auf dieser Reise unter meinen Schutz begeben zu dürfen
baten; alsdann wieder ein Dragoner und mein Bedienter, der sich, nach
ächt-französischer Weise, bis an die Zähne bewaffnet hatte und so mehr
einem berittenen Gensd’armen als dem Diener eines friedlichen Reisenden
glich; hinterdrein kamen fünf oder sechs Maulthiere, welche unser
Gepäck trugen, und nebenher ritten die Führer des Zuges zu Pferde, die
Thiere, unter beständigem Peitschenknallen und “~Mula~”-Rufen, bald
hier bald dort antreibend. In einiger Entfernung bildete Freund S.
mit seinem Sohne in einer Volanta (diesmal ein zweirädriger, mit zwei
Pferden bespannter, enger Kasten) den Schluß der Carawane, welche sich
am Ende doch noch rascher bewegte, als ich erwartet hatte.

Es giebt der Reisearten von der Küste hinauf mehrere. Erstens, zu
Pferde, -- die unabhängigste und hier zu Lande am meisten übliche
Weise; man ist jedoch dabei natürlich der Sonne sehr exponirt, und
hat mithin viel Hitze aufzustehen, was für einen, zum ersten Male in
dieses Land kommenden, Europäer immer eine gefährliche Sache ist, und
daher besser unterbleibt. -- Zweitens, mit der Diligence, welche aber,
obschon nach Landessitte mit acht Maulthieren bespannt, auf dieser
beständig bergan laufenden Route, nur äußerst langsam fährt, und bei
Gelegenheit der kleinen Felsblöcke und tiefen Löcher auf den schlecht,
oder richtiger gesagt gar nicht, unterhaltenen Wegen, nicht selten sehr
unsanfte Stöße austheilt. Es heißt nun, daß eine nordamerikanische
Gesellschaft, welche bereits eine sehr rasch fahrende, bequeme
Diligence zwischen +Mexico+ und +Jalapa+ in Gang gebracht hat, ihren
Cours bis +Vera-Cruz+ fortsetzen wolle; bis dies aber geschehen und der
Weg ausgebessert ist, verzichte ich auf das Vergnügen einer Reise per
Diligence von Vera-Cruz nach Jalapa. -- Drittens kann man denn auch in
einer Litera (Tragsänfte) reisen, welchen Modus, wie Du siehst, ich
gewählt hatte. Diese Sänften sind in der Form eines, an den Seiten mit
Vorhängen versehenen, oben bedeckten, vierpföstigen, einschläferigen
Bettes gebaut, und man kann darin ausgestreckt liegen und schlafen,
oder auch sitzen und lesen. Sie werden von zwei, hinten und vorn
eingespannten, Maulthieren getragen, die Bewegung ist aber, besonders
wenn sich die Thiere dann und wann in einen Trott setzen, keineswegs
angenehm. Auch hat man, da die Sänften niedrig hangen, in den oft engen
und sandigen Wegen viel von Staub zu leiden. Dessenungeachtet ist diese
Reiseart die am wenigsten angreifende, und deshalb dem noch nicht
acclimatisirten Fremdling vorzugsweise zu empfehlen.

Von Vera-Cruz führt der Weg eine kurze Strecke dem sandigen Gestade
des Meeres entlang, und biegt dann landeinwärts, wo sich nach und nach
etwas mehr Vegetation zeigt; doch bleibt es noch öde und wüste bis nach
+Santa-Fé+, dem ersten kleinen Dorfe oder Flecken auf diesem Wege nach
Mexico.

Daß die Wohnungen hier alle, nach Art des Südens, leicht und
hüttenartig gebaut, ja theilweise (wie z. B. die Küche) nur mit Rohr
umzäunt sind, wird Dich nicht überraschen, wohl aber vielleicht,
daß ich hier so große Reinlichkeit fand, daß ich mit Vergnügen und
Appetit sogar an dem sauber gescheuerten, hölzernen Tisch in der
Küche gegessen haben würde, wenn man uns nicht in der Stube ein
frugales, jedoch für einen so unbedeutenden Ort ganz ordentliches und
genügendes, Mahl vorgesetzt hätte. -- Die übrigens schwache Bevölkerung
von Santa-Fé ist sehr gemischten Ursprungs, und man sieht hier daher
Hautfarben von allen Schattirungen, selbst, wie überall in der Nähe
der Küste, mitunter +Neger+, die aber bekanntlich in der mexicanischen
Republik +frei+ sind, d. h. +ganz gleiche Rechte+ mit allen übrigen
Bewohnern des Staats genießen, und nicht, wie in den Vereinigten
Staaten von Nordamerika, theils durch Gesetz, theils durch Vorurtheil,
zu einer verachteten Menschenklasse herabgewürdigt werden.

Von Santa-Fé bis Puente nacional wird das Land immer schöner
und reicher an Vegetation; man findet am Wege viele freundliche
Indianerhütten, umgeben von kleinen Gärten und Umzäunungen, reich an
Federvieh u. s. w., worunter mir das Hühnergeschlecht als besonders
stark, groß und schön auffiel. Das fremdartige Gezwitscher der
südlichen Singvögel, auf den Bäumen und in den Büschen längs der
Landstraße, war mir ein willkommener Ohrenschmaus, und erweckte
die angenehmsten Empfindungen, so daß ich am Abend ganz heiter und
wohlgemuth in +Puente+ ankam, wo wir übernachteten.

Dies gilt für einen der schönsten Punkte zwischen Vera-Cruz und Mexico.
Der Ort ist sehr romantisch gelegen, von felsigen Hügeln und Wäldern
umgeben, und von dem Fluß +Antigua+ bespült, der zwar in dieser
Jahrszeit klein ist, in der Regenperiode aber sehr anschwillt, sich
hier in eine tiefe Bergschlucht stürzt, und dann, unweit Vera-Cruz,
sich ins Meer ergießt. Ueber die Schlucht führt hier eine schöne,
breite und lange, steinerne Brücke, welche die alleinige militairische
Verbindung zwischen Jalapa und Vera-Cruz bildet, und von einer nicht
unbedeutenden, auf einem der benachbarten Berge gelegenen, Veste
beherrscht wird. Die Brücke und die von beiden Seiten dahin führenden
Steindämme sind Riesenwerke der Spanier aus der frühern Zeit, sehr
kunstreich ausgeführt, aber leider durch die Revolution in Verfall
gerathen. +Santa Anna+ hat Besitz von diesem Bergpaß genommen; weiter
ins Land erstreckt sich aber bis jetzt seine Vorhut nicht, weshalb
uns denn auch die Escorte nicht weiter begleitete. -- In dem Gasthof
zu Puente bereitete man uns ein sehr gutes Nachtessen; wir aßen von
englischem Steingut, tranken aus böhmischen Gläsern, und hatten
schlesisches Leinen zu Tischtuch und Servietten, so daß Freund S...
(der auch vor vier Jahren hier war, wo man solchen Luxus noch nicht
kannte, und z. B. nur Ein Glas für den Gebrauch der ganzen Familie im
Hause hatte, aus irdenem Geschirr und vom bloßen Tische aß u. dgl. m.)
sich nicht genug wundern konnte über die schnellen Fortschritte der
verfeinerten Lebensart und Eleganz. Wir schliefen übrigens, ~al modo
del pais~, auf unsern Matratzen im Freien, d. h. unter dem Corridor des
Hauses, mitten unter den Führern, Treibern u. s. w.

Den nächsten Morgen um 4 Uhr machten wir uns wieder auf den Weg, auf
welchem wir noch manche schöne Gegend zu bewundern hatten, und bei
freundlichen Indianern (eingebornen Mexicanern) uns bald mit einer
Tasse Chocolade, bald mit frischer Milch und Eiern, bald mit den hier
zu Land so beliebten ~frijoles~, einer Art Bohnen, erfrischten. --
Nach zwölfstündiger Reise erreichten wir das freundliche Städtchen
+Jalapa+, mitten in der üppigsten Vegetation, die man sich denken kann,
gelegen, und gleichsam eingefaßt mit Rosensträuchen, Orangenbäumen und
dem schönen, aromatischen Liquidambar-Baum. -- Fiele in Jalapa nicht so
viel Regen, (es liegt nämlich in der ersten Wolkenregion, 4300 Fuß über
der Meeresfläche, und hat daher dessen etwas zu viel) -- so wäre diese
Gegend ein wahres Paradies, denn es herrscht hier ein ewiger Frühling!
Das Clima ist weder zu heiß noch zu kalt, und durchaus gesund. Man
kennt hier das schwarze Erbrechen nicht, weshalb Jalapa denn auch,
während der an der Küste ungesunden Jahreszeit, der Aufenthaltsort
der Altspanier war, als diese noch das Monopol des Handels und in
Vera-Cruz ihre großen Comptoire hatten, und dort Ankunft und Abgang
der Schiffahrt nach Gefallen reguliren konnten. Jetzt hat sich dies
alles geändert, Schiffe kommen und gehen zu allen Jahreszeiten, und die
Vera-Cruzer Kaufleute (Eingeborne und Europäer) bleiben auch während
der Fieberzeit an der Küste. --

Jalapa, eine kleine Stadt von 10,000 Einwohnern, gewährt einen
freundlichen Anblick, und hat, da sie an einen Berg angebaut ist, hohe
und niedere Straßen, von welchen einige die herrlichste Aussicht in
die benachbarten, reich bewachsenen Thäler genießen; auch gewähren
die Riesenberge Orizaba und Cofre de Perote einen erhabenen Anblick.
Es fehlt aber an dem, was unsere bewunderten Gegenden, z. B. das
schöne Wupperthal, den herrlichen Rheingau u. s. w. so reizend macht,
an Bevölkerung und dem damit verbundenen Leben. -- Von den Dächern
des an der Südseite der Stadt hochgelegenen, einer festen Burg nicht
unähnlichen, Klosters, San-Francisco, bietet sich dem Auge ein überaus
schönes Panorama dar, aber das Gemälde ist todt und zeugt nur von
dem Reichthum der +vegetabilischen+ Natur. -- Erst wenn dereinst ein
liberaleres System in der Republik herrscht und Religionsfreiheit die
Einwanderung begünstigt, wird dieser Zustand der Dinge sich ändern und
menschliche Betriebsamkeit wird dann diesem bezaubernden Eden die Krone
aufsetzen.

Die Häuser in Jalapa sind meist einstöckig, aber recht bequem
eingerichtet und häufig mit einem hübschen Gärtchen im Innern des
Hofes (~patio~) versehen; die Zimmer hoch und geräumig, und die
Bewohner, so weit ich sie kennen lernte, freundlich und zuvorkommend.
In ihren politischen Meinungen sind sie natürlich, bei der jetzigen
Crisis, getheilt, Einige für, Andere gegen Santa Anna, der, als
Koryphäe der Revolution, der ganzen antiministeriellen Partei seinen
Namen leihen muß. -- Camacho, der Civil-Gouverneur des Staates von
Vera-Cruz, bei dem ich gestern einen Empfehlungsbrief abgab, und der
mich sehr höflich empfing, mißbilligt Santa Anna’s Opposition gegen die
Regierung, hofft aber die Sache noch friedlich vermitteln zu können.
Hier sind jedenfalls noch keine militärischen Maaßregeln genommen
worden.

Das Gasthaus, in welchem wir hier eingekehrt sind, ~Fonda Francesa~
benannt, ist verhältnismäßig sehr gut zu nennen, und ich bin mit Tisch
und Wohnung zufrieden. Wir bereiten uns aber dennoch vor, mit der
nordamerikanischen Diligence schon morgen weiter zu reisen; denn, so
gut es mir auch hier gefällt, so gestatten mir doch meine Geschäfte
keine Zögerung am Wege. -- Lebewohl!

~P. S.~ Da ich Dir so viel von Jalapa erzählt habe, so darf ich doch
auch nicht unerwähnt lassen, daß das schöne Geschlecht hier seiner
Benennung entspricht und einen weit schöneren Teint hat, als in anderen
Theilen der Republik, was der hier herrschenden feuchteren Atmosphäre
zugeschrieben wird. Der, bei jedesmaligem Ausgehen gebräuchliche,
große, schwarze Schleier (~Mantilla~) kleidet die Damen recht anmuthig;
ihr sonstiger Anzug weicht wenig von der französischen Tracht ab.


  Puebla, genannt ~la Puebla de los Angelos~,[7]
  den 15. Januar 1832.

So wären wir denn nun auch so weit ohne Unfall gekommen, und hätten den
berüchtigten Räuberpaß, den Pinal, glücklich passirt! Doch ich darf der
versprochenen, ordnungsmäßigen Erzählung nicht vorgreifen, und fange
deshalb damit an zu berichten, daß wir, unserm Vorsatz getreu, Jalapa
am 13ten, früh Morgens um 6 Uhr, in der sogenannten nordamerikanischen
Diligence verließen. Dieser, ganz im europäischen Styl zu Neu-York
erbaute, in Federn hängende und mit vier Pferden bespannte Wagen, nimmt
sich recht gut aus, ist aber für die festgesetzte Passagierzahl von
sechs Personen etwas zu enge. Die Kutscher sind Nordamerikaner, und
fahren nach der Sitte ihres Landes vom Bock herab, und zwar bergauf
bergunter, über Stock und Stein in vollem Gallopp, dergestalt, daß, da
die mexicanischen Pferde oft noch gar nicht eingefahren und mithin sehr
schwer zu bändigen sind, die Reise in der That nicht ohne Gefahr ist,
und, ob des ungeheuren Stoßens und Rüttelns auf den schlechten Wegen,
jedenfalls nicht ohne Beschwerde. -- Man reiset indessen auf diese
Weise weit schneller als auf jede andere, und legt den Weg hierher in
zwei bequemen Tagereisen zurück, während man früher oft drei bis vier
darauf verwenden mußte.

Von Jalapa bis Perote steigt die Gegend noch um mehr als 3000 Fuß.
Der erste Theil des Weges führt über einen gut erhaltenen, großartig
angelegten Steindamm aus der spanischen Zeit; links ist derselbe
durch dichte Waldungen begränzt, rechts bieten sich dem Auge viele
reizende Aussichten dar, theils in nahgelegene, tiefe, reich bewachsene
Bergschluchten hinab, theils nach dem, hier und da in großer Ferne
sichtbar werdenden, Meere hin. Die angränzenden Felder sind mit
verwitterten Lavablöcken, von oft ungeheurer Größe, und Lavaschlacken
besäet, und der ganze Boden zeugt von früheren vulkanischen Eruptionen,
die aber so sehr der grauen Vorzeit angehören, daß auch nicht einmal
mehr eine Sage davon sich im Munde des Volkes erhalten hat.

In einer Entfernung von drei bis vier Meilen von Jalapa, namentlich in
der Nähe des noch höher als Perote gelegenen Dorfes Las Vigas, ändert
sich die Scene; die üppige Vegetation des Südens ist verschwunden
und die Gegend nimmt einen rauhen und nördlichen Charakter an! Die
Menschen tragen wärmere Bekleidung und ihre Wohnungen sind nicht mehr
die aus Bambus und Bannana-Blättern erbauten Hütten, sondern ähnlich
den norwegischen Häusern, aus Balken zusammengefügt und mit Holz
gedeckt. Man sagt Las Vigas (Balken) sei der kälteste Punkt auf der
ganzen Route, und es zeige sich daselbst oft Reif, Schnee und Eis. Der
Eindruck, den die ganze Umgebung auf mich machte, entsprach dieser
Aussage vollkommen.

In Las Vigas sah ich mehrere Weiber und Kinder beschäftigt, Baumwolle
mit der Hand zu spinnen; in dem benachbarten Gebirge sollen viele
Weber wohnen, welche dieses Garn zu Stoffen verarbeiten, die von den
Landleuten getragen werden.

Mehrere 100 Fuß tiefer, immer aber noch mehr als 7000 Fuß über der
Meeresfläche, liegt Perote, am Fuß des Berges Cofre, -- so genannt,
weil seine Krone aus einer Felsenmasse besteht, welche dem Auge, nach
allen Seiten hin, die Form eines großen +Kastens+ darbietet. Dieser
Berg ist einer der bedeutenderen Mexicos und nach +Humboldt+ 4089
Metres hoch.

Nahe bei dem Flecken Perote liegt die Festung gleiches Namens, auf
welche sich die Mexicaner etwas zu Gute thun. Da ich das Innere
derselben nicht gesehen habe, so konnte ich keinen Vergleich mit dem
anstellen, was wir in der Art in Europa haben, und mußte es ihren
Versicherungen schon glauben, daß es ein fast uneinnehmbarer Platz
sei! -- Perote selbst ist ein unbedeutender Ort von nur wenig tausend
Einwohnern. Wir nahmen daselbst ein Frühstück ein von Chocolade,
Frijoles und Eiern, und fuhren sodann weiter. Hier fängt nun eine,
auf viele Meilen hin sich erstreckende, Hochebene an, von der nicht
viel Rühmliches zu sagen ist; man nennt sie an Ort und Stelle selbst
~el mal pais~, (das schlechte Land,) und ich will ihr die Ansprüche
an diesen Titel nicht streitig machen. Das einzige Merkwürdige, was
sich uns auf diesem Wege nach +Tepeyaqualco+, dem Ziele der Tagereise,
darbot, waren jene vielbesprochenen Lufterscheinungen, welche den ganz
nahen Feldern so täuschend den Anschein einer Wasserfläche geben, daß
Manche darin sogar die Abbildung von Bergen, Wäldern, Städten, Schiffen
u. s. w., wovon keine Spur in der Nähe vorhanden war, bemerkt haben
wollen. Dies letztere habe ich nun zwar nicht gesehen, wohl aber auf
das allerbestimmteste nahe gelegene Seen zu erblicken gewähnt, die bei
der Annäherung wieder verschwanden, und sich in das was sie in Wahrheit
waren, in dürre Haiden nämlich, verwandelten.

In +Tepeyaqualco+ fanden wir besseres Nachtquartier, als wir erwartet
hatten; zwar Zimmer ohne Fenster, und also Luft und Licht nur mittelst
der Thüre, aber gute Matratzen und reine Leinentücher. Abends erhielten
wir ein Huhn in Reis gekocht, und Morgens vor der sehr frühen Abfahrt
eine Tasse Chocolade, die übrigens in Mexico, selbst in dem ärmlichsten
~meson~ (Wirthshaus), stets ziemlich gut zu haben ist. Auch hier, wo
man z. B. früher, wenn man nicht auf der Erde schlafen wollte, sein
eigenes Bett mitbringen mußte, bemerkte Freund S..., daß in den letzten
Jahren ungemeine Fortschritte in allen Reisebequemlichkeiten gemacht
worden wären, was man denn wohl hauptsächlich den Unternehmern der
nordamerikanischen Diligence zu verdanken hat, welche dafür sorgen,
daß überall auf ihren Stationen gute Nachtquartiere in Bereitschaft
gehalten werden.

Von Tepeyaqualco (wo wir früh Morgens um 4 Uhr ausfuhren) kommt man
zuerst nach Ojo de Agua, woselbst -- wie der Name schon andeutet --
eine starke Quelle ist, die heißes Wasser aussprudelt, was jedoch hier
blos zum Waschen von Leinenzeug u. s. w. benutzt wird, während in
bevölkerten Ländern wohl gewiß schon längst ein Badeort um diese Quelle
herum angelegt worden wäre. --

Bald darauf erreichten wir +Nopaluca+, das schönste und größte Dorf,
das wir bis jetzt angetroffen hatten. Es hat viele gute Häuser und
eine schöne Kirche, ist recht lebendig, liegt in einer fruchtbaren
Gegend und hat einen südlicheren Zuschnitt, als alles, was wir zuletzt
gesehen. Hier begegneten wir der Vorhut der Truppen, welche das
Gouvernement gegen Vera-Cruz marschieren läßt, und erfuhren so zuerst
auf die unzweideutigste Weise, daß der Präsident Bustamante keinesweges
gesonnen sei, die Minister abzudanken, sondern vielmehr entschlossen,
die Santa Anna’sehe Revolution mit Gewalt zu unterdrücken.

Diesem Truppenmarsch hatten wir es wohl zum Theil zu danken, daß
wir an dem einige Meilen von hier gelegenen, wegen der vielen
Straßenräubereien sehr berüchtigten Hohlwege Pinal, glücklich und
ohne angehalten zu werden, vorbei gekommen sind. Jedermann, der diese
Gegenden bereis’t, ist daselbst auf einen Angriff gefaßt, und freut
sich, wenn er ihm entgeht, und in der That, man kann es auch, denn der
besagte Punkt bietet den Räubern allen Schutz und sichern Hinterhalt,
und ist daher sehr anlockend für die ~hombres de bien~, (Biedermänner,
-- wie man sie scherzweise nennt) welche dieses ehrenhafte Handwerk
treiben. Wenn diese ~caballeros~ keinen Widerstand finden, sollen sie
sich ganz manierlich bei ihrem Geschäft benehmen, mit dem Eigenthum
sich begnügen und den Personen weiter kein Leides zufügen. Den
geistlichen Herren lassen sie sogar auch oft ihre Habe, und bitten um
Entschuldigung, sie incommodirt zu haben. Kommt es jedoch zu einem
+Gefecht+, und die Räuber behalten die Oberhand, so ist natürlich nicht
allein das Eigenthum, sondern auch das Leben in Gefahr, und man hat in
solchen Fällen häufig arge Gräuelscenen erlebt. -- Während des Marsches
regulairer Truppen sind die Wege am sichersten; das Militair ersetzt
dann eine Gensd’armerie, die hier zu Lande sehr noth thut.

Der nun folgende Flecken +Amazoque+ ist sehr schön, groß und
freundlich, in einer fruchtbaren Ebene gelegen, umgeben von
ausgedehnten +Maquay+-Pflanzungen, von deren interessanter Behandlung
bei der Gewinnung des einträglichen Products Pulque ich Dir Näheres
sagen will, wenn ich selbst mehr darüber vernommen haben werde; für
jetzt nur so viel, daß Maquay die hiesige Provinzialbenennung für die
bekannte +Garten-Aloë+ (~Agave americana~) und Pulque ein geistiges
Getränk ist, das aus dieser Pflanze bereitet und von den Einwohnern
allgemein genossen wird.

In Amazoque trafen wir das Hauptquartier des Kriegsministers Facio,
der mit 1000 Mann gutberittener Cavallerie zu dem General en Chef
der Armee, Calderon, stoßen und die Operationen der Belagerung von
Vera-Cruz, von Jalapa aus, leiten helfen wird. Man scheint mithin Ernst
machen zu wollen.

Der letzte Theil des Weges führte uns nun durch ein offenes, aber
freundliches und stellenweise sehr fruchtbares Land, und noch vor
Sonnenuntergang sahen wir das schöne Puebla, mit seiner hohen
Cathedrale, vielen Kirchen und anderen, großen und kleinen, steinernen
Gebäuden vor uns liegen. Es war ein imposanter Anblick; denn diese
volkreiche Stadt von 60 bis 70,000 Einwohnern breitet sich über ein
bedeutendes Terrain aus, hat ein großartiges Aeußeres und ist reich an
freundlichen Spaziergängen, sowohl in der Nähe der Stadt, als nach dem
benachbarten Calvario-Berge hin, auf welchem ein dem heiligen Johannes
geweihtes Kloster erbaut ist, das sich von +der+ Seite her, von welcher
wir kamen, besonders in der Beleuchtung der gerade untergehenden Sonne,
sehr schön ausnahm.

Nachdem wir an der, leider in keiner größeren Stadt dieser Republik
fehlenden, ~Garita~, Zollstätte, die Untersuchung unserer Effecten
überstanden und unsere Pässe vorgezeigt hatten, gelangten wir endlich
wohlbehalten an das Büreau der Diligence, und fanden daselbst in der
~fonda francesa~ ein recht gutes Quartier. Wir erfrischten uns mit
einem, auf europäische Weise, schmackhaft bereiteten Mahl, und besahen
uns die Stadt noch ein wenig am Abend. Das Innere derselben entsprach
dem Aeußern, und die gut erleuchteten Straßen, so wie die große ~plaza~
vor der Cathedrale, machten auf uns den gewöhnlichen, befriedigenden
Eindruck einer +großen+ Stadt, den das Wiederbesehen am heutigen +Tage+
keinesweges verwischte oder schwächte. Denn Puebla ist wirklich schön
zu nennen; die Straßen sind alle rechtwinkelig nach der Schnur gebaut,
breit und reich an schönen Häusern. Die auf einem großen Platze
stehende Cathedrale ist ein prachtvolles Gebäude und mit Gold- und
Silberverzierungen wahrhaft überladen, -- nicht so mit Gemälden, deren
ich meistens nur mittelmäßige, darunter einige von Morillo, sah. Die
Kirche soll sehr reich seyn und stets einen baaren Schatz von vielen
Millionen Piastern besitzen, was natürlich der Geistlichkeit nicht nur
viel Ansehen, sondern auch großen Einfluß verleiht, welchen sie denn
auch +hier+, wie man sagt, in höherm Grade als irgend anderswo in der
Republik geltend macht.

Auch das Theater besahen wir noch gestern Abend einen Augenblick;
es ist höchst mittelmäßig und scheint nicht sehr besucht zu werden.
Dagegen desto mehr die +geistlichen+ Darstellungen auf der Bühne, von
denen es mir stets ein Räthsel war, daß sie gerade in katholischen
Ländern stattfinden, da doch bei denselben die geistlichen Herren
keinesweges mit Achtung behandelt, oder auch nur geschont werden. Ob
man dadurch die übermäßige Verehrung, welche der gemeine Mann dem
Priester zollt, etwas herabstimmen will, oder ob sich der geistliche
Stand so hoch gestellt glaubt, daß er das Lächerliche nicht zu fürchten
habe, weiß ich nicht, daß er aber in diesen Vorstellungen lächerlich
gemacht wird, ist gewiß.

Freund S... und ich hatten in Jalapa Empfehlungsbriefe an Don M. A.,
Präsidenten des Conseils von Puebla, erhalten, und machten ihm heute
nach der Messe (es ist Sonntag) unsern Besuch. Der Herr Präsident, der
ein sehr schönes und äußerst elegant möblirtes Haus bewohnt, empfing
uns zwar mit spanischer Grandeza, aber doch sehr höflich und lud uns
zu Tische, was wir jedoch ablehnten. Aus seiner Unterhaltung und
den Aeußerungen seiner Umgebung, die außer der Familie aus mehrern
Priestern und Hausfreunden bestand, ging deutlich hervor, daß man in
+Puebla+ nicht allein die Vera-Cruzer Revolution, sondern auch die
früher vom Congresse selbst decretirte Landesverweisung der Altspanier
mißbilligte, und diese letzteren zurückwünschte. Auf +Santa Anna+
waren daher besonders die geistlichen Herren nicht gut zu sprechen,
und prophezeiten seinen nahen Untergang. Die Damen nahmen an der
Unterhaltung, in diesem Sinne, Theil, waren übrigens sehr artig und
präsentirten uns Papiercigarren, deren sie selbst sich gleichfalls
bedienten. Das Tabackrauchen von Damen sah ich hier zum erstenmal in
guter Gesellschaft, und es frappirte mich in der That nicht wenig, als
die elegant gekleidete Frau vom Hause ein goldenes Büchschen aus dem
Busen nahm, mir eine Papiercigarre anbot, und als ich sie ausschlug,
sich ganz ruhig die ihrige anzündete, und, wie es schien, auch gut
schmecken ließ.

Ein anderer, von dem unsrigen abweichender, freilich geringfügiger,
Gebrauch ist die Stellung der Stühle in den Empfangs- und
Gesellschaftszimmern. Sie stehen alle an der Wand, die Stuhl an
Stuhl besetzt ist, und werden nicht wie bei uns herangezogen, um
die Unterhaltung vertraulicher zu machen, sondern ein Jeder setzt
sich dahin, wo der Stuhl steht, mithin an die Wand, wodurch denn die
Sprecher oft sehr weit aus einander kommen, und die Conversation
schwerfällig gemacht wird. Vielleicht ist es in der Hauptstadt damit
anders; hier aber fand ich es, so wie ich es eben beschrieben.

Fremde, wenn es nicht Altspanier sind, die von den Pueblanern gar
nicht als Ausländer betrachtet werden, sind hier nicht beliebt, ja
sogar als Ketzer gehaßt, und werden häufig von dem, von oben herab
dazu aufgeregten, Pöbel, den ~lépero’s~, deren Puebla eine große Menge
besitzt, insultirt, weshalb man denn auch in keiner großen Stadt der
Republik so wenige +nichtspanische Europäer+ sieht, als hier. -- Man
versichert mir, es seyen deren hier nur zwei ansäßig, die zwar gute
Geschäfte machen, aber sich keinesweges ruhig und behaglich fühlen
sollen.

Vor einer Stunde, am Abend, ward hier unter großem Lärm ein
Extra-Zeitungsblatt ausgeschrien, mit der Nachricht, daß der General
Santa Anna, von seinen zu ihrer Pflicht zurückgekehrten Truppen
ergriffen, vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen worden sei!
Wir, die wir Vera-Cruz erst vor wenigen Tagen verlassen haben, wissen,
daß kein wahres Wort daran ist. -- Dies wissen auch noch viele Andere,
aber das thut nichts; der große Haufe glaubt daran, und das genügt der
Gegenparthei! -- ~Tout comme chez nous!~ --

Doch genug von Puebla. Morgen reisen wir weiter und zwar abermals
per Diligence, deren zwischen hier und Mexico eine für 9 Personen
täglich fährt, und sich täglich füllt. So sehr vermehrt diese bequeme
Reise-Gelegenheit das Reisen selbst. Noch vor wenig Jahren brauchte man
von hier auf Mexico zwei Tage zu Pferde, jetzt fährt man des Morgens
um 6 Uhr von der einen Stadt ab, und kömmt bei guter Zeit am Abend in
der andern an. Wem verdankt das Land aber solche Verbesserungen anders,
als den +Fremden+? Und doch haßt man sie in Puebla! Aehnliches hat man
indessen auch wohl bei uns erlebt. Adios!


  Mexico, den 21. Januar 1832.

Also auch von hier aus soll ich Dir schreiben! Von wie vielen Punkten
aus habe ich es nicht schon im Leben gethan? und von wo aus wird es
noch ferner geschehen? -- Der Himmel allein weiß es! Ich würde Dir
übrigens meine endliche, glückliche Ankunft an diesem ersten und
Haupt-Ziele meiner großen Reise schon vor mehreren Tagen haben anzeigen
können, wenn die Post früher als heute expedirt worden wäre, denn wir
legten den Weg von Puebla hieher in einem Tage zurück und kamen somit
schon am 16ten des Abends hier an. Bis nach dem freundlichen Flecken
San Martin führt die Straße durch eine überaus fruchtbare, schön und
reich angebaute Gegend, wahrhaft einladend zum “Hüttenbauen.” -- Die
reichen Kornfelder, die grünen Wiesen mit ihren zahlreichen Heerden
und die ausgedehnten Wirthschafts-Gebäude auf den großen Landgütern,
welchen wir vorbeifuhren, geben dem Ganzen ein so europäisches Ansehen,
daß wir in heimathlichen Gefilden zu seyn gewähnt haben würden, wenn
uns nicht das schöne warme -- ja heiße Wetter (in dieser Jahrszeit doch
nur hier zu finden) enttäuscht hätte.

Auf ungefähr halbem Wege von Puebla nach San Martin ist ein Punkt,
vielleicht der einzige im ganzen Lande, auf welchem man die +drei+
berühmten Vulcane Mexico’s mit ihren ewigen Schneekuppeln, den
+Orizaba+, den +Iztaccihuatl+ und den +Popocatepetl+, am Horizont
zugleich sieht, was, wie Du denken kannst, einen eigenthümlichen, ja
erhabenen Anblick gewährt; man verliert sie jedoch bald wieder aus dem
Gesichte und behält späterhin, auf der Hochebene von Mexico, nur noch
die beiden letztern im Auge.

In San Martin, wo wir in einem äußerst reinlichen Wirthshause die
Chocolade einnahmen, begegneten wir dem dritten Regiment Infanterie auf
seinem Marsch gegen Vera-Cruz; ich kann nicht sagen, daß ich von dessen
militairischer Haltung sehr erbaut gewesen wäre; indessen ich will
nicht voreilig urtheilen, und von dem theilweisen Mangel an Schuhen,
Jacken u. dgl. m. nicht auf einen Mangel an Courage schließen! -- Die
Leute schienen bereits viel von der Hitze gelitten zu haben, wie wird
dies aber erst werden, wenn sie an die Küste kommen? --

Der weitere Weg nach Mexico ging nun über ein hohes Gebirge, dessen
höchster Punkt Rio frio ist, so genannt von einem klaren, in rasch
wogenden Wellen vorbeifließenden Waldstrome; es ist davon jedoch weiter
nichts zu sagen, als daß es hier, wie bei einer Höhe von 8000 Fuß über
der Meeresfläche zu erwarten steht, sehr kalt ist, daß man daselbst in
einem schlechten Wirthshause einkehrt, und nicht weit davon oft von
Räubern angefallen werden soll. --

Der Berg ist mit starken Waldungen bedeckt, die auf der Seite nach
Mexico hin nach und nach verschwinden und so dem Auge einen schönen
Blick in das +Thal von Mexico+ eröffnen, wenn anders einer, zwar
von hohen Bergen rings umgebenen, aber nach Länge und Breite so
ausgedehnten Ebene, daß sie Städte, Flecken, Dörfer und Seen in sich
faßt, die Benennung “+Thal+” gegeben werden soll. Ich kann nicht sagen,
daß ich von der Aussicht in diese Ebene, von oben herab, so entzückt
gewesen wäre, wie manche Andere. Die Gegenstände sind dem Auge zu sehr
entrückt, um irgend eine andere Naturschönheit bewundern zu können, als
die der oft riesigen Berge, die man in den mannigfaltigsten Formen nach
allen Seiten hin, theils nahe, theils in großer Ferne, erblickt. Dieses
geologische Panorama nimmt sich aber nach meinem Geschmack schöner
unten im Thale als oben auf dem Berge aus; -- +eigenthümlich+ jedoch
von beiden Standpunkten.

In die Ebene selbst kamen wir erst bei Sonnen-Untergang, indem wir
einen Aufenthalt in dem Gebirge hatten, der sehr unangenehm für uns
hätte werden können. -- Als wir nämlich ausstiegen, um einen Theil des
steilen Abhanges zu Fuße zu gehen, gewahrten wir, daß der hinten an der
Diligence befestigte Bagage-Korb nicht mehr vorhanden war! Du kannst
Dir unsern Schrecken denken, -- denn man hat auf einer solchen Reise in
den Koffern nicht bloß Kleidungsstücke, die sich allenfalls ersetzen
ließen, sondern -- was wichtiger und nicht zu ersetzen ist -- seine
+Papiere+! Die Frage war nun, ist der Korb geraubt, oder durch einen
der schon gerügten, sanften Stöße abgesprungen und auf dem Wege liegen
geblieben? -- Glücklicherweise war letzteres der Fall, und nachdem
wir etwa eine Meile zurückgefahren waren, sahen wir die ganze Bagage
auf der Landstraße liegen, und einige Indianer eben im Begriff, sich
mit dem Inhalt derselben bekannt zu machen. Wir ersparten ihnen diese
Mühe, der Korb ward auf’s Neue befestigt, wir fuhren weiter -- und
erreichten, wie gesagt, die Ebene bei Sonnen-Untergang, -- aber dennoch
früh genug, um uns an dem Anblick einiger schönen, großen indianischen
Dörfer, und an den hohen Cactus-Wänden, womit ihre freundlichen Hütten
umgeben und ihre Straßen abgesteckt sind, zu erfreuen! Bei dem hier
statthabenden Pferde-Wechsel boten uns die Einwohner von allen Seiten
Blumen, Orangen und sonstige Früchte des Südens zum Verkauf an, und
schienen froh und guter Dinge. --

Ueber den großen Steindamm, der von hier nach der Stadt Mexico
führt, und die beiden Seen, den +salzwasserigten+ zur Rechten, und
den +süßwasserigten+ zur Linken, von einander trennt, fuhren wir
beim schönsten Mondenschein, wurden unweit der Garita von unserm
Friedrich und einigen seiner Freunde zu Pferde eingeholt, und kamen
-- so -- gegen 8 Uhr Abends, gesund und wohlbehalten, in die große
Föderativstadt der noch größeren Republik Mexico!

Du weißt mich nun hier, -- bei dem eigenen Sohne und in dem gleichsam
eigenen Hause, und bist für heute mit dieser Mittheilung ja wohl
zufrieden.


  Mexico, den 23. Januar 1832.

Du wirst nun auch wohl etwas Ausführliches über diese große, in
Europa so gerühmte Stadt und meinen Aufenthalt in derselben, von
mir hören wollen? Wohlan! ich gehorche und berichte wie folgt: Wenn
mir die Stadt bei unserer neulichen, nächtlichen Einfahrt durch die
langen, mit Laternen erleuchteten Straßen, schon als eine sehr große
erschien, so hat sich mir seitdem, am Tage, dieser Eindruck vollkommen
bestätigt und man kann, in vieler Hinsicht, Mexico nicht anders als
großartig nennen; man würde “+schön+” hinzufügen müssen, wenn etwas
mehr Sorgfalt auf das Aeußere der, mitunter sehr großen, Häuser und
Gebäude verwandt würde; -- aber man sieht diesen nur allzusehr den
Verfall, oder doch die Vernachlässigung an, welche stets die Folgen
bürgerlicher Unruhen in einem Lande sind. Nur +Friede+ und der Glaube
-- die Ueberzeugung -- des +ruhigen, gesicherten Besitzthums+ kann
die Wohlhabenden veranlassen, auch dem Aeußeren ihrer Wohnungen den
Stempel des Reichthums aufzudrücken! -- Diese Ueberzeugung mangelt
aber leider jetzt in diesem schönen Lande gänzlich, und es geschieht
daher in +der+ Art kaum das Nothwendigste; selbst nicht einmal an
dem National-Pallast, (dem jetzigen Regierungs-Local) und andern
öffentlichen Gebäuden. -- Da Mexico 160- bis 180,000 Einwohner zählt
und dabei keineswegs übervölkert erscheint, indem in den vorhandenen
Gebäuden wohl Raum für mehr als 200,000 zu finden wäre, so begreift
man, daß es einen großen Flächenraum einnimmt. Die Straßen sind breit,
in graden Linien gezogen und mitunter sehr lang, denn einige derselben
durchschneiden die ganze Stadt. Am Ende einer jeden Straße sieht man
übrigens hohe Berge, die, wie bereits gesagt, die ganze Ebene ringsum
einschließen, und, wegen der hier so sehr dünnen Atmosphäre, dem Auge
weit näher erscheinen, als sie wirklich sind. Die Luft ist hier so
hell und rein, daß man, in bedeutender Entfernung, auf sehr hohen
Bergen die einzelnen Baumstämme mit dem nackten Auge deutlich erkennen
kann.

Die meisten Häuser haben nur zwei Stockwerke, d. h. eins auf
gleicher Erde und eins darüber, viele jedoch außerdem noch einen
Zwischenstock (~entresuelo~) so daß sie in der Regel keinesweges von
niedrigem Ansehen sind; ja es mangelt auch nicht an drei- und selbst
vierstöckigen Gebäuden und mitunter findet man sogar große Palläste,
die früheren Wohnungen des hohen Adels. Unter diesen verdienen
besonders genannt zu werden: erstens das Haus, welches zuletzt der
ephemere Kaiser +Iturbide+ bewohnte, sodann die großartig angelegte,
noch immer im Bau begriffene Minaria, ferner der National-Pallast
(ehemalige Wohnung der Vice-Könige), die Münze, das Museum oder
Universitätsgebäude, und -- unter den Klöstern und Kirchen, deren es
hier in Menge giebt, vor allem die große, ausnehmend schöne Cathedrale!

Diese an der einen Seite, der National-Pallast an der andern, und
zwei Reihen hoher, mit Colonaden versehener Häuser an den beiden
übrigen Seiten, bilden ein Viereck, wie ich kein größeres in irgend
einer Stadt von Europa gesehen habe, und dieser Platz, wo bei großen
Feierlichkeiten die militairischen Revüen, wie auch geistliche
Processionen u. dgl. m. gehalten werden, würde in der That +ungemein+
groß seyn, wenn ihm nicht an einer Seite, durch eine Reihe von
Kaufmanns-Buden, welche der Parian genannt sind, und durch die vor
einigen Jahren stattgehabte Plünderung derselben eine traurige
Celebrität erlangt haben, ein beträchtliches Stück abgewonnen wäre.
-- Die Cathedrale ist zwar im Innern bei weitem nicht so reich
ausgeschmückt, wie jene von Puebla, aber dennoch schön und viel größer
als jene; von Außen ist das Gebäude imponirend, symetrisch und zum
Theil im gothischen Styl ausgeführt, namentlich die an der linken
Seite unter Cortes selbst erbaute Capelle; an der entgegengesetzten
Seite ist der etwa 10 Fuß im ☐ große Stein mit dem berühmten
altmexicanischen, hieroglyphischen, von den Europäern aber nicht
entzifferten, Sonnen-Kreis eingemauert. -- Die Cathedrale, so wie sie
ist, muß man schön nennen. Dies kann man aber von dem erstgenannten
National-Pallast nicht sagen! Dieser ist zwar lang -- (er nimmt die
ganze eine Seite des Vierecks ein) aber nur zwei Stock hoch, mit einem
~entresuelo~, oder einer ~Mansarde~. Das Gebäude imponirt deshalb nicht
genug, und ich wundere mich in der That, daß die vormaligen Vice-Könige
Spaniens sich keine prachtvollere Residenzen erbaut haben, da es ihnen
doch an Vorbildern dazu -- in der Stadt Mexico selbst nicht mangelte
und noch weniger an dem dazu erforderlichen Gelde. -- Den linken Flügel
des Pallastes, dessen Salons geräumig, und wenn auch einfach, doch ganz
geschmackvoll meublirt sind, bewohnt jetzt der Präsident der Republik.

Der übrige Raum ist durch die verschiedenen Bureaus aller
Administrationszweige occupirt, und der Präsident hat es in dieser
Hinsicht ganz bequem, denn während der Geschäftsstunden sind ihm
die Herren Minister immer zur Hand, was er denn auch, wie man sagt,
benutzt, indem er sie häufig zu sich berufen läßt. Auch die Säle
für die Deputirten-Kammer und den Senat sind durch einen Anbau in
den Höfen des Pallastes so angebracht, daß der Präsident aus seinen
Zimmern über die Hof-Gallerie dahin gehen kann. Sie zeichnen sich
durch Zweckmäßigkeit und Eleganz aus. -- Das Local des Senats ist zwar
etwas klein, aber jenes für die Deputirten läßt in der That nichts
zu wünschen übrig. Der Saal ist groß, geräumig, hell und so hoch,
daß ringsum zwei Reihen Gallerien für die Zuhörer angebracht werden
konnten. (Die Sitzungen werden hier öffentlich gehalten, und nur bei
geheimen Beratungen geschlossen). Die Bänke sind amphitheatralisch
gestellt und haben Raum für mehrere Hunderte. Dem diplomatischen Corps
ist eine eigene Loge eingerichtet. Die Sitze der Deputirten gehen
in einem Halbzirkel um den Thron herum, unter dessen Baldachin zwei
gepolsterte Armstühle stehen, wovon, bei Eröffnung und Schließung des
Congresses, der zur +Rechten+ von dem Präsidenten der Kammer, der zur
+Linken+ von dem Präsidenten der Republik eingenommen wird. In den
gewöhnlichen Sitzungen nimmt der Präsident der Kammer seinen Platz
neben den Secretairen, an der, vor dem Throne stehenden, großen Tafel.
Die Fußböden sind mit Teppichen belegt und die ganze Decoration ist
geschmackvoll. An beiden Seiten des Saales sind Zimmer angebracht, in
welchen sich die Deputirten, unter sich oder mit Andern, die sie etwa
herausrufen lassen, besprechen können.

Wenn ich nun dieser etwas weitläufigen Beschreibung des Pallastes noch
hinzufüge, daß die Parthie gleicher Erde in Hauptwachen, Magazine
für Pulver und Kriegsvorräthe und in Gefängnisse vertheilt, und daß
über dem Haupt-Eingange in der Mitte ein Thürmchen angebracht ist,
auf welchem die National-Flagge (grün, roth und weiß mit dem Adler im
weißen Felde) weht; so habe ich in der That alles gesagt, was darüber
zu sagen ist und hoffe, Du wirst Dir ein ziemlich richtiges Bild davon
machen können. -- Die Münze, das Museum und einige andere öffentliche
Gebäude habe ich noch nicht besucht und berichte darüber ein andermal.

Die Beschreibung meiner eigenen Wohnung interessirt Dich ja wohl
ohnehin mehr, als alle andern und ich gehe daher zu dieser über.

Die Mehrzahl der gewöhnlichen Häuser und namentlich das, welches wir
bewohnen, haben einen viereckten Hofraum (~Patio~) in der Mitte, in
welchem auch die Stallung für die Pferde angebracht ist. -- Der untere
Theil des Hauses ist, in der Regel, Geschäfts-Local, Waaren-Magazin
u. s. w. Keller hat man hier nicht, da der Boden, auf welchem Mexico
steht, einem der früher hier gewesenen Seen abgewonnen ist und da, in
der Regenzeit, das Wasser von unten herauf bis an die Fußböden der
Magazine steigt. -- Die Wohnung ist im zweiten Stock. Die Zimmer sind
luftig, freundlich, oft groß und schön; die Fenster reichen bis zum
steinernen Fußboden herab und öffnen sich häufig auf einen Balcon nach
der Straße hin; über dem Patio, ringsum, läuft eine Gallerie, die nach
den Zimmern führt und gewöhnlich mit schönen Cactus-Pflanzen und andern
Blumen besetzt ist und statt des Gartens dient. Dieser Gebrauch macht
das Innere des Hauses sehr freundlich, denn die Gewächse blühen das
ganze Jahr hindurch; unser Gärtchen ist z. B. jetzt mit allem versehen,
was Auge und Nase erquicken kann. -- Das Ameublement richtet sich ja
überall, und somit auch hier, nach den Umständen des Bewohners. Einige
Häuser sind sehr elegant meublirt und decorirt; das unsrige ist recht
gemüthlich und ich vermisse in demselben nichts, als das wohlthätige
“Schalten und Walten der Hausfrau.” Ich arbeite in meinem hübschen
Zimmer, vorne heraus, und empfange die formelleren Besuche in einem
daran stoßenden Salon, wie z. B. gestern den Minister Alaman, dem ich
mein Empfehlungsschreiben von Herrn v. Humboldt eingesandt hatte und
der darauf hin zuvorkommend genug war, mir den ersten Besuch zu machen.

Oben auf der ~Azotea~ (dem flachen Dache, welches hier alle Häuser
haben) hält man sich denn wohl, -- wie z. B. ich -- zum freundlichen
Andenken an deine Liebhaberei -- Hühner, Kalkuten und Tauben die
Menge, und wir freuen uns beim Frühstück der frischen Eier von der
eignen Zucht! -- Das werdet Ihr zu Hause wohl recht nett und auch
ganz begreiflich finden, gewiß aber minder so, daß +hier oben+ auch
der Kettenhund liegt, der “Haus und Hof getreu bewacht,” und doch ist
es so. Dies geschieht nämlich um der flachen Dächer willen, welche das
Uebersteigen von einem Hause ins andre, und somit das Berauben von
+oben herab+ sehr leicht macht, während man von +unten+ her, wo der
Eingang wohl verwahrt ist, und der Pförtner neben der Pforte seine
Wohnung hat, nichts befürchtet.


  Mexico, den 29. Januar 1832.

Durch die vielen Expressen, welche von dem Gouvernement nach der Küste
gesandt werden, mehren sich die Schreib-Gelegenheiten nach Europa und
ich benutze sie, um mit Dir zu plaudern und Dich von allem was vorfällt
unterrichtet zu halten.

Die Regierung will nun sehr strenge Maaßregeln gegen die Vera-Cruzaner
Revolution nehmen, wird sie aber, nach meiner Meinung, nicht
durchsetzen können; denn während z. B. der Congreß den Hafen von
Vera-Cruz für geschlossen, also in Blokadestand erklärt, ermangelt
die Regierung aller Marine, um einem solchen Beschlusse Folge zu
geben, und Schiffe kommen und gehen somit, nach wie vor. -- Man will
sodann Vera-Cruz von der Landseite belagern, beschießen, mit Sturm
nehmen u. s. w.; aber das ist alles leichter gesagt als gethan, und
ich bin überzeugt, das Gouvernement überschätzt +seine+ Kräfte und
unterschätzt jedenfalls die des Feindes. Da ich noch kürzlich die
Vertheidigungsmittel der Vera-Cruzaner an Ort und Stelle selbst gesehen
habe, so kann ich mich oft nicht genug wundern über die Verachtung,
mit der man hier davon spricht; man scheint sich vorsätzlich darüber
täuschen und selbst Augenzeugen nicht glauben zu wollen. Was nun
aber die übrigen Ressourcen Santa Anna’s betrifft, so vergißt man,
wie mich dünkt, daß er sich nicht allein im Besitz der bedeutendsten
Douanencasse der Republik, sondern auch in dem des wichtigsten Hafens
derselben befindet, und von dort aus mit Europa und den vereinigten
Staaten von Nordamerika communiciren und von diesen letzten schnell
alle seine Bedürfnisse beziehen kann. Beschränkt er sich also auf die
Defensive, so wird es schwer halten ihm etwas anzuhaben, besonders
da zu seiner Bezwingung nur noch wenige Monate übrig sind; im Monat
Mai können die Truppen vom Hochlande das Küsten-Clima schon nicht
mehr vertragen. Inzwischen -- die Zeit wird es lehren! -- Hier
aber, in der Hauptstadt, ist mittlerweile Alles ruhig, man geht und
fährt spatzieren, und besucht Theater, Stiergefechte und Tertullas
(Gesellschaften) als ob von keiner Revolution die Rede wäre. Daß ich
das Alles ~cum grano salis~ mitmache, kannst Du denken, denn das ist ja
nun einmal so der Lauf der Welt, daß man thut wie Andre thun!

Der gewöhnliche Spatziergang hier ist nach der, an dem nördlichen Ende
der Stadt gelegenen Alameda, wohin ich des Morgens vor dem Frühstück
gehe und einen oder den andern Bekannten treffe (Friedrich reitet dann
wohl eine Strecke Weges außerhalb der Stadt) und ich wiederhole die
Promenade am Abend, wo es oft sehr voll und belebt ist. Diese Alameda
ist ein großer, von einer niedrigen Mauer umzäunter, mit Gitterthoren
versehener, aber für jedermann offener, viereckter Platz, der im
Innern für Fußgänger park- und gartenartig, im alten Styl, angelegt
ist. Der Baumwuchs ist hier schön, mitunter sehr hoch, und das Laub
muß im Sommer einen angenehmen Schatten verbreiten; grade jetzt ist
alles wieder im frischen Ausschlagen, wie bei uns im Mai. In der Mitte
des Gartens ist ein großer, hier und da ein kleinerer Springbrunnen
angebracht, welche ihr Wasser von der berühmten, hier vorbeilaufenden
Wasserleitung empfangen, von der ich ein andermal sprechen werde. --
Die große Fontaine bildet das Centrum, von wo aus sich die hinlänglich
breiten Gänge nach allen Richtungen ziehen, und das ganze Viereck
umgiebt ein schöner Fahrweg für die Equipagen und Reiter. Hier nun
bewegt sich, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, die Beaumonde von
Mexico und fährt oder geht dann um die Zeit der Oracion[8] zurück, um
für den übrigen Theil des Abends, nach eingenommener Tasse Chocolade
(oder, wie bei uns der Fall, einer Tasse Thee) Theater, Oper oder
Gesellschaft zu besuchen.

Das Schauspiel und die italienische Oper sind hier nicht schlecht;
die spanische Declamation gefällt mir sehr wohl und es wird mit
vieler Decenz gespielt. Garderobe und Decorationen sind reich
und geschmackvoll und das Costüm meist richtig gewählt. Bei der
italienischen Oper sind einige Künstler des ersten Ranges angestellt,
die man von Europa hat kommen lassen, und die sehr hoch salarirt
werden, was deshalb geschehen kann, weil das Gouvernement die Oper
jährlich mit 20,000 Pesos unterstützt! Etwas zu viel für eine Republik,
die noch so manches Nothwendigere zum Wohl des Landes zu thun und
zu unterstützen hat! Das Ballet ist das mindest Vollkommene ans der
hiesigen Bühne; inzwischen geht es doch noch, was aber das wenigst
Gute von allem ist und weder von außen noch innen den Erwartungen
entspricht, die man davon in einer großen Hauptstadt zu hegen
berechtigt ist, das ist +das Haus selbst+! Die Logen haben übrigens
nichts desto weniger oft ein ganz brillantes Ansehen, wenn viele Damen
gegenwärtig sind, denn diese kleiden sich geschmackvoll und reich;
-- Eheherren und Papas wollen behaupten +zu reich+! Hieran sind denn
aber die Herren selbst schuld; denn nirgends in der Welt zieht man die
Kinder der besseren Gesellschaft wohl systematischer zur Putzsucht
heran als hier, wo ich sie im Alter, in welchem sie eben erst gehen und
stehen gelernt, nach allen Regeln des Pariser Mode-Journals aufgeputzt
gesehen habe!

Ein wahrer Greuel im hiesigen Theater ist aber doch das Rauchen von
Cigarren, welches im Parterre und Parket von fast Jedermann geschieht,
was für Nichtraucher, wie mich, höchst unangenehm ist. Früher
schmauchten die Damen in den Logen ihre Papier-Cigarren nicht minder;
jetzt nimmt diese fatale Sitte doch etwas ab und man sieht es nur noch
ausnahmsweise -- aber man sieht es doch noch!

Beim Stiergefechte, nun ja, da laß ich mir das Rauchen noch gefallen;
da sitzt man doch im Freien; hier ist’s sogar vielleicht gut
angebracht, denn hier ist, wie Du denken kannst, die Gesellschaft sehr
gemischt! Es gewährte mir übrigens eine angenehme Ueberraschung, als
ich zum erstenmale eintrat in jenen großen Circus, das rege Gewühl
der Tausende von Zuschauern aller Farben zu sehen, wie sie, in ihrer
bunten, den Regenbogen an Farbenmischung überbietenden, aber nicht
ungefälligen Nationaltracht, in vier bis fünf übereinanderlaufenden
Reihen von Logen da saßen, in gespannter Erwartung der Dinge, die
da kommen sollten! Diese Spannung theilte denn auch ich sehr bald
mit allen Uebrigen und freute mich, als die anwesende Militairmusik,
durch das Aufspielen eines Marsches, die Ankunft der Kampfrichter kund
that. Es dauerte nun nicht lange, so rief die Trompete, auf Befehl
der Richter, zwei Caballeros zu Pferde, mit Lanzen bewaffnet, auf den
Kampfplatz! Ein zweiter Trompetenstoß öffnet das Thor, aus welchem der
bereits gereizte Stier wüthend hervorstürzt.

Beim Anblick der beiden Reiter stutzt derselbe und wählt sich einen
aus, dem er sich muthig entgegenstellt. Der Reiter darf ihn nur von
vorne angreifen, und darf ihm keinen Stoß beibringen wenn der Stier
ihm den Rücken wendet, oder ausweicht. Dies thut das Thier aber nur
selten, öfter faßt es das Pferd von der Seite und streckt es sammt
dem Reuter in den Sand, wobei denn nicht selten dem Pferde die ganze
Seite durch die Hörner des Stiers aufgerissen wird. Der zweite Kämpe
rettet nun den gefallenen Cameraden vor der Wuth des Stiers dadurch,
daß +er+ den Kampf aufnimmt. Nachdem sich das Thier auch mit diesem
herumgequält und mehrere Lanzenstiche empfangen hat, wird es durch
einen Trompetenstoß von +diesen+ Feinden erlös’t, und einer Anzahl
Kämpfer zu Fuß überliefert, welche den Stier auf alle Weise, durch
Vorhalten rother Tücher u. dgl., necken und reizen und ihm dabei
Widerhaken mit bunten Bändern, oder auch mit Feuerwerken, in den
dicken, vor Wuth angeschwollenen, Nacken stecken, deren Abbrennen ihn
oft so betäubt, daß er zuletzt ganz stille steht und den Ausgang ruhig
abwartet! Ein abermaliger Trompetenstoß macht auch dieser Quälerei ein
Ende -- und bringt den Hauptmann, den +Matador+ (Todtschläger) auf den
Kampfplatz. Dieser, in phantastisch-eleganter Kleidung, in seidenen
Strümpfen und Schuhen, mit einem rothen Tuch und einem langen, graden
Schwerdte versehen, reizt nun mit ersterem den Stier, sucht grade auf
ihn einzudringen und versetzt ihm dann den Stich in den Nacken, der
ihn fast augenblicklich zusammenstürzen macht. Zeigt das Thier noch
einiges Leben, so giebt ihm der beistehende Schlächter den Gnadenstoß
mit einem kurzen Messer, und er wird nun von seltsam aufgestutzten,
bebänderten Pferden, unter frohlockender Musik und Volksjubel, von dem
Platze hinweggezogen! Hanswürste, die bei solchem Specktakel ja nie
und nirgends fehlen, eilen herbei, bedecken die blutigen Stellen mit
frischer Erde und bereiten die Scene für den nächsten Stier, dem ebenso
mitgespielt wird! Dies wiederholt sich an demselben Nachmittage fünf
bis sechsmal. Endlich wird zum Schluß ein Stier, mit Kugeln auf den
Hörnern, dem Volke preisgegeben, und von einer Masse von Knaben und
Burschen, die nun in den Circus springen, zu Tode gehetzt, obwohl nicht
ohne Gefahr, daß einige von ihnen, wie oft geschieht, von dem wüthenden
Thiere in die Luft geschleudert werden und einige Rippen zerbrechen.

Da ich diesem Schauspiel mehr als einmal beigewohnt habe, so finde ich
für nöthig, hinzuzufügen (um nicht in den Verdacht einer blutdürstigen
Natur bei dir zu kommen) daß die Beschreibung grausamer klingt, als die
Sache selbst erscheint! Das Recht der Selbstverteidigung, welches dem
Stier gelassen wird, und dessen er sich in vollem Maaße bedient, nimmt
der Scene das Ansehen der Grausamkeit. Stiergefechte sind übrigens
hier, wie in Spanien, Volkssitte, und diese heiligt Alles!


  Mexico, den 21. Februar 1832.

Ich habe Dir zwar in den letzten drei Wochen nicht geschrieben, aber
Deiner darum nicht weniger in Liebe und Sehnsucht gedacht! Wann thäte
ich das auch nicht? -- Ich hatte diesmal aber noch eine besondere
Veranlassung dazu; denn nie sehnt man sich ja mehr nach den entfernten
Lieben, als vom Schmerzenslager aus; und auf diesem habe ich leider
gelegen, und bin noch immer nicht ganz davon erstanden. Kaum war
nämlich mein letzter Brief an Dich gesiegelt und expedirt, so sollte
(es war ein schöner heiterer Sonntag) ein Spazierritt aufs Land gemacht
werden, die Pferde waren gesattelt und warteten unserer im Hofe, der
leider nicht gepflastert, sondern mit steinernen Platten (Fliesen)
belegt ist. Ich bestieg mein Pferd zuerst, griff den Zügel etwas
kurz, das Thier bäumte sich, glitschte mit beiden Hinterfüßen auf den
glatten Steinen aus, und fiel um! Leider kam ich dabei nicht aus dem
Sattel, sondern fiel mit dem Pferde, welches mit seiner ganzen Schwere
auf mein linkes Bein zu liegen kam, und es nicht wenig quetschte. Als
ich nun unter dem Pferde hervorgezogen ward, konnte ich nicht stehen
noch gehen, sondern mußte hinauf getragen werden, nach einem Wundarzte
schicken, mir Aufschläge und Bandagen anlegen, und mich vorläufig aus
der Cavallerie ausstreichen lassen. -- Gebrochen scheint nichts zu
seyn, aber die Knöchel sind stark gedrückt und das Fußgelenk ist ganz
steif und geschwollen. Ich fürchte daher, es wird eine langwierigere
Sache werden, als der Arzt anfangs glaubte, der mir nach den ersten
acht Tagen erlaubte, ja mich sogar aufmunterte, nach dem Pferderennen
zu fahren. Ich hätte wohl besser gethan, das zu unterlassen; indessen,
da ich nun einmal dort war, so will ich Dir auch ein paar Worte davon
sagen.

Dies Pferderennen ist, nicht ohne große Kosten, durch einen Verein von
Ausländern (hauptsächlich Engländern) und Mexicanern in Gang gebracht
worden, und wird etwa eine Meile von hier aus einer Haide gehalten. Der
Weg dahin führt an der berühmten, auf einem hohen Felsen romantisch
gelegenen, Capelle ~de nuestra Señora de Gouadaloupe~, (wovon ich
später, wenn ich einmal da gewesen bin, wohl auch etwas zu erzählen
haben werde) vorbei. Die Rennbahn ist in gerader Linie abgesteckt, und
am Ende derselben sind Buden mit erhöhten Sitzen für die Zuschauer
angebracht. Die Bahn ist nicht über 3 bis 400 Schritte lang, denn man
behauptet, daß hier oben, (der feinen, dünnen Luft wegen) kein Pferd
einen Wettlauf von mehr als 500 Schritt würde aushalten können (?).
-- Die bei dem hiesigen Rennen concurrirenden Pferde sind alle von
mexicanischer Zucht, stark und schnellfüßig, aber ohne Schönheit und
Grazie, und mit den edelgeformten englischen Wettrennern (~racehorses~)
eben so wenig zu vergleichen, als das Wettrennen selbst mit denen
in England, wo es Nationalsitte ist und Tausende von Zuschauern
heranzieht, während sich hier nur eine sehr mäßige Zahl von Menschen zu
Pferde und zu Wagen versammelt, um das Schauspiel mit anzusehen. Unter
denen, die da waren, ward jedoch auf gut mexicanisch stark gewettet.
Leider bildeten sich dabei zwei Partheien, eine englische und eine
mexicanische, und da die erstere gewann, so machte dies übles Blut bei
den Eingebornen, was gerade jetzt um so mehr zu bedauern ist, als die
Politik ohnehin schon von Seiten der theokratisch-altspanisch gesinnten
Gouvernements-Parthei, eine Spannung gegen die +Fremden+ hervorbringt.

Da diese nämlich der Meinung sind und sie ohne Rückhalt äußern, daß
die Mittel, welche der Regierung zu Gebote stehen, nicht hinreichend
seien die Revolution in Vera-Cruz zu unterdrücken, und daß somit
Santa Anna siegen werde, so wirft man ihnen vor, daß sie es mit den
Insurgenten halten, ohne einzusehen, daß dafür kein vernünftiger Grund
vorhanden ist, da den handeltreibenden Fremden (und andere giebt es
hier nicht) mit dem Bestehen der einmal eingeführten Ordnung der Dinge
weit mehr gedient ist, als mit Revolution und Bürgerkrieg. -- Es
handelt sich hier aber nicht um das was man wünscht, sondern um das
was wahrscheinlich der Fall seyn wird, und da kann man denn doch nicht
blind gegen das Factum seyn, daß die Regierung, trotz aller Anstrengung
des Kriegsministers Facio, nicht mehr als drei tausend Mann hat
zusammen bringen können, um gegen Vera-Cruz anzurücken! -- Damit nimmt
man aber, nach meiner Meinung, keine Stadt, welche Hafen und Festung
zugleich ist, an Nichts Mangel leidet und von 1500 Mann unter einem
Chef vertheidigt wird, der den anderen Generalen an Talent überlegen
ist, und dessen Truppen gut genährt und unter Obdach einquartirt sind,
während die Gegenpartei, wenn sie Vera-Cruz belagern will, in einer
Sandwüste bivuakiren muß, und in der bereits so weit vorgerückten
Jahreszeit dem Einfluß der climatischen Fieber preisgegeben ist. --
Trotz alle dem will man’s versuchen und am 10. März einen Angriff
auf Vera-Cruz wagen! -- ich glaube aber an keinen Erfolg und bin
der Meinung, daß man unverrichteter Sache wird abziehen müssen.
Mittlerweile häufen sich die Schwierigkeiten der Communication zwischen
hier und Vera-Cruz gar sehr, und +Friedrich+ ist daher eigens dahin
gereis’t, um sich mit unsern Freunden an der Küste über die Maaßregeln
zu besprechen, die im Interesse des Geschäfts genommen werden müssen,
falls sich die Verhältnisse noch mehr verwickeln sollten. Er ist
Courier geritten, was hier zu Lande von jüngeren Männern häufig
geschieht, hat aber leider einige Stationen vor Jalapa einen Unfall
gehabt, der ihm leicht das Leben hätte kosten können; das Pferd rannte
nämlich mit ihm durch eine enge und niedrige Hofthür, wodurch er sich
an Kopf und Knie sehr stark verletzte. Ich habe jedoch -- Gottlob --
Nachricht, daß er, nach einigen Tagen Ruhe in Jalapa, die Reise von
dort nach Vera-Cruz per Litera fortgesetzt hat, wo ihn denn das, in
solchen Fällen sehr heilsame, heiße Clima bald wieder ganz herstellen
wird.

Hier hast Du denn einen Brief, der mit Reiter-Unfällen von Vater und
Sohn anfängt und schließt. Gebe der Himmel, daß ich Dir deren keine
ähnliche mehr zu schreiben haben möge. Lebe wohl.

~P. S.~ So eben erhalten wir Briefe von der Küste und ich damit, zu
meiner großen Freude, auch die Deinigen, wenn gleich nur bis zum
7. November reichend, aus R.. -- Gottlob, daß ihr alle wohl und so
vergnügt seid, als es die herbe Trennung zuläßt. Du sagst mir, daß
die Ankunft meiner Briefe jedesmal ein Fest für Euch sei, schließe
denn daraus auf meine Freude beim Empfang der Deinigen! Es findet
übrigens jetzt doch eine ganz eigentümliche Correspondenz zwischen uns
statt! -- Die Briefe vom 7. November, die Du, in Deinem europäischen
Norden, gewiß schon unter dem Einfluß bedeutender Kälte geschrieben
hast, eröffne ich bei dem schönsten Frühlingswetter, wo mir Veilchen,
Reseda und Rosen entgegen duften. Meine heutige Antwort darauf erhältst
Du, wenn die Natur bei Euch erst höchstens Aehnliches hervorbringt,
und doch werden dann wieder gut zwei Monate verflossen seyn! Aber --
die Welt ist groß und die climatischen Verhältnisse sind sonderbar
gemischt; die hiesigen sind indessen gut, und so weit ich es bis jetzt
beurtheilen kann, würden sie +Dir+, da Du, obgleich ein Kind des
Nordens, doch weit mehr dem Süden angehörst, sehr behagen. Mir ist das
Clima überall so ziemlich Nebensache. Dennoch fange ich schon an die
Luftwärme, besonders diejenige Temperatur, die sich der +Hitze nähert+,
ohne sie +zu seyn+, der kalten und frostigen Atmosphäre bei uns weit
vorzuziehen.


  Mexico, den 21. März 1832.

Noch immer habe ich Hausarrest und kann noch nicht ohne Krücken
gehen! Nun haben wir aber gerade jetzt das köstlichste Wetter, das Du
Dir denken kannst! Ich möchte daher auch vor Ungeduld aus der Haut
fliegen, es nicht auf dem Lande genießen zu können. Zum wahren Trost
gereicht mir unter diesen Umständen unser, gerade an mein Arbeitszimmer
stoßendes, Gallerie-Gärtchen, dessen Reichthum an wunderschönen
Cactus-Blumen, Amarillen und andern, in Europa theils seltenen, theils
unbekannten Pflanzen und Blüthen mir großen Genuß gewährt, obwohl ich,
wie Du weißt, kein so unterrichteter Botaniker bin, wie Du.

Ich kann jedoch auch in anderer Hinsicht nicht über Langeweile klagen,
denn ich bekomme täglich viel Besuch von meinen hiesigen Bekannten,
worunter manche mir sehr liebe Freunde, und so erfahre ich Alles, was
in der Außenwelt vorgeht. Auch ist Friedrich, dessen Gegenwart mir
allein +Euren+ Umgang einigermaßen ersetzen kann, von Vera-Cruz ganz
hergestellt zurückgekehrt, und hat mir, unter anderm, auch spätere
Briefe von Dir gebracht, aus denen ich mit Freuden Euer allerseitiges
Wohlseyn erfahre. -- Er hat eine ereignißvolle Zeit unten an der Küste
verlebt. Dem General Santa Anna nämlich war, während Fr.’s Aufenthalt
in Vera-Cruz, bei einem Ausfall mit nur einer Hand voll Leuten, ein
brillanter Coup gegen die Regierungs-Truppen unter Calderon gelungen;
er überrumpelte sie in Santa-Fé bei Nachtzeit und nahm ihnen die
Kriegscasse mitten aus dem Lager heraus, mit welcher er sodann im
Triumph nach der Festung zurückkehrte. Hiedurch noch kühner gemacht,
beschloß er einen weit stärkern Ausfall und förmlichen Angriff auf das
Belagerungs-Corps zu machen. Dies ist ihm aber schlecht bekommen, denn
als er Calderon, der wirklich schon auf Puente zurückfiel, durch einen
Seitenmarsch überflügeln und in den Rücken nehmen wollte, stieß er auf
dessen ganzes Corps, und mußte sich, ~bon gré mal gré~, am 3ten dieses
bei Tolome schlagen, wobei denn seine, den Gegnern weder an Zahl noch
Tactik gewachsene, kleine Armee fast gänzlich aufgerieben ward.

Obrist Landero blieb todt auf dem Schlachtfelde -- und Santa Anna
verließ es am Abend von nur zwei seiner Reiter begleitet, um schnell
die Stadt Vera-Cruz wieder zu erreichen! Dort kam er des Morgens um
4 Uhr an und hielt diesmal keinen +Triumph-Einzug+! -- So groß sind
aber sein Einfluß und seine günstigen Resourcen, daß es ihm schnell
gelang, ein kleines Corps wieder zu organisiren und seiner Parthei
neuen Muth einzuflößen, -- während Calderon, der, wenn er mit Energie
vom Schlachtfelde aus nur eine einzige Compagnie seiner Dragoner
nach Vera-Cruz detaschirt hätte, die von allen Truppen entblößte
Stadt genommen haben würde, keinen der errungenen Vortheile benutzte,
vielmehr seinen Truppen einen Rasttag gab und, mit der Schnelligkeit
einer deutschen Reichsarmee zu Friedrichs des Großen Zeiten, abermals
gegen die Mauern von Vera-Cruz anrückte, die er diesmal zu bombardiren
gedenkt.

Bei Tolome ward denn auch -- denke Dir! -- ein Landsmann von uns (der
Bruder unserer Freundin H.) gefangen genommen. Er war thörigter Weise
mit Santa Anna, mit dem er persönlich befreundet ist, als Volontair
ausgezogen, und commandirte eine Brigade Artillerie; er focht tapfer
genug und ergab sich erst nach verzweifelter Gegenwehr gegen drei
Dragoner, nachdem er am rechten Arm so verwundet war, daß er den
Degen nicht mehr halten konnte. -- Calderon ließ ihn vorführen und
wollte ihn erschießen lassen, weil, nach seiner Meinung, Fremde sich
in den +häuslichen Bruderzwist der Mexicaner+ nicht mischen sollten!
Er unterließ es jedoch, wahrscheinlich weil ihm einfiel, daß er
gleichfalls +Fremde+ in seiner Armee habe! -- Es dienen deren nämlich
mehrere von allen Nationen (obwohl nicht viele) in der mexicanischen
Armee. Der Ausgezeichnetste davon ist wohl unstreitig ein gewisser
Arago, ein französischer Artillerie- und Ingenieur-Officier, aber
auch er ist mit Santa Anna, und diesem eine große Stütze. -- H. ward
also, wie gesagt, nicht erschossen, sondern vorläufig in das Depot zu
Jalapa abgeführt, wo ihn Friedrich besuchte und nach besten Kräften
mit dem für den Augenblick Nothwendigsten unterstützte. -- Der Vorfall
ist uns Deutschen hier in der Hauptstadt sehr unangenehm; was ist aber
zu machen? -- Wir bemühen uns nun, gegen das Versprechen ihn aus der
Republik zu schaffen, seine Freiheit zu erlangen.

Die Täuschung des Gouvernements, welches bei der ersten Nachricht der
Schlacht von Tolome, in dem Glauben einen entscheidenden Sieg errungen
und die Revolution unterdrückt zu haben, bereits an alle Staaten des
Innern in diesem Sinne geschrieben hatte, war groß, -- das kannst Du
Dir denken, -- aber sie sollte noch größer werden. Tampico, der zweite
Hafen von Wichtigkeit an der Ostseite, hatte sich gleichfalls für Santa
Anna und gegen das Gouvernement erklärt. Dieses befahl nun sofort
dem, in St. Luis Potosi commandirenden, der Regierungspartei gänzlich
ergeben geglaubten, General Moctezuma, unverzüglich an die Küste zu
marschiren und Tampico zu nehmen, und was geschieht? -- Er kommt
wirklich mit seinen Truppen vor dem Hafen an, parlamentirt mit der
Garnison, empfängt eine von dieser und dem Magistrat an ihn abgesandte
Deputation und -- +geht zu der Gegenparthei über+, obgleich ihm der
Ausgang der Schlacht bei Tolome bereits bekannt war!

Wenn man solche Dinge sieht und bedenkt, daß die Regierung die beiden
wichtigsten Finanz-Resourcen, die Douanen von Vera-Cruz und von Tampico
verloren hat, so kann man ja bei dem besten Willen nicht anders als
glauben, daß die revolutionaire Parthei endlich die Oberhand behalten
muß und wird. -- Man scheint indessen im Minister-Conseil noch
keinesweges nachgeben zu wollen. Vera-Cruz soll durchaus beschossen
werden. Beide Häfen sind in Blockadestand erklärt, und um das Maaß
der Chicanen und Hindernisse für den Handel voll zu machen, giebt der
Congreß so eben das unsinnige Gesetz, allen Briefwechsel mit Vera-Cruz
und Tampico zu verbieten. Ich nenne das Gesetz deshalb ein unsinniges,
weil es nicht durchzuführen ist, da auf Umwegen, freilich mit nicht
unbedeutenden Extra-Kosten, immer Briefe abgesandt und erhalten werden
können. Es erschwert indessen den Handel und schadet ihm, ohne dem
Gouvernement auch nur im mindesten zu nutzen.

Durch diese sich täglich häufenden Erschwernisse der Geschäfte sehe ich
mich leider an der Ausführung meiner Lieblingsidee, schon in diesem
Frühjahr wieder zu Euch zurückzukehren, verhindert, und muß Dich jetzt
schon darauf vorbereiten, daß ich vor November an die Rückreise nach
Europa nicht werde denken können. -- Deine Täuschung hierüber kann
nicht größer seyn, als die meinige! Aber -- die +Pflicht+ gebeut, und
da müssen die +Wünsche+ schweigen; -- sie waren sonst heute lebhafter
als je! Habe ich nöthig Dir zu sagen warum? Ich feierte +Deinen
Geburtstag+ still und einsam -- aber in treuer inniger Liebe!


  Mexico, den 11. April 1832.

Freue Dich mit mir, ich bin von den Krücken zum Stock avancirt und kann
und darf wieder ausgehen; auch habe ich es bereits benutzt und bin auf
dem Paseo (Promenade) den man Las Vigas nennt, gewesen. Hier ist in
dieser Jahrszeit die modische Zuflucht der ~beau monde~ von Mexico, sie
wechselt dreimal im Jahre, im +sogenannten+ Winter (einen eigentlichen
hat man hier nicht) ist es die Alameda; im Frühjahr ist’s der Paseo
Las-Vigas, und im Sommer der eigentliche große Paseo. Die Alameda habe
ich Dir bereits beschrieben, und von Las-Vigas habe ich nur zu sagen,
daß es eine, etwa eine englische Meile lange, Allee ist, welche längs
des Canals von Chalco hinführt. Die angränzende Gegend bietet, wie
überhaupt die unmittelbare Umgebung von Mexico, keine Naturschönheiten
dar, man hat an beiden Seiten flaches Land, ohne Baum- und Buschwerk.
Der, von langen, breiten Böten oft stark befahrene, Canal auf der
einen Seite, und die zahlreichen Equipagen, Reiter und Fußgänger auf
dem Paseo selbst, geben der Scene aber doch ein heiteres Leben; -- die
Böte auf dem Canal insbesondere gewähren oft einen recht amüsanten
Anblick, wenn sie, gefüllt mit Landleuten, welche Blumen nach der Stadt
bringen und nun auch ihre Häupter damit bekränzen, einher fahren, oder
wenn von der niedern Classe der Städter Spazierfahrten auf dem Canal
veranstaltet werden, bei welchen hier und da, in den Böten, ein junges
Paar einen National-Tanz nach der Guitarre abhüpft und der Rest darüber
herzlich lacht. -- Solche Volksvergnügungen sind aber hier zu Lande
weit minder lärmend, als bei uns; das liegt im Charakter der Mexicaner,
der, so weit ich ihn habe kennen lernen, ein +stiller+ und +milder+ ist.

Der Baumwuchs auf diesem Paseo ist nicht so schön wie der in der
Alameda, aber die Berggruppen im Hintergrunde, mit den über alles
emporragenden Schneekuppeln der beiden Vulcane, geben der Aussicht hier
etwas eigenthümlich pittoreskes, wovon ich aber keine Beschreibung zu
unternehmen wage. -- Du mußt Deine Einbildungskraft dabei zu Hülfe
nehmen!

Eine andere Spazierfahrt, welche ich seit meiner Erlösung vom
Hausarrest gemacht habe, war nach Chapultepec und Tacubaya, ungefähr
eine deutsche Meile von der Stadt. --Ersteres ist ein nördlich von
Mexico gelegenes Schloß, welches auf einem ziemlich hohen, aber einzeln
in der Ebene sich erhebenden, Felsen gebaut ist, und den ehemaligen
Vicekönigen zur Sommer-Residenz diente. Obgleich jetzt, wie die
meisten Monumente aus jener Zeit, im Verfall, nimmt es sich doch noch
immer sehr gut aus. An der einen Seite, am Fuß des Felsens, ist ein
~soit-disant~ botanischer Garten angelegt, in halb maurischem, halb
altholländischem Style, terrassenförmig, mit engen Treppen und schmalen
Wegen, die mit blau und weißen Porcellanplatten belegt sind u. dgl.
m. Es ist aber alles in einem so vernachlässigten Zustande, daß es
jetzt sehr wenig Interesse mehr darbietet. An der andern Seite ist
ein ziemlich großer Raum, innerhalb der das Ganze umgebenden Mauer,
als Park ausgelegt, in welchem sich einige der schönsten Bäume und
namentlich der stärksten Cypressen befinden, die ich je gesehen habe;
eine, welche jetzt noch den Namen der Montezuma-Cypresse führt, und
also jetzt wohl 400 Jahre alt seyn muß, besteht aus drei Stämmen, die
an der Wurzel über der Erde nur +einen+ bilden, der Stamm hat hier 41
Fuß im Umfang! Der Baum ist sehr hoch und noch in voller Kraft; eine
andere ganz einstämmige Cypresse mißt 38 Fuß im Umfang! Durch diese
Baumgruppen bildet sich denn manches liebliche, Schatten gewährende
Plätzchen, an deren einem wir, im traulichen Cirkel mehrerer Freunde
und Freundinnen, ein recht gemüthliches Stündchen zubrachten. -- Von
hier fuhren wir nach dem kleinen Flecken oder Städtchen Tacubaya, am
Fuß des hohen Gebirges, über welches der Weg nach Toluca und dem Norden
führt. In dem, abermals ~Fonda francesa~ benannten, Wirthshause fanden
und genossen wir ein gutes Frühstück und ergingen uns nachher ein wenig
mit den Damen in dem anstoßenden, mit Rosen gleichsam überschütteten,
Gärtchen, dessen Anlage übrigens wenig Geschmack verrieth. Unter
Deiner Anleitung wäre, bei dieser Vegetation, etwas ganz anderes daraus
geworden.

An dem einen Ende des Orts steht der erzbischöfliche Pallast, der
aber jetzt unbewohnt und mithin, wie bei solchen Gelegenheiten
immer, vernachlässigt und im Verfall ist. -- Es ist sonst ein recht
stattliches Gebäude, liegt auf einer kleinen Anhöhe und hat von dem
Altane des Saals aus eine reizend schöne Aussicht auf die Stadt Mexico.
Der sehr große Garten dieses Pallastes ist übrigens, trotz dem, daß
hier ein Gärtner wohnt, der die Aufsicht darüber hat, eben so sehr
vernachlässigt wie das Gebäude. Es ist ein wahrer Jammer, da Unkraut
und Verfall zu sehen, wo mit geringer Sorgfalt ein kleines Eden
stehen könnte, ehedem vielleicht stand, wenigstens nach den damaligen
Begriffen von der Schönheit der Garten-Anlagen.

Hier muß ich Dir doch eine Anekdote erzählen, die als Beleg der schon
mehrmals gerügten Spielsucht des mexicanischen Volks dienen kann.
Während wir nämlich im erzbischöflichen Garten waren, überfiel uns
ein ziemlich starker Regenschauer, wir flüchteten ins Haus und da
wir voraussahen, etwa eine Stunde warten zu müssen, ehe das Wetter
vorüberzöge, schlug einer aus der Gesellschaft vor, des Spaßes wegen,
eine Monte-Bank (das hier zu Lande übliche Hazardspiel) aufzulegen;
wir frugen den Gärtner, ob er Karten im Hause habe, und die fehlten
auch wirklich nicht. Als wir uns nun so die Zeit vertrieben und mit
Realen (dem achten Theil eines Peso oder Dollars) pointirten, kam der
Gärtner, der natürlich wußte, daß wir Karten spielten, mit Weib und
Kindern, (letztere wie gewöhnlich halb nackt) zu uns heraus und warf,
~sans façon~ sich in die Gesellschaft drängend, einen Peso zum Einsatz
hin. Um den Mann nicht zu beleidigen hielten wir ihm denselben; als
er aber, nachdem er den Dollar verloren hatte, eine Unze (Goldstück
von 16 Dollars Gehalt) auf den Tisch warf, gaben wir es ihm zurück und
verbaten uns seine Gesellschaft ~in toto~, was er auch weiter nicht
übel zu nehmen schien, indem er mit Frau und Kind wieder abtrollte,
wahrscheinlich mit herzlicher Verachtung der +Fremden+ (dies waren die
meisten von uns), die nicht einmal den Muth hatten mit seiner Unze in
die Schranken zu treten!

Das Wetter klärte sich sehr bald wieder auf und wir machten uns, theils
zu Pferde theils zu Wagen, auf den Rückweg nach der Stadt, wo wir,
zufrieden mit unserer heutigen Landparthie, gegen Abend wohlbehalten
anlangten.

Der Weg von Chapultepec nach Mexico führt längs der großen und
wichtigen Wasserleitung, welche die Stadt mit dem schönsten, reinsten
Trinkwasser versorgt, und auch die vielen Springbrunnen in der Alameda
und auf dem großen Paseo mit dem nöthigen Wasser versieht. -- Dieser
Aquaduct wird von dem Fuß der nahen Gebirge hergeleitet, ist sehr
solide gebaut, und hat über 900 stark gemauerte, breite Bogen, von
häufig 10 bis 12 Fuß Höhe, über welche das Wasser offen, d. h. ohne
Bedeckung, hinfließt und sich dann in der Stadt in Reservoirs ergießt,
woselbst es von einer eignen Classe von Indianern, die man Aquadores
nennt, in steinernen Krügen geschöpft und nach den Wohnhäusern gebracht
wird.


  Mexico, den 24. April 1832.

Es geht mir zwar fortwährend besser mit meinem Fuß, aber doch langsamer
als ich gedacht und, noch vor Kurzem, gehofft hatte. Ich brauche nun
heiße Bäder, die zwar sehr angreifend sind, von denen ich aber doch
eine gute Wirkung verspüre. Man hat diese nämlich hier ganz in der
Nähe, etwa eine halbe deutsche Meile von der Stadt, und was das Wasser
betrifft, in großer Vollkommenheit; es strömt aus heißer Quelle,
armdick, mit 42 Grad Reaumur Wärme in’s Bad und ist mithin anfänglich
abschreckend heiß, man gewöhnt sich jedoch bald daran und ich habe
es bereits so weit gebracht, daß ich die Strömung ¼ Stunde lang auf
den leidenden Theil des Fußes aushalten und eine ganze Stunde im Bade
verweilen kann. Die Empfindung, welche man gleich darauf beim Ausruhen,
auf der hölzernen Ruhebank schlummernd, fühlt, ist unbeschreiblich
angenehm und behaglich. Die Einrichtung der Badstuben ist übrigens
herzlich schlecht, d. h. verfallen und vernachlässigt; Tisch, Bank und
Ruhebett, alles vom gemeinsten Holz zusammengefügt; das Bad selbst in
Stein +ausgemauert+ und die Zellen klosterartig und dunkel! Sicherlich
haben Mönche den Bau dirigirt. Das Gebäude bildet ein ziemlich großes
Viereck und hat in der Mitte des Hofes eine Capelle. Man nennt es
Peñon, nach dem daranstoßenden Hügel dieses Namens, und liegt hart
an dem bekannten großen See Tescuco, dessen Ufer flach, seicht und
nichts weniger als schön sind. Er ist aber reich an kleinen Fischen,
von deren Fang und Verkauf in der Stadt sich eine Menge Indianer
ernähren, die ihre Wohnung in den Höhlen des besagten Hügels haben.
Ich bin in einer derselben gewesen, und werde das Bild, ich darf sagen
das +gräßliche Bild+, welches ich hier sah, gewiß in meinem Leben
nicht vergessen. Die Höhle war zwar ziemlich geräumig und der Eingang
groß und offen, aber es waren auch nicht weniger als 15 Familien, aus
mehr als 50 Individuen, vom Greis bis zum Säugling, bestehend, darin
gelagert, alle im Stande der Natur und beschäftigt, den Bedürfnissen
derselben in jeder Weise zu genügen. Hier und da brannte ein Feuer,
an welchem einige der rohesten Nahrungsmittel bereitet wurden, auf
welche die rundum liegenden Erwachsenen und Kinder mit gierigem
Heißhunger zu warten schienen. Man konnte deutlich bemerken, daß
hier zwar ein Zusammenwohnen vieler Menschen, aber keine Gemeinschaft
der Güter stattfand. -- Außer den kärglichsten Nahrungsmitteln und
einigen Fischernetzen war freilich auch nichts vorhanden, was eine
Gütergemeinschaft hätte bilden können, denn fast Alle gingen ganz nackt
und hatten auch nicht die mindeste Bekleidung um und an sich, was bei
der schmutz-kupferfarbigen Hautfarbe für ein europäisches Auge kein
sehr appetitlicher Anblick war. Alle schienen jedoch, obgleich auf der
untersten Stufe der menschlichen Bildung, fröhlich und guter Dinge zu
seyn. -- Meine Erscheinung in der Höhle brachte die ganze Masse in
Bewegung; alle drängten auf mich ein, sich etwas zu erbetteln, ich gab
was ich bei mir hatte, es reichte aber nicht aus und ich hatte viele
Mühe, mir die schmutzigen Gestalten vom Leibe zu halten und meinen
Rückzug zu bewerkstelligen!

       *       *       *       *       *

So wären wir denn nun schon bis zu den Ostertagen vorgerückt, die
ja auch bei Euch in die bessere Jahreszeit fallen und in so vieler
Hinsicht ein fröhliches Fest bilden. Hier begeht man dasselbe freilich
sehr verschieden. Am Donnerstage schon beginnt die kirchliche Feier
und von des Morgens 10 Uhr an darf, während zweimal 24 Stunden, weder
Wagen noch Pferd in den Straßen seyn, damit ja nichts die stille Feier
des Charfreitags unterbreche. An diesem Tage nun strömt Alles nach
den Kirchen, die Menge des Volks in denselben ist ungemein groß, und
es macht einen sehr seltsamen Eindruck, die Masse von halbnackten
Indianern, Léperos u. s. w., gleichzeitig neben den reich gekleideten
Herren und Damen, in dem Tempel auf den Knien liegen zu sehen. Am
Abend sind ganze Reihen von Buden und Hütten auf dem großen Platz
vor der Cathedrale aufgeschlagen, die, mit vielem Reichthum von
Laubwerk und Blumen ausgeschmückt, sich bei der Beleuchtung zahlreicher
bunter Lampen, recht schön ausnehmen; sie werden von den mittleren
Volksclassen, zu ganzen Familien gemeinschaftlich, besucht, die es
sich dort, oft den ganzen Abend über, wohl seyn lassen, obgleich an
diesem Tage +keine andere als kühlende Getränke, wie z. B. +Limonade+
u. dgl. verabfolgt werden dürfen+. -- Früher lustwandelten hier auch
die Damen in großem Staat; dies war aber diesmal nur sehr spärlich
der Fall. Ob das nun Folge der politischen Unruhen des Landes ist,
oder ob, wie einige wollen, der Gebrauch aus der Mode kommt, wage ich
nicht zu entscheiden! Am Sonnabend Morgen wird dann in der Cathedrale
die sogenannte Gloria mit schöner Kirchen-Musik begangen, worauf, mit
dem Schlage 10 Uhr, Lärm und Getöse in allen Straßen losbricht; die
Equipagen, als ob sie sich für den langen Stillstand entschädigen
wollten, stürzen hervor und galloppiren nach allen Richtungen der
Stadt, Feuerwerke werden losgebrannt und der arme +Judas+ muß, in
unzähligen Formen und Gestalten mitten in den Straßen aufgehängt, den
Feuertod erleiden, wobei denn die guten Bürger Mexicos nicht ermangeln,
hie und da, statt eines Judas, die unverkennbare Figur irgend eines
ihnen verhaßten Mannes im Amte, zu hängen und zu verbrennen. Ein
Pariser könnte hier auch ausrufen: ~tout comme chez nous!~ was aber
nicht ~comme chez nous~, doch komisch genug ist, das ist der Spaß, den
sich die Léperos bei dieser Gelegenheit mit den Hunden machen, die sie
auf folgende Weise in die Luft schnellen. Je zwei und zwei stellen sich
an die Straßen-Ecken und legen ein Seil quer über, welches sie mit
solcher Geschicklichkeit anzuziehen verstehen, daß kein Hund, sei er
auch noch so schnell und behende, ungeschnellt darüber wegkommt. Die
Thiere scheinen dies zu ahnen und flüchten unter allgemeinem Geheul in
die Häuser, bis die Zeit ihrer Quälerei vorüber ist.

Von dem Kirchenfeste auf Ostern schweige ich, denn es ist eben so
wie in andern katholischen Ländern, nur daß in beiden Ostertagen die
Paseos besonders elegant und stark besucht sind, versteht sich von
selbst. Am ersten Feiertage ward aber die Auffahrt durch eins jener
starken Gewitter auseinander gesprengt, die sich hier, in dieser
Jahrszeit, oft sehr schnell und unerwartet, einstellen und von heftigen
Regengüssen begleitet sind. Der Donner ist dabei lauter, als ich mich
je erinnere ihn in Europa gehört zu haben; ein Schlag insbesondere war
am vorigen Sonntag fast betäubend, und blieb auch nicht ohne betrübende
Folgen; einer der ersten Zollbeamten ward auf seinem Posten vom Blitz
erschlagen!

Nun habe ich Dir wieder so viel und so vielerlei erzählt, daß ich fast
befürchte Dich damit zu ermüden; ich kann Dir aber nur von nur und
meinem Thun und Lassen sprechen, so lange ich keine Briefe von Dir
zu beantworten habe, und dies ist leider noch immer der Fall, denn
die Unterbrechung der Communication mit der Küste hält alle Briefe
von Europa, die wie die meinigen nach Vera-Cruz addressirt sind,
zurück. Wir haben schon mehrere Male das Gouvernement petitionirt,
doch bis jetzt ohne Erfolg. Noch gestern sprach ich darüber mit dem
Vice-Präsidenten (Bustamante) dem ich vorgestellt ward, und obgleich
er mir Hoffnung machte, daß das Gesetz, welches die Correspondenz mit
Vera-Cruz verbietet, bald zurückgenommen werden würde, so glaube ich
doch nicht daran; es hängt nicht einmal von ihm ab, sondern muß von dem
Congreß ausgehen, und dort sitzen gar viele eigensinnige Ultras. Der
Herr Präsident empfing mich übrigens sehr höflich und war artig genug,
mir zu sagen, “daß man in Mexico die Deutschen allen anderen Nationen
vorzöge, daß er sehr bedaure, daß der würdige preußische Generalkonsul
(Geh. Rath Koppe) die Republik jetzt verlasse,” und mehreres andere,
worauf man bei meinen Erfahrungen keinen zu hohen Werth mehr legt.[9]
Bustamante ist ein Mann von 40 Jahren, von kurzer untersetzter
Statur und hierin, so wie in Wesen und Manieren, von Santa Anna sehr
verschieden, auch glaube ich nicht, daß er die zum Staats-Oberhaupte
erforderlichen Eigenschaften besitzt, obwohl er ein guter Soldat seyn
soll.

Und nun genug für heute, ich sende Dir dies Schreiben durch einen
Freund, der uns morgen verläßt, um nach Europa zurückzukehren. -- O
daß ich ihn begleiten und Dir das Körbchen, welches ich ihm für Dich
mitgebe, selbst überbringen könnte. Ich hoffe, es soll Dir Freude
machen, obwohl es keinen anderen Werth hat, als daß es ans einer
Cocusnuß verfertigt ist, die ich für Dich mit eigenen hohen Händen auf
der Insel Hayti vom Baume brach; den etwas plumpen silbernen Reif und
Henkel hat ein +mexicanischer+ Silberschmidt gemacht. Doch ich muß
endlich einmal schließen. Lebe wohl.


  Mexico, den 31. Mai 1832.

Ich kann ja wohl mein heutiges Schreiben mit keiner Dir lieberen
Nachricht anfangen, als damit, daß ich Dir sage, wie ich gestern
von einer Reise zurückgekehrt bin, auf welcher ich 5 bis 6 Tage
hintereinander, täglich 8 bis 10 Stunden, zu Pferde gesessen, und
daß ich mich trotz dem so wohl befinde, wie man es nur thun kann! Du
siehst also, daß mein Beinbruch als geheilt zu betrachten ist, und
daß Du Dir darüber weiter keine Sorge zu machen brauchst. Die kleine
Reise, von der ich rede, war übrigens sehr interessant, ich bin auf
der entgegengesetzten Route von Vera-Cruz abwärts in ~Tierra caliente~
(heiße Zone) und ~Tierra templada~ (gemäßigte, aber doch wärmer, als
das Thal von Mexico) gewesen und habe manches Merkwürdige gesehen
und mich gut unterhalten. Wir kamen bis in die schauerliche Nähe des
ungeheuren Berges Popocatepetl! Aber auch hier dachte ich an Euch
und stellte Vergleiche an mit dem disseits und jenseits, die alle zu
Gunsten des Letzteren ausfielen!

Ich lege Dir eine kleine Relation dieser Ausflucht bei und hoffe,
daß sie Dich amüsiren wird; was Dir darin allenfalls zu trocken und
geschäftlich erscheint, interessirt vielleicht einen oder den andern
von den Freunden, denen Du sie zu lesen giebst.


  ~P. S.~ vom 4. Juni 1832.

Sage Mathilden, daß ich so eben Abends 10 Uhr eine wunderschöne weiße
+Nacht+-Cactusblume in unserm Gallerie-Gärtchen bewundert, und mich an
dem köstlichen Gewürzgeruch derselben gelabt habe. -- Es ist dieselbe
Blume, welche ihre selige Mutter einst in London noch spät in der Nacht
abzeichnete, als wir aus der Oper zurückkamen und unser freundlicher
Nachbar, der Kunstgärtner, uns wissen ließ, daß der ~Cactus grandi
florus~ in seinem Treibhause blühe! -- Du wirst Dich der Zeichnung
gewiß noch erinnern. Die jetzt neben mir stehende Blume hat aber den
Vorzug vor jener in London, daß sie weit stärker und wirklich ganz
köstlich riecht. Die Blätter bilden, in dreifacher Reihe, einen ganz
offenen Stern und nur die über alle Maßen schönen Staubfasern, weiß mit
gelben Glöckchen, den Kelch! Die Pracht der Cactus-Blüthen beschränkt
sich aber nicht auf diese schöne nächtliche Blume, sondern bietet am
Tage eine große Mannigfaltigkeit dar, an welchen die kleinen lieblichen
Kolibri’s nicht wenig schwelgen. -- Vor einigen Tagen verirrte sich
einer derselben in mein Zimmer, ich fing ihn ein, um ihn in einen Käfig
aufzubewahren, aber die flinken, bienenartig umherschwärmenden, kleinen
Honigsauger ertragen kein Gefängniß, schon am zweiten Tage war das
Thierchen todt! und es ergeht allen so, die eingefangen werden.

Nun denke Dir aber, zum Schluß, die höchst unangenehme Lage, in der
ich mich hinsichtlich Deiner Briefe befinde! Ich habe bis zu dieser
Stunde noch nichts Späteres von Dir erhalten, als Dein Schreiben vom
2. Januar. Hierbei kann mich in der That nur der Gedanke trösten,
daß Briefe von Dir an mich in Vera-Cruz liegen müssen, und daß ich
diese nunmehr -- bei der Wendung, welche der Gang der politischen
Ereignisse in diesem Lande genommen hat -- bald zu erhalten hoffen
darf. Die Belagerung von Vera-Cruz ist nämlich, wie voraus zu sehen
war, endlich aufgehoben worden. Die Krankheiten und Todesfälle unter
den Belagerern nahmen überhand und Calderon war genöthigt, nachdem er
Vera-Cruz wirklich während mehreren Tagen nutzlos beschossen hatte,
unverrichteter Sache wieder abzuziehen. -- Santa Anna folgt ihm auf dem
Fuße, und soll nicht mehr weit von Jalapa stehen! Die Minister haben
abgedankt und wir wollen nun sehen was es weiter giebt.

Hier ist übrigens alles fortwährend in tiefster Ruhe, nur ist es leider
der Handel auch! -- Lebe wohl.


[1] Die gewöhnliche Erkundigung, welche die sich auf der hohen
See begegnenden Schiffe von einander einziehen, indem, von allen
Berechnungen zur See, die der +Länge+ die unsicherste ist.

[2] Theilweise hat sich leider diese Befürchtung verwirklicht, und
mehrere meiner Freunde, welche Mexico nur wenige Wochen nach mir
verließen, sind auf der kurzen Fahrt von Tampico nach New-Orleans im
April 1833, wie man allgemein glaubt, von Seeräubern genommen worden.
Man hat wenigstens nie wieder etwas von ihnen erfahren.

[3] So genannt -- von den Menschenopfern, welche die Mexicaner, vor der
spanischen Eroberung, dort ihren Götzen brachten.

[4] Nach Humboldt ist in den Monaten Mai bis October der mittlere
Thermometerstand in Vera-Cruz 27½°, in der Hauptstadt Mexico nur 17°
Reaumur.

[5] Seitdem dieser Brief geschrieben wurde, ist der erwähnte Fall
wirklich eingetreten; -- im J. 1833 nämlich erschien das schwarze
Erbrechen in Vera-Cruz stärker, als seit vielen Jahren, und ein von
Mexico nach Europa zurückkehrender Freund von mir, der es gewagt hatte,
im Monat Juni (wenige Monate später als ich) die Küste zu bereisen,
mußte den drei- oder viertägigen Aufenthalt in Vera-Cruz mit dem Leben
büßen; er nahm das unglückliche Vomito-Miasma in sich auf und starb
daran, auf der Reise nach Nordamerika, am Bord des Schiffes, den 8ten
Tag nach der Einschiffung.

[6] Die Hauptvorwürfe, welche den Ministern gemacht werden, sind:
erstens, daß sie den vorigen Präsidenten Guerrero auf verrätherische
Weise hätten gefangen nehmen und erschießen lassen; zweitens, daß sie,
ohne dafür von dem Papst die Anerkennung der Republik zu erlangen,
Bischöfe von Rom angenommen hätten; drittens, daß sie die Rückkehr
der, durch ein Gesetz des Congresses, landesverwiesenen Altspanier
begünstigten, und, vereint mit diesen und der Geistlichkeit, zu Gunsten
des ehemaligen Mutterlandes intriguirten! -- (~Audiatur et altera
pars!~)

[7] Also genannt, weil, ~mirabile dictu~, die Engel die Cathedrale
erbauen halfen. Sie stiegen am Abend vom Himmel herab, und fügten
in der Nacht bis zum andern Morgen gerade so viele Arbeit dem Bau
der Kirche hinzu, als die Indianer den Tag über, unter Aufsicht der
spanischen Geistlichen, vollendet hatten.

[8] Die Zeit des Abend-Gebets, welche nach Sonnenuntergang, vom Thurm
herab, durch Glocken-Anschlag angekündigt wird, wobei jeder gute
Katholik den Hut abnimmt und den Segen spricht.

[9] Daß die Deutschen in Mexico und namentlich vom mexicanischen
Gouvernement vorzugsweise wohlgelitten sind, ist übrigens nicht zu
leugnen; die Engländer sind ihnen zu anmaßend, die Franzosen zu
lärmend, und den Nordamerikanern trauen sie nicht -- und das mit
Recht, denn diese sind ihnen (in der Nähe von Texas) gefährliche
Nachbaren. -- Einen Theil der Achtung, die wir Deutsche als Nation in
Mexico genießen, verdanken wir aber doch unstreitig unserm berühmten
Landsmanne Humboldt, der bei allen gebildeten Mexicanern im höchsten
Ansehen steht. Der Minister Alaman hat mir zu wiederholten Malen
versichert, daß ihnen die Werke des Hrn. v. Humboldt gleich nach der
Revolution von der größten Wichtigkeit und der einzige Leitfaden
gewesen wären, nach welchem die am Ruder stehenden Männer etwas Ordnung
in das Chaos der Verwaltung hatten bringen können.




Beilage.

Ausflucht nach dem Eisenwerk Sitio, am Fuße des Vulkans Popocatepetl,
unweit des +Plan de Amilpas+ gelegen.


So viel Gold und Silber Mexico von jeher auch geliefert haben mag, so
mangelte ihm doch stets das wichtigste aller Metalle, das +Eisen+, und
man war und ist bis zu dieser Stunde genöthigt, dasselbe von Europa zu
beziehen, und, hier oben in der Hauptstadt, mit 15, 16, ja oft mit 20
Pesos und mehr den Centner zu bezahlen. Einem deutschen Geologen[10]
war es vorbehalten die Entdeckung zu machen, daß nur wenige Tagereisen
von Mexico, und nicht weiter von Puebla (den beiden wichtigsten
Städten der Republik) in der Nähe des Popocatepetl, sehr leicht
flüssiger Eisenstein in großer Menge zu finden sei, dessen innerer
Gehalt die Güte des hier so hoch geschätzten biscayschen Eisens noch
übertrifft. Es gelang ihm nicht allein, einige einflußreiche Mexicaner
von der Wichtigkeit seiner Entdeckung zu überzeugen, und ein äußerst
vortheilhaftes Terrain in Gemeinschaft mit denselben zu acquiriren,
sondern auch den ihm befreundeten Minister Alaman, als Chef der ~Banco
de Avio~ (einer Staats-Anleihe-Bank zur Beförderung der Industrie) zu
vermögen, der Gesellschaft 40,000 Pesos, auf eine Reihe von Jahren, zu
dem in Mexico ganz außerordentlich billigen Zinsfuß von 5 pCt. ~pro
Anno~, aus dem Fonds dieser Bank vorzuschießen.

Hiermit hat nun die Gesellschaft den Bau eines +Hochofens+ zur
Schmelzung jenes Eisensteins begonnen und verspricht sich davon die
glänzendsten Resultate. Der Hochofen ist beinahe vollendet und das
ganze Werk weit genug vorgerückt, um es mit Fug und Recht zu einem
Gegenstande der Beschauung und näheren Beleuchtung zu machen. Wir
beschlossen daher, unserer fünf an der Zahl, eine Reise nach dem Sitio
zu unternehmen, und verfuhren dabei wie folgt. Wir mietheten eine der
amerikanischen Diligencen, um uns früh Morgens nach Chalco zu fahren,
wohin wir unsere Pferde Tags zuvor vorausgesandt hatten. Chalco, ein
ziemlich großes, freundliches und, durch den Verkehr auf dem bekannten
Canal, lebhaftes Städtchen, liegt schon außerhalb dem sogenannten Thale
von Mexico, hinter der ersten Bergkette, und mithin eine gute Strecke
vorwärts auf unserem Wege; -- nachdem wir nun dort ein Frühstück
eingenommen hatten, setzten wir uns weiter in Marsch und bildeten einen
Zug von nicht weniger als 27 Pferden und Maulthieren! Du staunst wohl
über einen solchen Train bei nur 5 Caballeros, aber das ist hier zu
Lande keinesweges übertrieben und wird auch Dir nicht so erscheinen,
wenn Du bedenkst, daß man hier, wegen der schlechten Bewirthung
auf dem Lande, nicht allein seinen Diener bei sich haben, sondern
auch Bett und Lebensmittel mit sich führen muß, wenn es einem nur
einigermaßen erträglich gehen soll. Auch müssen, bei langen Tagereisen
auf diesen beschwerlichen Wegen, gewichtige Personen, wie z. B. +nicht
ich+, wohl aber unser stattlicher Freund S., zwei Reitpferde oder
Maulthiere zum Wechseln haben! Da unsere Pferde alle frisch waren,
ritten wir desselben Tages noch 12 bis 14 Leguas weiter, nach dem an
Zucker-Plantagen (~haciendas~) so reichen, Plan de Amilpas, 2000 Fuß
tiefer gelegen als Mexico. -- Der natürlich stets abwärts gehende Weg
führte uns zuvörderst durch einen Wald von herrlichem Baumwuchse und
nächstdem am Eingang der Ebene, durch einige große, schöne indianische
Dörfer.

In Totolapan, dem größten derselben, hätte ich gerne übernachtet, um
mehr davon zu sehen. -- Es war äußerst freundlich und reinlich, hatte
einen großen Marktplatz und eine hübsche, mit schönen Bäumen und andern
Gewächsen umpflanzte Kirche. Da es aber noch zu früh am Tage war,
so mußten wir weiter. In einem andern Dorfe sahen wir einen guten,
alten Indianer, mit einer kleinen Geige, etwa einem Dutzend Kinder,
im Freien, Unterricht im Tanzen geben, wobei es sehr monoton herging.
Der Tanz bestand aus einem kurzen, trippelnden Hüpfen, und schien bloß
auf kirchliche Processionen berechnet zu seyn. Ich habe schon früher
bemerkt, daß die lautere Fröhlichkeit des Europäers dem mexicanischen
Indier nicht eigen ist. Da wir uns, wegen der vielen Landschluchten
(~Barancas~), die man auf den freien Feldern gar nicht eher bemerkt,
bis man davor steht, im Wege etwas geirrt hatten, so kamen wir erst
spät am Abend in unser Nachtquartier Ayacapistla, und fanden dort wenig
Trost; es war herzlich schlecht, sowohl das Essen und Trinken wie die
Schlafstelle, doch fehlte es nicht an Raum für unsere Pferde in dem
großen, eingemauerten, des Nachts verschlossenen Hofe.

Am andern Morgen brachen wir früh auf und nachdem wir das Thal
durchschnitten hatten, ging unser Weg durch viele, oft sehr tiefe und
steile Barancas aufwärts dem Popocatepetl zu, und zeigte nach einigen
Stunden unsern forschenden Blicken, in nicht weiter Ferne, eine sich
recht malerisch ausnehmende Wasserleitung, auf hohen Pfeilern und
Bogen, nebst mehreren stattlichen Gebäuden! Dies war der Sitio, wo
wir denn um die Mittagsstunde anlangten, und von dem, die dortigen
Werke dirigirenden Herrn M., einem Landsmanne von uns, sehr freundlich
aufgenommen und gut bewirthet wurden. -- Wir fanden den Hoch-Ofen schon
über Zweidrittel fertig, die äußere Mauer ganz, und für den innern
Mantel wurden feuerfeste Steine behauen, die sich glücklicherweise ganz
in der Nähe des Sitio finden. -- Die Wasserleitung führt dem Werke,
von einem nahe vorbeiströmenden Felsbache, eine so große Masse Wassers
zu, daß das Gebläse von 4 Hochöfen damit versorgt werden könnte; die
Urwälder des nur 8 Leguas von hier entfernten Popocatepetl’s liefern
die Holzkohlen, in unerschöpflichen Massen, zu sehr billigen Preisen,
und um alle diese Vortheile zu krönen, liegen die Eisenstein-Lager
so nahe, daß die Erze mit sehr geringen Kosten nach dem Schmelzofen
geschafft werden können. -- Die Unternehmer schmeicheln sich, auf
diese Weise den Centner Eisen, sowohl nach Mexico wie nach Puebla, von
welchen Städten der Sitio gleich weit entfernt ist, zu 5 Pesos liefern
zu können. Sie mögen daher schon einen bedeutenden Nutzen nehmen, und
werden dem Hochlande dennoch weit wohlfeileres Eisen liefern, als es
bis jetzt von irgend woher hat beziehen können. Da sich der völlige
Ausbau des Hochofens noch einige Zeit verzögern dürfte, so sind kleine
Oefen errichtet worden, in welchen der Versuch der Eisen-Schmelzung
unverzüglich gemacht werden soll. -- Gelingt er[11] und realisiren
sich die jetzt von der Sache gehegten Hoffnungen, so ist der Vortheil
für das Land unberechenbar, denn der Mangel dieses wichtigsten aller
Metalle geht hier so weit, daß man die Kanonenkugeln, statt aus Eisen,
der +Oeconomie+ wegen aus +Kupfer+ gießt! -- Ob man es aber alsdann
auch genügend erkennen wird, daß man diesen National-Gewinn +deutschem
Geiste+ und +deutscher Betriebsamkeit+ und +Ausdauer+ verdankt? --
Ich möchte es bezweifeln, denn man ist nun einmal hier zu Lande dem
Ausländer nicht sehr hold.

Um nun wieder auf den Sitio zurückzukommen, so ist dessen Lage äußerst
romantisch. Auf der einen Seite der Vulkan, der fast die ganze Gegend
beschattet, auf der andern die sehr fruchtbaren Thäler des Plan de
Amilpas; in der Nähe mehrere reiche Haciendas, und das große Dorf
Zacualpan, von woher die Eisenwerke, deren Aufseher und Mechaniker
+Deutsche+ sind, mit gewöhnlichen Arbeitern versorgt werden. -- Ein
anstoßender Teich, den der oben erwähnte Felsbach stets gefüllt erhält,
vollendet das wirklich schöne Bild dieser in ihrem Ursprung +ganz
deutschen Anlage+. Hoch über derselben in der Nähe der Wasserleitung
fand ich auf den Feldern sehr vielen Obsidian, (bekanntlich eine
harte, schneidende, aber sehr spröde Lava-Verglasung) dessen sich die
Mexicaner vor der Eroberung, in Ermangelung des Eisens, zu ihren Waffen
sowohl, wie zu ihren Werkzeugen bedienten, und mit welchen letztern
sie Arbeiten in Stein ausführten, die uns jetzt, bei so unvollkommenen
Utensilien, unbegreiflich erscheinen. -- Da es auf dem Sitio am Tage
sehr heiß ist, so gewährt der stark abwärts strömende Felsbach, durch
die vielen Badestellen, die er bildet, oft eine große Erquickung, die
ich in jenen Tagen denn auch wahrhaft genoß. -- Die Nächte sind hier
aber kalt, und da wir unsere Schlafstellen, in einem noch unvollendeten
Gebäude, fast unter freiem Himmel hatten, so verursachte mir das eine
tüchtige Erkältung; sie dauerte aber nur so lange, bis wir in ~Tierra
caliente~ ankamen, wo sie, noch ehe die Sonne in der Mittagsstunde
alle ihre Rechte ausgeübt hatte, völlig weggeschwitzt war. Wir machten
uns nämlich am frühen Morgen auf den Weg, um eins der entfernteren,
in ~Tierra caliente~ gelegenen Eisen-Bergwerke zu besehen; wir kamen
dabei durch ein sehr schönes, großes Dorf, von ganz indianischem
Zuschnitt. Der dortige Geistliche, der uns gastfreundlich aufnahm, war
ein unterrichteter Mann und hatte eine recht hübsche Bibliothek, die
er, +so aufgeklärt+, vor dem Abfall vom Mutterlande wohl nicht hätte
besitzen dürfen! Ich fand darin unter andern auch Humboldts Werke,
in spanischer Uebersetzung, und als ich ihm meine Freude darüber
äußerte, daß er unsern großen Landsmann kenne, versicherte er, daß er
Niemanden höher schätze, und daß +er+ es gewesen sei, der in dem ersten
constituirenden Congresse darauf angetragen habe, +dem Baron Alexander
v. Humboldt das mexicanische Bürgerrecht zu decretiren+, was dann auch
geschehen sei!

Von hier ging es nun weiter durch fruchtbare Felder und freundliche
Indianer-Dörfer, deren zahlreiche Bewohner fröhlich und guter Dinge,
und gegen uns freundlich und gefällig waren;[12] die Hitze war sehr
groß und brachte, wie es schien, alles zur Reife und ins Leben. Der
unzähligen, kriechenden und fliegenden Insecten nicht zu gedenken,
sahen wir unter andern Tausende von Eidechsen an den Seiten des Weges
und Myriaden von Heimchen, deren Zirpen so laut ward, daß es die
Conversation übertäubte; auf den Räumen Kolibris aller Art, auch die
schönen, ganz weißen, und unter andern eine Gattung Singvögel, deren
schrillen Gesang ich nicht allein nie vorher gehört hatte, sondern auch
mit keinem andern zu vergleichen wußte. Einer aus unserer Gesellschaft
bemerkte scherzend, daß er diese Töne dem Klange des Zerschellens
dünner Glasflaschen, die einen Steindamm hinabgerollt würden, ähnlich
fände, und so seltsam es auch klingen mag, wir fanden, daß er nicht
ganz Unrecht hatte; wir nannten den Sänger nun den +Bouteillen-Vogel+,
und so oft ich ihn nachher wieder gehört habe, erschien mir der
Vergleich stets ein sehr passender.

Wir kamen jetzt nach einer Zucker-Hacienda, deren Eigenthümer uns
sehr zuvorkommend aufnahm, und uns ein gutes Frühstück bereiten ließ.
Das Wohnhaus war geräumig und in seiner inneren Einrichtung den
climatischen Verhältnissen angepaßt. Die Capelle (welche gesetzlich
auf jeder Hacienda seyn +muß+) war klein. Wir besahen nunmehr die
Zuckerfabrication, wobei für mich das Interessanteste war, daß
überall nur +freie Arbeiter+ zu sehen waren, und daß es mithin sich
als +unwahr+ ergiebt, wenn die Nordamerikaner der der südlichen
Provinzen und die englisch-, spanisch-und französisch-westindischen
Pflanzer behaupten, der Anbau der sogenannten Colonial-Producte, und
namentlich die Zucker-Fabrication, +könne nicht ohne Sclaven betrieben
werden+! -- +Mexico+ liefert den praktischen und faktischen Beweis des
Gegentheils. Hier ist z. B. eine Zucker-Plantage, die jährlich ungefähr
Eine Million Pfund Zucker in Broden durch freie Arbeiter liefert, und
es sind solcher Anlagen in diesen und anderen Gegenden der Republik
+noch viele+; nicht nur hinlänglich, um dem großen Bedarf an Zucker für
die eigene Bevölkerung zu genügen, sondern auch von den Häfen San Blas
und Acapulco aus, nach Chile große Quantitäten davon auszuführen, ohne
daß von Sclaven-Arbeit die Rede seyn +dürfte+. Denn was auch sonst die
Fehler der +mexicanischen+ Constitution seyn mögen, in +einem+ Stücke
ist sie der gepriesenen +nordamerikanischen+ weit überlegen, nämlich
darin, +daß sie die Menschenrechte ehrt -- und keine Sclaverei duldet+!
Es that meinem Herzen wohl, zu sehen, wie die Arbeiter auf jener
Hacienda (es war grade Zahltag) nach Hunderten als +freie+ Menschen
abgelöhnt wurden, -- und ich sagte mir: was in diesem Lande möglich
ist, ist es auch in andern, und es +muß+ daher auch in Westindien und
in Nordamerika dahin kommen, daß der Sclave zum freien Tagelöhner wird.

Das Zuckerrohr gewährt auf dem Felde, durch seinen blätterreichen,
üppigen Wuchs, einen schönen Anblick; wenn hinlänglich reif, wird es
abgehauen, auf kleinen Karren nach der Hacienda gefahren und in die
Mühle gebracht, woselbst drei aufrecht stehende Cylinder von Kupfer
das Rohr fassen und ihm einen Saft auspressen, der von da aus in große
Kessel läuft, wo er gekocht, geschäumt und in kegelförmige, irdene
Formen gegossen wird, in denen sich der Zucker krystallisirt. So kommt
er zum Verkauf und eine weitere Raffinirung findet in Mexico nicht
Statt. -- Der hiesige Zucker ist übrigens sehr stark von Korn und sehr
süß.

Die von der Hacienda nicht weit entfernten +Eisen-Bergwerke+ boten als
Merkwürdigkeit nur den auf den ersten Blick in die Augen springenden
Beweis dar, daß sie unerschöpflich sind, was das Erstaunen, daß sie so
lange unbeachtet geblieben, nur erhöhen kann. -- Einer der Aufseher,
ein Deutscher, hatte sich am Fuß des Berges, in der Nähe schattiger
Bäume und eines rieselnden Baches, eine aus zwei Abtheilungen
bestehende Hütte erbaut, deren Wände nur von Rohr waren, in welcher
er sich aber sehr behaglich zu fühlen versicherte; seine Flinte
brauchte er, trotz der isolirten Lage seiner Wohnung, nicht als
Vertheidigungs-Waffe, sondern bloß zur Jagd. Die Temperatur ist hier
äußerst angenehm, gemäßigt und gesund. -- Der Rückweg führte uns wieder
durch einige freundliche Dörfer, wo wir die Bewohner in friedlichen und
fröhlichen Gruppen den schönen Abend genießen sahen. Die Weiber saßen
dabei vor den Thüren, und beschäftigten sich mit häuslichen Arbeiten,
besonders mit Nähen, was die Mexicanerinnen viel und fleißig treiben.

Wir kamen erst spät am Abend auf den Sitio zurück, und traten schon
den nächsten Morgen unsere Rückreise nach Mexico an. Um diese etwas zu
variiren, hielten wir uns mehr in der Nähe des Gebirges, und sahen auf
diesem Wege manche fruchtbare Gegend und manches schöne, volkreiche
Dorf, mit stattlicher Kirche, die hier nie und nirgends fehlt. Zu dem
größten Flecken gelangten wir am zweiten Tage des Morgens, es war
Sonntag und, wie hier zu Lande üblich, deshalb +Markttag+, der, sehr
stark besucht, eine äußerst lebendige Scene darbot. Mais, Früchte
und Blumen aller Art, Baumwollen-Gewebe der eigenen Fabrication und
Nürnberger Spiegel, -- kurz +Alles+, selbst das heterogenste, ward zum
Verkaufe ausgeboten, und die Verkäufer, Landleute aus der Umgegend,
meist weiblichen Geschlechts, von allen Farben-Abstufungen und eben
nicht schön zu nennen. Der Marktplatz war sehr groß, wie ich ihn denn
überhaupt in allen Städten, Dörfern und Flecken, durch die ich in
diesem Lande gekommen bin, gefunden habe. -- Es mangelt eben hier noch
nicht an Platz, und man findet deshalb überall breite Straßen, große
Plätze und weitläuftige Anlagen, was der Gesundheit im Allgemeinen
gewiß sehr zuträglich ist.

Wir erreichten nun, auf unserer fortgesetzten Rückreise, Chalco, bei
guter Zeit am Nachmittage, und mietheten uns dort, um den andern Morgen
ganz früh in Mexico seyn zu können, ein Nachtboot aus dem Canale.
Die Pferde ließen wir uns nachbringen, fuhren des Abends um 7 Uhr
von Chalco ab und kamen, langsam genug, den nächsten Morgen um 8 Uhr
in Mexico an! -- Der Canal führt durch viel Moor- und Sumpfland, mit
hohem Schilf bewachsen und von unzähligen, geschwätzigen Wasservögeln
bewohnt, aber er führt auch bei der Annäherung an Mexico an mehreren
hübschen Dörfern und den viel besprochenen, +schwimmenden Gärten+
vorbei. Diese letzteren sind übrigens, was sie auch früher gewesen
seyn mögen, +jetzt nicht schwimmend+, sondern große, viereckige, den
Sümpfen gleichsam abgewonnene Stücke Landes, von Wasser umgeben und
durch kleine Zugbrücken unter einander und mit dem übrigen Lande
in Verbindung gesetzt, wie man sie in Holland gleichfalls häufig
antrifft. In kleinen darauf angebrachten Hütten wohnen Indianer, welche
in dem durch die Feuchtigkeit sehr fruchtbaren Boden, Gemüse und
Blumen ziehen, und auf dem Canal nach Mexico zum Verkauf bringen. Die
natürliche Beweglichkeit solcher Erdstücke im sumpfigen Boden mag wohl
die erste Veranlassung zu der allzu feenartig klingenden Benennung von
“+schwimmenden Gärten+” gegeben haben!

Der Canal geht durch mitunter enge Straßen, wo viele Gärber wohnen und
ihr nicht sonderlich wohlriechendes Gewerbe treiben, bis in die Mitte
der Stadt, woselbst wir landeten und so unsere Ausflucht nach dem Sitio
beendigten.


  Mexico, den 17. Juni 1832.

“+Pfingsten+, das liebliche Fest war gekommen!”

Auch hier ist’s ein fröhliches Fest und wird überall auf dem Lande
und im Freien begangen. -- Wie es in andern Theilen der Republik
gefeiert wird, weiß ich nicht, aber in der Hauptstadt zieht, wer es
nur einigermaßen kann, auf Pfingsten hinaus nach +St. Augustin+,
einem hübschen Landstädtchen, etwa 2 Meilen von hier am südwestlichen
Gebirge. Die Gegend ist dort weit schöner und fruchtbarer als um Mexico
herum, und auch gewiß gesünder, da der Boden höher gelegen und nicht
sumpfig ist. Aus diesem Grunde ist es wohl zu beklagen, daß Cortes
seinen ursprünglichen Plan nicht ausgeführt hat, das neue Mexico, --
statt theils an die Seite, theils an die Stelle der alten Stadt, --
da zu erbauen, wo jetzt +St. Augustin+ steht. Begreiflicher ist, daß
in neuerer Zeit die Idee, St. Augustin zur Föderativ-Stadt zu machen,
und den Sitz des Congresses dahin zu verlegen, nicht durchging, denn
Mexico hat jetzt, als Mittelpunkt der Republik, zu viele Resourcen,
welche der Regierung unentbehrlich sind. St. Augustin ist somit ein
kleines, aber wie gesagt ein freundliches Landstädtchen geblieben, mit
vielen hübschen Häusern und Gärten und schöner Umgebung; -- und dahin
zieht alle Welt auf Pfingsten, um den dortigen Volksfesten beizuwohnen.
Hahnen-Gefechte, Buden aller Art, Messe auf dem Marktplatz, Tanz am
Tage im Freien und ~bal paré~ am Abend, alles ist dort zu sehen und
zu finden, und das ganze Fest in der That ein schönes und heiteres zu
nennen. -- Aber, aber, -- ist nicht der alleinige Magnet, der in diesen
Tagen die zahlreiche Menge zu Wagen, zu Pferd und zu Fuß von Mexico
nach St. Augustin zieht! Es ist die +Spielsucht+, vielleicht mehr als
alles andere, denn dieser wird nirgends und zu keiner Zeit ein größeres
Feld gegeben, als gerade hier. -- Die Regierung beobachtet nämlich das
äußere Decorum hinsichtlich des Spiels, wenigstens in so weit, daß sie
die Hazardspiele verbietet, und deren Oeffentlichkeit, namentlich in
der Hauptstadt, nicht duldet. Die nichts desto weniger gekannten und
stark besuchten Monte-Banken werden in Mexico nur heimlich aufgelegt.
Zu Pfingsten aber hat St. Augustin ein Privilegium, (gleich wie unsere
in dieser Hinsicht berüchtigten Bade-Orte den ganzen Sommer über)
während fünf Tagen öffentlich Bank auflegen zu dürfen, und Du kannst
denken, daß dies nicht unbenutzt bleibt. In nicht weniger als 20
verschiedenen Häusern wird zu St. Augustin auf Pfingsten Monte-Bank
gehalten, in 15 derselben nur mit Gold pointirt, in den übrigen mit
Gold und Silber.

Um Dir einen Begriff von der hiesigen Spielwuth zu geben, darf ich Dir
nur bemerken, daß diese Banken, welche ihr eigentliches Etablissement
alle in der Hauptstadt haben, bei dieser Gelegenheit, das Silber
ungerechnet, nicht weniger als 58000 Stück Doublonen oder Unzen (also
einen Werth von beinahe 1½ Millionen preußischer Thaler in Gold
allein) hinausgeschleppt und in St. Augustin auf den grünen Teppigen
aufgelegt haben! Gold steigt in dieser Zeit zu einem Agio von 5 bis 7½
vom Hundert, denn es wird nicht nur für die Banken, sondern auch von
den Mitspielern, an denen es in diesen Tagen natürlich hier weniger
als je mangelt, gesucht und aufgekauft. Wie viel die Mitspieler
davon hinbrachten, läßt sich nicht berechnen; eher vielleicht, was
die +meisten+ derselben wieder mit +zurücknahmen+; denn das wird
nicht viel gewesen seyn! Nur von Wenigen hörte ich, daß sie glücklich
gespielt hätten! +Eine+ Bank ist freilich gesprengt worden und hat
3000 Unzen verloren, aber die meisten prosperirten, obgleich Monte
anerkanntermaßen dasjenige Hazardspiel ist, welches die Bank am
wenigsten begünstigt! -- Ich versuche es nicht, Dir ein Bild von
der Leidenschaftlichkeit zu entwerfen, mit welcher gespielt ward,
oder den Ausdruck zu beschreiben, der sich bei den Wechselfällen des
Glücks auf den verschiedenen, männlichen und weiblichen Gesichtern
(auch hier spielt, wie bei uns, das schöne Geschlecht mit) kund gab!
-- Es übersteigt die Kraft meines Pinsels, und Du liest es anderswo
besser. Aber +eine+ Merkwürdigkeit ans diesen Scenen muß ich Dir
doch noch berichten. An einer der Goldbanken nämlich sah ich, in
einiger Entfernung vom Tische, nahe am Eingang des Zimmers, einen Mann
stehen, der mit gespannter Aufmerksamkeit zusah und fortwährend etwas
anzumerken schien! Auf mein Befragen erfuhr ich, daß es der Comte de
*** sei, der stets mitspiele, aber nie pointire, sondern dem Spiel aus
der Ferne in Gedanken folge, und nachher an die Casse gehe, um dort
abzurechnen, wo man ihn denn eben so oft große Summen habe zahlen als
empfangen sehen! Von einem ähnlichen Vertrauen zwischen Banquier und
Pointier habe ich in Europa nicht gehört.

Doch genug vom Hazardspiel, und nun zu dem, wie man sonst die Festtage
hinbrachte! -- Daß diese mit der Messe (~Misa~) und einer Procession
in den Kirchen anfingen, versteht sich von selbst. Hierauf besucht man
wohl den Markt, wo das Volk sich den ganzen Tag über aufhält, und am
Abend in noch größerer Menge sich mit Trinken und Spielen erlustigt.
Die Hahnengefechte, welche bei den Mexicanern im Allgemeinen sehr
beliebt sind, gehören hier zu den Vormittags-Vergnügungen, und werden
in einem recht hübschen, runden Local gegeben, woselbst Sitze und
Logen amphitheatralisch für die Zuschauer angebracht sind, welche aber
hier nicht so zahlreich, wenn auch eben so gemischt waren, wie bei den
Stiergefechten. Der Vice-Präsident Bustamante kam auf kurze Zeit in
eine der Logen, mit einem seiner Adjutanten, ohne daß jedoch irgend
eine Notiz von ihm genommen ward. Wie wäre dies aber auch von einem
Publicum zu erwarten, welches einem Hahnengefechte zusieht? Nimm des
unsterblichen Hogarths Kupferstiche zur Hand und Du wirst es besser
sehen und begreifen, als ich es Dir zu schildern vermag, wie dieser
scheinbar unbedeutende Kampf die Aufmerksamkeit, ja die Leidenschaften
aller Umstehenden erregt und fesselt! -- und auch dies ist ja hier
~tout comme chez nous~! -- Die mexicanischen Kampfhähne sind übrigens
groß, stark und hochbeinig, und der Sieger macht jedesmal, mit Hülfe
der scharfen, langen, stählernen Bewaffnung am Sporn, mit seinem Gegner
kurzen Proceß.

Die Wetten waren diesmal nicht so hoch und allgemein, wie wohl bei
andern Gelegenheiten, was dem Umstande zuzuschreiben seyn mag, daß die
größten Spieler bereits an der Monte-Bank saßen.

Nach einem frühen, nicht sehr delicaten, aber desto theurern
Mittagessen an ~Table d’hôte~ (man zahlt für’s Essen und eine Flasche
französischen Weins 4 bis 5 Pesos) ging oder fuhr man nach dem schönen
Calvario-Berg, wo sich viel Volks und viel ~beau monde~, mitunter sehr
reich in französischem Geschmack gekleidete Damen, auf dem schönen
grünen Rasen, über welchen hin und wieder Matten ausgebreitet waren,
gelagert hatte, und sich theils an der schönen Natur und einer
reizenden Aussicht, bei dem herrlichsten Wetter, ergötzte, theils
sich, bei guter militärischer Musik, mit Tanzen erlustigte. Auch hier
erschien Bustamante in dunkelgrüner Husaren-Uniform, aber auch hier
ging er überall unbemerkt vorüber, und nur selten ward hier und da
ein Hut vor ihm gezogen. Er schien mir durchaus nicht die öffentliche
Achtung zu genießen, welche nach meinen Begriffen der ersten
Magistrats-Person eines Landes gebührt. --

Da, wie schon öfter bemerkt, unter diesem Himmelsstrich die Nacht
früh und schnell hereinbricht, so dauerte dies ländliche Vergnügen
hier nicht so lange, als es in dieser Jahrszeit wohl bei uns der Fall
gewesen seyn würde, und Jedermann zog sich bei Zeiten zurück nach dem
Städtchen, die Einen um sich wieder an den Spieltisch zu setzen, die
Andern um für den Ball Toilette zu machen. -- Mittlerweile will ich
Dich noch ein wenig weiter den Berg hinanführen, und Dir dort eine
optische Täuschung zeigen, die Dich überraschen wird, -- nämlich nichts
mehr und nichts weniger als einen +bergauf strömenden Bach+. Diese
Täuschung beruht ja wohl auf demselben Princip wie jene, die uns eine
Haide als See erscheinen macht; sie ist aber in der That so groß, daß
man Mühe hat, wenn auch noch so nahe stehend und dem Bache folgend,
sich vom Gegentheil zu überzeugen!

Für den ~bal paré~ am Abend ward das Local des Hahnengefechts
recht hübsch und sinnreich eingerichtet; ein schön meublirtes
Eintritts-Zimmer für die Damen an der einen, und gute Restauration an
der andern Seite; und in der Arena, wo am Morgen die Hähne gekämpft
hatten, waren jetzt große schöne Teppige ausgebreitet und so ein
recht geräumiger Tanzplatz geschaffen, um welchen herum, außer den
schon früher erwähnten Logen, drei Reihen von Stühlen und Bänken
angebracht waren, um die schönen Tänzerinnen in der Nähe bewundern
zu können. Diese ermangelten denn nicht, am Abend zwischen 9 und 10
Uhr, unter dem Schutz ihrer respectiven Familien (von den ersten
Mexicos) sich einzustellen, und ich muß gestehen, daß sich die nunmehr
hier versammelte Gesellschaft, bei der guten Beleuchtung durch schöne
Lüstres und Lampen, recht brillant ausnahm. Der Anzug der Damen war
geschmackvoll und reich, und der Tanz -- Quadrillen und Ecossaisen --
ward mit sehr viel Decenz, sehr viel Grazie, und nur in einem etwas
allzulangsamen Takt, bei guter militärischer Musik, aufgeführt. Der
Ball würde einer jeden großen Stadt in Europa Ehre gemacht haben, und
nur die Zuschauer waren hier etwas mehr +abwärts+ gemischt, als sie es
bei einer ähnlichen Gelegenheit wohl bei uns gewesen seyn würden.

Wir hielten aus bis Mitternacht, ließen die Fröhlichen auch dann noch
“~on the light fantastic toe~,” und fuhren bei schönem Mondschein
nach Mexico zurück, wo ich mich heute gesund und wohl befinde, aber
ungeduldig im höchsten Grade, wieder einmal von Dir zu hören. Lebe wohl.


  Jalapa, den 25. Juni 1832.

Du staunst ja wohl, mich mit einemmale wieder in diesem freundlichen
Städtchen zu sehen? Dies hängt aber folgendermaßen zusammen! --
Kaum war mein letztes Schreiben vom 17ten ans Mexico abgegangen,
als wir die Nachricht erhielten, daß zwischen Santa Anna und den
Gouvernements-Truppen in der Nähe dieser Stadt ein Waffenstillstand
abgeschlossen sei. Hierdurch eröffnete sich uns die Aussicht,
wenigstens von hier aus mit Vera-Cruz communiciren, und Briefe u. s. w.
von daher erhalten zu können. Ich zögerte keinen Augenblick mit der
Hierherreise, um nichts unversucht zu lassen, diesem peinigenden
Zustande der Unterbrechung meiner Correspondenz endlich einmal ein
Ende zu machen, und hier bin ich nun seit einigen Tagen; ich habe
bereits einen Expressen nach Vera-Cruz gesandt und bin in stündlicher
Erwartung seiner Rückkehr -- mit vielen, vielen Briefschaften --
auch von Dir. Mittlerweile setze ich mich hin, Dir ein paar Worte
über die herrlichen Spaziergänge zu sagen, die ich gestern und heute
in dieser bezaubernden Gegend gemacht habe. War es schon schön, als
ich im vorigen Januar hier durchkam, so ist es jetzt, in dieser
Sommer-Jahrszeit, über alle Beschreibung reizend. Nirgends in der
Welt habe ich noch den aromatischen Duft der Vegetation so genossen
wie hier, wo die Natur im höchsten Grade üppig ist und wo sich die
heiße und die gemäßigte Zone auf eine wunderbar eigenthümliche
Weise vereinigen! -- Ich war heute in einem großen Garten, wo die
Zuckerstaude und der Caffeebaum neben dem braunen Kohl blühen, der bei
uns nur im Winter, und gleichsam unterm Schnee, zur Vollkommenheit
reift; wo deutscher Thymian[13] neben Artischoken, die Melone neben
der gemeinen Zwiebel wächst, und der Apfelbaum neben der palmenartigen
Bannana steht. Ich könnte diese Gegensätze in der Vegetation, wie
Kürbisse neben den saftigsten Melonen, neun Fuß hoher Mais neben
üppigem Weizen, die fremdartigsten Cactus-Pflanzen neben der deutschen
Nelke, Rosenbäume von ungemeiner Größe, Fülle und Verschiedenheit
u. s. w. noch ins Unendliche fortführen, und sollte besonders die
schönen Orangenbäume, welche hier wild wachsen, und die wohlduftenden,
lilienartigen Liquidambar-Stauden nicht unerwähnt lassen; doch mag es
an dem Gesagten genügen und der Rest Deiner Einbildungskraft überlassen
bleiben. -- Regnete es in Jalapa nicht fast +täglich+ am Nachmittage
(es liegt, wie schon gesagt, gleichsam in der Wolken-Region) so wäre es
ein Paradies und man dürfte mit Recht Göthe’s Lied: “dahin, dahin will
ich mit Dir, o Du Geliebte! ziehn,” darauf anwenden. Die Feuchtigkeit,
welche in der Regenzeit allerdings hier so groß ist, daß sowohl die
Kleidungsstücke wie die Betten nicht ganz frei davon bleiben, ist
jedoch keineswegs der Gesundheit nachtheilig, indem jeder schädliche
Einfluß desselben durch eine, die ganze Atmosphäre durchströmende,
wohlthätige Wärme neutralisirt wird. Jeder Morgen bringt einen schönen
heitern Sonnenschein und am Mittage ist’s heiß; auch fehlt es an
schönen Abenden nicht, die man zu Spaziergängen benutzen kann, obgleich
die frühe Nacht sie, gegen die unsrigen in Europa, sehr abkürzt. -- Die
schönen Abende Europa’s, die uns so oft bis 10 Uhr im Freien halten,
kennt man hier nicht.


  Den 26sten.

Der Expresse ist zurück und bringt mir eine Masse von Briefen, die
sich während der Belagerung in Vera-Cruz dort angehäuft hatten; ich
habe deren nun von allen Freunden in Europa erhalten und besitze die
Deinigen bis zum 16. März. Ich versuche es nicht Dir meine Freude zu
schildern! -- Gott lob! daß Ihr alle wohl waret! -- Könnte ich meinem
Gefühle folgen, ich ginge jetzt gleich nach Vera-Cruz, schiffte mich
ein und eilte zu Euch, Ihr Lieben, zurück! -- aber das kann und darf
ich nicht; ich muß leider noch einige Zeit hier aushalten, und das
Ende der Revolution abwarten, um so mehr als es nun nicht mehr ferne
zu seyn scheint, und hoffentlich durch die Unterhandlungen, welche
jetzt unverzüglich in Puente stattfinden sollen, herbeigeführt werden
wird. -- Santa Anna war nämlich, nachdem die Belagerung von Vera-Cruz
aufgehoben und er durch Truppen-Abtheilungen von seinem Verbündeten
in Tampico, dem General Moctezuma, verstärkt worden, ausmarschirt
und dem General Calderon, der sich hieher zurückgezogen hatte,
gefolgt. -- Er hatte Puente, wo noch einige Gouvernements-Truppen zur
Benützung eines Lazareths lagen, umgangen, und stand mit einem Male
diesseits Encero! Die beiden Generäle, Calderon und Facio, welcher
letztere, nachdem er als Kriegs-Minister abgedankt, hierher gesandt
ward, um das Commando zu übernehmen, rückten nun mit etwa 1600 Mann
(mehr waren nicht disponibel, der Rest in den Lazarethen) Santa Anna
entgegen, dessen Corps übrigens auch nicht stärker, oder wie wir,
mit unsern Begriffen von Armeen in Europa sagen würden, +eben so
schwach+ war! Beide Partheien stoßen nicht weit von hier auf einander
und machten Anstalt zur Schlacht; man erwartete eine entscheidende,
statt dessen aber ward unterhandelt, und, ohne daß ein Schuß fiel,
ein Waffenstillstand abgeschlossen. Die Gouvernements-Partei hier war
darüber sehr entrüstet und warf Calderon und Facio vor, daß sie sich
von Santa Anna, der sich in einer sehr mißlichen Lage befunden, hätten
überlisten lassen u. s. w.; wenn man aber bedenkt, daß das, mehrere 100
Kranke enthaltende, Lazareth in Puente durch Santa Anna abgeschnitten
und von allen Lebensmitteln so entblößt war, daß schon wenige Stunden
nach Abschluß des Waffenstillstandes ein Transport dahin abgefertigt
werden mußte, daß ferner der wichtige Paß von Puente an Santa Anna
übergeben und die Demarcations-Linie hierher verlegt worden ist, so muß
man nothgedrungen glauben, daß nicht sowohl die Lage des Generals Santa
Anna, als die der Regierungs-Truppen eine mißliche gewesen seyn müsse!
Dem sei aber wie ihm wolle, der Waffenstillstand ist abgeschlossen,
und es sollen sofort Unterhandlungen in Puente angeknüpft werden; von
Seite Santa Anna’s durch ihn selbst und einige seiner Generäle, und
von Seite der Regierung durch den früheren Präsidenten, Vittoria (den
Veteranen der Republik) und Camacho, den Gouverneur des Staats. -- Man
hofft, daß dem Lande Friede daraus entspringen werde, die Wahl der
Regierungs-Unterhändler deutet wenigstens darauf hin, und so will ich
denn vor der Hand auch an diesem Glauben festhalten und Dir in meinem
Nächsten mehr darüber berichten. -- Adieu.


  Jalapa, den 9. Juli 1832.

Seit ich Dir zuletzt geschrieben, es war am 26. Juni, haben sich die
Aussichten zum Frieden wieder sehr getrübt! In Vera-Cruz hat nämlich
ein neues “~pronunciamento~” statt gefunden, welches die Sache mehr als
je verwickelt. Die dortige heroische Garnison (heroisch nennen sich,
nach spanischer Sitte, hier alle Garnisonen, Armeecorps, ja Festungen
und Städte, die etwa einmal eine Belagerung ausgehalten haben, ~par
excellence~,) hat sich nämlich jetzt zu Gunsten des Präsidenten
+Pedraza+ erklärt; d. h. sie verlangt, daß derselbe, welcher sich
dermalen im Exil befindet und zu Philadelphia aufhält, zurückberufen
und, bis zum Ablauf der gesetzlichen Frist seiner Präsidentur, mithin
bis zum April des nächsten Jahrs, an die Spitze der Regierung gestellt
werden soll. -- Dies zu fordern ist nunmehr Santa Anna von seinen
Truppen instruirt falls er es nicht, wie wahrscheinlich, selbst
veranlaßt hat, und kommt nun jedenfalls zur Conferenz nach Puente
mit Propositionen, auf welche das Gouvernement nicht eingehen wird,
ja nicht eingehen +kann+, ohne geradezu abzudanken. Was ist also nun
leider anders zu erwarten, als fortgesetzte Feindseligkeiten, deren
Ende, bei der Langsamkeit, womit in diesem Lande alles geschieht,
und die nichts zur Entscheidung kommen läßt, gar nicht abzusehen ist!
Nach meiner Meinung ist übrigens in der jetzigen Proposition der
Vera-Cruzaner Partei das einzige Mittel zu finden, den gordischen
Knoten zu zerhauen; denn ohne die Dazwischenkunft eines Dritten, wie
z. B. Pedraza, der ein kluger und gemäßigter Mann seyn soll, sehe ich
gar nicht ein, wie der Streit zwischen den, gleich starken oder gleich
schwachen Chefs, Bustamante und Santa Anna, geschlichtet werden kann!

General Vittoria ist mittlerweile von seinem Landsitz (im Süden dieses
Staats) hier angekommen, und will in einigen Tagen mit Camacho nach
Puente zur Conferenz abgehen; er hat gestern Revue über die hiesigen
Gouvernements-Truppen gehalten; es waren, von allen Waffengattungen und
bei einer unmäßigen Anzahl von Officieren, 1500 an der Zahl! mit Musik
für eben so viele Tausende, damit es an kriegerischem Getöse nicht
fehle! Und dies ist die ganze Kraft, welche die Regierung auf einem
so wichtigen Punkte, und in einem so kritischen Momente conzentriren
kann, während die Republik nicht weniger als 11 Divisions-Generale und
18 Brigade-Generale besoldet, und für das Kriegs-Departement überhaupt
nicht weniger als 16 Millionen Pesos (24 Millionen preußische Thaler)
im jährlichen Budget aufführt!! dies ist denn doch noch ärger als ~chez
nous~; doch lassen wir das! Wenn nur die Unterhandlung in Puente den
Frieden des Landes herbeiführt, so will ich mich mit allem Uebrigen
schon zufrieden geben.

Mittlerweile suche ich mich hier so gut zu amusiren wie ich kann, und
gehe viel spazieren. Die besuchteste Promenade und diejenige, wo man
die meiste ~beau monde~ antrifft, ist jetzt der neue Weg nach Cordova,
zu welchem, nahe bei der Stadt, eine hübsche Brücke über einen kleinen
Wasserfall führt! Alles mit Geschmack und kunstgerecht angelegt. Es
ist erfreulich, zu sehen, daß, selbst in diesen unruhigen Zeiten,
hier doch auch einiges dieser Art geschieht; freilich bleibt in der
Hinsicht noch unendlich viel zu thun übrig, aber es wird auch gewiß
viel geschehen, wenn einmal das Land zur Ruhe gekommen ist. Auf dem
eben erwähnten Spaziergang kommt man, etwa eine Meile von der Stadt, an
eine Meierei (nach dem spanischen ~leche~, Milch, ~lecheria~ genannt),
wo man sehr gute Milch von allen Arten, wie bei uns, bekommen kann, was
ich mir, bei meiner großen Vorliebe für dieses Getränk, denn sehr zu
Nutze mache. Es wird hier viel Rindvieh gehalten, und für den Gebrauch
der Stadt viel Milch gewonnen; aber die Euter der Kühe sind hier
unverhältnißmäßig kleiner als in Europa, und man scheint sich auf das
Melken schlecht zu verstehen, denn die Kühe müssen, wie es scheint,
jedesmal erst durch das Kalb angesaugt werden, ehe die Milch in Fluß
kommt!

Ein anderer Spaziergang führte mich heute an einer Natur-Scene
vorüber, die ich früher noch nirgends gesehen habe, nämlich an einen
“+Spinnen-Staaten-Bund+,” von ungeheurer Größe! Das Gewebe dehnte
sich zwischen zwei Bäumen aus, und nahm einen Raum von wenigstens 15
Quadrat-Fuß ein! In demselben haus’ten aber mehr als 12 verschiedene
Spinnen-Republiken, die alle abgesondert ihr Wesen für sich zu treiben
schienen und ihre Gränzen gegen einander so scharf bewachten, daß es
oft zu heftigen Gefechten zwischen ihnen kam! Und doch muß das Ganze
ein gemeinschaftliches Werk gewesen seyn, denn die Bäume standen weit
auseinander und das Netz war dennoch zusammenhängend! Die Abtheilungen
in dem großen Gewebe waren von sehr ungleicher Größe, und die Gattungen
der Spinnen eben so sehr von einander verschieden. Ich habe wie gesagt,
nie etwas Aehnliches gesehen. Bei den Abend-Promenaden, die mitunter an
den vielen Wasserströmungen dieser Stadt vorbeiführen, an welchen eine
Menge hübscher und häßlicher Wäscherinnen im Freien, wie hier üblich,
ihr munteres Gewerbe treiben, werden wir denn auch oft durch die
wirklich gute Militair-Musik der hier liegenden +Armee+ erfreut, und
an Sonn- und Festtagen, an welchen letzteren hier zu Lande kein Mangel
ist, läßt sie sich auch bei der Hochmesse in der Cathedrale hören.
Diese Kirche ist nun zwar weder sehr schön noch reich ausgeschmückt,
hat aber die Eigenthümlichkeit, daß sie, wie fast ganz Jalapa, an einem
Hügel angebaut ist, und selbst in ihrem Hauptgange zum Chor bergauf
geht, so daß der am Ende stehende +Hoch+altar diese Benennung im wahren
Sinne des Worts verdient.

Damit es nun aber an nichts mangele, was Jalapa zur Stadt stempelt,
so hat man auch ein Theater hier, was jedoch so unter aller Critik
schlecht ist, daß es darin nur von der Erbärmlichkeit der jetzt hier
spielenden, herumziehenden Bande übertroffen wird! Ich sah gestern zu
meinem Jammer Othello, nach Shakespeare bearbeitet, und ein sogenanntes
Ballet, und habe daran mehr als genug für die ganze Zeit meines
hiesigen Aufenthalts. Das Vergnügen muß man in Jalapa nicht im Theater,
sondern in der reizend schönen Natur seiner Umgebungen suchen! dann und
nur dann wird man sich nicht getäuscht finden. Adieu für heute.


  Jalapa, den 24. Juli 1832.

Meines Bleibens ist hier nicht länger, und ich reise morgen nach
Mexico zurück. Die Friedens-Unterhandlungen in Puente sind leider
abgebrochen, und die Feindseligkeiten haben bereits wieder begonnen.
Santa Anna aber, anstatt auf hier zu kommen, hat Cordova und Orizaba
besetzt, und will von dort aus nach Puebla vordringen, wodurch die
Verbindung zwischen hier und Mexico abgeschnitten wäre, was mir
natürlich schlecht zusagen würde; ich eile daher nach der Hauptstadt
zurück, indem ich nicht zu denen gehöre, die daran glauben, daß Facio,
der gen Orizaba aufgebrochen ist, den General Santa Anna schlagen,
fangen und hangen werde! Die Herren von der Gouvernements-Partei
nehmen den Mund etwas zu voll, und lassen ihrem Gegner kein gutes
Haar. Nach ihnen wäre der Held, der noch vor wenig Jahren, durch seine
rasche Entschlossenheit und die kühnsten Märsche durch unwegsame
Wälder und Gebirge, die Spanier, welche unter Baradas in Tampico
gelandet waren, besiegt und vertrieben hatte, und dem dafür unter
andern auf dem hiesigen Marktplatze eine Ehren-Säule errichtet ward,
+die noch steht+! dieser nämliche Santa Anna, sage ich, wäre jetzt,
nach ihnen, ein Poltron, ein unbedeutender Mensch, ohne alles Genie
und ohne Kenntnisse!! Mit solchen Großsprechereien gewinnt man aber
keine Schlachten, und der +Anfang+ der Feindseligkeiten ist denn auch
bereits gegen die Regierungs-Partei ausgefallen; es war zwar nur ein
Vorposten-Gefecht, indessen verlor dabei doch der Obrist Merino,
ein geschickter Ingenieur-Officier, mit dem ich noch ehegestern
frühstückte, sein Leben. Hieraus kannst Du denn auch abnehmen, wie nahe
von hier die Parteien sich gegenüber stehen, und daß es Zeit für mich
ist aufzubrechen, wenn ich Mexico noch erreichen will.

Gestern ward meine Vermittlung beim Gouverneur auf eine unerwartete
Weise in Anspruch genommen! Man hielt mich nämlich für den preußischen
Consul, und brachte daher einen Indianer zu mir, der eine schriftliche
Autorisation von allen Fremden in Vera-Cruz bei sich führte, den
Mörder eines unserer Landsleute auszuforschen und zur Haft zu
bringen, wofür ihm eine angemessene Belohnung versprochen war. Dieser
Mann behauptete nun den Delinquenten hier in Jalapa ausgefunden
zu haben und bat, ich möchte dessen Verhaftung bewirken! Dies fand
denn auch keine Schwierigkeit, Camacho und alle übrige Authoritäten
bezeigten im Gegentheil die größte Bereitwilligkeit, den Thäter zur
Verantwortung zu ziehen, und auf meine Anerkennung der schriftlichen
Beweisstücke, welche der Indianer vorzeigte, ward die Gefangennehmung
des bezeichneten Individuums sofort verfügt; leider aber wurde dasselbe
nur +vorläufig auf die Wache+ gebracht, um den nächsten Morgen verhört
zu werden. In der Nacht entfloh der Mann, und bestärkte dadurch den
Verdacht, daß er wirklich der gesuchte Mörder gewesen; es ist daher
wohl Schade, daß er seinen verdienten Lohn nicht davon getragen hat.
Mit dieser Mordthat verhält es sich aber folgendermaaßen. Ein Herr
W., einer unserer geachteten Landsleute in Vera-Cruz, dessen Associé
gerade auf Reisen in Nordamerika war, hatte allen übrigen Hausgenossen
Erlaubniß gegeben, in den Pfingstfeiertagen aufs Land zu gehen und
war dergestalt ganz allein zu Hause, wo er grade eine starke Casse
hatte. Seinem Domestiken blieb dies natürlich nicht verborgen, und
dieser, von der Begierde nach Geld gereizt, war niederträchtig genug,
mit einem andern die Verabredung zum Diebstahl zu treffen. Herr W. kam
unglücklicher Weise dazu, ehe die That vollendet war, und ward nun,
wahrscheinlich aus Furcht vor Entdeckung, von dem entfliehenden Dieb
ermordet! Ein politischer oder fanatischer Grund war dabei durchaus
nicht vorhanden. So schrecklich dieser Vorfall auch ist, so läßt sich
doch nicht läugnen, daß wir Aehnliches auch bei uns erlebt haben, und
schon die allgemeine Entrüstung über diese That liefert den Beweis, daß
es auch hier zu Lande eine seltene ist.

Der Staat von Vera-Cruz zeichnet sich namentlich dadurch aus, daß
äußerst selten Mordthaten und größere Räubereien in demselben begangen
werden; man erinnert sich z. B. nicht, daß so etwas auf dem Wege von
hier nach Vera-Cruz vorgefallen wäre, was man von dem zwischen hier und
der Hauptstadt, den ich morgen wieder antreten soll, leider nicht sagen
kann. Ich hoffe indessen, ihn auch diesmal ohne Unfall zurückzulegen
und Dir bald wieder von Mexico aus schreiben zu können. Lebe wohl.


  Mexico, den 13. August 1832.

Ich bin nun seit ein paar Wochen wieder hier, und habe die Reise von
Jalapa hierher ohne Unfall gemacht, kann Dir von derselben aber auch
nichts weiter berichten, als etwa, daß wir uns in Perote, bei dem
warmen Wetter, an köstlicher gefrorner Sane labten, die hier in den
Straßen zum Verkauf ausgeboten wird, und deshalb so allgemein ist,
weil täglich durch die Indianer viel Eis angebracht wird, welches
sie von der Schneekuppe des nahen Orizabas auf ihrem Rücken nach der
Stadt schleppen. Ich muß bei dieser Gelegenheit doch auch einmal des
ganz eigenthümlichen Ganges der Indianer, oder eingebornen Mexicaner,
Erwähnung thun; sie +gehen+ nämlich nicht, wie bei uns die Landleute,
sondern +laufen+ stets in einem kleinen Trabe, der sie ungemein schnell
vorwärts bringt; der +Mann+ zieht alsdann, halb nackt und barfuß wie
sie alle sind, mit einem langen Stab oder Sprungstock voran, nun folgt
das +Weib+, mit einem Paar, auf dem Rücken und nach vorne aufgepackten,
eben so nackten Kindern, und endlich die schon herangewachsene liebe
Jugend, so daß stets eine ganze Familie beisammen ist. Sie tragen dann
in Körben auf dem Rücken, was sie zum Verkauf nach der Stadt bringen,
betrinken sich dort für einen Theil des gelöseten Geldes, und kehren
dann, so gut es in diesem Zustande gehen will, gegen Abend wieder nach
Hause zurück. Dies Schauspiel sehen wir denn hier in der Hauptstadt
täglich, da der Markt durch die Indianer von allen Seiten her reichlich
versorgt wird, wobei ich aber zur Steuer der Wahrheit hinzufügen muß,
daß die Landleute nicht grade alle betrunken wieder abziehen! Immerhin
bleiben aber doch diese Indianer eine ganz eigene Race von Menschen,
die sich nur schwer und langsam, wenn überhaupt je, zu dem Grade von
Cultur und Erkenntniß, auf welchem z. B. unsere Landbewohner stehen,
werden erheben lassen, und selbst der dreihundertjährigen, spanischen
Zwing-Priester-Herrschaft ist es nicht gelungen, den Götzendienst unter
ihnen ganz zu vertilgen, ja, man mußte ihnen, wie es scheint, einen
Theil ihrer heidnischen Gebräuche lassen, um sie nur in der Hauptsache
zu der katholischen Kirche heran zu ziehen. Ich sah davon gestern ein
merkwürdiges Beispiel in St. Angel, einem kleinen Städtchen unweit
hier, wo ein großes Kirchenfest gefeiert ward, dem ich mit einigen
Freunden beiwohnte. Die Procession war die größte, die ich hier im
Lande gesehen habe, aber zwischen jedem Heiligen, der, umgeben von
katholischen Geistlichen, getragen ward, (und es waren deren, von
der heiligen +Mutter Gottes+ an, bis zum ungläubigen +Thomas+ herab,
in der That nicht wenige) kam stets eine Gruppe Indianer, die, mit
pferdeartigen Götzenbildern auf dem Kopf, einen heidnischen Tanz, mit
fast unglaublicher Muskelkraft in den Beinen, aufführten, und, mit nach
der Erde gerichtetem Murmeln und dem Durchschneiden der Luft mit langen
Messern, dem Vizlipuzli die alten Opfer und Beschwörungen darbrachten.
Die Procession hielt jedesmal stille, bis diese heidnischen Priester
mit ihren Ceremonien fertig waren, und doch stand der ganze Zug
+unter der Leitung römisch-katholischer Geistlichen und ging von
einem christlichen Tempel aus und kehrte dahin zurück+!! Wahrlich,
ich konnte kaum meinen Augen trauen, und weit weniger wunderte mich
der mir verbürgte Umstand, daß die Indianer noch immer, alljährliche,
nächtliche Zusammenkünfte haben, wo sie, in seltsamer Vermummung,
an Orten, die noch kein Europäer ausgeforscht hat, ihren alten
Götzen opfern sollen; dort thun sie es aber unter sich, allein und
verstohlen, und nicht, wie hier, unter der Aufsicht und Anleitung einer
christlichen Geistlichkeit.

Das Fest in St. Angel ward übrigens mit großem Pomp gefeiert, und
zeichnete sich besonders durch die Menge und Pracht seiner überaus
künstlichen +Feuerwerke+ aus, die bei der großen Hitze einer tropischen
August-Sonne +am hohen Mittag+ abgebrannt wurden, sich aber, was
Dir fast unglaublich erscheinen wird, dennoch sehr gut ausnahmen.
Ich hatte es auch nicht für möglich gehalten, daß die Wirkung eines
Feuerwerks im Sonnenschein, eine schöne seyn könnte, dennoch habe ich
es so gefunden! Sie verstehen sich aber auch hier ganz vortrefflich
auf Feuerwerke, und die Indianer bereiten sie mit Kunst und Präcision.
Uebung macht eben überall den Meister, und, da kein Kirchenfest ohne
Feuerwerk und Raketen gefeiert wird, und, bei der großen Anzahl von
Kirchen und Capellen (es sind deren in der Hauptstadt allein über
300) fast kein Tag vergeht, wo nicht so ein Fest zu feiern wäre, so
ist es kein Wunder, daß die Indianer darin eingeübt sind. Es scheint
mir, daß die Spanier den Mexicanern die Furcht vor dem, ihnen früher
so verderblichen, Schießpulver dadurch zu benehmen gesucht haben,
daß sie dessen Gebrauch bei ihren religiösen Festen einführten, und
so die Indianer damit vertraut machten. Man will behaupten, daß in
Mexico weit mehr Pulver bei den Kirchenfesten verbraucht wird, als in
allen Militair-Uebungen und Gefechten zusammengenommen. Ein solches
Kirchenfest kündigt sich schon des Morgens um 4 Uhr mit dem Abbrennen
von Raketen und Feuerwerken in den Straßen an, und dauert bis am Abend,
wo es mit Feuerwerken und Illuminationen endet, während im Innern
der Kirchen, beim Scheine zahlloser Wachskerzen, Messe gelesen wird.
Die Tempel sind alsdann von Menschen aller Classen gefüllt, und daß
es dabei auch an Taschendieben nicht fehlt, kann ich Dir leider aus
Erfahrung versichern. Ich habe das Glück gehabt, daß mir weder in
London noch in Paris, je etwas aus den Taschen entwendet worden ist,
aber +hier+ habe ich bereits eine Menge seidner Tücher eingebüßt, die
mir theils in den Kirchen, theils auf der Promenade mit unglaublicher
Geschicklichkeit von diesen gelehrigen Abkömmlingen Montezumas aus
der Tasche practisirt worden sind! Sogar ein Opernglas haben sie mir
neulich bei den Augustinern aus der Rocktasche geholt; ich sah es,
als ich mich umdrehte, im Halbdunkel des Kirchengangs, von einem
zum andern fliegen, damit der mir zunächst stehende Lépero, den ich
gleichsam auf der That ergriff, mit destomehr Effronterie behaupten
konnte, er habe es nicht gethan, und man solle ihn nur immerhin
visitiren, man werde nichts finden! Allerdings wäre dies denn auch
eine überflüssige Mühe gewesen; mein Opernglas war fort, und ich sah
es nie wieder. Glücklicher in dieser Hinsicht war vor einigen Tagen
ein Freund von mir, der, als er von der Promenade zurück kam, seinen
Voltaire, in welchem er gelesen, in die Tasche gesteckt, aber kaum
die erste Straße der Stadt zurück gelegt hatte, als er gewahrte, daß
ihm das Buch gestohlen war; sein Weg führte ihn an der Boutique eines
ihm befreundeten Buchhändlers vorbei, bei dem er einsprach und ihm
sein Leid klagte. Es dauerte aber nicht lange, so kam einer der mehr
erwähnten, kupferfarbigen Naturmenschen und bot ein Buch zum Verkauf
an. Mein Freund erkannte sofort seine Henriade, und erstand sie mit
Freuden um den billigen Preis von 2 Reales. Er zog dies dem Festhalten
und polizeilichen Verfahren gegen den Indianer vor, und hatte recht,
denn er würde außer dem Zeitverluste wahrscheinlich ein Bedeutendes
mehr als 2 Reales für Gerichtskosten haben zahlen müssen, ja vielleicht
gar in Strafe verfallen seyn, daß er den Unschuldigen angehalten habe,
denn wahrscheinlich war es der eigentliche Dieb nicht, der das Buch zum
Verkauf anbot.

       *       *       *       *       *

Da ich oben doch von Festen geredet habe, so will ich auch noch eines
anderen gedenken, welches wir in diesen Tagen begangen haben. Zwar
still und unter uns, weder mit geistlichem noch weltlichem Pomp,
aber um desto angenehmer und vergnügter; ich meine nämlich das Fest
unseres guten Königs, am 3. August! Wir luden dazu einen kleinen Kreis
von deutschen Landsleuten (versteht sich den preußischen Consul oben
an), und ließen den in allen Welttheilen verehrten, gerechten und
gütigen Monarchen hoch leben, unter dessen weiser Regierung sich 12
Millionen Deutscher, in dieser bewegten Zeit, einer fast beispiellosen,
glücklichen Ruhe, Zufriedenheit und +bürgerlichen Freiheit+ erfreuen.

       *       *       *       *       *

Welch ein Gegensatz zu dem Zustande der Dinge in diesem gelobten
Lande, wo sich Religions- und Bürgerkrieg täglich mehr verbreitet! Das
braucht Dich jedoch, in Bezug aus mich, weiter nicht zu beunruhigen,
denn so etwas läuft hier alles weit ruhiger ab, als bei uns, indem der
Charakter des Volks im Allgemeinen ein milder und phlegmatischer ist.
Die wichtigsten Ereignisse gehen ganz ruhig an uns vorüber, und die
~Paseos~, ~torros~ (Stiergefechte) und Theater werden, nach wie vor,
besucht! Auf die Geschäfte aber hat es einen gar üblen Einfluß und ich
hätte es, in +der+ Beziehung, mit meiner Reise nicht leicht schlechter
treffen können.

In meinem Nächsten will ich Dir wieder einmal die, leider zur
Tagesordnung gehörige, Politik recapituliren; für heute muß ich
schließen. Ich umarme Dich.


  Mexico, den 30. August 1832.

Ich versprach Dir in meinem Letzten einen Bericht über die jetzige
politische Lage dieses Landes, und will Dir heute um so mehr Wort
halten, als in der letzten Zeit doch gar manches vorgefallen ist,
was uns einer Entscheidung näher bringen muß, und was in den magern
Correspondenz-Artikeln, welche die deutschen Zeitungen über Mexico
enthalten, doch nur sehr unvollständig seyn dürfte.

Ehe ich aber zur Politik übergehe, muß ich Dir ein paar Worte über
einen Gegenstand sagen, der Dich hoffentlich noch mehr interessirt,
nämlich über mein Befinden; und da freut es mich denn, Dir wiederholt
die Versicherung geben zu können, daß es fortwährend ein gutes und
erwünschtes ist. Mein Fuß ist so viel besser, daß ich beinahe die
Erinnerung an den Unfall verloren habe, und, statt der +heißen+ Bäder,
jetzt nur noch die +warmen+ gebrauche, deren man hier in der Stadt, in
zweckmäßigen und reinlichen Anstalten, sehr gute hat. Bei dem letzten
heißen Bade, welches ich in Peñon nahm, hatte ich übrigens keinen
kleinen Schreck, durch den folgenden Vorfall mit unserm guten, 81
jährigen Freund S. -- Dieser, noch immer kräftige und lebendige, Greis
bestand darauf, mich in’s Bad zu begleiten, und fand sich in demselben,
trotz der 42° Reaumur Hitze, so behaglich, daß er eine Cigarre dabei
anzündete und noch in dem Bade sitzen blieb, als ich schon heraus, und
auf der hölzernen Ruhe-Bank halb eingeschlummert war. Nach einiger Zeit
hörte ich aber ein seltsames Geräusch, ein Sprudeln in dem Wasser
mit dem Munde u. s. w.; erschrocken sprang ich auf, und -- denke Dir
mein Entsetzen -- sah den alten Mann, den Kopf unter dem Wasser und
nur noch mit der Oberfläche des Rückens sich nach oben drängend. Er
mußte im Bade eingeschlafen und umgefallen seyn. Zum Glück war mein
Bedienter im Nebenzimmer, mit dessen Hülfe es denn gelang, den alten
Herrn aus dem Wasser zu ziehen, auf die Bank zu legen, und ihn in’s
Leben zurückzurufen; er schien aber sehr schwach und konnte nicht
sprechen; ich ließ ihn nun reiben und auf alle Weise erwärmen, warf
mich selbst aber in die Kleider und fuhr ~pleine carriere~ nach der
Stadt, um den Arzt zu holen. Glücklicherweise fand ich denselben zu
Hause, und eilte mit ihm zurück, in großem Zweifel, ob wir den Alten
noch am Leben finden würden. Aber wir hatten uns in der Lebenskraft
dieses merkwürdigen Greises geirrt; wir fanden ihn, völlig angekleidet,
mit einem Glase Madeira in der Hand, uns bewillkommend und versichernd,
daß ihm gar nichts fehle, als etwa ein gutes Frühstück! Und er befindet
sich auch heute noch vollkommen wohl! Wo ist aber, frage ich nun, der
zweite 80jährige Greis, der, gute 10 Minuten in heißem Wasser gesotten,
mit dem Leben davon kommt? -- Ich möchte wenigstens an mir die Probe
nicht machen, trotz dem daß ich noch keine 80 zähle.

Nun aber auch zur Politik! -- Wie ich Dir neulich schon sagte, so
greift die Revolution immer mehr um sich. Acapulco und der ganze Süden
haben sich nun auch gegen die Regierung pronuncirt, und der bekannte
Alvarez ist mit 600 Mann in jenem Hafen eingerückt, und hat die
Gouvernements-Besatzung daraus vertrieben. Auch Saltilla in Texas hat
sich pronuncirt; nach dem St. Louis Potosi, gedrängt durch Moctezuma
und den Staat von Zaccatecas, ein Gleiches thun mußte; dergestalt,
daß das dermalige Gouvernement sich bald auf die Föderativ-+Stadt+
eingeengt sehen wird. Alle ~pronunciamentos~ werden übrigens jetzt
zu Gunsten Pedrazas gemacht, den man von allen Seiten zurück wünscht.
Santa Anna hat ihm von Vera-Cruz aus eine Einladung und ein Schiff zu
seiner Disposition gesandt, da er aber erklärte, auf den Ruf eines
einzelnen Generals nicht kommen zu wollen, so hat ihm nunmehr der
Staat von Zaccatecas eine zweite Einladung, durch eine Deputation von
Tampico aus, zugefertigt. Ich kann nicht umhin, zu wünschen, daß er dem
Rufe Folge leisten und kommen möge, indem ich in ihm den einzigen Mann
erblicke, der den Vermittler machen kann. Ohne einen solchen wird die
Lage der Dinge jeden Tag verwickelter werden, und eine völlige Anarchie
die unausbleibliche Folge seyn.

Seit General +Teran+, der geschickteste und zuverlässigste
Feldherr, welchen die Regierung im Norden der Republik hatte, sich
(aus Privat-Motiven heißt es) das Leben genommen hat, ist das
Gouvernements-Heer bei St. Louis-Potosi, durch Moctezuma geschlagen,
und die Stadt besetzt worden. Dieses Vorrücken der Revolutions-Partei
auf hier, hat dergestalt auf Bustamante eingewirkt, daß er sich
entschloß, das Comando selbst zu übernehmen, und, mit einer für
dieses Land bedeutenden Macht von 3 bis 4000 Mann, Moctezuma entgegen
zu gehen. Es bedurfte dazu der Erlaubniß des Congresses, sie ward
ihm ertheilt, und er steht nun bereits mit mehreren 1000 Mann bei
Gueretaro, wo er Verstärkungen an sich ziehen und dann den Insurgenten
eine Schlacht liefern will.

Er würde, nach meiner Ansicht, besser gethan haben, das Corps von Facio
zu verstärken und Santa Anna anzugreifen, denn so lange +dieser+ nicht
besiegt ist, kann die Revolution nicht als beendigt betrachtet werden.
Da Bustamante ein guter Soldat ist, so wäre es ihm vielleicht gelungen
Santa Anna zu überwinden, was Facio nie zu Wege bringen wird. Dieser
steht noch immer, bei Orizaba, dem Revolutions-Chef gegenüber, ohne,
wie es scheint, den Muth zu haben ihn anzugreifen.

In Folge des Ausmarsches von Bustamante (der, vor Niederlegung
seiner Vice-Präsidentur in Eile, wahrscheinlich um sich Freunde und
Anhänger in der Armee zu machen, 12 Obriste zu Generalen ernannte),
mußte natürlich ein Interims-Präsident ernannt werden; die Wahl des
Congresses fiel auf den General Musquiz, den Gouverneur des Staats von
Mexico, und dieser hat bereits den Eid geleistet, und seine Functionen
als Präsident der Republik angetreten. Daß es dabei, nach hiesiger
Sitte, an militairischen Feierlichkeiten, wie z. B. Parade-Marsch vom
Pallast nach der Cathedrale, unter Gewehrfeuer und Kanonendonner,
Eröffnung der Kammern u. dgl. m., nicht fehlte, ist selbstverstanden;
dergleichen fällt aber hier so häufig vor, daß man alles Interesse
daran verliert. Musquiz hat nun neue Minister ernannt, und diese
versuchen mit Santa Anna Friedens-Unterhandlungen anzuknüpfen; bis
jetzt ist aber noch kein Erfolg sichtbar, und wir werden uns noch
längere Zeit in Geduld fassen müssen, die um so mehr Noth thut, als
das Gouvernement, in seinen großen Geldverlegenheiten, das auswärtige
Commerzium beständig für neue Anleihen in Anspruch nimmt, und auf der
andern Seite dennoch die Fremden, durch Chicanen aller Art, gleichsam
mit Füßen tritt.

Mögte ich Dir doch bald das Ende dieser Qualen zu berichten haben. Lebe
wohl.


  Mexico, den 17. September 1832.

Seit meinem Letzten vom 30. August hat sich in der politischen Lage
des Landes nichts Bemerkenswertes zugetragen, es ist vielmehr ein
peinlicher Stillstand eingetreten, der um so mehr mit der Stille vor
dem Sturm verglichen werden kann, als der Sturm gewiß nicht ausbleiben
wird. Mittlerweile macht man hier gute Miene zum bösen Spiel, und läßt
sich durch die mißliche und precaire Lage des jetzigen Gouvernements
nicht abhalten, die Feste zu feiern, welche im Kalender stehen!
und dahin gehört denn natürlich der gestrige Tag vor allen andern,
als der Jahrestag der Unabhängigkeit von Mexico (~el aniversario
de la independencia Mexicana!~). Schon am Abend vorher ward, bei
Fackelschein, auf der Plaza, vor dem National-Pallaste, Musik gemacht,
und manches schöne Stück aus dem Freischütz, dem Don Juan und andern
deutschen Opern, sehr gut ausgeführt, wie ich Dir denn schon früher
bemerkt zu haben glaube, daß einige der hiesigen Regimenter, namentlich
die Artilleristen, eine sehr schöne und gut eingespielte Musik-Bande
besitzen.[14] Gestern nun, als am 16., wurden wir um 4 Uhr Morgens mit
50 Kanonenschüssen geweckt, und alle Glocken, deren bei den hunderten
von Kirchen, welche Mexico zählt, nicht wenige sind, wurden ½ Stunde
geläutet. Um 9 Uhr ging der Präsident mit seinen Ministern und den
Volks-Repräsentanten durch Militair-Spalire von dem Pallast nach der
Cathedrale, um Messe zu hören, und ward auf dem Hin- und Herzuge mit
Kanonendonner, Gewehrfeuer und türkischer Musik begrüßt. Hierauf war
Lever bei dem Präsidenten im Pallast, und diesem Ceremoniel folgte ein
Zug von der Magistratur und den Civil-Behörden aus dem Pallast nach
dem Universitäts-Gebäude, woselbst der frühere Justiz-Minister, Don
José Dominguez, eine gehaltvolle Rede hielt über den Ursprung und den
Gang der Revolution, welcher Mexico seine Unabhängigkeit verdankt.

Der Saal war zwar für die zahlreiche Versammlung der Zuhörer kaum groß
genug, für seinen eigentlichen Zweck aber doch sehr gut eingerichtet
und passend decorirt. Das Gebäude enthält mehrere Lehr-Säle und auch
ein Museum, worin zwar manche Seltenheiten aufbewahrt sind, jedoch
nichts, was nicht auch in den zahlreichen Museen in Europa zu finden
wäre, weshalb denn jede Beschreibung von mir nur überflüssig seyn würde.

Das Bemerkenswertheste in diesem Universitäts-Gebäude ist die, in
dem geräumigen Hofe aufgestellte, in der That +colossale+ Statue
von Carl dem Fünften zu Pferde, in Bronze, hier in Mexico (versteht
sich von spanischen Künstlern in früherer Zeit) sehr kunstreich und
gelungen ausgeführt. Ferner sieht man hier viele große Götzenbilder der
Ureinwohner von Mexico, deren mitunter noch ganz gut erhaltene Formen,
an Häßlichkeit und Scheußlichkeit, den egyptischen nicht nachstehen!
und auch einen der Opfersteine, auf welchen die Priester der Asteken
ihren Götzen Menschen opferten.[15] Nun sind wir aber auch mit den
Raritäten des Universitäts-Gebäudes fertig, und ich kehre zum Fest der
Unabhängigkeit zurück, für dessen fernere Feier große Präparationen zu
Feuerwerken und Illuminationen am Abend getroffen waren. Diese wurden
leider durch einen jener heftigen Regengüsse, welche hier oft in einer
Stunde alle Straßen unter Wasser setzen, unterbrochen und vereitelt;
das Gewitter ward zum heftigsten Hagelsturme, den ich hier noch erlebt
habe, er war von fortwährend rollendem Donner und Blitz begleitet, und
erwischte mich auf der Promenade am Nachmittag, so daß ich, durchnäßt
bis auf die Haut, nach Hanse kam! Ich ließ mich aber dadurch nicht
abhalten, des Abends, wie ich mir vorgenommen, in das Theater zu gehen,
um die auch dort veranstalteten Festlichkeiten zu sehen. Ich kleidete
mich um und ließ mich, da kein Wagen zu haben war, wie hier bei solchen
Gelegenheiten üblich ist, auf dem Rücken eines Indianers hin- und
zurück tragen, hätte aber, was den davon gehabten Genuß betrifft, eben
so gut zu Hause bleiben können, indem mich das, aus Schauspiel, Oper
und Ballet zusammengestoppelte Gelegenheitsstück in keiner Hinsicht
befriedigte.

Da ich Dir diese detaillirte Beschreibung zum Theil mit um des jüngern
Theils der Familie willen gegeben habe, so füge ich, ~pro beneficio~
desselben, auch noch einige Worte als Beitrag zur neuesten Geschichte
Mexico’s bei, und schließe damit meine heutige Depesche.


[10] Jetzigen Verweser des Königl. preußischen General-Consulats in
Mexico, Hrn. von Geroldt.

[11] Der Versuch +ist gelungen+, und ich habe noch vor meiner Abreise
von Mexico die Proben von Eisen gesehen, welche in den kleinen
Interims-Oefen geschmolzen waren. Die Qualität ist die beste, die man
wünschen kann. Es ist sehr schade, daß die Belagerung von Mexico den
Ausbau des Hochofens ins Stocken gebracht hat! Da aber Sta. Anna, von
der Wichtigkeit des Unternehmens durchdrungen, sogleich eine Sauvegarde
nach dem Sitio sandte, um das Werk gegen Streifparthien zu schützen,
so ist nicht zu bezweifeln, daß er, als nunmehriger Präsident, es auch
ferner protegiren und zur gänzlichen Ausführung selbst Hülfe vom Staat
gewähren werde.

[12] Um nicht mißverstanden zu werden, bemerke ich hier, daß wenn ich
von indianischen Dörfern spreche, ich damit nicht gesagt haben will,
daß sie ausschließlich von Ureinwohnern, d. h. von +Asteken+ u. s. w.
bewohnt seyen, sondern nur, daß +diese+ die Mehrzahl bilden. In einem
solchen Dorfe, und mehr noch in Flecken und kleinen Städten, wohnen
stets auch Creolen (Eingeborne von spanischer Abkunft) entweder rein
oder mit indischem Blute gemischt, welche theils Gewerbe treiben,
theils Boutiquen (~tiendas~) halten. Die Magistrats-Personen sind fast
immer Creolen. Die +Masse+ der Landbewohner sind aber +Indianer+, wie
man hier die eigentlichen Mexicaner nennt.

[13] Diesen Thymian zieht der Eigentümer des Gartens um der Bienenzucht
willen, welche er gleichfalls hier angelegt hat, und die man überhaupt
im Lande zu vermehren und zu verbreiten sucht, um Wachs zu gewinnen,
welches Mexico jetzt, in so großen Massen, von Außen einführt.

[14] Dadurch, daß die deutsche Musik hier sehr beliebt, die deutsche
Sprache aber fast gar nicht gekannt ist, fanden oft große Mißgriffe in
der Anwendung einzelner Melodien statt. So spielte man unter anderen
kürzlich in einer Kirche, zum Ausgang des Gottesdienstes, mit großem
Pathos, den bei uns so bekannten Gassenhauer: “Es ritten drei Schneider
zum Thore hinaus” und jedermann schien sich daran zu erbauen.

[15] Von den kleinen Götzenbildern, (nemlich aus Stein verfertigte
kleine Köpfe und Figuren, welche die Asteken wahrscheinlich in ihren
Hütten und Wohnungen zur Verehrung aufstellten) werden in Mexico noch
immer sehr viele ausgegraben, und von den nach der Stadt kommenden
Indianern zum Verkauf ausgeboten. Einer unserer Landsleute, Herr Carl
Uhde, ein sehr interessanter und wohlunterrichteter Mann, hat eine so
große, mit Obsidian-Gegenständen aller Art vervollständigte Sammlung
mexicanischer Antiquitäten, daß sich ihr wohl nicht leicht eine
andere an die Seite stellen dürfte. Er wird bei seiner nahen Rückkehr
in’s Vaterland irgend ein Museum damit bereichern, und, da er seine
Nachforschungen wissenschaftlich betrieben hat, solche historische
Nachweise über den Gegenstand geben können, wie wir deren noch keine
besitzen.

Herr Uhde versichert mich übrigens, daß bei den +jetzigen+ Einkäufen
die größte Vorsicht vonnöthen sei, um nicht betrogen zu werden, und
neue, jetzt verfertigte Gegenstände statt der wirklichen antiquen
zu erhalten. Die Indianer beschäftigen sich nemlich damit, seitdem
sie bemerkt haben, daß man solche Dinge sucht und aufkauft, sie
nachzumachen und zu vergraben, dann aber aus der Erde wieder hervor zu
holen, und sie als eben aufgefundene Alterthümer auszubieten.

Bei dieser Nachahmung mögen die jetzigen Mexicaner, bei den bessern
und vollkommnern Werkzeugen der Gegenwart leichtes Spiel im Vergleich
zu ihren Vorfahren, den Asteken, haben. Sodann kommt ihnen dabei das,
der ganzen Nation innewohnende, Nachbildungs-Talent zu statten; die
Mexicaner besitzen dies in hohem Grade, und haben unter anderm auch
eine große Geschicklichkeit in der Anfertigung von Wachsfiguren, und
Gruppirungen, worin sie alle Classen und Beschäftigungen des Volkes
malerisch und höchst correct ~en miniature~ darzustellen verstehen.




Einiges

aus

der neueren Geschichte von Mexico

bei Gelegenheit des Festes der Unabhängigkeit

am 16ᵗᵉⁿ September 1832.


Bekanntlich wurde Mexico erst im Anfange des 16. Jahrhunderts von
den Spaniern entdeckt und erobert. Der Grad der Civilisation, worin
Hernandez Cortez das Land gefunden, wird sehr verschiedentlich
dargestellt, meistens aber überschätzt, denn selbst Clavigero, der,
obwohl in Mexico geboren, dahin gelangt war, eine hohe geistliche
Stelle in Rom zu bekleiden, und dort eine Geschichte seines Landes
schrieb, konnte, trotz allen Bemühungen, etwas zu Gunsten der
Ureinwohner von Mexico zu sagen, kein Bild von ihnen entwerfen, das
sie höher gestellt hätte als halbcivilisirte Horden, die in einigen
Dingen zu einem gewissen Grade von Kunstfertigkeit gelangt waren. Was
aber spätere Schriftsteller uns darüber berichtet haben, ist eine
durchaus unzuverlässige Kunde; denn, da die Ureinwohner selbst keine
Schriftsprache hatten, so beruht Alles, was man von ihnen weiß, auf
den Ueberlieferungen der ersten Eroberer, die begreiflicherweise ihren
eigenen Ruhm zu erhöhen suchten, indem sie die von ihnen überwundenen
Nationen in ihren Darstellungen auf eine Stufe der Bildung und Macht
erhoben, welche sie in der Wirklichkeit bei weitem nicht erreicht
hatten. Es ist daher auch gewiß von eben so wenig practischem Werth für
die heutige Welt, der Geschichte Mexico’s vor der Eroberung durch die
Spanier nachzuforschen, als es seyn würde, die der vereinigten Staaten
von Nordamerika höher hinauf zu führen, als bis zur Colonisirung durch
die Engländer und Franzosen.

Nachdem nun aber die Spanier in den Jahren 1500 bis 1525, unter dem
berühmten Hernandez Cortez, Mexico erobert, und die vorgefundenen
Einwohner, (welche man jetzt mit dem allgemeinen Namen Indianer
bezeichnet, die aber damals aus mehreren Nationen, wie z. B. Asteken,
Otemiten, Chinchimiken u. s. w. bestanden) mit der Geringschätzung
und Grausamkeit behandelt hatten, welche in dem Geist jener Zeit und
jenes Volkes lagen, begingen sie den großen politischen Fehler, selbst
die Abkömmlinge ihrer eignen Landsleute, wenn sie in dem von ihnen
eroberten und unterjochten Lande geboren waren, als nicht ebenbürtig zu
betrachten, und sie, gleich den Indianern, von allen Aemtern und Würden
der Regierung auszuschließen, für deren Besetzung sie immer wieder neue
Einwanderung von Spanien veranlaßten, ohne zu bedenken, daß sie gerade
dadurch die Masse der eingebornen Abkömmlinge der Europäer (die man
Creolen nannte und nennt) vermehrten.

Jahrhunderte lang gelang es Spanien, dieses verderbliche, die
Menschenwürde der transatlantischen Bevölkerung verletzende
Colonial-System in Mexico aufrecht zu erhalten; aber die Aufklärung
über die unvertilgbaren Rechte des Menschen und Bürgers schritt, trotz
Priesterherrschaft und Censurzwang, wenn auch langsam, doch stets
vorwärts, und die Unzufriedenheit über die Ausschließung von der
Teilnahme an einer Administration, die über ihr eigenes Wohl und Wehe
zu entscheiden hatte, stieg bei den Creolen mit jedem Jahre. Als nun
aber gar in den Jahren 1809 und 1810, während das Mutterland von den
Franzosen besetzt, und der König in Gefangenschaft gerathen war, die
in Cadiz niedergesetzte Central-Junta die pecuniäre Mithülfe Mexico’s
in Anspruch nahm, und dennoch das verhaßte Ausschließungs-System
aufrecht erhalten und die Eingebornen als den Europäern untergeordnete
Colonisten behandeln wollte; da brach der Damm durch, und der Retter
erschien! Am 16. September 1810 erklärte nämlich ein Prediger, Namens
+Hidalgo+, in dem kleinen Orte Dolores: “daß der +mexicanischen Nation+
(so nannten sich nun zum ersten Male alle +Eingeborne+ ohne Unterschied
des Ursprungs) nichts anderes übrig bleibe, als: die +Fremden+ (~los
estrangeros~, mit welchem Namen man von nun an die Alt-Spanier
bezeichnete), welche ihr die Theilnahme an den heiligsten Urrechten des
Menschen und des Bürgers so hartnäckig verweigerten, mit Gewalt und mit
den Waffen in der Hand zu vertreiben!

Es bedurfte nur eines solchen Ausspruchs, an irgend einem Punkte, um
das überall unter der Asche glimmende Feuer zur hochauflodernden Flamme
anzufachen! Ganz Mexico stand gegen die Spanier auf! Da diese aber
sehr zahlreich waren, alle Mittel des Angriffs und der Vertheidigung
ausschließlich in ihren Händen hatten, durch dreihundertjährigen
Besitz der Verwaltung des ganzen Landes überall einen großen Einfluß
ausübten und eine gut disciplinirte Armee befehligten, so läßt es
sich begreifen, daß der Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit für die
Mexicaner kein leichter ward! In der That kostete er sie Jahre von
Anstrengung, Kampf und Entbehrung aller Art, und Ströme von Blut mußten
fließen, ehe es gelang die Spanier ganz aus Amerika zu vertreiben.
Doch dem festen Willen von 7 Millionen Menschen kann keine irdische
Macht widerstehen. Die Mexicaner siegten, und traten aus dem Kampfe
als eine freie unabhängige Nation hervor! Am 6. November 1813 ward, zu
Chilpantzingo, von dem Congreß von Anahuac, wie er sich damals nannte,
die Unabhängigkeits-Acte unterzeichnet; es dauerte jedoch noch sieben
Jahre, bis die Spanier ganz aus dem Lande vertrieben waren, und Mexico
sich als völlig befreit betrachten konnte.

Es fehlt in diesem großen Ereignisse nicht an Beispielen der
aufopferndsten Hingebung und des erhabensten Edelmuths, nicht an
Charakterzügen, welche sich den schönsten, die uns die Geschichte
aufbewahrt hat, an die Seite stellen können, und welche der
Wiedergeburt Mexico’s in späteren Zeiten einen Glanz verleihen werden,
den ihr die, noch immer nicht ganz niedergekämpften Leidenschaften
jetzt noch versagen! Was kann z. B. erhabener seyn, was von mehr
Seelengröße und patriotischer Hingebung zeugen, als das Benehmen
eines +Bravo+ oder die Geschichte eines +Vittoria+? Beide waren
Insurgenten-Chefs, wie man sie in der Revolution nannte, oder Generale,
wie sie jetzt richtiger heißen. Bravo, ein Mann von guter Familie,
dessen Vater und Brüder gleichfalls bewaffnete Corps befehligten, war
in seinen Unternehmungen gegen die Spanier sehr glücklich, und hatte
ihnen gerade 300 Gefangene abgenommen, als er erfuhr, daß sein Vater,
an einem andern Punkte, den Feinden in die Hände gefallen sei, und
von diesen als ein sogenannter Rebell hingerichtet werden sollte. Er
sandte schleunigst einen Boten an den spanischen General, und ließ ihm
die 300 Gefangenen als Lösegeld für seinen Vater bieten, doch mit der
Drohung, daß im Weigerungsfall +diese+ dasselbe Schicksal zu erwarten
hätten, welches man seinem Vater bereite. Statt aller Antwort ließ der
+Spanier+ Bravo’s Vater, in Gegenwart des Boten, +erschießen+! Als der
Sohn dies erfuhr, schloß er sich mehrere Stunden lang ein, um seinem
Schmerze durch Thränen Luft zu machen. Nach diesem Tribut kindlicher
Liebe aber befahl er: man solle die gefangenen 300 Spanier sofort
+in Freiheit setzen+, damit er der Versuchung, eine blutige Rache zu
nehmen, nicht länger ausgesetzt bleibe!! -- Der andere Held jener Zeit,
+Vittoria+, war einer der ersten, welche beim Ausbruch der Revolution
die Waffen gegen die Spanier ergriffen, und sie hatten keinen bitterern
Feind, als ihn; er führte im Staat von Vera-Cruz, seiner eigentümlichen
Heimath, einen Guerilla-Krieg gegen sie, der ihnen nirgends Ruhe ließ
und überall den größten Schaden zufügte. Als nun, während einiger
Zeit, die Spanier in dieser Gegend wieder die Oberhand gewannen, ward
Vittoria von aller Amnestie ausgeschlossen, und mit solcher Erbitterung
verfolgt, daß er nirgends mehr sicher war, und sich zuletzt in die
Urwälder des Orizaba-Gebirges flüchten mußte; wo man denn alle Spur
von ihm verlor, und wo er zwei Jahre lang herumirrte, ohne mit einem
menschlichen Wesen in Berührung zu kommen!! Er lebte von den Früchten
des Waldes, und war, nach seiner eigenen Aussage, oft so entkräftet,
daß er nicht hoffen durfte, sein Leben länger fristen zu können. Eines
Tages insbesondere glaubte er seinem Ende nahe zu seyn, und legte
sich hin, um zu sterben; da ereignete sichs, daß einer jener Vögel
(~Zapalote~), welche sich vom Aas nähren, auf seine Brust flog und nach
dem Munde hackte; ein Schauder ergriff ihn, er sammelte die letzten
Kräfte, schnappte nach dem Vogel, riß ihm den Kopf mit den Zähnen ab,
und sog ihm das Blut aus, wodurch er sich, wunderbar genug, hinlänglich
gestärkt fühlte, seine Wanderungen aufs Neue zu beginnen.

Selbst die Indianer, welche Vittoria, der mütterlicher Seits von
indianischer Herkunft ist, wie ihren Schutzpatron verehrten, und ihn
häufig, mit Gefahr ihres Lebens und Eigenthums, beherbergten (denn die
Spanier vertilgten jeden Flecken, wo sie die Spuren ihres Todfeindes
fanden), selbst diese, sage ich, hatten jetzt alle Kunde von ihm
verloren! Als nun aber, durch den Sieg +Iturbide’s+ über die Reste
der spanischen Macht, Mexico wieder freier athmete, erinnerten sich
einige Indianer, die bei Vittoria treu bis zuletzt ausgehalten, daß
er ihnen beim Abschiede an der Gränze des Urwaldes gesagt habe: sie
mögten ihn dort aufsuchen, wenn wieder einmal eine Zeit käme, wo seine
Dienste dem Vaterlande nutzen könnten! Lebe er dann noch, so wollte
er ihnen wieder zur Seite stehen und mit ihnen gegen den gemeinsamen
Feind fechten; wäre er aber gestorben und sie fänden seinen Leichnam,
so mögten sie diesen zur Erde bestatten. Bei solchen Erinnerungen,
war es kein Wunder, daß nunmehr die ganze Bevölkerung jener Gegend
aufbrach, um den geliebten Kriegsgefährten und Führer aufzusuchen;
doch alles schien vergebens, keine Spur war zu finden, und schon
wollte man die Hoffnung aufgeben, als einer der Eingebornen einen
Fußstapfen entdeckte, den er sogleich für den des Generals erkannte.
Er kam auf den glücklichen Gedanken, an diese Stelle etwas Brod und
andere Lebensmittel an einen Baum zu hängen, “denn,” dachte oder
sagte er, “kömmt Vittoria noch einmal hieher und findet diese Zeichen
des Friedens, so weiß er, daß ihn seine Freunde suchen, und er wird
wiederkehren zu seinen Landsleuten!” Als nun dieser wackere Bursche
nach zwei Tagen wieder dahin kam, und die Lebensmittel nicht mehr fand,
glaubte er seiner Sache gewiß zu seyn. Vittoria mußte dagewesen seyn
und die stumme Sprache der Freunde verstanden haben, er mußte also auch
wiederkehren. Der Indianer verließ nun die Stelle nicht mehr, sondern
harrte auf den Ersehnten, und siehe da, -- es dauerte keinen Tag, so
erschien er wirklich; aber, großer Gott! in welcher Gestalt! Einem
Menschen nicht mehr ähnlich, und so abschreckend in seinem Aeußern, daß
der gute Indianer, aus Furcht vor dieser, ihm unbekannten, gräßlichen
Erscheinung, floh, und nur mit Mühe von Vittoria eingeholt, und durch
dessen Stimme und Zureden von der Wirklichkeit, daß +er+ es sei,
überzeugt werden konnte! Er ward nun im Triumph zurückgeführt zu den
Seinen, und ein Jubel verbreitete sich über ganz Mexico, als es hieß:
der todt geglaubte Vittoria sei noch am Leben und wiedergefunden!
-- +Iturbide+, damals am Ruder, wollte ihn an seinen +Hof+ ziehen,
aber er hatte sich in ihm geirrt. Der alte Freiheits-Märtyrer wollte
nicht bloß ein Joch mit dem andern vertauscht haben, er wollte nicht
allein selbst kein Fürstendiener seyn, sondern auch sein Vaterland
frei sehen. Er arbeitete daher mit an dem Falle des ephemeren Kaisers,
und als dieser gestürzt, und die Republik proclamirt war, da wählte
die Nation +Vittoria+, mehr aus Dankbarkeit und zum Lohn für seine
Leiden, als um seiner Fähigkeiten willen (deren er denn auch wirklich
keine ausgezeichnete besitzt), zum +Präsidenten der Republik+; +Bravo+
aber zum +Vice-Präsidenten+. Beide sind später in das Privatleben
zurückgekehrt, wohin sie die Achtung ihrer Mitbürger begleitete.

Noch ein erhabener Charakterzug aus der Revolution darf um so weniger
unerwähnt bleiben, als er dem schönen Geschlecht zur Ehre und zum
Ruhme gereicht. Eine Dame, Rayon, hatte drei Söhne, welche sämmtlich
bei den Rebellen als Generale dienten und mit großer Tapferkeit
gegen die Spanier fochten, besonders der jetzt noch lebende, den ich
persönlich kenne. Die Mutter und einer der Söhne geriethen in spanische
Gefangenschaft, wo man jener den Vorschlag machte, an die beiden andern
Söhne zu schreiben und sie zur Uebergabe einer festen Stellung, die sie
gerade hartnäckig verteidigten, zu vermögen; dann und +nur dann+ solle
das Leben des gefangenen Sohnes geschont werden! Die würdige Matrone
antwortete mit der Seelengröße einer Spartanerin, “+sie wolle das Leben
eines ihrer Kinder nicht mit der Schande der beiden andern erkaufen+,”
und sah nun den unglücklichen Sohn mit unnennbarem Schmerz, aber mit
heldenmüthiger Fassung, vor ihren Augen hinrichten!


  Mexico, den 30. September 1832.

Der Sturm, von dem ich neulich sagte, daß er der politischen Stille
folgen würde, ist nicht ausgeblieben. Bustamante hat bei +Gallinero+,
in der Nähe von Dolores, den General Moctezuma auf’s Haupt geschlagen,
wobei nicht weniger als 2000 Mann das Leben verloren haben sollen!
Man hat also “das köstliche mexikanische Blut” (~la sangre preciosa
mejicana~) diesmal nicht geschont! Bustamante rückt nun mit Eilmärschen
auf St. Luis los und will sich insbesondere des Hafens von Tampico
zu bemächtigen suchen. Dieser Sieg hat, wie Du denken kannst, hier
große Sensation gemacht. Die Gegner der Regierung ließen es nun an
Gerüchten zum Nachtheil derselben nicht fehlen, und machten sogar
Versuche, den Pöbel aufzuwiegeln, was ihnen jedoch glücklicherweise
nicht gelang. Unterdessen hatte sich die Volksaufregung schon bis in
die Gefängnisse verbreitet, und da in dem größten derselben, Accordada
genannt, unter den vielen Hundert dort Verhafteten sich eine große
Anzahl +politischer+ Verbrecher befand, so war es sehr begreiflich, daß
diese einen gewaltsamen Versuch machten, sich zu befreien. Sie wurden
jedoch, nachdem sie bereits die inneren Wachen überwältigt hatten,
durch die, aus allen Theilen der Stadt herbeieilenden Truppen, mit
einem Verlust von 20 Todten und 50 Verwundeten, zurückgedrängt. Hätten
die Gefangenen die Oberhand behalten, so wären große Unordnungen,
vielleicht Plünderung eines Theils der Stadt, die unausbleibliche
Folge gewesen; so aber kamen die guten Bürger Mexico’s diesmal mit dem
Schreck davon, welchen ihnen der General-Marsch und das Schießen in den
Straßen verursacht hatte.

Dieser, obgleich unangenehme, Vorfall würde doch wahrscheinlich
schneller als es der Fall war in Vergessenheit gerathen seyn, wenn
nicht ein Engländer, Namens Short, der unglücklicherweise in der
Accordada gefangen saß, aber durchaus keinen Antheil an dem Aufstande
genommen hatte, an einer, zufällig bei dem Eindringen des Militairs in
den inneren Theil des Gefängnisses empfangenen, Wunde gestorben wäre.
Dies war um so mehr zu beklagen, als Herr Short, zwei Tage später,
seiner Haft von Gerichts wegen entlassen werden sollte, und, auf die
Verwendung des englischen ~Chargé d’affaires~ hin, das Gefängniß
schon früher hätte verlassen können, wenn er nicht geglaubt hätte,
seinem Rechte etwas dadurch zu vergeben. Er saß nämlich wegen eines
Civil-Processes ganz eigenthümlicher Art, den sein ihn verläugnender
Schwiegervater, einer der reichsten Minen-Besitzer von Sonora, gegen
ihn führte, indem er behauptete: Short habe sich seiner Tochter
widerrechtlicher Weise bemächtigt, und sich ungesetzlich mit ihr
verheirathet! -- Ungeachtet nun die Tochter das Gegentheil aussagte und
ihrem Mann, der um ihrentwillen zur katholischen Kirche übergegangen
war, zu folgen sich bereit erklärte, und überhaupt viel Zuneigung für
ihn zu haben schien; so konnte doch der Vater seinen einmal gefaßten
Haß und Widerwillen gegen diese Verbindung nicht unterdrücken, und
benutzte den Einfluß seines ungeheuren Reichthums dazu, Short verhaften
zu lassen und den Proceß gegen ihn Jahre lang hinzuziehen, wiewohl er
wußte, daß er ihn am Ende verlieren mußte. Herr Short hatte nun auch
wirklich seine Sache gewonnen, wollte aber, wie schon gesagt, um seine
Rechte auf Schaden-Ersatz nicht zu schwächen, das Gefängniß nicht eher
verlassen, bis ihm dessen Thore durch die Gerichte geöffnet wurden.
Diese an sich lobenswerthe Beharrlichkeit hat der arme Mann leider
mit dem Leben büßen müssen. -- Er ward allgemein bedauert und in der
Kirche St. Francisco beigesetzt, und seine, von dem brittischen Consul
veranstaltete ~honras~ (kirchliche Todtenfeier) ward von Fremden und
Einheimischen, zahlreich und mit allen gebührenden Ehren, begangen.
-- Schwiegervater und Frau fehlten aber bei dieser Feier, letztere
wohl nur durch die Gewalt des Vaters gezwungen, der selbst durch diese
traurige Katastrophe nicht versöhnt ward, aber, seltsam genug, wenige
Tage nachher plötzlich auch gestorben ist und mithin den Triumph seiner
Verfolgung nicht lange genossen hat! -- Er war übrigens Besitzer der
reichsten Minen von ganz Mexico gewesen, die er immer nur, von Zeit
zu Zeit, ein paar Wochen lang bearbeiten ließ, um eine Summe von
etwa hunderttausend Pesos herausschlagen zu lassen, und dann wieder
verschloß, bis zum nächsten Bedürfniß!

Schade, daß unsere Landsleute nicht auf ein solches Bergwerk gestoßen
sind! Diese finden sich aber auch nur in dem Staate von Sonora, und
nicht in dem Theile der Republik worin wir arbeiten und wo es leider
nur arme Erze giebt.

Gestern erlebten wir auch einmal die selbst hier selten gewordene
Feier der Einkleidung einer Nonne, -- wie ich höre reicher Eltern
Kind, -- aber so systematisch für ihren jetzigen Beruf erzogen, daß
es ihr wohl nicht schwer geworden seyn wird eine Welt zu verlassen,
die sie eigentlich nie gekannt, in der sie nie gelebt hatte. Wir armen
Layen bekamen indessen von dem Feste weiter nichts zu sehen, als die
Illumination des Klosters nach der Straße hin, und das Aufsteigen eines
Luftballons von der Alameda aus. -- Dieser war ziemlich groß, durch
mexicanische Arbeiter sehr kunstgerecht aus Papier verfertigt und mit
der, durch untergelegtes Feuer bereiteten warmen Luft gefüllt; er stieg
ungemein hoch und ließ, in der schönen, sternhellen Nacht, auf eine
ungeheure Entfernung hin sein Licht zu uns hernieder leuchten.

Da ich lange nicht im Theater gewesen, so beschloß ich den Tag damit
zu enden, daß ich dem Schauspiel “~El ministro~” beiwohnte. Das Stück
spielt die bekannte Geschichte von Struensee und Brandt am dänischen
Hofe und ward sehr gut gegeben. Die Declamation der Actrice, welche die
Königin Mutter spielte (eine Castilianerin) war ganz vortrefflich, und
ich habe, seit den Zeiten der berühmten Mrs. Siddons, keinen höheren
Genuß +der+ Art gehabt. Es fehlte mir dabei nichts, als daß ich ihn in
Deiner Gesellschaft hätte haben können! Doch das wird ja auch wieder
einmal der Fall werden. -- Adieu.


  Mexico, den 4. October 1832.

Wir haben in diesen Tagen, und heute noch, einen solchen Stillstand in
den kriegerischen Vorfällen gehabt, daß wir wie im tiefsten Frieden
leben, und das Land wieder besuchen können. Dies that ich denn auch
wieder einmal, seit ich Dir zuletzt schrieb, bei dem schönsten
Wetter, das Du Dir denken kannst, aber diesmal nicht zu Pferde. Wenn
man nicht reiten will, und keine eigne Equipage hat, so bedient man
sich der Miethkutschen, die hier wie in den großen Städten Europa’s,
in mehreren Theilen der Stadt, stets mit 2 Pferden oder Maulthieren
bespannt, fertig stehen, von dem Kutscher aber nicht vom Bock, deren
diese Fahrzeuge, als die Aussicht hemmend, keine haben, sondern vom
Sattel, jockeyartig gefahren werden. Diese Wagen sind noch ganz in
dem Geschmack der Zeiten Ludwigs des XIV. gebaut! große schwere, auf
breiten, ledernen Riemen befestigte, viersitzige Kasten mit großen
Glasfenstern an den Seiten und nach vorne, in denen man übrigens
doch nicht unbequem fährt. Die Privat-Equipagen, an denen es hier
nicht mangelt, sind genau von derselben Form, nur begreiflichermaßen
im Innern reicher verziert, und äußerlich schön lackirt, gemalt
und vergoldet. Seit so viele Ausländer hier wohnen, sind aber auch
mehrere moderne und elegante Equipagen von England und vornemlich von
Nord-Amerika hierhergekommen, die sich jetzt auf dem Paseo auszeichnen,
und Nachahmung hervorrufen werden, dergestalt, daß voraus zu sehen ist,
daß, besonders da die Unternehmer der nordamerikanischen Diligencen
eine Wagenfabrik hier angelegt haben, die Wagenformen einer Revolution
unterliegen werden, und man bald die verschiedenartigsten Barouchen,
Landaus u. s. w. hier sehen wird, wie bei uns! Bis jetzt bleibt
es aber bei der beschriebenen altfränkischen Form, wenigstens der
Miethkutschen, und in einer solchen fuhren wir nach einer Gegend, wo
viel Maguay (Aloe) für die Pulque-Gewinnung gezogen wird. Ich habe,
wie ich glaube, von diesen Pflanzungen schon früher etwas gegen Dich
erwähnt, nicht aber, wie dies so beliebte National-Getränk, welches wir
in Europa gar nicht kennen, bereitet wird. Es geschieht dies auf so
eigenthümliche Art, daß ich Dir doch wenigstens etwas darüber sagen muß.

Die Anpflanzungen nehmen einen großen Flächenraum ein, denn sie
enthalten oft 1000 Maguay’s oder Aloe’s, welche wegen ihrer, sich nach
allen Seiten ausbreitenden, mitunter acht Fuß langen und mehrere Zoll
dicken Blätter, 4 Varas auseinander gepflanzt werden müssen, wobei
denn, wie Du denken kannst, der Umstand, daß sie keiner Bewässerung
bedürfen, ein sehr glücklicher ist. Bekanntlich wächst die Aloe sehr
langsam und schießt erst nach vielen Jahren in die Blüthe; was aber
minder bekannt seyn dürfte, ist die große Verschiedenheit dieses
Reifwerdens; es wechselt zwischen acht bis sechszehn ja selbst bis
zu achtzehn Jahren, doch kann man als Durchschnitt zehn Jahre dafür
annehmen, dergestalt, daß, wenn einmal eine solche Anpflanzung im
Zuge ist, alljährlich der zehnte Theil Pulque abwirft. Dieser wird nun
folgendermaßen gewonnen. In dem, von den Indianern genau beobachteten
und eben so genau gekannten Moment des Schießens des, aus der Mitte
der Pflanze, riesenmäßig in die Höhe strebenden Stammes, aus dem die
Blüthe sich bildet, wird das sogenannte Herz der Aloe (~el corazon~)
herausgeschnitten, und es zeigt sich nun ein solcher Andrang von
Saft, daß während zwei bis drei Monaten +täglich+ beinah drei Maaß
Honig-Wasser, (~Aguamiel~) wie es die Indianer nennen, gewonnen wird.
Man saugt es durch ein Horn, einem graden Kuhhorn nicht unähnlich, aus
der Pflanze heraus, und läßt einen Theil davon, in dazu bestimmten
Gefäßen, in Gährung übergehen. Von diesem so gegohrenen Stoff,
~madre pulque~ (Mutter-Pulque) genannt, wird dem, sich fortwährend
andrängenden Honig-Wasser eine Kleinigkeit beigefügt, wodurch es sofort
in trinkbaren, an Farbe dünner Milch oder Molken ähnlichen, Pulque
verwandelt wird. So lange das Getränk frisch ist, mithin da, wo es
bereitet wird, soll es wohlschmeckend und erfrischend seyn, was um so
größeren Werth hat, als die Gegenden der großen Maguay-Pflanzungen
gewöhnlich Mangel an gutem Wasser haben. Wenn nun aber der Pulque nach
den Städten u. s. w. versandt wird, was in Schläuchen von Thierfellen
auf Esel oder Maulthieren geschieht, so verliert er natürlich seine
Frische, und nimmt nun den höchst unangenehmen Geruch von faulen
Eiern an, weshalb ich mich auch nie dazu entschließen konnte, das
Getränk selbst nur zu versuchen, so sehr die Eingebornen und mitunter
sogar Ausländer, die guten Eigenschaften desselben auch rühmen! Jener
Geruch hält auch die Masse des Volks nicht ab, den Pulque als ihr
Favorit-Getränk zu behandeln, und ihm in den zahllosen Pulquerien in
den Städten und auf dem Lande eben so zuzusprechen, wie man es bei
uns dem Bier und Branntewein thut. Da Pulque weniger berauschend als
Branntewein und minder schwer als Bier ist, so halte ich es für gesund,
und nur schädlich, wenn im Extrem genossen, was aber freilich oft genug
geschieht.

Die Fasern der, wie schon gesagt, sehr starken Blätter der
Maguay-Pflanze sind unserm Hanf nicht unähnlich, und werden zu
Bindfäden und Stricken verarbeitet, wovon natürlich ein großer
Verbrauch im Lande existirt; Du siehst also, daß die Aloe hier eine
wichtige und nützliche Rolle spielt! und auch den Pflanzer lohnt
sie, denn da, wie aus dem oben Gesagten hervorgeht, eine einzige
Maguay-Pflanze oft 200 Maaß Pulque abwirft und, bei einer Pflanzung von
1000 Stück, im Durchschnitt jährlich 100 in Ausbeute sind, die sich
stets bis zum zehnten Jahre wieder erneuern, so hat der Eigentümer
einer solchen Anlage, wenn einmal im Zuge, eine permanente Einnahme von
5 bis 10,000 Pesos! Es ist überhaupt in Mexico, nach meiner Meinung,
mehr in Ackerbau-Unternehmungen, als in den so gepriesenen Bergwerken
zu gewinnen. Zu beiden gehört aber freilich Capital und Ausdauer!

Daß übrigens ein Land, welches, wie Mexico, alle Climate und
den verschiedenartigsten Boden besitzt, auch alle Naturproducte
hervorbringen +kann+, versteht sich von selbst, und wenn bisher
manche Gegenstände, die in den wärmeren Zonen besonders gut gedeihen,
wie z. B. Oliven und Wein, hier fast gänzlich fehlten, so hat das
allein darin seinen Grund, daß die Colonial-Tyrannei der Spanier den
Mexicanern den Anbau dieser und anderer edlen Erzeugnisse untersagten,
um das Monopol des Mutterlandes nicht zu beeinträchtigen. Gegenwärtig
werden hier schon viele Oliven gezogen, und man schmeichelt sich mit
der Hoffnung, in Zukunft den ganzen Bedarf an Oel im Lande selbst zu
gewinnen. Ueberhaupt wird europäische Cultur aller Art sich auch über
dieses Land in raschem Gange immer mehr verbreiten. Mitunter äußert
sich ihr Einfluß auf eine gar drollige Weise, von unten heraus, und man
kann sich in der That des Lachens nicht erwehren über die Eitelkeit
der Mädchen, die in den Straßen von Mexico, mit ihren langen, nackten,
braunen Beinen und bloßen Füßen in weißen seidenen Schuhen umherlaufen,
in Ballschuhen, die aus Frankreich zum Verkauf hierher gesandt werden!
Doch in anderer Beziehung, und in der Regel, übt die Sitte der Fremden
einen zweckmäßigeren Einfluß. Wie sehr das in Betreff der Sicherheit
und Bequemlichkeit auf Reisen der Fall ist, habe ich Dir schon in
früheren Briefen erzählt. Auch in Bezug auf die Lebensweise, auf den
Tisch insbesondre, ist das unverkennbar. Unter den vielen Fremden
selbst ist es schon nicht ungewöhnlich mehr, die Speisen ganz auf
europäische Weise zurichten zu lassen, wodurch das Gedeihen mancher,
von ihnen dahin verpflanzten, Anlagen gar sehr erleichtert wird. So
z. B. haben ein Amerikaner und ein Engländer in der Nähe der Hauptstadt
Meierhöfe angelegt, welche ganz vortreffliche Butter zum Verkauf dahin
senden, während die einheimische Butter durchaus schlecht von Geschmack
ist. Auch sind bereits zwei von Engländern angelegte Bierbrauereien in
der Stadt selbst im Gange, welche sehr gutes Bier, sowohl in der Art
von Porter, wie in der von Ale, liefern. Mit dem Weinbau, dessen ich
oben gedachte, und der ohne Zweifel in manchen Gegenden der Republik
sehr wohl gedeihen könnte, hat man, meines Wissens bis jetzt nur einen
einzigen Versuch gemacht, und zwar weit von hier, in Californien
unterm 35. Breitengrade. Ein Rheinländer, Namens Carl v. Geroldt, hat
sich dort mit einer Eingeborenen verheiratet, und in dem als ganz
vortrefflich gerühmten Clima, mit dem besten Erfolg, eine Weinpflanzung
angelegt. Ich habe von dem dort erzeugten und hierhergesandten Wein
selbst gekostet, und ihn sehr gut gefunden. Es ist eine wohlschmeckende
Sorte Rothwein, dem Catalloner ähnlich, aber zu stark, um unvermischt
getrunken zu werden. Leider ist aber Herr v. Geroldt vor Kurzem
gestorben, und dieser interessante Versuch wird also, fürchte ich,
wieder in’s Stocken gerathen, bis ihn ein anderer unserer Landsleute
aufnimmt und fortsetzt. Das möchte jedoch sobald wohl nicht geschehen;
wenn das Clima in Californien auch noch so schön ist, in ein so weit
entlegenes Land zu ziehen, um Wein zu bauen, das ist nicht jedermanns
Sache, am wenigsten die unserer +deutschen+ Weinbauern.

Doch für heute genug davon. Lebe wohl!


  Mexico, den 12. October 1832.

Die Kriegsereignisse nähern sich uns nun auf einmal mit solchen
Riesenschritten und in so ernster Gestalt, daß ich schier befürchte,
Dir von nichts anderm mehr schreiben zu können, und ich würde es mithin
vielleicht gar nicht thun, sondern lieber warten, bis alles vorüber
ist, wenn ich nicht wüßte, daß die hiesigen Vorfälle im Allgemeinen
durch die Zeitungen doch bekannt werden, und es also zu Deiner
Beruhigung gereichen muß, die wahre Lage der Dinge von mir selbst zu
erfahren. Diese glaube ich Dir nun nicht besser schildern, und Dir
kein treueres Bild von dem, was hier vorgeht, geben zu können, als
durch die Abschrift der Bulletins, die ich an mehrere Freunde in Europa
einzusenden mich veranlaßt finde.

  Hier folgt sie:

Am 8. October. Nachdem Santa Anna sich der Rückkehr von Pedraza
vergewissert und seine Vorbereitungen getroffen hatte, ging er endlich
von der Defensive, die er bisher beobachtet hatte, zum Angriff über,
und, nachdem er Facio in einem Gefechte, wobei einer der besten
Artillerie-Generale der Regierung das Leben verlor, theils geschlagen,
theils durch kühne, für unmöglich gehaltene Märsche über die Gebirge
überflügelt hatte, stand er mit einem Male ganz unerwartet vor Puebla.
Er forderte den dort commandirenden General Andrade auf, die Stadt
zu übergeben, was jedoch dieser tapfere Soldat nicht nur abschlug,
sondern sich im Gegentheil, mit seiner, etwa 700 Mann starken Garnison,
Santa Anna entgegen warf, um ihm den Eingang zu verwehren. Andrade
ward jedoch gänzlich geworfen, sein Corps zersprengt, und er selbst
verwundet.

Santa Anna zog hierauf in Puebla mit nicht weniger als 3500 Mann ein,
über welche Zahl sich jedermann wundert. Außer der Plünderung des
Hauses, worin der Gouverneur Andrade gewohnt hatte, fand jedoch kein
Unfug Statt. Santa Anna hat die städtische Ordnung sofort hergestellt,
und sich dabei mit so vieler Mäßigung, ja bei einigen Gelegenheiten mit
so viel Edelmuth, benommen, daß er selbst diejenigen seiner Gegner, die
in ihm so gerne nur den Räuber-Hauptmann sehen, zum Schweigen gebracht
hat.

Jetzt gilt es, zu wissen, was zunächst geschehen wird. Die Kammern
sind gestern zusammen gewesen, und haben beschlossen, den Congreß zu
suspendiren, und dem Präsidenten, zur Beendigung der Revolution, die
+Dictatur+ zu übertragen; man zweifelt jedoch, daß Musquiz es annehmen
werde. Mittlerweile hat er zwei Unterhändler (persönliche Freunde
von Santa Anna, aber von gemäßigten Ansichten) nach Puebla gesandt,
um zu versuchen, ob nicht eine Uebereinkunft auf friedlichem Wege zu
Stande zu bringen sei; wenige Tage müssen es entscheiden. Hätte Santa
Anna in Puebla gar nicht Halt gemacht, wäre er mit einem Male hierher
marschirt, so hätte er Mexico ohne Schwerdtstreich genommen; so groß
war die Bestürzung über seine Annäherung, und so wenig war man darauf
vorbereitet; jetzt aber sammelt man Truppen zwischen hier und Puebla,
um, falls die Negotiation scheitern sollte, noch einen Widerstand zu
leisten. Die Stadt Mexico selbst soll jedoch nicht verteidigt werden,
weil man dies für eben so unmöglich als unnütz hält. Das ~Ayuntamiento~
(die Municipalität oder der Stadtrath) betrachtet die Sache gleichfalls
so, und hat heute gegen die Verteidigung der Stadt, +in der Stadt
selbst+, feierlichen Protest bei der Regierung eingelegt.

Am 11. Es ist bis heute nichts Wesentliches vorgefallen, wenigstens
nichts bekannt geworden. Mittlerweile hat sich alles bestätigt, was man
von der Besitznahme von Puebla gesagt hat. Es sind dort durchaus keine
Unordnungen von Bedeutung vorgefallen; dem verwundeten General Andrade
hat man freien Abzug verstattet, und er ist hier angekommen, um sich
von seinen Wunden heilen zu lassen. Santa Anna ist in Puebla durch das
Eintreten mehrerer Insurgenten-Chefs um einige Tausend Mann verstärkt
worden, daraufhin aufs Neue aufgebrochen, und bereits in San Martin,
auf dem Wege nach Mexico, eingetroffen. Die Truppen der Regierung
stehen dagegen, 3000 Mann stark, bei Ayotla, 8 Leguas von hier, und
sind mit viel Artillerie versehen, woran es den Insurgenten mangeln
soll. Gestern Abend kamen nun die von hier nach Puebla gesandten
Commissarien zurück, begleitet von vier, von Santa Anna hierher
Deputaten, und man ist nun schon den ganzen Tag über in Unterhandlung
gewesen, ohne zu einem Resultat gekommen zu seyn. Ich gebe jetzt die
Hoffnung einer friedlichen Ausgleichung, auf diesem Wege, auf, und
glaube, daß Santa Anna nur als Krieger hier einrücken wird! Trotz dem
bin ich aber der Meinung, daß die in der Stadt getroffenen Maaßregeln
uns vor Excessen und Unordnungen in derselben schützen werden, Gott
gebe, daß ich mich nicht irre; bis jetzt ist hier noch alles ruhig
geblieben, indessen haben doch einige der Hauptgegner Santa Anna’s
die Stadt verlassen, wie z. B. der ehemalige Minister Alaman, mit
welchem freilich eine Versöhnung nicht zu erwarten steht, denn in
ihm repräsentirt sich die ganze Gegenpartei. Es ist Schade, denn
Alaman ist ein sehr unterrichteter, sehr geschickter Mann, und ein
angenehmer Gesellschafter und, nebenbei gesagt, seine Frau ist noch
liebenswürdiger als er. Er ist übrigens auch ein sehr reicher Mann, und
wird sich somit schon aus der Affaire zu ziehen wissen.

Und nun genug für heute! Ich bin es müde, von der +Politik+ zu reden,
und kann es nicht genug beklagen, daß ich überhaupt +darüber+, von hier
aus, etwas zu sagen habe. Wäre das Land in diesem Jahre eben so ruhig
gewesen, wie in dem vorigen, so war der Zweck meiner Reise schnell
erreicht und ich längst wieder zu Hause, bei Euch, wo allein -- doch
ich will nicht klagen und verzagen, ich habe nun einmal eine sehr
bewegte und unruhige Zeit hier vorgefunden, und es ist meine Pflicht,
das Ende derselben abzuwarten! Ein Ende erreicht ja aber in dieser Welt
Alles! nur nicht meine Liebe zu Dir und den Kindern! Lebe wohl.


  Mexico, den 5. November 1832.

Seit meinem, am 11. October geschlossenen, Bericht über den Gang der
Revolution, haben sich die Ereignisse wieder ganz anders gestaltet,
als man damals erwartete, und, statt zu einer raschen Entscheidung zu
kommen, entbehren wir diese, nach mexicanischer Langsamkeit, selbst
heute noch! Die Unterhandlung mit Santa Anna ward, da man sich über
die Basis nicht einigen konnte, abgebrochen. Die Nachgiebigkeit,
welche das Gouvernement jetzt zeigte, und die vor einigen Monaten der
Revolution ein Ende gemacht haben dürfte, genügte Santa Anna nun nicht
mehr, und er bestand aus Punkten, die zwar von den Unterhändlern
und einigen der Minister angenommen, aber von dem Präsidenten und
der Mehrheit des Congresses, welche sich dieser Negotiation halber
wieder versammelt hat, verworfen wurden. Man setzte nunmehro die
militairischen Operationen von beiden Seiten fort, aber mit einem
Mangel an Energie, von dem man sich in Europa nur schwer einen Begriff
machen kann. General Santa Anna, der, wie ich neulich schon bemerkte,
wenn er von Puebla aus seinen Marsch auf hier rasch fortgesetzt
hätte, damals ohne Widerstand in die Hauptstadt eingezogen wäre,
machte unerwarteter Weise Halt, und rückte so langsam vor, daß das
Gouvernement Zeit gewann, Truppen an sich zu ziehen, und nun wohl 5000
Mann von allen Waffengattungen beisammen haben mochte. Da indessen
Santa Anna seine Macht in noch höherem Grade verstärkte, so daß man
sie auf 8 bis 10,000 Mann schätzte, so änderte das Gouvernement
mit einem Male seinen Vertheidigungsplan, zog alle Truppen +in die
Stadt selbst+, durchschnitt die dahin führenden Wege, und erklärte
am 17. October die Föderativstadt +in Belagerungs-Zustand+! --
Santa Anna säumte denn auch nicht, diese Erklärung wahr zu machen,
rückte immer näher, und hatte Mexico sehr bald von allen Seiten
umzingelt. Die üblichen Maaßregeln einer Belagerung blieben nicht
aus. Alles Geläute der Glocken, welches in gewöhnlichen Zeiten, bei
der Mehrzahl von Kirchen dieser Stadt, von 4 Uhr Morgens bis spät in
die Nacht, einem in den Ohren dröhnt, mußte, trotz allem Protestiren
der Geistlichkeit, auf Befehl der Militair-Behörden, nun gänzlich
verstummen (eine bedeutende Erleichterung für die Nerven); Theater
und Stiergefechte wurden geschlossen; alles Reiten in den Straßen
untersagt; Pferde in Requisition gesetzt (ich habe das meinige an
die Behörde abgeliefert); gezwungene Anleihen (~prestamos forzosos~)
decretirt, zu welchen auch wir Fremden, trotz dem Proteste unserer
respectiven Diplomaten, beitragen mußten, und endlich ein Maximum der
Preise für die notwendigsten Lebensmittel anbefohlen! Auch die Magazine
und Läden sind geschlossen, die Furchtsamen haben sogar die Häuser
barricadirt; Handwerker und Arbeitsleute haben nichts zu thun, und es
ist alle Tage Sonntag! übrigens aber bis jetzt noch alles so ruhig in
der Stadt, daß, hörte man nicht von Zeit zu Zeit einige Kanonen- und
Flintenschüsse vor den Thoren, und sähe man nicht von den Dächern der
Häuser die Truppenbewegungen der Belagerer, man wahrlich nicht ahnden
könnte, es sei Krieg im Lande, geschweige denn, der Feind stehe so
nahe vor den Thoren, daß, wenn mitunter einmal ein kleines Gefecht
vorfällt, was selten genug geschieht, man es mit bloßen Augen von den
Azoteeen sehen und beobachten kann. Wie lange dieser Zustand der Dinge
noch dauern wird, weiß der Himmel, denn man scheint von beiden Seiten
nicht angreifen zu wollen, wobei sich indessen Santa Anna, bei freier
Communication mit der Küste, und umgeben von allen Resourcen einer
fruchtbaren Landschaft, augenscheinlich weit besser steht, als wir, in
einer Stadt von 170,000 Einwohnern, denen er Lebensmittel und Wasser
abschneiden +kann+ und wahrscheinlich bald +wird+. Fürchtet sich nun
das Gouvernement ferner, wie bisher, einen starken Ausfall zu machen,
um den Feind auf diese Weise zurückzutreiben, so kann sich die Stadt
unmöglich lange halten, denn schon fangen mehrere Artikel der ersten
Nothwendigkeit an zu mangeln, wie z. B. Mais, Kohlen[16] u. dgl. m. Die
große Masse der Bevölkerung, die von ihrer Hände Arbeit, und von einem
Tage zum andern lebt, ist ohne Beschäftigung, und mithin dem Mangel
preisgegeben, während aller Handel und Wandel paralisirt ist; der
Verkehr stockt, es kommen und gehen keine Posten, und wir sind heute,
am Abend, völlig auf dem Stadtbezirk eingeschlossen.

So weit hatte ich am 22. October geschrieben, als wir am nächsten
Morgen durch Kanonen-Donner aufgeweckt wurden. Wahrscheinlich hatte
man sich doch endlich geschämt, bei einer Garnison von 5000 Mann und
nicht weniger als 30 Generalen! alten und jungen, die wir das Glück
haben, in der Stadt zu besitzen, nicht einmal einen Ausfall zu wagen;
man marschirte daher mit 2 bis 3000 Mann in die Ebenen von Tacubaya,
2 Leguas von hier, und versuchte dort, unter dem Schutze der Kanonen
von Chapultepec, Santa Anna aus seiner Position herauszulocken, was
jedoch nicht gelang. Er begnügte sich damit, die Gouvernements-Truppen
von seinen Batterien aus zu beschießen, ihnen mehrere Officiere und
Soldaten zu tödten und zu verwunden, und sie am Abend, unverrichteter
Sache wieder abziehen zu lassen. Wir konnten das ganze Manöver von
den Dächern mit ansehen, und wunderten uns, mit unsern europäischen
Begriffen von Kriegs-Operationen, nicht wenig darüber, daß die,
wirklich gut, und weit besser als Santa Anna’s Reiterei, berittene
Cavallerie des Gouvernements keinen Angriff auf das ganz offene
Tacubaya, das Hauptquartier des Feindes, zu machen wagte. Es blieb
aber, wie gesagt, bei einer bloßen Demonstration, die zu keinem
Resultat führte, die man aber dennoch nicht verfehlen wird, auf ächt
mexicanische Weise mit dem pompösen Namen des “Treffens bei Tacubaya”
zu belegen. Jetzt schmeichelt man sich denn mit einer Entsetzung durch
Bustamante, von dem man Nachricht haben will, daß er in Eilmärschen
vom Norden zurückkehre, um die Hauptstadt zu befreien. Ganz grundlos
scheint dies Gerücht nicht zu seyn, denn es setzt auch Santa Anna in
Bewegung, der nunmehr auf alle Weise trachtet, sich in den Besitz von
Mexico zu setzen! Eine der Wasserleitungen ist bereits abgeschnitten,
und die Zugänge zur Stadt sind so eng besetzt, daß das Maximum-Gesetz
für die Lebensmittel aufgehoben werden mußte, um, durch den Reiz hoher
Preise, deren überhaupt zu erhalten; die meisten sind denn auch schon
auf das Dreifache, Mais und Kohlen aber auf das Sechsfache gestiegen.
Auch hat Santa Anna die Stadt vor einigen Tagen aufgefordert, sich
binnen 24 Stunden zu übergeben, damit hat er sich aber blamirt, denn
so leicht wird man es ihm nicht machen, besonders jetzt, wo man, wie
gesagt, auf Bustamante wie auf den Messias hofft, und fest glaubt, daß
dieser den gefürchteten Santa Anna vernichten werde. Hieran scheiterte
denn auch ein abermaliger Versuch, den Frieden zu unterhandeln, den
einige Gutgesinnte in diesen Tagen eingeleitet hatten. Kein Theil will
nachgaben. Mittlerweile gefallen sich die jetzigen Militair-Machthaber
dieser Stadt darin, die +Fremden+, welchen bekanntlich die
Gouvernements-Partei überhaupt abhold ist, auf alle Weise zu chicaniren
und bei jeder Gelegenheit mit Grobheit und Arroganz zu behandeln! Wir
Fremden können daher bei einem Wechsel der Dinge nur gewinnen, und ich
gestehe gerne, daß ich ihn, so wie die Sachen jetzt stehen, je eher
je lieber herbeiwünsche; aber das geht nun einmal nicht so rasch in
diesem Lande. Es ist z. B. heute wieder Alles stille und beim Alten!
Das herrlichste Wetter von Morgens bis Abends, die größte Stille in den
Geschäften von Morgens bis Abends und die langweiligste Politik, denn
es fällt auch gar nichts vor! Santa Anna ist +vor+ den Thoren, und wir
+dahinter+! Er ist übrigens höflich genug, auf Ansuchen der englischen
und französischen Geschäftsträger, die Couriere der europäischen
Paketboote, kommend und gehend, durch seine Linie passiren zu lassen,
so daß wir doch von Euch hören, und, wie Du siehst, Euch auch schreiben
können.

Ich benutze dazu jede sich darbietende Gelegenheit, und wünsche nur,
Dir bald Angenehmeres berichten zu können. Adieu.


  ~P. S.~ vom 8. November 1832.

Der Abgang des Couriers ist bis heute verschoben worden, weil man
Bewegungen bei den Truppen des Feindes bemerkte, deren Ausgang man
zuvor abwarten wollte, um ihn nach Europa berichten zu können. Dieser
Ausgang liegt denn nun vor, und ist ganz erfreulicher Art; -- +die
Belagerung ist aufgehoben+! Santa Anna ist mit seiner ganzen Armee
aufgebrochen, um dem, von Norden heranrückenden, General Bustamante
entgegen zu marschiren; schlägt er ihn nun, so kommt er natürlich
zurück, und nichts kann ihn dann hindern, Mexico zu nehmen und aus
diese Weise die Revolution zu +beendigen+! Gebe denn der Himmel, daß
es bald geschehe. Mittlerweile athmen wir hier wieder freier, und die
Aufhebung der Belagerung ist, selbst als temporaires Ereigniß, ein
erwünschtes, denn die Noth in den niedern Classen war bereits sehr
hoch gestiegen. Jetzt sind alle Lebensbedürfnisse schon wieder auf die
alten Preise gesunken, die Wasserleitung ist wieder im Gange und die
Springbrunnen in der Alameda sprudeln ihre Wasser so kräftig in die
Höhe, als ob sie nie unterbrochen worden wären. Wir selbst aber können
nun wieder aufs Land, und wollen auch nächstens dahin, um das über alle
Maaßen köstliche Wetter (bei Euch wohl um diese Zeit ein ganz anderes)
zu genießen. Lebe wohl.


  Mexico, den 9. December 1832.

Ich habe Dir seit dem 8. November nicht geschrieben, und thue es
deshalb erst heute wieder, weil früher keine Aussicht vorhanden war,
etwas Entscheidendes über unsere Lage zu berichten; ob dies jetzt
der Fall seyn wird, muß sich binnen wenig Tagen zeigen; ich setze
mich mittlerweile hin, Dir in wenigen Worten zu sagen, was bis heute
vorgefallen ist. Du lernst auf diese Weise denn auch die hiesige Art
Krieg zu führen kennen.

Wie ich zuletzt berichtete, hob Santa Anna die Belagerung Mexico’s
auf, um dem, vom Norden der Republik zum Entsatz der Hauptstadt
herbeieilenden, Vizepräsidenten, General Bustamante entgegen zu gehen,
und ihn, wie man glaubte, mit seiner, zu diesem Ende concentrirten,
dem Gegner an Zahl weit überlegenen Macht, ein entscheidendes Treffen
zu liefern. Nach gut mexicanischer Weise begnügte er sich aber damit,
bei Huehuetocla (10 Leguas von hier) Bustamante den Uebergang über
eine der, in diesen Gegenden so häufigen Land-Schluchten (~Barancas~)
streitig zu machen, und sich diesseits derselben zu befestigen.
Hierdurch entstand denn abermals eine Pause in den Kriegs-Operationen,
und es fiel, außer einigen Angriffen auf Santa Anna’s Verschanzungen
von Bustamante’s Cavallerie, die mit Verlust zurückgeschlagen ward,
nichts vor. Mittlerweile marschirte General Quintanas, mit 2000
Mann, von hier aus, nicht etwa, wie man erwartete, um Santa Anna im
Rücken anzugreifen, sondern nur, um sich wo möglich mit Bustamante zu
vereinigen, und auch dies suchte Santa Anna, unbegreiflicher Weise,
nicht zu verhindern. Hätten sich dagegen andererseits die beiden Corps
des Gouvernements stark genug gefühlt, von jeder Seite einen Angriff
auf den Feind zu machen, und ihn so zwischen zwei Feuer zu nehmen,
so hätte man hoffen dürfen, auf +diese Weise+ das Ende des Streits
herbeigeführt zu sehen. Dies geschah aber eben so wenig, und nur die
Vereinigung fand statt, in Folge welcher Santa Anna nun zurück in
eine feste Stellung bei Zumpango fiel, woraus ihn aber die beiden
vereinigten Corps seiner Gegner nicht vertreiben konnten. Bustamante
befand sich mit seinen Truppen in einer, von Lebensmitteln sehr
entblößten Gegend, und mußte damit von der Hauptstadt aus versorgt
werden. Wochenlang bemühete er sich vergebens, Santa Anna ins offene
Feld zu locken, und nur erst, als eine, für diesen bestimmte,
Geld-Conducte, aus Puebla kommend, von den Gouvernements-Truppen
angegriffen ward, verließ Santa Anna seine Stellung, um jene zu retten
(was ihm auch gelang) und marschirte nun eilend mit seinem ganzen Corps
nach Puebla zurück, wohin ihm Bustamante auf dem Fuß folgte, so daß er
gleichzeitig mit ihm daselbst eintraf. Dort nun, d. h. vor den Thoren
und in der Vorstadt von Puebla, soll sich zwischen beiden Parteien ein
heftiger Kampf entsponnen haben, und zwar zum Nachtheil Bustamante’s
ausgefallen seyn. Bestätigt sich das +gestern so+ in Umlauf gekommene
Gerücht über die Schlacht, so muß das Gouvernement unterliegen, weiset
es sich aber aus, wie man +heute+ erzählt, daß Santa Anna den Tag
verloren habe, so ist die Sache damit noch nicht am Ende; denn so lange
er noch am Leben, und nicht so aufgerieben ist, daß er Vera-Cruz nicht
wieder erreichen kann, sind und bleiben wir, wo wir vor 6 Monaten
waren, und das jetzige Gouvernement muß und +wird+ dann erst an der
Finanz-Auszehrung sterben. Es ermangelt jetzt aller Resourcen und ist
damit auf die Föderatif-+Stadt+ angewiesen; man hat schon zweimal zu
gezwungenen Anleihen Zuflucht genommen, und besteuert nun Häuser,
Fenster, Thüren, Kutschen, Pferde[17] u. dgl. m., alles +monatlich+,
weil man noch immer, von einem Tage zum andern -- ja bis zu diesem
Augenblick, den Sieg über Santa Anna, und damit das Ende der Revolution
erwartet. Man täuscht sich aber, davon bin ich überzeugt, und man
wird finden, daß die Revolution und die Opposition gegen das jetzige
Gouvernement im Allgemeinen zu weit verbreitet ist, um ihrer Herr zu
werden, und zöge sich der Krieg auch noch in die Länge, so reichen
die oben angedeuteten Mittel und überhaupt die Mittel +der Hauptstadt
allein+ nicht hin, ihn fortzuführen. Von dem nach meiner Ansicht
einzigen Wege, dem Lande den Frieden zu geben, von der Vermittlung
Pedraza’s nemlich, wollen aber das eigensinnige Gouvernement und der
noch eigensinnigere Congreß durchaus nichts wissen, und die Parteien
stehen sich jetzt einander so schroff gegenüber, wie nur je. Das
sogenannte Cabinet ist aber über diesen Punct keinesweges einig, und
mehrere Minister rathen zur Unterhandlung mit Pedraza, der nun nicht
allein in Vera-Cruz, wo er bei seiner Landung eine gemäßigte aber
gediegene Proclamation erließ, sondern seit dem 4. dieses auch in
Puebla angekommen, und uns mithin sehr nahe ist; doch die friedlich
Gesinnten wurden überstimmt, und man will durchaus die Waffen
entscheiden lassen. Wir sind deshalb auch hier in der Stadt fortwährend
unter Kriegs-Gesetz, und noch keine der militairisch-polizeilichen
Maaßregeln ist zurückgenommen, obgleich sie jetzt minder streng
beobachtet werden. Dagegen hat uns der Feind so eingeengt, daß nun
schon seit einiger Zeit auch nicht eine einzige Post aus dem Innern
weder hier ankommt noch dahin abgeht; nur die europäischen Briefe
kommen und gehen durch Extra-Couriere, welche von beiden Parteien
ungehindert durchgelassen werden.

Am 13. Nun haben wir endlich officielle Kunde über die Vorfälle bei
Puebla, und Gottlob erwünschte! +Die Revolution hat ihr Ende erreicht+
-- sie hat nämlich den Sieg davon getragen! Das Gefecht vor den Thoren
von Puebla soll wirklich ein blutiges gewesen seyn, und viel Volk
blieb auf beiden Seiten; Bustamante zog indessen den Kürzeren, war
aber nun so vernünftig, oder, wenn man will, so patriotisch, einen
Kampf nicht fortzusetzen, von dem er wohl einsah, daß er ihn am Ende
doch verlieren müsse. Er beauftragte daher den General Cortasar, zu
unterhandeln, und man kam schnell dahin überein, daß beide Armeecorps
fraternisiren und gemeinschaftlich nach Mexico marschiren sollten, um
dort den General Pedraza, nöthigenfalls selbst gegen den Willen des
Congresses, als legitimen Präsidenten für die noch nicht abgelaufene
Zeit seiner Präsidentur, also bis zum 1. April 1833, einzusetzen;
übrigens aber allgemeine Amnestie zu proclamiren. Die von beiden
Seiten ernannten Commissarien sind hier angekommen, um der Regierung
und dem Congresse davon Mittheilung zu machen, welcher Letztere sich
übrigens jetzt gewiß nicht ohne +Protest+ auflösen wird. Dies hat
aber weiter nichts zu sagen; die Revolution wird darum nicht weniger
beendet seyn, und das ist doch die Hauptsache! Da nun Pedraza, was
selbst seine Feinde nicht ableugnen können, ein rechtlicher und
unparteiischer Mann ist, so werden nunmehr ohne Zweifel auch alle
Geld-Transactionen anerkannt werden, auf welche wir Kaufleute, während
des Krieges, +gezwungen waren+, sowohl mit dem Gouvernement wie mit
Santa Anna, einzugehen, und daß dies von der größten Wichtigkeit ist,
muß jedem einleuchten. Ich sehe nun auch wirklich einer besseren Zeit
in diesem Lande entgegen. Du weißt, daß ich stets der Meinung war, es
könne nur auf diesem Wege glücklich enden, nämlich auf dem Wege des
Dazwischentretens einer dritten Partei, und namentlich der von Pedraza,
unstreitig der einzig gesetzlichen. Denn Bustamante verdankte seine
Gewalt dem Aufstande von Jalapa im Jahre 1828, und Santa Anna dem von
Vera-Cruz, im Anfange dieses Jahrs, während Pedraza allein s. Z. auf
gesetzlichem Wege zum Präsidenten gewählt ward. Ich habe mich also, wie
es sich nunmehr ausweiset, nicht geirrt! Obgleich nun aber, bei diesem
Wechsel der Dinge, der Vortheil für uns Fremden und für den ganzen
Handel und Verkehr augenscheinlich ist, so verblendet der Parteigeist
doch noch gar viele so sehr, daß sie lieber eine Fortsetzung des
Kampfes und aller daraus entspringenden, das Land zu Grunde richtenden,
Verhältnisse, als diesen völligen Sieg des, ihnen verhaßten, Santa
Anna’s gesehen hätten. Ich habe diese Ansicht +nie+ getheilt, und freue
mich des Ausgangs, so wie er ist.

Hier hast Du denn einmal ein bloß politisches Sendschreiben, aber Du
wirst begreifen, daß man in dieser bewegten Zeit für nichts anderes
Sinn noch Gedanken hat.

Mit dem Ende der Revolution naht sich denn auch das Ende meines
Hierseyn’s, und ich darf nun hoffen, Euch bald wieder zu umarmen.


  Mexico, den 28. December 1832.

Was ich in meiner letzten politischen Abhandlung vom 9/13 Dieses
voraus zu sagen wagte, ist geschehen. Der Congreß hat die friedliche
Uebereinkunft zwischen Bustamante, Santa Anna und Pedraza verworfen,
und unter starkem Protest sich aufgelöst. Der Interims-Präsident
Musquiz, erklärte sich außer Function, und wir sind seit mehreren Tagen
+ohne Regierung+, jedoch darum in keiner Anarchie. Die Sachen gehen
ihren leidlichen Gang, und nur gestern verspürte man einige Bewegung
in den Gemüthern des Volks, welche sich darin auflöste, daß nun auch
die hiesige, mehrere 1000 Mann starke, Garnison sich zu Gunsten von
Pedraza erklärt, und somit der Sache ein Ende gemacht hat. Es ist
dabei Alles mit solcher Ruhe hergegangen, daß man in der Stadt kaum
etwas davon gewahr wurde. Eine Deputation des Militairs ist nun nach
Puebla gesandt, um die dortigen Generale einzuladen, Besitz von der
Hauptstadt zu nehmen und Alles nach der getroffenen Uebereinkunft zu
ordnen. Klage nun hierüber wer da will, ich für meinen Theil freue
mich, daß der Streit ein Ende hat, und daß wir des verhaßten Zwangs
einer militairischen Polizei enthoben sind; nicht daß es mich gerade
besonders ergötzte, die Glocken wieder läuten zu hören, wiewohl
ich nicht läugne, daß es ein eigentümlich angenehmes Gefühl in mir
erweckte, als, nach so langer Unterbrechung, die gewohnten Töne
zum erstenmale wieder in meinen Ohren erklangen; aber ganz andere
Entbehrungen haben nun ihr Ende erreicht, denen wir bisher unterworfen
waren; alle Preßfreiheit war unterdrückt, aller Postenlauf gehemmt,
die Communication mit dem Lande erschwert, die Theater gesperrt, die
Fremden von einem brutalen Militair-Commandanten bei jeder Gelegenheit
insultirt u. dgl. m. Dies hat nun alles aufgehört, und wir athmen
wieder freier. Auch habe ich es mir bereits zu Nutze gemacht, und
einer Landpartie beigewohnt, nach der in Santa Fé, etwa 2 Meilen von
hier, gelegenen Pulvermühle, welche unter der Leitung des Obristen
B., Bruders unserer gereisten Freundin, steht, und von dem wir sehr
freundlich ausgenommen und bewirthet worden sind.

Santa Fé liegt in einem ziemlich hoch situirten Bergthal, jenseits
Tacubaya, und man genießt von den das Dorf umgebenden Bergen einer sehr
schönen Aussicht in das Thal von Mexico.

Diese Pulvermühle ist ein dem Staat gehöriges Etablissement und sehr
zweckmäßig eingerichtet; das Wasser wird mit sehr vieler Oeconomie zur
Kraft benutzt, durch welche das Räderwerk in Bewegung gesetzt wird,
und das Ganze ist nach einem Maaßstabe angelegt, nach welchem, bei
voller Arbeit, täglich 4400 ℔ Pulver fabricirt werden können. Durch
die Belagerung war die Arbeit unterbrochen, die Mühle selbst aber ist
von Santa Anna respectirt und beschützt worden. Er war klug genug,
einzusehen, daß er, in vielleicht nicht langer Zeit, das Etablissement
selbst beschäftigen werde.

Derselbe Bach, der mit einem Theil seines überaus schönen und
kristalreinen Wassers diese Pulvermühle in Bewegung setzt, versorgt die
Stadt Mexico durch den früher schon erwähnten Aquaduct mit dem nöthigen
Trinkwasser, und ist daher von nicht geringer Bedeutung. Er entspringt
in einem Garten von Santa Fé, den wir besuchten und wo wir die Quelle,
unter einer schönen Gruppe von frisch ausschlagenden Bäumen, umgeben
von einer Masse von üppig prangenden Rosenbüschen, aus der Erde
aufsprudeln sahen, und alles dies am heiligen Christfeste!

Die Sonne scheint so rein am Himmel, daß auch kein Wölkchen am
entferntesten Horizont zu erblicken ist, und verbreitet eine Hitze,
die einem die Schattenseite in den Straßen suchen macht, um aus
~tierra caliente~ nach tierra templada zu gelangen. Schönere Tage als
die jetzigen habe ich wirklich selbst hier noch nicht gesehen, und
doch ist es eine ganz eigene Sache mit dem hiesigen Clima. Der Winter
(und es ist jetzt auch in Mexico Winter) hat seine unfreundlichen und
nach hiesigem Sprachgebrauch, kalten Tage, die es aber nach unsern
nordischen Begriffen so wenig sind, daß man ihnen bei Euch höchstens
nur in den Hundstagen einen solchen Namen beilegen würde, denn sie
haben weder Eis, noch Schnee, noch Reif, ja selbst nicht einmal
Regen im Gefolge. Da indessen der Körper, durch die noch unendlich
mildere, oft sehr heiße Luft der 10 bis 11 übrigen Monate des Jahrs
an eine ganz andre Temperatur gewöhnt und dadurch verwöhnt ist,
so bringt diese herbstliche Kühle eine Empfindung hervor, die man
vergleichungsweise mit Recht Frost nennen kann, und dieses Frieren
und Frösteln verursacht Rheumatismus, Gesichtsschmerzen und allerlei
dergleichen Erfreulichkeiten, tout comme chez nous. Es ist daher auch
sehr zweckmäßig in dieser Jahrszeit hier wollene Strümpfe, Flanell und
überhaupt wollene Bekleidung zu tragen.

Mittlerweile gakeln meine Hennen jeden Morgen lustig beim Eierlegen,
und andere sitzen und brüten. Die hier zu Lande etwas seltenen
Singvögel, von denen ich mir einige angeschafft habe, zwitschern
fröhlich in freier Luft ihr drolliges Lied; besonders der eine, ~cien
voces~ (hundert Stimmen) genannt, der alle nachmacht und mitunter
sogar den volltönigen harmonischen Schlag der Nachtigall hören läßt.
In unserm Gärtchen blühen Rosen, Veilchen und Reseda! bei Euch aber
wirft man sich jetzt wohl mit Schneeballen! So hat denn jeder das
Seine! Ihr friert und wir schwitzen; das ist der ganze Unterschied!
Das Letztere that ich noch gestern zur Genüge auf einem Ritt nach
Guadeloupe, der berühmten Kirche und Capelle auf einem hohen Felsen
unweit von hier, wovon ich Dir schon früher sprach. Es geht damit
aber, wie mit vielen andern Dingen, d. h. es nimmt sich besser in der
Ferne aus, als in der Nähe, denn obwohl das Kloster (eine Stiftung für
geistliche Frauen) sehr reich ist, weshalb denn auch Santa Anna den
frommen Nonnen während seiner Belagerung einen Besuch abgestattet, und
sich in aller Höflichkeit einen kleinen Beitrag zu seinen Kriegskosten
von ihnen erbeten und +erhoben+ hat, so geräth hier doch alles Aeußere,
namentlich die steinerne Treppe, welche nach der höchst gelegenen
Capelle führt, sehr in Verfall, und nur das +steinerne Schiff+ hat bis
jetzt noch dem Zahn der Zeit getrotzt. Mit diesem Schiff hat es aber
folgende Bewandniß:

Ein reicher Kaufmann in Mexico hatte schon lange seinen Sohn von Cadix
zurückerwartet, und fing endlich in der stürmischen Jahrszeit an, zu
befürchten, daß demselben ein Unglück ans der See zugestoßen sei! Der
Vater richtete nun seine Gebete an die hier waltende Heilige nuestra
Señora de Gouadeloupe, und gelobte ihr eine +Fregatte+ zum Geschenk,
wenn ihm der Sohn erhalten und in die Arme zurückgeführt würde. Es
dauerte nicht lange, so kam der verloren geglaubte Sohn in Vera-Cruz
glücklich und wohlbehalten an; der Vater aber hielt Wort, und ließ der
Schutzpatronin, nahe bei der Capelle, auf hohem Felsen, ein Monument
von weißen Steinen hinsetzen, das, vom Thale aus, weit mehr als in der
Nähe, einer Fregatte mit vollen Segeln täuschend ähnlich sieht! Die
Heilige scheint indeß bis jetzt noch nicht Lust gehabt zu haben, sich
damit auf den Ocean zu wagen; das Schiff steht noch immer auf dem alten
Fleck, obwohl der Wind seit 100 Jahren ihm die Segel schwellt!

Zum Schluß habe ich Dir aber noch die traurige Nachricht mitzutheilen,
daß unser alter Freund Sulzer vor einigen Tagen gestorben ist. Er hat
das hohe Alter von 82 Jahren erreicht, und blieb kräftig an Geist und
Körper, bis etwa 14 Tage vor seinem Ende, wo er anfing bettlägerig
und immer schwächer zu werden, bis er zuletzt, ohne Leiden, sanft
entschlief. Er war natürlich der Veteran aller Fremden hier, und
einer der Wenigen, die schon +vor+ Humboldt hier gewesen. Vor 10
Jahren besuchte er Mexico zum zweiten Male, und zwar als Agent der
rheinisch-westindischen Compagnie. Er versah darauf bis zur Ankunft
des ersten preußischen General-Consuls, Geheimen-Raths Koppe, die
Functionen des preußischen Consulats, und zuletzt die der deutschen
Hansestädte. Er hinterläßt den Ruf eines braven Mannes, und sein, von
Einheimischen und Fremden zahlreich begleitetes Leichenbegängniß,
beweist, daß er hier in allgemeiner Achtung stand. Friede sei mit
seiner Asche!


  Mexico, den 9. Januar 1833.

Pedraza, der nunmehrige Präsident, und sein College, Santa Anna, der
sich schon längst den Namen des +Befreiers+, ~el liberator~ beigelegt
hatte, haben nicht lange auf sich warten lassen. Gleich nach der
Einladung der hiesigen Garnison, von der ich Dir in meinem Letzten
sprach, brachen sie von Puebla auf, zögerten aber vorsätzlich bis zum
ersten Tage des Jahrs, weil mit dem letzten des vorigen der Congreß
gesetzlich zu Ende ging, und sie auf diese Weise einen neuen zusammen
berufen können, ohne den alten gewaltsam auflösen zu müssen. Da nun der
2. Januar der Jahrestag der Revolution von Vera-Cruz ist, so beschloß
man, den Einmarsch der vereinigten Armee auf diesen Tag zu verlegen,
wo er denn auch unter Glocken-Geläute und Kanonen-Donner, jedoch ohne
besonders großen Volks-Jubel statt fand. Es mogten ungefähr 10,000
Mann von allen Waffen-Gattungen seyn, welche (abwechselnd ein Corps
von Santa Anna, und dann wieder eins von Bustamante) an dem genannten
Tage einmarschirten, und keine andere Abzeichen hatten, als ein
grün-seidenes Bändchen, das die Santanisten, und ein rothes, das die
Bustamantisten an den Mützen und Hüten trugen. Kenntlicher waren die
Truppen von Santa Anna durch ihre mehr südlich-braune Gesichtsfarbe
und minder pünktliche Uniformirung; man sah es besonders der Reiterei
an, daß sie in der Eile formirt war, und aus Landleuten bestand,
welche freilich hier zu Lande alle gut zu Pferde sind, während die
Gouvernements-Cavallerie, die überhaupt für die beste Waffengattung der
Mexicaner gilt, eine schöne militairische Haltung hatte.

Uebrigens hatten alle Truppen gleiche Uniform, gleiche Waffen, gleiche
Fahnen, und verdienten die ihnen nunmehr beigelegte Benennung der
+vereinten mexicanischen Armee+ um so mehr, da mittlerweile auch einige
Corps von Moctezuma dazu gestoßen waren. Am 3. hielten darauf Pedraza
und Santa Anna persönlich ihren feierlichen Einzug. Alle Truppen
waren auf dem großen Platze vor dem National-Pallaste aufgestellt,
eine Abtheilung von jeder Waffengattung marschirte den Helden des
Tags entgegen, und holte sie, begleitet von der Magistratur und den
Honoratioren der Stadt, gleichsam im Triumph ein. Santa Anna (in
reicher Generals-Uniform) und Pedraza (in Civil-Kleidung, schwarz)
fuhren in einem mit Vieren bespannten Wagen vorauf; (Bustamante zog
es vor, diesem Einzuge nicht beizuwohnen, und ging auf andern Wegen
allein nach seiner Wohnung in der Stadt). Das Officier-Corps war zu
Pferde, und so ging der Zug nach der Cathedrale, woselbst die hohe
Geistlichkeit den Präsidenten und den Befreier am Eingange der Kirche
empfing und bewillkommte! Nach gehaltener Messe ging der Zug durch
doppelte und dreifache Truppen-Spaliere, nach dem nahen Pallaste,
und endete so die erste Abtheilung der Tagesfeier! Daß dabei die
ganze Zeit über, an Glockengeläute, Kanonendonner, Gewehrfeuer und
Hurrahrufen kein Mangel gewesen, bedarf wohl keiner Erwähnung. Der
Einzug war übrigens in der That recht glänzend, und die Truppen hatten
eine bessere Haltung, als man nach den vorangegangenen Strapazen und
Märschen hätte erwarten sollen; ihre Musik war mitunter vortrefflich.
Abends war Illumination, Schauspiel u. s. w., aber wenn auch hier und
da ein allegorischer Aufzug durch die Straßen fuhr, und dem Befreier
ein Vivat brachte, so konnte man das Ganze doch nur ein militairisches
und keineswegs ein Volksfest nennen! Die große Masse blieb eben so kalt
bei der Einsetzung der neuen Regierung, wie früher bei dem Abtreten der
alten, und sobald der Einzug vorüber war, ging Jedermann, der nicht
durch eine amtliche Stellung dabei bleiben mußte, seinen Geschäften
wieder nach. Nichts desto weniger läßt es sich nicht läugnen, daß
die Revolution kein glücklicheres Ende hätte nehmen können, als durch
die Dazwischenkunft und nunmehrige Anerkennung des, (wie ich oben
bemerkte) im Grunde doch allein rechtmäßig erwählten, Präsidenten
Gomez Pedraza. Nur auf diesem Wege war es möglich, dem Bürgerkriege
Einhalt zu thun, der auf nichts weniger als Vertilgung der einen
oder andern Partei auszugehen schien. Nun aber, da eine Autorität
aufgetreten und anerkannt ist, welche allen Theilen gerecht zu werden
verspricht, ist allen den Nachtheilen vorgebeugt, die eine gewaltsame
Umwälzung, durch einen vollständigen Sieg einer Partei über die andere,
gewöhnlich im Gefolge hat. Die hier Handel treibenden Fremden werden
sich bei diesem Wechsel der Dinge auch nicht schlecht stehen, und mehr
persönliche Sicherheit genießen, als unter dem nunmehr gestürzten
Gouvernement, welches allen, nicht altspanischen, Europäern abhold
war, und einer großen Intoleranz fröhnte. Dieser Haß gegen die nicht
spanischen Fremden, ward von den vorigen Machthabern, und namentlich,
von dem jetzt aufgelösten, aristokratisch und theokratisch gesinnten
Congreß, besonders in der allerletzten Zeit, zu einer Höhe getrieben,
von der man sich kaum einen Begriff machen kann, und der gewiß
Personen und Eigenthum in Gefahr gesetzt haben würde, wenn diese, sich
selbstgefällig legitim nennende, Partei, den Sieg davon getragen hätte.
Von der jetzigen Regierung läßt sich mit Grund Besseres erwarten; sie
hegt liberalere Ansichten, legt mehr Werth auf ein gutes Einverständniß
mit allen europäischen Nationen, und ist in religiöser Hinsicht
tolerant. Es scheint mir überhaupt, daß dies die erste Revolution
in Mexico war, welche nicht als eine bloß persönliche zwischen zwei
Partei-Chefs anzusehen ist, sondern einen gänzlichen Wechsel von
Principien, zum Grunde und zur Folge gehabt hat. Irre ich hierin nicht,
so steht diesem Lande eine schöne und große Zukunft bevor; man wird
Religionsfreiheit gestatten, und dadurch Einwanderung veranlassen; eine
vermehrte Bevölkerung wird den Werth des Grund-Eigenthums erhöhen, und
namentlich der Ackerbau-Industrie einen Aufschwung geben, wie man ihn
jetzt noch für unmöglich hält.

Der jetzige Präsident, Pedraza, hat in den letzten Jahren einen großen
Theil von Europa (unter andern auch unsere schönen Rheinprovinzen)
bereist, und ist von den Vorzügen europäischer Civilisation
durchdrungen; die vereinigten Staaten bewundert er nicht minder, und
die Wahl seiner Minister zeigt, daß er in einem Geiste zu regieren
gedenkt, der es bedauern läßt, daß die noch übrige Frist seiner
constitutionellen Regierungs-Periode so kurz ist. Es wäre zu wünschen,
daß sie ausnahmsweise durch einen National-Congreß verlängert würde.
Alles hat hier bereits eine freundlichere Gestalt angenommen; das Land
geht gewiß einer besseren Zukunft entgegen, und, als natürliche Folge
davon, dessen Handel mit Europa nicht minder.

Mit der Befreiungs-Armee kam denn auch mancher wieder, der früher die
Hauptstadt aus politischen Gründen verlassen und gemieden hatte, und
so sahen wir denn auch unsern Landsmann H., der, wie Du aus meinen
frühern Briefen weißt, in der Schlacht von Tolome gefangen, nachher
aber wieder entkommen war, als wirklichen Obristlieutenant bei der
Artillerie von Santa Anna angestellt, mit einem Paar schweren goldenen
Epaulets einherziehen! Ein für Mexico weit wichtigerer Mann, der
verbannt gewesen und jetzt zurückgekehrt ist, ist aber Don Lorenzo
de Zavala, früher Finanz-Minister und Civil-Gouverneur vom Staat von
Mexico, welche letztere Stelle er denn auch sofort in Toluca wieder
eingenommen hat. Stets ein gescheuter und gewandter Mann, hat er
während seiner Verbannung Europa und die vereinigten Staaten mit Nutzen
bereist, und soll nun, von liberalen Ideen durchdrungen, entschlossen
seyn, Alles aufzubieten, seinem Vaterlande die Segnungen der Toleranz
und Civilisation zu Theil werden zu lassen. Er hat in Europa ein Buch
über die neuesten Revolutionen dieses Landes geschrieben, welches
sehr freisinnig abgefaßt ist; wir erhielten es von Nordamerika aus,
kurz vor dem Umsturze der vorigen Regierung, und es erregte damals
ungemeines Aufsehen. Sollte Zavala, wie man glaubt, ins Ministerium
kommen, so wird er, davon bin ich überzeugt, große Veränderungen im
liberalen Geiste hervorbringen, und besonders der Geistlichkeit die
Flügel beschneiden, was ihm gar nicht einmal so schwer fallen wird wie
manche glauben, denn so weit meine Beobachtungen reichen, herrscht
in der gebildeteren Classe, die denn doch am Ende hier wie überall
das Schicksal einer Nation leitet und lenkt, durchaus kein solcher
religiöser Fanatismus, wie von manchen behauptet wird, und selbst
unter den Geistlichen zeigen sich mitunter liberale und zeitgemäße
Ideen, die sie zu äußern keinen Anstand nehmen. Hätte +Canning+ zur
Zeit der Unabhängigkeits-Anerkennung des spanischen Südamerika’s auf
Religionsfreiheit bestanden, er würde sie erlangt, und diesen Ländern
eine unberechenbare Wohlthat erzeigt haben! Aber es galt damals weniger
den Grundsätzen der Freiheit und der Menschenrechte zu huldigen, als
der Politik in Europa zu imponiren, und deshalb ward die Sache so
übereilt, daß in dem Tractate mit Mexico nicht einmal das, bei den
englischen Gesandschaften fast überall erlangte Privilegium einer
+eignen Capelle+, vorbehalten ward, was doch als erster Schritt in der
Religionsfreiheit, einen mächtigen Einfluß hätte ausüben müssen.

Indessen haben Preßfreiheit und der Umgang mit Ausländern bereits
vieles bewirkt. Der in Europa, als der erste mexicanische Gesandte in
England, bekannt gewordene Roccafuerte, hat in einer geistreichen,
hier gedruckten Schrift förmlich auf Einführung von Religionsfreiheit
angetragen; und wenn er auch damit nicht durchgedrungen ist, so hat er
doch die Sache zur öffentlichen Discussion gebracht, und Ideen geweckt,
die gute Früchte tragen werden.

Bei der Beobachtung der äußern religiösen Formen ist man bereits
viel toleranter als früher, und das Nichtbegrüßen eines heiligen
Bildes, oder das Bedecktbleiben beim Einläuten der Oracion u. dgl.,
wird nicht mehr beachtet. Man fordert zwar allerdings noch immer,
selbst von den Fremden, die Kniebeugung vor dem “Allerheiligsten”
wenn dasselbe auf dem Wege nach den Sterbenden, wie üblich, durch die
Straßen gefahren wird. Aber man duldet nun doch ohne Rüge, wenn es im
Innern des Hauses unterbleibt, oder wenn man dem Zuge in der Straße
ausweicht. Dies Letztere kann man denn nun freilich stets zeitig genug
thun, da das vorangetragene, helltönende Glöcklein, und der schrille
Gesang der dabei nie fehlenden Litanei, das Herankommen der Hostie
lange voraus verkünden! Diese Hostie, hier ~nuestro amo~ (unser Herr)
genannt, wird von einem Priester im Ornat, in einer schönen, mit vier
weißen Maulthieren bespannten Glas-Kutsche, getragen, und von einigen
Priestern und Messnern, welche nebenher gehen, begleitet. Zu diesen
gesellen sich aus dem Volke eine doppelte Reihe von Alt und Jung,
welche die Litanei singen, und wenn es Nacht ist, Kerzen und Fackeln
tragen, wodurch sich denn der Zug ganz stattlich ausnimmt! Die Wachen
treten vor demselben ins Gewehr, und die erste detachirt ein paar Mann,
welche die Procession begleiten, zwar bewaffnet, aber mit unbedecktem
Haupte, den Chaco in der Hand, und auch der reitende Kutscher hält den
Hut in der Hand. Wo dann der Zug hinkommt, stürzt alle Welt auf die
Kniee, und bleibt in dieser Stellung, bis der Schall des Glöckleins
fast verklungen ist.

Daß dies in einer so volkreichen Stadt, wo so viele Menschen sterben,
und von diesen fast jeder vorher die letzte Oelung erhält, etwas häufig
vorkommt, kannst Du Dir denken. Der besagte Staatswagen steht fast
immer fertig angespannt bei der Cathedrale, um jeden Augenblick für den
“ernsten letzten Gang” parat zu seyn. Friede sei mit jedem, der ihn
wandelt! Adieu, Adieu.


  Mexico, den 7. Februar 1833.

Heute habe ich denn endlich wirklich gepackt, und meine Koffer durch
einen Ariero nach Vera-Cruz vorausgesandt, um ihnen in wenig Tagen
selbst zu folgen; mein Herz freut sich dessen, denn es rückt mir den
seligen Augenblick des Wiedersehens näher und näher.

Du wirst begreifen, daß ich Mexico nicht gerne verlassen wollte,
ohne die Werke gesehen zu haben, welche der deutsch-amerikanische
Bergwerks-Verein zu Elberfeld in diesem Lande besitzt. Dieser Verein
ist für das ganze Vaterland ein zu wichtiges Unternehmen, als daß es
nicht das Interesse eines jeden hier anwesenden Deutschen in Anspruch
nehmen sollte, um wie viel mehr also das meinige, der ich der Sache in
so vieler Beziehung so nahe stehe. Da nun S. wünschte, mich noch vor
meiner Abreise auf den Werken selbst zu sehen, so entschloß ich mich
vor ungefähr 14 Tagen, ihn in +Anganguco+, so heißt das Revier wo er
wohnt, zu besuchen. Dies war denn eine kleine Reise von 3 Tagen hin,
und eben so viel zurück, die ich Dir beschreiben will, um Dir das Land
auch nach dieser Richtung hin zu zeigen.

Mein Weg ging diesmal nördlich, und führte zuerst über ein hohes, mit
dichten Waldungen bewachsenes, Gebirge, Las Cruzes genannt, wo man
mehreren, von Holz erbaueten und mit guten Brettern beschlagenen
Indianer-Wohnungen, mit Erfrischungen für Reisende, begegnet, und unter
andern auch eine große, recht hübsche Herberge (~fonda~) antrifft,
welche einen gemauerten Hofraum und Quell-Wasser genug für eine ganze
Caravane von Maulthieren besitzt, weshalb denn auch die Arieros, bei
ihren Transporten von Mais, Weizen u. dgl., nach der Hauptstadt, hier,
als in ihrer letzten Station, übernachten. Am jenseitigen Fuße dieses
Gebirges beginnt das, 1200 Fuß höher als Mexico gelegene, mithin viel
kältere, aber nichts desto weniger schöne und fruchtbare Thal von
Toluca; man hat hier im Winter häufig Schnee und Eis, und von den,
das Thal einschließenden Bergen, sahen auch wir die meisten noch mit
weißbeschneieten Häuptern in die Wolken ragen; aber dennoch wächst hier
vortrefflicher Weizen, aus dessen Mehl für uns in Mexico das schönste
Brodt, welches man nur wünschen kann, bereitet wird. Die große Masse
des Volks ißt aber überall in der Republik kein Weizenbrodt, sondern
eine Art dünner und weicher, aus Mais-Mehl angefertigter Fladen,
Tortillas genannt, welche in jeder Hütte von den weiblichen Bewohnern
frisch bereitet und gebacken, und meistens warm gegessen werden. Der
gemeine Mann kennt keine andere Art Brodt, und ißt es meistens so, daß
er Fleisch oder andere Speise in seine Tortilla einwickelt, und so,
ohne Hülfe von Messer und Gabel, seine Mahlzeit macht.

Im Thal angelangt, kommt man zuerst nach Lerma, einem kleinen
unbedeutenden Flecken, der jedoch durch seine Situation, umgeben von
Sümpfen und Gewässern, öfter schon als fester Waffenplatz gedient hat.
Von hier führt der Weg durch eine fruchtbare Ebene nach dem nicht sehr
entfernten Toluca, bekanntlich jetzt die Hauptstadt des Staates Mexico.
Da bis hierher täglich eine der schon früher erwähnten amerikanischen
Diligencen fährt, so bedienten wir uns derselben, und sandten unsere
Pferde u. s. w. Tags zuvor voraus, um den nächsten Morgen mit frischen
Thieren weiter gehen zu können. Wir kamen schon um 4 Uhr Nachmittags
an, und hätten also Zeit genug gehabt, die Merkwürdigkeiten Toluca’s
zu besehen, wenn deren vorhanden gewesen wären; ich wüßte jedoch
von dieser Hauptstadt weiter nichts zu sagen, als daß es ein ganz
freundlicher Ort ist, welcher sich zu heben scheint; es wird wenigstens
viel daselbst gebaut. Nichts kann jedoch erbärmlicher seyn, als der
Gasthof, worin wir übernachteten, und der uns als der +beste+ empfohlen
war. Die Zimmer, welche man uns anwies, hatten zwar allerdings eine
Thüre und auch ein Fenster ohne Glasscheiben, nur mit hölzernen Läden,
ferner 4 weißgewaschene Wände, einen steinernen Fußboden, einen kleinen
hölzernen Tisch und Stuhl, endlich einen sogenannten Bock, in der
Ecke, um das, von uns selbst mitgebrachte, Bett darauf auszubreiten!
Das war aber auch alles! Einen +zweiten+ Stuhl, um am Abend mit meinem
Reisegefährten den, versteht sich, auch mitgebrachten und von unserm
Bedienten bereiteten Thee in demselben Zimmer zusammen zu trinken,
konnten wir nur nach vielem Bitten, als eine Gefälligkeit von der
Wirthin, erlangen. Du kannst hieraus auf den “Comfort” dieses Hotels
schließen! Zu essen bekamen wir daselbst auch nicht das mindeste, man
verwies uns damit an die Garküchen in der Stadt, unter welchen wir denn
auch eine erträgliche fanden, und dort ein Mittagsmahl einnahmen, womit
wir uns in Europa, in einer Stadt gleichen Ranges, wohl schwerlich
begnügt hätten.

Am nächsten Morgen setzten wir unsere Reise zu Pferde fort, und kamen,
in einem offenen und fruchtbaren Landstriche, durch mehrere schöne
und große Dörfer, und an andern ähnlichen vorbei, deren indianische
Namen ich Dir aber nicht nenne, weil es kein Interesse für Dich haben
kann, von Ortschaften wie Dejagégé, Amaloya u. dgl. zu hören, die
Du doch auf keiner Charte finden würdest. Gegen Abend erreichten
wir die Ventilla, ein einzeln stehendes Wirthshaus, worin wir
übernachteten, und wo wir früher eingetroffen seyn würden, wenn wir
nicht, durch das Wiedereinfangen unserer häufig entlaufenen Handpferde
und Maulthiere, so viel Zeit verloren hätten. Dies ist wirklich
eine große Unannehmlichkeit bei dem Reisen hier zu Lande, aber eine
unausbleibliche, weil man die Mozos (Reitknechte) nicht dahin bringen
kann, die Thiere an einander zu binden; sie lassen sie immer einzeln
laufen, und suchen sie durch Hin- und Hergalloppiren in einem Trupp
zusammen zu halten. Dies gelingt ihnen denn auch so lange man auf
gebahnten Wegen bleibt, kommt man aber auf offne Felder, so sprengen
natürlich die ungebundenen Thiere nach allen Richtungen hin, und müssen
dann von den, ihnen nachjagenden, Mozos mit dem Lazo, (dem bekannten
Fangseil, ohne welches kein Mozo zu Pferde steigt) wieder eingefangen
werden. Obgleich nun hierdurch viel Zeit verloren geht, und die Thiere
mehr als nöthig, ermüdet werden, so hilft doch alles Schelten und
Tadeln nichts; die Geschichte wiederholt sich stets von Neuem, und der
Herr muß sich zuletzt in die Laune des Dieners, christlich-geduldig!
fügen. Kommt man alsdann auf dem Nachtquartier an, (was in der Regel
früh geschieht, weil man früh aufbricht, nirgends förmlichen Mittag
hält, und ungefähr 10 Stunden lang in einem fortreitet) so kann man die
Pferde der Sorgfalt der Mozos ruhig überlassen, indem sie einestheils
gehörig von ihnen gepflegt werden, und anderntheils hier zu Lande nicht
verwöhnt sind, sondern mit einem Lager und Futter vorlieb nehmen, wie
wir es den Pferden in Deutschland nicht bieten würden.

Da die Ventilla sehr hoch, und auf einem Punkt liegt, wo sie von allen
Winden gepackt werden kann, an jenem Tage aber kein freundlicher
blies, so war es am Abend tüchtig kalt geworden. Wir hatten Besitz von
dem einzigen Raum genommen, der für einkehrende Fremde hier vorhanden
ist, und suchten uns so bequem einzurichten, als es eben gehen wollte.
Der Fußboden dieses brillanten Locals war weder gediehlt noch getäfelt,
sondern ziemlich uneben aus Lehm-Erde festgestampft; das Tageslicht
erhielten wir, spärlich genug, durch die Thüre und durch das Fenster
ohne Glasscheiben. Ein Tisch und eine Bank in einer Ecke, nebst dem
Bettgestell in der andern, machten das ganze Ameublement aus. Wir
vermehrten dasselbe mit unsern Betten und sonstigem Gepäcke, ließen
uns ein Huhn in Reis abkochen, und auf diese Weise eine gute Suppe
bereiten, so daß wir, mit Hülfe einiger frischen Eier, und dem, in
unserm Proviant-Korbe noch vorhandenen, kalten Braten, ein ganz gutes
Mahl einnehmen, und darauf, bei geschlossenen Thüren und Fenstern,
bequem zu Bette gehen konnten. Unsere Leute schienen sich aber weniger
behaglich zu fühlen, sie zündeten, um sich zu erwärmen, vor unserer
Thüre ein tüchtiges Feuer an, in dessen Nähe sie sich lagerten, und so
die Nacht im Freien zubrachten. Die recht hübsche, junge Frau eines
der Mozos, den sie nach Anganguco, seiner Heimath, begleitete, war
von dieser Nachtparthie im Freien nicht ausgeschlossen, und theilte
überhaupt alle Strapazen der Reise, wie es mir schien, mit frohem
Muthe. Sie verstand das Reiten recht gut, ritt aber, wie das schöne
Geschlecht hier zu Lande überhaupt, oder doch meistens, auf einem
Quersattel. So wie wir diese Nacht zubrachten, hatten wir, trotz der
isolirten Lage unsers Wirthshauses, wenigstens von einem Ueberfall
nichts zu befürchten; auf der einen Seite unsers Schlafzimmers war
die Küche, und, wie es schien, die allgemeine Schlafstelle der
zahlreichen Familie, groß und klein und alt und jung, deren Oberhaupt
sich aber, wahrscheinlich, weil ihm des Lärms zu viel ward, oder des
Platzes zu wenig, zu uns flüchtete, und in der einen Ecke der Stube,
auf Pferdedecke und Sattelzeug, übernachtete; auf der andern Seite
bivouakirte, wie schon gesagt, unsere Dienerschaft vor der Thüre nach
dem Hofe hin, und wir waren mithin, wie Du siehst, bewacht genug. Am
andern Morgen brachen wir, wie gewöhnlich, früh auf, nachdem wir zuvor
die landesübliche Chocolade eingenommen, und mit unsern behaglichen
Wirthen, welche in ihrer Art sehr wohlhabend zu seyn schienen, die
keineswegs billige Rechnung berichtigt hatten. Solche Leute haben hier
zu Lande, außer einer Schenkwirthschaft und Herberge für übernachtende
Fremde, einen kleinen Laden (~tienda~), und treiben etwas Ackerbau
und Viehzucht (von Schweinen, Federvieh u. dgl.), was sie denn alles
reichlich nährt. Unter dem Geflügel befanden sich auch die hier zu
Lande nicht häufigen Gänse, deren so lange nicht gehörtes Geschnatter
und gellendes Geschrei, mir die vaterländischen Dorfschaften, an die
mich die sonstigen Umgebungen eben nicht erinnern konnten, lebhaft
ins Gedächtniß zurückrief, ohne mir jedoch, wie dem Schweizer der
Kuhreihen, das Heimweh zu geben.

Wir kamen nun sehr bald in andere Gegenden, nämlich in Wälder und
Gebirge, und nachdem wir diese stundenlang durchzogen hatten, gelangten
wir in ein hübsches, freundliches aber enges Thal, durch welches ein
starker Waldbach strömte, und auf dessen Wiesengrund man mit neuen
Bauten beschäftigt war, welche wir bald für Schmelzöfen erkannten, und
wo wir an +den deutschen Begrüßungen, die uns entgegen schallten+,
gewahrten, daß wir uns dem Ziele unserer Reise näherten. Es war dies
nämlich der Anfang der Werke des deutschen Vereins, und der, hier
angesiedelte, deutsche Dirigent dieser Schmelz-Anlage hatte es sich
in seiner, übrigens nur hüttenartig erbauten, Wohnung recht bequem
eingerichtet; er war (gleich mehreren anderen deutschen Bergleuten)
mit einer Eingebornen verheiratet, und schien sehr zufrieden. Die
Anlage ist in einem, von hohen Bergen umgebenen, Kessel, und weit
tiefer gelegen, als der Standpunkt, auf dem wir uns am Morgen befanden,
es ist deshalb hier auch schon wieder viel wärmer, aber dennoch gesund.
Wir erfrischten uns hier auf eine angenehme Weise, mit guter Milch,
Brodt und Butter, nahmen von unserm wackern Landsmann und seiner
etwas braunen Gattin Abschied, und ritten weiter nach Anganguco,
woselbst wir um 4 Uhr Nachmittags ankamen. Der Weg dahin ist ein
sehr beschwerlicher; ehe man den Ort erreicht, von welchem das ganze
Revier seinen Namen entlehnt, muß man über hohe Berge und durch tiefe
Schluchten, die oft so dicht mit Wald ausgefüllt und überwachsen sind,
daß Dir mitunter gewiß schauerlich zu Muthe geworden seyn würde, zumal
wenn Du Dich der Raubthiere erinnert hättest, von denen man so manche
Geschichtchen hört und liest. Du würdest Dich aber in dieser Hinsicht
bald beruhigt haben. Mexico ist überhaupt an wilden Thieren arm. Nur in
Californien giebt es viele und große Bären, in den übrigen Theilen der
Republik ist aber von Raubthieren kaum die Rede. Hie und da finden sich
wohl einzelne Löwen und Tieger, sie sind aber nicht allein sehr selten,
sondern auch weit weniger wild und grimmig, als ihre afrikanischen und
asiatischen Brüder oder Vettern. In einigen Minendistricten werden die
jungen Löwen als eßbares Wild betrachtet, und zu dem Ende förmlich
gejagt, ihr Fleisch ist aber zähe und nicht so wohlschmeckend als unser
Wildpret.

Man ist hier übrigens nicht mehr im Staat von Mexico, sondern in dem
von Michoacan, in welchem die Verwaltung leider minder liberal ist als
in jenem, wo der aufgeklärte Zavala an der Spitze steht. Der Flecken
Anganguco ist klein und unansehnlich, und besteht, außer dem nirgends
fehlenden Marktplatze, aus fast nur einer Straße, in deren Mitte das
einstockige Haus steht, welches dem Vereine gehört, und von S. und
einigen der Beamten des Vereins bewohnt wird. Ich hatte mir das Local
schöner gedacht, aber von aller Schönheit und Annehmlichkeit weit
entfernt, ermangelt es sogar mancher notwendigen Bequemlichkeit, und
+Schleiden+ hat in der That dem Vereine kein kleines Opfer gebracht,
indem er die brillante Wohnung in dem schönen Mexico verließ und hieher
zog. Nur ein strenges Pflichtgefühl und die Ueberzeugung, daß der
Verein nur durch die größte Oeconomie und unausgesetzte Aufsicht an
Ort und Stelle zu retten sei, konnte ihn bewegen, zu thun, was seine
Vorgänger längst hätten thun sollen. Tausende, ja viele Tausende wären
erspart worden, und der Verein wohl nie in die Verlegenheiten gekommen,
in denen er sich jetzt befindet, wenn man die Geschäftsverwaltung schon
vor Jahren nach Anganguco verlegt hätte. Ob diese Maaßregel jetzt noch
helfen kann, wage ich nicht zu entscheiden; es bleibt darum aber nicht
minder ein großer Entschluß, nach einem Orte zu ziehen, wo es so kalt
und feucht ist, daß man das ganze Jahr hindurch Feuer im Kamin haben
muß, wo keine Resource von Gesellschaft oder Unterhaltung zu finden
ist, und wo die Umgebungen der Natur eben so wenig Ersatz für all diese
Entbehrungen darbieten, und mithin der ganze Genuß des Lebens aus den
sehr zweifelhaften Hoffnungen des Gelingens eines höchst precairen
Unternehmens geschöpft werden soll.[18] Ganz nahe hinter dem Wohnhause
ist eine Silbergrube des Vereins (~Carmen~), welche zwar die reichern
Erze liefert, aber mit der Gewaltigung des Wassers beständig zu kämpfen
hat; etwa eine halbe Legua oberhalb des Orts liegen sodann Valencia,
Purissima u. s. w., alles Gruben, welche nur arme Silber-Erze, aber
von diesen ein unermeßliches Quantum besitzen, so daß, wenn die
jetzt eingeführte deutsche Schmelzmethode sich bewährt, woran ich
wenigstens nicht zweifle, die Sache dennoch zu einem guten Endresultate
geführt werden kann, was der Himmel geben wolle. Die Bergwerke selbst
beschreibe ich Dir nicht, denn sie gleichen den unsrigen in Europa, und
zeichnen sich auch nicht, wie einige, den englischen Gesellschaften in
diesem Lande angehörige, durch kostbare Bauten, Dampfmaschinen u. dgl.
aus.

Die Schmelzöfen, welche nach deutschem Model erbaut sind, und auf
welchen die ärmern Erze zu gute gemacht werden, liegen mehrere Leguas
in der Runde; man kann diese natürlich nur da errichten, wo man
hinlängliche Wasserkraft findet, das Gebläse zu treiben, und auch von
den Kohlenbrennereien nicht zu weit entfernt ist.

Die Handarbeit bei der Erz-Gewinnung aus den Gruben, beim Bauen,
Schmelzen u. s. w. geschieht durch Indianer, die, bei der geringen
Bevölkerung dieses Reviers, oft zum großen Nachtheil des Geschäfts,
aus entfernten Gegenden herangezogen werden müssen. Die Aufseher,
die Schmelzer und Beamten des Vereins -- sind alles +Deutsche+, von
denen sich manche, durch Verheirathung mit Eingebornen, schon ganz
einheimisch gemacht haben.

Die Amalgamir-Anstalt ist auf der andern Seite von Anganguco, etwa eine
Legua von den Gruben entfernt, dort werden die Erze gestoßen, in Wasser
abgeschlemmt, und wenn sie ganz breiartig geworden sind, in Haufen
abgetheilt und mit Quecksilber gemischt, durch welches das Silber
alsdann abgetrieben wird; da dies jedoch nur mit Verlust eines großen
Theils (40 à 50 ~pCt.~) des edlen Metalls geschehen kann, so ist diese
Methode des Zugutemachens (wie es genannt wird) nur bei den reichern
Erzen anwendbar. Die Mischung des Erzes mit dem Quecksilber geschieht
durch das Treten eines Indianers, welcher wochenlang einen solchen
abgemessenen Haufen, täglich wohl ganze 10 Stunden hindurch, mit
seinen bloßen Füßen auf eine höchst gleichmäßige Weise durchstampft;
er setzt dabei die nackten Arme in die nackten Seiten, und macht, mit
den eben so nackten Beinen und auswärts gekehrten Füßen, die Runde in
dem breiartigen Erze, mit der Formalität eines Tanzmeisters. Die guten
schmutzbraunen Leute, welche diese ermüdende Arbeit verrichten, sind
sehr kräftig und besonders muskulös, auch schienen sie mir munter und
mit ihrer Beschäftigung zufrieden; eine seltsame Erscheinung dabei ist,
daß sie nicht die geringste üble Wirkung von der Masse von Quecksilber
verspüren, mit welcher ihr bloßer Körper doch stets in Berührung kömmt.

Nachdem wir nun während einigen Tagen alle Merkwürdigkeiten des
Bergwerk-Reviers besehen, und der Abfertigung eines Transports von
Silberbarren, von circa 10,000 Pesos an Werth, beigewohnt hatten
(welche für die Münze bestimmt, auf Maulthieren, unter der sehr mäßigen
Bedeckung einiger wohlbewaffneten Mozos, und der Anführung eines
deutschen Conducteurs, zweimal im Monat von hier nach Mexico gesandt
werden) machten wir uns auf den Rückweg, und erreichten den ersten
Tag die Ventilla bei sehr guter Zeit. Wir hatten nämlich einen nähern
Weg gewählt, und eine Anhöhe (~Cuesta~) erstiegen, welche so steil
ist, daß das Herunterreiten seine Gefahren hat. Aufwärts ging es aber
mit den sehr vorsichtigen Maulthieren ganz nach Wunsch, und ersparte
uns einen bedeutenden Umweg. Die Aussicht, welche man stufenweise bei
Ersteigung dieses steilen Berges, nach entfernten Thälern hin genießt,
ist ausnehmend schön und großartig.

In der Regel hat man hier in dieser Jahrszeit gar keinen Regen,
und unternimmt, in voller Zuversicht darauf, eine jede Reise, ohne
Schutzmittel gegen Wasser von oben herab. Das alte Sprichwort, “keine
Regel ohne Ausnahme,” sollte sich aber diesmal recht practisch an uns
bewähren, denn wir hatten die Ventilla kaum erreicht, als ein Gewitter
ausbrach, welches die ganze Nacht hindurch dauerte, und so viel Regen
im Gefolge hatte, daß er erst am nächsten Abend aufhörte. Da wir nun,
wie Du begreifen wirst, nicht Lust hatten, einen so traurigen Tag in
der noch traurigern Ventilla zuzubringen, so wagten wir es, uns auf
den Weg zu machen, in der Hoffnung, daß sich das Wetter aufklären
würde; darin hatten wir uns aber geirrt, und wir mußten 10 Stunden
lang in einem beständigen Regen reiten, ehe wir Lerma erreichten,
wohin wir unsern Weg, mit Umgehung von Toluca gerichtet hatten! Nie
in meinem Leben bin ich noch so durchnäßt gewesen; ich mußte mir die
Stiefel von den Füßen +schneiden+ lassen, alle Kleidungsstücke waren
triefend naß, und selbst unsere Betten feucht geworden! dennoch lief
alles gut ab. Wir fanden in Lerma ein ganz gutes Quartier, ließen Alles
trocknen, nahmen vor dem Schlafengehen etwas warme Speise und Trank,
und erwachten den nächsten Morgen ohne alle Erkältung. Der Himmel war
heiter, und die bald sehr heiß werdende Sonne hatte, lange ehe wir das
Thal von Mexico erreichten, die noch übrig gebliebene Feuchtigkeit aus
den Kleidern herausgezogen! So kamen wir denn ganz trocken zu Hause,
eben als man sich zu Tisch setzen wollte. Wir nahmen Platz an der
Tafel, und ließen es uns gut schmecken.


  Mexico, den 13. Februar 1833.

Am Schlusse meines Letzten, vom 7. Dieses, überraschte mich der
Abgang der Post, und ich mußte mich auf die, einmal angefangene,
Reisebeschreibung nach dem Bergwerk-Revier beschränken. Auch habe
ich Dir von hier nicht viel mehr zu erzählen. Es geht unter der
Regierung Pedraza’s alles seinen ruhigen Gang, und selbst die jetzt
stattfindenden +Wahlen+ eines neuen Präsidenten und anderer hohen
Magistratspersonen, obgleich sie +öffentlich in den Straßen, in elegant
decorirten Buden+ gehalten werden, in denen die Bezirks-Beamten das
Votum eines jeden Eingebornen entgegen nehmen, (~universal suffrage~)
erregt weder Enthusiasmus noch Unruhe; so wenig nimmt das eigentliche
Volk bis jetzt noch Antheil an der Selbst-Regierung. Ich denke aber,
daß dies besser werden wird, wenn einmal das Militair mehr in den
Hintergrund gedrängt ist, worauf die jetzt am Ruder stehende Partei
hinzuarbeiten sucht. Pedraza ist ein kluger Mann, und sieht ein, daß
republikanische Civil-Institutionen nicht durch militairisches Regiment
befördert und befestigt werden können. Dies scheint er besonders in den
vereinigten Staaten von Nordamerika erkannt zu haben, und nun bemüht
zu seyn, einen Theil des dort herrschenden Geistes in sein Vaterland
zu übertragen, was er denn auch unverhohlen in seinen officiellen
Antworten an die Diplomaten, die ihm zum Regierungs-Antritt Glück
wünschten, geäußert hat. Ich habe mich gestern, wo ich das Vergnügen
hatte, in seiner Gesellschaft zu Mittag zu essen, und neben ihm zu
sitzen, sehr angenehm, über diesen Gegenstand sowohl, wie über seine
Reisen in Europa, mit ihm unterhalten, wobei es mich überraschte,
zu hören, welch einen lebendigen Eindruck er von unsern schönen
Rheingegenden behalten hat, und wie er sich einzelner Orte und
Gegenstände, und nicht minder der dort vorherrschenden politischen
Einrichtungen, erinnerte! Seine junge, liebenswürdige und geistreiche
Frau war leider nicht mit ihm in Europa gewesen, sie war ihm nur in
der letzten Zeit nach Nordamerika gefolgt, schien sich aber dort
recht gut gefallen zu haben, und hat von daher eine Vorliebe für die
englische Sprache mitgebracht, die der Präsident selbst aber nicht
mit ihr theilt, er zieht das Französische vor, spricht aber auch
dies nur unvollkommen. Von den vielen, in diesen Tagen gemachten und
empfangenen, Abschiedsbesuchen sage ich Dir nichts, sondern verspare es
auf mündliche Unterhaltung. Einen kann ich aber doch nicht unerwähnt
lassen, nämlich den bei den Damen D--’s (der Mutter nebst ihren zwei
liebenswürdigen Töchtern, mit welchen ich von Bordeaux nach Vera-Cruz
kam, und von da, wie Du Dich erinnern wirst, nach Jalapa reiste).
Dieser braven Frau ist es hier im Anfang gar übel ergangen; ihr
Plan, in Mexico ein Detail- und Modegeschäft zu errichten, schlug
gänzlich fehl; sie verlor Alles, ward krank, und war hier fremd
und verlassen! Ihre Lage war in der That eine traurige, und es war
schwer, zu sagen, wie zu helfen sei. Als Frau von starkem Geiste aber
faßte sie unter diesen Umständen den Entschluß, die Talente ihrer
wohlerzogenen Töchter, durch Anlegung einer Tagsschule, geltend zu
machen; ich gab mir, in Vereinigung mit mehreren Freunden, Mühe, ihr
Schüler zu verschaffen, und es gelang über Erwartung; die Zahl der
kleinen Zöglinge wuchs bald auf 12 bis 15, welche für den Unterricht
im Französischen, Rechnen, Schreiben, Zeichnen, Malen und Händearbeit
monatlich 10 à 12 Pesos zahlen, und ich habe nun die Satisfaction,
meine Freundinnen nicht allein sorgenfrei, sondern selbst in ganz
guten Umständen zu verlassen, und bedaure nur, dem ersten Examen in
ihrer Schule, welches schon in 8 bis 14 Tagen stattfinden soll, und
worin sich mehrere der kleinen Schülerinnen vortheilhaft auszeichnen
werden, nicht beiwohnen zu können! Das geht aber nicht, denn morgen mit
dem Frühesten verlasse ich diese gerühmte Hauptstadt der neuen Welt,
in welcher ich vor 13 Monaten ankam, ohne damals zu ahnden, daß ich
darin so lange verweilen, so Vieles würde erleben müssen! Wenn mich
aber mein Aufenthalt in diesem Lande nicht so befriedigt hat, wie ich
es damals hoffte, wenn ich des Unangenehmen hier vieles erlebt und
erduldet habe, so muß ich, um gerecht zu seyn, doch auch gestehen, daß
mir manches Angenehme zu Theil geworden ist! Ich habe den eignen Sohn
im selbstständigen Wirken in der Fremde gesehen, habe viel Merkwürdiges
und Neues zu beobachten Gelegenheit gehabt, manche interessante
Bekanntschaft theils erneuert, theils gemacht, selbst hier und da
Freundschaft geschlossen, und bin außerdem überall so zuvorkommend
aufgenommen und mit so viel Höflichkeit und Güte behandelt worden, daß
eine dankbare Erinnerung daran nie in mir erlöschen wird. Ich habe
daher nicht über das Land und die Menschen zu klagen, sondern nur +über
Ereignisse, welche dem Schicksal angehören+!

Nichts desto weniger freue ich mich der Rückkehr nach Europa; und --
wie wäre dies auch anders möglich, da ich dort Alles besitze was dem
Leben höhern Werth verleiht, Dich, die Kinder und erprobte Freunde!
Allein, es bedarf auch der ganzen Stärke dieses Magnets, um mich in
meinem Vorsatze, die Rückreise +jetzt+ anzutreten, verharren zu
machen, denn, ich darf es Dir ja nicht verhehlen, ich bin seit ein
paar Wochen sehr leidend, und die hiesigen Aerzte fordern mich auf,
meine Wiederherstellung +hier+ abzuwarten; da sie diese aber selbst
nicht unter 3 Monaten versprechen zu können glauben, und ich mithin
dadurch genöthigt seyn würde, der, im May eintretenden, ungesunden
Küsten-Jahrszeit wegen, bis October hier zu bleiben, so kann ich mich
nicht dazu entschließen, sondern reise ab, in der Hoffnung, mich
wenigstens nicht zu verschlimmern, und mich dann einer Radical-Cur
in der Heimath zu unterwerfen! Möglich wäre es ja auch, daß mir die
Seereise gut thäte, deshalb wiederhole ich nochmals, +ich reise morgen
ab+!

Gegenwärtiges geht mit dem Paket, ich dagegen gehe diesmal über die
vereinigten Staaten von Nordamerika, schreib Dir aber noch einmal von
Vera-Cruz aus. Lebe wohl.


  Vera-Cruz, den 3. März 1833.

Wenn Du den Namen des Ortes liest, von wo aus ich heute datire, so
wirst Du nicht mehr zweifeln, daß ich mich Dir mit jedem Tage nähere,
daß ich wirklich +unterwegs nach Hause bin+.

Am 14. v. M. verließ ich Mexico in der Diligence, und kam, auf dem Dir
schon mehrmals beschriebenen Wege, am 16., des Abends, ohne Unfall
(~sin novedad~, wie es der Mexicaner nennt) in Jalapa an, wo ich den
Sonntag über blieb, und den dort ewig herrschenden Frühling auf einigen
paradiesischen Spatziergängen genoß. Am 17. Februar Alles in Duft und
Blüthe! und die Orangen-Bäume so voll von Früchten, daß man 50 bis
60 der schönsten, reifen Orangen für den Werth eines Silbergroschens
erhält! Doch ich habe Dir ja bereits alles von diesem herrlichen Clima
erzählt!

Auf dem Wege abwärts zur Küste ward es schon sehr heiß, und ich schlief
diesmal, in Puente national, unter freiem Himmel in meiner Litera,
nachdem ich mich vorher, im nahen Fluß, durch ein Bad abgekühlt hatte.
Seit einigen Tagen bin ich nun hier, in diesem bald heißen, bald kalten
und windigen Hafen, für den ich übrigens, eben weil es ein Hafen ist,
eine Vorliebe habe, und den ich als Geschäftsplatz der Hauptstadt
Mexico weit vorziehe; in jeder andern Hinsicht aber freilich +nicht+,
denn das Clima hier ist doch gar zu trügerisch und angreifend. Die
drückendste Hitze verwandelt ein Nordwind binnen wenigen Minuten in
die schneidendste Kälte, und führt einen Staub und Sand mit sich, der
bis in das Innerste der Gemächer dringt! In den wenigen Tagen meines
Hierseyns haben wir einen solchen Wechsel schon mehrmals gehabt, und es
weht und stürmt in diesem Augenblicke +so+, daß ich fast zweifle, ob
wir morgen werden an Bord gehen können, was ich doch so sehr wünsche,
da mich, mehr als ich auszudrücken vermag, verlangt, Euch wieder zu
sehen. Diese Eile, nach Europa zurück zu kommen, hält mich ab über
New-Orleans zu gehen, was ich, besonders um des guten Cecils willen,
so gerne gethan hätte; auch wäre da wohl noch manches Interessante zu
sehen und zu beobachten gewesen, aber ich bin noch immer so leidend,
daß ich mich vor der Anstrengung der Reise im Innern von Nordamerika
fürchte, und deshalb meine Passage am Bord des, direct nach New-York
gehenden Pakets, Virginia, genommen habe. In Vera-Cruz habe ich alles
beim Alten gefunden, außer daß die Cathedrale, durch einen Kanonenschuß
während der Belagerung eine ihrer Dachverzierungen verloren, und daß
eine andere Kugel sich in unserm Hause, durch die Azotea, nach einem,
glücklicherweise unbewohnten, Zimmer Bahn gebrochen hat. Die Freunde
in Vera-Cruz sind aber unverändert geblieben, und gegen mich eben
so zuvorkommend und gütig wie früher; ich habe hier zum Abschied
aus diesem Lande ein paar vergnügte Tage zugebracht, und verlasse
es demzufolge, Dank sei es meinen zahlreichen Freunden, mit einer
angenehmen Rückerinnerung.

Am 4. Der Sturm hat aufgehört, und wir gehen in einer Stunde an Bord.
Ich gebe nun diese Zeilen meinem lieben Freunde, dem Capitain Beck, vom
Schiff Esteva, mit, der, wie es ein günstiger Zufall will, in einigen
Tagen nach Bordeaux zurückgeht; ich war in großer Versuchung, die Reise
wieder mit ihm zu machen, denn ich fühle mich sehr zu ihm hingezogen,
und Du weißt, wie gut es mir am Bord der Esteva, auf der Anherreise,
gegangen ist.


  New-York, den 1. bis 9. April 1833.

So wäre ich denn, wie Du aus der Ueberschrift siehst, nun auch in
der +nordischen+ Republik Amerikas, und sähe die Vielgepriesene mit
eigenen Augen, jedoch nur auf so kurze Zeit, daß ich wohl nicht viel
werde darüber sagen können. Das Paket, welches mich von hier nach
Europa bringen soll, wird schon am 9. Dieses segeln, und wir kamen von
Vera-Cruz, nach einer langen und beschwerlichen Fahrt von 28 Tagen,
nicht vor dem 1. Dieses hier an.

Von dieser Seereise habe ich Dir jedenfalls nichts Angenehmes zu
berichten; wäre nicht ein, mir sehr lieb gewordener, junger Deutscher
am Bord gewesen, so hätte ich auch nicht den kleinsten Ideen-Austausch
während der ganzen Ueberfahrt haben können. Dadurch, daß wir Anfangs
keinen und nachher (besonders in dem engen, gefahrvollen Golphstrom
von Bahama) contrairen Wind hatten, ward unsere Reise über die Gebühr
verlängert; vielleicht wären wir aber doch einige Tage früher ans Ziel
gelangt, wenn der Capitain, der, obgleich ein roher, ungebildeter
Mensch, doch ein geschickter Seemann seyn soll, nicht gleich Anfangs so
gefährlich krank geworden wäre, daß er vom ersten bis zum letzten Tage
der Reise das Bett hüten mußte. Zum Glücke war unter den Passagieren
ein junger mexicanischer Arzt, der zur Erweiterung seiner Kenntnisse
Paris besuchen wollte, und der nun, durch schnelles Anordnen passender
Mittel, warme Bäder u. s. w., der drohenden Entzündung im Unterleibe
Einhalt thun konnte, sonst hätten wir unfehlbar den Capitain unterwegs
dem Wasser, statt der Erde übergeben müssen; so aber erreichte er
New-York noch lebend, mußte jedoch sofort in ein Hospital gebracht
werden.

Unweit dieser Küste fanden wir zu meinem großen Leidwesen eine ganz
andere Temperatur vor, als die, welche wir erst vor Kurzem verlassen
hatten; diese hatte dann kalte, östliche Winde, Hagel, Schneegestöber
und Nebel, gleich denen an der Küste von England und Holland, im
Gefolge. Ich habe hier in New-York bereits Tage verlebt, die einem
trüben, neblichten November-Tage in London nichts nachgeben.

Dahingegen läßt sich aber auch eine andere, mehr erfreuliche Parallele
zwischen New-York und London ziehen, nämlich die des geschäftlichen
Treibens, welches im Hafen und am Zollhause hier dem von London
gleicht, und noch immer im Wachsen ist. Um Dir einen Begriff von
der Lebendigkeit des Verkehrs von Nordamerika nur allein mit dem
nördlichen Europa zu geben, genügt es wohl, zu sagen, daß jede Woche
ein schönes, großes Paketboot nach und von Havre und ein anderes
nach und von Liverpool geht und kommt, außer den Schiffen, welche
täglich nach andern englischen, französischen und deutschen Häfen
abgehen; und alles dieses versteht sich nur von diesem einen Hafen der
vereinigten Staaten, der freilich der wichtigste ist, und an raschem
Aufstreben wohl seines Gleichen nicht in der Welt hat. Es sind kaum
etliche und vierzig Jahre her, daß New-York, dessen Verkehr damals
schon ein bedeutender war, nur 20,000 Einwohner zählte, jetzt hat
es deren 225000! und Umfang und Handel sind natürlich in demselben
Maaße gewachsen. Es ist schwer zu sagen, wann und wo dies enden
wird, und die Gränze dürfte sich wohl eher in der Localität als in
andern Verhältnissen finden. Die Stadt New-York ist nämlich auf
einer Halbinsel, oder spitz zulaufenden Erdzunge, erbaut, so daß die
neuen Anbauten immer mehr von dem Geschäfts-Centrum und dem Hafen
zurückgedrängt, und weniger passend für den Handelsstand werden. Sehr
viele der früheren, im untern Theil der Stadt gelegenen Wohnhäuser sind
bereits in Magazine umgewandelt, und dies wird immer mehr der Fall
werden, ja zuletzt wird nicht Raum genug mehr vorhanden seyn, die Masse
von Waaren zu fassen, welche aus allen Welttheilen hierher geschleppt
werden. Von Canton allein werden dieses Jahr nicht weniger als 20
Schiffe in New-York zurückerwartet, wovon der Durchschnittswerth der
Ladungen doch nicht unter 350,000 Lstrl. jede angeschlagen werden kann;
hier ist also in einem Zweige allein, ein jährlicher Umschlag von 7
Millionen Dollars. Alles andere ist im Verhältniß, und erregt mit Recht
das Erstaunen selbst derer, die, wie ich, Vieles der Art in der Welt
gesehen haben.

Die Einwanderung von Europa in die vereinigten Staaten, und namentlich
in New-York, dauert ununterbrochen fort, und wird auf nicht weniger
als 300,000 jährlich, in allen Häfen der Republik angeschlagen, wovon
der vierte Theil auf New-York fällt, von welchen wiederum die gute
Hälfte aus Deutschen besteht. Du kannst Dir also denken, daß man deren
im Hafen und in allen Theilen der Stadt zur Genüge antrifft; indessen
bleiben diese Einwanderer selten lange hier, sondern finden bald ihren
Weg nach dem Innern des Landes; sehr häufig sind die innern Provinzen
schon von vorn herein ihre Bestimmung, und sie halten sich dann in dem
theuren New-York nur so kurze Zeit auf, wie nur immer möglich.

Es ließe sich über diese Auswanderung nach Nordamerika und über den
Nutzen, der den vereinigten Staaten daraus erwächst, gar Vieles sagen;
es ließe sich auch füglich die Frage aufstellen, ob der ungeheure
Andrang von Einwanderung es den später Kommenden nicht mit jedem Jahre
schwieriger macht, ein ihnen zusagendes Verhältniß zu finden, und ob
man mithin nicht besser thäte, dieser Völker-Wanderung eine andere
Richtung zu geben, z. B. nach Texas hin, nach dem schönen Staate
Vera-Cruz u. s. w.? Aber eine solche Auseinandersetzung würde mich
heute zu weit führen; auch ist der Gegenstand in Deutschland schon,
wo nicht erschöpft, doch so vielseitig beleuchtet und behandelt, daß
er Dir weder fremd noch neu seyn kann, ich sage Dir daher lieber noch
ein paar Worte von der Stadt New-York selbst. Bei dem Heransegeln
an dieselbe ward ich durch die Gebäude am Quai lebhaft an Rotterdam
erinnert; bekanntlich ist die Stadt durch die Holländer begründet, und
gar viele der ältern Häuser verrathen noch diesen Ursprung; die später
angebauten sind mehr im englischen Geschmack; alle sind übrigens von
rothen Backsteinen aufgeführt, haben meist die Küche im Untergeschoß,
den Eingang zum Hause einige Stufen über gleicher Erde, und ein schön
gegossenes Eisengitter zum Schutz längs der Straße, gerade wie in
Holland und England. Bei den neuesten Bauten, (man hört in New-York nie
auf zu bauen) wird viel Eleganz an den Tag gelegt, und mit dem eisernen
Gitterwerk (alles hier im Lande gegossen) großer Luxus getrieben. Die,
früher ganz in der Nähe gelegenen, Garten-Anlagen werden jetzt alle in
neue Stadtbezirke verwandelt, und der gute Bürger von New-York muß,
gleich allen Einwohnern großer Städte, die über die Gebühr wachsen,
einen weiten Weg machen, ehe er Gottes freie Natur bewundern kann.
Nur ein grüner Fleck ist ihm in der Stadt geblieben, und scheint ihm
für alle Zeiten gesichert, nämlich die schöne Garten-Anlage bei der
frühern Schanze oder Batterie, an der äußersten Spitze der Landzunge,
auf welcher New-York steht. Dorthin wandert die schöne Welt des untern
Theils der Stadt, wenn sie frische Luft schöpfen will, und es ist nicht
zu läugnen, daß man hier, wohlverstanden wenn kein Nebel vorhanden ist,
eine schöne Aussicht auf den, von kommenden und gehenden Dampfböten
wimmelnden, Fluß, den, von Seeschiffen aller Größe strotzenden, Hafen
und das gegenüberliegende, dem Staat von New-Jersey angehörige, Ufer
hat. Die eigentlichen Garten-Wohnungen der New-Yorker Kaufherren liegen
landeinwärts, und sind mitunter äußerst schön an einem Flusse gelegen,
dessen jenseitige, reich angebaute Ufer nahe genug sind, um dem Auge
einen malerischen Anblick zu gewähren. Man kann diese Landsitze aber
nicht so früh wie bei uns beziehen, denn der Winter ist hier strenge,
und die rauhe Jahrszeit z. B. +jetzt noch nicht+ vorüber; noch hat
weder Busch noch Baum ein Blättchen getrieben, und mich fror nicht
wenig bei meiner gestrigen Fahrt nach einem solchen Landhause. In der
Stadt selbst lodert überall ein gutes Kohlenfeuer im (englischen)
Kamin; kurz es ist noch Winter, und nur in der Mitte des Tages wird
es manchmal auf ein paar Stunden sehr heiß! Mein Aufenthalt hier ist
ein zu kurzer, um viel über die Sitten des Landes, oder über die
gesellschaftlichen Verhältnisse sagen zu können, indessen darf ich doch
nicht unerwähnt lassen, daß ich in einigen Familien eine sehr höfliche
Aufnahme gefunden, und bei der Gelegenheit mehrere liebenswürdige,
gebildete und wohlunterrichtete, amerikanische Damen kennen gelernt
habe! Eine derselben, nebenbei gesagt, eine große Verehrerin der
deutschen Sprache, die sie geläufig spricht und schreibt, stand im
Begriff, mit einem Theil ihrer Familie, eine Vergnügungs-Reise nach
Italien, und von da über +Wien+, durch +Deutschland+, die +Schweiz+
und +Frankreich+ zu machen; das nenne ich mir doch noch ~a tour of
pleasure~! Der Herr Gemahl bleibt unterdessen mit dem ältesten Sohn
zurück, und bezieht, ungeachtet er ein sehr reicher Mann ist, während
die Haushaltung aufgegeben und das Haus meublirt vermiethet wird, ein
sogenanntes Boarding- (Kost und Logis) Haus! Dies ist so Landes-Sitte
hier, und Niemand findet etwas daran zu tadeln.

Diese ~boarding-houses~ sind zum Theil sehr elegant meublirt, und
bieten, besonders durch die große Ordnung und Pünktlichkeit, womit
darin alles zugeht, den Bewohnern derselben, wo nicht alle, doch gar
manche +Comforts+ der eignen Menage dar. Ich bin hier in einer solchen
Anstalt eingekehrt, in ~Mansion-house, Broadstreet~, und kann Dir
mithin eine Beschreibung davon geben. Des Morgens um 8 oder 9 Uhr
wird gefrühstückt; eine Glocke versammelt die Bewohner des Hauses in
einem großen, geräumigen, schön meublirten Saal; Thee, Kaffee, Toast
und Butter, Eier, Fisch und Fleisch wird aufgetragen, und die Dame
des Hauses, die Wirthin, präsidirt in geschmackvoller Morgenkleidung,
wie es nur immer eine elegante Dame in Europa thun könnte, welche die
zahlreiche, nicht minder gut gekleidete, Gesellschaft in ihrem Hotel,
auf +eigene Kosten+ unterhielte. Um 2 Uhr wird zu Mittag gespeist, und
es geht bei der, über 100 Personen starken ~table d’hôte~ wieder eben
so anständig zu, und auch hier präsidirt die besagte Dame des Hauses,
die nun in vollem Staate des Tags-Anzugs erscheint, was diejenigen
Damen gleichfalls thun, welche als Gäste mit bei Tische sitzen; auch
der männliche Theil der Gesellschaft ist elegant gekleidet, und es
herrscht überhaupt großer Kleider-Luxus in Nordamerika. Die Tafel ist
gut bedient, alle Speisen sind schmackhaft bereitet, und der Wein wird
ad libitum gefordert. Madeira und Champagner sind die Favoritweine
der Amerikaner. Nach Tische zieht sich die Wirthin mit den fremden
Damen und den Herren, die sie zu begleiten wünschen, nach einem schön
meublirten, mit Sopha und Pianoforte versehenen, Salon (~parlour~)
zurück. Abends 7 Uhr wird Thee servirt, und auch diesmal erscheint die
Dame des Hauses wieder als die zwar etwas preciöse, jedoch gefällige
Wirthin; aber bei dem Finale dieser Tages-Abfütterung, nämlich bei
dem kalten Essen, welches spät um 10 oder 11 Uhr auf dem Tische
steht, um diejenigen zu laben, die aus dem Theater kommen und dort
nichts genossen haben, läßt die Wirthin sich nicht wieder blicken,
und Niemand wird ihr das verdenken, denn sie hat sich wahrscheinlich
um diese Zeit schon zur Ruhe begeben. Du siehst übrigens, daß man in
einem solchen Hause gut aufgehoben ist; man muß jedoch ja nichts außer
der Zeit und etwa auf seinem Zimmer begehren, darauf sind sie hier
nicht eingerichtet, und in dieser Hinsicht dürfte man sich wohl viel
besser in einem europäischen Gasthofe befinden. Wohlfeil sind diese
~boarding-houses~, wie Du denken kannst, auch nicht, und dennoch soll
es in den eigentlichen Hotels hier in New-York noch weit theurer seyn.

Ich hatte gestern Gelegenheit, eine große Menge der hiesigen Damen
beisammen zu sehen, und zwar bei einer Veranlassung, wo man bei uns
in Deutschland das schöne Geschlecht weder in so großer Masse noch
in so eleganter Kleidung versammelt zu sehen pflegt, sage, bei einer
+Auction+! Es ist nämlich Sitte hier, wenn das Ameublement eines
Hauses verkauft wird, was häufig der Fall seyn soll, alle Zimmer
schön aufzuputzen, und die Meubles, Sopha’s und Betten, Lüstres und
Gemälde u. s. w. da stehen und hängen zu lassen, wo sie bisher waren,
und sie dann Stück für Stück an den Meistbietenden zu verkaufen, ohne
daß jedoch etwas weggenommen werden dürfte, bis das Ganze, mithin
das letzte Stück, realisirt ist. Wenn nun eine solche, vorher schon
angekündigte Auction ihren Anfang nimmt, so wird eine rothe Fahne am
Hause befestigt, und alle Welt strömt dahin, theils um zu kaufen,
theils um das schöne Ameublement zu sehen, wobei alles so anständig
hergeht, daß ungeachtet z. B. das Haus, wo ich gestern diesen Aufzug
erlebte, so gedrängt voll war, daß man nur mit Mühe die Stiegen auf
und ab gehen konnte, auch nicht die geringste Unordnung vorfiel, und
daß man alle Muße und Gelegenheit hatte, die große Menge wirklich
schöner Frauenzimmer und ihren geschmackvollen Anzug zu bewundern.
Die liebenswürdigen New-Yorkerinnen werden es mir ja wohl verzeihen,
wenn sie es etwa je erfahren sollten, daß ich nicht umhin konnte, mich
zu +freuen+, als ich eine Gruppe der, in meinen Augen wenigstens,
schönsten Damen auf jener Auction, durch das liebliche Deutsch, welches
sie unter einander sprachen, für Landsmänninnen erkannte! Es soll
übrigens hier kein Mangel an diesen seyn.

Daß die reiche Stadt New-York der öffentlichen Gebäude, Kirchen,
Museen, wohlthätiger und gemeinnütziger Anstalten aller Art gar viele
hat, kannst Du Dir denken, Du mußt aber keine Beschreibung derselben
von mir erwarten, ich müßte sonst ein Buch schreiben wie der Herzog
Bernhard von Weimar, an dessen Reise-Beschreibung ich Dich dieserhalb
verweise; dort ist der Gegenstand erschöpft! --

Auch das Theater habe ich einmal besucht; ich konnte, trotz meiner
Unpäßlichkeit, der Versuchung nicht widerstehen, Charles Kemble und
seine Tochter Fanny, in der Tragödie “~the grecian daughter~” zu sehen,
und bin durch hohen dramatischen Genuß für die Anstrengung belohnt
worden. Des Vaters vortreffliches Spiel hatte ich schon in England zu
bewundern Gelegenheit gehabt, aber Miß Fanny hatte erst nach meiner
Zeit die Bühne betreten, und in ihrem Vaterlande ~furore~ gemacht; ich
war daher auf ihr Spiel sehr gespannt! Sie bemüht sich augenscheinlich,
in die Fußstapfen ihrer berühmten Tante, Mrs. Siddons zu treten, das
will aber nicht gelingen, und schadet ihr also bei denen, welchen
jenes, freilich fast unerreichbare Ideal noch so lebhaft vorschwebt
wie mir! Miß Fanny Kemble ist zu monoton in ihrer Rede, zu einförmig
in ihrer Action und die Haltung ihres Körpers ist schief. Nichts desto
weniger macht ihr Spiel einen tiefen Eindruck auf die Zuschauer, und
ließ auch mich nicht unbefriedigt. Miß Fanny ist noch sehr jung, und
soll in Gesellschaft eben so liebenswürdig seyn, als ihr Betragen gegen
ihre Aeltern ein wahrhaft edles und musterhaftes ist.[19]

Von dem Schauspielhause wüßte ich Dir nicht viel zu sagen; es ist weder
so groß noch so schön, als ich mir es von New-York gedacht, indessen
ist’s doch auch nicht schlecht; es war an jenem Abend zum Ersticken
voll, und soll bei allen Vorstellungen der Kembles so gewesen seyn.

Eine italienische Oper haben die New-Yorker zwar gehabt, das
Etablissement ist aber ins Stocken gerathen; man macht indessen
jetzt neue Efforts, um es wieder ins Leben zu rufen, und hat bereits
einen Actien-Fond von 90,000 Dollars dafür zusammen geschossen; ein
Commissarius der Gesellschaft wird (in demselben Paketboot mit mir)
nach Paris gehen, um dort das erforderliche Personal für die Oper zu
engagiren, welche alsdann jährlich 6 Monate in New-York, 2 Monate in
Philadelphia und 2 Monate in Boston die Gehörsnerven der Amerikaner
delectiren soll.

Auch einen +Sonntag+ habe ich in New-York verlebt, kann aber nicht
sagen, daß ich die Feier desselben so übertrieben und für Europäer
so abstoßend gefunden hätte, wie sie noch neuerlich, in mehreren
Reisebeschreibungen durch Nordamerika, geschildert worden ist; nur
+das+ genirte mich, daß keine Miethkutsche an dem Tage in den Straßen
zu haben war. Vielleicht bin ich überhaupt toleranter, vielleicht ist
es aber auch in andern Städten der Republik ärger damit als hier, wo
es mir, bei großer Aehnlichkeit der Sitten und Gebräuche mit denen
Englands, überhaupt recht gut gefiel; ob auf die Dauer? -- darüber
könnte mich nur ein längerer Aufenthalt belehren; +das+ aber weiß ich
schon im Voraus, daß mich die hier herrschende +Blut-Aristokratie+,
diese souveraine Verachtung aller derer, welche aus afrikanischem
Blute stammen, sehr unangenehm berühren würde; denn obgleich ich
selbst alteuropäisches Blut genug in den Adern fließen habe, um
persönlich unter jenem Vorurtheil nicht zu leiden, so empört es mich
darum nicht minder, es gegen meine Mitmenschen von zufällig anderer
Hautfarbe, in solchem Grade ausgedehnt zu sehen, daß selbst weiße
und schwarze Dienstboten, und es sind beinahe in allen Familien von
beiden Gattungen, in der Küche nicht an einem und demselben Tische
essen, weil sich die Weißen zu gut dafür halten, ungeachtet die
Schwarzen eben so freie Menschen sind wie sie, da es bekanntlich im
Staat von New-York keine Sclaven giebt. Wie mag das also erst in den
Staaten der Union hergehen, wo Sclaverei gesetzlich gestattet ist. Man
versichert mich, daß wenn ein Schwarzer, und wäre er selbst General
in den Diensten einer freien Nation, es wagen wollte, in New-York
sich an eine Wirthstafel zu setzen, man es ihm entweder untersagen,
oder die ganze Gesellschaft das Zimmer verlassen würde! Und dies in
einem Lande, welches sich rühmt, die Menschenrechte zu ehren, Freiheit
und Gleichheit zu besitzen und dessen +Constitution+ unter den
freien Bürgern des Landes keinen Unterschied des Blutes anerkennt!
Dieses, wie es scheint hier nicht zu vertilgende, Vorurtheil setzt
den Präsidenten diesen Augenblick in eine nicht geringe Verlegenheit,
gegenüber der Republik Haity, mit welcher die Vereinigten Staaten
einige Mißverständnisse auszugleichen haben, zu deren Beseitigung der
Präsident gerne einen Diplomaten nach Portauprince senden möchte; er
weiß aber, daß man ihm von dort sogleich eine Gegensendung machen
und dazu vorsätzlich den schwärzesten Neger, der dafür tauglich
wäre, wählen würde. Diesen könnte er nun zwar in seinen öffentlichen
Audienzen ohne Bedenken empfangen, aber in der bürgerlichen
Gesellschaft würde der Mann überall Zurücksetzungen und Kränkungen
erfahren, die den Bruch zwischen beiden Republiken nur vermehren
müßten, und +deshalb unterbleibt die ganze Negotiation+!

Dies dürfte jedoch leicht der geringste Nachtheil seyn, welcher den
Vereinigten Staaten aus diesem Vorurtheile erwächst. Die zunehmende
Sclavenbevölkerung, durchgehends afrikanischen Ursprungs, wird
sich einst schrecklich für diese unverdiente Schmach und für eine
Unterdrückung rächen, die so weit geht, daß mehrere der südlichen
Staaten dieser +aufgeklärten+ Republik die Todesstrafe darauf gesetzt
haben, einen Neger lesen und schreiben zu lehren!!! Wehe dann der
Generation, welche den Ausbruch des fortwährend unter der Asche
glimmenden Rachegefühls der Schwarzen in diesem Lande erlebt. Die jetzt
hier mit Eifer betriebene Colonisirung freier Schwarzen -- auf Liberia,
an der Küste von Afrika, -- so edel der Gedanke und so brav die
Ausführung auch ist, wird, nach meiner Ueberzeugung, das drohende Uebel
nicht abwenden! Was hilft die Erlösung von Hunderten, wo +Millionen+ in
Ketten und Banden schmachten, ja jene macht diesen die Fesseln nur noch
um so unerträglicher! Aber, wirst du fragen, was sonst soll geschehen?
Meine Antwort ist: Das, was hier nicht geschehen wird; die allmählige,
stufenweise, aber gänzliche und +jetzt schon ausgesprochene+ Aufhebung
aller Sclaverei.[20]

Von dem großen Gewühl in den Straßen von New-York in den geschäftigen
Stunden des Tages, von der Menge der an die Börse kommenden und
gehenden, zwei- und vierspännigen, öffentlichen Kutschen, dem Treiben
im Hafen u. s. w. -- sage ich dir nichts. Du hast ja London gesehen,
und das ist doch noch weit mehr! Ich schließe nunmehr diese lange
Epistel, an welcher ich seit meinem Hiersein täglich ein paar Zeilen
geschrieben, heute, am 9. des Morgens, und lasse sie via England an
Dich abgehen, während ich in einer Stunde das Packet besteigen werde,
welches mich nach Frankreich bringen soll. -- Alle Vorbereitungen sind
bereits getroffen, und ich habe daher nur noch den Himmel um guten Wind
zu bitten. Lebe wohl.


  Am Bord des amerikanischen Packetboots the
  Sully, Capt. Forbes, am 30. April 1833.

Wir sind, nach einer sehr guten und angenehmen Fahrt von 20 Tagen,
heute schon im Angesicht von Alderney und der französischen Küste! Der
Pilote ist so eben an Bord gekommen und verspricht uns morgen nach
Havre zu bringen, so daß wir die Entfernung von 3200 englischen Meilen
in drei Wochen zurückgelegt und mithin eine der besseren Ueberfahrten
gemacht haben werden.

Wir sind aber auch von Anfang an durch Wind und Wetter begünstigt
worden und legten schon in den ersten zwei Tagen über 500 Meilen
zurück. Um den, in dieser Jahrszeit, oft bis zum 40sten Grad der Breite
(in welchem New-York liegt) sich zeigenden, gefährlichen Eisbergen zu
entgehen, durchschnitt der Capitain den ganzen Golphstrom und ging
sehr weit südlich, ehe er den Weg nach Europa einschlug; aber seine
Berechnungen waren, wie es sich nun zeigt, alle sehr gut und richtig,
so wie er sich denn überhaupt als ein tüchtiger Seemann bewährte.
-- Er machte viele interessante Beobachtungen mit dem Thermometer,
um Strömungen in der See zu entdecken und seine Richtung darnach zu
nehmen; diese Strömungen haben immer eine wärmere Temperatur, als
das gewöhnliche Wasser des großen Oceans, und der Golphstrom, dessen
ungeheure Wassermasse aus dem mexikanischen Meerbusen, um die Spitze
von Florida herum, der Küste von Amerika entlang, bis zur Höhe von
Madeira hin, gleich einem reißenden Flusse im Meere selbst, durch bis
jetzt noch nicht hinlänglich erklärte Ursachen, vorwärts geschnellt
wird, -- dieser große Strom, sage ich, ist 8 bis 10 Grad wärmer, als
das Wasser an beiden Seiten desselben. Dem Auge ist diese Strömung aber
nicht sichtbar und die Oberfläche des Meeres erscheint überall dieselbe.

Die beste Seefahrt ist stets die, von der man am wenigsten zu berichten
hat, und meine diesmalige gehört in diese Kathegorie; wir baten
täglich um guten Wind und gutes Wetter, und wurden täglich erhört. Das
einzige, was ich Dir von +dieser+ Reise erzählen könnte und nicht von
der Hinfahrt schon berichtet hätte, wäre allenfalls der Fang eines
Hayfisches, deren es im mexicanischen Meerbusen so viele giebt, daß man
sich an der dortigen Küste nicht baden kann, ohne Gefahr zu laufen, von
ihnen angefallen zu werden und einen Arm oder ein Bein zu verlieren,
was dann natürlich in der Regel das Versinken und mithin Ertrinken
nach sich zieht. Diese Meerungeheuer folgen den Schiffen unter der
Leitung ihres Piloten, eines kleinen Aal-ähnlichen Fischchens, welches
ihnen, seltsam genug, an der Spitze des Kopfes, gleichsam auf der Nase
spielend, vorausschwimmt. Man versucht alsdann, sie entweder mit einer
Harpune, oder mit der Angel, an welche man ein großes Stück Fleisch
bindet, zu fangen. Es ist aber nicht leicht und auf der Hinreise hat
es uns nicht gelingen wollen; wir trafen zwar einen Hay so tüchtig mit
der Harpune, daß wir ihn schon aus dem Wasser hervorgezogen hatten,
aber er riß sich doch wieder los, überließ uns ein Paar Pfund seines
Fleisches und schwamm davon, die ganze Nähe des Schiffes mit seinem
Blute färbend. Mit der Angel macht er es nicht besser; er verschlingt
selbst das größte Stück Fleisch mitsammt der Angel in seinen ungeheuren
Rachen, der ihm auf der Bauchseite sitzt, weshalb er sich jedesmal,
wenn er etwas erhaschen will, umdrehen muß. Will man ihn nun aber aus
dem Wasser auf das Verdeck des Schiffes ziehen, so reißt er sich durch
seine ungemeine Stärke neun Mal unter zehn Mal los und schwimmt mit
Fleisch und Angel im Magen davon.

Diesmal glückte es uns besser. Die Harpune, mit welcher wir einen
tüchtigen Hayfisch getroffen hatten, hielt fest, und es gelang uns, ihn
aufs Verdeck zu ziehen, wobei er sich sehr ungestüm gebehrdete und mit
seinem Schwanz so heftig an die Planken schlug, daß man glaubte, er
würde sie zertrümmern.

Die Matrosen machten jedoch diesem Toben bald ein Ende, indem sie den
Fisch tödteten und zerlegten. Das merkwürdigste war der Rachen mit
seiner siebenfachen Reihe scharfer, sägenartiger Knorpel-Zähne, und
der Magen, in welchem wir, noch ganz unversehrt, ein großes, mehrere
Pfund wiegendes, Stück Fleisch fanden, umwunden mit Leinen und dem
Seil, woran wahrscheinlich die Angel befestigt war, welche das Ungethüm
losgerissen hatte. Wir ließen uns ein Stück von seinem Fleische
braten; es schmeckte aber thranig und fand mithin, da keine Eskimos
unter uns waren, durchaus keinen Beifall.

       *       *       *       *       *

Schon am 22. d. sahen wir die Azoren, und in deren Nähe viele
Schildkröten, mitunter sehr große, die, wie man mir versicherte, 1600
bis 1800 ℔ wiegen mogten! Sie sollen während ihres Schlafs aus der
Oberfläche des Wassers leicht zu nehmen seyn, es wollte uns aber doch
nicht damit glücken! Gestern Abend erblickten wir bei dem schönsten
Wetter Eddystone Lights an der englischen Küste, und, gleich einem
schönen Panorama, eine Menge Schiffe im vollen Segeln! Heute früh kamen
wir einem Dreimaster nahe genug, um ihn zu sprechen, und erfuhren,
daß er nach Baltimore bestimmt sei und Emigranten am Bord habe. Wir
erkannten die auf dem Verdeck befindlichen an ihrer Kleidung, besonders
der weiblichen, sehr bald für süddeutsche Landsleute und wünschten
ihnen eine glückliche Ueberfahrt.

       *       *       *       *       *

Eine so angenehme, wie die unsrige, werden sie wohl schwerlich haben,
denn bekanntlich gehören die Packete, welche zwischen New-York und
Havre fahren, unter die bequemsten und angenehmsten, die es giebt,
und es fehlt in der That zu unserer Bequemlichkeit nichts. Wir haben
geräumige, gute, ja elegant-gebaute Cajüten, und da keine Damen an Bord
sind, so haben wir auch das für diese bestimmte Zimmer, das sogenannte
~drawing room~, in welchem ein Piano-Forte und eine kleine Bibliothek,
zu unserer Disposition, befindlich. Unser Capitain ist ein wackerer
und unterrichteter Mann, und sorgt für einen guten Tisch, und daß uns
Morgens, Mittags und Abends nichts abgehe. Ich habe sodann an einem
meiner Reisegefährten einen höchst angenehmen und vielseitig gebildeten
Mann gefunden, und bin auf der ganzen Reise durch die Erzählung seiner
ganz ungewöhnlichen Schicksale und Erfahrungen angenehm, ja belehrend
unterhalten worden, wovon ich Dir einmal mündlich manches mittheilen
werde.

Jetzt will ich mich an dem sich immer mehr nähernden, schönen Ufer
Frankreichs laben und daher für heute schließen. Ich sende diese
Zeilen übrigens eher ans Land, als ich es selbst erreiche, wodurch
Du vielleicht um mehrere Tage früher meine glückliche Ankunft in
Europa erfährst. Gottlob, daß ich hinzufügen kann, daß ich mich besser
befinde; ich war diesmal auf der Reise ab und zu seekrank, und das
scheint mein Uebel vermindert zu haben.

Der Himmel erhalte auch Dich gesund bis zu unserem nahen, frohen
Wiedersehn.


  Paris, am 10. Mai 1833.

Am 1. Mai, Morgens 7 Uhr, erreichten wir, bei noch unfreundlichem
und kaltem Wetter, den Hafen von Havre und was Dich zu hören wundern
wird, gleichzeitig mit dem, neun Tage früher, als wir, von Newyork
abgesegelten, Packet la France! Obgleich es dieselbe Richtung genommen,
welche unser Capitain verfolgte, so hatte es doch auf der ganzen Reise
mit schlechtem Wetter und widrigen Winden zu kämpfen, während uns
beides fortwährend begünstigte; ein solcher Unterschied findet auf der
See, selbst bei geringer Entfernung, häufig statt, und läßt sich nur
dadurch erklären, daß die Luft eben so entgegengesetzte Strömungen hat,
wie das Wasser.

Am Tage unsers Landens in Havre feierte man gerade ~la fête de Louis
Philippe~ und zwar, wie in Frankreich üblich, mit militairischem Pomp.
Die Nationalgarden und Linientruppen mußten Revue passiren und am Abend
ward hie und da -- sehr spärlich -- illuminirt! Da das Paß-Bureau
dieses Festes wegen geschlossen war, so verlor ich einen Tag für die
Weiterreise, hatte aber dafür die Freude, unsere Freunde B... nach
15jähriger Trennung etwas länger zu genießen und einen frohen Abend
bei ihnen zuzubringen, wobei Deiner, wie Du denken kannst, oft und in
Liebe gedacht ward. Sie leben hier sehr häuslich, aber sehr glücklich,
und vereint in musterhafter Einigkeit und Geschwisterliebe; es ward mir
schwer, von ihnen zu scheiden. Havre selbst bietet dem Fremden wenig
Annehmlichkeiten dar; der Hafen ist aber, wegen des starken Verkehrs
mit Amerika, sehr belebt. Alle Schiffe waren in Beschlag genommen, um
deutsche Emigranten, mit denen die Stadt angefüllt war, nach Amerika
zu führen. Die Auswanderung ist stärker als je; auch beim Einsegeln in
den Canal begegneten wir mehreren, mit Emigranten beladenen, Schiffen;
Havre war, wie gesagt, damit überfüllt, und zwischen dort und hier
sahen wir -- auf vielen, eigens dazu gebauten Wagen -- wenigstens
Tausend dieser Auswanderer aus Süd-Deutschland, Männer und Weiber,
Kinder und Greise, alle ihr bisheriges Vaterland verlassend und sich
ein neues, jenseits des Meeres, suchend. Möge sie der Himmel vor
Täuschung bewahren! Und welche moralische Umwälzung steht ihren eignen
Begriffen von Menschenrechten bevor! Diese Leute, welche zum großen
Theil vielleicht deshalb auswandern, weil sie sich von einer Classe
ihrer Mitbürger unterdrückt glauben, gehen in einen fremden Welttheil,
um dort, auf noch weit gehässigere Weise, dasselbe zu thun gegen ihre
afrikanischen Brüder, die wohl nirgends mehr der Menschenwürde beraubt
sind, als grade in dem gepriesenen Freistaat von Nordamerika. Ich habe
auf dem Wege von Havre hieher noch wieder ein empörendes Beispiel davon
gesehen. In dem Gasthofe, wo wir Pferde wechselten, hielt um Mittag
eine Diligence an, in welcher sich eine von New-Orleans zurückkehrende
europäische Familie befand, die ein kleines schwarzes Kind von etwa
vier Jahren bei sich hatte. Man setzte sich zu Tische und da ich, wie
du weißt, die kleinen Negerkinder gern leiden mag, so wollte ich den
Knaben neben mir auf einen Stuhl setzen. Sein Zwingherr litt es aber
nicht, sondern wies ihm seinen Platz auf dem Fußboden des Zimmers an,
wo er ihm dann, von Zeit zu Zeit, etwas Fleisch u. a. m. auf einen
Teller hinwarf, gerade wie wir es einem jungen Hunde thun würden. Meine
Bemerkung, daß ein solches Verfahren in Europa höchst unschicklich
sei, wurde -- belächelt! In Deutschland hätte ich ihr wohl eine andere
Beachtung verschafft. -- Der Kleine nahm die Speise mit den Händen und
verschlang sie; er fühlte die Erniedrigung +noch+ nicht; in Europa wird
er aber Begriffe in sich aufnehmen, die ihn, bei seiner dereinstigen
Rückkehr nach Amerika höchst unglücklich machen müssen. Und daß er
zurückgeschleppt werden wird, das leidet wohl keinen Zweifel; sein
Herr hat ihn nach Frankreich geschickt, um ihn dies und jenes lernen
zu lassen, damit er ihn später in New-Orleans für einen desto höheren
Preis -- +verkaufen+ könne!

Der Weg von Havre nach Paris führt durch schöne Gegenden an der Seine,
durch die reizend gelegene, volkreiche, lebendige und gewerbfleißige
Stadt Rouen, bis zu deren Quays selbst große Seeschiffe direct
von Amerika gelangen und ihr die Baumwolle für ihre zahlreichen
Spinnereien zuführen. Die dortige, alterthümliche Cathedrale, mit
ihren ausgezeichnet schönen, gemalten Fenstern, hatte ich Gelegenheit,
im Fluge zu bewundern, und setzte dann meine Reise, bei dem endlich
eingetretenen, vortrefflichen Frühlingswetter, fort. Leider bin ich
nicht so wohl hier angekommen, und befinde mich auch jetzt noch nicht
so wohl, wie ich es wünsche; die auf der See eingetretene Besserung
war nicht von Dauer; ich leide an großen Schmerzen und der Arzt
fordert mich auf, zu bleiben, und meine Kur +hier+ abzuwarten. Wie
kann ich mich aber, nach einer so langen Trennung von Euch, +dazu+
entschließen? -- Giebt mir daher der Doctor in einigen Tagen, wie ich
hoffe, die Erlaubniß zu reisen, so sollen mich +bloße Schmerzen+ nicht
davon abhalten, das versichere ich Dir.

Am 13. -- Ich habe sie -- diese ärztliche Erlaubniß, und reise nun
morgen ab. Bald, sehr bald also werde ich Euch wieder an mein Herz
drücken können!


[16] D. h. Holzkohlen, man brennt in Mexico nur diese.

[17] Dies war ein ganz neuer, bisher noch nicht versuchter Modus in
den mexicanischen Finanz-Operationen, den man wohl gethan haben würde,
beizubehalten, um sich von den hohen Zoll-Einnahmen in den Häfen
unabhängiger zu machen.

[18] Leider! ist meinem Freunde Schleiden die Freude nicht zu Theil
geworden, das Gelingen eines Unternehmens zu erleben, an welches er
zulegt alles setzte was der Mensch zu wagen hat, Gesundheit und Leben!
Noch ehe diese Blätter zum Druck befördert wurden, erfuhr ich die
traurige Nachricht, daß derselbe an einem Erkältungsfieber, welches er
sich bei dem Löschen eines kleinen Brandes zugezogen, gestorben ist.
Ich bin überzeugt, daß er in Mexico gerettet worden wäre; dort würde
es ihm an guter ärztlicher Hülfe nicht gemangelt haben; in Anganguco
erhielt er diese (von Mexico aus) erst am sechsten Tage, als es zu spät
war und ihm selbst die ausgezeichnet liebevolle Pflege unseres braven
Landsmannes Dr. Schiede, nicht mehr helfen konnte! Ihm und den Seinigen
zum Troste, starb er in den Armen seines ältesten, braven Sohnes; der
nun, als anerkannt geschickter Bergmann, dem Unternehmen vorsteht. Möge
er glücklicher in der Ausführung seyn als der Vater!

[19] Ihre Verdienste haben in Amerika die gehörige Anerkennung
gefunden; sie ist seitdem an einen jungen, reichen Gutsbesitzer in den
vereinigten Staaten verheirathet worden.

[20] Seit dies geschrieben ward, hat England eine solche heilsame
Maaßregel für seine westindischen Colonien adoptirt. Dies macht die
Nothwendigkeit eines ähnlichen Verfahrens in Nordamerika nur um so
dringender!




+Anhang.+




Kurze Darstellung

der

politischen Ereignisse und administrativen Maßregeln in Mexico

seit der Präsidentschaft Santa Anna’s,

so wie der gegenwärtigen Lage des Landes.

(Aus offizieller Quelle, mitgetheilt im Juni 1834.)


Wie aus den vorstehenden Briefen erhellt, war General Pedraza wieder
an die Spitze der Regierung von Mexico gelangt. Die kurze Zeit seiner
“Interims”-Präsidentschaft (vom 1. Januar bis 1. April) gestattete
ihm nicht, durchgreifende Veränderungen im Staate vorzunehmen; er
suchte daher seinen ganzen Stolz darin, die Revolution unterdrückt,
momentane Ordnung wieder eingeführt und den innern Frieden des Landes
so weit hergestellt zu haben, daß unter seinen Auspicien das Volk, in
allen zwanzig Staaten Mexico’s, nicht nur die Repräsentanten, sowohl
für den General-Congreß, wie für die einzelnen Staaten, sondern auch
und insbesondere +die höchsten Magistrats-Personen der Republik+, mit
gehöriger Freiheit erwählen konnte.

Sobald dies jedoch geschehen und General +Santa Anna+ als +Präsident+,
Don +Valentin Gomez Farias+ als +Vice-Präsident+ installirt und der
gesetzgebende Körper der Union neuorganisirt worden war, änderte sich
der Gang und die Tendenz der Administration von Grund aus.

Die überwundene Partei blieb indeß noch immer in einer feindlichen
Stellung der neuen Regierung gegenüber, indem Pedraza mehrere, zur
militairischen Aristokratie gehörige Chefs, welche die Hauptstütze
der gestürzten Administration gewesen waren, in ihrem Commando
gelassen hatte, dergestalt, daß unter andern die beiden, Bustamante
am meisten ergebenen Generäle, +Arista+ und +Duran+, die wichtigsten
Posten bekleideten; ersterer als General-Commandant von Mexico und
letzterer als Befehlshaber eines bedeutenden Cavallerie-Corps in der
Nachbarschaft der Hauptstadt. Dies übelangebrachte Vertrauen Pedraza’s
in die Versprechungen und Schwüre von Männern, welche vor so kurzer
Zeit noch gegen die Sache des Volks gekämpft hatten, war der Grund
und die Veranlassung von zwar vorübergehenden, aber beklagenswerthen
Ereignissen.

Der erste Schritt, welchen die besiegte, aber nicht vernichtete Partei
zu einem neuen Aufstande that, war der Versuch, den nunmehrigen
Präsidenten Santa Anna, durch das schmeichelhafte Anerbieten, ihn
zum Dictator zu machen, auf ihre Seite zu bekommen. “Er sei es,” so
sprachen sie zu ihm, “der triumphirt habe, -- in +seiner+ Person
liege mithin die Garantie künftiger Stabilität, -- ihm wollten sie
vertrauen, nicht aber ihr Schicksal in die Hände jener Horden von
Anarchisten legen, welche die Kammern und die Staaten-Regierungen
füllten! -- Die Religion sei bedroht, das Eigenthum gefährdet, und
Er, Santa Anna selbst, werde das Opfer dieser Wüthenden werden, wenn
er ihren Umtrieben nicht bei Zeiten einen Damm entgegensetze! Auf die
Truppen könne er zählen, so wie auf die Reichthümer des Clerus und der
Geld-Aristokratie des Landes. ‘Verlassen Sie, General! -- so hieß es am
Schluß -- diese anarchistische Partei, empfangen Sie die +Dictatur+ aus
unsern +Händen+, wer wird es alsdann noch wagen, das Haupt zu erheben?’”

Dies waren die Lockungen, womit die Generäle, die Canonici und der
Bischof von Puebla, nebst mehreren einflußreichen Personen in Mexico,
Santa Anna zu verführen suchten. Aber, wenn auch der Präsident solchen
Vorschlägen einen Augenblick Gehör gab, so muß doch zur Steuer der
Wahrheit gesagt werden, daß er nie daran dachte, darauf einzugehen.
Obgleich -- aus Mangel an hinlänglicher Aufklärung -- schwankend
in seiner Politik, will Santa Anna doch aufrichtig das Wohl seines
Vaterlandes; er mogte aber in der That befürchten, daß die Volkspartei
zu weit gehen und die Gränzen einer gemäßigten Reform überschreiten
würde; er hatte überdies +religiöse+ Scrupel und hielt es für Sünde,
die Prärogative der Kirche zu schmälern! In diesen beschränkten Ideen
ward ihm jedoch kräftig von den übrigen Gliedern des Gouvernements
und der Majorität des Congresses opponirt; insbesondere von dem
Vice-Präsidenten Gomez Farias. Dieser ist nicht Militair, sondern
Civilist, aber ein Mann von Ehre, welcher sich auf der Laufbahn der
Reform kein unübersteigbares Ziel gesetzt hat; er ist durchaus kein
Doctrinair, aber ein aufgeklärter Mann, der gewiß stets mit der Zeit
fortschreiten wird; auch besitzt er viel Energie, ja eine, an Eigensinn
gränzende, Charakterstärke. Hätte er eine glücklichere Wahl in seinen
Umgebungen getroffen, es würden jetzt schon große Dinge ausgeführt
seyn.[21]

Mittlerweile erklärten sich schon am Ende des zweiten Monats der
neuen Regierung, nämlich Ende Mai 1833, mehrere Militair-Chefs offen
gegen dieselbe. Obrist Escalada in Morelia, der Hauptstadt des Staats
Michoacan, General Duran in Chalco, unweit Mexico, und ein gewisser
Unda in Tlalpam, ganz in der Nähe der Hauptstadt, fielen mit ihren
Truppen vom Gouvernement ab, protestirten gegen das Föderativ- oder
Repräsentativ-System und proclamirten, ohne weiteres, Santa Anna zum
+Dictator+. Dieser, mit Recht hierüber entrüstet, rückte in Person
gegen die Rebellen aus und nahm Arista als seinen General-Adjutanten
mit sich; letzterer war aber kaum aus Mexico ausmarschirt, als auch
er zur Gegenpartei überging, die unter ihm stehenden Truppen, mit
Ausnahme einiger Offiziere, zu gleichem Schritte verführte und nun
den eignen General, +den Präsidenten der Republik+, gefangen nahm, um
ihm die +Dictatur+ gleichsam aufzudringen. -- Aber man hatte sich in
ihm verrechnet. Santa Anna weigerte sich standhaft, die Proposition
anzunehmen; er wollte lieber mit Ehren sterben, als auf den Trümmern
des Vaterlandes sich erheben. Nach einigen Tagen gelang es ihm, sich
aus den Händen der Rebellen zu befreien; er flüchtete in die Gebirge
und nahm von da aus seinen Weg nach Puebla.

Während dies in der Gegend von Cuautla-Amilpas vorfiel, blieb die
Regierung in Mexico keineswegs ruhige Zuschauerin der Ereignisse.
Obwohl man anfänglich ziemlich allgemein die Gefangennehmung von Santa
Anna für eine mit ihm selbst verabredete Comödie hielt, ließ sich doch
der, jetzt am Ruder des Staats stehende, Vice-Präsident Farias dadurch
nicht in seinem Glauben an die Redlichkeit der Gesinnungen seines
Collegen irre machen; er donnerte in seinen Proclamationen und Decreten
gegen die begangene Verrätherei, und schilderte mit grellen Farben den
Hochverrath des Attentats auf die geheiligte Person des Oberhaupts
der Republik! Die Generäle +Vittoria+, +Anaya+, +Mejia+ und +Arago+
(letzterer von Geburt ein Franzose, der in dieser Zeit der Sache des
Volks die wichtigsten Dienste geleistet hatte) waren der Regierung treu
geblieben, und der Vice-Präsident bediente sich ihrer mit Kraft und
Gewandtheit, um den Aufstand der Truppen in der Hauptstadt und Umgegend
zu unterdrücken. -- Der durch sich selbst befreite Präsident Santa Anna
kam mittlerweile zurück und sammelte mit der ihm eignen Gewandtheit und
Energie eine neue Armee, mit der es ihm endlich gelang die Rebellen,
in Guanajuato, gänzlich zu besiegen! -- Die Chefs der Insurgenten und
dieser Contrerevolution wurden des Landes verwiesen; +auch nicht eine
Hinrichtung fand statt+! Die neue Ordnung der Dinge stand fest.

Santa Anna aber, krank und von Fatiguen aller Art fast aufgerieben,
zog sich nunmehr im December v. J. mit sechsmonatlichem Urlaub des
Congresses, nach seinem Landgute Manga de Clavo bei Vera-Cruz,
zurück, um sich wo möglich wieder herzustellen und für die Führung
der öffentlichen Geschäfte wieder zu befähigen. Die geistliche und
militairische Aristokratie wird nicht unterlassen ihn in seiner
Zurückgezogenheit aufs neue zu versuchen, aber er wird nicht wanken und
der Constitution treu bleiben!

Während nun der +Präsident+ damit beschäftigt war den Feind im offenen
Felde zu bekämpfen, gingen vom +Congreß+ wichtige Reform-Decrete aus.
Unter andern Männern von Kraft und Kenntnissen saß in demselben der
bekannte Don +Lorenzo de Zavala+, der seine Stelle als Civil-Gouverneur
des Staates Mexico niedergelegt hatte und zum Repräsentanten desselben
erwählt worden war. -- Unter seiner Mitwirkung beschloß der Congreß:

  1. Daß die Entrichtung des +Zehnten+ an die Geistlichkeit, dem
  Gewissen, und mithin dem eignen Ermessen der Gläubigen anheim
  gestellt seyn solle.

  2. Daß die +klösterlichen Gelübde+ vor dem Civil-Gesetz als nicht
  bindend erachtet werden, und es allen männlichen und weiblichen
  Bewohnern der Klöster freistehen solle, sie zu verlassen und ins
  bürgerliche Leben wieder einzutreten.

  3. Daß die unter der vorigen Administration eingesetzten +Canonicate+
  wieder aufgehoben seyn sollten.

Die rebellischen Militair-Corps wurden aufgelöst und mehr als +tausend+
Offiziere aller Grade aus der Armeeliste gestrichen, wodurch die Finanz
der Republik sich einer drückenden, dem Gemeinwesen völlig unnützen,
Last entledigte.

Unter Discussion im Congreß, mit Wahrscheinlichkeit der Annahme, sind
noch folgende Propositionen Zavala’s:

  ~a~) Umänderung des Zoll-Tarifs, d. h. Verminderung der eingehenden
  Rechte, in einigen Fällen um die Hälfte, in andern um Zweidrittheil
  der jetzt erhobenen; Aufhebung aller Einfuhr-Verbote.

  ~b~) Abschaffung des unsinnigen Gesetzes, welches den Ausländern
  verbietet Grundeigentum in der Republik zu erwerben.

  ~c~) Verwendung der Kloster-Güter zur Bezahlung der National-Schuld.

Die beiden letzteren Vorschläge werden um so eher durchgehen,
als sich eine unwiderstehliche Tendenz für die +Einführung der
Religionsfreiheit+ bemerklich macht, und man nicht glaubt, daß
diese hochwichtige Maßregel nun noch länger als zwei Jahre (zwei
Congreß-Sitzungen) hinausgeschoben werden kann!

Im Fache des öffentlichen Unterrichts haben bereits bedeutende
Verbesserungen stattgefunden. Die Gouverneure und Congresse der Staaten
sind davon durchdrungen, daß es zu nichts führen kann, Proclamationen
und Manifeste im republikanischen Sinne und in dem der Freiheit
ergehen zu lassen, so lange das Volk nicht in intellectueller und
materieller Hinsicht größere Fortschritte gemacht haben wird, und sie
sehen ein, daß dies nur auf dem Wege der Volks-Erziehung zu erzielen
ist. Man hat daher angefangen an Orten, wo bis jetzt noch +keine
Schulen+ waren, deren anzulegen; am meisten zeichnen sich hierbei die
Staaten von Zacatecas, Jalisco, Tamaulipas, Coahuila und Texas aus.
-- Im Staat von Mexico hat Zavala eine Normal-Schule errichtet und
viele Schulen des +ersten Unterrichts+ wieder hergestellt, welche die
frühere Administration hatte eingehen lassen; so rief er auch das
gleichfalls eingegangene literarische Institut wieder ins Leben. In dem
besagten Staat von Mexico, der bekanntlich eine Bevölkerung von circa
einer Million in sich faßt, bestehen jetzt 1059 +Schulen des ersten
Unterrichts+, worin 49960 Knaben und 9786 Mädchen, zusammen 59746
Kinder lesen und schreiben lernen.

Da der General-Congreß der executiven Gewalt die Befugniß ertheilt hat,
die wissenschaftlichen Institute der Föderativstadt neu zu organisiren,
so hat der Vice-Präsident Farias eine heilsame Verschmelzung der
ältern Collegien von Mexico veranlaßt und daraus ein Institut nach der
Lehrmethode des civilisirten Europa’s gebildet. Man lehrt jetzt auf
dieser Hochschule: allgemeine Grammatik; Lateinisch, Griechisch und
Hebräisch; Theologie (nach heiliger Schrift); Geschichte; Philosophie;
Metaphysik; Ideologie; Natur-Geschichte; Mineralogie; Mathematik;
Mechanik; Astronomie; Physik und Chemie; Anatomie; Medicin; Natur-,
Civil- und Völkerrecht; politische Oeconomie u. s. w.

Diese Maßregel muß binnen wenig Jahren große Resultate
hervorbringen![22]

Die schwierigste Reform in der mexicanischen Administration ist die
der Finanzen und wird es noch für längere Zeit bleiben, denn es konnte
in dieser Hinsicht bis jetzt nur wenig geschehen. Die Regierung
Bustamante’s hatte während des Revolutions-Krieges von 1832 nicht
allein den Schatz gänzlich erschöpft, sondern auch eine fernere Schuld
von +fünf Millionen Pesos+ contrahirt und sie auf die Zölle angewiesen,
welche bekanntlich die bei weitem größte Einnahme des Staates bilden.
Der neuen Regierung waren somit alle Resourcen abgeschnitten, und
sie fand Niemand geneigt, ihr in dieser Crisis Geld vorzuschießen;
dennoch bedurfte sie dessen und konnte es nur von Agioteurs erhalten,
denen sie für Eine Million Pesos Ein und eine halbe Million aus die
Zölle anweisen mußte. Die vorherige Regierung hatte, besonders während
sie in den letzten Zügen lag, noch größere Opfer bringen und selbst
bei ihren gewöhnlichen Anleihen 3, 4, ja 5 pCt. Zinsen pr. +Monat+!!
bezahlen müssen, und zwar gegen Anweisung auf die Zölle, welche sich
stets binnen mäßiger Frist realisirten und somit den Darleihern
einen ungeheuren Nutzen abwarfen! -- Ein solches Leih-System von
Hand zu Mund ist aber für einen Staat von so vielen Hülfsquellen wie
Mexico nicht ehrenvoll und jedenfalls verderblicher, als es selbst
die Anleihen vom Jahr 1823 in England waren, denn wenn diese auch
der Nation 12½ und 9 pCt. jährliche Zinsen von der empfangenen Summe
kosten,[23] so sind doch, wie man sieht, jene Platz-Anleihen, bei
unendlich größerer Sicherheit für den Darleiher und weit schnellerer
Rückzahlung, noch viel nachtheiliger und müssen zum gänzlichen Ruin, ja
zum National-Banquerott führen, wenn das System nicht geändert wird!
-- Darauf arbeitet denn auch die jetzige Administration hin und hat
bereits bedeutende Ersparnisse in der Verwaltung eingeführt; auch geht
sie damit um das Uebel an der Wurzel zu fassen, nämlich die Armee zu
reduciren! denn so lange nicht die bewaffnete Macht, nach dem Vorbild
der nordamerikanischen Staaten, auf eine verhältnismäßig kleine Armee
zurückgeführt wird, ist kein Heil für die Republik zu erwarten.

Auch in Hinsicht einer zweckmäßigeren Behandlung der Staats-Resourcen
und verbesserten Finanz-Verwaltung hat Zavala der Regierung höchst
beachtenswerte Vorschläge gemacht, die am Ende gewiß durchdringen
werden; belehrt durch das Beispiel der civilisirten Staaten von Europa
und Nordamerika, welche er mit Nutzen bereis’t hat,[24] will er, daß
man auf alle Weise den National-Credit zu befestigen und dem Ausland
Vertrauen einzuflößen suchen solle; die Republik würde alsdann von
diesem mit Leichtigkeit und zu mäßigen Bedingungen Vorschüsse auf
längere Zeit erhalten und so die Regierung in den Stand gesetzt werden,
die Finanzen des Staates zu ordnen, und die unermeßlichen Resourcen des
Landes mit den Bedürfnissen desselben in Einklang zu bringen.

Aus dem Gesammtinhalt des Gesagten läßt sich übrigens unstreitig der
Schluß ziehen, daß die +vereinigten Staaten von Mexico+, sowohl in
moralischer wie in materieller Hinsicht einer glücklichen Zukunft
entgegen gehen. Die practische Schule der öffentlichen Geschäfte,
welche die Führer des Staats täglich über diejenige Politik erleuchtet,
die sie zum Wohl der Nation zu befolgen haben; die bitteren Erfahrungen
früherer Unordnungen und die Beispiele der civilisirten Nationen,
mit denen sie nun in steter und lebendiger Berührung stehen; -- die
Fortschritte, welche die einflußreiche Classe an Kenntnissen jeder
Art täglich macht; das brennende Verlangen eines großen Theils der
jetzigen Jugend, sich zu unterrichten; der Andrang so vieler Fremden,
welche, außer Capital und Verbesserung der Gewerbe, das Beispiel der
Liebe zur Arbeit mitbringen; der Geist der Toleranz, der dadurch
geweckt und verbreitet wird; die nützliche Reform, welche im Clerus
stattgefunden und die dadurch hervorgerufene Neigung, das heilbringende
Prinzip der Religionsfreiheit und der gänzlichen Trennung von Kirche
und Staat anzuerkennen, -- alles dies wird +die vereinigten Staaten
von Mexico+ dem Zustande des Glücks und der Wohlfahrt mit raschen
Schritten entgegen führen, dessen sie durch ihre Lage, ihr Clima, und
die außerordentliche Fruchtbarkeit ihres Bodens, so wie durch die
Unabhängigkeit und Freiheit ihrer Institutionen offenbar fähig sind.


[21] Daß Gomez Farias ein Mann von Geistes-Energie und großem
Geschäftseifer ist, davon habe ich selbst Gelegenheit gehabt mich zu
überzeugen. Denn als er kurz nach Pedraza’s Regierungs-Antritt das
Finanz-Ministerium übernahm und der leeren Cassen wegen es für nöthig
hielt, seine Zuflucht zu den fremden Kaufleuten zu nehmen, ließ er
sich, gegen den Willen der Aerzte, durch eine +schwere+ Krankheit nicht
abhalten, uns zu sich zu berufen, und hielt uns vom Krankenlager aus,
+unter den größten Anstrengungen+, eine lange, eindringliche Rede, in
der er uns zu beweisen suchte, daß unser eigner Vortheil es erheische,
dem Gouvernement in seiner jetzigen Geldnoth die erforderliche Hülfe
nicht zu versagen. -- Seine Rede blieb nicht ohne Erfolg; es kam
wirklich eine Anleihe zu Stande.

[22] Vorausgesetzt, daß die angestellten +Lehrer+ der umfassenden
Idee des Stifters dieser Universität entsprechen, was +vorerst+ wohl
schwerlich der Fall seyn dürfte.

[23] +Erstes+ mexicanisches Anlehen in England contrahirt
zu 5 pCt. ~per annum~ 16,000,000 $ zu 50 pCt. negociirt ergaben

                                               $ 8,000,000
  Provision 5 pCt.                 $ 400,000
  Dividende des ersten Jahrs       „ 800,000
  Tilgungsfond                     „ 400,000
                                  -----------
                                               „ 1,600,000
                                              -------------
           disponible Summe                    $ 6,400,000

hiervon jährlich zu zahlen 800,000 $, macht 12½ pCt.

+Zweites+ mexicanisches Anlehen in England, contrahirt zu 6 pCt.
~per annum~ 16,000,000 $ zu 82 pCt. negociirt ergaben

                                                      $ 13,120,000

  Provision 5 pCt. auf den Nominalwerth   $ 800,000
  Dividende des ersten Jahrs              „ 960,000
  Tilgungsfond                            „ 540,000
                                          ---------
                                                      „  2,300,000
                                                     -------------
                  disponible Summe                    $ 10,820,000

hiervon jährlich zu zahlen 960,000$ macht circa 9 pCt.

[24] Don Lorenz Zavala, Verfasser des ~ensayo historico de las
revoluciones de Megico. tom. I. Paris~ 1831 und ~tom. II. New-York~
1832, ist jetzt bevollmächtigter Minister der vereinigten Staaten von
Mexico am Hofe von Frankreich und mithin zu Paris!




  Zweite Abtheilung.

  Mercantilische und statistische Notizen.




Handel mit Mexico.

Bordeaux, Havre, Hamburg und Bremen.


+Bordeaux+ hat durch seine geregelte Packetfahrt einen Umfang in dem
Handel mit Mexico erlangt, den es ohne dieselbe wohl mit Havre hätte
theilen müssen. Die französische General-Post-Direction hat nämlich mit
einer Gesellschaft von Schiffs-Rhedern in Bordeaux eine Uebereinkunft
getroffen, nach welcher diese, gegen eine Vergütung von 10000 Francs
für die Hin- und Herreise, jeden ersten des Monats ein Schiff mit der
Correspondez nach und von Mexico abzufertigen und dabei den einen
Monat die Briefe nach der Insel Martinique, den andern nach Haity (St.
Domingo) mitzunehmen verpflichtet sind.

Diese regelmäßige monatliche Abfahrt von Packetbooten, welche zugleich
Kauffahrteischiffe sind, giebt Bordeaux’s Verkehr mit Mexico eine
Zuverlässigkeit, welche man anderwärts nicht findet, obgleich Havre
in seinen Bemühungen, Theil an dem mexicanischen Handel zu nehmen,
nicht ganz zurückbleibt. -- Frankreich und die Schweiz senden daher
ihre für Mexico bestimmten Fabrikate vorzugsweise über Bordeaux,
und selbst die preußischen Seidenfabriken am Rhein thun, bei dem
jetzt freigegebenen Transit durch Frankreich, häufig ein Gleiches.
Bordeaux hat überdies einen, diesem Hafen bekanntlich eigenthümlich
angehörigen, nicht unbedeutenden, und sich stets mehrenden Handel in
Wein mit den mexicanischen Häfen, und ist zugleich der Hauptmarkt für
die wichtigste +Waaren+-Retour, welche Mexico zu machen hat, nämlich
für +Cochenille+. Hiervon empfängt Bordeaux jährlich den Werth von
circa 3 bis 4 Millionen Francs aus dem Hafen von Vera-Cruz, und findet
seinen Hauptabsatz dafür theils nach St. Petersburg, theils nach der
Levante.

Seit Spanien seine Colonieen und mithin Cadix sein Monopol des
Cochenille-Handels verloren hat, theilen sich hauptsächlich Bordeaux
und London in diesen wichtigen Geschäftszweig. -- Bordeaux aber, wo
bei der mexicanischen Revolution sich viele Spanier und mehrere reiche
Mexicaner angesiedelt haben, scheint die, früher in Cadix geheimnißvoll
betriebene, Umarbeitung der Cochenille besser zu verstehen, als London
und dadurch wo nicht größere, doch jedenfalls gleich große Geschäfte
darin zu machen. Auch hierbei zieht Bordeaux Vortheil von seiner
Packetfahrt mit Vera-Cruz, indem durch +diese+ regelmäßige Sendungen
von Cochenille und andern Waaren gemacht werden können, während den
englischen Packeten nicht erlaubt ist, etwas anderes als Comptanten
an Bord zu nehmen, und man daher häufig genöthigt ist, aus Mangel an
directer Schiffsgelegenheit, Cochenille und sonstige nach England
bestimmte +Waaren+ über New-York, oder andere Häfen von Nordamerika zu
versenden.

Xalapa und Sasseparila hat Bordeaux gleichfalls viel aus Mexico
bezogen, besonders in der letzten Zeit, wo diese Artikel in Folge der
Cholera so sehr gestiegen sind. Vanille bildet auch noch einen nicht
unbedeutenden Einfuhr-Artikel, er ist jedoch, des leichten Verderbens
wegen, ein sehr mißlicher und giebt nur periodisch einen, dann aber
freilich oft sehr großen, Gewinn.

Baarsendungen, sowohl in +Piastern+ als auch insbesondere in
+Doublonen+, rendiren in Bordeaux deshalb besser als irgendwo, weil
sie, des benachbarten Spaniens wegen, in ihrem gemünzten Zustande
Cours haben und deshalb oft sehr hoch stehen, während sie anderwärts,
in der Regel, erst umgeschmolzen werden müssen und mithin nur ihren
Metallwerth aufbringen.

Unter Frankreichs verschiedenen Ausfuhr-Artikeln (unter welchen
Seiden-Waaren natürlich obenan stehen) verdient +Papier+ noch einer
besondern Erwähnung. Die unfern Bordeaux gelegenen Papiermühlen
lieferten Ende 1831 das 500 Bogen starke Ries des sogenannten
Florete, als der geeignetesten Sorte, zu 6 Fr. 15 Cent., und mithin
weit wohlfeiler, als es nach allen gemachten Versuchen Deutschland
herzustellen möglich ist. In Genua, wo die für Mexico passendste
Qualität verfertigt wird, steht der Preis noch niedriger. Es ist zu
beklagen, daß Deutschland dergestalt bei einem Geschäftszweige nicht
concurriren kann, welcher eine so große Rolle im Handel nach Mexico
spielt. Es werden daselbst jährlich nicht weniger als 500,000 Ries
Papier eingeführt, oft mehr, und es wird außerdem noch Papier im Lande
selbst fabricirt. Der Verbrauch dieses Artikels ist in Mexico deshalb
so groß, weil alle Einwohner (selbst die Damen nicht ausgenommen)
Papier-Cigarren rauchen, was natürlich einen +täglichen+ Consum von
Millionen solcher Cigarren zur Folge hat.

Der Versuch, in Bordeaux eine Niederlage von deutschen Leinen für
die Assortirung der Ladungen nach Mexico und Südamerika zu bilden,
schlug fehl und mußte fehlschlagen, weil Deutschlands +directer+
Ausfuhr-Handel nach jenen Landen zu lebhaft und bedeutend ist, um
einer Vermittlung dabei zu bedürfen; er übersteigt im Werthe den der
französischen Häfen und die Ausfuhr von Hamburg und Brennen nach
Mexico allein, beträgt, in Leinen und andern Gegenständen +deutscher+
Industrie, wohl an acht Millionen Mark Banco im Jahr! Rechnet man
hinzu, was an +deutschen+ Waaren über Nordamerika, England, ja sogar
über Chili und Peru nach Mexico geht, so leidet es keinen Zweifel,
daß das Minimum des jährlichen Consums in der Republik Mexico, an
+deutschen+ Waaren aller Art, auf zehn Millionen Mark Banco (5 Mill.
preußischer Thaler) veranschlagt werden kann, und wobei die unter dem
Namen von ~Platilles reales~ bekannten schlesischen Leinen mit 120 bis
140,000 Stück figuriren.

Nächst dem Leinen sind die Seiden-Waaren aus den Rhein-Provinzen der
wichtigste deutsche Artikel in dem mexicanischen Markt; auch spielt
das böhmische Glas bei der Ausfuhr von Hamburg nach Vera-Cruz eine
große Rolle. -- In den letzten beiden Jahren sind allein von Hamburg
jährlich 20 bis 22 Schiffe, mit Manufactur-Waaren beladen, +direct+
nach Vera-Cruz und Tampico abgefertigt worden, und zwar alles deutsche,
nämlich Hamburger, Bremer, preußische und Altonaer, welche letztere
allerdings unter dänischer Flagge fahren, aber darum nicht minder
+deutsch+ sind; denn wenn auch +Altona+ unter dänischer Oberherrschaft
steht, so liegt es doch in Holstein und +Hamburg+ so nahe, daß die
beiden Häfen gleichsam nur ein und denselben bilden; die Altonaer Börse
wird aber wirklich an jener von Hamburg abgehalten.




Ausfuhr von Mexico.


Staat von Oaxaca.

Cochenille (~Grana~).

Obwohl Cochenille (span. ~Grana~) jetzt auch in Honduras und Guatimala
in guter Qualität erzeugt und nach Europa ausgeführt wird, so kann
man doch noch immer Mexico als die Hauptquelle für diesen wichtigen
Farbestoff betrachten. In Mexico selbst aber wird Cochenille
ausschließlich in dem Staate von Oaxaca gezogen, und wird daselbst auch
nie aufhören gezogen zu werden, wie dieses bei sehr niedrigen Preisen
in Honduras und Guatimala wohl der Fall seyn könnte, wo die Zucht
derselben bloß speculative Unternehmung von Pflanzern ist, während
sich in Oaxaca die indianische Bevölkerung ihren Unterhalt dadurch
verschafft und, bei wenig Auslagen und noch wenigeren Bedürfnissen,
den Erlös des Products, gleichsam als den Jahres-Verdienst betrachtet,
wovon sie leben muß. Die Cochenille-Zucht ist nämlich der Art, daß sie
ganze Familien Indianer, jung und alt, auf eine, ihren beschränkten
Geistes- und Körperfähigkeiten sehr zusagende, Weise beschäftigt,
weshalb sie denn auch, so lange der Artikel nur noch zu irgend einem
Preise Käufer findet, gewiß zu keiner andern Arbeit übergehen werden.
Die Pflanzer, welche die Cochenille im Tagelohn bearbeiten lassen, und
deren es in Oaxaca auch giebt, behaupten, bei Preisen unter 9½ und
10 Realen pr. ℔ nicht bestehen zu können. Die Zucht der Cochenille,
bis sie als Handelsartikel in den Markt kommt, erfordert ungefähr ein
ganzes Jahr Zeit.

Das junge Insect wird auf den Pflanzungen in den Gebirgen geboren, da
die Temperatur und der frühe Regen im Thale der Brut nicht günstig
sind. Erst im Juli wird es von den Gebirgen gebracht, und in den
Thal-Pflanzungen auf den Naupal (Cactus) gesetzt, und sowohl gegen
Regen als gegen Sonnenhitze durch Mattendächer geschützt, welche nur
eine kurze Zeit am Morgen gelüftet werden. Auf diese Weise wird das
Insect gehegt, bis es im Monat October und November gebiert, wo alsdann
dieser Saame, wie man das junge Insect nennt, über die ganze Pflanzung
verbreitet wird.

Das Product der ersten Aussaat schlägt man auf das Fünffache, das der
zweiten, von der Jahrszeit mehr begünstigten, auf das +Zehn+- bis
+Eilffache+ an, dergestalt, daß eine +funfzigfache+ Vermehrung des
Insects in den beiden Jahres-Abtheilungen angenommen werden kann,
wenn nicht Unglücksfälle, z. B. plötzlich eintretender Frost oder
Wegschwemmnng durch allzu heftige Regengüsse, was allerdings manchmal
geschieht, eine Aenderung darin hervorbringen.

Das Insect wirft lebendige Jungen; manche bis zu 200 an der Zahl! wovon
jedoch viele verloren gehen. Nach der zweiten Aussaat, wo das Wetter
beständiger und zuverlässiger geworden ist, werden die Pflanzen nur
mit Busch und Laubwerk bedeckt, obgleich sie dadurch der Beschädigung
durch Regen mehr ausgesetzt sind; eine Mattenbedeckung für die ganze
Pflanzung würde aber zu theuer kommen, und eine Auslage von $ 3 für
jedes Pfund Saamen erfordern.

Das Insect der zweiten Aussaat läßt man nicht zum Gebären kommen;
man sammelt es schon im Januar und Februar und tödtet es entweder in
kochendem Wasser oder, nach einer jetzt öfter angewandten, bessern
Methode, in heißen Oefen, wobei dem Thiere seine Farbe besser erhalten
wird. Wenn die “+Grana+” alsdann ganz getrocknet ist, wird sie gesiebt
und von allen fremdartigen Theilen gereinigt, und in +dem+ Zustande zum
Verkauf ausgeboten, wie wir sie auf den europäischen Märkten sehen. Die
+schwarze+ Cochenille, oder Zaccatilla, ist die Mutter-Grana, nachdem
sie geboren hat und eines natürlichen Todes gestorben ist. Die beste
Zeit für den Einkauf in Oaxaca sind die Monate November und December.
-- Die silbergraue Cochenille ist das Thier, wenn es vor dem Gebären
auf oben beschriebene Weise getödtet wird.

Die Qualität hängt viel von der Sorgfalt ab, womit man das Insect
behandelt während es lebt, und von der Art und Weise des Tödtens;
jedoch haben auch allerhand Verfälschungen, besonders früher als die
Preise hoch standen, Statt gehabt, und man versucht sie auch jetzt
noch, obgleich, des niedrigen Preises wegen, minder häufig. Die
dermalen am meisten übliche Verfälschung besteht aus einer Nachahmung;
-- theils von dem Staub und Bruch, welcher aus der bessern Qualität
ausgesiebt worden ist, theils von dem Bodensatz der schon gebrauchten
Cochenille. Mit einiger Aufmerksamkeit sind aber beide Arten der
Verfälschung leicht zu entdecken, -- und noch leichter zwei geringere
Gattungen -- todte Cochenille (~Grana muerta~) und wilde Cochenille
(~Grana silvestre~) genannt, -- welche sich manchmal mit einschleichen;
-- erstere hat eine runde Gestalt und gleicht der nachgemachten, zeigt
jedoch Streifen wie die ächte Cochenille; letztere ist derselben aber
gar nicht ähnlich und hat durchaus keine gewisse und gleichmäßige
Form. Wenn, wie manchmal geschieht, die Zaccatilla (die Mutter-Grana
nach dem Gebären) gleichfalls durch heißes Wasser getödtet wird, so
bekommt sie ein schlechteres Ansehen, nämlich röthlich-schwarz und
fuchsig, und wird deshalb wohlfeiler verkauft; da diese Gattung aber
eben so viel Farbestoff enthalten soll, wie die besser aussehende, so
verdient sie die Aufmerksamkeit derer, welche für den, die Waare selbst
verarbeitenden, Fabrikanten in Europa einkaufen, indem dieser alsdann
dasselbe Quantum Farbe billiger erhält.

Granilla nennt man die ganz kleinen Insecten und den Bruch der bessern
Cochenille; sie wird für den halben Preis und oft noch billiger
verkauft, ist aber auch in Europa nicht beliebt.

Die ächte Zacatilla ist leichter als die silbergraue und nimmt bei
gleichem Gewicht mehr Volumen ein, sie wird daher auch schon deshalb
für den levantischen Markt, wo Cochenille nicht wie in Europa nach dem
Gewichte, sondern nach dem Maaße verkauft wird, vorgezogen. Um auch die
silbergraue möglichst leicht zu machen, wird sie vor dem Einpacken sehr
gut getrocknet. Staub kann jedoch nicht vermieden werden; denn, wenn
auch noch so rein gesiebt und noch so fest verpackt worden ist, erzeugt
er sich dennoch auf der Reise, und zwar am meisten bei den feinsten
Qualitäten, sowohl bei Zacatilla, wie bei der silbergrauen.

Die Verpackung geschieht zuerst in leinene Säcke, dann in Matten, und
über diese wird ein Kalbfell festgenäht und geschnürt. Ein solches
Colli nennt man Serron oder (spanisch) Sebernali, und es enthält in der
Regel 8 Arroben oder 200 ℔ Cochenille. In Oaxaca wird die Cochenille
nach dem Pfund verkauft, in dem Seehafen von Vera-Cruz aber, wo
sich gleichfalls ein Markt für den Artikel gebildet hat, kauft und
verkauft man sie nach Arroben von 25 ℔ und so wird sie auch ins Ausland
facturirt. Vera-Cruz ist übrigens der für die Verschiffung dieses
Productes nach Europa am zweckmäßigsten gelegene Hafen. In Tampico
kommt es gar nicht vor und nach Acapulco an der Südsee verirren sich
nur selten einige Serronen. Das größte Quantum Cochenille, was seit
dem Jahre 1758, also seit mehr als 70 Jahren, ausgeführt worden ist,
war 1,558,125 ℔, im Jahre 1774! Der Durchschnitt von 1770 bis 1780 kann
zu 1,000,000 ℔ jährlich angenommen werden. Der Preis variirte aber in
derselben Epoche sehr, und während derselbe im Jahre 1770 bei einer
Ausfuhr von 1,000,000 ℔, auf 25 Rl. und im Jahr 1771 sogar auf 32 Rl.
pr. ℔ gestiegen war, fiel er 1774 bei 1,500,000 ℔ Ausfuhr, auf 17 Rl.,
und in 1779, bei nur 800,000 ℔ Ausfuhr auf 15 Rl. pr. ℔. Die Ausfuhr
nahm nunmehr bedeutend ab und fiel im Jahr 1793 bis auf 334,250 ℔. Der
Durchschnittspreis jenes Jahres war dennoch nur 13½ Realen, und als das
Jahr darauf die Ausfuhr wieder auf 655,550 ℔ stieg, sank der Preis auf
10½ Rl. pr. ℔. Auf dieser niedern Stufe sollte aber damals der Artikel
nicht lange bleiben, und schon in 1800 stand er wieder auf 19 Rl., in
1803 auf 21 Rl. und in 1809 sogar auf 33 Rl.! Der Preis hielt sich bis
zur mexicanischen Revolution (1820/21) ungefähr auf jener Höhe, mit der
alleinigen Ausnahme des Jahrs 1813, wo seltsam genug die Ausfuhr +nur+
178,875 ℔ betrug (der geringsten seit 1758) und der Preis auf 15 Rl.
sank; das darauf folgende Jahr war er wieder 25 Rl.

Das seltsamste bei dieser Preis-Fluctuation ist, daß sie während einer
Zeit Statt fand, wo die Spanier das Monopol dieses Handels hatten, und
diesen, in Europa damals den edlen Metallen an Stabilität fast gleich
geachteten, Artikel in Cadiz, dem Stapelplatze desselben, immer auf
einer bedeutenden Höhe zu erhalten wußten.

Seit der Befreiung des mexicanischen Verkehrs mit Europa war der Gang
des Handels mit Cochenille der folgende:

   +Ausfuhr+ aus dem Staat von     Durchschnitts-
   +Oaxaca+ fast ausschließlich     preis pr. ℔     +Werth+
         nach Vera-Cruz              in Oaxaca

                 Pfund     Seronen   Reales           Pesos
  in 1823      408,150 oder  2041     16½          841,809. 3
  „  1824      377,412   „   1887     16¾          790,207.--
  „  1825      394,037   „   1970     19.--        935,839.--
  „  1826      357,612   „   1788     18.--        804,628.--
  „  1827      610,187   „   3051     18.--      1,395,470.--
  „  1828      398,187   „   1991     14. 6        741,714.--
  „  1829      498,862   „   2494     13.--        810,651.--
  „  1830      400,438   „   2002     12. 6        625,683.--
  „  1831      350,000   „   1750     11.--        481,250.--
  „  1832      635,075   „   3175      9. 6        754,151.--

Da nun der Werth der Waare durch Einkaufs-Provision, Ausgangszoll
aus dem Staat von Oaxaca und Fracht nach Vera-Cruz, so wie ferner
durch Provision und Spesen in dem Hafen bis am Bord, an 2¼ à 2½ Rl.
pr. ℔ gesteigert wird, so kann der Durchschnittswert der Ausfuhr der
Cochenille nach Europa, für diese 10 Jahre nach der Eröffnung des
mexicanischen Handels, auf circa $ 1,000,000 im Jahr angenommen werden,
das Quantum aber zu 443,000 ℔.

  Der jährliche Durchschnitt von 1760 à 69 war   870,000 ℔
                              „  1770 à 79  „  1,000,000 „
                              „  1780 à 89  „    680,000 „
                              „  1790 à 99  „    468,000 „
                              „  1800 à  9  „    360,000 „
                              „  1810 à 19  „    342,000 „
                              „  1821 à 32  „    443,000 „

Die Production dieses interessanten Artikels hat also durch die
Revolution nicht nur nicht ab-, sondern im Vergleich mit den
vorangegangenen zwei Jahrzehnten zugenommen.


+Cochenille.+

Quantität der Exportation aus dem Staat Oaxaca, Durchschnittspreise pr.
Jahr und Total-Werth von 1758 bis 1830.

(Aus der Exposicion des Gouvernements des Staats von Oaxaca von 1831.)

  Jahr     Pfunde     Seronen    Preis    Total-Werth
                                  Rl.         $
  1758     675,562     3378      16. 6    1,393,346. 5
  1759     686,812     3434      16. 6    1,416,549. 6
  1760   1,067,625     5338      16.--    2,135,250.--
  1761     788,625     3943      15.--    1,478,671. 7
  1762     832,500     4162      14. 9    1,534,921. 7
  1763     599,625     2998      15. 6    1,161,848. 3
  1764     898,875     4494      19. 6    2,191,007. 6
  1765   1,082,250     5411      18. 6    2,502,703. 1
  1766     932,625     4663      19. 6    2,273,273. 3
  1767     849,375     4247      19. 6    2,070,351. 4
  1768     621,000     3105      22. 6    1,746,562. 4
  1769   1,024,312     5122      24. 6    3,136,957.--
  1770   1,043,437     5217      25.--    3,260,742. 2
  1771   1,050,187     5251      32.--    4,200,748.--
  1772     839,678     4198      30.--    3,148,790. 5
  1773     782,438     3912      25. 6    2,494,020.--
  1774   1,558,125     7791      17. 6    3,408,398. 2
  1775     837,000     4185      16.--    1,674,000.--
  1776     808,550     4043      17.--    1,718,168. 6
  1777   1,244,812     6224      15.--    2,334,023. 4
  1778   1,057,800     5289      16.--    2,115,600.--
  1779     842,625     4213      15.--    1,579,921. 7
  1780   1,385,437     6927      17.--    2,944,054. 6
  1781     464,625     2323      17.--      987,328. 1
  1782   1,035,675     5178      17.--    2,200,809. 3
  1783     990,000     4950      18.--    2,247,750.--
  1784     535,900     2679      16.--    1,071,800.--
  1785     537,750     2689      17.--    1,142,718. 6
  1786     610,875     3054      16. 6    1,259,929. 6
  1787     451,125     2256      16.--      902,250.--
  1788     317,662     1588      16.--      635,324.--
  1789     478,125     2391      15. 6      926,367. 2
  1790     471,150     2356      16.--      942,300.--
  1791     538,650     2693      16. 6    1,109,715. 5
  1792     433,125     2166      15.--      812,109. 3
  1793     334,250     1671      13. 6      564,046. 7
  1794     655,550     3278      10. 6      860,409. 3
  1795     584,125     2921      12.--      876,187. 4
  1796     207,450     1037      17. 6      453,796. 7
  1797     493,425     2467      15. 6      956,010. 7
  1798     512,325     2562      18.--    1,152,731. 2
  1799     452,675     2263      19. 6    1,103,395. 3
  1800     374,400     1872      19.--      889,200.--
  1801     406,012     2030      18.--      913,528. 1
  1802     433,550     2168      19.--    1,029,681. 2
  1803     559,350     2797      21.--    1,468,293. 6
  1804     346,500     1732      28. 6    1,234,406. 2
  1805     191,250      956      23.--      549,843. 6
  1806     251,550     1258      27.--      848,981. 2
  1807     341,550     1708      29.--    1,238,118. 6
  1808     358,200     1791      29.--    1,298,488. 6
  1809     343,350     1717      33.--    1,416,318. 6
  1810     545,727     2729      29.--    1,978,262. 2
  1811     478,912     2395      28. 6    1,706,125. 6
  1812     199,800      999      20.--      499,500.--
  1813     178,875      894      15.--      335,390. 5
  1814     327,937     1640      25.--    1,024,804. 6
  1815     283,275     1416      24.--      849,825.--
  1816     352,687     1763      32.--    1,410,748.--
  1817     315,000     1575      29.--    1,141,875.--
  1818     250,412     1252      28. 6      892,092. 6
  1819     493,200     2466      27. 6    1,695,375. 5
  1820       --         --        --          --
  1821     311,787     1559      23.--      896,387. 5
  1822     433,063     2165      18. 6    1,001,457.--
  1823     408,150     2041      16. 6      841,809. 3
  1824     377,412     1887      16. 9      790,207. 3
  1825     394,037     1970      19.--      935,837. 7
  1826     357,612     1788      18.--      804,628. 1
  1827     610,187     3051      18.--    1,395,420. 6
  1828     398,187     1991      14. 6      721,714. 7
  1829     498,862     2494      13.--      810,651. 4
  1830     400,438     2002      12. 6      625,683. 5
  1831     350,000     1750      11.--      481,250.--
  1832     635,075     3175       9. 6      754,151. 4

  ~Ao.~ 1820 fehlt aus Mangel an Daten.


+Calculation+

des in Bordeaux einstehenden Werths der +Cochenille+, wenn in Oaxaca zu
10 Rl. pr. ℔ eingekauft.

  10 Seronen zu 8 Arroben oder 200 ℔ ~netto
     jede~, sind 2000 ℔ à 10 Rl.                    $ 2500.--
  Ausfuhrzoll aus dem Staat von Oaxaca à $ 3.        „  300.--
  Einschreibe-Gebühren                               „   10. 6
  Wägen und reinigen ~à~ 6 Rl.                       „    7. 4
  Packen in Säcke und Häute ~à~ $ 4                  „   40.--
  Courtage und Lagermiethe 1 pCt                     „   25.--
  Einkaufs-Provision 5 pCt.                          „  125.--
                                                    -----------
                                                     $ 3008.--

  Fracht von Oaxaca nach Vera-Cruz ~à~ $ 15
    pr. Carga (2 Seronen)                            „   75.--
  Verschiffungs-Kosten in Vera-Cruz ~à~ 12 Rl        „   15.--
  Provision im Hafen 2½ pCt. auf $ 3200              „   80.--
                                                    -----------
                                                     $ 3178.--
                                                    ===========

  Diese $ 3178 -- 60 Tage Sicht auf Frankreich
    gezogen zu 5 Fr. macht                        Fr. 15891.25
  Fracht von Vera-Cruz nach Bordeaux zu $ 6
    mit 10 pCt. pr. Serone                         „    330.--
  Assecuranz auf 17000 Fr. zu 2 pCt                „    340.--
  Kosten im Hafen von Bordeaux                     „     90.--
                                                  -------------
                                                  Fr. 16651.25

2000 ℔ ~netto~ in Oaxaca ergeben 1800 ½ Kilogr. in Bordeaux; diese
dividirt in Fr. 16651.25 -- macht 9 Fr. 25 Cent. pr. ½ Kilogr.




Ausfuhr von Mexico im Allgemeinen

und Taback und Kaffee insbesondere.


Das Haupt-Tauschmittel Mexico’s in seinem Verkehr mit Europa, Nord- und
Süd-Amerika ist +Silber+ und etwas +Gold+. -- Man kann die +jährliche+
Ausfuhr von beiden edlen Metallen aus allen Häfen der Republik in
gemünztem und ungemünztem Zustande zu circa fünfzehn Mill. Dollars
annehmen. -- Die Ausfuhr in ungemünztem Zustande, d. h. in Barren (wenn
erlaubt, was nicht immer der Fall) ist vortheilhafter als in gemünztem,
ungeachtet die Ausgangs-Rechte aus Barren 7 pCt. sind, während
gemünztes Silber nur 3½ pCt. und gemünztes Gold nur 2 pCt. zahlt.

       *       *       *       *       *

Die nächstwichtige Ausfuhr von Mexico ist sodann Cochenille, deren
Werth, wie die vorangehende Uebersicht ausweis’t, auf Eine Million
Dollars im Jahr veranschlagt werden darf.

       *       *       *       *       *

Die sonstige +Waaren+-Ausfuhr ist, besonders an der Ostküste, bis
jetzt noch sehr geringe. Von den Häfen an der Westküste wird nicht
unbedeutend Zucker nach Chili ausgeführt, und Californien liefert
ein beträchtliches Quantum von gesalzenen Ochsenhäuten und schönes
Pelzwerk, wie Bären-, See-Otter- und andere Felle, aber die Häfen
an der Ostküste haben bis jetzt, Cochenille ausgenommen, keine
andere Waaren-Ausfuhr als etwas Xalapa, Sassaparilla, Vanille
und Tabasco-Pfeffer, deren Gesammt-Werth einige hundert tausend
Dollars im Jahr wohl nicht übersteigen dürfte. Dennoch theile ich
die Ansicht nicht, daß Mexico zur Ausfuhr tropischer Erzeugnisse
(Colonial-Producte) sich deshalb nicht eigne, weil z. B. die
Weg-Verbindungs-Mittel im Lande zu schwierig und der Transport nach der
Küste mithin zu theuer wäre, sondern bin der Meinung, daß dies nur auf
einige, von den Häfen sehr entlegene Theile der Republik anwendbar sei,
und daß die nach dem Meere hin gelegenen Staaten, insbesondere jener
von Vera-Cruz, bei zunehmender Bevölkerung und dadurch vermehrten Anbau
des so überaus fruchtbaren Bodens, dereinst eine große Rolle in der
Ausfuhr von Colonial-Waaren spielen werden; namentlich in +Taback+ und
+Kaffee+.

+Taback+, welcher hauptsächlich in der Gegend von Orizaba und Cordova
gezogen wird, war bisher ein Monopol der Regierung, welche den
ausschließlichen Aufkauf und Debit des Artikels in der ganzen Republik
an eine Actien-Gesellschaft verpachtete und bedeutende Revenüen davon
zog, die freie Entwickelung der Cultur dieser Pflanze aber auch, wie
natürlich, dadurch hemmte. Die Gesellschaft lös’t sich aber nun auf und
der Anbau des Tabacks soll freigegeben werden. -- Geschieht dies, so
wird eine bedeutende Concurrenz eintreten und der Preis des Artikels
wird hinlänglich fallen, um eine Nutzen gebende Ausfuhr möglich zu
machen. Die Qualität dieses +Blätter-Tabacks+ ist mitunter sehr schön
und dem besten Havanna völlig gleichkommend. Die Fracht von Orizaba
nach dem Hafen von Vera-Cruz ist nur ein Dollar pr. Centner, und
Ausgangs-Zoll haftet auf keinem der Ackerbau-Producte des Staats.

+Kaffee+ wächst meistens in der Nähe von Cordova; die Qualität ist
gut; die Bohne ist klein, grünlich von Farbe und rein von Geschmack;
-- auch die kleine runde Mocca-Bohne hat man hierher verpflanzt, doch
kommt davon wenig an den Markt. -- Obwohl nun an Kaffee nicht mehr
producirt als im Lande consumirt wird, so sind doch von Zeit zu Zeit
kleine Partheien davon von Vera-Cruz ausgeführt worden, meistens nach
New-York, wo man die Qualität liebt. Der Preis war im Jahr 1832 10
~à~ 11 $ der Centner ab Vera-Cruz, wobei der Pflanzer, wenn er eine
ergiebige Plantage im Gange hat, wie die nachstehende Aufstellung
zeigt, sehr schön verdient.

Ich verdanke diese Berechnung einem unserer Landsleute, der vor 6
Jahren zwischen Jalapa und Cordova, mit anfänglich sehr beschränkten
Mitteln eine Kaffee-und Zucker-Plantage angelegt hat, und sich jetzt
außerordentlich gut dabei steht. -- An der Richtigkeit der Preise und
Werth-Angaben dieser Calculation dürfte also wohl nicht zu zweifeln
seyn.


Berechnung des einstehenden Preises von Kaffee bei freier Arbeit.

  Ausgesuchtes Land für 100,000 Kaffee-Bäume,
    500 Tareas ~à~ 900 ☐ Varas jede, würde ungefähr
    kosten                                                $ 1000.--
  Kosten der Bearbeitung:
    500 Tareas Unterholz zu fällen ~à~ 3 Rl.  $ 187. 4
     „    „    Hochwald       „    ~à~ 1 $    „ 500.--
     „    „    aufzuräumen         ~à~ 6 Rl.  „ 375.--
                                             ---------
                                                          „ 1062. 4

  Das +erste+ Jahr braucht dieses Land sechs Reinigungen,
    jede Tarea ~à~ 3 Rl. sind
    500 Tareas ~à~ 18 Rl.                       $ 1125
  Pflanzen und nachpflanzen                     „  100
  Aufseher ~à~ 4 Rl. pr. Tag                    „  200
  Mais-Saamen                                   „   50
                                               --------
  Im ersten Jahr wird producirt                 $ 1475
    als Mittelschlag, 300 Cargas
    +Mais+ ~à~ $ 3                    $  900
  Ab Erndte, Einbringen etc.          „  150
                                     -------     „ 750
                                               -------    „  725.--
  Im +zweiten+ Jahr sind abermals sechs
    Reinigungen erforderlich, wie oben          $ 1125
  Pflanzen und nachpflanzen                     „  100
  Aufseher ~à~ 4 Rl. täglich                    „  200
  +Frijolen+-Saamen                             „   50
                                              --------
  Producirt dieses Jahr: 125 Cargas             $ 1475
    +Frijolen+ ~à~ 8 $                $ 1000
  Ab Erndte, Einbringen etc.          „  150
                                      ------    „  850
                                              --------    „  625.--

  Das +dritte+ Jahr hat dieselben Ausgaben und
    Einnahmen wie das zweite, also Ueberschuß der
    Kosten                                                „  625.--

  Das +vierte+ Jahr producirt nun schon +Kaffee+ und zwar
  wenigstens 100,000 ℔, und erfordert folgende Ausgaben:

  Fürs Abpflücken 2 Rl. pr. Arroba (25 ℔)
   „   Reinigen   1  „       „
   „   Umwenden   1  „       „
               ------
                  4 Rl. pr. Arroba sind für 1000 Ctr.     „ 2000.--
  Die sechs Reinigungen bleiben dieselben wie in
    den frühern Jahren                                    „ 1125.--
  Aufseher ~à~ 4 Rl. pr. Tag                              „  200.--
  Eine Kaffee-Reinigungs-Maschine wird nun nothwendig
    und kostet, von Nordamerika bezogen                   „  400.--
                                                         -----------
                                        Total             $ 7762. 4

Hierfür besitzt nun der Pflanzer im vierten Jahr 100,000 ℔ Kaffee, und
will er mit diesen seine Anlage +ganz frei+ machen, so muß er dafür
in Vera-Cruz, bis wohin ihn der Ctr. 1 $ Fracht und 1 $ Emballage und
sonstige Spesen kostet, -- 10 $ pr. Ctr. erhalten.

Das +fünfte+ Jahr producirt ihm aber seine Plantage wenigstens das
Doppelte, sage 2000 Ctr. +Kaffee+.

  Diese kosten ihn fürs Einsammeln u. s. w. nach
    obigem Ansatz von 4 Rl. pr. Arroba                    $ 4000.--
  Die mehrerwähnten jährlichen Reinigungen                „ 1125.--
  Fracht, Emballage und Spesen bis Vera-Cruz wie
    oben, ~à~ $ 2 pr. Ctr. für 200 Ctr.                   „ 4000.--
                                                         -----------
                                                          $ 9125.--

macht den Ctr. 4½ $ ab Vera-Cruz!

Die darauf folgenden Jahre versprechen alsdann noch vortheilhafter zu
werden. -- Die Kosten sind hier aufs höchste und die Production aufs
niedrigste veranschlagt!




Münz-Sorten.


Die in Mexico gangbaren Münz-Sorten sind:

~a.~ +Gold in Unzen+, (~onzas~) vom Gewicht von 17 ~dwt.~ und 8 ~gr.~
1000 Stück wiegen mithin 866 Unzen.

Der Silber-Werth einer Unze ist ~al pari~ 16 Pesos. Da nun ein +Peso+
einer +Unze+ im Gewicht ganz gleich ist, so constatirt dies das
relative Verhältniß von Gold zu Silber in Mexico wie 1 zu 16.

Wenn Gold gesucht wird, was in Mexico wie anderwärts häufig der Fall
ist, so steigen die +Unzen+, und ich habe sie auf 17 $ 2 ~à~ 4 Rl.
Silber gekannt.

Es werden sodann auch ½, ¼, ⅛ und ¹⁄₁₆ Unzen geprägt; von letzteren
sind aber nur wenige im Umlauf.

~b.~ +Silber.+ Pesos (Dollars) gleichfalls 17 ~dwt.~ und 8 ~gr.~
wiegend, oder 1000 Stück auf 866 Unzen Gewicht.

Die Unterabtheilung eines Peso ist 8 Reales. Halbe Pesos giebt es
nicht, dagegen viele viertel Pesosstücke, Pesados genannt, sodann
Reales und Medios, oder halbe Reales, so wie Cuardillos oder viertel
Reales, von letztern aber nur wenige.

~c.~ +Kupfer+ sollte nur als Scheide-Münze im Lande coursiren, ist aber
in der letzten Zeit während den Geld-Verlegenheiten des Gouvernements
in so großer Menge geprägt worden, daß es in den Großhandel
eingedrungen und darin so lästig geworden ist, daß man es oft mit 2
bis 3 pCt. Verlust los zu werden versucht hat. Kupfer-Geld wird im
Großhandel nie gezählt, sondern in Säcken von 100 $ Werth, nur dann und
wann gewogen. Auch die Silber-Zahlungen werden in Säcken von der runden
Summe von 1000 $ gemacht; diese heißen dann Talegas, doch werden sie in
der Regel nachgezählt, und nur allenfalls bei ganz großen Verhandlungen
und bei genauer Bekanntschaft der Partheien, bloß nachgewogen.

+Papier-Geld+ existirt bis jetzt noch keins in Mexico; es ist jedoch
schon mehrmal die Rede von einer National-Bank gewesen, und es dürfte
wohl ein solches Institut in nicht gar langer Zeit ins Leben treten und
durch Ausgabe eines gut fundirten Papier-Geldes dazu beitragen, den
hier so sehr hohen Zinsfuß zu ermäßigen. Jetzt wird oft von den ersten
und solidesten Häusern Geld zu 2 bis 3 pCt. pr. Monat aufgenommen, und
das Gouvernement hat, unter Sanction des National-Congresses, Anleihen
zu dem enormen Zinsfuß von 5 pCt. pr. Monat abgeschlossen.




Maass und Gewicht.


Das Gewicht in Mexico ist das Castilianische, den +Quintal+ oder
Centner zu 100 ℔ oder 4 Arrobas, jede zu 25 ℔, gerechnet.

An der Douane werden 104 ℔ englisch und 45½ Kilogr. französisch Gewicht
für 100 ℔ mexicanisch angenommen, was jedoch nicht ganz richtig ist,
indem es heißen müßte, 100 ℔ englisch sind = 96 ℔ mexicanisch u. s. w.

+Carga+ ist die von einem Esel (~burro~), Maulthier (~Mula~), oder
Pferd (~Caballo~) getragene Last, und bezeichnet ein Gewicht, nach dem
mehreres ge- und verkauft wird, und nach welchem auch insbesondere
die Frachten bestimmt werden, aber es existirt keine feste Norm
dafür und wechselt nach Maaßgabe der Thierart, Stärke der Thiere und
Beschaffenheit der Wege. Man kann das Minimum des Gewichts einer Carga
auf 300 ℔ und das Maximum auf 400 ℔ anschlagen.

       *       *       *       *       *

  Das allgemein eingeführte Längen-Maas ist die castilianische Vara,
  welche am Zoll im folgenden Verhältniß zu den fremden Messungen
  angenommen und verrechnet wird:

  100 englische Yards                           =  108  Varas
  100 französische Aunes                        =  140    „
  100 brabanter Ellen                           =   81    „
  100 jetzige ~aunes des pays bas~ oder
      französische  Metres                      =  116    „
  100 Bremer Legge oder doppelte Ellen          =  140    „
  100 Wiener Ellen                              =   92    „
  100 Berliner Ellen                            =   78½   „
  100 Breslauer Ellen                           =   69½   „
  100 Hamburger Ellen                           =   67½   „
  100 Leipziger Ellen                           =   66⅔   „

       *       *       *       *       *

Das Maas der Flüssigkeiten wird am mexicanischen Zoll nach dem Gewicht
berechnet und ist nach diesem besteuert. Der Inhalt von 12 gewöhnlichen
Flaschen Wein wird dabei auf ¾ Arrobas veranschlagt; das sogenannte
Baril Branntewein auf 5 Arrobas, das Baril Wein oder Essig auf 5½
Arrobas, mit einem Nachlaß von 10 pCt. für Leckage.




Der mexicanische Tarif.


Der Grundsatz nach welchem die Besteuerung der zur Einfuhr in Mexico
erlaubten Waaren stattfindet, ist 40 pCt. vom dortigen Werth und es
heißt deshalb auch in den Bestimmungen des Tarifs, daß alle darin
nicht benannten Waaren im Hafen geschätzt und hierauf 40 pCt. erlegt
werden sollen. Der Tarif ist indessen sehr ausführlich, und bezeichnet
fast alle Einfuhr-Artikel bei Namen, mit genauer Bestimmung des darauf
fallenden Zolls.

Hieraus entsteht nun eine große Ungleichheit in der Besteurung, viele
Artikel bezahlen weit weniger als 40 pCt. von ihrem Werthe, andere
bedeutend mehr.

Der Tarif ist für alle Theile der Republik derselbe, mit Ausnahme
des Staates von Yucatan und der beiden Californien, welche der
Eigenthümlichkeit ihrer Lage wegen nur ⅗ der eingehenden Rechte
entrichten; wenn jedoch von da aus Waaren nach den andern Theilen der
Republik versandt werden, so müssen die fehlenden ⅖ der vollen Rechte
schon bei der Verschiffung im Hafen nachbezahlt werden.

Niederlagen für die Wiederausfuhr, oder Rückzölle bei derselben,
gestattet das mexikanische Zollsystem keine. -- Alle eingeführten
Waaren müssen den vollen Zoll erlegen, und man bekommt davon bei
der Wiederausfuhr nichts zurück. Die mexicanischen Häfen erhalten
mithin auch keine andere Zufuhren, als die für den Consum des Landes
berechneten.

  +Verboten+ für die Einfuhr sind:

Zucker, Kaffee, Chocolade (Cacao ist erlaubt), Reis, Getreide, Mehl
(letzteres ist zur Einfuhr nach Yucatan erlaubt), geräuchertes und
gesalzenes Fleisch, Salz, Taback und Cigarren; Brantewein der nicht ans
Trauben gewonnen wird, mit Ausnahme von Genever, dessen Einfuhr erlaubt
ist; verarbeitetes Wachs, Seife und Talg, Blei und Kupfer, Stiefel
und Schuhe und Sattelwerk, so wie alles was aus Leder gearbeitet ist;
-- fertige Kleidungsstücke, Nähgarn unter No. 20, wollene Decken;
ordinaires Tuch, gemeines Theegeschirr, Schnüre und Tressen u. dgl. m.

Diese Verbote rechtfertigt man dadurch, daß die enumerirten Artikel im
Lande selbst erzeugt und angefertigt würden.

  +Frei von allen Abgaben+ bei der Einfuhr sind:

Gedruckte Bücher, geographische Charten, Maschinen und Instrumente
für Künste und Wissenschaften, Ackerbau und Bergbau; gedruckte oder
geschriebene Musik und Schieferschreibtafeln mit hölzernen Rahmen
für Schulen, Quecksilber, Häuser von Holz, Schiffe und Fahrzeuge zur
Nationalisirung und Verkauf, ausländische Pflanzen und deren Sämereien,
ausländische Thiere und endlich englisches Wundpflaster.

+Ausfuhr-Verbote+ enthält der mexicanische Tarif, mit Ausnahme
des Samens oder der Brut der Cochenille, keine, denn das Verbot der
Ausfuhr der edlen Metalle im ungemünzten Zustande, ist schwankend, und
wird häufig suspendirt und aufgehoben. Alle Landesproducte gehen ganz
frei aus und nur die edlen Metalle bezahlen an ausgehenden Rechten das
Folgende:

  +Gold+,   in gemünztem oder verarbeitetem Zustande   2     pCt.
  +Silber+, in demselben Zustande                      3½     „
    „       in ungemünztem Zustande, d.h. in Barren    7      „

Außerdem werden aber auch noch 2 pCt. Circulations-Rechte bei der
Versendung von Comptanten aus dem Innern nach der Küste erhoben,
dergestalt, daß der mexicanische Dollar oder Peso gar viele Abzüge
erleidet ehe er in Europa zur Realisation kommt, nemlich:

  1) 1    pCt. mehr oder weniger, Spesen der Conducta bis in den Hafen
  2) 2     „   Circulations-Rechte
  3) ¾     „   Provision und Spesen im Hafen
  4) 3½    „   Ausgangs-Rechte
  5) 1¼    „   Seefracht und Spesen bis in die Bank von England
  6) 1⅜    „   Assecuranz und Stempel
  7)  ¾    „   Provision, Courtage und Spesen beim Verkauf
    -----------
    10⅝   pCt.

  Der Brutto-Werth des Dollars in England ist
    beim Preis von 57 ~d.~ pr. Unze                 49¼  ~à~  ⅜ ~d.~
  Hiervon ab 10⅝ pCt. Kosten                                 5¼ ~d.~
  Bringt die Parität des +Wechsel+-Courses mit der
    +Baarsendung+ von Mexico auf London, auf        44-- ~à~  ⅛ ~d.~
  und von Vera-Cruz, wo 1, 2, 3 der Spesen
    wegfallen,                                auf   45¾  ~à~  ⅞ ~d.~




Berg-Bau und Silber-Gewinnung

in Mexico.


Es ist notorisch, daß der Boden Mexico’s unerschöpfliche Massen der
edlen Metalle, namentlich des +Silbers+, enthält. Minder bekannt
dürfte seyn, daß eine große Verschiedenheit in dem Gehalt der Erze,
welche man aus der Erde gräbt, obwaltet, und daß, während man z. B.
in der Provinz Sonora Gruben hat, in welchen man fast gediegenes
Silber findet, es in anderen Gegenden Bergwerke giebt, die zwar an
Erzen sehr ergiebig sind, welche in Europa, wo man durch vollendete
Schmelzproceduren auch den kleinsten Silber-Gehalt aus dem Erze zu
ziehen versteht, für reich gelten würden, die aber in Mexico, der
unvollkommenen Zugutemachungs-Anstalten wegen, völlig werthlos sind
und mithin unbenutzt bleiben; denn wenn die im Erz enthaltene Mark
Silber mehr zu extrahiren kostet, als sie in der Münze werth ist,
so setzt man natürlich eine solche Operation auf die Dauer nicht
fort, man vernachlässigt mithin alle Werke, deren Erze nicht genug
reichhaltig sind, die kostspielige Extrahirung durch die Amalgamation
mit Quecksilber zu ertragen, und selbst dann noch einen Ueberschuß zu
liefern, wenn durch diese Procedur, wie stets der Fall, 40 bis 50 pCt.
Silber verloren gegangen sind.

Bittere Erfahrungen sind in dieser und anderer Beziehung von den
europäischen und nordamerikanischen Minen-Spekulanten gemacht worden,
man hat theils die Verhältnisse des mexicanischen Bergbaues nicht
gehörig erkannt, theils Mißgriffe in der Wahl der Bergwerke und
ihrer Dirigenten gemacht, und ist in keinem einzigen Fall mit der
nöthigen Oeconomie zu Werke gegangen. Ganz besonders aber hat man es
darin versehen, daß man sich durch glänzende Namen, früher freilich
ergiebiger, aber nun ins Stocken gerathener und zum Theil ersoffener
Gruben, täuschen ließ, und enorme Summen Geldes für die Erlaubniß,
sie zu bearbeiten, an die Eigner, welche sie bereits als verloren
betrachteten, bezahlte, statt in andern Revieren jungfräuliche Gruben
aufzusuchen, die man umsonst hätte haben können. Viele Unternehmungen
sind daher auch nach vergeblich verausgabten +Millionen+ gänzlich
aufgegeben, andere von ihrem ursprünglich über die Maaßen ausgedehnten
Umfange auf einen engen Kreis zurückgeführt worden.


Zu diesen letzteren gehört der uns am nächsten stehende

Deutsch-Amerikanische Bergwerks-Verein,

welcher jetzt nur noch die Gruben im Mineral von Anganguco betreibt,
und alle die kostspieligen, gemeinschaftlichen Unternehmungen mit
Revilla -- worauf Hunderttausende verwandt worden -- als Verlust
bringend, aufgegeben hat. Aber auch Anganguco würde, da die
hauptsächlichsten Gruben, Purissima und Valenciana, nur arme Erze
liefern, nicht fortgebaut werden können, wenn nicht, durch einen
äußerst geschickten und wissenschaftlich gebildeten, deutschen
Schmelzer, einen Herrn Franz Schmitz aus Stift Keppel bei Siegen,
eine so vervollkommte Schmelzmethode auf den Werken des D. A.
Bergwerks-Vereins zu Anganguco eingeführt worden wäre, daß jetzt aus
diesen armen Erzen die Mark Silber zu 3¼ Pesos extrahirt wird, während
sich früher die Kosten des Schmelzens auf 10 bis 12 Pesos pr. Mark,
also auf mehr als den Werth des Silbers, beliefen, die Erze somit gar
nicht benutzt werden konnten. Die Amalgamation kam aber durch den
enormen Silber-Verlust von 60 pCt. (bei so armen Erzen) noch höher zu
stehen.

Man kann also gewissermaßen dieser vervollkommten Schmelzmethode des
besagten Herrn Schmitz die Rettung des Unternehmens zuschreiben,
wenn, wie zu hoffen steht, diese durch die zweckmäßigen Einrichtungen
des Herrn Bevollmächtigten Schleiden nunmehr überhaupt bewirkt ist.
Ohne eine solche, verbesserte und verwohlfeilte Schmelzmethode, würde
die große Erz-Ergiebigkeit der Grube Purissima dem Verein von keinem
Werth seyn, und auch dieses letzte Werk desselben hätte aufgegeben
werden müssen, während nunmehr Aussicht vorhanden ist, daß, bei der
stattfindenden Vermehrung der Schmelz-Oefen nach der Schmitzschen
Methode, ein hinlängliches Quantum von Silber +mit Nutzen+ gewonnen
werden wird, um dem Verein endlich eine nachhaltige Ausbeute zu
verschaffen.

Die mehrerwähnte vortreffliche Schmelzmethode, welche Herr Schmitz
im April-Heft 1832 im ~Registro Trimestre~ in Mexico bekannt gemacht
und genau beschrieben hat, zog denn auch bereits die Aufmerksamkeit
anderer Bergwerks-Besitzer in Mexico auf sich, und dürfte leicht
eine bedeutende Revolution in der Silber-Production von Mexico zur
Folge haben, indem eines Theils der große, Niemanden zu Gute kommende
Silber-Verlust bei der Amalgamation dadurch vermindert und mithin
für die Production im Allgemeinen gewonnen werden würde, und andern
Theils die jetzt gänzlich werthlos erachteten und mithin, weder durch
Amalgamation, noch auf dem Wege der Schmelzung benutzten Erze mit in
die Silber-Production hinein gezogen und diese also sehr vermehrt
werden könnte.

Ein vortheilhafteres, gewinngebenderes Unternehmen als ein
Schmelz-Etablissement nach der Schmitz’schen Manier, in einem
Mineral, wo viele arme Erze zu Tage gefördert werden, welche die
Mexicaner nicht zu Gute zu machen verstehen, dürfte es denn auch
nicht leicht geben, und es würde den unberechenbaren Vortheil über
jede Bergwerks-Unternehmung haben, daß dabei von keiner Ungewißheit
+unter+ der Erde, von keinen illusorischen Hoffnungen, von keinem
+Glückauf+! die Rede wäre. Ein solches Schmelz-Geschäft würde ein rein
mercantilisches Unternehmen seyn; die Erze würden dabei nicht aus dem
Schooß der Erde geholt, sondern erst wenn sie bereits über derselben
liegen, gekauft, geschmolzen und mit dem darauf gemachten Gewinn in der
Münze realisirt werden, und zwar, wo nicht wöchentlich, doch monatlich.

Angenommen, daß die Schmelz-Vorrichtung in einem der zahlreichen, mit
Kohlen und Wasser hinreichend versehenen, Reviere angelegt würde, in
welchen von den vielen eingebornen kleinern Bergleuten stets arme Erze,
von 7 ~à~ 9 Unzen Silber in der Carga von 300 ℔, genug gewonnen werden,
welche sie jetzt gerne zu 1 Peso die Carga verkaufen, so wäre folgendes
die Berechnung:

Die Schmelz-Oefen und Vorrichtung für einen Betrieb von +nur+ 150
Cargas die Woche veranschlagt, erfordert ein Capital von 10 ~à~ 12000
Pesos.

  Ankauf von 150 Cargas Erze ~à~ $ 1, oder möglicherweise
    bei vermehrter Nachfrage 1¼ ~à~ 1½ $, sind
    pr. Woche ~à~ 1½ $                                  $   225
  Das Schmelzen, nach den vorliegenden Erfahrungen,
    3¼ $ pr. Carga                                      „   487½
                                                      ----------
                                                        $   712½
  Jene 150 Cargas Erze liefern 150 Mark Silber,
    ~à~ 8¼ $, als Preis in der Münze                    „   1237½
                                                    -------------
                         wöchentlicher Ueberschuß       $    525
  monatlich zu realisiren mit $ 2100, oder jährlich mit $ 25,200.

Da in den Schmelzkosten von 3¼ $ pr. Carga alle Kosten und Löhne
mit einbegriffen sind, so wäre von diesem +großen Gewinn+ nur das
Gehalt des dirigirenden Schmelzers abzuziehen, der jedoch zugleich
Bevollmächtigter und Betheiligter bei der Sache seyn müßte. Einem
solchen Unternehmen könnte natürlich eine noch weit größere Ausdehnung
gegeben werden, und eine hierauf sich bildende Actien-Gesellschaft
dürfte gewiß seyn, bessere Geschäfte zu machen, als die bisherigen
Bergwerks-Vereine.

+Aehnliches+ besteht übrigens bereits schon in Mexico, unter der dort
sehr bekannten Benennung von Rescate-Geschäft; die Rescadores kaufen
in den verschiedenen Revieren den Bergleuten die Erze so wohlfeil ab,
wie sie können, und machen sie, theils durch Amalgamation, theils
durch Schmelzung zu Gute, und finden dabei zwar ihre Rechnung, jedoch
nur spärlich, da sie bei ihrer unvollkommenen Verfahrungsweise nur
die +reicheren+ und mithin theureren Erze gebrauchen können, und auch
diesen nicht so viel Silber abgewinnen, als die deutsche Methode aus
den +armen+ Erzen zieht.

       *       *       *       *       *

Trotz aller Unvollkommenheiten des mexicanischen Bergbaus, fördert
derselbe dennoch alljährlich mehr als 15 Millionen Pesos in Silber und
Gold zu Tage, und Mexico führt diese auch aus! -- hauptsächlich durch
die Packetfahrt nach England, wohin in der Regel auch Deutschland
und Frankreich ihre Retouren in Geld gehen lassen, weil directe
Verschiffungen +für Comptanten+ nach deutschen und französischen Häfen
selten sind; nächstdem wird viel Geld nach Nordamerika versandt,
sowohl von Vera-Cruz nach New-York, wie insbesondere von Tampico
nach New-Orleans; endlich wird dann auch noch viel Silber, Gold und
Goldstaub (letzteres aus den reichen Minen von Sonora) über die Häfen
von St. Blas und Acapulco an der Westküste ausgeführt, dergestalt,
daß die genannte Summe der Gesammt-Ausfuhr an edlen Metallen aus der
Republik Mexico nicht zu hoch erscheint; auf die englischen Packete
allein fallen davon bekanntlich circa 8 ~à~ 10 Millionen Pesos im Jahr.

Von allen Häfen der Republik führt anjetzo Tampico das meiste Silber
aus. Dorthin dirigiren sich nämlich die reichen Conducten von
Guanaxuato, Zaccatecas, St. Luis Potosi u. s. w., und es sammelt sich
häufig mehr Geld im Hafen, als das englische Packet, welches gesetzlich
auf eine Million Pesos beschränkt ist, auf einmal einnehmen kann.

Vera-Cruz erhält die Comptanten, zur Verschiffung ins Ausland,
hauptsächlich durch die Conducten von Mexico, Puebla, Oaxaca u. s. w.,
zusammengenommen aber weniger als Tampico.

Die Gesetze über die Silber- und Gold-Ausfuhr aus Mexico haben oft
darin geschwankt, daß die Ausfuhr in Barren, d. h. im ungemünzten
Zustande, bald erlaubt bald verboten war. Geprägte Dollars zahlen 3½
pCt. Ausgangsrechte; Silberbarren dagegen 7 pCt., und man glaubte
in diesen additionellen 3½ pCt. eine hinlängliche Entschädigung für
die Nichtbenutzung der Münz-Anstalten im Lande zu erhalten. Das
Gouvernement fand aber bald, daß die Münz-Etablissements hierunter
allzusehr litten, und fast ganz unbeschäftigt blieben; die Ausfuhr von
Silber, in anderer als gemünzter Gestalt, ward daher wieder verboten.
Jetzt scheint man aber einen Mittelweg einschlagen und ausnahmsweise
denen Minen-Districten, welche allzuweit von einem Münz-Etablissement
entfernt liegen, die Silber-Ausfuhr in Barren gestatten zu wollen.

       *       *       *       *       *

+Die Münze in der Hauptstadt Mexico+ ist ein schönes, großartiges und
gut administrirtes, von dem Gouvernement in finanzieller Hinsicht
gänzlich unabhängiges Etablissement, und diese Unabhängigkeit ist
unter andern, während der Revolution von 1832, von allen Parteien,
selbst unter den größten Geld-Verlegenheiten, respectirt worden! Die
an der Spitze stehenden Männer sind in ihrem Fache wissenschaftlich
gebildete Leute, und es herrscht in allen Zweigen der Münze die größte
Ordnung und Pünktlichkeit. Man prägt in derselben nicht allein Gold
und Silber, sondern auch viele Kupfer-Münzen, letztere fast alle für
Rechnung der Regierung, die ein Gesetz erlassen hat, daß in allen
Zahlungen ein Drittheil in Kupfergeld angenommen werden solle, da dies
nun in Wechsel-Geschäften nicht wohl ausführbar ist, so verliert das
Kupfergeld im Groß-Handel oft 2 bis 3 pCt.

In Guanaxuato hat, mit Genehmigung des Staats, eine englische
Gesellschaft ein Münz-Etablissement errichtet, welches gut rendiren
soll, und dem Minen-Besitzer den Vortheil und die Annehmlichkeit
bietet, daß ihm gleich bei Einlieferung des Silbers der genaue
Gegensatz in gemünzten Dollars ausbezahlt wird, während man in der
Münze zu Mexico, zwei, drei, ja oft vier Wochen warten muß, ehe
man das gemünzte Geld gegen die eingelieferten Silberbarren wieder
erhält; sind nun gar die Barren goldhaltig, so dauert es oft Monate,
ehe die Münze den Gegensatz dafür wieder giebt, da man für diese
Ausscheidungs-Operation stets erst ein gewisses Quantum abwartet.

Diesem Uebelstande in der Münze ist es wohl zuzuschreiben, daß ein
Franzose ein Privat-Etablissement für die Gold- und Silber-Scheidung
durch chemische Procedur errichtet hat, was guten Fortgang haben soll.




Banco de Avio.

(Industrie-Belebungs-Bank.)


Mag es immer wahr seyn, daß Mexico in seiner Cultur noch weit zurück
ist, und in der fortschreitenden Entwickelung seiner Civilisation durch
die, leider nur allzuhäufigen, innern Unruhen sehr gehemmt wird, so
kann es doch dem Auge des vorurtheilsfreien Beobachters nicht entgehen,
daß, seit der Emancipation des Landes vom spanischen Joche, ungeheure
Fortschritte in der Aufklärung gemacht worden sind, und daß sich
überall ein Streben kund thut, die Nation auf eine höhere Stufe der
Ausbildung zu führen. Die mitunter zum Erstaunen ausführlichen Berichte
der verschiedenen Ministerien des Innern, der Finanz, Justiz u. s. w.,
welche gesetzlich jedes Jahr den Kammern vorgelegt und dann durch den
Druck veröffentlicht werden, liefern schöne Beweise von dem bereits
Geschehenen und von dem guten Willen mehr zu thun! Ich habe jene
Berichte vom Jahre 1832 vor mir liegen, und finde darin vieles was kein
europäisches Gouvernement zu adoptiren Anstand nehmen würde. Besonders
erfreulich sind aber dabei die Unterstützungen, welche, obgleich
freilich noch nicht in hinlänglichem Maße, den Civil-Institutionen und
Unternehmungen zugewandt werden; denn wenn auch, wie nicht zu läugnen,
dabei hier und da Mißgriffe stattfinden, so tragen solche Bestrebungen
doch stets dazu bei, Licht zu verbreiten, Ideen zu wecken und zu
berichtigen, kurz das Ganze vorwärts zu bringen.

Hierher gehört besonders die vielbesprochene ~Banco de Avio~
(Industrie-Belebungs-Bank), eine Schöpfung des Ministers Alaman, welche
von seinen zahlreichen Widersachern häufig scharf getadelt worden ist,
die ich aber in ihrer Theorie vollkommen billige und mithin auch den
gemachten großartigen Versuch in Schutz nehme, ohne darum gerade jede
einzelne Verhandlung der Bank gutheißen zu wollen.

Die Idee im Allgemeinen spricht mich aber sehr an! Alaman dachte, und
wie mich dünkt mit Recht, da bereits aus mehreren Punkten der Republik
ein gewisser Grad von Fabrik-Industrie existire, so würde die Anlage
+von Normal-Anstalten+ dazu beitragen, die Zahl z. B. der Spinnereien
und Webereien u. s. w. zu vermehren, und Kenntnisse des Auslandes
heranziehen, welche die Verarbeitung derjenigen rohen Producte,
die Mexico nicht mit Vortheil ausführen kann, wie z. B. Wolle und
Baumwolle, im Lande selbst befördern müßten. Er dachte ferner, und wie
ich glaube, mit gleichem Rechte, daß in einem Lande wie Mexico, wo der
Zinsfuß so hoch ist, daß selbst das Gouvernement oft 3-4 ja 5 pCt. pr.
+Monat+ bezahlt, Fabrik-Unternehmungen und neue Ackerbau-Anlagen einer
wohlfeileren Capital-Unterstützung bedürften, und setzte es daher bei
den Kammern durch, daß von den Zöllen auf Baumwollen-Waaren, ein Theil
zurückgelegt würde, um daraus für die besagte ~Banco de Avio~, den Fond
von einer Million Dollars zu bilden, der alsdann, unter der Leitung
einer besonderen Administration, zu den oben angedeuteten Zwecken
verwandt werden sollte. Dieser Fond war nun zwar noch nicht completirt,
die Bank aber doch schon seit 14 Monaten in Wirksamkeit getreten, und
die Direction, an deren Spitze der Minister Alaman steht, hat in diesem
Jahre einen Bericht darüber erstattet, von dem ich hier einiges aushebe:

“Die Aufmerksamkeit des Etablissements richtete sich vor allen Dingen
auf die Schaafzucht, auf die Bienenzucht für die Gewinnung des Wachses,
und auf die Baumwollenstaude, in der Absicht, diesen wichtigen Zweigen
im ganzen Lande nach Maaßgabe der verschiedenen climatischen und andern
Verhältnisse, die möglichste Nachhülfe zu leisten. Die aus allen
Theilen der Republik eingelaufenen Berichte haben leider ergeben, daß
der jetzige Stand der Landes-Industrie keinesweges ein günstiger ist.
Bedeutende Strecken Landes, welche Wasser und Wiesengrund genug haben,
um große Heerden +Schaafe+ zu unterhalten, liegen brach und bleiben,
theils aus Mangel an Capitalien zur Anschaffung der Heerden, theils aus
Trägheit des Volkes, unbenutzt. Die wenige Wolle welche man sammelt,
wird zu den gröberen Geweben verwandt, weil man die Kunst der Veredlung
des rohen Materials nicht kennt, das feste und dauerhafte Färben
nicht versteht und noch keine Begriffe von den Mitteln hat, wodurch
die fremden Nationen die feinern und bessern Arbeiten dieser Art
hervorbringen.”

“Die Zucht der +Seidenwürmer+ ist durchaus nicht allgemein; in den
Staaten von Oaxaca und Jalisco beschäftigen sich zwar einige Personen
damit zu ihrem Vergnügen, aber nirgends besteht ein förmliches
Etablissement, welches versuchte, aus diesem Insekt einen einträglichen
Handelszweig zu bilden, und im Allgemeinen kennt man die rechte
Methode noch nicht den Wurm zu tödten und die Seide abzuwickeln; an
vielen Orten ist ein Ueberfluß an Maulbeerbäumen, welche wild wachsen,
aber niemand hat noch daran gedacht, sie methodisch zu ziehen und zu
pflegen, und man scheint oft gar nicht zu wissen, daß die Blätter
dieses Baums die alleinige Nahrung des Seidenwurms sind.”

“Die +Bienenzucht+ beschränkt sich gleichfalls auf wenige Orte und
Personen, welche in ihren Gärten oder Feldern eine kleine Anzahl
Bienenschwärme halten, jedoch mehr um des Honigs, als um des Handels
mit Wachs willen. An mehreren Orten der Sierra-madre aber und in andern
Gebirgsgegenden, in deren Nähe sich Gesträuche und Blumen befinden,
giebt es eine solche Menge wilder Bienen, daß sich die dortigen
Eingebornen keines andern Lichtes bedienen, als was sie aus dem Wachs
anfertigen, welches sie so, ohne Mühe und Sorgfalt um die Bienen, in
Felsenklüften und hohlen Bäumen finden. Dies Wachs ist gelb, weil sie
es nicht zu bleichen verstehen, und der Honig ist dunkel; aber es geht
doch hieraus zur Genüge hervor, daß die Elemente zur Gewinnung des
Wachses im eignen Lande vorhanden sind, und daß es mithin zu beklagen
ist, daß aus bloßem Mangel an Thätigkeit im Volke, jährlich so viel
Geld dafür aus dem Lande geht. Nach genauen Berechnungen der Einfuhr
in Vera-Cruz und andern Häfen, und Veranschlagung dessen, was der
Wahrscheinlichkeit nach eingeschmuggelt wird, darf man den jährlichen
Consum von Wachs in unserer Republik zu 28,000 Arroben annehmen,
welches zum Mittel-Preis von 25 Pesos die Arroba geschätzt, die enorme
Summe von 700,000 $ macht, welche alljährlich dem Auslande für eine
Sache bezahlt wird, die wir in der Heimath gewinnen können.”[25]

“Der Anbau der +Baumwolle+, dieses köstlichen Productes aller heißen
Länder, und so besonders passend für die Südküste der Republik, wo vor
dem Jahre 1810 so viel, und selbst im Jahre 1825 noch 50,000 Arroben
(1,250,000 ℔) gezogen wurden, ist so in Verfall gerathen, daß das Jahr
1830 nicht mehr als 5000 Arroben producirte. Hieran ist nun theils
Mangel an Capital, theils der beklagenswerte Bürgerkrieg in jener
Gegend, Schuld.”

“Um nun allen diesen, für das öffentliche Wohl so wichtigen
Industrie-Zweigen aufzuhelfen, fordert die Direction dieser Bank die
Staaten der Republik auf, Actien-Gesellschaften zu bilden, durch welche
die Sachkenntniß mehrerer Personen in Ausübung gebracht werden würde,
und welchen alsdann die ~Banco de Avio~ mit Capital-Zuschuß, so viel es
ihre Kräfte erlaubten, nachhelfen wollte.”

Der Bericht fährt nun fort, zu sagen, wie sich, in Folge dieses
Aufrufs, in den verschiedenen Theilen der Republik 14 Gesellschaften
für die Belebung der Industrie auf Actien gebildet hätten, die
jedoch noch zu sehr in ihrer Kindheit wären, um Resultate vorlegen
zu können. Für mehrere derselben wären Maschinen in Nordamerika und
Europa bestellt worden, wovon einige bereits angekommen, andere
unterweges wären; auch hätte man Werkmeister und Mechanici vom
Auslande kommen lassen, um die Kenntnisse der Fabrication von Wollen-
und Baumwollen-Waaren im Lande zu verbreiten. In der +Seiden-Zucht+
waren große Fortschritte gemacht, ein Etablissement in Coyoacan
(Staat von Mexico) hatte Ende 1831 bereits schöne Resultate geliefert
und ein anderes in Celaya berechtigte zu großen Erwartungen und man
dachte schon an die Fabrication von seidnen Bändern. Saamen der
Seidenwürmer war nach allen Richtungen ausgetheilt worden, besonders
in die Gegenden, wo bereits Ueberfluß an Maulbeerbäumen ist. Für die
Beförderung der +Bienenzucht+ hatte man auf dem Lande Bienenkörbe
vertheilt und junge Schwärme anzuschaffen getrachtet, wovon man zwar
noch keine Resultate nachweisen konnte, aber schöne Hoffnungen daran
knüpfte. Aus Frankreich hatte man Merino-Schaafe zur Veredlung der Race
kommen lassen, so wie auch Tibet-Ziegen. In Peru waren Vigoña-Schaafe
und Lamas bestellt, und man hoffte beide Gattungen in der Republik
Mexico einheimisch zu machen. Sogar auf die Einfuhr von +Kameelen+ war
man bedacht, und versprach sich davon die wohlthätigsten Resultate
für den Waaren-Transport im Lande, falls es, wie man hoffte, gelingen
sollte, diese nützlichen Thiere in Mexico zu nationalisiren. Nach
manchen schwierigen und vergeblichen Unterhandlungen war die ~Banco
de Avio~ mit einem Hause in Marseille übereingekommen, 20 Kameele, 6
männliche und 14 weibliche, direct von Alexandrien nach Vera-Cruz zu
senden, und berechnete die Kosten, einschließlich der Fracht, für ein
Schiff von 200 Tonnen, der nöthigen Fourage u. s. w., auf nicht mehr
als 7000 $.

Endlich hatte man denn auch noch eine Anzahl Bücher über Gegenstände
der Fabrication und des Ackerbaues angeschafft, und diese in den
verschiedenen Staaten, wo sich Anregung für dergleichen Industrie
zeigte, gratis vertheilt.

+So weit+ der amtliche Bericht des Ministers Alaman über diese von
ihm gegründete Favorit-Anstalt. Seine Feinde werfen ihm vor, daß er
darin der Zeit vorgegriffen, und Geld für bis jetzt noch unausführbare
Projecte verschwendet habe, welches zu nützlicheren Zwecken hätte
verwandt werden können und sollen. Kann seyn, -- aber trotz alle
dem ist doch nicht zu läugnen, daß der Sache eine großartige und
patriotische Idee zum Grunde lag, die gewiß alle Anerkennung verdient.
Es ist daher auch zu bedauern, daß die bürgerlichen Unruhen des Landes
und der Sturz des Ministeriums, die Entwickelung dieses Instituts
unterbrochen, ja gleichsam in der Geburt erstickt haben! Ganz
untergehen wird man es übrigens wohl nicht lassen, indem es bereits
zu sehr im Lande verzweigt ist und an mehrere Anstalten zu starke
Forderungen hat, wie z. B. 40,000 $ an die Eisen-Schmelzerei auf dem
Sitio in der Nähe des Popocatepetl, von welcher ich in meinen Briefen
geredet habe, und über welche ich hier noch einige Notizen hinzufüge.


[25] In dieser Veranschlagung irrt sich Herr Alaman sehr bedeutend,
denn wenn er auch in der Schätzung der Quantität Recht haben sollte,
was ich bezweifle, so ist doch der Mittel-Preis viel zu hoch gegriffen,
und das was das +Ausland+ für das eingeführte Wachs erhält, dürfte,
+nach Abzug der hohen Eingangs-Rechte, Frachten und Spesen+, den
Durchschnitt von 10 $ die Arroba, gewiß nicht übersteigen.




Die Eisen-Schmelzerei

auf dem Sitio.

(Siehe Anhang zum Briefe vom 31. Mai, ~pag.~ 91.)


Die Eisenerz-Gruben liefern wöchentlich bei sehr langsamer Bearbeitung
300 Ctr. Erz.

Die Schaffungskosten eines Ctr. Erzes und Fuhrlohn bis aufs Werk kommen
2 Rl.

Ein Ct. Holzkohlen stellt sich auf 6 Rl.

  26 Arroben Eisenerz }
   5    „    Zuschlag } sollen 12 Arroben frisch Eisen in 24
  44    „    Kohlen   }   Stunden liefern.

Das Gebläse ist das bekannte Wasser- oder Trommel-Gebläse. Die Erze
sind so leicht flüssig und von so verschiedenem Gehalt (von 30 bis 70
pCt. eisenhaltig), daß die Mischung dergestalt bereitet werden kann,
daß wenig oder gar kein Zuschlag nöthig ist.

Das ganze Gefälle ist 100 Fuß; das halbe Gefälle reicht aber schon zum
vollständigen Betrieb hin.




Bevölkerung von Mexico.


+Die Bevölkerung der vereinigten Staaten von Mexico+ wird sehr
verschiedentlich angegeben, dürfte sich aber doch wohl im großen
Ganzen auf +acht Millionen+ Seelen belaufen, was noch immer eine sehr
dünne Population ist, für einen Flächenraum von circa 10000 ☐ Leguas
von 20 auf den Grad, die man der Republik in ihrer ganzen Ausdehnung
beimißt. Nach dem Maaßstabe europäischer Bevölkerung könnte sich die
mexicanische auf ihrem jetzigen Raume ganz bequem verzehnfachen.

Die außerordentliche Schwierigkeit einer genauen Volkszählung, in einem
so weitläufigen Gebiete wie dem mexicanischen, leuchtet ein, denn nur
wenige seiner Staaten sind für einen solchen Zweck so gut organisirt,
wie z. B. der von Vera-Cruz; unbegreiflich bleibt es jedoch immer, wie
in ein und demselben Jahre zwei so verschiedene Angaben der Volkszahl
gemacht werden konnten, wie die, welche der Minister Alaman im Anfange
des Jahrs 1832 dem Congreß vorlegte, und jene, welche in dem Almanach
von Galvan fürs Jahr 1833 Ende 1832 erschien.

Nach untenstehender Tabelle schätzt der Minister die Population auf
6,382,264; Galvan dagegen auf 7,734,292, welche letztere Angabe aber
der Wahrheit gewiß näher kommt als erstere, indem der Minister selbst
in seinem amtlichen Bericht eingesteht, daß seine Veranschlagung auf
alten Daten beruhe, der Wahrscheinlichkeit nach zu niedrig sei, und die
Volkszahl als 7 Millionen +übersteigend+ angenommen werden dürfe. Er
drückt sich dabei wörtlich folgendermaßen aus:

“Wenn man die Schwierigkeiten bedenkt, eine Bevölkerung genau zu
zählen, welche über ein so ungeheuer weitläufiges Territorium,
begränzt von Regionen, wo Nomaden-Stämme in fruchtbaren Landstrichen
und günstigen Climaten umher wandern, zerstreut ist, so wird es nicht
übertrieben erscheinen, die Volkszahl der Republik, obgleich die
vorliegende Tabelle nur 6,382,264 ausweise, als Sieben Millionen Seelen
übersteigend anzunehmen, zumal da die Listen des Census, welche der
Tabelle zur Basis gedient haben, mitunter 4, 6 ja 8 Jahre alt sind,
und doch anzunehmen ist, daß trotz aller gelegentlichen Verluste, die
Bevölkerung binnen einer solchen Zeit gradatim zugenommen hat. Ein
ausgedehntes Land mit einem fruchtbaren Boden und einem den Menschen
befreundeten Clima, begünstigt natürlich das Fortschreiten des
Menschen-Geschlechts, und die Wohlthaten, welche diesem dann zu Theil
werden, wenn freie Institutionen ihren heilsamen Einfluß über alle
verbreiten, welche die unschätzbaren Vortheile einer volksthümlichen
Regierung zu erkennen wissen, sind unberechenbar.”

Im Jahre 1830 hatte die Zunahme der Bevölkerung einen Stoß durch einen
heftigen Ausbruch der Blattern-Epidemie (~epidemia de viruelas~)
erlitten; man suchte der Seuche durch Vaccination möglichst entgegen
zu arbeiten, aber die Materie (~el pus~) fing an zu mangeln und
unwirksam zu werden; die von England verschriebene, obgleich in
kristallenen Gefäßen gesandt, wollte nicht anschlagen; die Hoffnung,
daß man in dem Staat von Chihuahua an den Kühen die ächte Materie
entdeckt habe, schlug auch fehl, und schon drückte der Minister in
seinem Jahres-Bericht von 1831 die Furcht aus, zu der umständlichen und
kostspieligen Maßregel übergehen zu müssen, die Materie zur Impfung
von den nächsten, aber sehr entlegenen, Puncten in Nordamerika durch
Kinder, gleichsam von Arm zu Arm zu übertragen und so heranzuziehen.
Aus dem ministeriellen Bericht von 1832 geht indessen hervor, daß
man nicht nöthig hatte zu diesem Extrem Zuflucht zu nehmen, und daß
die Kuhpocken-Impfungs-Materie nunmehr wieder vorhanden war, es wird
jedoch nicht gesagt wie man sie sich verschafft hat. Der Bericht von
1832 lobt sodann den Gesundheits-Zustand der Republik, und drückt nur
Furcht und Sorge aus, daß die Cholera das Land heimsuchen und die
Bevölkerung decimiren werde, weshalb denn auch Quarantainen und andere
Vorsichtsmaßregeln in Anwendung kamen, die aber, wie wir jetzt wissen,
das gefürchtete Uebel nicht abzuhalten vermochten. Die Cholera hat im
Jahr 1833 große Verwüstungen in Mexico angerichtet; in der Hauptstadt
allein sind an 16 bis 17000 Menschen, also der zehnte Theil der
Einwohner, das Opfer derselben geworden.

Alle Volkszählungen in Mexico ergeben übrigens eine Mehrzahl des
weiblichen Geschlechts über das männliche; in manchen Staaten sogar
eine bedeutende, wie z. B. in Jalisco eine von 11 pCt., in Puebla von 7
pCt. u. s. w.

Die in den verschiedenen Theilen der Republik herrschende große
Verschiedenheit der Bevölkerung, mit Bezug auf den respectiven
Flächenraum, geht aus der anliegenden Tabelle gleichfalls hervor, und
es kann daher nicht auffallen, daß während in den ganz dünn bewohnten
Regionen an Gewerbe und Kunstfleiß noch nicht zu denken ist, in den
mehr bevölkerten Staaten und den oft sehr volkreichen Städten sich
dessen in nicht unbedeutendem Maaße findet und auszudehnen verspricht.
Im Parian zu Mexico und auf den Märkten anderer Städte, wie z. B.
Puebla u. s. w., sieht man denn auch wirklich viele schön und gut
gearbeitete Waaren, welche im Lande selbst angefertigt sind; z. B.
wollene Decken aller Art (~poncho’s Zerapa’s~ u. s. w.) in allen
Farben; sodann die bekannten bei der Bekleidung einer Mexicanerin,
gleichviel ob reich oder arm, nie fehlenden langen Umschlagtücher
von Baumwolle, oder Baumwolle und Seide; Hüte jeder Art mit breiten
Rändern nach mexicanischer Sitte, nebst deren Zierrath, den silbernen
oder goldenen Treffen und Tasseln; baumwollene Schnüre und Bänder; die
oft sehr reichen mit vielem Gold und Silber besetzten Reiter-Mäntel,
deren sich auch Damen bedienen; Leder-Arbeiten aller Art und namentlich
mexicanische Pferde-Sättel (unsern Husaren-Sätteln nicht unähnlich),
mit kostbaren Pelz-Ueberlagen u. dergl. m. Hierzu kommt in Puebla noch
Glas und Seife, womit viel Handel nach andern Städten getrieben wird.

In Mexico selbst haben sich denn in der neusten Zeit auch mehrere
Fremde, Deutsche und andere, als Hutmacher, Meubel-Schreiner,
Kleidermacher u. s. w. niedergelassen und machen zum Theil sehr gute
Geschäfte.

Mit Colonisations- und Einwanderungs-Plänen zur Vermehrung der
Bevölkerung hat es den Mexicanern bis jetzt noch nicht glücken
wollen, und wird ihnen auch nicht glücken, bis sie durch Annahme der
Religionsfreiheit und liberalerer Grundsätze bei der Ansiedlung von
Fremden, die Auswanderung aus Europa, die jetzt fast ausschließlich
nach Nordamerika gerichtet ist, theilweise nach ihrem schönen Lande zu
ziehen verstehen.[26]

Die Colonisirung einiger Hundert Franzosen am Fluß Cuatzacualcos
im Staat Vera-Cruz schlug gänzlich fehl, weil die Unternehmer den
Einwanderern Versprechungen gemacht hatten, die sie nicht erfüllen
konnten, und weil sie in der Wahl der Subjecte nicht vorsichtig genug
waren. Sie sind theils nach Frankreich zurückgekehrt, theils haben sie
sich in andern Theilen der Republik niedergelassen.

  Die Colonisirung von

  +Texas+ oder +Tejas+ (sprich Techas)

hat dagegen zwar, was die Zahl der Ansiedler betritt, einen guten
Fortgang, aber diese Vermehrung der Population, welche lediglich
aus den angränzenden Staaten von Nordamerika herströmt, gereicht
Mexico eher zur Last und zum Nachtheil, als zum Vortheil, denn die
schwer zu zügelnden Nordamerikaner wollen sich nach den mexicanischen
Gesetzen nicht fügen, sondern eigne machen und aufstellen, wie es
wirklich bereits an dem Hauptorte der Ansiedlung, Austen Town (so
genannt nach dem Namen des ersten Unternehmers), der Fall ist. --
Bei der außerordentlichen Entfernung von dem Sitze der mexicanischen
Regierung, wird es dieser schwer fallen, wo nicht unmöglich seyn, ihre
Autorität geltend zu machen, während andererseits der Andrang der
nordamerikanischen Einwanderung so wachsen wird, daß vorauszusehen
ist, es werde sich dort ein eigner Staat bilden, der mehr zur
nordischen als zur mexicanischen Union gehört.

Beide Theile sehen dies kommen, und man sagt, die vereinigten Staaten
von Nordamerika hätten denen von Mexico wirklich bereits zehn Millionen
Pesos, für den Abstand der Provinz Texas, geboten. Die mexicanische
Regierung scheint es aber nicht zu wagen, eine solche Proposition dem
National-Congreß vorzulegen, und in der That würde Mexico mit Texas
einen seiner schönsten und wichtigsten Landestheile verlieren! Das
Clima daselbst ist vortrefflich und gesund, das Land wird von großen
und schönen Flüssen, dem Rio Bravo und Colorado, durchschnitten,
ein Vortheil der dem übrigen Mexico ganz abgeht, und der Boden von
Texas ist außerordentlich fruchtbar, während es an Ausdehnung nicht
fehlt; der Flächenraum wird auf 160 Millionen englische Acker Landes
geschätzt! Großbrittannien und Irland haben deren nur 47 Millionen
angebaut!

Man urtheile also, welche Anzahl von Ansiedlern dort noch Raum und
Auswahl des Terrains finden könnte, denn die jetzige Bevölkerung von
+Texas+ ist fast Null!

Dorthin sollten deutsche Auswanderer sich wenden, sie würden besser
dabei fahren als am Missouri, und ein besseres Clima und fruchtbareren
Boden daselbst finden.


Census der vereinigten Staaten von Mexico.

                                                 Seelen-Zahl
  Staaten und                           nach Vorlage   nach dem Almanach
  Territorien         Hauptstädte       des Ministers      von Galvan
                                       Alaman in 1832    fürs Jahr 1833

  Föderal-District    Mexico                 250,000       350,000
    Staaten:
  Chiapas             San Cristobal          118,775        96,000
  Chihuahua            Chihuahua              112,694      166,000
  Coahuila u. Tejas   Leona Vicario           77,795       127,000
  Durango             Durango                149,121       250,000
  Guanajuato          Sta. Fé de Guanajuato  500,000       643,000
  Jalisco             Guadalaxara            656,830       680,000
  Mexico              Toluca               1,000,000     1,200,000
  Michoacan           Morelia                422,472       285,000
  Nuevo Leon          Monterey                83,093       113,419
  Oajaca              Oajaca                 457,504       693,000
  Puebla              La Puebla              584,358       954,000
  Querétaro           Querétaro              114,437       280,000
  S. Luis Potosi      San Luis               298,230       192,000
  Sinaloa                --                  100,000}
  Sonora                 --                  100,000}      254,705
  Tabasgo             Villa hermosa           60,000        82,000
  Tamaulipas          Vittoria                80,000       166,824
  Vera-Cruz           Jalapa                 242,658       194,000
  Yucatan             Merida                 500,000       630,000
  Zacatecas           Zacatecas              276,053       296,066
    Territorien:
  Alta California     S. Carlos de Monterey   27,000        30,000
  Baja California     Loreto                  15,000         6,000
  Nuevo Mexico        Santa Fé                50,000        52,300
  Colima                --                    40,000}
  Tlascala              --                    66,244}         ? ?
                                           ----------
    Total der Bevölkerung nach Alaman      6,382,264
                                                         ---------
    Total der Bevölkerung nach Galvans Angabe            7,741,314


[26] Wie unbedeutend die seitherige Einwanderung von Fremden
in Mexico gewesen ist, wird folgende Tabelle der Bewegung des Jahres
1830, in dem Hafen von Vera-Cruz (dem hauptsächlichsten der Republik)
zur Genüge darthun:

      Nation                         kamen ein    gingen aus

  Nordamerikaner                        66           53
  Engländer                             75           30
  Franzosen                             99           65
  Deutsche                              52           20
  Italiener                             13           10
  Schweizer                              7            5
  Mexikaner und Südamerikaner           79           34
  Spanier                               --           19
  Ohne besondere Angabe der Nation
     (also wohl Altspanier)             60           18
                                       ------------------
                                       451          254




Der Staat von Vera-Cruz.


Dieser Staat ist einer der bestorganisirten in der Republik. Der
Jahresbericht, den der Gouverneur dieses Staats, Don Sebastian Camacho,
im Jahre 1832 der in Jalapa versammelten Legislatur abgestattet hat,
ist eins der ausführlichsten Documente, welche man in der Art sehen
kann; es füllt über 300 Quart-Seiten und ist dennoch in den meisten
Dingen unvollkommen und ungenügend, da nicht alle Cantone des Staates
mit gleicher Pünktlichkeit und Ausführlichkeit berichtet haben. Am
detaillirtesten sind die Tabellen über die Population, wovon einige die
Zahl der Kinder, Weiber und Männer, verheiratete und unverheiratete,
Wittwer und Wittwen, alles klassificirt nach dem Alter von 10 bis 100
Jahren, so genau und speciell angeben, daß ich nicht glaube, daß wir
etwas ähnliches in Europa besitzen. Im Auslande kann dies aber nur
wenig Interesse haben, dort genügt es, zu wissen, welche Bevölkerung
der ganze Staat und etwa die größeren Städte desselben enthalten, und
diese ist wie folgt angegeben:

  Die Stadt +Orizaba+                            15,386
  Der ganze Canton dieses Namens                        46,991
  Die Stadt +Cordova+                             6,098
  Der ganze Canton dieses Namens                        24,521
  Die Stadt +Vera-Cruz+                           6,828
  Der ganze Canton dieses Namens                        24,556
  Die Stadt +Jalapa+                             10,628
  Der ganze Canton dieses Namens                        42,704
  Die Total-Bevölkerung des Staates Vera-Cruz                  245,256
  Im Jahre 1826 war dieselbe                                   242,658
                                                              --------
               mithin eine Vermehrung von                        2,598

oder von ungefähr ein vom Hundert, was denn aber auf einen
fünfjährigen Zeitabschnitt, so gut wie gar keine Zunahme ist.

Die mitunter allerdings ganz interessanten Bemerkungen des
obenerwähnten Berichts von Don Sebastian Camacho, verlieren, wie
schon gesagt, ihrer Unvollkommenheit wegen ihr meistes Interesse für
das Ausland und ich beschränke daher den weitern Auszug davon auf
die Bemerkungen, welche darin über die Erziehung der Jugend gemacht
werden. Der Bericht sagt nemlich hierüber, daß man damit umgehe, das
Lancaster’sche Unterrichtssystem einzuführen, und dafür 30,000 Pesos
bestimme, und daß mittlerweile, obgleich ohne Uebereinstimmung des
Systems, Schulen in fast allen Ortschaften des Staates beständen,
deren Kosten von den Municipalitäten bestritten würden, so wie, daß
außerdem an verschiedenen Punkten höhere Schulen angelegt seien, deren
Lehrer den +Staat+ von Vera-Cruz jährlich 5 bis 6000 Pesos kosten!
Das General-Budget der Föderation wirft sodann für die Errichtung und
Vervollkommnung von Primair-Schulen in der Republik 80,000 Pesos aus!

Dies beweiset denn doch, daß man den hochwichtigen Gegenstand der
Volks-Erziehung nicht ganz außer Acht läßt.




Finanz-Departement.


Es wird nicht ohne Interesse seyn, das Budget kennen zu lernen, welches
der Finanz-Minister Mangino dem Congreß in Mexico für das Jahr von Juli
1832 bis Juli 1833 vorgelegt hat. Es ist aber nur in den Ausgaben klar,
und drückt sich über die Einnahmen so dunkel aus, daß es unmöglich
ist, eine Bilanz zu ziehen; die Ausgaben werden auf nicht weniger
als 22,392,508 Pesos veranschlagt, wobei zu bemerken ist, daß dies
nur Ausgaben der Föderation sind, die mit den Ausgaben der einzelnen
Staaten für ihre Congresse und sonstigen Local-Bedürfnisse nichts
gemein haben.


  Jene Ausgaben der Föderation zerfallen in folgende Haupt-Rubriken:

  ~a.~ Departement des Innern und Auswärtigen  $  1,049,438. 4
  ~b.~     do.     der Justiz und geistlichen
                          Angelegenheiten      „    434,756.--
  ~c.~     do.     des Krieges!!               „ 16,465,121. 3
  ~d.~     do.     der  Marine                 „    322,221. 1
  ~e.~     do.     der Finanz und Kosten des
                          General-Congresses   „  4,120,971. 3
                                              -----------------
                                               $ 22,392,508.--


  Als Details die am meisten Aufmerksamkeit erregen, mögen hier stehen:

  ~ad a.~ Gehalt des Ministers (so wie aller
        Minister)                                    $     6,000
        Fernere Gehalte in diesem Bureau             „    24,000
        Für Papier und Druckkosten                   „    29,609

  Außerordentliche Ausgaben                          „    20,000

  Für +geheime+ Ausgaben im auswärtigen
        Departement                                  „   100,000

  Gesandtschaften und Consulate:

  Zwei Gesandten bei dem großen amerikanischen
        Congreß, der bekanntlich erst in
        Panama, dann in Mexico gehalten werden
        sollte, aber +nie ins Leben getreten
        ist+                                         „    13,200

  ~Chargé d’affaires~ in den vereinigten Staaten
        von Nordamerika, nebst Secretariat           „    10,200

  Außerordentliche Legation nach Central-Amerika
        und Columbien, nebst Reisekosten             „    17,800

  Außerordentliche Legation nach den Republiken
        des südlichen Amerika’s, nebst
        Reisekosten                                  „    28,250


  Gesandtschaft in England:

  Der Minister $ 12,000, Secretair u. s. w.
        $ 8200, Total                                „    20,200


  Gesandtschaft in Frankreich:

  Der Minister $ 10,000, Secretair u. s. w. }
        $ 5700                              }        „    15,700

  Für die Reise dahin und Einrichtung des   }
        Hotels                              }        „    12,100

  ~Chargé d’affaires~ in Holland nebst      }
        Secretariat                         }        „     8,300

  ~Chargé d’affaires~ in Preußen, nebst     }
        Secretariat                         }        „     6,700

  Für die Reise dahin und Einrichtung       }
        des Hotels                          }        „     5,100

  Consulate in New-Orleans                           „     2,600

      „     in Bordeaux                              „     2,600

  Consulate in Hamburg, für die Hanse-Städte         „     3,600

  Endlich noch für eine Gesandtschaft nach
        +Europa+, welche der politischen Constellation
        nach wahrscheinlich nothwendig
        und nützlich werden würde, (hierbei hat
        man ja wohl auf Spanien angespielt)          „    29,750

  Sodann, für Errichtung und Vervollkommnung
        von Primair-Schulen                          „    80,000

  Zur Unterstützung des Theaters                     „    20,000

  ~ad b.~ “Geistliche Angelegenheiten,” hiebei genüge
        die Bemerkung, daß für die Gesandtschaft
        in +Rom+ $ 15,100, und für außerordentliche
        und +geheime+ Ausgaben bei
        +derselben+ $ 30,000! zusammen               $    45,100
        ausgeworfen sind.
                                                     ------------

  ~ad c.~ “Kriegs-Departement:”

  8 Divisions-Generäle im               }
        Dienst                 à 6000 $ }
                                        }
  3 Divisions-Generäle nicht            }
        im activen Dienst      à 4000 „ }
                                        } im Jahr
  14 Brigade-Generäle im                }            $   135,000
        Dienst                 à 4500 „ }
                                        }
  4 Brigade-Generäle nicht              }
        im activen Dienst      à 3000 „ }

  4 General-Inspectoren der Truppen im        }
        Innern und den beiden Californien zu  }
        4000 $                                }      $    34,000
        nebst 6 General-Adjutanten zu  3000 $ }

  12 Bataillone Infanterie der Linie                 „ 1,791,795

  12 Regimenter Cavallerie der Linie                 „ 1,848,419

  3 Brigaden Artillerie der Linie                    „   509,477

  12 Compagnien Artillerie der Miliz im
        activen Dienst                               „   259,896

  1 Brigade Mineurs                                  „   118,360

  Das Ingenieurcorps                                 „    80,093

  1 Bataillon Invaliden in Mexico                    „   118,634

  Das Sanitätscorps                                  „    77,929

  Die Hospitäler                                     „   503,470

  6 Compagnien permanente Cavallerie in
        Californien                                  „   128,440

  38 Compagnien permanente Cavallerie in
        verschiedenen Theilen der Republik           „   998,985

  20 Bataillone active Miliz, unter den
        Waffen, im Innern der Republik               „ 4,239,465

  13 Bataillone Küsten-Wächter, Miliz                „ 1,181,482

  6 Schwadronen derselben                            „   499,083

  Und noch mehrere Cavallerie und Infanterie
        Miliz-Abtheilungen im Innern                 „ 1,000,000

  Entschädigung an die Miliz, für die Bekleidung,
        zu 5 Reales monatlich an die
        Infanterie und zu 10 Reales monatlich
        an die Cavallerie                            „   460,920

  Für +geheime+ Ausgaben im Kriegs-Departement       „    40,000
                                                   --------------

  ~ad c.~ “Finanz-Departement:”

  General-Congreß

  Diäten an 76 Deputirte                             $   228,000

  Diäten an 40 Senatoren                             „   120,000

  Reise-Gelder der Deputaten und Senatoren
        aus den verschiedenen Staaten,
        her und zurück                               „   150,000

  Secretariat und Kosten                             „    76,994
                                                    -------------
            Kosten des General-Congresses            $   574,994

  Gehalt des Präsidenten der Republik                $    36,000

  Civil-Pensionen                                    „   117,925

  Pensionen an Spanier, welche durch das
        Gesetz von 1827 von ihren Aemtern entsetzt
        wurden                                       „    53,295

  Für die Dividenden der auswärtigen Anleihen        „   942,000
        als den wahrscheinlichen sechsten Theil der
        Einnahme an den Douanen von Vera-Cruz
        und Tampico. U. s. w.

Diese ungeheure Gesammt-Ausgabe von $ 22,392,508, schlägt übrigens der
Minister vor, um 5,312,914 $ auf den Kriegs-Etat, zu vermindern und
dergestalt auf $ 17,079,594 zurückzuführen, was sie in Einklang mit der
Einnahme des vorhergegangenen Jahres bringen würde.

Das reine Product aller Zweige der Finanz war nemlich für das Jahr von
Juli 1830 bis Juli 1831 $ 17,256,882

  Hierin figuriren die Douanen in
        +allen Häfen+ der Republik mit               $ 8,287,082

  Die Douanen des Distrikts der
        Föderation und Landes-Gränzen mit            „ 1,737,484

  (Hierin sind die Zölle und Abgaben
        nicht begriffen, welche die einzelnen
        Staaten als Consumozoll
        erheben, und welche natürlich in
        die Staaten-Finanz und nicht in
        die Föderatif-Casse fließen.)

  Die Briefpost-Administration mit                   „   230,683

  Die Lotterie mit                                   „    41,260

  Die Salinen mit                                    „    66,505

  Verkauf von National-Gütern                        „    11,924

  Die Münze in der Föderatifstadt Mexico             „   135,480

  Beiträge der Staaten zur Föderations-Casse         „ 1,356,563

  (Der Minister beklagt sich, daß
        diese Summe nicht größer gewesen,
        was dem Gesetze nach der
        Fall hätte seyn müssen.)

  Die 2 pCt. Circulations-Rechte
        auf Silber und Gold, vom Innern
        nach der Küste                               „   74,913 u. s. w.

Man sieht, daß noch vieles unausgeführt geblieben ist, die Summe von
$ 17,256,882 auszugleichen, so wie, daß nirgends eine Sicherheit der
gleichmäßigen Einnahme für das nächste Jahr existirt! Das Budget des
Herrn Finanz-Ministers ist mithin allerdings ein sehr unzuverlässiges
und schwankendes, es liefert aber doch dem prüfenden Auge des
unpartheiischen Beobachters den Beweis, daß in Mexico für einen
geregelten Staatshaushalt, ohne übertriebenen Militair-Etat, Resourcen
genug vorhanden sind, nicht allein um das Laufende zu bestreiten,
+sondern+ auch um die National-Schuld gradatim zu tilgen.

[Illustration: Karte von Mexiko]



*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEXICO IN DEN EREIGNISSVOLLEN JAHREN 1832 UND 1833 ***


    

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