The Project Gutenberg eBook of (CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg
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Title: (CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg
Roman
Author: Johannes Robert Becher
Illustrator: John Heartfield
Release date: March 20, 2026 [eBook #78251]
Language: German
Original publication: Wien: Agis, 1926
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/78251
Credits: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK (CHCL=CH)3AS (LEVISITE); ODER, DER EINZIG GERECHTE KRIEG ***
Johannes R. Becher
(CHCl=CH)3As
(Levisite)
oder
Der einzig gerechte Krieg
Roman
Wien-Berlin 1926.
Agis-Verlag
Alle Rechte vorbehalten.
Copyright by Agis-Verlag, Wien.
Druck: „Peuvag“-Berlin, Filiale Hannover.
„Ich kann nicht schweigen, denn ich will
nicht mitschuldig werden.“
Zola
„Ich sage mich los: von der
leichtsinnigen Hoffnung einer Errettung
durch die Hand des Zufalls; von der
dumpfen Erwartung der Zukunft, die ein
stumpfer Sinn nicht erkennen will ...“
Clausewitz
_De te fabula narratur._
Deine Sache, Leser, ist es, die hier
verhandelt wird!
Einleitung
Hände weg!
Hände weg von diesem Buch, wenn Ihr damit, übersättigt und bis zum
tödlichen Erbrechen gelangweilt, nur wieder einige Euerer müßigen
Stunden totschlagen wollt!
Dem stinkenden Kadaver dieser Zeit flechte ich keine Kränze.
Das spannungslose Gesabber unserer offiziellen Poeten befriedigt schon
übergenug solche Bedürfnisse.
Was heutzutage nottut: das ist Begeisterung, Kühnheit, Todesverachtung
der Einzelnen, Nüchternheit, Zielsicherheit und Klarheit.
Zusammenschluß, eine untrennbare Einheit aller im Schweiße ihres
Angesichts Werktätigen. Dieser Zusammenschluß: das ist die große
Sprengmine, die Tag für Tag aufplatzt und deren Sprenggänge die
Fundamente dieser verrotteten Gesellschaft eines Tags völlig unterwühlt
haben werden ...
Es handelt sich hier nicht um poetische Erfindungen, phantastische
Konstruktionen oder um Wahnbildungen. Es handelt sich hier um Tatsachen,
um Taten, um Ereignisse.
Es geht um das, was ist.
Es geht hart auf hart.
Es geht um das, was gewesen ist.
Es geht um das, was sein wird. –
* * * * *
Dieses Buch ist sicher nicht Kind jenes Geistes, „der über den Wassern
schwebt“, es ist aus der Wirklichkeit geboren, und es trägt,
unverschminkt allen sichtbar, noch deutlich das Zeichen dieser
Marter-Hölle an sich. Auch der Sprachkörper: stahlgrau, gehackt, rissig:
die Gelenke im Schmerzkrampf fest angezogen, die Arme an den
Schulterstücken schwer hängend: Hämmer, Aexte, Brecheisen. Ein blutiges
Muskelspiel zuckt ... Das ist nicht der klassische wohlgepflegte Leib,
nicht die parfümierte Tanzpuppe der Biedermeierzeit noch der verträumte
Taugenichts der Romantik: es ist der mit Wundenlöchern über und über
ausgefüllte Dulderleib des werktätigen Volks am Pfahl der Kreuzigung:
mitten im Qualm von Gasschwaden, von Staub, Rauch, Rußfetzen
umschleiert, umschwirrt von giftigen Aasfliegen – das ist der Dulderleib
des werktätigen Volks in jenem geschichtlichen Zeitabschnitt, da er sich
vom Kreuzstamm losreißt, niedersteigt und das Gesindel seiner Peiniger
vor sich in die Knie zwingt ... Ein millionenstimmiger Schrei, ein
Aufruhr- und Klagelied, gesungen von Millionen metallischen Feuerzungen.
–
Dieses Buch möchte, ein lebendiges Wesen, künftig wieder selbst Anteil
haben an den Kämpfen, deren Blutzeuge es ist, selbst wieder mit im Feuer
stehen, und mit seinen Blutteilen noch röter färben die rote Fahne,
unter der es als ein Soldat der Revolution dient. –
* * * * *
Es wird nur wenig von „Liebe“ die Rede sein.
Dieses Buch ist ein Heldengedicht.
Wo Millionen „Hunger“ schreiend – zuerst eine formlose Masse noch, dann
aber immer deutlicher Gestalt gewinnend – sich herauf auf das Plateau
der Weltgeschichte bewegen: in der eisern gehackten Rhythmik solcher
Tage tönt auch die Stimme des Bluts als Metall. Stirnen wölben sich
gegeneinander, wie gemeißelt aus Granit. Die Herztrommel wirbelt
Kampftempo und Marschtakt. Der Gedanke des kämpferischen Menschen stößt
vor in die Zukunft als Stichflamme. Und ein anderer, als der, der einst
du gewesen bist, findest plötzlich nach Jahren du dich wieder, neu
geboren aus mörderischen Krisen, wie aus Schmelzglut. –
* * * * *
Die Riesendurchbruchsschlacht jener Menschen-Armeen in die Zukunft hat
längst begonnen. Kampfplatz ist die Welt. Dieses Terrain ist nicht mehr
nach Nationen oder Erdteilen abgesteckt. Alle Grenzpfähle der Welt
schlottern gespenstisch im roten Sturmwind, wie Vogelscheuchen ...
Ueberall, wo Menschen im Arbeitsprozeß untereinander verbunden sind,
überall auf der ganzen Erde, auch in den tiefsten Tiefen der Kolonien,
gewittert es ...
* * * * *
Lernt kennen die Geschichte Europas, Europas am Rande des Abgrunds! –
Gewidmet der kommenden deutschen sozialen Revolution! –
_Berlin_, zum 4. August 1925.
Johannes R. Becher
1. Kapitel.
„Deutschland über alles ...!“
Episode aus den Novembertagen 1918. –
„Deutschland über alles ...!“ –
„Lazarett-Poesie.“ – Den Veranstaltern
patriotischer Heldengedenkfeiern
gewidmet. – Heilige Familie. – Das Trio.
– Menschen-Dreck. – Götter stürzen. –
„Geh deinen Weg!“ –
I
Es ist Herbst, November 1918, vier Uhr morgens.
Die letzten deutschen Truppen ziehen über den Rhein.
Gespenstische Nebelhaufen wälzen sich über den beiden Rheinufern, die
Wassermassen unter der Brücke flüchten unterirdisch-rauschend und
unruhig dahin, ein schwer beladener Schleppkahn treibt darauf,
schweigend, als ob er, eine Sagengestalt der Vorzeit, durch einen
uferlosen Traum wandele. Nur die gotisch zerzackte Spitze des Kölner
Doms ragt stumpf aus einem Nebelloch, wie der Gipfel eines gewaltigen
Gebirgsmassivs.
Das ferne gedämpfte Geläute des Doms fällt jetzt langsam und zögernd auf
die Erde nieder, ein schwerer metallischer Tropfen ...
Es war eine niedergekämpfte Kolonne Sturminfanterie, der Rest eines
einst stolzen deutschen Regiments, die, ohne Schritt, dahintrottete:
bärtig verwachsene Gesichter, knöcherige Gestalten, mit zerfetzten und
ausgeblichenen Uniformen schlotternd behängt, in Mützen, barhaupt, der
eine oder der andere noch unter dem Stahlhelm, den vermoderten und
zerzausten Affen auf dem Buckel, die Gewehre, Mündung nach unten, über
die Schulter geworfen, und die zu Skeletten abgemagerten Gäule vor der
einzigen Feldküche stolperten und knickten immer wieder von Zeit zu Zeit
in die Knie, gleichmütig sprang der Trainsoldat vom Bock ab, die Kolonne
stockte eine Weile, einige drückten sich links und rechts vorbei am
Wegrand, dann ein müder Peitschenknall, die Gäule standen wieder
wackelnd aufgerichtet, und das Häuflein Soldaten setzte sich wieder in
Marsch.
Kein Kommando erscholl mehr.
Kein Wort wurde gesprochen ...
Doch kam es vor, daß der eine oder der andere sich plötzlich mit einem
jähen Ruck umwandte, mit einer blitzschnellen Handbewegung nach dem
Gewehrschaft griff, den Kopf sonderbar lächelnd schüttelte und wieder
den einen Fuß vor den anderen tat, als ob es nie anders gewesen wäre und
als ob es auch gar nicht je anders sein könnte ...
Vor zwei Tagen noch ...
Einer rechnete nach:
„Ja, das sind zweimal vierundzwanzig Stunden ...“
Also: frisch wie aus Schlamm gebacken aus dem Granattrichter ...
Und das gigantische Schlachtorchester brüllte die Symphonie der
Trommelfeuer und der Stahlgewitter und der Eisenorkane; forte,
fortissimo; Gaswellen fluteten unsichtbar geheimnisvoll heran; und nun
gewitterte auch schon über die stacheldrahtgezäunte, granatgepflügte
labyrinthische Ebene hinweg das Finale des Nahkampfes: der dumpfe Knall
platzender Handgranatenballungen in Erdhöhlen und Felsunterständen,
Menschenschreie, gurgelnd und wie „Huhu“ dazwischen, und das Sicheln des
Bajonetts ...
Traum? Wirklichkeit?
Denen, die hier in die Heimat zurückmarschierten, war das Bewußtsein
geschwunden, das Hirn leer, nur ein unbestimmter Trieb drängte in allen
ihren Gliedern sie mit vorwärts; links, rechts, links, rechts; das
Gesicht nach unten auf den Boden niedergedrückt, dort, wo immer wieder
zwei Stiefelbeine hervorschnellten oder der Absatz des Vordermanns, der
fest in den Straßendreck hackte.
Auch an eine Rast oder gar ans Abkochen dachte niemand.
Marschierten sie durch ein Dorf, so schien es ihnen, als wichen ihnen
die Einwohner scheu aus dem Weg, kein Mensch zeigte sich, alle Türen und
Fenster waren fest verschlossen, auch jetzt noch, da sie sich schon seit
einem Tag bald auf deutschem Boden befanden.
Es wurde Morgen.
Nein, es war kein englischer Tank, der plötzlich schnellwendig aus den
zerschleißenden Nebelschwaden hervorknatterte, auch keine Flammenwerfer,
die, flüssigen Phosphor spritzend, ganze Ballen von verbranntem
Menschenfleisch durch die Luft wickelten; kein leichtes
Infanteriegeschütz, kein auffliegendes Munitionsdepot, auch kein
Flieger, dicht über der Erde mit MGs die Stellungen abstreichend ...
Nichts, nichts mehr von alledem ...
Weinberge waren es, Hügel, saubere Steinhäuschen darin, Treppen und gut
angelegte Pfade durch Weingelände hindurch, Kirchturmspitzen blinkten.
Mit ihren Stöcken stocherten die Soldaten in den dahinkollernden
Laubhaufen; es war wirklich schönes, feuchtes rotbraunes Laub ...
Doch die fieberig flackernden Augen der Soldaten suchten von neuem den
Boden ab, fanden sich nicht zurecht, stießen sich und tasteten; man
hatte sich schon daran gewöhnt, es fehlte einem was; keine Leichname,
keine abgequetschten Arme, keine Rümpfe, die in der Hitze brodelten;
auch nichts von Offensivparfüm, das aus den von Granaten wieder
aufgewühlten Massengräbern dick aufstieg ... Rein und würzig war die
Luft, die Nebel verdampften sich nach oben ... Einer pfiff schon vor
sich hin, ein anderer summte leise im Takt, allmählich bildeten sich
wieder Reihen, fester und immer fester hämmerte der Schritt und, ohne
daß sie sich dessen bewußt waren, marschierten sie durch das nächste
Dorf im Gleichschritt. Schon winkte man ihnen zu, Menschen standen
freundlich nickend zwischen Türen und Fenstern, und da, als sie eben die
letzten Häuser hinter sich hatten, brach voll die Sonne durch.
Zerfetzt und zersplittert hing die Nebelpest herum, die Wipfel der Bäume
schüttelten sich, daß der letzte Laubrest an ihnen auseinanderstieb;
riesige Feuerfarren blühten im Weltraum die Sonnenstrahlen ... als ein
Mann, ein Landstürmer, in der Mitte des Zugs plötzlich mit
tränenerstickter Stimme ruft:
„Kameraden! Seht: Sonne über Deutschland!“
Ein Trompetensignal bläst.
Eine Trommel trommelt.
Hundert Köpfe rucken hoch.
Hundert Herztakte schlagen wieder.
Und aus hunderten, von vielem Blut- und Pulvergeschmack ausgedorrten
Kehlen schluchzt der Gesang:
„Deutschland über alles ...!“
II
Auch Peter Friedjung, damals knapp zweiundzwanzig Jahre alt, befand sich
unter den Heimkehrern.
Auch er stieß jetzt „Deutschland über alles“ hervor ...
Mit dem Gesang „Deutschland über alles“ hatte zu Beginn des Kriegs das
Freiwilligenregiment List gestürmt, mit dem Gesang „Deutschland über
alles“ auf den Lippen wurden die jungen Freiwilligen vom Trommelfeuer zu
einem Leichenbrei zusammengestampft.
Fünfmal während des Krieges war Peter Friedjung für „Deutschland über
alles“ verwundet worden.
Und nun!?
Wäre ein Flieger der Rheingrenze entlang geflogen: er hätte deutlich
beobachten können, wie das acht Millionen starke deutsche Feldheer,
einer riesigen Schlammflut gleich, in die Heimat zurücktrieb, wie die
Massen der Armeen von den Städten aufgesogen wurden und das Gewimmel der
Züge auf den geometrischen Figuren der Eisenbahnnetze gegen das
Hinterland zu sich langsam auflockerte und dort schon wieder Zug auf Zug
straff, in vollkommener Ordnung, dahinrollte ...
Am Abend kam die Kolonne, der Peter Friedjung angehörte, drei Kilometer
vor der Bahnstation an, wo sie nach München verladen werden sollte.
Ein Matrose, ein baumstarker Kerl, ein Mann in Zivil mit einer knolligen
Schnapsnase und einer in einer feldgrauen Uniform, alle rote Binden um
den Arm, kamen ihnen am Dorfeingang entgegen und forderten sie auf, die
Waffen abzulegen.
„Also ist es zur Tatsache geworden. Revolution!“ stellte Kamerad
Friedjung fest.
„Hier in der Dorfschule ist der Arbeiter- und Soldatenrat.“
Die Heimkehrer sahen sich unschlüssig an.
Aber man ließ ihnen nicht lange Zeit zum Ueberlegen.
Eine schwerbewaffnete Abteilung Rotbinden erschien. Die Kolonne wurde
ohne weiteres entwaffnet.
Zum erstenmal hörte man wieder etwas über die Vorfälle in der Heimat.
„Das Heer hat teilweise gemeutert. Straßenkämpfe. Der Kaiser geflohen.
Neue Regierung. Die Sozialisten ...“
In die Sprache eines Deutschen übersetzt, schloß Peter, bedeutet das:
äußerlich hat die Entente gesiegt und damit also offenbar innerlich: der
Unglaube, die Vaterlandslosigkeit, die Pöbelherrschaft, die Anarchie.
Auf der Straße vor der Bahnstation waren größere Truppenteile
versammelt, alle ohne Offiziere, von denen es hieß, sie hätten sich
schleunigst in Zivil aus dem Staub gemacht.
Die „Internationale“ wurde gesungen, Soldaten standen Arm in Arm, alle
hatten sich die Kokarden und die Achselstücke abgerissen ... Von Zeit zu
Zeit hielt einer, auf den Schultern seiner Kameraden sitzend, eine Rede,
dann schrieen sie alle: „Hoch! Hoch! Nieder! Nieder!“
Die Kameraden, mit denen Peter zurückgekehrt war, waren nicht mehr
aufzufinden.
Er stand mitten in dem Tumult allein.
Er wußte jetzt überhaupt nichts mit sich anzufangen.
Er wiederholte sich noch einmal, was er während des Kriegs alles von der
revolutionären Bewegung gelesen und gehört hatte.
Da kannte er natürlich dem Namen nach Karl Liebknecht, diesen
hundsföttischen Vaterlandsverräter, wie ihn immer die Offiziere bei
ihren Sektgelagen im Kasino tituliert hatten, von dem man erzählte, daß
er steinreich sei, eine Unmenge Häuser besitze und von der Entente
bestochen sei, um dem deutschen Volk die Kriegskredite zu verweigern ...
„Und die anderen, die werden auch kaum besser sein, Parasiten unserer
Niederlage, individuelle Nutznießer des Volksunglücks, Kreaturen, die
nur im Augenblick der vollkommenen Verwirrung, Ohnmacht und
Wehrlosigkeit eines Volks zu Wort kommen und sich leider auch, bei der
Dummheit, Gutgläubigkeit und politischen Ungebildetheit des Deutschen,
Gehör verschaffen können.“
Und scharf in jeder seiner grauenvollen Einzelheiten tauchte in Peters
Gedächtnis jener Morgen auf, der Beginn eines der gewaltigsten
Großkampftage, den die Westfront je gesehen.
* * * * *
Der Massenfeuerüberfall war beendet.
Die Sturminfanterie ging zum Angriff vor.
Von Stellung zu Stellung. Ein einziges Kraterfeld war nurmehr das
feindliche Gräbensystem, schon hatten die Infanteriewellen ein großes
Loch in die feindliche Front hineingefressen, und „nun mit den
Engländern ins Meer“ jubelten, ihres gelungenen Durchbruchs sicher, die
verschiedenen Regimenter der verschiedenen deutschen Stämme sich zu,
schon wurde der Befehl erteilt: „Kavallerie vor!“ ... da setzte
unerwarteterweise eine Reservedivision Kanadier zum Gegenstoß an, und –
das Sperrfeuer der eigenen Artillerie blieb aus, alle Gewehr-,
Handgranaten- und Maschinengewehrmunition war verschossen, keine Hilfe
weit und breit, kein einziger Schuß krachte, nur die feindliche
Artillerie hieb mit den schwersten Brocken herein, Staubsäule um
Staubsäule dampfte hoch, und ein zäher entsetzlicher Bajonett-, Messer-,
Spaten- und Würgkampf begann, Mann gegen Mann, bis am Abend die
deutschen Truppen gezwungen waren, die eroberten Positionen Schritt um
Schritt und unter den ungeheuersten Verlusten aufzugeben, und die Lücke
in der feindlichen Front wieder restlos geschlossen war.
Noch in derselben Nacht wurde bekannt:
Die Munitionsfabriken im deutschen Vaterland streiken. Die
Artilleriemunition im ganzen Frontabschnitt ist zu Ende. Das Messer
zwischen die Zähne, heißt es jetzt, und mit den blanken Leibern die
Front, wenn sie wo einreißen sollte, gestopft ... Auf keinen
Artillerieschuß sei für die nächsten Tage zu rechnen ...
Ein wilder Racheschwur schoß aus den Herzen der Frontkämpfer hoch; die
Finger reichten keinem, die Zahl der ihm lieben Kameraden, die er heute
verloren hatte, abzuzählen; wutentbrannt zerstampften manche die Pakete
mit Liebesgaben und drohten mit schreckensverzerrten Gesichtern:
„Dolchstoß von hinten! Na, wartet nur, wenn wir zurückkommen! Da werden
wir gründlich mit diesem schmierigen sozialistischen Gesindel aufräumen
...“
Doch das war bald vergessen. Die meisten wurden, wie es Peter wenigstens
damals schien, selbst bald Handlanger dieses sozialistischen Gesindels,
machten schlapp, knurrten, und die Erschießung von mißliebigen
Offizieren von hinten kam immer häufiger vor ... Selbst tagelanges
Baumanbinden gegen Insubordination und einzelne Füsilladen nützten
nichts ... Die moralische Auflösung der deutschen Front begann ...
* * * * *
Eiskalt vor innerer Erregung, mit haßerfüllten Augen blickte Peter auf
seine Umgebung.
„Pack schlägt sich, Pack –“
„Nein, wir hätten die Waffen nicht –“
Doch auch die Treuesten und Zuverlässigsten hatten sich bereits in die
Mauselöcher verkrochen.
Wieder rauschte ein Zug vorbei mit Hurras und vielen roten Fahnen ...
Ein pockennarbiger krummgewachsener Zivilist trat auf Peter zu, riß ihm
die Kokarde ab: „Aas!“
Peter stand wie gelähmt, lächelte und stotterte etwas.
Der andere war schon fort.
Dann preßte er zwischen den Zähnen hervor:
„Hunde! Schweine! Lügner! Ihr gottsjämmerlich erbärmlichen Schufte ...“
* * * * *
Der Herbststurm fegte. Die Dächer auf den Häusern klapperten. Zu einem
Skelett kahl gefressen war rings die Welt ...
„Eine feste Burg ist unser Gott!“
Dieser Choral dröhnte mächtig auf in ihm, von Tausenden von
Glockenspielen umläutet, in wunderbaren Klangspiralen, und hoch die
Sterne glänzten, das Firmament wölbte sich in raumlosen unbegrenzten
Schleifen und Kurven, und sprühte ... War das nicht der Abglanz von
Gottes Angesicht, jenes myriadenäugigen Gottes, des allfühlenden, des
allerkennenden, jener Abglanz von Gottes Angesicht, der den Abgrund, der
die Welt hieß, mit einer schimmernden firnisartigen Schicht überzog, mit
dem Glanz der Verklärung, der dieses diesseitige Jammertal überhaupt
erst für den Menschen erträglich machte? Jenes Gottes, dessen Atem
gleich Ebbe und Brandung war, dessen Sekunde ein Tausend Menschenjahre
in sich faßte und in dessen Allmacht es stand, die allerhöchsten
Bergmassive, die es auf der Menschenerde gab, leichthin wegzublasen wie
ein Sandkorn!? Das Meer, alle die großen und kleinen Ozeane, wären nicht
mehr gewesen als nur ein einziger Schluck in der Schale der göttlichen
Hand. Und war nicht die ganze Welt ein einziges Riesenorgelwerk, rühmend
des Ewigen Ehre, eine jede Kreatur ein besonderes Register darin, darauf
der Schöpfer des Weltalls, der Schöpfer der heiligen Ordnung aller Wesen
und Dinge, spielte, er, das Urbild aller Geschaffenheit, große, kühne,
erhabene Akkorde, auch schrille Dissonanzen darunter, doch nur dazu da,
um am Ende in einem desto gewaltiger schwellenden Halleluja sich
aufzulösen ...!
* * * * *
Eingepfercht zwischen durch und durch verlausten und völlig
verwahrlosten Mannschaften, die zynisch auf Gott, Kaiser und Vaterland
fluchten, rollt Peter der Heimat zu.
III
Peter fand seine Eltern zu Hause in niedergedrückter Stimmung.
Zwar hing ein Kranz mit „Willkommen“ und schwarzweißroter Schleife über
der Tür, aber die ausgeweinten Augen der Mutter verrieten ihm, daß sie
schon viele Tage und Nächte hindurch an einem Wiedersehen mit dem Sohne
gezweifelt hatte.
„Da ist er ja!“ umarmte ihn der Vater. „Nun also doch! Als ein tapferer
deutscher Held bist du uns wiedergeschenkt. Du hast dich auch rein
gehalten, das seh ich dir an. Flecken- und makellos hast du dir das
Schild deiner Ehre erhalten. Und das eiserne Kreuz! Nun kann ich mich
beruhigt sterben legen ... Welch eine Freude!“
„So, Peter, gut so, daß du wieder da bist!“ begrüßte ihn die Mutter, die
indeß weißhaarig geworden war und eine gebückte Haltung hatte.
„Nun ruh’ dich aus! Der Krieg ist ja zu Ende.“
Dies sagte sie in einer merkwürdig singenden Sprache, in einem Tonfall,
den Peter bisher noch nie an ihr wahrgenommen hatte.
Peter schwieg. Er stand da, mitten im Zimmer, den Stahlhelm noch immer
unterm Arm. Er hatte Tränen in den Augen.
Aber das, wie es die Mutter gesagt hatte, klang so, als ob der Krieg
garnicht zu Ende sei, nie auch zu Ende sein könnte, als ob er
weitergehe, und nur ein Schlachtfeld mit dem anderen sich vertauscht
habe, vielleicht sogar: Volksgenosse gegen Volksgenosse. Nach den
letzten Ereignissen zu schließen: ja, vielleicht sogar mitten in
Deutschland: der Muskel gegen den Nerv, Sehne wider Sehne, das Mark
eines Volkes gegen das Mark, das Herzinnere gegen das Herzinnere ...
Klang es nicht so, was die Mutter gesagt hatte, als ob man überhaupt nie
zu Ende kommen könne damit, als ob dieser Krieg nur ein Vorspiel, ein
harmloses sogar, gewesen sei, und als ob die Rückkunft ins Elternhaus
für Peter auch nur eine kurzbemessene Rast sei, um bald darauf wieder
...
Als ob der Krieg sei wie ein Strom ... Nun, da Frieden ist, fließt
unsichtbar er dahin, unterirdisch, überschüttet von irrnisblendendem
Gestein, um auf einmal aber, denen nur unerwartet, die das
Bewegungsgesetz des Stromverlaufs nicht kennen: stäubend, gurgelnd,
strudelnd auf die Erde wieder hervorzubrechen.
„Nein, der Krieg ist nicht zu Ende!“ schrie es in Peter innerlich auf,
als er seiner Mutter in die Augen sah, in die angstverzerrten,
kümmernisstumpfen Augen. „Der Frieden, das ist ja ein ganz ungeheuerer
Betrug, eine Art Betäubungsmittel, Beruhigungspulver ... Der Krieg hat
begonnen, um nicht mehr zu enden. Seuchenisolierbaracken, Lazarette, ja
so, genau so wie ich sie gesehen und erlebt habe: weiterbauen werden die
sich durch den ganzen Weltraum hindurch ... Jetzt schläft er; der Krieg
hat sich ein wenig nur hingelegt, um zu schlafen; der Krieg, hört ihr
es, schnarcht. Der Krieg schläft seinen Blutrausch aus ... Dann steht er
wieder auf, frisch, kräftig, hungrig, unersättlich, wie er ist, schwingt
sich in die Lüfte, fliegt! fliegt! fliegt! Ja, fliegen wird er diesmal
und einen giftigen Samen niederstreuen, Giftgas, Samen: Gas, Gas, Gas
... Und aufgehen wird dieser Samen, ein entsetzliches Geschwür in jeder
Menschenbrust, als brandiger, blasenziehender Aussatz über der ganzen
Hautfläche, als eine Wucherung, die wüsten Wahnwitz in jedem Gehirn
zeugt ... Welch eine Tiefen-Wirkung! Tod wird er ernten in Hülle und
Fülle ...
„Wer aber ist der Krieg!?“
„Die Menschen!?“
„Und welcher Art Menschen sind es!?“ –
* * * * *
Nach Tisch stand der Vater auf, zog sich an und fragte Peter:
„Kommst du mit zum Trio!?“
Mit einem Blick auf die Mutter sagte Peter zögernd ja ...
Auf dem Hinweg begann der Vater:
„Du weißt doch Peter, daß du nicht den Oberstudienrat Dr. Reuchlin nach
seinem Sohn fragen kannst. Das ist ein wunder Punkt. Nicht daran rühren!
Der alte Mann ist zu bedauern. Man muß sehr taktvoll und zurückhaltend
sein. Schrecklich, so ein Schicksal.“
Peter nickte nachdenklich.
„Das war doch ein wunderbar prächtiger Bursche, der junge Reuchlin, ich
verstehe das nicht ...“
„Ja, mir ist das auch ein Rätsel. Geistige Umnachtung unter Umständen,
Verwirrtheit wahrscheinlich. Anders ist das nicht zu erklären ... Und
welche Sorgfalt in der Erziehung hat er seinem Jungen angedeihen lassen
... Merkwürdig, wie ein Mensch so aus der Art schlagen kann ...!“
* * * * *
Am Trio, das regelmäßig einmal in der Woche in der prächtig
ausgestatteten Achtzimmerwohnung des unverheirateten Dekan Lampert
stattfand, nahmen teil die Herren Fabrikbesitzer Joachim Hellmer,
Oberstudienrat Dr. Reuchlin und Peters Vater, der Landgerichtsdirektor
Dr. Friedjung.
Diesmal waren noch zugegen als Gäste Oberstleutnant Hugenberg, Emil
Freywolf, Redakteur einer größeren liberalen Tageszeitung,
Kriegsberichterstatter, und ein gewisser Paul Bratz, der in der
Gesellschaft als eine ausgesprochene Abenteurernatur galt, früher
Leutnant der Schutztruppe, während des Krieges aber dauernd aus dem Heer
wegen chronischer Trunksucht beurlaubt; er lungerte in dieser Zeit in
allen Sanatorien Deutschlands herum und interessierte sich für
Frauenjagd.
Die Gesellschaft war schon versammelt, als Dr. Friedjung und sein Sohn
eintraten.
Die meisten Herren kannte Peter schon.
„Und wie er sich verändert hat! Mein Sohn, viel männlicher, ganz zu
seinem Vorteil.“
Breit und behäbig, wie ein Luther-Standbild, pflanzte sich der Dekan vor
Peter auf.
„Na ja, der Krieg ist der beste Lehrmeister! Da sehen Sie mal wieder!
Gott hat seinen Anteil daran. Gott hat gewollt, daß gerade wir dieses
Gericht vollziehen sollen, und die Reinheit des sittlichen Gewissens ist
auf unserer Seite. Wie der Ausgang des Krieges in Uebereinstimmung mit
dieser Tatsache zu bringen ist: Gottes Rat ist unerforschlich.
Wahrscheinlich haben sich große Volksteile Deutschlands, vor allem die
unteren Schichten, an die Arbeiterbevölkerung der Industriebezirke denke
ich da vor allem, noch nicht als genügend geläutert für diese göttliche
Aufgabe erwiesen. Wir gehen schweren Zeiten entgegen. Doch die Jugend
gehört uns und damit die Zukunft, und wenn die ganze Jugend Deutschlands
aus lauter Friedjungs bestünde: dann, dann kann Deutschland nicht
untergehen ... Nun, mein Sohn, nimm Platz ...“
Noch einen Augenblick verharrte der Dekan bei seinem Augenaufschlag.
„Nun, habe ich es nicht immer gesagt, den preußischen Leutnant macht uns
so leicht niemand nach ...“
Herr Bratz holte das verborgene Monokel hervor und klemmte es fest.
Landgerichtsdirektor Friedjung bedankte sich nach allen Seiten hin für
die Gratulationen.
Nur dem Oberstudienrat Dr. Reuchlin drückte er stumm die Hand.
„Wird schon wieder werden ... Nur Kopf hoch! Mut ...“
„Ein Junge mit solcher Begabung wie der Ihre, Herr Landgerichtsdirektor
... ich schlage vor: Bankfach. Das ist heute noch am aussichtsreichsten
...“
Der Fabrikbesitzer fand allseitige Zustimmung.
„Ich wäre natürlich auch bereit, ihn bei mir unterzubringen ... Ich
brauche absolut zuverlässige, gegen jedes Streikgelüste immune Leute,
heutzutage mehr denn je ...“
Inzwischen hatten der Redakteur, der Oberstleutnant, Herr Bratz, eine
Gruppe gebildet.
„Richtig so, ganz so ist es, wie Sie sagen: Der Krieg ist nicht nur ein
notwendiges Element im Völkerleben, sondern auch ein unentbehrlicher
Faktor der Kultur, ja die höchste Kraft und Lebensäußerung wahrer
Kulturvölker.“
Der Oberstleutnant ergänzte begeistert den Redakteur:
„Nicht nur eine biologische Notwendigkeit, sondern auch eine sittliche
Forderung und als solche ein unentbehrlicher Faktor der Kultur ...“
„Meine Herren! Lassen Sie sich schildern, wie die Zivilisation in den
Kolonien vor sich geht. Wir brauchen Kolonien, das ist eine
Lebensnotwendigkeit für das deutsche Volk. Kolonialarbeit ist aber
notwendigerweise Blutarbeit und durchaus durch die Verdrängung des
Heidentums durch das Christentum gerechtfertigt. Wir sind immer mal
wieder gezwungen, da unten einen großen Kehraus mit den Schwarzen zu
machen. Selbst Ausrottung ganzer Stämme mitsamt ihren Stammsiedelungen
sind dabei leider Gottes nicht zu vermeiden ... Kultur! Kultur! ... Und
überdies zum vorigen Thema: Sie haben ja die Ermordung des
österreichischen Thronfolgers gestreift: ich sage: wenn je ein Blutopfer
eine befreiende, eine erlösende Wirkung gehabt hat, so war es dieses
...“
Die Gruppe löste sich wieder auf und schloß sich der allgemeinen
Diskussion an.
„Im übrigen: meine Ansicht ist die: die Sozialdemokraten, mag man gegen
sie haben was man will, die müssen jetzt die Sache schmeißen. Wir müssen
uns auf eine Politik auf lange Sicht einrichten ... Unsere Zeit kommt!
Abwarten ...“
Bratz widersprach energisch dem Fabrikanten.
„Nein, nun ganz und gar nicht.“ Er sprach von illegalen Organisationen,
Attentaten, Verschwörerklubs, Kampftrupps, die sofort aus den aktivsten,
zuverlässigsten vaterländischen Elementen gebildet werden müssen, um den
Novemberverbrechern energisch auf den Leib zu rücken ... „Wie Sie sehen:
die Arbeiterschaft ist in zwei feindliche Lager geteilt. Die Sozialisten
werden nicht umhin können, im Kampf gegen die Spartakisten sich unserer
Hilfe zu bedienen, wir werden und müssen uns diese Dienste so teuer wie
nur möglich bezahlen lassen ... Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan,
der Mohr kann gehen ... So wird man uns nicht abfinden. Nie und
nimmermehr ...“
„Meine Herren, streiten wir nicht! Ich bin für zwei Eisen im Feuer!“
vermittelte der Dekan. „Auf legale Art und auch die Vorschläge des Herrn
Bratz dürfen wir nicht ganz und gar außer acht lassen ... Dem Volk muß
die Religion auf jeden Fall erhalten bleiben. Denn nicht auf
Gescheitheit oder Dummheit des Einzelnen kommt es an, sondern auf die
Erlösung der Seele. Was für den Einzelnen gilt, gilt auch für das Ganze.
Einkehr, innere Wandlung, das ists, was vor allem not tut.“
Nun sprach auch Peters Vater:
„Die Hauptsache ist, daß die Staatsautorität erhalten bleibt. Ich
meinerseits habe bei den Sozialdemokraten seit Kriegsbeginn nichts
gelesen, was der Lehre von der Unantastbarkeit des Staates zuwiderliefe.
Im Gegenteil, ihre Partei hat sich während des Krieges ihre nationale
Vergangenheit geschaffen! ... Und meine Herren, die Staatsform kann uns
doch schon wirklich ganz egal sein, auf den Inhalt kommt es an.“
Der Oberstleutnant fiel ihm ins Wort:
„Allerdings, jetzt heißt es Schritt für Schritt, so zäh wie nur möglich,
unsere Positionen verteidigen, die Sozialdemokraten regieren lassen,
heimlich ihre Regierung infamieren und sie so in den weitesten
Volkskreisen unmöglich machen, und zwar ein für allemal, um dann, wenn
so der Staatsapparat relativ intakt in unserer Hand bleibt, eines Tages,
wohlbemerkt, ich rechne mit Jahren, zum Generalangriff überzugehen ...
Meine Herren! Man kann die Erfahrungen des Krieges auch auf den Frieden
anwenden ... Jedenfalls, eine Voreiligkeit, eine zu frühe öffentliche
Preisgabe unserer Entschlüsse könnte uns teuer zu stehen kommen. In
diesen Tagen der roten Hochflut wird auch der geringste taktische
Fehler, meine Herren, mit Blut bezahlt ...!“
„Es ist schon so!“ bestätigte auch der Oberstudienrat Dr. Reuchlin, „man
muß mit den Wölfen heulen. In unserem Herzen sind und bleiben wir
Monarchisten, jawohl. Aber in der Praxis könnte es sogar unter Umständen
möglich sein, daß wir uns mit der Republik abfinden. Wer will
prophezeien, es könnte gar der Tag kommen, wo wir die treuesten Stützen
der Republik sind ... Spotten Sie nicht, schütteln Sie nicht ungläubig
die Köpfe ...“
„Oh!“ rief pathetisch Bratz dagegen ... „wenn der Schicksalstag naht,
und wäre über uns Ragnarök, die Götterdämmerung verhängt, dann lieber in
tobender Schlacht als in schleichendem Siechtum ...“
„Auch ich finde, Dr. Reuchlin, das klingt bedenklich nach Kant,“
philosophierte jetzt der Dekan. „Also Monarchie wäre demnach die einzige
rationelle Staatsform, aber sozusagen nur als ein Postulat der
praktischen Vernunft, deren Verwirklichung zwar nie erreicht wird, deren
Erreichung aber stets als Ziel angestrebt wird und in der Gesinnung
festgehalten werden muß ... Auch christlich terminologisch ließe sich
das ausdrücken ...“
„Meine Herren,“ knurrte jetzt der Oberstleutnant dazwischen, „ich finde,
das Gespräch führt uns jetzt zu weit ab ... Besser ist: wenig davon
sprechen. Immer daran denken ...“
„Jawohl, auf die Tat kommt es an,“ schloß Bratz ...
* * * * *
Der Landgerichtsdirektor saß am Flügel.
Der Fabrikant stimmte die Violine.
Oberstudienrat Dr. Reuchlin bediente das Cello.
„Wir haben das letztemal Beethoven geübt. Wir wollen sehen, was davon
hängen geblieben ist.“
Das Trio begann.
Der Landgerichtsdirektor zählte den Takt mit ...
Verstreut saßen der Redakteur, der Oberstleutnant, der Dekan, Bratz und
Peter im Zimmer herum.
Der Dekan dachte an die Sonntagspredigt. Man mußte vorsichtig sein und
alles in Gleichnissen ausdrücken; auch machte ihm die Möglichkeit einer
Abtrennung von Kirche und Staat einige Sorgen. Für die Predigt am
kommenden Sonntag suchte er noch immer den passenden Text. Er war
bekannt dafür, daß er so ergreifend sprach, daß die Leute weinten ... Da
fiel ihm jenes berühmte Pauluswort ein: „Und hättet der Liebe nicht
...!“ In der Tat vortrefflich. Er zog ein Notizbuch und skizzierte die
Disposition. Natürlich Liebe, Liebe und nochmals Liebe: Christentum und
Sozialismus, Sozialismus und Christentum: nur zwei verschiedene
Ausdrücke für im Grunde ein und dasselbe. Versöhnend wirken! Und zu was
Besserem könnte man auch in solchen Zeiten ermahnen, als zur Liebe,
innerer Einkehr, Arbeit an sich selbst; die Staatsform und die äußeren
sozialen Fortschritte erst in zweiter Linie. Der Mensch ist die
Hauptsache, der innere Mensch, auf das Seelenheil des Menschen kommt es
an ... Und die Klänge des Trios beschwangen ihn: er notierte fieberhaft,
und als die Herren mit einem wunderbaren _piano pianissimo_ geschlossen
hatten, wobei besonders die Violine ergreifend zur Wirkung kam, sprang
er freudigst erregt auf:
„Danke, meine Herrn! Hier meine Sonntagspredigt! Vortrefflich gelungen
...“
* * * * *
Peter hatte während des Konzerts allerlei groteske Einfälle.
„Das Frontschwein badet im Konzert!“ Oder, „Ohrenschmarrenschmaus“
und „Sonntagspredigtbraten“, „Ragout aus sanftlebigem
Oberkonsistorialrat-Fleisch“ usw. Auch betrachtete er geradezu mit einem
wollüstigen Ingrimm den Herrn Bratz neben sich, diese beständig nervös
grimmassierende Monokel-Fratze ...
Aber auch der Journalist war nicht müßig geblieben.
In seinem Gehirn stand schon der Leitartikel „Vom neuen Zeitgeist“ fix
und fertig. Hier waren die Sünden und vielen Fehlerhaftigkeiten des
alten vergangenen Regimes scharf und präzis kritisiert, dann aber auch
das Gute, Edle und Wahre vergangener Zeiten sorgfältig und liebevoll
dargestellt, das es nun weiter zu pflegen und zu hegen gelte, und am
Schluß war als Bilanz die beschwörende Formel gegen den Bolschewismus
und gegen die alle geistigen und sittlichen Kulturwerke bedrohende
Anarchie angebracht. Einige Berichte Reisender aus Rußland, Greuelszenen
voll phantastischer Anschaulichkeit waren nicht ungeschickt
eingeflochten und vor allem volltönend und warnend zugleich war die
Stimme, die er für die Unantastbarkeit des Privateigentums erhob.
Bratz dagegen döste zwischen „Farbenklavier-Klavilux“, „Sonnenmaschine“
und der „Wirkung des Grammophons auf Neger“ dahin und dachte dann
konzentriert an Lucie, ein Rasseweib, Kellnerin in einer Bar, und wie
man Geld auftreiben könne, die Weiber kosten Geld, das ist eine alte
Sache. Vielleicht gehts mit einem Spielklub, der vaterländische
Verschwörerklub, dem er auch nebenbei angehörte, war noch nicht recht in
Schwung, die Geldgeber zogen noch nicht, doch was nicht ist, kann
immerhin allemal noch werden ...
Der Oberstleutnant gab sich willig der Musik hin.
Zwar Marschmusik ist es nicht, überlegte er, auch reizen Blasinstrumente
nicht so sehr zum Träumen. Aber Kunst ist es, erhaben und großartig. Nur
die Künstler, das ist eine andere Sache ... Gegenüber dem
undisziplinierten Beethoven da war doch Goethe ein ganzer Kerl ... Und
dann bemerkte er unwillig, daß er Zivil trug. Die schöne alte Uniform.
Vielleicht werde ich es noch einmal erleben: Sonnenglanz, die Brust voll
Orden, die Straßen zur Parade abgesperrt ... schon dröhnt der
Stechschritt ...
Da eben schloß das Trio mit pianissimo. –
* * * * *
Noch einige Stücke. Ein Violinsolo. Ein Marsch, auf besonderen Wunsch
des Oberstleutnants, und der Trio-Abend war beendet.
Man blieb nun noch bis über Mitternacht gemütlich zusammen.
„Die Einwohner müßten sich zum Schutze ihres Eigentums zusammentun, für
Ruhe und Ordnung, gegen Bürgerkrieg und Anarchie.“
„Ist schon erwogen bezw. beschlossen.“
„Im übrigen: was unsere Revolutionäre anbetrifft, vom Schlage solcher
Bürschchen wie Toller, die jetzt den Mund so voll nehmen, so dürften die
uns nicht besonders gefährlich werden. Sie sind eitel bis zum
Ueberlaufen, man muß sie hätscheln, ausgemachte Windbeutel, mit denen
nicht fertig zu werden, das wäre zum Lachen ... Man muß sie nur ein
wenig mit einer Verbeugung vor ihrer Genialität, wovon sie natürlich
keine Spur besitzen, kitzeln, man muß ihnen geschickt durch die Presse
einreden, sie hätten eine weltgeschichtliche Mission, dann strecken sie,
von sich selbst fasziniert, eitel bis zum Brechreiz wie sie sind, gleich
alle Viere von sich und man kann alles, was man nur will, mit ihnen
anstellen. Da sind die Bolschewisten schon andere Kerle, aus einem Guß,
die wenigstens wissen was sie wollen. Mit denen ist nicht gut Kirschen
essen. Russische Glut, amerikanische Gründlichkeit: das sind ihre
Hauptqualitäten, das muß ihnen auch ihr ärgster Feind lassen ...“
„Gewiß auch in der Schule weisen wir jetzt in jeder Unterrichtsstunde
darauf hin, welche Gefahren dem deutschen Vaterlande drohen. Na, unsere
Jungens sind alle Gott Lob und Dank vernünftig und würden sich sofort
wieder zur Verfügung stellen wenn es losgeht ...“
„Sicher auch Ihr Herr Sohn“, zwinkerte der Dekan zu Peter hinüber, der
wie versteinert dasaß.
„Aber das ist ja selbstverständlich!“ antwortete für ihn der Vater. „Er
ist gegen jede Art bolschewistischen Giftes gefeit. Im Trommelfeuer zu
einer undurchdringlichen Panzerhaut geschmiedet. Ein Friedjung und
Bolschewist: das scheidet sich wie Feuer und Wasser.“
„Das meine ich auch!“ lächelte der Dekan befriedigt.
Man tat noch einen langen Zug aus der Zigarre, leerte den Rest aus dem
Bierglas und stand auf.
„Also sagen wir Dienstag, nächste Woche!“
Man stand schon an der Tür.
„Aber wollen wir so auseinandergehn, nach solch einem Abend, es ist ja
immerhin in gewisser Weise das Willkommfest des jungen Herrn Friedjung
gewesen. So unverbindlich auseinandergehn, ohne ...“
Alle stimmten begeistert dem Vorschlag des Redakteurs zu.
Der Landgerichtsdirektor saß wieder am Flügel.
„Aber pst! Leise bitte!“ mahnte der Dekan, „sonst habe ich
Unannehmlichkeiten.“
Und sie sangen mit gedämpften Stimmen:
„Deutschland über alles.“
Peter sang nicht.
Er sprach leise für sich ganz nüchtern und trocken den Text nach. Wie
ein mechanischer Kontrollapparat. Dabei beobachtete er scharf die
Sänger. Und beim letzten Vers sprach er halblaut mit:
„I–h–r ... e–l–e–n–d–e–n– ... S–c–h–u–r–k–e–n.“ –
* * * * *
Unten verabschiedeten sich sogleich die Herren.
Bratz schlug vor dem Oberstleutnant die Hacken zusammen, stand stramm.
Peter verbeugte sich kaum.
Bratz ging noch ein Stück mit den beiden Friedjungs. Er hatte das
Monokel wieder eingesteckt.
„Vorsicht ist am Platz. Meine Devise ist: das Leben so teuer wie nur
möglich zu verkaufen ...“
Und zu Peter gewandt fragte er:
„Wahrscheinlich werden Sie nun doch studieren!? In Berlin vielleicht.
Ich kann Ihnen für einige Korps Empfehlungen geben ...“
„Ich danke“, erwiderte Peter kalt.
Bratz schnitt mit dem Stock durch die Luft, daß es pfiff.
„Hören Sie, das ist der preußische Pfiff ... Bald kommt der große, der
heilige, der entscheidende Tag ...“ Dazu summte er schmalzig eine
Melodie. „Wissen Sie woraus das ist. Nein?! Aber ... Wagner
„Tannhäuser“, dritter Akt ...“
„Ich denke an den armen bemitleidenswerten Oberstudienrat. Wie Söhne zu
Fallstricken für ihre Väter werden! Armer alter gebrochener Mann ...“
Sinnierte der Landgerichtsdirektor. –
Es war ein öffentliches Geheimnis: Dr. Reuchlins Sohn war wegen Meuterei
und Hochverrat im Felde vor ein Kriegsgericht gestellt, zum Tode
verurteilt und erschossen worden.
IV
Peters Mutter war noch wach, als Vater und Sohn vom Trio nach Hause
kamen.
Peter saß nun mit seiner Mutter allein.
„Mein Kind, du hast Schweres durchgemacht. Ich will dir nun sagen: wenn
du wieder von zu Hause fortgehst, dann ist auch meine Zeit gekommen. Du
weißt vielleicht, ich lebe mit dem Vater sehr schlecht. Nur deinetwegen
bin ich geblieben. Aber du bist ja jetzt erwachsen, und du hast mich
nicht mehr nötig ...“
„Doch, doch!“ wollte Peter stammeln, aber er konnte kein Wort
hervorbringen.
„Es ist am besten, Peter, ich nehme gleich heute von dir Abschied: du
bist ein Musterbeispiel für einen idealistisch gesinnten jungen
Deutschen. Wie du dich durch diese Zeit hindurchschlagen wirst! Auf
welche Art und Weise du mit ihr fertig werden wirst!? Was aus dir noch
werden wird ... Fast ist’s mir als ob ich es wüßte. Ich ahne schon so
etwas. Aber ich will darüber schweigen. Kurz und gut: Laß die Leute
reden, Peter, und geh deinen Weg ... Das soll unser Abschied gewesen
sein. Leb wohl! Gute Nacht!“
Wieder schwieg Peter.
„Aber was ist die Wahrheit!? Was soll ich tun ...“
* * * * *
Und Peter schlief einen unruhigen Schlaf.
Er schlief in demselben Zimmer wieder, in dem er schon als Kind
geschlafen hatte, dort an der Wand hingen noch die Eichenkränze, die
ersten Preise aus Wettschwimmen und Fußballspielen, und dort obenauf im
ersten Schubfach des Schrankes lagen noch durcheinander Schulbücher und
Hefte.
Direkt aus dem Gymnasium war er ins Regiment eingetreten, in der Zeit
seiner militärischen Ausbildung kam er nur selten nach Haus. „Und jetzt,
jetzt, was soll aus mir werden.“
Peters Vater war Landgerichtsdirektor, ein Richter in höherer
Staatsstellung, dessen schönster Tag in seinem Leben war, wie er nie
müde wurde zu betonen: damals, als Peter auszog mit dem
Freiwilligenregiment, Blumensträuße am Helm und einen vorne im
Gewehrlauf: das war ein großartiger erschütternder Marsch lauter
prächtiger junger Menschen unter dem Gesang „Die Vöglein im Walde ...“
auf den Bahnhof. Ihm zur Seite auf dem Trottoir, schritten damals Vater
und Mutter, beide schluchzten, Peter schluchzte und lachte freudig auf
dazwischen, die ganze Stadt war mit Fahnen, Girlanden und Blumen
geschmückt: der Auszug dieses Freiwilligenregiments war ein großes
Freudenweinen ...
* * * * *
Vor vielen Jahren belauschte einmal in diesem Zimmer Peter eines Nachts
ein Gespräch zwischen Vater und Mutter.
Peters Vater war damals Staatsanwalt und Anklagevertreter in dem
bekannten Prozeß gegen den berüchtigten vielfachen Raubmörder Alois
Kneisel. Kneisel wurde zuerst in der chirurgischen Klinik
zurechtgeflickt, da er bei seiner Verhaftung von den Gendarmen verwundet
worden war, und danach dem Scharfrichter überantwortet.
Es muß die Nacht vor der Hinrichtung gewesen sein, denn der Vater hatte
dem Dienstmädchen aufgetragen, ihn pünktlich um fünf Uhr früh zu wecken.
Der Wecker wurde sorgfältig gestellt.
Auch waren Gehrock, Zylinder, weiße Glacéhandschuhe herausgerichtet
worden, die guten Schuhe, ein frisches steifes Hemd und die Manschetten
mit den rubinroten Knöpfen.
Peter legte das Ohr dicht an die Wand, als er die ersten aufgeregten
Worte der Mutter vernahm.
„Nein, Heinrich, ich kann mit dir beim besten Willen nicht mehr
zusammenleben“, weinte die Mutter, „du bist ein Mörder, mitschuldig an
einem ganz gemeinen barbarischen, infamen Mord ... Ich flehe dich an,
laß mich fort von dir ...“
Der Vater sprach ruhig und mit sehr tiefer Stimme vom Staat, von der
Notwendigkeit der Erhaltung der Autorität, von der modernen
Straftheorie, wonach Strafe erstens: Sühne im religiösen Sinne sei, dann
auch ein prophylaktisch wirkendes Abschreckungsmittel und drittens:
Befreiung der Gesellschaft von der Gemeingefährlichkeit gewisser
menschlich minderwertiger Subjekte.
Jedoch: des Vaters Gegenargumente fruchteten bei der Mutter nichts.
Immerfort schluchzte die Mutter noch:
„Das ist Heuchelei, abgrundtiefe Verlogenheit ... Ich kann es nicht so
in Worten ausdrücken, aber mein Gefühl, mein Instinkt sagt es mir ...
Ach Gott, o Gott, o Gott, daß du das nicht einsiehst. So verstockt, wer
hätte das gedacht ...“
Und die Mutter weinte die ganze Nacht still vor sich hin.
Einmal schrie sie:
„Siehst du ihn nicht vor dir: das Gesicht seiner letzten Nacht: groß,
ungeheuer und der Hals ist da, warm der Rumpf darunter ... dieser in die
Länge gezogene Blick ... Pfui, wie du mich anekelst ... Ich kann es
wirklich nicht mehr länger mit dir aushalten ...“
Wieder kam ein Weinanfall.
„Du haßt mich also“, fragte der Vater.
„Läßt du mir das Kind!?“
„Auf keinen Fall ...“
„Damit du ihn auch zu einem Verbrecher deiner Art, zur gemeinsten und
tierischsten Art Verbrecher, die es auf der Welt gibt, erziehen
kannst!?“
Ein schwerer Schlag.
Ein Schrei, der hoch und schrill war ...
Trotzdem Peter damals erst acht Jahre alt war, wußte er sofort:
„Der Vater hat die Mutter niedergeschlagen.“
Und Peter taumelte, als ob er selbst den Schlag erhalten hätte, fiel ins
Bett zurück und versank tief in einen ohnmachtähnlichen Schlaf.
Wie ein Goldregenschwarm sangen Scharen von Engeln darin, wie Bienen
sahen sie aus und die Erde darunter war wie eine klotzige,
schattenhafte, geschwollene Blutkugel. Und die Mutter war da, eine
überlebensgroße Gestalt, streichelte ihm zärtlich die blutende
Kopfwunde, und Peter strengte sich sogar an, ordentlich viel zu bluten,
das blutende Blut tat ihm wohl, es rann und blühte in unendlich vielen
Knospen und Beeren im Himmelsgarten ...
* * * * *
Die Mutter war in der Nacht noch auf und davon gelaufen.
Der Vater stand pünktlich früh um fünf auf.
Als er mittags nach Hause kam, schaute ihn Peter groß und fragend an.
„Hat er ihn jetzt wirklich umgebracht?!“ Aber die Kleidung des Vaters,
der jetzt ein bequemes Hausjöppchen trug, war tadelfrei, schwarz; wie
anlackiert sah er aus. Nirgends ein Blutspritzer, nicht einmal an den
Manschetten. „Ob er eine Schürze sich umgebunden hat, so wie im
Schlachthaus?“ Peter wollte erfahren, ob er das eigenhändig gemacht hat,
mit dem Beil oder mit einem scharfen Rasiermesser. Immer noch schaute
Peter groß und fragend. Der Vater aber schwieg, erkundigte sich nach
Peters Schulaufgaben und ließ sich dabei den Gansbraten schmecken.
* * * * *
Nach acht Tagen kam die Mutter zurück.
Des Kindes wegen.
„Die Kindheit eines Menschen ist entscheidend. Wie es auch gewesen sein
mag, Heinrich, das was zwischen uns beiden ist, ist Nebensache. Mein
Entschluß ist: ich bleibe ... Ich kann nicht anders ... Und dabei bleibe
ich auch: die Todesstrafe anzuwenden innerlich berechtigt ist man meiner
Meinung nach nur solchen gegenüber, die ein System, dem dieses Greuel
zugehört, mit Gewalt aufrecht erhalten wollen ...“
* * * * *
Seit jener Nacht aber war die Mutter eine andere geworden.
Etwas seltsam, absonderlich, sagten die Leute, es muß ihr etwas auf die
Nerven gegangen sein ... Vielleicht auch eine Gemütskrankheit ... Sie
achtete nicht mehr auf die Kleidung, tagelang aß und trank sie nichts,
sie entließ das Mädchen, machte jede Arbeit selbst.
Als der Vater ihr einmal darüber Vorhaltungen machte, das entspreche
doch ihrem Stand nicht, bekam sie einen Anfall. Die Befürchtung
entstand, sie werde über kurz oder lang irrsinnig.
Sie gönnte sich keine Freude mehr. Das dritte Wort hieß: sparen.
Stundenlang saß sie auf dem Balkon, ihre Lippen bewegten sich, sie
nickte mit dem Kopfe, seufzte ...
Vater und Mutter: jeder von beiden ging von da ab seinen Weg allein.
Nur wenn die Sprache auf Peter kam, auf Peters Begabung, Beruf, Zukunft,
dann kreuzten sich für einen Augenblick die beiden Wege, um sich gleich
darauf wieder in entgegengesetzter Richtung zu entfernen. –
V
Und wieder überzog Peter die Erinnerung an den Krieg wie ein dumpfes,
dunstig-tropisches Gewitter:
Da stand der Mensch inmitten platzender Brisanzgeschosse, von
Giftgasnebeln eingeschwadet, unter einem Phosphorfeuerregen, wie unter
einer kreidig-weißen Branddusche. In einer der Taucherkleidung ähnlichen
Uniform gekleidet, die alle seine Bewegung schwerfällig und ungelenk
machte, einen Gasmaskenhelm aufgestülpt, der oben eine oval abgeflachte
Stahlkuppel bildete, der Filteransatz in der Mundgegend: ein kurzer
dicker Rüssel. Schrauben, Griffe, Hebel, Manometer rings an den Hüften;
ein Schläuche-Durcheinander und Drahtgeflechte umspannten den Leib ...
Und nun, wie ein dem ganzen Körper dicht aufgelegtes Pflaster umschloß
ihn diese Uniform, sog, mit dem Giftgas durchtränkt, juckende Blasen auf
der Haut; schon beginnen jauchige gangränartige Wucherungen in Luftröhre
und Kehlkopf; blutiges Erbrechen; es ist ein langwieriges Ertrinken
unter Todesangstschweiß austreibenden Erstickungsanfällen in der eigenen
Körperflüssigkeit; die Lunge schwemmt sich auf, wie ein mit Wasser
vollgesogener Schwamm, um das vielfache ihres ursprünglichen Volumens;
Haut und Uniform werden dabei eins, eine gallertartige nässende, mit
Geschwüren durchklebte Masse, und die Uniform-Haut, die Haut-Uniform
schält sich ab ... und da stand nackt und bloß der Mensch, ein
unförmiges Stück rohen blutigen Fleisches, ausgenommen wie ein
geschlachtetes Vieh bei lebendigem Leib, geschunden nach allen Regeln
der modernen Wissenschaft und Kriegskunst. Die Sonne drückt nieder vom
Himmel als ein glühender Stempel: der ganze Leib wird wie mit flüssigem
Feuer eingebrannt. Und nun quellen ihm noch die geronnenen Augen aus den
schon kohlig vermorschten Stirnhöhlen, zwei weißliche Kugeln, wie bei
einem Fisch, den man siedet ...
Und dieses Stück rohen blutigen Fleisches, das sich Mensch nennt, bewegt
sich, lebt: es ist ein Mensch, es sind ihrer viele, es ist ein ganzes
Menschenvolk, ein ganzes Volk roher blutiger Fleischstücke, mit und ohne
Arm, mit und ohne Bein, kopflos und welche mit bläulich gedunsenen
Köpfen: sind es schon oder sind dazu bestimmt, es in Bälde zu werden;
und die so einem entsetzlichen Schicksal Ausgelieferten beginnen zu
leben, lebendig zu werden, gewinnen das Bewußtsein über sich selbst,
schließen sich zusammen, Blutendes an Blutendes, und marschieren eines
Tages aus Mietskasernen, Fabriken, Massengräbern hervor, hinauf auf die
breite Straße, wo die große, schöne, die heitere, die weite, die
sorglose, die glückliche Welt blüht, wo es thront und promeniert: ein
Trompetenstoß: Achtung, ihr feinen Damen und Herren: stinkendes, rohes,
blutiges Menschenfleisch kommt; ja es kommt, wälzt sich daher wie ein
fauliger Strom, brüllt vor Schmerz, flucht im Chor und knurrt ... Die
Damen raffen ihre Röcke hoch: Vorsicht, daß wir nicht schmutzig werden;
die Herren blicken betrübt auf ihre blutbesudelten Lackspitzen und
Gamaschen ... Nein, die hitzigste Sonne brennt so heiß nicht wie diese
Wundenflecken, so rot wie diese Wundenfarbe ist nie eine Sonne ... und
aus den von Kolbenschlägen zerschmetterten Gebissen, an denen noch wie
an einem Faden an einem Sehnenstrang halbe, dreiviertel Unterkiefer
herumhängen, pfeift, trillert und zirpt ein Gesang: „In der Heimat da
gibts ein Wiedersehen ...“
„Bitte zurücktreten!“ schnauzt der Offizier das blutende Stück
Menschenfleisch an, als es den Absperrungskordon durchbrechen will, der
um den großen Platz, auf dem soeben die Heldengedenkfeier stattfindet,
gezogen ist.
„Ich hatt einen Kameraden!“ spielte eben die Militärkapelle.
Blutige Fackeln leuchten.
„Ich bin der unbekannte tote Soldat!“ Spricht das blutende Stück
Menschenfleisch! „Ich wünsche das Wort zu diesem Thema. Auch ich habe
einiges dazu zu sagen. Ich möchte sprechen.“
„Treten Sie bitte nicht näher ...“ „So eine Gemütsroheit! So eine
Taktlosigkeit!“ zetern schon einige Kleinbürgerseelen drauf los und
ballen wutentbrannt die Fäuste. „Was fällt Ihnen denn eigentlich ein!
Schämen Sie sich denn gar nicht!? In so einem Aufzug, und dazu noch am
hellichten Tag! Splitternackt! ... Sie erregen öffentliches Aergernis!
Das ist ja ein Skandal sondergleichen! Unsere Ruhe wollen wir haben!
Leichenpack! Das ist einfach schofel ...“ „Zurück! Sonst muß ich von
meiner Waffe Gebrauch machen. Ich habe strengste Instruktionen,
rücksichtslos vorzugehen ... Verhalten Sie sich ruhig und stören Sie den
Ernst und die Weihe der Feier nicht! Der Herr Generalfeldmarschall
spricht ...“
„Wer ...!?“
„Bitte sehr, ein letztes Mal, oder ich schieße. Sie haben hier nichts zu
suchen ...“
Aber schon flitzen die Gummiknüppel, die Bajonette stellen sich
wagrecht, die berittene Hundertschaft zur besonderen Verwendung
galoppiert heran, ein Panzerwagen knattert ...
„Sie haben, scheint’s, an einem Tod nicht genug ... Gebt Euch endlich
zufrieden ... Hinunter ins Massengrab oder hinauf wieder ans Kreuz mit
Euch! Als aufbauende Glieder der Volksgemeinschaft kommt Ihr, so wie Ihr
seid, heute nicht mehr in Betracht ...“
In diesem Augenblick stößt ein anderer Zug gegen die Polizeikette, eine
rote Fahne an der Spitze, kräftig tönt der Gesang:
„Einst kommt der Tag, da wir uns rächen,
Dann werden wir die Richter sein ...“
„Das sind die Sachverwalter, die wirklichen Wahrer unseres ungeheueren
kostbaren Schmerzensguts ...“ sprechen die zusammengehauenen blutenden
Fleischstücke ... „in deren Hände hat die Zukunft die Vergangenheit als
Erbmasse gelegt. Darin ist auch unser Schicksal mit inbegriffen.“ –
* * * * *
Mit einem Ruck fuhr Peter aus dem Traum auf, schrie „Jonny“ und beinahe
in greifbarer Nähe stand vor ihm jener arme Teufel vom amerikanischen
Gasregiment, den er bei einem Sturmangriff auf einen der gefährlichsten
feindlichen Minenstollen zum Gefangenen gemacht hatte.
Jonny hatte weder um Pardon gefleht, noch hatte er sich zur Wehr
gesetzt. Mit einem unglaublich traurigen Ausdruck in den Augen sah er
den Deutschen an und drückte ihm einfach herzlich die Hand, als der die
bereit gehaltene Handgranate nicht abzog.
Jonny war der einzige Sohn eines kleinen amerikanischen Farmers,
arbeitete bei Kriegsbeginn in einer Seifenfabrik und war dann zum
Gasregiment eingezogen und gleich darauf nach Edgewood, dem großen
amerikanischen Kriegsarsenal abkommandiert worden.
Drei Monate lag er in Edgewood, dann kam er an die Front.
Auf dem Rücktransport verständigte sich Peter durch einen Dolmetsch mit
ihm und erfuhr, wie dort an lebenden Menschen die Gasschutzmasken und
die bei einer Gaserkrankung anzuwendenden Gegengifte ausprobiert werden.
Zuerst das Tierexperiment, dann der Mensch ...
„Das ist ja Vivisektion!“ entfuhr es Peter und der Amerikaner nickte.
Auch hatte jeder Soldat eine sogenannte zweite eiserne Ration bei sich,
ein Mittel, das im Fall einer Gasvergiftung bei bestimmten Symptomen
gebraucht werden sollte. Dieses Mittel war ein sofort tödlich wirkendes
Gift, das dem über alle Maßen schrecklichen Gastod zuvorkam. Auch
bestand die Absicht, im Fall der Verwendung des Giftgases von Flugzeugen
herab dieses Mittel an die Zivilbevölkerung aller bedrohten Städte
verteilen zu lassen ...
„Ihr an eurem Frontabschnitt scheint ja im Mond zu leben“, bemerkte der
Dolmetsch, als er sah, wie sich Peter darüber wunderte. „Ist bei uns
genau so ... Keine Neuigkeit. Gegen das Giftgas ist bisher auf der
Menschenerde leider noch kein Kraut gewachsen. Da mühen sich selbst die
größten Autoritäten vergebens. Schutz gegen Gas läßt sich nur durch
Maßnahmen schaffen, die praktisch undurchführbar sind ... Wie viele von
uns verunglückten täglich beim Ausprobieren der Gasschutzmaske im
Gasraum! Aber auch das minderwertigste Zeug wird von den Fabriken
geliefert. Das Schlechteste auf diesem Gebiet ist eben gerade noch für
das Frontschwein gut genug. Der nackte und bloße Mensch ist das
billigste Material. Das ganze „Drum und Dran“ verteuert zu sehr die
Sache. Aber der Spaß muß sich rentieren ... Und nicht genug damit: ist
einer einmal gaserkrankt, dann beginnt im Lazarett das Herumdoktern.
Doch Schwamm darüber ... Wer es nicht miterlebt hat, glaubt es ja doch
nicht ...“
* * * * *
Die Unterhaltung zwischen dem Deutschen und dem Amerikaner aber sollte
nicht lange andauern, ein dicker, untersetzter, schwammbackiger
Feldwebelleutnant kam dazwischen, und kaum, daß er des Amerikaners
ansichtig geworden war, holte er seine Repetierpistole hervor, fuchtelte
ein paarmal wild damit in der Luft herum und knallte Jonny mit den
Worten: „So ein Luder!“ nieder ...
„Du Vieh!“ schrie damals Peter auf und löste die Handgranate von der
Koppel.
Herbeistürzende Kameraden machten dem Zwischenfall, der ohne weitere
Folgen für die Beteiligten blieb, rasch ein Ende ...
Eine Woche darauf wurde Peter, durch einen Bajonettstich in den
Oberschenkel verwundet, ins Lazarett abtransportiert.
VI
Dieses Kriegslazarett war eine ausgesprochene Morphium- und Kokainhölle.
Nicht nur der Chefarzt spritzte und schnupfte, sämtliche Assistenzärzte
und das ganze Pflegepersonal waren verseucht.
Dazu lag das Lazarett ständig in stärkstem Feuerbereich, kaum eine Woche
verging, daß nicht ein schwerer Brocken auf eine der Baracken
herunterhagelte und unter dem wahnwitzigen Geheul aller Kranken
krepierte.
In der Zeit, als Peter dort lag – es waren insgesamt drei Monate – kamen
noch täglich nervenzerrüttende Fliegerüberfälle hinzu.
* * * * *
Das Lazarett hieß im Soldatenmund „Giftschaukel“ und war hauptsächlich
mit Gaskranken belegt.
Daneben bestand noch eine eigene Irrenabteilung, doch unterschieden sich
die Kranken nicht wesentlich von einander.
Hier lagen vor allem die Paralytiker, die Silbenschmierer und die
Silbenstotterer. Bei all diesen hatte erst die Erschütterung ihres
Nervensystems durch den Krieg den paralytischen Anfall ausgelöst.
Remissionen kamen auf Grund der Ungunst der Verhältnisse und der sehr
mäßigen Behandlung nur selten vor. Wie ein Katarakt galoppierten sie dem
Grabe zu. –
Aber Kokain wurde nicht nur geschnupft, es wurde bei denen, die sich
daran gewöhnt hatten, auch in ungeheuren Quanten verspritzt.
Zuerst behandelte man die Gaserkrankten mit Salben und Sauerstoff, dann,
wenn, was wenig häufig genug vorkam, die akute Gefahr vorüber war, griff
der Unglückliche zum Morphium, später zum Kokain. Offene nekrotisierende
und bis tief auf die Knochen sich einfressende Wunden hatte bei den
meisten das blasenziehende Agens, d. h. das chemische Kampfmittel
zurückgelassen, mit Verbänden und Schmierkuren war nur wenig dagegen
auszurichten. Der Zustand der Lunge war mehr als trostlos, überhaupt
hatte das Gas bei den meisten tiefgreifende Veränderungen des Blutbildes
hervorgebracht. Die weißen Blutkörperchen nahmen rapid ab, kernhaltige
Blutkörperchen treten auf, die roten Blutkörperchen ändern ihre Form,
nehmen Stechapfelform an und gehen massenhaft zugrunde. Umfangreiche
Pigmentierungen der Haut erscheinen, die durch den freiwerdenden
Blutfarbstoff ein gelb- und graubräunliches bis broncefarbenes Aussehen
erhalten. Auch Eisenablagerungen in verschiedenen Organen, namentlich in
Leber und Milz wurden beobachtet.
Und zu alledem blieb einem Entlassenen noch die angenehme Hoffnung auf
einen sogenannten „Spättod“, der oft genug überraschenderweise erst nach
Jahren eintrat ...
Der Saal, in dem Peter lag, war der „septische“, der Saal, in dem die
„Eiterigen“ untergebracht waren, vor allem die Lungenemphyseme.
Vierzehn Mann kauerten in halb aufrechter Stellung in den Feldbetten,
mit dicken Papierverbänden um den Leib, einen Gummidrain zwischen den
geöffneten Rippen, durch den der jauchige Eiter aus der entzündeten
Lunge herauseiterte. Das Fieberthermometer kreiste beständig im Saal,
die Temperaturen der einzelnen waren das Hauptgesprächsthema.
Ununterbrochen wurde gegen den beizenden Fäulnisgestank „Tannenduft“
gestäubt und die Aerzte kamen nur mit der Zigarre im Munde.
Jeder war mißtrauisch, hinterhältig gegen den andern, belauerte
eifersüchtig jeden Temperaturunterschied, eine ungeheuere Schadenfreude
entstand, wenn bei einem das Thermometer wieder einmal um einige Grad
höherschnellte. Ein jeder rettungslos seiner eigenen Fieberkurve
versklavt: nach ihr schwang der Weltrhythmus. Ja, es kamen auch einige
Prügeleien bei der Essenverteilung vor: die, die sich benachteiligt
glaubten, stürzten sich mit ihren Krückstöcken aus dem Bett, schlugen
auf die ihrer Meinung nach von der Schwester mehr Begünstigten ein, bis
einem der Verband sich auflöste und der jauchige Eiter sich dick auf dem
Fußboden herumschmierte ... War wieder einer „an der Reihe“, wurde er
auf den Gang hinausgefahren, nicht ohne daß ihm einige höhnisch „Gute
Besserung!“ nachriefen ...
Dann die Folterqualen des Dekubitus! Nach kurzer Zeit hatten sich
beinahe alle aufgelegen, hauptsächlich am Steißbein, wo sich trotz
sorgfältiger und häufiger Waschungen mit Spiritus, trotz Salben und
Puders bald faustgroße Löcher bildeten; den Aermsten wurde dann ein
Luft- oder Wasserkissen untergeschoben, aber die Wundlöcher eiterten,
der Kranke faulte jetzt nicht nur von innen und oben, sondern auch von
unten an. Dem also Gefolterten war es, als ob er an den mit dem
Dekubitus behafteten Stellen bei lebendigem Leib auf einer glühenden
Eisenplatte briete.
Dazu tat noch ein übriges die Wirkung der verschiedensten Narkotika.
Es war unmöglich, ohne diese bei den Erstickungsanfällen und
Schmerzkrämpfen auszukommen.
Beim ersten Gebrauch: eine übermütige, durch nichts begründete
Heiterkeit, die Patienten plapperten unermüdlich Tag und Nacht
Sinnvolles und völlig Sinnloses wirr durcheinander, Pläne wurden
geschmiedet, das Modell eines gegen jede Gasart undurchdringlichen
Asbestanzuges mit viel Liebe und Hingabe entworfen, Ideen, phantastische
Vorstellungen jagten und hetzten sich, ein jeder war eigentlich
plötzlich mit seinem Zustande ganz zufrieden, nur, wenn die Schwester
einmal länger als gewöhnlich mit der Spritze ausblieb, dann gab es
förmlich eine Revolte, man heulte und läutete: der ganze Saal krampfte
sich zusammen wie unter einem Tobsuchtsanfall ...
Diesem Uebel wurde bald abgeholfen dadurch, daß man jedem eine
ausreichend große Giftportion zuwies und er sich die Spritzen selbst
machte.
Nun gab es jeden Tag einen neuen Abszeß, es wurde geschnitten, man saß
halbe Tage lang im Warmbad, bis sich der eine oder der andere zuerst
eine weit ausgedehnte Furunkulose, dann eine Phlegmone holte, die sich
über den ganzen Körper ausbreitete, so, daß wo man auch mit der
Injektionsnadel einstach, eitrig-wässerige Flüssigkeit einem
entgegenspritzte.
Einige gingen dabei an Thrombosen zugrunde.
Dann kam zur Abwechslung Kokain in Mode.
Die Kranken hatten das Mittel schon mehrere Wochen gebraucht, als sie
plötzlich Stimmen zu hören vorgaben, Gestalten sahen, die sie bei ihrem
Namen nannten und sie bedrohten, zu wüsten sexuellen Ausschweifungen zu
verleiten suchten, elektrische Nadeln durch die Wände hindurch mitten
auf ihren Körper hin zuspitzten und wiederum Stimmen, oben und unten und
nebenan, die entsetzlich fluchten, Zoten rissen ... und plötzlich in den
Vorstellungen der Kokainverseuchten der ganze Saal sich in einen
Granattrichter verwandelte, Trommelfeuer rauschte und einer sein Bett in
Brand steckte, was zwar von den Wärtern noch rechtzeitig bemerkt wurde
... Dazwischen sang einer immer monoton vor sich hin: „Oh herrliche
Phosgen-Luft! Du bist mein Augenstern ...“ Man bewarf ihn, als er nicht
aufhören wollte, einfach mit den nächstbesten Gegenständen.
Bald darauf wurde allerdings, besonders da auch eine Inspektion
angekündigt war, mit der Dosierung der narkotischen Mittel gebremst.
Die einen ätherisierten zum Ersatz, chloroformierten, fraßen Veronal
röhrchenweise, andere versuchten eine Entwöhnungskur mit Alkohol und
Pantopon, wieder andere dösten in schweren Schlafmitteln tagelang dahin,
vollkommen von einem undurchdringlichen Paraldehyddunst eingedeckt, und
wieder anderen, die nicht zu toben aufhören wollten, wurde vom Arzt
Skopolamin verordnet, ein stark lähmendes Mittel, das jede
Orientierungsfähigkeit ausschaltet, Gesichtsfeldverengungen zur Folge
hat, die Sprache des Patienten wurde tief und sandig-rauh ... und er lag
weich gebettet auf seinem harten Feldbett wie in einem unermeßbar
abgründigen Abgrund ...
Die Zwangsjacke wurde nicht mehr angewendet. –
* * * * *
Auch Peter hatte man die Mittel gleich nach seiner Einlieferung
aufgedrängt.
„Herrlich! Sie dürfen sich die Sensation nicht entgehen lassen. Einfach:
Nirwana ...“
So hatte ihm die Krankenschwester, süßlich lächelnd, die Drogen
angepriesen.
„Eine unheilbare Krankheit ist der ganze Mensch, eine Seuche, die mit
Stumpf und Stiel ausgerottet werden muß,“ dachte damals Peter zuerst.
Weiter dachte er noch nicht ...
Er schlug die Mittel nicht aus: eine lange, angenehm lau-warme
Flüssigkeit war es, die sich durch seinen Körper erstreckte, alle
Blutbahnen hindurch sich verrieselnd und verzweigend ...
Und eines Tages bemerkte er: er konnte das Mittel nicht mehr lassen.
Ließ er nur eine Spritze aus: sofort fiel er schlapp in sich zusammen
wie ein leerer Sack, ganz ausgelaugt und geleert war er, zitterig, bis
in die feinsten Nervenspitzen flimmernd, und nur immer mit dem einen
Gedanken, der zur Zwangsvorstellung wurde: „Die Spritze ...“
Die Schwester kam wieder:
„Na, ich hab’ es Ihnen doch gleich gesagt. Machen Sie sich kein
Gewissen. Ist ja gar nicht so schlimm ...“
Da half ihm gar mächtig die Erinnerung an Tage seiner Kindheit, die sich
ihm plötzlich als die festeste Ankerkette seines Lebens erwies.
Dort gab es Berge und Märsche durch Gebirgstäler, Wiesenflächen, flaumig
und flockig; Wälder am Horizont, wie zu fleischigem Oelgrün geronnene
Wellen; enzianübersäte, mit Zwergholz bewachsene Alpwiesen; Wildbäche,
die so munter die Schluchten herabstolperten; auch ein uralter
Bergführer, ein origineller Kauz, war da, ein ganzes Bündel von
Hirschzähnen und Silbertalern an seiner Riesenuhrkette; Sonnenaufgang
war: Gletscherebenen und Gipfelzacken: flüssig feueriges Eis; dann unten
wieder im Tal die Volkstänze und derben Volksbelustigungen, ja das war
noch von einem gesunden Menschenschlag, die sträubten sich mit Händen
und Füßen gegen die monokel-, lorgnettglotzenden Fremden ... Und
Gewitter zogen auf und platzten mitten am Himmel auseinander über dem
Bergdorf: alle Kapellen des Tals wimmerten Wetterläuten und die
Flammenwolke trieb den Berghang entlang, Blitz auf Blitz, Donnerschlag
auf Donnerschlag: jeden Augenblick flammte vom Blitz entzündet eine
andere Tanne auf, und das vielfache Echo der Donnerschläge prallte und
knallte von den Felswänden. Nun knatterte der Regen, der Sturm surrte:
da reckte sich der Mensch auf, die Muskeln strafften sich: ja das
Ereignis solch eines elementaren Gewittersturzes hatte noch etwas von
der Sprache des Welten-Anfangs, der Vorzeit ... Auch im Vorfrühling war
Peter einmal im Gebirg: da aber donnerten die Lawinen, überall lag noch
Schnee und der Schnee begann zu fließen ... Da stellte sich Peter
breitbeinig gegen den Wind, wie ein Torwächter gegen den Ball beim
Fußballspiel: und der Sturm drückte ihn mit einem heftigen Faustschlag
von der Stelle, so gewaltig, herrlich, übermenschlich war der Sturm ...
An die Erinnerung an diese Landschaft klammerte sich Peter in seiner
tiefsten Not in Gedanken an, eine kristallharte eisklare Kraft sog er
aus ihr und er lachte eines Tages überlegen:
„Was, ich soll mit diesem Dreck da nicht fertig werden ...“
Und er wurde eines Tages fertig damit, ein marternder Heißhunger
überfiel ihn, er stahl den Sterbenden das Essen, trotzdem es schon mit
Speichel versabbert war, aus den Näpfen weg, es war zwar ein
entsetzlicher Fraß, aber er wurde gerade doch noch kräftig und gesund
damit. –
* * * * *
Die Operationswagen rollten in den Gängen, eine Rippenresektion folgte
wieder auf die andere, draußen stand Sanitätsautomobil an
Sanitätsautomobil: die ersten Blutzeugen der soeben begonnenen
Riesenmassenschlacht.
„Meine Kindheit hat mich diesmal gerettet, ein Erbgut, an dem die Kinder
gut gestellter Leute unendlich lang zu zehren haben ... Und die
anderen?! ... Was der Mensch in solchen vier Jahren durchmachen muß, das
geht schon auf keine Kuhhaut ... Und was der Mensch aushalten kann ...
Und wofür und warum dies alles?!“
Peters Antwort war:
„Deutschland.“
* * * * *
Bereits drei Tage nach seiner Entlassung wurde Peter mit seiner
Kompagnie zu einem Sturmangriff eingesetzt. –
VII
Peter hielt es zu Hause nicht mehr länger aus.
Das Gehalt seines Vaters reichte gerade, ihn auswärts studieren zu
lassen. Er suchte sich Berlin aus. Auch einige Kameraden waren dort, für
die erste Zeit war es gut, nicht ganz allein zu sein. –
* * * * *
Einige Tage vor seiner Abreise besuchte er den Abiturientenstammtisch.
Alle Monate einmal fanden sich immer noch einige frühere Schulkameraden
in einer Bräustube zusammen. Diesmal waren fünf da. Dreiviertel der
Klasse war gefallen.
Rainer Feck, ein dummdreister und oberflächlicher Bursche, der
prinzipiell nur die modernsten Schlipse trug, erzählte Kriegserlebnisse,
schnitt ungeheuer dabei auf und schwelgte voll Entzücken, daß ihm der
Mund troff, in der Schilderung, wie er eines Nachts ganz allein von der
Flanke aus einen feindlichen Graben aufgerollt habe.
„Stücker fünfzig haben daran glauben müssen.“
Aber auch Fritz Kunz, der frühere Primus, ein schmächtiges Kerlchen mit
einem großen Kneifer auf der kleinen käsig glänzenden Stupsnase, riß
Witze und Zoten, mitten daraus hervor wurde angestoßen, ein
vaterländisches Lied gesummt und mit betrunkenen heiseren Stimmen
gegröhlt:
„Deutschland über alles!“
„Peter! Los! Gib Dein deutsches Ehrenwort, verpfände uns deine
Männerehre, daß Du, wenn Du nach Berlin kommst es den Sausozialisten
ordentlich einbrocken wirst ... Hast Du gehört von der widerlichen Hure,
der Rosa Luxemburg ... Feste druff, allemal, sage ich ... Hoch! Laßt uns
gleich im Voraus die kommenden Heldentaten des großen Sozialistentöters
Peter Friedjung begießen! Heil! Prost!“
„Bravo, Peter!“ so ist’s recht, schnarrte Kunz, als Feck die Hand Peters
packte und sie kräftig schüttelte.
„Noch können wir uns nicht rühren! Aber der Tag kommt! Blutige Rache!
... Der scheißige Volksstaat Bayern! Na wartet nur ... Ruhe im Puff,
wenn Ebert ...“
„Bravo! Dufte Nummer! Viechs-Kerl!“ applaudierte Kunz wieder ...
Augenblicklich war Stille, als eine Patrouille dreier roter Matrosen ins
Lokal trat.
Alle hatten angstgeschwollene Köpfe.
Auch Peter, der sich von ganzem Herzen seiner Kumpane schämte.
Haßerfüllte Blicke von allen Tischen geisterten an den drei Matrosen
empor, die ruhig und sachlich die Ausweise der Anwesenden
kontrollierten, ironisch lächelten, als ein dicker Spießer vor Angst
zusammenzuckte.
Zwei waren schon hinausgegangen, der dritte stopfte sich noch eine
Pfeife, dann ging auch er, höflich und gemütlich „Guten Abend“
wünschend.
Das ganze Lokal brodelte auf.
„So ein Saupack! So eine Gemeinheit! Was nicht die sich alles
herausnehmen. Polizeibefugnisse, Strafvollzug. Die ganze Welt ist ja auf
den Kopf gestellt! Bevor die nicht an der Laterne ...“
„Ja, wißt ihr was,“ kreischte Feck, „Agenten müßte man denen auf den
Hals schicken, Aufstände inszenieren lassen, die Massen, wenn sie
hungern, zu Plünderungen provozieren, Bomben und Waffen in
Versammlungslokale einschmuggeln, einen Führer, wenn er sich allzu
aufsässig erweist, unauffällig um die Ecke bringen ... kurzum die Leute
aus ihrer Passivität heraus vor die Gewehre locken ... Viele von uns
haben jetzt solche Stellungen. Das ist auch eine Wissenschaft, eine
Kunst, das will gelernt sein. Das erfordert täglich Uebung,
Geistesgegenwart, einen ganzen Mann, so jemand darf keine Gefahr kennen.
So einer bekommt bestimmte Aufträge. Führt sie aus. Steht selbst unter
Kontrolle ... Spitzel, auf Horchposten Tag und Nacht, Gift einspritzen
und immer wieder Gift einspritzen, das macht sich bezahlt. Seine Wohnung
hat man, sein Essen hat man, auch Weiber in Hülle und Fülle: und da
fällt auch hie und da so was wie ein Anzug ab, Kopfprämien,
Extraprovisionen in erregteren Zeiten, und daß die nie ausgehen, dafür
sorgt man schon: damit läßt sich also schon trefflich auskommen ... Was
meint ihr zu meinem Vorschlag! Wollen wir nicht gescheiter statt
irgendein windiges Kolleg dieses Fach belegen!?“
„Selbstverständlich“, meinte Kunz, „eine ehrliche Kugel ist für dieses
Gesindel zu gut ... Ja, einem solchen Kanaillenpack gegenüber kann man
schon frei seine bestialischen Instinkte schießen lassen. Der Zweck
heiligt die Mittel.“
„Na, Peter!?“
„Ihr entschuldigt schon, aber ich versteh’ Euch einfach nicht mehr. Ich
kenn diese Sprache nicht ...“
Alle lachten.
„Lange Leitung ... oder ein wenig plemplem im Felde geworden, nanu, Du
Affenschwanz! Hämorrhoiden im Hirn?! ...“
Man brach auf.
„Und jetzt feste druff! Jetzt gehen wir noch ins Puff ... Müssen doch
Peters Wiederkehr feiern ...!?“
An einer Straßenecke drückte sich Peter wortlos davon ...
„Fotzendreck und Hurenschleim!“ johlte ihm Feck nach. –
* * * * *
Und Peters Gott zertrümmerte.
Wie ein tausendjähriger Eichstamm, von der Axt der Holzknechte gefällt,
im Waldgrund niederrauscht, so lag, durch Ereignisse und Erlebnisse
zerspalten, eines Tages im Zeitabgrund „Stamm“ und „Wipfel“ Gott da, der
Wipfel, der hoch im Aether wie ein Baldachin die Erde überschattete, der
Stamm, der in der Sehnsucht des Menschenherzens Wurzel schlug und
erschütternd inbrünstige Gebete wie Säfte aufwärtsleitete ... Welk waren
die goldenen Blätter geworden, ein Geruch von Morast und Fäulnis schlug
Peter aus dem gefallenen Wipfelwerk entgegen, er staunte noch und
wunderte sich: „das war doch Gott ...“ Und zu gleicher Zeit drang, von
einem Haufen wesenloser Schemen gesungen, das Lied „Deutschland über
alles“ zu ihm, die Gesichter der Singenden verzerrten sich zu
blutrünstigen Grimassen, es war wie ein feister laut gröhlender
Grabgesang, vollkommen gedankenlos von denen, die ihn sangen,
hergeleiert, und immer kräftiger dagegen tönte aus den Schluchten und
Dickicht-Labyrinthen einer kommenden Zeit herauf, begleitet von dem
sausenden Takt der Maschinenhämmer und der mit elektrischen Motoren und
Turbinen betriebenen flitzenden Treibriemen:
„Wacht auf ...“
Peter erinnerte sich des Rückmarsches, des Rheinübergangs, des
„Deutschlandliedes“, als die Sonne voll durch die Nebelpest durchbrach
...
„Deutschland über alles ...“
„Das Deutschland, das Ihr meint, das ist das meine nicht ...“
* * * * *
Zwei Männer in Arbeiterkleidung standen da unter einer Toreinfahrt und
Peter hörte gerade noch:
„Jedes deutsche Arbeiterherz wird unter der Wucht solcher Ereignisse zur
Zündmasse ... Großes geht in der Welt vor ... Blick nur nach dem Osten
... Revolutionsjahrzehnte ... Bis alles Alte und Faule und Morsche
gestürzt ist ...!“
* * * * *
Als Peter am andern Morgen in die weite Welt fuhr, sagte ihm der Vater
zum Abschied:
„Und nun, Peter, werde der, der du bist! Halte dich weiter rein! Nichts
ist von Blutschande oder Rassenunreinheit an dir. Werde ein
kerndeutscher Männercharakter! Gedenke, daß du ein Deutscher bist ...“
Auf dem Nachhauseweg herrschte der Vater die Mutter an:
„Aber das eine bitte ich mir aus, wenn du ihm schreibst: ich wünsche mir
keinen zweiten Fall Reuchlin junior.“
„Sei ohne Sorge“, erwiderte ihm die Mutter sanft und siegesgewiss,
„Peter wird schon ganz allein den rechten Weg machen!“ –
2. Kapitel.
Die Erde platzt!
Schlagwetterkatastrophe auf der Zeche
„Königin Luise“. – Die „Majestät des
Todes“. – Was tut not!? – „Lieber im
Feuer der Revolution verbrennen, als ...“
I
Die Menschen waren nicht mehr in den Häusern zu halten.
Es trieb sie heraus auf die Straße. Sie hetzten zunächst einzeln, ein
jeder für sich, dann in Gruppen dahin, hunderte ballten sich an: in
einer Masse von Tausenden schon schwemmte es die Straße hinunter.
Mit eckig aus den Schultern geschleuderten Armen. Manche halbnackt, nur
mit einem Lumpen um.
Sie kletterten über Zäune. Gitter und Schranken wurden niedergetreten.
Dazu läuteten die Glocken auf allen Türmen der Stadt.
Keinen Betrunkenen sah man mehr. Keine Kneipe lärmte mehr.
Maschinen stampften in den Kesselhäusern, von keiner Menschenhand mehr
bedient, in einem unregelmäßigen Rhythmus weiter.
Die Straßenbahnen hatten ihren Betrieb eingestellt.
Ueberall standen auf den Gleisen wie leblose Klötze die verlassenen
Wagen. –
* * * * *
Es war gegen 5 Uhr nachmittags, als ein langgezogener Donner unter der
Erde hinrollte. Ueber der Erde war es wie ein elektrischer Stoß, der in
alle Winkel, auch in die kleinsten Häuserwinkel der Stadt hineinzuckte.
Die Telephone schrillten noch einmal auf. Die Telegraphenapparate
knatterten drauf los ... Und es warf sich von Mund zu Mund: eine
unheimliche Erschütterung: sie sprang von Nerv zu Nerv über, jedes
Menschenherz krampfte sich zusammen, dann stieß es wieder um so
gewaltiger einen Strom von Blut aus. Abwechselnd färbten sich die Wangen
der Menschen kreideweiß, schwarzrot ... Automatisch schnappten Münder
auf und zu. Wie im Starrkrampf blieben sie weit offen ... Der Boden
schien plötzlich unter den Füßen weggezogen. Man tappte wie im Finstern,
trotzdem es noch hellichter Tag war. Wie in einem Hohlraum. Man tastete
sich wie im Leeren ... Ja, wie ein riesiges unsichtbares Fragezeichen
stand es plötzlich mitten im Raum. Das ganze Leben, das Menschendasein
selbst war in einem Sekundenaugenblick, mit einem jähen Ruck zu einer
Frage geworden.
* * * * *
Die Läden waren im Nu geschlossen.
Niemand zeigte sich an den Fenstern.
In den Stadtteilen der Reichen kehrten die Autos schleunigst in die
Garagen zurück. Auch dort, in den vornehmen Villenvierteln, war der
Druck spürbar. Man sprach halblaut: „Was wird wohl daraus wieder
werden?!“
Die Fabriksirenen heulten.
Rudel von Kindern krallten sich kreischend in die Röcke der Mütter fest,
die, wie vom Irrsinn gehetzt, dahinfegten.
Auch die Polizeimannschaften, auf Lastkraftwagen heraneilend, vermochten
diesem Menschensturm keinen Einhalt zu tun. Dazwischen klingelten die
Löschfahrzeuge der städtischen Feuerwehr. Sanitätskolonnen sputeten
vorüber.
Wahnwitzige schrille Schreie gellten jetzt über diese Flut fliegender
Menschenhäupter hinweg.
Da rannten auch welche querfeldein. Einige stürzten. Andere packten sie
wieder hoch. Ohne daß sie ihre zerschlagenen Beine bewegen mußten, trug
der über die holperigen Trottoire sich dumpf dahinwälzende Menschenstrom
unwiderstehlich sie mit vorwärts. –
* * * * *
Es war im Februar. Aber es war wie ein Frühlingstag.
Durch die Rauchschicht, die in dieser Gegend ewig in der Luft lagerte,
waren Fetzen blauen Himmels sichtbar. Die Sonne dampfte, und spärliche
Reste schmutzigen Grases fingen an den Böschungen, die die
Schlackenhalden dort von der Straße abgrenzten, bereits dürftig zu
grünen an.
Es roch nach Blut, Schweiß, Pulver.
Es roch nach verbranntem Fleisch. –
II
Von einem großen freien Platz aus, der mit rußerstickten verkrüppelten
Bäumchen umpflanzt war, tönt jetzt eine gewaltige Stimme herüber:
„So ist bereits festgestellt, daß riesige Kohlenstaubmengen vorhanden
waren, die weder berieselt noch mit Gesteinsstaub unschädlich gemacht
wurden ... Die Koksablagerung nach der Explosion ist der sicherste
Beweis ... Auch die Ansammlung von Schlagwettern ist auf der „Königin
Luise“ keine Seltenheit gewesen. Sehr oft haben wir vom Betriebsausschuß
bei unseren Befahrungen Wetter festgestellt. Aber gerade darum, weil wir
sehr oft die Verwaltung belästigten und dem Betriebsführer und Steiger
meldeten, daß dort und dort Wetter stehn, sind wir an der Befahrung
gehindert worden ... Ja, seit Oktober vorigen Jahres hat man uns vom
Betriebsausschuß am ordentlichen Befahren gehindert ... Ihr alle spürt
es ja am eigenen Leib – und an der Hand der Förderzahlen können wir es
auch leicht nachweisen – bei uns hier herrscht das schlimmste
Antreibersystem ... Ja so sieht in Wahrheit der Geist des
Unternehmertums aus ... Was dem Bergmann nottut, daß der Bergarbeiter
schließlich auch ein Mensch ist, seine Bedürfnisse, seine Sorgen, seine
Nöte hat: das, das alles scheint man im Laufe der Zeit wieder ganz und
gar vergessen zu haben. Wir, wir hausen hier unten in unseren Gruben wie
in einer unterirdischen Leichenfabrik ...“
Tausende von Kumpels standen dort, eng um den Redner gedrückt. Mit
stieren Augen sogen sie sich fest im Boden ein. Tausende Fäuste waren
wie zu einem Klumpen aus Stein geballt.
Es war ein großes Schluchzen. –
* * * * *
Von der Zechenverwaltung war strenge Anweisung gegeben worden, keinerlei
Nachrichten über den Umfang des Unglücks sowie auch über die Zahl und
die Namen der Toten den Draußenstehenden bekanntzugeben.
Die Menschenmassen stauten sich vor den Zechentoren zu einer Mauer.
Fest stand diese Menschenmauer. Schwankte vor. Neigte sich wieder
elastisch vor der Polizeikette zurück.
Wie Brandung und Ebbe war das.
Wie Atemzüge. –
III
Vor einer halben Stunde war im Nordostfeld der Zeche „Königin Luise“,
Fach 7, die Schlagwetterexplosion erfolgt.
Zuerst: ein Riß. Ein gewaltiger Schnitt mitten durch die Luft ... Das
Trommelfell platzt, den Brustkasten quetscht es wie einen Schwamm aus
... als zöge es einem die Lunge wie einen Schlauch durch den Hals herauf
... Der Explosionsstoß: und die Bergarbeiter klatschten an die Wände.
Mit zerbrochenen Gliedern, mit Gehirnerschütterungen, mit Schädelbrüchen
kleben sie da, bereits unkenntlich entstellt ... Zwanzig, oft dreißig
Meter weit fliegen sie, manche nach oben, zappelnd: schwer wie ein Sack
fallen sie wieder nieder ... Und da rast auch schon die Explosionsflamme
daher: verbrennt, verkohlt, stürzt sich von allen Seiten zugleich auf
dich, reißt mit ihrem stechenden Feuer dir die Augen aus ... Die wenigen
noch Ueberlebenden fliehen, flüchten durch brennende Gänge; wie
Feuerschlangen winden die sich; die Angst peitscht sie, die Todesangst
sitzt wie ein Stachelhalsband fest an der Gurgel. Auf allen Vieren
flieht man, krabbelt, macht Schwimmbewegungen. Stürzt über sich selbst
im Dunkeln, das ununterbrochen giftigen Kohlenstaub regnet.
Gesteinhagel prasseln.
Ein schlagartiger Wind schlägt.
Ein eiserner Luftdruck. Ein unsichtbarer atomhafter Riesenknebel ...
Wirbel. Strudel. Böen. Flammenschüsse kreuzweis. –
Und in diesen Felsenkellern wirkten zudem noch die fliegenden
Steinmassen wie Geschosse von höchster Splitterwirkung.
Die Kolbengestänge der Lokomotiven und Wasserpumpen, Stahlhäute
zerknüllte es leicht, als wären sie aus Konservenblech. Ganze Förderzüge
schleudert es spielend vor sich hin und her. Hier wird ein frisch
gebohrter Tunnel durch ein Bündel dort aufgestapelter Reserveschienen
verstopft. Gebogen, geknickt; in allen Formen. Drahtgewirre hingen herum
wie Spinnenweben ... Und einem passiert vielleicht mitten im Todeskampf
noch der Witz: „Das ist ja beinahe akkurat so, als hätte hier der Riese,
Herr Breitbart, gehaust ...“
* * * * *
Hier war ein Ausweg ... Aber da ist der Stollen schon längst wieder
zugemauert. Hier stehen metertiefe Tümpel. Dort prallt man mit anderen
zusammen. Aus allen vier Richtungen nun toben sie kaminähnliche
Steingänge hinauf, schluchtenartige Durchbrüche kollern sie sich wieder
hinab ... Auch hier, auch hier, auch hier kein Ausweg ...
Und schon zieht das Gas heran, ganz sanft, ganz unmerklich, wie der
heilige Geist, wie auf Taubenfüßen. Schwebt heran. Schmilzt heran ...
Ein Schluck: und alle Glieder sind behängt wie mit Blei. Ein inneres,
unheimliches Gewicht. Sinken nach unten ...
Es war ein Geräusch wie xs ... xs ... xsss ...
Xs ... xss ... und immer xs ... xsss ...
Hinter den Schläfenwänden trillerte es, tickte es ...
Es zirpte, wisperte ...
Und immer wieder das: xs ... xsss ...
Gäule: ein Beinpaar gespreizt, das andere steif angezogen: unwirklich,
wie zerschlagenes hölzernes Spielzeug. Der Bauch wie ein Ballon
aufgetrieben ...
Förderwagen, mit Kohlenschutt beladen, schieben sich polternd noch
abschüssige Strecken hinunter, irgendwo im Dunkeln. Ein dumpfer Knall in
der Ferne. Irgendwo stoßen sie jetzt auf.
Und nichts mehr. Kein Laut.
Nur immer wieder das xs ... xsss ...
* * * * *
Da findet das Aufräumungskommando nach Tagen, wenn auch die letzten
Nachschwaden verzogen sind, noch gefüllte Kaffeeflaschen, Kreidezeichen
an den Wänden: „Um 11 Uhr nachts habe ich noch gelebt.“ „Grüßt mir schön
die Jule.“
Der Riesenventilator surrt. Das Massengrab wird ordentlich
durchgelüftet, und nach einer Woche vielleicht tut der gespenstische
Erdrachen sich wieder auf, bereit zu neuen Opfern. –
IV
Dick aber kleben jetzt die Gasschwaden noch unten.
Die Rettungsmannschaften kommen in den Förderkörben immer wieder betäubt
nach oben. Eingekleidet wie Taucher. Die Gaskonzentration ist zu stark.
Immer wieder versagen die Sauerstoffapparate.
Da erspäht die vieltausendäugige lebendige Menschenmauer durch die
Gitter des Zechentores hindurch, wie einer auf der Treppe zum
Verwaltungsgebäude mit der Schulter zuckt, den Kopf schüttelt ...
Und die lebendige Menschenmauer schreit aus vielen tausend Mündern einen
einzigen Schrei, Namen, hunderte von Namen schreit sie, jede Frau
schreit den Namen ihres Mannes, jeder Kumpel den Namen irgend eines
Kameraden:
„Lutz, Fritz, Adolf ... wo bist du ... habt ihr den Anton, den Karl
gesehen ... ist der Stiebert noch unten ... August, Josef, Zarewski ...“
Und die Frauen machen Bewegungen mit den Händen, als schaufelten sie;
krümmen die Finger, als ob sie ihre Männer gewaltsam aus der Grube
herauskratzen wollten.
Die Polizeikette schwankt. Reißt mitten durch –
Und die lebendige Menschenmauer stößt sich in die Gitter des Zechentores
hinein. –
* * * * *
Bälge.
Hautfetzen.
Von Armen und Beinen abgequetschte Rümpfe.
Verkohlte Menschenköpfe, wie kugelähnliche Versteinerungen:
So lag es schon, ein wirres Durcheinander, auf den Höfen herum.
Die Lebenden stürzten sich mit einem schrillen Aufschrei auf diese
Toten. Rissen, zerrten an ihnen herum. Wem gehörte dieses Haarbüschel?!
Dieser Arm mit den Tätowierungen!? Dieser Ring mit dem Finger da!? Wer
ist das mit dieser Narbe am Hals da?! ...
Fackeln waren jetzt angebrannt.
Ein Haufen von Menschen: nach allen Seiten hin wendete man der Reihe
nach so einen Menschenbrocken.
Und wie Baggermaschinen arbeiteten die Förderkörbe: neue Weinkrämpfe,
neue Herzschmerzen, neue unermeßliche Leiden, neue unselige Gewißheiten,
immer neue Tote, Leichenfetzen und Leichenbrocken schöpften sie aus der
Tiefe herauf. –
* * * * *
Eine Stunde später: und die Nachricht von der Grubenkatastrophe
verbreitet sich, dreihundert Kilometer von der Unglücksstätte entfernt,
in der Hauptstadt.
„Wie kam es zur Entzündung!?“
„Durch eine Lampe!? Durch einen Schuß!?“
„Ist der Sicherheitssprengstoff, der verwendet wird, auch wirklich ganz
sicher!?“
„Hat der Schießmeister nicht einen Fehler begangen!? Und wie steht es
mit der Ausbildung der Bergleute überhaupt!?“
„Funktionierten die Kohlensperren?! Und wenn nicht, was ist die tiefere
Ursache?!“
„Ueber zwei bis drei Tote im Ruhrbergbau täglich, oft über 700 Verletzte
monatlich ... Muß das so sein!?“
„Nein, nein, nein ... Das verstehen Sie so nicht recht, Herr, um was es
sich bei solchen Unglücksfällen eigentlich handelt ... Das ist
Schicksal. Alles ist bestimmt in Gottes unerforschlichem Rat ... Wie der
Weltkrieg ein Gericht Gottes ist, um die Uebervölkerung zu beseitigen,
so ist ein Grubenunglück eine Vorsehung Gottes, um den Kapitalismus zu
vernichten. Gott nimmt den Proletarierfamilien den Ernährer, damit der
Kapitalist Frauen und Kinder unterstützen muß. Dadurch zeigt Gott den
Kapitalisten, daß er ihnen nicht gut gesinnt ist ...“
V
Es war gegen zwölf Uhr nachts.
Die Arbeiterviertel horchten auf.
Ein kurzer Ruck auch dort. Eine Sekunde lang zögerte auch dort in jeder
Brust der Herzschlag. Bis in die Fingerspitzen hinein floß die Nachricht
als eiskalte Blutwelle. Lähmend.
Auch Max Herse sprang noch einmal aus dem Bett hoch und zog sich an, als
der Kollege von nebenan, ein Straßenbahner, der eben vom Dienst heimkam,
bei ihm anklopfte.
„Du, Max, hast schon gehört!?“
„?“
„Bis jetzt über einhundertundzwanzig Tote ...“
„?“
„Schlagwetterexplosion. Grubenkatastrophe ... Natürlich, sicher genau
wie bei uns bei der Straßenbahn. Ueberall fehlt’s, zu nichts ist Geld
da, die Schachtanlagen waren sicherlich mangelhaft ... Ist doch
heutzutag die Arbeitskraft eines Proleten billiger, als neue technische
Anlagen kosten. Das rentiert sich ja heutzutag nicht ... Und das, das
muß man sich merken, das sind doch noch obendrein die Herrschaften, die
höchst ehrenwerten Herrschaften, sage ich, die Millionen, viele
Millionen Ruhrkredite verschlungen haben. Unersättlich sind die. Der
Krieg, die Revolution: nichts kann sie genug satt kriegen ... Wenn wir
Proleten ihnen nicht endlich das Maul stopfen ...“
Und der Straßenbahnerkollege schlug auch schon mit der Faust auf den
Tisch.
„Wann, frage ich mich, Herrgottsdonnerwetter, werden wir endlich soweit
sein, einig, einig, einig ... Darauf, nur darauf kommt’s noch an ...
Wir, wir, wir Proleten, verfluchte Proleten, die wir sind ...“
Max Herse mußte dem zustimmen.
Dann sprachen die Beiden noch lange.
Woher und warum dieser Zwist in der Arbeiterschaft!? Daß die einzelnen
Berufsverbände zu wenig, viel zu wenig zusammenarbeiten, ja oft sogar
gegeneinander arbeiten. Daß z. B. Arbeitslose und Arbeitende schon recht
oft hart aneinander geraten sind. Daß der eine im Produktionsapparat
eben den, der andere den Platz einnimmt. Daher auch die verschiedenen
Interessen, die unterschiedliche Denkart ... die Konflikte. Daß die
meisten unter ihnen eben leider immer noch nicht weiter zu sehen
vermögen als bis zu ihrer eigenen Nasenspitze ... Ganz dumm, ganz eng
gedacht ist das ... Wie das ganze System rücksichtslos korrumpiert ...
Daß sie neidisch sind, Lohndrückereien usw. ... Wegen der kleinsten
Differenzen oft gleich übereinander herfallen, wie Kampfhähne, zum
Gaudium der „Dritten“ ... daß sie allesamt viel zu wenig die
Gesamtinteressen der Arbeiterschaft im Auge behalten. Daß sie endlich
auch kampfmüde geworden sind und immer noch natürlich viel, viel zu
wenig opferbereit ... Wie der Beruf sich auswirkt: daß einer, der acht
Stunden und mehr noch hinter sich hat, halt eben einfach nicht mehr die
Kraft hat, die Konzentrationsfähigkeit, nicht mehr genügend
aufnahmefähig ist, halt ein ausgepumpter und beinahe zu nichts mehr
brauchbarer Mensch ist ... Da, da bleibt aber auch schon gar kein
Ueberschuß an Menschenkraft mehr, im Gegenteil, jeder Tag bringt an
Menschenkraft ein Defizit. Man muß sich schon verteufelt ernst
ranhalten, um sich auch nur einigermaßen wieder herzustellen ... Und daß
das alles eben daran liegt, daß –
Na, daß die Arbeiterschaft eben heute beinahe schon nichts mehr zu sagen
hat –
Daß sie alle Machtpositionen, die sie einstmals innegehabt hat, sich hat
entwinden lassen –
Daß sie wehrlos, entwaffnet, vergewaltigt ist –
Führern anvertraut ist, die –
Und daß man sich unbedingt wieder aufraffen muß, zusammenschließen muß,
wieder kämpfen muß –
Kämpfen um das, was nur recht und billig ist –
Kämpfen um das, was jedem Menschen auf Grund der Tatsache seines
Menschendaseins allein, auch schon von Natur wegen, zusteht –
Was die „Anderen“ aber freiwillig nie und nimmer gewähren werden –
Daß man also kämpfen muß – um die Macht! ...
Nicht mehr so gutgläubig, vertrauensselig, verzeihend sein wie vordem.
Sondern: unerbittlich, nüchtern, das Ziel fest im Aug. Und alle _die_
rücksichtslos aus den Reihen des kämpfenden Proletariats stoßend, die
durch ihre stete Geneigtheit zu Verhandlungen und Konzessionen die
Kampfkraft, die revolutionären Energien schwächen. –
* * * * *
So drückte die Katastrophe den Proleten nieder.
So richtete sie ihn aber auch wieder auf.
Mit furchtbaren Schlägen hämmerte sie ihm wieder Klassenbewußtsein ein,
das Zusammengehörigkeitsgefühl, die Solidarität, die Kampfverbundenheit.
Die Klassenehre, die Klassenpflicht.
„Daß wir Arbeiter endlich allesamt werden: _ein_ Wille, _ein_
Herzschlag, _ein_ Blut, _ein_ Leib, _ein_ Geist ...“
* * * * *
Mit einem festen Händedruck schieden die beiden Proleten voneinander.
„Diese Welt muß unser sein!“ sagte der eine.
Der andere:
„Dann werden wir die Rächer sein ... Der endliche Sieg ist unser!“ –
VI
Noch in derselben Nacht wurde in den Bureaus der Korrespondenzen und der
Zeitungen die Katastrophe gründlichst bearbeitet.
Und schon früh am Morgen stürzte sich die große Welt wie eine gierige
Meute, die Blut zu schmecken bekommen wird, auf dieses neueste Ereignis.
Die letzten Wochen war es schon so: abwechslungsreich in jeder Beziehung
kann man sagen: zugleich mit dem Frühstück wurde einem im Morgenblatt
jeden Tag ein anderer Skandal serviert.
Nun, eine Grubenexplosion: das war eine delikate Abwechslung in dem öden
Grau und allmählich langweilig werdenden Einerlei ganzer Serien von
Skandalaffären.
Man selbst fern vom Schuß ... Nur hie und da ein Kolonialkriegchen,
nicht sonderlich aufregend ... Bolschewistengreuel ziehen zwar immer
noch ... Auch Waffenlager, Bombenfunde, geplante Dynamitattentate,
Tscheka-Abenteuer ... Cholerabazillen. Tagebücher berühmter
Scharfrichter ... Doppelt so gut schmeckt einem dabei so ein Kännchen
Mokka ...
Aber auch eine Katastrophe, und ginge die Hälfte des Volkes dabei
zugrunde, muß leicht verdaulich und schmackhaft zubereitet werden. Flink
wirbelten herum in den Redaktionsküchen die Presseköche. Die an das
Papiergift ziemlich gewöhnten Gehirne der Zeitungsleser vibrierten
wieder mal heftig unter dem Nervengewitter dieser schaurigen Sensation.
„Erinnert das nicht an Zolas „Germinal“?“ „Gewiß, Schatz, auch in der
Literatur ist solch ein Stoff schon des öfteren und man kann sagen
ziemlich erfolgreich behandelt worden. Ein lohnender Vorwurf, in der
Tat. Auch Sinclairs „König Kohle“, lies mal nach, auch nicht übel ...“
Und die bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Spannung entlud sich. Die
Journalisten schoben Artikel um Artikel. Sentimentale und schmalzige
Nachrufe waren sofort lieferbar in Hülle und Fülle. Theoretische
gelehrte Abhandlungen über das „Wesen von Grubenexplosionen“ standen in
Menge zur Verfügung. „Grubenexplosionen in alter und neuer Zeit“ mit
Bildermaterial reichlich versehen oder „Der Kampf des Menschen mit der
Natur“ oder „Die Rache der Elemente“. „Katastrophe im unterirdischen
Reich der aufgespeicherten Sonnenenergien.“ Der Apparat funktionierte
wieder mal ausgezeichnet; alles lief wie am Schnürchen. So oder so:
Professoren, Historiker, technische Sachverständige, Dichter: sie alle
waren eifrig dabei, unermüdlich tätig waren sie, um das von den allein
schuldigen Industriemagnaten groß angelegte Ablenkungsmanöver
ideologisch zu stützen. Wobei es sich erübrigt zu bemerken, daß die
professionellen Arbeiterverräter auch in diesem Fall getreulich ihre
Pflicht taten. Und man blieb, was in einem gewissen Moment doch recht
zweifelhaft schien, Herr der Situation. Auch dieser Situation.
Eine Wohltätigkeitsaktion wurde eingeleitet.
Berühmteste Namen, Größen der Nation, stellten sich uneigennützig an die
Spitze. –
* * * * *
Der Reichstag trat zusammen.
Die Abgeordneten erhoben sich zum Zeichen der Trauer von ihren Plätzen.
Als die Kommunisten den Antrag stellten, aus den von diesem Unglücksfall
betroffenen Betrieben heraus sofort eine Untersuchungskommission wählen
zu lassen, um gründlich und wirklich wahrheitsgemäß die ganze Sachlage
nachprüfen zu lassen, da erhob sich der Präsident.
Die Regierungsvertreter tuschelten miteinander.
Der Präsident rückte sich die Krawatte zurecht. Pathetisch schlüpften
ihm die Hände bei seiner Rede aus den Rockärmeln.
„Vor der Majestät des Todes mögen für heute alle Parteistreitigkeiten
schweigen ... Burgfrieden ...!“
Gegen die Stimmen der Kommunisten wurde der Antrag abgelehnt. Als
agitatorische Nutznießer dieser Katastrophe wurden die Kommunisten
außerdem noch gebührend gebrandmarkt.
In einem schwarzen Gehrock wandelt die „Majestät des Todes“ geschäftig
hin und her zwischen den Bankreihen der Herren Abgeordneten hindurch:
man kondolierte, man beglückwünschte sich aber auch, bei dem gerüttelten
Maß von Schuld, das ein jeder der hier Anwesenden für sich buchen
konnte, so unerwarteterweise glimpflich dabei weggekommen zu sein.
„Gerne geschehen ... Bitte sehr ... Meinen allerverbindlichsten Dank ...
Und die allerbesten Empfehlungen, wenn ich bitten darf, an Ihre Frau
Gemahlin ...“
„Nichts für ungut ... Sie wissen schon, wir nehmen nichts so leicht
krumm ... Ganz gut so, ein bißchen hie und da Opposition mimen, Herr
Levi ... Nur im entscheidenden Augenblick zur Stange halten ... Darauf
kommt’s an ... Und darauf, na darauf können wir uns ja wohl verlassen
...“
Und die „Majestät des Todes“ betonte nochmals nachdrücklich den Herren
Abgeordneten gegenüber ihre stete Bereitwilligkeit zu jeder Art von
Gegendienstleistung ... „Wir lassen Sie nicht im Stich ... Verlassen Sie
sich darauf ...“ Die „Majestät des Todes“ versprach es außerdem noch
jedem Einzelnen in die Hand hinein. „Ueber die Frage der Unkosten, die
Sie eventuell dabei haben sollten, verständigen wir uns schon. Aktien
oder direkt. Daß dabei was ganz Hübsches herausspringt, das ist ja ganz
selbstverständlich.“
Man schmunzelte schon wieder. Zwinkerte verteufelt-listig mit den
Blau-Aeuglein nach allen Seiten, blinzelte ein Dankstoßgebet zum Himmel
hinauf, und die „Majestät des Todes“ entfernte sich, eine dick gestopfte
Aktentasche unter dem Arm, um bei den Gewerkschaften und anderen
Organisationen noch rasch Almosen und Liebesgaben, nach bewährtem Muster
von 1914 bis 1918 Anno dazumal, für die Opfer der Hinterbliebenen
zusammenzubetteln. Die „Majestät des Todes“ ging dabei recht
geschäftstüchtig vor, auch nahm sie es dabei nicht allzugenau. –
* * * * *
An den Bahren der Ermordeten aber standen sie mit entblößten Häuptern;
der Reichskanzler und die Abordnungen der Behörden, die Herren der
Industrie, die Abgesandten der Großbanken. Auch die Herren Sozialisten
standen wie immer mit ihnen. Wohlangesehene Bürger. Ein Bürgermeister.
Noch einer. Und ein Oberbürgermeister.
„Leichenschändung. Nichts weiter als Leichenschändung treiben diese da,
wenn sie so herumstehen ... Jeder ehrliche Prolet muß das so empfinden
...“
Sonderzüge in das vom Unglück betroffene Gebiet waren auch sofort von
der Eisenbahnverwaltung in bereitwilligster und anerkennendster Weise
für die Herren der Regierung usw. eingelegt worden. –
„Gut so, aber dachte auch mancher der Angehörigen der tödlich
Verunglückten, gut, daß er wenigstens noch bei einem Massenunglück
umgekommen ist ... Kommt einer als Einzelner um, so kümmert man sich um
uns schon überhaupt nicht ... Da muß man sich eben hübsch brav mit der
Bettelrente, die die Unfallversicherung einem gewährt, abfinden ... In
einem Jahr sind es über 6000 solcher Unfälle, mindestens 600 davon
tödlich ...“
VII
Die Tränen der Hinterbliebenen versiegten allmählich.
Man ging zwar noch unter der unheimlichen Last gebeugt, aber auch schon
beobachtend und lauernd. Und schon einen Tag vor dem gemeinsamen
Begräbnis der Opfer hatten sie sich wieder gefaßt, um einige Grade
härter und kampfentschlossener waren die meisten unter ihnen geworden,
und mit roten Fahnen an der Spitze durchzogen schon früh am Morgen des
Begräbnistages Gruppen von Kumpels, Witwen und Waisen die
rußverschlammten Straßen der Bergarbeiterstadt, und sangen die
„Internationale“.
Oh, erinnerte sich da mancher, das war schon einmal so.
Drei, vier Jahre zurück vielleicht. Aber ein jeder denkt noch voll Stolz
daran. Schade nur, daß nicht ... Aber aus unseren Fehlern muß gelernt
werden ... Es geht eben mal schwer vorwärts, und nichts wird einem
geschenkt, das ist nun einmal so ...
* * * * *
Die Rote Armee zog damals von Stadt zu Stadt.
Hals über Kopf rückte die Reichswehr ab.
Das Rote Banner flog –
Höhen und Täler leuchteten ...
Wir marschierten durch Wälder, setzten uns auf eroberten Pontons über
die Flüsse, Tag und Nacht, unermüdlich immer hinter dem weißen Feind her
...
Rote Soldaten stiegen aus den Gruben, warfen sich, wo noch eine Lücke
war, in die Rote Front ...
Das ganze Bergwerksrevier marschiert.
Das ganze Bergwerksrevier kämpfte seinen bewaffneten Aufstand.
So war es.
So wird es wieder sein ...
Grab an Grab, Schächte, in denen Tausende verschüttet, erstickt,
zermalmt worden sind, Schlachtäcker des Bürgerkriegs, gedüngt mit
proletarischem Heldenblut: das ist westfälischer Boden.
Das Land ist hier wie erdiges Geschwür.
Trüb schwelt heute die Flamme der Revolution.
Die Bergwerke wie erloschene Krater ...
Menschenfleisch, Arbeiterfleisch verfault bei lebendigem Leib in den
Ruinen dieser modernen Katakomben.
Rußt ein. Und der Menschenkadaver heizt sich zur Not noch an in den
Schnapsschenken mit giftigem Fusel ...
Aber täuscht euch nicht!
Morgen, übermorgen brechen sie wieder auf: Narben, Wunden, Schmerzen
brechen wieder auf, und Millionen Kumpels stürzen sich wieder herauf aus
der Erdtiefe, wie lebendige Lavamassen.
Die Erde platzt!
Der Erdbauch platzt: und herauf aus den mit lebendigen Menschenleichen
angefüllten Erddärmen fördert es Haufen an Haufen, wandelnde, leibhaft
gewordene Kohlenstrunke ... Wehe: die Kohle kommt! Wehe, wenn die
Menschenkohle über euch kommt, wenn die aus Bitternis über
jahrhundertelang geduldig ertragenes Leid glühend gewordene
Menschenkohle über euch kommt! ...
Das wird der Auferstehungstag, der Tag der Befreiung sein ganzer
Geschlechter lebendig Begrabener ...
Glück auf! –
VIII
Nur die Leiche des alten Bergarbeiters Hempel konnte noch nicht geborgen
werden.
Soviel wußte man: er saß halb aufrecht, wohl ein wenig in sich
zusammengekauert, durch riesige Felstrümmer abgeriegelt, in einem
vergasten Schachtloch. Man konnte aber nicht herankommen, so, aber auch
so nicht, bei jedem Aufräumungsversuch lösten sich immer wieder von oben
neue Gesteinsmassen ab. Auch stieß man in dieser Gegend immer wieder von
neuem auf plötzlich hervorbrechende Gasquellen.
So mußte man den guten Vater Hempel eben bis auf weiteres in seinem
stillen Kämmerlein sitzen lassen.
Vergebens warteten zwar oben schon seit zwei Tagen und Nächten die
Seinen auf ihn.
Warteten händeringend auf ihn bei jedem Zug aus der Tiefe. Sahen sich
die Augen aus –
Nein, der Alte kam nicht.
Nicht einmal, daß er heut bei dem großen Begräbnis mit dabei war ...
* * * * *
Halb aufrecht saß er da, wohl ein wenig in sich zusammengekauert, der
Kopf tief auf die Brust heruntergeklappt, der Oberkörper war entblößt,
schwarz bestrichen: so dick war er mit Kohlenstaub bedeckt. Das Fleisch
schwammig, vom Gas aufgebläht. Nur wenig sah man vom Mund: die Lippen
waren fest aufeinandergepreßt, schief, auf der einen Seite beinahe in
einem rechten Winkel nach oben verzogen. Von leicht gekräuseltem Schaum
überkrustet. Die Augäpfel vorgetrieben, feucht und glanzweiß. Um die
Backenknochen herum dicke, kurze weißliche Bartstoppeln.
Neben ihm Jacke, Sicherheitslampe, irgend ein Werkzeug. Ueber
fünfunddreißig Jahre Arbeit in der Grube saßen da, Vater dreier Söhne:
einen davon an den Krieg drangegeben, einen als „Hundejungen“ vor zwei
Jahren im Schacht verloren, einer noch überlebend ... Da half nichts, da
mußte auch die Mutter noch in der Fabrik an der Brikettmaschine
mitverdienen.
Nun, der Alte war schon immer ein wenig absonderlich.
„Ach, tappen wir Menschen nicht eigentlich alle im Dunkeln. Ist gar
nicht so schlimm. Hände gefaltet. Augen zu. Welt, schwarzer Traum, ade!
...“
* * * * *
Hundertundfünfzig Särge zugleich, einhundertundfünfzig Leichen von
Bergarbeitern, in billige, roh zurechtgezimmerte Holzsärge gepackt,
schwankten jetzt oben dahin unter den blechernen Klängen eines
Trauermarsches durch die Frühlingsluft.
Ein ungeheurer Menschenzug stampfte dahinter her.
Abordnungen aller Bergarbeiter der Welt waren erschienen.
Schwarze Fahnen. Rote Fahnen.
... Kohle und Blut ...
* * * * *
Unten in der Tiefe löste sich wieder ein Felsblock.
Der Alte fiel weit hintenüber.
Nun lag er ausgestreckt.
Oben meinte die Mutter:
„Ja, ja, ich habs gleich gesagt: diesmal macht der Vater Feiertag ...“
Der Mund war ihm aufgeschlagen. Die Zunge stieg zurück bis in den Gaumen
geklemmt. Um den Lippenrand herum, wie ein eingelegter Kranz, bräunliche
Zahnstummeln.
Der Begräbniszug war wie fernes Wasserrauschen.
Und immer noch hing die unsichtbare Gaswolke fest in dem unterirdischen
System: Korridore, Labyrinthe, Windungen: es sickerte darin, die Wände
flüsterten, eine Quelle schlüpfte vorüber, es krachte und knarrte in dem
Gebälk, ein Winddruck fauchte hindurch, in einem Kohlentümpel gluckste
es ... und schwarz war es, so schwarz, als müßte man, um diese
Finsternis zu durchdringen, Bohrmaschinen gegen sie auffahren.
Undurchdringlich schwarz.
Das war endlich Ruhe. Die Große Ruhe. –
IX
Die Einen nahmen an diesem Begräbnistag Paradeaufstellung.
Sie rüsteten sich zu einer Toten-Parade.
Patriotische Ansprachen, Trauerreden wurden gehalten.
Ein Filmoperateur kurbelte.
Dutzendweis Leichen ließen sie an sich vorüberdefilieren. Viel
Tröstungen und Weihrauch und Versprechungen taten not. Viel künstliche
Tränen mußten vertropft werden. Denn das Ganze schmeckte wieder mal
bedenklich nach Massenmord ... Mit einem breiten Trauerflor waren die
Zylinder umflochten ...
Die Regie klappte.
* * * * *
Die Anderen aber nahmen Kampfaufstellung.
Sie standen da, gerüstet zu einem neuen Kampf.
Wie: Gewehr bei Fuß.
Blutrote Wimpel. Blutrote Banner.
Es war ein blutrotes Meeting.
Flammende Kampfaufrufe schossen empor.
Und stießen sich frei in dem Schwur:
„Lieber im Feuer der Revolution verbrennen, als elend verrecken auf dem
Misthaufen dieser Republik ...“
* * * * *
Und die Sonne schwang flimmernd über sie hin, den ganzen Raum erfüllend,
ein gespenstischer Lichtkreisel. –
3. Kapitel.
„Friede auf Erden“ –
Max Herse, ein junger Arbeiter, besucht
eine sozialdemokratische Wahlversammlung.
– Die Befriedung der Welt ist da. Der
Weltfrieden scheint gesichert.
Deutschland: die Industriewerkstatt der
Welt! – Zeitungsleser im Café.
Unheimliche Nachrichten. – Einiges vom
Studenten Peter Friedjung. Max Herse und
seine Kollegen auf dem Heimweg. –
Klebekolonnen bei der Arbeit. –
Schlafende Menschen. – „Friede auf
Erden.“
I
Der Nebelrauch stand unbewegt in den Straßen. Tausende Lichtpunkte
flimmerten. Die Verkehrstürme blinkten grün, weiß, rot. Die Menschen
gingen sehr schnell. In Trupps schoben sie sich über die Plätze ...
Ein Lichtband fließt oben vorüber ...
Max drückte sich aus dem Menschengewühl heraus auf die hintere Plattform
einer Elektrischen.
Er studierte noch immer den Aufruf der Gewerkschaften.
Der lautete:
„Wo soll die Frage entschieden werden, ob wir den gesetzlichen
Achtstundentag wiederbekommen sollen?! Im Reichstag. Wo wird
das Arbeitsgerichtsgesetz, das Arbeitsvertragsgesetz, die
Schlichtungsordnung, das Tarifgesetz gestaltet? Im Reichstag. Wo wird
die Verteilung der Lasten gesetzlich geregelt, die der Dawesplan uns
gebracht hat!? Im Reichstag ...“
„Also doch!“ dachte Max.
„Wenn nur die Mark stabil bleibt! Dann kann man wenigstens wieder
rechnen ... Man braucht ja heutzutage, mehr denn je, schon wirklich
gewaltig viel Geld ... Sich zu Tode schuften. Aber das Resultat ist dann
wenigstens doch ein stabiler Hundelohn ...“
Eine Theatergesellschaft scherzte im Wageninnern.
„Die schwimmen hübsch obenauf, wie auf der Suppe die Fettaugen ...“
Reichswehrsoldaten, den Tornister aufgepackt, darüber den Stahlhelm. Sie
kamen von einem Truppenübungsplatz.
Ein Unteroffizier erläuterte das neue Visier:
„50000 Gewehre sind bis jetzt schon darauf eingeschossen. Tadellos. Ein
jeder Schuß aber muß bei uns auch sitzen.“
Gesprächsfetzen schwirrten:
„Na, also doch, daß wir wieder geordnete Zustände bekommen haben! ...
Ja, wissen Sie, die Inflationszeit. Die steckt mir immer noch wie die
Grippe in den Gliedern.“
„Ich, Herr Kulicke, hab’ es immer schon gesagt – und was die vielen
Parteien anbetrifft – eine Linke, eine Rechte, eine Mitte: das genügt
vollauf, dann hat jeder was ...“
„Lassen Sie mich nur aus damit, Herr Rechnungsrat, sage ich Ihnen, mit
den Regierungen! Lassen Sie die neue ein wenig liegen und schon wieder
wird sie abgeholt ... Sie werden sehen, der starke Mann ist’s, der uns
fehlt ... So ein Bismarck ...“
„Also wird’s doch Wahrheit, daß Amerika uns unter die Arme greift ...“
Auch mit dem Straßenbahnschaffner sprach natürlich jemand, der eine
duftige Zigarre rauchte:
„Na, was macht’s ... Viele Unfälle, was ... Ja, das deutsche Volk muß
eben erst wieder arbeiten lernen! ...“
„Wenn man oft über 12 Stunden Dienst hat, Herr, dazu nicht genug, um
einmal in der Woche sich ordentlich satt zu essen ... außerdem vier
Jahre schließlich im Krieg gewesen ist, ein paarmal verwundet ist, wie
unsereins ... Das stellen Sie sich schon einfacher vor, wie es ist ...
Stellen Sie sich mal vorn an den Kurbelkasten ... Und wie das alles
heruntergekommen ist ... Die Bremsen, die Sicherungsanlagen ... aber
dazu ist ja eben kein Geld nicht da ...“
* * * * *
Millionen Räder drehten sich, um die Menschenmassen an die
Arbeitsstätten zu befördern. Hin und zurück. Es war ein gewaltiger
Kreislauf, ein schwingender Wirbel. Unter der Erde, auf der Erde, hoch
in der Luft. Eingepfercht in die eisernen Kasten der Untergrundbahnen
schossen Menschenhaufen durch zementgemauerte unterirdische Röhren,
stießen auf Treppen hoch, rannten kreuz und quer ... Rufe splitterten,
Signale pfiffen, schief gestellt schmissen sich die Autobusse um die
Kurven ... Jeder wehrte sich gegen den andern ... Wie das Meer kennt
auch die Großstadt Flut und Ebbe. Brandung und Springflut ... Erst tief
in der Nacht ziehen stillere weite Kreise die beruhigten Menschenwellen
...
* * * * *
Max war mit dem Gewerkschaftsaufruf fertig.
„Gott der Allmächtige!“ stöhnt in sich hinein ein Kriegskrüppel. Er trug
die Soldatenmütze mit schwarzweißroter und schwarzweißer Kokarde, das
Eiserne Kreuz, eine Hakenkreuznadel, einen Totenkopf, und handelte mit
patriotischen Ansichtspostkarten.
Er stolperte mit einem Prothesenbein.
Vor jedem Bessergekleideten salutierte er, stand stramm.
„Rheinische Mädchen bei rheinischem Wein“ orgelte ein Leierkasten.
Schupo patroullierte vorüber, prüfte den Ausweis eines Straßenhändlers.
Schon zwitscherte es aus den Anlagen. –
II
Arbeiterviertel:
Uebermenschengroße Stücke von Verputz waren von den Häuserfronten
heruntergebrochen. Das ganze Viertel hatte seinen besonderen Geruch. Das
Nebeldickicht schlug sich durch Mauerritzen in das Innere der Häuser
hinein. Winkelig und unaufwaschbar vor lauter Gerümpel war es in den
Geschäften. Ueberall rochen die feuchten Keller herauf. Ueberall troff
es. In einem steilen Zickzack kletterten knarrend die Treppen empor.
Gaslicht gespensterte.
Ein Greis schleppte sich mit einem Bündel Holz quer über die Straße.
Frauen standen, aus zahnlosen Mündern wispernd, in Gruppen herum. Festen
Schritts kamen einige Burschen vorüber, Mützen auf, die Fäuste tief in
den Hosentaschen. Kinder jagten sich, Droschkengäule hatten den
Futtersack vor.
Das Herz-Innere der Häuser bestand, durch längst schlissig gewordene
Gardinen sichtbar, aus Küche, Kammer, Stube. Mit spärlichen Möbelresten
waren sie dürftig ausgeflickt.
Menschenwerk sind diese Häuser.
Doch in diesen Häusern formen sich unmerklich auch wieder die Menschen
um.
Eine kalkige Kruste sind diese Häuser, über einen lebendigen Leidenskern
gestülpt.
Wo sind die Gefangenenaufseher, fragt man. Es sind freiwillig Gefangene,
bekommt man zur Antwort. Sie beaufsichtigen sich selbst. Sie haben sich
ihrem Schicksal ergeben. Lieben sie wirklich ihre Verdammnis ...?
Menschen und Häuser dieser Gegenden: lebensverbunden!
Sie schlagen den gleichen Herztakt. Mit Leidenszeichen sind sie
überreichlich besät und mit Todesrunen. Viele Morde, Verzweiflungsmorde
sind schon in ihren Gängen geschehen. Sie bergen in sich ein Maß von
Not, das übermenschlich ist. Seht diese Häuser an! Kaum daß sie sich
noch auf ihren Füßen halten können! Die Fundamente sind längst
unterwühlt. Erdschlamm dringt vor. Alles steht hier auf Abbruch. Sie
sind wirklich schlecht genährt. Gemüsereste, Kartoffeln, Brennsuppen,
Heringe. Immer ist es derselbe Trott. Wer die Augen noch im Kopf hat, um
zu sehen, der sieht: das sind Kerker, Leichenkasernen, Grabhäuser, und
die Fetzen der Fassaden schlottern an ihnen herunter wie Lumpen an einem
Skelett ...
Nenn mir den glücklichen Besitzer, und du erfährst: er heißt vielleicht
heute noch Krätzig und wohnt im Ostseevillenörtchen Heringsdorf. Aber
die Häuser, zweihundert Stück gleich auf einmal, sie wandern; sie
wandern herum zwischen Tschechoslowakei und Amerika: nur die Verwalter
bleiben, treiben die Mieten ein, besorgen redlich und treu Kündigungen
und Hinausschmisse ... Denn auch das todwunde Häuserrevier ist immer
noch ein lohnendes Spekulationsobjekt. –
Hier führen die Menschen tagaus tagein einen heroischen Kampf um die
Wohnung. Hier ist ein rumpfgroßes Loch in der Wand. Es müßte vermörtelt
werden. Man muß die Bettstellen rücken, einmal hierhin, einmal dorthin:
denn die Decke tropft. Es müßte geteert werden. Hier sind ganze
Barrikadensysteme gegen Ratten errichtet. Dort unternimmt man vergebens
Feldzug um Feldzug gegen das Ungeziefer. Hier wächst der Schmutz von
selbst. Mit zusammengebissenen Zähnen versucht man zu retten, was noch
zu retten ist. Aber der Schimmel marschiert, er erobert mühelos
das Innere der Schränke. Die Tuberkulose bricht ein, die
Geschlechtskrankheiten pflanzen zynisch triumphierend ihr Banner auf ...
Und schon ist wie immer Arbeitslosigkeit, Hunger, Skrophulose da ...
Eine höllische Armee, zusammengesetzt aus allen Kadres der menschlichen
Notdurft und Hilflosigkeit, ist vollzählig zur Stelle ... Der
Generalangriff beginnt. Aus Schlitzen, Ritzen, Poren, Verschalungen,
Mauern hindurch, millionenmäulig, speit es Verderben. Da gibts keinen
Widerstand. Jede Abwehr ist nutzlos ...
Und in den Höfen waten die Kinder, wenn sie spielen wollen, bis zu den
Knöcheln in einem fauligen Tümpel ...
Erbarmungslos vollzieht sich hier unter den Augen des Gesetzes, infolge
Gesetzeskraft und laut Paragraph so und soviel – erbarmungslos vollzieht
sich hier eine ganz viehische, ganz trockene Blut-Kleinarbeit ...
Glanzblau glaste der Himmel darüber, wunderbar grenzenlos über dieses
Massenelend gespannt. –
III
Ein Kino vorn:
Mit einem Plakat: ein Schiff, das im Eismeer versinkt, ein Auto, das
vollbesetzt auf einer mexikanischen Alpenstraße in den Abgrund saust,
eine Großaufnahme von einem blonden Mädchenkopf, „Lia Mara“ oder die
„Gefesselte Schönheit“ genannt, bengalisch überstrahlt von himbeerroten
Lichtern –
Und hinten über zwei Höfe hinweg war das Versammlungslokal.
„Neue Frankfurter Festsäle“ nannte es sich.
Es mochten gegen zweitausend Menschen anwesend sein.
Der Bühnenhintergrund war sichtbar, gemalte Kulissen, eine
Seelandschaft, dahinter im Sonnenuntergang leuchtende Bergspitzen,
ziegelrot. Auf knallgrüner Leinwandalm weideten braunlackierte Kühe,
auch die schöne Sennerin fehlte nicht, in samtschwarz gestrichenem
Mieder, die Lippen wie ein Kügelchen so rund.
Blauweiße Fahnengirlanden waren kreuz und quer gespannt.
* * * * *
Als Max eintrat, sprach der Redner schon.
Es hatte auch schon einige Zwischenrufe gesetzt, Kollegen informierten
Max gleich darüber, aber der Saalschutz funktionierte diesmal gut, und
man hatte die Störenfriede gleich in vereinfachtem Verfahren an die Luft
befördert.
Auch Max nickte mit dem Kopf:
„Eine bodenlose Frechheit, unsere Versammlungen zu stören ...
Radaubrüder ...“
Und er war stolz auf seinen Saalschutz.
„Es ist gut so ... Mögen die sich wo anders austoben ...“
Und auch aus ordentlich gekleideten Kerls bestand der Saalschutz. Gut
ausgerüstet: blaue Mütze, Wickelgamaschen, Windjacke. Bewaffnet mit
stählernen federnden Totschlägern und Gummiknüppeln. –
* * * * *
Man mußte also über die bevorstehenden Reichstagswahlen mit sich ins
Klare kommen.
Der Redner ließ es sich dabei nicht nehmen, der Reaktion, worunter er
vor allem die Deutschnationalen verstand, einiges ordentlich
auszuwischen, ging dann von der innerpolitischen Lage zur
außenpolitischen über und erörterte sachlich und wirkungsvoll die
wichtigsten Probleme. Es gelang ihm dabei, überzeugend darzutun, daß
unter den nun einmal gegebenen politischen Verhältnissen dem deutschen
Volke, das, schlecht geführt, den Krieg verloren hat, nichts anderes
übrig bleibt, als das Sachverständigengutachten anzunehmen, das – im
Vergleich zu den Verpflichtungen, die vor dem Deutschland aus dem
Versailler Vertrag erwuchsen, – wesentliche Erleichterungen biete, die
Räumung des Ruhrgebiets und damit die Befreiung einiger Millionen
Deutscher von der französischen Fremdherrschaft bringe, der Industrie
die lebenswichtigen, nicht unerheblichen Kredite vermittle, der
zerrütteten deutschen Wirtschaft wieder aufhelfe – man denke nur an die
passive Handelsbilanz! – und damit auch zugleich dem Proletariat
Verdienstmöglichkeiten und Arbeit verschaffe. Ueber die Lastenverteilung
aber entscheide der Reichstag, und es komme nun darauf an, möglichst
stark dort einzuziehen, um die Gewichtsverteilung der Lasten zugunsten
der werktätigen Bevölkerung auf die Schultern der besitzenden Klasse
abzuwälzen.
„Ja, aber meine Herrschaften!“ rief der Referent aus, als sich aus einer
Saalecke heraus wieder Widerspruch bemerkbar machte – „wir leben eben
nun einmal in einer kapitalistischen Gesellschaft, und ich kann nicht,
so gern ich auch möchte, sie von heute auf morgen wegpusten. So heißt es
also, sich so gut es geht mit dieser Tatsache abzufinden und sich so
häuslich wie irgend nur möglich in dieser Gesellschaft einzurichten ...
Gedulden Sie sich, warten Sie ab, bitte, alles zu seiner Zeit ...“
Dies alles schien sonnenklar.
„Solange die Arbeiterschaft noch nicht einmal unter sich selbst einig
ist ... Da kann man ja jeden xbeliebigen Betrieb als Beweis dafür
hernehmen ...“
Und auch das, was der Redner nur so nebenbei bemerkte, daß man es sich
schon was kosten lassen solle, um die Hohenzollern außer Land zu halten:
„wir werden uns schon in dieser Frage nicht lumpen lassen – – –“
Auch das war Maxens Standpunkt.
„So haben eben nun doch die Herrschaften der Entente einsehen gelernt,
daß man auf dem Weltmarkt ohne den deutschen Arbeiter, ohne den
begabten, gründlichen, gewissenhaften deutschen Arbeiter nicht auskommt.
Deutschland: Industriewerkstatt der Welt! Das ist der Inhalt, das wahre
Wesen dieses von uns angenommenen Gutachtens! Stellt euch vor, Arbeiter,
wie nun langsam aber sicher von Monat zu Monat euere Lage sich bessert,
euer Lebensniveau sich heben wird ... In einem solchen Moment sollen den
Mut wir sinken lassen ...! Nach all den Jahren, in denen ein schlimmer
Unstern über Deutschland, über euch Proleten im besonderen, waltete!?
Nein, dreimal nein! Nimmermehr! Mit vollem Recht können heute wir wieder
ausrufen: am deutschen Wesen, am Wesen des deutschen Arbeiters im
besonderen wird wieder die Welt genesen ... Schaut frohen Mutes drum in
die Zukunft!“
„Ja, ja. So, so ist es.“
Viele nickten mit den Köpfen.
„Reaktion oder Revolution!? Schwarzweißrot oder schwarzrotgold!?
Entscheidet euch?! Monarchie oder Republik!? Gebt euere Stimmen,
Proleten, der Republik, schafft mit an dem Erlösungswerk der werktätigen
Massen. Die Revolution, die Befreiungsaktion des Proletariats
marschiert, wenn auch langsam ... Auf zur Wahl! Schließt die Reihen
dicht! ... Beziehen wir unsere alten revolutionären Kampfpositionen!
Hinein in die Wahlschlacht ... Die Sozialdemokratische Partei
Deutschlands, sie lebe –“
„Hoch! Hoch! Hoch!“
Der Saal schmetterte.
Die Internationale sang. –
IV
Wird es nun wirklich schon Frühling?! Die Fenster sind weit offen.
Menschenstimmen hört man aus den Höfen. Diese Jahreszeit ist ein
Heldengedicht. Gewaltig und grau ziehen den Horizont herauf
Wolkenquadern um Wolkenquadern: formlos, unbehauen, roh: rebellische
Figuren ...
Die Zeitungsleser saßen um diese Stunde wie immer im Café. Glatzköpfig,
vollbäuchig, manche mit prallen, rötlich getupften Bäcklein. Tranken
Mokka, schlürften Limonaden aus Strohhalmen, schluckten auch sonst noch
was ...
Draußen prasselten Hagelschauer nieder.
Ein kurzer Zwischenfall.
Eine Stimme: „Sie Kapitalssau, Sie Dreck- ...“
„Was, Drecklump, Kapital ... haben Sie mich genannt. Mein Herr, ich
bitte Sie das sofort zu berichtigen ...“
Und die Drehtüre schob beide ins Freie.
Das Café-Innere war wie ein Aquarium. Tropisch-warm; die Bewegungen der
Caféhausbesucher waren, als sei die Luft eine zähe, kleberige
Flüssigkeit.
Schönes Buchstabengift. Schönes Papiergift.
Sie sahen nur selten mal auf. Die Augen waren in dem Papierwinkel, den
sie an einem Holzgriff steif vor sich herhielten, festgesogen.
Gehirne fraßen. Gehirne verdauten.
„Grand-Hotel, Honolulu.“ „Isa, die Serbenfürstin.“ „Raubmord.“
„Lustmord.“ „Spanische Flugzeuge bombardieren die Rifkabylen mit
Gasbomben.“ „Neue Schreckenstaten des Kommunisten-Gesindels.“ „Tscheka.“
„Parade der Stahlhelmer ...“
Die Zeitungsblätter bewegten sich. Legen sich um. Es knistert. Ein
geheimnisvoller Wind weht. Ein neues Pack mit Ereignissen. Mit einem
Blick hüpft da ein Auge über eine ganze Seite hinweg. Ein neuer Teil,
mit Schicksalen, Erlebnissen, amüsanten Neuigkeiten nur so vollgepfropft
...
Nun sind die Hände der Leser in eine Papierfläche eingekrallt wie
Tatzen.
„... von den Fräcken der Herren ist nur zu sagen, daß sie ausnahmlos up
to date und im besten englischen Stil waren; nicht ein Millimeter der
weißen Weste war unterhalb des Frackrandes sichtbar ... Die Toiletten
der Damen im Stilkleid weiß Gourdeille mit Pelz Suhmann, den man seiner
großen Seltenheit wegen noch wenig sieht ... Lisa Benedict aber hatte
ihren prachtvollen Rubens in dunkellila Chadourne gehüllt, benäht mit
marokkanischen Pailetten aus vielfarbiger Mica ... Ein zart
aquarelliertes Kleid hellgelbe Merveille-Saturé. In schwarzem Craou,
besetzt mit Jorkin, ein Fell, das wie goldgepudert aussieht ... Es war
einem ganz indianisch zumute ...“
„Schwerarbeiter!“ knurrte lautlos der Bettler, der zwischen den Tischen
herumstrich. Von dem Geschäftsführer und einem Kellner arretiert,
verläßt er wieder das Lokal.
Weiter arbeiten sich durch den Papierschlamm hindurch die Zeitungsleser.
Vulkane brechen auf, Länder werden überschwemmt. Kolonialvölker
rebellieren, Massenselbstmorde, Maschinenhinrichtungen, Hungersnöte.
Lächelnd thront dabei das Büfettfräulein über dieser Flut
rauchverwolkter Häupter, aus deren Gehirnwindungen jetzt bei der Lektüre
abessinische Residenzen erstehen, Petroleumquellen aufknattern,
Bohrtürme durch Kalifornien wandern, mit breitwulstigen Epauletten die
Achseln bestickt hochwamstige Negergeneräle vor dem amerikanischen
Präsidenten paradieren ...
Das Gesäß des Lesers drückt sich fest im Stuhl.
Ein fleischerner Riesenpudding ...
Merkwürdige Dinge werden im letzten Teil des Blattes über den großen
Ozean gemeldet. Was davon wohl auf Wahrheit beruht!?
„Sir William Pope, in der Präsidentschaftsrede in der Chemical Society
am 27. März 1919: Die englische Methode zur Herstellung giftiger Gase
sei dreißigmal so wirksam, wie die von Deutschland, während die Kosten
in Deutschland dreißigmal so groß seien wie die in England. Bei
Kriegsende hätte die Entente täglich eben soviel herstellen können wie
die Zentralmächte monatlich. Anmerkung der Redaktion: Was man besonders
dem bekannten Führer der zionistischen Bewegung, Herrn Prof. Waitzmann
verdanke, dem kühnen Organisator des chemischen Krieges auf
ententistischer Seite.“
Wie auf einem scheu gewordenen Gaul galoppiert unser sehr verehrter
Leser weiter. Schüttelt sich. Nun geht es wieder in gewohntem Tempo. Die
Sprünge, die schließlich diese mörderisch gottverfluchte Zeit macht,
zwingen auch den unsichersten Kumpan am Ende noch fest in den Sattel ...
Neue Entdeckungen! Ein neues Geheimnis! Und wieder von jenseits des
Ozeans, aus dem Wunderland!
„Ein Todesregen! – Ein neues Gift, so tödlich, daß drei Tropfen auf der
menschlichen Haut genügen, um den Tod herbeizuführen, ist die neueste
Erfindung des chemischen Kriegsdienstes der amerikanischen Armee. Man
führt Fachleute an, die aussagen, daß, wenn man die Flüssigkeit aus
Röhrchen an der unteren Fläche eines Flugzeuges ausstieße, sie alles,
was sich im Wege dieser Maschine befindet, töten würde. Ein Flugzeug,
fügt man hinzu, könne zwei Tonnen der Flüssigkeit über eine sieben
Meilen lange und hundert Fuß breite Gegend verteilen und dies würde
genügen, um jedermann in dieser Gegend zu töten. Die Flüssigkeit kann
leicht hergestellt werden und eine Ausbeute von einigen tausend Tonnen
täglich könnte angeblich schnell erreicht werden ...“
Hat man noch Zeit, über das alles nachzudenken!? Bleibt einem da nicht
die Luft weg!? Staune vor nichts, sagt sich der Spießer oftmals selbst
vor und richtet energisch und stolz sich dabei auf im Steigbügel. „Alles
ist möglich ... Alles schon dagewesen ... Nichts unter der Sonne ist neu
...“
So ist doch z. B. bekannt das sogenannte griechische Feuer im vierten
Jahrhundert vor Christi, aus Harz, Petroleum, Schwefel und ungelöschtem
Kalk bestehend, und das später, im zwölften Jahrhundert, häufig von den
Sarazenen gegen die Kreuzfahrer zur Anwendung gebracht wurde ...? Und
dann erst das Mittelalter! Eine reiche Ausbeute für unsere
geschichtliche Exkursion! Lesen wir da nicht in dem berühmten
„Kompendium der Sekrete“ des Arztes und Naturforschers Leonhard
Floravanti von Bononia um 1600 von einem Oel, destilliert aus Terpentin,
Schwefel, Asa foetida, Menschenkot, Menschenblut usw., das dermaßen
stinkt, daß kein Mensch in der Festung, in die es geworfen wird, mittels
Schleudermaschinen, versteht sich, es darin aushalten kann ...
Also, alles schon dagewesen ... Was zu beweisen war.
„Prosit Neujahr!“ entfuhr es aber da dennoch einem kleinen
Bankangestellten, als er das las, „schöne Aussichten, das kann ja noch
recht gemütlich werden ... Heiter, immer heiterer, in der Tat! Aber man
muß schon mit den Wölfen heulen ...“
Und er versucht gleich ein Gespräch über dieses Thema mit dem Studenten
anzuknüpfen, der noch mit an dem Tisch saß.
Der wehrte aber energisch ab.
„Ja, warum denn nicht ... Glauben Sie vielleicht noch an den
Abrüstungsschwindel!? ...“
„Sie entschuldigen schon ... Das war doch nicht so ernst gemeint ...“
Unablässig drehten sich indeß die Drehtüren.
Zwei Bekannte prallten dort unerwarteter Weise im Gang aufeinander.
„Du hier, ach Emil, wer hätte das gedacht ... ja, wie lange schon ...?
Und immer wohlauf ... Und das Geschäft ...“ Und schon zogen sie sich
gegenseitig an einem Tischchen nieder und wie eine Litanei wurde die
ganze Skala der Bekannten und Geschäftsfreunde abgeklappert.
Die Schnurrbartspitzen des Portiers leuchteten wie zwei rötliche
Stichflammen.
Der eine oder der andere stolzierte in dem Caféraum auf und ab, wie in
einer Wandelhalle. Der Zeitungsmann flitzte geschäftig.
Der Nachtbetrieb begann. –
V
Peter Friedjung war Werkstudent. Sechs Stunden arbeitete er täglich bei
einem Patentanwalt in der Alten Jakobstraße am Setzkasten. Die
Patentanmeldungen wurden hier auf einer kleinen Handdruckmaschine
abgezogen. Ein seltsamer Betrieb. Hunderte von Patentanmeldungen liefen
täglich ein. Da waren Patentgesuche darunter auf fahrbare Rucksäcke, auf
Hosenträger, die mit einer Hand bedient werden konnten, Klosetts, mit
selbsttätigem Wischapparat, zwanzig Modelle des Perpetuum mobile
täglich, Studierlampen, die zu gleicher Zeit als Kochapparat benützbar
waren, ohne jede Inangriffnahme des Zylinders selbstverständlich,
Patente auf in der Dunkelheit leuchtende Füllfederhalter usw. usw. Gegen
Einsendung eines nicht unbeträchtlichen Vorschusses wurden diese Gesuche
exakt der Reihe nach behandelt und dem Patentamt vorgelegt ... Damit war
aber auch die Angelegenheit dieser Hunderte von kleinen Erfindern
erledigt ... Eine Ausnutzung des Patentes kam natürlich nicht in Frage
...
Bis zum Ruhrabenteuer war Peter deutschnational. Deutschnational bis auf
die Knochen. Er glaubte an Deutschland, als an ein auserwähltes Volk, er
selbst hatte ja bereits gekämpft und gelitten für Deutschlands
Herrlichkeit. Sollen die vier Jahre Krieg für die Katz gewesen sein ...
Sollte es wirklich wahr sein, daß ... Daran konnte er nicht glauben. Das
hing mit Sinn oder Sinnlosigkeit seiner eigenen Existenz zusammen. Daß
Krieg: das Produkt geschäftlicher Konflikte ist, das Kriegsziel nichts
weiter als dem Gegner diejenigen wirtschaftlichen Bedingungen
aufzuzwingen, die man für sich als notwendig erachtet; daß das
Wesentliche dabei, das Herzblut des Krieges sozusagen: der Beutel, die
Interessen der Kapitalisten sind; daß in Wirklichkeit aber alles kämpft
für die Interessen eines Häufleins von Magnaten des Finanzkapitals, für
ein 300-Männerkollegium; und daß auch das Instrument der Schiedsgerichte
nur dazu dient, den Ausbruch _ungewollter_ Kriege zu verhindern ... Das
alles mochte vielleicht für England, für Amerika, Frankreich stimmen,
für unsere Gegner stimmen, aber für Deutschland!? War nicht für
Deutschland Krieg: Schicksal, elementar wie eine Naturgewalt, Aufbruch
der Jugend, Blutrausch!? ... Gott hat den Krieg gewollt, und ich, Peter,
habe ihn geführt ... Als Kriegsfreiwilliger hatte er den Krieg
mitgemacht. Als Kriegsfreiwilliger im Regiment „List“, mit „Deutschland,
Deutschland über alles“ hatte er gestürmt, dieses Lied auf den Lippen
waren bis auf ihn alle seine Kameraden gefallen ... Und das soll nicht
das Wunderbarste, das Höchste, das Heldenhafteste in der Welt gewesen
sein ...? Die Fahne Schwarzweißrot, die soll nicht die Fahne, die Fahne
unseres Blutes, die Fahne der Ehre der gesamten Nation gewesen sein ...?
Die Fahne, die damals bei Tannenberg, bei Verdun ... Deutschlands
gesamte idealistische Jugend muß sich um sie scharen, damit sie nicht
der rote Sturmgeier zerfetzt ...
Bis er eines Tages, selbst Mitglied einer völkischen Sturmabteilung,
plötzlich erkannte: es ist ein Unterschied zwischen der Phraseologie
einer Sache und dem Inhalt einer Sache. Und daß die nationalen Phraseure
sich im Grunde ihres Herzens keinen Deut um die wahren Interessen der
Nation scheren, sondern: Profitjäger, Hasardeure, Spekulanten,
Großschieber, Hyänen sind, ganz raffinierte, abgefeimte, ausgebrühte
Burschen, die das Blut und das Lebensmark des Volkes aussaugen; die
nationale Phrase aber als Köder benutzen, blindgläubigen, von dem
sozialdemokratischen Regime enttäuschten Kleinbürgern gegenüber; und daß
sie, ja, daß sie die eigentlichen Volksverbrecher, Hochverräter,
Landesverräter sind und die ... ja, die Kommunisten, die revolutionären
Proletarier, die eigentliche Lebens- und Schaffenskraft des deutschen
Volkes: keineswegs! keineswegs! –
* * * * *
Seitdem sympathisierte Peter Friedjung mit der proletarischen Bewegung.
* * * * *
Ereignisse an Ereignissen sich überstürzend, eine gewaltige chaotische
Lawine, so stieg es empor aus dem Zeitungshaufen. Peters Gehirn wurde
mit hineingerissen in einen ungeheuren Weltwirbel.
„Stänkereien und Zänkereien: das war immer mehr der Grundton unserer
Zusammenkünfte. Die Enttäuschung über die Bewegung äußerte sich immer
mehr in persönlichen Verunglimpfungen, Anschuldigungen, Verleumdungen
übelster Art. Nichts und niemand mehr blieb von Witzen und Zotereien
verschont: auch Schlageter begann man bereits nach Strich und Faden
herunterzureißen, viele wollten wissen, daß ... Ein abstraktes, von
patriotischen Phrasen triefendes Gefasel: genüge es, wem es wolle ...
Keiner wollte das endgültig besiegelte Debacle wahrhaben. Ein jeder
drückte sich mehr oder minder feig um die Tatsache herum, daß von einer
Mission der völkischen Bewegung bereits nicht mehr gesprochen werden
konnte ... Und blieben gar einmal die Geldunterstützungen aus, deren
Quelle immer mystischer verhüllt und ungenannt blieb, dann war es schon
gar nicht mehr zum Aushalten. Es war schon so: Abzeichen, Hakenkreuze,
Totenkopffahnen, Armbinden, Wickelgamaschen, Windjacken: damit mußte man
sich darüber hinweghelfen, daß man eigentlich nichts zu sagen hatte. Ja,
gewiß, bei jeder Versammlung, bei jeder Heldengedenkfeier redete man,
aber bitte sehr, nur bildlich gesprochen, aus hohlem Bauch ... Ein jeder
mißtraute dem andern. Rohheiten, Exzesse jeder Art, Unterschlagungen
waren an der Tagesordnung. Da gab es Degenerierte aller Art,
Effeminierte, pathologisch Klatschsüchtige, Hochstapler, Abenteurer,
Dilletanten, Homosexuelle, Päderasten, Sadisten, Masochisten, kurzum,
ein Klub von Deklassierten tat sich in prächtigen Salons auf, die
Politik war nur meist für geschäftliche und erotische Beziehungen die
Maske, und dieser hochpolitische Klub unterhielt durch seine Kuriere und
Mittelsleute eine stete Verbindung mit den übelsten lumpenproletarischen
Kloakenbuden und Obdachlosenasylen. Lumpenproletarier waren es, die man
zuerst durch Versprechungen auf Unterstützung und Anstellung in die
Stahlhelmverbände lockte, dann trieb man die Kleinbürger, heillos
borniert wie sie waren, zu Paaren, sie waren es gewohnt zu gehorchen wie
dem Hund die Schafherden. Die hatten während der Novembertage geradezu
Angst vor ihrer eigenen Freiheit bekommen, waren sie doch dressiert nur
auf Kommando zu parieren. Eine geringe Dosis schwarzweißroter
Gemütssalbe genügte, feste druff, und schon hatte man sie wieder bei der
Stange. Sie waren von den hohen Stellen bestimmt, die Kastanien aus dem
Feuer zu holen. Preußische Disziplin, kerndeutsch, treudeutsch: das
waren so die üblichen Zauberworte, um damit jeden, der sich irgendwie
mißliebig gemacht hatte, ordentlich unter die Fuchtel zu nehmen, und das
besorgten auch ausreichend die jeden Tag sich noch „nationaler“
gebärdenden kleinen Herrschercliquen. Und zwar nach allen Regeln der
Kunst. Zeitweilig wurden Speiseküchen eingerichtet, man wollte künstlich
die Bewegung ins Proletariat hinein verbreitern, auch gab die
Großindustrie in der damaligen Zeit viel Geld: bei all diesen
Wohlfahrtseinrichtungen verschlangen aber über 60 Prozent die
betreffenden Organisationen. Richtige Parasitennester entstanden, die
ungeheuerlichsten und schamlosesten Forderungen wurden für die
geringsten Dienstleistungen gestellt. Die Inflation warf auch noch jeden
Tag neue Postenanwärter in die völkischen Reihen ... Dann gab es eine
Periode: jeder war sein eigener Ludendorff. Man sprach überhaupt nur
noch in Zitaten ... Dann kam _eine_ Zeit, da tauchten Gestalten auf, die
nicht nur für eine Seite spitzelten, sondern mit wahren und falschen
Nachrichten fünf bis sechs Stellen zugleich bedienten ... Mit den
widerlichsten Krankheiten behaftete Kretins taten sich dazwischen breit,
zeterten „Heil“ und schrieen Mordio und Feurio, kolportierten bis zum
Brechreiz die beinahe nur noch pathologisch zu bewertende Phrase vom
rassenreinen Menschentum, vom Sonnen-Arier, trieben Wotankult und
verzückten sich augenverdrehend an einem paradiesischen Traum-Walhall,
indessen fütterten sie sich beträchtlich und rafften mit gierigen
Händen, alles was ihnen unter die Finger kam, zusammen. Dann kam eine
Zeit, Flaute nannte man sie, keiner wurde eigentlich mehr recht froh
seiner begangenen Spitzbübereien und vollbrachten Morde, die
eisenkreuzgeschmückten Bramarbasse wurden bedeutend ruhiger, und man
begeisterte sich plötzlich wieder für eine vernünftige deutschnationale
Realpolitik ... Nur konfessionelle Gegensätze trieb man noch ab und zu
auf die Spitze ... Auch in der Angelegenheit des Erbfeindes kriselte es
schon bedenklich. Der Revancheangriff, großmäulig vorbereitet und umso
schlechter organisiert, wurde plötzlich über Nacht abgeblasen ... Das
wäre also in Umrissen die Geschichte einer politischen Bewegung, vom
Finanzkapital ausgehalten, und von ihm in einem gewissen Zeitabschnitt
als politisches Druckmittel gehandhabt, als ein Instrument der
Erpressung, in einem Zeitabschnitt, da man noch nicht an die Möglichkeit
einer legalen Restauration glaubte. Als Ideologen figurierten durchwegs
Lumpenbourgeois, internationale Desperados, abgetakelte Offiziere; die
Träger der Bewegung, die Masse waren: Studenten, Angestellte,
Gymnasiasten, kleine Beamte, Lumpenproletarier, Kleinbürger. Mag sein,
daß sich auch mancher persönlich lautere Charakter und idealistisch
Gesinnte dorthin verirrt hatte. Diese aber haben sich bald voll Ekel
abgewandt ... Ueberhaupt, es dauerte nicht mehr lange: die ganze
Bewegung erstickte vollends im Schlamm der Korruption, verschmorte in
ihrem eigenen Fett. Nur hie und da ein Nebbich-Sektenbildner rumorte
noch wo herum als Diskussionsredner in einer Versammlung. In hellen
Scharen war man zu den Deutschnationalen übergelaufen, andere zogen sich
schmollend aus dem politischen Leben zurück ... Drei Monate in solch
einer Bewegung verbracht: da heißt es gründlich mit sich abrechnen, das
Fazit ziehen und dann: für die Zukunft daraus lernen. Nur Narren und
Phantasten binden sich weiter die Scheuklappe um, erhitzen sich selbst
künstlich bis auf 40 Grad Fieber und sind eben unempfindlich gegen jede
Art von kalter Dusche. Daß Deutschlands Aufstieg allerdings
gleichbedeutend ist mit der restlosen Ausrottung dieser Banditen und
ihrer Geldgeber, daß die Niederkämpfung dieser Bewegung vielmehr die
Grundvoraussetzung der wirklichen Gesundung Deutschlands ist: das wurde
mir im Verlauf jener drei Monate, die ich in dieser Gesellschaft verlebt
hatte, eindringlich klar. Die Antisemiten pumpten wacker beim Juden und
ein Jude wiederum schrieb zum Dank dafür für die Völkischen das
antisemitische Exerzierreglement!“
VI
Weiter jagten sich Peters Gedanken.
„Da gleiten hin die Industriemagnaten durch die Stadt auf ihren
schnittigen Luxuskraftwagen. Weit außerhalb der Stadt, den schmutzig
gelben Strom entlang, ragen die Fabrikschlote. Fronten von
Mietskasernen, scharf ausgerichtet, starren leblos, unbewegt. Fünfzig
Stock hoch türmen sich in den Stadtzentren die Bankhäuser ...
„Ein Boxkampf findet statt: als der Sieger abtritt, rasen 50000 Menschen
vor Begeisterung. Der Riesenraum der Arena ist ein vieltausendfaseriges
zuckendes Nervenbündel.
„Es hält in Moskau der rote Kriegsrat eine Sitzung ab. Der rote
Reitergeneral Budjonny spricht. Seine Worte sind Trompetensignale, sind
Hammerschläge ...
„Und die Straßen Jokohamas sind voll von demonstrierenden
Menschenmassen. Japan, ganz Japan läuft Sturm gegen das amerikanische
Einwanderungsgesetz. Im Staate Ohio aber wird indeß ein Neger gelyncht:
ein Scheiterhaufen ist errichtet und man verkauft an die vornehmen
Amerikanerinnen, 5 Dollar pro Stück, Fleischfetzen, Knochenteile von dem
verkohlten Gerippe ... Sie sollen wohl Gesundheit und Glück bringen ...
„Während in Stuttgart ein berühmter deutscher Soziologe seinen Vortrag
über nationalökonomische Probleme mit den Worten beschließt: „Zurück zu
Gott!“
„O, da ist ja auch die ganze Scharfrichterfamilie versammelt, Herr
Gröpler: so heißt er, der der ordnungsgemäßen Handhabung des Richtbeils
nur Allzukundige, im Nebenberuf Inhaber einer gutgehenden
Dampfwäscherei; da feiert er auch schon im Kreis seiner Lieben das
Jubiläum seiner fünfzigsten Hinrichtung. Und die Wände seines trauten
Heims sind mit Sprüchen aus der Bibel (Korinther) und mit
Kaiserbildnissen geschmückt. Den fünf zum Tode Verurteilten aber hat man
über Weihnachten drei Tage Aufschub gewährt, damit der Sängerchor der
Strafvollziehungsanstalt, dessen eifrige Mitglieder die fünf Armensünder
bis dato noch sind, an den hohen Festtagen wenigstens intakt bleibt.
„Halleluja!
„Und wieder wird ein Betrieb stillgelegt. Tausende trollen wieder
arbeitslos herum auf der Straße, schwarz, hungernd, knieschlotternd,
frierend: so staut es sich vor dem Arbeitsnachweis ...
„Und in den chemischen Laboratorien experimentiert man inzwischen herum
an einem neuen Giftgas. In den illustrierten Zeitschriften findet man,
neckisch von Blümchengirlanden umrahmt, die Photographie des genialen
Konstrukteurs der neuesten Flugzeugbombe.
„Die Prediger verkünden mit ausgebreiteten Armen von der Kanzel herab:
„Friede auf Erden.“
„Friede auf Erden!“ „Amen! Amen“ schallt vielstimmig zurück der Chor der
Gläubigen. Die Kathedrale ist wie ein Sarg. Weihrauch, Kerzenglanz,
geflüsterte Gebete mischen sich ineinander ...
„Die Strafexpedition, aus Truppenkontingenten zweier europäischer
Nationen zu gleichen Teilen zusammengesetzt, stößt in die von den
flüchtigen Eingeborenen angezündeten Urwälder vor. Riesige Giftmücken
flattern um die von der Siedehitze brodelnd aufgeweichten Leichname. Der
Himmel glänzt scharf. Wie glanzblau lackiert ...
„Tausende sterben jetzt.
„Tausende entschlüpfen soeben dem Mutterbauch.
„Leben und Tod: o untrennbar eins sind sie in jeder Weltsekunde.
„Die Wellen des Ozeans schlagen an viele Küsten ...
„Da findet ein Hundediner statt. Reichlich besetzt mit wirklich
köstlichen Dingen ist solch eine Tafel. In Bombay beträgt die
Kindersterblichkeit 82 pro Mille. Schreckliche Höllen sind überall in
der Welt die Proletarierviertel. Eine grausige Blutsprache sprechen die
Statistiken ...
„Aufgeteilt ist die Welt ...
„Nach blutigen Gemetzeln ... Vor noch schlimmeren Morden ...
„Ein revolutionärer Führer spricht im Norden Berlins in einer
Proletenversammlung. Ein anderer schreibt hin wie lebendige Feuerlinien
aufrührerische Sätze ... „Hetzer“ ist ihnen ein Ehrenname ...
„In welchem Zeitabschnitt leben wir!? ... Das Tempo der Geschichte
hämmert mit gewaltigen Schlägen ...
„Eine große Zeit fürwahr, eine Heldenzeit ... Doch wer sind ihre
eigentlichen Träger ...? Namenloses Heldentum. Blutzeugentum.
Kämpfertum. Märtyrertum ... Ein Arsenal von Kampftaten und Opferlegenden
noch für Jahrtausende ...
„Und einer zum Beispiel, ein Schulkamerad, ein gleichgültiger Name, fand
nicht mehr heraus aus diesem Labyrinth, was er auch tun mochte, wie sehr
er sich auch anstrengte. Er war bis zum Irrsinn angewidert von all dem,
wurde eines Tages wirklich verrückt, titulierte Christus mit „Kollege“
und schoß sich eine Kugel durch den Kopf. Als er abdrückte, schrie er
überselig: „Es ist vollbracht!“ Warum auch nicht. Ein anderer, Freund
meines Vaters, Fabrikant Germersheimer, ebenfalls ein überaus
gleichgültiger Name, mästet sich prall mit Illusionen, hält
Geistersitzungen ab, läßt Tische rücken und studiert auf seine alten
Tage Theosophie. Auch er muß eines Tages platzen ... Andere gehn
vorüber. Gehn sie vorüber!? Nimmermehr. Keineswegs. Auch ihnen wird
eines Tages die Entscheidung aufgezwungen werden, auch sie werden eines
Tages Farbe bekennen müssen ...
„Aber Arbeiterkolonnen, die abends aus der Fabrik heimkehren, scheinen
mir muskelbepackt, straff, trotz der Ueberarbeit. Ihre Beine federn
elastisch, wenn sie ausschreiten: die zeigen, daß sie noch marschieren
können, trotz alledem. Daß sie sprungbereit geblieben sind. Trotz
alledem. Und in ihren Fäusten sitzt ein guter Griff. Glück auf! Greift
zu, wenn es soweit ist. Seid auf eurem Posten, wenn es drauf ankommt.
Werdet ihr es schmeißen!? ...
„Und da zählen nach Tausenden, Abertausenden in diesem Augenblick die
Gefangenen, die in den zwingkäfigähnlichen Zellen der staatlichen
Zuchthausanstalten hocken. In allen fünf Erdteilen. Farbige ebenso wie
Weiße. Alt und jung. Männer, Kinder, Weiber. Unterschiedslos.
Noch-Gesunde und schon Sterbenskranke. Sie drücken sich in die
Mauerwinkel. Schweigend. Nur hie und da ein Tobsuchtsanfall. Schreie,
wie ein blutiger Erguß. Sind es versteinerte Menschenreste!?
„Einzelmorde, Massenschlächtereien, Bankkrachs, Umarmung, Empfängnis,
Vergewaltigung, Streik, Niedertracht, Straßendemonstrationen,
Ausbeutung, Prassereien: das alles geschieht jetzt in der Welt, zur
selben Stunde, zur gleichen Zeit ... Aber die ganze Welt ist aufgeteilt
in zwei große Heerlager ...“
VII
Automatisch schwang die Drehtüre des Caféhauses wieder um ihre eigene
Achse.
„Ach da bin ich ja noch ...“
Die Mäntel am Garderobenständer kletterten übereinander.
Immer noch saßen die Zeitungsleser, verschanzt hinter ihren Zeitungen.
Ein Telephon klingelte.
Peter ging.
„Sollte das nicht doch möglich sein, das Menschennatürlichste, das
Menschenselbstverständlichste, das Aller-aller-Einfachste? Mit
Aufbietung aller Kräfte, unter Zusammenraffung unseres ganzen
Menschendaseins!? Das, das müßte man doch versuchen ... Oder ob das
Einfachste nicht doch nur ein scheinbar Einfachstes ist, am Ende nicht
gar das Allerschwerste!? ...“
* * * * *
Die Theater waren jetzt aus.
Neue Menschenströme brachen in die Straßen ein.
Ein Autohupen-Konzert.
Kokottenrudel trieben straßauf, straßab.
Liebespaare wankten eng umschlungen einem Park zu.
Ein Mädchen der Heilsarmee gröhlte irgendwo in einem Platzwinkel:
„Jesus, süßer Bräutigam ...“
Recht so, die Religion soll dem Volk erhalten bleiben. Und das drückte
auch auf die Tränendrüse manch einer vornehmen Herrschaft, die
gnädiglich aus krokodilsledernen Handtaschen heraus ein Almosen für die
Armenspeisung spendete. Mit blankgescheuertem Gewissen schlenkerte sie
dann, sich wohlig in ihren Pelzen räkelnd, von dannen.
„Menschendreck ...“
* * * * *
Der Himmel war wie ein Eismeer.
Wie Packeis trieben die Wolken darin, zu Eisbergen sich türmend,
absplitternd; Haufen von Scherben. Scharf gezeichnet hoben sich weit
hinten am Horizont in der blauen Flut die unermeßlich lang gestreckten
Eiswände ab. Und der Mond stand mitten darin, unförmig, geborsten, ein
ziellos treibendes Leucht-Wrack.
„Ja, ja, das ist schon so: es stimmt schon: Die Barbarei erscheint
wieder, aber aus dem Schoß der Zivilisation selbst erzeugt und ihr
angehörig ...“
Und Peter schritt die Straße hinauf, die sich vor ihm zu heben schien
und steil und immer steiler ward, wie im Sturmschritt.
VIII
Die Diskussion in den „Frankfurter Festsälen“ begann.
„Natürlich wieder so ein Kommunist“, knurrten einige, als der
Versammlungsleiter bekanntgab:
„Herr Schnetter hat das Wort.“
Einige Zwischenrufe knallten.
Der Referent schmunzelte.
„Man glaubt schon einen gewaltig kühnen Schritt getan zu haben, wenn man
sich freimacht vom Glauben an die erbliche Monarchie und auf die
demokratische Republik schwört. In Wirklichkeit aber ist der Staat
nichts als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine
andere, und zwar in der demokratischen Republik nicht minder als in der
Monarchie. – Der Feind aber, der uns die Hand zum Wahlbündnis hinstreckt
und sich als Freund und Bruder uns aufdrängt – ihn und nur ihn allein
haben wir zu fürchten. Wie können die Massen noch an uns glauben, wenn
die Männer des Zentrums, des Fortschritts und anderer bürgerlicher
Parteien unsere Bundesgenossen sind – wozu dann der Kampf gegen die
bürgerliche Gesellschaft, deren Vertreter und Verfechter sie allesamt
sind? ... Ist einmal die Grenzlinie des Klassengegensatzes verwischt,
sind wir einmal auf der schiefen Ebene des Kompromisses, dann gibt es
kein Halten. Dann geht es weiter und weiter abwärts, bis es kein Tiefer
mehr gibt ... Mit der Bewilligung der Kriegskredite 1914 hat die
Sozialdemokratische Partei Deutschlands diesen Tiefpunkt erreicht.“
Hier schon wurde der Diskussionsredner unterbrochen.
„Reden Sie nicht in Zitaten und besonders nicht in solchen, die Sie
nicht verstehen!“
„Das habe nicht ich, sondern Karl Marx in seiner Einleitung zum
„Bürgerkrieg in Frankreich“ gesagt, und das zweite Zitat ist von Wilhelm
Liebknecht. Sie zeigen durch Ihre Zwischenrufe nur, daß sie mit diesen
beiden Männern nichts mehr gemein haben ...“ erwiderte der
Diskussionsredner.
„Na, also da haben wir’s ja. Weiter habe ich ja auch nichts gesagt.“
Der Zwischenrufer hatte Beifall.
„Der Arbeiterverrat, den Sie heute vertreten“, fuhr Genosse Schnetter
fort, „ist schon von langer Hand vorbereitet worden. Schon Kautsky, der
Historiker ... in seinen Vorläufern des Sozialismus ... Welche
internationale Bedeutung aber die Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914
hatte, das kann nur der ermessen, der die ungeheure Ausnahmestellung,
die die Deutsche Sozialdemokratie innerhalb der 2. Internationale damals
innehatte, kennt, die Deutsche Sozialdemokratie war die Perle der ...“
„Wirf sie jetzt nicht vor die Säue, Hund ...“
„Theoretischer Quatsch!“
„Schluß damit!“
„Erledigt! Raus! Abtreten! Zur Sache!“
Der Ordnerdienst schob sich unauffällig nach vorn. Hielt im Saal Umschau
und stellte die Positionen derer fest, die dem kommunistischen Redner
zustimmten.
Eine kurze Unruhe entstand.
Der Versammlungsleiter klingelte.
„Holt doch einfach die Schupo ...“
Der Diskussionsredner hatte sich dem Referenten halb zugewendet.
„Lauter!“ brüllte jemand.
„Keine Dialoge! Sprechen Sie zur Versammlung!“
„Ihr seid an der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht
schuld! Wollt ihr das noch immer nicht wahrhaben ... Ihr, ihr ...“
Und unter einem brüllenden Gelächter zog der Kommunist eine Broschüre
hervor.
„Pfui! Pfui! Pfui! Schurke! Halunke! Schuft! Verleumdung! Elender
Lügner! Von Moskau bezahlt! Erbärmliche Niedertracht! Brenn’ ihm eins!
Jib ihm Saures ...“
„Zehn Jahre SPD!“
Einen Augenblick wurde es ganz still.
„Blamieren Sie sich, so gut Sie können!“ schmunzelte jovial der
Referent!
„Arbeiter! Genossen! Seht Euch Euere Führer an! Wir Kommunisten würden
doch nicht immer wieder auf die Haltung der SPD. während des Krieges
zurückkommen, wenn nicht die Politik der SPD. nach dem Krieg, in jeder
Epoche der Nachkriegszeit, denselben Arbeiterverrat darstellen würde ...
Dieser Herr, der Herr Referent, der Euch heute abend noch soeben das
Sachverständigengutachten so wohlschmeckend zubereitet hat, ist er nicht
derselbe, der einstmals begeistert ausgerufen hat: „Ich geh zum
Hindenburg!“ und der damals folgendes geschrieben hat: „Nur im Zeichen
dieser Ströme von Blut, nur im Zeichen des zermalmenden Eisens, das
diese Ströme hervorbrechen macht, können wir davon sprechen, daß das
Ziel nahe ist. Wir müssen den Kriegswillen der Gegner im Blut ersticken
...“ Das ist das eine. Das andere lautet – paßt gut auf! –: „Um alles in
der Welt möchte ich jene Tage inneren Kampfes nicht noch einmal erleben!
Dies drängend heiße Sehnen, sich hineinzustürzen in den gewaltigen Strom
der allgemeinen nationalen Hochflut, und von der anderen Seite her die
furchtbare seelische Angst, diesem Sehnen rückhaltlos zu folgen, der
Stimmung ganz sich hinzugeben, die rings um einen herum brauste und
brandete, und die, sah man sich ganz tief ins Herz hinein, auch vom
eigenen Inneren ja schon Besitz ergriffen hatte. Diese Angst: Wirst du
auch nicht zum Halunken an dir selbst und deiner Sache!? Darfst du auch
so fühlen, wie dir ums Herz ist? Bis dann – ich vergesse den Tag und die
Stunde nicht – plötzlich die furchtbare Spannung sich löste, bis man
wagte das zu sein, was man doch war, bis man – allen erstarrten
Prinzipien und hölzernen Theorien zum Trotz – zum erstenmal (zum
erstenmal seit fast einem Vierteljahrhundert wieder!) aus vollem Herzen,
mit gutem Gewissen und ohne jede Angst dadurch zum Verräter zu werden,
einstimmen durfte in den brausenden Sturmgesang: Deutschland,
Deutschland über alles! ...“
Die Versammlung atmete kaum noch ...
„Nun, Arbeiter-Genossen, und sehr verehrte „Herren“ Zwischenrufer von
vorhin, ich frage Euch jetzt, urteilt selbst: ist das die Sprache eines
Sozialisten!? Wem von Euch noch ein Funke proletarischen Ehrgefühls
innewohnt, wer noch ein klein wenig proletarischen Klasseninstinkts sein
eigen nennt, der wird nicht umhin können, eine solche Auffassung zu
brandmarken als das, was sie in der Tat ist: als Ausdruck der
schamlosesten, hundsföttischsten Korruption. Das ist zwar nicht
Landesverrat, auch nicht Hochverrat, jeder dieser ehrenwerten Spießer
ist würdig, mit dem _Pour le mérite_ dekoriert zu werden ... aber dafür
ist es Arbeiterverrat, Arbeiterverrat und nochmals Arbeiterverrat! ...“
Viele Arbeiter sahen bei diesen Worten sich unschlüssig an.
Manche schüttelten mit den Köpfen.
„Hat der wirklich so was geschrieben?!“
„Kann’s gar nicht glauben ...“
„Ja, bei der Stimmung, die damals gewesen ist ...“
Vieler Augen öffneten sich jetzt weit, viele Ohren horchten gespannt.
„Rasch! Mach schnell!“ flüsterte der Versammlungsleiter einem Funktionär
zu, „sonst geht uns am Ende noch die ganze Versammlung aus dem Leim.
Lieber noch sie hochfliegen lassen ...“
Und der Funktionär gab unauffällig ein Zeichen.
Vier oder fünf unter den Tausenden schrieen plötzlich los:
„Unsinn! Blödsinn! Schuft! Neue Lügen! Kein Wort ist wahr! Alles
gefälscht! ...“
Die Arbeiter sahen sich wieder an.
„Siehst du, das hab ich doch gleich gedacht, daß das so eine Lüge ist.
Das wäre doch schon ... Da dürfte der ja gleich einpacken ... Aber was
die Kommunisten sich nicht alles aus den Fingern saugen ... Pfui, Teufel
...“
„Das haben Sie, das haben Sie, Sie, Sie, Herr Genosse Bauer geschrieben,
damals, und jetzt, jetzt schämen Sie sich nicht, jetzt wagen Sie es ...“
„Schluß! Schluß! Schluß!“
Der Versammlungsleiter klingelte.
„... und so entziehe ich dem Redner wegen grober Verleumdungen
persönlicher Art und wegen vollkommenen Mangels an Objektivität und
Sachlichkeit das Wort ... Da kein Redner mehr gemeldet ist, hat unser
Genosse Bauer das Schlußwort.“
„Recht so!“
„Bravo! Bravo! Raus mit ihm!“
Der Saal stampfte. –
Und schon wurde der Kommunist von einigen kräftigen Ordnungsleuten
heruntergeholt. Genosse Bauer schüttelte noch den Kopf und riet
überlegen freundschaftlich von Gewaltanwendung in diesem besonderen Fall
ab.
„Hofrichter-Rauscher-Breuer-Kuttner!“ drohte der Kommunist mit der Faust
... „und damals in den Kapptagen, erinnern Sie sich noch auf der
Pressekonferenz ... Sie, ihr, die wirklichen Urheber an der Ermordung
... Soll ich Ihnen das sozialdemokratische Rezept verraten: Was sagt
euer Wels: „Wir haben eine Bewegung der Arbeitermassen nicht zu
fürchten. Wenn sie über unsere Köpfe hinwegzugehen droht, stellen wir
uns an ihre Spitze und biegen die Bewegung um, wie 1918 ...“
Dies schrie der Kommunist noch, schon halb aus dem Saal geschleift.
Ein riesiger athletischer Bursche vom republikanischen Ordnerdienst
klopfte jetzt auf ihm mit einem stählernen Totschläger einigemal herum.
„Längst erledigt! Zur Sache! Moskowiter! Genosse Bauer hat jetzt das
Wort ...“
„Hinaus ... aus ... aus ...“ echote es rings.
Am Saaleingang aber vermochte sich der Kommunist doch noch einmal
aufzurichten, sich loszureißen und mit einer mächtigen Stimme
schleuderte er zurück:
„Ihr, ihr, ihr dort oben: ihr habt dem Proletariat den Mut, das
Kraftgefühl, das Selbstvertrauen gestohlen. Und das ist vielleicht von
allen eueren Missetaten, Unterlassungssünden, Gemeinheiten das
Allerschlimmste ... Ihr seid in den Reihen der bürgerlichen Klassenarmee
nichts weiter als die Spezialkommandos zur Niederknüppelung der
revolutionären Arbeiterschaft ... Ihr seid der Klassenfeind im eigenen
Lager ... Pfui, Mörder, Schufte, Verräter! Schluß mit euch ...!“
Die Saaltür krachte jetzt zu.
„So ein Kommunist ist nicht tot zu kriegen ...“
Die Luft war wieder rein. –
IX
Max beobachtete den Referenten, der soeben das Schlußwort ergriff.
Wie vertrauenerweckend allein schon seine Gestalt war! Breit und
behäbig, prall gefüllt mit Wohlüberlegtheit und kugelrund vor
Verantwortlichkeit! Rotbackig, mit schwärzlich buschigem Schnurrbart.
Ganz im Gegensatz zu dem Kommunisten, einem jungen und aufgeregten
Bürschlein ... Sachlich, wenn es sachlich zu sein galt, voll von
Entrüstung und gewitterschwangerem Pathos, wenn er auf die Umtriebe der
Reaktion oder auf die schändlichen Machenschaften und Spaltungsversuche
der Kommunisten zu sprechen kam. Ausgeglichen, männlich-reif ... Der hat
Kenntnisse, der versteht was vom Handwerk, der läßt sich nicht so leicht
unterkriegen, der hat Erfahrungen. Nun, schau nur einmal! ... Kurz
gesagt: es war, als spreche hier der gesunde Menschenverstand selbst.
Wie fieberig erhitzt dagegen der Kommunist wirkte! Ueberspitzt in allen
seinen Gesten und Aeußerungen, jedes Wort maßlos übertrieben. Vor
solchen Menschen muß man sich in Acht nehmen, wie das in ihren Augen
flackert, in ihren Fäusten zuckt, in ihrem Brustkasten rumort ...! Die
sind nicht schlecht verrückt! ... Donnerwetter ...
„Nun, Genossen und Genossinnen, werte Versammlung! Dieser allem Anschein
nach systematisch vorbereitete Sprengungsversuch der Kommunisten ist
dank dem wirksamen Eingreifen unseres Reichsbanners –“
„Bravo! Frei Heil!“
„– mißglückt. Da haben Sie es! Aber der deutsche Arbeiter ist
schließlich gerechtigkeitsliebend genug, um auch den Gegner so zu sehen,
wie er ist. Ich spreche jetzt von der besitzenden Klasse. Lassen wir uns
bei deren Beurteilung nicht von blindwütigem Haß hinreißen, ich gebe zu,
mancher von uns, muß, um zu einem objektiven Urteil über seinen Gegner
zu kommen, noch viel an sich arbeiten, denn die Theorie vom Klassenkampf
hat viel an uns verdorben. Wir Sozialdemokraten vertreten die Gesamtheit
der Nation, wir vertreten die Interessen aller Bevölkerungskreise, das
Wort „Klassenkampf“ ist überhaupt veraltet und wissenschaftlich bereits
längst überholt ... Also: mit dieser kommunistischen infamierenden
Klassenhetze haben wir Sozialdemokraten nichts gemein. Von
Kriegsgewinnlern und Inflationsschiebern abgesehen, was haben uns
schließlich die Reichen getan, die in den Palästen wohnen? Sie sind dem
Nestbautrieb gefolgt, sage ich, nichts weiter. Und dieser Tatsache
müssen wir Verständnis entgegenbringen. Dafür wollen wir ihnen, bei
Gott, nicht allzu gram sein ... Nun, zur Frage der Amnestie! Wer hat
sich für die Amnestie eingesetzt!? Die Sozialdemokratie ... Ich brauche
euch wohl nicht den Brief Max Hoelzens zu verlesen. Ihr kennt ihn ja aus
dem „Vorwärts“. Aber es ist schließlich nicht ganz so leicht, immer
gleich ebensoviel aus den Zuchthäusern herauszubringen, wie die Zentrale
der Kommunistischen Partei jeden Tag durch ihre putschistische Taktik
wieder hineinschafft. Eine Beharrlichkeit zeigen darin die Herrschaften,
daß man sie beinahe bewundern möchte ... Wer aber knebelt, knechtet,
verfolgt und verrät die Arbeiterschaft schlimmer als die dunkelste
Reaktion!? Die Bolschewisten. Werft einen Blick in die russischen
Gefängnisse, in die sibirischen Oeden! Denkt an die Greueltaten und an
die Folterkammern der Tscheka! Und wer, frage ich euch, stellt immer
wieder eigene Kandidaten auf, auch dort, wo gar keine Aussicht auf
Erfolg ist, wer spaltet durch diese Manöver die Arbeiterschaft und wird
so objektiv zum Steigbügelhalter der Reaktion? Wieder die Kommunisten.
Ja, die Kommunisten sind an allem schuld. Und ich sage, lebte Rosa
Luxemburg heute noch, sie stünde bestimmt in unseren Reihen ...
„Bravo! Sehr richtig!“
„Die Kommunisten aber treiben mit ihr Leichenschändung. Also darum! Auf
an die Wahlurne! Abrechnung mit den Hetzern! Abrechnung mit jenen
Kanaillen der Arbeiterschaft, den kommunistischen Berufsrevolutionären!
Nieder mit der kommunistischen Bewegung, nieder mit den Kommunisten,
dieser reaktionären Masse! ... Es lebe – – –“
Und wieder dröhnte der Saal von dem dreimaligen „Hoch!“
Langsam und schleppend wurde jetzt die letzte Strophe der
„Internationale“ gesungen.
Wie ein Trauermarsch.
„Diese Welt muß unser sein!“
Ja, so ist es. Aber wer glaubte noch daran!?
Wie ein muskelloser, schlaffer, erschöpfter Körper: so war dieser
Gesang. Tausend Münder schnappten automatisch auf und zu ... Kein
Schwung, keine Kraft. Es zog nicht durch ...
„Erst wenn wir sie vertrieben haben –
Dann scheint die Sonn’ ohn’ Unterlaß ...“
Auch viele kannten den Text nicht ...
Aber ein Proletariermädchen sang mit, es war klein und schmal, es
hustete oft dazwischen, die Haut war durchsichtig, die Augen groß
aufgerissen: es sang mit einer hohen schönen Stimme, diese Stimme
schwang sich im Gesang hell empor aus Elend, Lebensnot und
Alltagseinerlei, diese Stimme war wie klares Eiswasser: die Hände
ballten sich, schneller sang sie die Strophen wie die andern, aber sie
wurde auch immer wieder unwiderstehlich in den zähen, trüben, kleberigen
Strom des Massengesanges zurückgerissen ...
Die Versammlung war zu Ende.
Polizeimannschaften mit umgehängtem Karabiner patrouillierten.
Das Wetter war umgeschlagen. Das Nebeldickicht verdampft. Es wehte ein
scharfer Wind ... Die Nacht war eisig.
Mit einigen Kollegen machte sich Max zu Fuß auf den Heimweg. –
X
Lange Autoreihen vor den Hotels: betreßte Diener öffneten, die Hand an
der Mütze, den Verschlag. Damen in Pelzmänteln, Herren in
hochgeschlossenen schwarzen Mänteln, den Zylinder auf, dahinschreitend,
beinahe akkurat so wie die Göttergestalten aus dem Altertum. Oder wie
die Ritter meinetwegen ... Läden: aus denen wunderbar lackierte
Autokarosserien hervorleuchteten ... Und wirklich schöne Frauen waren
das vorhin, radikal mit den Augen einen zerschmeißen konnten die;
duftiges Fleisch, ohne Fehl und Makel, irdische Göttinnen, gelenkig und
geschmeidig. Wie sicher sie sich bewegen! Man mußte schon genau
hinhören, wenn man ihre Sprache verstehen wollte. Gleichnisse, Tonfall:
alles war anders.
„Während unsereinem zu Hause die Frauen vor lauter Haushaltungsarbeit
und Nahrungssorgen wurmstichig werden.“
An den drei von der Versammlung heimkehrenden Proleten glitt das alles
vorüber, wie eine unwirkliche Erscheinung.
Das war wie das „Jenseits“.
Einmal stieß der Metalldreher Lange den Max Herse in die Seite, man
sprach aber dazu kein Wort: eine Gruppe von übergeschminkten Kokotten
zwitscherte an einer Straßenecke herum, stürzte sich auf einen
dicklichen angetrunkenen Herrn, der leicht schlingernd seines Weges
daherzog: der dickliche Herr stoppte auch, nicht ohne Mühe,
gestikulierte eifrig, nickte am Ende der Unterhandlung jovial und
verschwand auch schon in der Nebenstraße, auf der einen Seite eingehakt
von einer Spindeldürren, auf der anderen von einer Fetten.
„Was so ein Späßchen bloß wieder mal kosten mag!“
„Da schau nur mal an: so ein vollgefressenes Schweinchen das ... Na, dem
gehört auch von seiner Alten der Buckel voll ...“
Die Proleten lachten nur dazu. Schüttelten die Köpfe.
* * * * *
„Nein, Wilhelm, wenn ich seh, wie die im Betrieb arbeiten! So eine
Pfuscherei ... Ich sag dir ... laß mich aus damit ...“
„Rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln ... und das nennen sie
dann Arbeit im Konsum, Gewerkschaftsarbeit ... Ist schon richtig: Fehler
werden alleweil gemacht, Fehler müssen sogar gemacht werden, nur einer,
der nichts tut, macht keine, aber absolut sich nun darauf zu versteifen,
aus den Fehlern ausgerechnet nichts zu lernen ...“
Der einzige von den dreien, der eben noch etwas für die Kommunisten
übrig hatte, war Lange, Lange Wilhelm. Er war in einem Großbetrieb
Metalldreher. Der Kollege Stilling von der AEG und Herse Max drangen nun
auf ihren Arbeitskollegen Lange energischer ein.
„Beim Streik bei der Turbine haben wir es wieder gesehen. Schön hübsch
zuwarten, bis alles von selbst losgeht ... Dann sich hinten anhängen und
das große Maul haben, aber nur, nur nichts organisieren ... was kommt’s
denn auf drei oder vier Pfennig mehr Lohn an, sagen sich die vornehmen
Herrschaften ... und doch kommt’s darauf an, sag ich, der hat auch für
große Kämpfe nicht das Vertrauen der Arbeiter, der nicht ihre kleinen
und kleinsten Alltagsschmerzen mit ihnen teilt ... Auf ein mehr oder
minder gutes Klosett kommt’s an, und wer das nicht begreift ... Eine
richtige Schwanzpolitik ist das ... Na, ihr werdet euch noch gewaltig
die Finger verbrennen ...“
„Und damals Wilhelm, wie wars denn im Oktober! ... Ich geb dir die Hand
darauf, ich hab gewartet, daß es endlich losgeht. Kaum heimgeh’n hab ich
noch können, immer war ich wie auf dem Sprung, und dann ... so in den
Dreck gekrochen ... Pfui Teufel ...“
Die beiden überschütteten Wilhelm mit einem Trommelfeuer von Vorwürfen.
„Mag sein. Mag alles sein. Wir, wir vor allem in den Betrieben, müssen
eben jetzt diese Fehler wieder herauswirtschaften ... Aber, wenn man so
wie ihr auf der Seite steht ... Und seht da: 7000. Hunderte von Jahren
Zuchthaus und Gefängnis sind es, Kollegen. Und 15000 haben sie allein in
Deutschland unter die Erde geschossen. Und von Rechts wegen müßtet ihr
auch die Kriegsverluste noch dazu zählen: 13 Millionen insgesamt gibt
das ... Und diese Proleten, Kollegen, haben doch mit bestem Wissen, mit
bestem Glauben, voll und ganz für uns gekämpft. Das könnt ihr doch,
trotz alldem, nicht ableugnen ... Ist doch unser Blut! ...“
„Mag sein. Die Führer sind schuld daran. Die haben sie hereingebracht.
Die sind allesamt durch die Bank faul ... Moskau ...“
„Nein, Kollegen, daran liegts nicht. Daran liegts, daß wir bisher noch
keine richtige Partei gehabt haben. Die müssen wir uns erst schaffen.
Ohne Partei keine Führer ... So ists. Und die SPD. ist eine bürgerliche
Partei ... Wir brauchen jetzt eine wirkliche Arbeiterpartei. Das ist
keine geringe Aufgabe ...“
Der Kollege Lange wurde sich eigentlich erst während er sprach selbst
klar darüber, was er jetzt vorbrachte.
„Gut. Mag vieles davon stimmen, was ihr angeführt habt, du Herse und du
Stilling. Aber auf das Ganze kommt es an, und da, das weiß ich, haben
wir wohl recht ...“
„Na, und stimmt das oder nicht, daß ihr Kommunisten auch immer dort
eigene Kandidaten aufstellt, wo ihr gar keine Aussicht auf einen
Wahlerfolg habt. Dadurch schwächt ihr nur die Arbeiterstimmen und
leistet der Reaktion Vorschub. Wie heute abend auch richtig der Redner
auseinandergesetzt hat ...“
„Ein schöner politischer Schmierölfabrikant das ... Da erteilt euch aber
Karl Marx eine ordentliche Abfuhr. Bei dem heißt es nämlich klipp und
klar: „Selbst da, wo gar keine Aussicht zu ihrer Durchführung vorhanden
ist, müssen die Arbeiter ihre eigenen Kandidaten aufstellen, um ihre
Selbständigkeit zu bewahren, ihre Kräfte zu zählen, ihre revolutionäre
Stellung und Parteistandpunkte vor die Oeffentlichkeit zu bringen. Sie
dürfen sich hierbei nicht durch die Redensarten der Demokraten bestechen
lassen, wie z. B. dadurch spalte man die Demokratische Partei und gebe
der Reaktion die Möglichkeit zum Siege. Bei allen diesen Phrasen kommt
es schließlich darauf hinaus, daß das Proletariat geprellt werden soll.
Die Fortschritte, die die proletarische Partei durch ein solches
unabhängiges Auftreten machen muß, sind unendlich wichtiger als der
Nachteil, den die Gegenwart einiger Reaktionäre in der Vertretung
erzeugen könnte ...“ So, da habt ihrs, schwarz auf weiß, wie damals, so
heute ...“
XI
Aber die Gegner Langes gaben sich damit nicht zufrieden. Nun fuhren sie,
wenigstens ihrer Meinung nach, ein besonders schweres Geschütz auf.
„Und Bazillen, Cholerabazillen, Giftgase und Fälscherzentralen ... So
lies doch die Zeitung! ... Auch eine deutsche Tscheka gibt es und
Terrorgruppen ... Ich will nichts zu tun haben mit diesen Bombenwerfern
und Gurgelabschneidern ... Jeder ehrliche Prolet ... Ich meine nur: Pfui
Teufel ...“
„Wir haben doch das denkbar größte Interesse daran, daß der Kapitalismus
sich entwickelt. Und solange außerdem noch zwei Drittel der Bevölkerung
für den Kapitalismus stimmen ... Nein, Wilhelm, so eine Putschtaktik
mache auch ich meinerseits nicht mit ... Und kannst du vielleicht
bestreiten, daß gerade die Kommunisten es sind, die am meisten unserem
„Reichsbanner“ zu schaffen machen. Da, wie wars denn neulich im
„Sportpalast“. Glaubt ihr denn im Ernst: Radau, Zwischenrufe,
Gummiknüppel und Schlagringe sind ein ausreichendes Beweismittel. Gerade
das Gegenteil erreicht ihr! Das müßt ihr schon anders anfangen! ... Wie
wollt ihr das alles vom Arbeiterstandpunkt, vom Standpunkt der
proletarischen Revolution aus rechtfertigen. Aber Befehl ist eben
Befehl. Und Moskau ist für euch schon der liebe rote Gott. Ja, wenn der
Rubel rollt, so war es schon immer in der Weltgeschichte, und wo der
hinfällt, da wächst keine Vernunft mehr. Heute ist die 3. Internationale
nichts weiter mehr als ein Instrument der russischen Außenpolitik ...
Mit Arbeiterinteressen hat das verflucht wenig zu tun ... Und
„Reichsbanner“ oder „Stahlhelm“, was ist da das kleinere Uebel ...?
Außerdem, so schlimm ist es ja nun, Gott sei Dank, mit dem Kapitalismus
doch nicht. Wer arbeiten will und etwas kann, etwas kann vor allem, der
bekommt auch Arbeit und hat zu essen. Aber schau dir nur einmal im
Betrieb die Herren Genossen Kommunisten-Kollegen an: verstehn die
vielleicht was vom Handwerk!? ... Bengels, freche Bengels sind sie, die
große Schnauze haben sie, können sie vielleicht auf sachliche Einwände
etwas wirklich Ernstzunehmendes erwidern ... zurückgeblieben und
stehngeblieben mit ihren Anschauungen sind sie, weiter nichts ... Hie
und da, das gebe ich gern zu, ist auch so ein Ehrlicher, so ein
Fanatiker darunter ... So verbohrt, so verdreht ... Ich sage mir: man
muß sich halt durchboxen ... Leben und Leben lassen ... Wird schon
werden. Und die Auswüchse des Kapitalismus, die muß man bekämpfen. Habe
nichts dagegen, wenn man die Wucherer und Schieber und mögen sie
Minister und Kaiser und Könige und weiß Gott wie heißen, daß man die vor
das Gericht stellt. Gerechtigkeit muß sein. Und die allzu große
Ungleichheit zwischen Löhnen und Profit, die allerdings sollte auch
beseitigt werden. Und wenn wir erst einmal die Mehrheit im Reichstag
haben, dann wirst du sehen: wie ein Hagelwetter prasseln die Steuern auf
den Rücken der Besitzenden nieder ... Du hast es doch heute abend selbst
gehört ...“
„Illusionen! Illusionen! Merkwürdig, wie ein Prolet sich heute noch
solche Illusionen machen kann ... Ja, was ein jeder sich wünscht, daran
glaubt er ... So arbeitet die SPD ... Es ist wirklich zum Verzweifeln.
Zum Tieftraurigwerden ...“
Wilhelm Lange pfiff leise vor sich hin.
„Ruhe und Ordnung!“
Auch der Kollege Stilling von der AEG war der gleichen Ansicht wie
Herse.
„Wir brauchen einen Linksblock, meinte der, mit Einschluß der
Kommunisten meinetwegen, wenn, ja wenn sie positive Arbeit,
Wiederaufbauarbeit leisten wollen. So etwas wie in England oder in
Frankreich. Da sieh dir nur einmal das Leben eines Arbeiters in England
an! In Amerika. Hast du nichts von Ford gehört. Es gibt eben zweierlei
Kapitalisten. Solche und solche ... Jeder hat da bald schon sein eigenes
Auto. Ganz bestimmt, so wird es bald auch noch bei uns kommen ... Und
ich sehe gar nicht ein, warum wir uns nicht friedlich weiterentwickeln
sollen. Die Kapitalisten haben gar kein Interesse mehr am Kriege. Ein
viel zu großes Risiko. Viel zu viel Angst vor einer Niederlage, die
immer mit Revolutionsgefahr verbunden ist ... Für den Kommunismus aber
sind wir noch nicht im entferntesten reif ... Hast du denn keine Augen
und Ohren, Wilhelm, und siehst und hörst nichts in den Betrieben!? Diese
Schweinereien! Diese Schmierereien! Wie der eine gegen den andern
stänkert! Denunziert! Den Lohn drückt! Sich zu Ueberstunden drängt! Um
den Meister herumschwänzelt! Streik bricht! Da ist es mit dem
Klassenbewußtsein nicht weit her ... Und die Kommunisten sage ich, die
haben, sage ich, durch ihr Maulaufreißertum ein für allemal
abgewirtschaftet. Revolutionsgewäsch, überradikales Geschwätz, weiter
nichts. Ich meine halt schon, auf das eine kommt es jetzt an – Frieden
auf Erden ...“
Endlich kam auch der Kommunist wieder zu Wort.
„Schau, Max, neulich bei dem Grubenunglück, da hast du ganz anders
gesprochen. Da bist auch du aus deiner SPD.-Haut gefahren. Und heut!?
... Es ist viel zu viel von Frieden die Rede, als daß es wahr sein
könnte. Glaub mirs. Und haben wir nicht eigentlich noch immer Krieg: in
Indien, in Aegypten, in China, bei den Türken, bei den Rifkabylen ...
Bei uns selbst: ein trockener Krieg, wenn du willst ... Jeder Tag bringt
doch neue Verluste ... Erwerbslose, Verhungernde, solche, denen die
tödlichen Krankheiten direkt aufgezwungen werden ... Da war ich neulich
dabei bei einer Armenkommission und habe einige Wohnungen besucht ...
Na, sage ich dir: oft neun, zwölf Menschen in einem Raum, in einem
Stalloch, und das war längst noch nicht das schlimmste ... Hundert
Wohnungen gehören da einem, der vielleicht in Czernowitz sitzt. Heute
ist _der_ Besitzer, morgen der ... So einer wechselt die Häuser wie die
Wäsche. Reine Spekulationsobjekte sind solche Wohnhäuser ... Dabei
verfaulen sie, verfallen sie ... Wer kümmert sich um sie. Der Staat
vielleicht!? Na, der hat andere Sorgen ... Die Bettstellen waren halb
durch die verfaulten Bodenbretter in den Keller heruntergebrochen, ein
Gestank darin ... nein sowas kann man nicht schildern ... Ich sage dir,
so eine Wohnung ist weiter nichts als ein langsam sich vollstreckender
Lebensmord ... Und außerdem, sag ich euch, schaut euch nur einmal die
Kriegsrüstungen an, das ist jetzt nur eine Atempause und alles spricht
dafür, daß es bald wieder losgeht ...“
„Nachtigall, ick hör dir tapsen ... Das ja eben ist’s, was ihr braucht.
Natürlich! Natürlich! Aufstieg und Gesundung unseres wirtschaftlichen
und politischen Lebens dürft ihr ja nicht wahrhaben wollen. Ihr müßt im
Trüben fischen. Wo reine helle Luft ist, da ist keine Atmosphäre für
euch, da ist für euch nichts herauszuholen ... Je schlimmer aber die
Verelendung ist, je größere kriegerische Konflikte ausbrechen, desto
mehr Wasser, glaubt ihr, bekommt ihr auf eure Mühle ... Ich könnte mir
denken, daß ihr von diesem Standpunkt aus, wenn Ebert mal tot ist, auch
dem Hindenburg noch zur Präsidentschaft verhelft ... Doch wartet nur!
... Vielleicht läuft der Hase doch anders ...“
„Ach, laß mich aus jetzt mit der leidigen Politik, darüber werden wir
uns doch nicht einig werden, warten wir die Zeit ab, aber so, wie es
heute ist, sind die Kommunisten nichts weiter als ein Agentenklub der
russischen Außenpolitik. Lenin, das war schon ein Mann, Trotzki,
meinetwegen auch, aber alle anderen, diese Berufsfeldwebel der
Revolution, sind von Uebel ... Da schaut euch nur die deutschen
Kommunisten an! ... Reaktionäre Masse ... Jüngelchen in kurzen Hosen,
noch nicht trocken hinter den Ohren, Novembersozialisten, Dienstzeit:
insgesamt drei Jahre Arbeiterbewegung höchstens. Aber das Maul umso
voller mit Phrasen, mit revolutionären Scheinparolen, und wenn es mal
losgeht, ebenso die Hosen voll ... Nur ein Lastkraftwagen mit Schupo ...
und, heidi, heida, verschwunden schon sind sie ... Hast du nicht neulich
gesehn, wie am Alexanderplatz von zehn Schupos eine ganze Demonstration
dieser Lausbuben auseinandergesäbelt wurde ... Dieses Grünzeug. Recht
geschieht ihm ... Immer mal festedruff ... Kein ehrlicher deutscher
Prolet ...“
Wilhelm haute jetzt nur noch die Sätze hin:
„Aber die sozialdemokratischen Führer haben die Arbeiterschaft
entwaffnet, wehrlos gemacht, verraten, dem Klassenfeind ausgeliefert ...
Das haben sie ... Und fahnenflüchtig seid ihr allesamt geworden. Rot
aber habt ihr mit schwarzrotschwefelgelb vertauscht. Fahnenflüchtige
Mostrichbrüder! ... Aber es hat ja doch keinen Sinn ... Wir Kommunisten
waren die einzigen, die gegen die Monarchisten wirklich mit der Waffe in
der Hand gekämpft haben: siehe Kapp-Putsch ... Und das werden wir auch
weiterhin tun ... Jetzt aber Schluß damit ...“
* * * * *
In der Debatte setzte es jetzt wieder Schlag auf Schlag.
Der Genosse Wilhelm stand in einem richtigen Kreuzfeuer ...
„Kindertrompeten im Reichstag. Höllenmaschinen in Kathedralen.
Explosivstoffe. Vor nichts Respekt ...“
„Wir haben eben eine andere Auffassung vom Staat, wie ihr. – Wir, wir
Proleten, wir sind die wirklichen Legitimen, wenn du so willst ... Und
was die Gewinnung der Mehrheit innerhalb des kapitalistischen
Systems betrifft, so ist das auch so ein utopischer Unfug. Der
Mehrheitsgewinnung steht immer der mächtige Propagandaapparat der
Bourgeoisie gegenüber, schau dir nur jetzt einmal den Rundfunk an,
zu was allem der herhalten muß – und außerdem durch die
Verschiedenartigkeit des Arbeitsplatzes, den jeder im Produktionsprozeß
einnimmt ... Während des Kampfes erst, im Feuer des bewaffneten
Aufstandes _wird_ die Mehrheit. Ihr solltet endlich euch über den
statistischen Unsinn klar geworden sein ...“
„Schon gut. Aber arbeiten, arbeiten, die Revolution wirklich
vorbereiten, organisieren: das könnt ihr nicht ... Nur Terrorgruppen,
und niederbomben ...“
„Mag richtig sein, was das erste betrifft. Darin müssen wir gewaltig
viel noch zulernen. Warum sollen wir eine vernünftige Kritik nicht
ertragen. Und das ist das erste Gescheite, was ihr gesagt habt ... Was
die Spitzel anbetrifft, so solltet ihr euch als Proleten schämen, so
einen ausgemachten bürgerlichen Schwindel nachzuschwätzen ... Habt es ja
selbst neulich erlebt: wie diese gekauften Subjekte provozieren ... um
dann uns Kommunisten etwas anzuhängen ... Ja immer, das sind wir schon
gewohnt, sind es die Kommunisten. Die sind an allem schuld ...
Vielleicht auch die Sonne, das rote Biest!? ... Die Bourgeoisie verzapft
schon einen Mist, wäre ja alles zum Lachen, wenn die Arbeiterschaft sich
doch nicht immer wieder von ihr ein x für u vormachen ließe. So ist’s
zum Heulen ...“
Wilhelm verschnaufte sich.
Der eine oder der andere brummte noch etwas.
„Nichts für ungut“, knurrte der AEG-Kollege.
„’s ist schon so, die Hemdärmel möchte man sich hochkrempeln, wenn man
mit euch diskutiert“, gab Wilhelm zurück.
Schwieg.
Nun war wirklich einige Minuten lang Kampfpause. –
XII
Das Gespräch brach ab.
Schweigend schritten die drei nebeneinander her.
So war kein Zusammenkommen.
In Moabit begegneten sie auf einer Brücke einer Klebekolonne.
Vom anderen Ufer blinkte, hell erleuchtet, die Meierei Bolle herüber.
Der Fabrikschlot rauchte. Nachtschicht. Dunkle Schleppkähne lagerten
unten am Spreeufer.
* * * * *
Die drei betrachteten schweigend ein eben angeklebtes Plakat. Ein
Gefangener, der mit ausgemergelten Fingern in die Eisenstäbe eines
Gefängnisgitters hineingreift. Blutrot war die ganze Gestalt. Das
verzerrte Gesicht: eine irrsinnige Grimasse. Darunter stand nichts als
die Zahl: 7000.
Max erinnerte sich einen Augenblick an eine Gefängnisbeschreibung, die
er neulich irgendwo gelesen hatte. Auch im Polizeigefängnis am
Alexanderplatz sollen unglaubliche Zustände herrschen. Daß Gefangene
auch noch geschlagen werden können, Dunkelarrest usw. Das wahnwitzige
Antreiber- und Auspressersystem, das in den Gefängnissen gang und gäbe
ist: das Papierdütenkleben, Bindfadenfabrizieren, wodurch Tausende von
Heimarbeitern brotlos werden. Der Hundelohn, der den Gefangenen dafür
bezahlt wird. Das Vorenthalten aller anderen Lektüre, außer der
geistlichen ... Das Untersuchungsverfahren, unter Anwendung von Torturen
– wobei ohne Verurteilung schon drei Viertel des Menschen vor die Hunde
geht. Während es im überzivilisierten Amerika schon Gefängnisse gibt,
als Rundbau aufgeführt, von innen, von der Mitte aus alle Zellen von
einem Beobachtungsturm einzusehen, der zum Schutz gegen Revolten mit
einem Maschinengewehr bestückt ist ... Auch Gas soll schon in
Gefängnissen gegen Meuterer angewendet worden sein, wenigstens las man
so was zwischen den Zeilen neulich in einem Bericht. Wie Geständnisse
von politischen Angeklagten erpreßt werden mit Hilfe von
Daumenschrauben, Hundepeitschen, Mißhandlungen mit glühenden
Eisenstäben, Schlägen auf die Sohlen ... daß gegen zwei Angeklagte erst
neulich das Verfahren eingestellt werden mußte, weil der eine während
der Untersuchungshaft wahnsinnig wurde und der andere Selbstmord verübte
... Und dann erst, wie hingerichtet wird ... Das übersteigt schon jede
Vorstellung ... Im Sowjetparadies aber soll es, den bürgerlichen
Berichten nach, gar am schlimmsten sein ... Die Kommunisten also, die
haben es gerade nötig ... Ein dummer Schwindel ist das ...
Ein anderes Plakat: sehr hoch angeklebt: eine Riesengestalt, die mit
einer Keule ein spinnenartiges Hakenkreuzgespenst erschlägt. Darunter
stand: „Proleten! Tretet ein in den Roten Frontkämpferbund!“
„Gewalt, Gewalt, nichts als Gewalt. Und ein kranker Körper wie das
deutsche Volk ihn darstellt, braucht nichts dringender als Erholung
...!“
Wilhelm Lange rang noch einmal nach Luft:
„Nun zum Abschied, das will ich euch beiden noch sagen, ich hab mirs
überlegt. Das was ihr von Haarspaltereien bei uns sagt, ist nicht
richtig, theoretische Klarheit muß sein. Wenn die nicht ist, dann kommt
bei Aktionen auch nichts rechtes heraus. Und da muß allerdings oft um
einen I-Punkt gestritten werden ... Was ihr über die Arbeiterschaft
Englands sagt, so müßt ihr bedenken, daß die an den Extraprofiten, die
die Kapitalisten aus den Kolonien herausschlagen, Anteil hat ... Also,
daß es dem englischen Arbeiter besser geht, dafür schuften eben
Millionen indischer Kulis ... Dann: Krieg und Kapitalismus gehören
zusammen. So einheitlich, wie ihr euch das vorstellt, entwickelt sich
die Wirtschaft eben nicht. Sondern: in Widersprüchen, unter Krisen,
Rissen und Sprüngen ... Was unsere kommunistische Arbeit in den
Betrieben anbetrifft: richtig ist, wir haben noch nicht gelernt
ordentlich zu arbeiten ... Woher das kommt, auch das will ich euch
sagen: wir haben unsere Parteiarbeit in den vergangenen Jahren eben der
ganzen politisch-ökonomischen Situation entsprechend auf den Endkampf
eingestellt. Gut, nun müssen wir ummanövrieren ... Auch wir lehnen
Reformen nicht ab, aber die Grundlage des richtigen Verhältnisses ist
folgende: Reformen sind Nebenprodukte des revolutionären Klassenkampfs
... Die Aufgabe einer wahrhaft revolutionären Partei besteht nicht
darin, den unmöglichen Verzicht auf jegliche Kompromisse zu
proklamieren, sondern darin, durch alle Kompromisse hindurch – insofern
sie unvermeidlich sind – die Treue unserer Prinzipien, unserer Klasse,
unserer revolutionären Aufgabe, unserer Sache der Vorbereitung der
Revolution und Vorbereitung der Volksmassen zum Sieg der Revolution
durchzuführen ... So gibt es auch Kompromisse und Kompromisse. Wenn du
auf einer Landstraße von einer Räuberbande überfallen wirst, und du dich
nur retten kannst, wenn du ihnen dein Geld gibst, so wirst du das tun,
um dich möglichst schleunigst aus dem Staube zu machen. Das ist ein
Kompromiß. Aber sich der Räuberbande anzuschließen, um gemeinsam andere
zu überfallen: das ist auch ein Kompromiß, und zwar ein solches, wie es
die Sozialdemokraten machen. Und nun weiter: nur die Auswüchse des
Kapitalismus bekämpfen, bedeutet die Illusion in den werktätigen Massen
nähren, als gäbe es einen gesunden Kapitalismus, was grundfalsch ist ...
Zum Schluß, Kollegen: ich sage, diese Republik ist ein Treibhaus für die
Kapitalisten und für die Reaktionäre, und ein Zuchthaus für die Arbeiter
... Und so sieht die SPD. aus: die wie das Fegefeuer heute das Wörtchen
Klassenkampf scheut, ihn praktisch längst hat fallen lassen und die
dafür immer vom Gesamtwohl und vom Vaterland, das der Arbeiter
bekanntlich nicht hat, schwafelt: die SPD. ist ihrer Politik nach, nicht
den Massen nach, die ihr angehören, eine bürgerliche Partei ... Lebt
wohl!“
Die Drei trennten sich.
Max war schon um die Ecke zuhaus. –
XIII
„Restbautrieb – reaktionäre Masse – fahnenflüchtig!“
So kollerte es noch lang in Maxens Schädel herum.
„_Fahnenflüchtig!?_“
Und diese Frage nahm plötzlich Gestalt an, wurde wie zu einem Menschen,
der lang und tief in ihn hineinschaute.
Dieser Mensch war seinesgleichen.
Blut von seinem Blut.
Ganz seiner Art.
Hieß auch Max Herse. Trat jetzt vor ihn hin wie sein leibhaftiger
Steckbrief.
Dieser Max Herse fragte ihn:
„Max, stimmt das: fahnenflüchtig!? Ist da nicht doch vielleicht etwas
wahr daran!? ... Wie war das nur neulich bei der Grubenkatastrophe?
Erinnerst du dich nicht mehr, was du unter dem unmittelbaren Eindruck
dieses Unglücks alles gesagt hast!? ... Versprochen hast eigentlich?!
... Fahnenflüchtig ... Desertiert aus der Klassenkampfreihe ...
Verlassen das proletarische Banner!? ... Das Banner, für das dein Vater
gekämpft und gelitten hat, für das deine Mutter sich so manchen Bissen
vom Munde abgespart hat!? Die rote wehende Hoffnung deiner Millionen
Arbeitsbrüder! Der Stolz deiner Arbeiterinnen-Schwestern, für das sie in
manchen Nächten ihre Finger sich wund genäht haben ... Max Herse! Willst
du nicht wieder ehrlich, proletarisch ehrlich werden!? ... Stimmt das
nicht, was der Wilhelm sagte: „Ja, für euch bleibts halt ewig beim
Alten, ihr wißt schon, was ich meine: Kaisergeburtstagsfeier und erster
Mai ...“
„Wieder ehrlich, proletarisch ehrlich werden ...!?“
Max Herse sprach im Halbtraum schon, diese Frage nach.
Und mit dieser ungelösten Frage auf den Lippen schlief er ein. –
XIV
Man hörte die Atemzüge der schlafenden Menschen durch die Wände
hindurch.
Flackernd ging der Atem, oben und unten und nebenan, von Röcheln,
Seufzern und holprigen Hustenanfällen unterbrochen.
Viele Uhren tickten immer dazwischen.
Wieder warf sich einer im Bett, einer schlich den Gang entlang, jetzt
tastete es nach einer Klinke; eine Tür knarrte.
Schritte kamen von der Straße hoch, fern, dann nah, wie tropfenweis.
Stimmen, das Tappen eines Betrunkenen, Autohupen; Klingeln, die
plötzlich schrillten. Und man konnte nur schwer unterscheiden zwischen
dem ewigen selbsttätigen Knirschen der morschen Diele und dem
Menschenstöhnen und Menschenächzen.
Katzen kreischten. Hunde winselten.
Auf ein Fenster drückte der Wind. Ein Schrank krachte.
Traum-Schreie ...
Ein Mensch hatte seinen Anfall. Das Schaumweiß brodelte ihm um den Mund.
Da zündete jemand eine Kerze an, warf sich über ihn und hielt ihn im
Bett fest.
Monoton lallte jetzt einer vor sich hin. Einer räusperte sich ...
Das Wasser im Kanal gluckste. Fernzüge pfiffen. Die Räder stießen auf
den Schienen einen dumpfen rauschenden Takt ...
In einem Kübel plätscherte es. Einer wusch sich. Die Vorposten des bei
Tagesgrauen aufmarschierenden Arbeiterheers standen schon wieder auf und
machten sich kampfbereit. Auch die Milchfuhrwerke schepperten schon
wieder in der Straße. An den Litfaßsäulen arbeiteten in weißen Kitteln
die Plakatankleber ...
Zähne knirschten, Fäuste krampften sich, Kniee zogen sich an, Hände
glitten über Decken und strichen sie glatt.
Wie ein Mensch lebt –
Wie ein Mensch kämpft –
Wie ein Mensch schläft – –
Da lagen sie auf den Bäuchen, auf dem Rücken, auf der Seite, in allen
Stellungen, allein und zu zweit, ausgespreizt und zusammengedrückt,
nackt, namenlos. In allen Stellungen aber wie Plastiken aus jener
Galerie, die genannt ist: „Die Verdammnis des Menschendaseins“ ...
* * * * *
Andere wieder banden sich die Nacht wie eine Maske vor.
Rudelweis zogen Menschen auf Raub.
Andere auf Menschenjagd.
Einer stößt jetzt vielleicht dem anderen das Messer in die Brust. Einer
knüpft sich jetzt den Strick zurecht, seift ihn irrsinnig-grinsend ein.
Nebenan hört man jetzt ein Geräusch, dumpf, wie das Fallen eines
Gegenstandes: er hat den Stuhl unter seinen Füßen weggezogen. Zwei, drei
Schlingerbewegungen macht der Körper noch: dehnt sich, ein Muskelspiel
zuckt, ein Speichelfaden sabbert lang aus dem Mundwinkel ... Schluß ...
Kauerten da nicht welche in Knäueln, drei, vier Leiber in einem Bett;
fünf auf dem Fußboden; lagen sie nicht da, als ob sie sitzen würden,
schliefen nicht welche an den Straßenecken im Stehn, und was schnarcht
hier oder lehnt sich mit weit aufgerissenen Augen des Nachts in
Parkanlagen auf den Bänken!? ...
* * * * *
Das höllische Tagestempo zitterte noch in der auf Leerlauf abgestellten
Menschenmaschine nach. Die Gesichter von Lebensangstschweiß und
Todesschweiß überzogen wie von einem geheimnisvollen Firnis.
Verstreut wie auf einem unendlichen Schlachtfeld reihenweis Gemordete. –
4. Kapitel.
Nur ein Traum ...
Nur ein Traum ... – „Die neue Sintflut
kommt von oben und als Gift.“ – Liebe
Erinnerungen – Der 22. April 1915: ein
Wendepunkt in der Kriegsgeschichte. Die
Deutschen blasen in Flandern,
Frontabschnitt Bixschote-Langemarck,
gegen englische Stellungen Gas ab. –
Gasschießen, Gaswerfen. Eine Gastaktik
entwickelt sich. – Doch alles in allem:
es bleibt beim Experiment. (Diesmal
noch.) – Und was gewesen ist, ist
gewesen. Keiner denkt mehr daran. –
I
Der Traum, den Max Herse in dieser Nacht träumte, war merkwürdig genug.
Er zerfiel in drei Teile.
Im ersten Teil lag die Erde da, ein blühendes Chaos.
Ströme rissen dahin, Meere wölbten sich vor den Horizont; Sümpfe,
Urwälder, Schlingpflanzen; Feuersäulen stiegen aus den Bergen, Felsen
kollerten tosend herab, Tiere aller Art krochen, hüpften, schlichen in
diesem Labyrinth, der Mensch, mit riesigen Kiefern und krallenbesetzten
Würgfäusten bewehrt, kämpfte um das nackte Leben. Langsam wuchs um ihn
der Menschenraum. Er drängte Schritt für Schritt die Wildnis zurück.
Immer wieder aber überfielen ihn die Naturgewalten, er duckte sich, wie
ein ungeheueres Gewicht lastete über ihm das Unheimliche, das
Unerklärliche. Brust an Brust rang er mit den Ungeheuern, da schwang er
schon das Steinbeil, die Schädel der Bestien sprangen entzwei, aus
tausend Biß- und Kratzwunden troff aber der menschliche Körper und
blutete. Blitze spritzten aus dem Gewölk herab, endlich fand er das
Feuer. Mit Sturmfluten überschüttete das Meer das Land, Felsblöcke und
Waldberge trieb ein Riesenorkan vor sich her, Lawinen brüllten, der
Erdboden spaltete sich, Dämpfe und Gase zischten empor aus Kraterlöchern
und Schlitzen. Hart, stahlhart war der Körper des Menschen, mit langen
Haaren bedeckt, aber schon hatte er sich Waffen und Werkzeuge
geschaffen, er zog aus den Höhlen, deren Wände mit Tierfratzen bedeckt
waren, aus; auf riesige Strecken verteilt sah man den Rauch der ersten
menschlichen Siedlungen. Gemeinsam zog man zur Jagd, gemeinsam wurde der
Boden bestellt, gemeinsam gearbeitet, gemeinsam wurden Früchte und
Jagdbeute verteilt: alles gehörte allen gemeinsam.
Eine Sekunde:
Das Traumbild sprang in ein anderes um.
Tausende von Jahren wohl müssen inzwischen vergangen sein.
Beinahe in geometrische Figuren eingeteilt war die Erde. Berge waren
noch da, auch Wälder, auch Meere, auf denen schwimmende Kolosse
kreuzten, Geleise, mit sausenden Strichen, die Züge darstellten,
durchschnitten kreuz und quer das Land. Stadt an Stadt, alles war
abgegrenzt, eingeteilt. Der Mensch war gewachsen: er streckte seine
Organe aus, eiserne Gelenke; seine Stimme, durch elektrische Wellen
getragen, war vernehmbar zugleich in allen fünf Erdteilen. Er konnte
sich abheben von der Erde, er flog durch die Lüfte ... Riesige Maschinen
stampften unermeßliche Schätze aus der Erde; ein Griff an einem Hebel:
ein wunderbarer Mechanismus setzte sich leise surrend in Bewegung:
millionenfache Muskelarbeit wurde spielend geleistet: aus Wasserkraft
wurde Licht, aus Winden, aus Gasen zog man Triebkraft, die Meerbrandung
wurde auf geniale Weise in Krafterzeugnis umgesetzt, ja die Umdrehung
der Erde selbst wurde bereits von phantasiebegabten Technikern als
Arbeitsertrag in Rechnung gestellt.
Der Mensch hatte die Erde erobert.
Die Naturgewalten waren bezwungen, Götter und Götzen waren gestürzt, das
Unheimliche, das Schicksal, Gott selbst, ward seines Thrones enthoben,
das Zeitalter der Maschine, so hieß es, welch ein Zeugnis von
Menschenkühnheit und Menschengeist!
Und wie nun sahen diese Menschen aus!?
Da marschierte es auch schon heran, Kolonne hinter Kolonne, durch
Straßen, wie mit dem Lineal ausgerichtet, hinweg über Brücken, unter
denen Schnellzüge beinahe lautlos glitten, marschierte schon heran, früh
morgens 5 Uhr, riesigen Fabrikgevierten zu; es waren Millionen, Männer
und Frauen, Scharen von Kindern: mit Ruß bedeckt, Schwielen an den
Händen, ach so dürftig gekleidet, mit ausgeglänzten Augen, schwerfällig,
wie unter einer ungeheuren Riesenlast jeder Schritt. Einarmige und
Einbeinige waren darunter, stumm, lautlos marschierten sie ... Ja, was
war das?
Aber in Pelze und Seide gekleidet wandelten andere auf breiten Straßen,
diese Straßen mündeten wie in Marmorbecken in große runde Plätze, Palast
stand dort an Palast, große goldene Wappen blinkten von den Balkonen,
und hinter seidenen, von kristallischen Lüstern durchhellten Gardinen,
war eine Menschengesellschaft sichtbar, manche in Klubsesseln und
Schaukelstühlen nach dem Takt der Musik sich wiegend, manche auf- und
abpromenierend, alle in Fräcken oder in Uniformen, neben Menschen, die
richtig wie fleischige Schwämme aussahen, aber auch hartgeschnittene
Gesichter darunter, kalt die Augen, völlig mitleidlos ...
Ja, was war das ...?
Und die Armen drängten gegen die Reichen, und die Reichen drückten die
Armen, die Armen aber wurden immer mehr, die Reichen dafür immer
grausamer und unerbittlicher, Land, Maschinen, das alles gehörte den
Reichen, und der Staat dazu, der selbst eine Maschinerie darstellte, aus
Polizeibeamten, Aufsehern, Henkern, Soldaten, Pfaffen, Richtern
bestehend; fabriksmäßig, serienweise wurde Recht gesprochen, rein
mechanisch hingerichtet und verurteilt; empörte sich einer wider diese
Ordnung, wurde ganz sachlich abtaxiert: wie hochprozentig die
revolutionäre Energie zu bemessen sei, und demgemäß wurde mit so und
soviel Jahren Zuchthausstrafe gegen ihn verfahren ...
Dabei riß aber dies Traumbild mitten entzwei, es gab sozusagen einen
gewaltigen Zwischenfall.
Tafeln erschienen mit der Aufschrift: „Burgfrieden“, man sah von
Rednertribünen auf Plätzen von gewaltigem Umfang Menschen auf die Massen
einreden, die nickten alle mit den Köpfen, gewaltig ertönten in allen
fünf Weltteilen die hundert verschiedenen Nationalhymnen.
„Euer Gott ist nicht unser Gott.“
„Der unsere ist der richtige.“
„Wir allein sind das auserwählte Volk.“
„Nein wir“, schrie es sofort von entgegengesetzter Seite.
„Ihr habt uns überfallen.“
„Nein ihr, ihr habt zuerst die Grenzen überschritten.“
Und 70 Millionen Menschen zogen aus und kämpften gegeneinander.
Die Erde war wie eine Mondlandschaft. Von den Millionen und
Abermillionen Granattrichtern war sie ganz pockennarbig.
„Absatzmärkte! Absatzmärkte!“ schrie es wie toll in allen fünf
Weltteilen durcheinander, „wir wissen schon nicht mehr, wie wir
profitabel noch weiter produzieren sollen.“
Dort wurde Getreide in Lokomotiven verheizt, hier verhungerten
Millionen. Hier starben Menschen vor Unterernährung, dort starben welche
an Unmäßigkeit. Der eine fraß, der andere wurde gefressen. Manche, die
auf diese Ungleichheit hinwiesen, kamen sofort, mit Ketten behängt, ins
Gefängnis.
Aber es kam noch schlimmer.
Ganze Hundertschaften von Aeroplanen erhoben sich plötzlich, kein Mensch
war darin, sie wurden ferngelenkt und steuerten mechanisch über das
Meer. Drei schwere Flügelbomben hingen, leicht hin und her pendelnd,
unter jedem. Sicher summten sie ihrem Ziel zu.
Eine Riesenstadt.
Die Fabriksirenen wimmerten.
Die Riesenstadt: ein seltsames Knistern von ineinandervermischten
Menschenstimmen, Eisenbahnpfiffen, Räderrollen und Schrillen an Kurven
sich bildender Tonschleifen: ein gespenstisches Orchestrion.
Das Licht in den Straßen erlöschte.
Ganz plötzlich: man rannte gegen die Finsternis fest, wie gegen eine
Mauer.
In den Verkehrszentren der Stadt fuhren Scheinwerferkolonnen auf,
Menschengruppen, die sich bildeten, wurden auf Anordnung der Regierung
sofort zerstreut.
Menschen schrien laut vor sich her, die Autos fuhren energisch hupend
ganz langsam.
Kein Mensch wußte eigentlich, was los war.
Man munkelte zwar allerlei ...
Es mochte gegen drei Uhr morgens gewesen sein. Menschen saßen auf den
Dächern, Menschen saßen in Kellern. Andere tasten sich noch immer unter
Lebensgefahr in den Straßen herum ... Ein leichter Regen setzte ein,
dann wurde es wieder still. Warm und schön war die Nacht. Einer
behauptete, er hätte das feine Knattern eines Motors in den Lüften
gehört. Alles lauschte angespannt. Schon wurde es ein wenig heller.
Ein leichter elektrischer Ferndruck: und die Flügelbomben stachen
senkrecht hernieder.
Ein feiner Knall.
Nur ein wenig Staub, sonst war nichts sichtbar.
Ein dumpfer Krach.
Wie wenn ein Fels auf eine weiche Polsterung fällt.
Ein zweiter, dritter, vierter ... Noch mehrmals. Jetzt hörten aber alle
ganz deutlich das feine Knattern. Zur gleichen Zeit fielen Schüsse.
Leuchtraketen spritzten hoch. Die Scheinwerfer gruben sich wie ein
Lichtspaten in die Wolkenberge ...
„In die Keller“, schrieen die einen.
„Oben auf den Dächern ist man geschützter“, diskutierten die andern.
Manche blieben auch wie festgenagelt dort, wo sie gerade standen.
Groß und rotstrahlend ging bald darauf die Sonne auf.
Schwere Tanks holperten wie Stahlschildkröten durch die Straßen. Kein
Mensch war zu sehen.
Einer der Tanks schien einen Motordefekt zu haben, die Mannschaft stieg
aus: sie war wie Taucher gekleidet, das Gesicht von einer massiven
Gasschutzmaske bedeckt, schwerfällig humpelten sie um den Wagen herum.
Die Tankkolonne machte einen Augenblick halt.
Ein Pfiff –
Die Stahlungeheuer setzten sich wieder in Bewegung.
* * * * *
Es wurde durch diese Kolonnen festgestellt: drei Viertel der Stadt waren
vergast. Kollektivschutzräume, wie mancher Schwärmer erhofft hatte,
bestanden nicht, die Gasmasken, nur für die Kampfstoffe des
vorhergegangenen Krieges beschaffen, mußten versagen. Trank und Speise
waren vergiftet. Die ersten Anzeichen von Seuchen machten sich
bemerkbar.
* * * * *
Drei Stunden später – und trotzdem die Bewohner mit Masken und Anzügen
geschützt waren – lagen sie da, wimmernd und vor Hilfeschreien gellend,
die meisten in den Kellern, andere aber irrten wie wahnsinnig auf den
Dächern umher, spreizten Beine und Arme und stürzten sich unter einem
grausigen Fluch auf die Trottoire hinab. Ueberall sah man Blutlachen.
„Vom Himmel hoch, da komm ich her“, tönte noch in diesem Augenblick ein
heller Kinderchoral aus dem Dom, die Glocken schwangen, ja es war
Weihnacht. Und trotzdem –
Die Flügelbomben verrichteten als mechanische unpersönliche Henker
getreulich ihre unumgängliche Blutarbeit.
„Das ist das neue Gas“, sagte jemand ... „und wie sich herausstellt,
unsere Versuche haben sich demnach gelohnt.“
„Friede auf Erden.“
„Amen! Amen ...“, scholl es im Chor wieder dazwischen.
Die Farbstoffabriken waren jetzt plötzlich riesige Arsenale.
Unterirdische Gänge. Auch tief in den Schächten der Bergwerke wurde Gas
fabriziert. Ununterbrochen experimentierten die Chemiker an neuen
Kampfstoffen herum.
Es dauerte nicht lange.
Ein Monat – und alles Lebendige war auf der Erde vernichtet.
Und es wurde auf dieser Erde still, mäuschenstill.
Uhren hörte man noch ticken.
Auch sie blieben allmählich stehn.
Nur das Rauschen noch von Wassern, der Wind, und da es Sommer und
übermäßig heiß war, das Brodeln und Zischen der menschlichen Leichname,
die geräuschvoll in Verwesung übergingen.
Nichts sonst.
II
Es hätte aber auch leicht anders werden können, sagte jemand, und der
Traum, den Max Herse träumte, kehrte jetzt wieder ein ganzes Stück
zurück: über die Vernichtung hinweg, er fing wieder beim Erscheinen der
Flieger an.
Kaum hatte sich das Gerücht verbreitet, daß die Flugflotte mobil gemacht
würde, als auch schon riesige unübersehbare Menschenmassen auf die
Straßen trieben, Arbeiter, Angestellte, Reden wurden gehalten,
Flugblätter verteilt, wie ein aufgestöberter Ameisenschwarm war es.
Polizeisoldaten, Soldaten sah man unter der Menge, ja auch Angehörige
der Luftflotte selbst sah man unter ihnen. Der Zug der Demonstranten
brandete als eine gefährliche Woge gegen die Regierungsviertel. Hier
hatte man die zuverlässigsten Regimenter bereitgestellt, auch zivile
Wehren, meist aus Studenten zusammengesetzt, man sah es ihnen an, sie
waren vor einigen Stunden erst eingekleidet. In Berlin, in Jokohama, in
Paris, in Chikago, in London: überall fanden diese Demonstrationen,
beinahe zu gleicher Zeit, statt ... Schon waren Truppen von Bewaffneten
zu bemerken, ein Schuß fiel, irgendwo ging ein Maschinengewehr von
selbst los ... das war das Zeichen zum allgemeinen Angriff, das
Regierungsviertel wurde gestürmt, Telefonzentrale, Bahnhöfe waren im Nu
besetzt, um andere Stellungen tobte der Kampf noch stundenlang. –
Durch Verhandlungen wurde der Vorstoß der Revolutionäre aufgehalten, die
Regierung konzentrierte in den Vororten gewaltige Truppenmassen.
Im Norden der Stadt wurde ein Aufstand von Arbeitern rasch
niedergeschlagen. Trotzdem kamen aus der Provinz, wo geflüchtete
Revolutionäre Landarbeiter und Kleinbauern mobilisiert hatten, stündlich
neue Nachrichten. Das ganze Land war wie ein Mann losgebrochen, hatte
Gutshöfe gestürmt, alle wichtigen Eisenbahnknotenpunkte waren besetzt,
eine Rote Armee war im Anmarsch. Die Arbeiter in den verschiedenen
Stadtvierteln, waren glänzend benachrichtigt. Trotzdem war beinahe
niemand auf den Straßen zu sehen. Unterirdisch aber, das spürte man
förmlich durch die Wände hindurch, vollzog sich beinahe automatisch eine
ungeheure Bewegung.
„Bewaffneter Aufstand!“ surrten hinaus ins Land die Telegraphendrähte.
„Der Aufstand ist geglückt“, surrte es schon drei Tage darauf. Das
Proletariat hat die Macht erobert. Den Krieg verhindert. Es hat Opfer
gekostet, aber Opfer, gering im Vergleich zu dem, was gekommen wäre ...
* * * * *
Traumbild an Traumbild zuckte vorwärts.
Das alles erstreckte sich über Jahrzehnte, nur im Traumreich war alles
so verdichtet und zusammengedrängt. In der Traumlandschaft verkürzte
sich und überschnitt sich jede Perspektive.
Durch Rauch und Blut, an Stationen neuen Elends vorbei durch neue Wüsten
hindurch, an Stätten neuer Demütigungen und Kreuzigungen vorüber. Und
trotz alledem, es ging vorwärts.
Und am Ende dieses Weges blühte die Erde, blühte, wie sie noch nie
geblüht hatte. Jubelte, wie sie noch nie gejubelt hatte. Die Menschen
waren einfach und schön, von einander beinahe nicht unterscheidbar.
Tiefblau war alles, alles so selbstverständlich.
Die Arbeitsmethoden waren unendlich vervollkommnet. Trotzdem hörte man
jeden Tag von neuen Erfindungen; denn alles ließ sich immer noch viel
besser machen, als es schon war. Als Grundsatz galt: mehr Kraft auf
irgendeine Arbeit zu verwenden, als absolut notwendig ist, ist
Verschwendung und damit gesellschaftsschädigend ... Immer mehr
verteilten und differenzierten sich die einzelnen Handgriffe;
Wunderwerke von Maschinen verrichteten, mühelos einem elektrischen
Hebeldruck gehorchend, das Allernotwendigste, die menschliche
Schwerarbeit war erfolgreich auf ein Mindestmaß reduziert. Die
Arbeitsplätze waren so beschaffen, daß sie ohne besondere Vorkenntnisse
von einem jeden eingenommen werden konnten. Nur ein Prozent der
menschlichen Arbeitsleistung verlangte noch längere Schulung und
besondere Vorkenntnisse. Wobei allerdings zu bemerken ist: das
allgemeine Bildungsniveau überragte um ein vieltausendfaches den
heutigen Durchschnitt ... Für alle war Arbeit da. Für alle waren in
überreichem Maße Mittel zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft da.
Ungeheure menschliche Energien wurden dadurch der elenden Sorge um das
tägliche Brot entbunden und für neue gewaltige Unternehmungen
freigelegt. Der menschliche Geist stürzte sich in den Weltraum. Die
Menschen wurden stolz auf die Welt, sie schufen sie immer mehr nach
ihrem Bild: die Welt wurde zur Menschen-Schöpfung ...
Weit, weit ... man konnte tief Atem holen, man hatte Luft zum Leben ...
Mit einem solch tiefen Atemzug wachte Max Herse auf.
6 Uhr.
Der Fabrikgang begann.
Was war das nur?
Ein Traum. Nur ein Traum?
Was wohl dieser Traum bedeutete?
Der Traum ließ nicht von ihm, er ging neben ihm her, er begleitete ihn,
oft sah Max Herse sich nach ihm um oder zur Seite.
Er versuchte ihn jetzt von sich abzuschütteln. Er wollte nicht darüber
nachdenken. Er sagte zu ihm, wie zu jemandem, der sich aufdrängen will,
unwirsch, und mit dem Fuß stampfend:
„Ach, laß mich!“
III
Bevor der Straßenbahnschaffner in den Dienst gegangen war, hatte er Max
noch eine Zeitung zugesteckt ...
„Da lies!“
„Ein groß angelegter Betrug. Was geschieht mit den Spenden für die
Hinterbliebenen der 136 ermordeten Kumpels der Zeche „Königin Luise“
...? Kaum hatten sich die Erdhügel über den 136 Opfern geschlossen, da
hatte man vergessen, was man gestern noch zum Ausdruck gebracht hatte.
Alle die schönen Worte erwiesen sich als leerer Schall ...“
Max wusch sich eben.
„Und was war gestern abend los ...?“
Max wich aus:
„Ach, wie immer dasselbe. Man kennt sich überhaupt nicht mehr aus.“ –
Max war in den letzten Tagen bedeutend vorsichtiger mit seinen
Aeußerungen geworden. Eine tiefe innere Unruhe trieb ihn. Er versuchte
neben dem „Vorwärts“ auch die „Rote Fahne“ zu bekommen. Auch die
Betriebszeitungen las er gründlich durch. Er begann von neuem seine
Kollegen im Betrieb zu studieren, war selbst sehr zurückhaltend, er
lauerte auf jede Antwort, er selbst fragte nur, um zu lernen. Bei allen
Debatten, die sich immer aus Anlaß einer scheinbar ganz nebensächlichen
Betriebsangelegenheit zuerst entspannen und sich sofort zu
Zusammenstößen zwischen SPD und Kommunisten entwickelten, bei allen
derartigen Auseinandersetzungen ergriff Max nicht mehr Partei.
Kinos, Vergnügungslokale, Kneipen mied er, er holte sich bei Kollegen
einige Bücher, fraß sich mit Müh’ und Not durch. Er wollte unbedingt
dahinter kommen. –
* * * * *
Was gewesen ist, ist gewesen. Oder: keiner denkt mehr daran. Aber
plötzlich eines Tages überfällt dich ein Teil deiner Vergangenheit,
stürzt sich auf dich, wälzt sich auf dir herum, man biegt und krümmt
sich unter der Last: bis das drückende Gewicht solch einer Erscheinung
zu schweben beginnt, kampflos von einem abläßt, und man plötzlich
wieder, so wie man ist, mit sich selbst da steht, ohne noch über das
Wesen dieser Bedrückung und den Zusammenhang, in dem sie erschienen ist,
sich klar geworden zu sein.
So geschah es auch Max, als ihn die folgenden Erinnerungen aus dem
Weltkrieg heimsuchten. –
IV
Max Herse war damals knapp 19 Jahre alt. Aber er hatte alles
darangesetzt, als Kriegsfreiwilliger mitzukommen. Sein Schulkamerad
Franke war sogar von jenseits des Ozeans zu den Waffen geeilt.
Das waren Tage! Das Leben flaumleicht. Der Körper ging wunderbar, wie
mit Elektrizität geladen.
* * * * *
Es war am 22. April 1915 in Flandern.
Frontabschnitt Bixschote-Langemarck.
Gegen englische Stellungen.
Windstärke 2 bis 4 Sekundenmeter. Witterung kalt und trocken.
Zerfetzte Bäume am Horizont wie Drahtgespinste. Vereinzelte Vogelrufe
durchschwirrten die Weltöde.
Geheimnisvolles munkelte man. Von einem Ueberläufer war die Rede, der
alles an die Engländer verraten hatte. Gerüchte. Gegengerüchte.
Jedenfalls etwas Neues. Man ahnte nicht was, wußte nicht, wie ...
Es war 5 Uhr nachmittags.
Auf der Brustwehr des vordersten englischen Grabens erschienen jetzt
Tafeln mit der Aufschrift:
„Ihr könnt lange warten, bis der richtige Wind weht!“
Hie und da knackte ein Schuß. Ein MG ratterte sich heiß am linken
Flügel. Knäuel deutscher Stoßtrupps lagen weit hinten im Trichterfeld.
Endlich: „Gas“.
Das Gas kommt. Irgendwer hatte es aufgeschnappt.
Also:
Nachts waren an die dreihundert Gasbatterien vortransportiert und
eingebaut worden. Eine Batterie bestand aus 20 Gaszylindern.
Sechstausend Gaszylinder standen demnach zur Verfügung. Auf einen
Kilometer Frontbreite rechnete man damals fünfzig Batterien. Tausend
Flaschen. Zwanzigtausend Kilo Gas.
Das alles wußte man plötzlich.
Auch das:
Um das Klirren des Metalls zu vermeiden, waren sämtliche Gaszylinder mit
Decken und Stroh umwickelt.
* * * * *
Erhöhte Gefechtsbereitschaft war angeordnet.
Die Infanterie in die zweite Stellung zurückgenommen.
Nur technische Truppen und MGs blieben vorne ...
Fliegergeschwader summten wieder den ganzen Tag über.
Pst! Ein Pfiff ...
Alles wurde plötzlich so mäuschenstill ...
Das Abblasen einer eigens dazu markierten Stammbatterie galt als Signal.
Die Ventile von sechstausend Flaschen öffneten sich gleichzeitig.
Es war ein brodelndes und zischendes Geräusch, es prickelte, fauchte,
als man das Gas aus den Mannesmann-Stahlröhren abblies.
Jeder hielt die Nase hin, jeder schnupperte.
Man merkte aber eigentlich noch so gar nichts.
Ein graugrüner Schwaden zog jetzt schon auf die englischen Stellungen
zu. Mannshoch. Einen Kilometer tief.
Die deutschen Batterien hämmerten wieder.
An einigen Stellen biegen die den Zylindern aufgeschraubten meterlangen
Bleirohre unter dem Druck des ausströmenden Gases um. Knicken, krümmen
sich hin und her ...
Das Gas fließt in die eigenen Gräben.
Einen Trupp von acht Mann trifft das Gas mit voller Kraft. Man sieht,
sie halten krampfhaft den Atem an. Können nicht mehr. Legen sich einfach
um ... Andere schlagen mit den Händen dagegen, klemmen sich die Nase zu,
beißen sich die Lippen dicht: auch das hilft nichts ...
Sanitätsmannschaften eilen heran mit Sauerstoffapparaten.
In drei Wellen auf einer Strecke von insgesamt sechs Kilometern trieb
eine riesige Chlorwolke.
Dicke weißliche Nebelballen schieden sich ab.
Teile flüssigen Chlors verdampften ...
Max kniet sich auf den Rand eines Trichters herauf.
Der Leutnant neben ihm beobachtet, die Stoppuhr in der Hand, den Verlauf
des Angriffs. Noch zwanzig Sekunden: dann aber hieß es nachstoßen.
Die englischen Gräben standen jetzt mitten im Gasnebel.
Und plötzlich wurde es dort lebendig. Wie aufgefegt wurden sie. Ein
unsichtbarer Besen kehrte das unterste zu oberst. Leute rannten mit
erhobenen Armen querfeldein. Hilferufe gellten. Einzeln, in Rudeln
flüchtete es dahin. Einer dreht sich immerfort um sich selbst. Er sprang
federnd hinweg wie ein Kreisel. Röcke schottischer Hochländer flogen.
Ein monotones heiseres Bellen: das Gebrüll der Turkos ...
Ein leichter erstickender Geruch wurde nun bemerkbar.
Augen tränten. Einige husteten. Nieskrämpfe. Spuckten aus.
* * * * *
Die deutsche Artillerie hämmerte, hämmerte.
Der Leutnant zählte jetzt laut:
15 –
18 –
19 – – –
Eine Leuchtrakete zerstäubte hoch.
Graue Knäuel bewegten sich, lockerten sich heraus aus den metertiefen
Poren der Erdlöcher, lösten sich auf. Kettenglieder. Ausschreitend,
hüpfend, dahinstolpernd. Schwarmlinie.
Die deutsche Sturminfanterie stieß nach.
Aexte. Scheren. Leitern.
Verhaue wurden umgelegt.
Ueber die ersten feindlichen Gräben hinweg ...
Offiziere mit Karten: das feindliche Gräbensystem wurde gleich
korrigiert. Neu eingezeichnet.
Kolbenschläge. Bajonettstöße.
In einem Unterstand poltert eine Handgranate.
„Vorwärts.“
* * * * *
Die zweite feindliche Stellung kam in Bewegung.
Auch die dritte Linie flog auf.
Die Sturmabteilung zerschnitt sich das Schuhwerk an Flaschenresten und
Haufen von Konservenbüchsen.
Gelblich-grün trieb die Gaswolke weiter.
Es war wie eine Gespensterlandschaft, durch die man jetzt schritt.
Merkwürdig verfärbte Menschengesichter glotzten einem entgegen. Bis zum
Hals im Schlamm getunkt. Die Augen doppelt so groß wie bei Lebenden. Die
Stahlhelme weit ins Genick zurückgeschoben oder tief im Gesicht. Schaum
um die Münder. Einer rutschte aus einem nach rückwärts ein wenig
abgeflachten Granattrichter auf den Knieen herauf, er machte mit den
Armen Schwimmbewegungen. Ein ihm von einem stämmigen pommerschen
Landwehrmann in die Brust gestoßenes Bajonett brach ab ...
Die feindliche Front war aufgerissen.
Ein tiefes zackichtes Loch klaffte.
* * * * *
Es wurde Nacht.
Scheinwerfer. Leuchtraketen.
Erdfontänen schossen in die Luft. Die feindlichen Batterien kamen wieder
in Schwung. Es trommelte, hackte, wirbelte. Manchmal wie Platzregen. Man
verschanzte sich rasch hinter Fleischfetzen, Körperstümpfen,
Schlammhaufen.
Pioniere wickelten wieder Stacheldraht ab. MG-Gruppen schoben sich vor.
Munitionstransporte im Laufschritt. Lebensmittellager waren genug
erbeutet. Man konnte sich also zwischendurch sattessen. Alles hatte aber
einen widerlich beizenden Geschmack.
Und schon knackte es wieder im Vorfeld.
Geduckt kroch es an. Ein rasender Schnitt durch die Luft: Pfiffe: hinter
einem, vor einem krümmte es sich ... Der Nebenmann links stürzte
vornüber; der rechte ächzte noch einen halben Fluch.
Etwas sprang vor. Etwas sprang zurück.
Es knisterte. Ein Messer zuckte. Körper schnellten gegen Körper. Wie
gespannte Federn.
Man kam mit dem Gegner bis in Tuchfühlung.
„Das ist Ursprache des Volkes. Aus dem Blut heraus wird bejaht: Dieser
Krieg muß sein ...“, fieberphantasierte irgendwo ein Leutnant herum. Max
juckte der Zeigefinger: „Brenn’ ihm eins!“
„Der ganze Krieg soll mich ...“, fluchte ein Soldat-Prolet und riß einem
„Pardon“ wimmernden Hochländer mit einem Ruck das Messer durch die
Gurgel.
Pfui Teufel.
Viele kotzten.
Wieder andere hatten die Hosen voll.
In den Kehlen steckte wie ein würgender Pfropf ein unwiderstehlicher
Brechreiz.
Man watete schon wieder bis über die Knie in einem richtigen
Leichenmorast. Menschenmüll. Ueberall Pfützen voll Blutwasser. Hie und
da entlud sich wieder einmal eine Sprengmine zur Abwechslung. Es roch
süßlich, ranzig. Wie angebranntes Fett.
Dort schüttete die explodierende Erde ein Massengrab hoch.
„Offensiv-Parfüm“, meckerte einer.
Eine MG-Mannschaft füllte den Kühlkasten ihrer Kugelspritze mit Urin
auf.
* * * * *
Max Herse bekam kaum noch Luft. Er lechzte nach einem Schluck Wasser.
Die Glieder, die Arme und die Beine, schlenkerten an ihm herum wie etwas
Fremdes. Er fühlte, daß sein ganzer Körper nur noch aus Knochen bestand.
Die Haut wurde ganz straff, spannte. Die Gelenke gingen ihm beinahe aus
dem Leim ... Das war die Todesangst ...
Menschenleiche, Stein, Baum: das ist ein und dasselbe. Gleich wahr,
gleich unwirklich. Nur nicht lange Federlesens machen. Das lohnt sich
nicht. Irgendwo spaziert ein Irrsinniggewordener im Tanzschritt über das
Schlachtfeld.
Gefangene wurden abgeknallt.
Man sah kaum mehr aus den Augen vor Blutrausch.
Zu einem wüsten Grinsen war das Gesicht einer Ordonnanz verzerrt, die
immer wieder von neuem ihre zweiunddreißigschüssige Repetierpistole lud
und damit einen Gefangenentransport nach dem andern umlegte.
Der Zeigefinger der Ordonnanz war schwarz gefärbt von Pulverrauch.
Die Menschen funktionierten wie Automaten.
Wie auf dem Exerzierplatz.
Stoß: Gegenstoß.
Schlag: Hieb.
Hart gegen hart.
Ruck-zuck ...
„Alte preußische Garde ... hahaha ... Prost Mahlzeit, altes Frontschwein
... Einen Kuß, Max Bruderherz. Hier einen Schluck Sturmschnaps ...“
Max kroch auf allen Vieren.
Ein sinnlos Betrunkener torkelte ohne jede Deckung an, umarmte ihn,
tapste vorüber, rief noch:
„Fünfe hab’ ich heute schon hinter mir. Knorke. Nun aber für heute
Feierabend und Schluß damit ...“
Ein Feldwebelleutnant knurrte herüber:
„Stopf ihm die Schnauze ...“
Schwuppdich. Ein leichter Klaps vor die Stirn. Und der Feldwebelleutnant
schnappte mit einem Purzelbaum hintüber. Er kauerte sich noch zurecht.
Er wimmerte „Mami, Mami“, bis eine genügende Menge Blutes aus ihm
ausgequetscht war.
Es gab fast keine Nuancen mehr in den Bewegungen. Mit dem ganzen
Lebenstrieb dahinter wurde so ein Bajonettstoß geführt. Manchmal glitten
die Messer mit einem spitzen Geräusch elastisch aneinander ab. Eines
stieß senkrecht auf die Verschlußschnalle der Koppel auf, bog sich zu
einem Halbkreis. Zuckte ab, sprang links vorbei mitten hindurch durch
die Niere.
Man fraß sich mit aufgesperrten Augen, mit vibrierenden Nasenflügeln,
man fraß sich förmlich mit seiner ganzen Existenz in den Gegner hinein.
Waren es noch Menschen oder mechanische Puppen? Mit dicken Mänteln waren
sie behängt. Mit einem wattigen Stoff, der bei einem Stich Ströme Blutes
sickern lassen konnte, waren sie ausgestopft. So haute es sich,
anscheinend ziel- und planlos, jetzt im Niemandsland herum.
Reserven stürzten sich auf Reserven.
Qualmend dunstete die Erde aus.
Darüber Vollmond ...
* * * * *
Die feindlichen Bataillone hatten noch in der Nacht zum Gegenstoß
ausgeholt. –
V
Weiter zogen die Jahre. Tag für Tag erschienen die Zeitungen mit
spaltenlangen Verlustlisten gefüllt. Alle Viere von sich gestreckt lagen
sie auf der Erde da: Männer, die Schädel zerfetzt, die Brust
aufgetrieben, die Gedärme brachen aus den geborstenen Uniformen heraus,
Millionen Männer lagen so, über der Erde, unter der Erde ...
Noch immer kein Ende ...
Tag und Nacht experimentierten Tausende von Chemikern. Wunderbare
Gasgemische entstanden in den Laboratorien. Zentner-Mengen Kampfstoff
schickten die deutschen Farbstoffindustrien in die Welt. Die in diesen
Fabriken beschäftigten Arbeiter wußten nicht, was sie produzierten. Die
organische Verbindung zwischen den Kriegsmaterialien und der friedlichen
Industrie ist im Kriegsgaswesen besonders eng. Fast alle Kampfgase
finden auch im friedlichen Leben Anwendung. Sie dienen entweder
unmittelbar für verschiedene friedliche Zwecke z. B. zur Desinfektion
des Getreides, von Wohnräumen und dergleichen, oder aber sie bilden
Zwischenprodukte für andere im friedlichen Leben unentbehrliche
Produkte. Vor allem stehen die Kampfgase mit der Farbindustrie in
Verbindung, zugleich aber sind sie auch für die Herstellung von
Medikamenten und photographischen Artikeln zu benutzen.
Es marschierte auf das Chlor.
Chlorphosgengemische. Chlorpikrinsulfuryl. 20000 Zentner Gaskampfstoffe
wälzten sich daher als Giftflut.
Es marschierte auf Phosgen.
Diente es einstmals nicht zur Herstellung einer ganzen Reihe hellroter,
blauer und violetter Farben?!
Es marschierten auf die Arsine, aus dem gleichen Rohstoff hergestellt
wie die Arsen-Präparate.
Acht deutsche Fabriken befaßten sich mit der Herstellung dieser
Kampfgase ... –
* * * * *
Und gegen 4 Uhr morgens begann wieder die Artillerieschlacht mit einem
gewaltigen Feuerschlage auf 70 Kilometer Breite.
7000 Geschütze waren es, riesenkalibrige und großkalibrige, die die
Bekämpfung des feindlichen Grabensystems aufnahmen, gegen das auch eine
Unmasse an Minenwerfern und Gaswerfern eingesetzt wurde.
Die feindliche Artillerie war durch das reichliche Infektionsschießen am
vorhergegangenen Tage schon zum Schweigen gebracht.
Das feindliche Gelände war in dichte Gassümpfe verwandelt worden.
Eine Doppelwalze lief vor der stürmenden Infanterie einher: eine Walze
mit Splittermunition dicht vor, die andere mit Gasmunition weit
vorauswandernd.
Alle Truppen waren mit Gasmasken versehen.
Pferde trugen Gasschuhe.
Es gab schon Entseuchungskommandos in richtigen taucherähnlichen
Gasschutzanzügen. Riesige Mengen Chlorkalk, das entgiftend wirkte,
wurden auf Feldbahnen herangefahren.
Man legte Gassperren, blaue Räume, gelbe Räume, bunte Räume, man
unterschied bereits zwischen Gasüberfall, Schwadenschießen,
Gasbrisanzschießen, Verseuchungsschießen.
Eine richtige Gastaktik hatte sich entwickelt. –
* * * * *
Mit einem leichten dumpfen Knall explodierten ununterbrochen in der
Stadt die Gasgeschosse.
Es roch nur ein wenig in den Straßen wie nach bitteren Mandeln. Man sah
kaum Menschen, einige nur, einen Bausch vor Nase und Mund, der mit einer
besonderen Flüssigkeit getränkt war.
Verwundete zwar, die hier von der Front durchkamen, erzählten kaum
Glaubliches:
„Die Deutschen verfeuern Geschosse, die geheimnisvolle Flüssigkeiten
enthalten, die verdampften und in gasförmigem Zustand die Fähigkeit
haben, Leder, Haut, Gemäuer zu durchdringen, und die, selbst in den
minimalsten Dosen eingeatmet, absolut tödlich sind. Und welch ein Tod!
Ja, erzählte man, sie wirkten auch durch die Haut selbst hindurch sofort
tödlich, starke Erregungen der Atmung, eine eigentümliche psychische
Unruhe machte sich sofort bemerkbar, Erbrechen, Magenstörungen,
Verlangsamung des Herzschlags, Bewußtlosigkeit. Geschmack und Geruch
gehen oft völlig verloren. Das aber sind nur die Nebenwirkungen.
Kennzeichnend ist der schleichende Verlauf. Zuerst etwa das Bild eines
Gletscherbrandes: erst nach mehreren Stunden eine Rötung, hierauf oft
beträchtliche Schwellungen der Haut. Blasen bilden sich, nicht selten
von unförmiger Größe, sie sind mit einer klaren, leicht gerinnenden
Flüssigkeit gefüllt, leicht eiternd. Das Sehvermögen wird durch eine
schmerzhafte Bindehautentzündung beeinträchtigt. Ja, das Auge kann
völlig zuschwellen und eiterigen Ausfluß absondern. Dann kommt das
Lungenödem: in den Lungen bilden sich überall kleine Herde von
angesammelter Flüssigkeit, die rasch wachsen und sich vereinigen können,
um schließlich den größten Teil des Lungenraumes auszufüllen und durch
zunehmende Beschränkung der Luftzufuhr tödliche Erstickung
herbeizuführen ... Nun, Luftgeschwader seien bereitgestellt, diese
Flüssigkeiten, die in die Fliegerbomben gefüllt sind, weit hinter der
Front über die Städte auszugießen ... Auch hätten die Deutschen jetzt
zudem Apparate, aus denen sie Flammen spritzten, und das alles
verwendeten sie zusammen, das eine nicht ohne das andere ... es sei
unmöglich, den Krieg noch länger zu führen, es sei einfach
menschenunmöglich sowas auszuhalten ...“
* * * * *
Weiter fielen unterdeß die Bomben auf die Stadt.
Ein dunkler schwerfälliger Regen, mit großen eisernen Tropfen ...
Bald nah, bald fern: aber die Geschosse hatten nur eine geringe
Sprengwirkung. Die Einwohner fühlten sich mehr als bei früheren
Beschießungen geborgen. Auch Brandwirkung war keine zu beobachten. Es
war volle Frühlingssonne, die Straßen waren aufgeweicht, hoch oben
surrten die Fliegergeschwader in der blauen Märzluft.
Aber trotzdem: nach Verlauf von einigen Stunden begann es.
Die Einwohner hockten wie immer in den Kellern.
Es war unheimlich. Es war noch nie dagewesen. Es war, um völlig den
Verstand zu verlieren.
Irgendwer stürzte die Treppen herunter. Die Nase dieses „Irgendwer“ war
ein einziger blutiger Knollen. Er hatte sie sich vollkommen aufgejuckt.
Aus seinen Augen troff das Tränenwasser und dabei schrie er immer mit
heiserer Stimme: „Das ist das Wahnsinnsgas ... das Wahnsinnsgas ...“ Er
taumelte unten noch einige Schritte vor, dann stürzte er wo nieder,
fetzte sich die Kleider vom Leib, knirschte mit den Zähnen, kratzte und
knetete sich, ganz leise wimmerte er jetzt nur noch: „Die Boches. Die
ver...“
Wie auf Kommando begann jetzt auch schon der ganze Raum zu husten.
Einige zündeten sich die Pfeifen an, pafften wie toll, behaupteten, das
wäre ein Mittel dagegen.
Acht Menschen saßen da im Keller, fünf Frauen, drei Männer. Die Frauen
in mittlerem Alter, die Männer alle über fünfzig alt. Man hatte auch
Matratzen nach unten geschafft, man lag und stand da jeden Tag seine
fünf Stunden herum, das war einem schon so zur Gewohnheit geworden. Die
Kinder nahmen Spielzeug mit, einen Teddybär, der gar keine Angst hatte
und aus seinen Glaskugelaugen nach wie vor fröhlich in die Welt blickte.
Jeder sah jetzt auf den andern.
Einige nur stierten teilnahmslos vor sich hin.
Die Beschießung hatte aufgehört.
Oben klimperten Schritte.
Der „Irgendwer“ jammerte in seinem Winkel ganz erbärmlich.
André, kriegsinvalid, Feldzugsteilnehmer von 70/71, stieß ihn:
„Na Junge, schwere Brocken was ...“
* * * * *
Eine gespenstische Verwandlung bereitete sich vor.
Die Gesichter der im Keller eingepferchten Menschen wurden plötzlich
schwammig, klößig, auch die Hände dunsen auf.
Die Weiber fingen zu plärren an.
Ein Hustenkrampf erstickte ihre Stimme.
Seltsame Bewegungen machten sie mit Armen und Fingern, wie in einem
Traumzustand, ganz schwer, langsam, schleichend.
Die Gesichter hatten nun eine Farbe wie Lehm.
Der Körper fleckte sich.
Die Schleimhäute bissen.
Schüttelfieber jagte daher, Augen schwollen, unter den Fingernägeln war
es, als krabbelten dort lebendiggewordene widerhakichte Eisenspäne. Der
Kellerraum drückte wie ein unendliches Gewicht auf die Lunge herein. Wie
flüssiges Blei kochte es in der Brust ... Da wurde alles auch schon
schleierig, fadenscheinig, der ganze Raum wogte, alles floß auseinander
in Millionen unsichtbaren Wellen, merkwürdig summend ...
Der Todeskampf der Gasvergifteten dauerte so einige Stunden lang ...
* * * * *
Es entspricht aber keineswegs den Tatsachen, was man sich späterhin oft
erzählt hat. Es ist nicht richtig, daß die von der Gasvergiftung
betroffenen Menschen sich im letzten Stadium der Vergiftung gegenseitig
noch angefallen haben, sich mit dem Messer bearbeitet oder gegenseitig
sich gebissen und gewürgt haben. Solche Ausbrüche wahnsinniger
Verzweiflung wurden nicht bekannt. Ganz das Gegenteil. Ohne daß sie
etwas dagegen unternommen hätten, trockneten diese Unglücklichen einfach
inwendig aus. Ein allgemeiner lähmender Zustand ging dem Endstadium
voraus.
Keiner bewegte sich vom Platz. Sie blieben wie festgenagelt, wo sie
gerade saßen oder standen. –
* * * * *
Eine unsichtbare Gasdecke lagerte über der Stadt.
Langsam drang das Gas überall ein.
Es wehte daher durch Wasserleitungsrohre, durch Türritzen und
Fensterspalten, durch Mauern, durch Glas, durch Stein, durch Eisen.
Es war völlige Windstille. Das Gas verflüchtigte sich nicht.
Hunde, Hühner, Pferde lagen auf den Trottoiren, Klumpen, Fetzen von
Haut, auch das Leben der Bäume und Gräser schien restlos getilgt.
Absolut tödliche Gase waren mit sogenannten Reizgasen gemischt: man
mußte vor Augen-, Nasen- und Mundschmerzen die Masken abreißen, das
absolut tödliche Gas fand durch die Luftröhre in die Lunge Eingang, und
man war rettungslos geliefert.
Dann wieder setzte eine Gasbombenbeschießung ein, kombiniert mit
Brisanzgeschossen: so erreichte man außerdem noch eine hübsche
Sprengwirkung: durch die aufgerissenen Löcher flutete nun das Giftgas in
vollkommener Dichtigkeit.
Vorne an der Front wurden die Bewegungen der nachstoßenden Infanterie
langsamer und unsicherer. Gewisse Gassumpfgebiete waren für sie
überhaupt nicht mehr passierbar. In Masken standen sich von nun an die
Bajonettfechter, die Handgranatenwerfer gegenüber.
In die gasverseuchten Grabensysteme stürzten sich die Stoßtrupps hinein,
wie die Frettchen in einen Kaninchenbau. Mit Bajonetten und Handgranaten
kitzelten sie die letzten noch Ueberlebenden heraus. Zweifüßige
gespenstische Larven jagten in den Grabengängen hintereinander her, die
Büchse mit dem Filtereinsatz hing vom Mund herab wie ein kurzer Rüssel.
„So ein Krieg –
„Kotzbrocken –
„Klamottenkrieg ...“
Und Max Herse fand eben in einem Unterstand, der zur Nachbardivision
gehörte, folgendes Flugblatt an einem Balken angeheftet:
„Helft mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung habt, zur schnellsten
Beendigung des Menschenmordens. Verlangt das sofortige Ende des Krieges.
Erhebt euch zum Kampfe, getretene und hingemordete Völker! Es naht die
Stunde des Völkerfriedens. Nieder mit dem Krieg ...“
Quatsch.
Was war das!?
Wie ein Herzschlag pochte es in der Erde. Jeden Moment konnte man
auffliegen.
VI
Deutsche Sturminfanterie stürmte auf dem Balkan. Im Wüstensand, hoch im
Gebirge. Der deutsche Soldat kämpfte auf einer Front, die so groß war,
daß die Sonne über ihr nie unterging. –
* * * * *
Herbst war. Weiche, braunrot getupfte Waldgefälle. Wie Riesenpolster
wölbten sich hoch die italienischen Berge. Himmel und Seeen wurden eins.
Glutblau, wie Lapislazuli.
Das italienische Bataillon war nicht zu fassen.
Es hatte sich, gegen jede Feuerart gedeckt, in Schluchten und Kavernen
eingenistet.
Man unterscheidet zwischen Zielen, die mechanisch zerstörbar sind und
solchen, die nur chemisch zu erledigen sind.
Zu den letzteren gehörte in diesem Fall die italienische Stellung. –
* * * * *
Vier volle Nächte dauerte der Antransport des Kampfgeräts. Da die
Anmarschstraßen von Truppen- und Sanitätskolonnen überfüllt waren,
mußten Seitenpfade begangen werden. Im Zickzack arbeiteten sich die
Trägerkolonnen empor, ausgetrocknete Waldbachschluchten mußten mühsam
überquert werden, immer wieder sanken die Träger von Müdigkeit übermannt
um, dann hieß es ein Plateau überqueren, das von der feindlichen
Artillerie voll eingesehen werden konnte, Felssplitter mischten sich mit
Granatsplittern, ein wahrer Splitterorkan ging nieder, es stäubte und
prasselte von oben her, von unten auf, von allen Seiten, in den Wipfeln
der Tannen pfiff es und knackte es, die Granataufschläge auf dem
Felsboden waren schrill und gellend.
Ein Riß: ein Granatstoß fegte mitten durch eine Trägerkolonne hindurch.
Sich um sich drehende plumpe Säcke rollten sie einen Abhang hinunter.
Ein Latschengestrüpp fing einige von ihnen auf, die anderen kollerten
schreiend weiter.
Viele Träger warfen jetzt die Rohre weg.
Endlich waren die tausend Gasminen an der deutschen Front eingebaut.
Tausend Rohre waren genau nach der italienischen Front hin ausgerichtet.
Es war ein Uhr nachts. Das deutsche Gaswerferbataillon stand in
Bereitschaft.
* * * * *
Es war eine Nacht wie alle Nächte.
Rötlich-blau. Ein dunkel-tönender Strich war fern das Rauschen der
Bergwässer. Die tausend und abertausend Blinkfeuer der Sterne leuchteten
ungetrübt, hie und da riß sich ein Schuß aus dem Dunkel heraus,
Leuchtraketen stoben knatternd aus dem Erddickicht auf, eine kurze Salve
folgte, ein Durcheinander-Rattern, und wieder lag alles wie verkrochen
in einer Höhle da, die Hände der Mannschaften glitten von dem
Gewehrschaft ab, die Geschützbedienungen schnarchten, nur die
Horchposten wachten noch, jedes geringste Geräusch zeichnete sich ihnen
vielfach vergrößert ein in der Ohrmuschel, sie standen dicht vor dem
Stacheldrahtkranz unbewegt. –
* * * * *
„Zum Abschuß fertig ...“
Punkt zwei Uhr wurde eine Gassalve von über 900 Minen gleichzeitig
abgefeuert. Die Zündung erfolgte elektrisch von einer Stelle aus.
Ein gewaltiger Feuerfächer durchsprang grell die Nacht. Tausend
Mündungsfeuer blitzten gleichzeitig auf. Hunderttausende von Menschen
hielten jetzt gleichzeitig den Atem an. Einige schreckten aus dem Schlaf
hervor: „Was ist ... Was ist los ...?“ Schneidend, eiskalt war dieser
Feuerschein, wie eiserne Zacken standen die fernsten Bergspitzen darin.
Und schon rauschte ein ebenso gewaltiger unterirdischer Donner auf, von
allen Bergwänden rings als hundertfaches Echo widerschallend, man bekam
einen Augenblick lang keine Luft mehr. Wie ein unsichtbares Gewicht
preßte auf alle Lungen die Luft herein. Die Magennerven rebellierten bei
einigen. Einige kauerten sich am Boden nieder, andere hatten Arme und
Beine von sich gestreckt. Wieder andere bedeckten mit den Händen das
Gesicht und heulten einfach drauf los. Jeder aber hielt sich irgendwo
fest. Und es war dies alles doch nur der Bruchteil einer Sekunde.
Rudel von Leuchtkugeln flatterten sogleich empor.
Ein riesiger schwarzer Rauchschleim zog unten dahin.
Man hätte meinen können, man befinde sich hoch über den Wolken.
Ein Rauschen, Summen, Sirren, Plätschern war in der Luft.
Die Luft war wellengleich bewegt, wie unter der Einwirkung riesiger
Schraubenumdrehungen, Blasebälge oder gigantischer Propellerschläge.
Endlich:
Trum-trum ...
Trum-trum-trumtrum ... vielhundertmal dieses: trum-trum ... und so fort.
Es war das dumpfe Niederklatschen der Minen, die in kurzer Reihenfolge
aufeinander krepierten.
Wieder Feuerschein ...
Wieder diese Erderschütterung ...
Wieder jene geheimnisvollen, sprengenden Flügelschläge ...
Hinten und vorne, überall: Stichflammen –
Eine zweite Salve krachte ...
Eine dritte ...
Wieder gurgelte es, ächzte es, der Erdgrund stieß ein paar Mal gewaltig
auf. Wie im Galopp ruckte der Boden einige Male von selbst nach
vorwärts, eine Erdschicht schob sich über eine andere, Schutt kam wie
eine Lawine ins Rollen und rutschte davon, steil prasselten breite
Erdfontänen hoch, mit riesigen Felsklumpen darunter, wie Hagel schlugen
sie wieder nieder.
* * * * *
Die Gasanhäufung im italienischen Graben war so dicht, daß die Gasmasken
völlig versagten.
Die Minen aber waren zudem noch mit Einlagen aus Petroleum versehen, das
bei der Explosion zerstäubte und brennend den Stoff der Gasschutzmaske
durchlöcherte. Artilleriebrisanzfeuer setzte zu gleicher Zeit von der
deutschen Front ein.
Sechshundert Mann lagen da, Pferde und Hunde darunter, krümmten sich,
platzten, stießen, einer irrsinniger als der andere, lallende Laute aus,
man konnte schon von Kopfwunden, Fleischwunden, Knochenschüssen nicht
mehr reden: das ganze italienische Bataillon war einfach zu einer
breiigen Masse zusammengestampft, die Gasschwaden zogen in den
Unterständen ein, räucherten sie aus, beim nächsten Windzug schlugen sie
wieder zurück, erhoben sich, senkten sich, je nachdem, und marschierten
nun, als unheimliche Kolonne, weiter in das Hinterland.
Jeder Instinkt, jedes Denkvermögen hörte auf. Das Gesetz der Schwerkraft
selbst schien aufgehoben.
Strudel bildeten sich, Luftgefälle, Luftwirbel, bewegliche Gasmauern,
Flammen zuckten hervor, ganze Flammenschleier wieder breiteten sich aus,
schrumpften, gerannen, und brachen plötzlich wieder hervor, ein dicker,
spiralig geschwollener Flammenstoß.
Und mitten in den nun schon sich verflüchtigenden Gasnebel hinein
stießen einige Stunden später – es war jetzt gegen sechs Uhr morgens –
die Infanteriereihen, die Gasschutzmaske aufgesetzt, führten einen
verzweifelten Bajonettkampf durch, Maske gegen Maske.
Geschlechter von zweifüßigen Larven stießen da mit blankem Messer auf
einem gespenstischen Schlachtfeld auf sich ein, mancher riß sich
plötzlich selbst die Maske von dem Gesicht herunter, eine angstverzerrte
Grimasse wurde einen Augenblick lang sichtbar, ein Schluck ... und schon
ertrank er rettungslos im Gassumpf.
Die Sonne ging auf. Der Himmel drückte bald wie glühendes Eisen. Die
Erde selbst aber wurde darunter aufgeweicht, schäumte und brodelte, der
über und über durchtrichterte Boden schien wie ein mit flüssiger Lava
getränkter Feuerschwamm. Die Poren, die die Tausende von Granatlöchern
darstellten, waren mit Bündeln von Menschenleichen vollgestopft. Die
Luft zwischen Himmel und Erde stand still. Jeden Moment, dachte man,
fängt auch sie zu brennen an ... Kein Baum, kein Strauch. Schattenlos
strotzten auch die gewaltigsten Felsklumpen empor aus diesem
Flammensumpf ...
Tausende von Gasvergifteten schmorten jetzt langsam sich zutod in der
Hitze.
Manche Leichname fingen zu brodeln an.
Fliegen summten, Käfer und Eidechsen krabbelten darüber.
Da liegt so ein fleischiger Haufen: die Gedärme aus dem Bauch neben sich
hingeschüttet: ein seltsames Leben beginnt sich in dem Kadaver zu regen.
Es riecht nach Oliven, nach Staub ... geronnenes Blut und faules Fleisch
riecht, Jauche und Eiter ... überall sieht man es qualmen ...
Ein solches Unmaß an Hitze, wie es einem Gasvergifteten auferlegt ist zu
ertragen, kann man sich kaum vorstellen.
Die ganzen Eingeweide verbrennen von innen, die Lungenwände sind wie mit
einer beißenden Säure ausgelegt, mit jedem Herzschlag pumpt es sich wie
siedendes Blei durch die Adern. Von oben preßt sich einem die Sonne, ein
scharlachener Klotz, schwer auf den Schädel, zentnerschwer; die Kehle
steckt wie zwischen einem langsam sich zudrehenden Schraubstock ...
Ekelhaft kleberig ist der Schlund, hart, porös wie Bimsstein fühlt sich
die Zunge an.
Hunderte lagen noch auf den Knien vor den Sanitätern und flehten um den
Fangschuß. Morphiuminjektionen wurden verabreicht. Wieder einige hatten
das Glück, noch ihr Bajonett zu besitzen. Sie machten Harakiri.
Gewaltige Strahlenmassen prallten jetzt in diesem Talkessel zusammen.
Es war gegen Mittag ...
Die Bergspitzen glänzten wie Messing.
Junge Regimenter, flaumlose Kindergesichter, stolperten über diese
Leichenwelt hinweg im Sturmschritt. Italienische Tanks krochen die
Dolomitenstraßen herauf.
Ueberall Menschenblutspritzer, Knochensplitter, Fleischfetzen: alles mit
Menschenblut vollgesogen. Bis über die Knie blieb man oft stecken im
Menschendreck.
VII
Max Herse stand mit seiner Vision plötzlich mitten auf einem Platz der
inneren Stadt.
Es lärmte Alarm. Es brandete und brauste ...
Eine Musik: Räderknurren, Stahlhämmer, Treibriemen, Bohrer und Schaufeln
...
Max rieb sich die Augen –
Und das Schwergewicht der Welt hatte sich ihm unmerklich verschoben; es
war, als rückte sich ihm jetzt erst, das erste Mal, sein Inneres zurecht
...
Muskelbänder, Adern, Sehnen, Armhebel: darauf ruhte die Welt, und als
Max ein vornehm aufgemachtes Spielwarengeschäft erblickte, da dachte er
schon wieder ganz proletarisch folgerichtig:
„An diesen Puppenköpfen, Kinderuhren, Haarnadeln, dem ganzen
Schnickschnack der modernen Kleinindustrie klebt Blut und Schweiß
lebendiger Menschen, die unter den elendesten Verhältnissen ihr Leben
fristen. Der elegante Herr, der seine Autobrille dort aufsetzt, denkt
nicht daran, daß diese Brille zusammengesetzt ist in einer dunklen
Küche, die als Arbeitsraum dient, oder in einem Kellerloch, von
unterernährten darbenden Menschen ...“
So scharf, so anschaulich, so gründlich hatte Max bisher noch nicht
gedacht.
„So muß gedacht werden, so muß die Welt angesehen, so muß sie erlebt
werden! Das ist der einzig berechtigte und historisch notwendige Denk-
und Anschauungsakt. So muß die Welt betrachtet werden und im Kampf von
uns Proleten verändert werden. Alles andere ist ein menschenmörderischer
Luxus ... Es gibt nur _einen_ Standpunkt, von dem aus diese vermorschte
Welt aus den Angeln gehoben werden kann, und dieser Standpunkt ist der
unsere.“
* * * * *
In diesem Augenblick marschierte ein Zug der Kommunistischen Jugend
vorüber.
Rote Fahnen wehten.
Die „Internationale“ sang.
Dieser Gesang hatte Rhythmus, Takt, Tonfall einer unerbittlichen
Kampfansage.
Noch einmal verbanden sich Maxens Gedanken mit jenen Erinnerungen, die
ihn vor einer halben Stunde noch heimgesucht hatten:
„Ja, die ganze Stadt war ein Trümmerhaufen, als wir damals
einmarschierten. Kein lebendes Wesen weit und breit. Nur in einem
verschütteten Haus aus einem Kellerloch die Stimme eines halb
verhungerten Kindes, das ... das die „Internationale“ sang ... Ja, ich
erinnere mich noch deutlich, das war für viele unserer Soldaten damals
ein grausamer, grauenhafter Weckruf. Viele wurden mit einem Mal
nüchtern. Das proletarische Gewissen gellte in ihnen wie eine
Sturmglocke. Tränen liefen ihnen über die Backen. Knirschten mit den
Zähnen ... Ja, der erste Zug unserer Kompagnie stand mitten im Marsch
auf einen Augenblick starr, wie versteinert zu einer Säule. Wir haben
das Kind dann ausgegraben. Es war ein belgisches Proletariermädchen. Die
ganze Kompagnie hegte es als ihr Kleinod. Es war unser Herzenshalt. Es
war das Beste, was wir damals hatten.“ –
Da schwenkten die Jungkommunisten in eine Seitenstraße ab, und Max
bemerkte, wie er ihnen freundlich zunickte, er hatte auch, ohne daß er
sich dessen bewußt war, den Hut zum Gruß abgezogen.
Er murmelte noch leise vor sich hin:
„Bravo, Burschen! Nur so weiter! Ist nicht am Ende doch alles, was man
über euch herschimpft, eitel Lug und Trug!? Muß es denn nicht so sein!?
... Können euch denn eure Feinde loben!? ... Recht so! Vorwärts in die
Zukunft ... Auf eueren Schultern ruht – die Welt ...“
Ein Spießer bleckte die Zähne.
„Was der für ein widerliches Gebiß hat. Man möchte ihm das Gebiß aus dem
Maul reißen. Pfui Teufel ... So eine feiste Fresse ...“
Es war inzwischen Abend geworden.
Die ganze Stadt war wie eine sich immer wieder von selbst aufziehende
Mechanik, eine auf geheimnisvolle Weise immer wieder sich selbst
regulierende Wildnis voll intensivsten Leuchtens. –
VIII
Max schob sich automatisch einige Straßen durch.
„Nun muß ich aber doch endlich einmal auch bei Lene vorbeischauen.“
Lene war Arbeiterin in einer Trikotagenfabrik.
Max hatte sie neulich nur kurz in der Versammlung gesprochen. Hie und da
sah man sich Sonntags, dann machte man einen Sprung in die Umgebung
Berlins hinaus, zu mehr langte es ja ohnedies nicht. Sie kannten sich
von der sozialdemokratischen Arbeiterjugend her. In der letzten Zeit
allerdings waren sie ganz außer Kontakt gekommen. Das kam, weil Max sich
seit einigen Monaten wenig mehr um Politik kümmerte, Lene aber ganz in
die Arbeiterbewegung hineinwuchs und eigentlich schon vollends darin
aufging.
Lene empfing ihn gleich unter der Tür mit den Worten:
„Du, Max, denk dir nur, gestern bin ich aus der Partei ausgetreten. Ich
kann es nicht mehr länger so mitmachen. Die letzten Wochen haben mir den
Rest gegeben ... Ich habe mich heute noch nicht entschieden ... Zu den
Kommunisten kann ich noch nicht ... Auch weißt du, hab ich so eine
Intellektuellenschrulle, das ist das mit der Gewaltfrage ...“
Max blieb gleich mitten im Zimmer stehen.
„Die Gewaltfrage also ists. Das kann ich dir nur sagen: ich für mein
Teil könnte das nicht als Hinderungsgrund betrachten. Die ganze
Gesellschaft ist ja doch nichts weiter als Gewalt. Gewalt ist Geld,
Gewalt ist: daß du und ich in die Fabrik gehen, Gewalt ist, wie du
wohnst, das ganze Recht, alle Sitten und Gebräuche beruhen auf Gewalt.
Auf nacktester brutalster Gewalt ... Nur haben natürlich die, die
herrschen, ein Interesse daran, diesen bitteren Gewaltkern
wohlschmeckend zu machen. Sie schwätzen also vieles und schönes von der
Gewaltlosigkeit ihrer Gewalt. Sie legalisieren die Gewalt ... Ist nicht
die Arbeitsstätte heute für die weitaus meisten Menschen eine
Schlachtbank?! Der ganze Produktionsprozeß ist Gewalt, die Art und
Weise, wie produziert, wie verteilt und wie verdient wird ... Ja, gehe
nur einen Schritt so wie es der herrschenden Klasse nicht paßt, gleich
packt dich in der oder jener Form die Gewalt ... Der ganze
Gesellschaftsapparat, samt Staat, Beamtenmaschine, Militär, Polizei
dazu: Gewalt, Gewalt, nichts als Gewalt. Und sieh: dieser friedliche
Gewaltkörper bricht eines Tags plötzlich aus und dieses Geschwür, bisher
nur unter der Oberfläche eiternd, das ist der Krieg ... Es bleibt uns
schon nichts anderes übrig, als diesen ganzen Gewaltkörper mit Gewalt zu
zerschlagen ... Und überhaupt: geschichtlich betrachtet: die Gewalt war
und ist noch immer seit jeher, seit Menschengedenken, die
Geburtshelferin jeder alten Gesellschaft gewesen, die mit einer neuen
schwanger ging ... Lene, du mußt wieder einmal das „Kommunistische
Manifest“ lesen. Wir müssen gewaltig viel aufholen, wir sind durch die
bürgerlichen Schulen und durch unsere verbürgerlichten Führer ungeheuer
verdorben und verbildet worden. Wir müssen uns wieder zu uns selbst
zurückfinden, zu uns, zu unserem unverfälschten instinktsicheren
Klassenstandpunkt ...“
Max streckte Lene die Hand hin.
Die schüttelte nur ungläubig lachend den Kopf –
Dann schlug sie ein.
„Recht hast du, Max, sehr recht: wir sind an uns selbst irre geworden
... Ja, aber, Max, seit wann ... Das ist ja gut gekommen mit Dir! ...
Ich staune nur so ... Neulich in der Versammlung nämlich, da hast du mir
schon gar nicht gefallen ... Ich hab’ dich immer bei jedem Satz, den der
Redner sagte, beobachtet ... Ja, Max, das, was die Gewalt anbetrifft,
das weiß ich natürlich auch, so tief bin ich ja doch noch nicht
gesunken: auch die Ideen, die heute herrschend sind und die man uns so
schön eingewickelt durch die Presse als tägliche Herzens- und Gehirnkost
verabreicht, bedeuten Gewalt und dienen ihrerseits treu dem
Gewaltsystem, mittels dessen das Bürgertum über uns herrscht ... Aber,
schau: den Eintritt in die Kommunistische Partei: das muß ich mir
gründlich überlegen. Die Kommunistische Partei ist eben nicht so eine
Partei wie die anderen Parteien, das jedenfalls habe ich längst
begriffen. Da heißt es, voll und ganz in der Arbeit aufgehen, sich
opfern, restlos sich opfern. Disziplin halten, sich unterordnen. Sonst
hat das Ganze gar keinen Sinn ... Und darum, um diesen letzten Entschluß
kämpfe ich noch. Das muß doch ein jeder ernsthaft vorher mit sich selbst
abmachen. Kann ich das, was von mir verlangt werden wird, auch leisten?
Daraufhin prüfe ich mich ... Aber ich werde schon wohl nicht anders
können ...“
IX
Es war spät Nacht, als Max sich auf den Heimweg machte.
Er fühlte sich gewaltig gestärkt und über sich selbst emporgehoben.
„Ich werde schon fertig damit. Nur keine Bange ... Ich bin in den
letzten Tagen der Lösung des Problems schon ziemlich nahe gekommen ...
Lene ist ein Prachtkerl ... Auch sie hat mir noch geholfen ... Wird der
Wilhelm Augen machen, wenn ich ihm erzähle ... Nun gut so ... Jetzt nur
noch ein kleiner Stoß ... Doch genug für heute ...“
Die Straßen waren menschenleer.
An einer Straßenbahnkreuzung wurden die Schienen ausgebessert. Ein
Haufen von Arbeitsmännern hantierte mit Schweißapparaten. Schienenhobel
flitzten. Eine Weiche wurde schwer herausgehoben.
Das blaue Licht der Sauerstoffgebläse gespensterte magisch auf und ab in
der Nacht. Huschte die Häusermauern entlang. Wie Gerippe, mit fahlen
Knochenhäuten bespannt, geisterten sie ...
„Arbeitskollegen. Genossen. Proleten. Wir. Du und ich. Wir gehören
zusammen ... Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“
Ein wunderbarer Satz!
Max sprach ihn immer wieder vor sich hin.
Welcher Menschengehirnkraft, Menschenerfahrung, welchen Menschenleids
bedurfte es, um diesen proletarischen Block zusammenzuschweißen! Trieb
nicht vorher die ganze Menschheit in einem riesigen Leidensmeer,
Traumtrümmer an Traumtrümmer!? Was an Heroismus, Aufopferung, Disziplin
wird weiterhin nötig sein, um diesen Block in Bewegung zu setzen, welche
gewaltigen Hebelkräfte, ihn über die dem Untergang geweihten
Geschlechter der Vergangenheit hinweg in die Zukunft zu wälzen! ... Gebt
uns eine Partei! so schrie es aus Millionen Mündern in allen
Menschensprachen. Gebt uns eine Partei! Einen aus Millionen
Proletarierarmen geschmiedeten Hebelarm, eine eisern in sich gefügte
Organisation, ein Willens-Kollektiv, ein Erfahrungs-Kollektiv ... und
verlaßt euch drauf: wir werden es schaffen!
„Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“
Eine Parole. Eine Fanfare. Der alarmschmetternde Grundton des
proletarischen Siegesmarsches. –
Max marschierte im Infanterieschritt.
Pfiff dazu ...
Marschierte mit Hunderten, mit Tausenden ...
Im Gleichschritt. Im Arbeiter-Marsch.
Kolonnen marschierten auf Kolonnen ...
Manchmal gewitterte ein elektrischer Schein über den Horizont herauf.
Auch schimmerte es schon rötlich an der Himmelsferne. Nun färbte sich
ein langverzogener Wolkenstreifen lebendig rot.
Die ersten Fabriksirenen heulten ...
Ein riesiger steinerner Pfuhl, ein ungeheurer aus Granit und Zement
gehauener Leidenstümpel ist diese Stadt. Morgen, übermorgen, wie schön
und frei werden dann die Menschen wohnen!
* * * * *
So glücklich und kräftig zugleich war Max in seinem Leben noch nie. –
5. Kapitel.
Die Kriegsdebatte im amerikanischen Offiziersklub
Abkommandiert zum Gas-Dienst. – Ein
Kamerad von den Luftstreitkräften. – Die
Kriegsdebatte im amerikanischen
Offiziersklub. – Einige wichtige
Ergänzungspunkte zum Kampf gegen den
imperialistischen Krieg. – Der Völkerbund
organisiert den Vernichtungskampf gegen
die Kommunisten im Weltmaßstab. „Vertilgt
die Kommunisten wie Ratten!“ – Mary Green
auf dem elektrischen Hinrichtungsstuhl. –
Generalstreik in USA. – Eine rote Zelle
in der amerikanischen Armee. GBRO:
Geheim-Bund revolutionärer Offiziere. –
Es kann beginnen! –
I
Seit einem Vierteljahr war der amerikanische Leutnant der Infanterie
Frank Morrow zum Gasdienst abkommandiert. Frank Morrow entstammte einer
Arbeiterfamilie, er selbst arbeitete vor dem Krieg bei Ford. Auf den
Schlachtfeldern Frankreichs avancierte er, gegen Ende des Krieges war er
Führer eines Stoßtrupps. Frank Morrows Körper selbst glich einem
Schlachtfeld: Arme und Beine trugen breite Narben von Bajonettstichen,
der linke Lungenflügel war zweimal durchlöchert. Damals, im kleinen
Kriegslazarett von Belleville, wohin er schwer verwundet aus der großen
Angriffsschlacht der Deutschen heraus gerade noch rechtzeitig
abtransportiert werden konnte, schwanden ihm die letzten Illusionen über
den Krieg, mit denen er über den großen Ozean gegen die Deutschen
gezogen war ... Immer wieder brach das zerschossene Lungengewebe auf,
das blutige Exsudat drückte auf das Herz, die Aerzte hatten die Hoffnung
aufgegeben. Frank konnte es nur noch mit dem Sauerstoffapparat
aushalten, er bekam keine Luft mehr. Eine Punktion folgte der anderen.
Bis eines Nachts, Frank erinnerte sich daran genau, der Arzt mit einer
Schwester hereinstürzte, ihm den Augendeckel lüftete, den Kopf
schüttelte ... und Frank auf den Operationstisch gelegt wurde, während
der Arzt zum Assistenten bemerkte: „Vorsicht beim Aufsitzen, er kann uns
unter der Hand bleiben.“ Frank war von dem vielen Sekt, den Herzmitteln
und dem Morphium ganz dösig. Trotzdem fühlte er ganz deutlich, um was es
ging. Sein oder Nichtsein. Er sprach zu sich mit einer wimmernden Stimme
einen militärischen Befehl. Und wieder wurde eine Punktion vorgenommen
...
Nach weiteren acht Tagen war Frank bereits auf und spazierte im Garten
des Kriegslazaretts umher. Ununterbrochen heulte und schluchzte er, die
Augen waren an das Licht nicht mehr gewöhnt, die Nerven bis aufs
äußerste angespannt, der Körper war außer Rand und Band, es schüttelte
ihn hin und her, und es begann ein langes intensives Zittern ...
Damals lernte Frank Morrow Thomas Butler kennen, Thomas Butler vom
dritten Flugzeuggeschwader. Den Namen kannte er, Thomas Butler hatte in
der Heeresgruppe die meisten Abschüsse. Er war der Sohn eines Chikagoer
Holzwarenfabrikanten, zynisch und aufgeklärt, und führte sich bei Frank
gleich mit den Worten ein: „Der ganze Krieg, Kamerad, ist weiter nichts
als eine Riesenprofitquetsche ... Wir allesamt sind die Beschissenen
...“ Und die Gespräche über den Krieg wurden fortgesetzt. Thomas las
dabei oft Stellen aus den Briefen einer gewissen Mary Green vor, von der
Frank zunächst nur wußte, daß sie die Freundin Butlers und eine
Sozialistin war. Frank wurde zum Nachdenken gezwungen. Er wehrte sich
zwar oft innerlich dagegen, Thomas ließ aber nicht ab, und das Resultat
war: auch Frank Morrow betrachtete seitdem alle Vorgänge mit kritischen
Augen.
„Für wen eigentlich schlagen wir uns!?“ fragten sich die Beiden. Und die
Antwort hieß: für das Bankhaus Morgan und Kompagnie.
„Und für wen die Deutschen!?“ „Für die „Deutsche Bank“ vielleicht. Die
Firma kann aber auch anders heißen.“
Und wer hat den Krieg begonnen?
Keiner von beiden. Und alle Beide.
Wenn zwei Räuber sich um die Beute streiten, da ist es schwer, zu
entscheiden, wer angefangen hat. Außerdem, wer einen Verteidigungskrieg
und wer einen Angriffskrieg führt, das kann nur historisch entschieden
werden. Die diplomatische Frage kommt hier nicht in Betracht. Aber
historisch betrachtet führt nur der einen Verteidigungskrieg, der eine
höher organisierte Gesellschaftsform gegen eine reaktionäre verteidigt.
Ob er dabei angreift oder der Angegriffene ist, ist gleichgültig. 1914
...!? Sie waren sich klar darüber, was alle die Phrasen von
Nationalehre, Vaterlandsverteidigung, Freiheitskampf bedeuteten ...
Eigentlich sind wir ganz elende Hunde, sagten sie sich, daß wir uns
sowas gefallen lassen ... einfach unter Einsatz unseres Lebens die
Kastanien für die Riesenfinanzschufte aus dem Feuer zu holen?! ... Man
kommt sich bei einem solchen Sklavendienst selbst verächtlich vor ...
Eines Tages setzten sie sich wieder einmal zusammen. Sie versuchten es
jetzt mit dem Galgenhumor. Zwar der Galgen wird dabei nicht aufgehoben
... „aber Geduld, wir zerreißen vielleicht doch noch dieses ganze
Riesengespinst von Lebenslüge, in das wir noch verstrickt sind. Wir sind
schon dabei ...“ Sie zählten auf, was jeder kriegführende Staat
eigentlich von sich behauptet. Ohne Mühe ließ sich folgendes dabei
herausfinden: Daß er einen Verteidigungskrieg führt und für die gerechte
Sache kämpft, daß er einen Kampf für Freiheit und Zivilisation aller
Völker führt, daß er einen dauernden Frieden anstrebt, daß er alle
Kräfte anspannen und kämpfen wird, bis der Gegner endgültig
niedergeworfen ist, daß er ohne Zweifel Sieger bleiben wird, daß er
siegreich vorgeht und nur geringe Verluste zu verzeichnen hat, daß die
Bomben seiner Flieger nur militärische Institutionen der Gegner treffen
und immer mit großem Erfolg, daß seine Artillerie und seine Flieger
bedeutend besser sind als die Flieger und die Artillerie der Gegner, daß
er gerade jetzt große Unternehmungen plant, die unbedingt Erfolg
versprechen, daß der liebe Gott ihm zur Seite steht ...
Und jeder kriegführende Staat behauptet weiter:
Daß der Gegner den Krieg gewollt hat und seit langem dazu rüstet, daß
der Gegner den Krieg angefangen und „uns“ überfallen hat, daß der Gegner
einen Eroberungskrieg führt und die Welt beherrschen will, daß der
Gegner das Völkerrecht mit Füßen tritt, daß der Gegner die Neutralität
kleiner Staaten bedroht, daß der Gegner den Krieg mit barbarischen
Mitteln führt, Dum-Dum-Geschosse anwendet, das Rote Kreuz mißbraucht,
Gefangene mißhandelt, Frauen vergewaltige, mordet und plündert, daß die
Kriegsgerichte des Gegners eine Verhöhnung des Gesetzes sind, daß der
Gegner Gefangene tötet, freie Städte bombardiert, Frauen und Kinder
tötet, „uns“ aber damit nie einen militärischen Schaden zufügt, daß der
Ueberfall des Gegners immer im Keim erstickt oder mit großen Verlusten
für den Feind zurückgeschlagen wird, daß der Gegner Gasbomben gebraucht,
ein Seeräuber ist, ohne Notwendigkeit den neutralen Handel unterbindet,
daß die Informationen des Gegners durchwegs Lügen und Verleumdungen
sind, daß der Gegner die Neutralen mittels Lügen, Drohungen und
Bestechungen zu bearbeiten sucht, daß der Gegner die neutralen Staaten,
zu deren größtem Unglück, in den Krieg hetzt, daß der Gegner an
Geldmangel, Teuerung, Industriekrisen leidet, daß die Kriegsanleihen des
Gegners nur durch Betrug zustande kommen, daß beim Gegner Epidemien
wüten, daß im Lande des Gegners Streik und innere Zerwürfnisse
herrschen, daß beim Gegner Minister und Generale zurücktreten, daß der
Gegner kampfesmüde ist ...“
Sechsunddreißig solcher Punkte hatte man leicht beisammen. Kein Zweifel:
die Staatsmänner und Politiker aller Nationen verfügten über eine ganz
gerissene Technik, die Völker gegenseitig in Schwung zu bringen ... Und
die beiden Offiziere sahen sich ratlos an: „Und nun, wir ... was mit
unseren Erkenntnissen anfangen ... Was tun ...!“
Und zu gleicher Zeit kam ein Brief, der mitteilte, Mary Green sei wegen
antimilitaristischer Propaganda zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt
worden. In diesem Brief stand: „Es ist gut abgegangen. Eine große Anzahl
von Antimilitaristen wurde gelyncht, die grauenhaftesten Bestialitäten
sind dabei vorgekommen ... Lieber Junge: Mary läßt Dir sagen, Du sollst
gründlich über das alles nachdenken und endlich auch die Konsequenzen
ziehen. Dieses Menschheitsunglück kann von uns, die wir die Einsicht in
den ganzen Mechanismus haben, nicht weiter schweigend ertragen werden.
Agitiere für den Frieden ... Doch der einzige Kampf gegen den Krieg: das
ist die soziale Revolution ...“
Die beiden Offiziere wurden noch unschlüssiger.
Doch das Ende des Krieges kam.
Die Waffenstillstandsverhandlungen begannen.
II
Welch eine Rückfahrt!
Ein glorreicher Siegeszug übers Meer! Welch ein Triumph!
Als die Transportdampfer in Sicht der Newyorker Freiheitsstatue gekommen
waren, begannen plötzlich mit einem Male alle Schiffssirenen zu heulen,
Leuchtraketen schossen auf, Hunderte von Torpedobooten und Schaluppen
umkreisten die Heimkehrenden. Die Militärkapelle spielte die
Nationalhymne.
Die Wolkenkratzer glühten.
Hoch hinauf in die Nacht brannten die Siegesfeuer. –
* * * * *
Die Truppen waren ausgeschifft.
Umarmungen. Küsse. Endlose Händedrücke.
Die Tränen der Tausende von Witwen und Waisen glätteten nicht diesen
Freudenstrudel.
Auch Frank Morrow und Thomas Butler waren heimgekehrt.
Mary Green war aus dem Gefängnis entlassen ...
* * * * *
Das Nachkriegsleben begann.
Weder Frank Morrow noch Thomas Butler nahmen ihren Abschied. Sie blieben
bei der Truppe ... Auch Mary war dafür, überall mußte angepackt werden,
und man konnte nicht wissen ... Denn von Abrüstung war nicht die Rede,
im Gegenteil. Die Waffen wurden vervollkommnet. Die Kriegserfahrungen
eigentlich erst jetzt recht ausgewertet. Es gab großartige Manöver,
Manöver, bei denen kein Mensch mehr sichtbar war: sie wurden nur mit
mechanischen Kriegsmitteln, mit Tanks und mit Panzerwagen ausgeführt. Es
wurden gewaltige Befestigungspläne besprochen, der Panamakanal und die
Hawaiischen Inseln sollten zu Wunderwerken modernster Kriegskunst
ausgebaut werden, zu den stärksten militärischen Stützpunkten der Welt.
Militärischer Drill begann bereits in den Schulen, Privatarmeen wurden
aufgestellt, geheime illegale Organisationen, militärisch organisierte
Streikbrechergarden entstanden ... Das Land wurde unruhig ... Millionen
enteigneter Farmer wanderten in die Städte. Die Regierung griff straff
in die Zügel. Prozesse gegen Sozialisten häuften sich. Zu gleicher Zeit
wurden die Propagandamittel, Kino und Presse, stark forciert. Rußland:
so hieß die Gefahr. Im Herzen Amerikas selbst wohnt Rußland. Die
werktätigen Massen Amerikas schauten nach Russland. Gefängnismauern und
Barrikaden mußten gegen die rote, gegen die bolschewistische Gefahr
errichtet werden ... Da liefen in allen Newyorker Kinos schon die
antibolschewistischen Greuelfilme: da war zu sehen, wie es die
Kommunisten trieben: Berge von Erschossenen häuften sich vor dem
andächtig glotzenden Publikum ... Die weißgardistischen Emigranten
stützten den Feldzug: sie schrieben Lebenserinnerungen, und ihre Flucht
aus dem roten Massengrab war wirklich heldenhaft abenteuerlich.
Kapitalisten aller Länder vereinigt euch! Diese Parole, zwar nicht so
deutlich ausgesprochen, wurde bis zu einem gewissen Grad zur Tat ...
Japan wuchs sich energisch groß.
Vereine von Rassenschützern erhoben warnend die Stimme.
Da geschahen einige Erdbeben, Feuersbrünste bei den Gelben: man dankte
auf Wallstreet Gott auf den Knien. Doch bedeutete das nur einen
zeitweiligen Aufschub.
Man hörte aus Deutschland: Die Arbeiterschaft mobilisiert sich, Rote
Armeen bilden sich, das bolschewistische Feuer springt nach Europa über.
In der amerikanischen Finanzwelt gab es zwei Meinungen: die einen: das
kümmert uns nicht, laßt Europa Europa sein; die anderen: wir brauchen
Europa, unser Kapitalexport stockt ... Deren Meinung setzte sich
allmählich durch. In Deutschland war Ruhe und Ordnung auch wieder
eingekehrt. Frankreich klopfte man rechtzeitig noch auf die Finger. Der
Frank sank ... Und die Vertreter der Nationen erschienen,
der amerikanische diesmal mit einbegriffen, zur Lösung des
Reparationsproblems am Verhandlungstisch. –
* * * * *
Die beiden Freunde bildeten sich weiter. Es war ihnen allmählich bewußt
geworden, welche Funktion sie als Offiziere der bewaffneten Macht
auszuüben hatten. Sie wurden radikale Sozialisten, das heißt gründliche
Sozialisten.
„Jeder an seinem Platz ... Und wir, wir werden _hier_ unsere Pflicht
tun.“
III
Die beiden Freunde hatten sich wieder in Newyork getroffen.
„Und wie stehts in Edgewood! ...“
„Nicht gleich mit der Türe ins Haus fallen, Thomas ... Darüber später
...“
„Wir gehen gleich in den Klub!?“ ...
„Ja, und morgen treffen wir uns mit Mary ... Es wird allerlei
Interessantes zu berichten geben ... Auch Bolleff ist hier, ein
bulgarischer Genosse ... Aber man muß auf die Detektivs acht geben ...
Die Luft wird immer dicker ...“
Ein gewaltiger Menschenstrom begann.
„Ah, die Weltmeisterschaft ...“
Und schon schwirrten die Gesprächsfetzen:
„Ich setze auf Dempsey!“
„Dempsey?! ... Ja, man weiß nicht, was wahr ist. Aber man hat sich ganz
erstaunliches von dem Argentinier erzählt ...“
„Ach, diese Stierhelden und Pampasbullen, meist ist’s nicht viel gerade,
was dahinter steckt ... Ein schwerer mörderischer Schlag, der kein Gras
mehr wachsen läßt, wo er hintrifft ... Aber Technik, meist keine Ahnung;
... Auch keine Luft, höchstens über drei Runden Stehvermögen ... Alles
Reklame, Maulaufreißertum, Profitgier ... Da, sieh’ nur ...“
Und der ununterbrochen sich dahinwälzende Menschenstrom erfaßte die
beiden Offiziere, schob sie mit von Straße zu Straße, Hunderttausende
trieben so vorwärts, der Riesensportarena zu, in der heute die
Weltmeisterschaft im Schwergewicht zwischen Dempsey und Firpo
ausgetragen werden sollte. Das Geschrei der Straßenhändler, das
blitzende Rauschen von Lichtkegeln in der Luft, gleitende Trottoirs,
fünfzigstöckige Wolkenkratzer, bengalisch illuminiert, unübersehbare
Reihen von Automobilen, die im Menschenstrom steckengeblieben waren,
Absperrungsketten der Polizeimannschaften, Billethändler dazwischen,
alles erdrückt, gequetscht, manchmal wieder vor dem Eingang ganze
Menschengruppen um sich selbst kreisend, wie Menschenwirbel, und dort
hingen wohl zehn Meter große Plakate mit den beiden Boxergestalten, da
sprach irgend jemand vom Balkon durch einen Schalltrichter, eine zweite
Stimme gegenüber aus einem Lautsprecher, dort glitten die Hochbahnen
vorüber, Lichtpunkte flimmerten hinauf in die Nacht, Lichtbänder rollten
wieder hoch oben vorüber, leuchtende Buchstaben, „Persil bleibt Persil“,
„Die Zarin ist soeben in Washington eingetroffen“, Aufzüge sah man
strahlend aufwärtsgehoben in gläsernen Warenhäusern, die Asphaltböden,
über denen diese Menschenmasse wogte, waren unterhöhlt, das merkte man;
ein langhingezogener Donner: das waren die Untergrundbahnen, ausgedehnte
Zementröhrensysteme unterflochten die Erde ... Dempsey – Firpo: ein
einziger Gedanke, ein einziger Wille war diesen Hunderttausenden
aufsuggeriert, dieser Gedanke trieb sie, packte sie, peitschte sie,
flammte sie vorwärts, dieser tausendgliederige Massenkörper war nur von
der Sucht nach diesem einen Erlebnis durchschüttert ...
„Wie am Tag der Kriegserklärung ...“
„Erhebend! Gewaltig!“
Den beiden Offizieren war es gelungen, die Menschenmassen zu
durchkreuzen und in eine leere Seitenstraße einzubiegen. Diese
Seitenstraße war wie ein vom Wellenschlag unberührtes Bassin.
„Und denkst du eigentlich noch oft an den Krieg?“
„Dann ragten sie empor zu brutaler Größe, geschmeidige Tiger der Gräben,
Meister des Sprengstoffs.“ So habe ich neulich im Gedicht eines
Deutschen gelesen. Ob ich noch an den Krieg denke? An den, der gewesen
ist, nicht mehr. An den, der kommen wird. Ich bin doch schließlich zum
Gasdienst abkommandiert.“
„Ich bin gespannt auf heute abend. Man müßte öfter solche Vorträge hören
können. Immerhin, gegen früher, es wird jetzt in der Armee doch mehr für
politische und kriegswissenschaftliche Bildung getan ...“
„Die Deutschen waren uns darin bei weitem überlegen. Doch wir haben den
Vorsprung eingeholt ... Die Welt gehört USA. Ich sage das
nicht unbegründet. Ich gehöre gewiß nicht zur Gattung jener
Hornochsenpatrioten, die nicht weiter als ihre eigene Nasenspitze
reicht, zu blicken vermögen. Ich sage das, na ... auf Grund meiner
Erfahrungen in Edgewood. Verstehst du mich ... Vom militärpolitischen
Standpunkt aus, meine ich das.“
IV
„Das chemische Kampfmittel ist gekommen, um zu bleiben. Mit dieser
Tatsache wird sich die Welt abfinden müssen.“
Mit diesen Worten begann Professor Snowden seinen Vortrag vor Offizieren
der amerikanischen Marine, des Heers und der Luftflotte. Auch Vertreter
der Zivilbehörden und der Industrie waren dazu erschienen.
Professor Snowden gab zunächst einen kurzen geschichtlichen Rückblick.
„Jahrtausende liegen die Anfänge des Gaskriegs zurück, künstliche
Staubwolken, raucherzeugende Brennstoffe, Vernebeln der feindlichen
Stellungen und Ausräuchern: das war schon im Altertum und im Mittelalter
bekannt. Und schon im Jahre 1854 wurden dem englischen Kriegsministerium
Gasbomben vorgelegt. Ein deutscher Apotheker war es, der während des
deutsch-französischen Krieges 1870-71 eine Füllung der Granaten mit
Veratrin empfahl, einem lediglich stark zum Niesen reizenden Stoff. Sein
Vorschlag kam damals jedoch nicht zur Durchführung.
„In den 500 Jahren, die vergangen waren, seit die Feuerwaffe Harnisch
und Lanze überwand, hat man anfangs langsam, dann in den letzten 50
Jahren in außerordentlich gesteigertem Tempo gelernt, die
Feuergeschwindigkeit, die Durchschlagkraft und die Rasanz der fliegenden
Eisenteile zu erhöhen, mit denen man den Gegner bekämpfte. Dabei war man
zu einem Punkte gelangt, der die bisherige Kriegsführung praktisch
umwarf. Denn alle diese fliegenden Eisenteile waren von größter Wirkung
im freien Feld, aber durch Erdwälle von mäßiger Stärke verhältnismäßig
bequem aufzuhalten. Das gab dem Verteidiger eine grundsätzliche
technische Ueberlegenheit über den Angreifer. Der menschliche Körper mit
seinen zwei Quadratmeter Oberfläche stellte eine Zielscheibe dar, die
gegen den Eisenstrudel von Maschinengewehr und Feldkanone nicht mehr
unbeschädigt an die verteidigte Stellung heranzubringen war. Der
Verteidiger konnte nicht vor dem Sturme in seiner Erddeckung
niedergekämpft werden, weil ihn die fliegenden Eisenteile nicht genügend
erreichten. Es war eine Sache der naturwissenschaftlichen Phantasie,
diesen Zustand voraussehen und auf die Abhilfe zu verfallen, die der
Stand der Technik möglich machte. Diese Abhilfe ist der Gaskrieg.“
Während Professor Snowden exakt die drei verschiedenen Etappen der
Gasexperimente im Weltkrieg schilderte, das Gasblasen, das Gasschießen,
das Gaswerfen – wobei er unablässig betonte, daß es sich damals
lediglich um Experimente handelte und sozusagen der Gaskampf noch in den
Kinderschuhen steckte – überlegt sich Frank sprunghaft die neuesten
Arbeiten des „Gasdienstes“ in den Laboratorien und auf den
Uebungsplätzen von Edgewood.
„Ja, in der Tat, man kann sagen, das Problem der Fernlenkung ist gelöst.
Eine Kommandotafel, ein Druck: automatischer Start: und das mechanische
Flugzeug, durch keinerlei atmosphärische Verhältnisse behindert, schießt
– 500 Kilometer Stundengeschwindigkeit – seinem Ziel zu ...
Phantastische Gedanken, allein der Technik ist kein Ding unmöglich ...
Sehen wir nur unsere modernen Tanks an. Wie wendig sie sind, wie
schnell. 70 Kilometer machen wir heute schon mit ihnen pro Stunde. Eine
ideale Verbindung von Feuer und Bewegung! ... Wie war es nur bei den
letzten Manövern? Da sah man schon keinen Menschen mehr. Auch die
Munitions- und Proviantübernahme, sowie Mannschaftswechsel erfolgten
vollkommen automatisch, durch Reservekampfwagen ... Nun besteht das
Problem noch darin, die Tanks gasdicht zu machen. Dann durchqueren wir
mit ihnen wie mit Unterseebooten die Gassümpfe. Der Krieg hat nun einmal
die feste ungepanzerte Feuerlinie durch die gepanzerte bewegte
Feuerlinie ersetzt ...“
„So ist also, dachte Frank zu Ende, der kommende Krieg wieder ein
Bewegungskrieg. Das Massenheer wird durch das Spezialistenheer ersetzt.
Uebergänge sind möglich. Genaue Prophezeiungen lassen sich natürlich
nicht anstellen. Aber das Ueberraschungsmoment gewinnt ungeheuer an
Bedeutung ...“
Das sprach auch soeben Professor Snowden aus:
„Die chemische Kriegsführung stellt zur Zeit die letzte
Entwicklungsstufe der Kriegskunst dar. Sie ist die bisher
wissenschaftlichste aller Kampfmethoden. Vom ökonomischen Standpunkt ist
die chemische Waffe billiger als alle anderen. Sie ist aber auch die
humanste. Meine Herren! Man hat die Verwendung von Giftgasen als
Kampfmittel grausam und unnatürlich genannt, unzweifelhaft ist dies auch
im Anfang so empfunden worden. Aber man muß dabei doch bedenken, daß man
jede neue Methode der Kriegführung, so auch die Einführung des
Schießpulvers als grausam bezeichnet hat, erst allmählich hat es seine
Schrecken verloren.
„So stehen alle Weltmächte demnach sichtlich unter dem Eindruck, daß die
Ueberlegenheit in einem kommenden Krieg dem gehören wird, der
überraschend einen unparierbaren Hieb mit der chemischen Waffe führen
kann. Erstrebenswert darum ist die Herstellung geheimgehaltener
Gaskampfstoffe, die kein anderer hat. Es ist ohne weiteres also
selbstverständlich, daß geheimgehaltene Fortschritte in dieser Richtung
einen militärischen Vorsprung bedeuten würden, der vom Gegner im Verlauf
des Krieges wohl kaum eingeholt werden könnte. Denn Schutz gegen
Kampfgase ist nur möglich, wenn ihre Zusammensetzung bekannt ist. Neue
Gase wirken also meistens vernichtend ...“
Mit einem Aufruf zur Zusammenarbeit von Offizieren,
Naturwissenschaftlern, Chemikern und Technikern schloß der Professor
seinen Vortrag.
V
Es entspann sich sofort eine lebhafte Diskussion.
Man debattierte in Gruppen.
„So und nicht anders muß es kommen, auf diese Art und Weise macht sich
der Krieg selbst unmöglich. Das Kriegsungeheuer beißt sich selbst den
Kopf ab. Sehen Sie nicht ein, meine Herrn, daß nach den interessanten
Ausführungen des Professor Snowden das Kriegführen eine unmögliche Sache
geworden ist? Ein solcher Zukunftskrieg, würdig von einem Jules Verne
beschrieben zu werden, er ist ein Angstprodukt verhetzter Gehirne, eine
Wahngeburt, nicht mehr, das ist unmöglich, sage ich Ihnen, die
Menschheit in ihrer Gesamtheit wird sich nicht in so frivoler Weise der
Barbarei überantworten lassen. Jules Vernsche Phantasien, Mondfahrten,
Abenteuer im Uferlosen ... nichts mehr.“
Es war ein Wilsonianer, der so sprach. Ein gealtertes, elegantes
Männchen, ein Monokel im Auge. Professor der Medizin an der Universität.
„Und der Völkerbund!?“ wisperte er erregt weiter, „und das Washingtoner
Abkommen! Ziehen Sie, bitte, in Betracht, meine Herren, den Artikel 5
des Vertrages ... Schreiten wir weiter fort auf dem Weg der Abrüstung,
die Befriedung der Welt ist sichergestellt. Ich sage Ihnen, meine
Herren, der vergangene Krieg ist und bleibt der letzte ... Mögen auch
kleine Konflikte noch entstehen, Krisen, Empörung und Streit aufwirbeln,
mögen auch die Kolonialvölker, uneinsichtig wie sie sind, gegen Kultur
und Gesittung randalieren ... ein Krieg von dem Ausmaß und in den
Formen, wie Sie ihn uns beschrieben haben, ist eine glatte
Unmöglichkeit. Aberglauben einfach, nichts weiter ... Die Zivilisation,
meine Herren, marschiert. Ich meinerseits schwöre in dieser Beziehung
absolut auf den Völkerbund ...“
„Aber, lieber Arthur, welche Töne!“ grinste ihm gummikauend ganz jovial
ein chemischer Sachverständiger entgegen. „Sie gütiger Apostel der
Aufklärungszeit. Gewiß, gewiß. Ihr Pazifismus ist mir psychologisch gut
erklärlich aus der Katerstimmung nach dem Weltkrieg heraus. Aber, ich
denke, wir haben das heute, nach 5 Jahren doch wohl schon gründlich
überwunden. Ueberall, wohin Sie sehen in der Welt, erteilen wir doch mit
Bajonetten etc. bereits wieder gründliche Lektionen im praktischen
Pazifismus, wie Sie das nennen. Nun zum Thema. Dazu wäre kurz folgendes
zu sagen: solange das Gas von anderen Militärmächten in ihre Bewaffnung
eingereiht ist, können und werden wir es nicht fallen lassen. Chemische
Kriegsabteilungen bilden jetzt einen wesentlichen Teil der militärischen
Organisationen Frankreichs, Italiens und der USA., und in jedem dieser
Länder sind Experimente im Gange, wirksame Methoden für Gasangriffe
auszuarbeiten. Auf die Verwendung von Gasen verzichten, hieße die
Sicherung unserer Kampfeinrichtung auf das Spiel setzen, und im Hinblick
auf die Erfahrungen, die wir im Krieg gemacht haben, würde es glatten
Irrsinn bedeuten, solch ein Risiko zu laufen. Im übrigen ist es sehr
töricht den Gaskampf als Kampfart zu verdammen und jemandem Vorwürfe zu
machen, ihn aufgebracht zu haben. In Wirklichkeit ist es keine
Kampfmethode, die man nicht etwa hätte voraussehen können. Die ehemalige
Entrüstung gilt nicht dem Gaskampf selbst, sondern nur dem Bruch der
Vereinbarungen. Kindliche Einfalt und unberechtigte Bedenken haben
Frankreich bei Kriegsbeginn abgehalten, sich einer so vorzüglichen Waffe
zu bedienen. Die französischen Chemiker haben sie sofort vorgeschlagen.
Ein gänzlich falsch angebrachtes Schamgefühl hat Frankreich um den
Prioritätsanspruch gebracht ... Kurz: wir alle betrachten den Gaskrieg
als den Krieg der Zukunft und bereiten uns emsig auf die chemische
Kriegsführung vor. Und das sind keine Märchen, keine Legenden, liebes
Professorchen, sondern Tatsachen. Es wäre klug, wenn Sie im Zusammenhang
damit einmal bei sich erwägen würden, ob das hier Gehörte auch nicht für
Ihr Fach bedeutende Gewinne bringen könnte ...“
„Ich verstehe Sie nicht, meine Herren, Sie setzen sich über die
Abrüstungskonferenz und über den Friedenswillen der Völker einfach
hinweg, als wäre das alles etwas, was man im entscheidenden Moment mit
dem kleinen Finger umstößt. Dem ist nun doch nicht so ...“
„Der Beschluß der Abrüstungskonferenz, den Gaskampf zu verbieten, steht
nur auf dem Papier, denn in Wirklichkeit kann er den Gebrauch von
Giftgasen in einem neuen Krieg nicht verhindern. Deshalb war es auch ein
Fehler, nicht auf die Ansichten der Sachverständigen zu hören, sondern
auf die Ansicht von Nichtfachleuten, die aus allgemein menschlichen
Erwägungen heraus den Gaskampf als grausame, ungehörige Anwendung der
Wissenschaft verurteilen. Die Vorbereitung für die chemische
Kriegführung muß weiter betrieben werden ... Es dürfte wenig Zweifel
darüber herrschen, daß das chemische Kampfmittel gegebenenfalls in sehr
viel größeren Mengen und in anderer Weise verwandt werden dürfte, als im
letzten Krieg. Daraus ergibt sich trotz der Washingtoner Beschlüsse die
Notwendigkeit für unser Land, die chemische Kriegführung weiter
auszubauen. Die demoralisierende Wirkung von Gas auf einen in seinem
Gebrauch ungeübten Gegner ist so groß, daß kein Führer es verantworten
kann, wenn er daraus nicht vollen Nutzen zieht. Eine Nation mit größeren
wissenschaftlichen Kenntnissen wird unzweifelhaft im nächsten Krieg von
dieser Wissenschaft vollsten Gebrauch machen, wenn sie der Ansicht ist,
daß sie dadurch den Krieg gewinnt.“
Aber auch ein Professor der Soziologie war vorhanden:
„Und da sehen Sie, meine Herrschaften, auch auf ein anderes Problem
möchte ich beiläufig aufmerksam machen. Die neue Kriegstechnik gibt uns
wieder die Waffe in die Hand. Wie ein Bumerang kehrt die Waffe, die wir
notgedrungen eine Zeit lang aus der Hand geben mußten, wieder an ihr
ursprüngliches Ziel zurück. Lassen Sie mich das erklären. Im letzten
Krieg war das Klassenbewußtsein des Proletariats noch nicht allzu
entwickelt. Die 2. Internationale spielte ihre Rolle gut: sie ist
Schulter an Schulter mit uns rechtzeitig allen Versuchen den Krieg in
den Bürgerkrieg umzuleiten entgegengetreten. In einem kommenden Krieg
dürfte ihr das vermutlich nicht mehr gelingen. Rußland ist da. Die
Kommunistischen Parteien haben in allen Kontinenten tief in der
Arbeiterschaft Wurzel geschlagen. Eine Volksbewaffnung, ein
Massenaufgebot: bedenken Sie, welch ein Risiko, welch eine Gefahr für
uns! Da aber trennt die neue Kriegstechnik das Proletariat von der
Waffe, die Waffe bleibt in unserer Hand, nur an den Produktionsstätten
haben wir die Arbeiterkadres noch nötig, die nichts mehr und nichts
weniger nur mehr Arbeitskadres sind. Wir, die Bourgeoisie an der Front:
das Proletariat im Hinterland, in der Etappe, das Proletariat in der
Gefahrzone. Wir: in Tanks, in Flugzeugen, in durch Kollektivschutz
gesicherten Laboratorien, so sieht in einer schroffen Wendung der
Verhältnisse der neue Krieg aus.“
Der Pazifist machte wieder Einwendungen. Streik, Generalstreik,
Kriegsdienstverweigerung, Sabotage in den Munitionsfabriken usw.
Dutzendweise prasselten da Gegenargumente auf ihn nieder.
„Ja, aber lieber Professor! Munitionsarbeiterstreik. Glauben Sie denn,
daß unsere guten Proleten überhaupt wissen, was sie herstellen. Gas,
Giftgas: muß ich Ihnen, naives Gemüt, denn erklären, daß dies alles in
Arzneien, Parfümerien, in Düngemitteln, in den Seifenfabrikaten
enthalten ist? Wo fängt die Munitionsherstellung an und wo hört sie auf?
Sehen Sie, die Raupenschlepper der Tanks, werden sie nicht auch zu
Traktoren verwendet? Haben Sie nie etwas von den Normungstendenzen der
Industrie gehört ... O, das ist alles organisiert ...“
Ein anderer spottete:
„Streik, Dienstverweigerer. Sie rechnen nicht mit der Atmosphäre beim
Ausbruch eines bewaffneten Konflikts. Sie rechnen nicht mit der Macht
der Presse, mit der Erschütterung, die wir in neun Zehntel aller
Menschen mit Schauergeschichten und Greuelmärchen bewirken können, mögen
sie noch so absurd und noch so schamlos dumm erlogen sein. Sie rechnen
nicht mit der Spaltung der Arbeiterschaft. Die revolutionären Elemente
haben bestimmt im Anfang des Krieges keinen großen Einfluß, erst unter
den direkten Wirkungen ... und dann: entweder – oder! Wir siegen oder –
das andere ist Sache der feindlichen Besatzungstruppen. Wir werden uns
auch hier zur rechten Zeit verständigen. Hundertprozentige
Irrsinns-Atmosphäre, mein Herr! ... Das verdient in Rechnung gestellt,
einkalkuliert zu werden, mein Herr! ... Nur wir, die Arrangeure, ein
Prozent der Gesamtmenschheit, behält klar den Kopf. Denn wir sind darauf
eingestellt, wir kennen die Vorbereitungen, für uns allein ist die
Kriegserklärung kein Ueberraschungsmoment, wir allein wissen nur allzu
genau – im Gegensatz zu gewissen Sozialisten, Sie entschuldigen schon –
daß die Produktionsmethode, die wir heute betreiben, und Krieg unbedingt
zusammengehören, in ihrem Wesensgrund eins sind, und daß der sogenannte
Friede nur eine Atempause ist ... Wie lange eine solche dauert, das kann
man nicht sicher prophezeihen ... Wir geben für einen kommenden Krieg
kein Datum an ... Kurz gesagt: Träumen wir nicht den Frieden, sondern
_para bellum_! Bereite den Krieg vor ...
„Hat schon Nietzsche gesagt: nur im Schatten des Schwertes –“
„... Wir dürfen ja wohl hoffen, Herr Professor, daß Sie nur außerhalb
ihres Geschäfts so pazifistisch sich gerieren ... Wenn der Krieg einmal
da ist, verlassen wir uns darauf: Sie schreiben alles, was noch aus dem
letzten Loch pfeift, k. v. ...“
„Eingeschlagen!“
„Nun, das ja ... Wir sind doch schließlich allzumal Patrioten.
Kern-amerikanisch.“
Eine Pause trat ein ...
VI
Berühmte Herrenreiter, Tennisspieler, Tänzerinnen, ein Arzt,
monokelblitzende Herren vom demokratischen Yachtklub promenierten
schon auf und ab, eine Filmdiva zirpte am Arm des berühmten
Relativitätstheoretikers vorüber, eine parfümierte Duftwolke
durchschütterte die Luft. Die Kinoschauspielerin war raffiniert einfach
gekleidet, ein goldenes Kreuz im weiten Halsausschnitt, schwarze Seide.
Sie hatte merkwürdigerweise den Spitznamen „Lola, das Känguruh“. Eine
andere hieß „Das Sardellenbrötchen“, eine dritte „Der Vampir“.
„Unterseeboote –“
Grunzte ein hoher Geistlicher sehr bedächtig:
„... sind gewiß lieblos, unchristlich. Sie sind genau so ungerecht wie
der Mammon. Gerade darum entsagen wir ihnen nimmer. Wir brauchen sie,
wie wir ja auch nach Jesu eigenem Wort den Mammon brauchen sollen. Das
ist eben das Schöne, daß wir bei dem allen das Wort Jesu für uns haben
... Unsere Schuld wahrlich ist es nicht, wenn wir in der Blutarbeit des
Krieges auch die des Henkers zugleich mit verrichten müssen ...“
„Meine Herren! In der Tat! Der Mensch wurde über sich selbst
hinausgehoben! Wenn ich mich an die Jahre des Krieges zurückerinnere: in
der Tat: wir durften unsere Bilder dorther nehmen, wo die ewigen Sterne
hangen ... Wir sahen keine Vergangenheit mehr: wir waren das Schicksal
selbst ... Wie das Wehen einer neuen Zeit, so ging ein Geist des
gegenseitigen Verstehens und der gegenseitigen Hilfsbereitschaft durch
die Menschenherzen. Und die vaterlandslosen Gesellen haben ihre Pflicht
erfüllt und sich darin in keiner Weise von den Patrioten übertreffen
lassen ... Ein jubelnder Aufschrei hat die Herzen des Volkes durchglüht,
ein versöhnender Hauch hat sich über die Herzen des Volkes gebreitet.
Darüber sind sich doch alle meine Freunde klar, ohne den Krieg wären die
vielen demokratischen Freiheiten in den USA. noch lange nicht erreicht
worden. Ein solcher Sieges- und Friedenspreis ist der Opfer würdig ...
Das sage ich, trotzdem oder besser eben weil ich Sozialist bin ...“
„Ja, wirklich, es war aber auch ein heißes Bad in schwarzem Blut nach so
viel feuchten Lauheiten von Muttermilch und Brudertränen dringend
notwendig. Es war eine ordentliche Begießung mit Blut nötig. Vor allen
Dingen: wir sind unserer zuviel geworden. Und der Krieg nimmt allemal
eine Unmenge von Menschen weg, die nur lebten, weil sie eben geboren
waren. Unter den Tausenden von Leichen, die im Tode vereinigt sind und
sich nur noch durch die Farbe der Uniform unterscheiden, wie viele sind
denn darunter, die man zu beweinen oder deren wir uns auch nur zu
erinnern brauchten!? Ich wette meinen Kopf, daß sie nicht an die Zahl
der Finger und der Zehen heranreichen. – Man halte uns nicht zur
Gemütserschütterung die Tränen der Mütter vor! Zu was aber sind auch
nach einem gewissen Alter die Mütter überhaupt noch zu gebrauchen als
zum Heulen!? Der Krieg nutzt außerdem der Landwirtschaft und der
Neuzeitlichkeit. Die Schlachtfelder liefern für viele Jahre einen
erheblich höheren Ertrag als zuvor ohne irgendwelche Düngemittel. Was
für schöne Kohlköpfe werden wir essen, wo die Leichen sich aufhäufen,
und welche dicken Kartoffeln wird man einige Jahre später in den
Gegenden ernten, wo die Leichenmassen der deutschen Infanteristen
liegen. Wir wollen den Krieg lieben und ihn, solange er dauert, als
Feinschmecker auskosten ...“
So dozierte ein Aesthet. Er war bekannt durch den Besitz einer
reichhaltigen Porzellansammlung. Er selbst galt als Kraftnatur und
bevorzugte von allen anderen Kunstrichtungen den Futurismus.
Gegen einige Einwände, die namentlich von weiblicher Seite gemacht
wurden, erhob sich sofort der Psychiater:
„Sie müssen einsehen lernen, die Kriegskassandren beiderlei Geschlechts,
daß es Demenz verrät, die Modefrage nach dem Frieden stoßzubeten. Krieg
lernt man nicht an einem Tag. Der Krieg, bisher Reaktion auf Reiz,
Ehrensache, Mittel zum Zweck: im Moment der Kriegserklärung wird er
Selbstzweck. Und von da an, hoffe ich dringend, werden auch alle jene
noch unerlösten amerikanischen Seelen, möglicherweise sogar die letzten
Pazifisten, ihren Sündenfall erkennen, werden erkennen, daß ihre Ideale
keine Reliquien sondern Relikte sind. Und die ganze Nation wird wie ein
Mann den ewigen Krieg wiederfordern ... Im übrigen: wenn es Sie
interessiert: ich bin jetzt gerade bei einer Psychoanalyse der
Arbeiterbewegung: die ununterbrochenen Klagen über die Unterdrückung der
Arbeiterklasse durch die Bourgeoisie sind nichts weiter als die
Sublimierung des Verfolgungswahns, und was die Losung „Proletarier aller
Länder vereinigt euch“ betrifft: so ist sie nichts anderes als der
Klassenausdruck der Homosexualität ...“
„Nein, was Sie sagen!“
VII
Im Musik-Salon wurde inzwischen über Kunst debattiert.
Ein Bücherschrank öffnete sich.
Zuerst liebkoste man mit den Fingerspitzen die Einbände.
Ein berühmter Kritiker drehte sich hin und her in der Mitte eines
Kreises, wie ein Pfau, zwei sehr fett geratene Schauspielerinnen
umwogten ihn, endlich schaufelte er sich durch die Fleischmassen
hindurch, elastisch wippend. Den mit ihm Sprechenden ließ er nur sein
Profil sehen.
„Auch Sie hier, Herr Doktor!? ... Ein wenig herausgeflogen aus der
Studierstube?! ... Nun, was macht Ihre Arbeit!?“
„Ja, ganz richtig, was die Kriegsschuldfrage anbetrifft: mir fehlt in
meinen Untersuchungen nur noch eine Minute im damaligen Leben des leider
verewigten Zaren ... Dann ist der Kreis lückenlos geschlossen ... Jeden
Staatsmann habe ich wissenschaftlich gewissenhaft unter die Lupe
genommen ... Ich kann aber heute schon Ihnen vertraulich versichern, die
Unschuld der Entente wird einwandfrei bewiesen ...“
„Und korrespondieren Sie noch mit ... na, ich meine den Verfasser von
diesem Buch „Untergang des Abendlandes“ oder so ähnlich ...“
„Gewiß. Gewiß. Eine renaissancehafte Cäsarennatur, gemästet an den von
ihm selbst gezeugten Kadavern ... Hat übrigens die Absicht über das
„Große Wasser“ zu kommen ... Würde sich lohnen ... Jemand, der es
finanziell arrangieren würde, würde bestimmt, bei der großen Aussicht
auf Erfolg, zu finden sein.“
„Das so wie so. Ist ja ganz nach dem Geschmack unseres Publikums ...“
„Man muß dem Volk die Wege zu Kraft und Schönheit weisen. Sport. Sport:
das ist das in unserem Zeitalter gegebene Mittel dazu ...“ unterbrach
jetzt die Beiden ein dritter.
* * * * *
„Vom Leben nach dem Tode“ wurde jetzt gesprochen.
„Ein aktuelles Thema sozusagen“, schnauzte jemand.
Einige lächelten zwar skeptisch, sie erklärten sich für Agnostiker und
Relativisten, aber die Jenseitsgläubigen gewannen unschwer die Oberhand.
„Religiös zu sein ist modern. Außerdem liebe ich prinzipiell nur
religiöse Menschen. Haben Sie neulich nicht das Bild des Kardinals im
Journal gesehen! Ein feiner Kopf! Totschick.“
Die Filmdiva erinnerte sich daran genau.
„Ueberwundener Standpunkt!“ höhnte der Kunstmaler, der fest an einen
persönlichen Gott glaubte, zu einem der Ungläubigen hinüber und
entwickelte eine exakte Topographie des Jenseits. Er ging zur
Beschreibung der Hölle über, und kicherte satanisch, als er jedem
Ungläubigen dort bereitwilligst sein Plätzchen zuwies.
Der Kunstmaler bekannte gleich darauf dem interessiert aufhorchenden
Zuhörerkreis nicht unbescheiden, er selbst befinde sich im Zustand der
Gnade, das regelmäßig gepflogene Gebet erwirke in ihm eine magische
Kraft, Gottes Stimme sei auch heute noch ganz reell zu hören ... Verlor
sich aber gleich darauf in einem langwierig ausgesponnenen Traktat über
das Wesen des Sündenreizes und über Luthers „Fortiter peccare“ und
schloß damit, daß dem Gläubigen alles erlaubt sei. Auf die Reue
lediglich komme es an.
Ein neukatholischer Universitätsprofessor wiederholte dabei monoton:
„Man muß sein Leben opfern ... Für mich persönlich allerdings, das muß
ich gestehen, wäre der Heldentod keine besondere Sache. Wer, wie ich, in
der Entspannung lebt, wem, wie mir, das Leben leicht ist ... Das Problem
der Opferung umfaßt bei mir nicht solche materielle Bezirke ...“
Wieder war ein Wortstreit ausgebrochen.
Ein Theosoph schlug sich mit einem Mystiker, ein Protestant mit einem
Neukatholiken, ein Monist griff taktlos ein, und alles hielt sich
plötzlich die Ohren zu und kreischte:
„Ausgerechnet Darwin!“
Und die Gesellschaft schlug unter Anleitung eines bekannten
Schauspielers jetzt einige prächtig gelungene Saltomortales in
Geistreichigkeiten ... Die Witze hüpften ...
Aber schon ließ sich ein Sekretär des Auswärtigen Amtes hören:
„Soll ich Ihnen, meine sehr verehrten Herrschaften, vielleicht einmal
schildern, wie das Volk in Wirklichkeit fühlt und denkt!? Ja!?
Vielleicht jage ich damit auch den letzten Restspuk ihrer pazifistischen
Illusiönchen zum Teufel!
„Es handelt sich um die Lynchjustiz an Negern im Staate Ohio.
„Stellen Sie sich bitte vor: eine Menge von 10000 Personen. Geballte
Fäuste, blutunterlaufene Augen, Fluchen und Schimpfen. Mit Stöcken,
Pechfackeln, Revolvern, Besen, Stricken, Messern, Scheren, Schirmen,
Vitriol bewaffnet. Inmitten dieser entfesselten und immer wachsenden
Truppe ein schwarzer Klumpen, einmal nach links, einmal nach rechts
gestoßen, geschlagen, niedergetreten, zerrissen, blutbedeckt, beinahe
tot ... Die lynchende Menge schleppt ihr Opfer, den Neger, mit sich. In
einen Wald oder auf einen öffentlichen Platz. Dort wird er an einen Baum
gebunden, mit Petroleum oder sonstigem Brennstoff begossen. Bevor das
Feuer angezündet wird und seinen Körper erfaßt, wird ihm ein Zahn nach
dem andern ausgeschlagen, werden ihm die Augen ausgerissen, wird ihm das
Haar in Büscheln vom Kopf gerissen, wobei ganze Hautfetzen mitgehen und
ein blutiger Schädel zurückgelassen wird. Der Körper wird derart
geschlagen, daß kleine Fleischstücke herumfliegen ... Der Neger atmet
noch; aber er schreit nicht mehr. Denn man hat ihm seine Zunge mit
glühendem Eisen verbrannt. Der ganze Körper krampft sich zusammen wie
eine Schlange, die halb zertreten wird, wenn man ihn von zwei oder drei
Seiten zugleich mit glühendem Eisen versengt. Mit einem Messer wird ihm
sein Ohr abgeschnitten ... „Oh, wie schwarz er ist! Wie häßlich er ist!“
kreischen die Damen, die ihm das Gesicht zerfleischen. „Man soll ihn
anzünden!“ schreit einer. „Nur langsam“, fügt ein anderer hinzu, „nur
hübsch langsam braten lassen, damit er nicht zu rasch stirbt, sonst hat
die Sache keinen Witz.“ Der Schwarze wird geröstet, gebraten, bis der
Körper schließlich fast verkohlt ist. Aber _ein_ Tod ist zu wenig. Darum
hängt man den Körper noch auf, genauer gesagt, man hängt das auf, was
von seinem Leichnam übrig ist, und alle Zuschauer klatschen Beifall und
rufen „Hurra“! Wenn die Menge sich an dem Schauspiel genügend satt
gesehen hat, läßt man den Leichnam zur Erde fallen. Man schneidet die
Stricke, mit denen er angebunden und gehenkt worden ist, in kleine
Stücke, von denen jedes um drei oder fünf Dollar verkauft wird. Das sind
Andenken, die Glück bringen, und um die sich die Frauen reißen ...“
Man schwieg auf diese Erzählung hin nicht lange.
„Schauderhaft ... Furchtbar ...“
„Das Urböse im Menschen, die Bestie, der Satan ...“
„Ob es nun wahr ist, was Sie uns erzählt haben oder nicht ... es war
spannend erzählt, es prägte sich einem deutlich ein ...“
„Nun, wir sind keine Nervenbündel ... und wenn die Frauen sich
ängstigen: _mulier taceat in ecclesia_! Uebrigens: auch Weiber werden zu
Hyänen, und wie der Krieg gezeigt hat, oft zu sehr brauchbaren ...
„Ja, du meine süße Hyäne ...“
Man scherzte schon wieder.
Der Neger war rasch vergessen.
VIII
Professor Snowden nahm indeß das Schlußwort:
Eine Generalstabskarte war aufgespannt, auf der der Vortragende die
einzelnen Positionen mit dem Stab aufzeigte.
„Ich werde jetzt versuchen, eine ökonomische Analyse des kommenden
Krieges zu geben ... Es handelt sich dabei vor allem um die
nichtkapitalistischen Absatzmärkte in China und Indien. England ist im
Jahre 1925 so gut wie aus China vertrieben, so daß jetzt der Kampf
zwischen den beiden siegreichen Mächten Japan und Amerika beginnt. China
mit seinen 400 Millionen Einwohnern, von denen der größte Teil
Kleinbürger sind, 320 Millionen in der Landwirtschaft, die sie
kleinbürgerlich betreiben, ein großer Teil von Kleinbürgern in den
Städten, und Indien mit seinen 320 Millionen, darunter 217 Millionen in
der Landwirtschaft: sind die beiden großen Hauptbecken, wo wir noch
Mehrwert realisieren können, namentlich nachdem sich der
nichtkapitalistische Markt in Amerika und Kanada immer mehr verengt hat.
In Amerika sind allein in den letzten 10 Jahren etwa 7 Millionen Farmer
als Proletarier in die Städte gewandert.
„Schon früh haben wir die große Bedeutung Chinas erkannt.
„Das Vordringen unserer Standard-Oil-Compagnie in China, das Eindringen
unserer amerikanischen Maschinen in China ist ein deutliches Zeichen
dafür. Wir mußten unsere Zivilisationsbestrebungen aber auch
militärisch fundieren. Die erste Periode war im Jahre 1899 der
amerikanisch-spanische Krieg, in dem wir die Philippinen, direkt vor
China, annektierten. In der zweiten Periode wird die Verbindung zwischen
den Vereinigten Staaten und den Philippinen hergestellt, werden im
ganzen Stillen Ozean feste Kriegsstützpunkte zu seiner Beherrschung, zur
Vorbereitung des weiteren Vordringens nach China, nach Ostasien gemacht.
Durch den Abkauf der dänischen Inselgruppe St. Thome, durch den Ausbau
von Hawaii, insbesondere durch den Ausbau des dortigen Kriegshafens Perl
Harbor, durch Ausbau von Dutch-Harbor auf Alaska, nach dem Krieg durch
die Besetzung und den Ausbau von Tutuila in der ozeanischen Inselgruppe
und schließlich durch die Besetzung und den Ausbau von Guam haben wir
ein weites, großes Viereck geschaffen, das zur Vorbereitung von
Angriffen bezw. Abwehr vorzüglich geeignet ist. Dieses große Viereck im
Stillen Ozean erhält seine Rückenstützpunkte durch Kalifornien auf der
einen Seite, durch den Panamakanal, und damit die Verbindung zum
Atlantischen Ozean auf der anderen Seite.
„Nun, und auf der anderen Seite steht Japan, das gleichfalls Anspruch
auf China und Indien erhebt, und das immer stärker gleichfalls
vordringen will.
„Die Probleme des japanischen Imperialismus lassen sich auf zwei
Hauptfragen zurückführen. Das eine ist selbstverständlicherweise die
Frage des Absatzes seiner Ware, das andere ist das spezifisch japanische
Problem der Uebervölkerung, und damit die Notwendigkeit der Ansiedlung
und des Ausbaues seines Imperiums. Bereits 1919 hat Graf Komura erklärt,
daß Japan verloren sei, wenn es ihm nicht gelinge, in einem
Menschenalter Raum für 100 Millionen Menschen zu sichern und obendrein
seine Auswanderungsräume unter der Flagge zusammenzuhalten.
„In Japan drängen sich auf einer Fläche, die etwa so groß ist wie die
Deutschlands, dabei aber vielfach unbewohnbar ist durch steile
Vulkanberge, 78 Millionen zusammen, sein Geburtenüberschuß betrug in dem
einen Jahre 1921 724600 Geburten, während der Ueberschuß in den über 250
Jahren der japanischen Abgeschlossenheit von 1600 bis 1886 nur 900000
betrug. Die plötzlich so starke Ausdehnung vor allem zwingt Japan,
fremde Gebiete zu erobern, dorthin die Mengen von proletarisierten
Bauern und Proletariern zu übertragen. So hat Japan Korea besetzt und
völlig zur japanischen Kolonie ausgebildet, so dringt es in China ein,
in Indien, in Südafrika, so hat es sich vor allem schon in Kalifornien,
in unserer direktesten Nähe, festgesetzt. Vor dem Erlaß unseres
Einwanderungsverbots und auch jetzt noch steht Kalifornien vor der
Gefahr eine japanische Kolonie zu werden. Bereits 1922 gab es 110000
Japaner in Kalifornien, denen mehr als zwei Drittel des hochwertigen
Weizenlandes gehören.
„Nun die Frage der Rohstoffversorgungsmöglichkeiten Japans!
„Während Japan selbst nicht reich an Kohle, arm an Eisen und Oel ist,
ist China und Korea außerordentlich mit Kohle und Eisenerz versehen.
Während man den japanischen Kohlenvorrat insgesamt auf etwa 1600
Millionen Tonnen schätzt, wird der chinesische auf 15 Milliarden Tonnen
geschätzt. Ebenso belaufen sich die chinesischen Eisenerzvorräte auf
zirka 45000 Millionen Tonnen, während die Japans nur etwa 4000 Millionen
Tonnen betragen. Das Vordringen Japans in China, das bereits durch große
Bindungen, durch große Beteiligung der Japaner an Eisen- und Stahlwerken
vollzogen ist, droht für unseren Handel jetzt zur direkten Gefahr zu
werden! Für England ist Japan bereits zur Gefahr geworden! Der
englisch-japanische Vertrag ist auch aus diesen Gründen nicht mehr
erneuert worden. Und die Errichtung der Singapore-Basis seitens England
kann nur Japan gelten. Wir können daher wirklich von einer gelben Gefahr
sprechen und die Gefahr eines kommenden Krieges ist damit ebenfalls in
große Nähe gerückt.“
– – –
Da platzte die Nachricht herein:
„Dempsey Knockout-Sieger nach zwei heftigsten an Ueberraschungen reichen
Runden über Firpo ...“
Der Lärm der Straße schwoll.
Ein Menschenkatarakt ...
Frank und Thomas trieben steuerlos dahin durch die Nacht wie durch ein
Traumland ...
„Mir ist es oft“, sagte Frank zuerst, „als sei das Proletariat aller
Länder, dieser Riesenmenschenmassenleib, mit magnetischen Strömen
geladen und mitten hinein in ein Stahlgewitter gestellt, dazu
ausgesucht, die Blitze, die sich aus der labyrinthischen Wirrnis dieser
Gesellschaftsform entladen, auf sich abzuziehen ... Ein wandelnder
Blitzableiter ...“
„Nun heißt es aber für uns: mit zehnfacher Kraft heran an die Arbeit!
Wir müssen gleich morgen zu einem wirklichen Resultat kommen! ...“
IX
„Ich schlage vor“, nahm die Genossin Green das Wort, „nachdem wir jetzt
die ausführlichen Berichte der Genossen Morrow und Butler gehört
haben, eine Resolution zu fassen und sie allen revolutionären
Arbeiterorganisationen der Welt vorzulegen und dringend zur Annahme und
zur Durchführung zu empfehlen. Auch der Genosse Bolleff von der
bulgarischen Sektion hat einige Bemerkungen gemacht, die wir
berücksichtigen müssen. Wir Sozialisten Amerikas, als des Landes, das am
weitesten fortgeschritten ist in der imperialistischen Kriegstechnik,
haben demnach die Pflicht, auch in der Bekämpfung des imperialistischen
Krieges führend zu sein und unsere Beobachtungen allen Sektionen
mitzuteilen. Unsere Kommission zur Beobachtung der imperialistischen
Kriegsrüstungen hat gut gearbeitet, sie steht nach wie vor mit unseren
illegalen Organisationen in engster Verbindung und wird sich weiter
intensivst ihrer Aufgabe widmen. Die Resolution, die wir aufgesetzt
haben, lautet:
Einige wichtige Ergänzungspunkte zum Kampf gegen den
imperialistischen Krieg
„Zu dem Kampf gegen den imperialistischen Krieg gehört unmittelbar auch
die möglichst genaue Kenntnis der Waffen, die in diesem Krieg aller
Voraussicht nach zur Anwendung kommen werden. Wir müssen in unserer
Aufklärungsarbeit unbedingt regelmäßig über den Stand der modernen
Kriegstechnik konkret berichten können und auch von dieser Richtung her
die Massen damit bekannt machen, was für sie ein kommender Krieg
bedeutet.
„Der Weltkrieg war eine Revolution für die gesamte Kriegstechnik.
„Es läßt sich nun nicht leugnen, daß unsere gesamte bisherige
Antikriegspropaganda viel zu sehr auf den vorhergegangenen Krieg
eingestellt war, viel zu „konservativ“ war und daß wir es nicht richtig
verstanden haben, die experimentellen Ansätze der im vorhergegangenen
Krieg entwickelten Kriegstechniken scharf herauszuanalysieren, ihre
Weiterentwicklung in der Nachkriegsperiode in aller Oeffentlichkeit zu
verfolgen und damit den entscheidenden Wendepunkt im Charakter der
gesamten Kriegsführung überhaupt überzeugend darzutun. Das, was gewesen
ist, interessiert uns doch nur im Hinblick auf das, was ist, im Hinblick
auf das, was sein wird.
„In den wenn verhältnismäßig auch nur spärlichen Berichten der
Bourgeoisie über dieses Thema aber bietet sich uns ein ungeheueres
Agitationsmaterial dar, das, im entscheidenden Augenblick richtig
eingesetzt, eine durchschlagende Wirkung auf die weitesten Kreise
unserer Meinung nach ausüben müßte.
„Es gilt den Fortschritt der Militärtechnik in allen Ländern mit größter
Sorgfalt zu verfolgen, um einerseits durch die Schilderung des Konkreten
dem Proletariat ein Bild des kommenden Krieges in anschaulichster,
lebenswirklichster Weise geben zu können und um andererseits durch die
intensive Beschäftigung mit den Rüstungen in dieser Weise, durch ihr
näheres Studium auf Grund der dabei gemachten Erfahrungen realere
Anhaltspunkte für unseren Kampf gegen den Krieg zu gewinnen.
„Wir amerikanischen Genossen ersuchen euch, Genossen, schon heute auf
dieser Basis eine großzügige Aufklärungspropaganda über den chemischen
Krieg zum 1. August dieses Jahres vorzubereiten. (Vorträge,
Aufklärungsmeetings, Broschüren usw.) Vor allem aber auch mit Nachdruck
darauf hinzuweisen, daß die polnische Regierung am 9. März 1925 das
erste Mal im Klassenkrieg gegen revolutionäre Arbeiter chemische
Kampfstoffe eingesetzt hat. Dies ist unseres Wissens das erste Mal, daß
im Bürgerkrieg chemische Kampfstoffe angewendet wurden. Wir gehen wohl
nicht fehl in der Annahme, daß es nur eine Frage der Schärfe in der
Zuspitzung der Klassenverhältnisse ist, ob und wann das Gas auch im
Bürgerkrieg allgemein seine Verwendung finden wird. Die Bourgeoisie
spart bekanntlich nur deswegen ihr bestes Pulver auf, um ihre
Geheimnisse nicht vorzeitig preiszugeben. Es wäre aber äußerst
verhängnisvoll für uns, uns darüber Illusionen zu machen und uns, wenn
es einmal hart auf hart geht, auf einen solchen Kampf nicht
einzustellen.
„Wir fordern euch, Genossen, daher auf, alle das eure zu tun zur
Konkretisierung unserer Methoden des Kampfes gegen den imperialistischen
Krieg ...“
„Wünscht einer der Genossen zu dieser Resolution das Wort?“
Der bulgarische Genosse meldete sich.
„Genosse Bolleff!“
Der bulgarische Genosse bemängelt vor allem, daß die Resolution selbst
nicht genügend konkret sei, die Konkretheit fordere, ohne selbst dieser
Anforderung zu entsprechen. So hätte man auf den Abrüstungsschwindel
genau eingehen müssen, nachweisen müssen, daß Rüstungsindustrie
identisch ist mit Farbstoffindustrie und daß die ungeheure Entwicklung
der chemischen Industrie gleichbedeutend ist mit der ungeheuren
Aufrüstung, wie sie fieberhaft in allen Ländern betrieben wird. „Wir
hätten am besten Amerika als Beispiel anführen können, das vor dem Krieg
sieben chemische Fabriken besaß, nach dem Kriege bereits 118! Dann hätte
man sagen müssen: daß alle schweren Giftstoffe Abkömmlinge der
Farbindustrie bezw. der Heilmittelindustrie sind. So weiß im Zeitalter
des Giftgaskrieges der Arbeiter in der Fabrik nicht mehr, ob er ein
harmloses Heilmittel, irgendeine Farbe oder aber ein äußerst
gefährliches Giftgas herstellt. Hier enthüllt sich mit voller Schärfe
die konterrevolutionäre Forderung der 2. Internationale, daß man bei
Kriegsausbruch einfach den Krieg unmöglich macht dadurch, daß man keine
Munition herstellt. Hier zeigt sich klar, daß diese Forderung nur dazu
dient, das Proletariat von der Erkenntnis der unerbittlichen
Notwendigkeit des Kampfes gegen die Bourgeoisie, des Krieges gegen den
Krieg, abzuhalten. Wir müssen dabei in Rechnung stellen, daß man
versuchen wird, die Belegschaften dieser Fabriken mit „zuverlässigen“
Elementen auszufüllen. Die Resolution hätte noch besonders hinweisen
müssen auf die Wichtigkeit unserer Betriebszellenarbeit in diesen
Fabriken, auf unsere Zellenzeitungen in diesen Betrieben ...“
Als zweiter meldete sich ein amerikanischer Genosse.
In der Resolution sei die Tatsache nicht in Betracht gezogen, daß die
amerikanische Polizei bereits gegen sogenannte Verbrecher ausreichend
von Gashandgranaten Gebrauch mache, daß man Gas in Gefängnissen gegen
Meuterer verwende, ja daß man bereits Experimente angestellt habe, den
elektrischen Hinrichtungsstuhl durch Gas zu ersetzen ... Abgesehen aber
davon, hätte man auch formulieren müssen, daß der Kampf gegen den
imperialistischen Krieg eben gleichbedeutend ist mit dem Kampf um den
Besitz der Produktionsmittel. Daß der Kern der Sache der Besitz der
Produktionsmittel ist. Und daß das Entweder-Oder, Sozialismus oder
Untergang in die Barbarei, in diesem Zusammenhang zur höchsten
Aktualität gesteigert, plötzlich eine ganz neue schlagartige Beleuchtung
erhält.
„Zweierlei scheint mir noch zu fehlen“, fügte jetzt Genosse Morrow
hinzu: „erstens daß alle Kampfmittel und Kampfstoffe eben dadurch, daß
sie uns bekannt sind, beweisen, daß sie von den einschlägigen Kreisen
bereits längst aufgegeben sind, und daß wir im Ernstfall bei weitem
schärfere und ausgiebigere Kampfstoffe zu erwarten haben ... Und dann:
daß man mit allen Mitteln dem Unfug entgegentreten muß, den zukünftigen
Krieg utopisch durch allerlei phantastischen Schnickschnack wie
Todesstrahlen und mechanische Polizeimänner zu verzerren, dadurch wird
nur erreicht, daß auch das bereits wirklich Vorhandene angezweifelt
wird, und unsere ganze Kampagne sich leerläuft. Die Bourgeoisie
allerdings hat das größte Interesse daran, diesen Dingen gegenüber die
Methode der Camouflage anzuwenden, d. h. Dinge, die sie nicht mehr
verschweigen kann, durch Kombination mit blödsinnigem Ulk als harmlos
und als unwirklich darzustellen. Das hätte meiner Meinung nach
berücksichtigt werden müssen ...“
* * * * *
Damit war die Debatte über die Resolution beendet.
Es wurde vorgeschlagen, als Kommentar zur Resolution zwei ausführliche
Artikel anzufügen, der eine mit dem Titel: „Der zukünftige Krieg und die
chemische Industrie der Welt“, der andere „Die chemische Waffe im
kommenden Krieg!“ Diese Arbeiten sollten möglichst knapp gehalten, mit
überzeugendem Tatsachenmaterial versehen sein und so präzis wie nur
möglich formuliert werden. Mit der Ausarbeitung wurden die Genossen
Frank Morrow und Thomas Butler beauftragt.
X
Die Ereignisse überstürzten sich.
Mancher der besten Kommunisten hatte das Tempo falsch eingeschätzt.
Die Kriegsgefahr springt wie eine Springflut die Völker an ...
Die großen amerikanischen Flottenmanöver im Stillen Ozean begannen. Eine
gewaltige militärische Demonstration gegen Japan ...
Sieben Monate lang sind die verschiedenen Schiffseinheiten unterwegs.
* * * * *
Pearl Harbor auf Hawaii:
12 Schlachtkreuzer, 6 Kreuzer, 56 Zerstörer, 6 Unterseeboote, 1
Geschwader Flugzeuge, 2 Flugzeugmutterschiffe: sind zum Angriff
angesetzt.
Minengürtel, mit Unterseebooten verseuchte Zonen, sperren Hawaii ab. Ein
einziger Feuer und Eisen speiender Krater ist Hawaii ...
* * * * *
Je näher die Kriegsgefahr heranrückt, desto energischer betreiben die
einzelnen Regierungen die Kommunistenverfolgungen. Die Revolutionsgefahr
wächst. Alle kommunistischen Sektionen sind schon in die Illegalität
gedrängt. Kommunistengesetze, Geheimerlasse zur Bekämpfung unruhiger
Elemente durchwirbeln die Länder. Die Parlamente heben rücksichtslos die
Immunität der kommunistischen Abgeordneten auf. Die Demokraten regieren
nur wackelnd noch auf den Krückstöcken rigorosester Ausnahmegesetze ...
Ueberall drängen die ausgebeuteten Volksmassen vor. Die
Sozialdemokratien aller Länder spalten sich ...
Der Völkerbund beschäftigt sich mit der kommunistischen Gefahr.
Ob ein „heiliger Krieg“ gegen Sowjetrußland noch einmal die durch die
verschiedensten Interessengegensätze zersplitterten Kapitalisten aller
Länder zusammenzwingt? Man ist willens, die Austragung der Konflikte
unter sich bis nach der Niederringung der „Roten Gefahr“ aufzuschieben.
Der Vernichtungskampf gegen die Kommunisten wird im Weltmaßstab
organisiert.
Die Regierungen haben die Kommunisten offen außerhalb des Gesetzes
gestellt, sind entschlossen, ihre Organisationen wie Ratten auszurotten.
Armee, Polizei, Miliz, Gruppen von Reserveoffizieren spüren alle
bekannten Kommunisten auf und ermorden sie ...
* * * * *
In Newyork findet der Hochverratsprozeß gegen Mary Green und 25 Genossen
statt. Den Angeklagten wird zur Last gelegt, Giftgase fabriziert zu
haben, Cholerabazillen und Giftbakterien mit Hilfe bestochener Chemiker
und Aerzte hergestellt zu haben, in solchen Mengen, um über Nacht halb
Amerika damit zu vergiften. Drei Giftmorde seien bereits auf Konto
dieser Organisation zu setzen, weitere Attentate u. a. auf Morgan, Ford
usw. seien geplant gewesen, umfangreiche Waffenlager mit Toluol,
Dynamit, Nitroglyzerin usw. habe man entdeckt, sogar ausgedehnte
Materiallager zur Herstellung von Bombenflugzeugen. Einzig und allein
den mit einer Beamtenkorruptionsaffäre in Zusammenhang stehenden
Ankaufsversuch von Unterseebooten zwecks In-die-Luft-Sprengung der
amerikanischen Hochseeflotte bezog der Oberstaatsanwalt nicht in seine
Anklagerede ein.
Der eigentliche Träger dieser riesigen und nach allen derartigen
Prozessen eigentlich reichlich banal erscheinenden Komödie war ein
außerordentlich gut funktionierender Spitzelapparat. Die Angeklagten
wurden glatt der ihnen zur Last gelegten Verbrechen überführt. Jede
Lücke der Beweisführung war restlos geschlossen.
Verteidiger waren gewaltsam aus dem Sitzungssaal entfernt. Den
Angeklagten wird das Schlußwort entzogen ...
Die Zeitungen heulen. Stoßen Warnungssignale aus.
Der Tag der Urteilsverkündung naht ...
* * * * *
Man traut seinen Ohren nicht, man liest die Ueberschriften der
Extrablätter einige Male:
„Mary Green und drei Genossen sind zum Tode verurteilt.“
Schon eine halbe Stunde darauf kommt es zu Zusammenstößen mit der
Arbeiterschaft.
Am Abend wird der Generalstreik verkündet.
Ganz Amerika ist plötzlich ein riesiges Grab. Die Menschen gehen leis
wie auf den Fußspitzen.
„Jetzt nur nicht nachgeben! Durchbrechen!“ feixt das Gericht. „Man wird
es uns sonst als Schwäche auslegen ...“
Die Armee und die Flotte sind mobilisiert. Die Luftstreitkräfte versehen
zunächst noch den Aufklärungsdienst.
Amerikas Lunge atmet nur mit viertel Kraft.
Schlaff hängen die Muskeln herunter.
* * * * *
Manche äußern:
„Man hätte sie nicht zum Tode verurteilen sollen ... Man soll keine
Märtyrer schaffen ... So erledigen ... geschickt ... Das stürzt uns in
zu große Unkosten ...“
* * * * *
An Sing-Sing ist nicht heranzukommen. Schwere MGs funken in die
Menschenmassen hinein ...
Während draußen die Kugelspritzen knattern, wird Mary Green mitgeteilt,
daß morgen früh fünf Uhr das Urteil vollstreckt wird.
Sie zuckt zurück, einen Augenblick ... fern verrauschen die Salven.
* * * * *
Es ist fünf Uhr früh.
Mary Green wird einen langen zementgemauerten Korridor entlang in das
„Todeskabinett“ geführt.
Sie singt mit leiser Stimme.
Sie hört fern, fern, ganz fern als Antwort:
„Macht auf –“
Eine zweite Stimme –
Eine dritte –
Die fernen Stimmen werden zum fernen Chor.
Der ferne Chor wird zum Massengesang.
Der Massengesang zum Orkan.
Mary Greens Blick sieht starr in die Ferne:
Gewaltige Zeiten dröhnen heran, in denen der Mensch das Letzte, was er
zu handeln und zu erdulden fähig sein wird, aus sich auspressen wird.
Groß und opferreich wie noch keine wird diese Zeit sein; grausam,
niedrig und erbärmlich aber zugleich. Diese Zeit donnert, rast, knattert
dahin, ein reißender Feuerstrom. Die Menschen: gestaltgewordene
Leidensbrände entzünden sich an sich selbst. Das Gewölbe des Himmels
schmilzt und tropft flüssiges Feuer, die Erde schäumt, wird Lava und
fließt über die Horizonte ab.
Und alle diese Menschen werden namenlos sein, tragen nur das Zeichen
ihrer Klassenzugehörigkeit an sich. Es gibt kein Menschendasein
außerhalb der Klasse mehr. Alles fühlt, denkt, ringt sich der Klasse zu,
kämpft sich bis ins Klasseninnere hinein, kämpft auf Leben und Tod um
das Wesentliche, um den Klassenkern.
Das wird die Zeit sein, wo die Galgen und Hinrichtungsmaschinen wieder
öffentlich mitten auf den Plätzen der Städte errichtet werden. Von allen
Seiten hupen die herrschaftlichen Automobile herbei. Die Herren und
Damen der vornehmen Gesellschaft sind zahlreich vertreten. So viel Blut
aber auf der Erde gibt es nicht, daß je sie ihren Blutdurst stillen
könnten ... Sie sind mit Operngläsern und photographischen Apparaten
versehen, es ist, als wohnten sie einem großen Sportereignis bei. Auf
dem Platz der Hinrichtung sind Reihen von Filmapparaten aufgestellt. O
die einst so friedliebende Bourgeoisie: sie schwelgt heute in Orgien von
Blutrache und sadistischen Greueln ohne Maßen.
Die Polizeichefs werden nicht mehr für die Zuchthäuser arbeiten, nicht
mehr für Krüppelheime und Obdachlosenasyle, sondern für die Friedhöfe
...
Das wird auch die Zeit sein der Wiederauferstehung der Folter.
Mit schweren eisernen Ketten wird man die Leiber der Gefangenen
umschmieden. Das Schlagen mit Gummiknüppeln, das Aufreißen der
Fingernägel, Einschlagen von Nägeln in die Füße, Brechen der Körperteile
und der Rippen: das wird keine allzu große Seltenheit mehr sein. Man
wird die Gefangenen aus den Städten herausfahren, sie zwingen, ihre
Gräber selbst zu schaufeln, sie bei lebendigem Leib begraben ... Man
wird nach raffiniert ausgeklügelten wissenschaftlichen Methoden die
Qualen steigern, bis zum Wahnsinn des Gefolterten sie steigern und dann
die Geständnisse, deren man bedarf, Protokoll um Protokoll auspressen.
Aber die Galgen reden eine Sprache, der Galgen, die
Hinrichtungsmaschine, die Folter spricht ...
* * * * *
Und der Galgen kreist.
Kreist um Europa.
Kreist durch alle fünf Weltteile ...
In jeder Himmelsrichtung wächst riesengroß aus der Erde auf Galgen an
Galgen.
Der Tisch unter ihm ist umgeworfen.
Der Leichnam an dem eingeseiften Hanfstrick, eine weiße Kapuze dem Kopf
übergezogen, dreht sich jetzt langsam, schwingt hin und her wie ein
Pendel ...
Und die Leichname unter dem Galgen, die Galgen selbst sprechen:
„Hört es! Und lernt daraus!
„Kein Erbarmen gibt es im Bürgerkrieg.
„Kein Erbarmen.
„Wer den Klassenfeind nicht hart zu schlagen versteht, der wird von ihm
vernichtet ...
„Sie oder wir ...“
– – – –
Mary Greens Blick sieht starr in die Ferne, während ihr im Beisein eines
Dutzend braver amerikanischer Bürger noch einmal das Todesurteil
verlesen wird.
Vierzig wohlangesehene Bürger der Stadt Newyork nehmen an der
Hinrichtung teil.
Es dauert insgesamt drei Minuten.
Schon ist sie auf dem elektrischen Stuhl festgeschnallt ...
Spricht fest, und in den ledernen Bandagen noch einmal ein wenig sich
aufrichtend:
„Lenin ist tot.
„Der Leninismus lebt.
„Lenin lebt.
„Wir in ihm.
„Er in uns ...
„Es lebe die Welt-Re ...“
Sie bricht mitten im Wort ab.
Drei amerikanische Untertanen stehen hinter einem Schirm. Jeder drückt
auf einen Kontaktknopf. Nur einer aber löst den tödlichen Strom aus ...
* * * * *
Wo ein Polizist in den Arbeitervierteln sich noch sehen läßt, wird er
abgeknallt. Jetzt gilt das Gesetz der Klassenrache ...
Drei oder vier Zeitungen können noch arbeiten. Sie sind von
Regierungstruppen besetzt. Streikbrecherkompagnien sind dorthin
beordert.
Die Presse kläfft:
„Ende der Giftmörderin.“ Bazillenmärchen und abenteuerliche Gaslegenden
werden von neuem aufgetischt. Der Glaube daran aber ist im Volk Amerikas
schon bedeutend erschüttert ...
Und Japan horcht nach Amerika hinüber mit gespannten Ohren.
Der japanische Kriegsrat hat die Mobilisation angeordnet.
Die Bankiers Amerikas erstarren.
Es sind Menschenmasken, blutleer, wie gehauen aus Granit.
„Das ist das Weltende ... Das ist Amerikas Untergang ...“
Die Regierung ruft auf:
„Amerikaner! Wahrt eure heiligsten Güter! Der äußere Feind ... Laßt für
die Zeit des Verteidigungskrieges gegen die gelbe Gefahr euere inneren
Zerwürfnisse schweigen ... Regierungswechsel ... Die neue Regierung ist
bereit ... Das Gesamtwohl der Nation erheischt ... Auf zu den Waffen
...“
Die Geistlichen versuchten es im Auftrag der neugebildeten Regierung von
den Kanzeln herab: „Auf! Söhne Amerikas! Dem Feind das Bajonett zwischen
die Rippen gerannt! Im Namen Gottes ...“
Die Antwort der amerikanischen Arbeiterschaft ist ein einziges
Kopfschütteln.
Der Generalstreik geht weiter ...
XI
In der Arbeiterpresse der ganzen Welt erscheint jetzt folgender Artikel:
Die chemische Waffe im kommenden Krieg
1. Gaskrieg und Luftkrieg
Das Gaskampfmittel wird erst durch das Flugzeug zu der furchtbaren
Kriegswaffe. Flugzeug und Gaskampfmittel bilden zusammen eine Einheit,
die ausschlaggebend für die völlige Veränderung der Kriegstaktik und
Strategie ist.
Das Wesentliche dabei ist die Aufhebung der Front, damit auch die
Aufhebung des Hinterlandes. Das Hinterland wird zur Front.
Sehr deutlich und offen sprechen die Generäle aller Staaten es aus, daß
das Hauptziel, das Angriffsobjekt des nächsten Krieges nicht mehr so
sehr die Front, d. h. die sich vorwärts und rückwärts bewegende bezw.
stillstehende Linie der feindlichen Armee ist, sondern daß vielmehr die
Hauptangriffspunkte die Großstädte, die Industriewerkstätten usw. sind,
also, daß das Hauptgewicht auf die Vernichtung gerade jener Teile des
Proletariats gelegt wird, die in den Produktionsstätten des Krieges
beschäftigt sind, d. h. bei der neuen Form der Armeen, der größte Teil
des Proletariats.
Hier zeigt sich bereits der Grundzug der veränderten Kriegstechnik. Die
Anwendung des Gaskrieges, des Flugzeugkrieges bedingen eine kleine Armee
von Spezialisten, mit anderen Worten: im Zusammenhang mit der
Entwicklung des Klassenbewußtseins des Proletariats tritt immer stärker
die Trennung des Proletariats von der Waffe ein.
Die Luftwaffe ist außerordentlich stark vermehrt worden.
Die französische Heeresluftflotte z. B. verfügt über etwa 5000
Flugzeuge, davon sind 3000 startbereit. Zurzeit produziert Frankreich
150 Flugzeuge monatlich. Man spricht vom Flugzeug nur noch als von einem
fliegenden Geschütz, vom Gas als von mikroskopischen Geschossen. Die
französische Industrie ist auf Grund der fortschreitenden
Normungstendenzen so organisiert, daß im Ernstfall stündlich je ein
Flugzeug hergestellt werden kann ... Auf eine besondere Verwendung der
Flugzeuge ist insbesondere aufmerksam zu machen: das ist der Bau von
Spezialflugzeugen für Gasverwendung, bei denen vermittels von in einem
Röhrensystem angebrachten Düsen Gas auf die Erde gestreut wird. Durch
die starke Abkühlung infolge des Ausströmens kühlen sich das Gas und die
fein verteilten Flüssigkeitspartikelchen stark ab und senken sich wie
ein feiner Nebel, wie Tau – daher auch der Name „Tau des Todes“ – mit
großer Schnelligkeit auf die Erde. Bei Versuchen im Jahre 1922 auf dem
Schießplatz in Aberdeen in den Vereinigten Staaten wurde eine
unschädliche aromatische Flüssigkeit durch einen derartig gebauten
Flieger herabgestreut. In weniger als einer Minute war der Geruch
deutlich auf einer Fläche von über 50000 Quadratmetern wahrnehmbar. Es
sei noch darauf hingewiesen, daß seit langem bereits erfolgreich die
Flugzeuge ohne Führer von der Erde aus gelenkt werden können. So
berichtet bereits am 15. November 1923 die „Revue d’Artillerie“ von
erfolgreichen Versuchen mit automatischen Flugzeugen, die auf
Entfernungen von 20 Kilometern ganz sicher, ohne Eingriffe des
Passagiers durch funkentelegraphische Lenkung geführt wurden.
2. Die Giftgasstoffe
Ueber die Giftgasstoffe selbst bewahren natürlich die einzelnen
imperialistischen Mächte völliges Stillschweigen. Die Wirkung eines
Gasstoffes, der bekannt ist, wird dadurch entweder stark herabgesetzt
oder überhaupt wertlos gemacht. Es ist äußerst wahrscheinlich, daß zu
Beginn des nächsten Krieges oder in seinem Verlauf gänzlich neue
Gasstoffe von bisher unbekannter Wirkung auftauchen. Das „Idealgas“,
nach dem die einzelnen imperialistischen Gruppen suchen, ist ein Gas,
das durch keinen Sinn wahrgenommen wird, Gasmasken völlig durchtränkt,
sofort tödlich wirkt und außerdem den Körper auch von außen her
angreift. Diese „idealen“ Bedingungen hat man gespalten und beschäftigt
sich vor allen Dingen nunmehr mit der Suche nach zwei Richtungen hin:
dem geruch- und geschmacklosen Gas, das absolut tödlich wirkt, und dem
auch tödlichen Gas, das außerdem noch den Körper angreift. Das
„Idealgas“ für die erste Richtung ist das Kohlenstoffmonoxyd (CO), das
bei der unvollständigen Verbrennung von Kohle entsteht. Dieses Gas ist
absolut tödlich. Es scheint, daß es den Amerikanern gelungen ist, dieses
Gas als Kriegswaffe zu verwenden.
Das zweite Gas, das außerordentlich stark auf die Haut wirkt, ist das
Yperite (Senfgas) und das Levisite. Wahrscheinlich sind beide Sorten
längst überholt, aber die neuen Mittel liegen in ähnlicher Richtung.
Yperite und Levisite oder die ihnen ähnlichen Gase werden sich
insbesondere in zerstörender Gewalt auswirken, wenn sie, was ohne
Zweifel steht, auf die Industriezentren angewandt werden. War das
Bewegen während des Krieges 1914 bis 1918 in durch Yperite vergasten
Gebieten nur möglich, wenn man außer der Gasmaske noch eine besondere
undurchdringliche Schutzkleidung trug, so mag man sich selbst die
Wirkung dort vorstellen, wo in dicht gedrängten Haufen, in
Proletariervierteln, in Fabriken, die Menschen leben, ohne daß sie mit
den geringsten Schutzmitteln ausgerüstet wären. Da gleichzeitig eine
Rettung aus den vergasten Gebieten unmöglich sein wird durch die
ungeheure Ausdehnung des vergasten Raumes, so liegt offensichtlich die
Vernichtung eines großen Teiles des Proletariats als zwangsläufige Folge
vor.
3. Giftgase und chemische Industrie
Besonders wichtig bei der modernen Gastechnik ist, daß alle diese
schweren Giftstoffe Abkömmlinge der Farbindustrie bezw. der
Heilmittelindustrie sind. Es handelt sich daher für die einzelnen Länder
nicht so sehr darum, einen möglichst großen Vorrat aufzuspeichern,
sondern es geht bei den einzelnen imperialistischen Gruppen um die
möglichst hohe Steigerung der Produktionsmöglichkeit. Wir haben
infolgedessen eine außerordentlich starke Entwicklung der chemischen
Industrie, die natürlich hohe Profite einheimst, hohe Unterstützungen
vom Staate erhält. In den Vereinigten Staaten z. B. gab es 1914 sieben
chemische Fabriken. 1918: 118 mit einem Kapital von 200 Millionen
Dollar. Die Gesamtfarbenproduktion belief sich in den Vereinigten
Staaten 1914 auf 6,6 Millionen Pfund, 1922 auf 64,6 Millionen, 1923 auf
93,7 Millionen, so daß die Farbenproduktion in den neun Jahren auf mehr
als das 14fache gestiegen ist. Gegen eine Einfuhr von 46 Millionen Pfund
im Jahre 1913 wurden 1923 lediglich drei Millionen eingeführt, dagegen
17,9 Millionen ausgeführt. In dem Zolltarif sind außerordentlich hohe
Zollsätze für Farben festgelegt worden. Während England 1913 etwa 14
Prozent seines Bedarfs selbst produzierte, stellt es nach einem Bericht
des Handelsamtes in Washington gegenwärtig 80 Prozent seines Verbrauches
selbst her. Die englische Regierung hat sich verpflichtet, ein Sechstel
der Produktion selbst zu übernehmen. Die französische Produktion ist
noch stärker gestiegen. Während Frankreich noch 1920 46 Prozent seines
Verbrauchs einführte, ist diese Einfuhr im ersten Halbjahr 1924 auf 5
Prozent zurückgegangen. Die Produktion hat sich demzufolge in diesen
vier Jahren verdoppelt. Während Frankreich 1920 noch 7000 Tonnen
jährlich produzierte, produziert es im ersten Halbjahr 1924 bereits 8000
Tonnen. Die Entwicklung in anderen Ländern ist ganz ähnlich.
Diese schnelle Entwicklung der Farbenindustrie hat zur Ursache, daß die
meisten Gasstoffe entweder Zwischenprodukte von Farbstoffen sind oder
daß die Farbstoffe (und Heilmittel) Ausgangspunkt für die Gasmittel
sind. So haben die Arsine, also die Reihe der Levisite usw., das gleiche
Ausgangsprodukt wie das Salvarsan. Yperite und auch der andere Gasstoff,
die Levisite, haben ein gleiches Zwischenprodukt wie das vielgebrauchte
Indigo. Das Phosgen und die Tränengase haben gleiche Zwischenprodukte
wie die hellroten, blauen und violetten Farben. Die Pikrinsäure,
Ausgangspunkt einer Reihe von giftigen Farben, ebenso wie sie in der
Sprengtechnik angewandt wird, ergibt durch einfache Chlorierung das sehr
schädlich wirkende Chlorpikrin. Aus dem Anilin werden gleichzeitig
Yperite, verschiedene Anilinfarben und Heilmittel hergestellt.
4. Giftgase und Proletariat
Damit zeigt sich ein weiterer wesentlicher Zug des Gaskampfes. Das
Proletariat, das früher Panzerplatten, Kanonen, Sprengstoffe, Munition
herstellte, kannte genau den Zweck der Fabrikation. Im Zeitalter des
Giftgaskrieges weiß der Arbeiter in der Fabrik nicht mehr, ob er ein
harmloses Heilmittel, irgend eine Farbe oder ein äußerst gefährliches
Giftgas herstellt.
Hier enthüllt sich mit voller Schärfe die konterrevolutionäre Forderung
der Zweiten Internationale, daß man bei Kriegsausbruch den Krieg einfach
unmöglich mache, dadurch, daß man keine Munition herstellt. Hier zeigt
sich klar, daß diese Forderung nur dazu dient, das Proletariat von der
Erkenntnis der unerbittlichen Notwendigkeit des Kampfes gegen die
Bourgeoisie, des „Krieg dem Kriege“, abzuhalten.
Der nächste Krieg wird in der Hauptsache geführt werden gegen die großen
Städte und gegen die Industriezentren. Das Proletariat ist in seiner
Masse im nächsten Krieg an die Produktionsstätten gebunden. Der
Hauptangriff richtet sich gegen die Produktionswerkstätten, die
verschärfte Bedeutung haben, da es in diesem nächsten Krieg auf die
dauernde Produktion der Giftstoffe und der Flugzeuge ankommt.
Der nächste Krieg wird geführt werden von einer vom Proletariat
losgelösten Spezialistentruppe mit Waffen, bei deren Produktion der
Arbeiter nicht weiß, daß er Waffen herstellt. So erscheint das
Proletariat zunächst getrennt und losgelöst von der Waffe, aber in weit
höherem Maß ist die Waffe wiederum dadurch in seine Hand gegeben, daß
das Proletariat an den Stätten der Produktion von Kriegsmitteln, die
eine weit höhere Bedeutung gewinnen, in starkem Maß konzentriert ist.
Damit wird die einzige Möglichkeit für das Proletariat, diesem kommenden
Krieg zu begegnen oder ihn zu beendigen, klar sichtbar: nur wenn es die
Leitung der Produktion in den Händen hat, nur wenn es den Betrieb
besitzt, kann es die Produktion der Kriegsmittel verhindern. Daher wird
mit erhöhter Notwendigkeit die Umwandlung der kapitalistischen
Wirtschaft in die proletarische vorzunehmen sein. Dies kann nur
geschehen dadurch, daß die Bourgeoisie gestürzt und das Proletariat die
Leitung der Produktion, die Macht überhaupt übernimmt. So verlangt die
moderne Kriegsführung ihre schleunigste Beendigung durch die Umwandlung
des Krieges in einen Krieg des Proletariats gegen die Bourgeoisie zu
ihrem Sturze. Diese Kriegsführung verlangt schon vorher die Vorbereitung
des Kampfes des Proletariats.“
XII
Die Proletarier wußten nun, woran sie waren.
„Das also hätten wir von diesem Menschen-Kehricht zu erwarten gehabt.
Pfui Teufel! ...“
Ueberallhin flatterten die Flugblätter.
Die Regierungen setzen Kopfprämien aus.
Hilft nichts.
Das Geheimnis des kommenden Kriegs war enthüllt. Es war eine
schreckliche Bewußtwerdung.
„Wer ist nun der wirkliche Giftgasfabrikant!? Wer ist der
Bazillenmassenmörder nun in Wirklichkeit? ...“
Millionen knirschten vor Wut ...
„Wie stehts in Edgewood!? Können wir uns auf die Mannschaften der
Bombenflugzeuggeschwader verlassen!? Sind die Arsenale in Ordnung!?“
* * * * *
Die Nachrichten lauteten unbestimmt.
Die Krise zog sich enger wie ein Strick um die Hälse der Finanzmagnaten
zusammen. Man hatte Verdauungs- und Schluckbeschwerden. Viele Hebel am
Regierungsapparat funktionierten schon nicht mehr. Von vielen Stellen
blieb die Antwort aus. Eine rote Zelle ist in der Armee, hieß es. Die
Panik fieberte empor. GBRO. Was ist GBRO.? Geheimbund revolutionärer
Offiziere ... Den reaktionären Gewerkschaftsführern entglitt nun völlig
die Bewegung ...
Mechanische Armeen ließ die Regierung aufmarschieren:
Bataillone schwerer Tanks, Bataillone mittlerer Tanks, Brigaden
mechanischer Artillerie, schwere MG.-Kompagnien. ... Man verließ sich
auf die niederschmetternde psychologische Wirkung.
Vergebens.
Die Arbeiterschaft steht Gewehr bei Fuß.
Wir sind gerüstet.
Wir sind bereit, die Feuerprobe zu bestehen ...
Wir warten nur auf das Angriffssignal.
Die Stellungen des Gegners sind genau bekannt.
Es gibt kein Verhandeln mehr.
Nun ist es klar:
„Die Frage, die die geschichtliche Situation dem Proletariat stellt, ist
nicht die Wahl zwischen Krieg und Frieden, sondern zwischen
imperialistischem Krieg und Krieg gegen diesen Krieg ...“
Wie bewegungslos ist in diesem Augenblick Amerika! Einige Muskelbänder
nur spielen an ihm noch, wie im Starrkrampf.
„Nieder mit dem Menschenschlachthaus!“ gellt jubelnd eine Stimme.
„Für heute und für immer!“
Millionen Augen zucken nach oben.
„Werden sie es wagen ... Schicken sie uns die Flieger ... Und –“
„Und –“
„Werden die Unseren in Edgewood ihre Pflicht tun ...“
Kein Laut.
Die Stadt ist wie vergletschert ...
Da ...
Dort stürzen sich schon im Sturmschritt Arbeiterbataillone über den
Platz –
„Sprung auf! Marsch! Marsch!“
„Wir haben mehr zu verlieren als nur unsere Ketten: wir haben die
Zukunft der Welt zu verlieren!“
Vorwärts! Auf drum! Los!
Es kann beginnen!
6. Kapitel.
Der erste Mai
Ein Brief. – Sonne über Schweizer Bergen.
– „Gebt uns eine Partei!“ Der 1. Mai: ein
Welt-Kampftag! – Aufmarsch der
„Vaterländischen Verbände“. Rote
Gegendemonstration. – Provokateure an der
Arbeit. – Ein Blutbad. – Am Abend des 1.
Mai.
I
Als Peter spät nachts nach Hause kam, fand er von seiner Mutter einen
Brief vor.
„Mein Lieber! Auf Deinen ausführlichen Brief will ich Dir antworten,
indem ich Dir den folgenden Ausschnitt aus einer Zeitung schicke, die
ich jetzt täglich lese. Diese Schilderung stammt von Eugen Leviné, wie
Du weißt, vom Münchener Standgericht zum Tode verurteilt und erschossen.
Dieser Bericht ist auch meine Antwort auf Deinen Brief. Ich bin
glücklich über Dich, Peter, Du hast den richtigen Weg gefunden. Nun,
nimm und lies!“
* * * * *
Und Peter las:
„Der Wind heult. In der kleinen Petroleumlampe flackert die Flamme,
züngelt hin und her, biegt sich und beugt sich. Phantastisch tanzt der
Schatten des Teekessels an den runden Wänden der Turmzelle. Auf der
harten Pritsche liege ich, fest gehüllt in meinen Pelz, und lausche dem
Liede des Windes. In den verrosteten Angeln knarrt das Fenster und
ächzt. Die kleine Ratte, die mir sonst Gesellschaft leistet, graziös
über den Tisch läuft und hin und her huscht, wagt sich heute aus dem
Loch nicht heraus. Ganz allein bin ich heute. Starre zur Decke. Lasse
müde den Blick über die Wände gleiten. Alles so bekannt. Die Namen an
den Wänden. Kommentare der Nachfolger: „Ab nach dem Zuchthaus zu
Smolensk“, „Hingerichtet in Wilna“ ... Und daneben immer und immer
wieder: „Es lebe der Kampf“, „Es lebe die Revolution.“
Der Wind heult und wieder flackert das Licht in der Lampe, wieder tanzen
phantastische Schatten. Immer fester hülle ich mich in den Pelz, den sie
mir gelassen haben. Es ist kalt in der Turmzelle. Schon ermüden die
Augen und fallen langsam zu. Da plötzlich fahre ich auf. Draußen auf der
eisernen Treppe höre ich Schritte und Kettengeklirr, Stimmen und
Kommandorufe. Sie nahen in der Richtung meiner Zelle. Unter mir
verstummen sie. Dumpf dröhnend fällt in der unteren Turmzelle die
eisenbeschlagene Tür ins Schloß. Wieder Stimmengewirr und stampfende
Schritte. Dann wieder Stille.
Nur der Wind heult. Der Fensterrahmen knarrt, die Flamme in der Lampe
züngelt und flackert, und phantastisch tanzen die Schatten.
Ich lausche angestrengt. In die Zelle unter mir haben sie einen „Neuen“
gebracht. Wer ist es? Ein Fremder, ein Freund? Ein Genosse oder
Krimineller? Was droht ihm? Der Galgen? Oder bloß Kerker? Ich lausche.
Wird er nicht klopfen? Nicht seinen Namen nennen? Nein, es bleibt still.
Nur der Wind singt sein Lied.
Ich lege das Ohr an die Wand – alles still. Kein Laut.
Vielleicht weiß er nicht, daß jemand über ihm sitzt. Ich nehme den
Metallbecher und klopfe leise an die Wand: ta ta – tatatatata – tatata –
leise, rhythmisch. „Kto wy?“ – „Wer seid ihr?“ Aber ich komme nicht zu
Ende. An der Tür ein leises, schleichendes Geräusch. Schnell ist der
Becher versteckt. Ich liege auf dem Rücken, mit verschränkten Armen, mit
künstlich gleichgültigem Gesicht. Ich schaue nach dem Guckloch an der
Tür. Ein entzündetes Auge richtet seinen Blick auf mich. Ich erwidere
den Blick und fühle, wie etwas Feindseliges wider meinen Willen aus
meinem Auge spricht. Da wird das Guckloch wieder geschlossen und an
Stelle des Auges grinst hinter der kleinen Oeffnung die dunkle
Metallplatte.
Nun bin ich wieder allein. Mit dem Klopfen ist es heute nacht zu Ende.
Sonst werde ich angezeigt.
Uebrigens scheint der Neue das Klopfen nicht zu verstehen. Morgen muß
ich versuchen, ihm das Klopfalphabet zuzustellen. Durch wen? Ich
überlege. Denke an verschiedene Kriminelle, die Zutritt zum unteren
Korridor haben. Am einfachsten wäre es ja, den Brief durchs Fenster an
einem Strick hinabzulassen. Doch das ist gefährlich. Die Posten haben
Befehl, zu feuern, sobald sich jemand am Fenster zeigt. Ich werde mit
Butkewitsch sprechen. Der hat als Putzer zu allen Zellen unseres
Korridors Zutritt. Vielleicht kann er mir helfen. Es eilt ja auch nicht.
Morgen wird sich schon ein Weg finden. Ich schließe die Augen und
versuche zu schlafen. Lange höre ich noch das Knarren des Fensters,
lange höre ich noch das Heulen des Windes ... Dann aber allmählich legt
sich bleierne Müdigkeit wie ein Reifen um die Stirn, und ich schlafe ein
...
Langsam dreht sich der Schlüssel im Türschloß. Einmal, zweimal. Knarrend
geht die Tür auf. Ekelhafter Geruch von Dutzenden von Paraschas (Eimern)
schlägt vom Korridor in die Turmzelle. Ich öffne die Augen. Es dämmert
kaum. Gähnend steht der Wärter in der Tür, nestelt am Gurt, steckt den
Revolver zurecht. „Guten Morgen“, „Guten Morgen“. Klappernd mit den
Holzpantoffeln auf dem steinernen Boden, klirrend mit den eisernen
Ketten, läuft Butkewitsch, der Korridorputzer, hin und her. „Guten
Morgen.“ – Er läuft ans Fenster, reißt es auf und kühlend netzt die
frische Morgenluft mir das Gesicht. Ich wende den Kopf zum Fenster, atme
in vollen Zügen die Luft ein. Da gewahre ich im fahlen Morgenlicht auf
dem Fensterbrett etwas Weißes: einen kleinen Zettel. Schnell sehe ich
weg, damit der Wärter nicht der Richtung meines Blickes folgt. Doch er
hat nichts gemerkt. Noch immer macht er sich gähnend am Revolver zu
schaffen. Wieder klirren die Ketten und klappern die Pantoffeln:
Butkewitsch bringt die leere Parascha. Schnell wechseln wir einen Blick
des Einverständnisses. Dann nimmt er die leergebrannte Lampe vom Tisch,
und die Tür fällt dröhnend ins Schloß. Zweimal drehte sich der
Schlüssel. Ich bin wieder allein.
Einen Blick aufs Guckloch in der Tür: Nein, niemand. Ich nehme den
Zettel vom Fenster. Ich erkenne die Handschrift, ein Genosse vom unteren
Korridor schreibt mir: „Genosse! Gestern nacht hat man einen Neuen
gebracht. Du kennst ihn nicht. Er sitzt unter Dir im Turm. Morgen wird
er zur Hinrichtung transportiert. In unserer Zelle sitzen seine Freunde.
Sie wollen ihm einen letzten Gruß senden. Jede Verbindung mit seiner
Zelle im unteren Korridor ist abgeschnitten. Versuche den beiliegenden
Zettel zu ihm zu schaffen. Es sind letzte Abschiedsgrüße. Dank im voraus
...“
Den ganzen Vormittag gehe ich in meiner Zelle auf und ab und überlege.
Unten ist die Verbindung mit ihm abgeschnitten. Es gibt nur ein einziges
Mittel: Ich muß ihm den Brief durchs Fenster zustellen ...
Als ich um zwölf das Mittagessen in Empfang nehme, raune ich Butkewitsch
zu: „Das Telephon!“ Er nickt. Eine halbe Stunde später bringt er heißes
Wasser für den Tee. Der Wärter bleibt in der Tür stehen. Butkewitsch
macht sich am Tisch zu schaffen. Der Wärter wird ärgerlich. „Na, wirds
bald?“ Da beginnen zwei Kriminelle in dem Korridor Streit. Absichtlich,
um den Wärter abzulenken. Laut schallen die Schimpfworte. Der Wärter
geht hinaus. „Wollt ihr wohl Ruhe halten!“ Butkewitsch benutzt den
Augenblick, zieht unter seiner Jacke ein Bündel hervor, wirft es schnell
unter meine Pritsche und geht auch hinaus. Auf dem Korridor ist es
wieder ruhig, der Wärter kommt zurück, läßt seine Blicke prüfend durch
die Zelle schweifen und geht dann auch hinaus. Die Tür fällt ins Schloß,
wieder knarrt zweimal der Schlüssel und wieder bin ich allein. Das
„Telephon“ liegt unter der Pritsche: ein langer Strick aus Fetzen von
Bettüchern zusammengesetzt. Der Zettel ist in einer Spalte der Wand
versteckt. Ich muß warten. Ein dreifacher Ring umgibt das Gefängnis.
Innen im Hof Gefängniswärter und Feldjäger, draußen, vor der Mauer,
Schutzleute. Gerade vor meinem Fenster – ein Feldjäger. Er muß es sehen,
wenn ich das „Telephon“ hinablasse. Doch ich habe Glück. Heute abend
soll ein Feldjäger auf Wache kommen, der mit uns heimlich sympathisiert.
Der wird schon ein Auge zudrücken. Und die Außenposten werden es nicht
so schnell merken. Ich habe alles für den Abend bereit. Schreibe ein
Klopfalphabet mit Erläuterungen, damit der Genosse wenigstens die letzte
Nacht mit mir sprechen kann. Vielleicht hat er letzte Wünsche zu
übermitteln, letzte Grüße ...
Es dämmert. Ich hocke auf dem Fensterbrett. Im Garten des
Gefängnisdirektors, draußen, vor unserer Mauer, räkeln sich die
Schutzleute. Innen im Hofe, vor dem Fenster, steht der Feldjäger. Sieht
er mich nicht? Will er mich nicht sehen?
Ich stecke die Hand zwischen die Gitterstäbe und lasse langsam das
„Telephon“ hinab. Unten baumelt der Brief. Nach meiner Berechnung muß er
jetzt vor seinem Fenster sein. Ich klopfe an die Wand, um den Genossen
aufmerksam zu machen. Keine Antwort. Das Telephon baumelt im Winde.
Vielleicht kann er es nicht greifen, weil es so hin und her geht. Ich
ziehe das Telephon wieder herauf, beschwere es mit dem Metallbecher und
lasse es hinab. Gerade gespannt hängt jetzt der Strick. Jetzt muß der
Brief vor seinem Fenster sein. Ich klopfe mit dem Fuß auf den Boden,
klopfe mit dem schweren Holzschemel. Laut. Er muß es hören. Aber unten
bleibt alles still. Keine Hand greift nach dem Brief.
Der Feldjäger wird unruhig. Er winkt mir und macht mir ein Zeichen. Ich
soll aufhören. Ich beachte es nicht. Die Schutzleute an der Außenmauer
haben es auch bemerkt. Laut tönen ihre Stimmen. „Hundesohn! – mach, daß
du fortkommst vom Fenster!“
Jetzt gilt es. Länger kann ich nicht bleiben. Gesehen hat man mich ja
doch schon. Ich presse das Gesicht an die Gitterstäbe und rufe:
„Genosse! Genosse! Warum nehmen Sie den Brief nicht?“ – „Hundesohn!
Wirds bald? Wir schießen!“ Und schon greifen sie nach den Gewehren. Ich
lausche – noch einen Augenblick, sonst ist es zu spät. Da dringt eine
Stimme von unten herauf, stammelnd und klagend, leise und kraftlos, so
leise, daß ich das Gehör anstrengen muß, um zu hören: „Genos–se ... Ich
kann ... den Brief ... nicht ... nehmen. Beim Verhör ... hat man ... mir
... beide Arme ... gebrochen. Genosse ... leb wohl ...“ Leise und
klagend tönt die Stimme und bricht plötzlich ab.
Ein wütendes Winken des Feldjägers; die Schutzleute vor der Mauer haben
schon angelegt. Mit einem Ruck reiße ich das Telephon nach oben und
lasse mich vom Fensterbrett gleiten, verstecke alles schnell unter der
Pritsche.
Es ist höchste Zeit gewesen. Aufgescheucht vom Lärm, macht der Wärter
auf dem Korridor seine Runde. Und jetzt schaut sein Auge durchs
Guckloch. Aber ich liege schon auf meiner Pritsche auf dem Rücken mit
verschränkten Armen und beruhigt geht er weiter ...
Nachts als es ganz still ist und draußen vor der Tür regelmäßiges
Schnarchen ertönt, stehe ich auf und verbrenne alles: das Klopfalphabet,
die Erläuterungen und die letzten Grüße.
Rußig züngelt die Flamme zur Lampe heraus, ergreift das Papier und leckt
gierig daran. Ein Häufchen Asche fällt auf den Tisch. Der Wind heult,
fährt zwischen den Fensterritzen hindurch, und die Aschestückchen
flattern durch die Zelle: Das Alphabet, die Erläuterungen und die
letzten Grüße.
Unten aber sitzt der, dem sie galten. Am Vorabend seiner Hinrichtung.
Mit gebrochenen Armen. Und niemand, der ihm ein letztes Abschiedswort
sagen könnte.
Der Wind heult. Unruhig flackert die Flamme. Phantastisch tanzen die
Schatten. Am Fußboden bewegen sich zitternd Aschestückchen.
Ich liege wieder auf der Pritsche. Hülle mich fester in den Pelz.
Fröstle trotzdem. Schließe krampfhaft die Augen, beiße die Zähne
zusammen. Im Ohr klingt immer noch leise und klagend die stammelnde
Stimme:
„Ich kann den Brief nicht nehmen, Genosse! Leb wohl!“
* * * * *
Es ging gegen Morgen.
Peter las noch immer den Brief.
„Dieser Brief soll eine Antwort sein ... Sind denn auch ihr bei einer
Voruntersuchung beide Arme gebrochen worden ...? Aber sie war doch nicht
verhaftet ... oder sollte das ganz anders gemeint sein, so vielleicht,
daß ...“
„Ja, so ist es!“ Nun kannte er plötzlich die Bedeutung der Antwort.
„Zehn Jahre solch eines „Zusammenlebens“, das war ihre Voruntersuchung,
und jetzt ... Sie ist einfach ein körperlich und geistig gebrochener
Mensch, und kann nicht mehr.“
Peter rieb sich den Schlaf aus den Augen und machte sich an seine
Arbeit. –
* * * * *
Und wieder strahlte die Sonne auf.
Früher war es: die Stadt erwachte. Jetzt wacht sie Tag und Nacht.
Alle Gegenstände ringsum – Kleider, Möbel, Häuser, Straßen, was es auch
sei – sprechen laut und eindringlich im Frühlicht ihre stumme Sprache:
„Im Anfang war die Arbeit. Alle Waren, die heute produziert werden, sind
geronnenes Menschenleid ... Du kleidest dich in Blut und Tränen. Was du
ißt und trinkst: heißt Menschenschweiß, ist Menschenbitternis ... Du
schwebst nicht in der Luft. Der Grund, auf dem deine Füße stehen, was
ist er anderes als eine Plattform gekrümmter Menschenrücken ...?!
Unsichtbar eingegraben ist in alles, was dich umgibt, die Rune der Not
...“
So, so ist es, und nicht anders. –
II
Zur gleichen Zeit ging auch über den Schweizer Bergen die Sonne auf.
Groß, rot, schmetternd ...
Ein Horn blies. Die Kurgäste, in Pelze und Mäntel gehüllt, traten aus
ihren Appartements und Prachtzimmern auf die Veranden und die Balkone
des Hotels „Rigikulm“ hinaus, um den Sonnenaufgang zu bewundern.
Der Kurhaussaal unten wurde eben aufgeräumt, noch hingen Girlanden,
Papierschlangen und bunte Lampione herum von dem Fest, das vorige Nacht
zu Ehren der Ankunft der „Deutschen“ gegeben worden war.
Es war ein wildes, ausgelassenes Fest, an nichts wurde gespart, es glich
einem Karneval, alle Teilnehmer hatten sich phantastisch kostümiert. Es
waren die letzten Deutschen, die über die Grenze gekommen waren, bevor
diese endgültig abgesperrt wurde.
Auch der Landgerichtsdirektor Dr. Friedjung war unter ihnen.
Er fungierte in den letzten Jahren als Untersuchungsrichter und war
durch einige bedeutende politische Prozesse allgemein bekannt geworden.
Die Zuspitzung der inneren Verhältnisse in Deutschland ließ es für ihn
geraten erscheinen, Deutschland zu verlassen. Seine vorgesetzte Behörde
selbst riet ihm dazu. Er sollte sich im Ausland bereithalten, bis sich
die weitere Entwicklung der Lage besser übersehen ließ.
Landgerichtsdirektor Dr. Friedjung, übernächtigt, den Mantel über,
darunter noch im Maskenkostüm, stand, abseits von der übrigen
Gesellschaft, am Rand der Felsen.
Der berühmte Hofopernsänger Eugen Garu, eine etwas fettlich geratene
Siegfriedsgestalt, sang eben zur Begrüßung der aufgegangenen Sonne eine
italienische Arie. Als er mit einer geschwollenen Stimme endete, die wie
der Bizeps eines Ringers klang oder wie Nackenspeck, klatschten die
Zuhörer begeistert Beifall.
Es waren Politiker, hohe Beamte, Schauspieler, Tänzerinnen, Filmstars,
auch Literaten, Professoren und ähnliche Kulturträger darunter.
Im gesamten neutralen Ausland schossen jetzt solche Kolonien deutscher
Emigranten empor.
* * * * *
Der Landgerichtsdirektor klingelte in Gedanken.
„Wo bleibt heute nur der Gerichtsdiener mit der Aktenmappe!?“
Dr. Friedjung war allein im Büro. Niemand war zur Stelle.
Die ganze Alpenwelt glühte jetzt ...
Ein flammender Blutballon schwebte die Sonne am blaudunstigen Gewölb
herauf.
„Auch die Zeitungen bleiben aus ...“
Und er sah auf die Uhr. Der Zeiger stand. Das Uhrwerk war abgelaufen ...
„Sehr verehrter Herr Dr. Reuchlin! Ich habe die verzweifelte Ehre,
Ihnen, leider Gottes, mitteilen zu müssen, auch meinerseits Vater eines
Sohnes zu sein, der ...“, setzte der Landgerichtsdirektor in Gedanken
auf und knüllte dabei hastig nervös in der Hosentasche seiner
Maskenuniform an einem Brief herum, in dem ihm ein Kollege über die
neueste Entwicklung Peters schrieb ...
„Verdammt!“
Und sein ganzes Leben schrumpfte ihm plötzlich in einen Akt zusammen,
Akt Heinrich Friedjung, er blätterte darin, dann schlug er die erste
Seite auf und siehe da, darauf stand: Versalien, Fraktur, wie früher „Im
Namen des Volkes“: „Verlustliste.“
Namen standen der Reihe nach herunter, hinter jedem ein Kreuz.
Andere Namen, dahinter:
8 Jahre Zuchthaus,
17 Jahre Zuchthaus,
25 Jahre Zuchthaus,
lebenslänglich ...
Er zählte zusammen:
15 Kreuze,
987 Jahre ...
* * * * *
Wieder sang der Hofopernsänger.
Alle Kurgäste sangen im Chor:
„Deutschland über alles ...“
Auch zu Dr. Friedjung drang der Gesang:
„Damit steh und falle ich ... Herrlich weit haben wirs gebracht ...
Dahin also ist es jetzt gekommen ...“
Es wurde schon warm, die Sonne brannte und die Schminke lief ihm dick
vom Gesicht.
„Das Untersuchungsverfahren gegen Friedjung Heinrich ist abgeschlossen“,
hörte er jetzt sich selbst sprechen. „Die Hauptverhandlung ist bereits
eröffnet. Die Zeugenvernehmung ist beendet. Das Plädoyer des
Staatsanwalts beginnt:
„und so stelle ich hiermit den Antrag auf Zuerkennung einer Strafe in
der Höhe des gesetzlich zulässigen Mindeststrafmaßes und beantrage
demnach ...“
Mit den Händen schob sich der Angeklagte Dr. Friedjung in ein Gebüsch
hinein, setzte sich auf einen Stein und lächelte.
„Der Angeklagte hat das Schlußwort.“
„Meine Herren Richter!“ Der Angeklagte stand vom Stein auf. „Eigelb ist
nun die Sonne. Die Sonne: ein Dotter. Und wenn man von dieser Tatsache
ausgehend den Weltraum sich als etwas Atmosphärisch-Gläsernes vorstellt,
dann ... Ei im Glas ...“
Weiter kam er in seiner Betrachtung nicht.
„Jetzt beginnt er zu simulieren“, bemerkte irgendwer im Zuhörerraum
spöttisch.
Die Richter erschienen wieder nach einer Sekundenpause.
Alles erhob sich.
„Das Gericht hat dem Antrag des Anklagevertreters stattgegeben und auf
das gesetzlich zulässige Mindeststrafmaß erkannt, auf ...“
„Der Strafvollzug tritt sofort in Kraft.“
* * * * *
Aus der Tasche, in der er an dem Brief herumgeknüllt hatte, zog der
Landgerichtsdirektor die Pistole hervor.
„Schwarzblau ... Prima Stahlware ... Wie ein kleiner Monteur siehst du
ja aus ... Bist mein Söhnchen vielleicht gar selbst, heißt am Ende noch
Peter, und bist wohl nun schon auch inzwischen zum klassenbewußten
Proleten geworden!? ... Wie dem aber auch sein mag ... Dein alter Vater
ist dir nicht lange mehr gram darüber ... Mußte ja so kommen ... Kann
auch gar nicht anders sein ...“
Nun traten plötzlich alle die von ihm Voruntersuchten auf ihn zu, alle
sie, die er nur in der einzigen Absicht voruntersucht hatte, um sie dem
Henker zu überantworten: Gehängte, Gefallbeilte, die in der
Untersuchungshaft meuchlings Ermordeten, Kopfschüssler:
„Im Namen des Volkes! Bitte ...“
„... über a–alles in der Welt!“ schloß vielstimmig, hoch tremolierend
die Schar der Kurgäste.
Kreischend lachte der Landgerichtsdirektor auf.
Durch alle Räume hindurch, wie aus einem Megaphon durch die ganze Welt
schrie dieses Gelächter.
Dann drückte er ab.
Es tat wie ein die ganze Herzgegend tief durchdringender leichter Schlag
mit der flachen Hand. –
III
Ein schluchtenartiges, von steilen Gefällen überschüttetes Gelände war
diese Zeit.
Die Partei arbeitete sich hoch hinauf durch diese Zeit wie ein Traktor:
die schwer keuchende Masse des Proletariats hinter ihm dumpf, wie eine
aus Fleisch, Eisen und Ruß geknetete Wolke.
Mit Blut, Tränen und Schweiß unlösbar ineinander verkittet, bewegte sich
der Menschenmillionenknäuel der Ausgebeuteten daher. –
* * * * *
Die Partei war zu einer Kampfmaschine geworden.
Absolute Starrheit, Festigkeit, Sicherheit in allem Prinzipiellen,
größte Biegsamkeit, Elastizität, Beweglichkeit, Manövrierfähigkeit in
allem übrigen ...
Jeder hatte seine Funktion. Der Hydra der Korruption wurde rücksichtslos
Kopf um Kopf abgeschlagen ...
Ein unermeßliches Kampffeld war zu übersehen.
Die Fühler und Tastorgane der Partei reichten bis in den kleinsten
Winkel hinein. Kein Verein, keine Vereinigung gab es ohne rote Zelle.
Die Betriebszellen wuchsen, fraßen wie reißend Feuer um sich, die
Proletariermassen wurden wieder glühend ... Die Fabriken wurden die
Kasernen der Arbeiter, wurden zu roten Kampfarsenalen, zu roten
Bollwerken ...
Die Sektionen der Komintern, eisern in sich gefügte, disziplinierte
Organismen, krümmten und schlugen sich, stießen vor, wichen aus, nahmen
hier den Kampf mit dem Gegner auf, bissen und rissen sich durch, zogen
dort sich zurück; an einer anderen Stelle wieder ließen sie es nur beim
Geplänkel.
Millionenäugig war dieser Kampfkörper. Das Gehirn, ein einziger
Erfahrungs- und Willensapparat, über Millionen Muskeln, Arme, Herzen,
Nervenbündel gebietend. Jede Schraube an diesem lebendigen Mechanismus
war fest angezogen, jeder Teil bis auf den letzten Grad seiner
Leistungsfähigkeit ausgenützt und gespannt ...
* * * * *
Die Partei hatte aus ihren Fehlern und Niederlagen gelernt, im
Kreuzfeuer der Verfolgungen und der Illegalität ward sie nur
widerstandsfähiger und härter geschmiedet, jeder Prolet hatte seinen
beträchtlichen Anteil an den tausendfachen Verbesserungen, die unter den
erschwertesten Umständen in den letzten Jahren durchgeführt werden
mußten. Voll Stolz, Zuversicht und mit unerschütterlichem Vertrauen sah
er auf seine Partei, auf seine Kampfführung: ein gewaltiges, aus
Proletarierherzblut gewachsenes Instrument, das exakt funktionierende
Hebelwerkzeug der sozialen Revolution.
Das Proletariat war wieder auf sich selbst gestellt.
Das Proletariat glaubte wieder an sich selbst. –
IV
Der Student Peter Friedjung und der Arbeiter Max Herse waren beinahe zu
gleicher Zeit in die Partei eingetreten.
Lene arbeitete sogar seit einem halben Jahr schon in einer
Parteistellung.
Peter verrichtete ganz selbstverständlich die Parteikleinarbeit wie
jeder andere. So hatte er auch binnen kurzem das Mißtrauen, das die
Proleten zuerst ihm als einem Intellektuellen gegenüber hatten,
überwunden. Man hatte ihn herzlich gern, er sprach immer nur ganz kurz
in der Diskussion, aber alles, was er sagte, hatte Hand und Fuß und war
nicht aus dem Abstrakten her oder aus dem Lichtblauen gesogen.
Zu berechtigt war dieses Mißtrauen gegenüber den Intellektuellen, sah
Peter immer mehr ein, die Intellektuellen sind zu schwach, zu
beeinflußbar, treten häufig nur in die Partei ein, um dort unter einem
anderen Vorzeichen die große Rolle zu spielen, und wenn man auf ihren
verfluchten, meistens noch dazu eingebildeten Individualismus und ihre
läppischen Eitelkeiten keine Rücksicht nimmt, dann ist es kaum mit ihnen
auszuhalten. Immer heißt es da ihrem seelischen Differenzierungsquark
Reverenz erweisen, die Empfindlichkeit ihrer feinen Seelenplatte ist
aufs höchste übersteigert, und bestimmt ist mindestens jeder dritte in
diesem Augenblick eine gekränkte Leberwurst. Aber für das alles ist kein
Raum in einer bolschewistischen Partei. Man muß ihnen den Schädel
ordentlich einboxen ...
Unzuverlässig. Unpünktlich ...
Mit solchen Menschen läßt sich eben rein schon gar nichts anfangen ...
* * * * *
Da begann wieder einmal einer jener Menschenart mit Peter anzubinden,
einer der an der Peripherie der Partei Herumwimmelnden, für gewöhnlich
„Sympathisierender“ genannt, einer, der in alles hineinschmeckte, von
außen her sich alles zu beurteilen anmaßte, und zu dessen einträglichem
Berufe es gehörte, alles, was es auch sein mag, an der Partei zu
bemäkeln. Ein Groß-Nörgler, ein sympathisierender Gernegroß, einer, der
die gesamte kommunistische Bewegung am liebsten zur Deckung seines
Größenwahnbedarfs für alle Ewigkeit gepachtet hätte ... Ebenso, wie er
für sich selbst einen fanatischen Persönlichkeitskult beanspruchte,
ebenso hinterhältig griff er mit Verleumdungen in der oder in jener
Person die Gesamtpartei an, ging immer mit alarmierenden Gerüchten
krebsen, trug jeder einmal aufkommenden Panikstimmung gewissenhaft
Rechnung und erwies sich so in weitesten Intellektuellenkreisen als ein
zugkräftiger Miesmacher. Er selbst rührte natürlich, mit den
verwegensten Projekten zwar immerdar schwanger, in der praktischen
Arbeit keinen Finger.
„Und was sagst du nun, Peter, zu der Genossin Kramer! ... Diese
aufgeplusterte Kröte! Aber Geld hat sie immer, niemand weiß woher, und
eine Villa hat sie sich auch gebaut und sie trieft nur so von
französischem Puder und Schminke ... Sie lebt offenbar mit drei Genossen
zugleich zusammen ... Da gibt es Sowjetsterne bei ihr aus Schlagsahne,
hörst du, auf Kuchen, zum Geburtstag ... Aber wenn sie nur den Mund
auftut: das raspelt herunter wie aus einer Blechtrommel ... Das ist ein
richtiges antibolschewistisches Greuel ... Wenn ich die schon sehe, da
vergeht mir schon wieder die ganze Lust an der Bewegung ... Schau dir
nur diese Feldwebelin an, wie aufdringlich die herumquatscht, Phrasen,
nichts als Phrasen ... Man müßte ihr einmal ordentlich den Hintern ...
Aber daß so etwas auch die Partei duldet ...
„Na, überhaupt die Partei! Sieh dir, Peter, einmal die Führer an!
Hochwürden! Marx-Pfaffen! Euer organisatorischer Leiter, dieser
verknöcherte Bonze, bezieht er nicht zusammen mit seiner Frau ein
doppeltes Gehalt? ... Ja, euere Führer verstehen sich zwar fürtrefflich
aufs Kuhhandeln, aber nicht aufs Kämpfen. Haben sie _die_ Situation
vielleicht ausgenützt!? Und die, und die ... Und da soll wieder das und
dort wieder jenes vorgekommen sein. Hast du nicht gehört, daß ... Und
übrigens neulich habe ich den Genossen Bittermann getroffen, sieht sehr
schlecht aus, der mir erzählt hat, daß ... und auch im Bezirk soll es
oberfaul stehn ... und R. und A. sollen aus der Partei bereits wieder
ausgeschlossen sein, und von G. sagt man, daß er ein Spitzel sei, und L.
soll zur SPD übergetreten sein ... Auch hab ich gehört, daß die
Arbeiterkorrespondenzen von Intellektuellen geschrieben seien, stimmt
daran nicht was, und schau nur die Berichterstattung unserer Presse an
... Im übrigen bitt ich dich, Peter, mach keinen Gebrauch von dem, was
ich dir soeben vertraulich mitgeteilt habe. Ich möchte nicht haben, daß
...“
Am liebsten hätte Peter gleich dem Stänker den Rücken gekehrt. Aber er
hatte Geduld gelernt und blieb ruhig. Sagte jetzt nur ganz sachlich:
„Nun aber stopp, Stänker! Mach Schluß! Mich interessiert nicht, wessen
Nase dir nicht gefällt!“
Der Stänker platzte jetzt beinahe vor Erbitterung. Spie Gift und Galle.
Nichts war ihm radikal genug, aber auf einmal schlug er wieder ins
Gegenteil um, stülpte sich um, völlig haltlos warf es ihn von einem
Extrem ins andere ... Vom Abkillen und mißverstandenen Reformvorschlägen
sprach er im selben Augenblick.
„Eine heilige Sache fürwahr, für die sichs zu sterben lohnte, war
vormals der Kommunismus! Was habt ihr aus dem schönen Kommunismus
gemacht? Einen der Idee feindlichen Kloakenhaufen ...“
So schloß der Stänker seinen Wutausbruch.
„Daß du jetzt nur keinen Anfall bekommst, Stänker! Dir scheint ja eine
Riesenlaus über die Leber gelaufen zu sein ... Aber, du entschuldigst
schon, das, was du hier verzapfst, ist Quatsch mit Sauerkohl. Mir ist
schon ganz speiübel ...“
Und ein schöner Misthaufen ist das, dachte sich Peter, was da alles ins
Zeug schießt: Utopien, Ueberradikalismus, Versöhnlertum, Menschenliebe,
dummdreiste Gehässigkeit: alles hübsch einträchtiglich chaotisch sprießt
da beieinander.
„Ist das wirklich, Stänker, deiner Weisheit letzter Schluß? Du tust mir
ordentlich leid ...“
„Und was ist das mit der Kaltstellung Trotzkis? ...“, kläffte der
Stänker noch ...
Während Peter versuchte, trotzdem dem Stänker noch einmal klarzulegen,
was eigentlich eine Partei sei und wie er sie von seinem individuellen
Standpunkt aus vollkommen schief sehe, ja sie auch, da er ihr inneres
Leben und ihre innere Gesetzmäßigkeit nicht kenne, völlig daneben
beurteilen und sie aus seinem ganzen blödsinnigen Egozentrismus heraus
kindisch verzerren müsse.
„Wenn sich einer wie du immer um sich selbst dreht, glaubst du, der
bekommt eine richtige Uebersicht ...? Die Umgebung erscheint dann
natürlich unter einer individuell willkürlich verzogenen Perspektive.“
Und weiter erläuterte Peter, daß die Partei mit einer gewaltigen
Filtriermaschine vergleichbar sei, in der jeder einzelne, ohne Rücksicht
auf seine Funktion, ordentlich durchtrainiert und durchgeknetet werde
und sicher in kürzester Frist bald auf einen Platz zu stehen komme, wo
er letzten Endes seiner Begabung und Veranlagung nach hingehöre.
„Sicher, es gibt Reibungen, muß solche geben, es geht nicht immer alles
so glatt ab, aber wozu diese Verweichlichung, lernen wir nur ein wenig
den Ellenbogen gebrauchen, man muß es dem anderen deswegen nicht gleich
so krummnehmen. Die Korruption wird nie ganz auszuschalten sein,
trotzdem, natürlich, sie muß aufs Aeußerste reduziert und darum auf das
Heftigste, überall dort, wo sie auftritt, bekämpft werden: aber, die
revolutionäre Bewegung, aus dem Schoß der kapitalistischen Gesellschaft
geboren, trägt deutlich die Zeichen ihres Ursprungs an sich ... Das
nicht begreifen heißt, von Dialektik auch nicht das geringste verstanden
zu haben ... Und nun, mein lieber Gottlieb Jeremias Stänker, treib es
mit deinen Anschuldigungen nicht allzu toll, kühle dich ein wenig ab,
verordne dir selbst eine kalte Abreibung, ich kann dir zum Schluß nur
sagen: die Partei leistet heute wirklich, magst du es anpacken, wo du
willst, positive Arbeit und daß es keine bessere Zentrale gibt als die,
die wir heute haben, das ist gewisser als gewiß ... Es gibt aber immer
zweierlei Kritik ... Na, Freundchen Stänker, du verstehst, was ich meine
...
„Und nun, mein Lieber, will ich dir noch sagen, was ich für eine
Auffassung von einem Kommunisten, der diesen Namen zu recht trägt, habe.
Schreib dirs, wenn dus kapiert hast, hinter die Ohren. Jeder Kommunist
muß wissen, daß er, wo auch immer: im Betriebe, in der Gewerkschaft, in
der Genossenschaft, nur dann voll seine Pflicht tun kann, wenn er in
jeder Beziehung den Arbeitern ein Vorbild ist: der aufgeklärteste,
gebildetste, geschickteste Arbeiter in der Betriebsversammlung, der
energischste, mutigste, klassenbewußteste dem Unternehmer, Direktor,
Antreiber gegenüber; der eifrigste, aufopferndste Gewerkschafts- und
Genossenschaftsarbeiter, der sachlichste, positivste, kampfbereiteste
als Betriebs-, Gewerkschafts-, Genossenschaftsfunktionär, kurz, überall
dort, wo er Arbeiter vertritt. Jeder Kommunist muß sich der
Verantwortung für jede Aeußerung bewußt sein. Sachlichkeit, Positivität,
kritische Schärfe, Unerschrockenheit, glühender Haß und kalter Verstand
allen Bonzen gegenüber, Geduld, große Geduld allen andersdenkenden
Arbeitern gegenüber, organisatorische Fähigkeiten, Werben unter den
Unorganisierten für die Gewerkschaften zur Verstärkung des
kommunistischen Einflusses, Fähigkeit mit der Feder einfach, präzis,
wirklichkeitsgetreu umzugehen, Abstreifen jedes zünftlerischen,
spießbürgerlichen, individualistisch verseuchten Geistes, jeder Art von
luxuriöser Gehirnfatzkerei – das muß die Partei von jedem ihrer
Mitglieder verlangen, und nur der, der diesen Anforderungen voll
gewachsen ist, verdient den Ehrentitel eines Kommunisten.“
Und Peter verabschiedete sich mit einem kurzen Ruck vom Stänker.
Der rief ihm noch nach:
„Bei Philippi sehen wir uns wieder! Denk an mich! Mit der Parole
„Diktatur des Proletariats!“ gewinnt ihr keinen Blumentopf ...“
Und hopste verbissen von dannen.
* * * * *
Peter widerte es an.
„Wozu nun diese lange Auseinandersetzung? Ein hoffnungsloser Fall. So
einer wird aus seinen Komplizierungen und seelischen Verkrümmungen
heraus eines Tages noch zum Spitzel ... Das Besondere, das Originale,
das Interessante, das ist bei diesen sensationslüsternen,
pseudodämonischen Individual-Säuen die Hauptsache! Nervenkitzel und
Seelenschleim, mit einem tüchtigen Schuß „Gottes-Rummel“ gemischt: diese
Welt liegt hinter uns ...
„Komische Käuze!
„Der eine lebt nach dem Motto: „Ich trinke nicht, ich rauche nicht, ich
lebe vegetarisch: mein Kopf ward schon zum Kohlkopf ...“ Ein anderer hat
schon den Zustand des reinen Wurzelkauertums erreicht und ein dritter
endlich, ein biederer Schmock von Stinnes Gnaden, wittert rote
Morgenluft, stellt sich um und fristet sein Dasein als feiste
Revolutionswanze ... Lebendige Leichname sind am schwersten
totzukriegen.“ –
Auch der Inhaber eines kleinen Kramladens, Eugen Brennessel, der
„Heringsbändiger“ genannt, erkundigt sich neulich eingehend bei Peter,
meinte aber am Schluß ganz treuherzig: „Nur glaub ich nicht, daß Sie auf
diese Weise es zu etwas bringen werden ...“
V
Max und Lene saßen beieinander.
„Und morgen ist der 1. Mai ... Ach, Max, wenn ich an die Maifeiern bei
der SPD denke, mir wird bei der Erinnerung noch ganz übel ... Die
vielstimmigen schmalzigen Männerchöre und die Reigentänze ... Dieses
ganze „Jupeidi Jupeida“. Einmal haben wir sogar aufgeführt: „Sah ein
Knab ein Röslein stehn ...“ Und dann die Umzüge: im Gehrock, die
Angströhre aufgestülpt, den Zylinder, mit roter Schärpe um und die
Blechmusik an der Spitze: Tschindarassa ... Es war wirklich ein
schöner gemütlich-biederer sozialdemokratischer Bußbrüder- und
Betschwesternverein ... Ich bin froh, daß es jetzt gründlich aus ist mit
diesen Spießbürgerparaden ... Weißt du was, morgen wird es großartig
werden. Der Aufmarsch! Der große Sprechchor! Die roten Frontkämpfer! ...
Aber es ist jetzt auch eine Zeit! In der ganzen Welt wird morgen das
Proletariat aufstehen, wir sind wieder gewaltig mächtig und selbstbewußt
geworden ... Es ist freilich eine Lust zu leben! ...“
„Ja, Lene, auch ich, wenn ich zurückdenke ... Damals, bei den
Sozialdemokraten ... Eine abscheuliche Erinnerung! ... Wir haben uns
einfach verlaufen. Jetzt erst weiß ich richtig, wozu ich in der Welt
eigentlich da bin ...“
„Ach, Max, ich bin ja auch so sehr glücklich ...“
Nun kam auch schon der Genosse Lange.
„Na, ihr beiden! ... Und du, Max, du Dr. Unblutig des Klassenkampfs!
...“
„Gut gehts, Wilhelm ... Wir haben gerade von früher gesprochen ... Was
den Dr. Unblutig anbelangt: laß mich aus damit, mit dem, was gewesen
ist, bin ich fertig ... Strich darunter: und ich glaub, ich hab in den
letzten Monaten meine Parteivergangenheit nachgeholt ...“
„Also: nichts für ungut, Max. Ich widme dir hiermit – wie es so schön in
dem Bericht über eine SPD.-Bonzenzusammenkunft heißt – einen
Anerkennungsschluck! Prost! ... Ja, Max, an den Heimweg von damals hab
ich noch oft gedacht! ... Halsstarrig wart ihr, dickschädelig ... mich
hats oft recht gewurmt und dabei in der Hand gejuckt. Hätt aber damals
auch nicht viel geholfen ... Na, und was sagst du zu den Nachrichten
über China, über die amerikanischen Manöver, zu dem intensiven
Wettrüsten!? ... Und hast du den Artikel über den Gaskrieg von den
amerikanischen Genossen gelesen?! ... Ich glaub halt immer, wir müssen
schleunigst unsere Arbeit verdoppeln ... Ganz gewaltig scharf auf der
Hut sein! ...“
„Was ich dazu meine!? ... Wenn man bedenkt, wie wir 1914 ausgezogen
sind: mit blanken Knöpfen an den Uniformen, mit der Pickelhaube auf,
meist noch ohne Ueberzug, und wenn man sich jetzt klarmacht, wie rapid
schnell die ganze Kriegstechnik während des Krieges selbst sich
entwickelt hat, und daß man sich allem Anschein nach auch nach
Kriegsschluß nicht auf die faule Bärenhaut gelegt hat, sondern
weitergearbeitet und weiterexperimentiert hat, so muß man meines
Erachtens schon ein ganz phantasieloses und borniert verblendetes
Rindvieh sein, um nicht einzusehen, daß ein kommender Krieg eine ganz
höllische Sache sein wird, mit der verglichen der vorhergegangene Krieg
sich noch wie eine harmlose Holzerei ausnehmen wird ... Und daß wir
Proleten dabei eine wesentlich andere Rolle spielen werden, die Regie
hat uns gleichsam die Statistenrolle übertragen, nur haben diesmal eben
die Statisten ganz und gar allein den Hauptdreck auszufressen ...“
„Das weißt du ja auch schon, daß morgen die vaterländischen Verbände
aufmarschieren wollen. Da wirds wieder ein „Gloria! Gloria! Victoria!“
gröhlen, wenn wir Proleten ihnen nicht ordentlich diesmal das Maul
verstopfen ... Auch die Polizei liegt in erhöhter Alarmbereitschaft.
Truppen sind um Berlin konzentriert. Man wird uns provozieren wollen ...
Also: Vorsicht! ... Es sind auch von der Zentrale dahingehend
entsprechende Vorkehrungen getroffen worden ... Na, wir sprechen uns ja
morgen früh im Lokal noch ... Gute Nacht beieinander! ...“
VI
Max überlegte sich noch einmal den Artikel über den kommenden Krieg.
Keine Uebertreibungen, sagte er immer wieder zu sich selbst. „Natürlich,
es ist wahrscheinlich: zuerst geht es schon noch mit Tanks und mit
Brisanz und mit Dreadnoughts los. Die Bombenflugzeuggeschwader mit
Gasmunition: das ist sozusagen der Clou. Der neue Krieg wird kein
hundertprozentig reiner chemischer Krieg sein, auch hier gibt es
Uebergänge, Variationen, Kombinationen wie überall, Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft ist tief miteinander verfilzt, das ist knorpelig
ineinander verwachsen und löst sich nicht so abrupt von einander los ...
Ganze Industriegebiete werden zwar gegen die Sicht der Flieger
eingenebelt werden. Aber andererseits gibt es auch bereits Apparate, mit
denen man von über 3000 Meter hoch genaueste Standortfeststellungen
machen kann. Die Einnebelung wird also wenig Zweck haben. Nur als
Vertröstung, als Beruhigungsmittel im ersten Augenblick ... Und die, die
das Geld dazu haben, werden natürlich die Gefahrenzone schleunigst
verlassen und sich auf dem Land in Sicherheit bringen ... Ja, wenn es in
der Macht der einzelnen imperialistischen Gruppen läge, ich glaube ihren
flennenden Versicherungen gern, der Krieg ist heute bei dem hohen Stand
des Klassenbewußtseins des Proletariats ein großes Risiko und sie
möchten natürlich am liebsten den Krieg vermeiden ... Aber das System,
dessen Gesetzmäßigkeit sie treibt und zum Handeln zwingt, ist stärker
als ihr Wille ... Sie müssen, ob sie wollen oder nicht ... Und für die
Arbeiterschaft heißt es diesmal endgültig: verrecken oder kämpfen. Etwas
anderes gibt es gar nicht ... Ich glaube aber auch nicht mehr, daß einer
der unseren noch auf die pazifistischen Schwindeleien hereinfällt ... An
diesem Schmus hat sich heute die Mehrzahl der Menschheit bereits
ordentlich überfressen ... Ein deutlich hörbares Bauchgrimmen geht
durchs Land ...“
* * * * *
Es war am Vorabend des ersten Mai.
Wie ein gewaltiger atmosphärischer Druck so drückte es auf die Stadt
herein.
Alles war noch „verdeckt“, da und dort an den Straßenecken sah man
Gruppen von Menschen, die debattierten, die einen oder anderen begrüßten
sich mit „Rot Front!“ oder mit „Heil!“, die Läden waren überfüllt, vor
Lebensmittelgeschäften stand man Polonaise, in langen Windungen kroch
vor den Brotgeschäften die Schlange der Hausfrauen. „Wie einst im Mai
... In unserer herrlich großen Weltkriegszeit nämlich ...“
Eine Abteilung Motorradfahrer der Schutzpolizei durchknatterte jetzt die
Straße, ein Tank manövrierte quer über einen Platz ...
Die ganze Stadt rüstete ...
Sie war wie ein unsichtbares Kriegslager ...
* * * * *
„Au Backe!“ entfuhr es Max beim Anblick eines Kampfwagens. Der trug in
weißen ungelenken Buchstaben den Namen „Totila“, vorne an der
Motor-Haube einen Totenkopf. „Eine geballte Ladung Handgranaten
darunter, und wie ein Kartengehäuse klappt diese ganze Stahlschachtel
auseinander. Auch abblocken oder, was schon vorgekommen sein soll, ein
wohlgezielter Schuß eines Scharfschützen durch den Sehschlitz: auch
damit wird der Bursche zu erledigen sein. Aber trotzdem: so ein Kerl
schlaucht einem gewaltig ... Das psychische Moment dabei ist das
Wichtigste ...“
Die Nachricht kam:
Eine Erwerbslosendemonstration ist in der Linienstraße von der
berittenen Hundertschaft zur besonderen Verwendung zusammengehauen
worden. Tote. Viele Verletzte ... Auch Plünderung von
Lebensmittelgeschäften im Norden der Stadt. Offenbar: Provokateure an
der Arbeit. Ein Aufruf der Regierung kam heraus mit Amnestieversprechen,
Ankündigung ausreichender Lebensmittelzufuhr im Lauf der nächsten Tage,
mit einem ausführlichen Dementi aller Kriegs- und Krisengerüchte.
„Einigkeit macht stark. Unsere Stärke beruht in unserer Einigkeit.“
Solche und ähnlich bereits historisch sattsam bekannte Flausen, von
denen kaum noch jemand Notiz nahm, wenn nicht mit einem bissigen Witz,
ließ der damalige Reichspräsident tagaus tagein wieder durch die Presse
austrompeten ...
Die ganze Wirtschaftslast lag auf den Knochen der Arbeiter. Mit den
Knochen der Arbeiter wurde gezahlt, die Knochen der Arbeiter selbst
wurden zu einem Spottpreis an ausländische Finanzcliquen verschachert,
an allen Ecken und Enden händerangen und feilschten kreischend die
Finanzmagnaten: „Knochen her! Wir brauchen Knochen! Knochen!“
Alle Klassenkräfte befanden sich damals in einer ununterbrochenen
Bewegung, ein steter Fluß, jeder Tag brachte eine neue Situation, ganze
Gesellschaftsschichten tauchten plötzlich unter in einem jener
gespenstischen Krisenwirbel, wie sie damals an der Tagesordnung waren;
das alles wechselte und veränderte sich im Laufe einer Stunde.
„Nichts steht fest. Nicht einmal das.“
Aus dieser Stimmung heraus kam es oft genug zu Selbstmord und Wahnsinn.
Lohnkämpfe. Teilstreiks. Ueberall Ansätze zu einer Massenaktion.
Ueberall Ausbrüche der Volkswut. Eine elementare Verzweiflungswelle
fegte über ganze Landesteile.
Die Frontlinien des bevorstehenden Kampfes zeichneten sich immer
deutlicher ab. Es drängte an vielen Orten bereits stürmisch zur
Entscheidung. Die einzelnen Führungen hielten noch zurück ...
Die meisten Menschen blieben in dieser Nacht zusammen.
Viele gingen, trotzdem die Regierung teils pathetisch-beschwörend, teils
energisch drohend dazu aufforderte, nicht von der Straße –
VII
Draußen vor der Stadt war ein warmer Frühlingstag.
Der Wind fegt übers Land.
Das Gras fließt ...
Kolonnen von Landarbeitern marschieren stadtwärts.
Auf allen Wegen Landarbeiterkolonnen, sie tragen rote Fahnen, singen:
„Wacht auf ...“
Ein alter Bauer sitzt, an der Pfeife nagend, vor seiner halb verfallenen
Hütte:
„Bravo, Jungens, machts gut! ... Dann baut ein neues Dorf auf, das alte
ist ja so zu nichts mehr zu gebrauchen ... Bevor dieses Jahr das Korn in
die Scheuer fährt, wird die Erde noch viel Menschenblut in sich
hineinstürzen. Meine Hand ist trocken. Der Boden hitzig. Das bedeutet
Menschenblut ... O, das sind Zeiten ...“
„Recht so, Alter!“ schreien ein paar junge Burschen zu ihm herüber: „Nur
den Mut nicht verlieren! Wir schaffens schon ...“
Der ferne Dunstschleier zerreißt. Näher rückt heran die Stadt. Wie ein
noch schlafendes Steinungeheuer liegt sie da, die Vororte inmitten
breiter Flächen Grün wie Tatzen.
Kein Fabrikschlot raucht.
Keine Kirchenglocke läutet ...
Eine Pappelallee zieht sich am Horizont hin, wie eine Reihe
schwarzschwälender Flammen ...
* * * * *
Ganze Stadtteile sind seit dem frühesten Morgen von Polizei und Militär
abgesperrt.
Die sämtlichen Zufahrtsstraßen zur Stadt sind durch Panzerwagen und
Maschinengewehrabteilungen gesichert.
Erkundungsflieger kreisen hoch in der Luft.
Die Eisenbahngleise entlang streifen Militärpatrouillen.
Ein Panzerzug rangiert: jetzt gibt er Volldampf und heult der Stadt zu.
* * * * *
Immer wieder werden die Landarbeiterkolonnen abgedrängt.
Es wird schon gegen Mittag.
Unruhig kreisen sie um die Stadt.
Sie müssen durch –
Im Südosten brechen sie endlich herein. Dort sind die Arbeiterbezirke.
Von den Offizieren der Absperrungskommandos wird der Befehl zum Feuern
gegeben.
Viele Soldaten schießen nicht. Viele halten in die Luft ...
Die Offiziere werden an die Wand gedrückt.
Gewehre und Bajonette zerbrechen ...
Die Absperrungskommandos sind überrannt.
Laut singend, geschlossenen Zugs, marschieren die Landarbeiter weiter
...
Aus jeder Straße strömt jetzt ein neuer Zug.
„Des Volkes Blut verströmt in Bächen“, singen die einen.
Die anderen:
„Bolschewisten! Bolschewisten! Edelste der Kommunisten!“
Auf den Balkonen beugen sich Menschen herab, in die Hände klatschend. An
den Straßenecken begrüßen die Marschierenden große Menschengruppen im
Chor:
„Rot Front! Rot Front! Rot Front!“
Es trommelt.
Es pfeift.
Trompetensalven schmettern darein ...
* * * * *
Das Militär wird zurückgezogen.
Hie und da fern am Straßenende sieht man noch einen Panzerwagen
davonrattern.
In den Flanken ist der Arbeiterzug durch Radfahrerabteilungen gesichert.
Auf den Dächern sind Arbeitertrupps aufgestellt, sie winken mit den
Mützen.
Ob die Regierung im letzten Augenblick noch ein Versammlungs- oder
Demonstrationsverbot erlassen hat, ist nicht mehr in Erfahrung zu
bringen.
Die ganze Stadt ist ein gewaltiger, roter Menschenwirbel.
Frauen mit roten Kopftüchern. Der Jung-Spartakus-Bund. Greise. Witwen
und Waisen. Aber es marschiert auch ein Frauen-Regiment auf, genannt
„Regiment Rosa“. Hell schmettert Gesang aus ihren Reihen ...
* * * * *
Auf den Asphaltstraßen der Stadt dröhnt daher ein roter
Menschenmassen-Orkan.
Da marschiert an, langsam und immer wieder stockend, der Zug der
Kriegsopfer: manche werden auf Bahren getragen, die meisten humpeln sich
mühsam vorwärts auf monoton klappernden Krückstöcken, da ist die
Abteilung der Erblindeten, hier die der Armlosen, hier die der
Beinlosen, hier sind welche, die nur einen gliederlosen Rumpf noch ihr
eigen nennen. Hier werden Tafeln getragen: „Wir sind das ABC des
Kriegs!“ Oder: „Krieg dem Krieg!“ Oder: „Proletarier, gedenkt des
imperialistischen Kriegs!“
Ohne Musik marschiert der Zug.
Ein Skelett an der Spitze, mit der Zahl: 13 Millionen.
Die Straße erstarrt. Die Häuserpforten erstarren. Jedes Wort gerinnt im
Mund. Das Leben friert ... Es ist großes Schweigen.
Schweigend marschiert der Zug. –
* * * * *
Im Westen der Stadt sind die vaterländischen Verbände aufmarschiert.
In straffester militärischer Disziplin.
Die Mannschaften sind außerordentlich gut und modern eingekleidet. Sie
haben den Sturmriemen umgeschnallt. Feldflasche und Brotbeutel. Viele
tragen den Stahlhelm. Pistolen. Auch Leinwandsäckchen mit
Eierhandgranaten.
Eine Unzahl Autos und Lastkraftwagen stehen ihnen zur Verfügung.
In einer Autogarage befindet sich ein Waffenlager. Dort in einem
Bankhaus eine Befehlsstelle. Nach überall hin durch Kuriere verbunden.
Eine Feldtelephonleitung wird unter besonderer Sicherung jetzt nach
vorne gelegt.
Die Spitzentruppen setzten sich unauffällig in Bewegung.
Der Westen ist tot, ausgestorben. Jalousien und Läden sind
heruntergelassen. Nur wenig Menschen zeigen sich noch ... Wo überhaupt
noch Verkehr ist, kann man immer mit ziemlicher Sicherheit ein
Munitionsdepot oder eine Reservestelle vermuten.
Ein grauhaariger Spitzbart instruiert an einer Straßenecke nochmals
seine Gruppe:
„Treudeutsch!“ schließt er seine Instruktion.
„Allewege!“ schnarrt es ihm zurück.
Die deutsche Kriegsflagge weht. Schwarzweißrot. Hakenkreuzstandarten.
Trommler, Trompeter, Pfeifer.
Die Eichenstöcke, mit eisernen Spitzen versehen, schultern sich.
„Achtung!“
„Ohne Tritt! Marsch ...“
Parole: „Baltikum.“
„Die Vöglein im Walde ...“ „Das Flaggenlied.“
Die Gesichter unter den Stahlhelmen sind hartkantig, erdig. Zum
Aeußersten entschlossen. –
* * * * *
Die Kasernen der Schutzpolizei und des Militärs werden durch
Stacheldrahtverhaue abgesperrt.
An der Bannmeile ist eine mechanische Barrikade aus einem Geschwader
Panzerwagen und gepanzerter Lastkraftwagen errichtet.
Festen Schritts marschieren dort stundenlang die roten Bataillone
vorüber.
Es wird gegen 3 Uhr nachmittags.
Zu Zusammenstößen ist es nicht gekommen. Kleine Zwischenfälle, nicht der
Rede wert.
Auch von den „Vaterländischen“ ist weit und breit nichts zu sehen.
Wie es heißt: sie sind wieder in ihre Quartiere abgerückt.
Und so findet das Arbeiter-Riesen-Meeting auf einem Platz mitten im
Stadtzentrum statt.
* * * * *
Es sind über Hunderttausende.
Aus allen Straßenmündungen preßt es sich schwer herein.
Die Roten Frontkämpfer halten den Ordnerdienst.
Die ungeheure Anzahl der roten Fahnen: sie flattern in der Luft wie
glühende Flammenzungen.
Jeder Betrieb hat seine Fahne.
Ein langgezogener Trommelwirbel ...
Von den Dächern widerhallt es.
Ueber die ganze Innenstadt hin fluten die Trommelwellen.
Ein Trompetenstoß.
Elektrisch zuckts in den Gliedern ...
Das Meeting beginnt.
* * * * *
Ein Sprechchor, tausend Genossen und Genossinnen, donnert empor.
„Der erste Mai!“
Dann:
Alle singen.
Ist dies ein Gesang noch!? Es ist ein Stimmenstrom, eine
Riesenklangwoge, die sich hebt und senkt, die aufsteigt, anschwillt, in
Millionen von Stimmenlichtern blinkend, jäh und steil sich überschlägt,
dann ruhig wieder und gewaltig ihres Weges dahinzieht ... Nur die letzte
Strophe: die Stimmen verstärken sich, es schlägt auf: hart, gehackt,
rhythmisch: als eine eiserne Brandung.
Durch einen Schalltrichter wird verkündet:
„Ein amerikanischer Genosse spricht!“
Zwei Arme schwingen, zwei Fäuste ballen sich: jetzt wächst die
Menschengestalt übermenschengroß heraus aus der Tribüne.
„Wir amerikanischen Genossen, wir grüßen dich, deutsches Proletariat!
Wir stehen vor der Entscheidung ... Die Kriegsrüstungen ... Der Krieg
gegen Rußland. Gegen Japan ... Und euere Regierung: wißt ihr von den
Geheimverträgen, den geheimen militärischen Bündnissen ... Deutschland,
das Aufmarschgebiet gegen Rußland ...“
Ein tosender Millionenschrei stieß in diesem Moment hoch:
„Nein! Niemehr! Nimmermehr! Bürgerkrieg!“
Der amerikanische Genosse fuhr fort:
„Der Völkerbund hat den Krieg gegen Russland gefordert! Ueberall
Kommunistenverfolgungen, Hinrichtungen, Pogrome, Massakres ... Es lebe
die Diktatur des Proletariats! Sie allein vermag diesem
menschenmörderischen, niederträchtigen Spuk ein für alle Mal ein Ende zu
machen! ...“
„Die amerikanische Kommunistische Partei! Sie lebe –“
„Hoch! Hoch! Hoch!“
Nur: Wortbrocken, Sprachfetzen.
Aber den Sinn verstand jeder.
Und schon spricht der japanische Genosse, der russische, ein
bulgarischer Genosse spricht.
„Genossen! Deutsche Kommunisten! Deutsche Arbeiter! Deutsche
Proletarier! Die Stunde zum Handeln ist da! Der Tag der Abrechnung ist
gekommen, der Tag der Abrechnung mit den Volkspeinigern und Volksmördern
...“
Wieder ein Zwischenschrei:
„Nieder mit den Verrätern des Volks ... verrecken ...
„Genug jetzt der Foltern und Bestialitäten! Wir setzen dieser
vergangenen Zeit den Grabstein ... Heute, am ersten Mai: überall, bei
den kleinen japanischen Maisbauern, bis hoch hinauf in die einsamsten
Bergdörfer Chinas: der Sturm bricht los, der Sturm erfaßt Höhen und
Tiefen, über Deutschland hinweg, über Europa hinweg, von Asien über
Afrika; in allen fünf Erdteilen: die große rote Sturmglocke läutet: das
werktätige Volk, das Proletariat steht auf ...“
Für die Frauen spricht Genossin Martha, eine alte erfahrene
Bolschewistin, zehn Jahre Zuchthaus hat sie hinter sich, sie hat auch
mit der Waffe in der Hand gekämpft, sie ist lungenkrank, jedes Wort
preßt sie aus sich heraus, immer wieder von begeisterungsflammenden
Zurufen unterbrochen: „Auch wir Frauen, das geloben wir, werden unsere
Pflicht tun. Wir Genossinnen werden nicht hinter euch, Genossen,
zurückstehen! Verlaßt euch darauf!“
Ein deutscher Genosse erhält noch das Wort:
„Erster Mai! Tag der Heerschau des Weltproletariats! Tag du des
Aufmarschs der Proletariermassen in allen fünf Erdteilen! Erster Mai:
Kampftag: laß uns bereit sein! Laß stahlhart uns werden, ausfüllen die
letzte Lücke in unserer Front! Laß denken unsere Gedanken nur dies eine:
Kampf! Unsere Herzen nur dies eine fühlen, unsere Willen nur dies eine
wollen: Kampf ...“
Ein Jugendgenosse tritt vor, er ballt die Faust zum Schwur:
„Unermüdlich wollen wir kämpfen! Unsere Muskeln spannen, unsere Gehirne
stählen, mit unserem Herztakt euch alle, die ihr in Ketten noch schlaft,
wachhämmern! In uns schüren den Willensbrand, bis diese Welt von uns
erobert ist, bis du, erster Mai, du Weltkampftag, der Weltfeiertag aller
werktätig Schaffenden geworden bist!“
Ein Sprechchor von Jungpionieren antwortet im Chor:
„Nicht eher werden ruhen wir! Nicht eher werden die Hände wir falten!
Das schwören wir! ...“
Hunderttausende von Stimmen fallen jetzt wieder ein:
„Das schwören wir. Schwören wir. Schwören wir ...“
Ein Trompetensignal.
Ein Genosse in der Roten-Frontkämpfer-Uniform steht auf der Tribüne.
Der Fahneneid ...
Eine große und dunkle Stimme spricht vor:
„Frontkämpfer auf! Die Faust gereckt! Wir schwören rot: Sieg oder Tod!“
„Sieg oder Tod!“ jauchzt die Menschenmasse.
„Wir schwören: beim Blut der Brüder, das zur Erde rinnt –
„Wir schwören: am Riesenstrom der Tränen, die vergossen sind –
„Frontkämpfer auf! Die Faust gereckt! Wir schwören rot: Sieg oder Tod!“
„Dem großen Klassenkrieg sind wir geweiht.
„Wir sind der Sturmschritt einer Neuen Zeit!“ –
Wieder waren Hunderttausende von Menschenstimmen eine Felswand
lebendigen Echos.
„Dem großen Klassenkrieg sind wir geweiht.
„Wir sind der Sturmschritt einer Neuen Zeit ...“
* * * * *
Die „Internationale“ erscholl.
Eine Sturmlawine –
Menschenkörper rissen unter dem Gesang sich steil empor.
Die rote Flut kommt. Die rote Flut steigt. Zeit der Ebbe: vorbei ...
Aufwärts! Aufwärts! Aufrecht schon stehen wir hoch oben auf dem Kamm der
Woge ...
Und plötzlich wurde spontan aus der Menschenmasse heraus ein bekannter
illegaler Genosse der Zentrale auf die Schultern gehoben, er schwenkte
die Mütze, sein Arm stand, schräg, wie ein Fahrtzeichen:
„Arbeiter! Proletarier! Genossen! Seid ihr bereit zum Kampf, seid ihr
bereit, dem Ruf zum Generalstreik, dem Ruf zum bewaffneten Aufstand zu
folgen, wenn ihn die Partei an euch ergehen läßt?“
„Allzeit bereit!“
„Keine Woche wird mehr vergehen, bis euch die Partei zum Kampf aufruft.
Unsere Parole heißt: Eroberung der Macht!!!“
„Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ tönte jetzt, einfach und schlicht
gesungen. Viele bekamen es mit dem Schlucken. Manche weinten. Und manche
wieder sangen, das Angesicht von einem glücklichen Lächeln verzückt.
Max hatte Lene eingehakt.
„Siehst du, Millionen an Millionen stürmen jetzt in diesem Augenblick,
geordnet in unübersehbaren Reihen, den steilen Abhang der Zeit herauf im
Sturmschritt. Dieser Abhang ist ein Geröllfeld, bedeckt mit
Schädelstücken und Körperknochen, alle Sträucher haben statt der Knospen
Knollen, getränkt mit Menschenblut. Alle die brechen heut auf,
Blutrinnen, Blutbäche: alle die schießen, zu einem Wildstrom von
vergossenem Menschenblut anschwellend, empor ... Was singen sie, diese
proletarischen Sturmtruppen, diese Eroberer der Menschheitszukunft: „Wir
fürchten nicht den Tod! Denn unsere Fahn ist rot ...“
Das Trompetensignal blies.
Ein kurzer Trommelwirbelstoß.
Die Züge ordneten sich zum Abmarsch ...
* * * * *
Und –
In diesem Augenblick geschah, allen völlig unerwartet, das Unglaubliche.
–
VIII
Die Sonne ging eben sprühend unter, Gewitterwolken trieben an wie
Schlammfluten: da stand plötzlich mitten in den Menschenmassen auf der
Südostseite des Platzes ein Geschwader von Kampfwagen: die kleinen
Panzertürme drehten sich, die Maschinengewehrmündungen senkten sich
abwärts, die Führer machten die Kampfmaschinen gefechtsbereit ...
Die Motore knatterten und unter einem metallischen Gebrüll schoben sie
sich weiter in die Menschenmasse hinein.
Dort rammten sie sich fest.
Man konnte noch beobachten, wie sich die Gittertore der Einfahrt eines
erstklassigen Hotels schlossen, eine Rolle mit Stacheldraht abgewickelt
wurde und dahinter eine Gruppe mit Stahlhelmen im Anschlag lag.
Dieses Hotel hatte der Panzerwagenkolonne als Hinterhalt gedient ...
Schon ertönten laut die Kommandos des roten Ordnerdienstes:
„Ruhe halten, Genossen! Nicht provozieren lassen! Weitergehn!“
Da wurde auch schon die Abmarschstraße auf der Gegenseite des Platzes
durch eine Gruppe Tanks abgesperrt. Es war eine neue mechanische
Abriegelung das erste Mal zur Anwendung gebracht worden, und zwar
mittels des sogenannten berüchtigten Schutzgitters, einer Art
Stacheldrahtgürtel, der von Tank zu Tank gezogen war und der, wie es
hieß, elektrisch geladen sein sollte.
Die Tanks machten Halt. Sie lagen breitseitig da, wie verankert.
In diesem Moment entstand die Panik.
Unter den Demonstranten waren schon von Anfang an große Mengen von
sogenannten Zivilspähern verteilt worden, denen nun die Aufgabe zufiel,
die Panik künstlich zu steigern und die empörten Massen zu einem Angriff
aufzuputschen. Dies war sehr schwierig, denn die Massen hielten eine
mustergültige Disziplin ...
Da fiel plötzlich vom Balkon eines Hotels, dann von einem
gegenüberliegenden Haus, aus einem Fenster des ersten Stockes, ein
Schuß, noch einer, mehrere: es waren kleine krachende Pistolenschüsse,
und diese galten für die Führer der Kampfwagengeschwader als
Angriffssignal ...
„Aus der Menge ist geschossen worden!“
Die Polizeiagenten, die auftragsgemäß die Schüsse abgegeben hatten,
verdufteten schleunigst.
„Platz frei! Straße frei!“ gellte ein Lautsprecher ... „Oder es wird
geschossen!“
Dabei knackten schon die M.-G.s.
Menschen sah man, die sprangen durch einen Kopfschuß getroffen über
einen halben Meter hoch, Menschenleiber verschlangen sich, wurden zu
einem unentwirrbaren Knäuel geballt und wälzten sich, sich gegenseitig
erdrückend, ineinander-, übereinanderstehend, dem Ausgang zu.
Es gab aber nur noch einen Ausgang ...
Die M.-G.s strichen systematisch den ganzen Platz ab.
Einige Rote Frontkämpfer sprangen wie wilde Tiere, Schaum um den Mund,
die gepanzerten Ungetüme an, schnellten federnd wieder zurück: gewaltige
tellergroße Brandwunden an den Händen. Die eisernen Bestien spien
elektrische Ströme.
Auch Max mußte sich mit Gewalt zurückhalten, um nicht einfach mit seinem
Kopf gegen diese mörderische Wand zu rennen ...
Menschen lagen übereinander.
Ueber Max lag ein baumstarker, stämmiger Prolet, der sich mit der Hand
die ausgefleischte Hüfte zuhielt und kräftig schrie: „Ich will nicht
sterben. Ich will nicht sterben ...“ Dabei verdrehten sich ihm die
Augen, quollen hervor rund und groß, wie zwei elfenbeinerne
Billardkugeln.
Er biß sich in Max hinein –
Max bekam einen Genickkrampf. Ein eiserner Knopf massierte ihm den
Halswirbel.
Einer umschlang einen Laternenpfahl. Barst mitten am Bauch entzwei. Die
Gedärme schütteten sich vor ihm hin nach allen Seiten. Andere schleiften
darüber hinweg, glitschten in eine schmierige Blutlache, krochen über
ein Häuflein verspritzten Gehirns weiter ...
Einer gestikulierte, hatte den Mund weit offen, sprach, aber in dem
allgemeinen Geschrei versackten die Worte. Einer gurgelte, ein anderer
stieß ganz kurze trockene Hustenlaute hervor.
Viele waren wie irrsinnig, hatten Lachkrämpfe, knieten mit entblößtem
Oberkörper, wackelten mit dem Kopf, ohne sich von der Stelle zu rühren,
und starrten mit brennenden Augen lang in den Tumult.
Es wurde dunkel.
Scheinwerferabteilungen waren auf den Dächern der angrenzenden
Häuserblocks postiert. Scharfe Stöße Lichts blendeten herab.
Eine dritte Tankkolonne knatterte an und begann die Räumung des Platzes
von Norden her. Es waren wieder drei Kampfwagen, durch straff gespannte
Stahltrossen miteinander verbunden: so rasierten sie langsam und schräg
dahin.
Der Platz war nun völlig eingepfercht. Auch der einzige Ausgang war
nicht mehr frei, er war längst von Schwerverwundeten und von
Leichenhaufen verstopft.
Max kauerte zum Sprung geduckt in Deckung hinter einer dürftigen, aus
drei Toten aufgeworfenen Menschenbarrikade.
An ein Durchkommen war jetzt nicht mehr zu denken.
Max biß sich die Lippen: „Jetzt Achtung: daß mir nicht schlecht wird!“
Hob sich ein wenig und sah über den Platz hinweg die Straße hinunter:
immer noch rannten ab und zu welche im Zickzack, bis zu einer bestimmten
Grenze, hier streuten die M.-G.s eine genau vorher berechnete und
markierte Linie ab: dort klappten die Flüchtlinge plötzlich nach vorn
oder nach rückwärts in sich zusammen wie ein Taschenmesser, streckten
alle Viere von sich und blieben flach auf die Erde gedrückt liegen ...
Max schnellte hoch, wie eine Sprungfeder warf sich in ihm das Rückgrat,
setzte sich den Hut auf und schritt, als ob nichts geschehen wäre,
schräg über den Platz. Er hatte nur den einen Gedanken: wenn schon, dann
nicht von hinten, es ist leichter, den Tod im Angesicht ...
Der ganze Hinterkopf schien ihm offen, das Gehirn bloß zu liegen: eine
einzige Wundfläche ...
In diesem Moment öffneten sich sämtliche mechanische Sperren, die
Tankgeschwader führten einige kurze Manöver aus und ratterten ab.
Max sah noch, sich rasch in die Dunkelheit drückend, eine Hundertschaft,
noch eine, eine dritte im Laufschritt heranstürzend, mit gefälltem
Bajonett. Sie hatten den Befehl, die noch Lebenden von den Ermordeten zu
sondieren.
Der Platz lag unter den Scheinwerfern wie unter einer kaltgelben
gespenstischen Lichtdusche.
Wimmernd und langgedehnt, vollrauschend, oft wie Akkorde, so tönten
daraus noch Menschenschreie, der Platz machte von dieser Stelle aus den
Eindruck eines mit Zappelndem angefüllten Kessels, an den Wänden klebten
noch Menschen, die Truppen stießen sie der Mitte zu: dort schichtete
sich Haufen an Haufen ... Mit Eisensplittern, Geschoßspitzen,
Stahlspänen war reingekehrt.
Fleisch. Blut. Knochen.
Pulverqualm, Ausdünstung, Todesangstschweiß: es war ein feuchter Brodem
...
* * * * *
Es begann langsam in großen Tropfen zu regnen.
Bald ferner, bald näher: nun prasselte ein Gewitterhagel hinweg.
Es trommelte, knatterte, tackte ...
Viel Menschen fuhren erschreckt auf, öffneten die Fenster:
„Gehts los? ... Wird schon wieder geschossen? ...“
Nichts. Nur die Dunkelheit. Die Häuserfronten: zackige Konturen darin.
Hie und da zuckte ein Blitz. Die Dunkelheit leuchtete. Dann ächzte ein
Donner ...
* * * * *
Die ganze Stadt blieb die Nacht über aufgescheucht.
Schon die zweite Nacht in solcher Unruhe ...
Ueberall war es auch noch zu Zusammenstößen mit den „Vaterländischen“
gekommen.
Alle wichtigen Punkte der Stadt waren bereits im Lauf des Abends
militärisch gesichert worden. –
IX
Max trottete sich in einem beinahe bewußtlosen Zustand heim.
Oft mußte er sich anhalten, aber das waren nur die Aufregung und die
Nerven, er war unverletzt.
Oft wurde er angesprochen, ein Prolet sah ihm ins Gesicht, fragte ihn
kurz, drückte ihm die Hand und verschwand wieder im Dunkel.
„Rache!“
Dieses Wort hörte Max auf seinem Heimweg oftmals.
Auch an einer Gruppe von „Vaterländischen“ kam er vorbei, sie
unterhielten sich angeregt und laut, da sie in größerer Anzahl beisammen
standen. Sie trugen bereits Karabiner. Es waren breit aufgedunsene und
verfettete Gesichter, aber auch scharfgeschnittene Profile waren
darunter, richtige Galgenvögel- und Mördervisagen.
„Den Arbeiterschweinen wird jetzt gründlich der Garaus gemacht werden“,
quietschte einer. Er hatte dünne Beinchen und trug eine
Gymnasiastenmütze.
„Was suchst du Schwein hier!“ schrie einer, mit Schmissen im Gesicht,
Max nach, der ohne zu mucken weiterlief.
„Mach, daß du weiterkommst oder du bist eine Leiche ...“
Derartiges wurde ihm oft noch nachgerufen.
Max dachte: „Jetzt, jeden Augenblick ...“
Er spürte es in den Ohren ...
Es waren meist, wie sich Max schnell vergewisserte, Reserveoffiziere,
Studenten, Fabrikantensöhne, Angestellte, aber wenig, und hie und da
auch noch ein wütiger Kleinbürger.
Die gaben kein Pardon.
„Nun aber auch kein falsches Mitleid mehr wie früher diesen
berufsmäßigen Mörderbanden gegenüber ... Jeder von diesen, den wir
schonen, kostet uns Blut! ... Keine Illusionen mehr, die Blut kosten!“
Auffällig war: der Wachtdienst in und außerhalb der Kasernen wurde
durchwegs von verstärkten Offiziersposten versehen ... Holla, da stimmt
etwas nicht, schloß Max, die scheinen ihrer Sache nicht ganz sicher zu
sein, und Max schlich sich noch ein wenig in dieser Gegend herum, bis er
auf einen einzelnen Soldatenposten stieß.
„Kamerad!“
Der Soldat sprang drei Schritte zurück.
Dann lachte er plötzlich und kam auf Max zu:
„Rot Front!“
„Richtig, es rumort gewaltig auch unter uns. Dicke Luft. Sehr brenzlich.
Alles in Alarmbereitschaft. 30 Prozent sind euch, wenn es losgeht,
sicher ... Die Behandlung wird immer gemeiner: „Halten Sie die Schnauze
oder ich schieße Sie nieder ...“ Das ist gang und gäbe. Ohne Scheißkerl
und Arschloch kommt man uns gegenüber überhaupt schon nicht mehr aus ...
Gestern ist bei den Kraftfahrern ein Leutnant hochgegangen, bei den
technischen Truppen ein Major, auch bei den Fliegern ists faul ...
Fortsetzung folgt. Nun genug für heute! ... Rot Front!“
Max war auf diese Auskunft sehr stolz.
„Natürlich“, wiederholte er für sich, „einen Platz zu räumen und dazu
nur verhältnismäßig geringe militärische Kräfte einsetzen: das bedeutet
den Willen, den Vorsatz haben, es zu einem Zusammenstoß kommen zu
lassen. Das ist absichtlicher Massenmord von seiten der Regierung.
Mißverständnisse und Irrtümer sind bei der verhältnismäßig langen
Zeitdauer dieser Exekution völlig ausgeschlossen ... Ein neues
Schandwerk der Volksverbrecher ... Aber alles was sie tun, zwingt sie
mit unerbittlicher Folgerichtigkeit in ihre eigene Katastrophe hinein
...“
An der Ecke seiner Straße traf Max auf seinen Zimmernachbarn, den
Straßenbahnschaffner.
„Na, und –“
„Schon beschlossene Sache: Morgen ist Generalstreik. Einstimmig
angenommener Beschluß ... Sollst sofort in das Lokal von Fritz kommen
... Wartete auf dich, um dir das zu sagen ... ich hab einen anderen
Auftrag, muß noch in die Stadt ...“
Aus seiner inneren Manteltasche zog der Straßenbahnschaffner ein Pack
Klebestreifen hervor.
„Nieder mit der Mörderregierung! Es lebe die Diktatur des Proletariats!
Generalstreik! Alle Macht den Räten!“
X
Max klopfte sein Zeichen.
Der eiserne Rolladen vor der Eingangstür der kleinen Gastwirtschaft hob
sich ein wenig, Max schlüpfte hindurch.
Ungefähr fünfzig Genossen waren anwesend.
* * * * *
Niemand sprach ein Wort.
Der Genosse Lange saß in der Ecke, den Kopf eingebunden, so
kreidebleich, staunte Max, habe ich noch nie einen Menschen gesehen.
Lene schluchzte in sich hinein.
Es dauerte eine halbe Stunde.
Einer stand hin und wieder auf und ging vor sich hersummend unruhig auf
und ab.
Hie und da zählte einer still für sich die Anwesenden.
Zehn Genossen waren noch dazugekommen.
„Nun aber Schluß!“ Genosse Lange erhob sich.
„Wer fehlt!?“
Dann erstatten die Betriebszellenobleute kurz Bericht.
„Also, das sind allein von unserer Gruppe zehn Mann. Nahezu ein fünftel
... Auch Genosse Friedjung. Die Funktion übernimmst du, Max.
Einverstanden!“
Das „ja“ war das selbstverständlichste von der Welt.
„Weiß jemand etwas vom Genossen Friedjung?“
Mehrere Genossen meldeten sich.
„Einige Polizeiagenten haben ihn herausgestochert. Er muß schwer
verletzt sein. Man hat ihn über den Platz fortgetragen ... In ein
Sanitätsautomobil ...“
„Gut, wir wissen Bescheid ...“
* * * * *
„Also! Genossen und Genossinnen! Morgen ist wahrscheinlich Generalstreik
...“
Max bestätigte:
„Es ist schon sicher ... Einstimmig ...“
„Also, um so besser! Wir erwarten heute noch einen Kurier der Zentrale
... Ich denke, bis dahin werde ich einen kurzen Ueberblick über die
politische Lage geben ... Ich glaube, eine Diskussion zu diesem Punkt
ist nicht nötig ... Dann wird inzwischen der Kurier erschienen sein, und
wir werden im Anschluß daran sofort das Weitere beraten. Im übrigen:
seit heute werden keine neuen Mitglieder mehr in die Partei aufgenommen.
Den Revolutionsschmarotzern muß gleich im Anfang das Handwerk gelegt
werden ... Dies nur nebenbei ...
„Die Kriegsgefahr zwischen Amerika und Japan hat sich bedeutend
verschärft. Die Kriegsvorbereitungen haben ihren Höhepunkt erreicht. Wie
das amerikanische und japanische Proletariat darauf reagiert, ist noch
ungewiß. Ferner: die Hälfte aller Betriebe ist in Deutschland
stillgelegt. Der Außenhandel war in dem vorhergehenden halben
Jahre gleich null. Die Stabilisierung ist zu Ende ... Die
Absatzschwierigkeiten aller kapitalistischen Staaten sind enorm. Auch
das Mandat, das Deutschland vom Völkerbund über seine früheren Kolonien
erhalten hat, konnte nicht viel retten. England hat die größten
Schwierigkeiten in Indien. Der Konkurrenzkampf hat die schärfsten Formen
angenommen. Eine kriegerische Auseinandersetzung ist nicht mehr zu
vermeiden ... Jeden Tag also ist die Kriegserklärung zu erwarten, oder
vielmehr die erste kriegerische Handlung ... Wir alle wissen, was das
bedeutet ... Selbstverständlich ist es für uns gleichgültig, wer,
diplomatisch gesehen, der angreifende Teil ist. Jeder der Partner ist
gleichschuldig und ein Räuber ... Zur Lage in Deutschland im besonderen:
überall Plünderungen von Lebensmittelgeschäften, Industriekrisen, eine
ungeheure Arbeitslosigkeit, verbunden mit Hungersnot, besonders in den
ländlichen Bezirken, wo teilweise von den völlig industrialisierten
Großgrundbesitzern das Getreide zurückgehalten wird, Hungersnot also bei
vollen Scheunen ... Die nationalistischen Banden bewaffnen sich ... Zu
gleicher Zeit starke Tendenzen, den Krieg gegen Russland zu proklamieren
als „heiligen Krieg“ und damit im Zusammenhang der Entschluß der
kapitalistischen Regierungen, zu diesem Zweck die revolutionäre
Arbeiterschaft mit treuer Unterstützung der allerdings heute völlig
isolierten SPD.-Führerschaft entscheidend aufs Haupt zu schlagen ...
Also, wir befinden uns alle inmitten eines Krisenwirbels von
internationalem Ausmaß ... Die weitesten Kreise der werktätigen
Bevölkerung stehen heute hinter uns und sind bereit, mit uns ...“
Der Kurier der Zentrale stürzte herein.
* * * * *
Und!
?
Er schüttelte kräftig dem Genossen Lange die Hand.
Alle Genossen waren wie elektrisiert aufgesprungen.
Und –
Und –
Nur zwei Worte brachte der Kurier noch heraus:
„Generalstreik! ...“
„Krieg dem Krieg!“
Viele Genossen umarmten sich. Einige heulten drauf los.
Einer flüsterte nur immer wieder die Namen:
„Rosa!“ „Karl!“ „Lenin!“
„Bravo! Nun Gott sei Dank! Endlich!“
Lene stürzte auf Max zu:
„Na, Max, hab ichs nicht gleich gesagt ...“
Max sang leise vor sich hin.
„Daß ich das noch erleben durfte ...“
„Nun aber zur Sache!“
Der Kurier stürzte fort.
Es war feierlich und ernst.
Eingehend wurden die einzelnen organisatorischen Maßnahmen besprochen.
XI
Die Regierung beriet ununterbrochen Tag und Nacht.
Die Herren kamen kaum noch zum Essen ...
Das Regierungsviertel war ein offenes Heerlager.
Die Keller der Regierungsgebäude waren in Waffenmagazine umgewandelt
worden. An jeder Straßenecke Alarmmelder. Ueberall ragten
Antennenmasten.
Die Bannmeile ward erneut militärisch-mechanisch abgesperrt ...
* * * * *
Der Präsident der Republik war damals schon altersschwach. Er litt an
Arterienverkalkung. Er saß in einem der Konferenzzimmer in einem hohen
Lehnstuhl, dessen Rückenwand mit dem Adler und mit den Reichsfarben
geschmückt war. Er trug Pulswärmer und hatte die geschwollenen Füße in
ein dickes Plaid eingewickelt. Seine Frau titulierte er mit dem
Kosenamen „Schnucki“. Die Augenbrauen waren ihm nach Bismarck-Art
buschig über der Nasenwurzel zusammengewachsen. Er atmete schwer. Von
Zeit zu Zeit erhob er sich, eine Klingel schrillte durchs Haus, aus
allen Beratungszimmern strömte es herbei, und der Präsident sprach:
„Hochansehnliche Versammlung! Hohes Haus! Einigkeit macht stark. Unsere
Stärke ist die Einigkeit. Schon damals, als mich das Vertrauen des
Volkes auf diesen hohen und verantwortungsvollen Posten berufen hatte,
erklärte ich, daß ich mich besonders der Armen und Elenden annehmen
werde, aller jener, die in dem gewaltigen wirtschaftlichen Ringen
unserer Zeit nach Aufopferung ihrer Kräfte zu Boden liegen. Mein
Bestreben bleibt es auch heute, die Klassengegensätze zu mildern, ich
reiche darum heute erneut jedem Deutschen feierlich die Hand. Durch
Treue und Pflichterfüllung auch im Kleinsten müssen wir uns die Achtung
in der Welt wiederverschaffen. Durch Selbstachtung zur Weltachtung! Dann
kann Deutschland nicht untergehn ... Treue um Treue! ...“
Diese Rede las er ab.
Das Blatt knisterte bedenklich. Der Präsident litt auch an einem
ausgesprochenen Tatterich.
„Hat der Trottel den Aufruf „An mein Volk“ jetzt endlich
unterzeichnet!?“ fragte inzwischen ein höherer Militär einen Sekretär
des Innern.
Der Sekretär nickte diensteifrig.
„Alles druckfertig, Exzellenz, hier in meiner Mappe ... Man mußte ihm
dabei die Feder führen ... Schrecklich, nicht wahr, schrecklich ...“
* * * * *
Ueber das Land war der Ausnahmezustand verhängt. Die Militärdiktatur war
errichtet.
Die Zimmer, in denen wirklich über Wohl und Wehe des Landes entschieden
wurde, lagen in einem anderen Stockwerk. Die Minister und die einzelnen
ministeriellen Abteilungen wurden von dorther nur kurz unterrichtet und
hatten weiter nichts zu tun, als binnen kürzester Frist die einzelnen
Ordres genau nach Anweisung auszuführen.
Die sämtlichen militärischen Befehlshaber der einzelnen Kommandobezirke
der Hauptstadt waren erschienen. Der englische und der amerikanische
Militärattaché waren ebenfalls zugegen.
* * * * *
Der Chef des Generalstabes referierte:
„Amerika beabsichtigt, spätestens noch diese Woche anzugreifen. Der
diplomatische Vorwand wird soeben geschaffen. Die Entscheidung liegt
letzten Endes natürlich zwischen Amerika und Russland. Gemäß unserer
Verpflichtungen, unseres militärischen Uebereinkommens, haben wir
Deutschland als Aufmarschgebiet gegen Osten übernommen: unsere
Vorbereitungen sind abgeschlossen. Genügend Plätze zur Landung und zur
Verproviantierung von Bombenflugzeuggeschwadern sind vorhanden. Unsere
eigenen Farbstoffabriken arbeiten mit Hochdruck ... Russland
mobilisiert. Das ist das wichtigste Moment der letzten vierundzwanzig
Stunden. Diese Nachricht wird von uns geheimgehalten. Denn wir befinden
uns dadurch ohne Zweifel in einer verzwickten Lage. Denn bedenklich
mußte uns schon an und für sich, abgesehen von dieser Tatsache, die
Entwicklung unserer inneren Lage stimmen, die Arbeiterbewegung wird
weiter entschieden radikal terrorisiert ... Auch große Teile der übrigen
Bevölkerung treiben im revolutionären Fahrwasser ... Die Bekanntgabe der
russischen Mobilisation, diese Nachricht wäre unseres Erachtens der
Funke ins Pulverfaß! Wie Sie wissen, meine Herren, gestern abend ist es
bereits zu einem aufstandähnlichen Zusammenstoß gekommen. Es ist uns
gelungen, diese sporadische und ihrem Charakter nach spontane Bewegung
ohne jeden Verlust für uns im Blut zu ersticken. Dieser Erfolg darf uns
über den Ernst der Gesamtsituation nicht hinwegtäuschen. Wir haben jetzt
ein heikles Thema zu besprechen. Bei dieser Beratung kommt es vor allen
Dingen darauf an, Richtlinien für die wirksamste Niederkämpfung der
Aufständischen und für die Unschädlichmachung ihrer Führer und für die
Aushebung ihrer Unruheherde auszuarbeiten, gemeinverständlich, so daß
sie jeder Mann im Heer begreift, besonders aber haben wir darüber zu
entscheiden, ob, unter welchen Umständen und in welchem Ausmaß chemische
Kampfstoffe eingesetzt werden sollen. Es ist eine Frage der
Zweckmäßigkeit. Wobei das ideologische Moment nicht zu unterschätzen
ist. Ich bitte die einzelnen Sachverständigen diese beiden letzten
Punkte besonders scharf im Auge zu behalten! ...
„Noch das eine: bitte, meine Herren, berücksichtigen Sie: wir haben
keine Zeit zu verlieren; also kurz und bündig!“
* * * * *
Die Beratung dauerte nicht lang.
Der Bericht des chemischen Sachverständigen fiel zur allgemeinen
Zufriedenheit aus.
Man war prinzipiell einstimmig für die Anwendung der chemischen
Kampfstoffe, doch sollte dieses Mittel so lang wie nur irgend möglich
aufgespart werden. Und wenn eingesetzt, öffentlich abgeleugnet und vor
allem auch eine Gasbeschießung bezw. Gasausräucherung von
Kommunistennestern durch Anwendung genügender Mengen von Brisanzmunition
verschleiert werden.
Außerdem sei in der nachfolgenden Pressekonferenz gebührend und
eindringlich darauf hinzuweisen, daß es sich im Fall der Anwendung von
Gasen von seiten der Regierungstruppen um einen an sich höchst
bedauerlichen Fall von Notwehrakt bezw. Gegenmaßnahme handle, daß immer
aber nur betäubende Gase, d. h. Reiz- und Tränengase, zur Verschießung
kommen, die im übrigen bei weitem humaner und bedeutend weniger
verlustbringend seien als die blanke Waffe bzw. das Brisanzgeschoß.
Ferner: zuverlässigen Nachrichten zufolge hätten die Kommunisten schon
an anderen Orten Gasmunition verschossen, besäßen außerdem umfangreiche
Gasläger und arbeiteten nach russischer Tschekamethode mit
Bakterienschleuderapparaten und Cholerabazillen. –
* * * * *
Wieder sprach der Präsident:
„Nun denn also! Im Namen – zum Wohl unserer geliebten deutschen
Schicksalsgemeinschaft – im Namen des Allerhöchsten!“
Und unterschrieb den besonderen Schießerlaß, nach dem jeder, der mit der
Waffe in der Hand ... ohne weiteres, sofort ... und den Geheimbefehl an
die Kommandostellen der Flugzeuggeschwader, der Kampfwagenabteilungen
und der technisch-chemischen Spezialtruppen über die Anwendung von
giftigen Gasen im Fall eines Bürgerkrieges.
Die Kommandeure traten ab.
Eine zweite kurze Besprechung folgte.
„Die Lage in Amerika aber scheint nach unseren letzten Berichten doch
nicht so ganz einfach zu sein ... Heutzutage ist es den ziemlich
aufgeklärten Massen gegenüber auch nicht mehr so kinderleicht, einen
einigermaßen passablen Kriegsvorwand zu finden ... Doch Geschäft ist
Geschäft ... Damit basta ...“
Einige prominente Gewerkschaftsführer erhielten das Wort.
„Wir können nur immer und immer wieder betonen, wir werden unsere
Pflicht tun. Was in unseren Kräften liegt ... Aber wir sehen die Lage
schwarz in schwarz. Die Arbeiterschaft ist gewillt, zu kämpfen, sie
folgt unbedingt den Parolen der Kommunistischen Partei, die jedes
Kriegsabenteuer mit dem Aufruf zum Bürgerkrieg beantworten wird ... Wir
selbst sind ziemlich einflußlos geworden ... Wir warnen also dringend
... Ist der Krieg – sei es der Bürgerkrieg oder der äußere Krieg – aber
einmal ausgebrochen, so ist es selbstverständlich, daß wir uns auf den
Boden der gegebenen Tatsachen stellen, d. h. auf der Seite der
verfassungsmäßig gewählten Regierung stehn werden. Wir folgen damit nur
der bewährten ruhmreichen Tradition unserer Partei. Nur möchten wir
bitten, um wenigstens den demokratischen Schein zu wahren, das Parlament
nicht völlig auszuschalten. Vielleicht hie und da so eine kurze Sitzung,
in der selbstverständlich nur Regierungsvertretern oder Abgeordneten der
verfassungstreuen Parteien das Wort erteilt werden soll. Wir stimmen im
übrigen von vornherein dafür, daß auch die kommunistischen
Parlamentarier außerhalb des Gesetzes gestellt werden.“
Der Kommandeur der Schutzpolizei erschien und erstattete über die
Vorfälle anläßlich der Demonstration am 1. Mai Bericht.
„Rhinozeros! Sie Gamaschenknopf!“ schnauzte ihn ein militärischer
Befehlshaber kameradschaftlich an.
„Sie haben die ganze Lage künstlich überforciert. Die Folge ist morgen
Generalstreik. Es geht uns zu frühzeitig los ... Haben Sie schon etwas
Sicheres über den Termin, wann die losschlagen ... Na, sie werden ja
ihrer Gewohnheit gemäß sich wieder gewaltig in der Zeitbestimmung, im
Tempo verrechnen, das ist das einzige, was die Kommunisten immer noch
nicht gelernt haben ... Also Nachrichten, detaillierte Angaben über
Stimmung der Bevölkerung usw. Es ist höchste Zeit ... Und dann studieren
Sie in Zukunft mit mehr Sorgfalt unser Reglement über den Bürgerkrieg
...“
„Ich habe gemeint“, stotterte der Schutzpolizeiler heraus, „je blutiger
der erste Tag, desto besser ...“
Aber er hatte seine Schlappe weg.
Mehrere Vertreter der „Vaterländischen Verbände“ baten um Gehör.
Sie jammerten über Zersetzungserscheinungen. Ohne hinreichende
Geldunterstützung von seiten der Großindustrie sei nichts zu machen. Die
Kleinbürger seien nur noch mit alleräußerster Anstrengung bei der Stange
zu halten. „Jede Stunde, die wir zögern, bedeutet für uns eine ebenso
gewaltige moralische wie auch materielle Schlappe. Alles ist bei uns auf
sofortiges Losschlagen eingestellt. Dieser Stimmung müssen wir Rechnung
tragen. Wir lassen uns ohnedies vielzuviel gefallen. Endlich ist die
Stunde gekommen, rücksichtslos durchzugreifen ... Wenn sich die
Arbeiterschaft erst wieder erholt, dann „Kopf ab“ und „Gute Nacht!“ Für
den Gummiknüppel ist die Zeit zu ernst ...“
„Ganz unsere Meinung“, pflichteten Vertreter der Industrie und der
Landwirtschaft dem Vorredner bei. „Sehen Sie sich, meine Herren, bitte
die Betriebe an! Fünfzig Prozent davon stillgelegt, und der Rest
arbeitet, aber fragen Sie nur nicht, wie. Unter passiver Resistenz,
unter täglichen Sabotageakten ... Nein, so geht es nicht mehr
weiter. Keineswegs ... Und der Zustand der Eisenbahnen. Die
Eisenbahnergewerkschaften sind von allen die aufsässigsten ... Jeder
Respekt vor der Autorität der Regierung ist zum Teufel ... Wir
Arbeitgeber können die Ausartung unserer Republik in den Bolschewismus
keineswegs dulden. Schon heute spricht man mit Fug und Recht von einem
Staat im Staate ... Und wie sieht es auf dem Land aus? ... Unsereins ist
ja seines Lebens nicht mehr sicher ... Jetzt oder nie ... Meine Herren,
entscheiden Sie sich jetzt, unmittelbar, sofort: oder unser aller
letztes Stündchen hat geschlagen ...“
„Bitten Sie den Leiter der politischen Abteilung der Polizei!“
Oberregierungsrat Ledermann erschien.
„Ihr Nachrichtenmaterial bitte. Wir brauchen unverzüglich konkreteste
Angaben. Unserer militärischen Exekution muß sofort ein großangelegter
Propagandafeldzug koordiniert werden. Lassen Sie Berichte anfertigen,
Zeugenaussagen, Geständnisse von Gefangenen ... Nicht allzu konstruiert,
es muß raffinierter als bisher kombiniert werden ... Man ist draußen im
Land inzwischen durch verschiedene unserer Fehlleistungen hellhöriger
und scharfsichtiger geworden. Mißgriffe in der augenblicklichen
Situation können wir uns nicht leisten, jede Zufälligkeit kann
katastrophale Auswirkungen haben ... Also: Sie verbreiten zunächst
alarmierende Meldungen über kommunistische Putschvorbereitungen, bezw.
setzen Sie sich mit den entsprechenden Stellen augenblicks in Verbindung
und lassen Sie durch Polizeiagenten Attentate und andere Terrorakte, am
besten auf sogenannte dem Volksempfinden nach geheiligte Orte, wie
Kirchen, Säuglingsheime, Krankenhäuser usw., fabrizieren. Das neulich am
1. Mai soll die Feuerprobe gewesen sein. Nun also rüstig weiter ...
Lassen Sie noch heute einige Höllenmaschinen in die kommunistischen
Parteibüros einschmuggeln. Dadurch kommen wir zu einer populären
Begründung der allgemeinen Mobilisierung. Dadurch bekommen wir auch
bedeutend mehr Reserven heran und können die unzuverlässigen Regimenter
auffüllen. Setzen Sie Fahndungskommandos ein, schreiben Sie Kopfprämien
aus, zunächst muß der ganze Funktionärkörper der Kommunisten
rücksichtslos zerschlagen werden. Erst auf dieser Basis können wir dann
erfolgreich an der Sanierung weiterarbeiten. Fälle von Insubordination,
Meuterei bei der bewaffneten Macht, rote Zellenbildungen in Armee und
Marine sind mir direkt zu melden. Anweisung an die Kriegsgerichte:
exemplarisch bestrafen, sofort Exempel statuieren! Keine offizielle
Hinrichtung revolutionärer Führer. Solche sind auf der Flucht zu
erschießen bezw. ist in besonders geeignet erscheinenden Fällen
geschickt ein Selbstmord zu arrangieren ... Was „Auskundschafter“ und
derartige Individuen anbetrifft, so kaufen Sie in großer Anzahl dazu
geeignete Subjekte auf, wir brauchen Vorrat für mindestens einen Monat.
In den Obdachlosenasylen, die Sie durch Polizeistreifen säubern lassen
müssen, werden gegen entsprechendes Handgeld sich immer welche in großer
Anzahl finden lassen ... Jede derartige Dienstleistung wird gegen bar
honoriert. Nach festen Sätzen. Spesen extra. Staatsstellung in Aussicht
stellen ... Ich empfehle mich und erwarte Sie spätestens morgen früh
persönlich zum Bericht ...“
Der Oberregierungsrat war entlassen.
Die verschiedenen Herren verabschiedeten sich.
Man salutierte. Stand stramm.
Alle gingen an die Arbeit.
Der Chef des Generalstabs stand mit mehreren Offizieren vor der Karte.
Mit blauen Marken wurde Berlin eingekreist ...
* * * * *
Die Telefunkenzentrale fieberte.
Telegraphenapparate klapperten.
Lärmende Gerüchte poltern durch Stadt und Land.
Extrablätter:
„Generalstreik!“
Extrablätter:
„Entdeckung kommunistischer Waffenlager. Drohender Kommunisten-Putsch.
Kommunistische Giftgase ... Die Regierung hat die Mobilisation
angeordnet ...“
XII
Unter den Schwerverwundeten befand sich auch Peter.
Er hatte einen Nierenschuß, und zwar einen Querschläger. Die rechte
Hüftenseite war fleischig ausgefetzt.
Sein Zustand war hoffnungslos.
Daran war überhaupt nicht zu zweifeln.
Er war als Polizeihäftling in das Krankenhaus eingeliefert worden.
Es war jetzt Abend. Die Vögel sangen im Krankenhausgarten. Immer wieder
schrillte die Torglocke. Aufnahme an Aufnahme. Auf den Gängen war
Bewegung ...
* * * * *
Peter lag in einer vergitterten Einzelzelle.
Der Arzt untersuchte kurz. Auf einer Holztafel wurde der Name mit Kreide
aufgeschrieben. Drei Polizeikommissare erschienen, wie es hieß, zu einer
vorläufigen Vernehmung.
Der Sterbende sprach nicht.
Drei photographische Aufnahmen wurden gemacht. Man zog ihm dazu die
Jacke wieder an, drückte ihm den Hut auf, dann stellte man ihn aus dem
Bett heraus an die Wand.
„So stehen Sie doch! Stellen Sie sich doch nicht dümmer an als Sie sind!
Knicken Sie doch nicht immer wieder in sich zusammen wie ein hohler
Schlauch! ...“
Fingerabdrücke. Messungen.
Der Arzt spritzte, um den Sterbenden dabei frisch zu halten, Herzmittel.
Man mußte aber auch noch eine Aussage erpressen, man mußte, koste es,
was es wolle, ein Geständnis erzwingen, klipp und klar mußte es sein,
gemeinverständlich für jedermann, nur er, Peter, konnte darüber
Aufschluß geben; der Student: war er nicht Leiter einer militärischen
Abteilung, vielleicht gar der berüchtigten kommunistischen GAKAB,
Gaskampfabwehrabteilung!? Man war informiert darüber. Peter wußte am
ehesten Bescheid ...
„Lassen Sie, bitte, Herr Doktor, Sekt auffahren! ... Wünschen Sie zu
rauchen, eine Zigarette gefällig, Herr Friedjung ... Oder was ist Ihnen
angenehm!? ... Haben Sie vielleicht Angehörige, gute Freunde, ein
Fräulein Braut, die Sie noch sprechen möchten ... Verheiratet sind Sie
ja nicht ... Und ihr Herr Vater, eine telegraphische Benachrichtigung
vielleicht ... Wir stehen Ihnen selbstverständlich zu jeder Art
Dienstleistung bereitwilligst zur Verfügung. Das ist auch der
eigentliche Grund unseres Kommens ... Aber bequemen Sie sich bitte zu
einer ganz kurzen Aussage. Ihr Entgegenkommen soll Sie nicht reuen ...
Sie kennen doch den ... Und wo hält der sich auf ... Bitte, bitte, wir
lassen Sie sofort in Ruhe. Sie sind aus der Haft entlassen! Sofort sind
Sie frei ...!“
Peter schwieg.
Nur einmal drehte er sich kurz auf:
„Lassen Sie mich doch ... Quälen Sie mich nicht ... Sie wissen doch, es
hat keinen Zweck ... Das müßten Sie sich doch eigentlich selbst sagen.
Wozu diese Folter ... Sie müßten sich eigentlich schämen ...“
Wieder wurde er im Bett aufgesetzt.
„Sehen Sie, Herr Friedjung, Herr „Doktor“, alle diese Unannehmlichkeiten
müssen Sie über sich ergehen lassen. Sie erschweren sich durch Ihr
hartnäckiges, uns geradezu unverständliches Schweigen nur ganz
unnötigerweise selbst die Lage ... Wollen Sie ... Es geschähe in einer
solch kritischen Situation auch sicher im Einverständnis mit der Partei
...“
Peter schwieg.
„Na, also, da müssen wir scheinbar andere Seiten aufziehen, da werden
wir kurzen Prozeß machen. Wollen Sie jetzt oder wollen Sie nicht, Sie
verfluchtes Kommunistenschwein? Heraus mit der Sprache: Wo sind eure
Gasläger!? He! Oder wir brechen Ihnen noch bei lebendigem Leib die
Knochen entzwei ... Sie haben vielleicht gehört, in Ihrem schönen
heiligen roten Rußland benützt man Gefangene dazu, um an ihnen ein neues
Gas auszuprobieren ... Daß so ein Dreckskerl, so ein Luder wie du nur
ein Mal verreckt, das genügt nicht ... Man müßte die Kommunisten, diese
Kannibalen, zur Vivisektion freigeben ...“
Und versetzte ihm einen Puff, daß der Sterbende an die Wand rutschte.
„Warte, du wirst gleich aus dem Bett herauskollern, Freundchen, dann
wirst du schön hübsch und brav auf dem Boden unseren Dreck fressen ...“
„Laß ihn deinen ... lecken, diese Kommunistensau, so haben es seine
Bundesbrüder, die Franzosen, mit unseren Gefangenen gemacht ... Na, so
ein stures Vieh ...“
Einer der Kommissare klingelte.
Der Arzt erschien.
„Herr Doktor, der Kerl schweigt. Haben Sie vielleicht so was wie einen
elektrischen Pinsel!? Oder, was stark schmerzt, eine Aetherinjektion
vielleicht unter die Haut!? Oder kann man ihn noch in eine drei Viertel
Narkose, in einen Chloräthylrausch versetzen, um dadurch vielleicht
etwas herauszukriegen!? ...“
„Aber meine Herren, ich muß davon abraten. Diese Mittel versprechen hier
keinen Erfolg mehr, fühlen Sie doch den Puls, bei Mittelkranken ja, aber
in solchen Fällen: kurz vor dem Torschluß, fünf Minuten vor dem Exitus
... Ich bin zwar Gerichtsarzt und in erster Linie Gehilfe des Richters,
aber, Herr Inspektor, wir wollen uns doch nicht noch an einer Leiche
vergreifen ...“
Der Herztakt des Sterbenden galoppierte. Setzte aus. Brach sich wieder
stockend, zögernd durch ... tropfenweise ... Dann hämmerte er ganz, ganz
langsam ...
„Sehen Sie doch! ...“
Der Arzt lüpfte die Decke.
„Es kommt ganz dick durch den Verband ...“
„Ein solches Kommunistendreckschwein!“
„Aber Herr Friedjung,“ versuchte es jetzt wieder einer der Kommissare,
„ich beschwöre Sie, im Augenblick Ihrer letzten Stunde, vor Gottes
Angesicht! Auch ich bin innerlich tiefreligiös und ich spreche jetzt zu
Ihnen wie Mensch zu Mensch! ... Sie können uns doch unmöglich so
unverrichteter Dinge abziehen lassen! Versetzen Sie sich, bitte, wenn es
Ihnen auch schwer fällt, doch einmal für einen Augenblick in unsere
Lage! Was wird unser Chef dazu sagen, wenn wir so mit leeren Händen nach
Hause kommen! Wir verlieren Ihretwegen, Herr Friedjung, noch unsere
Stellung! Und sind allesamt doch verheiratete Männer, bedenken Sie, mit
Weib und Kind und Haushalt! Sind schließlich doch auch nur Proletarier!“
„Also, haben Sie Erbarmen mit uns!“ gab ein zweiter dazu. „Mut gefaßt.
Auf eine Aussage mehr oder weniger kommts doch nicht an. Sprechen Sie,
wir sind doch Männer! Deutsche ehrliche offene Männer, die nichts zu
befürchten und zu verschweigen haben, und wenn die Welt voll Teufel wär,
unsere feste Burg ist unser Gott. Also ... Wir wollen im Grund letzten
Endes doch alle das Gleiche ...“
Peter schwieg ...
Die Kommissare zogen türenschlagend ab.
Die Schritte schleiften den Gang hinunter, ein Schlüssel klirrte, eine
Tür schnappte ... Nur fern wo schrie jemand ...
„Der Nächste ...“
„Halt auch du stand, Genosse, und schweig!“
Peter war mit sich allein. –
XIII
Sind es Spinnenweben!? Licht-Gespinste? Sind es Strahlengeflechte, die
kreuz und quer in sich verschlungen, durch den Weltraum gezogen sind!?
Nein.
Es ist das Gitter.
Und das Gitter kommt auf Peter zu, wandert, wandert vor ihm her, wandert
ihm nach bis in den kleinsten Weltwinkel.
Er steht in einer sauberen Stube. Er ist einem Mädchen gut. Er hat sie
umgefaßt. „Du, wollen wir nicht zueinander „Du“ sagen!?“ Er ist
eigentlich ganz glücklich ...
Da senkt sich auch schon wieder schwer, schwarz, vierkantig und
schemenhaft vor ihm das Gitter herab.
Das Gitter spricht:
„Bevor ich nicht zerbrochen bin, gibt es für dich Ruhe nicht! ... Peter,
tu deine Pflicht! ... Feile, beiße dich mit den Zähnen fest, reiße deine
Hände wund daran, kniee dich herauf zu mir, ziehe dich zu mir empor,
presse deine Schädelknochen hinein zwischen mich, rüttle daran, schüttle
mich ... Friß das Gitter ...“
Das Gitter spricht:
„Ich laß dich nicht!“
„Wie schön das Leben ist!“ flüstert Peter. „Die Berge, das Meer,
wellengebuckelt, Gewitter darüber metallisch, wie über einer gerippten
Fläche aus schwarzem Erz! Und die Jahreszeiten! So ein Winter voll
Schneefließen und Skilauf! ... Wie die Bäume blühen, die Wälder duften
... Wie ein Klotz liegt man ausgestreckt inmitten des Wiesenkrauts ...
Windmühlenflügel am Horizont! Kornwagen, die auf der steinigen
Landstraße polternd von der Ernte dorfwärts schwanken ... Menschen,
gebräunte knochige Gesichter, die in der Schenke vor einem hölzernen
Tisch sitzen, bei Rauch und bei Wein! ... O noch einmal! O noch _ein_
Mal!“
Und wieder fällt das Gitter, ein Netz diesmal, gewoben aus Geschoßbahnen
und Feuerdampf, es fällt und fällt, bis der ganze Weltraum durchgittert
ist. Auch das „schöne Leben“ durchgittert ist! Irrsinnig flackernde
Augenpaare dahinter, Bajonette und Stacheldraht, Knochenknacken und
Aechzen und Tränenwimmern, das schwere Stampfen einer Riesenpumpe, die
Menschenblut pumpt, die Menschenmark, Menschenlebenskraft saugt.
Mordmaschinen, Fabrikanlagen: Massenmord wie harmloses Kinderspielzeug
fabrizierend ...
Da sind Menschen, die vor dem Gitter flüchten. Menschen, die hinter dem
Gitterwerk träumen. Es ist ein goldener Käfig, darin sie sich schändlich
zutod träumen. Die Stäbe sind broncen lackiert ...
Das Gitter wächst ... Setzt Glieder an, Knoten, Verkuppelungen ... Es
kann Menschen umarmen, Menschen umarmend zu Tode drücken. Die
Gitterstäbe sind vielkantig, messerscharf ...
Und das Gitter steht mitten in Europa.
Und das Gitter steht in Asien.
Steht um Afrika herum ...
Dehnt sich aus und zieht sich wieder zusammen ...
Schwimmt aufrecht stehend übers Meer –
Umgittert Japan. Umgittert China ...
* * * * *
Die Gitterstäbe werden lebendig, sind Menschen, uniformiert, bewaffnet
mit Pistolen und Handgranaten ... Und das lebendige Gitter marschiert,
macht Menschenjagd ... Und die Gitterstäbe pflanzen sich wie spitze
Pfähle fest mitten hindurch durch Menschenleiber. Und das Gitter
schwenkt sich jetzt wehend im Wind wie eine Fahne über krampfhaft sich
zutode zuckende Menschenhaufen. Diese Fahne ist gehißt auf einem
pyramidenähnlichen Hügel von Leichenmüll.
Die Fahne spricht:
„Ich proklamiere die Menschenrechte. Ich bin die Fahne der Zivilisation!
Glaubt denen nicht, die da sagen: ich sei eine Todesfalle. Glaubt denen
nicht, die da prophezeien, ich würde über kurz oder lang dennoch
heruntergeholt. Beugt euch, ihr heidnischen Völker, in Glauben und Demut
vor mir. Ich bin das Christentum. Ich bin die Erlösung. Die Freiheit,
die Arbeit, das Glück, die Lebensmöglichkeit für alle ... Ich bin der
Menschheitsfortschritt ...“
* * * * *
Ein feiner, in messerscharfen Strichen heruntergerissener Regen rann.
Rann senkrecht und wagrecht und schlang sich plötzlich um Peter herum,
ein fließendes Gitter ... Ein unentwirrbares Regendickicht. Bis ein
gewaltiger Lichtsturz niederschoß ... das Regengitter durchschmolz ...
Unter der Glut einer roten Sonne löste es sich auf.
Peter stand frei in einer unbegrenzten Landschaft.
Eine unendlich tiefe, jubilierende, glanzblaue Klang-Mulde war die Welt.
–
* * * * *
Ein Genosse reichte ihm die Hand.
Die Hand Peters war farblos geworden, alles Blut hatte sich in das
Herzinnere zurückgezogen, Peter sah auf seine Hand hinab: da lag sie vor
ihm auf der bunt gewürfelten Bettdecke, groß, ausgeruht, unfaßbar fremd.
„Gute Nacht! Peter!“ nickte der Genosse ihm zu. „Hasts gut gemacht! Hab
keine Zeit, viel noch zu schaffen. Muß jetzt weiter ...“
„Bleib wohlauf!“ antwortete Peter, und das schon aus einem sehr tiefen,
wie mit einer samtenen Nacht ausgelegten Hintergrund hervor: „Laß dirs
gut gehen! Du schaffst es schon! Zähne fest zusammenbeißen.
Weiterarbeiten so. Nicht wahr ...! Denn das eine steht heute
unumstößlich fest: mag der Einzelne auch fallen, das Ganze, die
proletarische Klasse siegt! ...“
Das sprach Peter schon wortlos.
Der Genosse hörte es nicht mehr.
Dieser Genosse, von dem Peter jetzt Abschied genommen hatte, war aber
nicht ein einzelner. Keine Einzelperson. Er war anonym, namenlos, dieser
Genosse war: die Partei, dieser Genosse war: das Proletariat, dieser
Genosse war die Masse aller Ausgebeuteten und Verelendeten. Dieser
Genosse war die siegreiche Revolution.
Dieser Genosse hieß auch: die Zukunft der Welt. –
* * * * *
Peters Lippen bewegten sich immer noch.
Nun versank er in sich.
Die Augen glühten glanzweiß ...
Menschenmassen schrieen gegeneinander. Menschenmassen schoben immerfort
kämpfend sich aufeinander zu ...
Die Geräusche bewegten sich jetzt von ihm fort, wie ein Blätterschwall,
der dicht über den Boden dahinfegt.
Noch einmal wölbte sich ein Wipfel von Geräusch über ihm: Schüsse,
Schreie, Knochensplitter ... Der Wipfel schwang schmetternd über ihn hin
... Und es wurde Herbst ... Der Wipfel entblätterte ...
Es wurde traumhaft ruhig um ihn ...
* * * * *
Trotzdem nun Peter ganz mit sich allein in der vergitterten Zelle lag:
so wenig einsam wie jetzt war er in seinem Leben noch nie. –
7. Kapitel.
Vom einzig gerechten Krieg
Das „Neue Leben“. – Wie es im Himmel
aussieht! Und auf Erden?! –
Gespensterlandschaft. – Vom einzig
gerechten Krieg. – Im Anfang war die
Arbeit. – Fleisch. Blut. Knochen. –
Denen, die in Ketten träumen. – Roter
Marsch. – Gesang der Welteroberer.
Wir lassen hier die Aufzeichnungen folgen, die Genosse Peter Friedjung
uns hinterlassen hat.
I
Im Anfang war die Arbeit
„Es sind nun schon einige Jahre her, daß ich das bürgerliche Leben
verließ, in dem ich bisher, wenn vielleicht auch absonderlich und
phantastisch, lebte. Daß eine Brücke nach der anderen ich hinter mir
abbrach, bis endlich auch die Konturen dieses alten Lebens immer mehr
schwanden, ich auf der neuen Erde Tag für Tag fester Fuß faßte, neue
Menschen fand, neue Kameraden gewann, und ich mit meinem Vorleben, das
ja auch nur ein bescheidenes Plätzchen innerhalb der allgemeinen
bürgerlichen Verworfenheit darstellte, mich nurmehr dergestalt
beschäftigte: den eisklaren revolutionären Vernichtungsplan im Gehirn;
konkreten Willens, exakt und zweckmäßig gearbeitet wie ein modernes
Brechwerkzeug; ein unerschütterliches Bollwerk von Haß gegen jede Form
von Menschenausbeutung im Herzen; die Waffe in der Hand.
Die Realität dieses vergangenen Lebens ist notwendigerweise eine
gespenstische.
Dieses Abschiednehmen, dieses Zurückweichen der Uferlinie mag, wie mir
bekannt ist, am besten, wenn auch auf typisch kleinbürgerliche und
idyllische Art und Weise, seinen Ausdruck gefunden haben in jenen Worten
aus Strindbergs „Entzweit“ wo es am Schluß heißt:
„Und so fuhr er wieder in die Welt hinaus. Als der Dampfer an dem
schönen Herbstabend sich den Strom hinaufarbeitete, sah er noch einmal
das Häuschen, dessen Fenster jetzt leuchteten. Alles Böse und Häßliche,
das er dort gesehen hatte, war jetzt verschwunden; er empfand kaum eine
flüchtige Freude, diesem Gefängnis, in dem er so unerhört gelitten
hatte, entronnen zu sein. Nur Gefühle der Dankbarkeit und der Wehmut
ergriffen ihn. Einen Augenblick zog das Band, das ihn an Weib und Kind
fesselte, so stark an, daß er sich ins Wasser stürzen wollte. Dann aber
drehten die Schaufelräder den Dampfer einige Male kräftig vorwärts, das
Band dehnte sich, streckte sich – und riß.“
Und riß! –
* * * * *
Nun zeichne ich hier die Kurve dieses Wegs der Ablösung auf, einer
Kurve, die oft einer Fieberkurve gleicht.
* * * * *
Zuchthausmauern, Hinrichtungen, Verfolgungen, Leichenhaufen, lohnend
bezahlter Meuchelmord: das ist die Landschaft, durch die dich der Weg
auf seiner neuen Richtung, die er genommen, hindurchführt. Dein Schritt
ist nicht mehr eines Einzelnen Schritt, du schreitest im Gleichtakt, du
schreitest ihn als Kampfkolonne.
Hinter dir, weit hinter dir der andere Teil der Menschheit auf seinem
verlorenen Posten, überwuchert von seinem eigenen Pesthauch wie von
Giftschwaden; rache-fletschend, geifernd, verleumdend, zu jeder Untat
und Gemeinheit allzeit bereit: die Profitrate sinkt – ein panisches
Gezeter: und nun lassen sie hervorstürzen aus den Zwingkäfigen ihrer
Kasernen, sie, die schöngeistigen Ruhmredner auf Kultur und
Zivilisation, schlimmer als Hunnenhorden, die von ihnen im Namen des
Vaterlandes gedungenen Söldnertruppen und die Garden der Streikbrecher,
von Arbeiterverrätern und bornierten Gewerkschaftsvertretern
kommandiert; Studenten- und Freiwilligenbataillone, durch deklassierte
Offiziere, abenteuer-lüsterne Professoren und Pfaffen auf
Arbeitermasscacres abgerichtet.
Polizeirock, Windjacke, Uniformfetzen stürzt sich auf Arbeitskittel:
„Jib ihm Saures!“
Oder:
„Komm mit! Kusch dich! Oder sonst beißt sich was –“
Und das letzte Stadium des Martyriums des blutdurchtränkten
Arbeitskittels beginnt: endend mit jahrelangen Zuchthausstrafen oder „An
die Wand“, und angefangen mit ausgeschlagenen Zähnen, ausgerissenen
Augen und Rippenbrüchen schon bei der Verhaftung, auf dem Transport oder
auf der Wachtstube. –
* * * * *
Auseinanderfallen der Weltwirtschaft. Unfähigkeit des Kapitalismus,
irgend eines der großen internationalen Probleme zu lösen. Valuta-Chaos.
Unlösbarkeit der Reparationsfrage. Verschärfte Krisenperiode. Einengung
des Weltmarkts. Uneinheitlichkeit der Konjunktur. Unerträgliche Spannung
zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften. –
Aber nur neue Terror-Akte gegenüber der werktätigen Bevölkerung
produzierten diese Tatsachen, und, maskiert durch die Kulisse einer
pazifistischen Aera, häuften sich allenthalb die Explosivstoffe. Unter
unsäglichen Leiden und Opfern der von den Produktionsmitteln künstlich
Abgetrennten, der die Fundamente der Gesellschaft mittels des lebendigen
Kitts ihres Herzbluts, ihres Schweißes, ihrer Tränen gerade noch
notdürftig Zusammenhaltenden: arbeitete in allen Fugen krachend weiter
der altmodische und an den wichtigsten Stellen schon völlig unbrauchbar
gewordene Welt-Mechanismus.
Der ganze Apparat taugt eben nichts mehr, funktioniert nicht mehr, kommt
nicht in Schwung ...
Auch die Kolonialvölker hatten zugelernt, rebellierten.
Jeder, auch im entlegensten Weltwinkel, hatte allmählich eine genügend
hinreichende Dosis Erfahrung geschluckt.
Unentwirrbar das Riesenknäuel der machtpolitischen Probleme –
Und die internationale Bourgeoisie bereitete trotz Völkerbund und
gegenteiliger scheinheiliger Versicherungen bereits in ihren
Flugzeugwerkstätten und chemischen Giftgasversuchslaboratorien einen
großartigen Start vor zu neuen imperialistischen Weltkriegen.
Immer wieder von neuem dazwischen heftige elementare Ausbrüche ihrer
inneren unüberwindbaren Interessengegensätze ...
Auch kamen die aufgewecktesten Teile des Proletariats endlich dahinter,
wie höllisch-friedlich in Wahrheit so ein imperialistischer Frieden war.
Recht energisch knurrten schon ihre Reihen:
„Mißtrauen! Mißtrauen der menschenfressenden Kanaille gegenüber bis zum
Aeußersten!“
Und:
„Ein Narr, wer Tigern predigt Pflanzenkost!“
„Euer herrlicher Frieden: eine Fortsetzung eures glorreichen Kriegs
wohl, mit anderen Mitteln, was!?“
„Und wenn es schon einen „trockenen Putsch“ gibt, warum soll es nicht
auch einen „trockenen Krieg“ geben?“
* * * * *
Wahre Volksschlächter- und Massenhenkernaturen entstanden auf diesem,
von Fäulniskeimen durch und durch unterminierten Boden.
Professionelle Sadisten im Dienst der politischen Polizei,
Gewohnheitsverbrecher, Verräter, Denunzianten, Attentäter, lebendige
Marterinstrumente, menschliche Folterbestien, Lockspitzel, geriebene
Erpresser: das marschierte wie ein Heer auf, verschlang, ein parasitäres
Geschwür mörderisch durchseuchend den ganzen Volkskörper, Unsummen vom
Staatshaushalt; denn diese, teils aus Unzurechnungsfähigen, teils aus
Menschendreck rekrutierte Geheimarmee wollte eben auch gut bürgerlich
leben und zählte nach Hunderttausenden.
„Mit Stumpf und Stiel ausrotten ...“
Dieser Plan gegenüber dem klassenbewußten revolutionären Proletariat
aller Länder kristallisierte sich also im Lager der zu einem
eisern-gelenkigen Abwehrblock zusammengeschweißten, mit den
raffiniertesten Großkampfmitteln ausgerüsteten internationalen
Welt-Bourgeoisie immer deutlicher. Ob mit Hilfe des Faschismus oder mit
Hilfe der Sozialdemokratie, d. h. mittels einer sogenannten
„Arbeiterregierung“, ob offen, brutal oder ob pazifistisch,
demokratisch, illusionistisch: das war eine reine Taktikfrage, und man
war sich einig darüber drüben: das wird den verschiedenen Zeitumständen
und Kräfteverhältnissen entsprechend abwechselnd, je nachdem, einmal so
und einmal so, gehandhabt.
Welt-Mobilisation.
Front gegen Front.
Es riß durch –
Und es riß durch bis auf die Sprachverbindung hinab, bis hinab auf die
gleiche Erlebnismöglichkeit:
Front gegen Front heißt: Sprache gegen Sprache, Gefühlsausdruck gegen
Gefühlsausdruck, heißt Denkart gegen Denkart, heißt Anschauungsform
gegen Anschauungsform, heißt Weltbild gegen Weltbild.
Denn eingetreten schon waren wir in das Zeitalter der alle Erdteile
umspannenden, der die Welt-Zukunft entscheidenden Riesenklassenschlacht.
Die Klassenkräfte gruppieren sich, die Klassenkräfte manövrieren
gegeneinander –
Druck und Gegendruck –
Und gewaltig drückte herein das Rote Rußland, ein
Einhundertundfünfzig-Millionen-Volk; einhundertundfünfzig Millionen,
Arbeiter- und Bauernmassen, warfen sich jetzt, ein drückendes Gewicht,
in die Wagschale; Rote Erde, ein Sechstel des Erdteils ... Und dahinter
die aus dem Bann jahrtausendelanger Knechtschaft erwachenden, zu Meeren
aus Schmelzglut verwandelten Völker des Ostens ...
Der Zeiger rückt vor in das letzte Viertel auf dem Ziffernblatt des
Menschheitsmanometers. Die Alarmpfeifen an den Sicherheitsventilen
trillern. Die Stahlhäute schwitzen. Der Augenblick der Sprengung ist
nah! Die Stahlhäute werden rissig, beulen sich aus, dehnen, zerren,
biegen sich – – –
Mit ewigkeitstriefenden Lippen beschwören zwar noch ihre imaginären,
verschiedenartig uniformierten Götter die Fetischgläubigen, das
gerechte, ja nur allzu gerechte Verdammnisurteil der lebendigen
Geschichte von den Häuptern der heute Herrschenden gnädiglichst
abzuwenden: immer eindringlicher aber, selbst bis in die letzte
unscheinbarste geringste Alltäglichkeit hinein, kündigt sich an die
gewitterschwangere Atmosphäre einer End-Phase. –
* * * * *
Wie je nur einer, so habe auch ich vormals begeisterungsinnig genug
verehrt sie alle, die Meisterwerke euerer Dichtung, euerer Malerei,
euerer Musik, euerer Plastik; ich selbst war einer jener „Verklärer“,
jener Ekstatiker der Apotheose des „Abgrunds“; durchgeforscht habe ich
mich durch alle Gefühlswildnisse und weisheits-süchtig mich durchgedacht
durch die Labyrinthe eueres an Komplizierungen und Kombinationen so
berauschend reichen, ja überreichen Denkens, durch alle scheinbar so
lückenlos gefügten philosophischen Systeme hindurch, grausam-offen
sprechende Zeugnisse des von euch zwangshaft nie und nimmer zu lösenden
Widerspruchs. Kindlich staunend aufgeblickt habe ich zu den
siebenmalsiebentausend Wundern euerer Maschinentechnik, euerer genialen
Organisationskunst, zu der, wie ihr gern wahrhaben möchtet,
metaphysisch-einheitlichen Geordnetheit eueres Weltbilds – – – aber ich
habe den Blutsumpf auch mit eigenen Augen gesehen, auf dem euere Kultur
erbaut ist, und ich habe den selbstverständlichen Mut geschöpft daraus,
sie, und dadurch vor allem auch das, was in meinem eigenen Dasein damit
zusammenhängt, rücksichtslos durch die Tat zu verneinen.
II
Man kann einem Menschen nicht zum Vorwurf machen, daß er in der
bürgerlichen Gesellschaft gelebt hat. –
Der eine: zerfetzt, den Körper mit Wunden bedeckt – kämpft sich durch.
Ob er den Uebergang gewinnt!? Und dann, ob er nach diesem gewaltsamen,
oft mit Gehirnzerrüttung und Gesundheitsschädigung erkauften Durchbruch
noch soviel an lebendiger Kraft erübrigt hat, um auf der Kampffront der
werktätigen Millionenmassen seinen Mann zu stellen: vorn, in der offenen
Feuerlinie, im Nahgefecht, bei der täglichen Kleinarbeit!? Denn das
„Neue Leben“, die Revolution, sie erfordert dich ganz. Sie verlangt
unerbittlich eine unendliche Fülle von exaktem Wissensmaterial von dir;
sprunghafte Kühnheit zugleich und zweckhafte Fähigkeit ... Heroisch zu
sein in den heroischen Momenten der Geschichte ist leicht. Aber von nun
an heißt es: Spanne dich! – und wenn auch nur ein erbärmlicher
sozialdemokratischer Gewerkschaftsbürokrat die Scheibe ist – auch
dahinter leuchtet das große erhabene Ziel: auch da mußt du dich
hindurchschießen!
Ob man die Möglichkeit der Gedankenvereinfachung noch hat!? Die
Möglichkeit des Sichinbeziehungsetzens mit dem Ausdrucksorgan der
Ausgebeuteten, der eine andere Sprache spricht als die deine ist, die
aber auch von nun an die deine werden wird. Ob du dich damit bescheiden
kannst, zu lernen, weiter nichts als zu lernen, dich durch die
asketisch-strenge Schule der Partei hindurchzukneten, ein Lernender zu
sein, nichts weniger und nichts mehr als nur ein Lernender ...
Rücksichtslos alle deine bürgerlichen individualistischen Exzesse aus
dir auszuschneiden ... Um eines Tages durch deine Arbeit dein neues
Heimatrecht dir zu erobern: vom Proletariat als seinesgleichen adoptiert
zu werden ...
* * * * *
Das Gehirn in jenem „Alten Leben“ wird abstrakt, wie eine Windblase, und
entfernt sich, irrsinnig phosphoreszierend, ins Zeit- und Raumlose. Du
schwelgst zwar in einem gewaltigen Pathos, aber es ist jenes berüchtigte
romantische Pathos der Distanz, das Pathos vom Wissen des
Niejeverwirklichenkönnens, das Pathos der hoffnungslosen
Unüberbrückbarkeit zwischen dem, was ist, und dem, was sein soll.
Andere geifern sich darüber hinweg mit Zynismen.
Es ist ein und dasselbe. –
* * * * *
Ob man sich selbst herunterholen kann!?
Herunter bis auf diese naheste aller Erdnähen, bis zu diesem festen
granitenen fundamentalen Grund: Klassenkampf, Klassensolidarität,
Parteidisziplin, Parteiehre!? Darnach, nachdem das ganze Dasein
ausgelaugt von der bürgerlichen Gifthölle ist oder millionenscherbig
zersplittert! Und man sich mühselig von neuem wieder zusammenklauben
muß! ... Dreivierteln seines Menschendaseins den Todesstoß versetzen
muß, um mit dem übriggebliebenen, ach so spärlichen Restviertel von
vorne, ganz von vorne zu beginnen!? ...
* * * * *
Nun, ich habe viele kennen gelernt, die auf diesem Wege gefallen sind,
zu etwas Besserem geboren als zu farblosem Verzicht und ruhmlosem
Opfertum: freiheits-fanatische, prächtige, an allem Wahren und Schönen
entzündbare und alle Menschen rings um sich mitentzündende,
gemeinschaftssüchtige Menschen; Menschen, in ihrer Jugend wie
Kraterberge, mit explosiver Lava angefüllt, rissig rings von einem
ununterbrochenen ekstatischen Bersten; Jahr für Jahr aber mehr und immer
mehr abglühend bis zu einem wandelnden Aschenhaufen, durchdunkelt von
unheilbarer Schwermut. Manche von ihnen schüttelten sich in dem ihnen
von der Gesellschaft angeborenen brennenden Kettengewand oft rasend wie
Berserker. Sie waren allesamt wissend, zum mindesten aber ahnend, und in
Gesprächen gelegentlich oder in einem hingezuckten Blick verrieten sie
ihr Geheimnis.
Wie lautete ihr Geheimnis?
Einfach:
„Die Lebenskraft reicht uns eben nicht mehr hin, herüber, herauf über
den Rand zu kommen. Man bleibt hilflos, einsam hängen wie in einem
ungeheuren Rauchfang im Weltabgrund ... Man läßt los. Ein Traum, ein
violetter vielleicht, wenn Sie wollen, von einem seligen,
vergessenheitstrunkenen Absturz. Fratzenhaft das alles, grimmassierend
... Ein elektrischer Einstich jeder Sternblick. Alles Leben ist
gläsernes Schweben ... Ueber metallisch fließende Traumsteppen hin
uferloses Tonwehen ... Die Atmosphäre, die Atmosphäre, die ist es ...
Sie ist zwangshaft ... Ein unheimlich unsichtbarer, mörderischer Fetisch
... Unentrinnbar umklammert von einer mystischen Gefühls- und Denkzange:
ein mystischer Terror: man – kann nicht mehr.“
Solchen kann man wirklich nicht zurufen:
„Nur Mut!“
Das ist das völlige Abgekämpftsein, ein Bruchton aus der Symphonie des
bürgerlichen Klassensterbens, das in seltsamen Klangkombinationen
hinschmelzende Finale der physiologischen Gebrochenheit.
Ihr Welt-Rätsel!? Ihres Welträtsels Unergründbarkeit!?
Sie fanden nicht mehr den Anschluß an die allein rettende, an die
alleinig heilende Realität dieser Erde, an die einzig die
Menschheitserlösung erkämpfende Macht dieser Erde, an das Proletariat,
an die Kampftruppe der Zukunft – und so würgten sie sich selbst ab unter
metaphysisch-grotesken, oft harlekinhaften Todesgesten im Luftleeren.
Mit welchem Aufwand an Sentimentalität, Zärtlichkeit, Andacht bauten sie
sich aus in dem auf dem Boden des Nichts errichteten Elfenbeinturm ihrer
Individualität für jede Laune, für jede Absonderlichkeit ein eigenes
Wohngemach; ganze Appartements darin für treibhausdünstiges „Höhenleben“
–: bis eines Tages dieses künstlich aufgeführte Gebäude schwankte und zu
dem zusammenstürzte, was es war: zu einem Häufchen von Daseinsmoder,
Lebensekel und verworrener, ihrer blendenden Umschalung entkleideten
Weltlüge.
Sie endeten alle mit Selbstmord, ob sie nun Hand an sich legten oder
nicht.
Auch ihr Wahnsinn war Selbstmord.
Man kann sie nicht verurteilen, man kann sich nicht zum Richter
aufwerfen über sie.
Hier gibt es nur das eine:
„Es ist schade, jammerschade.“
Ueber alle diese „Zu-kurz-Gesprungenen“ schreibe ich als Epilog:
Ich weiß, welches unausmeßbare Maß an Schmerzen ihr erlitten habt. Ich
bin fähig und ich bin auch willens, sie mitzuleiden. Mancher von euch
hat tapfer sich gewehrt; jahrelang, jahrzehntelang sich tapfer gewehrt,
bevor er die Arme verschränkte oder die Hände faltete ... Wieviel, o wie
unaussprechbar viel an unausgelebter Kameradschaftlichkeit, Herzensgüte,
Menschenwärme, Lebensschwung ist mit euch dahingegangen! Legionen von
Begabungen unbarmherzig erdrosselt! Ausgehungert irrtet herum ihr oft
monate-, ja jahrelang; ausgehungert bis auf den nackten Knochen ... In
diesem menschenschlächterischen, menschenunwürdigen Menschheitszustand:
was wird nicht zum Spekulationsobjekt!? Euere Trauer, euere Not, euere
Tränen, euere Verzweiflung, euer Angstschweiß, euer Verfolgungswahn,
jede Pille der Bitternis, die ihr geschluckt habt, jede Art euerer
Marter bis zum letzten Todesröcheln ... Das alles ... Und mehr noch ...
Geduldet, gedacht, gefühlt, von Leidensstation zu Leidensstation gehetzt
– für wen?! Warum?! Wozu?! ... Für nichts und wieder nichts! ... Hoch
über der Sinnlosigkeit jeder Einzel-Existenz thront, weiter behäbig sich
mästend, der Welt-Unsinn ... Nicht eine Sekunde lang währte sein ach so
oft euch flammend versichertes Beileid! ... Dem Fresser dientet ihr nur
dazu, sich mehr noch anzufressen; dem Geilen nur, sich von neuem
aufzugeilen. Kein einziges seiner Massenopfer habt je ihr den
Massenmördern abgerungen. Euere Waffen waren stumpf geworden mit der
Zeit, ihr merktet es vielleicht selbst nicht, aber sie ritzten nurmehr
ganz an der Oberfläche die wie zu einem Panzer geronnene Menschenhaut
... Da liegt ihr nun mit eueren gerupften Traumflügeln auf dem
Abfallhaufen der Geschichte ... Wir haben es nicht nötig zu schwören:
denn wir selbst sind gestaltgewordene Schwüre der Rache ... Aber die
Geschlechter aller heute Herrschenden zusammengenommen: was ists mehr
denn ein elendes Häuflein Menschendreck ...
Wir aber haben keine Zeit, euere Gräber auszugraben, keine Zeit, euch zu
mumifizieren, keine Zeit weder zu einer Verklärung noch zu einer
elegischen Gloriole ... Wir haben nur Zeit, uns zu rüsten, damit wir
bereit sind, wenn es wieder soweit ist, diese barbarische
Menschengesellschaft mit dem Bajonett zu sondieren. –
III
Der imperialistische Frieden war ein Krieg gegen das Proletariat. Und
nicht nur gegen das Proletariat, sondern auch gegen die Mittelschichten
und jeden einzelnen Kleinbürger.
(Nach einem der Fundamentalsätze der Lebenseinsicht: lerne scharf zu
unterscheiden zwischen der Phraseologie einer Sache und dem Inhalt einer
Sache; oder: nicht auf das, was einer sagt, kommt es an, sondern darauf,
was einer tut. Auf die Fäuste sehen! Worte sind Lügenbeine!)
Da lebt man nun so ein Leben lang herum: Feierabend – und man kriecht
sich wieder herein in seine zwei blümchentapetenüberzogenen Wohnlöcher,
an Körper und Geist gleichermaßen erfrischt durch einen kräftigen,
herzhaften Vierzehnstundentag ...
Für wen das eigentlich?! –
Und da gibt es so eine gottverfluchte ketzerische Lehre vom Mehrwert!
...
Und das Kätzchen schnurrt so idyllisch-warm am Sims, neben dem Nähkorb,
und vielleicht auch so ein Kanarienvogelgeripp in einem Goldstabkäfig,
der Fliegenfänger hängt herab von der Decke in der Mitte des Zimmers,
dicht besät mit den noch zappelnden Pünktchen der Schmeißfliegen. Unten
im Hof wimmert die Drehorgel, auf den Dächern die Armeleutewäsche im
Abendrot –
Man knurrt, wird bissig wie ein Köter. Mit den Kollegen hälts auch
schwer, sich zu vertragen ... Man müßte sich eigentlich wieder mal
tüchtig sattessen und ordentlich ausschlafen ... Das ganze
hundsverreckte Dasein taugt ja so zu nichts ... Man ist angesäuert wie
gestockte Milch ... Aber vielleicht: ’s langt doch noch einmal zu einer
Laube und darnach auch zu einem Einfamilienhaus ... Deutschland: ’s geht
vorwärts, es bessert sich von Woche zu Woche, wenn die Arbeitszeit auch
steigt und der Reallohn auch sinkt ... Die Rentenmark bleibt stabil ...
Ueberall stehts ja zu lesen ...
Man spielt Fußball, hört Radio ... Siehst du wohl! Recht muß Recht
bleiben. Auch das Volk hat sein Vergnügen. Auch verheiratet man sich
frühzeitig: man hungert, friert, man klöhnt zu zweien und ein
regelmäßiger Beischlaf ist gesichert ... Ach, außer dem gibt es noch
tausend, abertausend schöne Dinge, die einen von der Beantwortung der
Grundfrage seines eigenen Daseins abziehen. Ja, die Fragestellung
selbst: sie ist gründlich in Frage gestellt – –
Und des Sonntags wackelt man sich hinaus ins Freie, die Familie lüftet
sich, das ist doch immerhin schon ein ganz reeller Vorgeschmack vom
Paradies.
Nun, und auch der „Große Unbekannte“ erscheint in mannigfaltiger
Gestalt. Er streckt ausgerechnet immer gerade dort seinen
anbetungswürdigen klotzigen Schädel hervor, wo das eigene Elend-Dasein
das mit bestem Willen nicht mehr zu verkleisternde Loch hat. An jeder
Bruchstelle erscheint er, der liebe Wundermann. Er hängt am Kreuz,
steigt widerspruchslos herunter, sofort, wenn z. B. der Kaiser sein Volk
zu den Waffen ruft, und bedient ein Maschinengewehr, nimmt die Parade ab
als S. M. oder hurt hurtig in Berlin herum, bis auf Widerruf in der
deutsch-nationalen Presse, als Kaisersohn; drückt freundlich
herablassend, umstrahlt vom auserwählten Offizierskorps, einem Veteranen
die Hand, richtet rührend-anerkennende Worte vom Dank des Vaterlandes an
den Kriegskrüppel; überschüttet wieder vom amerikanischen Himmel herab
das von seinen eigenen Finanzmagnaten bis auf das Weißbluten
ausgepowerte Deutschland mit einem im herrlichsten Unschuldsweiß
sprühenden Dollarregen; er ist weder ein Wuchererstaat, noch spekuliert
er auf Extraprofite aus dem Kapitalexport; er ist Fabrikbesitzer,
bieder, Treu und Redlichkeit. Reserveleutnant, patenter Kerl, versteht
was vom Geschäft, und wenn er nicht wäre, wo gäbe es dann überhaupt
sonst noch Arbeit!? –
„Nur Tagediebe und Müßiggänger bringen es bekanntlich in dieser Welt zu
nichts. Sei darum auch als Sklave ein ganzer, vollkommener, treuer
Sklave ... Jegliche Seele sei den vorgesetzten Gewalten untergeben, denn
es gibt keine Gewalt außer von Gott; die es aber sind, die sind von Gott
eingesetzt ...“
Und weiter gehts in der allbekannten Melodie:
Die Knochen knacken entzwei, die Muskelstränge lockern sich, das Gesicht
verzerrt sich in unausglättbare Falten, die Dichter singen zwar: „Wie
ein Fächer tut sich auf dem Müden die Nacht“ – aber es ist anders,
schade eigentlich, aber was tuts auch ...
Ausgequetscht der Leib wie eine Frucht, und die Haut dann fortgeworfen.
Vaterländische Lieder gröhlend waten Millionen im Blutsumpf, ein
Schlückchen „Heldenschnaps“ – und wenn du grad nicht das übliche Pech
hattest, das E.K. I. war dir sicher ... Der Füsilier-Feldwebel wettert
heute wieder im Unterstand herum: die Kaiserbilder sind wieder von den
Ratten verschlissen ... Und das gewittert zudem bleischwer über einem am
Himmel; rabiat ... Zum Teufel mit diesen himmlischen Heerscharen ...
Aber man schmort sich ja, so heißt es wenigstens, frischfröhlichgesund
in diesem Feuerkessel ... Arbeitetest du in einer Phosphorfabrik: fünf
Jahre – und schon stahlst du dich davon als eine Leiche ... Das kann
doch nicht mit rechten Dingen zugehn!? ... Pah, Quatsch ... Was soll ich
mich als Einzelner dagegen auflehnen – –
Mitgefangen, mitgehangen.
Alles Jacke wie Hose.
Schnurzegal. –
* * * * *
Leib an Leib krümmt sich übereinander.
Das ganze werktätige Volk ist nichts mehr weiter als ein einziger
zuckender Schmerzenskadaver, ein fleischerner Berg, von abgerissenen
Gliedern dicht überwachsen wie von Gestrüppen ... Der stößt keine
lebendigen Schreie mehr aus, Millionen erloschener Augen glühen daran
schwarz; schwärzer, durchdringender als selbst die Finsternis.
Unterirdisch nur ein unverständliches Murmeln. Hie und da Wortfetzen.
Hie und da ein fieberiges, feuriges Flackern; fernes Alarmheulen ... Und
hie und da ängstliches Zusammenrücken an den Tischen der Götter,
Halbgötter, Rentner, Parasiten und anderer Heiligen:
„Der Berg ... der Berg ... wehe ... Kommt er nicht doch eines Tages über
uns ...“
Aber die ganze Welt ist mit Fatalismen vollgepfropft. Alles, was da ist,
ist im molkig getrübten Bewußtsein der Mehrzahl der Menschen heute noch
vernünftig und muß eben so sein, der Pfaffe, der Gerichtsherr, der
Mehrwerts-Vampir, der Journalist: das alles hängt zusammen an
unsichtbaren Fäden und zappelt sich herum im Weltraum im Auftrag jenes
großen grandiosen Ueberirdischen ...
Hah! Und die papierene Sintflut schwemmt befehlsgemäß heran!
Tausende von Laboratorien fabrizieren das so beliebte Volks-Opium:
Aberglauben, Kulturdünkel, Verstocktheit ... Immer wieder und immer von
neuem wieder wird erfolgreich das Preisrätsel gelöst: wie erhalte ich am
besten die Massen der Ausgebeuteten in Abhängigkeit und Dummheit? ...
Die Bücherfabriken rascheln, die Zeitungen flattern fröhlich wie winzige
Papierdrachen von Hand zu Hand im Wind ... In wunderbaren Einbänden, mit
herrlichen verlockenden Titeln geschmückt, auch sonst fein säuberlich
aufgemacht, präsentieren die Menschenfänger ihre im Interesse der
Massenverbreitung recht preiswert gehaltenen Köder ... Aestheten,
Schriftsteller, Gelehrte hocken herum, gierig lauernd auf jeden Auftrag,
gesellschaftstüchtige Heimarbeiter. Sie sind ordentlich elastisch
geworden mit der Zeit, ihre geistigen Glieder zu Gummi gebogen, sie
lernten es, sich rasch umzustellen ... Tempo! Das Geschäft verlangt es
... An solch originellen Charakteren hat es ja bekanntlich nie gefehlt.
Und die Kultur muß dem Volk erhalten bleiben, koste es, was es wolle.
Und der Heldentod ist schließlich nur auf dem Papier was wert, in
Wirklichkeit keinen Pfifferling.
* * * * *
Die Kinomaschinen rattern.
Hopla, mein Freund, damit auch deine Augen nicht verhungern. Und ein
strammer Militärmarsch „Ruck-zuck“ sorgt für den Ohrenschmaus.
Und die Männer der Regierung marschieren auf, liebe freundliche Herren,
kein Zweifel. Wie schön und blendend neu gestärkt ist dem Herrn
Präsidenten sein Frackhemd, wie ein Harnisch; und einen Blick tut er,
einen Blick, sage ich Ihnen, aus der Tiefe seiner Seele in die Tiefe
deiner Seele: akkurat wie durchschaun tut er einen ... Da gibt es sogar
einen Wohltätigkeitstee, und die ausgemergelten dünnen Fingerchen
einiger extra ausgesuchter Musterproletarierkinder zupfen an der Frau
Minister herum: da ist alles Samt und Seide, Perlenkettlein und
Brillantring ... Gottwohlgefällig rauscht dahin über das prima
gebohnerte Parkett der Hermelinmantel ... Wessen Herz blüht da nicht
über in Ehrfurcht und Bewunderung ... Und da nippt so eine Exzellenz an
einer anderen mit einem Handkuß ... Und stehen da nicht, in holder
Umarmung mit Unternehmern, Generälen und Bankpiraten aufgenommen,
hoffähige Gewerkschaftsbeamte, wie aus dem Ei gepellte, tadelfrei
geschnitzte und ebenholzschwarz mit neuen Paradefräcken anlackierte
Männlein: sie, die letzten Endes glorreich immer wieder sich selbst
begaunernden Schlaumeier! ... Ihre Rede: ein bedingungsloses zu allem Ja
und Amen ... An Gründen hinterher, sogar überzeugenden, fehlt es
bekanntlich ja nie, und sie kommen sogar, einem Eingeweihten zwar nicht
gerade überraschend, ihren Unterdrückern zu Hilfe, wenn diese
ausnahmsweise einmal in Verlegenheit geraten sind, und offerieren sich
ihnen, lakaienhaft lächelnd, auf dem Präsentierteller.
Kanaillen –
Deutschland über alles –
Hurra! ...
Kein Zweifel: diese Herren wollen – das Wohl der Volksgemeinschaft
scharf im treudeutschen Auge – alle nur das Beste.
Und da verschwindet eben so ein großer Schieber der Weltgeschichte, die
Aktentasche mit genialen Spekulationsprojekten unter dem Arm, im Auto;
vierzehn Stunden jeden Tag ist er zu Konferenzen unterwegs, und jetzt,
spät schon über Mitternacht, noch mit einem ausländischen Vertreter eine
Verhandlung –
Und hier der Reichstag: eine stürmische Sitzung zwar: aber wirklich nur
ein ganz bösartiger kann da bei der Betrachtung dieser Ehrwürdigen, von
Volkes Gnaden Gesalbten, auf den Gedanken kommen: Schafstall ... Das
Schicksal des Volkes wird hier entschieden: darum, bist du katholisch:
bekreuzige dich! ...
Blechmusik, Trommeln, Pauken, ein gellendes Trara – Bajonett
aufgepflanzt! Andacht! Bravo, die Reichswehr! Prächtige Jungens, hieb-
und stichfest ... Verwendbar zwar vorerst, aber das ist ja grad kein
Nationalunglück, nur im Bürgerkrieg. Da kann man sich denn auch nicht
wundern, daß die Sympathie breitester Volkskreise auf ihrer Seite ist,
besonders, na besonders, wenn man den Kommunisten dort als Gegenstück
betrachtet: unordentlich, die Hose in Fetzen, kein Hemd, nur ein
blutbeflecktes Wollsweater, tief in seiner Kellerwohnung, wie er dort
bei Kerzenlicht an seinem Schraubstock Handgranaten aus alten
Konservenbüchsen fabriziert, und man außerdem noch gerade zufällig
mitanzusehen freundlicherweise Gelegenheit nimmt, wie eben ein anderer
Genosse mit gewichtiger Miene, durch eine Geheimfalltüre natürlich,
eintritt, und ihm dann glückstrahlend eine Handvoll Cholerabazillen
überreicht ... Nach dieser gewitterschwangeren Stimmung strahlt selbst
der im Kreis seiner Opfer extra für das verehrte Publikum
photographierte berühmte Massenmörder heiter wie ein Sommertag ...
Und nun noch zum Schluß:
Badeszene am Lido: bewimpelte Strandflächen, neueste Badetoiletten,
blitzende Meerwellen – –
Alles blökt, grunzt, summt –
Auch die Begleitmusik schwellend-weich, ein gemütvolles Tonsofa –
Gottseidank!
Großes Welt-Wettschnarchen.
Es wird wieder behaglich ...
IV
Das „Jenseits“-Panorama
So beschaffen ist nun eben einmal die Welt:
Da sitzen sie also nach wie vor hoch oben auf dem Palmengarten des
himmlischen Wolkenkratzers, von ihren eigenen parfümierten Ausdünstungen
umfächelt: die Kaiser und die Könige, die Propheten und die Erzväter mit
goldenen und mit elfenbeinernen Szeptern und mit anderen demagogischen
Zauberstäben bewaffnet, und um sie herum, vielfach in sich gestapelt,
die Geschlechter der Menschheitshyänen, der gottwohlgefälligen
Menschheitsgeißeln und Zuchtruten: Finanzoligarchen, je nach den
Extraprofiten der Rang, Admirale, Minister, Generale, in blendenden,
ordensüberklirrten Uniformen, Federbusch, Zylinder, Stahlhelm, und die
violett vom Ewigkeitsatem angehauchten Pfäfflein klappern, teils
inbrünstig schielend, teils mürrisch geifernd ihre Gebete, und er, der
Herr dieser aller, blinzelt und schmunzelt, und saugt, wohl ein wenig zu
wollüstig schlürfend, die narkotischen Düfte des Weihrauchs ein und
räkelt sich, daß der ewigkeitsschwangere Leib beinahe aus dem Leim
kracht, auf seinem himmlischen Plüschsofa ... Die berühmtesten
Medizinmänner Europas aber betreuen ihn. Naht mit einer Zeitenwende eine
Ohnmacht dem Schöpfer der Welt: da läuten gellend und wimmernd die
unsichtbaren Sturmglocken des Himmels, mit Strömen von wunderwirkendem
Digitalis durchpumpt man das göttliche Herz ... So hatte er sich schon
einigemale wieder erholt. Nach erfolgter Genesung huldigten ihm die
Heerscharen bei der Himmelsparade. Die Antennen auf dem
Himmelssanatorium wisperten. Radio-Glückwünsche rieselten herein ins
Operationsprunkgemach aus allen Ecken der diesseitigen und jenseitigen
Welt. Nie sangen so innig wie damals die Chöre der Heiligen das
Halleluja, versammelt mitten im Raum auf einer schwebenden Plattform.
Auch die purpurn glühende Abendwolke weinte vor Rührung. Es lächelten
selig verzückt die Friedenspalmwedel und die in ihrer Einfalt kindisch
naiv psalmenstammelnden Weihwasserpinsel. Delegierte erschienen zur
Audienz aus allen Himmelsbetrieben –
Diplomaten rutschen heran auf herrlich gepolsterten Klubsesseln, die
Oberengel spielen jetzt Skat, einer der im diesseitigen Jammertal
erfolgreichsten Henker bereitet die allabendliche Fußwaschung.
Wieder ein Zug: Epauletten-Helden, die Dirigenten des
Riesenflugzeugbombenwerfer-Orchesters, die Generalfeldmarschalle der
Trusts, und preisgekrönt mit den Ordensauszeichnungen aller Erdteile,
das größte Schmarotzergenie dieser Zeit. Konzern-Päpste.
Kartell-Kardinäle. Syndikat-Kommandeure ...
Etwas abseits, die auserwählten Vertretungen der Arbeiteraristokraten
und kleinbürgerlicher Emporkömmlinge, in leichtgeschürzten
Batikgewändern, die Riesenplattfüße in blumenbestickten Wollpantoffeln,
sie schmauchen blaudunstig die Ewigkeit an aus spiralig gewundenen
Tabakspfeifen.
Hier ist der Boden schlüpfrig von lakaienhaftem Gesabber.
Sie krampfen sich noch jetzt hysterisch jauchzend zusammen bei der
Erinnerung an die mancherlei unseligen Taten jener Abtrünnigen,
Kommunisten geheißen, und sie versichern sich immer wieder gegenseitig,
voll pathetischen Ernstes, Sprechchor gegen Sprechchor:
„Wir sind doch allzumal zahme Haustiere ...“
Ein donnerähnliches Geblöke erfüllt in dieser Gegend des Paradieses die
siebenmal siebentausendfach echoenden sphärischen Himmel.
Richter, mit den aus den Fetzen der Todesurteile bunt zusammengestückten
Talaren; Korpsstudenten, die prominentesten Angehörigen
der Studentengarden, jedem die Anzahl seiner Morde an der
Arbeiterbevölkerung am Steiß aufnummeriert; berühmte
Faschistenhäuptlinge, Polizeispitzel und Meuchelmörder. Hier auch
Naturapostel und jene sonderbaren Heiligen, die die Ankunft des jüngsten
Tages auf Erden predigten, die prophezeien und weissagen konnten aus
ihren Exkrementen.
Da –
Wie Heuschreckenschwärme ... Ein schwarzes Flügelschlagen: so stürzt es
sich heraus aus dem goldenen Lichtloch der Ewigkeit ...
Und die Maitressen der Reichen und Uebersatten schweben vorüber, in der
neuesten Mode, pedikürt, manikürt, ein jedes Zeitalter, ein jedes Land
strömt seinen besonderen, gottlobpreisenden Wohlgeruch ... Tipptopp.
Totschick. Geschminkt, gesalbt, gepudert. Die Haare frisiert wie
Stukkatur. Fressen in die modrig duftenden Fratzen linienscharf
hineinziseliert ...
Maler aller Zeiten haben ihnen leuchtende Glorienkringel aufgemalt, auf
die Hinterbacken Sprüche tätowiert. Schenkel aus Brokat, fließende
Gebeine; Dicke wie zentnerschwere Fleischsäcke, Spindeldürre wie
Drahtfigürchen, bunte Kreuzchen statt der Brustwarzen ...
Da verstummen augenblicks die heiligen Reden und die Gespräche und die
Gesänge – alles strömt herab von den Tribünen und eilt nach den
Marmordampfbädern und Massagezellen, Knutsch-Dielen und Lustgemächern –
und der gesamte überirdische Chor ist ein einziges wollüstiges
Zungenschnalzen. Aller Nasenflügel schnuppern ...
Halleluja!
Andere Choräle tönen schon an, von Jazzband und Niggertrommeln
begleitet, mit absonderlichen Zynismen und Zoten vermischt ...
Der Blick von unten
Und tief unten die Völker der Bauern und die Völker der Arbeiter, im
Schweiß ihres Angesichts vollbringen sie ihr Tagwerk: zur Ehre Gottes,
zur Ehre der Menschheit, zur Ehre ihres Vaterlandes ... Brot, Fleisch,
alle Nahrung, alle Kleidung: das alles hebt aufwärts sich wie auf
automatischen Fahrstühlen, dort breitet sichs aus in den Kammern der
Vornehmen, in den Küchen der Reichen – und ach, was vom Tische des Herrn
abfällt: es ist ein dürftiger, ein nur allzu dürftiger Brosamen ...
Ach, und sieh doch: gibts nicht unter den Christen so viele
Wohltäter der Menschheit, sie gründen Kinderbewahranstalten und
Sparkassen-Bibelvereine und veranstalten so seelenstärkende
Gefallenenfeiern und Heldengedenkfeste, Stierkämpfe und Boxkämpfe,
Fußballmeetings und Baseballwettspiele, Tennisturniere, Autowettfahrten,
internationale Pferderennen, und lassen Messen lesen zum Besten der noch
kümmerlich Lebenden und zum Heil der Seelen der glücklicherweise schon
Verstorbenen, und auch die Kirche, die alleinseligmachende, sie hat ihr
Teil daran, Sündenablaß gibts, Generalabsolution, richtig deine
kümmernisbeladene Seele auskotzen kannst du bei der Beichte, und wenn du
nur schön brav wedelst, hie und da auch mal Almosen; Museen werden
gebaut, mit den farbenprächtigsten Gemälden darin, Eintritt frei,
Bibliotheken eingerichtet, Bücher in Schweinslederbänden, in Saffian,
Bibeln auf Zanderbütten und solche billig wie ein Ei zum täglichen
Hausgebrauch ... Und Gefängnisse sind da für die Atheisten und
Uebeltäter und ganz natürlicherweise für alle die, die der himmlischen
Weltordnung sich einfach nicht fügen wollen, und eine moderne
elektrische Hinrichtungsmaschine; unterirdisch, schön unsichtbar sind
dran die Kabel, und bequem mit Leder gepolstert Arm- und Rückenlehne,
beinahe wie ein gotischer Großväterstuhl: das aber nur für die
Ewig-Rückfälligen oder völlig Unbekehrbaren; denn Strafe, Buße und
Abschreckung bei humanem Strafvollzug zwar muß sein; Ruhe und Ordnung:
so will es der Allerhöchste Gerechtsame, wie es geschrieben steht im
Buch, Seite X, Seite Z bis Y, und auch der Soldat tut in diesem
wunderlichen Weltwerk seine Pflicht: ihm ist das kalte Eisen in die Hand
gegeben, er soll es führen ohne Scheu, er soll dem Feind das Bajonett
zwischen die Rippen rennen, er soll sein Gewehr auf ihre Schädel
schmettern, das ist sein heiliger Beruf, das ist sein Gottesdienst.
Und so ist demnach es unausbleiblich:
„Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre, die Massengräber der Tiefe stinken
sein Lob, überall, allüberall ist eitel Glück und Friede und Freude und
Segen, und auch die Erde trieft vor Wonne, ist voll davon.“
Das ist das Werk der Schöpfung.
Und siehe da:
Wie wir gesehen haben und wie wir es an uns erlebt haben, Tag für Tag:
Es war gut, nur allzu gut so. –
V
Der Ausweg aus diesem Menschheits-Irrgarten!?
Breit und wunderbar eben angelegt, asphalt-glatt, mit Phrasen von
Menschheitstum gepolstert, mit allen Bürgertugenden gepflastert, auf
Viadukten über die abgründigsten aller Abgründe scheinbar schwebend
gespannt, oft mit bengalischen Fackeln phantastisch, märchenhaft
erleuchtet: das ist der Weg, der immer tiefer, gleichsam zwangshaft
hineinführt ins Labyrinth, ins völlig Ausweglose.
Offizielle Wegweiser sind angebracht, wie:
„Hier Rettung aus der Not!“
„Der richtige Weg!“
„Pfad der Hoffnung!“
„Hier: Weg des Fingerzeigs Gottes aus dem Tal der Verdammnis!“
Auch antike, togaumhüllte Göttergestalten sind links und rechts, diesem
heiteren Lebenskorso entlang aufgestellt, bronzene Reiterdenkmäler,
Siegessäulen, marmorne Kriegergedächtnishallen, und feierlich bewegen
sich daher, auf hohen Kothurnen stelzend, die Heldengestalten der
vergangenen Geschichte, berühmte Sprüche orakelnd, manche mit Dreispitz
oder in Ritterrüstung, Friedrich der Große, der Große Kurfürst.
„Gedenke, daß du ein Deutscher bist!“
Oder:
„Wenn auf unseren verödeten Exerzierplätzen wieder die Schritte
preußischer Grenadiere hallen, dann gehts mit uns aufwärts!“
Auch für Musik ist auf dieser Wanderung hinreichend gesorgt, für Tanz,
für Poesie, für Bildung. In den kargen Ruhestunden wirst du ausgiebig
mit den erhabensten Gedanken gratis gefüttert, Denk-Automaten schnurren,
es wird für dich gedacht, auf diese Weise wird ein schreckliches Unglück
verhütet, nämlich: daß du selbst zu denken etwa gezwungen wirst. Und
würde solch ein Unglück unvorhergesehenerweise gar massenhaft auftreten,
keine Epidemie käme dem an Gemeingefährlichkeit gleich, es wäre das
Chaos, so ein Zustand wäre für die moderne Gesellschaft unertragbar. So
schmilzt auch die Stimme des berühmten Professors der Gesellschaftskunde
herab vom staatlichen Universitätskatheder: „Klassenversöhnung!
Volksgemeinschaft! Rückkehr zum Gottesglauben!“ ... Oder ein anderer,
seine Brust wölbt sich unter einem Taifun von sogenannter
Vaterlandsbegeisterung: „Der heiligste Beruf der deutschen
Arbeiterklasse ist, die deutsche Wirtschaft für alle Verluste, die sie
im Weltkrieg erlitten hat, schadlos zu halten ...“ Und flugs werden
Menschenleben und verlorene Landstriche in Arbeitsstunden umgerechnet,
die der deutsche Kuli nun als Ueberstunden hereinzuschuften hat ... Und
die ganze Luft ist erfüllt wie bei einer mittelalterlichen Hexenorgie
mit Idealen, Idolen, Phantomen.
* * * * *
Das also ist ein eiliges Gekrabbel mit zugehaltenen Ohren,
verkleisterten Augen, verkniffenen Mündern; kopfüber drängt und zwängt
sich alles, einer schiebt den andern, rücksichtslos gebraucht man den
mit einem Eisenstachel noch besonders wirksam bewaffneten Ellenbogen,
und alles mischt sich freudig erregt hinein in die Verwesung; alles
maskiert, es ist wie bei einem Karneval; alles wird breiig,
verschwommen, die Umrisse enträndern sich, nun fliegen die Menschen
dahin als Schemen, nebelhaft, mit Fangarmen, künstlichen Rüsseln,
unnatürlich sich überwuchernden Gebissen, vergespenstert: mit
Scheuklappen vor den links und rechts sich ruckhaft-mechanisch
aufgipfelnden Schädelpyramiden: ein Staatsmann zeigt einen neuen Bluff,
alle klatschten hypnotisiert ekstatischen Beifall, „spontan“,
„frenetisch“ wie es im Zeitungsbericht heißt, durch einen Gaunertrick
zeugt man unter geheimnisvollen Beschwörungsformeln ein neues
polypenartiges Gebilde, den Völkerbund; da heben plötzlich alle die
Sektgläser, kreischen „Prost Neujahr!“ fallen sich gegenseitig in die
Arme vor Entzücken, würgen sich und beißen sich aber gleich darauf die
Gurgeln durch, und die Glocken läuten dazu noch ganz ernsthaft „Friede
auf Erden!“ Sektierer aller Arten nun schwärmen heran, spleenige Käuze,
Prediger, von denen ein jeder eigensinnigst darauf erpicht ist, auf
seine nur ihm allein eigene und geschäftstüchtig natürlich patentierte,
höchst originelle Weise in den Untergang zu stolpern; Pazifisten, mit
Palmenschweifen wedelnd, auf allen Vieren hopsend vor dem von ihnen
mitgetragenen imaginären Standbild des von ihnen nie zu verwirklichenden
Weltfriedens; geschäftig verhandeln sie unter sich die gegen jedes
Blutbad garantiert imprägnierten Schutzmäntel ... O Prozession des
Todes! ... Und Strenggläubige noch, den Bedürfnissen eines modernen
Zeitalters nicht unbegabt angepaßt: auf fahrenden, in einem
eindrucksvollen Hundertkilometertempo angleitenden, elektrisch
betriebenen Betstühlen ... Lachsalven: ein irrsinniges Grinsen ... Und
das alles mit „Hoppsassa! Heisassa!“ immer tiefer hinein in einen
riesigen Pfuhl, mit blut- und kottriefenden Masken.
* * * * *
Mit Gebälken, Barrikaden und Schranken aller Art aber verrammelt ist der
Weg, der aus dieser Marter-Höhle herausführt.
Mit Stacheldrahtverhauen von den Herrn dieser Erde abgesperrt,
unterminiert, durchtupft mit Wolfsgruben, von Schützengräben durchquert,
von Schlingen und Fallen umstellt, und mit einer Riesenwarnungstafel
gütigst versehen:
„Wer weitergeht, wird erschossen!“
Polizeitruppen, schweißtriefend, rasen in Lastwagen auf und nieder,
angaloppieren schneidig die berittenen Hundertschaften „zur besonderen
Verwendung“, die Gummiknüppel flitzen, Säbelschneiden ziehen durch, die
Gewehrkolbenschläge dröhnen dumpf, Bajonettspitzen zucken, Schüsse
knacken ... und Panzerwagen, aus allen Luken beinahe lautlos Feuer
speiend, kriechen wie stahlhäutige Riesenkäfer hervor aus den zu Forts
ausgebauten Regierungsvierteln. Gasgranaten, Bomben; Maschinengewehre
knattern oben aus Flugzeugen.
Haufen Erschossener.
Haufen lebenslänglich in Zuchthäusern an die Mauern Geketteter.
Millionen: das Lebensmark ausgesogen von übermenschlichen Entsagungen.
Ein Haufen zum Tode Verurteilter: wie groß und unendlich ruhig stehen
sie an der Wand –
Millionen namenloser Märtyrer:
Und sie halten sich unverrückbar im Herzen eines jeden Lebenden fest, im
Kampf den Kämpfern ein gerades Richtzeichen.
* * * * *
Und aufrecht schreitet diesen Weg trotzdem und trotz alledem ein Zug:
rußgeschwärzte Gestalten, beinahe nackt, singend, unter einer großen
roten Wolke als Fahne ...
Ihre Schritte klirren, klirren wie Hämmer im Takt ...
Kein Schönredner ist da, der die Gehirne dieser Männer auslaugt mit
Schwatz und mit Flausen ...
Rhythmisch, hart schwingend, als ob die Straße selbst marschiert, ist
es. Die Lebendigkeit, das Leben, die Erde, die Welt selbst ist hier in
Bewegung; die Erdkugel rollt, das Sonnenfeuer dreht sich, das Firmament
zieht glanzstark auf und nieder, die ganze Natur, alle Kreatur: alles
marschiert, alles singt hier, triumphierend und kühn, das:
„Vorwärts!“
* * * * *
Ein Kommando ertönt.
Ist es der Sturm selbst, der menschliche Sprache gewonnen hat; das Meer,
das aufgewühlte Meer, das schreit, schreit und tief hinten am Horizont
hochpeitscht, der in Millionen Flammensplitter zerspringt!?
Ein Kommando –
Stürzen die Gräber herauf, stülpt sich der Weltraum wie ein sphärische
Glasglocke um ... und die Pflastersteine würfelts dahin wie kantige
Granitschädel – – –
Wie Lehm ist die Haut des Menschen, alles Blut zieht sich bis ins
Innerste des Herz-Kerns zurück – – –
Und die Arme renkt es weit aus dem Körper hervor, die Fäuste hängen
schon wie rotierende Eisenkugeln dran an den muskelschwellenden Gelenken
...
Ein Kommando –
Und widerhallen die Stimmen der Wurzeln in der Tiefe ...
– – –
Und dies Kommandowort, das die Geschichte den werktätigen Massen aller
Länder zuruft, heißt:
Klassenkrieg! –
VI
Keiner ist so blind, daß er letzten Endes nicht doch noch sehend werden
könnte. Auch die Verblendetsten sind nicht verloren.
Die gepanzerte Faust der Geschichte meißelt auch die verstocktesten
Schädel noch auf.
Auch hier rinnen, über und über verschüttet, Quellen unheimlicher Rache,
Quellen lebensspendender Kraft.
Ein magnetischer Streif donnert dahin der Rote Strom.
Wenn er durch die Städte treibt: die Städte brechen auf, die Fabriken
ziehen mit, die Werften hämmern sich herein, die Schiffssirenen
aufruhrtrillern, die Krane neigen sich, die Ufer bröckeln: der Strom,
der Strom: uferlos, immer uferloser wird er ...
Was ist dieser Strom anderes als befreiungsschmetternd aus den alten
Welträumen sich ergießendes, alle Dämme niederreißendes,
jahrtausendelang gemartertes Herzblut!?
– – –
Schlag um Schlag in ihr Angesicht:
Auch die Kleinbürger werden eines Tages noch gezwungen werden, ihrem
Feind ins Auge zu sehen.
Herunter mit den Scheuklappen, aus ists mit dem Sichherumdrücken, Schluß
mit jedem Dem-Kampf-Ausweichen, Farbe bekennen heißt es, Brust an Brust,
Brust an Brust gekettet: so beginnt auch hier das Ringen um die
Entscheidung ...
Langsam, zögernd, mißtrauisch rücken die Kleinbürger in die
proletarische Front ein: mancher auch im letzten Augenblick noch bereit,
seine Kameraden, seine Mitkämpfer, sich selbst zu verraten.
Aber die Erde kracht, die Risse reißen immer tiefer sich ein, und sie,
die Erde, sie ist mit keiner noch so ausgeklügelten Phrase auf die Dauer
mehr ganz zu leimen.
Der Kleinbürger kann sich vorerst sein Vaterland bis in alle Ewigkeit
hinein nur schwarzweißrot vorstellen.
Es wird nicht schwarzweißrot sein.
Es wird nicht schwarzrotgold sein.
Es wird rot sein.
Die Kleinbürger täten klug daran, sich beizeiten damit abzufinden.
– – –
Die Welt wird unser sein. –
VII
Klassenkrieg –
Ich habe nicht ein Jahr, nicht zwei, nicht drei Jahre – ich habe zehn
Jahre lang gebraucht, um dieses Wort auszusprechen.
Von Angesicht zu Angesicht habe ich dieses Wort geschaut; ich war allein
mit ihm, so allein, wie nur ein Mensch mit sich selbst sein kann ...
Stirnfetzen, Gerippe, Gerippsplitter; abgerissene bluttriefende
Fleischstücke von Menschenwangen; niedergestampfte Säuglinge,
Gehirnmasse, die aus einer von Gewehrkolben aufgehauenen Schädelnuß
quillt; Mütter, flach an die Mauern gequetscht von dem Luftdruck einer
Fliegerbombe; milchiges verflocktes Augenweiß; eingeknetet das alles zu
einem grobknochigen zementfarbenen Brei oder wie seifige Lauge oder
Mörtel, schon flüssiger geworden; Hautknäuel, Fleischknollen,
Menschenkadaver, stinkender wie Exkremente; Torsos des Grauens,
widerlichste Skelettfragmente ... Transport an Transport der zur
Hinrichtung Abgeführten ... O, ich habe auch die Stellungen studiert,
und nicht nur studiert!, dieses Zucken in den Mundwinkeln, die
unendliche klumpige Gliederschwere, der ganze Mensch bis in die letzte
Nervenfaser hinein elektrisch knisternd gespannt und qualgeprägt: all
derer, die, zum Tod verurteilt, vor der Gewehrlinie knieen ... Ich weiß,
was es heißt, die Schlinge im Genick und zehn Sekunden noch sind es, o
diese ganz unfaßbaren, zeitlosen, weltweiten Sekunden!, zehn Sekunden
noch bis zum Weggezogenwerden des Schemels unter deinen Füßen, und dann,
dann der erste Augenblick des Freischwebens am Strang – –
Ich kenne wirklich auswendig das ABC des Kriegs, den menschlichen
Elementarunterricht des Kriegs sozusagen, denn das Vergessenkönnen war
nicht meine Tugend. Heilig ist mir auch heute noch jeder Tropfen
Herzblut – und eben darum, und eben darum, weil ich nicht müde werden
kann zu klagen: o Mensch, du kümmerlicher, du elend dich im rohesten
Daseinskampf krümmender, du armseliger Wurm.
Klassenkrieg. –
Ich habe dieses Wort niedergehalten, trotzdem und trotz alledem, in mir:
lange genug war ich bereit, die verruchte Grimasse dieser Welt mit
schönen Illusionen zu umkränzen. Ich brachte es einfach nicht über mich,
das auszusprechen, was ist. Das zu tun, was nottut ...
Klassenkrieg ...
Ich werde heute die Zähne zusammenbeißen und, wenn der Ekel mich würgt,
mit einem kräftigen Fluch dreinspucken –
Klassenkrieg. –
Es geht nicht anders.
Darüber kommt man nur mit Schwindel hinweg ...
Ich habe nun alle Möglichkeiten, nicht nur in meinem Gehirn, sondern
auch in meinem Blut durchprüft. Erlebnis an Erlebnis durchkontrolliert,
Erfahrung durch Erfahrung. Es sickerte hindurch durch die vielen Jahre
wie durch einen Filter.
Bitter zwar und herb, aber die lauterste, durch kein Surrogat künstlich
verputzte Wahrheit: das ist das Grundresultat, der Extrakt.
„Bitte schön“, nun werden wir sagen, „Bitte schön, meine Herrschaften,
Essenz gefällig!?“ Denn wir sind weder ein Kuriositäten-Kabinett noch
ein Album, darin man abstrakte Lebensweisheit sammelt ...
Ich habe die Welt gründlich ausgeschmeckt. Nie und nirgends begnügte ich
mich nur mit einer Kostprobe. Ich habe alle Menschenarten dieser Welt
geschmeckt ...
Und ich komme heim von meiner Irrfahrt, still, sehr still geworden, ohne
große Worte. Mein eigenes innerstes Wesen empfängt mich, mich umarmend,
wie eine Mutter, bei meiner Heimkehr. Weiter: entdecke! erobere! Und ich
reihe mich vorbehaltlos der proletarischen Front ein. Alles, was ist,
alles, was je gewesen war, alle Erwägungen, die ich anstelle darüber,
was je einst noch sein wird: alles Vergangene, Zukünftige, Gegenwärtige
drängt mich schlicht, völlig naturgemäß zu dieser Entscheidung.
Sie hat mich organisch zersetzt, dann war es plötzlich abrupt,
sprunghaft – und die Entscheidung war, lange bevor ich es eigentlich
selbst bemerkte, gefallen ...
Klassenkrieg ...
Rache juckt mich nicht.
Auch sachlich, kühl wie ein Stein kann ich sein. Nüchtern, wie nur der
Nüchternsten einer, den Weltgang betrachten. Ich bin heute von keinem
Fasching der Illusionen mehr gefoppt.
So sehe ich das unausweichbare Gegeneinandervorrücken, das
Gegeneinander-mit-den-Spitzen-Zusammenstoßen, das explosionsartig
Gegeneinander-Aufprallen zweier Welten, zweier Weltgruppen, zweier
Weltgewalten, und in der Weltmulde offen lagernd das gewaltigste Dynamit
unseres Zeitalters:
Der Klassen-Widerstreit. –
* * * * *
Und ihr?
Ihr versucht den Klassenkampf hinwegzudekretieren. „Volksgemeinschaft“
phrasendrischts heraus aus dem Programm der Volksverbrecher: ihr
versucht dadurch die Einheitlichkeit eueres Weltbilds zu retten, o du
hochgepriesene Einheit, die du doch nur, immer offenkundiger, eine
Einheit unauflösbarer Widersprüche bist! O jämmerlich-hilfloseste
Versuche ihr engstirniger, kurzsichtiger Kretins!
O ihr oft gar so honigsüß den Weltfrieden anlispelnden
Verbrecher-Hochstapler und Narren!
Jede Unterdrückungsmaßnahme von euerer Seite her muß, vielleicht
zähneknirschend erkennt ihrs, muß, muß nur unsere Waffen schärfen. Wir
wetzen uns blank an euch wie an einem Schleifstein. Und der Griff, mit
dem nach unserer Gurgel ihr euch streckt: damit reißt automatisch den
Todesstoß ihr euch selbst in euere Herzmitte.
Ja, und die schlimmsten Fehler, die zu begehen wir überhaupt nur fähig
sind, o wieviel unendlich mal richtiger sind sie, von der Perspektive
der Geschichte der Menschheitsentwicklung aus gesehen, als euere
lauterste Wahrheit! –
– – –
So singe ich hin im Kampf zweier Welten, ein stählerngefittichtes
Schlachtlied, in Riesenschleifen kreisend über der Revolutions-Aera.
Zetert „Hilfe!“, Bürger! Kläfft „Jesus, Maria!“ und „Mordio!“
Jammert! Heuchelt! Heult!
Plärrt euch unseretwegen, wenn es sein muß, die Hosen voll!
Fabelt von Bürgerkriegsgreueln, Vergewaltigung, Terror,
Geiselfüsilladen, bestialischen Grausamkeiten – aufrichtig sicherlich
meint ihrs, ihr zivilisierten Kannibalen-Geschlechter!
Phantasiert nur des nachts im Traum vom Geschröpftwerden, von
Barrikaden, von euch umschwirrenden Feuergarben und Bajonettstichen!
O welche Leichenbittermienen! O welch eine Krätze rumort in euerem
Gehirn! ... Kickeriki ... Ja, ja, der Hahn kräht ... O ihr gütigen
Visionen, Halluzinationen aller Bornierten!
Schmarotzer-Kulturphilister!
Bei heruntergelassenen Jalousien, bei abgeblendetem traumweichen Licht:
so hockt ihr in eueren Luxusprachtappartements, nichtsdestoweniger aber
sind es die Abfallgruben, die Parasitennester der lebendigen Geschichte.
Aesthetisch vermodernd, trotz euerer Schönheits- und Gesundheitskuren in
warmen Milch- und künstlichen Höhensonnenbädern!
O ihr Treibhausgewächse, von Generation zu Generation übernommen, wie
mit Watte mit ausgesuchtesten Daseinsbedingungen sorgfältig umwickelt
und mühsam am Leben erhätschelt! ...
Packt den Ranzen euch auf mit Traktaten und Katechismen, stopft den
Wanst euch voll, bis zum tödlichen Erbrechen voll, mit Bibelsprüchen! Du
göttliches Gesindel, ihr Augenaufschlagkünstler, ihr zynischen, ihr
virtuosen Schufte der Kirchen! Mästet fortab euch mit Reliquienresten
und langweilt unseretwegen zutod euch im stillen Kämmerlein mit eueren
albernen Sophistereien: Hände aber weg, ein für alle Mal, von all dem,
was lebt, und von all dem, was nach Leben, Leben, lebendigem Leben
stöhnt, was sich Leben erobern will!!!
– – –
Unter dem sausenden Gleiten der Transmissionsriemen beim Funkenspritzen
der Schleifräder, beim Krach der Explosionen tief unten in den Schächten
der Bergwerke –
Wenn der Hobel flitzt, beim Knirschen der Stahlsäge, beim Staub der
Eisenspäne –
Gezeugt
Inmitten des Pulverdampfs –
In den unhygienischen gesundheitsmordenden Räumen der Granat- und der
Phosphorfabriken –
Beim Granatendrehen der Proletarierfrauen, der Proletarierkinder –
Beim Kartoffelstehlen und auf den Heringspolonaisen –
Beim tage- und nächtelangen Anstehn der Arbeiterfrauen vor den
Lebensmittelgeschäften –
Im verzweiflungsvollen Schluchzen von Millionen der ihrer Männer im
imperialistischen Weltkrieg beraubten Arbeiterwitwen –
Dort
In der armseligen Proletenwohnung –
Dort
In Granattrichtern, in Schützengräben –
Dort
Im Geklapper der Prothesenglieder der demonstrierenden Kriegskrüppel auf
den mit Luxusläden garnierten Hauptstraßen –
Im Zug der Erwerbslosen,
Im Beschluß „Generalstreik“,
Im ersten Schuß des bewaffneten Aufstands –
In der Salve des Exekutionskommandos, die die ersten roten Soldaten
niederkracht –
Großgezogen
Mit Graupen und Grütze –
Mit Hungertränen,
Mit Tuberkeln,
Mit Skrophulose,
Mit Lebensangstschweiß –
_So_
_Steht die Neue Welt auf_ –
_So_
_Steht die Neue Geschichte_,
_Die Zukunft_
_Auf_ –
Unfertig,
Formlos,
So wie es sein muß:
Unter konvulsivischen Zuckungen,
Schaum ohnmächtiger Rache noch um den Mund wie ein Epileptiker –
Aber
Es wird schon,
Es formt sich schon,
Hart, stahlhart gerinnen die Umrisse –
Das Herz beginnt zu schlagen,
Zu hämmern:
Ein eiserner Takt –
O welch ein wunderbares, der Sonne gleich Menschenwärme ausstrahlendes
Herz –
Hebel – Muskelstränge – Gelenke –
Und
Millionenfüßig ansteigend, kriechend, geduckt auf den Sprung lauernd,
nun: wie eine Sturzwelle, nun – schreitend:
Und die Revolution steht da
Vor euch
Unerbittlich,
Ruhig – aus Millionen elektrisch blitzender Augen euch erspähend –
Mit Millionen zangenartiger Arme euch umklammernd –
Aufrecht,
Mann gegen Mann – – –
„Wie eine Lawine –“
„Wie ein Orkan –“
„Wie Lavamasse, die herein sich in eueren Weltraum wälzt – –“
Leibhafte Gestalt!!!
– – –
Biedert euch an, ihr Hampelmänner der Geschichte mit Göttern, Heroen,
Titanen, mit dem ganzen wertlosen Plunder und Seelen-Krimskrams der
Vorzeit! ...
Glotzt hinab in euch selbst, in den Abgrund des Nichts ...
Purzelbaumschlagt, ihr metaphysischen Clowns!
Auf! Ein Saltomortale ins Jenseits!
Los!
Auf zur Seelenwanderung!
Produziert euch im Himmelszirkus mit Wesensschau!
Heil euch, ihr Emigranten!
Flugs, desertiert aus den Reihen des Diesseits!
Die jenseitigen Geister verspüren Appetit nach euch. –
VIII
Ihr lebendig wandelnden Marter-Maschinerien der Menschheit in
menschenähnlicher Gestalt! Ihr großen allgewaltigen Saugpumpen! Ihr
demokratischen Würg-Götter, ihr Knochenmühlen Gottes! Ihr allmächtig
euch dünkenden Akteure der Weltgeschichte – –
(– bis auf weiteres)
Die Erde, die ganze Erde haltet umkrallt ihr mit eueren Gliedern,
geheimnisvolle Riesenspinnen: euere Organe wachsen sich aus, euere
Organe verlängern sich: euere Hände, euere Arme, euere Beine, euere
Muskelbündel setzen sich fort: Eisengelenke, Riesendampfer,
Dampf-Hämmer, Hebel, Krane, Räder, Maschinen, Werkzeuge! Euer Gehirn:
ein allgewaltiges Verrechnungsinstitut. Fest steht ihr mit beiden Füßen,
nein mit Millionen Füßen auf der Erde, verknüpft untereinander mit
blitzenden Stahlschienenbändern die fernsten Weltteile, stopft voll, und
das nennt ihr Kulturmission, mit euerem wertlosen Gerümpel jeden
Weltwinkel. „Der Anfang sind wir“, so prahlt ihr großmäulig, „die Mitte
und das Ende der Welt.“
„Cäsarennaturen –“
„Führen zurück wir nicht unseren geistigen Stammbaum auf die Schöpfer
der Pyramiden –!?“
Da marschieren sie heran, lakaienhaft grinsend, euere Angestelltenheere,
es speichelt im Chor: „Respekt vor dem Kapitalismus! Respekt vor dem
Ungeheuer! Respekt!“ –: Millionen Beamte, Techniker, Chemiker, Pfaffen,
Aerzte, Lehrer, Professoren, Künstler; so fein säuberlich wie auf
Emaille gemalt: Generäle als Trabanten. Eine Handbewegung von euch,
Druck auf einen Signalknopf: und automatisch die Fabriken öffnen sich,
und Hunderttausende von Erwerbslosen speit es hinaus aus dem zementenen
Rachen auf die Straße; Menschenrudel überstürzen sich; das humpelt,
kriecht, rast schon irrsinnig geworden auf den Arbeitsnachweis, von
euch, ihr Auserwählten, die Gnade des Arbeitendürfens in Empfang zu
nehmen. Mürrisch gewährt ihrs, wenn es euch in eueren räuberischen
Produktionsplan paßt, wenn nicht – wieder ein Signal, und rasch
verständigt ihr euch, das Militär sperrt ab – Handgranaten,
Fliegerbomben, Maschinengewehrsalven als Begleitung – und Millionen laßt
abschwenken ihr von der Straße des Lebens zum Marsch in die
Hunger-Dschungel ...
„Gewürm, Abfall, Dung der Geschichte –“
Konstatiert ihr. _Der_ Geschichte, die euere Geschichte ist. Denn dort,
wo die höchsten Schlote enden, dort ziehen sich hin euere Höhen, mit
Prachtgärten und Villen bebaut, die modernen Götterwohnungen, die
Königsschlösser unserer Zeit, unsichtbar gegen jeden Ansturm der
Rebellen verbarrikadiert, und alles vom werktätigen Volk Geschaffene
findet dort in euch seinen endgültigen sinnvollen Ausklang.
„O ihr gütigen Spender des heiligen Lebens, wie danken wir euch! Den
Lohn, den ihr uns auszahlt, welch ein kostbares Geschenk! ... Und
kleiden wir uns auch in Lumpen, bewohnen wir auch Höhlen, und haben
weder Speise noch Trank ... und wir Frauen und Kinder: man kann sich
schon nirgends mehr anlehnen, so schmerzt es vor lauter Gerippe – – – o
ihr, euer gütiges Lächeln ist unseren Wunden ein Balsam, und unser
Vierzehnstundentag nichts weniger und nichts mehr als ein Gottesdienst
–“
* * * * *
Anders aber spricht die Wirklichkeit.
Die Rußknäuel, die die Schächte ausatmen, ballen sich am Himmel zu einer
schweren Wolke. Stöße brennenden Windes furchen das Land.
Waggonweise nun laßt ausschütten ihr unter den Murrenden, unter den
Todgeweihten die jedes Klassenbewußtsein mordende Korruption. Von euch
gedungene Arbeiterführer spalten auftragsgemäß jede proletarische
Kampforganisation. Verrat, Bestechung, Niedertracht ohne gleichen. Die
Arbeiter selbst bekriegen sich. Unter dem Aushängeschild des
Arbeiterwohls und der „Volkserneuerung“ gründen sich neue
arbeiterversklavende Verbände. Mißtrauen gegen die bewährten
revolutionären Führer: in jeder Herzfalte sprießt schon euere giftige
Saat. Da wieder laßt ihr einen, freudig gewährend, einherstelzen im
Prunkgewand anarchistischer Phrasen; andere wieder orakeln von
Rednertribünen – und schmunzelnd kostet ihrs aus –: „Langsam voran, im
Zickzack vorwärts!“ Und das instinktiv schon klar entschiedene
Arbeitergehirn verwirrt sich, die Kampfkraft laugt sich aus, planlos
verläuft die Aktion und uneinheitlich – und das Ende: ein blutiges
Menschenknäuel.
Denn rücksichtslos gebraucht ihr, wo das System der Korruption nicht
mehr ausreicht, gegen die sich Empörenden euere schärfste Waffe: die
Machtorganisation des Staates.
* * * * *
Es marschiert aber, es marschiert, es marschiert.
Die Straße selbst zu eueren Höhen hinan, ihr Unerreichbaren, bewegt
sich.
Der Hungertod marschiert, die Arbeitslosigkeit marschiert, es
marschieren die Tuberkulose, die Syphilis, das Alkoholdelirium, die
unhygienischen Wohnungsstätten der Arbeiterbevölkerung: schwer,
schwerfällig, tappend, denn schwer nur kommt es noch in Bewegung. Und
das Massengrab des imperialistischen Krieges marschiert, und Selbstmord
und Lebensverzweiflung, und dahinterher wieder Skrophulose und
fahrlässige Verstümmelung, und nebenan die Kolonialschmach und die
amerikanische Lynchjustiz, die Todesstrafe marschiert, Gerichtsurteil an
Gerichtsurteil, Millionen Jahre Zuchthaus und Gefängnisstrafen, die
Kinderarbeit, die Herzensträgheit, die Gedankenzerrüttung ... eine
riesige schmutzig-gelbe gallertartige Masse von Millionen von Menschen
zerstörten Lebensglücks.
Die Menschenunterdrückung, die Ausmergelung, die Unnatur, der brutale
Daseinskampf marschiert.
Es ist eine Sintflut der Daseinssinnlosigkeit, eine Sintflut des Nichts.
Ist es Walhall, ist es der Olymp selbst, den ihr stürmen wollt!?
Hoffährtig glotzend psalmensingen die Priester zum christlichen Himmel:
aber schon schüttelt es wie Hagelkörner über die ganze Welt hin zu
Stahlgeschossen geronnene Menschentränen ...
Und –
Ein Gesang marschiert.
Die „Internationale“ marschiert ...
* * * * *
Wie ruhig, wie unendlich ruhig stehen die sieben „Der Vorbereitung des
bewaffneten Aufstandes“ angeklagten Revolutionäre vor ihren Richtern.
Vier, fünf, zehn, zwölf, fünfzehn Jahre Zuchthaus.
So lautet der Antrag des Staatsanwalts.
Die Angeklagten haben das Schlußwort.
„Wir haben jederzeit unser Ziel unumwunden zugegeben. Die Strafe, die
Sie gegen mich beantragt haben, wenn das eine Strafe für meine
kommunistische Gesinnung sein soll, nun gut. Für den Kommunismus setze
ich alles ein.“
„Für mich ist es einerlei, was der Gerichtshof beschließt. Ich habe bis
jetzt mit meinen Genossen gelitten: ich bin bereit, wenn es sein muß,
für meine Ueberzeugung weiter ins Gefängnis zu gehn.“
„Ich habe für meine Ueberzeugung bisher im Gefängnis gesessen. Ich habe
dafür meinen Beruf aufgeben müssen. Ich werde, wenn Sie es wollen,
weiter zu leiden verstehn.“
„Eine Gesellschaftsordnung, die Millionen ins tiefste Unglück
hineingestoßen hat, ist nicht wert, weiter zu existieren. Ich habe im
Gefängnis in die tiefsten Tiefen hineingeschaut. Wir werden es zu ändern
verstehen. Sie werden mir mit dem Strafantrag einen Lorbeerkranz um mein
Haupt legen, den ich gar nicht verdiene, denn ich bin ja nur ein
einfacher Funktionär. Ich werde trotz alledem den Kopf hochtragen.“
„Ich bin mir völlig klar darüber: der Leidensweg des Proletariats
erfordert große Opfer. Ich bin es gewohnt, für den Kommunismus zu
kämpfen und zu leiden. Ich werde auch weiter Opfer zu bringen verstehn.
Aber das Bewußtsein habe ich und das macht uns alle stark: Zuletzt
werden wir die Sieger sein und triumphieren über den Schmutz der
heutigen bankrotten Gesellschaftsordnung.“
Und auch die Jugend des revolutionären Proletariats meldet heroisch an
ihre Stimme:
„Ich bin stolz darauf, für meine Ueberzeugung vor Ihnen, hoher
Gerichtshof, zu stehen. Ein großer Arbeiterführer hat uns einmal gesagt:
wenn euere Altersgenossen ins Gasthaus und ins Tingeltangel gehen, so
werdet ihr mit einem Lächeln ins Zuchthaus wandern. Nun, wenn sie mich
ins Gefängnis schicken wollen, ich bin bereit, für den Kampf der Jugend
meine ganze Person einzusetzen und werde stolz die Gefängniszelle auf
mich nehmen.“
„Wenn Sie mich verurteilen, nun gut, so werde ich dieses Lehrgeld
zahlen. Ich glaube, es wird sich lohnen.“
* * * * *
Was ist das für eine Ruhe!?
Das ist die Ruhe des Schongesiegthabens, nur einen Schritt, nur einen
kleinen Schritt noch ist die Geschichte zurück. Morgen, übermorgen: es
kommt, es wird kommen, es muß kommen ... Der Kampf ist schon entschieden
– und wenn du zur Bekräftigung des Sieges noch das Siegel deines Lebens
drauf drücken mußt: so geschieht es ohne Zögern und voller Heiterkeit.
Was ist das für eine Sprache!?
Das ist eine Sprache, die gesprochen wird, bald laut, bald weniger laut,
doch deutlich vernehmbar, bekennerisch, in allen Erdteilen. Das ist der
Grundton einer neuen Weltsprache, der Sprache der Zukunft. Und jeder
echte Dichter müßte sie sprechen.
Ja, die Höhe der Strafe: das ist einer der Gradmesser der revolutionären
Tüchtigkeit, einer der Gradmesser deiner Menschheitsverantwortlichkeit.
Das „An die Wand“: das ist für den Revolutionär, wenn es schon sein muß,
das aus seinem Herzblut mit Freuden gespritzte Blutsiegel unter die
Botschaft: Einst kommen wird der Tag ...
Denn –
„Wer Kampf gegen den Bolschewismus beginnt, der sinkt immer tiefer und
tiefer. Er wird Verbündeter von Monarchisten, Werkzeug von
Imperialisten, dann Spion und Bandit. Auf diesem Weg gibt es kein Zurück
mehr.“
Mit diesem offenen Geständnis beschloß vor dem Roten Revolutionstribunal
einer der unerbittlichsten Gegner des Sowjetsystems seinen verruchten
Kampf gegen die Arbeiter- und Bauernrepublik: Sawinkow.
Und so ist es. –
IX
Aus diesen Fangarmen sich zu befreien, aus Fangarmen, die unsichtbar
sind, die fließend sind, die wie ein millionenästiges Gezweig dein
Denken und Fühlen durchzweigen, um so mehr, je mehr du vermeinst, ihrem
eisernen Zugriff bereits dich entzogen zu haben; heraus aus allen
Verkettungen und Verwindungen, denn wie ein Sperrfeuergürtel ist die Not
der Zeit um die begrenzte Zone deines Daseins gelegt; heraus dich zu
arbeiten, das Messer zwischen den Zähnen, aus all den tausendfachen
Verstrickungen, Durchgarnungen, Hinterhältigkeiten und Unbewußtheiten:
dazu ist die Kraft eines einzelnen Lebens nicht genug, und wäre sie noch
so eine übermenschliche und gigantische. Aber du lebst dein Leben
weiter. Lebst dein Leben weiter im Leben von Kämpfern, die um dich sind,
die mit dir sind, im Leben von Kämpfer-Generationen, die nach dir kommen
werden. Die besser kämpfen werden wie du, zielsicherer, konzentrierter,
gerüsteter. Die eines Tages auch den Kampf zu Ende gekämpft haben
werden, von dem es heißen wird:
* * * * *
Er war der größte, er war der herrlichste, er war der an Niederlagen
reichste: keiner war ihm gleich.
Gekämpft habt ihr in Träumen; gekämpft habt ihr mit entzündenden Worten,
mit Melodien; mit Wandzeichnungen, mit Debatten; mit euerer Atemzüge
monotonen Rhythmen; mit jedem euerer Herztakte, hart, gehackt klopfend
hindurch durch die stickicht qualmenden Fabrikräume: ihr lebendigen
Arbeitsmaschinen!
Lawinen von Menschenmassen schüttelt aus sich heraus die Erde. Lava von
Menschenblut stampfte dampfend daher.
Türme von Menschenleichen stiegen an aus der Tiefe. Massengräber
schluckten, ein schlammiger Rachen, die Lichtfrucht der Sonne.
Strang, Füsillade, elektrischer Hinrichtungsstuhl:
Bis zur Neige geleert den Kelch der Bitternis!
Nicht einen Tropfen nicht geschmeckten Leids schenkt euch die nach
Menschenopfern lechzende Menschenerde!
Schritt auf Schritt auf dem wie eine getretene Schlange sich windenden
Weg siehst du, hereingebaut bis ins blaue Erz des Himmels,
Schädelpyramiden.
Blutquellen perlten. Blutbäche schossen. Blutströme rollten. Die
Riesenorkane, mit den Flügeln des Hagels sie schlagend, furchten das
Blutmeer.
Wer seid ihr!?
Kolonnen rußgeschwärzter Männer –
Kolonnen der Arbeitskittel –
Kolonnen der Genossen, der Leninisten-Kommunisten –
Kolonnen der Genossinnen –
Kolonnen der Jungkommunisten –
Kolonnen der Parteilosen-Sympathisierenden –
Proletariat.
Menschheitsgranit.
Zu Wellenbergen der Geschichte verwandelte Menschenmassen.
Welt-Eroberer. –
* * * * *
Es hingen nieder die Wälder von den Bergen wie schwarzes Geläute. Die
Felsen donnerten hoch oben im Luftleeren.
Keine Tafel faßt je die Namen der Helden, gefallen in der
Riesenklassenschlacht.
Die kommenden Geschlechter werden ein Instrument erfinden, die Namen der
Helden und Kämpfer der ganzen Erde, die Schlachtäcker und Kampftaten
alle gleichzeitig zu nennen: das dröhnt wie Gebläse einer
millionenstimmigen Riesenorgel; alle Kreatur singt mit im Chor.
Jeder Blick deiner Augen kämpft, jede Faser deines Herzens, jede
Bewegung deiner Hand kämpft.
Einer voraus!
Einer in der Mitte.
Einer ist der Anfang.
Das Gewölb hallt wieder vom Refrain des ersten Tausends.
Das zweite Tausend –
Das dritte –
Das vierte ...
Das erste Hunderttausend –
Schritt gefaßt! Schwenkt! Ausgeschwärmt –
Massenprotest – Generalstreik – Massenaktion – Bewaffneter Aufstand – –
–
Und wie ein Fächer sich entfaltet –
Sturmwellen wirft der hohe Triumphgang der Geschichte.
Alles ist Kampf, ist Bewegung.
Die Natur selbst trommelt den Kampftakt.
– – – –
„Wer ist das!?
„Was ist das!?
„Einfach ein Irrsinniger!?
„Oder –?!
„Ein Projektil der Geschichte –
von nie dagewesener Sprengkraft!?“
– – – –
_Lenin_
– – – –
„Aus diesem Teig sind geknetet die Robespierres, die Marats – und sogar
noch viel, viel Größere ...“
– – – –
Ihr stahlgepanzerten Großkampfmaschinen, rot bewimpelt, seid gegrüßt!
Hinüber!
Ruckend zuckt es hinweg schon über Gräben, angefüllt mit Stößen
regenbogenfarbig schillernder Gasleichen.
Stahl, Erz, Kohle, Kupfer, Metall, Wasser, Zement, das Gift, die Wurzeln
der Tiefe, das zarteste Blümlein der Erde: nenn mir ein Ding, nenn mir
ein Fleckchen im Weltraum, nenn ein Element mir, das heute nicht kämpft.
Auch die Vögel, die Sonne, Stern, Wald, Meer, von Schwarz bis Purpur;
Bergpfade und Gefälle:
Alles jauchzt Kampfwillen. –
* * * * *
Tausend Jahre oder darüber – ich zähl sie nicht –: aber ich höre
deutlich das Siegeslied, gesungen von dem befreiten Welt-Volk,
hereinschmettern in den Strudel der Klassenkampfzeit aus der alle
Menschenzeitalter triumph-kühn überhöhenden Zukunft:
* * * * *
„Genossen! Kampfscharen!
„Seht, das ist das Leben, das ihr uns erkämpftet! Auf sonnenstarken
Bergen: geflügelt überspringen wir Gipfel an Gipfel; wie auf einer
Fläche gleiten wir hin auf dem Wind ...
„Greift unsere Körper! Nicht nach der Zahl von Jahren mehr leben wir:
wandelnde Fackeln des Lebens sind wir, genährt an dem ewigen
unauslöschbaren allebendigen Lebensbrand ...
„Herrschaftslos herrschen wir!
„Begeisterungs-glühend, ein Menschen-Stern, zieht jeder Einzelne dahin
über die Erdenbahn.
„Was ists für Wärme, die in einer leuchtenden Woge, länderauf, länderab,
meerauf, meerab bis hinüber über den Süd- und über den Nordpol wallt!?
Nicht Golfstrom ists und nicht Samum: es ist unser neuer Sommer, es ist
Wärme des Menschenherzens.
„Was ists für ein schweigendes Gewittern im Raum, Takt an Takt; es wölbt
sich, ein kristallisches Kuppelgefüge, strömt an, strömt an in
Klangwellen, und wieder strahlt es sich auseinander in vielfarbigen
Schwingungen!? Es ist die unermüdbare Schlagkraft des Menschenherzens.
„Wie Wein schäumt über den Rand: so überquillt vor Fruchtbarkeit die
Erde an den Horizonten. Das ist Menschen-Unsterblichkeit. Das ist
Menschen-Kraft. –
„Genossen! Kampfscharen!
„Im fernsten Dunkel ruhen ungesprochen euere Sprachen. O ihr Brücken,
geflochten aus Menschenleibern, hineingebaut in die Reiche des
unerschöpfbaren Lebenslichts! ... Kameraden! Der Helden der Vorzeit
gedenkt! Der von Menschen einst der Menschheit geschlagenen Wunden
gedenkt!
„Jauchzend gedenkt!“
8. Kapitel.
Sowjet-Europa entgegen!
Prinzipielle Vorbemerkung zum letzten
Kapitel. – Kolonialwirren. – Die
Kriegsgaswolke am Horizont. – Arbeiter
bewaffnen sich. – Was bedeutet
(CHCl=CH)3As? – Die Farbstoff-Fabriken
rebellieren. – Das chemische
Kampfstoffarsenal der USA: Edgewood. –
Der Sturm bricht los! – Der Kern der
Sache. – Abgefangene Radios aus Amerika.
– Nachrichten aus aller Welt. – Japans
werktätige Massen brechen ihr
Sklavenjoch. – Sowjet-Rußland marschiert.
– Unsterbliche Opfer. – Sowjet-Europa
entgegen!
„Ein preußischer Monarch hat am Ende des
18. Jahrhunderts einen klugen Satz
geprägt: „Würden unsere Soldaten
verstehen, weswegen wir Krieg führen, so
hätte man keinen _einzigen Krieg_ führen
können.“ Der alte Preußenkönig war kein
dummer Kerl. _Wir aber_ können jetzt
sagen, wenn wir unsere Lage mit
derjenigen des preußischen Herrschers
vergleichen: „Wir können kämpfen deshalb,
weil die Massen _wissen_, weswegen sie
kämpfen und kämpfen wollen, ungeachtet
der unerhörten Opfer, weil sie wissen,
daß sie verzweifelte, unsagbar schwere
Opfer bringen, _um ihre sozialistische
Sache zu verteidigen_ im Kampfe Schulter
an Schulter mit jenen Arbeitern in den
anderen Ländern, die unsere Lage zu
begreifen angefangen haben.“
Lenin
I
Noch einmal ein letzter Appell vor dem Sturm, ein Manifest an alle, die
menschenwürdig leben wollen, vor dem Generalangriff!
_Kameraden!_
Die Transmissionsriemen knattern, die Schleifräder spritzen Funken,
10000-PS-Motoren knurren ... Und das ist ein Maschinenraum: an Millionen
Hebeln zucken Millionen Händepaare herum, wie abgeschlagen vom Körper
sind sie, aber an den Händen pulst noch ein Herz, eine Lunge atmet noch,
ein Gehirn will denken: noch ist der Mensch nicht ganz tot, zwar ists
schon nicht mehr viel, was hier noch um das gütigst gewährte
Existenzminimum ringt ... Und die elektrischen Bogenlampen flimmern, die
Expreßluxuszüge knüpfen Weltende an Weltende, Riesendampfer schrauben
sich wohlig und sicher herauf durch den Ozean: der eine Teil der
Menschheit verlängert tausendkilometerlang seine Glieder, dem anderen
Teil der Menschheit schrumpfen sie, sterben sie ab ... Phantastisch von
kristallischen Lüstern erhellt überblüht die Luxuskabine das armselige
Schattendasein der vier Wände des Lohnarbeiters, aber – sind nicht aus
seinem Herzblut, aus Schweiß und Herzblut des Lohnarbeiters die Paläste
gegossen? Maschinen, Licht, Lebensluft, Wärme: ist es nicht sein Werk!?
Und haben demnach diese anonymen Schöpfer jeder Lebenskraft nicht das
Recht, nein, nicht die heilige Verpflichtung, sich im Fall, daß sie
gewaltsam im Interesse einiger weniger, die schon im Urteil der
Geschichte als Gesellschaftsverbrecher gebrandmarkt sind, aus dem
Lebensprozeß ausgeschaltet werden, hat diese Menschenmehrheit demnach
nicht die Pflicht, die ihr zur Verfügung stehenden Notwehrmaßnahmen zu
ergreifen, um der Verelendung, der sicheren Katastrophe, dem
Lebensuntergang zu entgehen!
Das Natürlichste vom Natürlichen wäre es. Das
Menschen-Selbstverständlichste ...
Und die Trusts, die Kartelle, die Syndikate bewegen sich, bewegen sich
gegeneinander und jede ihrer Bewegungen schafft Kollisionen, zeugt
Krisen, schaufelt das Grab für Hunderttausende. Und hört Ihr den Chor
der Menschheitsvampire, zunächst noch als ein konspiratives Flüstern:
„O heilige pazifistische Aera!
Der ganze Weltraum trieft ja von Friedensgeläuten!
Halleluja donnern hinweg über den Ozean
Die Kanonenschlünde der Dreadnoughts:
„Friede auf Erden!“
Ach, nur in den stillen Kämmerlein
Unserer Staatslaboratorien
Fabrizieren wir gutes Giftgas.
Seht: den Staat haben wir uns geschaffen
Als unsere beste Waffe –
Und wenn es wieder mal losgeht:
Diesmal wird der Konkurrenzkampf geführt
Als chemischer Krieg ...
(Sachbeschädigung ausgeschlossen.)
Phosphorbomben. Flugtorpedos. Elektrische Wellen –
Fünf Minuten –
Und (jede Pore exakt durchgiftet)
Liegt leblos so ein Riese
Wie z. B. Chikago da ...
Und wer bezahlt dann die Zeche!?
Zuviel Menschen sind ja so wie so auf der Welt.
Darüber sind wir uns einig ...
Tastet inzwischen die Erde ab:
Wo riechts nach Petroleum?!
Schade nur,
Daß der Mars noch nicht zu kolonisieren ist!“
Eine gespenstische Polonaise wandert indeß hindurch durch den Weltraum
die Millionen-Kolonne der körperlich und geistig Verhungerten, Mann an
Mann, Weib an Weib, Kind an Kind ... Warum!? ... Genügt euch wirklich
als Antwort darauf nur ein Achselzucken!? Ist das Grundgesetz der
Gesellschaft für euch immer noch eine geheimnisvolle mystische Chiffre,
ohne Schlüssel!? Rutscht ihr immer noch die Kniee euch wund vor dem
erbärmlichsten gesellschaftlichen Aberglauben: „Es ist immer so gewesen,
es wird immer so sein ...“
* * * * *
Ein Fünfsekunden-Querschnitt durch Zeitungskioske, Theater, Verlage: es
ist zum ... Es gleicht wohl einem Sprung durch eine Papierhölle. Alles
was einmal groß, echt, gewaltig, lebendig war: verkauft, verwässert,
entwertet, verraten ... Alles ursprünglich Edle, Wahre, Heroische und
Schöne in eine schleimige Korruptionstunke eingetaucht, jeder lautere
Ton überkeift von einem zotigen Gemecker ...
Aufgeplustert bis zum hysterischen Exzeß, widerlich zerschminkt, bis zum
Brechreiz bengalisch illuminiert: so stolzieren die modernen Revuen an,
und desto erfolgreicher sind sie, desto inhaltsloser sie sind und desto
nichtssagender und leerer ihre bedauernswerten Akteure daherplappern:
prächtig maskierte Volksseuchen ...
Magazine, Journale, Sumpfliteratur, Auflageziffern bis 300000 ...
Und wer sind sie, die armseligen Opfer dieser typischen
Misthaufenerzeugnisse!? Im Café, in den Wartezimmern des Arztes: dort
strömen sie ihren pestilenzartigen Geruch aus.
Der Film, in sich bergend ungeahnte Möglichkeiten, was ist aus ihm,
eingespannt in den Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft, geworden!? Man
braucht, glauben wir, nicht mehr darüber zu sprechen. Film, Radio,
Presse, Theater, Literatur: das sind nur die verschiedenen Ressorts
jenes gewaltigen, immer mehr sich amerikanisierenden Propagandainstituts
zur Weiterzüchtung der menschlichen Dummheit. Hier sind die staatlich
konzessionierten Fälscherzentralen und geistigen Bazillenfabriken, sie
arbeiten so wundertätig wie unter der Aufsicht des lieben Gottes selbst,
sie hebt kein Polizeikommando aus, aber sie produzieren ja auch so
verflucht erfolgreich in nächster Nähe des Regierungsviertels und nicht
in proletarischen Kellerwohnungen ...
* * * * *
Aber bei klarer und nüchterner Ueberprüfung der Geschichte der Menschen
und der Geschichte der Natur müßtet auch ihr eines Tages zu der
Ueberzeugung kommen – nehmt alle Erfahrungen der letzten Jahrzehnte
hinzu, euere Erlebnisse – zu der Ueberzeugung, daß die heutige
bürgerliche Gesellschaft samt ihrer sogenannten Kultur rettungslos dem
Untergang in die Zivilisationsbarbarei verfallen ist, und daß sie nicht
mehr dazu berufen sein kann, die wirtschaftlichen und geistigen
Weltprobleme in einem wirklich schöpferischen Sinne zu lösen, daß sie
nicht mehr dazu berufen sein kann, aus sich heraus das einzige Bollwerk
gegen die herannahende Phase modernster chemischer Weltkriege zu
errichten: die planmäßig organisierte Weltgemeinschaft aller
Werktätigen.
Millionenmenschenmassen kreisen indeß lautlos nieder auf den Grund in
dem riesigen kapitalistischen Krisen-Wirbel ...
Den Befreiungskampf des Menschen aus seinem gespenstischen Warendasein,
den Befreiungskampf der Menschheit aus allen ökonomischen Zwangsformen,
den Krieg gegen den Krieg – und damit auch eueren Befreiungskampf,
Kopfarbeiter, aus den Fesseln geistiger Lohnsklaverei kämpft heute die
Klasse der Unterdrückten: das Proletariat. Seine geschichtliche Mission,
als einzige an der Verewigung dieses Gesellschaftszustandes nicht
interessierte Klasse, ist es, die Hinfälligkeit und die barbarische
Verlogenheit des heute noch herrschenden Systems zu erkennen und
ihm den organisierten Widerspruch entgegenzustellen, die
einheitlich geschlossene Kampffront aller Ausgebeuteten gegen die
Ausbeuterwirtschaft und ihre Helfershelfer: den Massenterror aller
Werktätigen, den Klassenkrieg auf Leben und Tod.
Diktatur der Bourgeoisie. Diktatur des Proletariats ...
Ein Drittes, wie ihr es vielleicht gerne wahrhaben möchtet, gibt es
nicht.
Kameraden! Welcher Front schließt ihr euch an? Entscheidet euch!
Verfallt dabei nicht in den dünkelhaften Fehler euerer Berufsschicht,
dessen Quelle auf Grund des besonderen Arbeitsplatzes, den die meisten
von euch auch heute noch im Produktionsprozeß einnehmen, leicht
auszuspüren ist, in den Fehler, daß ihr euch selbst vormacht,
selbständig, unabhängig zu sein, euer eigener Herr zu sein, niemandem
verpflichtet, keinem Rechenschaft oder Tribut schuldig ... Ja, zu
handeln wähnt ihr, aber um so besser werdet ihr, von der Illusion euerer
Freiheit gut eingedeckt, gehandelt und verhandelt ... Euere geistigen
Positionen sind mehr, als ihr euch gewöhnlich zugeben wollt, recht
kräftig materiell unterzementiert: drum, Augen auf, seht zu, wie alles,
was ihr tut, sich heute notgezwungenermaßen objektiv, das heißt, von der
Perspektive der Geschichte aus gesehen, auswirken muß! Macht euch gefeit
gegen idealistischen Aberglauben, Jenseitstaumel und gegen jede Art von
noch so interessanten Mystifikationsversuchen, gegen Nervenzauber und
Seelenschmierereien, die gerade auf Grund der Tatsache heutzutage
Kurswert erhalten können, als die Grundgesetze des Gesellschaftssystems
und damit auch die Lehre von dessen Ueberwindung, die revolutionäre
Theorie, nur verstandesmäßig zu erfassen sind. „Blickverschleierung tut
not“ aber orakeln, und sie wissen nur zu gut warum, die
Menschheitshyänen ... Habt acht auf die offizielle, mit allen Kräften
geförderte Fabrikation von Gehirnvergasungsapparaten und auf die weit
verbreitete Produktion von mystischen Gehirnnebeln!
Helft mit! Entlarvt das pazifistische Gesabber von angeblich zukünftig
humaneren Methoden im Austrag der Völkerkonflikte, das beinahe
blutrünstige Gekeife von der „pazifistischen Aera“ als das, was es ist:
als ein verruchtes Ablenkungsmanöver, als den bewußten Betrugsversuch,
„Atempause“ und „Schonzeit“ ideologisch als eine ewige Kategorie zu
stabilisieren ... Erkennt den Unterschied zwischen der Phraseologie
einer Sache und dem Inhalt einer Sache! Acht gehabt nicht auf das, was
der Mund spricht, sondern auf die Bewegung der Fäuste! Statt daß ihr
Worte, Papierform, Verfassungsparagraphen ernst nehmt, stürzt euch, wenn
ihr mit euerem Entschluß fertig werden wollt, auf das spezifische
Gewicht einer Handlung, auf Berechnungen, auf Tatsachen!
So laßt aus den Arsenalen der jährlichen Statistiken die Millionenarmeen
der Selbstmörder, der Verhungerten, der Tuberkulösen, der Skrophulösen,
jenen Millionenhaufen der in diesem Gesellschaftszustand der
Wirklichkeit nach völlig Entrechteten vor euch aufmarschieren, die
Kriegsopfer der Kolonialkriege und die Tausende von Jahren zählenden
Zuchthausstrafen der politischen Gefangenen, und ihr werdet einwandfrei
feststellen können, was es auf sich hat, wenn die Regierer aller Länder
zynisch von den Parlamentstribünen meckern: „Friede auf Erden!“
* * * * *
Seht die Kommunistische Partei, die weit mehr als Partei ist, die die
Vorhut einer neuen kommenden Weltordnung, die das gestaltgewordene neue
Welt-Bewußtsein, die der Stoßtrupp der Zukunft ist! Deren Mitglieder von
den nur allzu getreuen Hütern der Menschheitsverwesung in allen Reichen
der Erde über alle Maßen grausam verfolgt und verleumdet sind, zu
Tausenden und Abertausenden ermordet oder lebenslänglich in Zuchthäusern
eingesperrt, aber in deren Reihen, trotz alledem, noch immer
wach erhalten ist und wach erhalten bleiben wird: Opfermut,
Solidaritätsgefühl, wahre Lebendigkeit, Disziplin, Kampfgeist! ...
Heraus mit euch aus euerer Knechtseligkeit, aus euerem von mörderischen
Ketten umstrickten Todesschlaf, aus euerer Indifferenz, aus euerer
stupiden, verantwortungslosen Eigenbrödelei! Heraus mit euch aus euerer
abstrakten Atelier- und Studierstubenluft: wir beschwören euch:
informiert euch endlich darüber, was konkret in der Welt vor sich geht!
Folgt unseren Parolen: „Heran an den Feind! Nieder mit Phantomen und
Schemen! Herunter von den Thronen mit den lebendigen gekrönten und
ungekrönten Leichnamen! Der Mensch muß endlich zu sich selbst den Mut
haben! Erobert euch die Wirklichkeit! ...“
Kämpft gegen den Welt-Unsinn, gegen den Welt-Wahnsinn, gegen
den Menschenmarkt, gegen das Menschen-Zuchthaus, gegen das
Menschen-Schlachthaus! Kämpft gegen die im Interesse der
Profitwirtschaft künstlich gezüchtete Menschendummheit, kämpft für
Menschenfreiheit! Kämpft für die Wiedergeburt des Menschen aus der
Menschen-Gemeinschaft!
* * * * *
„Meine Pflicht ist zu reden, ich will nicht mitschuldig werden!“ Dieses
stolze Wort Zolas haben unsere intellektuellen Hampelmänner,
kautschuk-elastisch, wie sie nun einmal sind, und eingedenk der
Tatsache, daß Zivilcourage in diesen bösartigen Zeiten unter Umständen
zu einer recht brenzlichen Sache werden kann – dieses kühne Wort des
französischen Sozialisten hat also unsere offizielle Intelligenz dahin
abgewandelt, daß sie prinzipiell nur, wie nach einem geheimen Abkommen,
über _die_ Dinge redet, die nicht der Rede wert sind.
Es gibt aber auch eine Lebensstrategie und damit auch fundamentale
Grundsätze dieser Lebensstrategie. Und die Grundlage für jeden Erfolg
beruht eben bekanntlich in der Fähigkeit, den Gegner mit überlegenen
Kräften am entscheidenden Punkt im richtigen Augenblick zu schlagen.
Ueber überlegene Kräfte aber einmal verfügen zu können, das verlangt
schon heute: den vollen Lebenseinsatz jedes Einzelnen. Der entscheidende
Punkt der gegnerischen Stellung, der springende Punkt, auf den zu alle
Kräfte unserer Zeit sich bewegen werden, ist: das Problem der
Ausbeutung. („Wer alles verteidigen will, verteidigt nichts.“ Dies für
Wesensschauer und reine Seelenmenschen!)
Was aber treiben objektiv unsere Intellektuellen?!
Sie treiben „Tarnung“. (Oder Camouflage, wie es in Amerika heißt, und
woraus man bereits eine ganze Wissenschaft gemacht hat ... Popularisiert
diesen Begriff!) Was ist Tarnung? Unter Tarnung versteht man die Kunst,
den Gegner über die wahren Absichten, die man hegt, im Unklaren zu
lassen. Unter Tarnung verstand man z. B. den Grasbüschel am Stahlhelm
des MG-Schützen, und da bekanntlich auch der imperialistische Frieden
die Fortsetzung der Politik des imperialistischen Krieges mit besonderen
Mitteln ist, so versteht man unter Tarnung in der sogenannten
pazifistischen Aera: die serienweise Fabrikation von Ideologien und
Illusionen (Parlament, Demokratie, Völkerbund, Ableugnung des
Klassencharakters des Staates, der Justiz, des Heeres, der Polizeigewalt
usw. usw.), die dazu geeignet sind, den Gegner, d. h. den Klassengegner,
das Proletariat, über die wahren Absichten der Volksverbrecher und der
Massenblutsauger im Unklaren zu lassen. Die Spitzen der
Klassenkampfbewegung womöglich schon ideologisch und psychologisch
abzubiegen und auf diese Weise sich die Profitrate bzw. die höhere
Profitrate zu sichern ...
Selbstverständlich, so denken instinktsicher die Gewalthyänen, man kann
es sich schon was kosten lassen, den verwesungstriefenden
kapitalistischen Leichnam mit Girlanden zu umwickeln, wer wird auch
seinen eigenen Gestank und seinen Totenschädel offen auf der Straße
umhertragen! Ideologische Parfümeriefabriken tun bei dem allgemeinen
Verwesungsgestank dringend not: man muß die Verwesung wenigstens
wohlriechend machen! Kulissen her! Man kann sich doch nicht so
jämmerlich, wie man in Wirklichkeit ist, zeigen! Ja, denn es geht hart
auf hart. Alle Kräfte mobilisiert zum Endkampf heißt es da; hungern
lassen heißt es da, ausbeuten! Nur die Massen nicht in revolutionären
Schwung kommen lassen, nur die Haltung nicht verlieren. Nur jetzt nicht
... Verflucht, bleibt bald für das internationale Weltkapital nur noch
China übrig, immer spärlicher werden die Akkumulationsreste ... und wenn
man sich nicht mehr um Absatzgebiete hinmorden kann, was dann ... Wie
soll man weiterhin den Mehrwert realisieren!? ... Die Welt
ist aufgeteilt: nun muß man wohl bald dem Konkurrenten den
Produktionsapparat selbst zerschlagen ...
Und Worte sind in solchen Zeiten nicht mehr dazu da, um die Wahrheit zu
sagen, sondern: um sie zu verdecken ...
Nun, gut! Wir werden ihnen aber, wie man so sagt, mörderisch in ihr
verruchtes Handwerk pfuschen. Wir werden reden, nicht um die Gegensätze
zu verdecken, sondern um sie aufzureißen. Damit alle sie sehen können,
werden wir die Wirklichkeit, nackt und brutal wie sie ist, in einen
Kegel von Blendlicht stellen ...
Ja, euere Pflicht wäre es zu reden, Intellektuelle, um die Klassenkräfte
mit in Bewegung zu bringen, euere Pflicht wäre es, den Motor an der
Kampfmaschine des Klassenwiderstreites mit anzukurbeln, für den nötigen
Brennstoff mit zu sorgen, mit zu sorgen dafür, daß die Zündkerze intakt
bleibt. Euere Pflicht wäre es, die proletarischen Klassenenergien mit zu
entwickeln. Euere Pflicht wäre es, zu reden, um nicht an der drohenden
Versackung ganzer Geschlechter im „absoluten Krieg“, d. h. im
„Gassumpf“, mitschuldig zu werden.
Euere Pflicht wäre es, nicht nur zu reden, um nicht an dem stündlichen
ungeheueren Menschheitsverbrechen mitschuldig zu werden, sondern – – –
Und wenn es euch auch den Kopf kostete!
* * * * *
Aber auch im Fall, daß euere Entscheidung für die Revolution ausfällt,
auch in diesem Fall gilt es, mit einem festeingewurzelten Aberglauben
gründlich aufzuräumen.
Denn Revolution bedeutet nicht nur gefühlsmäßige, begeisterungsflammende
Hingabe an das revolutionäre Ideal. Damit ist bei weitem noch nicht
alles getan. Revolution ist nicht nur der bewaffnete Aufstand, ist nicht
nur das Stadium des Emporflammens der Massen-Empörung, Revolution
bedeutet auch kleine zermürbende Parteiarbeit. Revolution ist auch die
Klebekolonne. Revolution sind auch leere Versammlungen. Revolution ist
Legalität und Illegalität. Die Kampfmaschine der Revolution: sie treibt
einen ungeheueren Verschleiß an Menschenzahl und Menschenkraft.
Revolution ist gründlichstes, exaktestes Wissen; sie ist das härteste,
gewagteste und furchtbarste Lebenstraining dieser Welt; sie fordert
deine Disziplin, deine Ausdauer, sie fordert dich hinein bis auf die
letzte Nervenfaser; sie fordert dich ganz. Aber, es ist unschwer, wie
Lenin sagt, revolutionär zu sein, wenn die Revolution schon ausgebrochen
ist und in Flammen steht. „Nicht der ist revolutionär, der beim Eintritt
der Revolution revolutionär wird, sondern der, der auch zur Zeit des
stärksten Wütens der Reaktion die Grundsätze und die Losungen der
Revolution verficht ...“
* * * * *
Wir möchten es für euch wünschen, Kameraden, wir möchten es herzlichst
für euch, in euerem eigenen Interesse wünschen: lernt wieder kennen
Heroismus, Aufopferung, Kameradschaftlichkeit. Lernt wieder kennen, was
es heißt, daß der Mensch nicht nur eine Ware ist, daß der Mensch nicht
nur ein über alle Maßen gedemütigtes Ausbeutungs- und Spekulationsobjekt
ist, sondern daß der Mensch vor allen Dingen noch ein Wesen ist, das aus
einem Herzen besteht, das schlagen will, aus einem Gehirn, das denken
will, aus Fleisch und aus Blutteilen. Lernt wieder kennen, nachdem ein
Ideal nach dem andern euch zertrümmert worden ist, lernt wieder kennen
das Gefühl, einer Bewegung anzugehören, der die Zukunft gewiß ist und
deren Sieg gleichbedeutend ist mit Menschenwürde und Menschenfreiheit.
Hier findet ihr hoch hinaus über alle spielerische Formelfexerei und
geheimnisgeile Spekulationskrämerei wieder einen kräftigen Lebensinhalt.
Unser Leben hat einen wesentlichen, das heißt einen zukunftszeugenden
Inhalt: das ist das einfachste und wunderbarste zugleich, was ein Mensch
von sich aussagen kann. Ein Lebensinhalt, um den es sich zu leben und zu
kämpfen lohnt, und ein Lebensinhalt, um den es sich, wenn es sein muß,
auch zu sterben lohnt. Mehr als das, etwas Schöneres, Herrlicheres,
Gewaltigeres gibt es nicht, was der Mensch dem Leben abzugewinnen vermag
...
Kämpft mit uns, wenn ihr wirklich ernsthaft gewillt seid, daß endlich
Schluß gemacht wird mit jenen uniformierten Folterbestien, kämpft mit
uns, wenn ihr wirklich ernsthaft gewillt seid, daß endlich Schluß
gemacht wird mit jener Minderheit von Mehrwertshyänen in
Menschengestalt, die Glück, Freude, Leben, Gesundheit von Millionen und
Abermillionen Menschen täglich, ja stündlich auf dem Gewissen haben!
Kämpft mit, Kameraden, wenn ihr die Wiedergeburt des Menschen aus der
Menschengemeinschaft wollt, kämpft mit uns, Schulter an Schulter mit dem
klassenbewußtesten Teil des Proletariats, Schulter an Schulter mit der
Kommunistischen Partei: für die Grundsätze und für die Losungen der
Revolution ...“
* * * * *
Solche und ähnliche Aufrufe erschienen damals in allen Universitäten,
Hochschulen ... Und die idealgesinntesten und aktivsten Elemente der
bürgerlichen Gesellschaft traten unter die rote Fahne. Es geschah, daß
mancher Chemiker, Techniker, Künstler, Gelehrte, Arzt plötzlich wie aus
einem Lebensschlaf erwachend, die Augen sich rieb, staunte: „Ja, die
Kommunisten sind ja gar nicht so ... Die hab ich mir immer ganz anders
vorgestellt!“ Und mit einer ungeheueren Ueberzeugungswucht und einem
fanatischen Bekennermut sich die gefährlichsten Kampflagen aussuchte.
Zahl, Kampfstärke der beiden Fronten änderten sich Tag für Tag.
An manchen Stellen war ein großes Ueberlaufen ...
Zwischenstufen, Mischungen, seltsamste Kombinationen, Uebergänge: die
ganze Welt erschien in einem strudelnd flüssigen Zustand, und
gespensterhaft phosphoreszierend. –
II
Ein kurzer, schlagartig einsetzender Generalstreik: das war das Vorspiel
zum bewaffneten Aufstand. Nicht überall lösten sich gleich bewaffnete
Kämpfe aus, wie denn überhaupt die ganze Lage nicht schematisch zu
beurteilen war. Ueber manchen Landesteilen lagerte eine unheimliche
Stille; war es Stille vor dem Sturm oder Grabesstille!? Es war Stille
vor dem Sturm, wie sich bald herausstellte. Und jene Führer der
Arbeiterbewegung hatten wieder einmal damit bitter Unrecht behalten, die
auch damals von der Kampfmüdigkeit und von der Gelähmtheit der
proletarischen Energien unkten. Wurde auch die Generalstreikparole nicht
überall gleich restlos befolgt, beim Ruf zum bewaffneten Aufstand
zögerten nur noch wenige ...
* * * * *
Um diese Zeit starb auch plötzlich der hochbetagte Präsident der
Republik am Schlagfluß.
„Berufsmörder!“ „Mit Orden ausgezeichneter Funktionär des
Menschenmassenmords“, fluchten die einen ihm ins Grab nach.
„Deutschlands letzte Stütze!“ „Unsere letzte Hoffnung!“ flennten die
anderen.
„Deutschland über alles“, hörte man damals das letzte Mal.
* * * * *
Deutschland war in den letzten Jahren immer mehr zur Bedeutungslosigkeit
eines reinen Vasallenstaates, einer Industriekolonie, herabgesunken. Die
nationalen Kreise, die mit der Parole „Nichterfüllung“ ans Ruder kamen,
wurden im Moment der Regierungsübernahme zu Vollstreckern der
Verschacherung des deutschen Nationalguts. Immer raffiniertere Methoden
im Volksbetrug wurden ausgebildet, bis diese eines Tages in einen ganz
gemeinen offensichtlichen und plumpen Schwindel umschlugen. Dann wurde
künstlich sofort das patriotische Delirium aufs höchste gesteigert,
„Deutschland über alles“ ertönte, wie immer, wenn ein ganz gerissenes
Schiebermanöver im Gang war ...
Die hin und wieder unter Ausbrüchen heilig-flammender Empörung gegen
Deutschlands Vergewaltigung erhobenen Proteste wie auch das ganze
Gefasel von der Wiedergutmachung der Schuldlüge usw., war ein vorher
genau mit den einzelnen Staatengruppen abgekartetes Spiel, damit sich
den gutgläubigen Kleinbürgern gegenüber die nationale Farbe der
Regierungsträger nicht verwischen sollte. Ja, diese hatten sich durch
die Bank so brav und ordentlich gehalten, daß der Völkerbund ihnen sogar
ihre einstigen Kolonien als Mandat übergab. –
* * * * *
Wie Hammerschläge zum Sarge des Reichsoberhauptes dröhnten jetzt die
Geschütze in das Stadtinnere aus den Vororten herein, wo Militär und
bewaffnete Arbeiterschaft miteinander im Kampfe lagen.
Von Stacheldrahtverhauen geschützt bewegte sich der Leichenzug dem Dom
zu, wo die Beisetzung stattfand. Auf Paraden und feierliches Gepränge
hatte man, wie man öffentlich kundtat, in Anbetracht der traurigen Lage
der deutschen Volksgemeinschaft verzichtet.
Vor dem Dom machte sich eine Gruppe von Provokateuren ans Werk,
schleuderte eine Bombe ins Publikum, die fehlging, aber immerhin eine
ungeheuere Panik hervorrief, bei der viele umkamen und es Hunderte von
Verletzten gab; und eine viertel Stunde darauf ließ die Regierung
bereits die Nachricht von einem kommunistischen Bombenanschlag
verbreiten.
Man erklärte die Kommunisten für vogelfrei. Die „Schwarzweißroten“ zogen
auf Kommunistenjagd. –
* * * * *
Draußen in einem Arbeiterviertel auf einem weiten Platz waren in roten
Särgen die ersten Revolutionsopfer aufgebahrt.
Als die KPD-Truppen anmarschierten: das klang hart, exakt, schneidend.
Schlagartig, metallisch, knallend.
Der Revolutionsgesang war ein kräftiges, in Rhythmen gefaßtes
Klassenkampfbekenntnis, ein Schwur, eine Bürgerkriegsfanfare, eine
unerbittliche Kampfansage.
Dieser Trauermarsch war ein Kriegsmarsch.
Ein Genosse sprach.
Er sprach von der roten Blutmauer der Föderierten: „Die Mauer der
Föderierten auf dem Kirchhof Père Lachaise, wo damals der Massenmord
vollzogen wurde, steht noch heute, ein stummberedtes Zeugnis, welcher
Raserei die herrschende Klasse fähig ist, sobald das Proletariat wagt,
für sein Recht einzutreten. Dann kamen die Massenverhaftungen, als die
Abschlachtung aller sich als unmöglich erwies, die Erschießung von
willkürlich aus den Reihen der Gefangenen herausgesuchten
Schlachtopfern, die Abführung des Restes in große Lager, wo sie der
Vorführung vor die Kriegsgerichte harrten ...“ Und der Genosse
schilderte weiter, wie diese Mauer durch alle Länder hindurch, über alle
Meere hinweg sich hinzieht, wie sie mit Strömen Proletarierblut getränkt
ist, und wie diese Mauer auch heute wieder auferrichtet ist, turmhoch,
wie an ihr das gesamte Proletariat steht, ausgesucht von der weißen
Menschenbestie dazu, wehrlos niedergemetzelt zu werden ... Aber wie das
Proletariat nun selbst zur Mauer wird, jede Brust ein Stein, jede Gruppe
von Proleten ein scharfkantiger Quader, und wie plötzlich sich diese
proletarische Menschenmauer in Bewegung setzt, stampfend über die Leiber
der Mörder sich hinwegwälzt ... und das vergossene Blut in der Mauer zu
leuchten beginnt, rotes Siegesblut und rotes Opferblut eins wird,
glühend rot ...
Und schloß mit den Worten Lenins:
„Auf je hundert unserer Fehler, die die Bourgeoisie und ihre
Speichellecker in die Welt hinausschreien, kommen zehntausend große
Heldenakte, die umso größer und heldenhafter sind, als sie einfach und
unscheinbar sind, sich im Alltag des Fabrikviertels oder des entlegenen
Dorfes abspielen und von Menschen begangen werden, die nicht gewohnt
sind und auch keine Möglichkeit dazu haben, ihren Erfolg in die Welt
hinauszutrompeten ...“
... Unsterbliche Opfer ...
* * * * *
Weiter ging der Kampf.
Maschinengewehrfeuer knatterte aus Flugzeugen, die dicht über die Dächer
hinwegflogen. Proletarische Scharfschützen aber schossen in einem
Stadtviertel aus Dachluken und hinter Kaminen hervor ein ganzes
Geschwader ab. Ungemein beweglich war die Kampfesart, die sich im
Verlauf der bewaffneten Aktion die Arbeiter zueigen machten. In kleinen
elastisch hin und her manövrierenden Trupps wurde gekämpft, die sich
trennten, blitzschnell sich wieder vereinigten und beinahe ohne Kommando
sofort entschlossen zu einem Angriffsstoß ausholten. Polizeiwachen
wurden erstürmt, niemand aber beging mehr den Fehler, sich darin
festzusetzen und die anrückenden feindlichen Truppenteile aus der
Verteidigungsstellung heraus zu bekämpfen. Jede erstürmte Stellung wurde
sofort geräumt, geschickt maskiert, tagelang blockierte dann oft unter
ungeheueren Verlusten der Feind solche Masken. Der Kampfgeist der
„Weißen“ wurde dadurch bedenklich zermürbt. Schweres Artilleriematerial,
Flammenwerfer, Phosphor-Brandspritzen wurden mühsam herangeschafft, denn
nur nach gründlichster Vorbereitung konnten die weißen Kommandos noch
einen Sturm wagen. Bei übermäßigen Verlusten oder Rückschlägen ergab
sich sofort eine Unzahl von Insubordinationen und Desertionen, nur die
technische Ueberlegenheit verhinderte in diesem Moment noch den völligen
Auflösungsprozeß ...
* * * * *
So bewegte sich auch auf einer Erkundungsfahrt ein Geschwader von
Kampfwagen mitten in das Zentrum des Arbeiterviertels hinein.
Die Kampfwagen waren gasdicht abschließbar und mit Sauerstoffapparaten
ausgerüstet.
Glühend heiß war es im Innern des Panzerwagens. Die Fünf-Mann-Besatzung
schwitzte, und das eiserne Ungetüm holperte polternd über die
aufgerissenen Straßenpflaster. Der Leutnant stand am Sehschlitz, brüllt
die Kommandos. Wie ein Unterseeboot schwankt der Tank im hellen Gewässer
des Tages einher.
Nichts ist zu sehen. Nur kurz und hart schlagen außen die Geschosse
unsichtbarer Schützen auf dem Stahlpanzer auf.
„Hagelwetter bei heiterem Himmel.“
Doch die Fünf-Mann-Besatzung ist nervös, es wird heiß und immer heißer
bis zum Ersticken, man ist halbnackt und feuert, was die Kugelspritze
hält, drauf los. Man stößt mit voller Kraft über die Straßenecken vor,
vermeidet jeden toten Winkel, wendet kurz und schlenkert weiter im
Zickzack straßeneinwärts. Hinter allen Fenstern spürt man Augen, Augen
die wie sengende Strahlen in das Wageninnere hineinbrennen, vorwärts,
rückwärts, oben und unten: überall lauert der Feind. Und die Antenne ist
schon kaputt geschossen. Man ist abgeschnitten ... Nur der Motor rauscht
und summt.
Wieder um eine Ecke.
Haustüren weit offen ... Man funkt hinein ...
Der Leutnant sieht sich um: die vier Soldaten, Bauernjungens, machen
giftige Gesichter. Reißen mit Wut an den Hebeln, ihre Bewegungen sind
Stoß und Faustschlag ...
Eine Leiche liegt mitten auf der Straße.
„Volle Fahrt!“
Drüber hinweg ...
War es eine Leiche!?
Oder hat es sich im Tuch bewegt?!
Und der Leutnant schreit noch:
„Jetzt Kinder, seid doch vernünftig, eine geballte Ladung! Achtung ...“
Und während die vier Soldaten ihm an die Kehle springen, einer ihm das
Messer zwischen die Rippen stößt, die Pistole ihm zwischen den Fingern
hindurchfällt, flutet auch schon eine Feuerwelle durch den Panzerraum;
zwei, drei kurze Detonationen ... und die fünf Menschen hocken am Boden:
in sich verkrümmt, wie verkohlte Baumstümpfe.
Auch die vier anderen Wagen des Geschwaders waren abgefangen. Die
Mannschaften hatten sich bedingungslos ergeben.
Die Schäden waren leicht auszureparieren.
Genosse Max Herse gehörte zur Besatzung des Wagens „Roter Blitz“, der
auf Patrouille ausfuhr ...
* * * * *
Wunderbare Dinge geschahen.
So kam einer die Straße herunter, ein gutgekleideter Mensch, mit dem
Taschentuch winkend, auf den Wagen zu, meldet sich mit einer
tränenerstickten Stimme: „Helft mir! Ich will wieder ein Mensch werden.
Ich war es nur einmal in meinem Leben, drei Tage lang ... Seitdem, ach
...“ Der sonderbare Ueberläufer wird im Wagen mitgenommen, kämpft später
bei einer roten Sturmabteilung, fällt, ist schwerverwundet und sein
letztes Wort ist: „Ich kann euch nicht sagen, wie glücklich ich bin ...
nun ist ja alles gut so ...“ –
* * * * *
Das Kampfgebiet wurde mehr und mehr von den Arbeitervierteln weg in den
Westen der Stadt verlegt, wo sich die Villenquartiere und die vornehmen
Geschäftshäuser befanden.
Gemeinsam mit den roten Partisanen operieren die roten Kampfwagen.
„Nicht verbarrikadieren!“ so heißt es immer wieder ...
Da trifft die Nachricht ein:
„Die Funkstation ist besetzt.“
„Der Generalsturm bricht los!“
„Ueberall in ganz Deutschland!“
„Rußland mobilisiert. Rußland marschiert.“
„Ueber der polnischen Grenze steht schon das Rote Gewitter.“
So stark wirkte die Nachricht, daß zwei weitere Stadtviertel in dieser
Nacht von den Arbeitern erstürmt wurden.
* * * * *
Die Arbeiter sind ihrer Sache sicher und siegesbewußt. „Die Welt wird
unser sein!“ „Wir haben es lange genug nur gesungen.“
Erwischt man einen von den „Schwarzweißroten“, so haut man ihm die Jacke
voll, läßt ihn laufen ...
Bis eines Tages ein „Roter“ den „Weißen“ entkommt, der Leib ist über und
über mit Peitschen- und Säbelstriemen bedeckt, über zwanzig
Bajonettstiche, das eine Auge ausgerissen ... und er erzählt: an den
Laternenpfählen ... unmenschliche Martern ... Spießrutenlaufen ...
Vergewaltigung von Arbeiterfrauen ... Hinschlachtung von politischen
Gefangenen in den Gefängnissen ... und Gas, Giftgas ... die
Vorbereitungen sind getroffen ... Nehmt euch in Acht! ... Dicke Luft ...
Die Hauptsache, die kommt erst ...“
Von mehreren Seiten werden jetzt kurz hintereinander diese Aussagen
bestätigt.
Der Prolet beißt die Zähne fester zusammen:
„Gut so, wenn sie es haben wollen ... Von nun an wird kurzer Prozeß
gemacht! ...“
III
Max wurde in besonderem Auftrag ins Reich geschickt.
Die Bahnhöfe, noch in den Händen der Regierungstruppen, waren gesperrt.
Nur Munitionszüge und Truppentransporte verkehrten. Viele Brücken waren
gesprengt, auf weite Strecken die Schienen aufgerissen, Züge flogen
jeden Tag in die Luft.
Max fuhr mit dem Motorrad.
Serien von Landschaften zogen an ihm vorüber, kaleidoskopartig, wie ein
Filmstreifen.
Die Aufträge, die er zu übermitteln hatte, waren in den verschiedenen
Hohlteilen der Maschine gut untergebracht. Auch besaß er verschiedene
Ausweise, darunter auch einen „schwarzweißroten“ ...
* * * * *
So flog er an dunkelgrünen Wiesengründen vorbei, auf denen noch
friedlich die Kühe weideten, an Aeckern, die leicht gekräuselten
Wellenbeeten glichen: so lag das Heu in Reihen ... Durch Dörfer
hindurch, wo ihm Bittgebete leiernd eine gebrechliche Prozession
entgegenhinkte. Unbewegt stand noch so ein Dorf, wie ein träger
zähflüssiger Tümpel, inmitten der gewaltigen Wirbelbewegung, die die
Industriegebiete bereits längst ergriffen hatte.
Andere Orte wieder durchfuhr er, lange Autoreihen hielten vor prächtig
und amerikanisch aufgemachten Hotels: die ausgewanderten Reichen waren
hierher geflüchtet, hier hatten sie sich wie die Ratten bei einer
Feuersbrunst in die Schlupflöcher verkrochen. Landhäuser, Villen mit
Laubgängen und herrlichen Gartenanlagen grenzten an den See: wie viele
Tausende von Menschen werden einst in diesen Erholungsheimen ihr Leben
feiern! Schwer und solid gebaute Klöster standen vierschrötig auf
Bergkuppen: auch hier, das ganze Land in dieser Gegend war ein tief
wieder Lebensatem schöpfendes Ausruhen.
Auch Siedlungen: mit Freideutschen, Christussen und „Wandervögeln“
darin, die sich selbst auf den Aussterbeetat gesetzt hatten, in die
seltsamsten metaphysisch-verschrullten Gedankengänge verstrickt, dabei
vegetierend und wurzelkauend. Eine zwanglose Selbstausschaltung dauernd
Lebensuntüchtiger aus dem Gesellschaftsprozeß, ein Ersatz für
Irrenanstalten bei harmloseren Fällen von Geisteserkrankungen.
In der Nähe befanden sich einige ausgedehnte Konzentrationslager, in
denen neue Armeen gebildet wurden, Büros zur Anwerbung von Freiwilligen
waren fast in jeder Gemeinde untergebracht, die Pfaffen warben eifrig
für diese Verbände im Beichtstuhl und von der Kanzel herab bei ihrer
Predigt.
Weiter gings.
Hier und dort hatten es die Regierer allerdings schon gründlich mit den
Bauern verscherzt, die ihre Dörfer verlassen hatten und sich, wie das
Gerücht ging, in einer bestimmten Gegend zu einem Heerhaufen sammelten.
Manchmal waren Flammenschein und Rauchsäulen am Himmel: Gutshöfe und
Kirchen brannten: die Bauernschaft war aufgestanden und hatte ihre
Peiniger zu Paaren getrieben. Unbewegt wie holzgeschnitzte Figuren
standen an Wegkreuzungen, rote Binden um den Arm, die bäuerlichen
Wachtposten, und oft, durch einen kurzen Durchblick durch einen Wald
hindurch, sah man: auf geschlungenen Feldpfaden Züge von Marschierenden.
An einer Stelle war es zum Zusammenstoß gekommen. Max mußte einen Umweg
machen, alle Straßen lagen unter einem schweren Feuerdruck.
An dem berüchtigten Zuchthaus kam Max vorbei, in dem ein halbes Tausend
von politischen Gefangenen elend ihr Leben fristete, über zweitausend
Jahre Gefangenschaft saßen darin; dort in dem Mauerwinkel, über den
großen Lindenbaum hinweg, war die Stelle, wo die Hinrichtungen mit dem
Fallbeil stattfanden.
Kein Gefangener war hinter den Gittern zu erblicken.
Schlafen sie noch oder haben sie ihren Zwingkäfig bereits verlassen?
Der Nächstbeste unten im Dorf konnte ihn darüber aufklären.
Vor zwei Tagen, da war es, da hätten die Gefangenen gemeutert, seien
unruhig geworden, man hätte es bis ins Dorf herunter gehört. Da habe die
Gefängnisleitung die einzelnen Zellen mit Matratzen abdichten lassen,
die Zellenräume vergast, in jede eine Giftgasflasche hineingelegt ...
Drei Minuten hat es gedauert und der Lärm, der in diesem Stadium dem
Gebrüll von Tobsüchtigen glich, war zuende.
Es wird die Zeit kommen, knirschte Max grimmig, da man wieder dazu
zurückkehren wird, Galgen öffentlich auf den Plätzen zu errichten, eine
Hinrichtung zur Volksbelustigung zu machen, und wo man Torturen
rücksichtslos anwenden wird. Da werden Reihen von Märtyrern auf den
Tischen unter dem Strang stehen, eine weiße Kapuze über, um den Hals die
Bulle des Todesurteils ... und man wird den Tisch unter ihren Füßen
hinwegziehen, fest strafft sich der Strick, und die zwei oder drei
Henkersgesellen hängen sich mit ihrem Gewicht noch an den Leib des
Verurteilten ... und die Sache ist erledigt. Man wird Menschen bis oben
hin in Watte einwickeln, mit leicht brennbarem Oel begießen, anzünden
und sie laufen lassen. Wir sind im Anfang einer Zeit von Grausamkeiten,
Barbareien, Greueln ohnegleichen und bei all dem wird man verlogen, wie
man ist, verächtlich und human aufgeklärt auf die Geschichtsepoche der
Inquisition und der Hexenprozesse herabblicken ... Unsere Gerichte sind
Fabriken, weiter nichts als Fabriken, in denen nach einem bestimmten
Schema, Gesetz genannt, serienweise Urteile fabriziert werden. Wer in
dem Besitz dieser Fabriken ist!? Na, wir werden dafür sorgen müssen, daß
diese Betriebe möglichst bald betriebsunfähig gemacht werden! ...
* * * * *
So kam Max bis ins Ruhrgebiet.
Eine gelbliche Nebelschicht lag in der Luft. Es war still, wie ein
Feiertag. Max erinnerte sich an jene Bergwerkskatastrophe, die damals
den ersten Anstoß zu seiner proletarischen Bewußtwerdung und zu seinem
neuen Leben gegeben hatte. Was der Kollege Straßenbahner jetzt wohl
machen mag!? ... Und Wilhelm!? Ein jeder von denen stand auf seinem
Posten, ein jeder hatte im großen Schlachtfeld seinen bestimmten
Kampfplatz.
Auch Lene ... Sie war seit der Ausrufung des bewaffneten Aufstands als
Sanitäterin bei einer neu sich bildenden roten Armee in Ostpreußen ...
* * * * *
Das gesamte Ruhrgebiet war ein einziges rotes Riesenbollwerk.
Fieberhaft wurde gearbeitet.
Ueberall Patrouillen, Sicherungen, Motorradfahrerabteilungen ...
Die Erde war geplatzt: nicht eine Armee nur, nein drei, vier rote Armeen
waren aus dieser mit Proletarierblut überreichlich gedüngten Erde
herausgestampft.
* * * * *
Nach heftigsten und für beide Seiten verlustreichsten Kämpfen war die
weiße Armee geschlagen worden, sie löste sich auf dem Rückzug vollends
auf, und die rote Armeeleitung war eben dabei, einen großangelegten
Aufmarschplan gegen Norden, über Hannover, gegen Berlin auszuarbeiten.
Hier sah Max zum erstenmal einen roten Panzerzug. Pfeifend und
schnaubend, unter dem Gesang „Völker, hört die Signale“ schob er sich
ins grüne Land hinein.
„Glänzend organisiert“, mußte Max anerkennen. „Und was für eine
Disziplin!“
„Kein Fall von Plünderung oder ähnlichem ist bei uns vorgekommen, ja ja,
wir haben eben eine revolutionäre Tradition ... Die vielen Kämpfe in den
vorhergegangenen Jahren sind nicht umsonst gewesen ...“ Wurde ihm im
Hauptquartier berichtet. Und Heldentaten wurden erzählt, ohne
Namensnennung, jeder hatte sie vollbracht, sie gehörten allen zusammen
...
Hier erfuhr Max weiter:
Generalstreik in USA. Bewaffnete Demonstrationen gegen den
imperialistischen Krieg in USA. Die Negervölker in den Kolonien stehen
auf ... Bis über Afrika, in Aegypten und Indien. Streik der chinesischen
Arbeiter in den japanischen Spinnereien in Tsingtau. Sympathiestreik des
japanischen Proletariats. Bewaffnete Zusammenstöße. Japans werktätige
Massen sind in Aktion; Massen-Mobilisation; brechen ihr Sklavenjoch ...
Den Nachrichten von Amerika gegenüber verhielt sich Max von Anfang an
skeptisch.
Die Partei ist noch schwach. Und das kann einer revolutionären Bewegung
immer das Genick brechen. Wie viel Schutt spült eine Revolution herauf:
Desperados, Hochstapler, Hasardeure: wenn da nicht fest zugegriffen
wird, und die Mießmacherschweine dazu und die Flautegeier ...! Spitzel
und Provokateure ...! Nur eine starke Organisation ... sonst geht das
Spiel blutig verloren ... Alle gescheiterten Aufstände lassen sich auf
den Mangel einer führenden Rolle der Partei zurückführen ...
So 1919 zum Beispiel!
Vom Roland bis zur Viktoria standen die Massen Kopf an Kopf. Bis weit
hinein in den Tiergarten standen sie. Sie hatten ihre Waffen
mitgebracht, sie ließen ihre roten Banner wehen. Sie waren bereit, alles
zu tun, alles zu geben, das Leben selbst. Eine Armee von 200000 Mann.
Und da geschah das Unerhörte. Die Massen standen von 9 Uhr früh an in
Kälte und Nebel. Und irgendwo saßen die Führer und berieten. Der Nebel
stieg, und die Massen standen weiter. Aber die Führer berieten. Der
Mittag kam, und dazu die Kälte, der Hunger. Und die Führer berieten. Die
Massen fieberten vor Erregung: sie wollten eine Tat, auch nur ein Wort,
das ihre Erregung besänftigte. Doch keiner wußte, welches. Denn die
Führer berieten. Der Nebel fiel weiter, und mit ihm die Dämmerung.
Traurig gingen die Massen nach Hause: sie hatten Großes gewollt und
nichts getan. Denn die Führer berieten. Im Marstall hatten sie beraten,
dann gingen sie weiter ins Polizeipräsidium und berieten weiter. Draußen
die Proletarier auf dem leeren Alexanderplatz, die Knarre in der Hand,
mit leichten und schweren Maschinengewehren. Und drinnen berieten die
Führer. Im Präsidium wurden die Geschütze klargemacht, Matrosen standen
an jeder Ecke der Gänge, im Vorderzimmer ein Gewimmel, Soldaten,
Matrosen, Proletarier. Und drinnen saßen die Führer und berieten. Sie
saßen den ganzen Abend und saßen die ganze Nacht und berieten, sie saßen
am nächsten Morgen, als der Tag graute, teils noch, teils wieder, und
berieten. Und wieder zogen die Scharen in die Siegesallee, und noch
saßen die Führer und berieten ...
Nur war es mehr eine Frage der Führung als der einzelnen Führer, es war
die Partei, die fehlte.
Die Konterrevolution aber arbeitete indessen nach einem einheitlichen
Plan. Sie rechnete nicht nur mit Berlin, sondern mit dem ganzen Reiche.
Ein Werbebüro nach dem andern wird eingerichtet, auf Lastautomobilen
werden Waffen herbeigefahren. Kraftwagen aus Kasernen und Depots, ein
ganzer Park von Fuhrwerken wird in Dahlem zusammengestellt, wohin
inzwischen Noske und Oberst Reinhard aus Berlin geflüchtet sind. Nach
drei Tagen schon glich die Gegend einem Kriegslager. Es wurde mit
fabelhaftem Eifer und großer Schnelligkeit gearbeitet. Auffüllung von
Restbeständen der Gardekavallerieschützendivision in Berlin –
Zusammenfassung kleiner Truppenteile in den märkischen Dörfern – eine
letzte Besprechung und nach schleuniger Zusammenstellung von
Einwohnerwehren in den Berliner Bourgeoisievierteln: Einmarsch, Sturm
auf die von den Arbeitern besetzten Gebäude und fünf Tage darauf:
Berlin, die stärkste Festung der deutschen Revolution, war gefallen.
– – –
„Und nun Glück auf die Reise, Max, wie ungeheuer wichtig das ist, was du
durchzuführen hast, weißt du ja selbst ...“
Und schon lag das Ruhrgebiet hinter ihm. Weiter gings.
Max traute seinen Augen nicht:
Da bewegte sich durch die Straßen eines Provinzstädtchens ein großer
Festzug, Militärvereine und Musikkapellen waren in dem Zug, den
verschiedene historische Gruppen „verschönerten“. Auf zwei Wagen zogen
die Pfahlbauern mit ihren Häusern daher. Ihnen folgte Hermann, der
Cherusker, mit einem bewaffneten Gefolge. In Tierfelle gekleidet zeigten
sich die Alemannen. Die Kreuzfahrer, ein gewisser Graf Eberhard im Bart,
Landsknechte zu Fuß und zu Pferd. Stolz marschierte Theodor Körner in
lebenswahrer Nachahmung, hinter ihm ritten die Schillschen Offiziere.
Und gar welch ein erinnerungsvolles Bild bot die Kolonialtruppe, bei der
ein mit acht Ochsen bespannter Wagen schwarze und weiße Bewohner der
Kolonien mit sich führte ...
Was war das nur!?
Max lachte aus vollen Kräften.
Es war ein Bezirkskriegertag.
Eine tragigroteske Illustration dafür, wie die Vorstellungen und die
Ideen der Menschen noch lange an Zuständen haften bleiben, die bereits
durch die tatsächliche materielle Entwicklung der Geschichte längst
überholt sind ...
Und schon tobten mit bärtigen Stimmen kerndeutsche Männerchöre
gegeneinander, vielstimmig, und mit tremolierenden Gefühlsschnörkeln am
Ende gesungen, ein Sängermassenwettstreit, ein echt arisches Wettsingen
...
„Die Wacht am Rhein“. „Heil dir im Siegerkranz“. „Wer hat dich, du
schöner Wald!“ ...
Fern schluchzte ein altmodisches Grammophönlein ganz blechern
erbärmlich, und mollige Katzen schnurrten hinter den mit Geranien
bewachsenen Fenstersimsen ...
Die Zuschauer im Bratenrock und Zylinder mit gestickten Fahnen bildeten
zu beiden Straßenseiten Spalier, wie schwarz anlackierte Menschenpuppen.
Auch die Bordellmutter Susanne stand mitten drin, notierte in Gedanken
eine Bestellung auf Flaschenbier, leckte sich mit der Zunge die Lippen,
faltete die Hände und schmunzelte ...
* * * * *
Und dann wieder:
Violine, Cello, Klavier ...
„Dabei läßt es sich zwar bis zum Schmelzen butterweich träumen,
behaglich seelen-schmatzen, liebkosen, plauschen, schweifwedeln und wenn
es hochkommt, bestenfalls noch ein „guter Mensch“ werden ... Nichts
mehr. Also: Schluß damit!“
Max gab Vollgas und flitzte, sich immer noch vor Lachen schüttelnd, aus
diesem gespenstischen Idyll von dannen ...
* * * * *
Es kam noch eine Irren- und Siechenanstalt, im Pavillonsystem erbaut:
die Blöden tappten mit eckig ungelenken Bewegungen schwerfällig hinter
den Zäunen entlang, nickten und grinsten, manche waren ein gleichmäßiges
ewiges Wandeln auf und ab, andere wieder wie zu einer Säule erstarrt.
Das Heim der idiotischen Kinder war bei weitem das Grauenhafteste,
Säufergeburten lagen in den Windeln da, mit unförmigen klumpigen Köpfen,
die glanzlosen, wirr in sich verschlungenen Augen schrien stumm eine
entsetzliche Anklage ...
Einmal, mit einer Krankenkassenkommission, hatte auch Max schon einen
Gang durch ein städtisches Krankenhaus gemacht. Gewiß, es war sauber,
hygienisch, die Gänge, die Bettreihen blitzblank, die Aerzte, die
Schwestern in ihren weißen Mänteln und Schürzen: dagegen war nichts zu
sagen. Welch ein Widerspruch: die Reinlichkeit, die Pflege, die
Barmherzigkeit: sie beginnt erst, wenn der Mensch durch die
skandalösesten unsaubersten Verhältnisse draußen, durch Gemeinheit,
Profitjägerei und Menschenniedertracht unheilbar auf das Totenbett
gestreckt ist! Wie viele dieser hier liegenden Gangräne,
Lungenvereiterungen, innerer Verletzungen hätte eine richtige Behandlung
des betreffenden Menschen am Arbeitsplatz unmöglich gemacht. Zu neun
Zehntel bestimmt sind alle diese Krankheiten unnötig: diese
durchjauchten Verbände, diese Kübel stinkenden Eiters, diese
verstümmelten Menschenkadaver im Leichenschauhaus: eine technisch besser
angelegte Gesellschaftsordnung wird auch im Laufe der Jahre diesen
ganzen kostspieligen und mit so ungeheuerlichen Leiden verbundenen
Menschheitsaussatz hinwegfegen ... Und heute: die Mehrzahl der Menschen
lebt nicht, sondern wird durchs Leben gehetzt; stirbt nicht, sondern
verreckt ...
Noch am Abend traf Max am Ziel seiner Fahrt ein.
* * * * *
Es war ein gewaltiger Komplex von Farbstoff-Fabriken, der sich über eine
Fläche von mehreren Quadratkilometern erstreckte.
Bei einem Genossen fand Max Unterkunft.
In einem schäbigen Anzug meldete er sich am nächsten Morgen auf dem
Arbeitsnachweis, zeigte seine Papiere vor und wurde auf Grund seiner
„schwarzweißroten“ Empfehlung sofort genommen.
Am Tage darauf sollte die Arbeit in der Giftbude beginnen.
Wahrscheinlich, so erfuhr er durch die Genossen, werde er als Neuling
gleich ins Gift gestellt ...
Max trieb sich noch ein wenig in der Umgegend herum.
Einige Holzfabriken in der Nähe streikten. In Gruppen standen die
Menschen vor den Telegraphenbüros.
Die Farbstoffindustrie, durch eine besonders zuverlässige Belegschaft
ausgezeichnet, arbeitete nach wie vor mit Hochdruck.
Die Konzentration des Militärs war in dieser Gegend besonders stark. Zu
Zusammenstößen war es bisher noch nicht gekommen. Ueberall war die
Meldung verbreitet: „Aufstandsbewegung in Berlin niedergeworfen. Ruhe
und Ordnung wieder hergestellt.“
Die Farbstoffindustriearbeiter waren sofort an der gelblich fahlen
Hautfarbe zu erkennen. Die Zähne waren auffallend schlecht, manche
Münder wiesen mit eiterigen Geschwüren behaftete klaffende Lücken auf.
Die Augen waren durchwegs entzündet.
Viele Arbeiter litten dazu noch an inneren Nasengeschwüren, an einer
sogenannten Stinknase ...
Der größte Teil der Arbeiterschaft der chemischen Industrie war im
Fabrikkomplex selbst in kleinen Backsteinhäuschen mit einem spärlichen
Gemüsegarten davor angesiedelt. Sie durften augenblicklich nur mit
besonderer Genehmigung der Fabrikverwaltung das Areal verlassen ...
Es war ein älterer, gutmütig aussehender Genosse, mit dem Max ein
längeres Gespräch anknüpfte.
„Mehr als höchstens ein viertel Jahr, Freundchen, hält es darin keiner
aus. Wenn du an den Bottichen mit der Gifttunke zu arbeiten hast oder
beim Umfüllen in die Flaschen ... in drei Monaten spätestens bist du
eine Leiche ... da heißt es rasch Karriere machen oder aber ... Hier
leiden sie alle an Lungenkrebs, das ist sozusagen unsere Berufskrankheit
... Und die vielen Fälle von Verbrennungen und Erblindungen ... Na,
richtige Krepierer sind das ... Und überhaupt jetzt: täglich kommen
fünfzig neue herein, täglich haben wir an die fünfzig Mann Abgang!
Siehst du die Baracken da drüben: das sind die Hoffnungslosen, unser
Sterbesalon ... Ist eben auch die gefährlichste Industrie ... Und grad
gegenwärtig: Hochbetrieb, Saison, Hochkonjunktur! Lohnzuschlag!
Ueberstunden, daß es nur so kracht! Gewaltige Aufträge aus Amerika,
sagte man. Heilmittelaufträge. Aber man munkelt allerlei. Ist eben alles
noch ungewiß. Keiner weiß was genaueres darüber ...“
Max ließ den nichtsahnenden Genossen wiederholen:
„Aufträge aus Amerika ... Heilmittel ...“
Dabei sah er ihn prüfend von unten an.
„Glaubst du eigentlich selbst, was du sagst? ...“
„Ja, wir werden ja vermutlich auch streiken ... Soll aber bereits alles
abgewürgt und eine aussichtslose Sache sein ...“
„Eine bestochene, eine korrumpierte Bande seid ihr!“ fuhr es Max heraus.
„Was ihr produziert, na, vorerst Schwamm darüber ...!“
Und Max klärte den Genossen zunächst über Berlin auf.
Dem Proleten standen dabei die Tränen in den Augen.
„Nein, was du nicht sagst ... Diese Erzgauner ... So eine Lumperei ...“
„Verlaß dich drauf ... Auch hier, wir werden schon Trieb dahinter
setzen. Auf euch vor allem kommt es jetzt an. Ihr habt das Schicksal der
ganzen Bewegung in der Hand. Jetzt oder nie! ... Morgen wird die Arbeit
losgehn! ... Parole: auf der ganzen Front ganze Arbeit!“
IV
Am anderen Morgen wurde Max auch wirklich gleich mitten ins Gift
gestellt.
Er hatte sich schon beizeiten auf den Weg gemacht, setzte sich noch vor
Beginn der Arbeit mit den roten Zellenobleuten in Verbindung, ermittelte
genau die Struktur der Belegschaft: wieviel Sozialdemokraten,
Schwarzweißrote, Persönliches usw., und besprach mit den Genossen kurz
die Situation im Reich, besonders in den großen Industriestädten,
worüber die Proleten, da die Regierung noch den gesamten
Nachrichtenapparat besaß, völlig uninformiert waren. Dann ging er dazu
über, ihnen klipp und klar das Wesen und die Bedeutung ihrer Tätigkeit
zu erklären. Einige Flugschriften unterstützten das, doch im allgemeinen
konnte man sagen, was das Gebiet der Technik des kommenden Krieges
anbetraf, so war darin vom proletarischen Standpunkt aus nur recht wenig
Brauchbares geleistet worden. Die Artikel der amerikanischen Genossen,
die Resolution, hie und da Aufsätze in den revolutionären
Tageszeitungen: aber mit Propaganda allein war eben nicht alles zu
machen und Erfahrung – die Genossen in der chemischen Industrie waren
auf dem besten Wege dazu, sich diese möglichst teuer zu erkaufen.
Immer wieder kamen sie mit den Einwänden: „Stimmt ja gar nicht, was du
sagst, diese Säuren braucht man zu Seife und daraus werden Parfümerien
gemacht, darüber besteht doch gar kein Zweifel, sind doch genaueste
Kontrollen da, lies doch das Buch der Schweizer Chemikerin, die erstens
Kanone in ihrem Fach und zweitens noch dazu eine Pazifistin ist, die
läßt sich doch sicher nicht so leicht was vormachen, ihre
Kontrollvorschläge hat doch der Völkerbund einstimmig angenommen, und
die ganze öffentliche Meinung der Welt ist gegen den Gaskrieg, na und
überhaupt ... Der Chemische Krieg ist doch verboten und alle Nationen
haben unter Abgabe feierlichster Versicherungen sich dagegen erklärt ...
Siehst du, Genosse, du magst es ja recht ehrlich meinen, aber wir, die
wir jahrelang in der Bude stecken, wir müssen doch schließlich am Ende
auch noch was davon verstehn: was wir zum Beispiel in letzter Zeit
fabrizieren, sind lediglich Heilmittel, Aufträge nach Amerika,
Salvarsan, davon wirst du ja gewiß auch schon gehört haben ... Nicht
wahr? ... Und deshalb auch der Lohnzuschlag.“
Man behandelte Max beinahe etwas herablassend wie einen Laien.
„Einen Vorschlag, Genosse Max! Alles, was du uns da sagst, hat weder
Hand noch Fuß! Komm erst einmal in unseren Betrieb, schau dich einige
Tage gründlich darin um und informiere dich! ... Wir wollen dir gern
dabei behilflich sein ...“
„Gut so!“ Max schlug ein.
„Verschrobene Vorstellungen! Inhaltsleere, blödsinnige Phantastereien,
alles ein hahnebüchener Schwindel, wenn man ihm ernsthaft auf den Grund
geht. Ein Kinderschreck! Für alte Weiber und Flennbrüder! Da sieh nur
mal her, Max, Märchenerzähler!“ Und immer noch schüttelten sie ungläubig
die Köpfe. Sie schleppten bürgerliche illustrierte Zeitungen an mit
Beschreibungen mechanischer Polizeimänner, die gar gruselig anzusehen
waren, mit Todesstrahlen, die mörderisch in den Lüften nach Fliegern
herumstocherten und mit anderem ähnlichen Mumpitz.
Dann begannen aber doch einige der Genossen die Artikel der Amerikaner
zu lesen, langsam und schwerfällig lasen sie, als ob sie buchstabierten.
Einer dachte schon nach.
Sah lang dabei in die Ferne.
Schüttelte wieder den Kopf, las wieder.
„So meinst du also, Genosse Max, das ganze so großartig ethisch und
human aufgezogene Verbot des Gaskriegs durch den Völkerbund soll nichts
weiter als nur ein ganz elendiglicher Bluff gewesen sein. Eine
Beruhigungspille sozusagen ... Um uns Proleten vor allem in Sicherheit
zu wiegen ... Und damit man um so ungestörter sich der Vorbereitung
einer gewaltigen Massenhenkerarbeit widmen kann.“
„Das allerdings meine ich“, entgegnete Genosse Max.
Und fuhr fort:
„Und die Bestätigung dieser Meinung wird nicht lange mehr auf sich
warten lassen. Aber wir müssen unseren Gegnern zuvorkommen. Wir können
nicht warten bis es soweit ist, da es dann unter Umständen auch bereits
zu spät sein kann ...“
Wieder kam ein anderer gelaufen:
„Also, das ... wir, wir Farbindustriearbeiter ... Nein, das kann nicht
möglich sein ... das wäre ja ...“
Er machte eine Bewegung, als ob er sich krümmte.
Langsam und hartnäckig, mit viel Geduld, arbeitete sich Max in diese
Schädel hinein, er gab nicht nach, hielt sie wie mit einer eisernen
Umklammerung an ihrem eigenen Gedankengang fest, bohrte weiter und
führte sie sicher aus ihren Illusionen heraus.
„Schwierigkeiten sind nur dazu da, um überwunden zu werden.
Schwierigkeiten lechzen geradezu nach ihrer Ueberwindung.“ Das war sein
Leitspruch bei dieser Tätigkeit.
Immer nachdenklicher wurden die anderen.
Max gab ihnen ungeschminkte Wahrheit. Dadurch gewann er ihr volles
Vertrauen. So schilderte er ihnen eindringlich, wie die Revolution ein
langwieriger Prozeß sei, voll von Aufopferung, Martern, Blut und Wunden,
und daß gar nicht daran zu denken sei, daß die Lage der Arbeiterschaft
bei der Machtübernahme sich gleich von heute auf morgen bessere. Im
Gegenteil ... „Wir Kommunisten gaukeln euch nichts vor. Wer die Wahrheit
nicht ertragen kann, bitte sehr ... Aber es gibt für euch Proleten gar
keine andere Wahl. Entweder – oder. Ihr müßt kämpfen oder – untergehn.“
„Nein, wir wollen nicht untergehn. Gewiß nicht ... Und wenn, wie du uns
mitgeteilt hast, unsere Brüder jetzt kämpfen ...“
Max bemerkte schon: mit geschärften Augen beobachteten sie alles, was im
Betrieb vor sich ging, oft verschwand der eine oder der andere für eine
Weile, bis plötzlich eines Vormittags, grün vor Schrecken, einer der
Obleute zurückkam und Max leise ins Ohr flüsterte:
„Max, ich habs, es stimmt, was du sagst ... Hier ist die genaue
Aufstellung ... Eine ganze Liste ... Also es ist festgestellt: seit drei
Monaten fabrizieren wir weiter nichts als Giftgas.“
* * * * *
Max beobachtete genau die Herstellungsverfahren.
Die Arbeiter hier in den Betrieben machten lediglich Vorarbeiten. Erst
im letzten Stadium vollzog sich die Umwandlung der Produkte in chemische
Kampfstoffe. Diese Arbeit geschah in einem besonderen Gebäude, zu dem
niemand Zutritt hatte. Die Arbeiter dort waren vertragsgemäß unkündbar
auf mindestens 12 Jahre verpflichtet. Vor dieser Zeit verließ auch
keiner seinen Arbeitsplatz. Sie wohnten dort. Nur Unverheiratete wurden
aufgenommen. Dieser Teil des Farbstoffwerkes hieß „Die Falle“ oder auch
„Die feste Burg“. Die meisten Arbeiter betrachteten die „Falle“ als eine
Art freiwilliger Quarantäne, da gewisse Arbeiten mit Ansteckungsgefahr
verbunden waren. Nur besonders zuverlässige Leute, am liebsten aus den
„Vaterländischen Verbänden“, wurden hier aufgenommen. Auch frühere
Angehörige des Heeres, entlassene Unteroffiziere, Soldaten wurden mit
Vorliebe eingestellt. Nach allen vier Himmelsrichtungen hin war die
„Falle“ von der übrigen Welt abgemauert, über die Mauer selbst aber zog
sich noch ein zwei Meter hoher Stacheldraht, wie man vermutete,
elektrisch geladen. „Versuche, das isolierte Gebiet zu betreten, mit
Lebensgefahr verbunden!“ warnten überall Tafeln. Durch ein doppeltes
Geleise war dieser mysteriöse Teil des Farbstoffwerks direkt mit der
Staatsbahn verbunden. Ununterbrochen rollten nachts Güterzüge ein und
aus.
Was dort vor sich ging, darüber erfuhr man im übrigen Betrieb nichts.
Die Arbeiter kümmerten sich nur wenig um die „Falle“.
Sie war beinahe von einer Legende umwoben und atmete ein geheimnisvolles
Schweigen.
Nur einmal: da soll es zu einem Zwischenfall gekommen sein, als sich
einer der Insassen aus dem Fenster stürzte im Wahnsinn, wie es hieß, der
durch die unsachgemäße Behandlung von chemischen Mischungen erzeugt
worden sei.
Dieser Vorfall kam damals auch in den Betrieben zur Sprache und wurde in
Zusammenhang gebracht mit einer Meldung aus Amerika, die über ein neues
sogenanntes „Wahnsinnsgas“ berichtete.
Die Diskussion darüber dauerte vielleicht eine Woche.
Es kam nichts dabei heraus.
Man wollte zuerst eine Untersuchungskommission einsetzen.
Doch wie gesagt: eine Woche lang, und die erregten Gemüter beruhigten
sich. –
* * * * *
Der Fabrikraum, in dem Max arbeitete, war bis aufs äußerste ausgenützt.
Es war genau berechnet, wieviel Platz jeder Arbeiter brauchte, jede
Arbeitsbewegung war kinematographisch festgestellt: ein elektrisch
betriebenes Band rollte und führte dem Arbeiter die einzelnen
Arbeitsprodukte zu, an denen jeder Arbeiter nur mit einem Handgriff eine
bestimmte Prozedur vorzunehmen hatte. Zeit, Arbeitstempo waren bis auf
die Sekunde geregelt. Und immer wieder wurden von den zu diesem Zweck
besonders angestellten Arbeitstechnikern neue Methoden herausgefunden,
die Arbeitsintensität zu steigern.
Sämtliche Arbeiter trugen zum Schutz gegen die giftigen Dämpfe
haubenähnliche Masken, die Gläser der Sehschlitze waren gegen den
Beschlag durch ätzende Säuren besonders eingefettet.
Trotzdem waren die Schutzmaßnahmen, hauptsächlich die an den in einem
rasenden Tempo wirbelnden Maschinen, recht mangelhaft.
Die schönste Erholung war schließlich der „Sauerstoffraum“, der nach je
drei Stunden Arbeitszeit auf drei Minuten aufgesucht werden konnte.
* * * * *
Ein dunkles Zischen und Surren schwebte in der Luft, ein knatternder,
gedämpfter Orkan, Eisenarme drehten sich und neigten sich vielgelenkig
über; Bottiche, gefüllt mit dickklebrigen Brühen, schwenkten sich dicht
unter der Decke dahin, ein harziger Brei schwemmte selbsttätig von Kübel
zu Kübel, Wunderwerke von Präzisionsmaschinen nahmen die
kompliziertesten Mischungen vor. Durch andere Räume hindurch, die großen
Hallen glichen, sah man Kessel an Kessel, zwei- und dreistöckige Kessel
sozusagen, an denen auf langen Leitern die Arbeiter herumstiegen.
Mehrere Plattformen teilten so einen Kessel nach oben ab, Max schien es,
als glichen sie ganz den gotischen Kirchen.
* * * * *
Mitten in der Arbeit hatte Max einmal die Vision:
Alles gast, dampft, spritzt; der ganze Raum ist mit fliegenden,
spritzenden Säuren durchspannt; es knistert und flackert
phosphoreszierend an den Böden, die krautig und haarig bewachsen sind,
als Steinbrocken darin klotzige Knochenschädel, und das Ganze brennt
tropisch glühend, eine morastige Landschaft, so heiß, daß die Haut
unempfindlich wird und die Augen aus den Stirnhöhlen heraustropfen,
dicke, perlenähnliche, weißlich-festgeronnene Blasen. Wesen hausen in
auszementierten Schlupflöchern und in Gräbern als Unterständen, in
schwere Gummianzüge gepreßt, Masken-Helme aufgestülpt, durch die Worte
nur noch als dumpfes Gurgeln und Röcheln vernehmbar sind. „Der neue
Mensch!“ dozierte jemand, und immer dichter und dichter ward das gasige
Dickicht. „Jetzt endlich haben wir es!“ dröhnte pathetisch und wohlig
schnalzend eine Stimme: „eine hochkonzentrierte Gaswolke, die die
Möglichkeit bietet, den Gegner zu überrumpeln und dabei doch die
Eigenschaft hat, von topographischen und meteorologischen Einflüssen
völlig unabhängig zu sein ... Dies Problem zu lösen war in der Tat nicht
ganz einfach ...“ Das Besondere an dieser visionären Landschaft war, daß
sie geometrisch exakt und sauber aufgeteilt war, ja daß die zahllosen
Einzelteile und Figuren in ihr aufs feinste ausgebildet und aufs
strengste sich organisiert erwiesen, das Ganze aber durchaus chaotisch
und einem mittelalterlichen Spuk und Hexensabbath vergleichbar. Alles
drängte nach Auflösung, ein in Strudeln sich um und um drehender Abgrund
schwamm, voll von Algen, Lurchen, Schnecken und Quallen.
Gestaltgewordene eitertriefende Geschwüre wandelten dazwischen, Gewürme
und stachlichte Riesenkletten: alles fabriziert, saugt, atmet Gas:
verfärbt sich und verwandelt sich jeden Augenblick, Muscheltiere und
Mollusken kommen hoch, ganze Haufen exotischer, mit schlingenden
Fangarmen bewehrter fleischfressender Pflanzen, und darüber schillert
und brennt es wieder magisch hinweg, man hört beinahe nichts: die
Gashölle ist geruchlos und lautlos, und die Sonne in diesem modernen
Inferno glüht eisern, roh ausgezackt und völlig unbewegt, schmettert
sengend Strahl auf Strahl nieder, jede Luftschicht wirkt wieder, die
Hitzgrade vervielfachend, als eine besondere Art atmosphärischen
Brennspiegels: und darunter dickt die Luft sich von selbst ein, wird
milchig, flockig und schwimmt, schleimige Fäden lassend, über dem
Erdsumpf dahin als eine molkige Riesenwolke ... Alle Völker, alle
Erdwesen sind durch die Giftgasschwemme hindurchgegangen. Ein neues
Wüstengebiet entsteht: alles wie unter einer Bleiche gefleckt, und
knöcherig überkrustet. –
– – – –
* * * * *
Max studierte die tabellarische Uebersicht der wichtigsten chemischen
Kampfstoffe. Es war klar, die neuesten Verfahren waren darunter nicht
aufgezählt. Chemische Bezeichnung, chemische Formel, militärische
Bezeichnung, militärisch-technischer Deckname, physiologische Wirkung,
physikalische Beschaffenheit, Siedepunkt, Flüchtigkeit,
Wasserbeständigkeit, das alles galt es gründlich durchzuarbeiten und zu
erforschen.
Da erfuhr er, wie in der Geschichte der Entwicklung des Gaskampfes die
Gase selbst wechselten. Das Chlor wurde vom Phosgen, einem Gase mit
stärkerer Erstickungs- und Giftwirkung als Chlor, abgelöst. Phosgen
verdichtet sich bereits bei 8 Grad zur Flüssigkeit und war daher vom
physikalischen Standpunkt aus kaum mehr als Gas anzusprechen. Auch waren
fast alle Stoffe, die im Gaskampf künftighin zur Anwendung gelangten,
unter gewöhnlicher Temperatur und Druck entweder Flüssigkeiten oder
feste Körper. Die Bezeichnung „Gase“ wurde nur beibehalten, weil diese
Stoffe im Augenblick der Aktion sich entweder im dampfförmigen Zustande
befanden oder dünn als Rauch oder Nebel zerstäubt wurden. Feste Stoffe,
wie z. B. einzelne Arsine, wurden bei der Explosion in feine Partikel
zerstäubt und verharrten lange Zeit schwebend in der Luft ...
Die chemischen Formeln schwankten ihm zunächst in langen, sich immer
wieder zersetzenden und sich wieder verdichtenden abstrakten
Reihen durch den Kopf. Endlich erreichte er dabei eine klare,
konkret-lebendige, sachlich-nüchterne Vorstellung.
Was bedeutete zum Beispiel:
(CHCl=CH)3As!?
Es war die Formel für Chlorovinyldichlorarsin, eine Arsenverbindung, und
die Bezeichnung für eine der drei Arten der vielgenannten amerikanischen
Levisite.
Das Verfahren zu dessen Herstellung war zwar ungeheuer kompliziert, aber
trotzdem mit den technischen Mitteln, die damals in jeder Farbstoffabrik
vorhanden waren, unbedingt auszuführen.
Ebenso klar war: man konnte sich aber auch darauf nicht festlegen. Im
Gegenteil: alles sprach dafür, daß auch dieser Kampfstoff überholt war.
Doch diese Formel war ein Programm, ein Warnungssignal, ein
Ausrufungszeichen, ein proletarischer Imperativ: „Wacht auf, Verdammte
...“
Sie war sozusagen das Symbol des Nullpunktes, des Gefrierpunktes, auf
dem jetzt die bürgerliche Kultur angelangt war. –
* * * * *
Dabei stieß Max auch auf die ungeheure Bedeutung des Normenwesens.
Die moderne Industrie, eingestellt auf Normisierung und
Massenherstellung, ermöglichte es nämlich, in verhältnismäßig rascher
Zeit anfangs experimentelle Erfolge bald auf Massenverarbeitung
umzustellen, so daß bis zu einem gewissen Grade infolge der kolossalen
Erweiterungsmöglichkeiten, die dann zu einer rein mechanischen
Fortführung des gelungenen Experimentes werden, bei manchen
Kriegsmitteln im Frieden die Ausgaben ohne Gefährdung für die
militärische Schlagkraft beschränkt werden konnten. Daher legten schon
seit langem sämtliche Staaten ein so starkes Gewicht, auch aus
militärischen Gründen, auf die Durchführung einer strengen Normisierung
innerhalb der verschiedenen Kriegsindustrien und der Industrie
überhaupt, die die erhöhte militärische Schlagkraft gewährleistete. Die
deutsche Industrie hatte gegenüber allen anderen Industrien schon vor
dem Kriege 1914-1918 ein verhältnismäßig stark entwickeltes Normenwesen
gehabt. Trotzdem herrschte damals bei Kriegsbeginn in Deutschland auf
den verschiedensten Gebieten ein wirres Neben- und Durcheinander von
Modellen. Jede Truppengattung hatte beispielsweise Spaten und sonstiges
Schanzzeug, aber kaum zwei hatten gleiche Modelle. Es gab unzählige
Fahrzeuge, Fahrzeugteile, Beschläge, Beschirrung, optisches und
Fernsprechgerät und noch vieles andere, was bei allen Waffengattungen
hätte gleich sein können, aber doch nicht gleich war. Verschlimmert
wurde diese Buntscheckigkeit durch die Zustände in der Industrie. Jede
Fabrik hatte an ihren Erzeugnissen kleine Besonderheiten, die, an
sich oft ziemlich belanglos, doch den Austausch und die
Durcheinanderverwendung mit den Erzeugnissen anderer Fabriken
ausschlossen. Um die Kriegsindustrie und auch die übrigen Industrien auf
Massenproduktion von Kriegsmaterial vorzubereiten, wurden in
verschiedenen Staaten ähnlich wie längst in Deutschland,
Normenausschüsse der Industrien, die natürlich mit den Generalstäben in
enger Verbindung standen, geschaffen. –
Man muß nur hören können, wie „das Gras wächst“! –
* * * * *
Mit konkretem Material konnte nun Max der Belegschaft gegenübertreten.
„Der Kern der Sache –!?
„Der Kern der Sache ist der Besitz der Produktionsmittel! ...
„Arbeiter der Farbstoffindustrie! Euere Brüder, euere Arbeitskollegen,
euere Klassengenossen kämpfen in den Städten, und ihr: morgen,
übermorgen werden euere Arbeitsprodukte die Entscheidung im Kampf
herbeiführen, euere Arbeitsprodukte, die chemischen Kampfstoffe, von
Fliegern über den Arbeitervierteln abgeworfen werden. Arbeiter! An euer
proletarisches Solidaritätsgefühl appelliere ich. Arbeiter, werdet
Kampfgenossen! Schluß mit der menschenschlächterischen Arbeit, die ihr
bisher, nichts ahnend, hier in dieser Giftbude verrichtet habt!
Generalstreik! Sturm auf die „Menschenfalle“!“
Die Belegschaftsversammlung war ein einziger Empörungsschrei.
„Heraus aus der Giftbude!“
„Sturm auf die „Menschenfalle“!“
Schon klapperten auf dem Direktionsbüro flink die Telegraphen.
Aber auch von den umliegenden Ortschaften waren Arbeiter- und
Landarbeitertrupps alarmiert.
„Nun aber, knorke, nun werden wir das Gesindel aus der „Falle“
herausholen.“
So wie sie gerade standen, rannten sie los, manche krempelten sich die
Rockärmel hoch, manche mit dem Messer; sie waren nicht zurückzuhalten.
Nicht lange spie die „Falle“ Maschinengewehrfeuer.
Ein langes, zischendes, brodelndes Geräusch kam:
„Gas!“
„Gas!“
„Gas!“
* * * * *
Mit ungeheueren Verlusten für die Arbeiter wurde der Sturm
zurückgeschlagen.
Dabei geschah es, daß einem, vielleicht am Rockärmel, ein winziges
Tröpfchen Gasflüssigkeit hängen blieb, er in einen Raum trat, das
Tröpfchen Gasflüssigkeit verdampfte, und er sich selbst samt ungefähr
fünfzig seiner Kameraden tödlich ansteckte.
Das gab auch dem Letzten, der noch immer nicht daran glauben wollte, den
Rest.
Das ganze Farbstoffwerk mußte geräumt werden.
Rings herum auf den Höhen, kilometerweit entfernt, lagen die Arbeiter.
Dann: endlich war das Geschütz herbeigeschafft, und beim fünften Schuß
stieg eine Flammenlohe hoch, wie ein Feuer-Geysir, prasselnd, fauchend,
und zerstäubte über den ganzen Horizont hin, rings fächerartig geöffnet,
als Glühregen.
Die „Falle“ war in die Luft geflogen.
Erst in drei Tagen ging scharfer Wind.
Die Gasschwaden verzogen sich.
Die Arbeiter konnten wieder in ihren Werken einziehen. –
V
Die roten Arbeiter- und Farmerbataillone, die in Kolonnen von Hunderten
von Lastkraftwagen bei Morgengrauen auf verschiedenen Anmarschstraßen
dem amerikanischen Giftgas- und Waffenarsenal Edgewood zueilten, sahen
in der aufgehenden Morgensonne plötzlich vor sich über eine schneeweiß
schimmernde Ebene dahingestreckt ein riesiges Mohnfeld.
Die Blüten des Mohns schwangen im Wind, entfalteten sich, wehten und
leuchteten ...
Einen Augenblick stoppten die Kolonnen, mit Ferngläsern und
Scherenfernrohren suchte man den Horizont ab: ein Freudenschrei, ein
Schrei, der in einen gewaltigen Massengesang überschlug: hunderte von
roten Fahnen flatterten in der Ferne über den unzähligen weißlichen
Wellblechbaracken und auf den Giebeln der Verwaltungsgebäude, des
Kontrollwerkes und der Elektrizitätsanstalt. Ja, der Blitzableiter jedes
Fabrikschlotes trug ein rotes Fähnlein.
Edgewood war gefallen! Edgewood, das gewaltigste Kriegsarsenal der Welt,
in den Händen der „Roten“!
Hurra! Hurra! Hurra!
Wie drei Freudensalven knallte es aus Hunderttausenden von Mündern dahin
...
Und in diesem Augenblick stieg es schon auf: Geschwader an Geschwader,
Kampfflieger, Aufklärungsflugzeuge, Bombenflugzeuggeschwader: alle rote,
lange, bänderartige Wimpel an den Tragflächen. Das ganze Tal überzog
sich mit einer Schicht von Flaggenrot und Motorengeknatter: in ruhig
geschwungenen Schleifen zogen die Geschwader dahin, in Spiralen tauchten
sie auf und nieder in dem gläsernen Luftmeer, und landeten dann unter
dem gleichzeitigen Jauchzen von hunderten von Fabriksirenen senkrecht
abschießend auf den verschiedenen Flugplätzen ...
* * * * *
Der rote Kriegsrat des Farbstofftrusts, dem Arbeiter, Matrosen,
Soldaten, die Offiziere des revolutionären Offiziersbundes angehörten,
beschloß einstimmig: der Angriff gegen die feindlichen Stellungen,
Flugzeughäfen und Flottenstützpunkte hat unmittelbar zu beginnen. Die
Operationsbasis ist durch die Industriegebiete und durch die eroberten
militärischen Bollwerke gegeben, das Ziel: die rücksichtslose
Niederkämpfung der feindlichen militärischen Macht. Zu gleicher Zeit
wird ein umfangreicher Propagandaapparat eingesetzt, ein richtiger
Feldzugsplan zur Zersetzung, zur moralischen und materiellen, der
feindlichen Streitkräfte ist ausgearbeitet und wird in den einzelnen
Punkten von den betreffenden Stellen noch heute durchgeführt. Es ist
selbstverständlich, bei der geradezu bestialischen Art, mit der die
Weißen den Bürgerkrieg zu führen belieben, daß von der chemischen Waffe
zweckmäßig Gebrauch gemacht wird. Die Zweckmäßigkeitsfrage wird bei
jeder taktischen Ueberlegung in den Mittelpunkt gestellt, Sentiments und
Ressentiments sind restlos auszuschalten ... Keiner Erwägung bedarf der
Beschluß, sich mit den revolutionären Organisationen Japans, Europas,
Rußlands unverzüglich in Verbindung zu setzen ... Wobei, was andere noch
nicht revolutionierte Völker anbetrifft, zu bemerken ist; das siegreiche
Proletariat kann keinem fremden Volk irgendwelche Beglückung aufzwingen,
ohne damit seinen eigenen Sieg zu untergraben ... Schon sind Fälle
ferner gemeldet worden, wonach die Regierungsflugzeuggeschwader die
Reviere der revolutionären Bergarbeiter eingegast haben, man hat
Kohlenschächte ersäuft, in denen man rebellische Belegschaften
vermutete, und durch Ueberläufer und abgefangene Radios weiterhin
festgestellt ist, daß umfangreiche Vorbereitungen getroffen sind,
Edgewood durch einen groß angelegten Bombenfliegerangriff in einen
Gassumpf zu verwandeln ... Also: wir werden ihnen die Suppe gründlich zu
schmecken geben, die sie uns zugedacht haben ... Das ist
selbstverständlich ...
* * * * *
Wieder trillerten die Fabriksirenen.
Die roten Fahnen wurden eingezogen: grau und eisig lag Edgewood da.
Die Flugzeuge waren startbereit.
Auf einer elektrisch betriebenen Kleinbahn rollten die schweren
Riesenflügelbomben zum Flugplatz an: sie waren mausgrau, am Kopf
dicklich und rund und hatten ganz das Aussehen von Walen.
Ein Kommando.
Viele Klingeln schrillten. Leuchttafeln zuckten auf ...
Ein Lautsprecher dröhnte –
Achtung!
Los!
Die erste Schlachtstaffel gleitet ab, schnellt senkrecht hoch.
Die zweite ...
Die Mannschaften unten winken mit den Mützen –
Wieder: „Hurra! Hurra! Hurra!“
Und die Flieger werfen die roten Wimpel ab ...
„Kameraden! Auf Wiedersehen!“
– – –
Der Führer der Schlachtstaffel III ist der Genosse Thomas.
„Na, mein Junge, noch ein Händedruck ... Halt dich gut! ... Wir werden
die Sache schmeißen ... Davon bin ich fest überzeugt ... Glück auf die
Reise ... Ich hoffe: übermorgen! ...“
Und der Genosse Frank umarmte den Genossen Thomas.
Dann küßten sich die Freunde.
Frank bekam es dabei mit dem Schlucken ...
Ein Pfiff ...
Und auch Schlachtstaffel III erhob sich ...
– – –
Frank inspizierte die Gasläger. Die Bestandsaufnahme war fertiggestellt.
„Es genügt, um die ganze Welt einigemale mit Gas zu vergiften ...“
Die Arbeiterschaft der verschiedenen Betriebe war inzwischen versammelt
und besprach einen neuen Produktionsplan.
Die weitere Herstellung der Giftgase konnte bei der großen Menge der
vorhandenen chemischen Kampfstoffe sofort eingestellt werden. Dagegen
waren vom roten Kriegsrat Flugzeuge („Goliath“-Typ) und Kampfwagen in
bedeutender Menge angefordert worden. Ebenfalls wieder einstimmig
erklärten sich die Arbeiter bereit, alles aus sich herausholen zu wollen
und die Arbeitszeit in keiner Weise nach unten hin zu beschränken.
„Für die kapitalistische Wirtschaft war uns jeder Knochen zu schad ...
wenn es für uns ist, für die Diktatur des Proletariats, dann mit Freuden
alle Muskeln, das Herz, das Hirn, das Fleisch, alle Knochen ...“
Auch eine große Anzahl von Chemikern, Technikern, Ingenieuren, die man
im Augenblick der Uebernahme der Macht absondern mußte, stellten sich
jetzt bedingungslos den „Roten“ zur Verfügung.
„Es ist klar, die kapitalistische Produktionsweise ist einfach zu
unrationell, wir können bei weitem produktiver wirtschaften, fünfzigmal
soviel aus der Welt mit Leichtigkeit herausholen ... Ihr Roten seid
einfach die Vertreter einer technisch am modernsten konstruierten
Organisationsform ... Zu blöd, daß man diese Einsicht den Kapitalisten
mit Blut abzapfen muß ...“
– – –
Und zu gleicher Zeit entwickelte sich jene erste Phase gewaltiger
Luftschlachten, die den weiteren Verlauf der Geschichte Amerikas
entscheidend beeinflussen sollten. Die Flugzeuggeschwader der weißen und
der roten Flugflotte stürzten sich aufeinander, hakten sich ineinander
fest und unlösbar ineinander verbissen schossen sie, ein wirres Stahl-
und Drahtknäueldurcheinander, erdab.
Andere Geschwader nebelten sich ein, blitzten plötzlich völlig
unerwartet aus dem Hinterhalt des Nebelschleims hervor, oder
überstreuten den von den feindlichen Flugzeugen zu passierenden Luftraum
mit einem dichten Netz von Giftgas.
Und unten auf der Erde marschierten die mechanischen Armeen auf: Tanks,
Panzerzüge, Straßenpanzerwagen ... Rauchwellen fluteten übers Land,
quadratkilometergroße Herde von Giftrauchkerzen schwälten ... Ganze
Städte versanken in einem unergründlich tiefen und geheimnisvollen
Gasgrund ... Pflanzen, Wälder, Wiesengründe färbten sich: grün, blau,
violett. Wunderbare und seltsamste Farbenspiele zauberten die
Gasschwaden aus der Erde hervor. Lautlos überzogen ganze Landesteile wie
mit einer Decke sich mit Todesschlaf ...
Die Hochseeflotten liefen aus den Häfen aus: Kreuzer, Dreadnougths,
Unterseeboote, Flugzeugmutterschiffe ... Und auf der Hochseeflotte
meuterte es, ein Kriegsschiff hißt die rote Fahne, noch eines, und die
Forts auf Hawaii und die Küstenwerke im Panamakanal ... Es war der
Beginn einer gewaltigen Seeschlacht.
„Die Japaner kommen! ...“ funkte es dazwischen. Aber trotzdem die beiden
Flottengruppen sich immer vergrößerten: es waren nur rote Flaggen zu
sehen und weiße: die Nationalfarben hatten keine Bedeutung mehr.
In der Luft, auf der Erde, über Wasser und unter Wasser: stürzt es sich
übereinander her, würgt sich zutod, es gibt kein Erbarmen.
Heldentaten, die unbeschreiblich sind, Qualen ohne Maß, Krämpfe und
Zuckungen, wie sie die Erde seit ihrem Anbeginn noch nicht gesehen hat,
Schmerzensschreie, Hilfeschreie, Todesgebrüll ...
Jedes Lebewesen trug schon einen gespenstischen Flecken an sich, zum
Zeichen: angeätzt von der Gaslauge ...
Ein blutiger Sommer rauscht ... –
– – –
* * * * *
„Genosse Thomas Butler gefallen in der Luftschlacht über Hawaii.“
Die Nachricht kommt nach Edgewood.
Genosse Morrow springt ins Flugzeug.
Festgeschnallt.
Sturzhelm und Gasmaske auf.
Vorwärts! Los!
„Genosse Frank Morrow gefallen in der Luftschlacht mitten über dem
Großen Ozean!“
Die Nachricht kommt nach Edgewood.
Ein zweiter, ein dritter, ein vierter springen ins Flugzeug.
Festgeschnallt.
Sturzhelm und Gasmaske auf.
Vorwärts! Los!
„Der zweite, der dritte, der vierte gefallen in der Luftschlacht über
dem Panama ...“
Die Nachricht kommt nach Edgewood.
Jetzt drängen hunderte an die startbereiten Flugzeuge heran.
Man stampft vor Wut, wenn man nicht mitkommt.
Jeder wartet nur auf das eine:
„Wann endlich kommt die Reihe an mich ...“
Nur eine Befürchtung, eine Todes- und Lebensangst:
„Vielleicht ist dann schon der Krieg aus!“
Ueberall Butlers, überall Morrows, ob sie nun so heißen oder nicht ...
„Rußland marschiert! Das deutsche Proletariat im Kampf!“
Die Nachricht kommt nach Edgewood.
„Ein Hurra dem deutschen Proletariat!“
„Hoch Sowjet-Rußland!“
„Auch wir sind im Kampf, Brüder, die amerikanischen Genossen: sie grüßen
euch!“
„Japans werktätige Massen verhindern den Krieg! Yokohama im Aufruhr.“
Auch diese Nachricht kommt nach Edgewood.
„Bravo, japanische Genossen!“
„Die Kolonialvölker, Indien, China, Afrika ...“
„Hoch! Unsere Sache steht gut!“
„Würdig unserer Führerin, der Genossin Mary Green, gemordet auf dem
elektrischen Hinrichtungsstuhl, eingedenk der Lehren unseres großen
Meisters, des Genossen Lenin, Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts
gedenkend, und der Tausenden, die von den weißen Banden aufs grausamste
gemeuchelt worden sind –
„Festgeschnallt –“
„Sturzhelm und Gasmaske auf!“
„Vorwärts! Los!“ –
* * * * *
Die Milliardäre sitzen irgendwo hoch in den Bergen, wimmern:
„Zu schade, nun ist es mit der Urbarmachung der Polarregion auch nichts
... Und die Geologen versichern doch, gewaltige Kohlenläger seien
vorhanden, deren Ausbeutung relativ einfach sei, nur mit geringen
Unkosten verbunden, und der Tierreichtum ... der Verlust für die
Menschheit ist nicht auszudenken ... O welch ein Gewinn! ... Die
kostspieligen Expeditionen, wenn man bedenkt, die schließlich doch wir
finanziert haben, wie soll man das alles jetzt verkalkulieren ... Es
scheint, die Welt sehnt sich nach einer neuen Verrechnungsart ... Ja, es
scheint richtig so, was die Priester angedroht und die Spiritisten
prophezeit haben: das Jahrtausend der Herrschaft des Pöbels beginnt. Das
ist die Sintflut. Wie lange sie währen wird, um die Menschheit von ihren
Sünden rein zu waschen?! Sicher: wir haben nur immer das Beste gewollt
...“
„Keine Angst, ihr ehrenwerten Herren Bürger!“ kommt ein Radio aus
Edgewood. „Wir verderben euch nicht eueren Lebensabend. Ein kärglich
dosiertes Paradies ist euch sicher. Das ist nur recht und billig. Auf
einer Insel irgendwo. Bei Kokosnüssen und Affenjagd, bei Brotbäumen, bei
Fischfang und Holzfällen ... Kriecht ruhig aus eueren Berghöhlen heraus
... Wir vergreifen uns nicht an Leichen, wenn sie auch noch wie ihr ein
wenig parfümierten Lebensodem ausströmen ...“
Die Lebensgreise aber knurren durch die künstlichen Goldgebisse hindurch
im Chor:
„Wir kapitulieren nicht!
„Rache!“
– – –
Und –
Ein blutiger Sommer rauscht ...
VI
„Bombenflug und Sauerstoff!“ fluchte Max.
„Nur den Verstand nicht verlieren!“ redete ihm Wilhelm gut zu, dem dabei
aber selbst die Tränen über die Backen herunterliefen.
Viele Genossen knirschten laut auf.
Die Nachricht, die soeben aus Amerika eintraf, war in der Tat
niederschmetternd.
Alle im ersten Anlauf eroberten Positionen mußten, bis auf Edgewood,
aufgegeben werden. Edgewood selbst lag seit drei Tagen bereits unter
schwerstem Gasfeuer, bis auf ein Drittel ungefähr war der ganze Komplex
gasverseucht. An ein weiteres Durchhalten war unter diesen Umständen
nicht mehr zu denken.
Kurz und gut: die revolutionäre Aufstandsbewegung, im Anbeginn
unerwarteterweise siegreich vordringend, war niedergeschlagen. In
Anbetracht der ungeheueren blutigen Verluste, mit denen der ganzen
Sachlage nach bestimmt zu rechnen war, schien ein Wiederaufflackern des
bewaffneten Aufstandes in absehbarer Zeit völlig ausgeschlossen.
Ja, die amerikanische Regierung konnte schon wieder ernsthaft in
Betracht ziehen, die Feindseligkeiten gegen Japan zu eröffnen.
Wenn man sich die weitere Wirkung, die diese Nachricht auf die breiten
Massen des Proletariats ausüben wird, vorstellt: es war zum Verzweifeln.
Schon jetzt: jeder Tag bringt neue Schwierigkeiten, schon jetzt melden
sich immer lauter die Stimmen derer an, die unter verhältnismäßig
anständigen Bedingungen den ganzen Aufstand zu liquidieren bereit sind
... immer häufiger wird das Geschwätz von den festen, 99prozentigen
realen Garantieen für den Sieg ... Jetzt heißt es: alle Kraft
zusammennehmen, nur jetzt nicht locker lassen, mit eiserner
rücksichtsloser Energie allen derartigen aktionslähmenden Versuchen
entgegentreten, und, in welcher Form sie sich auch äußern mögen:
erbarmungslos nieder mit ihnen. Nur unter keinen Umständen
Flautestimmungen und Krisenmachereien aufkommen lassen, nur jetzt nicht!
Solche Situationen waren noch immer Keimbeete, Treibhausboden, richtiges
Nährfutter für Verrätereien, Verzicht, Hinterhältigkeiten unter einem
meist überschwänglich radikal sich gebärdenden verlogenen Phrasentum.
Einige wildgewordene Anarchisten großmaulten und bramarbassierten
besonders auffällig dazwischen herum: die wollten am liebsten gleich,
wie sie möglichst aufdringlich betonten, die ganze „Bude“, worunter sie
die Welt verstanden, in die Luft sprengen: Vorbereitung und Ausführung
dieses nihilistischen pseudoheroisch-famosen Vernichtungsplans
überließen sie großmütig, wie sie nun einmal waren, allerdings mit
besonderer Vorliebe den andern. Sie selbst klinkten sich ein geheimes
Hintertürchen auf, um im Fall einer Explosionskatastrophe sich
schleunigst aus dem Staube zu machen ...
Trotzdem:
Eine große, eine schöne, eine schwerwiegende Hoffnung sank.
Die gehißte rote Fahne, ein Intermezzo! Woraus es nun zu lernen galt ...
* * * * *
Auch der Vormarsch der russischen roten Armee stockte.
Deutschland selbst war inzwischen zum Kriegsgebiet geworden.
Englische Flugzeuggeschwader landeten bereits auf deutschem Boden.
Ungeheure Proviantmagazine, ganze Arsenale und Werkstätten für
Flugzeugersatzteile waren schon vordem in den letzten Jahren errichtet
worden ...
Der Hunger begann.
Seuchen und Krankheiten schossen üppig ins Kraut.
Das kämpfende Proletariat hatte noch keine Entscheidung herbeiführen
können.
Zwar die deutschen Farbstoffwerke hatten inzwischen erfolgreich
rebelliert, aber es gestaltete sich außerordentlich schwierig, dort nur
einigermaßen wieder die Produktion in Gang zu bringen, um die
Arbeitermassen auch nur mit den allernötigsten Kampfmitteln zu versehen.
Die Arbeiten litten unter den beständigen Ueberfällen der
Regierungsflieger, die genau orientiert waren, jede verwundbare Stelle
solch eines Riesenbetriebes genau kannten und an Hand von im Frieden
wissenschaftlich ausgeführten Berechnungen und Standortbestimmungen aus
den phantastischsten Höhen herab exakt ihre Bomben abwarfen.
Dieses Störungsfeuer von oben hielt Tag und Nacht ununterbrochen an: und
die Arbeitsleistung wurde dadurch auf ein Minimum reduziert ...
* * * * *
„Die Gas-Walze kommt!“ so hieß es jeden Augenblick in den noch von den
Arbeitern gehaltenen Stadtteilen Berlins.
„Jetzt! Diesmal ganz sicher! Ich spürs schon ...“
Zwar verfügte man über einige Meßapparate, die jedes Gasgemisch in der
Luft sofort anzeigten, die Zusammensetzung analysieren ließen, und so
konnte man wenigstens, grad leidlich genug, Vorkehrmaßnahmen treffen.
Wie jede Gasschutzabwehr war auch die proletarische höchst mangelhaft.
Ein Versuch, Kollektivschutzräume anzulegen, scheiterte kläglich. Diese
Dinge waren eben nicht so ohne weiteres aus dem Boden zu stampfen.
Ueberall fehlte es an geeigneten Kräften, überall an Genossen, die auch
nur über die allerprimitivsten Kenntnisse in der Technik des Gaskampfes
verfügt hätten. Die Erfahrungen aus den Gasexperimenten 1915 bis 1918
waren bei der völlig veränderten Lage nicht auszuwerten. Es mehrten sich
die Stimmen, die sagten: „Wir haben darin unendlich viel versäumt. Das
rächt sich jetzt bitter ... Wenn es uns schon nicht den Sieg kosten
wird, so doch gewaltige Menschenopfer.“
Eine leichte Panikstimmung verbreitete sich.
Wieder hieß es:
„Die Gaswalze kommt!“
Die unglaublichsten Vorstellungen über einen Gasangriff grassierten,
ununterbrochen waren einige dazu besonders befähigte Genossen bei der
Aufklärungsarbeit ...
Und die Gaswalze kam wieder nicht.
Noch immer nicht ...
Und dennoch: beinahe jeder lauerte auf die ersten Symptome einer
Vergiftung.
Bald aber rissen sich die Proleten wieder zusammen, packten ihre
Nervenbündel fest und es ging wieder einigermaßen vorwärts ...
„Na immer noch nicht“ – scherzte Max – „hoher Besuch von oben? Schade,
daß Pfingsten schon vorüber ist, sonst könnte man sagen: Fest der
Ausgießung des heiligen Geistes ...“
Auch wurde man sich bald klar darüber:
Die rote Welle überflutet auch diesmal aller Wahrscheinlichkeit nach
nicht die ganze Welt, nur einige Nationen werden von ihr ergriffen
werden, und man wird am Ende dieser Kriegsperiode vor der Tatsache eines
großen gewaltig zusammengeschmiedeten Blocks von Sowjetrepubliken
stehen, denen gegenüber sich aber noch eine beträchtliche Anzahl
kapitalistischer Staaten behaupten wird.
* * * * *
Wie hatte sich hier alles verändert, seitdem Max von Berlin fort war!
Einen halben Tag erst war er wieder zurück, doch lange genug, um sofort
zu erkennen: das ganze Kampftempo war gründlich verändert, der Rhythmus
des Aufstandes selbst war ein wesentlich anderer geworden.
Für Elan, für Schwung war nur wenig Platz mehr da, auf andere
Kämpfereigenschaften kam es jetzt vor allem an.
Verbissen, zäh, zwei Schritte vor, eineinhalb wieder zurück, und jeder
Schritt verbunden mit Blut, wahnwitziger Anstrengung, Verkrüppelungen,
unheilbaren Wunden: so wurde jetzt gekämpft, und jeder Mann hatte
außerdem das kristallhelle Bewußtsein dabei: das ist von allem noch
längst nicht das Letzte, der Feind hat seine Reserven noch nicht
angebrochen, seine letzten und gefährlichsten Kampfmittel noch längst
nicht eingesetzt ...
* * * * *
Es war wieder ein warmer Sommerabend.
Nichts war von den „Weißen“ zu sehen.
Ruhe und Frieden weit und breit.
Die „Weißen“ hatten sich tief in ihre Hauptstellungen zurückgezogen.
Das erstemal seit langem bemerkte Max wieder: die Vögel sangen.
Sangen sie wirklich!?
Ja, sie sangen ...
Max mußte sich fest über die Augen streichen, um nicht drauf los zu
heulen.
Schön war es, wirklich: wunderbar.
Und Max dachte einen Augenblick an die Welt, wie sie nach all diesen
Greueln und Gemetzeln kommen werde ...
Inbrünstig sehnte er sich darnach.
Wieder sangen die Vögel, aber wo in aller Welt sangen sie!?
Die Bäume an den Straßen und in den Anlagen waren längst alle umgelegt,
nur Fetzen von Bäumen und verkohlte Baumstümpfe standen noch.
Oder in den Häusern!?
Singen sie heraus vielleicht aus eueren leergebrannten Augen, ihr
rätselhaften Mauer-Wesen!?
Mittenhindurchgeschnitten waren manche Gebäude, wie glatt mit der Axt
durchgespalten: ein Zimmer mit Bett und Stuhl war sichtbar, ein Kübel im
Winkel; die Matratze des dritten Stockes hing hinab in den zweiten, wie
eine ausgerissene Zunge; und der Plafond des ersten Stockes lag wieder
auf dem geborstenen Billardtisch einer Wirtschaft parterre. Das sah aus
wie auf der Bühne, unwirklich, mit nichts Lebendigem mehr verbunden: daß
Menschen je in diesen Ziegellöchern gehaust haben: eine unvorstellbare
Vorstellung ...
Die Nachrichten, die noch im Laufe der Nacht eintrafen, lauteten
durchwegs wieder günstig.
Der Druck der russischen Armee mache sich bereits deutlich bemerkbar.
Die feindliche Front im Osten sei bereits gründlich aufmassiert, heute
oder morgen spätestens erfolge der Durchstoß. Das rote Loch im Osten
also werde zur Tatsache. Endlich! Inzwischen sei auch eine Luftschlacht
geschlagen worden, ebenfalls siegreich für die „Roten“, ebenfalls,
spätestens morgen gegen Abend, erwarte man die ersten roten russischen
Flieger über Berlin ...
Mit einigen Genossen saß Max in einem Kellerunterstand bis zum Anbruch
des Morgens zusammen.
Also: auch mit Lene stand alles gut. Sie war noch immer in Ostpreußen,
wo es vorwärts ging. Ueberhaupt: das Land machte sich ...
Die Genossen sprachen Einzelheiten aus den Kämpfen durch, den und jenen
nannte man, aber die Zeit reichte nicht hin, alle aufzuzählen, die etwas
besonderes vollbracht hatten, sie hatten sich alle ausnahmslos
ausgezeichnet gehalten.
Jeder von ihnen oder auch wiederum keiner von ihnen war ein Held. Der
„Held“ war ein Kollektivbegriff geworden. Der Held war das Proletariat.
Einige, na das wußte man schon früher ... Daß sie abfallen und abtrünnig
werden würden, damit rechnete man, und das gab also keine besondere
Enttäuschung.
„Die machen noch lange keine Niederlage ...“
„Und wenn wir allesamt, sage ich, so wie wir hier beieinandersitzen
jetzt, in diesem Augenblick futsch gehn, die Bewegung geht weiter, die
Bewegung steht und fällt nicht mit dem Schicksal von Einzelpersonen,
jeden von uns kann es treffen, heute den, morgen den, nur die Bewegung:
die bleibt. Die kommunistische Bewegung ist: die materielle und die
ideologische Auswirkung und die kollektive Auswertung des
Klassen-Widerstreits. Die Bewegung, die ist: so lange noch einer auf
Kosten eines anderen lebt, so lange noch einer satt und zufrieden die
Hände sich reibt, während sein Mitmensch leidet und hungert ...“
Dann kam die Sprache auf die Gefangenen.
Die Genossen sprachen halblaut.
Die Zunge sträubte sich, alle die Grausamkeiten und bestialischen
Gemeinheiten, die die „Weißen“ an völlig Wehrlosen und an schon
Sterbenden verübt hatten, auszusprechen. Was Wunder: darüber regte sich
ja längst keiner mehr auf: daß man Gefangene mit dicken Ketten um den
Leib an Bäume und Laternenpfähle gebunden hatte ... und sich ihrer als
Zielscheibe für ein frischfröhliches Pistolenpreisschießen bediente ...
Das Anbinden, das kannte man ja aus dem Feld her ... Aber daß man
Leichen den Kopf abschlägt und ihn auf die Bajonette spießt, das wollte
man überhaupt nicht gelten lassen. Man hielt es absolut für eine ganz
unmögliche Ungeheuerlichkeit und beschuldigte lieber den Erzähler
hysterischer Uebertreibung ...
* * * * *
„An die Gewehre!“
Die Genossen erhoben sich.
„Heute oder morgen fällt die Entscheidung! Heute der, Max, morgen der!
Machs gut! Leb wohl ...“
Wilhelm und Max trennten sich.
Schweigend bezog jeder seine Stellung.
Max kniete, fünf Stielhandgranaten im Gürtel, das Gewehr schußfertig im
Anschlag, hinter dem Schornstein auf dem Dach einer Mietskaserne und
beobachtete gespannt die Straßenmündung.
Es war halb vier Uhr morgens.
Es war völlig windstill.
Hie und da hörte man in der Ferne einen Schuß knacken.
Wie Spinnenarme geisterten jetzt die ersten Strahlen der Sonne am
Horizont herauf. Wolken-Kolosse färbten sich blühend, überquellend rot,
wie frisch blutende Fleischstücke.
VII
Das Bombardement hatte nicht länger als höchstens drei Minuten gedauert.
Fünf Gasbomben waren insgesamt abgeworfen worden.
Das gasverseuchte Gebiet erstreckte sich auf den zweiten Bezirk; einige
daran angrenzende Parks und die Elektrizitätsanlage in der Hauptstraße
waren davon noch betroffen worden.
Es bildete sich ein Gassumpf.
Trotzdem sich Max bei Erscheinen des Bombenflugzeuggeschwaders sofort
schleunigst in Galopp gesetzt hatte, hatte er doch noch einen tüchtigen
Gasschluck mitabbekommen.
Auch jetzt, wo er, was das Zeug hält, die Straße hinunterrennt, kann er
das Gefühl nicht loswerden, als treibe er noch mitten in einem dichten
Gasschwaden.
Kein Mensch ist zu erblicken.
So kann er sich nicht recht klar darüber werden, ob er sich eigentlich
noch innerhalb oder schon außerhalb der verseuchten Zone befindet.
„Schlimme Sache das“, überdenkt er rasch, „Entseuchungskommandos haben
wir nicht, Chlorkalk zum Entseuchen ist nur in ganz geringen Mengen da
...“
Mit einem Fetzen von Taschentuch hält er sich Mund und Nase zu. Die
Augen beißen wie zwei ausgebrannte Wundlöcher. Automatisch fängt er zu
heulen an. In den Ohren tackt und tickt es. Er schwankt, taumelt. Auch
der Gleichgewichtssinn funktioniert nicht mehr ...
Er reißt sich immer wieder an sich selbst hoch, mit einer letzten
Willensanspannung, wie an einem unsichtbaren Nervenzügel.
„Energie! Energie! Max!“ ruft er sich zu. Stolpert und schwankt sich
wieder einige Schritte vorwärts.
„Man muß rücksichtslos Geiseln nehmen, sofort androhen lassen:
lebenslängliche Anstellung an der Wand ... als Repressalie gegenüber
solch einer unmenschlich-barbarischen Kriegsführung. Aber gut so: sie
haben sich damit selbst ihr Grab gegraben ... Wenn das auch die
ungeheuersten Menschenverluste noch kosten wird ...“
Da bricht er.
Ein langer blutiger Erguß.
Die Gedärme kommen ihm hoch dabei.
„Kotzerbärmlich ist mir zu Mut. Max, was ist nur mit dir!? Soll es
diesmal wirklich ernst werden!? Mach keinen Quatsch! Das kann, das darf
doch nicht sein ... Heute oder morgen wird die Entscheidung fallen ...
Nur jetzt nicht.“
Die ganze Oberfläche der Haut ist ihm brandig angelaufen, es juckt und
kratzt in ihm herum, eine unheimliche innere Krätze, der Gaumen fühlt
sich pelzig an, bei jedem Atemzug hat er den Geschmack, als ziehe er
flüssiges Feuer ein.
„Ob ich angesteckt bin ...?! Und ob ich nicht mehr zu meinen Kameraden
zurückkann, ohne auch sie anzustecken, wie das beim Sturm auf die
„Menschenfalle“ vorgekommen ist ...?! Ist doch nichts zum Desinfizieren
da ...“
„Nein! Ausgeschlossen, ich sterbe nicht!“ versichert er sich gleich
darauf wieder krampfhaft. „Mir ist nur ein klein wenig übel!“ ermuntert
er sich. „Unkraut verdirbt nicht. Mir kann nichts geschehen. Wird schon
wieder werden.“
Und schiebt sich mühsam mit den Knien um eine Ecke.
Auch der Tastsinn, das Orientierungsvermögen funktionieren nicht: die
Gegenstände in nächster Nähe rücken auf einmal in eine traumhafte
Entfernung.
Das Gesichtsfeld verengt sich, verschiebt sich.
Eine ruckhaft von ihm sich abstoßende Häuserfront erscheint, jäh in den
Hintergrund abfallend, spitzwinkelig nach innen zu verzogen ...
Schwerfällig wie ein Sack sinkt er, mit den Händen sich gerade noch
aufstützend, nach vorne um.
Ihm ists, als stürze er viele tausend Meter tief.
Ein ganzes Leben dauert dieser Fall ...
Dreht sich auf die Seite. Wälzt sich.
Das Schwergewicht ist aufgehoben ...
Als glitte er schwebend über den Boden hinweg.
Bleibt liegen ...
Wie lange –?
Erwacht wieder ...
Eine Turmuhr schlägt eben fünf.
Er weiß nicht: ist es fünf Uhr morgens oder fünf Uhr abends.
Wiederholt noch wie aus einem früheren Leben:
„Nur jetzt nicht ... Heute oder morgen muß die Entscheidung fallen ...
Ah, schön so, wie wunderbar, wie gut ... Rote Flieger über Berlin.“
* * * * *
Eine Maske, Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett, springt auf vor ihm.
„Hände hoch!“
Max macht eine mechanische drehende Armbewegung nach aufwärts ...
Die Bajonettspitze steht ihm senkrecht auf der Brust.
Ein zweiter, ein dritter, noch einer tappt herzu: sie alle sind in
taucherähnliche, schwarzglänzende Gummiuniformen gekleidet. Das einzige
Abzeichen, das sie tragen: je zwei kleine weißblecherne Totenkopfknöpfe
oberhalb der beiden Kragenspitzen.
„Nur, nicht lange gefackelt ... Marsch! Kehrt um! Ab damit! Marsch! An
die Wand ...“
Die Stimmen kommen, durch die Maske gedämpft, von tief unten herauf.
Max wird einfach in eine Wand hineingeschoben.
Er steht schon mit dem Gesicht gegen die Wand.
Es war eine kurze dicke Verbindungsmauer zwischen zwei Häuserblocks,
zwischen der Delikateßwarenhandlung Andreas Gräulich und einer
Sargfabrik, gegründet 1860, Grieneisen.
Max bemerkt:
Die Ziegelsteinmauer war nur notdürftig verputzt, überall Sprünge,
Risse, faustgroße Löcher.
„Armes Kind, ganz pockennarbig ...“
„Aha“, ergänzt und kommentiert er sich selbst: „der Irrsinn.“
* * * * *
Das Gas hängt bleischwer in ihm.
Der Boden an dieser Stelle scheint ihm wieder abgrundtief und sehr
schlüpfrig. Viel Geplätscher ist unten, Wellengeplätscher, wie Ozean ...
Er befürchtet im letzten Moment noch auszurutschen.
Da spürt er plötzlich ganz deutlich in der Kehle, daß er schreien müsse.
Es war ein langgezogener strangulierender, messerscharf schneidender
Halsschmerz.
Schreien, nichts als schreien –
Schreit:
„Sowjet-Deutschland entgegen!“
Dabei schwitzt er, daß es nur so an ihm herunterläuft.
Neigt sich noch ein wenig vornüber.
Berührt leicht mit der Stirn die Wand.
Er verliert sein Gesicht. Das Gesicht schmilzt.
Der Boden unter ihm rollt wie Wellen ...
Und –
Mit einem jähen Ruck schnellt er sich plötzlich um sich herum ...
– – –
Die Salve knallte. –
* * * * *
Den Roten Entseuchungskommandos gelang es erst im Verlauf einiger
Monate, den Gassumpf, in den die Regierungsflieger die Hauptstadt
verwandelt hatten, trockenzulegen.
Quellennachweis
I.
Vom proletarischen Klassenstandpunkt aus
Aus den mit * bezeichneten Werken wurde teils wörtlich, teils dem Sinn
gemäß zitiert.
_Lenin_: Ausgewählte Werke. Der Kampf um die Soziale Revolution. Verlag
für Literatur und Politik.
_Stalin_: Lenin und der Leninismus. Verlag für Literatur und Politik.
*_Sinowjew_: Der Krieg und die Krise des Sozialismus. Verlag für
Literatur und Politik.
_Engels_: Militärpolitische Aufsätze.
*_Fischmann_: Der Gaskrieg.
– Der Gaskrieg. Eine Flugschrift über den chemischen Krieg für
Industriearbeiter.
– Die Chemie im Krieg und in der Landwirtschaft. Flugschrift für
Kleinbauern und Landarbeiter.
_F. Meister:_ Internationales Finanzkapital und europäische Vertrustung.
„Die Internationale.“ Zeitschrift für Praxis und Theorie des Marxismus.
Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten. Berlin SW 61. „Die größten
chemischen Werke Deutschlands, schon bisher in Interessengemeinschaft
verbunden, haben sich in der I. G. Farbenindustrie-A.-G. zu einer
einheitlichen Firma mit einem Aktienkapital von 652 Millionen Mark
zusammengeschlossen. Dieser neue Trust ist außerdem im Besitz der Aktien
der Firma Cassella (Frankfurt a. M.) und Kalle (Biebrich), deren Kapital
weitere 70 Millionen Mark beträgt. Wie um das _militärische_ Moment
dieser Kapitalsgruppe zu unterstreichen, hat der Trust den Hauptteil der
für die Munitionsindustrie unentbehrlichen Kunstseidenindustrie an sich
gerissen und baut neue Fabrikationsmethoden aus, so daß er etwa 75
Prozent dieser Industrie in Deutschland beherrscht. Der übrige Teil der
deutschen Kunstseidenproduktion wird charakteristischerweise von der
sogenannten Pulver- und Sprengstoffgruppe kontrolliert.“
_Baumann_: Das Rhein-Problem. Arbeiterliteratur.
*_Erkner_: Artikel in der „Internationale“. Vereinigung Internationaler
Verlagsanstalten.
_Georg_: ebendort.
*_Rolf_: sämtliche Artikel in der Kriegsbeilage der „Roten Fahne“ und in
der „Neuen Zeitung“.
II.
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Nachtrag
Bei Abschluß der Korrekturen erhalten wir die Nachricht von einem
Gaskampfreglement, wie es in der amerikanischen Armee bei der Bekämpfung
des „Mobs“ in Anwendung gebracht werden soll. („Anwendung von chemischen
Kampfstoffen in der Heimat“.) Der „Mob“ wird in verschiedene Stufen nach
seinem Kampfwert eingeteilt. („Mob I: Männer bewaffnet. Mob II: Männer
unbewaffnet. Mob III: Männer, Frauen, Kinder gemischt.“) Diesen
verschiedenen Wertigkeitsgraden entsprechen die verschiedenen chemischen
Kampfstoffe, Gaskonzentration, Gasmischungen, mit denen gegen den „Mob“
vorgegangen wird. („Gegen Mob I: Giftgas. Gegen Mob II: Reiz- und
Tränengase, „Feld-Konzentration“. Gegen Mob III: Reiz- und Tränengase,
lediglich nur zur Panikerzeugung.“) Auch die Verwendung von Gas in
Verbindung mit Flugzeugen gegen den „Mob“ ist vorgesehen. („Sprengung.“)
Daß man unter „Mob“ die streikende und demonstrierende Arbeiterschaft
versteht, ist selbstverständlich. („Mit Gas kann man um die Ecke
schießen!“) Dieses Kampfreglement ist für uns ein wertvolles Dokument
der zynischen Sachlichkeit der amerikanischen Zivilisationsbarbarei und
zugleich auch ein einwandfreier Beleg für manche Stellen in unserem
Buch, die den naiven Leser vielleicht noch „utopisch“ anmuten. Der Titel
des amerikanischen Kampfreglements ist: „Instruction Book, Chemical
Warfare Service, U. S. Army“. Und zu beziehen durch: Supt. of Public
Documents, Govt. Printing Office, Washington, D. C. America.
Inhaltsverzeichnis
Seite
Einleitung 5
1. „Deutschland über alles ...!“ 11
Episode aus den Novembertagen 1918. – „Deutschland
über alles ...!“ – „Lazarettpoesie.“ – Den
Veranstaltern patriotischer Heldengedenkfeiern
gewidmet. – Heilige Familie. – Das Trio. –
Menschen-Dreck. – Götter stürzen. – „Geh
Deinen Weg!“ –
2. Die Erde platzt! 53
Schlagwetterkatastrophe auf Zeche „Königin Luise“.
– Die „Majestät des Todes“. – „Was tut not!?“
– „Lieber im Feuer der Revolution verbrennen
als –“. –
3. „Friede auf Erden –“ 73
Max Herse, ein junger Arbeiter, besucht eine
sozialdemokratische Versammlung. – Die
Befriedung der Welt ist da. Der Weltfrieden
scheint gesichert. Deutschland: die
Industriewerkstatt der Welt! – Zeitungsleser
im Café. Unheimliche Nachrichten. – Einiges
vom Studenten Peter Friedjung. – Max Herse und
seine Kollegen auf dem Heimweg. –
Klebekolonnen bei der Arbeit. – Schlafende
Menschen. – „Friede auf Erden.“ –
4. Nur ein Traum 119
Nur ein Traum ... – „Die neue Sintflut kommt von
oben und als Gift.“ – Liebe Erinnerungen. –
Der 21. April 1915: ein Wendepunkt in der
Kriegsgeschichte. Die Deutschen blasen in
Flandern, Frontabschnitt Bixschote-Langemarck,
gegen englische Stellungen Gas ab. –
Gasschießen, Gaswerfen. Eine Gastaktik
entwickelt sich. – Doch alles in allem: es
bleibt beim Experiment. (Diesmal noch.) – Und:
was gewesen ist, ist gewesen. Keiner denkt
mehr daran. –
5. Die Kriegsdebatte im amerikanischen Offiziersklub 155
Abkommandiert zum Gas-Dienst – Ein Kamerad von den
Luftstreitkräften. – Die Kriegsdebatte im
amerikanischen Offiziersklub. – Einige
wichtige Ergänzungspunkte zum Kampf gegen den
imperialistischen Krieg. – Der Völkerbund
organisiert den Vernichtungskampf gegen die
Kommunisten im Weltmaßstab. „Vertilgt die
Kommunisten wie Ratten!“ – Mary Green auf dem
elektrischen Hinrichtungsstuhl. –
Generalstreik in USA. – Eine rote Zelle in der
amerikanischen Armee. GBRO: Geheim-Bund
revolutionärer Offiziere. – Es kann beginnen!
–
6. Der erste Mai 201
Ein Brief. – Sonne über Schweizer Bergen. – „Gebt
uns eine Partei!“ – Kommunisten. – Der erste
Mai: ein Weltkampftag. – Aufmarsch der
Vaterländischen Verbände. – Rote
Gegendemonstration. – Provokateure an der
Arbeit. – Ein Blut-Bad. – Am Abend des ersten
Mai. –
7. Vom einzig gerechten Krieg 257
Das „Neue Leben“. – Wie es im Himmel aussieht! Und
auf Erden ... – Gespensterlandschaft. – Vom
einzig gerechten Krieg. – Im Anfang war die
Arbeit. – Fleisch, Blut, Knochen. – Denen, die
in Ketten träumen! – Roter Marsch. – Gesang
der Welteroberer. –
8. Sowjet-Europa entgegen! 301
Prinzipielle Vorbemerkung zum letzten Kapitel. –
Kolonialwirren. – Die Kriegsgaswolke am
Horizont. – Arbeiter bewaffnen sich. – Was
bedeutet (CHCl=CH)3As? – Die
Farbstoff-Fabriken rebellieren. – Das
chemische Kampfstoffarsenal der USA. Edgewood.
– Der Sturm bricht los! – Der Kern der Sache.
– Abgefangene Radios aus Amerika. –
Nachrichten aus aller Welt. – Japans
werktätige Massen brechen ihr Sklavenjoch. –
Sowjet-Rußland marschiert. – Unsterbliche
Opfer. – Sowjet-Europa entgegen! –
Quellen-Nachweis 359
Nachtrag 370
Von Johannes R. Becher
sind bisher erschienen:
Der Leichnam auf dem Thron
oder
Schlagt dem Krieg den Schädel ein
Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten Berlin 1925 (von der
Oberstaatsanwaltschaft wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“
beschlagnahmt)
Der Bankier reitet
über das Schlachtfeld
Erzählung
Soeben erschienen im Agis-Verlag Wien
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 23]:
... ganz zu deinem Vorteil.“ ...
... ganz zu seinem Vorteil.“ ...
[S. 85]:
... Schwefel, Asa födita, Menschenkot, Menschenblut usw., das ...
... Schwefel, Asa foetida, Menschenkot, Menschenblut usw., das ...
[S. 164]:
... über der diese Menschenmasse wogte, waren unterhöhlt, ...
... über denen diese Menschenmasse wogte, waren unterhöhlt, ...
[S. 169]:
... würden, ob das hier Gehörte auch nicht für ihr Fach ...
... würden, ob das hier Gehörte auch nicht für Ihr Fach ...
[S. 223]:
... gesammengehauen worden. Tote. Viele Verletzte ... ...
... zusammengehauen worden. Tote. Viele Verletzte ... ...
[S. 260]:
... Pfaffen auf Arbermassacres abgerichtet. ...
... Pfaffen auf Arbeitermasscacres abgerichtet. ...
[S. 278]:
... eingerichtet, Bücher in Schweinslederbänden, in Safran, ...
... eingerichtet, Bücher in Schweinslederbänden, in Saffian, ...
[S. 296]:
... für den Revolutionär, wenn es schon sein muß, daß aus ...
... für den Revolutionär, wenn es schon sein muß, das aus ...
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK (CHCL=CH)3AS (LEVISITE); ODER, DER EINZIG GERECHTE KRIEG ***
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