The Project Gutenberg eBook of Das rote Zimmer
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Title: Das rote Zimmer
Author: August Strindberg
Translator: Else von Hollander
Release date: July 18, 2026 [eBook #79123]
Language: German
Original publication: Berlin: Hyperionverlag, 1919
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/79123
Credits: Peter Becker and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive)
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ROTE ZIMMER ***
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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion
des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind
stillschweigend korrigiert worden.
Um die Übersicht zu verbessern, sind die Verlagswerbung und der
Buchdeckel an das Ende des Textes verschoben worden.
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August Strindberg
Das Rote Zimmer
Roman
*
1919
Hyperionverlag / Berlin
Deutsch von Else von Hollander
Das Rote Zimmer
+_Rien n'est si désagréable
que d'être pendu obscurément_+
+_~Voltaire~_+
Erstes Kapitel
Stockholm aus der Vogelschau
Es war ein Abend Anfang Mai. Der kleine Park auf Mosebacke war für
das Publikum noch nicht geöffnet, und die Beete waren noch nicht
umgegraben; die Schneeglöckchen hatten sich durch die Laubansammlungen
des Vorjahres hindurchgearbeitet und waren gerade im Begriff, ihre
kurze Laufbahn abzuschließen, um den empfindlicheren Krokus Platz zu
machen, die unter einem unfruchtbaren Birnbaum Schutz gesucht hatten;
der Flieder wartete auf südliche Winde, um aufzublühen, aber die Linden
boten den Buchfinken, die ihre mit Flechten bekleideten Nester zwischen
Stamm und Ast zu bauen begonnen hatten, in ihren unaufgesprungenen
Knospen noch Liebesdecken; noch hatte kein menschlicher Fuß die
Kieswege betreten, seit der Schnee des letzten Winters verschwunden
war, daher führten Tiere und Blumen ein sorgloses Leben in diesem Park.
Die Spatzen sammelten allen möglichen Plunder, den sie dann unter den
Dachpfannen der Navigationsschule versteckten; sie schleppten sich
mit Stücken von den Raketenhülsen vom letzten Herbstfeuerwerk, sie
lasen Strohhalme von den jungen Bäumen, die im Jahre vorher aus der
Baumschule in Rosendal gekommen waren und -- sie sahen alles! Sie
entdeckten Mullfetzen in Lauben und holten auch wohl zwischen den
Splittern eines Bankfußes Haarbüschel von Hunden hervor, die sich seit
dem Josephinentage im vorigen Jahr nicht mehr hier gebalgt hatten. Das
war ein Leben!
Die Sonne aber stand über Liljeholm und schoß ganze Strahlenbündel gen
Osten; sie drangen durch die Rauchwolken von Bergsund, sie eilten über
den Ritterfjord, kletterten zum Kreuz der Riddarholmskirche hinauf,
warfen sich auf das steile Dach der Deutschen Kirche, spielten mit
den Wimpeln der Boote an der Schiffsbrücke, illuminierten die Fenster
im Zollgebäude, beleuchteten die Wälder von Lidingö und verschwammen
in einer rosenfarbenen Wolke, weit weit in der Ferne, wo das Meer
liegt. Und von dort kam der Wind und machte denselben Weg zurück über
Vaxholm, vorbei an der Festung, vorbei am Zollamt, bis zur Siklainsel,
drang in Hästholm ein und sah sich die Sommerfrischen an; kam wieder
heraus, eilte weiter und gelangte nach Danvik, entsetzte sich und
stürmte davon, am Südstrande entlang, spürte den Geruch von Kohle,
Teer und Tran, prallte gegen den Stadthofkai, stürzte nach Mosebacke
hinauf, in den Park und fuhr gegen eine Wand. Im selben Augenblick
wurde die Wand aufgetan von einem Mädchen, das eben die Verkittung der
Doppelfenster entfernt hatte; ein entsetzlicher Geruch von Bratfett,
Bierresten, Tannenzweigen und Sägespänen drang heraus und wurde vom
Winde weit fortgeführt, der jetzt, während die Köchin die frische Luft
durch die Nase einzog, die Fensterwatte erfaßte, die mit Flimmer und
Berberitzenbeeren und Heckenrosenblättern bestreut war und nun auf den
Wegen des Gartens einen Rundtanz begann, an dem bald die Spatzen und
Buchfinken teilnahmen, da sie nun ihre Wohnungssorgen zum größten Teil
beseitigt sahen.
Unterdes setzte die Köchin ihre Arbeit an den Doppelfenstern fort,
und nach wenigen Minuten war die Tür von der Kneipe nach der Veranda
geöffnet, und in den Garten trat ein junger Herr, einfach aber vornehm
gekleidet. Sein Gesicht hatte nichts Ungewöhnliches, aber in seinen
Blicken lag etwas Besorgtes und Unruhiges, das allerdings verschwand,
als er aus dem engen Wirtshauszimmer herauskam und den freien Horizont
vor sich hatte. Er wandte sich nach der Windseite, knöpfte den
Überzieher auf und holte ein paarmal tief Luft, was seinen Brustkorb
und sein Gemüt zu erleichtern schien. Dann begann er an dem Geländer
auf und ab zu gehen, das den Garten von dem steilen Seeufer trennte.
Tief unter ihm lärmte die eben erwachte Stadt; die Dampfkrane unten
im Hafen schnurrten, die Eisenstangen in der Eisenwage rasselten,
die Pfeifen der Schleusenwärter schrillten, die Dampfer an der
Schiffsbrücke rauchten, die Omnibusse polterten klappernd über das
holprige Pflaster; Lärm und Rufen auf dem Fischmarkt, draußen auf dem
Strom flatternde Segel und Fahnen, Geschrei der Möwen, Hornsignale von
Skeppsholm, das Herausrufen der Wache vom Södermalmsmarkt, klappernde
Holzpantoffel der Arbeiter in der Glasfabrikstraße, -- das alles machte
einen Eindruck von Leben und Betriebsamkeit, der die Energie des
jungen Mannes zu wecken schien, denn jetzt hatte sein Gesicht einen
Ausdruck von Trotz und Lebenslust und Entschlossenheit angenommen, und
als er sich über das Geländer beugte und auf die Stadt zu seinen Füßen
niederblickte, war es, als betrachte er einen Feind; seine Nasenflügel
weiteten sich, seine Augen flammten, und er hob die geballte Hand, als
wolle er die arme Stadt herausfordern oder ihr drohen.
Jetzt läutete es sieben von Katrina, und Maria sekundierte mit ihrem
milzsüchtigen Diskant, und die Große Kirche und die Deutsche fielen mit
ihren Bässen ein, und die ganze Luft hallte bald von allen Abendglocken
der Stadt; aber als eine nach der andern verstummte, hörte man noch
weit in der Ferne die letzte ihr friedvolles Abendlied singen; sie
hatte einen höheren Ton, einen reineren Klang und ein rascheres
Tempo als die andern -- das hat sie wirklich! Er lauschte und suchte
festzustellen, woher der Klang kam, denn er schien Erinnerungen in
ihm zu wecken. Da wurden seine Mienen weich, und sein Gesicht drückte
den Schmerz aus, den ein Kind empfindet, wenn es sich allein gelassen
sieht. Und er war allein, denn sein Vater und seine Mutter lagen auf
dem Klarakirchhof, von wo man noch die Glocke hörte, und er war ein
Kind, denn er glaubte noch an alles, an wahre Dinge wie an Märchen.
Die Glocke von Sankta Klara verstummte, und er wurde durch das Geräusch
von Schritten auf dem Kiesweg aus seinen Gedanken gerissen. Auf ihn zu
kam von der Veranda her ein kleiner Mann mit großem Backenbart und
einer Brille, die mehr die Blicke als die Augen schützen zu sollen
schien, mit einem boshaften Munde, der gern einen freundlichen, ja
sogar gutmütigen Ausdruck annahm, einem eingebeulten Hut, einem
sauberen Überzieher mit defekten Knöpfen, auf Halbmast gehißten Hosen
und einem Gang, der Sicherheit und Scheu zugleich andeutete. Sein
Äußeres war so unbestimmt, daß man unmöglich seine gesellschaftliche
Stellung oder sein Alter danach abzuschätzen vermochte. Man konnte
ihn ebensogut für einen Handwerker wie für einen Beamten halten, und
er schien zwischen neunundzwanzig und fünfundvierzig Jahren zu sein.
Jetzt schien er sich jedoch von der Gesellschaft des Herrn, dem er
entgegenging, geschmeichelt zu fühlen, denn er zog ungewöhnlich rief
den verbogenen Hut und steckte sein gutmütigstes Lächeln auf.
»Sie haben doch nicht gewartet, Herr Assessor?«
»Nicht einen Augenblick. Eben hat die Uhr sieben geschlagen. Ich
danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, denn ich muß gestehen, daß diese
Zusammenkunft von größter Wichtigkeit für mich ist; es gilt sozusagen
meine Zukunft, Herr Struve.«
»Kreuzdonnerwetter!«
Herr Struve blinzelte mit den Augenlidern, denn er hatte sich nur auf
einen Grogabend gefaßt gemacht und hatte -- aus guten Gründen -- wenig
Lust zu einer ernsten Unterhaltung.
»Damit wir besser miteinander reden können,« fuhr der Assessor fort,
»wollen wir uns hier draußen hinsetzen, wenn Sie nichts dagegen haben,
und einen Grog trinken.«
Herr Struve zupfte an dem rechten Bartzipfel, drückte vorsichtig den
Hut auf den Kopf und dankte für die Einladung, blieb aber unruhig.
»Erstens muß ich Sie bitten, mich nicht mehr Assessor zu titulieren,«
begann der junge Herr das Gespräch, »denn das bin ich nie gewesen; ich
war nur außerordentlicher Hilfsarbeiter, und das hat mit heute ein
Ende; ich bin nur noch Herr Falk.«
»Was sagen Sie?«
Herr Struve sah aus, als habe er eine vornehme Bekanntschaft eingebüßt,
blieb aber bei guter Laune.
»Sie sind doch ein Mann mit liberalen Ideen ...«
Herr Struve versuchte zu Wort zu kommen, um eine längere Rede zu
halten, aber Falk fuhr fort:
»Ich habe Sie um eine Unterredung gebeten in Ihrer Eigenschaft als
Mitarbeiter des freisinnigen ›Rotkäppchens‹.«
»Aber um Gottes willen, ich bin ein so unbedeutender Mitarbeiter ...«
»Ich habe Ihre donnernden Artikel in der Arbeiterfrage und in allen
andern Fragen gelesen, die uns am Herzen liegen. Wir sind jetzt
im Jahre +III+, mit römischen Ziffern, denn jetzt tritt die
neue Volksvertretung im dritten Jahre zusammen, und wir werden bald
unsere Hoffnungen verwirklicht sehen. Ich habe im ›Bauernfreund‹ Ihre
vortrefflichen Biographien der führenden Politiker gelesen, dieser
Männer aus dem Volke, die endlich vorbringen dürfen, was ihnen so lange
schwer auf der Seele gelegen hat; Sie sind ein Mann des Fortschritts,
und ich schätze Sie sehr!«
Struve, dessen Blick bei der feurigen Rede erloschen war, statt sich zu
beleben, machte sich die blitzableitende Äußerung zunutze und ergriff
mit Eifer das Wort.
»Ich muß gestehen, es ist mir eine wirkliche Freude, von einem jungen
und -- das darf ich wohl sagen -- hervorragenden Manne, wie Sie es
sind, Herr Assessor, eine Anerkennung zu hören, anderseits aber, warum
wollen wir über Dinge sprechen, die allzu ernster, um nicht zu sagen
trauriger Natur sind, wo wir hier draußen im Schoße der Natur sitzen,
heute, am ersten Frühlingstag, wo alles in Knospen steht und die Sonne
ihre Wärme in der ganzen Natur verbreitet; lassen Sie uns sorglos sein
und unser Glas in Frieden trinken. Verzeihung, aber ich glaube, ich bin
das ältere Semester -- und -- wage -- deshalb vielleicht vorzuschlagen
...«
Falk, der wie ein Feuerstein ausgegangen war, um Stahl zu suchen,
merkte, daß er in Holz gehauen hatte. Er nahm das Anerbieten ohne Wärme
an. Und da saßen nun die neuen Brüder und hatten sich nichts zu sagen
außer der Enttäuschung, die ihre Gesichter ausdrückten.
»Ich habe dir vorhin gesagt, Bruder,« nahm Falk das Gespräch wieder
auf, »daß ich heute mit meinem bisherigen Leben gebrochen und die
Beamtenkarriere aufgegeben habe; nun will ich nur noch hinzufügen, daß
ich Schriftsteller zu werden gedenke!«
»Schriftsteller! O Himmel, warum denn? Das ist doch ein Jammer!«
»Das ist kein Jammer! Aber nun möchte ich dich fragen, ob du weißt,
wohin ich mich wenden kann, um Arbeit zu bekommen?«
»Hm, das ist wirklich schwer zu sagen. Es strömen von allen Seiten
so viele Leute herzu. Diesen Gedanken solltest du aufgeben. Es ist
wirklich ein Jammer, daß du deine Laufbahn abbrechen willst; die
Schriftstellerkarriere ist dornenvoll!«
Struve sah aus, als empfinde er Bedauern, konnte aber doch eine gewisse
Befriedigung, einen Unglücksgefährten zu bekommen, nicht verbergen.
»Aber«, fuhr er fort, »sage mir doch den Grund, warum du eine Laufbahn
aufgibst, die Ehren und Macht bringt.«
»Ehre den Leuten, die sich die Macht anmaßen, und Macht den
Rücksichtslosen.«
»Ach, du redest! So gefährlich ist es doch nicht!«
»Nicht? Nun, dann lassen wir das. Ich will dir nur ein Interieur
von einem der sechs Ämter geben, denen ich zugeteilt war. Die fünf
ersten habe ich sofort verlassen, aus dem einfachen Grunde, weil keine
Arbeit da war. Jedesmal, wenn ich hinaufkam und fragte, ob etwas zu
tun sei, war die Antwort: Nein! Und ich habe auch niemanden etwas tun
sehen. Dabei war ich in so einflußreichen Ämtern, wie dem Kollegium
für Spiritusfabrikation, der Steuereinschätzungskommission und der
Generaldirektion für Beamtenpensionen. Als ich aber diese Unmengen von
Beamten sah, die durcheinander wimmelten, kam mir der Gedanke: das Amt,
das alle diese Gehälter auszuzahlen hat, müsse doch etwas zu tun haben.
Folglich ließ ich mich zum Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter
versetzen ...«
»In dem Amt bist du gewesen?« fragte Struve, dessen Interesse zu
erwachen begann.
»Ja. Ich kann nie den großen Eindruck vergessen, den dies umfangreiche
und gut organisierte Amt auf mich machte, als ich dort eintrat. Ich
ging um elf Uhr vormittags hin, weil das Amt um diese Zeit geöffnet
wird. Im Amtsdienerzimmer lagen zwei junge Amtsdiener über einem Tisch
und lasen das ›Vaterland‹.«
»Das Vaterland?«
Struve, der bisher den Spatzen Zucker hingeworfen hatte, begann die
Ohren zu spitzen.
»Ja. Ich sagte Guten Morgen. Eine schwache, schlangenartige Bewegung
der Rücken der beiden Herren deutete an, daß mein Gruß ohne
ausgesprochenen Unwillen aufgenommen wurde; der eine machte sogar
eine Bewegung mit dem rechten Stiefelabsatz, die einen Händedruck
bedeuten mochte. Ich fragte, ob einer der Herren frei sei und mir die
Räume zeigen könne. Sie erklärten, sie seien verhindert; sie hätten
Order, das Amtsdienerzimmer nicht zu verlassen. Ich fragte, ob weiter
keine Amtsdiener da seien. Doch, es seien noch andere da. Aber der
Oberamtsdiener habe Ferien, der erste Diener sei auf Urlaub, der zweite
sei dienstfrei, der dritte sei zur Post, der vierte krank, der fünfte
hole Trinkwasser, der sechste sei auf dem Hof. ›Und da sitzt er den
ganzen Tag; im übrigen pflegt kein Beamter vor ein Uhr zu kommen.‹ Das
war ein Wink für mich, wie unpassend mein früher, störender Besuch war,
und eine Anspielung darauf, daß die Amtsdiener auch Beamte seien.
Nachdem ich jedoch erklärt hatte, daß ich fest entschlossen sei, die
Räume zu besichtigen, um dadurch einen Begriff von der Verteilung der
Arbeit in einem so einflußreichen und großen Amt zu bekommen, ließ
sich der Jüngere von den beiden herbei, mich zu begleiten. Es war ein
großartiger Anblick, der sich mir bot, als er die Tür öffnete und
eine Flucht von sechzehn Zimmern, größeren und kleineren, vor meinen
Blicken lag. Hier muß es doch Arbeit geben, dachte ich, und hatte das
Gefühl, eine glückliche Idee gehabt zu haben. Das Prasseln von sechzehn
Birkenholzfeuern, die in sechzehn Kachelöfen flammten, unterbrach sehr
angenehm die Stille der Zimmer.«
Struve, der immer aufmerksamer zugehört harte, suchte jetzt zwischen
Oberstoff und Futter der Weste einen Bleistift hervor und schrieb 16
auf seine linke Manschette.
»›Dies sind die Zimmer der Hilfsbeamten,‹ erklärte der Diener.
›Ach so! Sind denn viele Hilfsbeamte hier?‹ fragte ich.
›O ja, es reicht aus!‹
›Was machen sie denn?‹
›Sie schreiben natürlich, ein bißchen ...‹ -- Hierbei sah er so
vertrauensvoll aus, daß ich es für geraten hielt, ihn zu unterbrechen.
Nachdem wir die Zimmer der Kopisten, der Sekretäre, der Kanzlisten,
des Revisors und des Revisionssekretärs, des Kontrolleurs und des
Kontrollsekretärs, des Staatsanwalts, des Kammerverwesers, des
Archivars und des Bibliothekars, des Kämmerers, des Kassierers, des
Syndikus, des Obersekretärs, des Protokollsekretärs, des Aktuars,
des Registrators, des Expeditionssekretärs, des Bürochefs und des
Expeditionschefs durchwandert hatten, blieben wir schließlich vor
einer Tür stehen, auf der mit vergoldeten Buchstaben geschrieben
stand: Präsident. Ich wollte die Tür öffnen und eintreten, wurde aber
ehrerbietig von dem Diener gehindert, der in wirklicher Unruhe meinen
Arm faßte und ›Still!‹ flüsterte. -- ›Schläft er?‹ konnte ich in dem
Gedanken an ein altes Gerücht nicht unterlassen zu fragen. ›Um Gottes
willen, sagen Sie nichts; hier darf niemand eintreten, bevor der
Präsident klingelt.‹ -- ›Klingelt der Präsident denn oft?‹ -- ›Nein,
ich habe ihn in dem Jahr, seit ich hier bin, nicht klingeln hören.‹
-- Wir schienen wieder auf das vertrauliche Gebiet zu kommen, deshalb
brach ich ab.
Als die Uhr bald zwölf war, stellten sich nach und nach die
Hilfsbeamten ein, und ich war sehr überrascht, in ihnen lauter
alte Bekannte aus der Generaldirektion für Beamtenpensionen
und dem Ausschuß für Spiritusfabrikation zu finden. Aber meine
Überraschung wurde noch größer, als ich den Kammerverweser von der
Steuereinschätzungskommission hereinspazieren, sich in das Zimmer und
auf den Ledersessel des Aktuars setzen und es sich hier ebenso bequem
machen sah wie in dem andern Amt.
Ich nahm einen der jungen Herren beiseite und fragte ihn, ob es nicht
angebracht sei, hineinzugehen und dem Präsidenten meine Aufwartung zu
machen. ›Still!‹ war seine geheimnisvolle Antwort, indem er mich in das
achte Zimmer führte! Wieder dieses geheimnisvolle ›Still!‹
Das Zimmer, in dem wir uns jetzt befanden, war ebenso dunkel wie alle
andern, aber schmutziger. Roßhaarbüschel guckten aus dem zerrissenen
Leder der Möbel heraus; dicker Staub lag auf dem Schreibtisch, auf
dem ein ausgetrocknetes Tintenfaß stand; da lag auch eine unbenutzte
Siegellackstange, auf die der frühere Besitzer in anglosächsischen
Buchstaben seinen Namen gemalt hatte, eine Papierschere, deren
Scheren zusammengerostet waren, ein Datumzeiger, der auf Johanni vor
fünf Jahren stand, ein Staatskalender, der fünf Jahre alt war, und
ein Bogen Konzeptpapier, auf dem Julius Cäsar, Julius Cäsar, Julius
Cäsar mindestens hundertmal abwechselnd mit Vater Noah, Vater Noah
geschrieben stand.
›Dies ist das Zimmer des Archivars, hier sind wir ungestört‹, sagte
mein Begleiter.
›Kommt der Archivar denn nicht her?‹ fragte ich.
›Er ist seit fünf Jahren nicht hier gewesen, also jetzt wird er sich
wohl schämen, zu kommen.‹
›Ja, aber wer versieht denn seinen Dienst?‹
›Der Bibliothekar.‹
›Worin besteht denn seine Tätigkeit in einem Amt wie diesem Kollegium
für Auszahlung der Beamtengehälter?‹
›Sie besteht darin, daß die Amtsdiener die Quittungen sortieren,
chronologisch und alphabetisch, und sie zum Buchbinder schicken, worauf
der Bibliothekar ihre Aufstellung auf die dafür bestimmten Regale
überwacht.‹«
Struve schien jetzt Gefallen an der Unterhaltung zu finden und schrieb
dann und wann ein Wort auf seine Manschette; als Falk eine Pause
machte, glaubte er etwas Bedeutsames sagen zu müssen.
»Nun, aber wie hat denn der Archivar sein Gehalt bekommen?«
»Ja, das ist ihm nach Hause geschickt worden. Das war doch sehr
einfach. Jedenfalls gab mir mein junger Kollege den Rat, hineinzugehen,
dem Aktuar meine Reverenz zu machen und ihn zu bitten, mich den andern
Beamten vorzustellen, die jetzt allmählich eintrafen, um das Feuer
in ihren Öfen zu schüren und die letzten Strahlen der Kohlenglut
zu genießen. Der Aktuar sei eine sehr mächtige und auch gutherzige
Persönlichkeit, berichtete mein Freund, und sehr empfänglich für
Höflichkeit.
Nun hatte ich, der ich den Aktuar in seiner Eigenschaft als
Kammerverweser gekannt hatte, eine ganz andere Meinung von ihm; aber
ich glaubte meinem Kollegen und ging zu ihm.
In einem großen Lehnstuhl vor dem Kachelofen saß der Gefürchtete, die
Beine auf einem Renntierfell ausgestreckt. Er war sehr beschäftigt
damit, eine echte, in Handschuhleder eingenähte Meerschaumspitze
einzurauchen. Um nicht müßig zu sein, hatte er die Postzeitung vom
gestrigen Tage vorgenommen, die ihn über die Wünsche der Regierung
unterrichtete.
Bei meinem Eintritt, der ihn zu betrüben schien, schob er die Brille
hoch und legte sie auf den kahlen Schädel; das rechte Auge versteckte
er hinter dem Zeitungsrand, und mit dem linken schoß er eine Kugel auf
mich ab. Ich brachte mein Anliegen vor. Er nahm die Zigarrenspitze in
die rechte Hand und sah nach, ob es ›genützt hatte‹. Das entsetzliche
Schweigen, das nun entstand, bestätigte all meine Befürchtungen. Er
räusperte sich und spuckte, daß die Kohlenglut im Ofen laut aufzischte.
Dann fiel ihm die Zeitung ein, und er setzte seine Lektüre fort. Ich
meinte, mein Anliegen mit einigen Variationen wiederholen zu müssen.
Da hielt er nicht länger an sich. ›Was wollen Sie, Herr? Was haben Sie
in meinem Zimmer zu suchen, Herr? Kann ich in meinem eigenen Zimmer
nicht ungestört sein? Wie?! Hinaus, hinaus, hinaus, Herr! Sehen Sie
denn nicht, daß ich beschäftigt bin? Sprechen Sie mit dem Obersekretär,
wenn Sie irgend etwas wünschen! Nicht mit mir.‹ -- Ich ging zu dem
Obersekretär.
Dort tagte seit drei Wochen ein großer Materialausschuß. Der
Obersekretär hatte den Vorsitz, und drei Kanzlisten führten das
Protokoll. Die von den Lieferanten eingesandten Proben lagen auf den
Tischen verstreut, an denen alle nicht beschäftigten Kanzlisten,
Abschreiber und Sekretäre Platz genommen hatten. Man hatte, allerdings
mit großer Meinungsverschiedenheit, sich für zwei Ballen Lesseboer
Papier entschieden und nach wiederholtem Probeschneiden achtundvierzig
Scheren von dem preisgekrönten Fabrikat aus Graatorp (von welcher
Fabrik der Aktuar fünfundzwanzig Aktien besaß) bestellt; das
Probeschreiben mit den Stahlfedern hatte eine ganze Woche erfordert und
das Protokoll darüber zwei Ries Papier verschlungen; jetzt war man zu
den Federmessern gekommen, und das Kollegium war gerade dabei, sie auf
den schwarzen Tischplatten zu probieren.
›Ich schlage Sheffield Nr. 4 mit zwei Klingen, ohne Korkzieher, vor,‹
sagte der Obersekretär und hob einen Splitter aus der Tischplatte, so
groß, daß man ein Feuer damit hätte anzünden können. ›Was meinen Sie,
Herr Sekretär?‹
Dieser, der beim Probeschneiden zu tief geschnitten hatte und auf
einen Nagel gestoßen war, so daß ein Eskilstuna Nr. 2 mit drei Klingen
beschädigt wurde, schlug diese Marke vor.
Nachdem alle sich geäußert und ihre Ansichten unter Beifügung
praktischer Proben streng motiviert hatten, beschloß der Vorsitzende,
zwei Gros Sheffield zu bestellen.
Hiergegen protestierte der erste Sekretär in einer längeren Ausführung,
die zu Protokoll genommen, in zwei Exemplaren kopiert, registriert,
sortiert (alphabetisch und chronologisch), eingebunden und von dem
Diener unter Oberaufsicht des Bibliothekars auf ein geeignetes Regal
gestellt wurde. Dieser Protest war von warmem vaterländischen Gefühl
erfüllt und wollte in der Hauptsache darauf hinweisen, wie nötig es
sei, daß der Staat die einheimische Produktion fördere. Da hierin
aber eine Anklage gegen die Regierung lag, weil sich der Protest doch
gegen einen Beamten der Regierung richtete, mußte der Obersekretär
die Regierung in Schutz nehmen. Er begann mit einer Geschichte der
Entstehung des Manufakturwarendiskonts (bei dem Worte Diskont spitzten
alle außerordentlichen Hilfsarbeiter die Ohren) und gab einen Überblick
über die ökonomische Entwicklung des Landes in den letzten zwanzig
Jahren, wobei er sich so in die Einzelheiten vertiefte, daß die
Uhr in der Riddarholmkirche zwei schlug, ehe er zum Thema gekommen
war. Bei dem verhängnisvollen Glockenschlage sprangen alle Beamten
von ihren Plätzen auf, als sei Feuer ausgebrochen. Als ich einen
jungen Kollegen fragte, was das zu bedeuten habe, antwortete der
alte Sekretär, der meine Frage gehört hatte: ›Die erste Pflicht des
Beamten, mein Herr, ist, pünktlich zu sein, mein Herr!‹ Zwei Minuten
nach zwei war keine Menschenseele mehr in den vielen Zimmern! ›Morgen
haben wir einen heißen Tag,‹ flüsterte mir ein Kollege auf der Treppe
zu. ›Was um Gottes willen ist denn los?‹ fragte ich unruhig. ›Die
Bleistifte!‹ antwortete er. Und es gab heiße Tage! Siegellack, Kuverte,
Papiermesser, Löschpapier, Bindfaden. Aber das ging noch an, denn alle
hatten wenigstens Beschäftigung. Es kam aber ein Tag, da sie knapp
wurde. Da faßte ich mir ein Herz und bat, mir etwas zu tun zu geben.
Sie gaben mir sieben Ries Papier für häusliche Abschriften, durch
die ich mich verdient machen könne. Diese Arbeit führte ich in sehr
kurzer Zeit aus; aber statt Anerkennung zu finden und angespornt zu
werden, wurde ich mit Mißtrauen behandelt, denn man schätzte fleißige
Leute nicht. Später bekam ich überhaupt keine Arbeit mehr. Ich will
dir die qualvolle Beschreibung eines Jahres voller Demütigungen, voll
zahlloser Stiche, voll grenzenloser Bitterkeit ersparen. Alles, was mir
lächerlich und kleinlich vorkam, wurde mit feierlichem Ernst behandelt,
und alles, was ich als groß und rühmenswert schätzte, wurde in den
Staub gezogen. Das Volk nannte man Pack und vertrat den Standpunkt,
es sei eigens für die Garnison da, damit sie im Bedarfsfalle
daraufschießen könne. Man schmähte offenkundig die neue Staatsform und
nannte die Bauern Verräter.[1] Das hörte ich sieben Monate lang mit an;
man begann mir zu mißtrauen, da ich an dem Gelächter nicht teilnahm,
und forderte mich heraus. Als man das nächste Mal die Oppositionshunde
angriff, explodierte ich und hielt eine lange Rede mit dem Ergebnis,
daß die andern wußten, wie sie mit mir daran waren und daß ich
unmöglich wurde. Und jetzt mache ich es wie so viele Schiffbrüchige:
ich werfe mich der Literatur in die Arme!«
Struve, den der abgehackte Schluß nicht zu befriedigen schien, steckte
den Bleistift in die Tasche, trank seinen Grog aus und hatte eine
zerstreute Miene aufgesetzt. Er glaubte aber doch etwas sagen zu
müssen.
»Lieber Bruder, du bist noch unerfahren in der Lebenskunst; du wirst
sehen, wie schwer es ist, sein Brot zu verdienen, du wirst sehen, wie
das allmählich die Hauptsache im Leben wird. Man arbeitet, um Brot zu
bekommen, und man ißt sein Brot, um arbeiten zu können. Glaube mir, ich
habe Weib und Kind, und ich weiß, was das heißen will. Man muß sich den
Verhältnissen anpassen, siehst du. Man muß sich anpassen! Und du weißt
nicht, wie die Lage eines Schriftstellers ist. Der Schriftsteller steht
außerhalb der Gesellschaft!«
»Nun ja, das ist die Strafe dafür, daß er sich über die Gesellschaft
erheben will! Im übrigen verabscheue ich die Gesellschaft, denn sie
beruht nicht auf freier Übereinkunft, sie ist ein Gewebe von Lügen --
und ich gehe ihr mit Vergnügen aus dem Wege!«
»Es wird kalt,« bemerkte Struve.
»Ja, wollen wir gehen?«
»Vielleicht gehen wir.«
Die Flamme des Gesprächs war erloschen.
Unterdes war die Sonne untergegangen, der Halbmond hatte den Horizont
erklommen und stand jetzt über den Feldern im Norden der Stadt, hier
und da rang ein Stern mit dem Tageslicht, das noch oben am Himmel
verweilte; unten in der Stadt, die nun still zu werden begann, wurden
die Gaslaternen angezündet.
Falk und Struve wanderten zusammen in nördlicher Richtung und
plauderten über Handel, Schiffahrt, Gewerbe und alles mögliche, was sie
nicht interessierte, worauf sie sich unter gegenseitiger Erleichterung
trennten.
Während neue Gedanken in seinem Kopf keimten, ging Falk die Stromstraße
hinunter bis Skeppsholm. Er kam sich vor wie ein Vogel, der gegen
eine Fensterscheibe geflogen ist und nun geschlagen daliegt, gerade
als er die Schwingen zu heben glaubte, um direkt ins Freie hinaus zu
fliegen. Er setzte sich auf eine Bank am Strande und lauschte auf
das Wellengeplätscher; eine leichte Brise rauschte in den blühenden
Ahornen, und der Halbmond leuchtete mit schwachem Schein über dem
schwarzen Wasser; da lagen zwanzig, dreißig Boote am Kai vertäut,
rissen an ihren Ketten und streckten eins nach dem andern die Köpfe
empor, nur einen Augenblick, um dann wieder unterzutauchen; Wind und
Wellen schienen sie vorwärts zu jagen, und sie machten einen Anlauf
gegen die Brücke, wie eine Koppel gehetzter Hunde; aber die Kette riß
sie zurück, und dann stießen und stampften sie, als wollten sie sich
losreißen.
Hier blieb er bis Mitternacht sitzen; da schlummerte der Wind ein, die
Wellen gingen zur Ruhe, die gefangenen Boote rissen nicht mehr an ihren
Ketten, die Ahorne rauschten nicht mehr, und der Tau fiel.
Da stand er auf und wanderte träumend nach Hause in seine einsame
Dachkammer hinten auf Ladugaardsland.
Das tat der junge Falk; der alte Struve aber, der am selben Tage
in das konservative »Graumützchen« eingetreten war, nachdem das
»Rotkäppchen« ihn verabschiedet hatte, ging nach Hause und schrieb
für die berüchtigte »Volksfahne« einen Artikel »Über das Kollegium
für Auszahlung der Beamtengehälter«, vier Spalten, die Spalte zu fünf
Kronen.
[1] Diese Schilderung trifft jetzt nicht mehr zu, nachdem die
große Reorganisation der Ämter vorgenommen ist.
Zweites Kapitel
Unter Brüdern
Der Flachshändler Karl Nikolaus Falk, ein Bruder des früheren
außerordentlichen Hilfsarbeiters im Ministerium und jetzigen
Schriftstellers Arvid Falk und Sohn des verstorbenen Flachshändlers
Herrn Karl Johann Falk -- der zu den fünfzig Ältesten der Bürgerschaft
gehört hatte und Hauptmann der Bürgerwehr, Kirchenvorsteher und
Direktionsmitglied der Stockholmer Feuerversicherungsgesellschaft
gewesen war --, hatte sein Geschäft, oder wie seine Feinde es mit
Vorliebe nannten, seinen Laden, in der Österlangstraße, schräg
gegenüber der Ferkensgasse, so daß der Kommis, wenn er von seinem Roman
aufblickte, den er heimlich unter dem Ladentisch las, gelegentlich
ein Stück von einem Dampfer, ein Radgehäuse, einen Klüverbaum und
ähnliches, sowie einen Baumwipfel auf Skeppsholm und einen Streifen
Luft darüber sehen konnte. Der Kommis, der auf den nicht ungewöhnlichen
Namen Andersson hörte -- und er hatte hören gelernt --, hatte eben,
früh am Morgen, aufgemacht und eine Flachsknocke, eine Fisch- und eine
Aalreuse, ein Bündel Angelruten und ungesplissene Federn hinausgehängt;
darauf hatte er den Laden ausgefegt, hatte Sägespäne auf den Fußboden
gestreut und sich hinter dem Ladentisch niedergelassen, wo er aus
einer leeren Kerzenschachtel, von einer Hakenstange gehalten, eine Art
Mausefalle konstruiert hatte, in die sein Roman hinunterfallen konnte,
wenn der Prinzipal oder einer von dessen Bekannten den Laden betrat.
Etwaige Kunden schien er nicht zu befürchten, teils weil es früh am
Morgen war, teils weil er nicht an einen Überfluß in dieser Beziehung
gewöhnt war. Das Geschäft war zu Zeiten des seligen König Fredrik
gegründet worden -- Karl Nikolaus Falk hatte wie alles andere auch
diesen Ausdruck von seinem Vater geerbt, der ihn wiederum in direkt
absteigender Linie von seinem Großvater übernommen hatte -- es war
früher gut gegangen und hatte ein schönes Stück Geld abgeworfen, sogar
noch bis vor wenigen Jahren; da aber war das unglückselige Kammersystem
gekommen und hatte allem Handel ein Ende gemacht, alle Aussichten
zerstört, alle Unternehmungslust gehemmt und die Bürgerschaft mit dem
Untergang bedroht. So behauptete Falk; andere aber waren der Ansicht,
daß er sich nicht um das Geschäft kümmerte und daß ein gefährlicher
Konkurrent sich unten am Schleusenplatz niedergelassen hatte. Falk
sprach jedoch nicht unnötig von dem Verfall des Geschäfts und war
klug genug, Gelegenheit und Zuhörer sorgfältig zu wählen, wenn er
diese Saite anschlug. Wenn einer von seinen alten Geschäftsfreunden
in freundlicher Weise sein Erstaunen über den verminderten Verkehr
äußerte, sagte er, er habe sich auf den Großhandel in der Provinz
verlegt und benutze den Laden nur als Aushängeschild; und sie glaubten
ihm, denn er hatte hinter dem Laden ein kleines Kontor, in dem er sich
meistens aufhielt, wenn er nicht in der Stadt oder auf der Börse war.
Wenn jedoch seine Bekannten -- das war etwas anderes --, der Sekretär
und der Magister, dieselbe freundliche Besorgnis äußerten, dann hatten
die schlechten Zeiten, die von dem neuen Kammersystem herrührten, die
Stagnation hervorgerufen.
Jetzt aber war Andersson von ein paar Burschen gestört worden, die
in der Tür gefragt hatten, was die Angelruten kosteten, hatte dabei
auf die Straße hinaus gesehen und den jungen Herrn Arvid Falk zu
Gesicht bekommen. Da er sich das Buch gerade von ihm geliehen hatte,
konnte es liegen bleiben, wo es lag, und mit vertraulichem Ton und
einer Miene heimlichen Einverständnisses begrüßte er seinen früheren
Spielkameraden, als dieser den Laden betrat.
»Ist er oben?« fragte Falk mit einer gewissen Unruhe.
»Er ist beim Kaffeetrinken,« antwortete Andersson und deutete nach der
Decke. Im selben Augenblick hörten sie, wie gerade über ihren Köpfen
ein Stuhl gerückt wurde.
»Jetzt ist er vom Tisch aufgestanden, Herr Arvid.«
Sie schienen beide dies Geräusch und seine Bedeutung gut zu kennen.
Darauf hörte man ziemlich schwere, knarrende Schritte das Zimmer in
allen Richtungen durchkreuzen, und durch die Decke drang ein dumpfes
Gemurmel zu den lauschenden jungen Leuten hinunter.
»Ist er gestern abend zu Hause gewesen?« fragte Falk.
»Nein, er war aus.«
»Mit den Freunden oder den Bekannten?«
»Mit den Bekannten.«
»Und ist spät nach Hause gekommen?«
»Ziemlich spät.«
»Glauben Sie, Andersson, daß er bald herunterkommt? Ich möchte nicht
gern hinaufgehen, meiner Schwägerin wegen.«
»Er wird wohl bald hier sein, das höre ich am Schritt.«
Im selben Moment hörte man oben eine Tür zuschlagen, und unten wurde
ein bedeutungsvoller Blick gewechselt. Arvid machte eine Bewegung, als
wolle er gehen, aber dann ermannte er sich.
Nach einigen Sekunden hörte man Geräusch im Kontor. Ein böser Husten
erschütterte den kleinen Raum, und dann ertönten die bekannten
Schritte: stapf -- stapf, stapf -- stapf!
Arvid ging hinter den Ladentisch und klopfte an die Tür des Kontors.
»Herein!«
Er stand seinem Bruder gegenüber. Dieser sah wie ein Vierziger aus,
und er war es auch ungefähr, denn er war fünfzehn Jahre älter als der
Bruder und hatte sich deshalb, allerdings auch noch aus andern Gründen,
gewöhnt, ihn als einen Knaben zu betrachten, an dem er Vaterstelle
vertrat. Er hatte hellblondes Haar, einen blonden Schnurrbart, blonde
Augenbrauen und Wimpern. Er war ziemlich korpulent, daher konnte er
so gut mit den Stiefeln knarren, die unter der Last seiner stämmigen
Gestalt kreischten.
»Du bist es nur?« fragte er mit einem leichten Anflug von Wohlwollen
und Verachtung, Gefühlen, die bei ihm unzertrennlich waren, denn er
war nicht böse auf die, die in irgendeiner Hinsicht unter ihm standen,
gleichzeitig aber verachtete er sie. Indes er sah jetzt doch aus, als
sei er enttäuscht, denn er hatte ein dankbareres Objekt für seinen
Ausbruch erwartet, und der Bruder war eine bescheidene und schüchterne
Natur, die nie unnötig opponierte.
»Ich störe dich doch nicht, Karl?« fragte Arvid, der an der Tür stehen
geblieben war. Diese demütige Frage hatte die Wirkung, daß der Bruder
beschloß, seinem Wohlwollen Ausdruck zu geben. Er nahm selbst eine
Zigarre aus seinem großen, gestickten Lederetui und bot dann dem Bruder
aus einer Kiste an, die in der Nähe des Kamins ihren Platz gefunden
hatte, weil die Zigarren -- die »Besuchszigarren«, wie er sie offen
nannte, denn er war eine offene Natur -- einen Schiffbruch erlebt
hatten, was sie sehr interessant, wenn auch nicht besser machte, und
eine Strandauktion, wodurch sie sich sehr billig stellten.
»Nun, was hast du auf dem Herzen?« fragte Karl Nikolaus, indem er sich
seine Zigarre anzündete und darauf die Streichholzschachtel in die
Tasche steckte, -- aus Zerstreutheit, denn er konnte die Gedanken nur
auf einen Punkt konzentrieren, innerhalb eines Kreises, der nicht sehr
groß war; sein Schneider hätte auf den Zoll sagen können, wie groß,
wenn er seinen Leibesumfang maß.
»Ich möchte über unsere Geschäfte mit dir sprechen,« antwortete Arvid
und drehte seine unangezündete Zigarre zwischen den Fingern.
»Setz dich!« kommandierte der Bruder.
Es war immer seine Gewohnheit, die Leute aufzufordern, sich zu setzen,
wenn er sie sich vornehmen wollte, denn dann hatte er sie unter sich
und konnte sie leichter zerschmettern, -- falls es erforderlich war.
»Unsere Geschäfte? Haben wir Geschäfte miteinander?« begann er. »Davon
weiß ich nichts. Hast ~du~ Geschäfte?«
»Ich meinte nur, ich möchte wissen, ob ich noch etwas zu bekommen
habe.«
»Was sollte das sein, wenn ich fragen darf? Etwa Geld? He?« scherzte
Karl Nikolaus und ließ den Bruder den Duft der feinen Zigarre genießen.
Da er keine Antwort bekam, die er auch nicht haben wollte, mußte er
selber sprechen.
»Bekommen? Hast du nicht alles bekommen, was dir zusteht? Hast du nicht
selbst die Quittung vorm Vormundschaftsgericht unterschrieben? Habe
ich dich seitdem nicht ernährt und gekleidet, das heißt dir Vorschuß
gegeben? Denn diese Summen wirst du zurückzahlen, wenn du einmal dazu
imstande bist, deinem eigenen Wunsch entsprechend; ich habe alles
aufgeschrieben, um es zu haben für den Tag, da du selber dein Brot
verdienen kannst, und das hast du bisher noch nicht getan.«
»Das gerade möchte ich jetzt tun, und deshalb bin ich hergekommen, um
genau zu erfahren, ob ich noch etwas zu erwarten habe, oder ob ich
etwas schuldig bin.«
Der Bruder warf einen durchdringenden Blick auf sein Opfer, um zu
ergründen, ob dieses irgendwelche Hintergedanken habe. Dann begann er
mit seinen knarrenden Stiefeln den Fußboden in einer Diagonale zwischen
Spucknapf und Schirmständer zu durchmessen; die Berlocken bimmelten
an der Uhrkette, als wollten sie die Leute warnen, ihnen in den Weg
zu kommen, und der Tabaksrauch stieg empor und legte sich in langen,
drohenden Wolken, die ein Unwetter anzukündigen schienen, zwischen
Kachelofen und Tür. Er ging heftig auf und ab, mit gesenktem Kopf und
vorgeschobenen Schultern, als memoriere er eine Rolle. Als er sie zu
können glaubte, blieb er vor dem Bruder stehen und sah ihm gerade
in die Augen mit einem langen, meergrünen, falschen Blick, der wie
Vertrauen und Schmerz aussehen sollte; und mit einer Stimme, die klang,
als komme sie aus der Familiengruft auf dem Klarakirchhof, sagte er:
»Du bist nicht ehrlich, Arvid! Du bist nicht ehr--lich!«
Jeder Zuhörer, außer Andersson, der hinter der Ladentür stand und
lauschte, hätte sich rühren lassen von diesen Worten, die mit dem
tiefsten brüderlichen Schmerz ein Bruder dem Bruder sagte. Arvid
selbst, der von klein auf an den Glauben gewöhnt worden war, daß alle
andern Menschen vortrefflich seien, er selbst aber schlecht, überlegte
wirklich einen Augenblick, ob er ehrlich sei oder nicht, und da seine
Erzieher mit zweckdienlichen Mitteln ein höchst empfindliches Gewissen
in ihm großgezogen hatten, konstatierte er, daß er nicht sehr ehrlich
oder zum mindesten nicht sehr offen gewesen war, als er soeben in
ziemlich verschleierter Weise an den Bruder die Frage gestellt hatte,
ob er ein Schurke sei.
»Ich bin zu der Ansicht gekommen,« sagte er, »daß du mich um einen
Teil meines Erbes betrogen hast; ich habe mir ausgerechnet, daß du die
schlechte Beköstigung und deine abgelegten Kleider zu hoch bewertet
hast; ich weiß, daß mein Vermögen nicht für meine schrecklichen Studien
draufgegangen sein kann, und ich glaube, daß du mir eine recht große
Summe schuldest, die ich jetzt brauche und die ich jetzt -- ausbezahlt
haben möchte!«
Ein Lächeln erhellte das blonde Gesicht des Bruders, und mit einer so
ruhigen Miene und einer so sicheren Geste, als habe er sie jahrelang
einstudiert, um in Aktion treten zu können, sobald das Stichwort fiel,
steckte er die Hand in die Hosentasche, schüttelte das Schlüsselbund,
bevor er es herausholte, ließ es in der Luft eine Volte machen und trat
voll Andacht an den Geldschrank. Er schloß ihn schneller auf, als seine
Absicht war und als die Heiligkeit des Ortes vielleicht gestattete,
holte ein Papier heraus, das ebenfalls bereit gelegen und auf das
Stichwort gewartet hatte, und reichte es dem Bruder.
»Hast du dies geschrieben? -- Antworte! Hast du dies geschrieben?«
»Ja!«
Arvid erhob sich, um zu gehen.
»Nein, setz dich! -- setz dich! Setz dich!«
Wenn ein Hund im Zimmer gewesen wäre, würde er sich sofort gesetzt
haben.
»Nun, was steht da? Lies! -- Ich, Arvid Falk, bestätige und bezeuge,
-- daß -- ich -- von -- meinem Bruder, dem mir vom Gericht bestimmten
Vormund -- Karl Nikolaus Falk -- mein Erbe vollständig ausgezahlt
bekommen habe, -- in Höhe von usw.«
Er schämte sich, die Summe zu nennen.
»Du hast also eine Sache bestätigt und bezeugt, an die du nicht
geglaubt hast! Ich darf wohl fragen: ist das ehrlich? Nein, antworte
auf meine Frage! Ist das ehrlich? Nein! Ergo hast du ein falsches
Zeugnis abgelegt. Du bist also ein Schuft! Ja, das bist du! Habe ich
nicht recht?«
Die Szene war zu dankbar und der Triumph zu groß, um ohne Publikum
genossen werden zu können. Der unschuldig Angeklagte mußte Zeugen
haben; er machte die Tür zum Laden auf.
»Andersson!« rief er. »Beantworten Sie mir eine Frage: hören Sie genau
zu! Wenn ich ein falsches Zeugnis abgebe, bin ich dann ein Schuft oder
bin ich es nicht?«
»Sie sind natürlich ein Schuft, Herr Prinzipal,« antwortete Andersson
ohne Bedenken und mit Wärme.
»Hörst du: er sagt, ich bin ein Schuft -- wenn ich eine falsche
Quittung unterschreibe. Nun, was habe ich vorhin gesagt? Du bist nicht
ehrlich, Arvid; du bist nicht ehrlich! Das habe ich schon immer gesagt!
Gutmütige Menschen sind sehr oft Schufte; und du bist immer gutmütig
und nachgiebig gewesen, aber ich habe gemerkt, daß du insgeheim
andere Gedanken hegtest; du bist ein Schuft! Das hat dein Vater auch
gesagt, ich betone ›gesagt‹, denn er sagte immer, was er dachte und war
ein rechtschaffener Mann, Arvid, und das -- bist -- du -- nicht! Sei
überzeugt: wenn er jetzt noch lebte, so würde er mit Schmerz und Gram
sagen: Du bist nicht ehrlich, Arvid! Du -- bist -- nicht ehrlich!«
Er schritt wieder einige Diagonalen ab, und es klang, als applaudiere
er seiner Szene mit den Füßen, und er klingelte mit dem Schlüsselbund,
als gebe er das Signal für den Vorhang. Die Schlußreplik war so
abgerundet gewesen, daß jede Hinzufügung das Ganze verderben würde.
Trotz der schweren Beschuldigung, die er tatsächlich seit mehreren
Jahren erwartet hatte, denn er war immer der Überzeugung gewesen, daß
der Bruder ein falsches Herz habe, war er sehr froh, daß es jetzt
vorüber war, und so glücklich vorüber, so gut und so sinnreich vorüber,
daß er fast fröhlich und sogar ein wenig dankbar gestimmt wurde.
Außerdem hatte er ja eine so gute Gelegenheit gefunden, loszuwettern,
nachdem er oben in der Familie gereizt worden war; seinen Zorn an
Andersson auszulassen, hatte im Lauf der Jahre seinen Reiz eingebüßt,
-- und ihn oben auszulassen -- dazu hatte er die Lust verloren.
Arvid war verstummt; er war eine durch die Erziehung so
eingeschüchterte Natur, daß er immer etwas Unrechtes zu tun glaubte; er
hatte von Kind an diese furchtbar großen Worte: rechtschaffen, ehrlich,
aufrichtig, wahrhaft täglich und stündlich aussprechen hören, so daß
sie wie Richter vor ihm standen, die ihn immer schuldig sprachen. Er
dachte einen Moment, er habe sich in seinen Berechnungen getäuscht,
der Bruder sei unschuldig und er selber wirklich ein Schuft; aber
im nächsten Augenblick sah er in dem Bruder einen Betrüger, der mit
einfachem Advokatengeschwätz ihn übertölpelte, und er wollte sich aus
dem Staube machen, um nicht mit ihm in Streit zu geraten, wollte sich
aus dem Staube machen, ohne ihm sein Anliegen Nummer 2 vorzutragen: daß
er nämlich im Begriff stehe, seinen Beruf zu wechseln.
Die Pause wurde länger, als beabsichtigt war. Karl Nikolaus hatte also
Zeit, in der Erinnerung seine eben erlebten Triumphe durchzugehen. Das
kleine Wort »Schuft« tat der Zunge so wohl, wenn sie es aussprechen
konnte, genau so wohl wie das Wort »Hinaus!«. Und das Öffnen der
Tür und Anderssons Antwort und die Vorführung des Dokuments, alles
hatte so gut geklappt; das Schlüsselbund war nicht auf dem Nachttisch
liegengeblieben, das Schloß hatte funktioniert, das Dokument war
bindend gewesen wie ein Garn und die Schlußfolgerung wie die Angel,
die den Hecht in ihrer Schlinge fängt. Er war in gute Laune gekommen;
er hatte verziehen, nein, er hatte vergessen, alles vergessen, und
als er den Geldschrank wieder zuwarf, da verschloß er die unangenehme
Affäre für immer. Aber er wollte sich nicht so von dem Bruder trennen,
er hatte das Verlangen, über andere Dinge mit ihm zu sprechen, ein
paar Schaufeln Geschwätz über das unangenehme Thema zu werfen, ihn in
einer alltäglichen Situation zu sehen, zum Beispiel ihn an einem Tisch
sitzen zu sehen, warum nicht essend und trinkend? Die Menschen sahen
immer vergnügt und zufrieden aus, wenn sie aßen und tranken, und er
wollte ihn vergnügt und zufrieden sehen; er wollte sein Gesicht ruhig
sehen und hören, daß seine Stimme nicht mehr zitterte, und kam zu dem
Entschluß, ihn zum Frühstück einzuladen. Die Schwierigkeit war, einen
Übergang zu finden, eine geeignete Brücke, die man über den Abgrund
werfen konnte. Er suchte in seinem Kopf, fand aber keine, er suchte in
seinen Taschen und fand die -- Streichholzschachtel.
»Teufel auch, du hast ja deine Zigarre nicht angesteckt, Junge!« sagte
er mit wirklicher, nicht erheuchelter Wärme.
Aber der Junge hatte seine Zigarre im Lauf des Gesprächs zerbröckelt,
und sie wollte nicht mehr brennen.
»Hier, nimm dir eine neue!«
Er holte sein großes Lederetui heraus:
»Sieh her! Nimm nur! Es sind gute Zigarren!«
Der Bruder, der so unglücklich veranlagt war, keinen Menschen verletzen
zu können, nahm das Anerbieten dankbar an, wie eine zur Versöhnung
hingestreckte Hand.
»So, alter Junge,« fuhr Karl Nikolaus fort und schlug einen angenehmen
Gesellschaftston an, auf den er sich so gut verstand. »Komm jetzt, dann
gehen wir zu Riga und frühstücken ein bißchen! Komm nur!«
Arvid, an Freundlichkeit nicht gewöhnt, war hierüber so gerührt, daß er
dem Bruder hastig die Hand drückte und hinauseilte, durch den Laden
hindurch, ohne Andersson zu grüßen, hinaus auf die Straße.
Der Bruder blieb bestürzt stehen; dies konnte er nicht begreifen; was
sollte das bedeuten! Davonlaufen, wenn er zum Frühstück eingeladen
wurde; davonlaufen, und dabei war er doch nicht böse. Davonlaufen!
Das würde ein Hund nicht getan haben, wenn man ihm ein Stück Fleisch
hingeworfen hätte!
»Er ist so sonderbar!« murmelte er und stampfte über die Dielen. Darauf
trat er an sein Pult, schraubte den Sessel so hoch, wie es ging, und
kletterte hinauf. Von diesem erhöhten Platz pflegte er Menschen und
Verhältnisse von einem höheren Gesichtspunkt zu betrachten und fand sie
in der Regel klein, allerdings nicht so klein, daß sie nicht für seine
Zwecke zu verwenden gewesen wären.
Drittes Kapitel
Die Kolonisten
Es war zwischen acht und neun Uhr an dem schönen Maimorgen, als
Arvid Falk nach der Szene bei dem Bruder durch die Straßen wanderte,
unzufrieden mit sich selbst, unzufrieden mit dem Bruder und unzufrieden
mit der ganzen Welt. Er wünschte sich trübes Wetter und schlechte
Gesellschaft. Daß er ein Schuft war, daran glaubte er nicht ganz,
aber er war mit sich selbst nicht zufrieden; er war gewohnt, hohe
Anforderungen an sich zu stellen, und es war ihm eingeimpft, in dem
Bruder eine Art Stiefvater zu sehen, vor dem er große Achtung, fast
Ehrerbietung hegen müsse. Aber auch noch andere Gedanken tauchten
auf und erfüllten ihn mit Sorge. Er war ohne Geldmittel und ohne
Beschäftigung. Dies letzte war vielleicht das Schlimmste, denn die
Untätigkeit war für ihn ein böser Feind, da er mit einer nimmer
ruhenden Phantasie begabt war.
Unter recht unangenehmen Grübeleien war er in die kleine Parkstraße
gekommen; er ging auf dem linken Trottoir entlang, am Dramatischen
Theater vorbei, und befand sich bald in der Norrlandstraße; er wanderte
ziellos weiter, immer geradeaus; bald wurde das Pflaster uneben, Hütten
aus Holz traten an die Stelle der Steinhäuser, schlecht gekleidete
Menschen warfen mißtrauische Blicke auf den gut angezogenen Herrn, der
so früh am Tage ihre Gegend aufsuchte, und ausgehungerte Hunde knurrten
den Fremden drohend an. Zwischen Gruppen von Soldaten, Arbeitern,
Brauergesellen, Waschfrauen und Lehrlingen hindurch ging er das letzte
Stück der Norrlandstraße mit etwas beschleunigten Schritten, kam dann
in die große Hopfenparkstraße und betrat den Hopfenpark. Die Kühe des
Generalfeldzeugmeisters hatten bereits die Viehweide in Benutzung
genommen, die alten, kahlen Apfelbäume machten einen Versuch, Knospen
zu treiben, die Linden waren schon grün, und die Eichhörnchen spielten
in den Kronen. Er ging am Karussell vorbei und kam in die Allee, die
zum Theater führt; dort saßen Knaben, die die Schule schwänzten und
»Knopf« spielten; ein Stück weiter lag ein Malerlehrling auf dem Rücken
im Grase und schaute durch die hohen Laubwölbungen zu den Wolken
hinauf; er pfiff so sorglos, als warteten weder Meister noch Gesellen
auf ihn, während Fliegen und andere Insekten herbeikamen und sich in
seinen Farbtöpfen ertränkten.
Falk langte auf der Höhe oben beim Ententeich an; dort blieb er stehen
und studierte die Metamorphosen der Frösche, beobachtete die Blutegel
und fing einen Wasserläufer. Dann begann er Steine ins Wasser zu
werfen. Das brachte sein Blut in Bewegung, und er fühlte sich verjüngt,
kam sich vor wie ein schwänzender Schuljunge, frei, trotzig, frei; denn
es war eine Freiheit, die er mit recht großen Opfern erkauft hatte.
Bei dem Gedanken, frei und nach Belieben mit der Natur verkehren zu
können, auf die er sich besser verstand als auf die Menschen, die ihn
nur mißhandelt und ihn schlecht zu machen versucht hatten, wurde er
froh, aller Unfriede schwand aus seinem Gemüt, und er stand auf, um
seinen Weg zur Stadt hinaus fortzusetzen. Er ging durch das Kreuz und
befand sich in der nördlichen Hopfenparkstraße. Hier sah er, daß im
Zaun gerade gegenüber einige Bretter fehlten und daß auf der andern
Seite ein Fußsteig ausgetreten war. Er kroch durch den Zaun, schreckte
ein altes Weib auf, das Nesseln pflückte, spazierte über die weiten
Tabakfelder, wo heute das Villenviertel steht, und befand sich am
Eingang von »Lill-Jans«.
Hier war der Frühling im Ernst über die kleine hübsche Ansiedlung
hereingebrochen, die mit ihren drei kleinen Häusern in blühenden
Flieder und Apfelbäume eingebettet lag, vor den nördlichen Winden von
dem Tannenwald auf der andern Seite der Landstraße geschützt. Hier war
ein wirkliches Idyll aufgetischt. Der Hahn saß auf der Gabel eines
Wasserkarrens und krähte, der Kettenhund lag in der Sonne und fing
Fliegen, die Bienen schwärmten wie eine Wolke um die Körbe, der Gärtner
kniete bei den Mistbeeten und zog Radieschen, die Laubsänger und die
Rotschwänzchen sangen in den Stachelbeersträuchern, halbbekleidete
Kinder scheuchten die Hühner, die die Keimfähigkeit verschiedener
frisch gesäter Blumensamen untersuchen wollten. Über dem Ganzen lag ein
hellblauer Himmel, und dahinter stand der schwarze Wald.
Neben den Mistbeeten, im Schutz des Zaunes, saßen zwei Männer. Der eine
trug einen schwarzen hohen Hut, einen sauber gebürsteten schwarzen
Anzug, hatte ein langes schmales blasses Gesicht und sah aus wie ein
Geistlicher. Der andere war der Typ eines zivilisierten Bauern, mit
zusammengesunkenem, aber korpulentem Körper, hängenden Augenlidern
und mongolischem Schnurrbart; er war sehr schlecht gekleidet und sah
wie alles mögliche aus -- wie ein Vagabund, ein Handwerker oder ein
Künstler --, er machte einen sonderbar verkommenen Eindruck.
Der Magere, der zu frösteln schien, obwohl er direkt in der Sonne saß,
las dem Fetten, der aussah, als habe er alle Klimate der Erde erprobt
und könne sie mit Ruhe alle vertragen, aus einem Buch vor.
Als Falk durch die Pforte auf die breite Landstraße trat, hörte er
deutlich die Worte des Lesenden durch den Zaun, und er meinte stehen
bleiben und zuhören zu dürfen, ohne einen Vertrauensdiebstahl zu
begehen.
Der Magere las mit trockner, eintöniger Stimme, der jeder Klang fehlte,
und der Fette gab dann und wann seine Zufriedenheit zu erkennen
durch ein Schnauben, das bisweilen mit einem Grunzen abwechselte und
schließlich zum Spucken wurde, wenn die Worte der Weisheit, die er
hörte, über den gewöhnlichen Menschenverstand gingen. Der Lange las:
»Die höchsten Grundsätze sind, wie gesagt, drei: ein absolut
unbedingter und zwei relativ unbedingte. +Pro primo+: der absolut
erste, rein unbedingte Grundsatz soll die Handlung ausdrücken, die
allem Bewußtsein zugrunde liegt und dieses erst möglich macht. Dieser
Grundsatz ist die Identität: +A+ = +A+. Er bleibt bestehen
und kann auf keine Weise fortgedacht werden, wenn man alle empirischen
Bestimmungen des Bewußtseins absondert. Er ist das ursprüngliche
Faktum des Bewußtseins und muß darum notwendigerweise anerkannt
werden; überdies ist er nicht wie jedes andere empirische Faktum etwas
Bedingtes, sondern als Folge und Inhalt einer freien Handlung völlig
unbedingt.«
»Verstehst du, Olle?« unterbrach sich der Leser.
»O ja, es ist wundervoll! -- ›Er ist nicht wie jedes empirische Faktum
etwas Bedingtes.‹ -- Oh, ist das ein Mensch! Weiter, weiter!«
»Wenn man annimmt,« fuhr der Vorleser fort, »daß dieser Satz ohne jeden
weiteren Grund sicher ist --«
»Höre einer diesen Filou an -- ›ohne jeden weiteren Grund sicher‹,«
wiederholte der dankbare Zuhörer, der damit jeden Verdacht, als
verstehe er nicht, von sich abschütteln wollte, »ohne jeden weiteren
Grund, wie schlau, wie schlau, statt nur zu sagen: ohne jeden Grund.«
»Soll ich weiterlesen? Oder gedenkst du mich noch öfter zu
unterbrechen?« fragte der beleidigte Vorleser.
»Ich werde dich nicht wieder unterbrechen, weiter, weiter!«
»So -- jetzt kommt die Schlußfolgerung (herrlich in der Tat!) -- mißt
man sich die Fähigkeit bei, etwas zu behaupten.«
Olle schnaubte.
»Man behauptet demnach nicht +A+ (großes +A+), sondern bloß,
daß +A+ = +A+ ist, wenn und soweit +A+ überhaupt ist.
Es handelt sich nicht um den Inhalt des Satzes, sondern bloß um dessen
Form. Der Satz +A+ = +A+ ist also seinem Inhalt nach bedingt
(hypothetisch) und nur seiner Form nach unbedingt.«
»Hast du beachtet, daß es das große +A+ ist?«
Falk hatte genug gehört; dies war die entsetzlich tiefe Philosophie von
Upsala, die sich bis hierher verirrt hatte, um die rohe Großstadtnatur
zu bezwingen; er sah nach, ob nicht die Hühner von ihren Stangen
gefallen seien und ob nicht die Petersilie aufhörte zu wachsen beim
Anhören dieses Tiefsten, das in Lill-Jans jemals in Zungen geredet
worden war. Er wunderte sich, daß der Himmel sich noch an seinem Platz
befand, obwohl er zum Zeugen einer solchen Kraftprobe des menschlichen
Geistes angerufen worden war; zugleich aber forderte seine menschliche
niedrigere Natur ihr Recht, und er fühlte eine große Trockenheit in der
Kehle, weshalb er beschloß, in eins der Häuser hineinzugehen und um ein
Glas Wasser zu bitten.
Er kehrte also um und betrat das Haus, das, wenn man von der Stadt
kommt, rechts am Wege liegt. Die Tür zu einer großen ehemaligen
Backstube stand nach der Diele offen, die nicht größer war als
ein Reisekoffer. Im Zimmer befand sich nur eine Schlafbank, ein
zerbrochener Stuhl, eine Staffelei und zwei Personen; die eine von
diesen stand vor der Staffelei, angetan mit Hemd und Hosen, die von
einem Riemen gehalten wurden. Er sah aus wie ein Handwerksbursche, aber
er war Künstler, denn er war damit beschäftigt, die Skizze zu einem
Altarbilde zu entwerfen. Der andere war ein junger Mann von feinem
Aussehen, relativ fein gekleidet. Er hatte seinen Rock ausgezogen,
hatte das Hemd heruntergestreift und stand augenblicklich dem Maler mit
seiner prachtvollen Büste Modell. Sein schönes, vornehmes Gesicht trug
Spuren von Ausschweifungen der vergangenen Nacht, und sein Kopf fiel
dann und wann nach vorn, wodurch er sich eine besondere Zurechtweisung
von dem Meister zuzog, der ihn unter seinen Schutz genommen zu haben
schien. Den Endrefrain einer solchen Moralpredigt bekam Falk zu hören,
als er die Diele betrat.
»Daß du so ein Schwein bist und mit diesem Bummler Sellén kneipen
gehst! Jetzt stehst du hier und vergeudest deinen Vormittag, statt in
der Handelsschule zu sitzen -- die rechte Schulter etwas höher, so!
Hast du tatsächlich die ganze Miete durchgebracht, so daß du nicht
nach Hause zu gehen wagst? Hast du gar nichts übrig behalten? Keinen
Pfennig?«
»O doch, etwas habe ich noch übrig, aber das reicht nicht!«
Der junge Mann holte ein zusammengeknülltes Stück Papier aus der
Hosentasche und wickelte es auf, wobei zwei Dreikronenscheine zum
Vorschein kamen.
»Gib her, ich hebe sie dir auf,« riet der Meister und nahm wie ein
Vater die Scheine an sich.
Falk, der sich vergebens bemerkbar zu machen versucht hatte, hielt
es jetzt für richtig, so unbemerkt, wie er gekommen war, seiner Wege
zu gehen. Er ging also wieder an dem Komposthaufen und den beiden
Philosophen vorbei und bog links in den Königin-Christina Weg ein. Er
war noch nicht weit gegangen, als er einen jungen Mann gewahrte, der
seine Staffelei vor dem kleinen Erlenbruch gerade an der Stelle, wo
der Wald anfängt, aufgeschlagen hatte. Es war eine feine, schlanke,
fast elegante Gestalt mit etwas spitzem, brünettem Gesicht; sprühendes
Leben erfüllte seine ganze Person, wie er da vor dem schönen Bilde
stand und arbeitete. Er hatte Hut und Rock abgelegt und schien bei
vortrefflichster Gesundheit und in bester Laune zu sein. Bald pfiff er,
bald summte er vor sich hin, bald sprach er mit sich selber.
Als Falk so weit herangekommen war, daß er ihn im Profil sah, drehte er
sich um:
»Sellén! Guten Tag, alter Kamerad!«
»Falk! Alte Bekannte hier draußen im Walde! Was um Gottes willen
bedeutet das? Bist du um diese Tageszeit nicht in deinem Amt?«
»Nein. Aber wohnst du hier draußen?«
»Ja, ich bin mit einigen Bekannten am 1. April hier herausgezogen;
es wurde zu teuer, in der Stadt zu wohnen -- die Wirte sind auch so
kleinlich!«
Ein pfiffiges Lächeln spielte in dem einen Mundwinkel, und die braunen
Augen funkelten.
»Ach so,« erwiderte Falk, »dann kennst du vielleicht auch die Typen,
die da hinten bei den Mistbeeten sitzen und lesen?«
»Die Philosophen? Aber natürlich! Der Lange ist außerordentlicher
Hilfsarbeiter im Versteigerungsamt mit achtzig Reichstalern jährlich,
und der Kleine, Olle Montanus, der sollte eigentlich zu Hause sitzen
und bildhauern, aber seit er mit Ygberg zusammen auf die Philosophie
verfallen ist, hat er aufgehört zu arbeiten, und jetzt geht es in
raschem Tempo bergab mit ihm. Er hat entdeckt, daß die Kunst etwas
Sinnliches ist!«
»Aber wovon lebt er denn?«
»Eigentlich von nichts! Manchmal steht er dem praktischen Lundell
Modell, und dann bekommt er ein Stück Blutkuchen ab und lebt einen Tag
davon, und im Winter darf er in seinem Zimmer auf dem Fußboden liegen,
denn ›er wärmt doch immerhin etwas‹, sagt Lundell, wo das Holz so teuer
ist; und hier war es im April recht kalt.«
»Wie kann er Modell stehen, er sieht doch aus wie ein Quasimodo?«
»Ja, bei einer Kreuzesabnahme soll er der eine Schächer sein, dem
die Knochen schon entzwei geschlagen sind; der arme Teufel hat ein
Hüftleiden gehabt; wenn er sich also über eine Stuhllehne legt, wird er
sehr gut. Manchmal muß er sich nach hinten umdrehen, und dann ist er
der zweite Schächer.«
»Warum tut er denn selbst nichts? Hat er kein Talent?«
»Olle Montanus, mein Lieber, ist ein Genie; aber er will nicht
arbeiten, er ist Philosoph und würde sicher ein großer Mann geworden
sein, wenn er nur hätte studieren können. Es ist wirklich merkwürdig,
ihn und Ygberg reden zu hören; Ygberg hat ja allerdings mehr gelesen,
aber Montanus hat einen so guten Kopf, daß er ihn manchmal in die Enge
treibt, und dann geht Ygberg seiner Wege und liest noch ein Stück für
sich; aber er leiht Montanus sein Buch nie.«
»Ach, ihr schätzt Ygbergs Philosophie?« fragte Falk.
»Oh, die ist sehr fein! Sehr fein? Du liebst doch Fichte? Oh, oh, oh,
so ein Kerl!«
»Nun,« unterbrach Falk, der Fichte nicht liebte, »wer waren denn die
beiden Typen dort im Hause?«
»Ach, die hast du auch gesehen? Ja, der eine war der praktische
Lundell, der Figuren- oder richtiger Kirchenmaler, und der andere war
mein Freund Rehnhjelm.«
Die letzten Worte versuchte er in sehr gleichgültigem Ton
auszusprechen, um den Eindruck desto stärker zu machen.
»Rehnhjelm?«
»Ja, ein sehr netter Junge.«
»Er steht Modell da drinnen?«
»Das tut er! Ja, dieser Lundell; der kann die Menschen ausnutzen; das
ist ein ganz sonderbar praktischer Kerl. Aber komm mit, wir wollen
hineingehen und ihn necken, das ist das Lustigste, was ich hier draußen
habe; dann hörst du vielleicht auch Montanus reden, und das ist
wirklich interessant.«
Weniger von der Aussicht, Montanus reden zu hören, als von der
Hoffnung, ein Glas Wasser zu bekommen, verlockt, folgte er Sellén und
half ihm Staffelei und Malkasten tragen.
Im Hause hatte sich die Szene insoweit verändert, als das Modell sich
auf den zerbrochenen Stuhl hatte setzen dürfen und Montanus und Ygberg
sich auf der Schlafbank niedergelassen hatten. Lundell stand vor der
Staffelei und rauchte aus einer schnarchenden, hölzernen Stummelpfeife
den armen Kameraden, denen das bloße Vorhandensein einer Tabakspfeife
ein Genuß war, etwas vor.
Als Assessor Falk vorgestellt worden war, wurde er sofort von Lundell,
der seine Meinung über sein Bild hören wollte, mit Beschlag belegt.
Das Bild erwies sich als ein Rubens, wenigstens dem Stoff nach,
wenn auch nicht in bezug auf Farbe oder Zeichnung. Darauf ließ sich
Lundell über die schweren Zeiten für einen Künstler aus, machte die
Akademie herunter und schimpfte auf die Regierung, die nichts für
die einheimische Kunst tue. Er sei jetzt dabei, eine Skizze für ein
Altarbild zu malen, aber er sei fest überzeugt, daß es nicht angenommen
werden würde, denn ohne Intrigen und Beziehungen komme man nirgends
durch. Hierbei warf er einen forschenden Blick auf Falks Anzug, um sich
zu vergewissern, ob er vielleicht eine Beziehung abgeben könne.
Eine andere Wirkung hatte Falks Kommen auf die beiden Philosophen
gehabt. Sie hatten in ihm sofort einen »Studierten« entdeckt und warfen
ihren Haß auf ihn, denn er konnte sie ihres Prestiges in der kleinen
Gesellschaft berauben. Sie wechselten bedeutsame Blicke, die Sellén
nicht entgingen, so daß er sich versucht fühlte, seine Freunde in ihrem
Glanz vorzuführen und womöglich einen Disput zustande zu bringen. Er
machte sofort einen Zankapfel ausfindig, zielte, warf und traf.
»Was sagst du denn zu Lundells Bild, Ygberg?«
Ygberg, der nicht erwartet hatte, so bald zu Wort zu kommen, mußte
einige Sekunden überlegen. Dann erwiderte er mit markierter Stimme,
während Olle ihm den Rücken rieb, damit er sich gerade halte:
»Ein Kunstwerk ist nach meiner Meinung in zwei Kategorien zu zerlegen:
in Inhalt und Form. Was den Inhalt dieses Kunstwerks betrifft, so
hat es einen tiefen und allgemein menschlichen Inhalt, das Motiv ist
fruchtbar, an sich, als solches, und enthält alle Begriffsbestimmungen
und Potenzen, die sich für künstlerische Produktion geltend machen
können; was aber die Form betrifft, die an sich de facto den Begriff
manifestieren soll, das heißt die absolute Identität, das Sein, das Ich
-- so kann ich nicht umhin, sie weniger adäquat zu finden.«
Lundell fühlte sich von der Kritik geschmeichelt, Olle lächelte ein
seliges Lächeln, als sehe er die himmlischen Heerscharen, das Modell
schlief, und Sellén fand, Ygberg habe einen unbestrittenen Erfolg
errungen. Jetzt richteten sich aller Blicke auf Falk, als auf den, der
den hingeworfenen Handschuh aufnehmen mußte, denn daß es ein Handschuh
war, darüber waren sich alle einig.
Falk war teils belustigt, teils geärgert und suchte in den
Rumpelkammern seines Gedächtnisses nach einigen philosophischen
Windbüchsen, als sein Blick auf Olle Montanus fiel, der am Schluß
Gesichtszuckungen bekommen hatte, ein Zeichen, daß er sprechen wollte.
Falk lud aufs Geratewohl seine Flinte mit Aristoteles und feuerte ab.
»Was meinen Sie mit adäquat, Herr Assessor? Ich kann mich nicht
erinnern, daß Aristoteles dies Wort in seiner Metaphysik anwendet.«
Es wurde ganz still in dem Raum, und man fühlte, daß hier ein Kampf
zwischen der Künstlerkolonie Lill-Jans und dem Gustavianum bevorstand.
Die Pause wurde länger als wünschenswert war, denn Ygberg kannte
Aristoteles nicht und wäre lieber gestorben, als daß er das zugegeben
hätte. Da er nicht schlagfertig war, entdeckte er die Bresche nicht,
die Falk offen gelassen hatte; Olle aber sah sie, und er fing den
abgeschossenen Aristoteles ab, faßte ihn mit beiden Händen und
schleuderte ihn auf den Gegner zurück.
»Wenn ich auch kein Gelehrter bin, möchte ich mir doch die Frage
erlauben, ob der Herr Assessor wirklich die Argumente seines Gegners
über den Haufen geworfen hat. Ich glaube, man kann adäquat als
Bestimmung in einer logischen Schlußfolgerung setzen und als solche
gelten lassen, obwohl Aristoteles das Wort in seiner Metaphysik nicht
erwähnt. Habe ich recht, meine Herren? Ich weiß es nicht! Ich bin ein
ungelehrter Mann, und der Herr Assessor hat diese Dinge studiert.«
Er hatte mit halbgeöffneten Augenlidern gesprochen; jetzt schlug er sie
ganz nieder und sah unverschämt bescheiden aus.
»Olle hat recht,« ertönte es von allen Seiten.
Falk fühlte, daß man hier mit harten Fäusten zufassen mußte, wenn die
Ehre Upsalas gerettet werden sollte; er schlug eine Volte mit dem
philosophischen Kartenspiel und warf ein As hin.
»Herr Montanus hat den Vordersatz verneint oder ganz einfach gesagt:
+nego majorem+! Gut! Ich erkläre wiederum, daß er sich eines
+posterius prius+ schuldig gemacht hat; er hat, als er einen
Hörnerschluß machen mußte, sich verirrt und hat einen Syllogismus
nach +ferioque+ statt +barbara+ gemacht; er hat die goldene
Regel vergessen: +Caesare Camestres festino barocco secundo+;
infolgedessen ist seine Schlußfolgerung limitativ! Habe ich nicht
recht, meine Herren?«
»Sehr recht, sehr recht,« antworteten alle, außer den beiden
Philosophen, die nie eine Logik in der Hand gehabt hatten.
Ygberg sah aus, als habe er auf einen Nagel gebissen, und Olle grinste,
als sei ihm Schnupftabak in die Augen gekommen; aber da er ein schlauer
Kerl war, wurde ihm die taktische Methode seines Gegners sofort klar.
Er faßte also rasch den Entschluß, nicht auf die Frage zu antworten,
sondern von etwas anderem zu sprechen. Er kramte deshalb alles, was er
gelernt, und alles, was er gehört hatte, aus dem Gedächtnis hervor und
begann mit dem Referat über Fichtes Wissenschaftslehre, das Falk vorhin
durch den Zaun gehört hatte; dies zog sich bis gegen Mittag hin.
Unterdes stand Lundell und malte und schnarchte mit seiner sauren
Holzpfeife. Das Modell war auf dem zerbrochenen Stuhl eingeschlafen;
der Kopf sank tiefer und immer tiefer, bis er gegen zwölf Uhr zwischen
den Knien hing, so daß ein Mathematiker hätte ausrechnen können, wann
er den Mittelpunkt der Erde erreichen würde.
Sellén saß am offnen Fenster und genoß die Situation, und der arme
Falk, der davon geträumt hatte, daß die entsetzliche Philosophie zu
Ende gehen werde, mußte ganze Fäuste voll philosophischem Schnupftabak
nehmen und ihn seinen Feinden in die Augen werfen. Die Qual hätte
kein Ende genommen, wenn nicht der Schwerpunkt des Modells sich ganz
allmählich auf eine der empfindlichsten Seiten des Stuhls verlegt
hätte, so daß dieser mit einem Krach zusammenbrach und der Baron
auf die Erde fiel, was Lundell Gelegenheit bot, über das Laster der
Trunksucht und seine bedauerlichen Folgen für den Menschen selbst und
für andere -- damit meinte er sich selber -- zu schimpfen.
Falk, der dem verstörten Jüngling aus seiner Verlegenheit helfen
wollte, brachte in aller Eile eine Frage aufs Tapet, die von ganz
allgemeinem Interesse sein mußte.
»Wo wollen die Herren heute zu Mittag essen?«
Es wurde so still, daß man die Fliegen summen hörte; Falk wußte nicht,
daß er auf fünf Hühneraugen zugleich getreten hatte. Lundell brach das
Schweigen zuerst. Er und Rehnhjelm wollten im »Kochkessel« essen, wo
sie zu essen pflegten, weil sie dort Kredit hatten; Sellén wollte nicht
dort essen, weil er mit dem Essen nicht zufrieden war, und hatte sich
noch für kein Lokal entschieden; bei dieser Unwahrheit warf er einen
fragenden, ängstlichen Blick auf das Modell. Ygberg und Montanus hatten
»viel zu tun«, so daß sie »sich ihren Tag nicht zerreißen wollten«,
indem »sie sich anzögen und in die Stadt gingen«; sie wollten sich hier
draußen etwas beschaffen; was das war, sagten sie nicht.
Darauf begann die Toilette, die in der Hauptsache im Waschen an dem
alten Brunnen im Garten bestand. Sellén, der doch ein Stutzer war,
hatte unter der Schlafbank ein Zeitungspapierpäckchen versteckt,
aus dem er Kragen, Manschetten und Chemisette, alles aus Papier,
hervorholte; dann verbrachte er eine lange Zeit kniend vor der
Brunnenöffnung, um sich zu spiegeln, während er ein braungrünes
Atlasband umband, das er von einem Mädchen geschenkt bekommen hatte,
und sein Haar auf besondere Art frisierte; nachdem er dann die
Schuhe mit einem Klettenblatt abgerieben, den Hut mit dem Rockärmel
abgebürstet, eine Traubenhyazinthe ins Knopfloch gesteckt und seinen
Spazierstock herausgeholt hatte, war er fertig. Auf seine Frage, ob
Rehnhjelm bald kommen werde, antwortete Lundell, er habe vorläufig
noch keine Zeit, er müsse ihm zeichnen helfen, und Lundell pflegte
immer zwischen zwölf und zwei zu zeichnen. Rehnhjelm war gefügig
und gehorchte, so schwer es ihm auch fiel, sich von seinem Freunde
Sellén zu trennen, den er liebte, während er gegen Lundell einen
ausgesprochenen Abscheu empfand.
»Wir treffen uns auf jeden Fall heute abend im Roten Zimmer?« warf
Sellén tröstend hin, und darin waren alle einig, sogar die Philosophen
und der moralische Lundell.
Auf dem Wege nach der Stadt weihte Sellén seinen Freund Falk in
allerlei Geheimnisse in bezug auf die Ansiedler von Lill-Jans ein;
er erzählte, er selbst habe mit der Akademie gebrochen, weil seine
Auffassung von Kunst eine so ganz andere sei; er wisse, daß er Talent
habe und einmal Erfolg haben werde, wenn es auch lange dauern könne,
obwohl es unendlich schwer sei, sich einen Namen zu machen, ohne die
königliche Medaille bekommen zu haben. Auch natürliche Hindernisse
stellten sich ihm in den Weg; er sei an der waldlosen Küste der
Provinz Halland geboren und habe das Große und Einfache in der Natur
dieser Gegend lieben gelernt; Publikum und Kritik dagegen bevorzugten
augenblicklich Einzelheiten, Finessen, deshalb verkaufe er nichts; er
könne wohl wie die andern malen, aber das wolle er nicht.
Lundell dagegen sei ein praktischer Mann -- Sellén sprach das Wort
praktisch immer mit einer gewissen Verachtung aus. -- Er male nach
Wunsch und Geschmack der Menge. Er leide nie an Indisposition; er
sei freilich auch von der Akademie fortgegangen, aber aus geheimen,
praktischen Gründen, und er habe nicht ganz mit ihr gebrochen, obwohl
er das überall erzähle. Er schlage sich ganz gut durch, mit Zeichnungen
für illustrierte Zeitschriften, und werde sicher eines Tages Erfolg
haben, ungeachtet seines unbedeutenden Talents, dank irgendwelchen
Beziehungen und besonders Intrigen, die er von Montanus lernte, denn
dieser habe bereits einige Pläne entworfen, die von Lundell mit Erfolg
verwirklicht worden seien -- Montanus aber sei das Genie, allerdings
entsetzlich unpraktisch.
Rehnhjelm sei der Sohn eines ehemals reichen Mannes oben in Norrland.
Der Vater habe ein großes Gut besessen, das ihm aber schließlich
verloren gegangen und in die Hände des Verwalters gekommen sei. Jetzt
sei der alte Edelmann ziemlich arm und hege den Wunsch, der Sohn
möge aus der Vergangenheit eine Lehre ziehen und, als Verwalter, der
Familie wieder ein Gut verschaffen; deshalb besuche dieser jetzt die
Handelsschule, um landwirtschaftliche Buchführung zu lernen, was er
verabscheue. Er sei ein netter Junge, aber etwas schwach, und lasse
sich von dem schlauen Lundell leiten, der es nicht verschmähe, das
Honorar für seine Morallehren und seine Protektion in natura zu nehmen.
Unterdes hatten Lundell und der Baron sich an die Arbeit gemacht, und
zwar in der Weise, daß der Baron zeichnete, während der Meister auf der
Ofenbank lag und die Arbeit überwachte, das heißt rauchte.
»Wenn du jetzt fleißig bist, so kannst du mit mir kommen und im
›Zinnknopf‹ zu Mittag essen,« verhieß Lundell, der sich mit den beiden
Reichstalern, die er aus dem Ruin gerettet hatte, reich vorkam.
Ygberg und Olle hatten sich auf die Waldhöhe begeben, um über Mittag zu
schlafen. Olle strahlte nach seinen Siegen, Ygberg aber war verstimmt;
er war von seinem Schüler übertroffen worden. Außerdem hatte er kalte
Füße bekommen und war ungewöhnlich hungrig, denn das eifrige Gespräch
über Essen hatte schlummernde Gefühle geweckt, die sich ein ganzes
Jahr lang nicht Luft gemacht hatten. Sie legten sich unter eine Tanne;
Ygberg barg das kostbare Buch, das er Olle nie leihen wollte, gut
in Papier gewickelt, unter seinem Kopf und streckte sich in seiner
vollen Länge aus. Er war blaß wie eine Leiche, kalt und ruhig wie eine
Leiche, die die Hoffnung auf Auferstehung aufgegeben hat. Er sah, wie
die Vögelchen über seinem Kopf den Tannensamen pickten und die Schalen
auf ihn niederfallen ließen, er sah eine strotzende Kuh zwischen den
Erlen weiden und sah den Rauch aus dem Küchenschornstein des Gärtners
aufsteigen.
»Bist du hungrig, Olle?« fragte er mit matter Stimme.
»Nein,« sagte Olle und warf hungrige Blicke auf das wunderbare Buch.
»Wer doch eine Kuh wäre!« seufzte Ygberg, faltete die Hände über der
Brust und überantwortete seine Seele dem allerbarmenden Schlaf.
Als seine schwachen Atemzüge einigermaßen regelmäßig geworden waren,
holte der wachende Freund vorsichtig und ganz leise, damit der Schläfer
nicht gestört werden sollte, das Buch hervor, warf sich dann auf den
Bauch und begann den kostbaren Inhalt zu verschlingen, worüber er
sowohl den »Zinnknopf« wie den »Kochkessel« vergaß.
Viertes Kapitel
Herren und Hunde
Es waren einige Tage vergangen. Karl Nikolaus Falks
zweiundzwanzigjährige Frau hatte eben ihren Kaffee im Bett getrunken,
dem kolossalen Mahagonibett in dem riesigen Schlafzimmer. Es war
erst zehn Uhr. Ihr Mann war schon seit sieben Uhr früh fort und nahm
unten an der Brücke Flachs auf. Es geschah jedoch durchaus nicht in
dem Glauben, er werde nicht so bald nach Hause kommen, daß die junge
Frau sich die Freiheit nahm, so lange im Bett zu liegen, obwohl es im
übrigen gegen Sitten und Gewohnheiten des Hauses verstieß. Es schien
ihr eher ein Vergnügen zu bereiten, mit allen eingewurzelten Sitten
und Gewohnheiten des Hauses zu brechen. Sie war erst seit zwei Jahren
verheiratet, hatte aber genügend Zeit gehabt, durchgreifende Reformen
in dem alten, konservativen Bürgerhause einzuführen, wo alles alt war,
sogar die Dienstboten. Die Macht dazu hatte sie bekommen, als ihr Mann
ihr seine Liebe erklärt und sie ihm gnädig ihr Jawort gegeben, das
heißt sich in Gnaden von einem verhaßten Elternhause befreit hatte,
in dem sie um sechs Uhr hatte aufstehen müssen, um den ganzen Tag zu
arbeiten. Sie hatte ihre Brautzeit gut ausgenutzt; sie hatte nämlich
während dieser Zeit alle Garantien dafür gesammelt, für ihre Person
ein freies, unabhängiges Leben führen zu dürfen, ohne Einmischung
vonseiten des Mannes. Diese Garantien bestanden freilich nur in
Versprechungen, die ein liebeskranker Mann gegeben hatte; sie aber,
die bei klarer Besinnung blieb, nahm sie entgegen und schrieb sie
sich ins Gedächtnis. Der Mann jedoch zeigte jetzt nach zweijähriger,
kinderloser Ehe die Neigung, all diese Verpflichtungen -- daß die Frau
so lange schlafen dürfe, wie sie wolle, daß sie im Bett Kaffee trinken
könne usw. -- zu vergessen. Er war sogar unzart genug gewesen, sie
daran zu erinnern, daß er sie aus dem Schlamm gezogen, daß er sie aus
einer Hölle befreit und sich selbst dabei aufgeopfert habe, denn er
sei eine Mesalliance eingegangen -- ihr Vater war Flaggschiffer bei
der Marine. Über die Antwort auf diese und ähnliche Beschuldigungen
dachte sie jetzt nach, und da ihr guter Verstand während ihrer
Bekanntschaft nie von irgendeinem Gefühlsrausch umnebelt gewesen war,
hatte sie ihn völlig in der Gewalt -- und sie wußte ihn zu gebrauchen.
Deshalb hörte sie mit ungemischter Freude die Symptome der Heimkehr
ihres Mannes zum Frühstück. Die Türen zum Eßzimmer wurden nämlich ins
Schloß geworfen, während gleichzeitig ein furchtbares Brüllen hörbar
wurde, wobei die Frau den Kopf unter die Decke steckte, um ihr Lachen
zu verbergen. Schritte ertönten auf dem Teppich im Nebenzimmer, und
in der Schlafzimmertür erschien der erzürnte Mann mit dem Hut auf dem
Kopf. Die Frau wandte ihm den Rücken und lockte mit ihrer zärtlichsten
Stimme:
»Kommt da mein kleiner Dickwanst? Komm nur herein, komm nur herein!«
Der kleine Dickwanst -- das war sein Kosename, und die Herrschaften
hatten noch originellere -- hatte keine Lust hereinzukommen, sondern
blieb in der Tür stehen und schrie:
»Warum ist das Frühstück nicht aufgetragen? He?«
»Frage die Mädchen, ich habe das Tischdecken nicht übernommen. Und nimm
bitte den Hut ab, wenn du hereinkommst, mein Herr!«
»Was hast du denn mit meiner Mütze gemacht?«
»Die habe ich verbrannt. Sie war so fettig, daß du dich schämen
solltest.«
»Hast du verbrannt! Nun, darüber wollen wir nachher reden! Warum liegst
du noch spät am Vormittag im Bett, statt auf die Mädchen zu passen?«
»Weil es mir Spaß macht!«
»Denkst du, ich habe eine Frau geheiratet, die sich nicht um ihren
Haushalt kümmert? He?«
»Ja, das hast du! Und warum meinst du, habe ich dich geheiratet?
Das habe ich dir schon tausendmal gesagt, -- weil ich die Arbeit
loswerden wollte, und das hast du mir versprochen. Hast du mir das
nicht versprochen? Kannst du dein Ehrenwort geben, daß du es mir nicht
versprochen hast? Da siehst du, was für ein Mann du bist! Genau wie
alle andern!«
»Ja, das war damals!«
»Damals! Wann war es? Sind nicht Versprechungen immer bindend? Müssen
sie etwa zu einer bestimmten Jahreszeit gegeben werden?«
Der Mann kannte diese unerschütterliche Logik zu genau, und die gute
Laune seiner Frau tat die gleiche Wirkung wie sonst Tränen in solchen
Fällen, -- er ergab sich.
»Ich bekomme Besuch heute abend,« erklärte er.
»Ach, bekommst du Herrenbesuch?«
»Natürlich! Weiber kann ich nicht vertragen.«
»Nun, da hast du wohl schon deine Einkäufe gemacht?«
»Nein, das sollst du tun.«
»Ich! Nein, ich habe kein Geld für Besuch! Ich denke gar nicht dran,
mein Wirtschaftsgeld für Extrabewirtungen auszugeben.«
»Nein, das verbrauchst du für deine Toilette und andere unnötige
Sachen.«
»Nennst du das unnötige Sachen, die ich für dich arbeite? Ist ein
Hauskäppchen etwa unnötig? Sind Pantoffel etwa unnötig? Sag! Antworte
doch ehrlich!«
Sie verstand ihre Fragen immer so zu formulieren, daß die Antwort für
den Antwortenden vernichtend ausfallen mußte. Das war ihres Mannes
eigene Methode. Er mußte also, wenn er nicht ganz zu Boden geschmettert
werden wollte, unaufhörlich neue Themen aufnehmen.
»Ich habe wirklich Veranlassung,« sagte er mit einer gewissen Rührung,
»heute abend Gäste einzuladen: mein alter Freund Fritz Levin von
der Post ist nach neunzehnjähriger Dienstzeit jetzt fest angestellt
worden -- es hat gestern in der Postzeitung gestanden. Aber da es dir
unangenehm zu sein scheint und du weißt, daß ich dir immer den Willen
tue, so will ich weiter kein Aufhebens von der Sache machen, sondern
empfange ihn und Magister Nyström nur unten im Kontor.«
»Ach, dieser Bummler Levin ist fest angestellt worden, nun das ist ja
gut! Da bekommst du vielleicht auch all das Geld wieder, das er dir
schuldig ist?«
»Nun ja, das denke ich doch.«
»Aber sag einmal, wie kannst du mit so einem Bummler, wie er ist,
verkehren, und dann mit dem Magister; das sind ja richtige Lumpenkerle,
denen kaum die Kleider auf dem Leibe gehören.«
»Hör einmal, Altchen, ich mische mich nicht in deine Angelegenheiten;
bekümmere du dich nicht um meine.«
»Wenn du unten Besuch hast, so wüßte ich nicht, was mich hindern
sollte, hier oben auch Besuch zu haben.«
»Nein, natürlich nicht.«
»Na, so komm her, kleiner Dickwanst, und gib mir etwas Geld!«
Der Dickwanst, der in jeder Hinsicht mit dem Resultat zufrieden war,
kam dem Befehl mit Vergnügen nach.
»Wieviel willst du haben? Ich bin heute sehr knapp bei Kasse.«
»Ach, ich bin mit fünfzig zufrieden.«
»Bist du verrückt?«
»Verrückt! Bitte, gib mir, was ich verlange; ich brauche doch nicht zu
hungern, wenn der Mann ins Wirtshaus geht und schlemmt.«
Der Friede war geschlossen, und die Parteien trennten sich unter
gegenseitiger Zufriedenheit. Es blieb ihm erspart, zu Hause ein
schlechtes Frühstück zu essen, er mußte außer dem Hause frühstücken;
es blieb ihm erspart, da oben zu sitzen, ein bescheidenes Abendbrot
einzunehmen und sich vor den Damen zu genieren, denn er war zu lange
Junggeselle gewesen; und er brauchte kein schlechtes Gewissen zu haben.
Das hätte er nur haben müssen, wenn seine Frau allein zu Hause saß, --
aber sie wollte sich ja selbst Besuch einladen und ihn wohl ganz gern
los sein -- und das war fünfzig Reichstaler wert.
Als der Mann gegangen war, klingelte die Frau der Haushälterin, um
derentwillen sie sich heute gezwungen hatte, so lange liegen zu
bleiben, weil diese erklärt hatte, hier im Hause pflege man um sieben
Uhr aufzustehen. Dann ließ sie sich Papier und Bleistift bringen und
schrieb folgendes Billett an Frau Revisor Homan, die gegenüber wohnte:
»Liebe Evelyn! Komm heute abend zu einer Tasse Tee zu mir, dann können
wir über die Statuten des Vereins ›Frauenrechte‹ sprechen. Vielleicht
wäre ein Basar oder eine Liebhaberaufführung praktisch. Ich habe
wirkliches Verlangen, den Verein zustande zu bringen; es ist ein
dringendes Bedürfnis, wie Du so oft sagst, und ich empfinde es sehr
tief, wenn ich darüber nachdenke. Glaubst Du, daß Ihre Gnaden mir auch
die Ehre erweisen würde? Ich werde vielleicht erst bei ihr Besuch
machen. Hole mich bitte um zwölf ab, dann gehen wir zu Bergens und
trinken Schokolade. Mein Mann ist aus.
Deine Eugenie.
+PS.+ Mein Mann ist aus.«
Darauf stand sie auf und zog sich an, um zu zwölf Uhr fertig zu sein.
* * * * *
Es war am Abend desselben Tages. Die Österlangstraße lag bereits im
Dämmern, als die Uhr von der Deutschen Kirche sieben schlug; nur
ein schwacher Lichtstreif von der Ferkensgasse fiel noch in Falks
Flachsladen, den Andersson jetzt zumachte. Im Kontor waren die Läden
schon geschlossen und das Gas angezündet. Dort war ausgefegt und
aufgeräumt worden; an der Tür prangten zwei Flaschenkörbe, aus denen
Hälse mit rotem und gelbem Lack, mit Stanniol und sogar mit rosa
Seidenpapier hervorsahen. Mitten im Zimmer stand ein weißgedeckter
Tisch; darauf thronte eine ostindische Bowle und ein schwerer,
vielarmiger silberner Leuchter. Und im Zimmer wanderte Karl Nikolaus
Falk auf und ab. Er hatte einen schwarzen Gehrock angezogen und sah
respektabel, aber auch vergnügt aus. Er hatte die Berechtigung,
einen gemütlichen Abend zu beanspruchen; er hatte selbst die Kosten
bestritten und alles arrangiert; er war zu Hause bei sich, ohne sich
vor Damen genieren zu müssen, und seine Gäste waren von der Sorte, daß
er ein Recht hatte, nicht allein Aufmerksamkeit und Artigkeit, sondern
noch etwas mehr zu verlangen. Es waren freilich nur zwei Personen, aber
er war nicht für viele Leute; dies waren seine Freunde, zuverlässig,
treu wie Hunde, unterwürfig, angenehm, immer mit Schmeicheleien
vollgepfropft und nie auf Widerspruch erpicht. Er hätte sich für sein
Geld wohl besseren Verkehr schaffen können, und er hatte ihn auch
zweimal im Jahr, wenn die alten Freunde seines Vaters eingeladen
wurden; aber er war offen gesagt zu sehr Despot, um sich in ihrer Mitte
wohl zu fühlen.
Jetzt war es drei Minuten nach sieben, und die Gäste hatten sich noch
nicht eingefunden. Falk begann ungeduldig zu werden. Er war, wenn er
seine Leute requirierte, gewohnt, daß sie auf die Minute zur Stelle
waren. Der Gedanke an das ungewöhnlich blendende Arrangement und
seinen lähmenden Eindruck hielt seine Geduld aber noch die eine Minute
aufrecht, die verging, bevor der Postbeamte Fritz Levin eintrat.
»Guten Abend, mein lieber Bruder, -- nein!« -- Hier hielt er im
Ausziehen des Überrocks inne, nahm die Brille ab und heuchelte
Überraschung über die großartigen Zurüstungen, als wolle er vor lauter
Verwunderung auf den Rücken fallen. Der siebenarmige Leuchter und das
Tabernakel. »Mein Gott! Mein Gott!« rief er, als er die Flaschenkörbe
bemerkte.
Der unter dem Vorbringen dieser gut einstudierten Artigkeiten den
Überzieher auszog, war ein Mann mittleren Alters von dem vor zwanzig
Jahren modernen Typ der königlichen Beamten, mit zusammenhängendem
Schnurr- und Backenbart, das Haar schräg gescheitelt, mit
+coup-de-vent+. Er war bleich wie eine Leiche, dünn wie ein
Bindfaden, elegant gekleidet, sah aber aus, als friere er an allen
Gliedern und stehe heimlich mit der Armut in innigem Verkehr.
Falk hieß ihn in roher und überlegener Art willkommen, die einesteils
andeutete, daß er Schmeicheleien verachte, besonders von dieser Seite,
andernteils, daß der Eintretende das Vertrauen genoß, sein Freund zu
sein. Als geeigneten Glückwunsch zur Anstellung sah er eine Anspielung
auf die Bestallung seines Vaters zum Hauptmann der Bürgerwehr an.
»Nun, es ist wohl ein schönes Gefühl, sein königliches Diplom in der
Tasche zu haben? Was? Mein Vater hatte auch ein königliches Diplom ...«
»Verzeih, lieber Bruder, ich habe nur ein konstitutoriales.«
»Ach, konsistoriales oder königliches Diplom ist ganz dasselbe; willst
du mich belehren! Mein Vater hat das königliche Diplom auch gehabt ...«
»Ich versichere dir, Bruder ...«
»Versichere! Was meinst du mit versichern? Denkst du, ich bin ein
Lügner? Sag! Denkst du wirklich, ich lüge?«
»Nein, durchaus nicht, du mußt nicht gleich so hitzig werden!«
»Du gibst also zu, daß ich nicht lüge, also hast du doch das königliche
Diplom. Was stehst du denn da und redest Unsinn! Mein Vater ...«
Der bleiche Mann, der schon beim Betreten des Kontors eine Schar Furien
hinter sich zu haben schien, denn er zitterte an allen Gliedern,
stürzte jetzt auf seinen Wohltäter zu, fest entschlossen, kurzen Prozeß
zu machen, bevor das Fest begann, damit man nachher Ruhe hatte.
»Hilf mir!« stöhnte er wie ein Ertrinkender und holte einen Revers aus
der Brusttasche.
Falk setzte sich auf das Sofa, rief Andersson, befahl ihm, die Flaschen
aufzuziehen, und begann die Bowle zu brauen. Darauf antwortete er dem
Blassen:
»Helfen? Habe ich dir nicht geholfen? Hast du mich nicht wiederholt
angepumpt, ohne je etwas zurückzuzahlen? He? Nun, habe ich dir nicht
geholfen? Was meinst du?«
»Mein lieber Bruder, ich weiß schon, daß du immer gut zu mir gewesen
bist.«
»Nun, bist du jetzt nicht fest angestellt? Ja! Nun also! Dann sollte
doch alles gut werden! Dann wolltest du alle Schulden bezahlen, und
es sollte ein neues Leben anfangen. Das habe ich seit achtzehn Jahren
gehört. Nun, wieviel Gehalt bekommst du jetzt?«
»Zwölfhundert Reichstaler, gegen achthundert früher. Aber höre nur
zu. Das Diplom kostet einhundertfünfundzwanzig, für die Pensionskasse
muß ich fünfzig bezahlen, Summa hundertfünfundsiebzig; wo soll ich
die hernehmen? Doch nun kommt das Schlimmste: meine Gläubiger haben
mein halbes Gehalt mit Beschlag belegt, so daß ich jetzt nur noch
sechshundert Reichstaler zum Leben habe, gegen früher achthundert, und
darauf habe ich nun neunzehn Jahre lang gewartet! Es ist wirklich eine
Freude, fest angestellt zu werden.«
»Ja, aber warum hast du Schulden gemacht? Man muß keine Schulden
machen, -- niemals -- Schulden -- machen!«
»Wenn man viele Jahre lang nur hundert Reichstaler Gratifikation
bekommt!«
»Dann hat man da nichts zu suchen. Aber das sind Dinge, die mich nichts
angehen! Mich -- nichts -- angehen!«
»Willst du nicht dies eine Mal unterschreiben?«
»Du kennst meine Prinzipien in diesem Falle, ich unterschreibe nie.
Höre jetzt auf davon!«
Levin schien an abschlägigen Bescheid in diesem Punkte gewöhnt zu sein
und beruhigte sich. Im selben Augenblick kam auch Magister Nyström und
unterbrach in höchst erwünschter Weise die Unterhaltung. Er war ein
dürrer Herr von geheimnisvollem Aussehen und geheimnisvollem Alter;
auch seine Beschäftigung war geheimnisvoll -- er sollte Lehrer an
irgendeiner Schule im Süden der Stadt sein, aber in welcher, danach
fragte niemand, und er selbst legte keinen Wert darauf, darüber zu
sprechen. Seine Mission in Falks Gesellschaft war erstens die, Magister
tituliert zu werden, wenn jemand es hörte, zweitens unterwürfig
und höflich zu sein, drittens dann und wann zu kommen und einen
Pumpversuch zu machen, höchstens fünf Kronen -- denn es gehörte zu
Falks geistigen Bedürfnissen, daß Leute zu ihm kamen, um Geld von ihm
zu borgen, kleinere Beträge natürlich --, und viertens bei festlichen
Gelegenheiten Verse zu machen, und das war nicht der unwichtigste Teil
seiner Mission.
Jetzt saß Karl Nikolaus Falk da, selber mitten auf dem Ledersofa,
denn man sollte nicht vergessen, daß es sein Sofa war, -- umgeben
von seinem Generalstab oder seinen Hunden, wie man auch sagen konnte.
Levin fand alles wundervoll, die Bowle, die Gläser, die Kelle, die
Zigarren (die ganze Kiste vom Kaminsims war hingestellt worden),
die Streichhölzer, den Aschbecher, die Flaschen, die Korke, die
Eisendrähte, -- alles. Der Magister sah zufrieden aus und brauchte
nicht zu sprechen, denn das besorgten die andern; er brauchte nur
anwesend zu sein, um im Bedarfsfall als Zeuge zu dienen.
Falk hob das erste Glas und trank, -- auf wen, das erfuhr niemand, der
Magister aber nahm an, es gelte dem Helden des Tages, holte deshalb
gleich seine Verse heraus und begann die »Fritz Levin bei seiner
Anstellung« gewidmeten Strophen zu lesen.
Falk wurde dabei von einem heftigen Husten befallen, der die Vorlesung
störte und die Wirkung der witzigsten Pointen auslöschte; Nyström aber,
der ein kluger Mann war, hatte das vorausgesehen und deshalb die ebenso
schön gedachte wie gesagte Wahrheit eingeflochten: »Was hätte wohl
Fritz Levin gemacht, wenn Karl Nikolaus Falk nicht seiner gedacht?« Die
feine Anspielung auf die vielen Darlehen, die von Falk seinem Freunde
bewilligt worden waren, hatte zur Folge, daß der Husten nachließ und
man die Schlußstrophe besser hören konnte, die unhöflicherweise wieder
Levin gewidmet war, ein Mißgriff, der von neuem die Harmonie zu stören
drohte. Falk goß sein Glas hinunter, als leere er einen bis an den Rand
mit Undank gefüllten Kelch.
»Du bist heute abend nicht so amüsant wie sonst, Nyström,« antwortete
er.
»Nein, an deinem achtunddreißigsten Geburtstag war er viel amüsanter,«
half Levin nach, der wußte, worauf es hinausging.
Falk durchforschte mit einem Blick die geheimsten Winkel seiner Seele,
um zu sehen, ob sich irgendein Falsch dort verbarg -- und da er zu
stolz war, so etwas zu sehen, sah er nichts. Er vollendete also:
»Ja, das will ich meinen! Das war das Amüsanteste, was ich je gehört
habe; es war so witzig, daß man es hätte drucken lassen können; du
solltest deine Sachen drucken lassen. Hör einmal, Nyström, du kannst es
bestimmt noch auswendig, nicht wahr?«
Nyström hatte ein so schlechtes Gedächtnis, oder, um die Wahrheit zu
sagen, er fand, sie hätten noch zu wenig getrunken, um dem Schamgefühl
und dem guten Geschmack so gröblich Gewalt anzutun; er bat also um
Aufschub; Falk aber, den die stille Opposition reizte und der schon zu
weit gegangen war, um umkehren zu können, bestand auf seinem Kopf. Er
glaube sogar, er habe eine Abschrift der Verse bei sich; er suchte in
seiner Brieftasche, und wahrhaftig, da lagen sie! Die Bescheidenheit
hätte ihm nicht verboten, sie selbst vorzulesen, denn das hatte er
schon oft getan; aber es klang besser, wenn ein anderer es tat. Und
der arme Hund biß in seine Kette, aber sie hielt. Dieser Magister
war eine feinfühlige Natur, doch er mußte roh sein, um das kostbare
Geschenk des Lebens weiter verwalten zu können, und er war gehörig
roh gewesen. Die intimsten Verhältnisse des Lebens waren bloßgelegt:
alles was mit der Geburt des Achtunddreißigjährigen, mit seiner
Aufnahme in die menschliche Gesellschaft, seiner Erziehung und Pflege
in Verbindung stand und was den Gefeierten selbst angeekelt hätte, wenn
es sich um einen anderen als ihn selbst gehandelt hätte. Jetzt aber war
es ausgezeichnet, weil es sich mit seiner Person beschäftigte. Nach
beendeter Vorlesung wurde unter lautem Jubel auf Falks Wohl getrunken,
und man leerte viele Gläser darauf, denn man hatte das Gefühl, zu
nüchtern zu sein, um seine wirklichen Gefühle im Zaum halten zu können.
Darauf wurde der Tisch abgeräumt, und nun wurde ein köstliches Mahl
aufgetragen, mit Austern und Geflügel und allen möglichen guten Dingen.
Falk ging umher und beroch die Schüsseln, schickte diese und jene
zurück, sah nach, ob der englische Porter verschlagen und die Weine je
nach ihrer Art temperiert seien. Jetzt sollten seine Hunde ihren Dienst
antreten und ihm ein angenehmes Schauspiel bereiten. Als alles fertig
war, zog er seine goldene Uhr und behielt sie in der Hand, während
er die folgende scherzende Frage hinwarf, an die die Antwortenden so
gewöhnt, so sehr gewöhnt waren:
»Wieviel ist die silberne Uhr der Herren?«
Diese gaben pflichtschuldig und unter angemessenem Lachen die verlangte
Antwort: ihre Uhren seien beim Uhrmacher. Das versetzte Falk in
brillante Laune, die sich in der durchaus nicht unerwarteten Bemerkung
Luft machte:
»Die Fütterung der Tiere findet um acht statt!« -- Worauf er sich
setzte, drei Schnäpse einschenkte, selber einen nahm und die anderen
aufforderte, ein gleiches zu tun.
»Ich fange an, wenn ihr nicht wollt. Hier werden keine Umstände
gemacht. Haut nur ein, Jungens!«
Und nun begann die Fütterung. Karl Nikolaus, der nicht besonders
hungrig war, hatte genügend Zeit, sich an dem Appetit der anderen zu
weiden, und er forderte sie durch Püffe und Stöße und Grobheiten auf,
zu essen. Ein grenzenlos wohlwollendes Lächeln breitete sich über sein
blondes Sonnenschein-Gesicht, als er ihren Eifer sah, und es war schwer
festzustellen, was ihn am meisten ergötzte: daß sie so fleißig aßen
oder daß sie so hungrig waren. Er saß da wie ein Kutscher und trieb sie
durch Schnalzen und Knallen an.
»Iß nur, Nyström; du weißt nicht, wann du wieder was kriegst. Nimm
dir, Postrat -- du siehst aus, als könntest du Fleisch auf den Knochen
brauchen. Grinst du über die Austern -- taugen die etwa nicht für so
einen Kerl? -- He? Nimm dir noch eine! Nimm doch! Du kannst nicht? Was
ist das für ein Geschwätz! So! Jetzt trinken wir einen Schluck! Trinkt
Bier, Jungens! Du mußt mehr Lachs nehmen! Zum Teufel, nimm doch noch
ein Stück Lachs! Iß doch, zum Teufel! Das kostet alles gleich viel!«
Als das Geflügel zerlegt war, füllte Karl Nikolaus mit einer gewissen
Feierlichkeit die Rotweingläser, und die Gäste, die eine Rede
befürchteten, machten eine Pause. Der Wirt hob sein Glas, roch daran
und sprach mit tiefem Ernst den folgenden Willkommensgruß:
»Prost, Schweine!«
Nyström beantwortete den Toast dankbar, indem er sein Glas hob und
trank, Levin aber ließ das seine stehen und machte ein Gesicht, als
schleife er ein Messer in der Tasche.
Als das Abendessen seinem Ende zuging und Levin sich von Speise und
Trank gestärkt fühlte und der Weindunst ihm zu Kopf stieg, überkam ihn
ein gewisses gefährliches Gefühl von Unabhängigkeit, und ein starker
Freiheitstrieb erwachte in ihm. Seine Stimme wurde klangvoller, seine
Worte sprach er mit mehr Sicherheit aus, und er bewegte sich
unbefangen.
»Gib mir eine Zigarre,« befahl er, »eine gute Zigarre! Kein so
schlechtes Kraut!«
Karl Nikolaus, der dies für einen gelungenen Scherz hielt, gehorchte.
»Ich sehe deinen Bruder heute abend nicht hier,« sagte Levin
noncholant.
Es lag etwas Unheilverkündendes und Drohendes in seiner Stimme, und das
empfand Falk, denn er wurde mißmutig.
»Nein!« antwortete er kurz, aber unsicher.
Levin zögerte, bevor er zum nächsten Schlage ausholte. Es gehörte zu
seinen einträglichsten Beschäftigungen, sich in die Angelegenheiten
anderer Leute zu mischen, wie man es nennt; er trug Klatsch von einer
Familie zur anderen, säte hier ein Korn Zwietracht und da eins, um dann
die dankbare Rolle des Vermittlers zu übernehmen. Hierdurch verschaffte
er sich einen gefürchteten Einfluß und konnte, wenn er wollte, die
Menschen wie Puppen tanzen lassen. Falk empfand diesen unangenehmen
Einfluß auch und wollte sich ihm entziehen, vermochte es aber nicht,
denn Levin verstand durch Kunstgriffe seine Neugier sehr geschickt zu
reizen; und indem er mehr andeutete als er selbst überhaupt wußte,
entlockte er den Leuten ihre Geheimnisse.
Jetzt hatte also Levin die Peitsche in der Hand, und er schwor sich,
sie seinen Unterdrücker fühlen zu lassen. Einstweilen knallte er nur
in der Luft, aber Falk war auf Hiebe gefaßt. Er versuchte das Thema zu
wechseln. Er forderte zum Trinken auf, und es wurde getrunken. Levin
wurde immer weißer und kälter, aber sein Rausch wuchs! Er spielte mit
seinem Opfer.
»Deine Frau hat Besuch heute abend,« sagte er gleichgültig.
»Woher weißt du das?« fragte Falk bestürzt.
»Ich weiß alles,« antwortete Levin und zeigte die Zähne. Er wußte
wirklich beinahe alles. Seine ausgedehnten Geschäftsverbindungen
nötigten ihn, so viele öffentliche Lokale wie möglich zu besuchen, und
dort bekam er viel zu hören, sowohl was in seiner Gesellschaft wie in
fremder erzählt wurde.
Falk bekam tatsächlich Angst, er wußte nicht warum, und er fand es
geraten, die drohende Gefahr abzuwenden. Er wurde höflich und sogar
demütig, Levin dagegen immer kühner. Schließlich blieb dem Wirt nur
übrig, eine Rede zu halten, wirklich an die Veranlassung dieses
Gelages mit den Massen von Speisen und Weinen zu erinnern, mit einem
Wort, dem Helden des Tags eine Anerkennung zu spenden. Es gab keinen
anderen Ausweg; -- er war allerdings kein Redner, aber es mußte nun
einmal sein! Er klopfte an die Bowle, füllte das Glas, erinnerte
sich einer alten Rede, die sein Vater auf ihn gehalten hatte, als er
Geschäftsinhaber geworden war, stand auf und begann sehr langsam:
»Meine Herren! Ich bin jetzt seit acht Jahren Inhaber des Geschäftes;
damals war ich erst dreißig Jahre alt.«
Die Veränderung der Lage vom Sitzen zum Stehen rief einen heftigen
Blutandrang nach dem Kopf hervor, so daß er sich verwirrt fühlte, wozu
auch Levins höhnische Blicke beitrugen. Er geriet so in Verwirrung, daß
die Zahl dreißig ihm ungeheuer groß vorkam und er ganz bestürzt darüber
wurde.
»Habe ich dreißig gesagt? Das -- habe ich nicht gemeint! Jedenfalls
hatte ich damals bei meinem Vater viele Jahre konditioniert, wie viele
Jahre kann ich mich jetzt nicht genau erinnern. Mja -- es würde zu
weit führen, alles aufzuzählen, was ich in diesen Jahren durchgemacht
und erfahren habe, denn das ist des Menschen Schicksal! Ihr findet
vielleicht, daß ich egoistisch bin ...«
»Hört!« stöhnte Nyström, der sein müdes Haupt auf den Tisch gelegt
hatte.
Levin stieß den Rauch gegen den Redner aus, als speie er ihn an.
Falk, der jetzt betrunken war, fuhr fort, während seine Blicke ein
fernes Ziel suchten, das er nicht fassen konnte:
»Der Mensch ist egoistisch, das wissen wir alle. Mja! Mein Vater, der
eine Rede auf mich hielt, als ich Geschäftsinhaber wurde, wie ich
vorhin sagte --«
Hier holte der Redner seine goldene Uhr heraus und löste sie von der
Kette. -- Die beiden Zuhörer rissen die Augen auf. Wollte er Levin eine
Ehrengabe überreichen?
»Überreichte mir bei diesem Anlaß diese goldene Uhr, die er von seinem
Vater bekommen hatte, im Jahre --«
Wieder diese furchtbaren Zahlen, und er schrak zurück.
»Diese goldene Uhr, meine Herren, habe ich bekommen, und nie denke
ich ohne Rührung -- an den Augenblick, da ich sie bekam. Sie finden
vielleicht, daß ich egoistisch bin, meine Herren? Das bin ich nicht.
Es ist allerdings nicht schön, über sich selbst zu sprechen, aber
bei einer solchen Gelegenheit liegt es nahe, daß man zurückschaut --
über das Vergangene. Ich will nur von einem einzigen kleinen Umstand
erzählen.«
Er hatte Levin vergessen, hatte die Bedeutung des Tages vergessen und
dachte, es sei sein Junggesellenschmaus. Jetzt aber schwebte ihm die
Szene mit dem Bruder am Morgen und sein Triumph vor. Er fühlte ein
unklares Bedürfnis, von diesem Triumph zu sprechen, konnte sich aber
auf keine weiteren Einzelheiten besinnen, als daß er ihm bewiesen
hatte, er sei ein Schuft; die ganze Beweiskette war seinem Gedächtnis
entfallen, und es waren nur zwei Tatsachen übriggeblieben. Bruder und
Schuft; er versuchte sie zu verknüpfen, aber sie wollten sich nicht
vereinigen. -- Sein Hirn arbeitete und arbeitete, und neue Bilder
drängten sich heran. Er hatte das Verlangen, von einem edelmütigen
Zuge seines Lebens zu sprechen, und ihm fiel ein, daß er seiner Frau
am Morgen Geld gegeben hatte, daß sie schlafen konnte so lange sie
wollte, und ihren Kaffee im Bett trinken durfte; aber das war für diese
Gelegenheit nicht geeignet; er befand sich in einer schwierigen Lage
und kam zur Besinnung aus Furcht vor dem Schweigen, das entstanden war,
und den scharfen Blicken, die ihn unablässig betrachteten. Er fand sich
mit der Uhr in der Hand dastehen. Mit der Uhr? Wo war sie hergekommen!
Warum saßen sie hier im Dunkeln, während er stand? Ja, so war es, er
hatte ihnen von der Uhr erzählt, und sie warteten auf die Fortsetzung.
»Diese Uhr, meine Herren, ist freilich keine merkwürdige Uhr. Es ist
nur französisches Gold.«
Die beiden früheren Besitzer der silbernen Uhren machten große Augen.
Dies war ihnen neu!
»Und ich glaube, es sind nur sieben Rubine -- es ist durchaus keine
merkwürdige Uhr -- es ist eher eine schlechte Uhr!«
Er wurde aus irgendeinem geheimen Grunde, der seinem Gehirn kaum bewußt
war, wütend und mußte seinem Zorn irgendwie Luft machen. Er schmetterte
die Uhr auf den Tisch und schrie:
»Es ist eine verdammt schlechte Uhr, sage ich. Hört zu, wenn ich rede!
Glaubst du mir nicht, Fritz? Antworte! Du sitzt da und siehst so falsch
aus. Du glaubst nicht, was ich sage! Ich sehe es deinen Augen an,
Fritz, du glaubst nicht, was ich sage. Ich bin ein Menschenkenner, du!
Und ich kann schon noch einmal für dich Bürgschaft leisten! -- Entweder
lügst du, oder ich lüge! Hör zu: soll ich dir beweisen, daß du ein
Schuft bist? Mja! Hör zu, Nyström! Wenn -- ich -- ein falsches Zeugnis
abgebe, bin ich dann ein Schuft?«
»Natürlich bist du ein Schuft!« antwortete Nyström prompt.
»Ja! -- Mja!«
Er versuchte sich vergebens zu erinnern, daß Levin ein falsches Zeugnis
oder überhaupt irgendein Zeugnis abgegeben habe, also war die Sache
hinfällig. Levin war müde und fürchtete, das Opfer könne die Besinnung
verlieren, so daß es nicht mehr die Kraft hätte, den zugedachten Schlag
zu empfinden. Er unterbrach also den Redner mit einem Scherz in Falks
eigenem Stil.
»Prost, alter Schuft!«
Dann setzte er die Peitsche in Bewegung. Er zog nämlich eine Zeitung
aus der Tasche und fragte Falk in kaltem, mörderischem Ton:
»Hast du die ›Volksfahne‹ gelesen?«
Falk starrte das Skandalblatt an, schwieg aber. Das Unvermeidliche
mußte kommen.
»Es steht ein amüsanter Artikel über das ›Kollegium für Auszahlung der
Beamtengehälter‹ darin.«
Falk wurde weiß im Gesicht.
»Man sagt, dein Bruder habe ihn geschrieben.«
»Das ist eine Lüge! Mein Bruder ist kein Skandalschreiber! Mein Bruder
nicht, du!«
»Leider hat er doch dafür büßen müssen! Er soll aus dem Amt fortgejagt
sein!«
»Das lügst du!«
»Nein, ich habe ihn übrigens heute mittag mit einem Bummler im
›Zinnknopf‹ gesehen! Es ist verflucht schade um den Jungen!«
Das war wirklich das Schlimmste, was Karl Nikolaus treffen konnte.
Er war entehrt! Sein Name und der Name seines Vaters, -- alles, was
die alten Bürger ausgerichtet hatten, war vergebens gewesen. Wenn
einer gekommen wäre und ihm erzählt hätte, seine Frau sei gestorben,
-- dann wäre doch noch nicht alles verloren gewesen, auch ein
Geldverlust hätte sich wieder gutmachen lassen. Wenn ihm einer erzählt
hätte, feine Freunde Levin oder Nyström seien wegen Wechselfälschung
verhaftet worden, so würde er ganz einfach die Bekanntschaft mit ihnen
abgeleugnet haben, denn er ließ sich nie außerhalb des Hauses mit
ihnen sehen. Aber die Verwandtschaft mit seinem Bruder konnte er nicht
ableugnen. Er war entehrt durch seinen Bruder! Das war ein Faktum.
Levin hatte es eine gewisse Befriedigung bereitet, diese Geschichte
vorzubringen; denn Falk, der seinem Bruder nie ein ermunterndes Wort
gönnte, wenn dieser es hörte, pflegte dagegen seinen Freunden gegenüber
mit ihm und seinen Verdiensten zu protzen.
»Mein Bruder, der Assessor! Hm! Das ist ein Kopf! Er wird es weit
bringen, das sollt ihr sehen!« Es hatte Levin gereizt, ständig diese
indirekten Vorwürfe zu hören, um so mehr, als Karl Nikolaus eine
bestimmte, unübersteigbare Grenze zwischen Post- und Ministerialbeamten
zog, wenn er sie auch nicht mit einem Wort präzisieren konnte.
Levin hatte, ohne die Hand heben zu müssen, eine blendende Rache
genommen, eine so wohlfeile Rache, daß er es sich leisten zu können
glaubte, edelmütig zu sein und als Tröster aufzutreten.
»Nun, du mußt es nicht so verdammt schwer nehmen! Man kann ja doch ein
Mensch sein, wenn man auch Zeitungsschreiber ist, und was den Skandal
betrifft, so ist er nicht so gefährlich. Wenn man keine bestimmten
Persönlichkeiten angreift, ist es ja kein Skandal; im übrigen ist es
sehr amüsant geschrieben, sehr witzig, und wird in der ganzen Stadt
gelesen.«
Diese letzte Trostpille brachte Falk vollends in Raserei.
»Er hat meinen guten Namen gestohlen, meinen Namen! Wie kann ich es
wagen, mich morgen auf der Börse sehen zu lassen. Was werden die Leute
sagen!«
Mit den Leuten meinte er eigentlich seine Frau, die über das Ereignis,
das die Mesalliance weniger fühlbar machte, sehr entzückt sein würde.
Seine Frau würde seinesgleichen werden -- dieser Gedanke machte ihn
rasend. Er wurde von einem unauslöschlichen Menschenhaß gepackt. Er
hätte der Vater dieses Bastards sein mögen, dann hätte er wenigstens
seine Hände waschen können, indem er sich das väterliche Prärogativ
zunutze machte, einen Fluch aussprach und damit frei war; aber daß
einem Bruder ein solches Recht zustand, hatte man noch nie gehört.
Vielleicht war er selbst zum Teil an seiner Schande schuld; hatte er
nicht den Neigungen des Bruders bei der Berufswahl Gewalt angetan,
hatte er diesen Artikel vielleicht durch die Szene am Morgen
hervorgerufen oder durch die ökonomischen Schwierigkeiten, in die
er den Bruder gebracht hatte? Er? Sollte er dies verschuldet haben?
Nein! er hatte nie eine schlechte Handlung begangen; er war rein, er
genoß Achtung und Ansehen, er war kein Skandalschreiber, er war nicht
weggejagt worden; hatte er nicht ein Papier in der Tasche mit der
Bestätigung, daß er der beste Freund mit dem besten Herzen sei? Hatte
der Magister das nicht vorhin vorgelesen? Ja, natürlich! Er begann zu
trinken -- unmäßig -- nicht um sein Gewissen zu betäuben, das hatte er
nicht nötig, denn er hatte nichts Unrechtes getan, sondern um seinen
Zorn zu ersticken. Aber das half nichts, der Zorn kochte über, und die
in der Nähe saßen, wurden verbrüht.
»Trinkt, ihr Elenden! Da sitzt das Vieh und schläft! Das nenne ich
Freunde! Weck ihn auf, Levin! Du! Du!«
»Wen schreist du so an?« fragte der gekränkte Levin in mürrischem Ton.
»Dich natürlich!«
Über den Tisch wurden Blicke gewechselt, die nichts Gutes verhießen.
Falk, dessen Laune sich besserte, als er einen anderen in Wut geraten
sah, nahm einen Löffel voll Bowle und goß sie dem Magister über den
Kopf, daß sie ihm hinten in den Kragen lief.
»Tu das nicht noch einmal,« sagte Levin energisch und drohend.
»Wer sollte mich hindern?«
»Ich. -- Ja, ich! Ich dulde solche Schändlichkeiten nicht, daß du seine
Kleider ruinierst!«
»Seine Kleider!« lachte Falk. »Seine Kleider! Ist das nicht mein Rock,
hat er ihn nicht von mir bekommen?«
»Jetzt geht es zu weit,« -- sagte Levin und stand auf, um zu gehen.
»Ja, jetzt gehst du! Du bist satt, du kannst nicht mehr trinken, du
brauchst mich heute abend nicht mehr; willst du mich um einen Fünfer
anpumpen? Wie? Darf ich nicht die Ehre haben, dir etwas Geld zu leihen?
Oder soll ich lieber unterschreiben, unterschreiben, du?«
Bei dem Wort unterschreiben spitzte Levin die Ohren. Wie, wenn er ihn
in dieser erregten Stimmung überrumpeln könnte? Er wurde ganz weich bei
dem Gedanken.
»Du darfst nicht ungerecht sein, lieber Bruder,« nahm er das Gespräch
wieder auf. »Ich bin nicht undankbar und weiß deine Güte durchaus zu
schätzen; ich bin arm, so arm, wie du nie gewesen bist und nie werden
kannst; ich habe Demütigungen erduldet, die du nie für möglich halten
würdest, dich aber habe ich immer als einen Freund angesehen. Wenn ich
das Wort Freund sage -- meine ich es. Du hast heute abend getrunken und
bist traurig, deshalb bist du ungerecht; aber ich versichere allen, daß
es kein besseres Herz gibt als deins, Karl Nikolaus. Und das sage ich
nicht zum erstenmal. Ich danke dir für deine Aufmerksamkeit heute, wenn
ich nämlich die festliche Bewirtung, die uns zuteil geworden ist, und
die ausgezeichneten Weine, die hier geflossen sind, auf mich beziehen
darf. -- Ich danke dir, lieber Bruder, und trinke auf dein Wohl. Prost,
Bruder Karl Nikolaus. Hab Dank, hab herzlichen Dank! Du sollst dies
nicht umsonst getan haben! Denke daran!«
Diese mit vor Bewegung (Gemütsbewegung) zitternder Stimme gesprochenen
Worte taten merkwürdigerweise ihre Wirkung. Falk kam sich gut vor;
hatte man ihm nicht abermals versichert, daß er ein gutes Herz habe?
Er glaubte es. Sein Rausch trat jetzt in das sentimentale Stadium. Man
kam sich näher, man sprach abwechselnd über seine guten Eigenschaften,
über die Bosheit der Welt, sprach darüber, wie warm man fühle und
einen wie guten Willen man habe; man hielt sich an den Händen. Falk
sprach von seiner Frau, wie gut er zu ihr sei; er sprach davon, wie
geistlos seine Tätigkeit sei, wie tief er den Mangel an Bildung
empfinde, wie verfehlt sein Leben sei; und als er seinen zehnten Likör
getrunken hatte, vertraute er Levin an, er habe sich eigentlich dem
geistlichen Beruf widmen, ja Missionar werden wollen. Man wurde immer
geistiger und geistiger. Levin sprach von seiner verstorbenen Mutter,
von ihrem Tod und ihrem Begräbnis, von einer verschmähten Liebe und
schließlich von seinen religiösen Anschauungen, über die er nicht
mit jedem Beliebigen spräche; und jetzt war man bei der Religion
angelangt. Die Uhr wurde eins, wurde zwei, und man hörte noch immer
nicht auf, während Nyström, den Kopf und die Arme auf den Tisch gelegt,
getreulich schlief. Das Kontor war von dem Tabakrauch, der das Licht
der Gaslampen verdunkelte, in Dämmerung gehüllt; die sieben Kerzen
des siebenarmigen Leuchters waren niedergebrannt, und der Tisch sah
betrüblich aus. Ein paar Gläser hatten den Fuß verloren, Zigarrenasche
war auf das beschmutzte Tischtuch verstreut, Streichhölzer lagen auf
dem Fußboden umher. Durch die Öffnung in den Fensterläden drang jetzt
das Tageslicht herein, brach in langen Strahlen durch die Tabakswolken
und bildete eine kabbalistische Figur auf dem Tischtuch zwischen
den beiden Glaubenshelden, die eifrig im Zuge waren, die Augsburger
Konfession umzuredigieren. Sie sprachen jetzt mit zischenden Stimmen,
das Gehirn war stumpf geworden, die Worte kamen immer trockener heraus,
die Spannung ließ nach, trotz dem fleißigen Anheizen, man versuchte
noch einmal, sich zur Ekstase emporzuschrauben, aber sie flackerte
und flackerte, der Geist entfloh, bedeutungslose Worte wurden noch
hervorgebracht, bald aber erlosch der letzte Funke; die betäubten
Hirne, die wie gepeitschte Kreisel gearbeitet hatten, ließen nach und
fielen um. Nur ein Gedanke stand noch klar da -- man mußte schlafen
gehen, sonst würde man sich voreinander ekeln, man mußte allein sein.
Nyström wurde geweckt. Levin umarmte Karl Nikolaus und steckte drei
Zigarren in die Tasche. Man war zu hoch gestiegen, um so schnell
wieder herunter kommen und über den Schuldschein sprechen zu können.
Die Abschiedsgrüße wurden ausgetauscht, der Wirt ließ die Gäste hinaus,
-- und er war allein! Er öffnete die Läden, und das Tageslicht fiel
herein -- er öffnete das Fenster und ein frischer Luftstrom von der
Schiffsbrücke drang durch die enge Gasse, deren eine Häuserreihe von
der eben aufgegangenen Sonne beleuchtet wurde. Es schlug vier; dieser
wunderbare, kurze Glockenschlag, den nur der auf dem schlaflosen Bett
des Kummers oder der Krankheit liegende, nach dem Morgen verlangende
erbarmenswerte Mensch zu hören pflegt. Selbst die Österlangstraße,
diese Straße des Lasters, des Schmutzes, der Schlägereien, lag still,
einsam, rein da. Falk fühlte sich tief unglücklich. Er war entehrt, und
er war einsam. Er schloß das Fenster und die Läden, und als er sich
umdrehte und die Verwüstung sah, begann er aufzuräumen. Er sammelte
alle Zigarrenstummel auf und warf sie in den Kamin, er deckte ab, er
fegte aus, er wischte Staub, er stellte alles auf seinen Platz. Er
wusch sich Gesicht und Hände und kämmte sich; ein Polizist hätte ihn
für einen Mörder halten können, der sich bemühte, die Spuren seiner
Tat zu verwischen. Aber bei all dem dachte er klar, bestimmt und
deutlich. Und als er das Zimmer und sich selbst in Ordnung gebracht
hatte, war sein Entschluß gefaßt, den er wirklich lange vorbereitet
hatte und der jetzt ins Werk gesetzt werden sollte. Er wollte die
Schande auslöschen, die er in seiner Familie erlitten hatte, er wollte
emporsteigen, er wollte ein berühmter, ein mächtiger Mann werden; er
wollte ein neues Leben beginnen, er hatte einen Namen hochzuhalten, und
er wollte ihn zu Ehren bringen. Er fühlte, daß eine große Leidenschaft
nötig war, um sich nach dem Schlag, den er heute abend empfangen hatte,
aufrechtzuerhalten; der Ehrgeiz hatte lange in ihm geschlummert, man
hatte ihn geweckt, und nun war er da.
Er war jetzt völlig nüchtern geworden, steckte sich eine Zigarre an,
trank einen Kognak und ging in seine Wohnung hinauf, still und leise,
um seine Frau nicht zu wecken.
Fünftes Kapitel
Bei dem Verleger
Arvid Falk wollte seine Versuche bei dem mächtigen Smith beginnen
-- den Namen hatte dieser aus übertriebener Bewunderung für alles
Amerikanische angenommen, als er einmal in seiner Jugend einen kleinen
Ausflug nach dem großen Lande gemacht hatte --, bei dem gefürchteten
Manne mit den tausend Armen, der sogar aus schlechtem Material in zwölf
Monaten einen Schriftsteller machen konnte. Seine Methode war bekannt,
aber es gab niemanden, der sie anzuwenden wagte, denn dazu war ein
beispielloser Grad von Frechheit erforderlich. Der Schriftsteller,
dessen er sich annahm, konnte sicher sein, einen Namen zu bekommen,
deshalb wurde Smith von namenlosen Schriftstellern überlaufen. Als ein
Beispiel dafür, wie unwiderstehlich er war und wie er die Leute trotz
Publikum und Kritik hochbringen konnte, pflegte die folgende Geschichte
angeführt zu werden. Ein junger Mensch, der noch nie etwas geschrieben
hatte, verfaßte einen schlechten Roman, den er Smith brachte. Diesem
gefiel das erste Kapitel -- mehr las er nie --, und er beschloß, die
Welt mit einem neuen Schriftsteller zu beglücken. Das Buch kommt
heraus; auf der Rückseite des Umschlages steht zu lesen: »Blut
und Schwert. Roman von Gustav Sjöholm. Diese Arbeit des jungen und
vielversprechenden Schriftstellers, dessen Name in weiten Kreisen schon
lange bekannt und sehr geschätzt war, usw. ... Tiefe der Charaktere
... Klarheit ... Kraft. Unserem Romane lesenden Publikum aufs wärmste
zu empfehlen.« Das Buch erschien am 3. April. Am 4. April stand in
der viel gelesenen Stockholmer Zeitung »Graumützchen«, von der Smith
fünfzig Aktien besaß, eine Kritik. Die Kritik schloß: »Gustav Sjöholm
ist bereits ein Name; wir brauchen ihm nicht erst dazu zu verhelfen;
und wir empfehlen dieses Werk nicht nur dem Romane lesenden, sondern
auch dem Romane schreibenden Publikum.« Am 5. April war das Buch in
allen Zeitungen der Hauptstadt angezeigt, und in der Annonce fand sich
das folgende Zitat: »Gustav Sjöholm ist bereits ein Name; wir brauchen
ihm nicht erst dazu zu verhelfen (Graumützchen).«
Am selben Abend stand eine Rezension im »Unbestechlichen«, der aber
von niemandem gelesen wird. Da wurde das Buch als ein Muster für
erbärmliche Literatur besprochen, und der Rezensent verschwor sich,
daß Gustav Sjöblom (ein absichtlicher Schreibfehler des Rezensenten)
überhaupt kein Name sei. Aber da der »Unbestechliche« nicht gelesen
wurde, so verhallte diese Opposition ungehört.
Die anderen Zeitungen der Hauptstadt, die im Urteil nicht von dem
führenden, ehrwürdigen »Graumützchen« abweichen wollten und es Smiths
wegen nicht wagten, waren recht milde, aber nicht mehr. Sie glaubten,
Gustav Sjöholm werde sich durch Arbeit und Fleiß in Zukunft einen Namen
machen können.
Einige Tage blieb es still, aber in allen Zeitungen, in dem
»Unbestechlichen« mit fettem Druck, standen die Annoncen und
verkündeten: Gustav Sjöholm ist bereits ein Name. Dann jedoch tauchte
im »Allerlei« von X-köping ein Artikel auf, der gegen die Härte der
hauptstädtischen Presse gegen junge Schriftsteller zu Felde zog. Der
heißblütige Korrespondent schloß: »Gustav Sjöholm ist ganz einfach ein
Genie, trotz der Opposition doktrinärer Dummköpfe.«
Am Tage darauf stand wieder die Annonce in allen Zeitungen und
verkündete: »Gustav Sjöholm ist bereits ein Name« usw. (Graumützchen),
»Gustav Sjöholm ist ein Genie!« (X-köpinger Allerlei). Das nächste Heft
der Zeitschrift »Unser Land«, von Smith herausgegeben, enthielt auf dem
Umschlage die folgende Anzeige: »Zu unserer Freude können wir unseren
vielen Lesern mitteilen, daß der berühmte Schriftsteller Gustav Sjöholm
uns für das nächste Heft eine Originalnovelle in Aussicht gestellt
hat usw.« Und dann Annoncen in den Zeitungen! Zu Weihnachten kam
schließlich der Kalender »Unser Volk« heraus. Von den Verfassern waren
auf dem Titelblatt genannt: Orvar Odd, Talis Qualis, Gustav Sjöholm
u. a. Die Tatsache blieb bestehen: Gustav Sjöholm war schon nach acht
Monaten ein Name. Und das Publikum, ja, das konnte nichts daran ändern;
es mußte ihn hinnehmen. Es konnte in keine Buchhandlung gehen und ein
Buch ansehen, ohne von ihm zu lesen, es konnte keine alte Zeitung
zur Hand nehmen, ohne ihn darin angezeigt zu sehen, ja, es gab keine
Situation im Leben, in der man nicht diesen Namen auf einem Fetzen
bedruckten Papiers gefunden hätte. Die Hausfrauen hatten ihn Sonnabends
im Marktkorb liegen, die Mädchen brachten ihn aus den Geschäften mit
nach Hause, die Laufburschen fegten ihn von der Straße auf, und die
Herren trugen ihn in der Schlafrocktasche.
Da der junge Schriftsteller diese große Macht Smiths kannte, stieg er
nicht ohne eine gewisse Beklemmung die dunklen Treppen seines Hauses
bei der Großen Kirche hinauf. Lange mußte er sitzen und warten und sich
den peinlichsten Betrachtungen überlassen, bis die Tür aufgerissen
wurde und ein junger Mann mit Verzweiflung im Gesicht und einer
Papierrolle unterm Arm hinausstürzte. Zitternd betrat Falk das hintere
Zimmer, in dem der Gefürchtete empfing. Er saß auf einem niederen Sofa,
ruhig und mild wie ein Gott, nickte freundlich mit seinem graubärtigen,
mit einer blauen Mütze versehenen Kopf und rauchte so friedvoll
seine Pfeife, als habe er nicht soeben die Hoffnungen eines Menschen
vernichtet oder einen Unglücklichen von sich gestoßen.
»Guten Tag, guten Tag!«
Und er musterte mit einigen Götterblicken die Kleider des Eintretenden,
die proper aussahen; aber deshalb forderte er ihn doch noch nicht auf,
Platz zu nehmen.
»Mein Name ist ... Falk.«
»Der Name ist mir unbekannt. -- Was ist Ihr Vater?«
»Mein Vater ist tot!«
»So, er ist tot? Gut! Was kann ich für Sie tun, mein Herr?«
Der Herr holte ein Manuskript aus der Brusttasche und überreichte es
Smith.
Dieser setzte sich drauf, ohne es anzusehen.
»Nun, und das soll ich drucken lassen? -- Es sind Verse? Jawohl, ja!
Wissen Sie, was es kostet, einen Bogen zu drucken? Nein, das wissen Sie
nicht!«
Hier stieß er dem Unwissenden mit dem Pfeifenschaft vor die Brust.
»Haben Sie einen Namen, mein Herr? Nein! Haben Sie sich irgendwie
ausgezeichnet? Nein!«
»Ich habe für diese Gedichte eine Belobigung von der Akademie
bekommen.«
»Von welcher Akademie? Von der Akademie der Wissenschaften! Nun ja! die
die vielen Flintsteinsachen herausgibt. Nun ja!«
»Flintsteinsachen?«
»Nun ja, Sie wissen doch, mein Herr, die Akademie der Wissenschaften.
Nun ja, unten im Museum am Strom, nun also!«
»Nein, Herr Smith, die schwedische Akademie, bei der Börse ...«
»Nun ja! Die mit den Stearinkerzen! Gleichviel! Kein Mensch weiß, wozu
die gut ist! Nein, sehen Sie, mein Bester, man muß einen Namen haben,
wie zum Beispiel Tegnell, Öhronschlegel und so weiter! Unser Land hat
viele große Dichter, auf die ich mich im Augenblick nicht besinne; aber
man muß einen Namen haben. Herr Falk! Hm! Wer kennt Herrn Falk? Ich
jedenfalls nicht, und ich kenne viele große Dichter! Ich habe neulich
noch zu meinem Freunde Ibsen gesagt: Hör einmal, Ibsen -- ich duze
ihn --, hör einmal, Ibsen, schreibe etwas für meine Zeitschrift; ich
bezahle, was du verlangst! Er hat geschrieben, ich habe bezahlt, aber
ich habe es auch bezahlt bekommen. Nun also!«
Der niedergeschmetterte junge Mann wäre am liebsten in die Fugen des
Fußbodens gekrochen und hätte sich versteckt, als er hörte, daß er
einem Manne gegenüberstand, der Ibsen duzen durfte. Er wollte sein
Manuskript wieder an sich nehmen und davonlaufen, wie vorhin der
andere, hinaus, weit fort, an irgendeinen größeren Strom. Smith schien
das zu empfinden.
»Nun ja. Sie können Schwedisch schreiben, mein Herr, das glaube ich
schon! Sie kennen wohl auch unsere Literatur besser als ich sie kenne!
Nun also! Gut! Mir ist eine Idee gekommen! Ich habe gehört, daß es
große, schöne, geistliche Schriftsteller in der Vergangenheit gegeben
hat, unter Gustaf Eriksson oder seiner Tochter Christine; nun ja, das
ist einerlei! Ich besinne mich auf einen, der einen großen, einen sehr
großen Namen hat; er hat eine große Versdichtung über Gottes Schöpfung
geschrieben, glaube ich! Haakan heißt er mit Vornamen!«
»Haqvin Spegel meinen Sie, Herr Smith! Gottes Werke und Ruhe!«
»Ja richtig! Nun also! Ich habe die Absicht, das herauszugeben! Unser
Volk sehnt sich nach Religion in unseren Tagen; das empfinde ich; und
man muß den Leuten etwas geben. Ich habe ihnen freilich schon etwas
von diesem Hermann Francke und Arndt gegeben, aber die große Stiftung
kann billiger verkaufen als ich, und jetzt will ich etwas Gutes billig
herausbringen. Wollen Sie sich der Sache annehmen?«
»Ich weiß nicht, was ich dabei zu tun hätte, da es sich nur um einen
Neudruck handelt,« antwortete Falk, der nicht nein zu sagen wagte.
»Aber nein, so eine Unwissenheit! Die Redaktion und die Korrektur! Sind
wir einig? Sie geben es heraus! Nicht wahr? Wollen wir einen kleinen
Zettel schreiben? Die Arbeit kommt in Lieferungen heraus. Nicht wahr?
Einen kleinen Zettel. Geben Sie mir Feder und Tinte her! -- So!«
Falk gehorchte; er konnte keinen Widerstand leisten. Smith schrieb, und
Falk unterschrieb.
»So! Das wäre die Sache! Nun die andere! Geben Sie mir das kleine
Buch, das da auf dem Regal liegt! Im dritten Fach! So! Sehen Sie
her! Eine Broschüre. Titel: Der Schutzengel. Nun, sehen Sie sich die
Vignette an! Ein Engel mit einem Anker und einem Schiff -- es ist ein
Schoner ohne Rahen, glaube ich! Es ist ja bekannt, wie segensvoll die
Seeversicherung für das allgemeine soziale Leben ist. Alle Menschen
haben doch einmal -- wenig oder viel -- auf einem Fahrzeug über See zu
schicken. Nicht wahr? Nun also! Alle Menschen brauchen deshalb eine
Seeversicherung. Nicht wahr? Nun also! Das haben nicht alle Menschen
eingesehen? Nein! Deshalb ist es also die Pflicht des Wissenden, den
Unwissenden aufzuklären? Nun also! Wir beide wissen, Sie und ich, also
müssen wir aufklären. Dieses Buch handelt davon, daß jeder Mensch seine
Sachen versichern muß, wenn er sie über See schickt! Aber dies Buch ist
schlecht geschrieben! Nun also! Deshalb wollen wir es besser schreiben!
Nicht wahr? Sie schreiben mir eine Novelle von zehn Seiten für meine
Zeitschrift »Unser Land«, und ich verlange, daß Sie so viel Verstand
haben, den Namen Triton, -- so heißt eine neue Gesellschaft, die mein
Neffe gegründet hat und die ich unterstützen will, und man soll doch
seinem Nächsten helfen, nicht wahr? -- Nun also! Der Name Triton soll
zweimal vorkommen, nicht mehr und nicht weniger; aber so, daß es nicht
auffällt. Verstehen Sie?«
Falk fühlte sich etwas abgestoßen von dem angebotenen Geschäft, aber es
lag ja noch nichts Unehrenhaftes in dem Vorschlag; er bekam ja Arbeit
bei dem einflußreichen Manne, und alles im Handumdrehen, ohne weitere
Anstrengung. Er dankte also und nahm an.
»Sie kennen doch das Format. Vier Spalten pro Seite macht vierzig
Spalten zu je zweiunddreißig Zeilen. Nun also. Wir wollen vielleicht
einen kleinen Zettel schreiben.«
Smith schrieb einen Zettel, und Falk unterschrieb.
»Nun also, gut. Und jetzt hören Sie zu. Sie kennen doch die schwedische
Geschichte. Nun also, wieder auf dem Regal! Da liegt ein Klischee, ein
Holzstock! Rechts! Nun also! Können Sie mir sagen, wer die Dame ist? Es
soll eine Königin sein.«
Falk, der anfangs nichts weiter sehen konnte als ein schwarzes Stück
Holz, entdeckte schließlich einige menschliche Züge und erklärte, nach
seiner Ansicht müsse es Ulrika Eleonora sein.
»Hab ich es nicht gesagt! Hihihi! Dies Klischee ist als Königin
Elisabeth von England benutzt worden, in einem amerikanischen
Volksbuch, und nun habe ich es mit unzähligen anderen billig gekauft.
Jetzt nehme ich es als Ulrika Eleonora in meine Volksbibliothek auf.
Wir haben ein so gutes Volk; es kauft meine Bücher so brav. Nun also.
Wollen Sie den Text schreiben, mein Herr?«
Falks fein ausgebildetes Gewissen konnte hierin nichts eigentlich
Unrechtes finden, obwohl seine Gefühle sehr unangenehm berührt waren.
»Nun also! Dann schreiben wir einen kleinen Zettel! Sechzehn Seiten
Oktav zu drei Spalten zu je vierundzwanzig Zeilen. So!«
Und dann wurde wieder geschrieben. Da Falk die Audienz für beendet
hielt, machte er Miene, sein Manuskript wieder an sich zu nehmen, auf
dem Smith die ganze Zeit gesessen hatte. Aber dieser wollte es nicht
aus den Händen geben, er werde es bestimmt lesen, aber es werde noch
etwas dauern, erklärte er.
»Nun, Sie sind ja ein verständiger Mann, mein Herr, und wissen, was die
Zeit wert ist. Hier war vorhin ein junger Mann, auch mit Versen, einer
großen Versdichtung, für die ich keine Verwendung habe. Nun, ich habe
dem Herrn dasselbe angeboten wie Ihnen; wissen Sie, was er gesagt hat?
Er sagte, ich solle etwas tun, was ich nicht aussprechen kann. Ja, das
hat er gesagt, und dann ist er davongelaufen. Der Mann wird nicht lange
leben! Adieu! Adieu! Sie verschaffen sich wohl den Haakan Spegel! Nun
also! -- Adieu! Adieu!«
Smith deutete mit dem Pfeifenschaft nach der Tür, und Falk entfernte
sich.
Seine Schritte waren nicht leicht. Das Holzklischee in seiner
Brusttasche war schwer, es zog ihn zu Boden, es hielt ihn zurück. Er
dachte an den blassen jungen Mann mit dem Manuskript, der so etwas
zu Smith zu sagen gewagt hatte, und ihm kamen hochmütige Gedanken.
Dann aber tauchte die Erinnerung an alte väterliche Ermahnungen
und Ratschläge auf, und zugleich meldete sich die alte Lüge, daß
alle Arbeit gleich achtbar sei, und hielt ihm seinen Hochmut vor;
da unterwarf er sich seiner Vernunft und ging nach Hause, um
achtundvierzig Spalten Ulrika Eleonore zu schreiben.
Da er früh aufgestanden war, fand er sich schon um neun Uhr am
Schreibtisch sitzend. Er stopfte sich eine große Pfeife, faltete zwei
Bogen Papier, wischte seine Stahlfedern ab und versuchte sich zu
besinnen, was er von Ulrika Eleonore wußte. Er schlug im Ekelund und
Fryxell nach. Da stand vielerlei unter der Rubrik Ulrika Eleonore,
aber von ihr selbst stand fast nichts da. Um halb zehn hatte er das
Thema erschöpft; er hatte aufgeschrieben, wann sie geboren war, wann
sie starb, wann sie die Regierung antrat, wann sie dem Thron entsagte,
wie ihre Eltern hießen und mit wem sie verheiratet war. Das war ein
gewöhnlicher Auszug aus einem Kirchenbuch und füllte nicht mehr als
drei Seiten, -- blieben also nur noch dreizehn. Er rauchte einige
Pfeifen. Er stocherte mit der Feder im Tintenfaß, als wollte er nach
der Midgardschlange fischen, aber es kam nichts nach oben. Er mußte
sich über ihre Person äußern, eine flüchtige Charakteristik geben;
er hatte das Gefühl, ein Urteil über sie aussprechen zu müssen.
Sollte er sie loben oder sie heruntermachen? Da er in dieser Frage
indifferent war, konnte er sich zu nichts entschließen, und die Uhr
wurde elf. Er machte sie herunter, -- und war unten auf der vierten
Seite (blieben noch zwölf). Hier war guter Rat teuer. Er sollte von
ihrer Regierung sprechen; aber da sie nicht regiert hatte, so war
nichts darüber zu sagen. Er schrieb über ihre Räte -- eine Seite --,
blieben noch elf. Er rettete Görtz' Ehre -- eine Seite --, blieben
noch zehn. Er hatte noch nicht die Hälfte. Wie er diese Frau haßte!
Neue Pfeifen! Neue Stahlfedern! Er ging in der Zeit zurück, er gab
einen Überblick, und da er gereizt war, setzte er sein altes Ideal
Karl +XII.+ herab; aber das ging so rasch, daß dadurch nur eine
einzige Seite den andern hinzugefügt wurde. Rest neun! Er schritt
in der Zeit weiter vor und hackte auf Fredrik +I.+ herum. Eine
halbe Seite! Er schaute mit sehnsüchtigen Blicken auf das Papier, sah
nach, wo die Mitte war, konnte aber nicht bis dahin kommen. Er hatte
aber doch schon siebeneinhalb kleine Seiten geschrieben, wo Ekelund
nur anderthalb hatte. Er warf das Klischee auf den Fußboden, stieß es
unter den Schreibtisch, kroch ihm nach, stäubte es ab und legte es
auf den Tisch! War das eine Qual! Ihm war so trocken in der Seele wie
einem Buchsbaumbusch, versuchte sich zu Ansichten emporzuschrauben,
die er nicht hatte, er versuchte irgendwelche Gefühle für die
verstorbene Königin in sich zu erwecken, aber ihre langweiligen in
Holz geschnittenen Gesichtszüge machten denselben Eindruck auf ihn
wie er auf den Holzstock. Da sah er seine Unfähigkeit ein und fühlte
sich verzweifelt, erniedrigt! Und diesen Beruf hatte er gegen den
anderen eingetauscht. Er ließ wieder seine Vernunft sprechen und
ging zum Schutzengel über. Der war ursprünglich für eine deutsche
Gesellschaft namens Nereus verfaßt und enthielt kurz folgendes: Herr
und Frau Schloß waren nach Amerika ausgewandert und hatten dort große
Reichtümer erworben, die sie, damit die Erzählung möglich wurde,
unpraktischerweise in kostbaren Gegenständen und Nippsachen angelegt
hatten; damit nun diese ganz sicher umkommen sollten und nichts
gerettet werden konnte, wurden sie auf einem Dampfer erster Klasse
vorausgeschickt, nämlich auf Washington, Nr. 326 der Veritas, der mit
Kupfer beschlagen, mit wasserdichten Schotten versehen und für vier
Millionen Taler bei der großen deutschen Seeversicherungsgesellschaft
Nereus versichert war. Nun also! Herr und Frau Schloß reisten mit
den Kindern auf dem besten Dampfer der White-Star-Linie, Bolivar,
der bei der großen deutschen Seeversicherungsgesellschaft Nereus
(Grundkapital zehn Millionen Dollar) versichert war, und kamen in
Liverpool an. Die Reise wurde fortgesetzt. Sie kamen bis an die
Spitze von Skagen. Das Wetter war natürlich auf der ganzen Reise
schön gewesen und der Himmel strahlend klar, aber gerade als sie an
die gefährliche Spitze von Skagen kamen, brach natürlich der Sturm
los; das Fahrzeug scheiterte, die Eltern, die ihr Leben versichert
hatten, ertranken und garantierten dadurch den geretteten Kindern eine
Summe von fünfzehntausend Pfund Sterling. Die Kinder waren natürlich
sehr froh darüber und kamen in guter Laune in Hamburg an, um die
Lebensversicherungssumme und das elterliche Erbe in Besitz zu nehmen.
Man denke sich ihre Bestürzung, als sie die Nachricht bekamen, daß die
Washington vor vierzehn Tagen auf der Doggerbank gestrandet und daß
ihr ganzes Vermögen unversichert zugrunde gegangen sei. Ihnen blieb
also nur die Lebensversicherungssumme. Sie eilten auf die Agentur der
Gesellschaft, aber man denke sich ihren Schreck, als sie erfuhren, daß
die Eltern unterlassen hatten, die letzte Prämie zu bezahlen, die --
welches Schicksal! -- am Tage vorher fällig gewesen war -- gerade an
dem Tage, als sie ertranken. Die Kinder waren hierüber sehr betrübt
und betrauerten ihre Eltern tief, die so fleißig für sie gearbeitet
hatten. Weinend fielen sie sich in die Arme und schwuren sich, fortan
stets ihre Sachen zu versichern und nie mehr zu versäumen, ihre
Lebensversicherungsprämien zu bezahlen.
Und dies sollte nun lokalisiert, schwedischen Verhältnissen angepaßt
und lesbar gemacht werden, in einer Novelle, mit der er in die
Literatur eintreten sollte. Von neuem erwachte der Teufel des Hochmuts
und flüsterte ihm zu, er sei ein Lump, wenn er sich mit diesen Dingen
befasse; aber diese Stimme wurde bald von einer anderen übertönt, die
aus der Magengegend kam und von ungewöhnlich saugenden und stechenden
Gefühlen begleitet war. Er trank ein Glas Wasser und rauchte eine
neue Pfeife, aber das Unbehagen steigerte sich; seine Gedanken wurden
düsterer; er fand sein Zimmer ungemütlich, die Zeit schien ihm lang
und einförmig; er fühlte sich matt und niedergeschlagen; alles kam ihm
widrig vor; seine Gedanken waren abgeschmackt und drehten sich nur um
nichtige oder unangenehme Dinge, und zugleich wuchs die körperliche
Unlust. Er fragte sich, ob er hungrig sei. Es war ein Uhr, und er
pflegte nicht vor drei zu essen! Er untersuchte unruhig seine Kasse.
Fünfunddreißig Ör. Also kein Mittagessen! Das war das erstemal in
seinem Leben! Dergleichen Sorgen hatte er noch nie gehabt. Aber mit
fünfunddreißig Ör brauchte man nicht zu hungern. Er konnte sich doch
Brot und Bier holen lassen. Nein, das konnte er nicht, denn das
war nicht möglich, das schickte sich nicht; und wenn er selbst in
den Milchladen hinunterging? Nein! Und wenn er ausging und pumpte?
Unmöglich! Es gab keinen Menschen, den er hätte anpumpen mögen! Bei
dieser Gewißheit raste der Hunger wie ein losgelassenes Raubtier
und zerriß ihn, zerfleischte ihn und jagte ihn durch das Zimmer.
Er rauchte eine Pfeife nach der andern, um die Bestie zu betäuben,
aber es nützte nichts. Jetzt ertönte unten auf dem Kasernenhof ein
Trommelwirbel, und er sah, wie die Soldaten mit ihren kupfernen
Flaschen aufmarschierten, um sich ihr Mittagessen zu holen; aus allen
Schornsteinen, die er sah, stieg Rauch auf, auf Skeppsholm läutete die
Mittagsglocke, beim Nachbar, dem Polizisten, in der Küche prasselte
es, und Bratengeruch drang durch die offene Korridortür zu ihm herein;
er hörte im Zimmer nebenan Messer und Teller klappern, hörte, wie die
Kinder das Tischgebet sprachen; die Pflasterer unten auf der Straße
hielten, gesättigt, auf den leeren Proviantbeuteln Mittagsschlaf; er
war überzeugt, daß die ganze Stadt in diesem Augenblick zu Mittag aß,
alle außer ihm! Und er wurde böse auf Gott! Da durchkreuzte ein klarer
Gedanke sein Gehirn. Er nahm Ulrika Eleonora und den Schutzengel,
wickelte sie in Papier, schrieb Smiths Name und Adresse darauf und gab
dem Boten seine fünfunddreißig Ör. Dann atmete er erleichtert auf,
legte sich auf sein Sofa und hungerte mit Hochmut im Herzen.
Sechstes Kapitel
Das rote Zimmer
Dieselbe Mittagssonne, die Arvid Falk in dem erstem Kampf mit dem
Hunger hatte unterliegen sehen, schien heiter in die Stube in
Lill-Jans, in der Sellén in Hemdärmeln vor seiner Staffelei stand und
an seinem Bilde malte, das am folgenden Tage vor zehn Uhr, vollständig
fertig, gefirnißt und mit Rahmen versehen in der Ausstellung sein
sollte. Olle Montanus saß auf der Schlafbank und las in dem wunderbaren
Buche, das er sich auf einen Tag gegen sein Halstuch geborgt hatte; ab
und zu warf er einen Blick auf Selléns Bild und sprach seinen Beifall
aus, denn er bewunderte in Sellén ein großes Talent. Lundell arbeitete
in Ruhe an seiner Kreuzesabnahme; er hatte schon drei Bilder auf der
Ausstellung und wartete, wie so viele andere, mit einer gewissen
Spannung den Verkauf ab.
»Das ist gut, Sellén!« sagte Olle. »Du malst göttlich!«
»Darf ich deinen Spinat jetzt einmal anschauen?« fiel Lundell ein, der
prinzipiell nie etwas bewunderte.
Das Motiv war einfach und großzügig. Ein Flugsandfeld an der Küste von
Halland mit dem Meer im Hintergrunde; Herbststimmung, Sonnenstrahlen
durch zerrissene Wolken; ein Teil des Vordergrundes war Flugsand
mit eben angeschwemmtem, noch von Wasser triefendem Tang, von der
Sonne beleuchtet; dahinter das Meer, zu einem guten Stück in starkem
Schatten, hohe See mit weißen Kämmen, ganz hinten am Horizont aber
schien wieder die Sonne und öffnete eine Perspektive ins Unendliche.
Die einzige Staffage bildete ein Volk Strichvögel. Dies Bild mußte von
jedem unverdorbenen Gemüt verstanden werden, das den Mut gehabt hat,
die geheimnisvolle, reiche Bekanntschaft der Einsamkeit zu machen, das
gesehen hat, wie der Flugsand vielversprechende Ernten erstickt. Es
war mit Inspiration und Talent gemalt; die Stimmung hatte die Farbe
gegeben, nicht umgekehrt.
»Du mußt etwas im Vordergrunde haben,« predigte Lundell. »Setze eine
Vordergrundkuh dahin!«
»Ach rede nicht!« antwortete Sellén.
»Tu, wie ich sage, du Tollkopf, sonst verkaufst du nicht. Setze
irgendeine Figur dahin, ein Mädchen. Ich will dir helfen, wenn du es
nicht kannst, sieh her ...«
»Bitte, keine Dummheiten! Was soll man draußen im Sturm mit
Weiberröcken. Du bist doch zu toll auf Weiberröcke!«
»Nun, tu was du willst,« antwortete Lundell, heimlich verletzt durch
den Scherz über eine seiner schwachen Seiten. -- »Aber wenigstens
hättest du Störche malen können statt dieser grauen Möwen, von
denen man nicht weiß, was für eine Art es ist. Denke dir die roten
Storchbeine gegen die dunkle Wolke, das wäre ein Kontrast!«
»Ach, das verstehst du nicht!«
Sellén war nicht stark im Motivieren, doch war er seiner Sache gewiß,
und sein gesunder Instinkt führte ihn sicher an allen Mißgriffen
vorbei.
»Aber du wirst nicht verkaufen,« fing Lundell wieder an, der um das
ökonomische Wohlergehen des Kameraden besorgt war.
»Nun, so werde ich auch so leben! Habe ich jemals etwas verkauft? Bin
ich deswegen schlechter? Denkst du, ich weiß nicht, daß ich verkaufen
könnte, wenn ich malte wie die andern; denkst du, ich kann nicht ebenso
schlecht malen wie sie? Oh, darauf kannst du Gift nehmen! Aber ich will
nicht!«
»Du mußt doch schließlich daran denken, deine Schulden zu bezahlen.
Du bist Meister Lund im ›Kochkessel‹ ein paar hundert Reichstaler
schuldig.«
»Nun, davon wird er nicht arm! Übrigens hat er ein Bild bekommen, das
doppelt soviel wert ist!«
»Du bist doch der eingebildetste Mensch, der mir je vorgekommen ist!
Das Bild war keine zwanzig Reichstaler wert.«
»Ich taxiere es auf fünfhundert, nach dem üblichen Preis! Aber Neigung
und Geschmack sind recht verschieden hier in der Welt, das weiß Gott!
Ich finde deine Kreuzigung erbärmlich, du findest sie gut. Nun also!
Das kann dir niemand verdenken! Es ist eben sehr verschieden!«
»Jedenfalls hast du uns allen im ›Kochkessel‹ den Kredit verdorben;
Meister Lund hat ihn mir gestern gekündigt, und ich weiß nicht, wo ich
heute zu Mittag essen soll.«
»Nun, was willst du auch damit? Man kann auch so leben! Ich habe seit
zwei Jahren nicht zu Mittag gegessen!«
»Ach, du hast erst neulich ein Mittagessen ergaunert von diesem
Assessor, der dir in die Klauen gefallen war.«
»Ja, das stimmt! Das ist ein netter Junge! Übrigens ein Talent, es
ist viel Natur in seinen Versen; ich habe an diesen Abenden einige
gelesen. Doch ich fürchte, er ist etwas zu weich, um sich in der Welt
durchzusetzen; die Kanaille hat so empfindliche Gefühle!«
»Wenn er mit dir verkehrt, wird sich das schon legen. Aber ich finde es
eine Schande mit anzusehen, wie du den jungen Rehnhjelm in der kurzen
Zeit verdorben hast. Du hast ihm ja wohl in den Kopf gesetzt, er müsse
zum Theater gehen!«
»Nein, hat er das erzählt? Ja, das ist ein forscher Kerl! Aus dem wird
was, wenn er am Leben bleibt; das ist jedoch gar nicht so einfach, wenn
es so schrecklich wenig zu essen gibt! -- Gottsdonnerwetter! Jetzt ist
die Farbe verbraucht! Hast du etwas Weiß? Gott sei mir gnädig, alle
Tuben sind so ausgepreßt, daß -- du mußt mir Farbe geben, Lundell.«
»Ich habe nicht mehr, als ich selber brauche, und wenn ich auch welche
hätte, würde ich mich hüten, dir etwas zu geben!«
»Ach, rede keinen Unsinn; du weißt, es ist eilig!«
»Im Ernst, ich habe deine Farben nicht! Wenn du Haus hieltest, würden
sie länger reichen ...«
»Ja, das wissen wir! Dann gib Geld her!«
»Geld, ja, das wäre so etwas!«
»Auf, Olle, du mußt hin und was versetzen!«
Bei dem Wort Versetzen machte Olle ein heiteres Gesicht, denn dann,
wußte er, würde es auch Essen geben. Sellén begann das Zimmer zu
durchsuchen.
»Was habt ihr denn hier? Ein Paar Stiefel! Darauf bekommen wir
fünfundzwanzig Öre, also ist es besser, sie zu verkaufen.«
»Das sind Rehnhjelms Stiefel, die darfst du nicht nehmen,« unterbrach
Lundell, der sie am Nachmittag, wenn er in die Stadt ging, anziehen
wollte. -- »Findest du, daß du fremde Sachen nehmen darfst?«
»Ja, was tut das? Er kriegt sie ja später bezahlt! Was ist dies hier
für ein Paket? Eine Samtweste! Die ist schön! Die nehme ich selber,
dann kann Olle meine wegtragen! Kragen und Manschetten! Ach, das ist
nur Papier! Ein Paar Strümpfe! Hier, Olle, fünfundzwanzig Öre! Stecke
sie in die Weste. Die leeren Flaschen kannst du verkaufen! Ich glaube,
am besten verkaufst du alles!«
»Willst du wirklich anderer Leute Sachen verkaufen? Du hast doch keine
Spur von Rechtsgefühl,« unterbrach Lundell wieder, der stark darauf
spekuliert hatte, auf dem Wege der Überredung in den Besitz dieses
Pakets zu kommen, das ihm schon lange in die Augen gestochen hatte.
»Ach, das bekommt er später bezahlt! Aber dies ist nicht genug! Wir
müssen ein paar Bettlaken nehmen! Was tut das! Wir brauchen keine
Laken! So, Olle! Pack es nur ein!«
Olle machte mit großer Geschicklichkeit aus einem Laken einen Sack, in
den er unter Lundells eifrigsten Protesten alles hineinstopfte.
Als der Sack fertig war, nahm Olle ihn unter den Arm, knöpfte den
zerlumpten Gehrock zu, um das Fehlen der Weste besser zu verdecken, und
machte sich auf den Weg nach der Stadt.
»Er sieht aus wie ein Dieb,« sagte Sellén, der am Fenster stand und
verschmitzt auf den Weg hinausblickte. -- »Wenn ihn nur die Polizei
ungeschoren läßt, ist es gut! -- Eile dich, Olle!« rief er dem
Fortgehenden nach. »Kaufe sechs Brötchen und zwei Flaschen Bier, wenn
bei der Farbe noch etwas übrigbleibt.«
Olle drehte sich um und schwenkte so zuversichtlich den Hut, als habe
er das Festmahl schon in den Taschen.
Lundell und Sellén waren allein. Sellén stand da und bewunderte seine
neue Samtweste, der so lange Lundells heimliche Liebe gegolten hatte.
Lundell kratzte seine Palette ab und warf neidische Blicke auf die
verlorene Herrlichkeit. Aber nicht darüber wollte er jetzt sprechen,
nicht das wollte ihm so schwer über die Lippen.
»Wirf doch einen Blick auf mein Bild,« sagte er. »Was hältst du davon,
im Ernst?«
»Du mußt nicht soviel daran tüfteln und zeichnen, du mußt malen! Wo
kommt das Licht her? Von den Kleidern! Von den nackten Partien! Das ist
doch ganz närrisch! Was atmen diese Menschen? Farbe, Leinöl! Ich sehe
keine Luft!«
»Nun,« meinte Lundell, »das ist eben verschieden, wie du sagst! Aber
wie findest du die Komposition?«
»Zu viel Menschen!«
»O, du bist ja schrecklich, ich möchte am liebsten noch ein paar mehr
haben!«
»Laß mich jetzt sehen! Einen Fehler hat das Bild!« -- Sellén schoß
diese langen Blicke, die den Bewohnern der Küste oder der Ebene eigen
sind.
»Ja, einen Fehler hat es! Siehst du ihn?« gab Lundell zu.
»Es sind nur Männer! Das ist etwas zu trocken!«
»Ja, das stimmt! Daß du das siehst!«
»Du willst also ein Weib haben?«
Lundell überzeugte sich durch einen Blick, ob er scherze; aber das war
schwer festzustellen, denn jetzt pfiff er.
»Ja, mir fehlt eine weibliche ~Figur~,« antwortete er.
Es wurde still, und das war unangenehm, wenn zwei so alte Bekannte
unter vier Augen sind.
»Wenn ich nur wüßte, was ich tun soll, um ein Modell zu bekommen. Die
von der Akademie will ich nicht haben, denn die kennt alle Welt, und im
übrigen ist der Stoff religiös.«
»Du willst etwas Feineres haben? +Oui!+ Ich verstehe! Wenn sie
nicht nackt sein müßte, könnte ich vielleicht ...«
»Sie soll gar nicht nackt sein, bist du verrückt, unter so vielen
Männern; im übrigen ist es ein religiöser Stoff ...«
»Ja, ja, das wissen wir schon. Sie soll jedenfalls ein Kostüm anhaben,
etwas orientalisch, soll vornübergebeugt dastehen, denke ich mir, und
tun, als höbe sie etwas vom Boden auf, soll die Schultern, den Hals und
die ersten Rückenwirbel zeigen, ich verstehe! Aber religiös, natürlich,
wie Magdalena! +Oui!+ Vogelperspektive, jawohl!«
»Du mußt doch auch mit allem deinen Scherz treiben und alles
herabziehen!«
»Zur Sache! Zur Sache! Du sollst ein Modell haben, denn das muß man
haben; du selber kennst keins! Gut! Deine religiösen Gefühle verbieten
dir, eins zu beschaffen, also werden Rehnhjelm und ich, wir beiden
leichtsinnigen Gesellen, dir eins besorgen!«
»Es muß ein anständiges Mädchen sein, das sage ich im voraus!«
»Natürlich, ja! Wir wollen sehen, was wir in der Sache tun können,
übermorgen, wenn wir Geld bekommen!«
Und dann wurde wieder gemalt, schweigend und still, bis die Uhr vier
wurde, bis sie fünf wurde. Dann und wann warf man unruhige Blicke auf
den Weg hinaus. Sellén brach zuerst das bange Schweigen.
»Olle bleibt lange aus! Es ist ihm bestimmt etwas zugestoßen!« sagte
er.
»Ja, es geht nicht mit rechten Dingen zu; aber warum mußt du auch immer
diesen armen Teufel schicken? Du kannst doch deine Besorgungen selbst
machen!«
»Ach, er hat nichts weiter zu tun, und er geht so gern!«
»Das kannst du nicht wissen, und übrigens will ich dir sagen: man weiß
nicht, wie Olle endet. Er hat große Pläne und kann jeden Tag wieder
auf den Beinen sein, und dann wäre es gut, zu seinen Freunden zu
zählen!«
»Ach, was du sagst! Was hat er denn Großes vor? Ich glaube wohl, daß
Olle ein großer Mann wird, wenn auch nicht als Bildhauer! Aber was
trödelt dieser entsetzliche Kerl! Hältst du es für möglich, daß er das
Geld vertut?«
»O ja! Er hat schon lange nichts gekriegt, und die Versuchung kann zu
groß gewesen sein,« antwortete Lundell und schnallte den Schmachtriemen
zwei Löcher enger, während er überlegte, was er an Olles Stelle getan
haben würde.
»Ja, man ist ja auch nur ein Mensch, und jeder ist sich selbst der
Nächste,« stimmte Sellén bei, der genau wußte, was er getan hätte. »Ich
kann aber nicht warten; ich muß Farbe haben, und wenn ich sie stehlen
soll! Ich gehe zu Falk!«
»Willst du den armen Kerl schon wieder aussaugen! Du hast ihm doch
gestern erst das Geld für den Rahmen abgenommen! Und das war nicht
wenig!«
»Ach, lieber Freund! Ich bin nun einmal gezwungen, der Scham den Kopf
abzubeißen, es hilft nichts! Was muß man nicht alles auf sich nehmen!
Übrigens ist Falk ein hochherziger Mann, der für jede Situation
Verständnis hat. Jetzt gehe ich aber! Wenn Olle nach Hause kommt, so
sage ihm, er sei ein Rindvieh! Adieu einstweilen! Komm ins Rote Zimmer,
dann wollen wir sehen, ob der liebe Gott so gnädig ist, uns etwas Essen
zu bescheren, ehe die Sonne untergeht! -- Schließe die Tür ab, wenn du
gehst, und lege den Schlüssel unter die Schwelle! Adieu!«
Er ging, und nicht lange danach stand er vor Falks Tür in der
Grafmagnistraße. Er klopfte, bekam aber keine Antwort! Da öffnete er
die Tür und trat ein. Falk, der wahrscheinlich unruhige Träume gehabt
hatte, fuhr aus dem Schlaf auf und starrte Sellén an, ohne ihn zu
erkennen.
»Guten Abend, Bruder,« grüßte Sellén.
»Ach, Donnerwetter, du bist es! Ich muß etwas Komisches geträumt haben!
Guten Abend, setz dich und rauche eine Pfeife! Ist es schon Abend?«
Sellén, dem die Symptome bekannt vorkamen, tat doch, als merke er
nichts, sondern nahm die Unterhaltung auf.
»Du bist wohl heute nicht im ›Zinnknopf‹ gewesen?«
»Nein,« antwortete Falk verwirrt, »ich bin nicht da gewesen. Ich war in
›Iduna‹.«
Er wußte wirklich nicht, ob er das geträumt hatte, oder ob er dagewesen
war, aber er freute sich, daß er es gesagt hatte, denn er schämte sich
seines Mißgeschicks.
»Nun, das war recht,« bekräftigte Sellén. »Im ›Zinnknopf‹ ist das Essen
nicht gut.«
»Ja, das muß ich auch sagen,« erwiderte Falk, »ihre Fleischsuppe ist
verdammt schlecht!«
»Ja, und dann steht der alte Wirt da, dieser Lümmel, und zählt die
Butterbrote.«
Bei dem Wort Butterbrote erwachte Falk zum Bewußtsein, aber er fühlte
sich nicht sonderlich hungrig, wenn auch etwas matt in den Beinen. Das
Thema war jedoch unangenehm und mußte rasch gewechselt werden.
»Nun,« sagte er, »hast du dein Bild für morgen fertig?«
»Nein, leider Gottes, es geht nicht!«
»Was ist denn jetzt los?«
»Ich kann unmöglich fertig werden.«
»Kannst nicht? Warum sitzt du nicht zu Hause und arbeitest?«
»Ach, es ist die alte Geschichte, lieber Falk! Ich habe keine Farbe!
Farbe!«
»Nun, dem läßt sich doch wohl abhelfen? Hast du etwa kein Geld?«
»Dann wäre es ja nicht schlimm!«
»Und ich habe auch keins! Was sollen wir da machen?«
Sellén schlug die Augen nieder, bis seine Blicke in die Höhe von Falks
Westentasche kamen, in die eine sehr dicke goldene Kette hineinkroch;
nicht, daß Sellén geglaubt hätte, es sei Gold, abgestempeltes Gold,
denn er hätte nicht begriffen, wie man so übermütig sein könne, so viel
Geld außen auf der Weste zu tragen. Seine Gedanken hatten aber eine
bestimmte Richtung eingeschlagen und er fuhr fort:
»Wenn ich wenigstens etwas zu versetzen hätte; aber wir sind so
unvorsichtig gewesen, die Winterüberzieher an dem ersten sonnigen Tag
im April wegzugeben.«
Falk errötete. Solche Dinge hatte er noch nicht mitgemacht.
»Versetzt ihr Überzieher?« fragte er. »Bekommt ihr auf solche Sachen
etwas?«
»Versetzen kann man alles -- alles,« betonte Sellén. »Wenn man nur
etwas hat.«
Vor Falks Augen drehte sich alles im Kreise. Er mußte sich setzen. Dann
zog er seine goldene Uhr heraus.
»Was meinst du, was man für die bekommt, mit Kette?«
Sellén wog die künftigen Pfänder in der Hand und betrachtete sie mit
Kennermiene.
»Ist es Gold?« fragte er mit schwacher Stimme.
»Es ist Gold!«
»Gestempelt?«
»Gestempelt!«
»Uhr und Kette?«
»Uhr und Kette!«
»Hundert Reichstaler,« erklärte Sellén und schüttelte die Hand, daß
die goldene Kette klirrte. »Aber es ist schade. Du sollst nicht um
meinetwillen deine Sachen versetzen.«
»Dann also um meinetwillen,« sagte Falk, der sich nicht einen Anschein
von Selbstlosigkeit geben wollte, die er nicht besaß. »Ich brauche
auch Geld. Wenn du sie in Geld verwandeln willst, so tust du mir einen
Gefallen!«
»Also gut,« sagte Sellén, der seinen Freund nicht durch unzarte Fragen
in Verlegenheit bringen wollte. »Ich versetze sie! Zieh dich jetzt an,
Bruder! Das Leben ist zuweilen bitter, siehst du, aber wir müssen uns
doch damit abfinden!«
Er schlug Falk auf die Schulter, mit einer Herzlichkeit, wie sie nicht
oft den Schutzwall von Hohn durchdrang, den er um sich angelegt hatte,
und sie gingen fort.
Es wurde sieben Uhr, bis die Besorgung erledigt war. Dann kauften sie
Farbe, und darauf begaben sie sich ins Rote Zimmer hinunter.
Berns Salon begann gerade zu dieser Zeit seine kulturhistorische
Rolle in dem Stockholmer Leben zu spielen, indem er dem ungesunden
Café-Chantant-Betrieb, der in den sechziger Jahren in der Hauptstadt
floriert oder grassiert und sich von da über das ganze Land verbreitet
hatte, den Garaus machte. Hier versammelten sich von sieben Uhr an
Scharen von jungen Leuten, die sich in dem abnormen Zustand befanden,
der eintritt, wenn man das elterliche Haus verläßt, und so lange
dauert, bis man selbständig wird; hier saßen Scharen von Junggesellen,
die der einsamen Kammer oder dem Dachstübchen entflohen waren, um
hier in Licht und Wärme sitzen zu können, um ein menschliches Wesen
zu treffen, mit dem sie plaudern konnten. Der Wirt des Lokals hatte
verschiedentlich Versuche gemacht, sein Publikum durch Pantomime,
Gymnastik, Ballett und so weiter zu amüsieren, aber man hatte ihm sehr
deutlich zu verstehen gegeben, daß man nicht hierher kam, um sich zu
amüsieren, sondern um Ruhe zu haben, daß man ein Konversationszimmer,
einen Versammlungsraum suchte, in dem man sicher war, jederzeit einen
Bekannten zu treffen; da die Musik kein Hindernis für eine Unterhaltung
bildete, eher im Gegenteil sie förderte, so wurde sie geduldet und
bildete schließlich einen Bestandteil der Abenddiät des Stockholmers,
neben Punsch und Tabak. So wurde Berns Salon der Junggesellenklub für
ganz Stockholm. Die einzelnen Cliquen hatten ihre Ecken, und die
Kolonisten von Lill-Jans usurpierten das hintere Schachzimmer unter
der südlichen Galerie, das wegen seiner roten Möbel und um der Kürze
willen mit der Zeit den Namen »Das rote Zimmer« bekam. Hier war man
immer sicher, sich zu treffen, wenn man auch im Laufe des Tages wie
Spreu auseinandergeweht worden war; von hier wurden förmliche Razzien
durch den Saal unternommen, wenn die Not groß war und Geld aufgetrieben
werden mußte; dann wurde eine Kette gebildet; zwei Mann streiften
die Galerien ab, zwei nahmen den Saal auf den Längsseiten; man zog
gewissermaßen ein Schleppnetz, und selten zog man vergeblich, da ja
im Laufe des Abends immer neue Gäste zuströmten. Heute abend kam eine
solche Arbeit nicht in Frage, deshalb ließ sich Sellén stolz und ruhig
neben Falk auf dem roten Sofa nieder.
Nachdem sie eine kleine Komödie miteinander gespielt hatten, was sie
trinken wollten, blieben sie schließlich dabei stehen, daß sie essen
müßten. Sie hatten gerade das Abendbrot in Angriff genommen, und
Falk fühlte seine Kräfte wachsen, als ein langer Schatten auf ihren
Tisch fiel -- und vor ihnen stand Ygberg, bleich und abgezehrt wie
gewöhnlich. Sellén, der sich in einer glücklichen Situation befand
und dann immer gut und höflich war, fragte sofort, ob er ihnen nicht
Gesellschaft leisten wolle, und Falk schloß sich diesem Aufforderung
an. Ygberg zierte sich noch, während er schon den Inhalt der Schüsseln
abschätzte, ob er wohl satt oder nur halb satt werden würde.
»Sie haben eine scharfe Feder, Herr Assessor,« sagte er, um die
Aufmerksamkeit von den Streifzügen, die seine Gabel über das Tablett
machte, abzulenken.
»Wieso? Was habe ich?« fragte Falk und flammte auf; nach seiner Meinung
hatte kein Mensch mit seiner Feder Bekanntschaft gemacht.
»Dieser Artikel hat viel Beifall gefunden!«
»Welcher Artikel? Ich verstehe nicht!«
»Nun, dieser Artikel in der ›Volksfahne‹ über das Kollegium für
Auszahlung der Beamtengehälter!«
»Den habe ich nicht geschrieben!«
»Im Kollegium wird das aber behauptet! Ich habe einen mir bekannten
außerordentlichen Hilfsarbeiter aus dem Amt getroffen: die Erbitterung
soll nicht klein sein!«
»So?«
Falk fühlte sich zur Hälfte schuldig, und jetzt wurde ihm klar, was
sich Struve an jenem Abend auf Mosebacke notiert hatte. Struve war aber
doch nur Referent gewesen, Falk hatte gesprochen, und er fühlte sich
verpflichtet, für das Gesagte einzustehen, selbst auf die Gefahr hin,
als -- Skandalschreiber angesehen zu werden! Da er jetzt fühlte, daß
der Rückzug ihm abgeschnitten war, erkannte er deutlich, daß es nur
eine Möglichkeit gab, und zwar: draufloszugehen!
»Gewiß,« sagte er, »ich bin der Urheber des Artikels. Aber
sprechen wir von etwas anderm! Was halten Sie von Ulrika Eleonora,
Herr Ygberg? Ist das nicht eine interessante Gestalt? Oder die
Seeversicherungsaktiengesellschaft Triton? Oder Haqvin Spegel?«
»Ulrika Eleonora ist der interessanteste Charakter in der ganzen
schwedischen Geschichte,« erwiderte Ygberg ernst; »ich habe eben eine
Bestellung auf einen Aufsatz über sie bekommen.«
»Von Smith?« fragte Falk.
»Ja, woher wissen Sie das?«
»Dann kennen Sie auch den Schutzengel?«
»Woher wissen Sie denn das?«
»Ich habe ihm die Sachen heute mittag zurückgeschickt.«
»Es ist unrecht, nicht zu arbeiten! Sie werden es bereuen! Glauben Sie
mir!«
Eine hektische Röte war Falk in die Wangen gestiegen, und er sprach
wie im Fieber. Sellén saß ruhig da und rauchte und hörte mehr auf die
Musik als auf die Unterhaltung, die ihn einesteils nicht interessierte
und ihm andernteils unverständlich war. Von der Sofaecke, in der er
saß, konnte er durch die beiden Türöffnungen, die auf die südliche
Galerie führten und Aussicht auf den Saal gewährten, die nördliche
Galerie überblicken. Durch die gewaltigen Rauchwolken, die ständig über
dem Schlund zwischen den beiden Galerien standen, konnte er doch die
Gesichter der Leute erkennen, die sich auf der andern Seite befanden.
Plötzlich heftete sich seine Aufmerksamkeit auf irgend etwas weit
hinten. Er nahm Falk beim Arm.
»Nein, sieh doch, so ein Duckmäuser! Sieh, dort hinter dem linken
Vorhang!«
»Lundell!«
»Ja, der! Er ist auf der Suche nach einer Magdalena! Sieh, jetzt redet
er sie an! Das ist ein feines Kind!«
Falk errötete, daß Sellén es bemerkte.
»Sucht er seine Modelle hier?« fragte er verwundert.
»Ja, wo sollte er sie sonst herkriegen? Er kann sie sich doch nicht im
Dunkeln greifen!«
Gleich darauf trat Lundell ein und wurde von Sellén mit einem
gönnerhaften Kopfnicken begrüßt, dessen Bedeutung er zu verstehen
meinte; er verbeugte sich deshalb höflicher als gewöhnlich vor Falk
und drückte in beleidigender Weise sein Erstaunen über Ygbergs
Anwesenheit aus. Ygberg, der dies alles genau beobachtet hatte, nahm
die Gelegenheit beim Schopf und fragte, was Lundell zu verzehren
wünsche; dieser machte große Augen und glaubte sich unter lauter
Magnaten zu befinden. Er fühlte sich sehr glücklich, er wurde weich
und menschenfreundlich, und als er ein warmem Abendbrot bekam, empfand
er das Bedürfnis, seinen Gefühlen Ausdruck zu geben. Er hatte Falk
etwas zu sagen, das war unverkennbar, konnte aber nicht dazu kommen.
Unglücklicherweise spielte das Orchester gerade »Hör uns, Schweden« und
ging im nächsten Augenblick zu »Ein feste Burg ist unser Gott« über.
Falk ließ mehr Getränke kommen.
»Sie lieben gleich mir das alte gute Kirchenlied, Herr Assessor,«
begann Lundell.
Falk konnte eigentlich nicht sagen, daß er Choräle besonders
bevorzugte, sondern er fragte Lundell, ob er nicht Punsch trinken
wolle. Lundell hatte Bedenken; er wisse nicht, ob er es wagen könne.
Er wolle vielleicht erst noch etwas mehr essen, er sei kein großer
Trinker, was er, nachdem er den dritten Schnaps getrunken hatte, durch
einen heftigen aber kurzen Hustenanfall beweisen zu müssen glaubte.
»Versöhnungsfackel ist ein guter Name,« fuhr er fort; »er deutet das
tiefe religiöse Bedürfnis der Versöhnung an und zugleich das Licht,
das in die Welt kam, als das größte aller Wunder geschah, das den
Hoffärtigen ein Ärgernis ist.«
Damit legte er einen Fleischkloß hinter den letzten Backenzahn und
wartete ab, was für eine Wirkung seine Worte haben würden; -- aber er
fühlte sich nicht geschmeichelt, als er drei verständnislose Gesichter,
die das größte Erstaunen ausdrückten, sich zugewandt sah. Er mußte
deutlicher sprechen.
»Spegel ist ein großer Name, und seine Rede ist nicht wie die der
Pharisäer. Wir wissen alle, daß er den herrlichen Choral ›Jetzt
schweigen die Klagelieder‹ geschrieben hat, dessengleichen man suchen
soll. Prost, Assessor! es freut mich, daß Sie ein solcher Repräsentant
sind!«
Hier entdeckte Lundell, daß er nichts im Glase habe. -- »Ich darf mir
wohl noch einen Schnaps einschenken!«
Zwei Gedanken schwirrten durch Falks Hirn. Erstens: Der Kerl säuft ja
Branntwein! Zweitens: Wie kann er das von Spegel wissen? Wie ein Blitz
durchfuhr ihn ein Verdacht, aber er wollte nichts wissen, sondern sagte
nur:
»Prosit, Herr Lundell!«
Das unangenehme Gespräch, das nun folgen mußte, wurde glücklicherweise
durch Olles Kommen verhindert. Denn dieser kam wirklich, zerlumpter
als gewöhnlich, schmutziger als gewöhnlich und dem Anschein nach auch
lahmer in den Hüften, die wie Bugspriete unter dem Gehrock abstanden,
der jetzt nur noch von einem einzigen Knopf dicht über der ersten
Rippe zusammengehalten wurde. Aber er war vergnügt und lachte, als
er so viele Speisen und Getränke auf dem Tisch sah, und zu Selléns
Entsetzen begann er über den Verlauf seiner Mission zu berichten und
sich seiner Aufträge zu entledigen. Er war wirklich von der Polizei
gefaßt worden.
»Hier hast du die Quittungen!«
Er reichte Sellén über den Tisch zwei grüne Pfandscheine, die dieser
sofort in eine Papierkugel verwandelte.
Er war zur Polizeiwache gebracht worden. Er zeigte, daß man ihm den
Rockkragen abgerissen hatte. Dort hatte er seinen Namen angeben
müssen. Der war natürlich falsch! Kein Mensch hieß Montanus! Dann
den Geburtsort: Västermanland. Das war natürlich falsch, denn
der Wachtmeister stammte selber daher und kannte natürlich seine
Landsleute. Nun das Alter: achtundzwanzig Jahre. Das war eine Lüge,
»denn er müsse mindestens vierzig sein«. Wohnung: Lill-Jans! Das war
eine Lüge, denn da wohnte nur ein Gärtner. Beruf: Künstler! Das war
auch eine Lüge, »denn er sehe aus wie ein Vagabund«!
»Hier ist die Farbe, vier Tuben! Sieh sie dir an!«
Dann hatten sie das Bündel aufgemacht, wobei das eine Laken zerrissen
war!
»Deshalb habe ich nur eine Krone und fünfundzwanzig Öre für beide
bekommen! Sieh dir die Quittungen an; da wirst du sehen, daß es
stimmt!«
Dann war er gefragt worden, wo er die Sachen gestohlen habe. Olle
hatte geantwortet, er habe die Sachen nicht gestohlen, worauf der
Wachtmeister ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, es sei hier nicht die
Rede davon, ob er sie gestohlen, sondern wo er sie gestohlen habe! Wo?
Wo? Wo?
»Hier ist das Geld zurück, fünfundzwanzig Öre! Ich habe nichts
genommen.«
Darauf war ein Protokoll über die »Gestohlenen Sachen«, die mit drei
Siegeln versiegelt wurden, aufgesetzt worden. Vergebens hatte Olle
seine Unschuld beteuert, vergebens hatte er an ihr Rechtsgefühl und
ihre Humanität appelliert. Dieser letzte Appell hatte, wie es schien,
die Wirkung, daß der Polizist vorschlug, man solle zu Protokoll nehmen,
daß der »Gefangene« -- er war schon Gefangener -- einen starken Rausch
gehabt habe, was auch geschah, allerdings mit der Einschränkung, daß
das Wort »stark« wegfiel. Dann hatte der Wachtmeister wiederholt
den Polizisten gebeten, sich zu erinnern, ob der Gefangene bei
der Festnahme nicht Widerstand geleistet habe; der Polizist hatte
versichert, er könne es nicht auf seinen Eid nahmen, daß der Gefangene
Widerstand geleistet habe (was in diesem Falle sehr bedenklich gewesen
wäre, weil er tückisch und drohend aussehe), er »glaube« aber doch
bestimmt, der Gefangene habe versucht, Widerstand zu leisten, indem er
in einen Torweg flüchtete; das wurde zu Protokoll genommen.
Nun wurde ein Rapport aufgesetzt, den Olle unterschreiben sollte.
Der Rapport hatte folgenden Wortlaut: Ein Mann von tückischem und
drohendem Aussehen ist in der Norrlandstraße angetroffen worden, wie
er an der linken Häuserreihe entlang schlich, um dreiviertel fünf Uhr
nachmittags, mit einem Bündel von verdächtiger Beschaffenheit in der
Hand. Die verhaftete Mannsperson war bei ihrer Festnahme mit einem Rock
aus grünem Kord bekleidet (ohne Weste), mit Beinkleidern aus blauem
Boi und einem Hemd, das am Halse P. L. gezeichnet war (was beweist,
daß es entweder gestohlen ist oder daß der Verhaftete einen falschen
Namen angegeben hat), mit grauen Wollstrümpfen und einem niedrigen
Filzhut mit Hahnenfeder. Der Verhaftete hat den angenommenen Namen Olle
Montanus angegeben, hat fälschlich behauptet, in Västermanland als Sohn
eines Bauern geboren zu sein, hat glaubhaft zu machen versucht, daß er
Künstler sei und hat als Wohnort Lill-Jans angegeben, was nachweislich
falsch ist. Er hat bei der Verhaftung Widerstand zu leisten versucht,
indem er in einen Torweg flüchtete.
Darauf folgte die Spezifikation des Inhalts des gestohlenen Bündels.
Da Olle sich weigerte, die Richtigkeit des Rapports anzuerkennen,
wurde sofort nach dem Gefängnis telephoniert, worauf eine Droschke
den Gefangenen, das Bündel und einen Polizisten abführte. Als sie
in die Münzstraße einbogen, erblickte Olle seinen Retter, den
Reichstagsabgeordneten Per Ilsson aus Träskaala, einen Landsmann von
ihm, den er anrief und der ihm bestätigte, daß der Rapport falsch sei.
Darauf wurde Olle losgelassen und bekam sein Bündel wieder. Und jetzt
war er hier und --
»Hier habt ihr Brötchen! Es sind nur noch fünf, ich habe eins
aufgegessen. Und hier ist das Bier!«
Er legte wirklich fünf Brötchen auf den Tisch, die er aus der
Rocktasche holte, dazu zwei Flaschen Bier, die er aus den Hosentaschen
hervorzog, worauf seine Figur wieder die gewohnten Disproportionen
annahm.
»Du mußt Olle entschuldigen, Falk, er ist es nicht gewohnt, sich unter
Menschen zu bewegen. -- Stecke die Brötchen wieder ein, Olle; was sind
das für Dummheiten!« belehrte Sellén.
Olle gehorchte. Lundell wollte das Tablett nicht hergeben, obwohl
er es so gründlich abgeweidet hatte, daß man auch nach den Spuren
nicht hätte bestimmen können, was auf den Platten gelegen hatte;
aber die Branntweinflasche wurde dann und wann dem Glase genähert,
worauf Lundell wie in Gedanken einen Schnaps trank. Ab und zu stand
er auf oder drehte sich auf dem Stuhl um, um »nachzusehen«, was sie
spielten, wobei seine Gesten von Sellén genau beobachtet wurden. Dann
kam Rehnhjelm. Schweigsam und betrunken setzte er sich nieder und
suchte ein Ziel für seine umherirrenden Blicke, wo sie sich ausruhen
konnten, während er Lundells Verwarnungen anhörte. Seine müden Augen
richteten sich schließlich auf Sellén und blieben auf der Samtweste
haften, die für den ganzen späteren Teil des Abends einen reichen Stoff
für seine stillen Betrachtungen bildete. Einen Moment hellte sich sein
Gesicht auf wie beim Anblick eines alten Bekannten, dann aber erlosch
das Licht wieder, als Sellén, »weil es zog«, den Rock zuknöpfte.
Ygberg protegierte Olle, indem er ihm ein Abendbrot spendierte, und
wurde nicht müde, ihn mäzenatenhaft zu ermuntern, zuzugreifen und
sich einzuschenken. Die Musik wurde, je weiter der Abend vorschritt,
um so lebhafter, und die Unterhaltung paßte sich ihr an. Falk fühlte
sich sehr wohl in diesem Zustand der Betäubung; hier war es warm,
hell, geräuschvoll, rauchig, und hier saßen Menschen, deren Leben er
um einige Stunden verlängert hatte und die infolgedessen glücklich
und fröhlich waren wie Fliegen, die von einigen Sonnenstrahlen neu
belebt werden. Er fühlte sich ihnen verwandt, denn sie waren im Grunde
unglücklich, und sie waren bescheiden, sie verstanden, was er sagte,
und wenn sie sich äußerten, sprachen sie wie Menschen, nicht wie
Bücher; sogar ihre Roheit hatte einen gewissen Reiz, denn es lag so
viel Natur darin, so viel Unschuld; selbst Lundells Heuchelei vermochte
ihm keinen Widerwillen einzuflößen, denn sie war so naiv, so lose
angeklebt, daß sie jeden Augenblick abgerissen werden konnte. Und so
verging der Abend, und der Tag ging zu Ende, der ihn unwiderruflich auf
die dornige Laufbahn des Schriftstellers geworfen hatte.
Siebentes Kapitel
Christi Nachfolge
Am folgenden Morgen wurde er von der Aufwärterin geweckt, die ihm einen
Brief überreichte, der folgenden Wortlaut hatte:
2. Thim. +IV+, 7. 8. 9. 1. Kor. +IX+, 24. 25. 26.
Teurer Bruder!
Unseres H. J. Ch. Gnade und Friede, die Liebe des Vaters und die
Gemeinschaft des H. G. usw. Amen!
Ich habe aus dem »Graumützchen« von gestern abend ersehen, daß Du
die »Versöhnungsfackel« herauszugeben gedenkst. Suche mich in meiner
Tätigkeit morgen früh vor neun Uhr auf.
Dein erlöster
Nathanael Skaare.
Jetzt verstand er Lundells Rätsel, zum Teil.
Er kannte freilich den großen Gottesmann Skaare nicht persönlich und
wußte nichts von der »Versöhnungsfackel«, aber er war neugierig und
beschloß, dem unverschämten Ruf Folge zu leisten.
Um neun stand er in der Regierungsstraße vor dem riesigen vierstöckigen
Hause, dessen Fassade vom Erdgeschoß bis zum Dachfirst mit Schildern
bedeckt war: Christliche Buchdruckerei Friede, A.-G., 2. Stock;
»Das Erbe der Gotteskinder«, Redaktion, Zwischenstock; Expedition
vom Jüngsten Gericht, 1. Stock; Expedition der Friedensposaune, 2.
Stock; Redaktion der Kinderzeitschrift: Nähre meine Lämmer, 1. Stock;
Direktion der Christlichen Bethausaktiengesellschaft Gnadenstuhl,
vermittelt Auszahlungen und bewilligt Darlehn gegen erste Hypothek,
3. Stock; Kommt zu Jesus, 3. Stock. Achtung!(symbol) Ordentliche
Verkäufer, die Kaution stellen können, finden Beschäftigung.
Missionsaktiengesellschaft Adler verteilt den Gewinn des Jahres 1867 in
Kupons, 2. Stock; Kontor des Christlichen Missionsdampfers Zululu, 2.
Stock.
(symbol) Der Dampfer geht, so Gott will, am 28. cr. ab. Güter werden
gegen Konnossement und Zertifikat im Kontor Schiffsbrücke, an der
Dampferladestelle, angenommen.
Der Nähverein Bienenkorb nimmt Gaben im Erdgeschoß entgegen.
Priesterkrausen werden gewaschen und geplättet beim Portier! Oblaten
1,50 pro Pfund, beim Portier! Achtung! Schwarze Frackanzüge, passend
für Konfirmanden, zu verleihen. Ungegorener Wein (Matth. 26, 28) zu
verkaufen beim Portier, 75 Öre pro Kanne, ohne Gefäß.
Unten, links von der Haustür, war eine christliche Buchhandlung.
Falk blieb stehen und las die Titel der im Fenster ausgelegten
Bücher. Es war das Althergebrachte: indiskrete Fragen, unverschämte
Beschuldigungen, verletzende Vertraulichkeiten, alles längst und
gründlich bekannt. Aber was seine Aufmerksamkeit mehr anzog, waren die
vielen illustrierten Zeitschriften, die mit ihren großen, englischen
Holzschnitten aufgeschlagen lagen, um die Leute anzulocken. Die
Kinderzeitschriften besonders hatten ein interessantes Programm, und
der Buchhandlungsgehilfe wußte zu erzählen, daß alte Männer und Frauen
stundenlang vor dem Fenster stehen und die Illustrationen betrachten
konnten, die ihre frommen Gemüter zu rühren und die Erinnerung an eine
entschwundene, vielleicht in Torheit entschwundene Jugend wachzurufen
schienen. Falk wurde einen Augenblick von einem gottlosen Gedanken
ergriffen, den er aber sofort zu dem sittlichen Inselvolk schickte, das
Brot ißt und sein Blut trinkt, und er schämte sich seines Gedankens.
Er steigt zwischen pompejanischen Wandmalereien die breiten Treppen
hinauf, die lebhaft an den Weg erinnern, der nicht zur Seligkeit
führt, und kommt dann in ein großes Zimmer, das wie der Saal einer
Bank eingerichtet ist, mit Pulten, die noch nicht von Kassierern und
Buchhaltern eingenommen sind. Mitten im Zimmer steht ein Schreibtisch,
groß wie ein Altar, einer Orgel mit vielen Registern gleichend; die
Register werden hier von einer ganzen Klaviatur von Knöpfen für
Lufttelegraphen mit trompetenähnlichen Sprachrohren gebildet, die die
Verbindung mit allen Räumen des Gebäudes herstellen. Daneben steht ein
großer Mann in Reitstiefeln, den Priesterrock mit einem Knopf oben am
Halse zugeknöpft, so daß er wie ein offner Uniformrock aussieht, mit
weißem Halstuch und einer Seekapitänsmaske darüber, denn das richtige
Gesicht ist in einer Pultschublade oder einer Packkiste verschwunden.
Der große Mann peitscht seine blanken Stiefelschäfte mit einer
Reitgerte, deren Knauf, symbolisch, von einem Pferdefuß gebildet wird,
und raucht eine starke Regalia, die er eifrig kaut, anscheinend um
den Mund in Tätigkeit zu halten. Falk betrachtet den großen Mann mit
Erstaunen.
Dies war also die letzte Mode dieser Art Menschen, denn auch in
Menschen gibt es Moden. Dies war der große Verkünder, dem es gelungen
war, eine Mode daraus zu machen, sündig zu sein, nach Gnade zu dürsten,
elend, armselig, erbärmlich, mit einem Wort irgendwie schlecht zu
sein. Dieser Mann hatte die Erlösung fashionabel gemacht! Er hatte ein
Evangelium für die Große Parkstraße gefunden! Die Gnadenordnung war
Sport geworden. Man veranstaltete Wettrennen in Sündigkeit, bei denen
der Schlechteste den Preis errang; man stellte Schnitzeljagden nach
armen Seelen an, die erlöst werden sollten; aber es gab auch, gestehen
wir das, Treibjagden nach Opfern, an denen man sich in Besserung üben
wollte, indem man sie zum Gegenstand der grausamsten Wohltätigkeit
machte.
»Ach, Herr Falk, Sie sind es!« sagt die Maske. »Willkommen, mein
Freund! Sie wollen sich wohl meine Tätigkeit ansehen! Verzeihen Sie,
Herr Falk, Sie sind doch erlöst? Ja! Nun also! Dies ist die Expedition
der Druckerei-Aktiengesellschaft -- entschuldigen Sie einen
Augenblick.«
Er tritt an die Orgel und zieht ein paar Register, worauf man als
Antwort ein Pfeifen hört.
»Bitte, sehen Sie sich einstweilen hier um!«
Er setzt den Mund an eine Trompete und ruft: »Siebente Posaune und
achtes Weh! Nyström! Schrift Mediäval, 8, vorrätig, Überschriften
Fraktur, Namen gesperrt!«
In derselben Trompete antwortet eine Stimme: »Das Manuskript fehlt!«
Die Maske setzt sich an die Orgel, nimmt eine Feder und einen Bogen
Papier und läßt die Feder über das Papier gleiten, während er durch die
Zigarre spricht.
»Diese Tätigkeit -- hat -- solchen Umfang angenommen, -- daß sie --
nahezu meine -- Kräfte übersteigt, -- und -- meine -- Gesundheit würde
schlechter sein -- als -- sie ist, -- wenn -- ich sie nicht -- so gut
pflegte.«
Er springt auf, zieht ein anderes Register und ruft in eine andere
Trompete hinein: »Korrektur von ›Hast du deine Schulden bezahlt?‹« --
Und dann fährt er fort, zugleich zu sprechen und zu schreiben:
»Sie wundern -- sich, -- warum -- ich Reitstiefel -- anhabe. Das hat
seinen Grund -- darin, -- daß ich -- viel reite, -- meiner Gesundheit
-- wegen ...«
Ein Laufjunge bringt die Korrektur. Die Maske reicht sie Falk und sagt
mit der Nase -- weil der Mund beschäftigt ist -- »lesen Sie das!«,
während er mit den Augen dem Jungen zuschreit: »Warten!«
»Zweitens -- (mit einer Bewegung der Ohren sagt er prahlerisch zu Falk:
Hören Sie, daß ich orientiert bin) -- weil ich finde, -- daß ein Mann
des Geistes -- sich -- durch sein -- Äußeres nicht von andern Menschen
-- unterscheiden sollte, -- denn das -- nennt -- man geistigen --
Hochmut, und -- es gibt nur -- Anlaß zu -- Lästerungen.«
Ein Buchhalter tritt ein und wird von der Maske mit der Stirnhaut
begrüßt, der einzigen Partie, die nicht in Anspruch genommen ist.
Um nicht müßig dazusitzen, nimmt Falk die Korrektur zur Hand und liest.
Die Zigarre spricht weiter.
»Alle andern -- Menschen -- haben Reitstiefel, -- ich -- möchte mich --
um keinen Preis von ihnen unterscheiden, -- äußerlich, -- deshalb, --
weil -- ich kein -- Heuchler bin, -- trage ich -- Reitstiefel.«
Darauf gibt er dem Laufjungen das Manuskript und schreit -- mit dem
Munde: »Vier Winkelhaken Siebente Posaune für Nyström!« -- Und dann zu
Falk gewendet:
»Jetzt bin ich fünf Minuten frei! Wollen Sie, bitte, in den Lagerraum
eintreten?«
Zum Buchhalter:
»Was lädt der Zululu?«
»Branntwein,« antwortet der Buchhalter mit einer rostigen Stimme.
»Geht das?« fragt die Maske.
»Es geht!« antwortet der Buchhalter.
»Nun, dann in Gottes Namen! -- Kommen Sie, Herr Falk.«
Sie betreten ein Zimmer, das mit Regalen voll Bücherstößen bekleidet
ist. Die Maske schlägt mit der Reitgerte auf die Rücken der Bücher und
sagt hochmütig -- ohne Umschweife:
»Dies habe ich geschrieben! Was sagen Sie dazu? Ist das nicht viel?
Sie schreiben ja auch -- etwas! Wenn Sie sich dranhalten, werden Sie
eines Tages auch so viel schreiben! --« Er biß und riß an der Zigarre
und spuckte die Stückchen aus, die wie Schmeißfliegen umherschwirrten,
bevor sie sich auf die Rücken der Bücher setzten; dabei machte er ein
Gesicht, als denke er an etwas Verächtliches.
»Versöhnungsfackel? Hm! Ich finde, das ist ein dummer Name! Finden Sie
das nicht auch? Haben Sie ihn sich selbst ausgedacht?«
Zum erstenmal hatte Falk Gelegenheit, ihm zu antworten, denn wie alle
großen Männer beantwortete er sich seine Fragen selbst; Falks Antwort
war nein. Weiter kam er nicht, denn die Maske war schon wieder in Gang.
»Ich finde, das ist ein sehr dummer Name! Und Sie glauben, er zieht?«
»Ich weiß nichts von der Sache und begreife nicht, wovon Sie sprechen.«
»Sie wissen nichts?«
Er nimmt eine Zeitung und zeigt sie.
Falk liest mit Bestürzung folgende Anzeige:
»Zur Subskription: Die Versöhnungsfackel. Zeitschrift für die
christliche Welt. Erscheint demnächst, unter der Redaktion von Arvid
Falk (Preisträger der Akademie der Wissenschaften). Das erste Heft
enthält Haakan Spegels ›Gottes Schöpfung‹, eine Versdichtung von
anerkannt religiösem Geist und tiefer Christlichkeit.«
Er hatte vergessen, auch den Spegel abzulehnen, und nun stand er
sprachlos da.
»Wie groß ist die Auflage, he? -- Zweitausend, vermute ich. -- Zu
wenig! Hat keinen Zweck! Mein Jüngstes Gericht hat zehntausend, und ich
stecke doch nicht mehr als -- was soll ich sagen -- fünfzehn netto
ein!«
»Fünfzehn?«
»Tausend, junger Mann!«
Die Maske schien ihre Rolle vergessen zu haben und in alte Gewohnheiten
zu verfallen.
»Nun also,« fuhr er fort. »Sie wissen, daß ich ein beliebter Prediger
bin, ich kann das ohne Prahlerei sagen, denn die ganze Welt weiß es.
Sie wissen, daß ich sehr beliebt bin, ich kann es nun einmal nicht
ändern, es ist so. Ich wäre ein Heuchler, wenn ich sagte, ich wüßte
nicht, was die ganze Welt weiß! Also gut, ich werde Ihr Unternehmen im
Anfang unterstützen. Sehen Sie sich diesen Sack hier an. Wenn ich Ihnen
sage, daß er Briefe enthält, von Damen -- ja, ja, beruhigen Sie sich,
ich bin verheiratet --, die mich um meine Photographie bitten, so habe
ich nicht zuviel gesagt.«
Es war aber in Wirklichkeit nur ein Beutel, den er aufpeitschte.
»Um den Damen und mir viel Mühe zu ersparen und zugleich einem Menschen
einen großen Dienst zu leisten, gedenke ich, Ihnen die Erlaubnis zu
geben, meine Biographie zu schreiben, mit Bild, wodurch Ihre erste
Nummer in Zehntausenden von Exemplaren abgesetzt würde und Sie mit
dieser einen Nummer rund tausend Kronen in die Tasche stecken könnten.«
»Aber Herr Pastor --« (er hätte beinahe Kapitän gesagt) -- »ich weiß
nichts von dieser Sache!«
»Macht nichts! Gar nichts! Der Verleger hat mir selbst geschrieben
und um mein Bild gebeten. Und Sie sollen meine Biographie schreiben!
Um Ihnen die Arbeit zu erleichtern, habe ich von einem Freund den
Hauptinhalt aufsetzen lassen, so daß Sie nur eine Einleitung zu
schreiben brauchen -- kurz und ausdrucksvoll, ein paar Winkelhaken
höchstens! Jetzt wissen Sie es!«
Falk war verzagt über so viel weise Voraussicht, und wunderte sich, daß
die Photographie dem Original so unähnlich war und die Handschrift des
Freundes der der Maske so völlig glich.
Die Maske hatte ihm Bild und Manuskript überreicht und streckte ihm
jetzt die Hand hin, um sich danken zu lassen.
»Grüßen Sie -- den Verleger!« -- Er war so nahe daran, Smith zu sagen,
daß eine leichte Röte zwischen seinen Backenbärten aufstieg.
»Aber Sie kennen meine Anschauungen ja nicht, Herr Pastor,«
protestierte Falk.
»Anschauungen? He? Habe ich nach Ihren Anschauungen gefragt? Ich
verlange die Anschauungen eines Menschen nie zu wissen! Gott behüte
mich! Ich? Nie!«
Er peitschte noch einmal die Rücken seiner Verlagsartikel, öffnete
die Tür, begleitete seinen Biographen hinaus und kehrte zu seinem
Altardienst zurück.
Falk konnte wie gewöhnlich, und das war sein Unglück, erst hinterher
die passende Antwort finden, und er war schon unten auf der Straße,
als sie ihm einfiel. Eine Kellerluke, die zufällig offen stand (und
nicht mit Plakaten bedeckt war) nahm Biographie und Porträt in ihren
Schoß auf.
Darauf ging er in die nächste Zeitungsredaktion, um einen Protest
gegen die »Versöhnungsfackel« in die Presse zu bringen und dann einem
sicheren Hungertode entgegenzugehen.
Achtes Kapitel
Armes Vaterland!
Es schlug zehn von der Riddarholmskirche einige Tage später, als
Falk vor dem Reichstagsgebäude anlangte, um den Berichterstatter
des »Rotkäppchens« in der Zweiten Kammer zu unterstützen. Er
beschleunigte seine Schritte, denn in diesem Amt, wo man ordentlich
bezahlt wurde, mußte man doch wohl auf den Glockenschlag zur Stelle
sein, dachte er. Er ging die Ausschußtreppe hinauf und wurde auf die
linke Berichterstattertribüne der Zweiten Kammer gewiesen. Mit einem
gewissen feierlichen Gefühl betrat er die wenigen Planken, die wie
ein Taubenschlag unter der Decke aufgehängt waren, damit »die Männer
des freien Worts von hier aus hören sollten, wie die heiligsten
Interessen des Landes von seinen würdigsten Mitgliedern diskutiert
wurden«. Dies Ganze war Falk völlig neu, aber er wurde von keinem
großen Eindruck überwältigt, als er von seinem Verschlag niederblickte
und unter sich den leeren Saal sah, der lebhaft an eine Lancastersche
Schule erinnerte. Es war fünf Minuten nach zehn, aber noch war außer
ihm keine lebende Seele anwesend. Einige Minuten lang herrschte eine
Stille wie in einer Dorfkirche vor der Predigt; ein leises Knabbern
tönte durch den Saal. Eine Ratte, denkt er; aber dann entdeckt er auf
der Berichterstattertribüne gerade gegenüber eine kleine, verhutzelte
Gestalt, die auf dem Geländer einen Bleistift anspitzt, und er sieht,
wie die Späne niederschneien und sich unten auf die Tische legen. Es
gibt hier nicht vieles, worauf seine Augen ruhen können, als sie an den
leeren Wänden umhertasten, aber sie heften sich schließlich auf die
alte Wanduhr aus den Zeiten Napoleons +I.+, deren kaiserliche,
frisch vergoldete Embleme den aufgewärmten Kohl symbolisieren; aber
auch die Zeiger, die zehn Minuten über zehn zeigen, sind -- ironisch
-- ein Symbol für etwas, als die Türen im Hintergrunde sich öffnen,
und ein Mann hereintritt. Er ist alt; seine Schultern beugen sich
schon unter der Last der öffentlichen Ämter, sein Rücken krümmt sich
unter dem Gewicht der kommunalen Missionen, sein Hals ist durch das
lange Sitzen in feuchten Amtszimmern, Komiteesälen, Bankgewölben
usw. aus der Fasson gekommen, es liegt etwas Pensioniertes in seinen
leidenschaftslosen Schritten über den langen Kokosläufer, der zum
Rednerpult führt. Als er in die Mitte des Ganges kommt, in die Nähe
der kaiserlichen Uhr, bleibt er stehen -- er scheint es gewohnt zu
sein, mitten auf dem Wege stehenzubleiben und umherzuschauen, aber auch
zurück; jetzt jedoch bleibt er stehen, vergleicht seine Spindeluhr mit
der Wanduhr, und schüttelt unzufrieden den alten, verbrauchten Kopf:
zu schnell, zu schnell! und sein Gesicht drückt eine überirdische Ruhe
aus, die Beruhigung, daß seine Uhr nicht zu langsam gehen kann. Er
setzt seine Wanderung durch den Gang mit den gleichen Schritten fort,
als gehe er auf sein Lebensziel zu, und es ist sehr die Frage, ob er
es nicht dahinten in dem ehrenvollen Lehnstuhl neben dem Rednerpult
gefunden hat.
Als er das Ziel erreicht hat, macht er halt, holt sein Taschentuch
heraus und schnäuzt sich im Stehen; darauf läßt er den Blick über die
lauschende Zuhörerschar von Bänken und Tischen schweifen und sagt
ein paar bedeutungsvolle Worte, zum Beispiel: »Meine Herren, jetzt
habe ich mich geschnäuzt.« Dann setzt er sich und versinkt in eine
präsidentenhafte Ruhe, die Schlummer sein könnte, wenn sie nicht
Wachen wäre; und, wie er glaubt, allein in dem großen Raum, allein mit
seinem Gott, schickt er sich an, Kräfte zu sammeln für die Arbeit des
kommenden Tags, als ein starkes Knabbern von links, hoch oben unter
dem Dach, ihn aufschreckt; er wirft den Hals herum, daß er mit einem
Dreiviertelblick die Ratte morden kann, die in seiner Gegenwart zu
knabbern wagt. Falk, der die Stärke der Resonanz in dem Taubenschlag
nicht berechnet hatte, nimmt den Todesstoß von dem mordenden Blick
entgegen, der sich jedoch beim Niedergleiten von der Decke mildert und
leise flüstert -- denn laut wagt er es nicht zu sagen: »Es war nur
ein Berichterstatter; ich fürchtete, es sei eine Ratte!« Dann aber
überkommt den Mörder tiefe Reue über die Sünde, die sein Auge begangen
hat, und er verbirgt sein Gesicht in der Hand -- und weint? -- Nein, er
reibt den Fleck fort, den der Anblick eines widrigen Gegenstandes auf
der Netzhaut seines Auges hervorgerufen hat.
Nun aber beginnen sich die Türen zu öffnen, die Mitglieder kommen, und
die Zeiger der Wanduhr kriechen vorwärts, immer weiter vorwärts. Der
Vorsitzende teilt in Form von Händedrücken und Grüßen Gratifikationen
an die Guten aus und straft die Bösen, indem er sein Gesicht von ihnen
abwendet, denn er muß gerecht sein wie der Höchste.
Jetzt kommt der Berichterstatter vom »Rotkäppchen«, häßlich, nicht ganz
nüchtern und verschlafen; trotzdem scheint er ein Vergnügen darin zu
finden, die Fragen des Neulings wahrheitsgemäß zu beantworten.
Noch einmal öffnen sich die Türen sperrangelweit, und herein kommt
ein Herr mit so sicheren Schritten, als sei er hier zu Hause, der
Kammerverweser aus der Steuereinschätzungskanzlei, der Aktuar aus dem
Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter; er geht sogar bis an den
Sessel, begrüßt den Vorsitzenden wie einen alten Bekannten und wühlt in
den Papieren, als wären es seine eigenen.
»Wer ist das?« fragt Falk.
»Das ist der Oberschreiber,« antwortet der Freund vom »Rotkäppchen«.
»Was? Schreibt ihr hier auch?«
»Auch! Das wirst du bald sehen! Sie haben ein ganzes Stockwerk voller
Schreiber; die ganzen Böden sitzen voll, und bald werden auch im Keller
Schreiber sitzen!«
Jetzt wimmelt es da unten wie in einem Ameisenhaufen. Der Hammer
schlägt auf den Tisch, und es wird still. Der Oberschreiber verliest
das Protokoll der vorigen Tagung, das ohne Widerspruch genehmigt wird.
Dann verliest er ein Gesuch um vierzehntägigen Urlaub für Jon Jonsson
aus Lerbak.
Wird bewilligt!
»Gibt es hier auch Urlaube?« fragt der Neuling verwundert.
»Aber natürlich. Jon Jonsson muß nach Hause und in Lerbak Kartoffeln
pflanzen.«
Jetzt beginnt sich die Estrade mit jungen Leuten zu füllen, die mit
Feder und Papier bewaffnet sind. Lauter alte Bekannte aus Falks
Hilfsarbeiterzeit. Sie lassen sich an kleinen Tischen nieder, als
wollten sie Preference spielen.
»Das sind die Schreiber,« erklärt das »Rotkäppchen«. -- »Sie scheinen
dich zu erkennen!«
Und das ist wirklich der Fall, denn sie setzen ihre Kneifer auf und
blicken alle nach dem Taubenschlag hinauf, genau so herablassend, wie
die Parkettbesucher im Theater nach der Galerie hinaufsehen. Jetzt
flüstern sie untereinander und tauschen Ansichten über einen Abwesenden
aus, der sich allem Anschein nach auf dem Stuhl befinden muß, auf dem
Falk sitzt. Falk fühlt sich von so viel Aufmerksamkeit so tief gerührt,
daß er Struve, der verschlossen, ungeniert, schmutzig und konservativ
den Taubenschlag betritt, nicht allzu freundlich begrüßt.
Der Oberschreiber verliest einen Antrag auf Bewilligung neuer
Binsenmatten für das Vestibül und neuer Messingnummern für den
Galoschenständer.
Bewilligt!
»Wo sitzt die Opposition?« fragt der Uneingeweihte.
»Ja, du, das weiß der Teufel, wo die sitzt.«
»Sie sagen doch zu allem ja!«
»Warte nur noch ein bißchen, dann wirst du schon hören!«
»Sind sie denn noch nicht hier?«
»Hier kommt und geht man, wie es einem gefällt.«
»Das ist ja genau wie bei einer Behörde.«
Der konservative Struve, der diese leichtfertige Rede gehört hat, meint
die Regierung repräsentieren zu müssen.
»Was redet der kleine Falk da? Er soll nicht murren!«
Falk braucht eine so lange Zeit, um die passende Antwort zu finden, daß
die Verhandlungen unten ihren Anfang nehmen.
»Du mußt dich nicht um ihn kümmern,« tröstet das »Rotkäppchen«; »er ist
immer konservativ, wenn er Geld zum Mittagessen hat, und er hat vorhin
fünf Kronen von mir gepumpt!«
Der Oberschreiber liest: »54. Bericht des Ausschusses über Ola Hipssons
Antrag auf Abschaffung der Pfahlzäune.«
Holzhändler Larsson aus Norrland fordert unbedingte Annahme: »Was soll
aus unsern Wäldern werden?« ruft er; »ich will nur fragen: was soll aus
unsern Wäldern werden?« Und er wirft sich keuchend auf die Bank nieder.
Diese kernige Beredsamkeit ist in den letzten zwanzig Jahren aus der
Mode gekommen, und die Szene wird mit Zischen aufgenommen, worauf das
Schnaufen auf der norrländischen Bank von selber aufhört.
Der Vertreter Ölands schlägt Sandsteinmauern vor; der Vertreter von
Schonen bevorzugt Buchsbaumhecken; die Leute aus Norrbotten sind
der Ansicht, daß Pfahlzäune unnötig sind, wenn man keine Äcker hat,
und ein Redner auf der Stockholmer Bank meint, die Frage müsse an
eine Kommission von Sachverständigen, er betont Sachverständigen,
verwiesen werden. Da aber bricht ein Sturm los. Lieber den Tod als eine
Kommission! Man verlangt Abstimmung. Der Antrag wird abgelehnt, und die
Pfahlzäune werden stehenbleiben, bis sie von selber umfallen.
Der Oberschreiber liest: 66. Bericht des Ausschusses über Karl Jönssons
Antrag auf Aufhebung des Beitrages für die Bibelkommission. Bei diesem
ehrwürdigen Namen einer hundertjährigen Institution hört sogar das
Grinsen auf, und ein ehrfurchtsvolles Schweigen entsteht im Saal. Wer
würde es wagen, die Religion in ihren Grundfesten anzugreifen? Wer
würde es wagen, sich der allgemeinen Verurteilung auszusetzen? Der
Bischof von Ystad bittet ums Wort.
»Soll ich schreiben?« fragt Falk.
»Nein, das geht uns nichts an, was er sagt.«
Aber der konservative Struve schreibt das folgende Referat:
»Die heil. Interessen des Vaterlandes. Im Namen der Religion und
der Menschlichkeit. 829. 1632. Ketzer. Neuerungssucht. Gottes
Wort. Menschenwort. Hundert Jahre. Ansgar. Eiferer. Biederk.
Unparteilichkeit. Fähigkeit. Lehre. Bestand der schwed. Kirche. Uralte
schwedische Ehre. Gustaf +I.+ Gust. +II.+ Höhen von Lützen.
Augen Europas. Urteil der Nachwelt. Trauer, Schande. Der grüne Rasen.
Wasche meine Hände. Sie haben es nicht gewollt.«
Karl Jönsson bittet ums Wort.
»Jetzt schreiben wir,« sagt das »Rotkäppchen«.
Und sie schreiben, während Struve den Samt des Bischofs bestickt.
»Unsinn. Große Worte. Kommission tagte hundert Jahre. Kosten
hunderttausend Kr., neun Erzbischöfe, dreißig Prof., Upsala zus.
fünfhundert Jahre. Diätare. Sekretäre. Gehilfen. Nichts geleistet.
Probebogen. Schlechte Arbeit. Geld, Geld, Geld! Jedes Ding beim rechten
Namen! Humbug. Beamten. Aussaugesystem.«
Nicht eine Stimme erhebt sich, aber bei der geheimen Abstimmung wird
der Antrag angenommen.
Während das »Rotkäppchen« mit geübter Hand die holperigen Ausführungen
Jönssons zurechtstutzt und eine packende Überschrift darüber setzt,
ruht Falk sich aus. Als aber seine Augen die Zuhörertribüne streifen,
treffen sie auf einen bekannten Kopf, der auf der Barriere liegt und
dessen Besitzer Olle Montanus heißt. Er sieht in diesem Augenblick aus
wie ein Hund, der einen Knochen bewacht. Nicht ohne Grund sah er so
aus, aber das wußte Falk nicht, da Olle sehr verschwiegen war.
Jetzt erschien unten bei der Bank unter der rechten Galerie, gerade
an der Stelle, wo die verhutzelte Gestalt die Späne des Bleistifts
hatte niederschneien lassen, ein Herr in blauer Beamtenuniform mit dem
Dreispitz unter dem Arm und einer Papierrolle in der Hand.
Der Hammer fiel auf den Tisch, und es entstand ein ironisches,
boshaftes Schweigen.
»Schreib,« sagte das »Rotkäppchen«, »aber nimm nur die Zahlen. Ich
nehme das andere.«
»Wer ist das?«
»Das sind königliche Anträge.«
Jetzt wurde aus der Papierrolle vorgelesen: »Antrag Seiner Majestät
des Königs auf Erhöhung des Beitrags von 50000 Kr. für das Amt zur
Vervollkommnung adliger Jünglinge in lebenden Sprachen, unter Rubrik
Schreibmaterialien und Ausgaben auf 56000 Kr. 37 Öre.«
»Was sind das für Ausgaben?« fragte Falk.
»Wasserkaraffen, Schirmständer, Spucknäpfe, Jalousien, Diners in
Hasselbacken, Gratifikationen und dergleichen. Halt den Mund; es kommt
noch mehr!«
Die Papierrolle fährt fort: »Antrag Seiner Majestät des Königs auf
Einrichtung von sechzig neuen Offiziersstellen in der westgotländischen
Kavallerie.«
»Waren es sechzig?« fragte Falk, dem staatsmännische Angelegenheiten
völlig fremd waren.
»Sechzig waren es! Schreibe nur!«
Die Papierrolle entrollte sich knisternd und wurde immer größer und
größer.
»Antrag Seiner Majestät des Königs, fünf neue ordentliche
Kanzlistenstellen einzurichten in dem Kollegium für Auszahlung der
Beamtengehälter.«
Große Bewegung an den Preferencetischen; große Bewegung auf Falks
Stuhl.
Die Papierrolle rollte sich knisternd wieder zusammen, der Vorsitzende
stand auf, dankte mit einer Verbeugung, die fragte: Ist weiter nichts
gefällig?, und der Besitzer der Papierrolle setzte sich auf die Bank
und begann die Späne fortzublasen, die der Verhutzelte ausgestreut
hatte, aber sein steifer goldgestickter Kragen hinderte ihn, in
dieselbe Sünde zu verfallen, die der Vorsitzende in der Frühe begangen
hatte.
Die Verhandlungen gingen weiter. Sven Svensson aus Torrlösa bat ums
Wort in der Armenfürsorgefrage. Wie auf ein gegebenes Zeichen erheben
sich alle Berichterstatter, gähnen und recken sich.
»Jetzt gehen wir hinunter und essen Frühstück,« erklärt das
»Rotkäppchen« seinem Schützling. »Wir haben eine Stunde und zehn
Minuten Zeit.«
Sven Svensson aber spricht.
Die Mitglieder der Kammer beginnen sich zu rühren, etliche gehen
hinaus. Der Vorsitzende spricht mit einigen guten Mitgliedern und
drückt dadurch vonseiten der Regierung seine Mißbilligung dessen aus,
was Sven Svensson vorbringt. Zwei ältere Mitglieder von der Stockholmer
Bank gehen mit einem jungen Herrn, anscheinend einem Neuling, in die
Nähe des Redners, um diesen wie ein Wundertier vorzuführen; sie nehmen
ihn genau in Augenschein, finden ihn lächerlich und kehren ihm den
Rücken.
Das »Rotkäppchen« scheint es für ein Gebot der Höflichkeit zu halten,
Falk darüber aufzuklären, daß der Redner die »Zuchtrute« der Kammer
ist. Er ist weder kalt noch warm, kann von keiner Partei benutzt
werden, ist für kein Interesse zu gewinnen, aber er spricht, spricht.
Doch worüber er spricht, das kann niemand sagen, denn es ist niemals
in irgendeiner Zeitung über ihn berichtet worden, und keiner hat
sich die Mühe gemacht, im Protokoll nachzusehen; die Schreiber an
den Tischen aber haben geschworen, wenn sie einmal zur Macht kämen,
seinetwegen die Gesetze ändern zu lassen.
Falk jedoch, der eine gewisse Schwäche für alles Unbeachtete hat,
bleibt im Saal und hört, was er schon lange nicht mehr gehört hat:
einen Ehrenmann, der untadelig seinen Weg geht und die Klage der
Unterdrückten und Mißhandelten vorbringt -- und niemand hört ihn an.
Struve hat beim Anblick des Landmanns schnell seinen Entschluß gefaßt
und ist in die Kneipe hinuntergegangen, wohin ihm jetzt die andern
folgen und wo sie die halbe Kammer treffen.
Als sie gegessen haben und etwas angeheitert sind, gehen sie wieder
hinauf, setzen sich auf die Hühnersteige und hören noch eine Weile Sven
Svensson reden, oder richtiger, sehen ihn reden, denn jetzt ist die
Unterhaltung nach dem Frühstück so lebhaft, daß man kein Wort von dem
Sprecher hört.
Aber es nimmt doch einmal ein Ende. Niemand hat etwas einzuwenden,
irgendeine Folge hat die Rede nicht, es ist, als sei sie überhaupt
nicht gehalten worden.
Der Oberschreiber, der unterdes einmal in seine Ämter hat laufen
können, um seine Postzeitungen durchzusehen und sein Feuer im Ofen zu
schüren, ist jetzt wieder auf seinem Platz und liest:
»72. Denkschrift des Staatsausschusses über den Antrag Per Ilssons aus
Träskaala, 10000 Kr. zur Restaurierung der alten Schnitzarbeiten in
der Kirche von Träskaala zu bewilligen.«
Der Hundekopf auf der Barriere der Zuhörertribüne sah drohend aus, als
wolle er seinen Knochen bewachen.
»Kennst du diese Mißgestalt da hinten auf der Tribüne?« fragte das
»Rotkäppchen«.
»Olle Montanus, ja, das will ich meinen.«
»Weißt du, daß er der Landsmann von dem Träskaalaer ist? O, das ist ein
pfiffiger Kerl! Sieh dir den sprechenden Kopf an, jetzt wo der Mann aus
Träskaala spricht.«
Per Ilsson hat das Wort.
Struve wendet mit Verachtung dem Sprecher den Rücken und schneidet sich
ein Stück Tabak ab, Falk und das »Rotkäppchen« halten die Bleistifte
zur Aktion bereit.
»Nimm du die Redensarten,« sagt das »Rotkäppchen«, »ich notiere die
Tatsachen.«
Falks Papier war nach einer Viertelstunde mit folgenden Buchstaben
bedeckt:
»Vaterl. Kultur. Ökon. Interessen. Vorw. d. Materialism. Nach Fichte
Mater. Vaterl. Kult. nicht Mater. Ergo Vorw. hinfällig. Ehrw. Tempel
im Glanz der Morgensonne. Turm bis in die Wolken. Heidn. Zeit. Philos.
nicht träumen lassen. Heil. Rechte der Nation. Heil. Inter. d. Vaterl.
Kult. Akad. der Wissensch. u. d. Künste.«
Dies Sammelsurium, das zum Teil Heiterkeit erregt hatte, besonders bei
der Ausgrabung des toten Fichte, rief doch eine Erwiderung von der
hauptstädtischen Bank und von der Bank von Upsala hervor:
Der erste sagte: obwohl er weder die Kirche von Träskaala noch Fichte
kenne, und obwohl er nicht wisse, ob die alten Gipsonkel zehntausend
Kronen wert seien, so glaube er doch seinen Beifall ausdrücken zu
müssen, um einen schönen Antrag in der Kammer zu unterstützen, denn es
sei das erstemal, daß die Majorität zu etwas anderem Geld verlange als
zu Brücken, Zäunen, Volksschulen und ähnlichem.
Der Redner auf der Upsalaer Bank meinte (nach Struves Aufzeichnungen):
der Antragsteller habe +a priori+ recht; seine Prämisse: die
vaterländische Kultur müsse gepflegt werden, sei richtig; seine
Schlußfolgerung: die zehntausend Kronen müßten gezahlt werden, sei
bindend; der Zweck, die Absicht, die Tendenz sei schön, löblich,
vaterländisch, aber hier sei doch ein Fehler begangen worden. Von wem?
Vom Vaterlande? Vom Staat? Von der Kirche? Nein! Von dem Antragsteller!
Verstandesmäßig gesehen habe der Antragsteller recht und deshalb könne
der Redner nicht anders, er wiederhole das noch einmal, als den Zweck,
die Absicht, die Tendenz loben, und er werde das Schicksal des Antrags
mit den wärmsten Sympathien begleiten; er fordere die Kammer auf, im
Namen des Vaterlandes, im Namen der Kultur und im Namen der Kunst, dem
Antrag zuzustimmen; er selbst aber müsse den Antrag ablehnen, da er,
begriffsmäßig, falsch, unmotiviert, uneigentlich sei, denn er wolle den
Begriff des Orts unter den des Staats subsumieren.
Der Kopf auf der Zuhörertribüne rollte die Augen und bewegte die Lippen
konvulsivisch, während die Abstimmung vorgenommen wurde, aber als sie
vollzogen und der Antrag genehmigt worden war, explodierte der Kopf und
verschwand durch die mißvergnügte und gepuffte Zuhörerschar.
Falk glaubte den Zusammenhang zwischen Per Ilssons Antrag und Olles
Anwesenheit und Verschwinden zu begreifen. Struve, der nach dem
Frühstück noch konservativer und lärmender geworden war, äußerte sich
rückhaltlos über dies und jenes. Das »Rotkäppchen« war ruhig und
gleichgültig; er hatte aufgehört, sich zu wundern.
Aber aus der dunklen Wolke von Menschen, in die Olle Montanus einen
Spalt gerissen hatte, tauchte jetzt klar und hell und leuchtend wie
eine Sonne ein Gesicht auf, und Arvid Falk, der seine Blicke dorthin
gewandt hatte, mußte die Augen niederschlagen und sich abwenden -- es
war sein Bruder, das Haupt der Familie, die Ehre des Namens, der ihn
einmal groß und glänzend machen würde. Hinter Nikolaus Falks Schultern
sah man die Hälfte eines schwarzen Gesichts mit milden, falschen Zügen,
das dem Blonden Heimlichkeiten zuzuflüstern schien. Falk hatte nur eben
Zeit, sich über die Anwesenheit des Bruders in diesem Hause zu wundern,
weil er seinen Unwillen gegen die neue Staatsform gut kannte, als der
Vorsitzende auch schon Anders Andersson die Befugnis erteilte, einen
Antrag einzubringen; diese Befugnis machte sich Andersson mit großer
Ruhe zunutze und las: »Auf Grund hinreichender Vorkommnisse stelle
ich hiermit den Antrag, der Reichstag möge von sich aus den Beschluß
fassen, daß Seine Majestät der König bei allen Aktiengesellschaften,
deren Statuten er sanktioniert, solidarisch verantwortlich ist.«
Die Sonne verlor ihren Schein auf der Zuhörertribüne, und im Saal erhob
sich ein Orkan.
Graf von Splint hat das Wort:
»+Quousque tandem Catilina!+ So weit mußte es kommen! Man vergißt
sich so sehr, daß man die Regierung zu tadeln wagt! Hören Sie, meine
Herren! Man tadelt die Regierung, oder, was schlimmer ist, man macht
sie zur Zielscheibe eines Scherzes, eines rohen Scherzes, denn anders
kann man diesen Antrag wohl nicht auffassen. Ein Scherz, sage ich,
nein, ein Attentat, ein Verrat! O mein Vaterland! Deine unwürdigen
Söhne haben vergessen, was sie dir schuldig sind! Aber wie kann es
auch anders sein, da du deine Ritterwacht, deinen Schild, deine Wehr
verloren hast. Ich fordere, daß Per Andersson, oder wie der Mann heißt,
seinen Antrag zurückzieht, oder, bei Gott, er soll sehen, daß König
und Vaterland noch treue Verteidiger haben, die wohl einen Stein heben
können, um die vielköpfige Hydra des Verrats zu zerschmettern!«
Beifall von der Zuhörertribüne, Unwille im Saal.
»Ha, glaubt ihr, ich fürchte mich!«
Der Redner arbeitet mit den Armen, als würfe er mit Steinen, die Hydra
aber lacht mit ihren hundert Gesichtern. Der Redner sucht nach einer
andern Hydra, die nicht lacht, und er findet die Referententribüne.
»Dort! Dort!« Er deutet nach dem Taubenschlage hinauf und schleudert
Blicke, als sehe er in der Wand den Abgrund sich auftun. »Dort sitzt
das Rabennest! Ich höre ihr Gekrächz, aber sie können mich nicht
einschüchtern! Auf, schwedische Männer, haut den Baum ab, sägt
die Bretter durch, reißt die Balken nieder, zertretet die Stühle,
zertrümmert die Pulte, in Splitter nicht größer als so« (er mißt ein
Stück vom kleinen Finger ab) »und verbrennt das ganze Gesindel mit Mann
und Maus, dann sollt ihr sehen, wie das Reich in Ruhe blüht und wie
seine Pflanzen gedeihen. So spricht ein schwedischer Edelmann! Denkt
daran, Bauern!«
Diese Rede, die vor drei Jahren am Ritterhausmarkt mit Bravorufen
begrüßt und wörtlich ins Protokoll aufgenommen worden wäre, um später
separat gedruckt und an alle staatlichen Volksschulen und andere
allgemeine Wohltätigkeitseinrichtungen verteilt zu werden, wurde jetzt
als ein Amüsement angesehen, im Protokoll gehörig berichtigt und
sonderbarerweise nur in den Oppositionsblättern erwähnt, die sonst
nicht gern so etwas aufnehmen.
Darauf baten die Upsalaer ums Wort. Der Redner war in der Sache
vollkommen mit dem Vorredner einig und hatte mit seinem feinen Ohr
etwas von dem einstigen Schwerterklang in dessen Rede vernommen;
jetzt wolle er selbst über die Idee der Aktiengesellschaft als Idee
sprechen, aber er bat darauf aufmerksam machen zu dürfen, daß die
Aktiengesellschaft keine Ansammlung von Geld sei, keine Vereinigung
von Personen, sondern die Aktiengesellschaft sei eine moralische
Persönlichkeit und als solche unzurechnungsfähig --
Jetzt erhob sich im Saal ein solches Gelächter und Geschwätz, daß der
Referent nichts mehr von der Rede verstehen konnte, die damit endete,
daß die Interessen des Vaterlandes auf dem Spiel ständen, begriffsmäßig
genommen; würde der Antrag nicht abgelehnt, so würden die Interessen
des Vaterlandes vernachlässigt und somit der Staat in Gefahr geraten.
Sechs Redner beschäftigten sich bis zur Mittagspause damit, Auszüge aus
der offiziellen Statistik Schwedens, aus Naumanns Verfassung, aus dem
Juristischen Handbuch und aus der Göteborger Handelszeitung vorzulegen,
und immer war die Schlußfolgerung, das Vaterland sei in Gefahr, wenn
Seine Majestät der König für alle Aktiengesellschaften, deren Statuten
von ihm sanktioniert worden seien, solidarisch verantwortlich gemacht
werde, und die Interessen des Vaterlandes ständen auf dem Spiel. Einer
war kühn genug, zu behaupten, die Interessen des Vaterlandes ständen
auf einem Becherwurf, während ein anderer meinte, sie ständen auf einer
Karte; manche waren der Ansicht, sie hingen an einem Haar, während der
letzte Redner vorzog, zu sagen, sie hingen an einem Faden.
Vor Beginn der Mittagspause wurde die Verweisung an einen Ausschuß
abgelehnt, das heißt, das Vaterland brauchte nicht mehr durch
die Ausschußmühle, das Kanzleisieb, die Reichshäckselkiste, die
Keulenschwinge und den Presselärm zu gehen. Das Vaterland war gerettet!
Armes Vaterland!
Neuntes Kapitel
Verschreibungen
Karl Nikolaus Falk und seine liebe Frau saßen einige Zeit nach den
Ereignissen des vorigen Kapitels eines Morgens am Kaffeetisch. Der Mann
war, gegen seine Gewohnheit, nicht in Schlafrock und Pantoffeln, und
die Frau hatte einen kostbaren Morgenrock an.
»Ja, du, sie sind gestern hier gewesen und haben alle fünf ihr Leid
geklagt,« sagte die Frau mit einem munteren Lachen.
»Das ist doch ver...«
»Nikolaus! Besinne dich! Du stehst jetzt nicht mehr hinterm
Ladentisch!«
»Was soll ich denn sagen, wenn ich wütend werde?«
»Erstens wird man nicht wütend, man wird böse! Und dann kann man sagen:
›Das ist sehr merkwürdig!‹«
»Nun, es ist also sehr merkwürdig, daß du mich immer mit unangenehmen
Dingen traktieren mußt. Sprich nicht ständig von so etwas, was mich in
Wut bringt.«
Ȁrgert, mein Alter! -- So, ich soll also immer meinen Kummer allein
tragen, du aber lastest ...«
»Lädst heißt es.«
»Lastest heißt es, deinen Ärger mir auf. Sag, hast du mir das
versprochen, als wir uns heirateten?«
»Nun, nun, nur keine Auseinandersetzungen, keine Logik! Sprich nur
weiter! Sie waren also alle fünf hier, die Mama und deine fünf
Schwestern!«
»Vier Schwestern! Du hast wirklich nicht viel Liebe zu deinen
Verwandten!«
»Zu deinen Verwandten! Das hast du doch auch nicht!«
»Nein! Ich mag sie nicht!«
»Nun also, sie waren hier und haben darüber gejammert, daß dein
Schwager aus dem Amt gejagt ist, das hatten sie im ›Vaterland‹ gelesen.
War es nicht so?«
»Jawohl! Und dann waren sie unverschämt genug, mir zu sagen, ich hätte
jetzt keine Berechtigung mehr, dicknäsig zu sein.«
»Hochmütig, Altchen!«
»Dicknäsig, haben sie gesagt; ich würde mich nie herabgelassen haben,
einen solchen Ausdruck anzuwenden!«
»Nun, was hast du denn geantwortet? Du hast es ihnen wohl ordentlich
gegeben?«
»Ja, darauf kannst du dich verlassen! Und zwar so, daß die Alte drohte,
nie mehr ihren Fuß über meine Schwelle zu setzen.«
»Ach, hat sie das gesagt? Glaubst du, daß sie Wort hält?«
»Nein, das glaube ich nicht! Aber sicher ist, daß der Alte ...«
»Du sollst nicht ›der Alte‹ von deinem Vater sagen, wenn einer es
hört.«
»Glaubst du, dann würde ich mir das erlauben? -- Jedenfalls kommt der
Alte -- unter uns -- nie mehr hierher.«
Falk versank in tiefes Nachdenken. Dann nahm er wieder das Wort:
»Ist deine Mutter hochmütig? Ist sie leicht zu verletzen? Ich verletze
so ungern Menschen, wie du weißt! Du mußt mir ihre schwachen,
empfindlichen Seiten aufzählen, dann werde ich vermeiden, ihnen zu nah
zu kommen.«
»Ob sie hochmütig ist? Das weißt du doch, auf ihre Art. Wenn sie
zum Beispiel erführe, daß wir eine Gesellschaft gegeben und sie und
die Schwestern nicht eingeladen hätten, dann würde sie nie wieder
herkommen.«
»Sicher nicht?«
»Ja, darauf kannst du dich verlassen!«
»Es ist merkwürdig, daß Leute ihres Standes ...«
»Was redest du?«
»Nun, nun! Daß Frauen so empfindlich sein können! Sag einmal, wie steht
es augenblicklich mit deinem Verein? Wie nanntest du ihn doch?«
»Für Frauenrechte!«
»Was sollen das für Rechte sein?«
»Nun, die Frau soll über ihr Vermögen selbst verfügen können.«
»Kannst du das denn nicht?«
»Nein, das kann ich nicht.«
»Ja, was hast du denn für Vermögen, über das du nicht verfügen darfst?«
»Dein halbes Vermögen, mein Alter! Meinen gesetzlichen Anteil als deine
Ehefrau!«
»Himmeldonnerwetter, wer hat dich solche Dummheiten gelehrt?«
»Das sind keine Dummheiten, das ist der Geist der Zeit, siehst du. Die
neue Gesetzgebung müßte so werden: Ich hätte bei unserer Heirat die
Hälfte bekommen müssen, und für diese Hälfte hätte ich kaufen können,
was ich wollte.«
»Und wenn du sie ausgegeben hättest, müßte ich dich doch versorgen? Ich
würde mich hüten!«
»Du würdest wohl dazu gezwungen werden, sonst kommst du ins
Arbeitshaus! So steht es im Gesetz, wenn einer seine Frau nicht
versorgen will.«
»Nein, höre einmal, jetzt geht es zu weit! Aber abgesehen davon: habt
ihr eine Sitzung gehabt? Was sind denn da für Leute gewesen? Erzähle
doch!«
»Wir stellen jetzt in den vorbereitenden Sitzungen erst die Statuten
auf.«
»Nun, was sind denn für Leute da?«
»Vorläufig erst Frau Revisor Homan und Ihre Gnaden Rehnhjelm.«
»Rehnhjelm! Das ist ein recht guter Name! Mir ist, als hätte ich ihn
schon früher einmal gehört. Aber war nicht auch von einem Nähverein die
Rede, den ihr gründen wolltet?«
»Stiften, heißt es! Ja, und denke nur, Pastor Skaare will einmal abends
kommen und eine Vorlesung halten.«
»Pastor Skaare ist ein vortrefflicher Prediger und verkehrt in
der vornehmen Welt. Es ist recht, mein Altchen, daß du schlechte
Gesellschaft meidest. Es gibt nichts Gefährlicheres für den Menschen
als schlechte Gesellschaft. Das hat mein Vater immer gesagt und das
ist einer meiner strengsten Grundsätze geworden.«
Die Frau las Brotkrümel auf und versuchte mit ihnen ihre leere
Kaffeetasse zu füllen; der Mann wühlte in der Westentasche nach seinen
Zahnstochern, um etwas Kaffee zu entfernen, der sich zwischen den
Zähnen festgesetzt hatte.
Die beiden Ehegatten genierten sich voreinander. Jeder kannte die
Gedanken des andern, und sie wußten, wer zuerst das Schweigen
brach, würde eine Dummheit sagen, etwas Kompromittierendes. Sie
suchten in aller Stille nach neuen Themen, prüften sie, fanden sie
aber untauglich; alle standen in irgendeiner Beziehung zu dem eben
Gesprochenen oder waren damit in Verbindung zu bringen. Falk versuchte
einen Fehler im Arrangement des Tisches zu entdecken, der sich seinen
Unwillen zuziehen konnte. Die Frau blickte aus dem Fenster, um
eventuell einen Wetterumschlag zu konstatieren, aber -- vergeblich.
Da kam der Diener und brachte mit den Zeitungen den Rettungsanker,
während er zugleich Herrn Levin meldete.
»Lassen Sie ihn warten!« befahl der Herr des Hauses.
Darauf ließ er die Stiefel eine Weile über die Dielen knarren, damit
der arme Wartende draußen auf dem Korridor beizeiten von seinem hohen
Kommen unterrichtet würde.
Levin, auf den das neu erfundene Warten auf dem Korridor einen
lebhaften Eindruck machte, wurde schließlich, zitternd, in das Zimmer
des Hausherrn geführt, wo er kurz wie ein Bittsteller empfangen wurde.
»Hast du das Wechselformular bei dir?« fragte Falk.
»Ich glaube,« antwortete der Bestürzte und holte ein Bündel
Schuldscheine und Wechselformulare aller möglichen Gattungen aus der
Tasche. -- »Zu welcher Bank möchtest du am liebsten gehen? Ich habe
Formulare für sozusagen alle.«
Trotz dem feierlichen Charakter der Situation mußte Falk lachen, als
er halbausgefüllte Schuldscheine sah, auf denen der eine Name fehlte,
ausgeschriebene Wechsel ohne Akzeptanten und fertige Wechsel, die
refüsiert worden waren.
»Wir nehmen wohl die Reiferbank,« sagte Falk.
»Das ist wirklich die einzige, die nicht geht, weil -- man -- mich dort
kennt!«
»Nun, dann die Schuhmacherbank, die Schneiderbank, irgend eine, aber
rasch!«
Man einigte sich auf die Schreinerbank.
»Nun,« sagte Falk mit einem Blick, als habe er die Seele des andern
gekauft, »jetzt mußt du dir einen neuen Anzug bestellen, aber bei einem
Uniformschneider, damit du später deine Uniform auf Kredit bekommst.«
»Uniform? Die brauche ich nicht ...«
»Schweig, wenn ich spreche! Sie muß Donnerstag nächster Woche fertig
sein, wenn ich meine große Gesellschaft gebe. Du weißt, ich habe mein
Geschäft mit Lager verkauft und bekomme morgen das Bürgerrecht als
Großhändler.«
»Oh, ich gratuliere ...«
»Schweig, wenn ich spreche! Jetzt gehst du nach Skeppsholm und machst
einen Besuch! Durch dein falsches Wesen und dein unerhörtes Talent,
Unsinn zu schwatzen, hast du meine Schwiegermutter erobert. Gut! Nun
frage sie, wie sie über meine große Gesellschaft am vorigen Sonntag
denkt.«
»Über deine ...? Hast du ...?«
»Schweig und gehorche nur! -- Dann wird sie grüne Augen machen und
fragen, ob du eingeladen gewesen seist! Das bist du natürlich nicht,
da ich überhaupt keine Gesellschaft gegeben habe. Gut! Ihr äußert
gegenseitig euer Mißvergnügen, werdet gute Freunde, verleumdet mich,
ich weiß, das kannst du; aber meine Frau mußt du loben! Verstehst du?«
»Nein, nicht ganz!«
»Das brauchst du auch nicht, gehorche nur! Noch eins: Du kannst Nyström
sagen, ich sei so hochmütig geworden, daß ich nicht mehr mit ihm
verkehren wolle. Sage das rundheraus, dann sagst du doch einmal die
Wahrheit! -- Nein, halt! Wir wollen damit noch etwas warten. Du gehst
zu ihm, sprichst von der Bedeutung des Donnerstags, stellst ihm die
großen Vorteile vor, die vielen Wohltaten, die glänzenden Aussichten
und so weiter. Du verstehst.«
»Ich verstehe!«
»Aber dann gehst du zum Buchdrucker mit dem Manuskript, und dann ...«
»Dann stoßen wir ihn nieder!«
»Ja, wenn du dich so ausdrücken willst, meinetwegen!«
»Und ich lese auf der Gesellschaft die Verse vor und teile sie aus?«
»Hm, ja! Noch eins! Versuche mit meinem Bruder zusammenzukommen!
Erkunde seine ganzen Verhältnisse und mit wem er verkehrt! Hefte dich
an ihn, stiehl sein Vertrauen -- das ist leicht; werde sein Freund!
Sage ihm, ich hätte ihn betrogen, sage ihm, ich sei hochmütig, und
frage ihn, wieviel er dafür verlangt, seinen Namen abzulegen!«
Levins weißes Gesicht wurde von einem leichten grünen Schatten
überzogen, der ein Erröten vorstellen sollte.
»Dies letzte ist nicht schön,« sagte er.
»Was? Hör einmal! Noch eins! Als Geschäftsmann möchte ich meine
Angelegenheiten in Ordnung haben! Ich bürge für eine soundso große
Summe, -- ich muß sie bezahlen, das ist doch klar!«
»Oh! Oh!«
»Ach rede nicht! Im Falle eines Todes habe ich keine Sicherheit.
Schreibe mir diesen Schuldschein aus, ausgestellt auf den Inhaber und
auf Sicht zahlbar; das ist ja nur eine Formalität!«
Bei dem Worte Inhaber ging ein leichtes Zittern durch Levins Glieder,
und er faßte zögernd die Feder, obwohl er genau wußte, daß es keinen
Rückzug gab. Er sah eine Perspektive von schäbigen Kerlen, die
Spalier standen, mit Stöcken in den Händen, Kneifern vor den Augen,
die Brusttaschen geschwollen von gestempelten Schriftstücken, er
hörte Klopfen an Türen, Laufen auf Treppen, Vorladungen, Drohungen,
Fristgewährungen; hörte die Rathausuhr schlagen, während die Männer
ihre spanischen Rohre schulterten und er mit einem Klotz am Bein zum
Richtplatz geführt wurde, wo man ihn selber laufen ließ, während seine
Bürgerehre beim Jubel der Menge unter dem Beil fiel.
Er unterschrieb. Die Audienz war zu Ende.
Zehntes Kapitel
Zeitungsaktiengesellschaft »Graumützchen«
Schweden hatte vierzig Jahre lang gearbeitet, um die Berechtigung zu
erlangen, die jeder mündig Gewordene zu bekommen pflegt. Man hatte
Broschüren geschrieben, Zeitungen gegründet, Steine geworfen, Diners
eingenommen und Reden gehalten; man hatte Tagungen veranstaltet und
Petitionen aufgesetzt, hatte Eisenbahnfahrten gemacht, Hände gedrückt,
Freiwilligenkorps eingerichtet, und schließlich mit viel Lärm bekommen,
was man wollte. Der Enthusiasmus war groß und berechtigt. Die alten
Birkentische im Opernkeller wurden zu politischen Tribünen, aus
dem Dunst des Reformpunsches wurde dort mancher Politiker geboren,
der sich später zu einem großen Schreier entwickelte, der Duft der
Reformzigarren weckte manchen ehrgeizigen Traum, der sich später nicht
verwirklichte; man wusch mit Reformseife den alten Staub von sich ab
und dachte, alles sei gut; und dann ging man schlafen nach dem vielen
Lärm, um auf das glänzende Resultat zu warten, das jetzt von selber
kommen mußte. Man schlief ein paar Jahre lang, aber als man aufwachte,
stand die Wirklichkeit vor einem, und man glaubte sich verrechnet zu
haben. Hier und da wurde ein Murren laut; die Staatsmänner, die man
noch eben bis zu den Wolken emporgehoben hatte, wurden kritisiert;
unter der studierenden Jugend gab es sogar Leute, die entdeckten,
daß die ganzen Anträge von einem Lande übernommen seien, das zu dem
Antragsteller in sehr nahen Beziehungen stand, und daß man diese
Anträge im Original in einem sehr bekannten Handbuch lesen könne.
Genug: die Zeit zeichnete sich durch eine gewisse Niedergeschlagenheit
aus, die bald die Form allgemeiner Unzufriedenheit oder Opposition, wie
man es nennt, annahm. Doch es war eine neue Art Opposition, denn sie
war nicht, wie gewöhnlich, gegen die Regierung gerichtet, sondern gegen
den Reichstag. Es war eine konservative Opposition, der sich Liberale
und Konservative, Junge und Alte anschlossen, so daß es ein großes
Elend im Lande war.
Nun ereignete es sich, daß die Zeitungsaktiengesellschaft
»Graumützchen«, die unter liberalen Konjunkturen geboren und groß
geworden war, einzuschlafen begann, da sie Ansichten verteidigen sollte
(falls man von Ansichten einer Aktiengesellschaft sprechen kann), die
nicht populär waren. Die Direktion legte der Generalversammlung einen
Antrag auf Änderung gewisser Ansichten vor, die nicht mehr die für den
Bestand des Unternehmens erforderliche Abonnentenzahl sicherten. Die
Generalversammlung nahm den Antrag an, und das »Graumützchen« gehörte
jetzt zu den Konservativen. Aber -- hier war ein Aber, das freilich
die Gesellschaft nicht sehr bedrückte -- man mußte den Chefredakteur
wechseln um sich nicht zu blamieren; daß die unsichtbare Redaktion
bleiben konnte, sah man als selbstverständlich an. Der Chefredakteur,
der ein Ehrenmann war, nahm seinen Abschied. Die Redaktionsmitglieder,
die lange wegen ihres roten Anstrichs gelästert worden waren,
akzeptierten das Anerbieten mit Freude, da sie dadurch gratis ein
Diplom als »bessere Leute« bekamen. Blieb nur die Sorge, einen neuen
Chefredakteur zu beschaffen. Nach dem neuen Programm der Gesellschaft
mußte er folgende Qualifikationen besitzen: er mußte zunächst
ungeteiltes Vertrauen als Mitbürger genießen, mußte dem Beamtenstande
angehören, mußte einen Titel haben, mochte er usurpiert oder erworben
sein, der bei Bedarf verbessert werden konnte, mußte außerdem ein
respektables Äußeres besitzen, so daß er sich bei Festen und andern
öffentlichen Veranstaltungen sehen lassen konnte, mußte unselbständig
sein, vielleicht etwas dumm, weil die Gesellschaft wußte, daß wahre
Dummheit stets von konservativer Denkart und daneben einem gewissen
Grad von Hinterlist begleitet ist, die die Wünsche der Vorgesetzten in
der Luft spürt und nie vergißt, daß das allgemeine Wohl privater Natur
ist, vom rechtlichen Standpunkt nämlich; er mußte bei Jahren sein,
weil man ihn dann leichter lenken konnte, und verheiratet, weil die
Gesellschaft, die aus Geschäftsleuten bestand, die Erfahrung gemacht
hatte, daß verheiratete Knechte sich besser benahmen als
unverheiratete.
Diese Persönlichkeit wurde gefunden und besaß in hohem Grade alle
aufgeführten Eigenschaften. Es war ein selten schöner Mann von
ziemlich guter Figur, mit langem, wallendem, blondem Vollbart, der
alle schwachen Punkte seines Gesichtes verdeckte, durch die sonst
die Seele unbehindert hätte hindurchblicken können. Seine großen,
offnen, falschen Augen fingen den Beschauer ein und lauerten ihm
sein Vertrauen ab, das dann ehrlich mißbraucht wurde; seine etwas
verschleierte Stimme, die nur Worte der Liebe, des Friedens, der
Gerechtigkeit und vor allem der Vaterlandsliebe sprach, lockte viele
irre gemachte Zuhörer an den Punschtisch, an dem der vortreffliche Mann
seine Abende verbrachte, indem er Gerechtigkeit und vaterländisches
Gefühl propagierte. Man vernahm mit Erstaunen, welchen Einfluß
dieser Ehrenmann auf seine schlechte Umgebung ausüben sollte; sehen
konnte man es nicht, aber man hörte es. Diese ganze Koppel, die
jahrelang auf alles Alte und Ehrwürdige losgelassen gewesen, die auf
Regierung und Beamte gehetzt worden war, die sogar die höheren Dinge
angegriffen hatte, war jetzt still und liebevoll, nur nicht gegen
die alten Freunde; ehrenhaft und gerecht, nur nicht in ihrem Herzen.
Sie folgten in allem dem neuen Programm, das der neue Redakteur bei
seinem Regierungsantritt aufgestellt hatte und dessen Kardinalpunkt
-- in wenigen Worten -- war, alles neue Gute zu verfolgen, alles alte
Schlechte zu fördern, vor der Macht zu kriechen, die emporzuheben, die
Erfolg hatten, die niederzuschlagen, die hinauf wollten, den Erfolg zu
verehren und das Unglück zu schmähen; in der freien Übersetzung des
Programms hieß dies allerdings: »Nur dem Erprobten und anerkannt Guten
Beifall zu spenden, aller Sensationssucht entgegenzuarbeiten, streng
aber gerecht den Einzelnen zu verfolgen, der durch Unehrlichkeit den
Erfolg erringen möchte, den nur redliche Arbeit schenken darf.« Für
diesen geheimnisvollen letzten Punkt, der den Redaktionsmitgliedern
am meisten am Herzen lag, gab es eine nicht allzufern liegende
Erklärung. Die Redaktion bestand nämlich aus lauter Leuten, die alle
auf irgendeine Weise in ihren Hoffnungen enttäuscht worden waren;
die meisten allerdings durch eigene Schuld, hauptsächlich durch
Leichtsinn und Trunksucht; einige waren sogenannte Universitätsgenies
gewesen, die einmal als Sänger, Redner, Poeten oder Witzbolde einen
großen Namen gehabt hatten und später einer gerechten Vergessenheit,
die sie ungerecht nannten, anheimfielen. Nun hatten sie eine Reihe
von Jahren hindurch voll Ärger alle Unternehmungen der Neulinge und
überhaupt alles Neue fördern und rühmen müssen; es war also kein
Wunder, wenn sie jetzt die günstige Gelegenheit ergriffen, um unter
dem ehrenhaftesten Vorwand allem, was neu war, Gutem und Schlechtem
durcheinander und ohne Unterschied, den Krieg zu erklären. Der
Redakteur besonders war ein wahrer Herkules in bezug darauf, Humbug
und Unehrlichkeit aufzustöbern. Wenn ein Reichstagsabgeordneter sich
Anträgen widersetzte, die darauf hinausliefen, für die Interessen
privater Vereinigungen das Land zu ruinieren, so wurde er sofort als
ein Scharlatan bezeichnet, der originell sein wolle, der nach dem
Ministerfrack dürste -- er sagte nicht Portefeuille, denn er hielt sich
meistens an die Kleider. Aber die Politik war nicht seine Stärke,
oder ehrlicher gesagt, seine Schwäche; das war die Literatur. Er
hatte einmal auf dem Nordischen Fest eine Rede in Versen auf die Frau
gehalten und damit einen wichtigen Beitrag zur lyrischen Literatur
geliefert, der auch in so vielen Provinzzeitungen abgedruckt wurde,
wie der Verfasser für seine Unsterblichkeit für nötig hielt. Damit
war er Dichter; er kaufte sich nach bestandenem Examen ein Billett
zweiter Klasse, um nach Stockholm zu fahren, ins Leben hinauszutreten
und die Huldigung entgegenzunehmen, die er in seiner Eigenschaft als
Dichter verlangen konnte. Unglücklicherweise lesen die Großstädter die
Provinzzeitungen nicht. Der junge Mann war unbekannt, und sein Talent
wurde nicht gewürdigt. Als kluger Mann, denn sein kleiner Verstand
hatte nie durch eine übermächtige Phantasie Schaden genommen, verbarg
er die Wunde und ließ sie das Geheimnis seines Lebens sein. Die
Bitterkeit, hervorgerufen dadurch, daß er seine ehrliche Arbeit, wie er
es nannte, unbelohnt sah, machte ihn besonders geeignet zum Kritiker
literarischer Werke; aber er schrieb nicht selbst, denn seine Stellung
verbot ihm, an solchen persönlichen Beschäftigungen teilzunehmen,
sondern das überließ er dem Rezensenten, der alle an Gerechtigkeit und
unbeugsamer Strenge übertraf. Dieser hatte selbst sechzehn Jahre lang
Verse geschrieben, die kein Mensch gelesen hatte, unter Benutzung eines
Pseudonyms, ohne daß irgend jemand sich die Mühe gemacht hätte, nach
dem wirklichen Namen des Verfassers zu fragen. Seine Gedichte wurden
aber jede Weihnacht aus dem Staub ausgegraben und im »Graumützchen«
gelobt, von einem Unparteiischen natürlich, der stets seine Signatur
unter den Artikel setzte, damit das Publikum nicht glauben solle, der
Verfasser habe ihn selbst geschrieben; denn man hoffte immer noch, daß
der Verfasser dem Publikum bekannt sei. Jetzt, im siebzehnten Jahre,
hielt der Verfasser es für opportun, ein neues Buch (die Neuauflage
eines alten) unter seinem wirklichen Namen herauszugeben. Aber da
wollte das Unglück, daß das »Rotkäppchen«, das von jungen Leuten
geschrieben wurde, die nie den wirklichen Namen des alten Pseudonymus
gehört hatten, den Verfasser als einen Anfänger behandelte und sein
Erstaunen darüber ausdrückte, daß ein Schriftsteller gleich bei seinem
ersten Auftreten seinen Namen auf das Buch setzte und ferner, daß ein
junger Mann so trocken und so altmodisch schreiben könne. Das war ein
harter Schlag; der alte Pseudonymus bekam einen Fieberanfall, erholte
sich aber wieder, nachdem er im »Graumützchen« glänzend rehabilitiert
worden war, das in einem Atem das ganze Publikum herunterriß, es
unsittlich und unehrlich nannte, weil es eine ehrliche, gesunde und
moralische Arbeit nicht zu schätzen vermöge, die man ohne Schaden
einem Kind in die Hand geben könne. Über diesen letzten Ausspruch
machte sich ein Witzblatt sehr lustig, so daß der Pseudonymus einen
Rückfall bekam, worauf er aller einheimischen Literatur, die künftig
herauskommen würde, ewigen Tod schwur; freilich nicht aller, denn ein
guter Beobachter konnte bemerken, daß recht häufig schlechte Literatur
im »Graumützchen« gelobt wurde, wenn auch in lahmer, zweideutiger Art,
und derselbe Beobachter konnte feststellen, daß diese Literatur von
bestimmten Verlegern herausgegeben wurde; das brauchte aber nicht zu
bedeuten, daß der Pseudonymus sich von irgendwelchen äußeren Umständen,
wie Kohlrouladen oder Fischkonserven, hätte beeinflussen lassen, denn
er war, gleich allen Mitgliedern der Redaktion, ein gerechter Mann, der
ganz sicher nicht gewagt haben würde, mit andern so hart ins Gericht zu
gehen, wenn er nicht selber untadelig gewesen wäre.
Dann kam der Theaterrezensent. Er hatte in einem Aushebungsbüro
in X-köping seine Bildung erworben und seine dramatischen Studien
gemacht und hatte sich dabei in eine Größe verliebt, die nur bei
ihrem Auftreten in X-köping groß war. Da er nicht gebildet genug
war, zwischen seinem privaten Urteil und einem mehr allgemeinen zu
unterscheiden, so passierte ihm das Mißgeschick, daß er, als er zum
erstenmal in den Spalten des »Graumützchens« losgelassen wurde, die
erste Schauspielerin des Landes heruntermachte und behauptete, sie habe
in dieser Rolle Mamsell -- wie sie nun gerade hieß -- imitiert. Daß
dies auf plumpe Art geschah, braucht wohl nicht erwähnt zu werden, und
daß es geschah, ehe das »Graumützchen« seinen Mantel nach dem Winde
gedreht hatte, auch nicht. All das verschaffte ihm einen Namen, das
heißt einen verhaßten, einen verachteten Namen, aber immerhin einen
Namen, der ihn für den Unwillen, den er erregte, schadlos hielt. Zu
seinen hervorragenderen, wenn auch spät geschätzten Eigenschaften als
Theaterkritiker gehörte, daß er taub war. Da es mehrere Jahre dauerte,
bis das entdeckt wurde, wußte man nicht, ob es mit einem Renkontre in
Verbindung stand, das seine Rezension eines Abends im Opernvestibül,
als das Gas schon ausgelöscht war, hervorgerufen hatte. Fortan übte
er seine Armkraft nur an den Jungen, und wer die Verhältnisse kannte,
konnte aus seiner Rezension genau ersehen, ob er etwa ein Mißgeschick
in den Kulissen gehabt hatte, denn der eingebildete Kleinstädter hatte
an irgendeinem schlechten Ort gelesen, Stockholm sei ein Paris, und das
glaubte er.
Der Kunstkritiker endlich war ein alter Akademiker, der nie einen
Pinsel in der Hand gehabt hatte, der aber dem vornehmen Künstlerverein
Minerva angehörte, wodurch er in die Lage versetzt wurde, dem Publikum
Kunstwerke zu beschreiben, bevor sie fertig waren, so daß er ihm
die Mühe ersparte, sich sein Urteil selbst zu bilden. Er war immer
mild gegen seine Bekannten und vergaß nie einen einzigen von ihnen,
wenn er über eine Ausstellung berichtete; dabei hatte er eine so
vieljährige Übung, gut über sie zu schreiben -- wie hätte er es auch
anders wagen sollen --, daß er zwanzig Stück in einer halben Spalte
aufzählen konnte, wodurch seine Kritiken an das bekannte Spiel »Bilder
und Verse« erinnerten. Die Jungen dagegen erwähnte er mit peinlicher
Gewissenhaftigkeit nie, so daß das Publikum, das seit zehn Jahren
nur immer die alten Namen gehört hatte, an der Zukunft der Kunst zu
verzweifeln begann. Eine Ausnahme hatte er aber gemacht; das war
gerade jetzt geschehen, und leider in einem unglücklichen Augenblick;
deshalb befand sich das »Graumützchen« an diesem Morgen in erregter
Gemütsverfassung.
Es war folgendes geschehen:
Sellén, wenn wir uns des unbedeutenden Namens von einem früheren,
nicht eben bemerkenswerten Anlaß erinnern, war im letzten Augenblick
mit seinem Bilde in die Ausstellung gekommen. Nachdem dieses den
schlechtesten Platz, der eben möglich war, bekommen hatte, da sein
Urheber weder die königliche Medaille besaß noch der Akademie
angehörte, erschien der »Professor in Karls +IX.+« Er wurde so
genannt, weil er nie etwas anderes als Szenen aus Karls +IX.+
Geschichte malte; das wieder kam daher, daß er einmal auf einer Auktion
ein Weinglas, ein Tischtuch, einen Stuhl und ein Pergament aus Karls
+IX.+ Zeit gekauft hatte; diese Gegenstände malte er jetzt seit
zwanzig Jahren, bisweilen mit, bisweilen ohne König. Aber er war nun
einmal Professor und Ritter hoher Orden, und das half nichts. Jetzt war
er mit dem akademisch Gebildeten zusammen, als seine Augen zufällig auf
den Oppositionsmann und sein Bild fielen.
»Ach, Sie sind auch wieder hier?« -- Er setzte den Kneifer auf. »So,
dies soll also der neue Stil sein! Hm! Hören Sie auf mich, mein Herr!
Hören Sie auf einen alten Mann; nehmen Sie das weg! Nehmen Sie es weg!
Oder ich sterbe! Und Sie tun sich selbst einen großen Gefallen! Was
meinst du dazu, lieber Bruder?«
Der Bruder hielt es ganz einfach für eine Unverschämtheit; er wolle als
Freund dem Herrn raten, Schildermaler zu werden.
Sellén wendete sanftmütig aber durchdringend ein, es gebe so sehr viele
tüchtige Leute in diesem Beruf, deshalb habe er die künstlerische
Laufbahn gewählt, in der man ja im übrigen allem Anschein nach sehr
viel leichter vorwärts komme. Über diese naseweise Antwort geriet
der Professor außer sich, und er kehrte dem Niedergeschmetterten mit
einer Drohung den Rücken, die der Akademiker in ein paar Verheißungen
umwechselte.
Darauf hatte die erleuchtete Ankaufskommission getagt, -- bei
verschlossenen Türen. Als die Türen sich wieder öffneten, waren sechs
Bilder angekauft für das Geld, das die Allgemeinheit bereitgestellt
hatte zur Förderung einheimischer Künstler. Der Auszug aus dem
Protokoll, der in den Zeitungen veröffentlicht wurde, hatte
nachstehenden Wortlaut: »Der Kunstverein hat gestern folgende Arbeiten
angekauft. 1. Wasser mit Ochsen, Landschaft von Großhändler K. 2.
Gustaf Adolf vor dem Brand von Magdeburg. Geschichtliches Gemälde
von Leinwandhändler L. 3. Ein sich schneuzendes Kind. Genrebild von
Leutnant M. 4. Der Dampfer Bore im Hafen. Marine von Schiffsmakler
N. 5. Wald mit Dame. Landschaft von Kgl. Sekretär O. 6. Hühner mit
Champignons, Stilleben von Schauspieler P.«
Diese Kunstwerke, die durchschnittlich tausend Reichstaler kosteten,
waren dann im »Graumützchen« in zweidreiviertel Spalten (die Spalte zu
fünfzehn Kronen) gelobt worden, und das war nichts Merkwürdiges; aber
der Rezensent hatte, teils um die Spalte zu füllen, teils um beizeiten
ein zunehmendes Übel zu unterdrücken, eine Unsitte getadelt, die sich
einzunisten begann: daß nämlich junge, unbekannte Abenteurer, die der
Akademie entlaufen seien, jetzt ohne Studien, nur durch Effekthascherei
und Kniffe das gesunde Urteil des Publikums zu trüben suchten. Hierauf
wurde Sellén bei den Ohren genommen und gestäupt, so daß sogar seine
Gegner es ungerecht fanden, -- und dann weiß man Bescheid. Nicht genug
damit, daß ihm jede Spur von Talent abgesprochen und er ein Scharlatan
genannt wurde, man griff auch seine privaten finanziellen Verhältnisse
an, machte Anspielungen auf die minderwertigen Lokale, in denen er zu
Mittag essen mußte, auf die schlechte Kleidung, die er trug, auf seine
mangelhafte Moral, seinen geringen Fleiß, und endete damit, ihm im
Namen der Religion und der Sittlichkeit eine Zukunft in irgendeiner
Zwangsanstalt zu prophezeien, wenn er sich nicht beizeiten bessere.
Dies war ein großes Verbrechen, aus Leichtsinn und Eigennutz begangen,
und daß, als das »Graumützchen« an diesem Abend herauskam, nicht eine
Seele verloren ging, war ein Wunder.
Vierundzwanzig Stunden später erschien der »Unbestechliche«. Er
stellte gewisse eingehende Betrachtungen darüber an, wie das Geld der
Allgemeinheit von einer Clique verwaltet werde; wie unter den jetzt
angekauften Bildern kein einziges von einem Maler gemalt sei, sondern
alle von Beamten und Gewerbetreibenden, die sich nicht entblödeten,
mit den Künstlern zu konkurrieren, die hier ihr einziges Absatzgebiet
hätten; wie diese Räuber den Geschmack verdürben und die Künstler
demoralisierten, deren einziges Streben hinfort darauf gerichtet sein
müsse, ebenso schlecht zu malen wie die Verkaufenden, wenn sie nicht
untergehen wollten. Dann wurde Sellén erwähnt. Sein Bild sei das erste
seit zehn Jahren, das einer Menschenseele entsprungen sei; zehn Jahre
lang sei die Kunst ein Produkt von Farben und Pinsel gewesen; Selléns
Bild sei eine ehrliche Arbeit, voll Inspiration und Begeisterung,
völlig ursprünglich, wie nur ein Mensch, der dem Geist in der Natur ins
Auge gesehen habe, malen könne. Der Rezensent warnte den Jungen, gegen
die Alten zu kämpfen, denn die habe er schon überholt; er ermahnte ihn,
zu glauben und zu hoffen, denn er habe eine Aufgabe usw.
Das »Graumützchen« schäumte vor Wut.
»Ihr sollt sehen, der Kerl hat Erfolg!« rief der Chefredakteur. »Zum
Teufel, warum mußten wir auch so schroff gegen ihn vorgehen! Denkt,
wenn er sich durchsetzt! Dann haben wir uns blamiert!« Aber der
Akademiker schwur, er werde keinen Erfolg haben, und er ging nach Hause
mit Unfrieden in der Seele und las in seinen Büchern und schrieb eine
Abhandlung, die von neuem den Beweis führte, daß Sellén ein Scharlatan
und der »Unbestechliche« bestochen sei.
Das »Graumützchen« atmete auf, aber nur, um einen neuen Schlag zu
bekommen.
Die Morgenzeitungen des nächsten Tages verkündeten, Seine Majestät der
König habe Selléns »meisterhafte Landschaft« angekauft, die bereits
seit mehreren Tagen das Publikum in die Ausstellung locke.
Jetzt faßte der Wind das »Graumützchen«, und es flatterte wie ein
Lappen auf einem Zaunpfahl. Sollte man umkehren oder drauflosgehen?
Es galt die Zeitung, und es galt den Rezensenten. Da beschloß der
Chefredakteur (auf Befehl des geschäftsführenden Direktors), den
Rezensenten zu opfern und die Zeitung zu retten. Aber wie? Man
erinnerte sich Struves, der in allen Labyrinthen der Öffentlichkeit
völlig zu Hause war, und rief ihn herbei. In einem Augenblick hatte
er die Situation erfaßt und versprach, in wenigen Tagen die Sache zu
deichseln. Um Struves Machinationen zu verstehen, muß man einige der
wichtigsten Daten seiner Biographie kennen. Er war der geborene ewige
Student und nur aus Not in die Literatur gekommen. Zunächst wurde er
Redakteur der sozialdemokratischen »Volksfahne«; darauf knüpfte er
Beziehungen zu dem konservativen »Bauernschinder« an; als diese Zeitung
aber in eine andere Stadt verlegt wurde, mit Inventar, Druckerei und
Redakteur, änderte sich der Name in »Bauernfreund«, und damit nahmen
auch die Anschauungen eine andere Farbe an. -- Darauf war Struve an das
»Rotkäppchen« verkauft worden, wo er gerade durch seine Bekanntschaft
mit allen Schlichen der Konservativen sehr erwünscht war, genau wie es
jetzt beim »Graumützchen« sein erheblichstes Verdienst war, daß er alle
Geheimnisse des Todfeindes, des »Rotkäppchens«, kannte, die er mit der
größten Freiheit mißbrauchte.
Struve begann die Reinwaschungsarbeit mit einem Artikel in der
»Volksfahne«, aus dem dann einige Zeilen im »Graumützchen« zitiert
wurden, die von dem großen Zulauf zur Ausstellung berichteten. Darauf
schrieb er ein Eingesandt im »Graumützchen«, worin er den akademischen
Kritiker angriff; dem Eingesandt waren einige beruhigende Worte, »Die
Redaktion« unterzeichnet, beigegeben. Diese Worte lauteten: »Obwohl
wir niemals die Ansicht unseres geehrten Rezensenten in bezug auf die
mit Recht sehr gerühmte Landschaft Herrn Selléns geteilt haben, können
wir doch anderseits das Testimonium des geehrten Einsenders nicht voll
unterschreiben; da es aber zu unseren Grundsätzen gehört, auch anderen
Anschauungen in unseren Spalten Raum zu geben, so haben wir nicht
gezögert, den obenstehenden Artikel zum Druck zu bringen.«
Jetzt war das Eis gebrochen. Struve, der, wie man sagte, über alles
schrieb -- außer über kufische Münzen --, schrieb jetzt eine glänzende
Kritik über Selléns Bild zusammen und unterzeichnete sie mit dem höchst
charakteristischen +Dixi+. Und da war das »Graumützchen« gerettet
und Sellén natürlich auch, aber das war nicht so wichtig.
Elftes Kapitel
Glückliche Menschen
Es ist sieben Uhr abends. Das Orchester bei Berns spielt den
Hochzeitsmarsch aus dem Sommernachtstraum, und bei seinen festlichen
Klängen hält Olle Montanus seinen Einzug ins Rote Zimmer, in dem noch
keins der Mitglieder anwesend ist. Olle sieht heute stattlich aus. Er
hat einen hohen Hut auf, den er seit seiner Konfirmation nicht mehr
besessen hat. Er hat neue Kleider, heile Stiefel an, ist gebadet,
frisch rasiert und hat sich die Haare brennen lassen, als wolle er
auf seine Hochzeit gehen; eine schwere Messingkette hängt auf der
Weste, und eine deutliche Anschwellung ist an der linken Westentasche
zu sehen. Ein sonniges Lächeln liegt auf seinem Gesicht, und er
sieht so gütig aus, als wolle er der ganzen Welt mit einem kleinen
Vorschuß helfen. Er legt seinen früher so vorsichtig zugeknöpften
Überzieher ab und setzt sich mitten auf das Sofa, schlägt den Rock
auf und zupft an der weißen Chemisette, daß sie sich knackend wölbt,
und wenn er sich bewegt, knistert das Futter der neuen Hosen und der
Weste. Das scheint ihm großes Vergnügen zu machen, ebenso großes, als
wenn er seine Stiefel an den Sofabeinen knarren läßt. Er holt seine
Uhr heraus, seine alte, liebe Kartoffel, die ein Jahr lang und noch
einen Fristmonat im Leihhaus gewesen ist, und die beiden Freunde
scheinen sich beide der Freiheit zu freuen. Was ist diesem armen
Menschen passiert, daß er so unsagbar glücklich aussieht? Wir wissen,
daß er nicht in der Lotterie gewonnen, keine Erbschaft gemacht, keine
ehrenvolle Anerkennung bekommen, nicht das holde Glück errungen hat,
das über alle Beschreibung geht; was ist denn nur geschehen? Ganz
einfach: er hat Arbeit gefunden!
Und dann kommt Sellén: in Samtjacke, Lackschuhen, mit Plaid und
einem Krimstecher am Riemen, Spazierstock, gelbseidenem Halstuch,
zartfarbigen Handschuhen und einer Blume im Knopfloch. Ruhig und
zufrieden wie immer; keine Spur von den aufregenden Eindrücken, denen
er in den letzten Tagen ausgesetzt war, ist auf seinem mageren,
intelligenten Gesicht zu sehen. In seiner Gesellschaft ist Rehnhjelm,
stiller als gewöhnlich, denn er weiß, daß er sich von einem Freund und
Beschützer trennen muß.
»Nun, Sellén,« sagt Olle, »jetzt bist du glücklich? Nicht wahr?«
»Glücklich! Was ist das für ein Unsinn. Es ist mir gelungen, eine
Arbeit zu verkaufen. Die erste in fünf Jahren! Ist das zuviel?«
»Aber du hast doch die Zeitungen gelesen? Du hast einen Namen!«
»Nun, darum wollen wir uns nicht kümmern! Du mußt nicht glauben, daß
ich mir aus solchen Bagatellen etwas mache. Ich weiß ganz genau,
wieviel mir noch fehlt, bis ich etwas bin! In zehn Jahren, Bruder
Olle, wollen wir über die Sache reden.«
Und Olle glaubt die eine Hälfte und glaubt die andere nicht, und er
knackt mit der Chemisette und knistert mit dem Futter, so daß Selléns
Aufmerksamkeit erregt wird und er sich zu dem Ausruf veranlaßt sieht:
»Potztausend, wie fein du bist!«
»Ja, findest du? Aber du siehst ja aus wie ein Löwe!«
Und Sellén peitscht seine Lackschuhe mit dem Stöckchen, riecht
verschämt an der Blume im Knopfloch und sieht sehr gleichgültig aus.
Da aber holt Olle seine Kartoffel heraus, um nachzusehen, ob Lundell
nicht bald kommt; und da muß Sellén sein Fernglas nehmen, um nach den
Galerien hinaufzusehen, ob er vielleicht dort sitzt. Dann aber darf
Olle mit der Hand über die Samtjacke streichen, um zu fühlen, wie weich
sie ist, denn Sellén versichert, daß es für den Preis ungewöhnlich
guter Samt ist. Und da muß Olle fragen, was er kostet, und das weiß
Sellén, der zur Revanche Olles Manschettenknöpfe bewundert, die aus
Muscheln gemacht sind.
Und dann erscheint Lundell, der bei dem großen Schmaus auch einen
Knochen abbekommen hat, denn er soll für geringen Preis das Altarbild
für die Kirche in Träskaala malen; aber das hat keinen sichtbaren
Einfluß auf seinen äußeren Menschen gehabt, abgesehen davon, daß seine
fetten Wangen und sein strahlendes Gesicht eine bessere Diät andeuten.
Und mit ihm kommt Falk. Ernst, aber froh, ehrlich froh im Namen der
ganzen Welt, weil dem Verdienst Gerechtigkeit widerfahren ist.
»Ich gratuliere dir, Sellén, aber das war nicht mehr als recht,« sagte
er. -- Und das findet Sellén auch.
»Ich habe seit fünf Jahren ebenso gut gemalt, weißt du, und man hat
gegrinst; man hat noch vorgestern gegrinst; aber jetzt! Pfui Teufel,
sind das Menschen! Sieh, diesen Brief habe ich von diesem Idioten, dem
Professor in Karls +IX.+, bekommen.«
Große Augen und scharfe Augen, denn den Tyrannen möchte man gern in
der Nähe sehen, ihn in den Händen halten und wenigstens das Papier
mißhandeln, auf dem er seinen Namen geschrieben hat.
»›Mein bester Herr Sellén!‹ Hört nur! -- ›Ich heiße Sie in unserer
Mitte willkommen!‹ -- Die Kanaille hat Angst! -- ›Ich habe immer eine
hohe Meinung von Ihrem Talent gehabt!‹ -- So ein Heuchler! Zerreißt den
Wisch und laßt uns seine Dummheit vergessen!«
Und dann nötigt Sellén zum Trinken; er stößt mit Falk an und spricht
die Hoffnung aus, er werde auch bald in irgendeiner Weise durch seine
Feder von sich hören lassen; Falk zögert und errötet und verspricht,
das zu tun, wenn die Zeit da sei, aber seine Studienzeit werde lange
dauern; er bittet die Freunde, nicht die Geduld zu verlieren, wenn er
auf sich warten lasse, und dankt Sellén für die gute Kameradschaft,
in der er gelernt habe, Geduld zu üben und Entbehrungen zu ertragen.
Sellén jedoch sagt, er solle keinen Unsinn schwatzen; was es für eine
Kunst sei, zu leiden, wenn man keine andere Wahl habe, und inwiefern es
merkwürdig sei, zu entsagen, wenn man nichts bekomme?
Olle aber lacht so gütig, und die Hemdbrust schwillt vor Freude, so
daß man die roten Hosenträger sieht, und er trinkt auf Lundells Wohl
und rät ihm, sich Sellén zum Vorbild zu nehmen, damit er nicht um der
ägyptischen Fleischtöpfe willen das Gelobte Land vergesse; denn er
habe Talent, das habe Olle gesehen, und zwar immer, wenn er er selber
bleibe und seine eigenen Gedanken male; sobald er aber heuchle und
fremde Gedanken male, dann sei er schlechter als andere; deshalb solle
er jetzt dies Altarbild als ein Geschäft auffassen, durch das er in die
Lage versetzt werde, später nach eigenem Kopf und Herzen zu malen.
Falk will die Gelegenheit wahrnehmen und heraushören, was Olle über
sich selbst und seine Kunst denkt, etwas, was ihm schon lange ein
Rätsel ist, als Ygberg das Rote Zimmer betritt. Man bestürmt ihn im
nächsten Augenblick mit Einladungen, Platz zu nehmen, denn man hatte
ihn in den stürmischen Tagen vergessen, und will ihm nun zeigen, daß
es nicht aus egoistischen Gründen geschehen ist; Olle aber wühlt in
seiner rechten Westentasche, und mit einer Geste, die sehr unauffällig
sein soll, stopft er einen zusammengerollten Papierlappen in Ygbergs
Rocktasche, und dieser versteht, denn er antwortet mit einem dankbaren
Blick.
Ygberg trinkt Sellén zu und meint, man könne wohl sagen, was er bereits
an anderer Stelle ausgesprochen habe, Sellén habe sein Glück gemacht.
Anderseits wieder könne man auch behaupten, das sei nicht der Fall.
Sellén sei noch nicht entwickelt, er brauche noch viele Jahre, denn die
Kunst sei lang, das wisse Ygberg selbst, der entschiedenes Pech gehabt
habe und deshalb nicht in den Verdacht kommen könne, einen zu beneiden,
der bereits so anerkannt sei wie Sellén.
Der aus Ygbergs Rede sprechende Neid rief eine leichte Wolke an dem
sonnigen Himmel hervor, aber nur für einen Augenblick, denn alle
wußten, daß der Neid durch die Bitterkeit eines langen, verlorenen
Lebens zu entschuldigen war.
Mit desto froheren Gefühlen überreichte Ygberg gönnerhaft Falk eine
neugedruckte kleine Schrift, und dieser sah mit Erstaunen das schwarze
Bild der Ulrika Eleonora sich auf dem Umschlag abzeichnen. Ygberg
erklärte, er habe die Bestellung auf den Tag abgeliefert. Smith habe
Falks Absage und seinen Widerruf mit größter Ruhe entgegengenommen und
sei jetzt im Begriff, Falks Gedichte zu drucken.
Die Gaslampen verloren ihren Schein vor Falks Augen, und er versank
in tiefe Gedanken, weil sein Herz zu voll war, um sich Luft machen zu
können. Seine Gedichte sollten gedruckt werden, und Smith würde die
hohen Kosten bestreiten. Es mußte also etwas daran sein! Das war genug
zum Nachdenken für diesen Abend.
Rasch enteilten die Stunden dieses Abends den Glücklichen, und die
Musik verstummte, und die Gaslampen wurden ausgelöscht; man mußte
gehen, aber es war noch zu früh, sich zu trennen, und so machten sie
einen Spaziergang an den Kaien entlang unter endlosen Gesprächen und
philosophischen Erörterungen, bis sie müde und durstig wurden; da
endlich schlug Lundell vor, die Gesellschaft zu Marie zu führen, bei
der sie Bier bekommen würden. Und nun wanderten sie nach Ladugaardsland
hinaus und kamen in eine Gasse, die auf den Zaun eines ans unbebaute
Land grenzenden Tabakfeldes mündete. Da standen sie nun vor einem alten
zweistöckigen Steinhause, das nach der Straße einen Giebel hatte. Über
der Tür grinsten zwei in die Mauer eingesetzte Köpfe aus Sandstein,
deren Ohren und Kinn sich in Blatt- und Schneckenformen auflösten, die
ein Schwert und ein Beil umgaben. Dies war das alte Scharfrichterhaus.
Lundell, der mit der Örtlichkeit bekannt zu sein schien, gab ein Signal
vor einem Fenster zu ebener Erde, worauf das Rouleau hochgezogen und
eine Scheibe geöffnet wurde; ein Frauenkopf sah heraus und fragte, ob
es Albert sei. Als Lundell sich zu diesem seinem +Nom de guerre+
bekannte, schloß die Frau die Tür auf und ließ die Gesellschaft
herein gegen das Versprechen, leise zu sein; da dieses Versprechen
ohne Schwierigkeit gegeben werden konnte, so befand sich das Rote
Zimmer bald im Hause und wurde Marie unter schnell angenommenen Namen
vorgestellt.
Das Zimmer war nicht groß; es war früher eine Küche gewesen, und
der Herd war noch darin. Das Meublement bestand aus einer Kommode,
wie Dienstmädchen sie haben; darauf ein Spiegel mit einer weißen
Musselingardine; über dem Spiegel eine kolorierte Lithographie,
die den Erlöser am Kreuz darstellte; die Kommode war überladen mit
kleinen Porzellangegenständen, Parfümflaschen, einem Gesangbuch
und einem Aschbecher und schien mit ihrem Spiegel und den zwei
brennenden Stearinkerzen einen kleinen Hausaltar zu bilden. Über dem
Ausziehsofa, das noch nicht aufgemacht war, saß Karl +XV.+ zu
Pferde, umgeben von Ausschnitten aus dem »Vaterland«, die meistens
Polizeibeamte darstellten, diese Feinde aller Magdalenen. Am Fenster
vegetierten eine Fuchsia, ein Geranium und eine Myrte, -- der stolze
Baum der Venus neben den Pflanzen des Armenhauses. Auf dem Nähtisch
lag ein Photographiealbum. Auf der ersten Seite war der König, auf der
zweiten und dritten Papa und Mama, arme Landleute, auf der vierten ein
Student -- der Verführer --, auf der fünften das Kind, und auf der
letzten der Bräutigam -- ein Handwerker. Das war ihre Geschichte, die
übliche. An einem Nagel neben dem Herd hing ein elegantes Kleid mit
reichen Plissees, ein Samtmantel und ein Hut mit Federn -- das war das
Feengewand, in dem sie ausging, um Jünglinge zu fangen. Und sie selbst!
Eine stattliche vierundzwanzigjährige Frau von gewöhnlichem Aussehen.
Leichtsinn und durchwachte Nächte hatte ihrem Teint diese durchsichtige
Weiße gegeben, welche die Reichen, die nicht arbeiten, auszuzeichnen
pflegt, aber ihre Hände trugen noch die Spuren der mühsamen Arbeit
ihrer Jugend. In einen schönen Schlafrock gekleidet, mit gelöstem
Haar, konnte sie wohl für eine Magdalena gelten. Sie hatte ein
verhältnismäßig schamhaftes Wesen und war heiter, höflich und gesittet
in ihrem Benehmen.
Die Gesellschaft verteilte sich in Gruppen, setzte die unterbrochene
Unterhaltung fort und nahm neue Themen auf. Falk, der jetzt Dichter war
und in allem etwas Interessantes finden wollte, auch in dem Banalsten,
vertiefte sich in ein sentimentales Gespräch mit Marie, was ihr sehr
gefiel, weil es ihr schmeichelte, als Mensch behandelt zu werden. Sie
kamen wie gewöhnlich auf ihre Geschichte und die Motive, aus denen
sie ihre Laufbahn gewählt hatte. Bei der ersten Verführung hielt sie
sich nicht lange auf; »das sei nicht der Rede wert«; desto düsterer
schilderte sie ihre Zeit als Dienstmädchen, dies Sklavenleben unter den
Launen und Zänkereien einer beschäftigungslosen Frau, dies Leben der
Arbeit ohne Ende. Nein, dann lieber die Freiheit!
»Ja, aber wenn Sie dieses Lebens einmal überdrüssig werden?«
»Dann verheirate ich mich mit Westergren!«
»Und er will Sie haben?«
»Er freut sich schon jetzt auf den Tag, und übrigens mache ich dann
selbst mit meinem Ersparten einen kleinen Handel auf. Aber danach haben
schon so viele gefragt. -- Hast du Zigarren?«
»Ja, die habe ich! Aber jetzt wollen wir hiervon reden!«
Er nahm ihr Album und schlug den Studenten auf -- es ist immer ein
Student mit weißer Binde und der Studentenmütze auf den Knien, von
tölpelhaftem Aussehen, der den Mephistopheles spielt.
»Wer ist das?«
»Ach du, das war ein netter Junge!«
»Der Verführer? Was?«
»Still du! Es war meine Schuld ebenso gut wie seine, und so ist es
immer, mein Bester; beide haben Schuld! Da siehst du mein Kind! Das hat
der liebe Gott zu sich genommen, und das war wohl das beste. Aber jetzt
wollen wir von etwas anderem sprechen! -- Was ist das für ein lustiger
Kerl, den Albert heute abend mitgebracht hat? Der da am Herd sitzt
neben dem Langen, der bis an den Schornstein reicht?«
Olle, dem diese Worte galten, fühlte sich ganz beschämt über die
schmeichelhafte Aufmerksamkeit, die seine Person erregte, und er drehte
an seinem gebrannten Haar, das nach den vielen Libationen schon wieder
glatt wurde.
»Das ist Diakonus Maansson,« sagte Lundell.
»Pfui Teufel, ist das ein Pfaffe? Ich hätte es ja an seinen
verschmitzten Augen sehen können. -- Wißt ihr, vorige Woche war auch
einer hier. -- Komm her, Masse, laß dich anschaun!«
Olle kroch vom Herd herunter, auf dem er gesessen und mit Ygberg Kants
kategorischen Imperativ diskutiert hatte. Er war so gar nicht daran
gewöhnt, von Frauen beachtet zu werden, daß er sich sofort jünger
fühlte, und mit schlendernden Schritten ging er auf die Schöne zu,
die er mit einem Auge bereits beobachtet und bezaubernd gefunden
hatte. Er drehte seinen Schnurrbart so gut wie möglich und fragte mit
gezierter Stimme, während er eine Verbeugung riskierte, die nicht in
der Tanzstunde gelernt war:
»Finden Sie, Fräulein, daß ich wie ein Pastor aussehe?«
»Nein, jetzt sehe ich, daß du einen Schnurrbart hast. Du hast zu
saubere Kleider an, um ein Handwerker zu sein -- laß mich deine Hand
sehen, -- ach, du bist doch Schmied!«
Olle war rief gekränkt.
»Bin ich so häßlich, mein Fräulein?« sagte Olle mit rührender Stimme.
Marie sah ihn einen Augenblick an.
»Du bist recht häßlich! Aber du siehst nett aus!«
»O mein Fräulein, wenn Sie wüßten, wie weh Sie meinem Herzen tun. Mich
hat noch nie eine Frau liebgehabt; ich kenne so viele, die glücklich
sind, obwohl sie häßlicher waren als ich, aber das Weib ist ein
verwünschtes Rätsel, das kein Mensch lösen kann, und deshalb verachte
ich die Frau!«
»Gut! Olle,« ertönte eine Stimme aus dem Schornstein, wo Ygbergs Kopf
saß. »Sehr gut!«
Olle wollte nach dem Herd zurückkehren, aber er hatte ein Thema
berührt, das Marie zu sehr interessierte, als daß sie es hätte
abbrechen mögen, und er hatte eine Saite angeschlagen, deren Ton sie
kannte. Sie setzte sich neben ihn, und sie vertieften sich bald in eine
weitschweifige, ernste Diskussion -- über Weib und Liebe.
Rehnhjelm aber, der den ganzen Abend still, stiller als gewöhnlich
gewesen war, und aus dem keiner recht klug wurde, war allmählich etwas
aufgelebt und saß jetzt in Falks Nähe in der Sofaecke. Er hatte schon
lange etwas auf dem Herzen, was ihm nicht über die Lippen wollte. Er
nahm sein Bierglas und klopfte auf den Tisch, als wolle er eine Rede
halten, und als seine nächsten Nachbarn verstummt waren, sprach er mit
zitternder und nachlässiger Stimme:
»Meine Herren! Sie denken, ich bin ein Rindvieh, ich weiß, Falk, ich
weiß, daß du mich für dumm hältst, aber ihr sollt sehen, Jungens, ihr
sollt sehen, hol mich der Teufel ...«
Er hob die Stimme und schlug das Bierglas auf den Tisch, daß es
zerbrach, worauf er auf das Sofa zurücksank und einschlief.
Diese Szene, die nicht ganz ungewöhnlich war, erregte doch Maries
Aufmerksamkeit. Sie stand auf und brach ihre Unterhaltung mit Olle ab,
der obendrein die rein abstrakte Seite der Frage zu verlassen begann.
»Nein, so ein hübscher Bengel! Wo habt ihr den her? Armer Junge! Er ist
so müde. Ich habe ihn gar nicht gesehen!«
Sie legte ihm ein Kissen unter den Kopf und breitete ihren Schal über
ihn. »Seht nur diese kleinen Hände! Solche habt ihr Bauernjungens
nicht! Und dies Gesicht! So unschuldig! Pfui, Albert; du hast ihn
verleitet, so viel zu trinken!«
Ob es nun Lundell gewesen war oder ein anderer, war in diesem Falle
unwesentlich, denn der Mann war betrunken; sicher war aber, daß niemand
ihn zu verleiten brauchte, denn ihn verzehrte eine ständige Begierde,
eine innere Unruhe zu betäuben, die ihn von seiner Arbeit wegzutreiben
schien.
Lundell war jedoch nicht entzückt über die Betrachtungen, die sein
schöner Freund veranlaßte, und der wachsende Rausch spornte seine
religiösen Gefühle an, die an diesem Abend infolge des reichlichen
Essens ziemlich stumpf gewesen waren. Und da der Rausch allgemein zu
werden begann, nahm er Veranlassung, an die Bedeutung des Abends zu
erinnern und an die Gefühle, die ein Abschied hervorruft. Er erhob sich
von seinem Platz, füllte das Bierglas, lehnte sich gegen die Kommode
und appellierte an die allgemeine Aufmerksamkeit.
»Meine Herren« -- er erinnerte sich der Anwesenheit Magdalenas -- »und
Damen. Wir haben heute abend gegessen und getrunken, und zwar, um zum
Thema zu kommen, in der Absicht, jetzt von dem Materiellen abzusehen,
das nur der niedere, sinnliche, tierische Bestandteil unseres Wesens
ist, in einem Augenblick wie diesem, da die Stunde des Abschieds naht
-- wir sehen hier ein betrübliches Beispiel des Lasters, das wir das
Laster der Trunksucht nennen! Es ist in Wahrheit erschütternd für das
religiöse Gefühl! Wenn man nach einem Abend, den man im Freundeskreise
verbracht hat, sich veranlaßt fühlt, ein Glas auf den zu trinken, der
sein seltenes Talent gezeigt hat -- ich meine Sellén --, dann sollte
man doch denken, daß die Achtung vor einem selbst sich in irgendeiner
Weise geltend machte. Ein solches Beispiel, betone ich, hat hienieden
in einer höheren Potenz sich zu erkennen gegeben; ich erinnere mich
der schönen Worte, die mir stets in den Ohren klingen werden, solange
ich lebe, und ich bin überzeugt, daß wir uns alle ihrer erinnern,
wenn auch der Ort nicht sehr geeignet ist; dieser junge Mann, der,
soviel ich sehe, dem Laster zum Opfer gefallen ist, das wir Trunksucht
nennen wollen, hat sich leider in unsere Gesellschaft eingeschlichen
und, um mich kurz zu fassen, traurigere Resultate gezeitigt, als man
hätte erwarten sollen. Prosit, edler Freund Sellén, ich wünsche dir
alles Glück, das dein edles Herz verdient! Und auch dein Wohl, Olle
Montanus! Falk ist ebenfalls ein edler Mann, der sich in größerem Maße
bemerkbar machen wird, wenn seine religiösen Gefühle die Festigkeit
erlangt haben, die sein Charakter zu verbürgen scheint. Von Ygberg
will ich nicht sprechen, denn er hat jetzt endlich seinen Entschluß
gefaßt, und wir wünschen ihm alles Gute für die Laufbahn, die er so
schön begonnen hat -- die philosophische; es ist eine schwere Laufbahn,
und ich sage mit dem Psalmisten: Wer kann es uns sagen? Wir haben
jedoch allen Anlaß, für unsere Zukunft das Beste zu erhoffen, und ich
glaube, wir können stets auf sie rechnen, solange wir edel von Gefühl
sind und nicht nach schnödem Gewinn trachten, denn, meine Herren, ein
Mensch ohne Religion ist ein Vieh. Deshalb möchte ich die Herren alle
miteinander auffordern, ihre Gläser zu heben und sie bis zum Grund zu
leeren auf alles Edle, Schöne und Herrliche, das wir erstreben! Prosit,
meine Herren!«
Das religiöse Gefühl begann jetzt Lundell zu überwältigen, in so hohem
Grade, daß die Gesellschaft es geraten fand, an Aufbruch zu denken.
Das Rouleau war schon eine gute Weile vom Tageslicht beleuchtet worden,
und die Landschaft mit der Ritterburg und der Jungfrau strahlte jetzt
im ersten Glanz der Morgensonne. Als es hochgezogen wurde, fiel das
Tageslicht voll in das Zimmer und beleuchtete diejenigen von der
Gesellschaft, die sich in der Nähe des Fensters befanden, so daß sie
wie Leichen aussahen. Ygberg, der auf dem Herd schief, die Hände um
das Bierglas gefaltet, hatte noch den roten Schein vom Stearinlicht im
Gesicht und gab einen vortrefflichen Effekt. Olle aber hielt Reden auf
das Weib, auf den Frühling, auf die Sonne, auf das Universum, wobei er
das Fenster aufmachen mußte, um für seine Gefühle Luft zu bekommen.
Die Schlafenden wurden aufgerüttelt, Abschiedsgrüße wurden gewechselt,
und die ganze Gesellschaft ging durch den Torweg hinaus. Als sie auf
die Gasse kamen, drehte Falk sich um; da lag Magdalena im offenen
Fenster; die Sonne schien auf ihr weißes Gesicht, und ihr langes,
schwarzes Haar, das von der Sonne dunkelrot gefärbt wurde, glitt am
Halse herunter und sah aus, als stürze es sich in mehreren Rinnsalen
auf die Straße hinab; und über ihrem Kopf hingen Schwert und Beil und
die beiden grinsenden Gesichter. In einem Apfelbaum auf der anderen
Seite der Gasse aber saß ein schwarz und weißer Fliegenschnäpper und
sang sein milzsüchtiges Lied als Ausdruck seiner Freude, daß die Nacht
vorbei war.
Zwölftes Kapitel
Seeversicherungsaktiengesellschaft Triton
Levi war ein junger Mann, der, zum Kaufmann geboren und erzogen, eben
im Begriff stand, sich mit Hilfe seines reichen Vaters selbständig zu
machen, als der Vater starb und nichts hinterließ als eine unversorgte
Familie. Das war eine große Enttäuschung für den jungen Mann, denn er
war jetzt in den Jahren, da er meinte, selber mit arbeiten aufhören
und andere für sich arbeiten lassen zu können; er war fünfundzwanzig
Jahre alt und hatte ein vorteilhaftes Äußeres; breite Schultern und
das völlige Fehlen von Hüften machten seinen Rumpf besonders geeignet,
einen Gehrock in der Weise zu tragen, wie er es so oft bei gewissen
ausländischen Diplomaten bewundert hatte; sein Brustkorb hatte von
Natur die elegante Wölbung, die einer Hemdbrust mit vier Knöpfen
volle Elevation geben kann, auch wenn der Träger auf dem Lehnstuhl
an der Schmalseite eines langen, mit Mitgliedern vollbesetzten
Direktionstisches niedersinkt; ein schön geteilter Vollbart gab seinem
jungen Gesicht ein einnehmendes und zugleich vertrauenerweckendes
Aussehen; seine kleinen Füße waren dazu geschaffen, über einen
Brüsseler Teppich in einem Direktionsbüro zu schreiten, und seine
wohlgepflegten Hände eigneten sich besonders gut für eine leichtere
Arbeit, zum Beispiel, seinen Namen zu unterzeichnen, am liebsten auf
gedruckten Formularen. In dieser Zeit, die man heute die gute nennt,
obwohl sie tatsächlich für viele recht bös war, hatte man soeben die
große Entdeckung -- die größte des Jahrhunderts -- gemacht: -- daß es
billiger und angenehmer ist, vom Gelde anderer zu leben als von seiner
eigenen Arbeit. Viele, viele hatten sie sich schon zunutze gemacht, und
da sie nicht patentamtlich geschützt war, darf niemand sich wundern,
daß auch Levi sich beeilte, sich ihrer zu bedienen, besonders da er
selber jetzt kein Geld besaß und keine Lust hatte, für eine Familie zu
arbeiten, die nicht seine eigene war.
Er zog also eines Tages seinen besten Anzug an und lenkte seine
Schritte zu seinem Onkel Smith.
»So, also du hast eine Idee; nun, laß hören! Es ist gut, Ideen zu
haben.«
»Ich wollte eine Aktiengesellschaft gründen.«
»Schön! Dann wird Aron Rechnungsführer, Simon Sekretär, Isaak Kassierer
und die andern Jungen Buchhalter; das ist eine gute Idee. Nun weiter!
Was für eine Gesellschaft soll es sein?«
»Eine Seeversicherungsaktiengesellschaft, habe ich gedacht.«
»So so, das ist schön! Alle Menschen müssen ihre Sachen versichern,
wenn sie eine Seereise machen. Aber deine Idee? Nun?«
»Das ist meine Idee!«
»Das ist keine Idee! Wir haben doch die große Gesellschaft Neptun! Nun
also! Das ist eine gute Gesellschaft! Deine muß besser sein, wenn du
mit ihr konkurrieren willst! Was ist das Neue an deiner Gesellschaft?«
»Oh, ich verstehe! Ich ermäßige die Prämien, dann bekomme ich alle
Kunden des Neptun!«
»Ja, das ist eine Idee! Also der Prospekt, den ich natürlich drucken
lasse, enthält als Ouvertüre: ›Da es ein lange empfundenes Bedürfnis
ist, die Seeversicherungsprämien herabzusetzen, dies aber aus Mangel an
Konkurrenz nicht geschehen ist, so geben sich Unterzeichnete hiermit
die Ehre, zur Aktienzeichnung für die Gesellschaft‹ ... Nun?«
»Triton!«
»Triton? Was ist das für ein Mann?«
»Das ist ein Meergott!«
»Na schön! Triton! Das wird ein gutes Plakat. Das mußt du bei Rauch in
Berlin machen lassen, dann wird es nachher in ›Unser Land‹ abgedruckt.
Nun also! Unterzeichnete! Ja! das wäre zunächst ich! Aber wir müssen
große, gute Namen haben! Gib mir den Staatskalender her! So!«
Smith blätterte eine gute Weile.
»Eine Seeversicherungsaktiengesellschaft müßte einen hohen Seeoffizier
haben. Nun, warte einmal! Admiral nennt man das ja wohl!«
»Ach, die haben ja kein Geld!«
»Ei, ei, ei! Verstehst du so wenig von Geschäften, mein Junge? Sie
zeichnen, brauchen aber nicht einzubezahlen, und dann bekommen sie
ihre Zinsen dafür, daß sie die Generalversammlungen besuchen und an den
Diners beim Direktor teilnehmen. Nun also! Hier sind zwei Admirale!
Der eine hat das Ordensband des Polarsterns, der andere aber hat den
russischen Annenorden! Was macht man da! -- Ja! -- Nun also! -- Wir
nehmen den Russen, denn Rußland ist ein gutes Seeversicherungsland!
So!«
»Aber glaubst du denn, Onkel, daß sie sich so einfach nehmen lassen?«
»Ach, sei doch still! Jetzt müssen wir einen ehemaligen Minister haben!
-- So! Nun also! Mit dem Titel Exzellenz! Ja! Gut! -- und dann einen
Grafen! Das ist schwieriger! Grafen haben so viel Geld! Wir nehmen
einen Professor! Die haben nicht viel Geld! Gibt es Professoren der
Schiffahrt? Das wäre gut für das Geschäft! Ist neben dem Restaurant
vom Südtheater nicht ein Segelklub? Ja! Nun also! Jetzt ist die Sache
in Ordnung! Ach, ich habe das Wichtigste vergessen. Ein Jurist! Ein
Justizrat! Nun also! -- Da haben wir ihn!«
»Ja, den; aber wir haben noch kein Geld!«
»Geld! Was soll man mit Geld, wenn man eine Gesellschaft gründet! Muß
nicht der, der sein Gut versichert, das selber bezahlen? Jawohl! Sollen
wir für ihn bezahlen? Nein! Also die Leute müssen mit ihren Prämien
bezahlen! Nun also!«
»Aber das Grundkapital?«
»Ach! Man schreibt Grundkapital-Obligationen aus.«
»Ja, aber man muß einen Teil auch bar einzahlen!«
»Jawohl, man zahlt bar ein mit Obligationen. Ist das nicht bezahlen?
Nun also! Wenn ich dir eine Obligation für eine bestimmte Summe gebe,
so bekommst du in jeder Bank Geld darauf. Ist eine Obligation also kein
Geld? Nun also! Und in welchem Gesetz steht, daß bar dasselbe ist wie
Banknoten? Dann sind Privatbanknoten auch kein Bargeld! Was?«
»Wie groß muß das Grundkapital sein?«
»Sehr klein! Man darf keine großen Kapitalien festlegen. Eine
Million! Davon werden dreihunderttausend bar eingezahlt, der Rest in
Obligationen!«
»Aber, aber, aber! Die dreihunderrtausend Kronen müssen doch wohl in
Banknoten eingezahlt werden?«
»O du mein Schöpfer! Banknoten? Banknoten sind doch kein Geld! Hat man
Banknoten, ist es gut, hat man keine, auch gut! Nun also! Deshalb muß
man kleine Leute interessieren, die nur Banknoten haben!«
»Aber die großen? Womit bezahlen die?«
»Mit Aktien, Obligationen, Schuldscheinen natürlich! Nun, nun, nun!
Das kommt später! Laß sie nur zeichnen, so werden wir das übrige schon
arrangieren!«
»Aber nur dreihunderttausend? So viel kostet ja ein einziger großer
Dampfer! Wenn man nun tausend Dampfer versichert?«
»Tausend? Oh! Neptun hatte achtundvierzigtausend Versicherungen im
vorigen Jahr und hat sich nur gerade so gehalten!«
»Nun, um so schlimmer! Aber wenn -- wenn es nun schief geht ...«
»Dann liquidiert man!«
»Liquidiert?«
»Ja, macht Konkurs! Das nennt man so! Und was tut es, wenn die
Aktiengesellschaft Konkurs macht? Nicht du, nicht ich, nicht er macht
Konkurs! Sonst aber pflegt man eine neue Aktienausgabe zu machen, oder
man fertigt Obligationen aus, die dann in schweren Zeiten vom Staat
preiswert eingelöst werden können!«
»Es ist also kein Risiko?«
»Gar keins! Übrigens, was hast du zu riskieren? Hast du einen Pfennig?
Nein! Nun also! Was habe ich zu riskieren? Fünfhundert Kronen! Ich
nehme nicht mehr als fünf Aktien, siehst du! Und fünfhundert sind für
mich so viel!«
Er nahm eine Prise Schnupftabak, und damit war die Sache in Ordnung.
Diese Gesellschaft kam zustande, man mag es glauben oder nicht, und sie
verteilte in den zehn Jahren ihrer bisherigen Tätigkeit 6, 10, 10, 11,
20, 11, 5, 10, 36 und 20 Prozent. Man schlug sich um die Aktien; und
um das Geschäft erweitern zu können, wurde eine neue Aktienemission
vorgenommen, gleich darauf aber wurde eine Generalversammlung
einberufen, und über diese sollte Falk jetzt für das »Rotkäppchen«
referieren, dessen außerordentlicher Berichterstatter er war.
Als er an einem sonnigen Nachmittag im Juni in den Kleinen
Börsensaal kam, wimmelte es dort schon von Leuten. Es war eine
glänzende Gesellschaft. Staatsmänner, Genies, Gelehrte, Militärs und
Zivilbeamte der höchsten Rangstufen, Uniformen, Doktorfracks, Orden,
Kommandeurbänder, -- all diese Leute wurden von einem gemeinsamen
großen Interesse hierhergezogen, der Förderung dieser menschenliebenden
Institution, die man Seeversicherung nennt. Und es ist eine große
Liebe erforderlich, um sein Geld für den in einer Notlage befindlichen
Nächsten aufs Spiel zu setzen, der vom Unglück betroffen wird; so
viel Liebe hatte Falk nie auf einmal beisammen gesehen! Er war fast
verwundert darüber, obwohl er der Illusionen noch nicht gänzlich
beraubt war; aber seine Verwunderung wuchs, als er den kleinen
Schuft, den ehemaligen Sozialdemokraten Struve, wie ein Ungeziefer
in dem Gewimmel umherkriechen sah und beobachtete, wie hochgestellte
Persönlichkeiten ihm die Hand drückten, ihm auf die Schulter schlugen,
ihm zunickten und ihn ansprachen. Besonders fiel ihm auf, wie er von
einem älteren Herrn mit Ordensband begrüßt wurde und wie Struve bei
diesem Gruß doch errötete und sich hinter einem bestickten Rücken
verbarg; dadurch kam er in Falks Nähe, der ihn sofort festhielt und ihn
fragte, wen er eben gegrüßt habe.
Struves Verlegenheit steigerte sich in hohem Grade, und er mußte bei
der Antwort seine ganze Frechheit zu Hilfe nehmen: »Das müßtest du
eigentlich wissen! Das ist der Präsident des Kollegiums für Auszahlung
der Beamtengehälter.«
Als er das gesagt hatte, mußte er hinüber an das andere Ende des
Saales, aber so eilig, daß Falk ein Verdacht überkam: Sollte dieser
Mensch sich meiner Gesellschaft schämen? Sollte ein Ehrloser sich
durch die Gesellschaft eines anständigen Menschen geniert fühlen?
Jetzt begann die glänzende Versammlung ihre Plätze einzunehmen. Aber
der Stuhl des Vorsitzenden war noch leer. Falk blickte sich nach dem
Tisch der Berichterstatter um, und als er Struve neben dem Referenten
des Konservativen rechts von dem Sekretär an einem Tisch sitzen
sah, faßte er sich ein Herz und schritt mitten durch die glänzende
Versammlung hindurch; aber gerade als er den Tisch erreicht hatte,
wurde er von dem Sekretär zurückgehalten, der ihn fragte: »Für welche
Zeitung?«
Eine momentane Stille entstand im Saal, und mit bebender Stimme
antwortete Falk: »Rotkäppchen«, denn er erkannte in dem Sekretär den
Aktuar aus dem Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter.
Ein ersticktes Gemurmel durchlief die Versammlung, worauf der Sekretär
mit lauter Stimme sagte: »Ihr Platz ist dort hinten.« Er deutete nach
der Tür, wo wirklich ein kleiner Tisch stand. Da erfaßte Falk in einem
einzigen Augenblick, was konservativ bedeutete, und was Schriftsteller
hieß, wenn man nicht konservativ war, und mit siedendem Blut ging er
durch die hohnlachende Menge zurück; aber als er sie mit brennenden
Blicken musterte, als wolle er sie herausfordern, begegnete sein
Auge einem andern, ganz hinten an der Wand; und diese Augen, die so
sehr jenem andern Augenpaar glichen, das jetzt erloschen war, ihn
aber dereinst mit Liebe angesehen hatte, waren grün vor Bosheit und
durchbohrten ihn wie eine Nadel, und er hätte weinen mögen vor Kummer,
daß ein Bruder einen Bruder so ansehen konnte.
Er nahm seinen bescheidenen Platz an der Tür ein und ging nicht seiner
Wege, nur weil er nicht fliehen wollte. Bald wurde er aus seiner
scheinbaren Ruhe von einem Herrn geweckt, der jetzt hereintrat und
ihn beim Ausziehen des Überrocks in den Rücken stieß, worauf ein paar
Gummischuhe unter seinen Stuhl gestellt wurden. Der Eintretende wurde
von der Versammlung begrüßt, die sich wie ein Mann erhob. Es war der
Präsident der Seeversicherungsaktiengesellschaft Triton, aber er war
mehr. Es war ein früherer Reichsmarschall, ein Freiherr, einer von
den Achtzehn der Schwedischen Akademie, Exzellenz und Kommandeur des
Hausordens Seiner Majestät des Königs usw.
Der Hammer schlug auf den Tisch, und der Präsident flüsterte unter
lautlosem Schweigen die folgende Begrüßungsrede (die er kurz
vorher in einer Steinkohlenaktiengesellschaft in den Räumen der
Kunstgewerbeschule gehalten hatte): »Meine Herren! Unter allen
patriotischen und für die Menschheit heilbringenden Unternehmungen
dürften wenige, wenn nicht gar keine, so edler und in ihren Absichten
menschenfreundlicher Art sein wie eine Versicherungsgesellschaft.«
»Bravo, bravo!« rauschte es durch die Versammlung, ohne auf den
Marschall irgendeinen Eindruck zu machen.
»Was ist das Menschenleben anders als ein Kampf, ein Kampf auf Leben
und Tod, kann man sagen, gegen die Naturkräfte, und wenigen von uns
dürfte es wohl erspart bleiben, früher oder später mit ihnen in Streit
zu geraten.«
»Bravo!«
»Lange ist der Mensch, besonders im Naturstadium, ein Raub der Elemente
gewesen; ein Spielball, ein Handschuh, der wie ein Rohr vom Winde
hierhin und dorthin geweht wurde! Heute ist das anders! Ganz anders!
Der Mensch hat revoltiert, in einer unblutigen Revolution, nicht in
der Weise, wie ehrvergessene Vaterlandsverräter bisweilen gegen ihre
gesetzlichen Herrscher vorgegangen sind, nein, gegen die Natur, meine
Herren! Er hat den Naturkräften den Krieg erklärt und gesagt: Bis
hierher und nicht weiter!«
»Bravo! Bravo!« (Händeklatschen.)
»Der Kaufmann sendet sein Schiff, seinen Dampfer, seine Brigg, seinen
Schoner, seine Bark, seine Jacht, was weiß ich, aus. Der Sturm
zerschmettert das Fahrzeug! Der Kaufmann sagt: Zerschmettere du nur!
Und der Kaufmann hat nichts verloren! Das ist der große Gesichtspunkt,
der große Gedanke der Versicherungsidee! Bedenken Sie, meine Herren,
der Kaufmann hat dem Sturm den Krieg erklärt -- und der Kaufmann hat
gesiegt.«
Ein Orkan von Beifallsrufen rief ein Siegerlächeln auf den Lippen des
großen Mannes hervor, und er sah aus, als tue dieser Orkan ihm sehr
wohl.
»Aber meine Herren! Wir dürfen die Institution der Seeversicherung kein
Geschäft nennen! Es ist kein Geschäft! Wir sind keine Geschäftsleute,
um alles in der Welt nicht! Wir haben Geld zusammengeschossen, das wir
aufs Spiel zu setzen bereit sind, nicht wahr, meine Herren?«
»Sehr richtig!«
»Wir haben Geld zusammengeschossen, sage ich, um es für den vom Unglück
Betroffenen bereit zu stellen; denn den Prozentsatz, den er zahlt, ein
Prozent ist es, glaube ich, kann man keine Einzahlung nennen; deshalb
haben wir dafür sehr richtig den Namen Prämie, nicht als wenn wir
irgendeine Belohnung nehmen wollten -- Prämie bedeutet Belohnung -- für
unsere geringen Dienste, die wir -- ich für meine Person möchte das
aussprechen, nur aus Interesse, aus reinem Interesse -- an der Sache
leisten, und ich wiederhole, ich glaube nicht, daß einer von uns sich
bedenken würde, das kommt wohl gar nicht in Frage, ich glaube nicht,
daß einer von den Herren es auch nur schmerzlich empfinden würde, wenn
sein Zuschuß, wie ich die Aktien nennen möchte, im Interesse der Sache
verwandt würde.«
»Nein, nein!«
»Und nun bitte ich den Herrn geschäftsführenden Direktor, den
Jahresbericht zu verlesen.«
Der Direktor stand auf. Er sah bleich aus, als habe er einen Sturm
durchgemacht, seine großen Manschetten mit den Onyxknöpfen vermochten
kaum ein leises Zittern der Hand zu verbergen, seine listigen Augen
suchten aus Smiths bärtigem Gesicht Trost und Geisteskraft zu schöpfen,
er schlug den Rock auf und ließ die breite Hemdbrust schwellen, als
wolle er einen Schauer von Pfeilen auffangen, -- und dann las er.
»Wunderbar und nicht vorauszusehen sind in Wahrheit die Schickungen der
Vorsehung --«
Bei dem Worte Vorsehung erblaßte ein guter Teil der Versammlung; aber
der Reichsmarschall hob seine Augen zur Decke, als sei er auf den
schlimmsten Schlag gefaßt (einen Verlust von zweihundert Kronen).
»Das soeben beendete Versicherungsjahr wird in den Annalen lange als
ein Kreuz auf dem Grabe der Unglücksfälle stehen, die der Voraussicht
des Weisesten Hohn gesprochen und die Berechnungen des Vorsichtigsten
über den Haufen geworfen haben.«
Der Reichsmarschall legte die Hände vor die Augen, als bete er, Struve
aber dachte, die weiße Brandmauer sei schuld, und stürzte ans Fenster,
um die Vorhänge herunterzulassen, doch der Sekretär kam ihm zuvor.
Der Vorlesende trank ein Glas Wasser. Das rief einen Ausbruch der
Ungeduld hervor.
»Zur Sache! Ziffern!«
Der Reichsmarschall nahm die Hand von den Augen und war bestürzt, es
dunkler zu finden als vorher. Ein Augenblick der Verlegenheit, und der
Sturm war im Anzug. Man vergaß allen Respekt!
»Zur Sache! Weiter!«
Der Direktor mußte einen Haufen von Phrasen überspringen und direkt auf
die Sache losgehen.
»Also gut, meine Herren, ich werde mich kurz fassen.«
»Vorwärts, zum Donnerwetter!«
Der Hammer fiel auf den Tisch. »Meine Herren!« Es lag so viel
Ritterhaus in diesem einen »Meine Herren!«, daß man sich sofort der
Achtung erinnerte, die man sich selber schuldig war.
»Die Gesellschaft hat im abgelaufenen Jahre die Haftung für rund 169
Millionen übernommen!«
»Hört! Hört!«
»Und hat an Prämien anderthalb Millionen vereinnahmt.«
»Bravo!«
(Falk stellte hier in aller Eile eine kleine Berechnung an und
konstatierte: wenn der ganze Prämienbetrag, anderthalb Millionen,
angesetzt wurde, dazu das gesamte Grundkapital in einer Höhe von einer
Million -- ungefähr -- so blieben noch 166 Millionen, für die die
Gesellschaft die Kühnheit besessen hatte, die Haftung zu übernehmen,
und er begann den Sinn des Ausspruches von den Schickungen der
Vorsehung zu erfassen.)
»An Schadenersatz hat die Gesellschaft bedauerlicherweise 1728670
Kronen, 8 Ör auszahlen müssen.«
»Schändlich!«
»Wie Sie sehen, meine Herren, hat die Vorsehung ..«
»Lassen Sie die Vorsehung aus dem Spiel! Ziffern! Ziffern! Die
Dividende!«
»Mit Schmerz und Bedauern kann ich in meiner beklagenswerten
Eigenschaft als geschäftsführender Direktor unter den augenblicklichen
ungünstigen Verhältnissen keine andere Gewinnverteilung in Vorschlag
bringen als fünf Prozent des eingezahlten Kapitals.«
Jetzt brach der Sturm los, den kein Kaufmann der Welt besiegen konnte.
»Schändlich! Unverschämt! Schwindler! Fünf Prozent! Pfui Teufel! Da
kann man ja sein Geld verschenken!«
Aber man hörte auch menschenfreundlichere Äußerungen, wie zum Beispiel:
»Die armen kleinen Kapitalisten, die nur von ihrem Gelde leben! Was
soll aus denen werden! Gott behüte, so ein Unglück! Hier muß der Staat
schleunig helfen! Oh! Oh!«
Als es möglich wurde fortzufahren, verlas der Direktor die Elogen,
die der Aufsichtsrat dem geschäftsführenden Direktor und allen
Beamten hatte zuteil werden lassen, die »mit unermüdlichem Fleiß und
ungeteiltem Eifer die undankbare Aufgabe übernommen hätten« usw. Das
wurde mit offenem, ehrlichem Hohn angehört.
Darauf wurde der Bericht der Revisoren verlesen. Sie hatten (nach
einem erneuten Ausfall gegen die Vorsehung) die Geschäfte in guter, um
nicht zu sagen, vortrefflicher Ordnung und bei der Inventuraufnahme
alle Garantiefonds-Obligationen als richtig (!) befunden, weshalb sie
den Antrag stellten, den Geschäftsführern Entlastung zu erteilen unter
lebhafter Anerkennung ihres ehrlichen und mühevollen Strebens.
Die Entlastung wurde natürlich erteilt. Darauf erklärte der
geschäftsführende Direktor, er meine die ihm zustehende Tantieme
(hundert Kronen) nicht annehmen zu dürfen, sondern wolle sie dem
Reservefonds überweisen. Das wurde mit Beifall und Lachen aufgenommen.
Nach einem kurzen Abendgebet, das heißt nach einer demütigen Bitte,
die Vorsehung möge im nächsten Jahre zwanzig Prozent geben, wurde die
Versammlung vom Reichsmarschall geschlossen.
Dreizehntes Kapitel
Die Schickungen der Vorsehung
Frau Falk hatte am selben Nachmittag, als ihr Mann zu der Versammlung
des Triton gegangen war, ihr neues blaues Samtkleid geschickt bekommen,
mit dem sie jetzt gleich auf frischer Tat Frau Revisor Homan, die
ihr gegenüber wohnte, ärgern wollte. Und nichts war leichter und
einfacher, denn sie brauchte sich nur am Fenster zu zeigen -- und
dazu hatte sie tausend Anlässe, während sie die Arrangements in den
Zimmern überwachte, mit denen sie ihre Gäste, die sie um sieben Uhr
zur Sitzung erwartete, »zu Boden schmettern« wollte. Die Direktion der
Kinderkrippe Bethlehem wollte nämlich zusammentreten und den ersten
Monatsbericht prüfen. Nun bestand aber die Direktion aus Frau Revisor
Homan, deren Mann -- als Beamter -- nach Frau Falks Ansicht hochmütig
war, aus der adelsstolzen Baronin Rehnhjelm und aus Pastor Skaare, der
in allen vornehmen Häusern Hausprediger war und deshalb gedruckt werden
mußte. Aus diesem Grunde sollte die ganze Direktion auf die denkbar
großartigste und liebenswürdigste Art zu Boden geschmettert werden.
Die Inszenierung hatte schon bei der großen Gesellschaft begonnen,
für die alles alte Mobiliar, das keinen Antiquitäts- oder Kunstwert
besaß, weggeschafft und durch blendend Neues ersetzt worden war. Die
mitwirkenden Figuren wollte Frau Falk bis zum Ende der Sitzung leiten,
dann sollte eine Störung durch Falk kommen, der einen Admiral mit nach
Hause brachte -- er hatte seiner Frau mindestens einen Admiral mit
Uniform und Orden versprochen --, worauf Falk und der Admiral die Bitte
stellen sollten, als zahlende Mitglieder in die Krippe aufgenommen zu
werden; Falk sollte außerdem einen Teil des Gewinns, den er bei der
Dividendenausteilung in der Aktiengesellschaft Triton so ohne sein
Zutun eingeheimst hatte, als Schenkung zur Verfügung stellen.
Frau Falk hatte jetzt ihre Arbeit am Fenster erledigt und machte
nun den perlmuttereingelegten Jakarandatisch zurecht, an dem der
Monatsbericht verlesen werden sollte. Sie wischte das Achattintenfaß
ab, legte den silbernen Federhalter auf die Schildpattschale, drehte
das Petschaft mit dem Chrysoprasschaft so, daß der bürgerliche
Namenszug nicht zu sehen war, schüttelte vorsichtig die aus feinstem
Stahldraht verfertigte Geldkassette, so daß die Ziffer einiger darin
als Gefangene verwahrten Banknoten (ihre Handkasse) sichtbar wurde, und
erteilte dann dem Diener, der in Gala war, ihre letzten Befehle. Darauf
setzte sie sich in den Salon und nahm eine sorglose Stellung ein, in
der sie von der Meldung ihrer Freundin, der Frau Revisor, überrascht
werden wollte, die sicher zuerst kommen würde, -- und das tat sie auch.
Frau Falk umarmte Evelyn und küßte sie auf die Wange, und Frau Homan
umarmte Eugenie, die sie an der Tür zum Eßzimmer empfing, wo sie sie
zurückhielt, um sie nach ihrer Meinung über die neuen Möbel zu fragen.
Die Frau Revisor wollte aber nicht bei dem festungsartigen eichenen
Büfett aus der Zeit Karls +XII.+ mit den hohen japanischen Vasen
verweilen, weil sie sich davon überwältigt fühlte, sondern wendete
sich der Kerzenkrone zu, die sie zu modern fand, und dem Eßtisch, der
nicht zum Stil passe; sie fand außerdem, die Öldrucke hätten nichts zu
suchen zwischen den alten Familienbildern, und sie brauchte eine gute
Weile, um den Unterschied zwischen einem Ölgemälde und einem Öldruck zu
erklären; Frau Falk streifte gegen alle Möbelkanten, die ihr erreichbar
waren, um durch das Rascheln ihres neuen Samtkleides die Aufmerksamkeit
der Freundin zu erregen, aber es gelang ihr nicht. Sie fragte die
Freundin, wie ihr der neue Brüsseler Teppich im Salon gefalle; und
als diese fand, er kontrastiere zu sehr mit den Vorhängen, wurde sie
ärgerlich und hörte auf zu fragen.
Man ließ sich am Tisch im Salon nieder und begann sofort nach
den Rettungsbojen zu greifen -- nach Photographien, unlesbaren
Gedichtbüchern und ähnlichem. Ein kleines Blatt fiel der Frau Revisor
in die Hände; es war auf rosa Papier mit Goldschnitt gedruckt und
trug den Titel »An Großhändler Nikolaus Falk bei Vollendung seines
vierzigsten Lebensjahres«.
»Ah, das sind die Verse, die neulich auf der Gesellschaft vorgelesen
wurden. Wer hat sie doch noch geschrieben?«
»Ja, das ist ein Genie, ein Freund meines Mannes. Er heißt Nyström.«
»Hm! Komisch, daß man den Namen noch nie gehört hat! Also ein Genie!
Aber warum hat man ihn auf der Gesellschaft nicht zu sehen bekommen?«
»Er war krank, bedauerlicherweise, da konnte er nicht kommen, meine
Liebe!«
»Ach so! Ja, meine liebe Eugenie, es ist schrecklich traurig mit deinem
Schwager! Er ist schlimm dran!«
»Sprich nicht von ihm! Es ist eine Schande und ein Kummer für die
Familie, ganz schrecklich!«
»Es war recht unangenehm auf der Gesellschaft, weißt du, wenn Leute
kamen und mich nach ihm fragten. Ja, meine liebe Eugenie, ich habe mich
wirklich geschämt für dich ...«
Das ist für das Büfett aus der Zeit Karls +XII.+ und die
japanischen Vasen, dachte die Frau Revisor.
»Für mich? O bitte sehr, für meinen Mann, meinst du?« fiel Frau Falk
ein.
»Nun, das ist wohl dasselbe, scheint mir!«
»Nein, durchaus nicht! Ich denke gar nicht daran, mich für alle
Taugenichtse verantwortlich zu fühlen, mit denen mein Mann verwandt zu
sein geruht!«
»Wie schade, daß deine Eltern neulich auf der Gesellschaft auch krank
sein mußten. Wie geht es deinem lieben Papa jetzt?«
»Danke, sehr gut! Wie nett und besorgt du bist!«
»Nun ja, man muß doch nicht nur an sich selbst denken! Ist er sehr
kränklich, der alte -- wie soll ich ihn nennen?«
»Kapitän, bitte!«
»Kapitän? Ich glaube mich doch zu erinnern, mein Mann sagte, er sei --
Flaggschiffer, aber das wird dasselbe sein. Und von den Töchtern war
auch keine da.«
Das ist für den Brüsseler Teppich, dachte die Frau Revisor.
»Nein! Die sind so launenhaft, auf die kann man nie rechnen.«
Frau Falk sah ihr ganzes Photographiealbum durch, daß der Einband
krachte. Sie war ganz rot vor Wut.
»Sag einmal, liebe Eugenie,« fuhr die Frau Revisor fort, »wie hieß doch
dieser unangenehme Herr, der neulich abends die Verse vorlas?«
»Du meinst Levin, den Königlichen Sekretär Levin; das ist der intimste
Freund meines Mannes.«
»Ach, wirklich! Hm! Wie sonderbar! Mein Mann ist Revisor im selben Amt,
wo er Sekretär ist, und ich will dich gewiß nicht traurig machen oder
dir etwas Unangenehmes sagen; so etwas sage ich nie zu einem Menschen;
aber mein Mann behauptet, er soll in sehr schlechten Verhältnissen
leben. Also das ist sicher keine passende Gesellschaft für deinen
Mann.«
»Sagt er das? Das ist etwas, was ich nicht weiß und worein ich mich
auch nicht mische. Ich will dir sagen, meine liebe Evelyn, ich mische
mich nie in die Angelegenheiten meines Mannes, wenn es auch viele Leute
gibt, die das tun!«
»Verzeih, meine Liebe, aber ich glaubte, dir einen Dienst zu leisten,
wenn ich dir dies sagte.«
Das war für den Kronleuchter und den Eßtisch! Blieb nur noch das
Samtkleid!
»Nun,« fing die gute Frau Revisor wieder an, »dein Schwager soll ja,
soviel ich gehört habe ...«
»Schone meine Gefühle und sprich nicht von einem verkommenen Menschen!«
»Ist er wirklich verkommen? Ich hörte, er solle mit den schlechtesten
Menschen verkehren, die man sich vorstellen kann ...«
Hier wurde Frau Falk begnadigt, denn der Diener meldete Ihre Gnaden die
Baronin Rehnhjelm.
O wie willkommen sie sei! O wie liebenswürdig von ihr, ihnen die Ehre
zu erweisen!
Und liebenswürdig war sie wirklich, die alte Dame mit dem freundlichen
Gesicht, wie es nur ein Mensch haben kann, der mit dem wahren Mut durch
alle Stürme hindurchgegangen ist.
»Nun, liebe Frau Falk,« sagte Ihre Gnaden, nachdem sie Platz genommen
hatte, »ich kann Sie von Ihrem Schwager grüßen!«
Frau Falk fragte sich, was sie der Person Böses getan habe, daß nun
auch die mit Sticheleien kam, und sie antwortete in gekränktem Ton:
»Ach so!«
»Ja, das ist ein so liebenswürdiger junger Mann; er war heute bei mir
und hat meinen Neffen besucht; sie sind so gute Freunde! Oh, das ist
ein ganz vortrefflicher junger Mann!«
»Ja, nicht wahr?« fiel die Frau Revisor ein, die bei Frontveränderungen
nie auf sich warten ließ. »Wir haben eben von ihm gesprochen.«
»Wirklich? Und was ich am meisten bewundere, ist sein Mut, eine solche
Laufbahn einzuschlagen, bei der man so leicht auf Grund gerät; aber so
etwas brauchen wir bei ihm nicht zu befürchten, er ist ein Mensch von
Charakter und Prinzipien; finden Sie nicht auch, liebe Frau Falk?«
»Ja, ich habe das auch immer gesagt, aber mein Mann war anderer
Meinung.«
»Ach, dein Mann«, fiel die Frau Revisor ein, »hat immer seine Meinungen
für sich gehabt.«
»Also, er verkehrt mit Ihrem Neffen, Frau Baronin?« nahm Frau Falk
eifrig das Gespräch wieder auf.
»Ja, sie haben einen kleinen Zirkel, in dem auch Künstler sind. Sie
haben doch von dem jungen Sellén gelesen, dessen Bild von Seiner
Majestät angekauft worden ist?«
»Ja natürlich, wir waren auf der Ausstellung und haben es gesehen. Der
ist auch dabei?«
»Ja, das ist er. Es soll den jungen Leuten oft recht kläglich gehen,
wie jungen Menschen wohl fast immer, wenn sie sich in der Welt
emporarbeiten sollen.«
»Dein Schwager soll ja Poet sein,« sagte die Frau Revisor.
»Nun, das will ich meinen! Hm! er schreibt ganz ausgezeichnet; er hat
in diesem Jahre einen Preis von der Akademie bekommen, und mit der Zeit
wird sicher etwas Großes aus ihm werden,« antwortete Frau Falk mit
voller Überzeugung.
»Ja, das habe ich ja immer gesagt,« bestätigte die Frau Revisor.
Und nun gingen sie mit Arvid Falks Vortrefflichkeit hausieren, so daß
er schon im Tempel des Ruhms angelangt war, als der Diener Pastor
Skaare meldete. Dieser trat mit eiligen Schritten ein und begrüßte die
Damen hastig.
»Ich bitte um Entschuldigung, daß ich spät komme, aber ich habe nicht
viele Minuten Zeit. Ich muß um halb neun zur Sitzung bei der Gräfin von
Fabelkrantz und komme direkt von meiner Arbeit.«
»Oh, daß Sie es so eilig haben, Herr Pastor!«
»Ja, meine ausgedehnte Tätigkeit läßt mir keine Ruhe. Vielleicht können
wir also gleich zu den Verhandlungen schreiten.«
Von dem Diener wurden Erfrischungen hereingebracht.
»Wollen Sie nicht eine Tasse Tee trinken, Herr Pastor, ehe wir
anfangen?« fragte die Wirtin, die wieder das Unbehagen einer kleinen
Enttäuschung verspürte.
Der Pastor warf einen Blick über das Tablett.
»Danke, nein; da Punsch da ist, trinke ich den. Ich habe es mir zur
Regel gemacht, meine Damen, nie in meinem äußeren Leben von meinen
Mitmenschen abzustechen. Alle Menschen trinken Punsch, ich liebe dies
Getränk nicht, aber die Welt soll nicht sagen, ich sei besser als sie,
und Heuchelei ist ein Laster, das ich verabscheue! Darf ich den Bericht
vorlesen?«
Er ließ sich am Schreibtisch nieder, tauchte die Feder ein und begann:
»Über die im Monat Mai eingegangenen Gaben für die Kinderkrippe
Bethlehem wird hierdurch von der Verwaltung Bericht erstattet.
Unterzeichnet Eugenie Falk.
Geborene -- wenn ich fragen darf ...«
»Ach, das ist nicht nötig,« versicherte Frau Falk.
»Evelyn Homan.«
»Geborene -- wenn ich bitten darf ...«
»Von Bähr, lieber Herr Pastor!«
»Antoinette Rehnhjelm.«
»Geborene, meine Gnädige ...«
»Rehnhjelm, Herr Pastor.«
»Ach richtig, verheiratet mit dem Vetter, der Mann tot, kinderlos! Wir
können fortfahren! Eingegangene ...«
Allgemeine (fast allgemeine) Bestürzung!
»Aber«, wendete die Frau Revisor ein, »setzen Sie nicht auch Ihren
Namen darunter, Herr Pastor?«
»Ich verabscheue Heuchelei so sehr, meine Damen, aber wenn Sie es
wünschen! Bitte sehr!«
»Nathanael Skaare.«
»Prosit, Herr Pastor; trinken Sie ein wenig, bitte, ehe Sie anfangen,«
bat die Wirtin mit einem bezaubernden Lächeln, das matter wurde, als
sie sah, daß das Glas des Pastors geleert war, worauf sie es von neuem
füllte.
»Ich danke Ihnen, gnädige Frau, aber wir wollen nicht zu heftig
vorgehen! Wir fangen also an. Wollen Sie bitte das Manuskript
vergleichen!
Eingegangene Gaben: Ihre Majestät die Königin: 40 Kronen. Gräfin von
Fabelkrantz: 5 Kronen und ein Paar wollene Strümpfe. Kommerzienrat
Schalin: 2 Kronen, ein Stoß Kuverte, sechs Bleistifte und eine
Flasche Tinte. Fräulein Amanda Libert: eine Flasche Eau de Cologne.
Fräulein Anna Feif: ein Paar Manschetten. Karlchen: 25 Pfennig
aus seiner Sparbüchse. Fräulein Johanna Pettersson: eine halbes
Dutzend Handtücher. Fräulein Emilie Björn: ein Neues Testament.
Kolonialwarenhändler Persson: ein Beutel Hafergrütze, ein
Viertelzentner Kartoffeln und eine Flasche eingemachte Zwiebeln.
Kaufmann Scheike: zwei Paar wollene Un --«
»Meine Herrschaften,« unterbrach Ihre Gnaden, »darf ich mir eine Frage
erlauben: Soll dies wirklich gedruckt werden?«
»Ja, natürlich,« antwortete der Pastor.
»Dann bitte ich aus der Direktion austreten zu dürfen.«
»Glauben Eure Gnaden wirklich, die Gesellschaft könne durch freiwillige
Gaben weiterbestehen, wenn die Namen der Geber nicht gedruckt werden?
Ausgeschlossen!«
»Und die Wohltätigkeit soll also der kleinlichsten Eitelkeit Glanz und
Gewicht geben?«
»Aber nein! Nicht so! Eitelkeit ist ein Übel, sehr richtig, ja! Wir
verkehren das Böse in Gutes, wir verwandeln es in Wohltätigkeit, ist
das nicht gut?«
»Ja, aber wir dürfen einer kleinlichen Sache nicht einen schönen Namen
geben; das ist Heuchelei!«
»Eure Gnaden sind sehr streng; die Heilige Schrift sagt, man soll
nachsichtig sein; vergebt ihnen ihre Eitelkeit!«
»Ja, Herr Pastor, ich vergebe ihnen, aber mir selbst nicht! Daß
beschäftigungslose Damen sich mit Wohltätigkeit unterhalten, das ist
verzeihlich, das ist brav, aber daß sie das eine gute Tat nennen, was
nur ein Vergnügen ist, ein Vergnügen, größer als andere durch den Reiz,
den die Öffentlichkeit, die größte Öffentlichkeit, die es gibt, nämlich
die Publikation im Druck, ihm verleiht, das ist schändlich!«
»Ach,« griff Frau Falk ein mit der ganzen Kraft ihrer furchtbaren
Logik, »meinen Eure Gnaden, es ist schändlich, Gutes zu tun?«
»Nein, kleine Freundin, aber drucken zu lassen, daß man ein paar
wollene Strümpfe gespendet hat, das halte ich für schimpflich.«
»Nun, aber ein paar wollene Strümpfe schenken ist doch Gutes tun, also
ist es schimpflich, Gutes zu tun ...«
»Nein, es drucken zu lassen, mein Kind; Sie müssen hören, was ich
sage,« wies Ihre Gnaden die hartnäckige Hausfrau zurecht, die sich noch
nicht ergab, sondern fortfuhr:
»Ach, das Drucken ist schimpflich! Nun, aber die Bibel ist doch auch
gedruckt, dann ist es also auch schimpflich, die Bibel zu drucken ...«
»Wollen Sie bitte fortfahren, Herr Pastor,« unterbrach Ihre Gnaden,
etwas verletzt durch die ungezogene Art, mit der die Hausfrau ihre
Dummheiten verfocht, aber diese ließ nicht nach.
»Ach so, Eure Gnaden halten es für unter ihrer Würde, mit einer so
geringen Frau wie mir Ansichten auszutauschen ...«
»Nein, mein Kind, aber behalten Sie Ihre Ansicht; ich möchte nicht
tauschen.«
»Nennt man das diskutieren, frage ich? Herr Pastor, wollen Sie uns
bitte sagen, ob man es diskutieren nennen kann, wenn der eine Teil sich
weigert, auf die Beweisführung des andern zu antworten?«
»Meine beste Frau Falk, diskutieren kann man das allerdings nicht
nennen,« antwortete der Pastor mit einem zweideutigen Lächeln, das
Frau Falk beinahe zum Weinen gebracht hätte. »Aber wir wollen eine
gute Sache nicht durch Zank verderben, meine Damen. Wir schieben den
Druck auf, bis der Fonds größer wird. Wir haben das junge Unternehmen
aufkeimen sehen wie ein Samenkorn, und wir wissen, daß viele
wohlwollende Hände gesonnen sind, die junge Pflanze zu pflegen; aber
wir müssen an die Zukunft denken. Die Gesellschaft hat einen Fonds;
dieser Fonds muß verwaltet werden, wir müssen mit andern Worten darauf
bedacht sein, uns nach einem Verwalter umzusehen, einem praktischen
Mann, der die eingegangenen Gaben veräußern und sie in Geld verwandeln
kann; wir müssen mit andern Worten einen Rendanten wählen. Ich fürchte,
eine solche Persönlichkeit können wir nicht ohne pekuniäre Opfer
bekommen -- und was bekommt der Mensch ohne solche Opfer? Haben die
Damen eine geeignete Persönlichkeit für dieses Amt vorzuschlagen?«
Nein, daran hatten die Damen nicht gedacht.
»Nun, dann möchte ich einen jungen Mann von ernster Gemütsart in
Vorschlag bringen, den ich für geeignet halte. Hat die Direktion etwas
dagegen, daß Sekretär Eklund gegen eine mäßige Entschädigung Rendant
der Krippe wird?«
Nein, dagegen hatten die Damen nichts, besonders da Pastor Skaare ihn
empfahl, und das konnte er um so mehr, als der Sekretär ein naher
Verwandter von ihm war. Und so bekam die Gesellschaft einen Rendanten,
mit sechshundert Kronen Gehalt.
»Meine Damen,« nahm der Pastor wieder das Wort, »finden Sie nicht, daß
wir für heute genug im Weinberg gearbeitet haben?«
Schweigen. Frau Falk blickt nach der Tür, ob ihr Mann nicht kommt.
»Meine Zeit ist knapp, und ich sehe mich außerstande, länger zu
verweilen! Hat jemand noch etwas hinzuzufügen? -- Nein! -- Aber indem
ich Gottes Beistand für unser Unternehmen anflehe, das einen so schönen
Anfang genommen hat, wünsche ich uns allen Gnade und Segen und kann das
nicht mit besseren Worten tun, als er selber uns gelehrt hat, da er uns
beten lehrte: Abba, lieber Vater! Vater unser ...«
Er verstummte, als scheue er sich, seine eigene Stimme zu hören,
und die Gesellschaft hielt die Hände vor die Augen, als schäme sie
sich, sich ins Gesicht zu sehen. Die Pause wurde lang, länger, als
man ertragen konnte; sie wurde zu lang, aber keiner wagte sie zu
unterbrechen; man blickte zwischen den Fingern durch, ob nicht jemand
eine Bewegung machen würde, als ein heftiges Klingeln draußen im
Korridor die Gesellschaft wieder auf die Erde riß.
Der Pastor nahm seinen Hut, trank sein Glas aus und erinnerte ein
wenig an einen Menschen, der sich davonschleichen will. Frau Falk
strahlte, denn jetzt würde die Zerschmetterung kommen, und die Rache
und die Rehabilitierung, und ein lebhaftes Feuer strahlte aus ihren
Augen.
Und die Rache kam, und die Zerschmetterung auch, denn der Diener
brachte einen Brief herein, der von ihrem Manne geschrieben war; was
er enthielt -- das erfuhren die Gäste nicht, aber sie sahen genug, um
sofort zu erklären, sie wollten nicht länger stören, und sie würden zu
Hause erwartet.
Ihre Gnaden, die gern bleiben wollte, um die junge Frau zu beruhigen,
deren Aussehen einen hohen Grad von Unruhe und Kummer verriet, wurde
jedoch keineswegs dazu ermuntert, sondern ihr wurde im Gegenteil eine
so auffallende Aufmerksamkeit beim Anziehen der Sachen erwiesen, daß es
den Eindruck machte, als wolle man sie am liebsten so rasch wie möglich
auf der Straße sehen.
Man trennte sich unter recht großer Verlegenheit, die Schritte
erstarben auf der Treppe, und die Fortgehenden konnten an dem nervösen
Knacken des Schlosses, das hinter ihnen zugemacht wurde, hören, daß die
arme Hausfrau die Einsamkeit herbeisehnte, um ihren Gefühlen Luft zu
machen. Und das tat sie. Als sie in den großen Zimmern allein geblieben
war, brach sie in heftiges Weinen aus; aber es waren nicht Tränen,
die wie Mairegen auf ein altes, verstaubtes Herz fallen, es war die
Galle des Zorns und der Wut, die den Spiegel der Seele verdunkelt und
dann niedertropft und wie Säure die Rosen der Gesundheit und Jugend
zerfrißt.
Vierzehntes Kapitel
Absinth
Eine heiße Nachmittagssonne brannte auf das Pflaster in der großen
Provinzstadt X-köping. Im Saal des Ratskellers war es noch still
und leer; Tannengrün lag auf dem Fußboden und roch nach Begräbnis;
die geeichten Likörflaschen standen auf ihren Regalen und hielten
Mittagsschlaf, gerade gegenüber den Branntweinflaschen mit den
Ordensketten um den Hals, die bis zum Abend Urlaub hatten; die Wanduhr,
die nie Mittagsschlaf halten konnte, stand wie ein langer Rekel an der
Wand aufgerichtet und verhökerte die Zeit, während sie einen riesigen
Theaterzettel zu studieren schien, der auf einem Garderobenhaken
daneben aufgespießt war; der Saal war sehr lang und schmal, und die
beiden Längswände waren mit birkenen Tischen besetzt, die von der
Wand ausgingen, so daß der Saal das Aussehen eines Stalls bekam, in
dem die Tische, alle auf vier Beinen, die Pferde bildeten, die, mit
den Hinterteilen dem Zimmer zugewendet, an die Wand gebunden waren;
aber nun standen alle und schliefen, hier und da hatte einer das
Hinterbein etwas hochgehoben, denn der Boden war recht holperig; daß
sie schliefen, konnte man sehen, da die Fliegen ungestört auf ihren
Rücken spazierten; aber der sechzehnjährige Kellner, der an die Uhr
neben dem Theaterzettel gelehnt saß, schlief nicht, denn er schlug
wieder und wieder mit seiner weißen Schürze nach den Fliegen, die
eben draußen in der Küche gespeist und sich nun aufgemacht hatten,
um ihr Spiel zu treiben; dann sank er wieder zurück und lehnte sein
Ohr gegen den dicken Bauch der Uhr, als wolle er feststellen, was sie
zu Mittag gegessen habe. Und das sollte er bald erfahren, denn jetzt
stieß das lange Biest auf und genau vier Minuten später noch einmal,
und dann begann es in seinem Rumpf zu rumoren und zu lärmen, daß der
Junge in die Höhe fuhr und hörte, wie die Uhr unter entsetzlichem
Röcheln sechsmal hintereinander schlug, um dann wieder zu ihrer stillen
Beschäftigung zurückzukehren.
Aber der Junge mußte an seine Arbeit, und er machte jetzt eine Ronde
durch seinen Stall, striegelte seine Gäule mit der Schürze und
räumte auf, als erwarte er Gäste. Er stellte Streichhölzer auf einen
Tisch hinten im Hintergrunde des Saales, von wo ein Beobachter den
ganzen langen Raum mit seinen Blicken bestreichen konnte. Neben die
Streichhölzer stellte er eine Flasche Absinth und zwei Gläser, ein
Likörglas und ein Wasserglas. Darauf ging er nach dem Brunnen, holte
eine große Karaffe Wasser, stellte sie neben die feuergefährlichen
Dinge auf dem Tisch und machte dann einige Promenaden durch den Saal,
wobei er höchst unerwartete Positionen einnahm, als imitiere er
jemanden. Jetzt hatte er die Arme über der Brust verkreuzt, hielt den
Kopf gesenkt, hatte den linken Fuß vorgestreckt und warf Adlerblicke
über die abgeschabten Tapeten der alten Wände; eben verkreuzte er die
Beine, die Knöchel der rechten Hand auf dem Tischrand, und hielt in
der linken eine Lorgnette aus einem Bierflaschendraht, durch die er
spöttisch die Deckenleisten betrachtete, als die Tür aufflog und ein
fünfunddreißigjähriger Herr mit einer Sicherheit eintrat, als sei er
hier zu Hause. Sein bartloses Gesicht hatte die scharf markierten Züge,
die fleißiges Trainieren der Gesichtsmuskeln zu verleihen pflegt und
die man nur bei Schauspielern und noch einer andern Gesellschaftsklasse
findet; man sah alle Muskeln und Bänder durch die von einem dunklen
Bartboden beschattete Haut, ohne das elende Drahtwerk wahrzunehmen, das
diese feinen Tasten in Bewegung setzt, denn es war kein gewöhnliches
Klavier, das eines Pedals bedurft hätte. Eine hohe Stirn, etwas schmal,
mit eingesunkenen Schläfen, erhob sich wie ein echt korinthisches
Kapitell; darüber hingen schwarze, ungeordnete Locken wie wilde
Pflanzen, zwischen denen kleine, gerade Schlangen hinunterkrochen
und zu den Augenhöhlen zu gelangen suchten, ohne jemals dorthin zu
kommen. Seine großen, dunklen Augen sahen im Ruhezustand sanft und
melancholisch aus, aber er konnte auch Feuer geben, und dann glichen
die Pupillen den Mündungen eines Revolvers.
Er ließ sich an dem hergerichteten Tisch nieder und warf einen
betrübten Blick auf die Wasserkaraffe.
»Warum stellst du immer Wasser hin, Gustav?«
»Weil Herr Falander nicht verbrennen soll.«
»Was geht es dich an, ob ich verbrenne! Kann ich das nicht halten, wie
ich will!«
»Herr Falander sollen heut nicht Nihilist sein!«
»Nihilist! Wer hat dich das Wort gelehrt? Wo hast du das her? Bist du
verrückt, Junge? Sag!«
Er stand vom Tisch auf und gab ein paar Schüsse aus seinen dunklen
Revolvern ab.
Gustav verstummte vor Furcht und Entsetzen über den Ausdruck in dem
Gesicht des Schauspielers.
»Nun, antworte, Junge, wo hast du das Wort her?«
»Herr Montanus hat es neulich gesagt, als er von Träskaala hier war,«
antwortete Gustav ängstlich.
»So, Montanus!« wiederholte der düstere Mann und setzte sich wieder.
»Montanus ist mein Mann; das ist ein Kerl, der versteht, was man sagt.
Hör einmal, Gustav, du kannst mir ruhig erzählen, was für einen Namen,
einen Spitznamen, verstehst du, dies Theaterpack mir gegeben hat. Nun,
hab keine Angst!«
»Nein, der ist so häßlich, daß ich ihn nicht sagen mag.«
»Warum willst du es nicht, wenn du mir mit so wenig eine Freude machen
kannst? Findest du nicht, mir tut etwas Aufheiterung not? Sehe ich so
schrecklich vergnügt aus? Vorwärts! Wie sagen sie, wenn sie fragen, ob
ich hier gewesen bin? Sagen sie nicht: Ist ...«
»Der Teufel ...«
»Ah! Der Teufel! Das ist ein guter Name. Sie hassen mich, nicht wahr?«
»Ja, schrecklich!«
»Schön! Aber warum? Habe ich ihnen etwas Böses getan?«
»Nein, das können sie nicht sagen!«
»Das glaube ich auch!«
»Aber sie sagen, Herr Falander verdirbt die Menschen!«
»Verdirbt?«
»Ja, sie sagen, Herr Falander hat mich verdorben, weil ich finde, daß
alles alt ist!«
»Hm! Hm! Pflegst du ihnen zu sagen, daß ihre Witze alt sind?«
»Ja, alles was sie überhaupt sagen, ist alt; sie sind alle miteinander
so alt, daß sie mich anwidern!«
»So! Findest du nicht auch, daß es etwas Altes ist, Kellner zu sein?«
»Aber gewiß! Es ist alt, zu leben, es ist alt, zu sterben, alles ist
alt -- nein -- eins nicht -- Schauspieler zu sein!«
»Doch, mein Freund, das ist das Älteste von allem. Sei jetzt still, ich
muß mich betäuben!«
Er trank seinen Absinth aus und sank mit dem Kopf gegen die Wand, an
der ein langer brauner Streifen zu sehen war, an der Stelle, wo der
Rauch seiner Zigarre in den sechs langen Jahren, die er hier gesessen
hatte, emporgestiegen war. Die Sonnenstrahlen drangen durch das Fenster
herein, wurden aber erst von den großen Espen draußen durchgeseiht,
deren leichtes Blattwerk sich im Abendwinde regte, so daß der Schatten
an der Längswand ein bewegliches Netz bildete, in dessen unterster Ecke
der Kopf des düsteren Mannes mit seinen ungeordneten Locken einen
Schatten warf, der genau wie eine große Spinne aussah.
Gustav hatte sich wieder hingesetzt, um den Uhrenmann zu behorchen, und
beobachtete ein nihilistisches Schweigen, während er zusah, wie die
Fliegen um die Hängelampe tanzten.
»Gustav!« ertönte es hinten von dem Spinnennetz her.
»Ja!« erklang es vom Uhrgehäuse.
»Leben deine Eltern noch?«
»Nein, das wissen Sie doch, Herr Falander!«
»Das ist gut für dich!«
Eine lange Pause.
»Gustav!«
»Ja!«
»Kannst du nachts schlafen?«
»Was meinen Sie, Herr Falander?« antwortete Gustav und errötete.
»Was ich sage!«
»Natürlich kann ich das! Warum sollte ich es nicht können?«
»Warum willst du Schauspieler werden?«
»Das kann ich nicht sagen! Ich glaube, ich würde glücklich werden!«
»Bist du denn jetzt nicht glücklich?«
»Das weiß ich nicht! Ich glaube es nicht!«
»Ist Herr Rehnhjelm schon hier gewesen?«
»Nein, das ist er nicht, aber er wollte Herrn Falander um diese Zeit
hier aufsuchen.«
Eine lange Pause; worauf die Tür geöffnet wird und ein Schatten in das
große Netz fällt, das ins Wanken kommt, so daß die Spinne in der Ecke
eine hastige Bewegung macht.
»Herr Rehnhjelm?« sagt der düstere Kopf.
»Herr Falander?«
»Seien Sie mir willkommen! Sie haben mich heute schon gesucht?«
»Ja, ich bin heute mittag angekommen und wollte Sie sofort aufsuchen.
Sie erraten mein Anliegen; ich möchte mich um ein Engagement beim
Theater bewerben.«
»Ach wirklich! Das wundert mich!«
»Wundert es Sie?«
»Ja, allerdings! Aber warum suchen Sie mich zuerst auf?«
»Weil ich weiß, daß Sie der beste Schauspieler sind, und weil ein
gemeinsamer Bekannter, der Bildhauer Montanus, Sie mir als einen
ausgezeichneten Menschen empfohlen hat.«
»Oh, hat er das? Was kann ich denn für Sie tun?«
»Mir einen Rat geben!«
»Wollen Sie an meinem Tisch Platz nehmen?«
»Danke sehr, wenn ich der Wirt sein darf.«
»Das kann ich nicht zugeben ...«
»Aber als mein eigener Gast, wenn Sie nichts dagegen haben?«
»Wie Sie wünschen! -- Sie wollen einen Rat? Hm! -- Wollen Sie einen
aufrichtigen haben? Ja, natürlich! Aber hören Sie gut zu und nehmen
Sie das ernst, was ich Ihnen sage, und vergessen Sie nie, daß ich am
heutigen Tage soundso gesagt habe, denn ich habe gewissermaßen die
Verantwortung für das, was ich sage.«
»Nun, sprechen Sie Ihre Meinung aus, ich höre!«
»Haben Sie schon Pferde bestellt? Nein! Tun Sie es und reisen Sie
wieder nach Hause!«
»Halten Sie mich denn für untauglich, Schauspieler zu werden?«
»Nein, sicher nicht! Ich halte niemanden für untauglich dazu. Im
Gegenteil! Alle Menschen haben mehr oder minder das Talent, Menschen
darzustellen!«
»Nun also?«
»Ach, das ist etwas ganz anderes, als Sie ahnen! Sie sind jung,
Ihr Blut ist in Wallung, tausend Bilder, schöne, helle wie in den
Märchenbüchern, wirbeln in Ihrem Kopf durcheinander, aber Sie wollen
diese Bilder nicht verbergen, Sie wollen sie ins Licht hinausbringen,
sie auf die Arme nehmen und sie zeigen, vor allem sie der Welt zeigen
und dabei eine stolze Freude empfinden, -- nicht wahr?«
»O gewiß, -- Sie sprechen meine Gedanken aus!«
»Ich habe nur den besten und gewöhnlichsten Fall angenommen, denn
ich suche nicht schlechte Motive für alles, obwohl ich das meiste
recht niedrig einschätze! Also gut, diese Neigung ist so stark, daß
Sie lieber Not und Demütigungen auf sich nehmen, sich von Vampiren
aussaugen lassen, das Vertrauen ihrer Mitmenschen verlieren, Konkurs
machen, untergehen wollen, als umkehren! Nicht wahr?«
»Jawohl! Oh, wie gut Sie mich kennen!«
»Ich habe einmal einen jungen Mann gekannt -- jetzt kenne ich ihn
nicht mehr, denn er hat sich sehr verändert! Er war fünfzehn Jahre
alt, als er der Strafanstalt entlief, die jede Gemeinde für die Kinder
unterhält, die das äußerst gewöhnliche Verbrechen begangen haben, zur
Welt zu kommen; in dieser Strafanstalt müssen die unschuldigen Kinder
die Sünden ihrer Eltern abbüßen, denn wie sollte es sonst kommen ..
Ach bitte, erinnern Sie mich, daß ich bei der Sache bleibe! Er hielt
sich dann fünf Jahre in Upsala auf und las schauerlich viele Bücher;
sein Gehirn wurde in sechs Fächer eingeteilt, in die sechs Sorten von
Angaben eingepackt wurden: Angaben von Zahlen und Namen; ganze Speicher
voll fertiger Urteile, Schlußfolgerungen, Theorien, plötzlicher
Einfälle, Dummheiten. Das mochte noch angehen, denn das Gehirn ist
geräumig; aber es sollte auch die Gedanken anderer aufnehmen, alte
vermoderte Gedanken, an denen fremde Menschen ihr ganzes Leben lang
gekaut hatten und die sie jetzt ausspuckten; da bekam er Erbrechen
und da -- er war zwanzig Jahre alt, als er zum Theater ging. Sehen
Sie meine Uhr an; sehen Sie den Sekundenzeiger: sechzigmal, ehe es
eine Minute wird, sechzigmal sechzig, ehe es eine Stunde wird, und
das wieder vierundzwanzigmal, und es ist erst ein Tag; das wieder
dreihundertfünfundsechzigmal -- und es ist erst ein Jahr. Denken Sie
nun, zehn Jahre! Herr -- sind Sie schon einmal vor einem Hause auf
und ab gegangen und haben auf einen lieben Bekannten gewartet? Die
erste Viertelstunde vergeht wie ein Nichts; die zweite Viertelstunde
-- nun, man tut es so gern für einen, den man lieb hat; die dritte
Viertelstunde: er kommt nicht; die vierte: Hoffnung und Furcht; die
fünfte: man geht fort, kehrt aber wieder um; die sechste: Herr Gott,
ich habe meine Zeit unnötig verschwendet; die siebente: aber ich
bleibe doch hier, da ich nun einmal so lange geblieben bin; die achte:
Raserei, Verwünschungen; die neunte: man geht nach Hause und legt
sich auf sein Sofa und fühlt eine Ruhe, als halte man den Tod im Arm.
Er wartete zehn Jahre, zehn Jahre lang! Sträuben sich mir nicht die
Haare auf dem Kopf, wenn ich zehn Jahre sage? Sehen Sie nach! Es sind
doch noch welche da? Zehn Jahre vergingen, bevor er eine Rolle bekam.
Und dann hatte er Erfolg -- sofort. Und da wäre er beinahe wahnsinnig
geworden über seine vergeudeten zehn Jahre; er raste, weil es nicht vor
zehn Jahren geschehen war, und wunderte sich, daß das eingetroffene
Glück ihn nicht glücklich machte, und so wurde er unglücklich.«
»Meinen Sie, daß er die zehn Jahre nicht gebraucht hat, um seine Kunst
zu studieren?«
»Er konnte ja nie studieren, da er nie spielen durfte. Er war eine
lächerliche Figur, ein Ausschuß auf dem Theaterzettel; der Direktor
sagte, er sei nicht zu gebrauchen, und wenn er sich an einen andern
Direktor wendete, sagte der, er habe kein Repertoir!«
»Aber warum war er nicht glücklich, als er Erfolg hatte?«
»Glauben Sie, eine unsterbliche Seele ist damit zufrieden, Erfolg
zu haben? -- Aber warum über so etwas reden! Ihr Entschluß ist
unwiderruflich! Meine Ratschläge sind überflüssig! Es gibt keinen
anderen Lehrmeister als die Erfahrung, und er ist sehr launisch und
berechnend, genau wie die Lehrer in der Schule; einige Schüler werden
immer gelobt, andere bekommen immer Prügel; Sie sind dazu geboren,
Lob zu bekommen; glauben Sie nicht, daß ich das in Hinblick auf Ihre
Herkunft sage; ich bin aufgeklärt genug, dem weder Gutes noch Böses
zuzuschreiben; das ist ein völlig gleichgültiger Faktor in diesem
Falle, denn hier gilt der Mensch als Mensch! Ich wünsche Ihnen, daß Sie
so rasch wie möglich Erfolg haben, damit Sie aufgeklärt werden -- so
rasch wie möglich! Sie verdienen das, glaube ich!«
»Aber haben Sie denn keine Achtung vor Ihrer Kunst? Der größten und
herrlichsten von allen?«
»Die überschätzt wird wie alles, worüber Menschen Bücher geschrieben
haben. Sie ist gefährlich, denn sie kann schaden! Eine schön
gesagte Lüge kann einen wahrhaften Eindruck machen! Sie gleicht der
Volksversammlung, in der die ungebildete Majorität den Ausschlag gibt.
Je oberflächlicher, desto besser -- je schlechter, desto besser. Ich
habe damit nicht gesagt, daß sie unnötig ist!«
»Was Sie sagen, kann doch nicht wirklich Ihre Ansicht sein!«
»Es ist meine Ansicht, aber sie braucht deshalb ja nicht zuzutreffen.«
»Aber haben Sie denn wirklich keine Achtung vor Ihrer Kunst?«
»Vor meiner? Warum sollte ich vor meiner mehr Achtung haben als vor der
anderer?«
»Und Sie haben doch die tiefsinnigsten Rollen gespielt; Sie haben
Shakespeare gespielt? Sie haben den Hamlet gespielt? Sind Sie wirklich
nie in Ihrem Innersten erschüttert gewesen, wenn Sie den tiefen Monolog
›Sein oder Nichtsein!‹ gesprochen haben?«
»Was meinen Sie mit tief?«
»Tiefsinnig, tief gedacht!«
»Erklären Sie sich! Ist es so tief zu sagen: Soll ich mir das Leben
nehmen oder nicht? Ich würde es sehr gern tun, wenn ich wüßte, was nach
dem Tode kommt, und das würden alle andern auch tun, aber wir wissen es
nun einmal nicht, deshalb wagen wir nicht, uns das Leben zu nehmen. Ist
das nun so tiefsinnig?«
»Nein, so nicht ...«
»Nun also! Sie haben ganz sicher schon einmal daran gedacht, sich das
Leben zu nehmen? Nicht wahr?«
»Ja, das haben wohl alle Menschen getan!«
»Nun, warum haben Sie es nicht getan? Weil Sie, wie Hamlet, es nicht
wagten, weil Sie nicht wissen, was hinterher kommt. Nun, waren Sie da
sehr tiefsinnig?«
»Nein, natürlich nicht!«
»Nun also, es ist ganz einfach eine Banalität. Es ist mit einem Wort --
wie nennt man das, Gustav?«
»Es ist alt!« kam die Antwort vom Uhrgehäuse her, wo man auf das
Stichwort gewartet zu haben schien.
»Ja, es ist alt! Hätte aber der Dichter ein annehmbares Bild von dem
künftigen Leben gegeben, das wäre neu gewesen!«
»Ist alles Neue so ausgezeichnet?« fragte Rehnhjelm, der über die neuen
Dinge, die er zu hören bekam, sehr niedergeschlagen war.
»Das Neue hat wenigstens ein Verdienst -- nämlich: daß es neu ist!
Versuchen Sie Ihre Gedanken selber zu denken, und Sie werden sich immer
neu finden. Wollen Sie glauben, daß ich gewußt habe, worüber Sie mit
mir sprechen würden, bevor Sie in die Tür traten? Und daß ich weiß, was
Sie mich nun zunächst fragen werden, nun wir in die Nähe Shakespeares
gekommen sind?«
»Sie sind ein sonderbarer Mensch; ich muß gestehen, daß Sie in dem, was
Sie sagen, recht haben, obwohl ich es nicht gutheiße.«
»Nun, was halten Sie von der Leichenrede des Antonius an Cäsars Bahre?
Ist die nicht merkwürdig?«
»Das gerade wollte ich Sie fragen? Es ist ganz, als könnten Sie meine
Gedanken lesen.«
»Ja, das habe ich Ihnen ja eben gesagt. Und ist das so seltsam, da alle
Menschen dasselbe denken oder richtiger sagen? Nun, was finden Sie tief
daran?«
»Das kann ich mit Worten nicht ausdrücken ...«
»Nun, finden Sie denn nicht, daß es eine ganz gewöhnliche Form einer
ironischen Äußerung ist? Man sagt genau das Gegenteil von dem, was man
meint, und wenn man die Kanten schärft, so wird keiner umhin können,
sich daran zu stechen. Nun, aber haben Sie je etwas Schöneres gelesen
als Julias und Romeos Zwiegespräch nach der Hochzeitsnacht?«
»Ja, die Stelle, wo er sagt, er habe geglaubt, es sei die Nachtigall,
als es die Lerche war?«
»Welche andere Stelle sollte ich meinen, da die ganze Welt sie meint.
Nun, hier beruht doch die Wirkung auf einem einzelnen, sehr häufig
angewandten poetischen Bilde; glauben Sie nun, daß Shakespeares Größe
auf poetischen Bildern beruht?«
»Warum wollen Sie mir alles zertrümmern, warum wollen Sie mir meinen
ganzen Halt nehmen?«
»Ich werfe Ihre Krücken fort, damit Sie -- selber gehen lernen. Im
übrigen: verlange ich, daß Sie auf das eingehen, was ich sage?«
»Sie verlangen es nicht, Sie zwingen einen, es zu tun!«
»Dann müssen Sie meine Gesellschaft meiden. -- Ihre Eltern sind traurig
über Ihr Vorhaben?«
»Ja, natürlich! Wie können Sie das wissen?«
»Das sind alle Eltern! Warum müssen Sie mein Urteilsvermögen
überschätzen? Sie dürfen überhaupt nicht überschätzen!«
»Glauben Sie, daß man dadurch glücklicher wird?«
»Glücklicher? Hm! Kennen Sie jemanden, der glücklich ist? Antworten Sie
jetzt mit eigenen Ansichten, nicht mit fremden Worten!«
»Nein!«
»Nun, wenn Sie nicht glauben, daß irgend jemand glücklich ist, wie
können Sie dann davon sprechen, daß man glücklicher wird? -- Also Sie
haben Eltern! Es ist sehr dumm, Eltern zu haben!«
»Wieso? Wie meinen Sie das?«
»Finden Sie es nicht unnatürlich, daß eine alte Generation eine neue
erziehen und sie mit ihren veralteten Dummheiten aufpäppeln soll? Nun,
Ihre Eltern verlangen Dankbarkeit von Ihnen? Nicht wahr?«
»Ja, man soll doch auch wohl seinen Eltern dankbar sein?«
»Dankbar dafür, daß sie uns mit gesetzlicher Erlaubnis in dies Elend
hineingesetzt, uns mit schlechtem Essen ernährt, uns geschlagen,
unterdrückt, gedemütigt, sich unsern Wünschen widersetzt haben?
Wollen Sie glauben, daß eine Revolution nötig ist? Nein, zwei! Warum
trinken Sie nicht Absinth? Sie haben Angst davor? Ach, sehen Sie,
es ist doch das Rote Kreuz darauf! Es heilt die Verwundeten auf dem
Schlachtfelde, Freund und Feind! Es betäubt den Schmerz, stumpft die
Gedanken ab, tilgt die Erinnerung, erstickt alle edlen Gefühle, die
den Menschen verleiten, Torheiten zu begehen, und löscht schließlich
das Licht der Vernunft aus. Wissen Sie, was das Licht der Vernunft
ist? Das ist erstens eine Phrase, zweitens ein Irrlicht, Sie wissen,
so ein Licht, das über Orten umhertanzt, wo Fische vermodert sind
und Phosphorwasserstoff erzeugt haben; das Licht der Vernunft ist
Phosphorwasserstoff, aus der grauen Gehirnsubstanz erzeugt. Es ist doch
merkwürdig, daß alles Gute hier auf Erden untergeht und vergessen wird.
Ich habe bei meinen zehnjährigen Streifzügen und meiner anscheinenden
Untätigkeit alle Volksbibliotheken durchgelesen, die in den kleinen
Städten existieren; alles Schlechte und Bedeutungslose, was in den
Büchern steht, wird zitiert und neu gedruckt, aber das Gute bleibt
unbeachtet. -- Was ich sagen wollte -- erinnern Sie mich daran, daß ich
bei der Sache bleibe --«
Jetzt begann die Uhr ihr Unwesen zu treiben und donnerte sieben
Schläge. -- Die Tür flog auf, und herein wälzte sich mit großem Lärm
ein Mensch. Es war ein Fünfziger mit fettem, schwerem Kopf, der wie ein
Mörser zwischen ein paar fetten Schultern ruhte, wie auf einer Lafette
mit einer beständigen Elevation von 45 Grad, und aussah, als wolle er
die Sterne bombardieren. Das Gesicht machte den Eindruck, als sei sein
Besitzer aller möglichen Verbrechen und aller unmöglichen Laster fähig,
werde aber von Feigheit abgehalten, sie zu begehen. Er schleuderte
sofort eine Granate auf den Düsteren und verlangte von dem Kellner
einen Rumgrog in einer grammatikalisch ungehobelten Sprache, mit einer
Stimme wie ein Korporal.
»Das ist der Lenker Ihres Geschicks,« flüsterte der Düstere Rehnhjelm
zu. »Das ist der große Tragöde, der Direktor und Intendant, mein
Todfeind.«
Rehnhjelm schauderte, als er die entsetzliche Gestalt betrachtete, die
einen Blick tiefsten Hasses mit Falander gewechselt hatte und nun dasaß
und den Gang mit Spucksalven beschoß.
Darauf öffnete sich die Tür von neuem, und herein glitt ein fast
eleganter, älterer Mann mit pomadisiertem Haar und gewachstem
Schnurrbart. Er ließ sich vertraulich neben dem Direktor nieder, der
ihm den mit einem Karneolring geschmückten Mittelfinger zum Schütteln
reichte.
»Das ist der Redakteur der hiesigen konservativen Zeitung: der
Verteidiger von Thron und Altar. Er hat freien Zutritt zu den Kulissen
und möchte alle Mädchen verführen, auf die nicht der Direktor seine
Augen wirft. Er war früher königlicher Beamter, mußte die Stellung aber
aufgeben, -- ich schäme mich, zu sagen, warum,« erläuterte Falander.
»Aber ich schäme mich auch, im selben Raum zu sitzen wie diese Herren,
und ich gebe außerdem hier heute abend meinen Freunden ein kleines
Fest anläßlich meines gestrigen Benefizes. Wenn Sie Lust haben, in
schlechter Gesellschaft zu sein, mit den verworfensten Subjekten, zwei
übel beleumundeten Damen und einem alten Lump von Herrn, so sind Sie
mir um acht Uhr willkommen.«
Rehnhjelm zögerte nicht einen Augenblick, die Einladung anzunehmen.
Die Spinne an der Wand kletterte durch ihr Netze wie um es zu
inspizieren, und verschwand dann. Die Fliege blieb noch eine kleine
Weile sitzen. Aber die Sonne verkroch sich hinter der Domkirche, die
Maschen des Netzes lösten sich auf, als seien sie nie gewesen, und die
Espen zitterten vor dem Fenster. Da aber erhob der große Mann, der
künstlerische Direktor, seine Stimme und schrie, denn das Sprechen
hatte er verlernt; und er sagte:
»Nun, du hast gesehen, wie das Wochenblatt mich wieder angegriffen
hat.«
»Ach, um das Geschwätz mußt du dich nicht kümmern!«
»Ich soll mich nicht darum kümmern! Was meinst du damit, zum Teufel?
Liest es nicht die ganze Stadt? Oh, ich werde mich schon darum kümmern!
Ich gehe zu ihm in die Wohnung und verprügele ihn, das tue ich! Er
behauptet ganz frech, ich übertreibe und sei affektiert.«
»Nun, so bestich ihn doch! Aber mache keinen Skandal!«
»Bestechen? Denkst du, das habe ich nicht versucht? Diese liberalen
Zeitungsschreiber sind verdammt sonderbare Leute! Wenn man mit ihnen
befreundet und bekannt ist, können sie nett über einen schreiben, aber
bestechen, das geht nicht, und wenn sie noch so arm sind!«
»Ach, du verstehst dich nicht darauf! Man muß nicht gerade drauflos
gehen, sondern muß ihnen Geschenke schicken, die man versetzen kann,
oder auch bares Geld, anonym, und sich dann später nie etwas merken
lassen!«
»Wie man es mit dir macht? Nein du, das geht bei ihnen nicht; ich habe
es schon versucht. Es ist eine Hölle, mit Leuten mit Prinzipien zu tun
zu haben.«
»Was meinst du, was war das für ein Opfer -- um das Thema zu wechseln
--, das der Teufel in den Klauen hatte?«
»Das geht mich nichts an!«
»Vielleicht doch! Gustav! Wer war der Herr, den Falander bei sich
hatte?«
»Ja, der will zum Theater und heißt Rehnhjelm.«
»Was sagst du? Der will zum Theater? Der?« schrie der Direktor.
»Ja, das will er,« antwortete Gustav.
»Und Tragödie spielen, natürlich. Und von Falander protegiert werden?
Und sich nicht an mich wenden? Und meine Rollen nehmen? Und uns die
Ehre erweisen. Und ich weiß kein Wort von der Sache? Ich? Ich? Das
tut mir leid um ihn! Es ist schade um ihn! Was für eine schreckliche
Zukunft! Ich werde ihn natürlich protegieren! Ich werde ihn unter
meine Flügel nehmen! Man fühlt die Kraft meiner Flügel, auch wenn ich
nicht fliege! Sie haben einen guten Druck! Das war ein schmucker Kerl!
Ein feiner Kerl! Schön wie ein Antigonus! Schade, daß er nicht zuerst
zu mir gekommen ist, dann hätte er Falanders sämtliche Rollen bekommen!
Oh! Oh! Oh! Aber das ist noch nicht zu spät! Ha! Erst muß der Teufel
ihn verderben! Er ist noch etwas zu frisch! Er sah wirklich unverdorben
aus! Armer Junge! Ja, ich sage nur: Gott behüte ihn!«
Der Laut des letzten Stoßgebets erstarb unter dem Lärm, der entstand,
als nun alle Groggäste der Stadt sich einfanden.
Fünfzehntes Kapitel
Theateraktiengesellschaft Phönix
Am folgenden Tage erwachte Rehnhjelm in seinem Bett im Hotel spät
am Vormittag. Die Erinnerungen an die verflossene Nacht stiegen wie
Gespenster auf und umgaben sein Bett mitten an dem sommerhellen Tag.
Er sah das schöne, mit Blumen reich geschmückte Zimmer, in dem die
Orgie bei fest verschlossenen Fensterläden stattgefunden hatte; er sah
die fünfunddreißigjährige Schauspielerin, die von einer Rivalin in das
Mutterfach verdrängt worden war; sie kommt voll Verzweiflung und Wut
über neue Beschimpfungen herein, betrinkt sich, legt die Beine auf die
Sofalehne und knöpft, als es zu warm im Zimmer wird, die Taille auf, so
sorglos, wie ein Herr nach einem großen Diner die Weste aufmacht; da
wankt der alte Komiker umher, der frühzeitig das Liebhaberfach aufgeben
mußte, nach einer kurzen Blütezeit zu Dienerrollen herabgesunken
ist und nun die Kleinbürger mit seinen Liedern und vor allem seinen
Erzählungen aus der Zeit seiner Größe ergötzt; aber mitten in dem
Rauch und den Bildern des Rausches sieht er die junge Sechzehnjährige,
die mit tränengefüllten Augen eintritt und dem finsteren Falander
berichtet, daß der große Direktor ihr wieder schimpfliche Anträge
gemacht und bei ihrer Weigerung geschworen habe, sich zu rächen und
ihr nur noch Dienstmädchenrollen zu geben; und er sieht Falander, der
die Sorgen und Kümmernisse aller entgegennimmt und sie anhaucht, daß
sie verschwinden; wie er alles in ein Nichts auflöst: Kränkungen,
Demütigungen, Fußtritte, Unglücksfälle, Not, Elend und Jammer; wie er
seine Freunde belehrt und ermahnt, nichts zu überschätzen, vor allem
die eigenen Sorgen nicht. Aber wieder und immer wieder sieht er die
kleine Sechzehnjährige mit dem unschuldigen Gesicht, deren Freund er
geworden ist und von der er beim Abschied einen Kuß bekommen hat, einen
heftigen, leidenschaftlichen Kuß; sein überreiztes Hirn erinnerte sich
jetzt, wenn es aufrichtig war, diesen Kuß etwas unerwartet gefunden zu
haben. Aber wie hieß sie doch nur?
Er steht auf, um nach der Wasserkaraffe zu greifen, und bekommt ein
kleines Taschentuch mit Weinflecken darin in die Hand. Ah! Da steht es
unauslöschlich mit Zeichentinte geschrieben -- Agnes! Es küßt es auf
der reinsten Stelle zweimal und stopft es in den Koffer. Darauf zieht
er sich sorgfältig an, um zum Theaterdirektor zu gehen, der zwischen
zwölf und drei Uhr am sichersten zu treffen ist.
Um sich nichts vorwerfen zu müssen, geht er um zwölf Uhr ins Theater
und trifft einen Diener, der ihn fragt, was er wünsche und ob er ihm
zu Diensten sein könne. Rehnhjelm hält das nicht für möglich, sondern
fragt von neuem, ob der Direktor nicht zu sprechen sei; darauf wird
ihm mitgeteilt, daß der Direktor sich augenblicklich in der Fabrik
befinde, später aber herkommen werde. Rehnhjelm hält das Wort Fabrik
für eine familiäre Bezeichnung für das Theater, wird aber dahin
belehrt, daß der geschäftsführende Direktor eigentlich Inhaber einer
Streichholzfabrik ist. Sein Schwager, der Rendant, ist auf der Post
beschäftigt und pflegt erst um zwei Uhr zu kommen, und dessen Sohn,
der Sekretär, tut auf dem Telegraphenamt Dienst, so daß man nie sicher
ist, ihn zu treffen. Da jedoch der Diener Rehnhjelms Anliegen zu kennen
glaubte, überreichte er ihm in eigenem und in des Theaters Namen ein
Exemplar der Statuten des Theaters, mit denen der junge Debütant sich
die Zeit vertreiben sollte, bis einer von den Direktionsmitgliedern
käme. Er wappnete sich also mit Geduld und setzte sich auf ein Sofa,
um zu studieren. Als er die Satzungen durchgelesen hatte, war es erst
halb eins. Da unterhielt er sich mit dem Diener bis dreiviertel eins.
Darauf machte er sich daran, den ersten Paragraphen der Statuten zu
ergründen: »Das Theater ist eine moralische Institution, deshalb müssen
alle seine Mitglieder sich der Gottesfurcht, der Tugend und guter
Sitten befleißigen.« Er drehte und wendete den Satz und suchte ihn
ins rechte Licht zu stellen, ohne daß es ihm gelang. Wenn das Theater
schon eine moralische Institution ist, so brauchen doch die Mitglieder,
die (neben Direktor, Rendant, Sekretär, Maschinen und Dekorationen)
die Institution bilden, so brauchen sie sich doch nicht erst all des
Schönen, wie es nun auch heißt, zu befleißigen. Wenn man gesagt hätte:
Das Theater ist eine unmoralische Institution und deshalb ... Ja, dann
hätte es einen Sinn gegeben; so war es aber von der Direktion nicht
gemeint. Und dann dachte er an Hamlets »Worte, Worte«, erinnerte sich
aber sofort, daß es alt sei, Hamlet zu zitieren, und daß man seine
Gedanken mit eigenen Worten ausdrücken müsse; so überlegte er lange und
blieb schließlich dabei stehen, es Geschwätz zu nennen; er verwarf auch
das als nicht originell, aber das war das Original ja auch nicht.
Paragraph 2 half ihm dann, sich eine weitere Viertelstunde mit
Betrachtungen über den Text zu vertreiben. »Das Theater ist keineswegs
zum Vergnügen da. Nicht bloß zur Belustigung.« Da stand: Das Theater
ist nicht zum Vergnügen da, und da stand: Das Theater ist nicht
ausschließlich zum Vergnügen da, also ist es (auch) zum Vergnügen da.
Darauf dachte er darüber nach, wann man sich im Theater unterhält:
Ja, wenn man sieht, wie Kinder, zumal Söhne, ihre Eltern um Geld
betrügen, vor allem, wenn die Eltern sparsam, gutmütig und verständig
sind; zweitens wenn Frauen ihre Männer betrügen; das ist besonders
lustig, wenn der Mann alt ist und die Hilfe seiner Frau braucht;
weiter erinnerte er sich, furchtbar gelacht zu haben über zwei alte
Männer, die dem Hungertode nahe waren, weil ihr Geschäft zurückgegangen
war; und noch heutigentags lachte man darüber in dem Stück eines
klassischen Dichters. Er erinnerte sich ferner, sich an dem Unglück
eines älteren Mannes ergötzt zu haben, der das Gehör verloren hatte;
erinnerte sich, zusammen mit sechshundert andern Menschen sich
höchlich amüsiert zu haben über einen Priester, der auf natürlichem
Wege Heilung für die Verrücktheit suchte, in die seine Enthaltsamkeit
ihn gebracht hatte, und über die Heuchelei, die er zur Erreichung
seiner Absichten anwenden mußte. Worüber hatte man nur so gelacht,
fragte er sich. Und da er nichts anderes zu tun hatte, so versuchte
er darauf zu antworten! Ja, über Unglück, Not, Elend, Laster, Tugend,
über die Niederlage des Guten, den Sieg des Bösen. Dies Resultat, das
ihm teilweise neu war, versetzte ihn in gute Stimmung, und er fand
einen großen Genuß an diesem Spiel mit Gedanken. Da die Direktion noch
nichts von sich hören ließ, setzte er das Spiel fort und kam, ehe fünf
Minuten vergangen waren, zu dem Ergebnis, daß man in der Tragödie über
genau dieselben Dinge weint, über die man in der Komödie lacht. Da
aber blieb er stehen, denn herein stürmte der große Theaterdirektor,
rannte an Rehnhjelm vorbei, als sehe er ihn nicht, und stürzte in ein
Zimmer links, wo einen Augenblick später eine Klingel von starker Hand
in Bewegung gesetzt wurde. Der Diener brauchte eine halbe Minute, um
hinein zu gehen und mit der Erklärung wieder herauszukommen, Seine
Hoheit empfange.
Als Rehnhjelm eintrat, hatte der Direktor schon abgeprotzt und seinen
Mörser in so großem Winkel gerichtet, daß er unmöglich den Sterblichen
sehen konnte, der leise zitternd eintrat. Aber er mußte ihn gehört
haben, denn er fragte sofort in verletzendem Ton, was gefällig sei.
Rehnhjelm erklärte, er wolle debütieren.
»Oh! Großes Debüt! Großer Enthusiasmus! Haben Sie ein Repertoire, Herr?
Haben Sie Hamlet, Lear, Richard Sheridan gespielt und sind nach dem
dritten Akt zehnmal herausgerufen worden? Was? He?«
»Ich bin noch nie aufgetreten!«
»Ach so! Das ist etwas anderes!«
Er setzte sich in einen versilberten, mit blauer Seide bezogenen
Lehnstuhl, und sein Gesicht legte eine Maske an, die in einer der
Biographien im Svetonius als Illustration hätte dienen können.
»Darf ich Ihnen meine aufrichtige Meinung sagen, mein Herr? Ja?
Verzichten Sie auf diese Laufbahn!«
»Unmöglich!«
»Ich wiederhole: Verzichten Sie auf diese Laufbahn! Es ist die
schrecklichste aller Karrieren! Sie ist so voll von Demütigungen,
Unannehmlichkeiten, Nadelstichen, Dornen, mein Herr, die Ihnen, glauben
Sie mir, das Leben so verbittern, daß Sie schließlich wünschen, nie
geboren zu sein!«
Er sah wirklich glaubwürdig aus, aber Rehnhjelm war unerschütterlich in
seinem Entschluß.
»Nun, beachten Sie meine Worte wohl! Ich rate Ihnen feierlich ab
und erkläre Ihnen: die Aussichten sind so trübe, daß Sie vielleicht
jahrelang als Statist fungieren müssen! Überlegen Sie sich das! Und
kommen Sie später nicht zu mir und beschweren Sie sich. Diese Laufbahn
ist so verteufelt schwer, mein Herr, daß Sie, wenn Sie Bescheid wüßten,
sie nie einschlagen würden! Sie haben eine Hölle vor sich, glauben Sie
mir, jetzt ist es gesagt!«
Es waren vergeudete Worte!
»Würden Sie dann nicht lieber gleich ohne Debüt ein Engagement nehmen?
Das ist weniger riskant.«
»Ja natürlich, aber das hatte ich nicht in Erwägung gezogen.«
»Wollen Sie bitte diesen Kontrakt unterschreiben? Zwölfhundert Kronen
Gage und zwei Jahre Kontrakt. Ist das gut?«
Er holte einen ausgefüllten und von der Direktion unterzeichneten
Kontrakt, der unter dem Löschblatt lag, hervor und reichte ihn
Rehnhjelm zur Unterschrift, und Rehnhjelm, dem die zwölfhundert Kronen
den Kopf verwirrten, unterschrieb unbesehen.
Als das geschehen war, reichte der Direktor ihm seinen großen
Mittelfinger mit dem Karneolring und sagte: »Willkommen!«, wobei er das
Zahnfleisch des Oberkiefers und das gelbe, blutgesprenkelte Weiße der
beiden Augen mit der seifengrünen Iris zeigte.
Und dann war die Audienz beendet. Rehnhjelm aber, dem das Ganze zu
rasch gegangen war, blieb stehen und nahm sich die Freiheit, zu fragen,
ob er nicht warten solle, bis die Direktion versammelt sei.
»Die Direktion?« rief der große Tragöde; »das bin ich! Haben Sie etwas
zu fragen, so wenden Sie sich nur an mich! Wollen Sie einen Rat haben,
so wenden Sie sich an mich! an mich, mein Herr! An keinen andern! So!
-- Marsch!«
Es sah aus, als bleibe Rehnhjelms Rockschoß an einem Nagel hängen,
gerade als er im Hinausgehen war, so hastig blieb er stehen und
drehte sich um, gewissermaßen um festzustellen, wie die letzten
Worte aussahen, aber er erblickte nur das rote Zahnfleisch, das einem
Folterwerkzeug glich, und das mit Blut marmorierte Auge, weshalb
er keine Lust verspürte, eine Erklärung zu fordern, sondern in den
Ratskeller eilte, um Mittag zu essen und Falander zu treffen.
Dieser saß schon an seinem Tisch, ruhig und gleichgültig, als sei er
auf das Allerschlimmste, was es auch sei, gefaßt. Es wunderte ihn also
nicht, daß Rehnhjelm engagiert worden war, wenn er auch sehr finster
wurde, als er es erfuhr.
»Wie gefällt dir der Direktor sonst?« fragte Falander.
»Ich hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige gegeben, aber ich wagte es
nicht.«
»Das wagt die Direktion auch nicht, und deshalb ist er Alleinherrscher.
Du wirst immer sehen, daß die Roheit die Macht in Händen hat. Du weißt,
daß er auch Dramatiker ist?«
»Das habe ich gehört!«
»Er schreibt eine Art historische Schauspiele, die immer Beifall
finden; das kommt daher, daß er Rollen schreibt, statt Charaktere zu
gestalten. Er bringt Applausstellen bei den Abgängen an und treibt
Wucher mit dem sogenannten vaterländischen Gefühl. Übrigens können
seine Figuren nicht sprechen, sie keifen und zanken nur: Männer
und Fragen, Alte und Junge, allesamt, so daß sein bekanntes Stück
›König Göstas Söhne‹ mit Recht ein historisches Spektakelstück in
fünf Auftritten heißt, denn es sind keine Akte, sondern regelrechte
Auftritte, Familienauftritte, Straßenauftritte, Reichstagsauftritte
und so weiter. Statt der Antworten erteilt man sich Gertenhiebe, die
nicht Szenen, sondern den schrecklichsten Spektakel hervorrufen.
Statt der Dialoge hat er Wortwechsel, in denen man sich gegenseitig
beschimpft, und die höchste dramatische Wirkung wird von
Handgreiflichkeiten hervorgerufen. Die Kritik sagt, er sei groß in
der Schilderung historischer Charaktere. Wie hat er aber Gustav Wasa
in dem erwähnten Stück geschildert? Ja, als einen breitschultrigen,
langbärtigen, großmäuligen, unlenksamen und muskelstarken Mann -- er
zerschlägt unter anderem auf dem Reichstag in Västeraas einen Tisch
und tritt bei der Versammlung in Vadstena eine Tür ein. Aber einmal
sagte die Kritik, seinen Stücken fehle der Sinn; da wurde er böse und
nahm sich vor, Sittenkomödien mit Sinn zu schreiben. Er hatte einen
Jungen, der die Schule besuchte (das Ungeheuer ist verheiratet!), sich
unanständig benahm und Prügel kriegte. Sofort schrieb der Vater eine
Sittenkomödie, in der er die Lehrer abkonterfeite und schilderte, wie
unmenschlich die Jugend heutzutage behandelt werde. Ein andermal wurde
eine gerechte Rezension über ihn geschrieben, und sofort verfaßte er
eine Sittenkomödie, in der er die liberalen Journalisten der Stadt
darstellte! Nun, meinetwegen mag er tun, was er will!«
»Ja, aber warum haßt er dich?«
»Weil ich auf einer Probe Don Pasquale gesagt habe, obwohl er erklärt
hatte, es heiße Paskal. Das Resultat: ich wurde bei Geldstrafe
verurteilt, den Namen so auszusprechen, wie er befahl, wobei er
erklärte, es möge in der ganzen Welt heißen, wie es wolle, hier aber
solle es Paskal heißen, denn so heiße es!«
»Wo kommt er her? Was ist er gewesen?«
»Kannst du nicht sehen, daß er Stellmachergeselle gewesen ist? Aber
wüßte er, daß du es weißt, so würde er dich vergiften! Doch, um jetzt
von etwas ganz anderm zu sprechen: wie fühlst du dich nach gestern?«
»Ausgezeichnet! Ich habe ganz vergessen, dir zu danken!«
»Nun! Das ist schön! Und dir gefällt das Mädel? Die Agnes?«
»Ja, sie hat mir sehr gefallen!«
»Und sie ist in dich verliebt! Das paßt gut! Nimm sie.«
»Ach, wie du redest! Wir können doch noch nicht heiraten!«
»Wer hat gesagt, daß ihr das tun sollt?«
»Was meinst du denn?«
»Du bist achtzehn, sie ist sechzehn! Ihr liebt euch! Also gut! Wenn ihr
einig seid, ist es doch die privateste Angelegenheit, die es gibt!«
»Ich verstehe dich nicht! Forderst du mich zu einer schlechten Handlung
auf? Oder wie?«
»Ich fordere dich auf, ein wenig der großen Stimme der Natur zu
gehorchen, nicht der dummen der Menschen. Wenn die Menschen euer
Benehmen verwerfen, so geschieht es aus Neid, und die Moral, die
sie predigen, ist ihre Bosheit, die eine passende, präsentable Form
angenommen hat. Hat nicht die Natur euch schon jahrelang zu ihrem
großen Fest geladen, das die Freude der Götter, aber das Entsetzen der
Gesellschaft ist, die fürchtet, Alimente zahlen zu müssen?«
»Warum rätst du uns nicht zur Heirat?«
»Weil das etwas anderes ist! Man bindet sich nicht fürs Leben nach
einem gemeinsam verbrachten Abend, und es ist nicht gesagt, daß jemand,
der die Lust mitmacht, auch das Leid mit auf sich nehmen will! Die Ehe
ist eine seelische Angelegenheit; das ist diese Sache vorläufig gerade
noch nicht! Übrigens brauche ich euch nicht zu dem aufzufordern, was
ohnehin geschehen wird. Liebt euch in der Jugend, ehe es zu spät ist,
liebt euch wie die Vögel, ohne einen Gedanken an den Nestbau oder wie
die Blumen aus der Klasse der Diözien.«
»Du sollst nicht so unehrerbietig von dem Mädchen sprechen! Sie ist
gut, unschuldig und bedauernswert, und wer etwas anderes zu sagen wagt,
der lügt! Hast du je unschuldigere Augen gesehen als ihre, liegt nicht
sogar im Klang ihrer Stimme Wahrheit? Sie ist einer großen Liebe und
einer reinen Liebe würdig, nicht so einer wie die, von der du sprichst,
und ich hoffe, es ist das letztemal, daß du etwas in dieser Richtung
vorbringst! Das eine kannst du ihr sagen: ich werde es als das größte
Glück und die größte Ehre ansehen, ihr einmal, wenn ich ihrer würdig
bin, meine Hand anzubieten!«
Falander schüttelte den Kopf, daß die Schlangen sich ringelten.
»Ihrer würdig? Deine Hand? Was sagst du?«
»Dabei bleibe ich!«
»Das ist entsetzlich! Wenn ich dir sage, daß dies Mädchen nicht nur
aller Eigenschaften ermangelt, die du ihr zuerkennst, sondern sogar die
entgegengesetzten besitzt, so glaubst du mir nicht, sondern wirst mein
Feind!«
»Ja, das werde ich!«
»Wie kann die Welt nur so voller Lüge sein, daß ein Mensch keinen
Glauben findet, wenn er die Wahrheit spricht.«
»Wie soll man dir glauben können, da du keine Moral hast?«
»Sieh, da haben wir das Wort wieder! Das ist ein merkwürdiges Wort; es
beantwortet alle Fragen, schneidet alle Diskussionen ab, verteidigt
alle Fehler, die eigenen, aber nicht die fremden, schlägt alle Gegner
zu Boden, plädiert für und gegen, ganz wie ein Rechtsanwalt. Jetzt
hast du mich damit geschlagen, das nächste Mal schlage ich dich damit.
Lebwohl, ich muß nach Hause, denn ich gebe um drei Uhr Stunde! Lebwohl!
Viel Glück!«
Und Rehnhjelm blieb allein mit seinem Mittagessen und seinen
Betrachtungen.
* * * * *
Als Falander nach Hause kam, zog er sich Schlafrock und Pantoffel
an, als erwarte er durchaus keinen Besuch. Aber eine heftige Unruhe
schien ihn zu beherrschen, denn er ging im Zimmer auf und ab und blieb
dann und wann hinter der Gardine stehen, um ungesehen auf die Straße
blicken zu können. Dann trat er vor den Spiegel, knöpfte seinen Kragen
ab und legte ihn auf den Sofatisch. Nachdem er eine Weile so hin und
her gewandert war, nahm er die Photographie einer Dame aus einer
Visitenkartenschale, legte sie unter ein riesiges Vergrößerungsglas
und betrachtete sie, wie man ein mikroskopisches Präparat betrachtet.
Er saß recht lange bei dieser Arbeit. Als er Schritte auf der Treppe
hörte, versteckte er hastig die Photographie da, wo er sie hergenommen
hatte, sprang auf und setzte sich an den Schreibtisch, so daß er der
Tür den Rücken kehrte. Er war in voller Beschäftigung, als ein Klopfen
an der Tür -- zwei kurze, leise Doppelschläge -- ertönte.
»Herein!« rief Falander mit einer Stimme, die nicht einladend klang,
sondern eher für eine Ausweisung paßte.
Herein trat ein junges Mädchen, klein von Wuchs, aber mit angenehmen
Linien in der Figur; ein feines, ovales Gesicht, von Haar umgeben,
das seine blonde Farbe durch Bleichen in der Sonne bekommen zu haben
schien, denn es hatte nicht dieses ausgesprochene Blond, das angeboren
ist. Die kleine Nase und der fein geschnittene Mund brachten ein
munteres Spiel kleiner, schelmischer Kurven zustande, die unaufhörlich
die Formen änderten wie Figuren in einem Kaleidoskop; wenn sie zum
Beispiel die Nasenflügel bewegte, und der hellrote Knorpel sich wie
ein Anemonenblatt abzeichnete, teilten sich die Lippen und zeigten
die Spitzen sehr kleiner, gleichmäßiger Zähne, die, obwohl sie echt
waren, zu gleichmäßig und zu weiß waren, um Vertrauen einzuflößen. Die
Augenwinkel gingen nach der Nasenwurzel zu in die Höhe und senkten
sich an den Schläfen, wodurch ein beständig bittender, elegischer
Ausdruck erzielt wurde, der eine zauberhafte Disharmonie mit den
unteren, spielenden Partien des Gesichts bildete; aber die Pupille war
unruhig, sie konnte in einem Augenblick fein werden wie die Spitze
einer Nähnadel, um sich im nächsten aufzutun und zu starren wie das
Objekt eines Nachtfernrohrs.
Sie betrat also das Zimmer und verriegelte die Tür, nachdem sie den
Schlüssel hereingeholt hatte.
Falander saß noch immer und schrieb.
»Du kommst spät heute, Agnes,« sagte er.
»Ja, das tue ich,« antwortete sie trotzig, während sie den Hut abnahm
und sich häuslich einrichtete.
»Ja, wir sind über Nacht spät ins Bett gekommen!«
»Warum stehst du nicht auf und begrüßt mich? So müde kann man doch
nicht sein!«
»Ach, verzeih, das habe ich vergessen!«
»Vergessen! Ich habe bemerkt, daß du seit einiger Zeit manches
vergißt.«
»So? Seit wann hast du das bemerkt?«
»Seit wann? Was meinst du? Bitte, zieh den Schlafrock und die Pantoffel
aus!«
»Liebes Kind, das ist mir heute zum erstenmal passiert, und du findest
das eine lange Zeit! Ist das nicht seltsam? Sag!«
»Du verspottest mich! Was ist mit dir? Du bist seit einiger Zeit so
sonderbar!«
»Seit einiger Zeit! Da haben wir es wieder! Warum sagst du seit
einiger Zeit? Weil gelogen werden muß? Warum muß gelogen werden?«
»So, du wirfst mir vor, ich lüge?«
»O nein, ich scherzte nur!«
»Denkst du, ich sehe nicht, daß du meiner überdrüssig bist? Denkst
du, ich habe das gestern abend nicht gesehen, als du gegen die simple
Jenny so aufmerksam warst, daß du für mich den ganzen Abend kein Wort
hattest?«
»Du bist also eifersüchtig?«
»Ich? Nein, weißt du, nicht im geringsten! Wenn du sie mir vorziehst,
bitte schön! Das rührt mich keine Spur!«
»So! Du bist nicht eifersüchtig? Das ist unter gewöhnlichen
Verhältnissen eine bedauerliche Tatsache.«
»Unter gewöhnlichen Verhältnissen? Was meinst du damit?«
»Ich meine -- ganz einfach --, daß ich deiner überdrüssig bin, wie du
vorhin selbst gesagt hast!«
»Das lügst du! das bist du nicht!«
Sie bewegte die Nasenflügel, zeigte die Zahnspitzen und stach mit den
Nähnadeln.
»Wir wollen von etwas anderm sprechen,« sagte er. »Wie hat dir
Rehnhjelm gefallen?«
»Sehr nett! Das ist ein lieber Junge! Und ein feiner Junge!«
»Er hat sich bis über beide Ohren in dich verliebt!«
»Wie du redest!«
»Doch das Schlimmste ist, daß er sich mit dir verheiraten will!«
»Ach, bitte, verschone mich mit solchen Dummheiten!«
»Da er aber erst zwanzig Jahre alt ist, will er warten, bis er deiner
würdig ist, wie er sich ausdrückt!«
»So ein Narr!«
»Mit würdig meint er, ein anerkannter Schauspieler sein. Und das kann
er nicht eher werden, ehe er Rollen bekommt. Kannst du ihm nicht dazu
verhelfen?«
Agnes errötete, warf sich in die Sofaecke und zeigte ein paar elegante
Stiefeletten mit goldenen Troddeln.
»Ich? Ich kriege ja selber keine! Du machst dich über mich lustig!«
»Ja, das tue ich!«
»Du bist ein Teufel, Gustav! Willst du das glauben?«
»Vielleicht, vielleicht nicht! Es ist so schwer, so etwas zu
entscheiden! Aber wenn du ein verständiges Mädchen bist ...«
»Schweig!«
Sie nahm ein scharfes Papiermesser vom Tisch und hob es drohend im
Scherz, der wie Ernst aussah.
»Du bist so schön heute, Agnes,« sagte Falander.
»Heute? Was meinst du? Heute? Hast du das früher nicht gesehen?«
»O doch, das habe ich schon!«
»Warum seufzt du?«
»Das tut man immer, wenn man gebummelt hat.«
»Darf ich dich ansehn? Tun dir die Augen weh?«
»Die durchwachte Nacht, meine Liebe!«
»Ich will gehen, dann kannst du Mittagsschlaf halten!«
»Geh nicht fort! Ich kann doch nicht schlafen!«
»Ich glaube, ich muß ohnehin gehen! Ich bin eigentlich nur hergekommen,
um dir das zu sagen!«
Ihre Stimme wurde weich, und ihre Augenlider senkten sich sacht wie der
Vorhang nach einer Todesszene. Falander erwiderte:
»Das ist lieb, daß du doch gekommen bist, um abzusagen.«
Sie stand auf und setzte vor dem Spiegel ihren Hut auf.
»Hast du Parfüm hier?« fragte sie.
»Nein, das habe ich im Theater.«
»Du mußt dir das Pfeifenrauchen abgewöhnen; das setzt sich so
scheußlich in den Kleidern fest.«
»Das will ich tun.«
Sie bückte sich und machte ihr Strumpfband zu.
»Verzeih!« sagte sie und warf einen bittenden Blick auf Falander.
»Was denn?« antwortete er mit abwesender Miene, als habe er nichts
gesehen.
Da die Antwort ausblieb, faßte er sich ein Herz, holte rief Luft und
fragte:
»Wo willst du hin?«
»Ich muß ein Kleid anprobieren, du brauchst dich also nicht zu
beunruhigen!« antwortete sie, sehr ungezwungen, wie sie glaubte. Er
aber hörte an dem falschen Akzent, daß es einstudiert war, und sagte
nur:
»Also dann adieu!«
Sie ging auf ihn zu, um sich küssen zu lassen. Er nahm sie in die Arme
und drückte sie an die Brust, als wolle er sie ersticken, darauf küßte
er sie auf die Stirn, führte sie zur Tür, schob sie hinaus und sagte
ganz kurz: »Adieu!«
Sechzehntes Kapitel
Auf dem Weißen Berge
Eines Nachmittags im August sitzt Falk wieder im Park auf Mosebacke,
einsam, wie er den ganzen Sommer über gewesen ist, und summiert
seine Erfahrungen in diesem Vierteljahr, das vergangen ist, seit er
zuletzt hier war, so voller Hoffnungen, so mutig und so stark. Er
fühlt sich alt, müde, gleichgültig; er hat in all diese Häusermassen
hineingesehen, die dort unten stehen, und es sah immer anders aus,
als er gedacht hatte. Er hat sich in der Welt umgeschaut und hat die
Menschen unter mancherlei Verhältnissen beobachtet, wie es nur einem
Armenarzt oder einem Zeitungsschreiber vergönnt ist, allerdings mit
dem Unterschiede, daß der Journalist sie zu sehen bekommt, wie sie
sich zeigen, während der Arzt sie gewöhnlich sieht, wie sie sind.
Er hatte Gelegenheit gehabt, die Menschen als Gesellschaftstiere in
allen möglichen Formen zu sehen. Er war im Reichstag gewesen, hatte an
Kirchenratssitzungen, Generalversammlungen von Aktiengesellschaften,
Wohltätigkeitsveranstaltungen, polizeilichen Untersuchungen, Festen,
Beerdigungen, Volksversammlungen teilgenommen; überall große Worte
und viele Worte, Worte, die in der täglichen Rede nie gebraucht
wurden, eine besondere Art von Worten, die nicht ein Ausdruck für
irgendeinen Gedanken sind, wenigstens nicht für den, der ausgesprochen
werden müßte. Er hatte dadurch eine einseitige Auffassung vom Menschen
bekommen und konnte in ihm nur noch das verlogene Gesellschaftstier
sehen, das er sein muß, da die Zivilisation offenen Krieg verbietet;
infolge seines Mangels an Verkehr vergaß er, daß es ein anderes
Tier gab, das zwischen Glas und Wand recht liebenswürdig ist, wenn
es nicht gereizt wird, und das sich gern mit all seinen Fehlern
und Schwächen zeigt, wenn keine Zeugen anwesend sind. Das hatte er
vergessen, und deshalb war er sehr bitter. Aber ein anderer Umstand
war noch trauriger: er hatte die Achtung vor sich selbst verloren!
Und zwar ohne eine einzige Handlung begangen zu haben, deren er sich
hätte schämen müssen! Andere aber hatten sie ihm geraubt, und das
geht sehr leicht vonstatten. Überall, wo er auch aufgetreten war,
hatte man ihm Mißachtung gezeigt, und wie hätte er, der von Kindheit
an des Selbstgefühls beraubt worden war, den achten können, den alle
andern mißachteten! Eins aber machte ihn wirklich unglücklich, nämlich
zu sehen, wie die Referenten der konservativen Zeitungen, das heißt
alle, die alles Verkehrte verteidigten oder zum mindesten unangetastet
ließen, mit sehr großer Höflichkeit behandelt wurden. Er zog sich
also nicht so sehr in seiner Eigenschaft als Zeitungsschreiber die
allgemeine Verachtung zu, sondern als Anwalt der Elenden! Bisweilen
war er ein Raub grausamer Zweifel gewesen. Er hatte zum Beispiel
in dem Bericht über die Generalversammlung des Triton das Wort
Schwindel gebraucht. Hierauf hatte das Graumützchen mit einem langen
Artikel erwidert und so klar bewiesen, daß die Gesellschaft ein
national-patriotisches, philanthropisches Unternehmen sei, daß er
selbst fast glaubte, unrecht gehabt zu haben, und sich lange mit
Gewissensbissen plagte, weil er so leichtsinnig mit dem Ruf der
Menschen umgegangen war. Er befand sich eben jetzt in einem Zustand
zwischen Fanatismus und absolutem Indifferentismus, und es hing nur von
dem nächsten Impuls ab, welche Richtung er einschlagen würde.
Das Leben war ihm in diesem Sommer so sauer geworden, daß er mit
Schadenfreude jeden Regentag begrüßte, und er fühlte jetzt ein
relatives Behagen, als er sah, wie hier und da ein welkes Blatt über
die Kieswege raschelte. Er saß da und stellte zu seinem Trost teuflisch
heitere Betrachtungen über sein Dasein und dessen Zweck an, als er
fühlte, wie eine magere, knochige Hand sich auf seine Schulter legte
und eine andere seinen Arm umspannte, als wolle der Tod ihn beim
Wort nehmen und ihn zum Tanz führen. Er blickte auf und erschrak: da
stand Ygberg, bleich wie eine Leiche, mit abgezehrtem Gesicht und mit
Augen, die eine so verwässerte Farbe hatten, wie nur der Hunger sie
hervorbringen kann.
»Ah, guten Tag, Falk,« flüsterte er mit kaum hörbarer Stimme und
klapperte am ganzen Körper.
»Guten Tag, Ygberg,« antwortete Falk und kam in recht gute Laune. »Setz
dich und trinke eine Tasse Kaffee mit mir, zum Teufel! Wie gehts dir?
Du siehst aus, als hättest du unterm Eis gelegen!«
»Ach, ich bin so krank gewesen, so krank!«
»Du hast einen angenehmen Sommer gehabt, gerade wie ich!«
»Ist er für dich auch so schwer gewesen?« fragte Ygberg, während eine
schwache Hoffnung, es möchte so sein, sein gelbgrünes Gesicht erhellte.
»Ich will nur sagen: Gott sei Dank, daß der verfluchte Sommer vorbei
ist! Meinetwegen könnte das ganze Jahr Winter sein! Nicht genug, daß
man selber leiden muß, man soll auch noch mit ansehen, wie andere sich
freuen! Ich habe keinen Fuß vors Tor gesetzt! Und du?«
»Ich habe keine Tanne gesehen, seit Lundell im Juni von Lill-Jans
fortgezogen ist! Aber warum muß man auch gerade Tannen sehen! Das ist
nicht so nötig! Und etwas Merkwürdiges ist es auch nicht! Aber daß man
es nicht haben kann, das empfindet man so bitter!«
»Nun, das soll uns jetzt nicht kümmern; da hinten im Osten ist es trüb,
also morgen bekommen wir Regen, und wenn die Sonne wieder scheint, ist
es Herbst! Prost!«
Ygberg sah den Punsch an, als dächte er, es sei Gift, aber er trank
doch.
»Nun,« nahm Falk das Gespräch wieder auf, »du hast
doch die schöne Erzählung von dem Schutzengel oder der
Seeversicherungsaktiengesellschaft Triton für Smith geschrieben. War
das nicht gegen deine Überzeugung?«
»Überzeugung? Ich habe keine Überzeugung!«
»Hast du keine?«
»Nein, nur dumme Menschen haben eine!«
»Bist du unmoralisch, Ygberg?«
»Nein! Sieh, wenn ein dummer Mensch einen Gedanken hat, entweder aus
sich selbst oder aus andern, so erhebt er ihn zu seiner Überzeugung
und hält daran fest und prahlt damit, nicht weil es eine Überzeugung
ist, sondern weil es seine Überzeugung ist. Was die in Rede stehende
Gesellschaft betrifft, so glaube ich, daß es Schwindel ist. Sie schadet
recht vielen Menschen, nämlich den Aktionären, dafür aber macht sie
andern, der Direktion und den Beamten, um so mehr Freude, und auf diese
Weise tut sie doch viel Gutes!«
»Hast du denn alle Begriffe von Ehre verloren, Freund?«
»Man muß alles seiner Pflicht opfern!«
»Ja, das gebe ich zu.«
»Des Menschen erste und größte Pflicht ist es, zu leben -- zu leben, um
welchen Preis es auch sei! Das fordert das göttliche Gebot, das fordert
das menschliche Gesetz.«
»Aber die Ehre darf man nicht opfern.«
»Beide Gesetze fordern, wie gesagt, daß man alles opfert -- sie fordern
von dem Armen, die sogenannte Ehre zu opfern! Das ist grausam, aber der
Arme kann nicht dafür!«
»Du hast keine heiteren Ansichten vom Leben!«
»Wo sollte ich die herhaben?«
»Ja, das ist wahr!«
»Aber um auf etwas anderes zu kommen: ich habe einen Brief von
Rehnhjelm. Ich will dir etwas daraus vorlesen, wenn du magst.«
»Er ist ja zum Theater gegangen, hörte ich.«
»Ja, und da scheint er keine guten Tage zu haben.«
Ygberg holte einen Brief aus der Brusttasche, steckte ein Stück Zucker
in den Mund und las:
»Wenn es eine Hölle im künftigen Leben gibt, was recht zweifelhaft ist
...«
»Der Junge ist Freidenker geworden!«
... »so kann sie nicht schlimmer sein als meine jetzige. Ich bin seit
zwei Monaten engagiert, und mir kommt es vor, als seien es zwei Jahre.
Ein Teufel, ein ehemaliger Stellmachergeselle, jetzt Theaterdirektor,
hat mein Schicksal in die Hände genommen und geht so zu Werk, daß
ich dreimal täglich ans Ausreißen denke; aber vorsichtigerweise sind
die Strafbestimmungen des Kontrakts so schwer, daß ich den Namen
meiner Eltern entehren würde, im Falle eines Prozesses, so daß ich
es vorziehe, zu bleiben. Denke Dir, ich bin Abend für Abend als
Statist aufgetreten und habe noch kein Wort sagen dürfen. Zwanzig
Abende hintereinander habe ich mir Umbra ins Gesicht schmieren und in
einem Zigeunerkostüm auftreten müssen, von dem nicht ein Stück mir
paßt: das Trikot ist zu lang, die Schuhe zu groß, die Jacke zu kurz.
Ein Unterteufel, Kulissensouffleur genannt, paßt genau auf, daß ich
diese Kleidungsstücke nicht gegen passende vertausche, und immer,
wenn ich versuche, mich hinter dem Volkshaufen zu verkriechen, der
aus den Fabrikarbeitern des direktorialen Fabrikbesitzers besteht,
öffnen sie die Reihen und stoßen mich nach vorn, und sehe ich dann
nach den Kulissen hinüber, so steht dort der Unterteufel und lacht,
und blicke ich in den Zuschauerraum, so sehe ich den Bösen selber in
der Loge sitzen und lauten Halses lachen. Er scheint mich zu seinem
Privatvergnügen engagiert zu haben, nicht, damit ich dem Theater etwas
nütze. Einmal wagte ich seine Aufmerksamkeit darauf hinzulenken, daß
ich mich einmal in Sprechrollen üben müsse, wenn ich Schauspieler
werden solle. Da wurde er grob und erklärte, erst müsse man kriechen
lernen, ehe man gehen könne! Ich erwiderte ihm, ich könne gehen!
Das sei eine Lüge, sagte er und fragte mich, ob ich glaube, die
Schauspielkunst, die schönste und schwerste aller Künste, erfordere
keine Schule. Als ich ihm antwortete, das eben sei meine Ansicht, und
deshalb warte ich ungeduldig darauf, diese Schule beginnen zu dürfen,
sagte er, ich sei ein ungebildeter Hund und er werde mir einen Tritt
geben. Als ich hiergegen opponierte, fragte er weiter, ob ich glaube,
sein Theater sei eine Rettungsanstalt für unbemittelte Jünglinge; ich
antwortete mit einem offenen, unbedingten, freudigen Ja! Da erklärte
er, er werde mich morden, und dabei ist er jetzt. Ich fühle, wie
meine Seele herunterbrennt wie ein Talglicht in Zugluft, und bin
beinahe überzeugt davon, daß das Böse zum Schluß siegen wird, obwohl
es sich in Wolken verbirgt, oder wie es im Katechismus heißt. Aber
das Schlimmste von allem ist, daß ich die Achtung vor dieser Kunst
verliere, die die Liebe und der Traum meiner Jugend gewesen ist. Wie
ist es anders möglich, als daß ich anfangen muß, den Wert dieser Kunst
gering zu schätzen, wenn ich hier Leute sehe, die ohne Erziehung, ohne
Bildung, vom Handwerk und von der Straße kommen, nur von Eitelkeit und
Leichtsinn getrieben, ohne Begeisterung und Verstand, sehe, wie sie
nach ein paar Monaten Charakterrollen, historische Rollen spielen,
leidlich gut, ohne einen Funken von Ahnung von der Zeit zu haben, in
der sie sich bewegen, oder eine Spur von Verständnis für die Bedeutung,
die die Personen, die sie darstellen, in Wirklichkeit besaßen.
Es ist ein langsamer Meuchelmord, der an mir verübt wird. Und unter
diesem Pöbel, der mich unterdrückt (einige Mitglieder der Truppe sind
mit Paragraphen des Strafgesetzbuches in Kollision gekommen), werde
ich, was ich nie gewesen bin -- Aristokrat, denn so schwer kann der
Druck der Gebildeten von den Ungebildeten nie empfunden werden.
Aber es gibt doch einen Lichtpunkt in dieser Finsternis: ich liebe.
Ein Mädchen von reinstem Gold mitten in diesen Schlacken. Natürlich
wird auch sie zu Boden getreten und macht dieselbe langsame Hinrichtung
durch wie ich, nachdem sie mit Stolz und Verachtung die schändlichen
Anträge des Regisseurs zurückgewiesen hat. Sie ist die einzige Frau mit
lebendigem Geist unter all den Tieren, die sich hier im Schmutz wälzen,
und sie liebt mich mit ihrer ganzen Seele und ist jetzt im geheimen
meine Braut. -- Oh, ich warte nur auf den Tag, da ich mich durchgesetzt
habe und ihr meine Hand bieten kann, aber wann? Wir haben oft daran
gedacht, zusammen in den Tod zu gehen, doch dann kommt die trügerische
Hoffnung und verleitet einen, das Elend fortzusetzen! Dies unschuldige
Mädchen zu sehen, zu sehen, wie sie leidet und sich schämt, wenn sie
gezwungen wird, in unanständigen Kostümen aufzutreten, das ist mehr,
als man ertragen kann! Aber ich will dies traurige Kapitel einstweilen
ruhen lassen.
Von Olle kann ich grüßen, und von Lundell auch! Olle hat sich sehr
verändert! Er ist in eine neue Art Philosophie hineingekommen, die
alles niederreißt und alle Dinge um und um kehrt, daß sie auf dem
Kopf stehen. Es ist sehr amüsant anzuhören und wirkt bisweilen sehr
wahr, ist aber auf die Dauer recht gefährlich. Ich glaube, ihm sind
diese Ideen in dem Verkehr mit einem hiesigen Schauspieler gekommen,
der ein sehr guter Kopf ist und große Kenntnisse besitzt, der aber
sehr unmoralisch ist und den ich liebe und hasse zu gleicher Zeit. Es
ist ein sonderbarer Mensch! Er ist im Grunde gut, aufopfernd, edel,
großherzig, ich kann mit einem Wort nicht eine schlechte Eigenschaft
von ihm anführen, -- aber er ist unmoralisch, und ohne Moral ist der
Mensch doch ein Schuft. Nicht wahr?
Jetzt muß ich abbrechen, denn ich sehe meinen Engel, meinen guten Geist
kommen; nun werde ich wieder eine Stunde haben, da alle bösen Gedanken
fliehen und ich mich wieder als ein besserer Mensch fühle! Grüße Falk
und bitte ihn, an mein Schicksal zu denken, wenn er es schwer hat.
Dein Freund R.«
»Nun, was sagst du dazu?«
»Das ist die alte Geschichte von den Kämpfen des wilden Tieres! Weißt
du, Ygberg, ich glaube, man muß ein schlechter Mensch werden, wenn man
in der Welt vorwärts kommen will.«
»Versuche es! Es ist vielleicht nicht so leicht!«
»Hast du jetzt noch Geschäfte mit Smith?«
»Nein, leider nicht. Du etwa?«
»Ich bin wegen meiner Gedichte bei ihm gewesen. Er hat sie für zehn
Kronen pro Bogen gekauft, so daß er an mir denselben Mord begehen kann
wie der Stellmacher an Rehnhjelm. Und ich fürchte etwas in dieser Art,
denn noch habe ich keinen Ton gehört. Er war beängstigend gutmütig, so
daß ich auf das Allerschlimmste gefaßt bin, wenn ich nur wüßte, was es
ist. Aber was ist dir, Bruder, du bist ja ganz weiß im Gesicht?«
»Ja, siehst du,« erwiderte Ygberg und hielt sich am Geländer fest, »ich
habe seit zwei Tagen nur diese fünf Stückchen Zucker gegessen! Ich
glaube, ich werde ohnmächtig!«
»Wenn dir mit Essen geholfen ist, so geht es, denn ich habe
glücklicherweise Geld bei mir!«
»Gewiß ist mir mit Essen geholfen,« flüsterte Ygberg mit matter Stimme.
Das war jedoch nicht der Fall, denn als sie in die Kneipe gegangen
waren und Essen vorgesetzt bekamen, wurde Ygberg immer elender, und
Falk mußte ihn unter den Arm nehmen und ihn nach Hause bringen in seine
Wohnung hinten auf dem Weißen Berge.
Es war ein altes einstöckiges Holzhaus, das auf einen Berg geklettert
war und jetzt aussah, als habe es ein Hüftleiden; es war scheckig, als
habe es den Aussatz gehabt, denn es hatte früher einmal angestrichen
werden sollen, aber es war beim Spateln geblieben; es sah in jeder
Beziehung erbärmlich aus, und man traute dem Feuerversicherungsschild
nicht recht, das an der Wand rostete, als eine Verheißung, daß ein
Phönix aus der Flamme emporsteigen werde. Zu Füßen des Hauses wuchsen
Butterblumen, Brennesseln und Wegerich, diese treuen Begleiter des
Menschen in der Not; Spatzen badeten in dem glühend heißen Sand, daß er
nur so spritzte, und Kinder mit dicken Bäuchen und blassen Gesichtern,
die aussahen, als würden sie mit neunzig Prozent Wasser ernährt,
machten sich Halsketten und Armbänder aus Butterblumenstengeln und
suchten sich im übrigen ihr trauriges Dasein zu verbittern, indem sie
sich zankten und beschimpften.
Falk und Ygberg stiegen eine knarrende, wackelige Holztreppe hinauf
und kamen in ein großes Zimmer, in dem drei Parteien wohnten, die das
Zimmer mit Kreidestrichen in drei Kreise eingeteilt hatten. In zweien
von diesen Kreisen wurde ein Handwerk betrieben, von einem Tischler
und einem Schuhmacher; der dritte Kreis war ausschließlich für das
Familienleben bestimmt. Wenn die Kinder zu schreien anfingen, was
alle Viertelstunde geschah, geriet der Tischler in Raserei und begann
zu schimpfen und zu fluchen, was wieder von seiten des Schuhmachers
Bibelsprüche und Ermahnungen zur Folge hatte. Die Nerven des Tischlers
waren von diesem ewigen Jammergeschrei, den Züchtigungen und dem Zank
so aufgerieben, daß er, obwohl er sich vorgenommen hatte, Geduld zu
üben, kaum fünf Minuten, nachdem der Schuhmacher die Versöhnungsprise
angeboten hatte, von neuem in Wut geriet; er war meistens den ganzen
Tag in Wut, am schlimmsten aber war es, wenn er die Frau fragte, »warum
die Teufel von Weibern so viele Kinder in die Welt setzen müßten«, denn
dann kam die Frauenfrage aufs Tapet, und dann blieb man ihm die Antwort
nicht schuldig.
Durch dies Zimmer gingen Falk und Ygberg, um in Ygbergs Kammer zu
gelangen; aber obwohl sie ganz leise gingen, weckten sie doch zwei von
den Kindern auf, weshalb die Mutter ein Wiegenlied zu singen begann,
mitten in einem Wortwechsel zwischen Schuhmacher und Tischler, so daß
der Tischler sofort wieder einen Anfall bekam.
»Sei still, Weib!«
»Sei doch selber still! Kann Er die Kinder nicht schlafen lassen?«
»Geh zur Hölle mit den Gören! Sind es meine Kinder? Soll ich darunter
leiden, daß andere liederlich gewesen sind? Was? Bin ich selber
liederlich? He? Habe ich selber Kinder? Halt den Mund, oder du kriegst
den Hobel an den Kopf!«
»Aber Meister! Meister!« nahm der Schuhmacher das Wort; »Er darf nicht
so von den Kindern reden! Gott schickt die Kinder auf die Welt!«
»Das ist eine Lüge, Schuster! Nein, der Böse schickt sie! Und dann
schieben die liederlichen Eltern es auf Gott! Oh, ihr solltet Euch
schämen!«
»Meister! Meister! Er soll doch nicht fluchen! Die Bibel sagt, den
Kindern gehört das Himmelreich.«
»Ach so, solche sind im Himmelreich!«
»Gott, wie Er redet,« rief die erzürnte Mutter. »Wenn Er selbst einmal
Kinder bekommt, so will ich beten, daß sie verkrüppelt und lahm werden;
ich will beten, daß sie stumm und taub und blind sind; ich will beten,
daß sie in die Besserungsanstalt und an den Galgen kommen; das will ich
tun.«
»Ja, tu das, du liederliches Weibsstück; ich habe nicht die Absicht,
Kinder in die Welt zu setzen, damit sie wie Hunde schuften; Ihr müßtet
ins Arbeitshaus, weil Ihr solche armen Dinger ins Elend hineinsetzt.
Ihr seid verheiratet? Ja! Müßt Ihr liederlich sein, weil Ihr
verheiratet seid? He?«
»Meister! Meister! Gott schickt doch die Kinder!«
»Das ist eine Lüge, Schuster! Ich habe in einer Zeitung gelesen,
die verdammte Kartoffel sei schuld, daß die Armen so viele Kinder
kriegen, denn seht, die Kartoffel enthält zwei Materien oder Stoffe,
die man Sauerstoff und Stickstoff nennt; wenn sie in einer gewissen
Zusammensetzung und in einer bestimmten Menge vorkommen, werden die
Frauen fruchtbar!«
»Aber wie soll man es denn ändern?« fragte die erzürnte Mutter, deren
Gefühle sich beim Anhören des interessanten Vortrags besänftigt hatten.
»Man soll das Kartoffelessen lassen, das kannst du doch wohl
begreifen!«
»Was soll man denn essen, wenn man keine Kartoffeln essen darf?«
»Beefsteak, Weib, mußt du essen! Beefsteak mit Zwiebeln! He! Ist das
gut? Oder Chatto-briang! Weißt du, was das ist? He? Im ›Vaterland‹
stand neulich von einer Frau, die Mutterkorn genommen hat, so daß
beinahe sie und das Kind draufgegangen wären.«
»Was sagst du da?« fragte die Frau und spitzte die Ohren.
»Bist du neugierig, he?«
»Ist das mit dem Mutterkorn wirklich wahr?« fragte der Schuhmacher
blinzelnd.
»Ja, das treibt Leber und Lunge aus einem heraus, und übrigens steht
schwere Strafe darauf, und das ist recht!«
»Ist das recht?« fragte der Schuhmacher mit dumpfer Stimme.
»Gewiß ist das recht! Wer liederlich ist, muß Strafe haben; und man
darf doch seine Kinder nicht morden!«
»Kinder! Das ist doch wohl noch ein Unterschied,« sagte die erzürnte
Mutter ergeben. »Aber wo kommt der Stoff her, Meister, von dem du
sprachst?«
»Ach so, du willst noch mehr Kinder machen, du Weibsstück, obwohl du
Witwe mit Fünfen bist! Nimm dich vor dem Schuster in acht; der ist sehr
streng gegen die Weiber, obwohl er gottesfürchtig ist! Gib eine Prise
her, Schuster!«
»Also es gibt wirklich ein Kraut ...«
»Wer hat gesagt, daß es ein Kraut ist? Habe ich gesagt, daß es ein
Kraut ist? Nein! Es ist ein zoologischer Stoff. Seht einmal, alle
Stoffe -- es gibt etwa sechzig Stoffe in der Natur -- alle Stoffe
lassen sich in chemische und zoologische einteilen; dieser Stoff heißt
auf lateinisch +Cornutibus secalias+ und kommt im Auslande vor;
zum Beispiel auf der Kalabrischen Halbinsel.«
»Ist es wohl sehr teuer, Meister?« fragte der Schuhmacher.
»Teuer!« wiederholte der Tischler und hielt den Hobel, als ziele er mit
einem Karabiner. »Es ist verteufelt teuer!«
Falk, der mit großem Interesse diese ganze Unterhaltung angehört hatte,
fuhr zusammen, als er durch das offene Fenster hörte, wie ein Wagen auf
der Straße anhielt und zwei Frauenstimmen, die er zu kennen glaubte,
ein Gespräch anfingen:
»Dies Haus sieht gut aus!«
»Es sieht gut aus?« fragte die ältere Dame. »Ich finde, es sieht
schrecklich aus.«
»Ich finde, es sieht gut aus für unsern Zweck. Wissen Sie, ob hier im
Hause Arme wohnen, Kutscher?«
»Ich weiß es nicht, aber der Teufel soll mich holen, wenn keine drin
wohnen.«
»Fluchen ist Sünde, also lassen Sie das! Warten Sie hier auf uns,
während wir hinaufgehen und unseres Amtes walten.«
»Höre, Eugenie, wollen wir nicht hier unten bleiben und erst mit den
Kindern sprechen?« sagte Frau Revisor Homan zu Frau Falk.
»Ja, das wollen wir tun! Komm her, kleiner Junge, wie heißt du?«
»Albert!« antwortete ein kleiner blasser Sechsjähriger.
»Kennst du Jesus, mein liebes Kind?«
»Nee,« antwortete der Kleine lachend und steckte den Finger in den
Mund.
»Das ist ja entsetzlich,« sagte Frau Falk und holte ihr Notizbuch
heraus. »Ich schreibe also hier: Katharina-Gemeinde, auf dem Weißen
Berge. Tiefe geistige Finsternis bei den Minderjährigen. -- Kann man
Finsternis sagen? -- Nun, möchtest du ihn nicht kennenlernen?« fragte
sie weiter.
»Nee!«
»Willst du denn einen Groschen haben, mein Junge?«
»Ja!«
»Bitte, sagt man! -- Im höchsten Grade verwahrlost; es gelang jedoch
durch Milde, ihnen ein besseres Benehmen beizubringen.«
»Hier ist ein entsetzlicher Geruch; wir wollen weitergehen, Eugenie,«
bat Frau Homan.
Sie stiegen die Treppen hinauf und traten, ohne zu klopfen, in das
große Zimmer.
Der Tischler griff zum Hobel und nahm ein ästiges Brett in Angriff, so
daß die Damen schreien mußten, um sich Gehör zu verschaffen.
»Ist hier jemand, der nach Erlösung und Gnade dürstet?« schrie Frau
Homan, während Frau Falk mit Parfüm aus dem Zerstäuber die Kinder
besprengte, die zu schreien anfingen, weil es ihnen in den Augen
brannte.
»Haben Sie Erlösung auszubieten?« fragte der Tischler, der eine Pause
in der Arbeit machte. »Wo haben Sie die her? Vielleicht gibt es auch
Wohltätigkeit und Demütigung und Hoffart? He?«
»Sie sind ein roher Mensch, der der Verdammnis anheimfallen wird,«
erwiderte Frau Homan. Frau Falk schrieb in ihr Notizbuch und sagte.
»Der ist gut.«
»Sprechen Sie,« sagte die Frau Revisor.
»Das kennen wir! Vielleicht wollen die Damen über Religion mit mir
sprechen! Ich kann über alles sprechen! Wissen die Damen, daß in
Niceum im Jahre 829 ein Konzil stattfand, wo der Heilige Geist in die
Schmackhaldinschen Artikel aufgenommen wurde?«
»Nein, das wissen wir nicht, guter Mann!«
»Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut, als Gott allein, sagt
die Heilige Schrift! Also die Damen kennen das Konzil zu Niceum im
Jahre 829 nicht? Wie kann man da andere lehren wollen, wenn man
selber nichts weiß? Nun, wenn jetzt die Wohltätigkeit losgehen soll,
so passen Sie den Augenblick ab, wenn ich den Rücken wende, denn die
wahre Wohltätigkeit geschieht im geheimen. Aber üben Sie sie vor allen
Dingen an den Kindern, die können sich nicht wehren; doch kommen Sie
uns nicht zu nah! Geben Sie uns Arbeit, wenn Sie wollen, und lernen Sie
Arbeit bezahlen, dann brauchen Sie nicht so umherzulaufen! Eine Prise,
Schuster!«
»Kann man so schreiben, Evelyn?« fragte Frau Falk, »starker Unglaube,
Verstocktheit ...«
»Verhärtung ist besser, liebe Eugenie!«
»Was schreiben die Damen auf? Unsere Sünden? Dann ist das Buch viel zu
klein ...«
»Die Frucht der sogenannten Arbeitergewerkschaften ...«
»Sehr gut,« sagte die Frau Revisor.
»Nehmen Sie sich vor den Gewerkschaften in acht,« sagte der Tischler.
»Jetzt ist es seit ein paar Jahrhunderten über die Könige hergegangen,
aber nun haben wir entdeckt, daß es nicht ihre Schuld ist; das nächste
Mal kommen alle Faulenzer an die Reihe, die von der Arbeit anderer
existieren; dann sollt ihr was erleben!«
»Still, still!« sagte der Schuhmacher.
Die erzürnte Mutter, die während dieses Auftritts die Augen auf
Frau Falk gerichtet hatte, benutzte jetzt eine Pause, um zu fragen:
»Verzeihung, sind Sie nicht Frau Falk?«
»Nein, das bin ich nicht,« antwortete die fragliche Dame mit einer
Sicherheit, die sogar Frau Homan frappierte.
»O Herrgort, die Dame ist Ihnen so ähnlich; ich kannte ihren Vater, den
Flaggschiffer Raanock auf dem Holm, als er Matrose war!«
»Das ist ja sehr interessant, aber das gehört nicht hierher ... Wohnt
hier noch sonst jemand, der Erlösung braucht ...«
»Nein,« sagte der Tischler, »Erlösung brauchen sie nicht, aber Essen
und Kleider, oder am liebsten Arbeit, viel Arbeit und gutbezahlte
Arbeit. Aber es ist besser wenn die Damen nicht hineingehen, denn der
eine hat die Pocken ...«
»Die Pocken!« schrie Frau Homan; »und man hat uns kein Wort davon
gesagt! Komm, Eugenie, dann schicken wir die Polizei her. Pfui, was für
Menschen!«
»Aber die Kinder? Wem gehören diese Kinder? Antworten!« sagte Frau Falk
und drohte mit dem Bleistift.
»Mir, gute Frau!« sagte die Mutter.
»Aber der Mann? Wo ist der Mann?«
»Der läßt sich nicht mehr blicken,« sagte der Tischler.
»So! Dann werden wir ihm die Polizei auf den Hals schicken! Und wir
werden ihn ins Arbeitshaus stecken! Hier soll es anders werden! -- Dies
ist wirklich ein gutes Haus, wie ich sagte, Evelyn!«
»Wollen gnädige Frau nicht Platz nehmen?« fragte der Tischler. »Es
plaudert sich besser, wenn man sitzt, aber Stühle können wir Ihnen
nicht anbieten, denn wir haben keine, und das macht nichts; wir haben
auch keine Betten, die sind draufgegangen für die Beisteuer zur
Gasbeleuchtung, +pro primo+, damit Sie nicht nachts im Dunkeln aus
dem Theater nach Hause gehen müssen; wir haben kein Gas, wie Sie sehen;
und für die Wasserleitung, +pro secundo+, damit Ihre Dienstmädchen
keine Treppen zu steigen brauchen; wir haben keine Wasserleitung; und
für das Krankenhaus, +pro tertio+, damit Ihre Söhne nicht zu Hause
zu liegen brauchen ...«
»Komm, Eugenie, um Gottes willen, hier wird es unerträglich ...«
»Ich versichere Ihnen, meine Damen, es ist hier schon unerträglich,«
sagte der Tischler. »Und es wird ein Tag kommen, da es noch schlimmer
wird, aber dann, dann kommen wir vom Weißen Berge herunter, und vom
Schinderbuchtberge, und vom Tyskbagarberge, und wir kommen mit großem
Getöse wie ein Wasserfall und fordern unsere Betten zurück. Fordern?
Nein, nehmen! Und ihr könnt dann auf Hobelbänken liegen, wie ich es
muß, und ihr werdet Kartoffeln essen, daß eure Bäuche sich wie ein
Trommelfell spannen, ganz als hättet ihr die Wasserprobe durchgemacht
wie wir ...«
Die Damen waren verschwunden, unter Zurücklassung eines Stoßes
Broschüren.
»Pfui Teufel, wie das nach Eau de Cologne riecht! Ganz wie bei Dirnen!«
sagte der Tischler. »Eine Prise, Schuster!«
Er wischte sich mit der blauen Schürze über die Stirn und griff wieder
zum Hobel, während die Gesellschaft ihre Betrachtungen anstellte.
Ygberg, der die ganze Zeit über geschlafen hatte, erwachte jetzt und
machte sich zurecht, um mit Falk wieder fortzugehen. Durch das offne
Fenster hörte man noch einmal Frau Homans Stimme:
»Was meinte sie mit dem Flaggschiffer? Dein Vater ist doch Kapitän?«
»Man nennt ihn so! Übrigens ist Schiffer und Kapitän dasselbe! Das
weißt du doch! Findest du nicht, es war ein unverschämtes Pack? Hierher
komme ich nie wieder! Aber ein feiner Bericht wird es! Fahren Sie nach
Hasselbacken, Kutscher!«
Siebzehntes Kapitel
Natura ...
Falander saß eines Nachmittags zu Hause und lernte eine Rolle, als ein
leises Klopfen -- zwei Doppelschläge -- an der Tür ertönte. Er sprang
auf, zog einen Rock an und öffnete.
»Agnes! Das ist ein seltener Besuch!«
»Ja, ich mußte dir einmal Guten Tag sagen; es ist so verdammt
langweilig!«
»Wie du fluchst!«
»Laß mich fluchen; das ist so schön!«
»Hm! Hm!«
»Gib mir eine Zigarre; ich habe seit sechs Wochen nicht geraucht! Diese
Erziehung macht mich verrückt!«
»Ist er denn so streng?«
»Verdammt!«
»O pfui, Agnes, wie kannst du so etwas sagen!«
»Ich darf nicht rauchen, nicht fluchen, keinen Punsch trinken, nicht
abends ausgehen! Aber laß mich nur erst verheiratet sein! Dann!!!«
»Ist es sein voller Ernst?«
»Sein voller! Sieh dir dies Taschentuch an!«
»A. R. mit Krone; neun Zacken?«
»Wir haben die gleichen Initialen, und er hat mir seine Schablone
geliehen! Ist das nicht fein?«
»Ja, das ist fein. Also soweit seid ihr schon!«
Der Engel im blauen Gewande warf sich selbstherrlich auf das Sofa und
qualmte die Zigarre. Falander betrachtete ihren Körper mit Blicken, als
mache er einen Kostenüberschlag, darauf sagte er:
»Trinkst du ein Glas Punsch?«
»Ja, gern!«
»Nun, du liebst deinen Verlobten?«
»Er gehört nicht zu der Sorte von Männern, die man richtig lieben kann!
Doch das weiß ich übrigens nicht. Lieben! Hm! Was ist das eigentlich?«
»Ja, was ist das?«
»O, du weißt es schon! -- Er ist sehr achtenswert, schrecklich sogar,
aber, aber, aber!«
»Nun?«
»Er ist so ordentlich!«
Sie sah Falander mit einem Lächeln an, daß der abwesende Bräutigam
gerettet gewesen wäre, wenn er es gesehen hätte.
»Er ist nicht nett zu dir?« fragte Falander in neugierigem und
unruhigem Ton.
Sie trank ihr Glas Punsch aus, machte eine Kunstpause, schüttelte den
Kopf und sagte mit einem Theaterseufzer:
»Neihein!«
Falander schien mit der Antwort zufrieden zu sein und fühlte sich
sichtlich erleichtert. Darauf setzte er seine Inquisition fort.
»Es mag lange dauern, bis du heiraten kannst! Er hat noch immer keine
Rolle bekommen.«
»Nein, das weiß ich.«
»Das wird langweilig für dich werden?«
»Man muß Geduld haben!«
»Hier muß man die Folter anwenden,« dachte Falander.
»Du weißt doch, daß Jenny augenblicklich meine Geliebte ist.«
»Die alte häßliche Person!«
Es zog eine ganze Schar weißer Nordlichtflammen über ihr Gesicht, und
alle Muskeln gerieten in Bewegung, als ständen sie unter der Einwirkung
einer galvanischen Säule.
»Sie ist gar nicht so alt,« sagte Falander kaltblütig. »Hast du gehört,
daß der Kellner aus dem Ratskeller in dem neuen Stück als Don Diego
debütieren soll, und daß Rehnhjelm seinen Diener spielen wird? Der
Kellner wird wohl Erfolg haben, denn die Rolle spielt sich von selber,
aber der arme Rehnhjelm wird vor Scham sterben.«
»Gott im Himmel, was sagst du!«
»Es ist Tatsache!«
»Das darf nicht geschehen!«
»Wer kann es hindern?«
Sie sprang vom Sofa auf, leerte ein Glas, brach in heftiges Weinen aus
und rief:
»O wie bitter die Welt ist, wie bitter! Es ist, als wenn eine böse
Macht dasitzt und all unsere Wünsche ausspioniert, um sie durchkreuzen
zu können, unsere Hoffnungen belauert, um sie zu zerschmettern, unsere
Gedanken errät, um sie zu ersticken. Wenn man sich selbst alles Böse
wünschen könnte, müßte man es tun, um diese Macht zum Narren zu
halten!«
»Sehr richtig, mein Kind! Deshalb muß man immer davon ausgehen, daß es
schlimm endet! Aber das ist nicht das Traurigste! Hör zu, dann will
ich dir einen Trost geben! Du weißt, jedes Glück, das dir zuteil wird,
geschieht immer auf Kosten eines andern; wenn du eine Rolle bekommst,
so hat ein anderer keine; dann windet er sich wie ein getretener Wurm,
und du hast unfreiwillig Böses getan; deshalb ist auch das Glück
vergiftet! Dein Trost im Unglück muß sein, daß du mit jedem Pech, das
du erleidest, eine -- sagen wir unfreiwillige -- gute Tat tust, und
unsere guten Taten sind die einzigen reinen Genüsse, die wir haben.«
»Ich will keine guten Taten tun, ich will keine reinen Genüsse haben,
ich bin ebenso berechtigt wie andere, Glück zu haben, und ich -- werde
-- Glück haben!«
»Um jeden Preis?«
»Um jeden Preis muß ich aufhören, die Kammerjungfer deiner Geliebten zu
spielen!«
»Oh, du bist eifersüchtig! -- Lerne mit Geschmack Unglück zu haben,
mein Kind, das ist größer -- und viel interessanter.«
»Sag mir eins -- liebt sie dich?«
»Ich fürchte, sie hat sich allzu ernstlich an mich attachiert!«
»Und du?«
»Ich? Ich werde nie eine andere lieben können als dich, Agnes.«
Er faßte ihre Hand.
Sie sprang vom Sofa auf, daß die Strümpfe zu sehen waren.
»Glaubst du, es gibt etwas, was Liebe heißt?« fragte sie und richtete
ihre großen Pupillen auf ihn.
»Ich glaube, daß es mehrere Arten von Liebe gibt.«
Sie ging durchs Zimmer und blieb an der Tür stehen.
»Liebst du mich ganz, ungeteilt?« fragte sie mit der Hand am Schlüssel.
Er dachte zwei Sekunden nach und antwortete:
»Deine Seele ist böse, und ich liebe das Böse nicht!«
»Ich kümmere mich nicht um die Seele! Liebst du mich? Mich?«
»Ja! So sehr ...«
»Warum hast du mir Rehnhjelm auf den Hals geschickt?«
»Weil ich fühlen wollte, wie es ist, dich nicht zu besitzen!«
»Du hast also gelogen, als du sagtest, du seist meiner überdrüssig!«
»Ja, das habe ich getan!«
»O du Teufel!«
Sie hatte den Schlüssel hereingeholt und er die Jalousien
heruntergelassen!
Achtzehntes Kapitel
Nihilismus
Als Falk an einem sehr regnerischen Abend im September nach Hause
wanderte und in die Grafmagnistraße einbog, sah er zu seinem Erstaunen
hinter seinem Fenster Licht. Als er näher kam, gewahrte er oben an der
Decke einen Schatten, der an einen Menschen erinnerte, den er schon
gesehen hatte, aber er konnte sich nicht erinnern, wer es war. Es war
eine traurige Gestalt, die in der Nähe noch betrüblicher wirkte. Als
Falk das Zimmer betrat, saß Struve am Schreibtisch, den Kopf in die
Hände gestützt. Seine Kleider waren naß vom Regen und hingen auf den
Fußboden nieder, wo sich Wasserläufe gebildet hatten, die ihren Abfluß
durch die Dielenritzen suchten; sein Haar stand ihm in Strähnen um
den Kopf, und sein sonst so steifer englischer Backenbart hing wie
Tropfstein auf seinen nassen Rock. Neben ihm auf dem Boden stand sein
schwarzer Hut, der unter der eigenen Schwere das Knie gebeugt hatte
und um seine verlorene Jugend zu trauern schien, denn er trug einen
schmalen Trauerflor.
»Guten Abend,« sagte Falk; »das ist ja vornehmer Besuch!«
»Verspotte mich nicht,« bat Struve.
»Warum sollte ich das nicht? Ich wüßte keinen Grund, warum nicht.«
»Ach so, du bist auch am Ende!«
»Ja, darauf kannst du dich verlassen, ich werde nächstens auch
konservativ! Du hast Trauer, sehe ich, hoffentlich kann ich
gratulieren.«
»Mir ist ein Kind gestorben.«
»Nun, dann kann ich dem gratulieren! -- Aber sag, was willst du
eigentlich von mir? Du weißt, daß ich dich verachte; das tust du selbst
wohl auch, vermute ich. Nicht wahr?«
»Freilich, aber höre einmal, mein Freund, findest du nicht, daß das
Leben bitter genug ist, ohne daß man es sich gegenseitig unnötig zu
verbittern braucht? Wenn Gott oder das Schicksal Vergnügen daran
findet, so braucht sich doch nicht auch der Mensch so weit zu
erniedrigen!«
»Das ist ein vernünftiger Gedanke; er macht dir Ehre! Willst du nicht
meinen Schlafrock anziehen, während dein Gehrock trocknet; du frierst
doch darin?«
»Ich danke dir, aber ich muß bald gehen.«
»O bleib doch eine Weile hier, dann können wir uns wenigstens einmal
aussprechen.«
»Ich spreche so ungern von meinem Mißgeschick.«
»Dann sprich von deinen Verbrechen!«
»Ich habe keine begangen!«
»Oh, große! Du hast deine schwere Hand auf die Unterdrückten gelegt, du
hast die Verwundeten mit Füßen getreten, du hast die Elenden verhöhnt!
Erinnerst du dich des letzten Streiks, als du dich auf die Seite der
Gewalt stelltest?«
»Auf die Seite des Gesetzes, lieber Freund!«
»Ha, das Gesetz! Wer hat das Gesetz für die Armen geschrieben, du Narr?
Der Reiche! Das heißt der Herr für den Sklaven!«
»Das Gesetz hat das ganze Volk und das allgemeine Rechtsbewußtsein
geschrieben -- das hat Gott geschrieben!«
»Spare deine großen Worte, wenn du mit mir sprichst. Wer hat das Gesetz
des Jahres 1734 geschrieben? Herr Cronhjelm! Wer hat das letzte Gesetz
über die Prügelstrafe aufgestellt? Das war Oberst Sabelmann -- sein
Antrag war es --, und es wurde von seinen Bekannten durchgedrückt, die
damals die Majorität ausmachten. Oberst Sabelmann ist nicht das Volk,
und seine Bekannten sind nicht das allgemeine Rechtsbewußtsein. Wer
hat das Gesetz über die Rechte der Aktiengesellschaften geschrieben?
Richter Svindelgren! Wer hat die neue Reichstagsverfassung aufgesetzt?
Assessor Vallonius! Wer hat das Gesetz über den ›gesetzlichen Schutz‹
gemacht, das heißt den Schutz des Reichen gegen die rechtmäßigen
Ansprüche des Armen? Großhändler Kryddgren! Halt den Mund! Ich kenne
deine Phrasen! Wer hat das neue Erbrecht entworfen? Verbrecher! Wer
hat das Forstgesetz gemacht? Diebe! Wer hat das Gesetz über das
Notenemissionsrecht der Privatbanken geschrieben? Schwindler! Und du
behauptest, Gott habe das getan? Armer Gott!«
»Darf ich dir einen Rat geben, einen Rat fürs Leben, den mir die
Erfahrung erteilt hat! Wenn du der Selbstverbrennung zuvorkommen
willst, der du als Fanatiker entgegengehst, so eigne dir schleunigst
eine neue Anschauung von Sachen und Dingen an; übe dich, die Welt
in Vogelperspektive zu sehen, und du wirst erkennen, wie klein
und bedeutungslos alles erscheint; geh davon aus, daß das Ganze
ein Kehrichthaufen ist, daß die Menschen Abfall, Eierschalen,
Mohrrübenkraut, Kohlblätter, Zeuglappen sind, so wirst du nie mehr
überrumpelt werden, kannst nie mehr eine Illusion verlieren; dafür
aber wirst du eine ganze Menge Freude erleben, so oft du einen schönen
Zug, eine gute Tat siehst; lege mit einem Wort eine ruhige und stille
Weltverachtung an -- du brauchst deshalb nicht zu fürchten, herzlos zu
werden.«
»Diesen Standpunkt nehme ich noch nicht ein, das ist richtig, aber die
Weltverachtung habe ich schon zum Teil. Das ist aber auch mein Unglück,
denn wenn ich einen einzigen Beweis von Güte oder Edelmut sehe, liebe
ich die Menschen wieder, überschätze sie und werde von neuem betrogen!«
»Werde Egoist! Pfeife auf die Menschen!«
»Ich fürchte, das kann ich nicht!«
»Suche dir eine andere Beschäftigung. Tu dich mit deinem Bruder
zusammen; er scheint hier in der Welt zu gedeihen. Ich habe ihn gestern
auf der Kirchenratsversammlung von Nicolai gesehen.«
»Auf der Kirchenratsversammlung?«
»Er ist im Kirchenrat! Ja, das ist ein Mann mit einer Zukunft! Der
Pastor Primarius hat ihm zugenickt! Er wird nächstens Stadtverordneter
werden, wie alle Hausbesitzer.«
»Wie steht es augenblicklich mit dem Triton?«
»Ach, die sind jetzt bei den Obligationen; dabei hat dein Bruder
nichts verloren, wenn er auch nichts verdient hat, nein, er hat andere
Geschäfte.«
»Wir wollen nicht von dem Mann reden.«
»Aber er ist doch dein Bruder!«
»Ist das ein Verdienst von ihm, daß er mein Bruder ist? Aber nun haben
wir so viel hin und hergeredet; sage mir jetzt, was du willst!«
»Ach, ich habe morgen Begräbnis, und ich habe keinen Frack.«
»Nun, den kannst du bekommen ...«
»Danke, lieber Freund, du hilfst mir aus einer großen Verlegenheit. Das
war die eine Sache; aber es ist noch eine andere, von etwas heiklerer
Art ...«
»Warum wählst du mich, deinen Feind, zum Vertrauten in so heiklen
Fällen? Das wundert mich!«
»Weil du ein Mensch von Herz bist ...«
»Darauf verlaß dich jetzt nicht mehr! Nun, sag ...«
»Du bist so nervös geworden, und so ganz anders, du warst doch früher
so sanft!«
»Das sage ich ja! Nun, heraus mit der Sprache!«
»Ich wollte fragen, ob du mit zum Kirchhof gehen würdest?«
»Hm! Ich? Warum bittest du keinen von deinen Kollegen vom
›Graumützchen‹?«
»Weil es besondere Umstände sind! Dir kann ich es sagen! Ich bin nicht
verheiratet!«
»Nicht verheiratet? Du, der Wächter des Altars und der Sitten, lockerst
du die heiligen Bande?«
»Die Armut, die Verhältnisse! Aber ich bin doch glücklich! Meine
Frau hat mich lieb und ich sie, und das ist alles! Es ist auch noch
eine andere Ursache! Das Kind ist aus gewissen Gründen nicht getauft
worden; es war drei Wochen alt, als es starb, und da bekommt es am
Grabe keinen Pastor, aber das darf meine Frau nicht wissen, denn dann
würde sie verzweifeln; deshalb habe ich ihr gesagt, der Geistliche
komme direkt auf den Kirchhof; damit du Bescheid weißt. Sie selbst
bleibt natürlich zu Hause. Du wirst nur zwei Personen treffen; der
eine heißt Levi, ein jüngerer Bruder des Direktors vom Triton, der im
Kontor der Gesellschaft angestellt ist; das ist ein liebenswürdiger
junger Mann mit einem ungewöhnlich guten Kopf und einem noch besseren
Herzen. Du mußt nicht lachen, ich sehe schon, du denkst, ich habe Geld
von ihm gepumpt; das habe ich natürlich auch getan; aber es ist ein
Mann, der dir gefallen wird! Und dann mein alter Freund Doktor Borg,
der das Kind behandelt hat. Das ist ein vorurteilsloser Mann von sehr
fortschrittlicher Denkart -- mit dem wirst du dich gut verständigen.
Nun, jetzt kann ich wohl auf dich rechnen; wir sitzen nur zu vieren im
Wagen, und dann natürlich der Sarg mit dem Kinde.«
»Ja, ich werde kommen!«
»Aber ich muß dich noch um eins bitten. Siehst du, meine Frau hat
religiöse Bedenken, daß das Kind nicht selig wird, weil es ungetauft
gestorben ist, und sie fragt alle Menschen nach ihrer Meinung, um ihr
Gemüt zu beruhigen.«
»Nun, du kennst doch die Augsburger Konfession?«
»Es ist hier nicht die Rede von einer Konfession!«
»Aber wenn du für die Zeitung schreibst, ist immer die Rede von dem
offiziellen Glauben.«
»Die Zeitung, ja, das ist ja die Sache der Firma -- wenn die Firma das
Christentum aufrechterhalten will, so mag sie das tun; wenn ich für
die Firma arbeite, so ... das ist eine Sache für sich ... Sei nett und
stimme ihr zu, wenn sie sagt, sie glaube, daß das Kind selig wird.«
»Nun ja, um einen Menschen glücklich zu machen, kann ich wohl den
Glauben verleugnen, besonders da es nicht meiner ist. Aber du mußt mir
auch sagen, wo du wohnst!«
»Weißt du, wo der Weiße Berg liegt?«
»Ja, das weiß ich! Wohnst du etwa in diesem scheckigen Holzhaus oben
auf dem Berge?«
»Woher kennst du das?«
»Ich bin einmal dort gewesen.«
»Du bist wohl mit dem Sozialisten Ygberg bekannt, der mir die Leute
aufsässig macht? Ich bin Vizewirt dort für Smith und habe freie Wohnung
dafür, daß ich die Mieten eintreibe; aber wenn sie nicht bezahlen
können, so reden sie allerhand Quatsch, den er sie gelehrt hat, von
Arbeit und Kapital und so allerhand, was in den Skandalzeitungen
gestanden hat.«
Falk wurde still.
»Kennst du den Ygberg?«
»Ja, das tue ich! Willst du jetzt den Frack anprobieren?«
Nachdem Struve in den Frack geschlüpft war, zog er den nassen Gehrock
darüber, knöpfte ihn bis zum Kinn zu, steckte sich einen zerkauten
Zigarrenstummel an, der auf ein Streichholz gesteckt war, -- und ging.
Falk leuchtete ihm die Treppe hinunter.
»Du hast weit zu gehen,« sagte Falk, um den Abschied etwas abzurunden.
»Ja, das soll Gott wissen! Und einen Regenschirm habe ich nicht.«
»Und keinen Überzieher! Willst du nicht meinen Winterüberzieher
anziehen?«
»O danke vielmals, aber das ist zu freundlich von dir!«
»Du kannst ihn mir ja gelegentlich wiedergeben!«
Falk kehrte in sein Zimmer zurück, holte den Überzieher und trug ihn
Struve hinunter, der unten auf dem Flur stand, und nach einem kurzen
Gute Nacht ging er wieder hinauf. Aber die Luft kam ihm so stickig vor,
daß er das Fenster öffnete. Draußen strömte der Herbstregen nieder,
prasselte auf die Dachpfannen und stürzte auf die schmutzige Straße.
Von der Kaserne gegenüber hörte man den Zapfenstreich, während im
Logement die Abendandacht gehalten wurde, daß abgerissene Choralverse
durch die geöffneten Fenster drangen.
Falk fühlte sich leer und müde. Er hatte gehofft, einem Repräsentanten
alles dessen, was er für feindlich hielt, eine Schlacht liefern zu
dürfen, aber der Feind war geflüchtet und hatte ihn zugleich teilweise
besiegt. Wenn er sich klarzumachen suchte, worum der Kampf eigentlich
ging, gelang ihm das nicht, und wer recht hatte, konnte er auch nicht
ergründen. Und er begann sich zu fragen, ob nicht die ganze Sache, die
er zu der seinen gemacht hatte, die Sache der Unterdrückten nämlich,
bloß eine Unwirklichkeit sei. Im nächsten Augenblick machte er sich
diese Feigheit zum Vorwurf, und der permanente Fanatismus, der in
ihm glühte, flammte wieder auf; er verurteilte seine Schwäche, die
ihn ständig zum Nachgeben verleitete; eben hatte er den Feind in
den Händen gehabt, und er hatte ihn nicht nur seinen tiefen Abscheu
nicht fühlen lassen, sondern hatte ihn sogar mit Wohlwollen behandelt
und ihm Sympathie erzeigt. Was würde der nun von ihm denken? Diese
Gutmütigkeit war kein Verdienst, da sie ihn hinderte, kraftvolle
Entschlüsse zu fassen, sie war nur eine moralische Schlappheit,
die ihn unfähig machte für einen Kampf, dem er sich immer weniger
gewachsen fühlte. Er verspürte das lebhafte Bedürfnis, das Feuer unter
dem Kessel auszulöschen, der einem so hohen Druck nicht mehr lange
widerstehen konnte, da kein Dampf verbraucht wurde, und er dachte an
Struves Rat; er dachte so lange, daß er sich schließlich in einem
chaotischen Zustand befand, in dem Wahrheit und Lüge, Recht und Unrecht
in behaglicher Eintracht umhertanzten, so daß sein Gehirn, in dem die
Begriffe durch die akademische Erziehung schön sortiert gewesen waren,
bald wie ein gutgemischtes Kartenspiel aussah.
Es gelang ihm merkwürdig gut, sich in einen Zustand des
Indifferentismus hineinzuarbeiten; er übte sich darin, gute Motive für
die Handlungen des Feindes zu suchen und gab sich mit der Zeit selbst
unrecht, fühlte sich versöhnlich gestimmt gegenüber der Weltordnung,
nahm schließlich den erhöhten Standpunkt ein und fand es in der Tat
völlig bedeutungslos, ob das Ganze nun schwarz oder weiß sei; war es
schwarz, so gab es keine Sicherheit dafür, daß es nicht so sein sollte,
und in diesem Falle stand es ihm nicht zu, es anders zu wünschen. Er
fand diesen Seelenzustand angenehm, denn er brachte ein Gefühl von Ruhe
mit sich, wie er es in den vielen Jahren, in denen er in Unruhe um die
Menschheit gewesen war, nicht empfunden hatte. Er genoß diese Ruhe, im
Verein mit einer Pfeife starken Tabaks, bis die Aufwärterin hereinkam,
um sein Bett zurechtzumachen und ihm zugleich einen Brief zu bringen,
den der Postbote eben abgegeben hatte. Der Brief war Olle Montanus
unterzeichnet, war sehr lang und schien zum Teil einen lebhaften
Eindruck auf Falk zu machen. Er hatte folgenden Wortlaut:
Lieber Freund!
Obwohl Lundell und ich jetzt unsere Arbeiten abgeschlossen haben und
bald in Stockholm eintreffen werden, habe ich doch das Verlangen,
meine Eindrücke aus den vergangenen Tagen hier aufzuzeichnen, weil sie
von großer Bedeutung für mich und meine geistige Entwicklung gewesen
sind; denn ich bin zu einem Resultat gekommen und stehe nun verwundert
da wie ein eben ausgebrütetes Küchlein, das mit neugeöffneten Augen
in die Welt blickt und der Eierschale, die ihm so lange das Licht
ferngehalten hat, einen Tritt gibt. Dies Resultat ist allerdings
nicht neu; Plato hat es bereits ausgesprochen, bevor das Christentum
kam: die Wirklichkeit, die sichtbare Welt ist nur ein Schein, ein
Schattenspiel der Gedanken; das heißt: die Wirklichkeit ist etwas
Niederes, Bedeutungsloses, Sekundäres, Zufälliges. Jawohl! Aber ich
will synthetisch verfahren und mit dem Einzelnen anfangen, um von da
zum Allgemeinen zu kommen.
Zunächst will ich von meiner Arbeit sprechen, für die sich Reichstag
und Regierung gemeinsam interessiert haben. Neben dem Altar in
der Kirche von Träskaala standen zwei Holzfiguren; die eine war
zertrümmert, die andere war heil. Die unbeschädigte hielt ein Kreuz
in der Hand und war eine weibliche Gestalt; von der zertrümmerten
Figur waren zwei Säcke mit Stücken in der Sakristei aufbewahrt.
Ein gelehrter Altertumsforscher hatte den Inhalt der beiden Säcke
untersucht, um das Aussehen der zertrümmerten Figur zu bestimmen, war
aber über Mutmaßungen nicht hinausgekommen. Er ging jedoch gründlich
zu Werk; er nahm eine Probe von der weißen Farbe, mit der die Figur
überstrichen war, schickte sie an das Pharmazeutische Institut und
erlangte auf diese Weise die Bestätigung, daß sie Blei enthalte und
nicht Zink; folglich war die Figur älter als 1844, weil Zinkweiß
erst in diesem Jahre in Gebrauch kam. (Was soll man zu einer solchen
Schlußfolgerung sagen, die Figur konnte doch übermalt sein!) Darauf
schickte er eine Probe des Holzes an das Tischleramt in Stockholm
und bekam die Antwort, es sei Birke. Die Figur war also aus Birke,
vor 1844 entstanden. Aber nicht das wollte er feststellen, sondern er
hatte Anlaß(!) zu der Annahme (das heißt, er wünschte es um seiner
Ehre willen), daß die Bildwerke aus dem sechzehnten Jahrhundert
stammten, und er hätte am liebsten gesehen, wenn sie von dem großen
(natürlich großen, da sein Name so gut in Eiche eingeschnitten war, daß
er sich bis in unsere Tage erhalten hat) Burchard von Schiedenhanne
verfertigt wären, der die Chorstühle in der Domkirche von Västeraas
geschnitzt hat. Die gelehrten Untersuchungen wurden fortgesetzt. Er
hatte etwas Gips von den Figuren in Västeraas gestohlen und schickte
den nun mit der Gipsprobe aus der Sakristei von Träskaala an die
Ekole pollyteknik (ich kann es nicht richtig schreiben) in Paris. Das
Urteil war vernichtend für die Zweifler: die Analysen ergaben, daß die
Gipsproben die gleiche Zusammensetzung hatten, 77 Äquivalente Kalk und
23 Schwefelsäure, folglich (!) stammten die Figuren aus der gleichen
Epoche. Das Alter der Figuren war mithin festgestellt; die Teile wurden
abgezeichnet und an die Akademie für Altertümer eingeschickt (die
Gelehrten haben eine entsetzliche Passion, alles einzuschicken); jetzt
mußte nur noch die zertrümmerte bestimmt und rekonstruiert werden.
Zwei Jahre lang wurden die beiden Säcke zwischen Upsala und Lund hin
und her geschickt; die beiden Professoren waren diesmal glücklich
verschiedener Meinung, so daß ein Streit entstand; der Professor in
Lund, der soeben Rektor geworden war, schrieb eine Abhandlung über
die Figur für seine Rektoratsrede und schlug den Professor in Upsala
zu Boden; dieser antwortete mit einer Broschüre. Glücklicherweise trat
im selben Moment ein Professor von der Stockholmer Kunstakademie mit
einer ganz neuen Ansicht auf; die Folge war wie immer, daß Herodes und
Pilatus sich einigten und nun gemeinsam über den Stockholmer herfielen
und ihn mit der ganzen Galle des Kleinstädters zerrissen. Ihre Meinung
aber war, und daran hielt man fest: die zertrümmerte Figur habe den
Unglauben dargestellt, weil doch die heile Figur -- mit dem Symbol des
Kreuzes -- den Glauben darstellen mußte. Die Mutmaßung (des Professors
in Lund), die zertrümmerte Figur habe die Hoffnung dargestellt, da man
in dem einen Sack einen Ankerhaken gefunden habe, wurde verworfen,
weil man dann das Vorhandensein einer dritten Figur, der Liebe, hätte
voraussetzen müssen (!), von der sich keine Spur fand, und für die auch
kein Platz da war; außerdem wurde (durch Beispiele aus der reichen
Sammlung von Pfeilspitzen im Historischen Museum) bewiesen, daß es kein
Ankerhaken sei, sondern eine Pfeilspitze, eine von den Waffen, durch
die der Unglaube symbolisiert wird; vergleiche Brief an die Hebräer, wo
von den blinden Schüssen des Unglaubens gesprochen wird, und Jesaias,
wo mehrfach die Pfeile des Unglaubens erwähnt werden! Die Form der
Pfeilspitze, die denen aus der Zeit des Reichsverwesers Sture genau
glich, entfernte den letzten Zweifel betreffs des Alters der Figur.
Meine Aufgabe war nun, nach der Idee der Professoren eine Statue des
Unglaubens als Pendant zum Glauben herzustellen. Das Programm war
gegeben, und ich zögerte nicht. Ich suchte mir ein männliches Modell,
denn ein Mann mußte es sein; ich habe lange suchen müssen, aber ich
habe ihn gefunden, ja, ich glaube, ich fand den Unglauben in eigener
Person -- und es ist mir brillant gelungen. Nun steht der Schauspieler
Falander links vom Altar, mit einem mexikanischen Bogen aus dem
Schauspiel Ferdinand Cortez und einem Räubermantel aus Fra Diavolo;
aber die Leute sagen: es ist der Unglaube, der vor dem Glauben die
Waffen streckt, und der Propst, der die Einweihungspredigt hielt,
sprach von den herrlichen Gaben, die Gott bisweilen den Menschen gebe
und besonders mir; und der Graf, bei dem wir zum Einweihungsdiner
waren, erklärte, ich hätte ein Meisterwerk geschaffen, das gut mit
den Werken der Antike zu vergleichen sei (die er in Italien gesehen
habe); und ein Student, der bei dem Grafen konditionierte, nahm die
Gelegenheit wahr, Verse drucken zu lassen und zu verteilen, in denen
er den Begriff des Erhaben-Schönen entwickelte und eine historische
Übersicht über die Teufelsmythe gab.
Bisher habe ich als echter Egoist nur von mir selber gesprochen! Was
soll ich von Lundells Altarbild sagen? Es sieht folgendermaßen aus:
Christus (Rehnhjelm) am Kreuz im Hintergrunde; links der unbußfertige
Schächer (ich; der Schuft hat mich noch häßlicher gemacht als ich bin);
rechts der bußfertige Schächer (Lundell selbst, die scheinheiligen
Augen auf Rehnhjelm gerichtet); zu Füßen des Kreuzes Maria Magdalena
(Maria, du weißt doch, tief dekolletiert); ein römischer Zenturio
(Falander) zu Pferd (der Beschäler von dem Schöffen Olsson).
Ich kann nicht beschreiben, was für einen entsetzlichen Eindruck es
auf mich machte, als nach der Predigt die Hüllen fielen und all diese
bekannten Gesichter von dem erhöhten Platz am Altar über die Gemeinde
hinstarrten, die mit Andacht den großen Worten des Geistlichen von
der hohen Bedeutung der Kunst lauschte, zumal wenn sie im Dienst der
Religion stehe. Vor meinen Augen zerriß in diesem Augenblick ein
Schleier, der vieles, vieles verhüllt hatte, und was ich später über
Glauben und Unglauben gedacht habe, sollst du einmal zu hören bekommen;
was ich jedoch über die Kunst und ihre hohen Aufgaben denke, werde ich
in einem Vortrag zum Ausdruck bringen, den ich in einem öffentlichen
Lokal zu halten gedenke, sobald ich in die Stadt komme.
Daß Lundells religiöse Gefühle in diesen »teuren« Tagen überhandnahmen,
kannst Du Dir vorstellen; er ist verhältnismäßig glücklich in seinem
kolossalen Selbstbetrug, und er weiß nicht, daß er ein Schelm ist.
Nun habe ich, glaube ich, das meiste gesagt; das weitere mündlich, wenn
wir uns sehen.
Bis dahin lebwohl und laß es dir gutgehen!
Dein wahrer Freund
Olle Montanus.
+PS.+ Ich habe ganz vergessen, von der Auflösung der
Altertumsforschungsgeschichte zu erzählen. Sie endete so, daß der
Armenhäusler Jan, der sich aus seiner Kindheit erinnert, wie die
Figuren ausgesehen haben, die Erklärung abgab, es seien drei gewesen:
Glaube, Liebe und Hoffnung; da die Liebe die größte sei (1. Korinther),
so habe sie über dem Altar gestanden. Der Blitz habe sie und den
Glauben um das Jahr 1810 niedergerissen. Die Figuren habe sein Vater,
der Galjonschnitzer in Karlskrona war, verfertigt.
D.O.
Nach der Lektüre dieses Briefes ließ Falk sich an seinem Schreibtisch
nieder, sah nach, ob die Lampe gut gefüllt war, steckte sich eine
Pfeife an, holte ein Manuskript aus der Schublade und begann zu
schreiben.
Neunzehntes Kapitel
Vom neuen Kirchhof nach Norrbacka
Der Septembernachmittag lag grau und warm und still über der
Hauptstadt, als Falk die südlichen Höhen hinaufwanderte. Auf dem
Katarinenkirchhof setzte er sich nieder, um auszuruhen; er empfand
ein wirkliches Wohlbehagen, als er sah, daß die Ahorne in den
letzten Nächten rotgefroren waren, und er hieß den Herbst mit seiner
Dunkelheit, seinen grauen Wolken und seinem fallenden Laub herzlich
willkommen. Kein Windhauch regte sich; es war, als ruhe die Natur, müde
von der kurzen Sommerarbeit; alles ruhte, die Menschen lagen unter dem
Rasen so still und friedlich, wie sie nie im Leben gewesen waren, und
er wünschte, sie lägen alle dort unten und er auch. Oben auf dem Turm
schlug die Uhr; da stand er auf und ging weiter, ging die Parkstraße
entlang, bog in die Neue Straße ein, die vor hundert Jahren neu gewesen
sein mochte, ging über den Neumarkt und kam nach dem Weißen Berge.
Da blieb er vor dem scheckigen Hause stehen und hörte zu, was die
Kinder sagten, denn wie gewöhnlich waren Kinder auf dem Hügel; und sie
unterhielten sich laut und ungeniert, während sie kleine Ziegelsteine
schliffen, die sie zum Hupfspiel brauchten.
»Was hast du zu Mittag bekommen, Janne?«
»Geht das dich was an?«
»Angeht? Sagst du, ob mich das was angeht? Nimm dich in acht, du, sonst
hau ich dir eine runter!«
»Du! Ach, hör an! Du, mit den Augen!«
»Na, weißt du! Hab ich dich nicht neulich erst am Hammarbysee
verwichst? He?«
»Ach, halt's Maul!«
Janne wird »verwichst«, und die Unruhe legt sich.
»Hast du etwa nicht auch Kresse auf dem Katrinenkirchhof gestohlen,
Janne? He!«
»Hat der lahme Olle gepetzt?«
»Und kam da nicht die Polizei, he?«
»Denkst du, ich habe Angst vor der Polizei! Das sollst du mal sehen!«
»Wenn du keine Angst hast, so komm doch mit zu Zinkens Teich und hilf
Birnen mausen heut abend.«
»Ich steige nicht über den Zaun, da sind bissige Hunde!«
»Ach, der Schornsteinfeger-Pelle steigt über den Zaun wie ein Hui, und
den Hunden muß man einen Tritt geben.«
Das Schleifen wird von einer Magd unterbrochen, die herauskommt und
Tannenzweige auf die grasbewachsene Straße streut.
»Was für ein Teufel soll heut begraben werden?«
»Ach, von dem Vizewirt, der mit seiner Frau wieder ein Kind gekriegt
hat.«
»Der Vizewirt ist ein kitzlicher Satan, was?«
Statt der Antwort stimmte der andere eine unbekannte Melodie an, die
auf besondre Art gepfiffen wurde.
»Wir verhauen seine Füchse, wenn sie aus der Schule kommen. Und seine
Frau, weißt du, die ist aufgeblasen. Das Teufelsweib hat uns einmal
nachts im Schnee sitzen lassen, als wir die Miete nicht bezahlt hatten,
und da haben wir im Blechschuppen schlafen müssen.«
Das Gespräch versiegte, denn diese letzte Mitteilung schien auf den
Zuhörer nicht den geringsten Eindruck zu machen.
Nicht mit sehr heiteren Gefühlen betrat Falk das Haus nach der
Vorstellung, die die beiden Straßenjungen vermittelt hatten. Er wurde
in der Tür von Struve begrüßt, der eine betrübte Miene aufgesetzt
hatte und ihn jetzt beim Arm nahm, als wolle er ihm eine vertrauliche
Mitteilung machen oder in seinem Beisein eine Träne zerdrücken, irgend
etwas mußte er tun -- und er faßte ihn um.
Falk befand sich in einem großen Zimmer mit Eßtisch, Büfett, sechs
Stühlen und einem Sarg. Vor den Fenstern hingen weiße Laken, durch
die das Tageslicht hereinsickerte und sich an dem roten Schein zweier
Stearinkerzen brach; auf dem Eßtisch stand ein Tablett mit grünen
Weingläsern und ein Suppennapf mit Georginen, Levkoien und Astern.
Struve faßte seine Hand und führte ihn an den Sarg, in dem der kleine
Namenlose auf Hobelspänen in Tüll gebetet lag, mit wilden Weinblättern
bestreut.
»Hier,« sagte er. »Hier!«
Falk spürte keine andern Erregungen, als die einen immer in Gegenwart
einer Leiche überkommen, und konnte daher keine für die Situation
passenden Worte finden, sondern beschränkte sich darauf, dem Vater die
Hand zu drücken, worauf dieser sagte:
»Ich danke dir, ich danke dir!« und sich entfernte, um in ein
Nebenzimmer zu gehen.
Falk war allein; er hörte zunächst ein heftiges Flüstern hinter der
Tür, hinter der Struve verschwunden war; darauf wurde es eine Weile
still; dann aber drang am andern Ende des Zimmers ein Gemurmel durch
die dünne Bretterwand; er konnte die Worte nur teilweise unterscheiden,
glaubte aber die Stimmen wiederzuerkennen. Zunächst hörte man einen
schrillen Diskant, der sehr rasch lange Strophen sprach.
»Babebibobubybäbö. -- Babebibobubybäbö. -- Babebibobubybäbö --« ertönte
es.
Darauf antwortete eine zornige Männerstimme unter der Begleitung des
Hobels. »Witscho-witscho-witsch-witsch-hitsch-hitsch.«
Und dann ein langsam dahinrollendes »Mum-mum-mum-mum.
Mum-mum-mum-mum.« Worauf der Hobel wieder sein »Witsch-witsch«
zu spucken und zu niesen begann. Und darauf ein Sturm von
»Babili-bebili-bibili-bobili-bubili-bybili-bäbili-bö!«
Falk ahnte, um was die Diskussion sich drehte, und an einem gewissen
Tonfall glaubte er zu erkennen, daß der kleine Tote in die Sache
verwickelt sei.
Nun begann wieder ein heftiges Flüstern hinter Struves Tür,
durchschossen mit Schluchzen; dann öffnete sie sich, und heraus kam
Struve und führte eine Waschfrau an der Hand, die schwarzgekleidet war
und rote Augen hatte. Struve stellte mit der Würde eines Familienvaters
vor:
»Meine Frau. -- Assessor Falk, mein alter Freund!«
Falk wurde mit einer Hand so hart wie ein Waschholz und einem Lächeln
sauer wie Pickels begrüßt. Er versuchte in größter Hast eine Redensart
zu konstruieren, die die beiden Worte »Frau« und »Schmerz« enthielt,
und kam einigermaßen damit zustande, so daß Struve ihm eine Umarmung
zuteil werden ließ.
Die Frau, die auch eine Freundlichkeit beisteuern wollte, begann ihrem
Mann den Rücken abzubürsten und sagte:
»Schrecklich, wie Christian sich immer einschmiert; ewig ist er hinten
staubig. Finden Sie nicht auch, Herr Assessor, daß er wie ein Ferkel
aussieht?«
Dem armen Falk blieb es erspart, diese liebevolle Frage zu beantworten,
denn hinter dem Rücken der Mutter tauchten jetzt zwei rote Köpfe auf
und grinsten den Fremden an. Die Mutter nahm sie zärtlich beim Schopf
und sagte:
»Haben Sie schon einmal so häßliche Buben gesehen, Herr Assessor? Sehen
sie nicht aus wie junge Füchse?«
Das stimmte mit der wirklichen Sachlage in solchem Grade überein, daß
Falk sich veranlaßt fühlte, die Tatsache aufs lebhafteste in Abrede zu
stellen.
Die Korridortür öffnete sich, und herein traten zwei Herren. Der erste
war ein breitschulteriger Dreißiger mit einem viereckigen Kopf, dessen
Vorderseite das Gesicht vorstellen sollte; die Haut sah aus wie eine
halbvermoderte Brückenplanke, in die Würmer ihre Labyrinthe gegraben
hatten; der Mund war breit geschnitten und stets etwas geöffnet, so
daß man die vier gut geschliffenen Eckzähne sah; wenn er lachte, wurde
das Gesicht in zwei Teile gespalten, und man konnte bis an den vierten
Backenzahn sehen; kein Barthalm wagte sich auf dem unfruchtbaren Boden
hervor; die Nase war so schlecht angebracht, daß man von vorn ein gutes
Stück in den Kopf hineinsehen konnte; auf dem oberen Teil des Schädels
wuchs etwas, das wie eine Kokosmatte aussah.
Struve, der das Talent besaß, seine Umgebung zu adeln, stellte den
Kandidaten Borg als Doktor Borg vor. Dieser gab kein Zeichen von
Befriedigung oder Mißvergnügen, sondern hielt den Ärmel seines
Überziehers seinem Begleiter hin, der sofort den Rock auszog und
ihn an die Angel der Stubentür hängte, wobei Frau Struve bemerkte:
dies alte Haus sei so schlecht; nicht einmal ein Kleiderständer sei
da. Der Rockauszieher wurde als Herr Levi vorgestellt. Es war ein
langaufgeschossener Jüngling; sein Schädel schien sich durch eine
Entwicklung des Nasenbeins nach hinten gebildet zu haben; und der
Rumpf, der bis zu den Kniekehlen reichte, sah aus, als sei er auf die
Weise entstanden, daß der Schädel durch ein Zieheisen gegangen war,
wie man Stahldraht zieht. Die Schultern fielen wie Dachrinnen ab,
von Hüften war keine Spur zu sehen, die Schienbeine gingen bis an
die Schenkel, die Füße waren abgelaufen wie alte Schuhe, die Höhlung
niedergetreten, die Beine standen nach auswärts wie bei einem Arbeiter,
der schwere Lasten getragen oder den größten Teil seines Lebens
gestanden hat: es war ein richtiger Sklaventyp.
Der Kandidat war, nachdem er von dem Überzieher befreit worden war, an
der Tür stehen geblieben; er hatte die Handschuhe ausgezogen, den Stock
weggestellt, sich geschneuzt, das Taschentuch eingesteckt, ohne Struves
wiederholte Versuche, ihn vorzustellen, zu beachten; er glaubte noch
auf dem Korridor zu sein; jetzt aber nahm er seinen Hut, kratzte mit
dem Fuß und trat einen Schritt ins Zimmer hinein.
»Guten Tag, Jenny, wie geht es?« sagte er und faßte die Hand der Frau
mit einer Wichtigkeit, als gelte es ihr Leben. Darauf verbeugte er sich
unmerklich vor Falk mit einer Grimasse wie ein Hund, wenn er einen
fremden Köter auf seinem Hof sieht.
Der junge Herr Levi folgte dem Kandidaten auf den Fersen, fing sein
Lächeln auf, zollte seinen Sarkasmen Beifall und ließ sich von seiner
Überlegenheit ducken.
Die Frau zog eine Flasche Rheinwein auf und reichte ihn herum. Struve
ergriff sein Glas und hieß die Gäste willkommen. Der Kandidat öffnete
den Rachen, legte den Inhalt des Glases auf seine zu einem Rinnstein
gewordene Zunge, schnitt eine Grimasse, als solle er einnehmen, und
schluckte es hinunter.
»Er ist schrecklich sauer und schlecht,« sagte die Frau; »vielleicht
trinken Sie lieber ein Glas Punsch, Henrik?«
»Ja, er ist recht schlecht,« gab der Kandidat zu und erntete Herrn
Levis ungeteilten Beifall.
Der Punsch wurde gebracht. Borgs Gesicht klärte sich auf; er sah sich
nach einem Stuhl um; sofort brachte Herr Levi ihm einen.
Die Gesellschaft ließ sich am Eßtisch nieder. Die Levkoien dufteten
stark, und ihr Geruch mischte sich mit dem des Weins, das Licht
spiegelte sich in den Gläsern, die Unterhaltung kam in Fluß, und bald
stieg vom Platz des Kandidaten eine Rauchsäule auf. Die Frau warf einen
unruhigen Blick nach dem Fenster, wo der Kleine schlummerte, aber
diesen Blick sah niemand.
Da hörte man draußen einen Wagen vorfahren. Alle außer dem Doktor
standen auf. Struve hustete und fragte mit leiser Stimme, als sage er
etwas Unangenehmes: »Wollen wir uns fertigmachen?«
Die Frau trat an den Sarg, beugte sich nieder und weinte heftig; als
sie sich wieder aufrichtete, sah sie ihren Mann mit dem Sargdeckel
bereitstehen und brach in lautes Schluchzen aus.
»Nun, nun! beruhige dich,« sagte Struve und beeilte sich, den Deckel
aufzulegen, als wolle er etwas verbergen. Borg goß ein Glas Punsch in
seinen Rinnstein und sah hinterher aus wie ein Pferd, wenn es gähnt.
Herr Levi half Struve den Deckel festschrauben, was er mit großer
Gewandtheit tat, als mache er eine Packkiste zu.
Man verabschiedete sich von der Frau, zog die Überzieher an und ging;
die Frau bat die Herren, auf der Treppe vorsichtig zu sein; »sie sei so
alt und schlecht«.
Struve ging voran und trug den Sarg; als er auf die Straße kam und
eine kleine Volksversammlung sah, die ihm zu Ehren zusammengeströmt
war, wurde er so vom Hochmutsteufel gepackt, daß er den Kutscher
anfuhr, weil er die Wagentür nicht geöffnet und das Trittbrett nicht
heruntergelassen hatte; um die Wirkung zu steigern, duzte er den großen
livrierten Mann, der mit dem Hut in der Hand schleunig seinen Befehlen
nachkam; das hatte in dem Haufen einen kurzen, boshaften Hustenanfall
eines Jungen zur Folge, der auf den Namen Janne hörte; als er sich
durch sein Husten die Aufmerksamkeit der Umstehenden zuzog, begann er
mit emporgewandten Augen die Schornsteine zu mustern, als erwarte er
den Kaminkehrer.
Die Wagentür schlug hinter den vier Herren zu, und unter den jüngeren
Mitgliedern der Volksversammlung, die sich jetzt sicherer fühlten,
entspann sich das folgende Gespräch:
»He du! So ein protziger Sarg! Hast du ihn gesehen?«
»Ja, natürlich! Aber hast du gemerkt, daß auf dem Schild kein Name
stand?«
»Wirklich nicht?«
»Nein, das konnte man doch sehen; es war ganz blank.«
»Was bedeutet das denn?«
»Weißt du das nicht? Das war ein Hurenkind!«
Glücklicherweise knallte die Peitsche, und der Wagen rollte davon. Falk
warf einen Blick nach dem Fenster hinauf; da stand die Frau, die schon
ein paar Laken abgenommen hatte, und blies die Stearinkerzen aus, und
neben ihr standen die jungen Füchse, jeder mit einem Glas Wein in der
Hand.
Der Wagen rasselte dahin, straßauf, straßab; keiner machte einen
Versuch zu sprechen; Struve sah geniert aus, wie er mit dem Sarg auf
den Knien dasaß; und es war noch so hell, daß er sich am liebsten
unsichtbar gemacht hätte.
Es war ein langer Weg nach dem Neuen Friedhof, aber er nahm doch auch
ein Ende, und schließlich war man angelangt. Vor dem Zaun hielt eine
lange Wagenreihe. Man kaufte Kränze, und der Totengräber nahm den
Sarg in Empfang. Nach einem längeren Spaziergang machte die kleine
Prozession auf einem neuzugekauften Sandfelde ganz hinten am nördlichen
Ende des Kirchhofs halt. Der Totengräber legte die Bretter zurecht; der
Doktor kommandierte: Anfassen! Hochheben! Loslassen! und nun wurde der
kleine Namenlose drei Ellen rief in die Erde gesenkt; es entstand eine
Pause; alle neigten die Köpfe und blickten in das Grab hinunter, als
warteten sie auf etwas; schwer und grau lag der Himmel über dem weiten,
öden Sandfelde, auf dem die weißen Pfähle wie die Gespenster kleiner
Kinder standen, die sich hier draußen verirrt hatten; der Waldsaum
zeichnete sich schwarz wie der Hintergrund eines Schattenspiels ab,
kein Windhauch regte sich. Da hörte man eine Stimme, zuerst zitternd,
bald aber klar und bestimmt, wie von einer Überzeugung getragen; Levi
war auf die Bahre gestiegen und sprach mit entblößtem Haupt:
»Von dem Höchsten sicher beschirmt, im Schatten seiner Allmacht ruhend.
Zu dem Ewigen spreche ich: Du meine Zuflucht bist der Getreue, du meine
Burg, die ewig sichere, du Gott, dem ich vertraue! -- Kaddisch! --
Herr, du allmächtiger Gott, gib, daß dein heiliger Name in der ganzen
Welt angebetet und geheiligt werde; denn du wirst dereinst die Welt
erneuen, du, der du die Toten auferweckst und sie zu neuem Leben rufst.
Du, der du ewigen Frieden in deinem Himmel herrschen läßt, schenke du
auch dem ganzen Israel deinen Frieden, Amen!
Schlaf in Frieden, du Kind, das keinen Namen bekommen hat! Er, der die
Seinen kennt, wird dich schon beim Namen rufen! Schlafe gut in der
Herbstnacht, keine bösen Geister werden dich stören, wenngleich du das
geheiligte Wasser nicht empfangen hast; freue dich, daß du den Kämpfen
des Lebens entgehst, seine Freuden sind zu entbehren. Glücklich du,
der du von hinnen gehen durftest, ehe du die Welt kennen lerntest;
rein und fleckenlos ließ deine Seele ihre zarte Hülle zurück, deshalb
wollen wir nicht Erde auf dich werfen -- Erde ist Vergänglichkeit --,
sondern wir wollen dich mit Blumen zudecken; denn wie die Blume aus der
Erde aufsteigt, so wird sich auch deine Seele aus dem dunklen Grabe
zum Licht erheben, denn von Geist bist du gekommen, zu Geist sollst du
wieder werden!«
Er ließ den Kranz fallen und bedeckte den Kopf.
Struve trat heran, faßte seine Hand und drückte sie mit Wärme,
wobei ihm die Tränen in die Augen kamen, so daß er sich von Levi
das Taschentuch leihen mußte. Der Doktor, der seinen Kranz ins Grab
geworfen hatte, war schon im Gehen, und die andern folgten ihm langsam.
Falk aber stand gedankenvoll über das Grab gebeugt und starrte in die
Tiefe hinunter; anfangs sah er nur eine viereckige Finsternis, aber
allmählich tauchte ein heller Fleck auf, der wuchs und eine bestimmte
Form annahm, er wurde rund und warf einen weißen Schein wie ein Spiegel
-- das war das unbeschriebene Lebensschild des Kindes, das durch
die Dunkelheit leuchtete und nur das ungebrochene Licht des Himmels
widerstrahlte. Er ließ seinen Kranz hinuntergleiten; ein schwacher,
dumpfer Ton, und das Licht erlosch. Da wandte er sich um und folgte den
andern.
Am Wagen erhoben sich einige Diskussionen, wohin man fahren solle; Borg
machte kurzen Prozeß und kommandierte. »Nach Norrbacka!«
Nach einigen Minuten befand sich die Gesellschaft in dem großen Saal im
ersten Stock, wo sie von einem Mädchen empfangen wurde, das Borg mit
einem Kuß und einer Umarmung begrüßte, worauf er seinen Hut unter ein
Sofa warf, Levi befahl, ihm den Überzieher auszuziehen und eine Kanne
Punsch, fünfundzwanzig Zigarren, eine halbe Flasche Kognak und einen
Hut Zucker bestellte. Darauf zog er sich auch den Rock aus und belegte
das einzige Sofa des Saals mit Beschlag.
Struves Gesicht begann zu strahlen, als er die Vorbereitungen zu
einer Kneiperei sah, und er verlangte Musik. Levi setzte sich ans
Klavier und haspelte einen Walzer herunter, während Struve Falk um die
Taille faßte und mit ihm im Saal umherwanderte unter leichtfaßlichen
Gesprächen über das Leben im allgemeinen, über Schmerz und Freude, über
die unbeständige Natur des Menschen usw., woraus sich das Resultat
ergab, daß es sündhaft sei, über das zu trauern, was die Götter --
er gebrauchte das Wort Götter, weil er schon von sündhaft gesprochen
hatte, damit Falk nicht glauben solle, er sei Pietist -- gegeben und
genommen hätten. Diese Erwägung schien die Introduktion zu dem Walzer
zu bilden, den er gleich darauf mit der Kellnerin tanzte, die die Bowle
hereinbrachte. Borg füllte die Gläser, rief Levi, hob ein Glas und
sagte:
»Jetzt wollen wir Brüderschaft trinken, dann können wir nachher grob
gegeneinander sein!«
Levi drückte seine große Freude über diese Ehre aus.
»Prost, Isaak,« sagte Borg.
»Ich heiße nicht Isaak ...«
»Denkst du, ich kümmere mich darum, wie du heißt? Ich nenne dich Isaak,
und du bist mein!«
»Du bist mir ein netter Teufel ...«
»Teufel! Schämst du dich nicht, du Judenjunge ...«
»Wir wollten doch grob sein ...«
»Wir? Ich wollte grob gegen dich sein, ja!«
Struve glaubte vermitteln zu müssen:
»Hab Dank, Bruder Levi,« sagte er, »für deine schönen Worte. Was war
das für ein Gebet, das du gesprochen hast?«
»Das war unser Begräbnisgebet.«
»Es war sehr schön.«
»Ich finde, es waren nur Phrasen,« fiel Borg ein. »Der ungläubige Hund
hat nur für Israel gebetet, es konnte also gar nicht dem Verstorbenen
gelten!«
»Alle Ungetauften rechnen zu Israel,« erwiderte Levi.
»Und dann hast du die Taufe angegriffen,« fuhr Borg fort. »Ich dulde
nicht, daß jemand die Taufe angreift -- das wollen wir selber tun.
Ferner hast du die Rechtfertigungslehre angetastet! Laß das bleiben;
ich dulde nicht, daß ein anderer unsere Religion antastet!«
»Da hat Borg recht,« sagte Struve, »sofern wir es nämlich dahin
ausdehnen, die Taufe oder irgendeine andere der heiligen Wahrheiten
überhaupt anzugreifen, und ich möchte mir ausbitten, daß jedes Gespräch
dieser leichtsinnigen Art heute abend aus unserer Gesellschaft verbannt
bleibt.«
»Möchtest du dir ausbitten?« schrie Borg. »Was möchtest du dir
ausbitten? -- Nun, ich verzeihe dir, wenn du den Mund hältst. Spiel
auf, Isaak! Musik! Warum ist die Musik so stumm bei Cäsars Fest! Musik!
Aber komme nicht mit etwas Altem. Neu muß es sein!«
Levi setzte sich ans Klavier und spielte die Ouvertüre zur Stummen.
»Schön, jetzt wollen wir plaudern,« sagte Borg. »Sie sehen ja so
traurig aus, Assessor; kommen Sie, wir wollen trinken.«
Falk, der in Borgs Gegenwart eine gewisse Beklemmung empfand, nahm
die Einladung mit einiger Zurückhaltung an. Aber es kam zu keiner
Unterhaltung, man fürchtete gewissermaßen einen Zusammenstoß. Struve
irrte umher wie eine Motte auf der Suche nach Vergnügen, ohne es zu
finden, und kehrte doch immer wieder an den Punschtisch zurück; dann
und wann machte er einige Tanzschritte und bildete sich ein, es sei
lustig, es sei festlich, aber das war es nicht. Levi ging zwischen
Klavier und Punsch hin und her; er machte sogar den Versuch, ein
lustiges Lied zu singen, aber es war zu alt, als daß einer danach
hingehört hätte. Borg brüllte, um »Stimmung« zu machen, wie er es
nannte, aber es wurde immer stiller und fast beängstigend. Falk ging ab
und zu durchs Zimmer, schweigend und unheilverkündend wie eine geladene
Gewitterwolke.
Auf Borgs Befehl wurde nun ein gewaltiges Abendbrot aufgetischt.
Man setzte sich unter bedrohlichem Schweigen zu Tisch. Struve und
Borg sprachen dem Schnaps unmäßig zu. Borgs Gesicht sah aus wie
eine bespuckte Ofenklappe; hier und da zeigten sich rote Flecke,
und die Augen wurden gelb; Struve dagegen glich einem gefirnißten
Edamer Käse, gleichmäßig rot und fettig. Wenn man Falk und Levi in
dieser Gesellschaft sah, wirkten sie wie ein paar Kinder, die bei den
Menschenfressern ihr letztes Abendbrot aßen.
»Gib dem Skandalschreiber den Lachs,« befahl Borg Levi, um das
einförmige Schweigen zu unterbrechen.
Levi reichte Struve die Schüssel. Dieser schob die Brille in die Höhe
und spie Galle.
»Schämst du dich nicht, du Jude?« fauchte er und warf Levi die
Serviette ins Gesicht.
Borg legte ihm seine schwere Hand auf den kahlen Schädel und sagte:
»Schweig, du Lump!«
»In was für eine Gesellschaft ist man hier geraten! Ich will Ihnen
sagen, meine Herren, daß ich so etwas nicht gewöhnt bin, und ich bin
wirklich zu alt, mich wie einen dummen Jungen behandeln zu lassen,«
sagte Struve mit zitternder Stimme und vergaß seine angenommene
Gutmütigkeit.
Borg, der jetzt gesättigt war, stand vom Tisch auf und sagte:
»Pfui Teufel, ist das eine Gesellschaft! Bezahle, Isaak, ich gebe es
dir später wieder; ich gehe voraus!«
Er zog sich den Überzieher an und setzte den Hut auf, füllte ein
Wasserglas mit Punsch, goß es bis an den Rand mit Kognak voll,
leerte es in einem Zuge, pustete im Vorbeigehen ein paar Kerzen aus,
zerschlug einige Gläser, steckte sich eine Handvoll Zigarren und eine
Streichholzschachtel in die Tasche und taumelte hinaus.
»Es ist ein Jammer, daß so ein Genie so trinkt!« sagte Levi andächtig.
Nach einer Minute war Borg wieder im Zimmer, trat an den Eßtisch, nahm
den Leuchter, zündete sich eine Zigarre an, blies Struve den Rauch ins
Gesicht, streckte die Zunge heraus und zeigte die Backenzähne, löschte
das Licht aus und ging. Levi lag bäuchlings auf dem Tisch und schrie
vor Entzücken.
»Was ist das für ein Abschaum, mit dem du mich zusammenbringst?« fragte
Falk ernst.
»Ach, mein Bester, jetzt ist er betrunken, aber er ist der Sohn von dem
Stabsarzt und Professor ...«
»Ich habe nicht gefragt, wer sein Vater ist, sondern wer er selber ist;
aber jetzt hast du mir gesagt, warum du dich von so einem Hund treten
läßt! Kannst du mir nun auch die Frage beantworten, warum er mit dir
verkehrt?«
»Ich behalte mir alle Sottisen vor,« sagte Struve vornehm.
»Ja, behalte dir alle Dummheiten der Welt vor, aber behalte sie für
dich!«
»Was ist mit dir, Bruder Levi?« sagte Struve einschmeichelnd; »du
siehst so ernst aus!«
»Es ist ein wahrer Jammer, daß so ein Genie wie Borg so schrecklich
trinkt!« sagte Levi.
»Wie und wann äußert sich sein Genie?« fragte Falk.
»Man kann ein Genie sein, ohne Verse zu schreiben,« bemerkte Struve
anzüglich.
»Das glaube ich, denn Verse schreiben setzt kein Genie voraus, -- aber
sich wie ein Vieh betragen, auch nicht,« sagte Falk.
»Wollen wir jetzt bezahlen?« fragte Struve und verließ das Zimmer unter
einem Vorwand.
Falk und Levi bezahlten. Als sie hinauskamen, regnete es, und der
Himmel war schwarz, nur das Gaslicht aus der Stadt stand wie eine rote
Wolke im Süden. Die Droschke war nach Hause gefahren; es blieb ihnen
also nur übrig, die Rockkragen hochzuschlagen und zu gehen. Sie waren
erst bis an die Kegelbahn gekommen, als sie hoch in der Luft einen
furchtbaren Schrei hörten.
»Fluch!« schrie es über ihren Köpfen, und nun sahen sie Borg auf einem
der höchsten Äste einer Linde schaukeln. Der Ast senkte sich fast bis
auf die Erde, hob sich aber im nächsten Augenblick wieder und beschrieb
eine unerhörte Kurve.
»Oh, das ist kolossal!« schrie Levi. »Das ist kolossal!«
»So ein Tollkopf,« lächelte Struve, stolz auf seinen Schützling, und
zog den Rockkragen hoch.
»Komm her, Isaak,« brüllte Borg oben in der Luft, »komm her,
Judenjunge, wir wollen uns gegenseitig anpumpen!«
»Wieviel willst du haben?« fragte Levi und schwenkte die Brieftasche.
»Ich pumpe nie weniger als einen Fünfziger!«
Im nächsten Augenblick war Borg vom Baum herunter und steckte die
Banknote in die Tasche.
Dann zog er den Überzieher aus.
»Zieh ihn an!« sagte Struve befehlend.
»Ich soll ihn anziehen? Was sagst du? Willst du mir befehlen? He? Sagst
du, ich soll? Sagst du das? Vielleicht willst du dich mit mir prügeln?«
Dabei schlug er seinen Hut gegen den Baumstamm, daß er einknickte,
worauf er Rock und Weste auszog und den Regen auf das bloße Hemd
peitschen ließ.
»Komm nur her, du Lump, wir wollen uns schlagen!«
Damit faßte er Struve um den Leib und rang mit ihm, daß beide in den
Graben fielen.
Falk machte sich auf den Weg nach der Stadt, so schnell er konnte,
aber noch lange hörte er hinter sich Levis Lachsalven und Bravorufe:
»Das ist göttlich, das ist kolossal -- das ist kolossal!« und Borgs:
»Verräter, Verräter!«
Zwanzigstes Kapitel
Auf dem Altar
Die Standuhr im Ratskeller zu X-köping donnerte an einem Oktoberabend
sieben, als der künstlerische Direktor des Stadttheaters sich zur Tür
hereinwälzte. Er hatte eine strahlende Miene aufgesetzt, wie eine
Kröte strahlen mag, wenn sie eine gute Mahlzeit gehalten hat; er sah
froh aus, aber die Muskeln seines Gesichts waren es nicht gewöhnt, so
etwas mitzumachen, sondern sie legten die Haut in unruhige Falten und
entstellten sein schreckliches Aussehen nur noch mehr. Er grüßte gnädig
den kleinen, dürren Wirt, der hinterm Büfett stand und die Gäste
zählte.
»+How are you?+« schrie der Direktor -- er hatte nämlich längst
aufgehört zu sprechen, wie wir uns erinnern.
»+Thank you+,« antwortete der Wirt.
Da es nun mit dem Englisch der Herren zu Ende war, so gingen sie
unmittelbar zu ihrer Muttersprache über.
»Nun, was sagen Sie zu dem Jungen, dem Gustav? War er nicht glänzend
als Don Diego? Was? Ich kann Schauspieler machen, das will ich meinen!«
»Ja, das sage ich auch! Dieser Bengel! Aber es ist, wie Herr Direktor
selbst gesagt haben: es ist leichter, ein Talent aus einem Menschen zu
machen, der sich nicht mit den dummen Büchern verpfuscht hat ...«
»Die Bücher sind ein Verderb, das weiß ich am besten! Übrigens,
wissen Sie, Herr Wirt, was in den Büchern steht? He? Ich weiß es! Sie
sollen sehen, wenn jetzt der junge Rehnhjelm als Horatio auftritt,
wie der sich benimmt. Das wird nett werden! Ich habe ihm die Rolle
versprochen, weil er so sehr gebettelt hat; aber ich habe ihm gleich
gesagt, daß ich ihm nicht helfen werde, denn ich will für sein Fiasko
nicht verantwortlich sein. Ich habe ihm auch gesagt, er solle die Rolle
bekommen, weil ich ihm beweisen möchte, wie schwer es sei zu spielen,
wenn die Natur einem nicht die Gabe verliehen hat. -- Oh, ich will ihn
ducken, daß er noch manchen lieben Tag hinterher nicht nach Rollen
ausschaut. Das will ich tun! Aber darüber wollten wir nicht reden!
Hören Sie, Herr Wirt, haben Sie ein paar Zimmer frei?«
»Die beiden kleinen?«
»Ganz recht!«
»Immer zu Ihrer Disposition, Herr Direktor!«
»Ein Souper für zwei, aber fein! Um acht! Sie servieren selbst, Herr
Wirt!«
Er schrie nicht, als er dies letzte sagte, und der Wirt verbeugte sich
zum Zeichen, daß er verstanden habe.
Im selben Augenblick trat Falander ein. Ohne den Direktor zu grüßen,
setzte er sich auf seinen alten Platz. Der Direktor stand sofort auf
und sagte, als er am Büfett vorbeiging, geheimnisvoll: »Um acht Uhr«,
worauf er sich entfernte.
Der Wirt stellte jetzt Falander eine Absinthflasche mit Zubehör hin. Da
dieser keine Miene machte, die Unterhaltung zu eröffnen, nahm der Wirt
seine Serviette und begann den Tisch abzuwischen; als das nichts half,
füllte er den Streichholzständer und sagte:
»Souper heute abend; in den kleinen Zimmern! Hm!«
»Von wem und wovon sprechen Sie?«
»Hm! Von ihm, der eben wegging!«
»Ach, von dem! Nun, das ist ja etwas Merkwürdiges, wo er so geizig ist!
Das ist wohl für eine Person?«
»Nein, für zwei,« sagte der Wirt und blinzelte mit den Augen. -- »In
den kleinen Zimmern! Hm!«
Falander spitzte die Ohren, schämte sich aber zugleich, daß er den
Klatsch anhörte, und ließ das Thema fallen; aber das lag nicht in der
Absicht des Wirtes.
»Ich möchte wissen,« sagte er, »wer das sein kann! Seine Frau ist
krank, und ...«
»Was geht es uns an, mit wem das Ungeheuer zu soupieren geruht. Haben
Sie eine Abendzeitung, Herr Wirt?«
Dieser brauchte auf den Verweis nicht zu antworten, denn jetzt kam
Rehnhjelm herein, strahlend wie ein Jüngling, der einen Lichtschimmer
auf seinem Wege sieht.
»Stelle den Absinth heute abend weg,« sagte er, »und sei mein Gast. Ich
bin so froh, daß ich weinen möchte!«
»Was ist geschehen?« fragte Falander ängstlich. »Du hast doch nicht
etwa eine Rolle bekommen?«
»Doch, du Pessimist, ich habe den Horatio bekommen ...«
Falander wurde finster:
»Und sie die Ophelia,« warf er hin.
»Woher weißt du das?«
»Ich vermute es.«
»Deine Ahnungen! Das war aber nicht schwer zu ahnen! Findest du nicht,
daß sie es verdient? Haben wir eine Bessere hier am Theater?«
»Nein, das gebe ich zu! Nun, gefällt dir Horatio?«
»Oh, er ist herrlich!«
»Ja, es ist merkwürdig, wie verschieden der Geschmack ist!«
»Was findest du denn?«
»Ich finde, er ist der größte Schuft von allen Hofleuten, er sagt
zu allem ja. ›Ja, mein Prinz, ja, mein guter Prinz!‹ Wenn er sein
Freund ist, so muß er doch auch einmal nein sagen und ihm nicht immer
zustimmen wie jeder beliebige Schmeichler.«
»Mußt du mir auch das wieder verderben?«
»Ja, ich will dir alles verderben! Wie kannst du, solange du alles, was
jämmerliche Menschen gemacht haben, groß und herrlich findest, etwas
Unzeitliches erstreben? Wenn du in allem Irdischen Vollkommenheit und
Vortrefflichkeit siehst, wie kannst du da Sehnsucht nach dem wirklich
Vollkommenen haben? Glaube mir, der Pessimismus ist der wahrste
Idealismus, und der Pessimismus ist eine christliche Lehre, wenn es
dein Gewissen beruhigen kann, denn das Christentum lehrt die Eitelkeit
der Welt, der wir entsagen sollen.«
»Soll ich denn wirklich nicht finden, daß die Welt schön ist? Darf ich
ihr nicht dankbar sein, weil sie alles Gute schenkt, und mich freuen
über das, was das Leben zu bieten hat?«
»Doch, doch, freue dich, mein Junge, freue dich und glaube und hoffe.
Da alle Menschen auf Erden der gleichen Sache nachjagen -- dem Glück
--, so ist die Wahrscheinlichkeit, daß du es erringen wirst, gleich
1439145300stel, weil es nämlich so viele Menschen gibt, wie der Nenner
des Bruchs besagt. Ist das Glück, das du heute erobert hast, diese
monatelangen Qualen und Demütigungen wert? Und übrigens: worin besteht
dein Glück? Daß du eine schlechte Rolle bekommen hast, in der du nicht
reussieren kannst, wie man das nennt, -- ich will damit nicht sagen,
daß du Fiasko machst. Bist du denn sicher, daß ...«
Er mußte Luft holen ...
»Daß Agnes als Ophelia Erfolg hat? Vielleicht macht sie in ihrem Eifer,
die seltene Gelegenheit auszunutzen, zuviel aus der Rolle, das ist
das übliche! Aber es tut mir leid, daß ich dich traurig gemacht habe,
und ich bitte dich wie immer: glaube nicht, was ich sage; man weiß ja
nicht, ob es wahr ist!«
»Wenn ich dich nicht kennte, würde ich glauben, du beneidetest mich!«
»Nein, mein Junge, ich wünsche dir, wie allen Menschen, daß ihnen
so schnell wie möglich ihre Wünsche erfüllt werden, damit sie ihre
Gedanken einem Bessern zukehren können; denn das dürfte doch der Zweck
des Lebens sein.«
»Das kannst du so ruhig sagen, du, der du dich schon durchgesetzt
hast?«
»Ja, sollen wir nicht dahin kommen? Wir wünschen uns ja gar nicht,
Glück zu haben; wir wünschen uns, so dasitzen und über unsere großen
Bestrebungen, unsere großen, hörst du, lächeln zu können!«
Die Uhr schlug jetzt acht, daß es durch den Saal schmetterte. Falander
erhob sich hastig vom Stuhl, als wolle er gehen, dann strich er sich
mit der Hand über die Stirn und setzte sich wieder.
»Ist Agnes heute abend bei Tante Beate?« fragte er in gleichgültigem
Ton.
»Woher weißt du das?«
»Nun, das kann ich mir doch denken, wenn du hier in aller Ruhe sitzt!
Sie will ihr wohl die Rolle vorlesen, denke ich mir, da ihr nicht mehr
viel Zeit habt.«
»Ja, hast du sie heute abend getroffen, da du auch das weißt?«
»Nein, auf Ehre nicht! Ich kann mir nur keinen andern Grund denken,
warum sie dich einen Abend, wo wir nicht spielen, allein läßt.«
»Da hast du ganz richtig gedacht. Übrigens hat sie mich gebeten,
auszugehen und mir Gesellschaft zu suchen, weil ich so lange zu Hause
gesessen habe. Sie ist so besorgt und zärtlich, das liebe Mädel!«
»Ja, sie ist sehr zärtlich!«
»Sie hat mich erst einen einzigen Abend allein gelassen, als sie bei
ihrer Tante aufgehalten wurde und nicht absagen lassen konnte. Ich
wäre beinahe verrückt geworden und habe die ganze Nacht nicht schlafen
können.«
»Das war am 6. Juli, nicht wahr?«
»Du erschreckst mich! Spionierst du?«
»Warum sollte ich das tun? Ich kenne euer Verhältnis doch und
begünstige es in jeder Weise. Und wenn ich weiß, daß das an einem
Dienstag, am 6. Juli, passiert ist, so kommt das daher, daß du so oft
davon gesprochen hast.«
»Ach, das ist wahr!«
Es wurde wieder lange still.
»Es ist seltsam,« unterbrach Rehnhjelm schließlich das Schweigen, »wie
melancholisch das Glück einen Menschen machen kann; ich bin heute abend
so unruhig und wäre lieber mit Agnes zusammengewesen. Wollen wir nicht
in die kleinen Zimmer gehen und sie holen lassen? Sie kann ja sagen, es
sei Besuch von auswärts gekommen.«
»Das würde sie nie sagen; sie bringt es nicht fertig, die Unwahrheit zu
sprechen!«
»Oh, das ist nicht gefährlich! Das können alle Frauen!«
Falander fixierte Rehnhjelm auf eine Art, die dieser nicht enträtseln
konnte; dann sagte er:
»Ich will erst nachsehen, ob die kleinen Zimmer frei sind, davon wollen
wir es abhängig machen!«
»Nun, gut!«
Falander hielt ihn zurück, als er Miene machte, mitzugehen, und
entfernte sich. Nach zwei Minuten war er wieder da. Er war ganz weiß im
Gesicht, aber ruhig, und sagte nur:
»Sie sind besetzt!«
»Wie ärgerlich!«
»Nun, wir müssen uns so gut wir können Gesellschaft leisten!«
Und sie leisteten sich Gesellschaft, und sie aßen und tranken, und sie
sprachen vom Leben, von der Liebe und von der Bosheit der Menschen; und
sie wurden satt und betrunken und gingen nach Hause und legten sich
schlafen.
Einundzwanzigstes Kapitel
Eine Seele über Bord
Rehnhjelm erwachte um vier Uhr am folgenden Morgen, weil ihm war,
als rufe jemand seinen Namen. Er richtete sich im Bett auf und
lauschte -- es war still. Er zog das Rouleau hoch und sah einen grauen
Herbstmorgen, regnerisch und stürmisch. Er legte sich wieder hin,
versuchte aber vergebens zu schlafen. Es waren so viele wunderliche
Stimmen im Winde; sie klagten und warnten und weinten und ächzten. Er
versuchte an etwas Angenehmes zu denken: an sein Glück; er nahm seine
Rolle und begann zu lesen; aber es war nur: »Ja, mein Prinz,« und er
dachte an Falanders Worte und fand, daß dieser zum Teil recht habe. Er
versuchte daran zu denken, wie er auf der Bühne als Horatio aussehen
werde; er versuchte sich Agnes als Ophelia vorzustellen, und er sah in
ihr eine heuchlerische Intrigantin, die auf Polonius' Einflüsterung
ihm eine Falle stellte; er wollte dies Bild verscheuchen und sah an
Stelle von Agnes die galante Mamsell Jaquette, die er im Stadttheater
zuletzt die Ophelia hatte spielen sehen. Vergebens versuchte er diese
unangenehmen Gedanken und Bilder zu verjagen, aber sie verfolgten ihn
wie Mücken. Als er sich müde gekämpft hatte, schlief er ein und machte
im Traum dieselben Qualen durch; er riß sich los und ermunterte sich,
schlief aber wieder ein, und die gleichen Bilder wiederholten sich.
Gegen neun Uhr erwachte er davon, daß er laut aufschrie; da sprang er
aus dem Bett, als wolle er vor bösen Geistern, die ihn verfolgten,
fliehen. Als er vor den Spiegel trat, sah er, daß er geweint hatte. Er
kleidete sich in aller Eile an, und als er die Stiefel anziehen wollte,
lief eine Spinne über den Fußboden. Er freute sich, denn er glaubte an
Spinnen, sie sollen Glück bedeuten; ja, er kam in ganz vortreffliche
Stimmung und sagte sich selber, man dürfe abends keine Krebse essen,
wenn man gut schlafen wolle. Er trank seinen Kaffee und rauchte eine
Pfeife und lächelte über die Regenschauer und den Sturm draußen, als
es an die Tür klopfte. Er fuhr zusammen, denn er fürchtete heute alle
Nachrichten, er wußte nicht warum; dann dachte er an die Spinne und
ging ruhig hin und öffnete.
Es war Herrn Falanders Dienstmädchen, das ihn bat, unbedingt pünktlich
um zehn Uhr in einer höchst wichtigen Angelegenheit zu Herrn Falander
zu kommen.
Von neuem wurde er von der unbeschreiblichen Angst überfallen, die ihn
im Morgenschlummer geplagt hatte. Er versuchte sich die noch bleibende
Stunde zu vertreiben. Aber es war unmöglich. Da zog er sich an, und
eilte mit hochklopfendem Herzen zu Falander.
Bei diesem war schon aufgeräumt und alles empfangsbereit. Er begrüßte
Rehnhjelm mit freundlicher, wenn auch ungewöhnlich ernster Miene.
Dieser bestürmte ihn mit Fragen, Falander aber erwiderte, er könne vor
zehn Uhr nichts sagen. Rehnhjelm wurde unruhig und wollte wissen, ob es
etwas Unangenehmes sei; Falander sagte, nichts sei unangenehm, wenn man
es nur richtig zu sehen verstehe. Und er erklärte, daß viele Dinge, die
uns unerträglich erschienen, sehr leicht zu ertragen seien, wenn man
sie nur nicht überschätze. So verging die Zeit bis zehn Uhr.
Da wurde zweimal leise an die Tür geklopft, die sich unmittelbar
darauf öffnete, und herein trat Agnes. Ohne auf die Anwesenden zu
achten, holte sie den Schlüssel herein, verschloß die Tür und stand
im Zimmer. Aber der Ausdruck der Verlegenheit, als sie statt einer
Person deren zwei sah, dauerte nur eine Sekunde und löste sich in eine
angenehme Überraschung auf, Rehnhjelm auch hier zu treffen. Sie warf
den Regenmantel ab und lief auf ihn zu; er umarmte sie und drückte sie
heftig an die Brust, als habe er sie ein Jahr lang nicht gesehen.
»Du bist lange fort gewesen, Agnes!«
»Lange? Was meinst du damit?«
»Ich habe dich seit einer Ewigkeit nicht gesehen, finde ich. Du siehst
heute so frisch aus; hast du gut geschlafen?«
»Findest du, ich sehe frischer aus als gewöhnlich?«
»Ja, das finde ich; du bist so rosig und hast so runde Wangen! Willst
du Falander nicht begrüßen?«
Dieser stand ruhig da und hörte dem Gespräch zu, aber sein Gesicht war
weiß wie Gips, und er schien zu überlegen.
»Himmel, wie siehst du angegriffen aus,« sagte Agnes und machte einen
Entrechat durch das Zimmer mit den weichen Bewegungen eines Kätzchens,
nachdem sie sich Rehnhjelms Armen entwunden hatte.
Falander antwortete nicht. Agnes betrachtete ihn genauer und schien in
einem Augenblick seine Gedanken zu erraten; ihr Gesicht verwandelte
sich wie eine Wasserfläche, wenn der Windstoß sich nähert, aber nur für
eine Sekunde. In der nächsten war sie wieder ruhig und entschlossen,
allem zu begegnen, nachdem sie mit einem Blick Rehnhjelm gemustert und
die Situation erfaßt hatte.
»Darf man wissen, was für wichtige Angelegenheiten uns so früh
hierhergeführt haben?« sagte sie heiter und schlug Falander auf die
Schulter.
»Ja,« begann er, fest und entschlossen, so daß Agnes erblaßte; aber im
selben Augenblick warf er den Kopf herum, als wolle er den Gedanken
eine andere Richtung geben: »heute ist mein Geburtstag, und ich möchte
euch zum Frühstück einladen.«
Agnes, der zumut war wie einem Menschen, der einen Zug auf sich
zubrausen sah, ihm aber im letzten Augenblick entronnen ist, brach in
ein klingendes Lachen aus und umarmte Falander.
»Aber da ich es erst zu elf Uhr bestellt habe, müssen wir hier solange
warten. Bitte, nehmt Platz!«
Es wurde still, unheimlich still.
»Jetzt geht ein Engel durchs Zimmer,« sagte Agnes.
»Das warst du,« sagte Rehnhjelm und küßte ehrerbierig und innig ihre
Hand.
Falander sah aus wie einer, der aus dem Sattel geworfen, aber wieder
hinaufzuklettern bemüht ist.
»Ich habe heute früh eine Spinne gesehen,« sagte Rehnhjelm, »das
bedeutet Glück!«
»+Araignée matin: chagrin+,« sagte Falander; »das kennst du wohl
nicht!«
»Was bedeutet das?« fragte Agnes.
»Spinne am Morgen, Unglück und Sorgen.«
»Hm!«
Es wurde wieder still, und das ruckweise Peitschen des Regens an den
Fenstern ersetzte die Unterhaltung.
»Ich habe über Nacht ein so aufregendes Buch gelesen,« begann Falander,
»daß ich gar nicht habe schlafen können.«
»Was war das für ein Buch?« fragte Rehnhjelm, ohne sonderliches
Interesse an der Sache, denn er fühlte sich noch immer beunruhigt.
»Es hieß Pierre Clément und behandelte die übliche Weibergeschichte;
aber sie war so lebendig dargestellt, daß sie einen sehr starken
Eindruck machte.«
»Welches ist denn die übliche Weibergeschichte, wenn ich fragen darf?«
sagte Agnes.
»Untreue und Falschheit, natürlich!«
»Nun, und Pierre Clément?« fragte Agnes.
»Er wurde natürlich betrogen. Er war ein junger Maler, der die Geliebte
eines andern liebte ...«
»Jetzt erinnere ich mich, den Roman gelesen zu haben,« sagte Agnes,
»und er hat mir sehr gefallen. Verlobte sie sich dann nicht mit einem,
den sie wirklich liebte? Ja, so war es, und unterdes erhielt sie die
alte Beziehung aufrecht. Damit wollte der Verfasser beweisen, daß die
Frau auf zwei Arten lieben kann, der Mann aber nur auf eine. Das ist
sehr richtig. Nicht wahr?«
»Gewiß! Doch dann kam der Tag, als ihr Verlobter sich mit einem Bilde
an einer Konkurrenz beteiligen wollte -- kurz und gut, sie gab sich dem
Akademiedirektor hin, und Pierre Clément wurde glücklich -- und konnte
sich verheiraten.«
»Und damit wollte der Verfasser sagen, daß die Frau für den Mann, den
sie liebt, alles opfern kann, während der Mann ...«
»Das ist das Schändlichste, was mir je vorgekommen ist!« rief Falander.
Er stand auf und trat an seinen Schreibsekretär. Er öffnete heftig die
Klappe und holte ein schwarzes Kästchen heraus.
»Hier,« sagte er und gab Agnes das Kästchen; »geh nach Hause und
befreie die Welt von einem Abschaum!«
»Was ist das?« sagte Agnes lachend, indem sie das Kästchen öffnete und
einen sechsläufigen Revolver herausholte. »Nein, ist das ein nettes
Ding! Hast du den nicht als Karl Moor gehabt? Ja, den hattest du! Ich
glaube, er ist geladen!«
Sie hob den Revolver, zielte nach der Schornsteinklappe und drückte ab.
»Leg ihn wieder weg!« sagte sie. »Das ist kein Spielzeug, meine
Freunde!«
Rehnhjelm hatte sprachlos dagesessen. Er begriff alles, aber er
konnte kein Wort herausbringen, und er stand so unter dem Zauber
des Mädchens, daß er nicht einmal unfreundliche Gefühle gegen sie
aufbringen konnte. Er wußte freilich, daß ihm ein Messer durchs Herz
gegangen war, aber der Schmerz hatte noch nicht Zeit gehabt, sich
einzufinden.
Falander war von so viel Frechheit aus der Fassung gebracht und
brauchte eine Weile, um sich zu sammeln, da seine ganze moralische
Hinrichtungsszene mißglückt und sein Theatercoup für ihn nicht sehr
günstig ausgefallen war.
»Wollen wir jetzt nicht gehen?« fragte Agnes und begann ihr Haar vor
dem Spiegel zu ordnen.
Falander öffnete die Tür.
»Geh!« sagte er, »und nimm meinen Fluch mit dir. Du hast den
Seelenfrieden eines ehrlichen Mannes zerstört.«
»Wovon sprichst du eigentlich? Mache doch die Tür zu, es ist nicht warm
hier drinnen.«
»Ach so, wir müssen deutlicher reden. Wo bist du gestern abend
gewesen?«
»Das weiß Hjalmar, und dich geht es nichts an!«
»Du warst nicht bei deiner Tante; du hast mit dem Direktor soupiert!«
»Das ist eine Lüge!«
»Ich habe dich um neun Uhr im Ratskeller gesehen!«
»Das lügst du! Um die Zeit bin ich zu Hause gewesen; du kannst Tantes
Mädchen fragen, die mich nach Hause begleitet hat!«
»Das hätte ich doch nicht gedacht!«
»Wollen wir diese Unterhaltung jetzt nicht beenden, so daß wir endlich
wegkommen? Du mußt nachts nicht solche dummen Bücher lesen, dann hast
du tags darauf den Koller! Zieht euch jetzt an!«
Rehnhjelm mußte sich an den Kopf fassen, um zu fühlen, ob der noch an
seinem richtigen Platz saß, denn ihm drehte sich alles vor den Augen.
Als er sich überzeugt hatte, daß alles in Ordnung war, suchte er nach
einem klaren Gedanken, der Licht in die Angelegenheit hätte bringen
können, aber er fand keinen.
»Wo bist du am 6. Juli gewesen?« fragte Falander mit der vernichtenden
Miene eines Richters.
»Was du für dumme Fragen stellst; wie soll ich mich erinnern, was vor
drei Monaten geschehen ist?«
»Nun, du warst bei mir, während du Hjalmar gesagt hast, du seist bei
deiner Tante.«
»Höre nicht auf ihn,« sagte Agnes und ging schmeichelnd auf Rehnhjelm
zu, »er schwatzt so viel dummes Zeug.«
Im nächsten Augenblick hatte Rehnhjelm sie am Halse gepackt und warf
sie nun rücklings in die Ofenecke, wo sie still und regungslos auf
einem Haufen Holz liegen blieb.
Dann setzte er den Hut auf, Falander aber mußte ihm den Überzieher
anhelfen, denn er zitterte an allen Gliedern.
»Komm, wir wollen gehen,« sagte er, spuckte auf die Steine vor dem Ofen
und ging hinaus.
Falander zögerte einen Augenblick, fühlte Agnes' Puls und ging dann
sofort hinter Rehnhjelm her, den er unten auf dem Flur einholte.
»Ich bewundere dich,« sagte Falander zu Rehnhjelm; »die Sache stand
wirklich außerhalb aller Erörterungen.«
»Ich bitte dich, sie auch weiter so zu behandeln; wir haben nicht mehr
viel Zeit, um gegenseitig unsere Gesellschaft zu genießen; ich fahre
mit dem nächsten Zuge nach Hause, um zu arbeiten und zu vergessen!
Jetzt wollen wir in den Ratskeller gehen und uns betäuben, wie du es
nennst!«
Sie kamen in den Keller und ließen sich ein separates Gemach geben,
verbaten sich aber die »kleinen Zimmer«.
Bald saßen sie an einem wohlgedeckten Tisch.
»Habe ich graues Haar bekommen?« fragte Rehnhjelm und befühlte sein
Haar, das ganz feucht war und dicht am Schädel klebte.
»Nein, mein Freund, das geht nicht so schnell; grauhaarig bin ich ja
noch nicht einmal geworden.«
»Hat sie sich verletzt?«
»Nein.«
»In diesem Zimmer war es -- das erste Mal!«
Er stand vom Tisch auf, machte einige Schritte, wankte und fiel neben
dem Sofa auf die Knie, auf das er seinen Kopf legte und in ein Weinen
ausbrach wie ein Kind, wenn es in seiner Mutter Schoß weint.
Falander setzte sich neben ihn und nahm seinen Kopf zwischen die Hände.
Rehnhjelm fühlte etwas Heißes wie einen Feuerfunken auf seinen Hals
fallen.
»Wo ist die Philosophie, Freund? Her damit! Ich ertrinke! Einen
Strohhalm! Hierher!«
»Armer, armer Junge!«
»Ich muß sie sehen! Ich muß sie um Verzeihung bitten! Ich liebe sie!
Dennoch! Dennoch! Hat sie sich wehgetan? Gott im Himmel, daß man leben,
daß man so unglücklich sein kann, wie ich bin!«
* * * * *
Um drei Uhr am Nachmittag reiste Rehnhjelm mit dem Zuge nach Stockholm
ab. Falander warf selbst die Kupeetür hinter ihm zu und verschloß sie.
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Schlimme Zeiten
Der Herbst hatte große Veränderungen auch für Sellén mit sich gebracht.
Sein hoher Protektor war gestorben, und jetzt sollten alle Erinnerungen
an diesen ausgelöscht werden; sogar das Andenken an seine guten Taten
sollte ihn nicht überleben. Daß das Stipendium eingezogen wurde,
verstand sich von selbst, besonders da Sellén nicht der Mann war,
etwas zu erbetteln; übrigens glaubte er jetzt keiner Unterstützung
mehr zu bedürfen, nachdem man ihm einmal so gut auf die Beine geholfen
hatte, und er sah viele Jüngere, die bedürftiger waren. Aber er sollte
erkennen, daß nicht nur die Sonne erloschen war, sondern daß auch alle
kleinen Planeten in ein Stadium totaler Verfinsterung eingetreten
waren. Obwohl er im Sommer durch strenge Studien sein Talent
vervollkommnet hatte, erklärte der Direktor der Akademie, er habe sich
verschlechtert, und sein Erfolg im Frühling sei ein Glückstreffer
gewesen; der Professor der Landschaftsmalerei sagte ihm als Freund,
aus ihm würde nie etwas werden, und der akademisch gebildete Rezensent
nahm die Gelegenheit wahr, sich zu rehabilitieren, und hielt an
seiner anfänglichen Meinung fest. Außerdem trat eine Veränderung
des Geschmacks bei den Bilderkaufenden ein, das heißt bei der den
Geschmack bestimmenden, unwissenden, reichen Masse; Landschaften
mußten ein Porträt der Sommerfrischen sein, wenn sie Käufer finden
wollten, und selbst dann war es noch schwer, denn eigentlich ging nur
das tränenselige Genrebild oder das halbnackte Kabinettstück. Es waren
also schwere Zeiten für Sellén, und es ging ihm sehr schlecht, denn er
konnte sich nicht dazu verstehen, wider sein besseres Gefühl zu malen.
Jetzt hatte er sich ein ehemaliges photographisches Atelier oben in der
Regierungsstraße gemietet. Die Wohnung bestand aus dem Atelier selbst,
mit vermodertem Fußboden und ausgetrocknetem Dach -- ein Übelstand, dem
freilich jetzt im Winter der Schnee, der darauf lag, abhalf --, sowie
der früheren Dunkelkammer, die nach Kollodium roch, so daß sie nur als
Kohlen- und Holzschuppen benutzt werden konnte, wenn die Verhältnisse
eine solche Art der Benutzung mit sich brachten. Das Meublement bestand
aus einer Gartenbank aus Haselholz, mit herausstehenden Nägeln, und so
kurz, daß sie, wenn sie als Bett benutzt wurde, was immer der Fall war,
wenn der Besitzer (der Entleiher) nachts zu Hause war, ihm nur bis zu
den Kniekehlen reichte. Das Bettzeug bestand aus einem halben Plaid --
die andere Hälfte war versetzt -- und einer Mappe voller Skizzen. Im
Kohlenverschlag befand sich eine Wasserleitung mit Ausguß, das war die
Toilette.
An einem kalten Nachmittag kurz vor Weihnachten stand Sellén und malte,
zum drittenmal, ein neues Bild auf einer alten Leinwand. Er war
gerade erst von seinem harten Bett aufgestanden; keine Aufwärterin war
gekommen und hatte eingeheizt, teils weil er keine Aufwärterin hatte,
teils weil er nichts zum Heizen besaß; aus den gleichen Gründen war
auch keine Aufwärterin gekommen, um ihm die Kleider zu bürsten und den
Kaffee hereinzubringen. Aber er stand doch ganz vergnügt da und pfiff
und legte seine Farben auf zu einem brillanten Sonnenuntergang auf
dem Gaustafelsen, als vier Doppelschläge an der Tür ertönten. Sellén
öffnete ohne Zögern, und herein trat Olle Montanus, einfach und leicht
gekleidet, ohne Überzieher.
»Guten Morgen, Olle! Wie geht's? Hast du gut geschlafen?«
»Danke für die Nachfrage!«
»Wie steht's mit der Metallkasse in der Stadt?«
»Ach, schlecht!«
»Und die Banknoten?«
»Es sind so wenig Banknoten im Umlauf.«
»Ja, sie wollen nicht mehr ausgeben! Nun, aber die Wertpapiere?«
»Keine vorhanden!«
»Glaubst du, daß es ein strenger Winter wird?«
»Ich habe heut früh viele Seidenschwänze bei Bälsta gesehen -- das
bedeutet einen kalten Winter!«
»Du hast einen Morgenspaziergang gemacht?«
»Ich bin die ganze Nacht umhergelaufen, seit ich um zwölf aus dem Roten
Zimmer gekommen bin!«
»Ach, du bist gestern abend dagewesen!«
»Ja, und ich habe zwei neue Bekanntschaften gemacht: Doktor Borg und
Sekretär Levin!«
»Ach, diese Kuckucke! Die kenne ich! Nun, warum hast du nicht bei ihnen
übernachtet?«
»Ach, sie waren etwas hochmütig, weil ich keinen Überzieher anhatte,
und ich schämte mich. Ach, ich bin so müde, ich lege mich ein bißchen
auf dein Sofa! Erst bin ich nach dem Katrinenberg vorm Kungsholmer
Tor gegangen, dann bin ich wieder umgekehrt und bin nach Bälsta
hinausgewandert. Heute gedenke ich bei einem Ornamentbildhauer Arbeit
zu suchen, sonst sterbe ich.«
»Ist es wahr, daß du in den Arbeiterverein Nordstern eingetreten bist?«
»Ja, das ist wahr! Ich soll dort Sonntag einen Vortrag halten über
Schweden!«
»Das ist ein feines Thema! Sehr fein!«
»Wenn ich hier auf dem Sofa einschlafe, so wecke mich nicht; ich bin so
schrecklich müde!«
»Geniere dich nicht, schlafe nur!«
Nach ein paar Minuten lag Olle in tiefem Schlaf und schnarchte. Sein
Kopf hing über die eine Seitenlehne, die seinen dicken Hals stützte,
und seine Beine über die andere.
»Armer Teufel!« sagte Sellén und warf den Plaid über ihn.
Jetzt klopfte es wieder, aber nicht reglementsmäßig, so daß Sellén es
nicht geraten fand, zu öffnen; doch da wurde das Klopfen so dröhnend,
daß alle Furcht vor etwas Ernstem verschwand und Sellén Doktor Borg
und Sekretär Levin die Tür öffnete. Borg führte das Wort:
»Ist Falk hier?«
»Nein!«
»Was liegt denn da für ein Holzsack?« fuhr Borg fort und deutete mit
seinem schneebedeckten Stiefel auf Olle.
»Das ist Olle Montanus!«
»Ach, dies Original, das Falk gestern abend bei sich hatte. Schläft er
noch?«
»Ja, er schläft.«
»Hat er hier übernachtet?«
»Ja, das hat er!«
»Warum hast du kein Feuer gemacht? Hier ist es verteufelt kalt!«
»Weil ich kein Holz habe.«
»Nun, laß doch welches holen! Wo ist die Aufwärterin, der will ich
Beine machen!«
»Die Aufwärterin ist zur Beichte.«
»Wecke den Ochsen auf, der daliegt und schläft, dann schicke ich den!«
»Nein, laß ihn schlafen!« bat Sellén und zog den Plaid über Olle, der
die ganze Zeit geschnarcht hatte und noch immer weiter schnarchte.
»Nun, dann will ich dir eine andere Methode beibringen. Ist hier Erd-
oder Schuttfüllung unter den Dielen?«
»Darauf verstehe ich mich nicht,« antwortete Sellén und nahm vorsichtig
auf einigen auf dem Boden ausgebreiteten Pappscheiben Platz.
»Hast du noch mehr solche Pappe?«
»Ja, wieso?« fragte Sellén, und eine leichte Röte war an den
Haarwurzeln zu sehen.
»Ich brauche sie und eine Feuerzange.«
Borg bekam die verlangten Dinge von Sellén, der nicht wußte, worauf er
hinauswollte; er nahm jetzt seinen Malerstuhl und ließ sich auf den
ausgebreiteten Pappscheiben nieder, wo er sitzenblieb, als bewache er
einen Schatz.
Borg warf den Rock ab und begann mit der Feuerzange ein von Säuren und
Regentropfen morsch gewordenes Brett herauszubrechen.
»Nein, bist du des Teufels!« schrie Sellén.
»So habe ich es in Upsala gemacht,« sagte Borg.
»Ja, aber in Stockholm geht das nicht!«
»Das schert mich den Teufel! Ich friere, und hier soll eingeheizt
werden!«
»Aber brich doch nicht mitten im Zimmer meinen Fußboden auf! Man sieht
es ja sofort!«
»Ist mir ganz egal, ob man es sieht, das kann ich dir sagen! Ich wohne
ja nicht hier! Aber das ist zu hart.«
Er hatte sich Sellén genähert und stieß nun gegen den Stuhl, daß
Sellén umfiel und im Fallen seine Pappscheiben mitriß, daß die nackte
Bodenfüllung sichtbar wurde.
»So ein Schuft! Hier hat er eine regelrechte Holzgrube und sagt kein
Wort!«
»Ja, das hat der Regen getan!«
»Ist mir ganz egal, wer es getan hat, jetzt wollen wir aber Feuer
machen!«
Mit kräftigem Ruck hatte er ein paar Bohlenstücke losgerissen, und bald
brannte das Feuer im Ofen.
Levin verhielt sich unterdes ruhig, abwartend und höflich. Borg setzte
sich vor das Feuer und machte die Feuerzange glühend.
Wieder klopfte es, drei kurze Schläge und ein langer.
»Das ist Falk,« sagte Sellén und ging hin, um Falk zu öffnen, der mit
etwas hektischem Aussehen eintrat.
»Brauchst du Geld?« fragte Borg den Eintretenden und schlug sich auf
die Brusttasche.
»Sonderbare Frage!« antwortete Falk etwas zweideutig.
»Wieviel brauchst du? Ich kann es besorgen!«
»Ist das Ernst?« sagte Falk, und sein Gesicht erhellte sich.
»Ernst! Hm! Wieviel? Die Summe! Die Ziffer!«
»Nun, sechzig Kronen könnte ich schon brauchen!«
»Das ist ein bescheidener Mann,« sagte Borg und wandte sich zu Levin.
»Ja, das ist furchtbar wenig,« gab dieser zu. »Nimm doch, Falk, wenn es
dir angeboten wird!«
»Nein, das will ich nicht! Ich brauche nicht mehr und kann mich nicht
in größere Schulden stürzen. Übrigens weiß ich ja nicht, wann es
bezahlt werden muß!«
»Zwölf Kronen jeden sechsten Monat, vierundzwanzig Kronen jährlich, in
zwei Raten,« erwiderte Levin sicher und entschieden.
»Das sind ja loyale Bedingungen,« sagte Falk. »Wo bekommt ihr dafür
Geld?«
»In der Stellmacherbank! -- Gib Papier und Feder her, Levin!«
Dieser hatte schon einen Schuldschein, einen Federhalter und ein
Taschentintenfaß in der Hand. Der Schuldschein war bereits ausgefüllt.
Als Falk die Zahl achthundert sah, zögerte er einen Augenblick.
»Achthundert Kronen?« sagte er fragend.
»Nimm doch mehr, wenn du nicht zufrieden bist.«
»Nein, ich will nicht; und es ist ja gleichgültig, wer das Geld nimmt,
wenn es nur richtig bezahlt wird. Übrigens bekommt ihr Geld auf so ein
Papier, ohne Sicherheit?«
»Ohne Sicherheit? Du hast doch unsere Bürgschaft!« antwortete Levin
verächtlich und vertrauensvoll.
»Ich will ja nichts dagegen sagen,« meinte Falk; »ich bin dankbar, daß
ihr für mich bürgen wollt, aber ich glaube nicht, daß es durchgeht!«
»Hahaha! Es ist schon bewilligt,« sagte Borg und holte einen
Bewilligungsschein heraus, wie er es nannte. »Nun, unterschreibe!«
Falk schrieb seinen Namen. Borg und Levin standen wie Polizisten neben
ihm.
»Assessor,« diktierte Borg.
»Nein, ich bin Schriftsteller,« erwiderte Falk.
»Nützt nichts, du bist als Assessor angemeldet, und übrigens stehst du
so noch im Adreßbuch.«
»Habt ihr nachgesehen?«
»Man muß in Formsachen streng sein,« sagte Borg ernst.
Falk unterschrieb.
»Komm her, Sellén, und bezeuge!« befahl Borg.
»Ja, ich weiß nicht, ob ich es riskiere,« antwortete dieser. »Ich habe
daheim auf dem Lande so viel Elend aus solchen Unterschriften entstehen
sehen ...«
»Du bist jetzt nicht auf dem Lande und hast nicht mit Bauern zu tun!
Schreibe und bestätige, daß Falk seinen Namen selbst geschrieben hat,
das kannst du doch tun!«
Sellén unterschrieb, schüttelte aber den Kopf.
»Wecke jetzt den Zugochsen da auf, dann muß er auch unterschreiben.«
Als alles Rütteln vergebens war, um Olle zum Leben zu erwecken, nahm
Borg die Feuerzange, die jetzt rot geworden war, und hielt sie dem
Schlafenden unter die Nase.
»Wach auf, du Hund, dann kriegst du was zu essen!« schrie er.
Und Olle sprang auf und rieb sich die Augen.
»Du sollst Falks Unterschrift bestätigen, verstehst du!«
Olle nahm die Feder und schrieb nach dem Diktat der beiden Bürgen,
worauf er sich wieder zum Schlafen legen wollte, aber von Borg
gehindert wurde.
»Nein, warte einmal! Falk muß erst noch eine Ersatzbürgschaft
schreiben.«
»Leiste keine Bürgschaft, Falk,« sagte Olle; »das geht nie gut; das ist
ein Leiden!«
»Schweig, du Hund!« brüllte Borg. »Komm her, Falk. Wir haben für
dich gebürgt, Kaution gestellt, verstehst du! Jetzt sollst du eine
Ersatzbürgschaft leisten an Struves Stelle, der gerichtlich belangt
worden ist.«
»Was heißt Ersatzbürgschaft?« fragte Falk.
»Das ist nur eine Form. Das Darlehn lautete auf achthundert Kronen
in der Malerbank; die erste Anzahlung ist geleistet, nun aber wird
Struve gerichtlich belangt, und da müssen wir uns nach einem Ersatzmann
umsehen. Es ist ja ein altes gutes Darlehn, also ein Risiko ist nicht
dabei; das Geld ist vor einem Jahr verfallen.«
Falk unterschrieb, und die beiden Zeugen setzten ihre Namen ebenfalls
darunter.
Borg kniffte sorgfältig und mit Kennermiene die Schuldscheine zusammen
und überreichte sie Levin, der sich sofort der Tür zuwandte.
»In einer Stunde bist du mit dem Geld wieder hier,« sagte Borg, »sonst
gehe ich sofort zur Polizei und lasse dich suchen!«
Damit stand er auf und legte sich, zufrieden mit seinem Werk, auf das
Sofa, auf dem Olle gelegen hatte.
Dieser wankte ans Feuer, ließ sich auf dem Fußboden nieder und rollte
sich zusammen wie ein Hund.
Es blieb eine Weile still.
»Hör einmal, Olle,« sagte Sellén, »wenn wir auch so ein Papier
unterschrieben!«
»Dann kommt ihr nach Rindö,« sagte Borg.
»Was ist Rindö?« fragte Sellén.
»Das ist eine Insel in den Schären; aber wenn ihr den Mälarsee
vorzieht, so gibt es einen Ort, der Zuchthaus Langholm heißt!«
»Aber im Ernst, was geschieht,« fragte Falk, »wenn man am Verfalltage
nicht bezahlen kann?«
»Dann nimmt man ein neues Darlehn auf in der Schneiderbank,« antwortete
Borg.
»Warum leiht ihr nicht von der Reichsbank?« fing Falk wieder an.
»Die ist faul,« antwortete Borg.
»Verstehst du das?« sagte Olle zu Sellén.
»Kein Wort!« erwiderte dieser.
»Ihr werdet es einmal lernen, wenn ihr Mitglieder der Akademie seid und
im Adreßbuch steht.«
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Audienzen
Nikolaus Falk saß in seinem Kontor am Morgen des Tages vor dem
Weihnachtsabend; er war nicht mehr ganz der alte; die Zeit hatte das
blonde Haar auf seinem Schädel gelichtet, und im Gesicht hatten die
Leidenschaften kleine Abflüsse gegraben für all die Säure, die aus dem
sumpfigen Boden hervorquoll. Er saß über ein kleines schmales Buch vom
Format des Katechismus gebeugt und arbeitete mit der Feder darin, als
steche er Muster aus.
Es klopfte, und sofort verschwand das Buch unter der Pultklappe, und
eine Morgenzeitung nahm seine Stelle ein. Falk war tief in die Lektüre
versunken, als seine Frau eintrat.
»Setz dich!« sagte Falk.
»Nein, dazu habe ich keine Zeit! Hast du die Morgenzeitung schon
gelesen?«
»Nein!«
»Ach so, ich dachte, du seiest gerade dabei!«
»Ja, ich habe eben angefangen!«
»Dann hast du wohl die Kritik über Arvids Gedichte gelesen?«
»Ja ja, die habe ich gelesen!«
»Nun, er hat ja großes Lob bekommen!«
»Das hat er selbst geschrieben!«
»Das hast du gestern abend auch gesagt, als du das ›Graumützchen‹
last!«
»Nun, was willst du?«
»Ich habe vorhin die Admiralin getroffen; sie dankte für die Einladung
und sprach ihre Freude aus, den jungen Dichter zu treffen!«
»Hat sie das gesagt?«
»Ja, das hat sie!«
»Hm! Nun, man kann sich ja getäuscht haben! Ich sage damit nicht, daß
man es getan hat! Du willst wohl wieder Geld haben?«
»Wieder? Wann habe ich denn zuletzt welches bekommen?«
»Hier! -- Geh nun! Aber verlange jetzt vor Weihnachten nicht noch
einmal etwas; du weißt, es ist ein schweres Jahr gewesen!«
»Nein, das weiß ich allerdings nicht! Alle Menschen sagen, es sei ein
gutes Jahr gewesen!«
»Für den Landwirt, ja! Aber nicht für die Versicherungsgesellschaft.
Adieu!«
Die Frau ging, und herein trat Fritz Levin, vorsichtig, als fürchte er
einen Hinterhalt.
»Was willst du?« begrüßte Falk ihn.
»Ach, ich wollte nur im Vorbeigehen einmal Guten Tag sagen!«
»Das ist gescheit! Ich wollte gerade mit dir sprechen!«
»Ach nein!«
»Du kennst den jungen Levi?«
»Ja, gewiß!«
»Lies dies Schriftstück; laut!«
Levin las laut: »Großartige Schenkung! Mit einer bei unsern Kaufleuten
heute nicht ungewöhnlichen Freigebigkeit hat der Großhändler Karl
Nikolaus Falk, um den Jahrestag einer glücklichen Ehe zu feiern, der
Direktion der Kinderkrippe Bethlehem eine Schenkungsurkunde über 20000
Kronen eingehändigt, wovon die eine Hälfte sofort, die andere Hälfte
nach dem Tode des edlen Spenders ausgezahlt wird. Das Geschenk ist von
um so größerem Wert dadurch, daß Frau Falk eine der Gründerinnen der
menschenfreundlichen Institution ist.«
»Ist das gut?« fragte Falk.
»Ausgezeichnet! Das bedeutet zu Neujahr den Wasa-Orden.«
»Nun, dann geh jetzt zu der Direktion, das heißt zu meiner Frau, mit
der Schenkungsurkunde und dem Geld, und dann suche den jungen Levi auf!
Verstehst du?«
»Gewiß!«
Falk gab ihm die Schenkungsurkunde, die auf Pergament geschrieben war,
und die Summe.
»Zähle nach, ob es stimmt,« sagte er.
Levin riß einen Stoß Papiere auf und machte große Augen. Es waren
fünfzig bedruckte Bogen für viele Kronen in allen möglichen Farben.
»Ist das Geld?« fragte er.
»Das sind Wertpapiere,« antwortete Falk, »fünfzig Aktien zu je
zweihundert Kronen vom Triton, die der Kinderkrippe Bethlehem
überwiesen werden.«
»Aha, der wird jetzt sinken, da die Ratten das Schiff verlassen!«
»Das hat niemand gesagt,« antwortete Falk mit einem boshaften Lachen.
»Ja, wenn es aber der Fall ist, dann wird die Kinderkrippe Konkurs
machen müssen!«
»Was geht das mich an, und dich noch weniger! Jetzt etwas anderes! --
Du mußt -- du weißt, was ich meine, wenn ich sage, du mußt --«
»Ich weiß, ich weiß; Gerichtsvollzieher, Scherereien, Schuldscheine --
sprich nur, sprich nur!«
»Du mußt zu meinem Diner am dritten Weihnachtstag Arvid herschaffen!«
»Ebensogut könnte ich drei Barthaare von dem Riesen holen! Siehst du
jetzt, wie gut es war, daß ich deinen Auftrag damals im Frühjahr nicht
ausgeführt habe? Habe ich nicht gleich geäußert, es würde so kommen?«
»Hast du? Was willst du geäußert haben? Halt jetzt den Mund und tu,
was ich sage: das war die Sache! -- Nun noch eins! -- Ich habe gewisse
Symptome von Reue bei meiner Frau bemerkt. Sie muß die Mutter oder eine
von den Schwestern getroffen haben. Weihnachten ist eine sentimentale
Jahreszeit. -- Geh nach dem Holm und heize etwas ein!«
»Das ist kein angenehmer Auftrag ...«
»Marsch! -- Der Nächste!«
Levin ging und wurde von Magister Nyström abgelöst, der durch eine
Tapetentür im Hintergrunde des Zimmers hereinkam, worauf die Tür
verschlossen wurde. Jetzt verschwand die Morgenzeitung, und das lange
schmale Buch kam zum Vorschein.
Nyström sah bedauerlich herabgekommen aus; sein Körper war auf ein
Drittel seines Volumens reduziert und sein Anzug äußerst dürftig. Er
blieb demütig an der Tür stehen, holte ein sehr verbrauchtes Notizbuch
aus der Tasche und wartete.
»Fertig?« fragte Falk und legte den Zeigefinger in das Buch.
»Fertig,« antwortete Nyström und öffnete das Notizbuch.
»Nummer 26. Leutnant Kling; 1500 Kronen. Bezahlt?«
»Nicht bezahlt!«
»Wird prolongiert mit Strafzinsen und Provision. Wird zu Hause
aufgesucht!«
»Empfängt zu Hause nie!«
»Dann muß man ihm brieflich androhen, ihn in der Kaserne aufzusuchen!
-- Nummer 27. Assessor Dahlberg: 800 Kronen. Wart einmal! Sohn des
Großhändlers, der auf 35000 geschätzt wird; kann vorläufig gestundet
werden, wenn er nur die Zinsen bezahlt! Behalte ihn im Auge!«
»Er bezahlt die Zinsen nie!«
»Muß auf Postkarte gemahnt werden, die ins Amt geschickt wird! --
Nummer 28. Hauptmann Stjernborst: 4000. Da haben wir den Jungen. Nicht
bezahlt?«
»Nicht bezahlt!«
»Schön! Verhaltungsmaßregeln: Wird um zwölf Uhr auf der Wache
aufgesucht. Anzug -- deiner, nämlich -- kompromittierend. Der rote
Überzieher, der an den Nähten gelb ist -- du weißt ja!«
»Das nützt nichts! Ich habe ihn im Winter im Gehrock im Wachlokal
aufgesucht!«
»Dann gehst du zu den Bürgen!«
»Da bin ich gewesen, und die haben mich zum Teufel geschickt! Die
Bürgschaft sei nur eine Formalität gewesen, sagten sie.«
»Dann suchst du ihn selbst einmal am Mittwochnachmittag um eins auf,
wenn er in der Direktion des Triton sitzt; nimm Andersson mit, damit
ihr zu zweien seid.«
»Das ist schon geschehen!«
»Nun, was machte die Direktion denn für ein Gesicht?« fragte Falk und
blinzelte mit den Augen.
»Sie sahen geniert aus!«
»Oh, taten sie das? Sahen sie wirklich geniert aus?«
»Ja, das taten sie!«
»Aber er selbst?«
»Er begleitete uns hinaus auf den Flur und sagte, er werde bezahlen,
wenn wir nur versprächen, ihn nie wieder dort aufzusuchen!«
»Ach so! Oho! Sitzt da zwei Stunden in der Woche für sechstausend
Kronen, weil er Stjernborst heißt! -- Warte einmal! Heute ist
Sonnabend! -- Du bist pünktlich halb eins im Triton; wenn du mich da
siehst, was sicher ist, so bitte -- keine Miene! -- Verstanden? Gut! --
Neue Gesuche?«
»Fünfunddreißig!«
»Ja ja! Morgen ist Weihnachten!«
Falk blätterte einen Stoß Schuldscheine durch; dann und wann glitt ein
Lächeln über seine Lippen, und ein vereinzeltes Wort entfuhr ihm.
»Herrgott! Ist es so weit mit ihm gekommen! Und der -- und der -- der
für so solide gilt! Ja ja, ja ja, ja ja! Das sind Zeiten! -- Ach, der
braucht Geld? Dann werde ich sein Haus kaufen ...«
Es klopfte an die Tür. Die Klappe wurde zugemacht, Papiere und
Katechismus waren wie fortgeblasen und Nyström ging durch die
Tapetentür hinaus.
»Um halb eins,« flüsterte Falk ihm nach. »Noch ein Wort! Hast du das
Gedicht fertig?«
»Ja,« ertönte es aus der Unterwelt.
»Gut! Halte Levins Schuldschein bereit, daß wir ihn der Kanzlei
vorlegen können. Ich werde ihm eines Tages den Garaus machen! Der
Teufel ist falsch!«
Darauf rückte er das Halstuch zurecht, zog die Manschetten vor und
öffnete die Tür zum Korridor.
»Ah, guten Tag, Herr Lundell! Ergebenster Diener! Bitte sehr, treten
Sie näher! Wie geht es? Ich hatte mich einen Augenblick
eingeschlossen!«
Es war wirklich Lundell, wie ein Kommis gekleidet, nach der letzten
Mode, mit Uhrkette, Ring, Handschuhen und Galoschen.
»Ich störe wohl, Herr Großhändler?«
»Nein, durchaus nicht! Glauben Sie, Herr Lundell, daß wir es bis morgen
fertig bekommen?«
»Muß es unbedingt morgen fertig sein?«
»Unbedingt! Die Krippe hat ein Fest, das ich gebe, und meine Frau soll
dies Porträt überreichen, damit es im Eßsaal aufgehängt wird!«
»Nun, dann darf es keine Hindernisse geben,« erwiderte Lundell und
holte ein fast fertiges Bild und eine Staffelei aus einem Kämmerchen.
»Wollen Herr Großhändler bitte einen Augenblick stillsitzen, dann kann
ich hier und da etwas korrigieren!«
»Bitte sehr! Bitte sehr! Ganz wie Sie wünschen!«
Falk warf sich auf einen Stuhl, schlug die Beine übereinander, nahm die
Haltung eines Staatsmanns an und setzte eine vornehme Miene auf.
»Bitte, sprechen Sie,« sagte Lundell. »Das Gesicht ist allerdings schon
an sich interessant, aber je mehr Nuancen des Charakters es ausdrücken
kann, desto besser!«
Falk lächelte, und ein Schein von Wohlgefallen und Zufriedenheit mit
sich selbst erhellte seine rohen Gesichtszüge.
»Sie speisen doch am dritten Weihnachtstag bei mir, Herr Lundell?«
»Danke sehr ...«
»Da werden Sie die Gesichter hochverdienter Männer studieren können,
die am Ende würdiger wären, auf der Leinwand festgehalten zu werden als
meins.«
»Ich werde vielleicht die Ehre haben, sie zu malen?«
»Sicher, wenn ich ein gutes Wort für Sie einlege!«
»Oh, glauben Sie wirklich?«
»Ganz sicher!«
»Jetzt habe ich eben einen neuen Zug gesehen. Bitte, behalten Sie
diese Miene bei. So! Vortrefflich! Ich fürchte, wir müssen heute den
ganzen Tag daranwenden, Herr Großhändler! Es bleiben noch eine Menge
Kleinigkeiten, die man nur so unter der Hand entdeckt. Ihr Gesicht ist
so reich an interessanten Zügen.«
»Nun, dann wollen wir zusammen im Restaurant essen! Und wir wollen uns
oft treffen, Herr Lundell, damit Sie Gelegenheit haben, mein Gesicht
besser zu studieren zu der zweiten Auflage -- die man doch immer gern
haben möchte! Ich muß wirklich sagen, Herr Lundell, es gibt wenige
Leute, die so angenehm auf mich wirken wie Sie ...«
»Oh, ich bitte ergebenst.«
»Und ich muß Ihnen sagen, mein Herr, daß ich sehr scharfsichtig bin und
Wahrheit von Schmeichelei wohl zu unterscheiden verstehe.«
»Das habe ich sofort gesehen,« erwiderte Lundell gewissenlos. »Mein
Beruf hat mir die Fähigkeit gegeben, Menschen zu beurteilen!«
»Sie haben Blick! Mich können in der Tat nicht viele Menschen richtig
beurteilen. Meine Frau zum Beispiel ...«
»Nun, das kann man von Frauen auch nicht verlangen.«
»Nein, habe ich das nicht immer gesagt? -- Hören Sie, darf ich Sie
nicht zu einem guten Glas Portwein einladen?«
»Danke sehr, Herr Großhändler, aber ich habe mir zum Prinzip gemacht
nie etwas zu trinken, wenn ich arbeite ...«
»Das ist sehr richtig! Dies Prinzip respektiere ich -- ich respektiere
Prinzipien immer -- um so mehr, wenn ich sie teile.«
»Aber wenn ich nicht arbeite, trinke ich gern ein Glas.«
»Ganz wie ich -- ganz wie ich!«
Es schlug halb eins. Falk sprang auf.
»Entschuldigen Sie mich, ich muß einen Augenblick in Geschäften fort,
aber ich werde sogleich wieder da sein!«
»Bitte sehr! Bitte sehr! Die Geschäfte gehen vor!«
Falk zog sich an und ging. Lundell blieb allein in dem Kontor.
Er steckte sich eine Zigarre an und betrachtete das Porträt. Wer sein
Gesicht jetzt beobachtet hätte, würde seine Gedanken nicht haben lesen
können, denn er hatte schon so viel Lebenskunst gelernt, daß er nicht
einmal der Einsamkeit seine Ansichten anvertraute, ja er hatte sogar
Angst, sie sich selber kundzutun.
Vierundzwanzigstes Kapitel
Über Schweden
Man war zum Dessert gekommen. Der Champagner funkelte in den Gläsern,
in denen sich die Lichtstrahlen des Kronleuchters in Nikolaus
Falks Eßsaal in der Wohnung an der Schiffsbrücke spiegelten. Arvid
nahm von allen Seiten freundliche Händedrücke mit Komplimenten und
Glückwünschen, Warnungen und Ratschlägen entgegen; alle wollten
sich einen Anteil an seinen Erfolgen sichern, denn jetzt war es ein
ausgesprochener Erfolg.
»Herr Assessor Falk! Ich habe die Ehre!« sagte der Präsident des
Kollegiums für Auszahlung der Beamtengehälter und nickte ihm über den
Tisch zu. »Das ist ein Genre, auf das ich mich verstehe!«
Falk nahm das verletzende Kompliment mit Ruhe entgegen.
»Warum schreiben Sie so melancholisch?« fragte eine junge Schönheit,
die rechts vom Dichter saß. »Man könnte glauben, Sie seien unglücklich
verliebt!«
»Herr Assessor Falk! Darf ich mir erlauben!« sagte der Chefredakteur
des ›Graumützchens‹ von links, indem er seinen langen blonden Bart
strich. »Warum schreiben Sie nicht für meine Zeitung, Herr Assessor?«
»Ich glaube, die Herren würden nicht drucken, was ~ich~ schreibe!«
antwortete Falk.
»Ich wüßte nicht, was uns hindern sollte!«
»Die Ansichten!«
»Oh! Das ist doch nicht so gefährlich damit! Das wird sich schon
ausgleichen! Wir haben ja gar keine Ansichten!«
»Prosit, Falk!« schrie der schon ganz ausgelassene Lundell über den
Tisch. »Heisa!«
Levi und Borg mußten ihn festhalten, damit er nicht aufstand und eine
Rede hielt.
Es war das erste Mal, daß er in so einer Gesellschaft war, und die
stattliche Versammlung und das glänzende Diner waren ihm zu Kopf
gestiegen; da aber alle Gäste sich in einem höheren Stadium befanden,
erregte er gleicherweise kein unliebsames Aufsehen.
Arvid Falk fühlte sich warm beim Anblick dieser Menschen, die ihn
wieder in ihrer Mitte aufgenommen hatten, ohne eine Erklärung zu
verlangen oder eine Abbitte zu fordern. Er hatte ein Gefühl von
Sicherheit, auf diesen alten Stühlen zu sitzen, die zu seinem
Elternhause gehört hatten; er erkannte mit Wehmut den großen
Tafelaufsatz wieder, der früher nur einmal im Jahre herausgeholt wurde;
aber die vielen neuen Menschen machten ihn zerstreut. Er ließ sich von
ihren freundlichen Mienen nicht täuschen; sie wollten ihm allerdings
nichts Böses tun, aber ihr Wohlwollen hing von einer Konjunktur ab.
Außerdem kam ihm die ganze Veranstaltung wie eine Maskerade vor. Was
für gemeinsame Interessen hatte Professor Borg, der Mann mit dem
großen wissenschaftlichen Ruf, mit seinem ungebildeten Bruder? Sie
waren in der gleichen Aktiengesellschaft! Was tat der hochmütige
Hauptmann Gyllenborst hier? Kam er her, um zu essen? Unmöglich, obwohl
die Menschen recht weit gehen, um zu essen. Und der Präsident? Und
der Admiral? Hier gab es unsichtbare Bande, starke, unlösliche Bande
vielleicht!
Die Freude ging hoch, doch das Lachen war zu schrill, der Witz
sprudelte, war aber säuerlich; Falk fühlte sich beklommen, und er hatte
das Gefühl, als blicke von dem Porträt, das über dem Klavier hing, das
Gesicht des Vaters zornig auf die Gesellschaft nieder.
Nikolaus Falk strahlte vor Zufriedenheit; er sah und hörte nichts
Unangenehmes, wich aber den Blicken des Bruders soviel er konnte aus.
Sie hatten noch kein Wort miteinander gewechselt, denn Arvid hatte sich
nach Levins Anweisung erst eingefunden, als alle Gäste versammelt
waren.
Das Diner näherte sich seinem Ende. Nikolaus hielt eine Rede auf »die
eigne Kraft und den festen Willen«, die den Menschen zum Ziel führen:
»zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit« und einer »Position«. »Dies
alles zusammen«, sagte der Redner, »verleih Selbstgefühl und gibt dem
Charakter die Festigkeit ohne die wir nichts ausrichten können; nichts
ausrichten im Dienst der Allgemeinheit, dem Höchsten, was wir erreichen
können; und dahin, meine Herren, streben wir doch alle, wenn wir wahr
sein wollen! Ich trinke auf das Wohl meiner geehrten Gäste, die heute
meinem Hause die Ehre geben, und hoffe, daß ich noch oft die gleiche
Ehre genießen werde!«
Darauf antwortete Hauptmann Gyllenborst, der schon etwas angeheitert
war, in einer längeren, scherzhaften Rede, die in einer andern Stimmung
und in einem andern Hause als skandalös bezeichnet worden wäre.
Er griff den kaufmännischen Geist an, der jetzt um sich gegriffen habe,
und erklärte scherzend, es fehle ihm gewiß nicht an Selbstgefühl,
obwohl er im höchsten Grade der wirtschaftlichen Unabhängigkeit
entbehre; er habe gerade heute vormittag eine Affäre recht unangenehmer
Art gehabt, -- trotzdem jedoch habe er Charakterstärke genug besessen,
zu diesem Diner zu gehen; und was seine gesellschaftliche Position
betreffe, so halte er sie für ebenso gut wie die irgendeines andern
Menschen -- und dieser Meinung seien auch andere, da er ja doch die
Ehre habe, an dieser Tafel, bei diesen scharmanten Gastgebern zu
sitzen!
Als er geendet hatte, atmete die Gesellschaft erleichtert auf, denn
»man habe das Gefühl gehabt, als zöge eine Gewitterwolke vorüber«,
bemerkte die Schöne zu Arvid Falk, der dieser Äußerung lebhaft
zustimmte.
Es war so viel Lüge, so viel Falschheit in der Luft, daß Falk sich
beklommen fühlte und sich hinaussehnte. Er sah, wie diese Menschen,
die ganz sicher ehrenhaft und achtenswert waren, gleichsam an einer
unsichtbaren Kette gingen, an der sie dann und wann mit erstickter
Wut zerrten -- ja, Hauptmann Gyllenborst behandelte den Wirt wirklich
mit offener, wenn auch scherzhafter Verachtung. Er steckte sich im
Salon eine Zigarre an, nahm unpassende Stellungen ein und beachtete
die Damen nicht. Er spuckte auf die Steine vor dem Ofen, kritisierte
unbarmherzig die Öldrucke an den Wänden und sprach seine Verachtung für
Mahagonimöbel aus. Die übrigen Herren beobachteten ein indifferentes,
ihrer selbst würdiges Benehmen und schienen Dienst zu tun.
Erregt und unzufrieden verließ Arvid Falk unbemerkt die Gesellschaft
und ging fort. Auf der Straße stand Olle Montanus und wartete auf ihn.
»Ich habe wirklich nicht geglaubt, daß du kommen würdest,« sagte Olle.
»Es ist so schön hell da oben!«
»Ach deshalb! Ich wollte, du wärst dabei gewesen!«
»Nun, wie macht Lundell sich unter feinen Leuten?«
»Beneide ihn nicht! Er wird auch noch bittere Tage haben, wenn er
Porträtmaler werden will! -- Laß uns jetzt von etwas anderm sprechen!
Ich habe mich wirklich so nach diesem Abend gesehnt, wo ich die
Arbeiter aus der Nähe sehen soll! Oh, ich glaube, nach diesem Qualm
wird es wie frische Luft sein! Mir ist, als dürfte ich in den Wald
gehen, nachdem ich in einem Krankenhaus darniedergelegen habe! Ich
werde doch nicht auch dieser Illusion beraubt werden?«
»Der Arbeiter ist mißtrauisch, du mußt also vorsichtig sein!«
»Ist er edel? Ist er frei von Kleinlichkeit? Oder hat der Druck ihn
verdorben?«
»Du wirst ja sehen! Es ist vieles in der Welt anders, als man sich
vorstellt!«
»Ja, leider Gottes, das ist es!«
Nach einer halben Stunde befanden sie sich in dem großen Saal des
Arbeitervereins Nordstern, der schon vollbesetzt war. Falks schwarzer
Frack machte keinen guten Eindruck, und er mußte manchen unfreundlichen
Blick aus finsteren Gesichtern entgegennehmen.
Olle stellte Falk einem langen, hageren, hustenden Manne von
fanatischem Aussehen vor:
»Tischler Eriksson!«
»Ach,« sagte der, »ist das auch ein Herr, der Reichstagsabgeordneter
werden will? Dazu sieht er mir doch zu schmächtig aus!«
»Nein, nein,« sagte Olle, »er kommt für die Zeitung!«
»Was für eine Zeitung? Es gibt so viele Sorten von Zeitungen!
Vielleicht ist er hier, um sich über uns lustig zu machen!«
»Nein, durchaus nicht,« sagte Olle, »er ist ein Arbeiterfreund und will
alles für euch tun!«
»So so, das ist etwas anderes! Aber ich habe Angst vor solchen Herren;
wir hatten einen, der bei uns wohnte, das heißt in demselben Haus oben
auf dem Weißen Berge; er war der Vizewirt -- Struve hieß die Kanaille!«
Ein Hammerschlag ertönte, und ein Mann in mittleren Jahren setzte sich
auf den Präsidentenstuhl. Das war Stellmacher Löfgren, Stadtverordneter
und Inhaber der Medaille +Litteris et Artibus+. Durch Übung in der
Wahrnehmung kommunaler Ämter hatte er sich eine große Routine erworben,
und sein Äußeres hatte ein Gepräge von Würde angenommen, das Stürme
beschwichtigen und Aufruhr eindämmen konnte. Eine große Richterperücke
beschattete ein breites Gesicht, das mit Backenbart und Brille geziert
war.
Neben ihm saß der Sekretär, in dem Falk einen Diätar aus dem großen
Amt wiedererkannte. Dieser trug einen Kneifer und drückte durch ein
bäurisches Grinsen seine Mißbilligung über das meiste aus, was geäußert
wurde. Auf der ersten Bank unterhalb der Tribüne saßen die vornehmsten
Mitglieder, Offiziere, Beamte, Großhändler, die alle loyalen Anträge
kräftig unterstützten und mit überlegenem parlamentarischen Geschick
alle Reformprojekte niederstimmten.
Das Protokoll wurde vom Sekretär verlesen und von der ersten Bank
genehmigt. Darauf wurde der erste Punkt der Tagesordnung vorgetragen.
»Der vorbereitende Ausschuß stellt dem Arbeiterverein Nordstern anheim,
der Mißbilligung Ausdruck zu geben, die jeder rechtdenkende Bürger
hinsichtlich der ungesetzlichen Bewegungen empfinden muß, die unter dem
Namen Streik durch fast ganz Europa gehen.
Will der Verein ...«
»Jawohl,« schrie die erste Bank.
»Herr Vorsitzender!« rief der Tischler vom Weißen Berge.
»Wer lärmt da hinten?« fragte der Vorsitzende und blickte mit einer
Miene unter der Brille durch, als wolle er den Rohrstock holen.
»Hier lärmt keiner; ich wollte nur ums Wort bitten,« sagte der
Tischler.
»Wer ist ich?«
»Tischlermeister Eriksson!«
»Sind Sie Meister? Wann sind Sie das geworden?«
»Ich bin ausgelernter Geselle und habe nie die Mittel gehabt, meine
Meisterprüfung zu machen, aber ich bin ebenso geschickt wie irgendein
anderer, und ich arbeite selbständig! Das kann ich sagen!«
»Tischlergeselle Eriksson, wollen Sie sich bitte setzen und uns nicht
weiter stören. -- Hält der Verein die Frage für bejaht?«
»Herr Vorsitzender!«
»Um was handelt es sich?«
»Ich bitte ums Wort! Können Sie nicht hören, Herr?« brüllte Eriksson.
»Eriksson hat das Wort,« wurde im Hintergrunde gemurmelt.
»Geselle Eriksson -- schreiben Sie sich mit x oder mit z?« fragte der
Vorsitzende, dem der Sekretär soufflierte.
Lautes Lachen ertönte auf der vordersten Bank.
»Ich schreibe mich überhaupt nicht, meine Herren, ich diskutiere!«
sagte der Tischler mit funkelnden Augen; »das tue ich! Wenn ich das
Wort in der Gewalt hätte, würde ich sagen: die Streikenden haben recht,
denn wenn die Meister und Prinzipale fett werden, die nichts weiter
tun als herumlaufen und scherwenzeln bei Audienzen und solchem Scheiß,
so hat das den Schweiß der Arbeiter gekostet! Aber wir wissen recht
gut, warum ihr unsere Arbeit nicht bezahlen wollt: weil wir dann das
Wahlrecht zum Reichstag bekommen würden, und davor hat man Angst ...«
»Herr Vorsitzender!«
»Herr Rittmeister von Sporn!«
»Und wir wissen recht gut, daß die Steuereinschätzungskommission die
Steuer herabsetzt, sobald sie eine bestimmte Höhe erreicht. Wenn ich
das Wort in der Gewalt hätte, würde ich noch viel mehr sagen, aber es
hat so wenig Zweck ...«
»Herr Rittmeister von Sporn!«
»Herr Vorsitzender, meine Herren! Es ist höchst unerwartet, daß in
einer Versammlung wie dieser, die sich durch ihr würdiges Verhalten
(noch kürzlich bei dem königlichen Beilager) einen so guten Namen
gemacht hat, Personen ohne allen parlamentarischen Takt einen
achtenswerten Verein durch schamlose und rücksichtslose Verachtung
aller Formen kompromittieren dürfen. Glauben Sie mir, meine Herren,
so etwas könnte nicht geschahen in einem Lande, wo man von Jugend auf
militärische Zucht lernt ...«
(»Allgemeine Wehrpflicht!« sagte Eriksson zu Olle.)
»... wo man sich daran gewöhnt, sich selbst und andere zu beherrschen!
Ich spreche die gemeinsame Hoffnung aus, daß ein so störender
Zwischenfall nicht wieder vorkommt unter uns ... ich sage uns ...
denn ich bin auch Arbeiter ... wir sind alle Arbeiter vor dem ewigen
Gott ... ich sage das in meiner Eigenschaft als Mitglied dieses
Vereins, und der Tag würde ein Tag der Trauer sein, an dem ich die
Worte zurücknehmen müßte, die ich kürzlich in einer andern Versammlung
-- jawohl, es war in dem Nationalverein der Freunde der allgemeinen
Wehrpflicht -- geäußert habe: Ich denke hoch von dem schwedischen
Arbeiter!«
»Bravo! Bravo! Bravo!«
»Hält der Verein den Antrag des vorbereitenden Ausschusses für
angenommen?«
»Ja! Ja!«
»Zweiter Punkt: Auf den Antrag eines Mitgliedes des Arbeitsausschusses
wird dem Verein anheimgestellt, zu der bevorstehenden Konfirmation
Seiner Königlichen Hoheit des Herzogs von Dalsland in Anerkennung der
Dankesschuld, die der schwedische Arbeiter dem Königshaus gegenüber
hat, und besonders als Ausdruck der Mißbilligung jener Arbeiterunruhen,
die unter dem Namen Kommune die Hauptstadt Frankreichs verheeren, eine
Sammlung für eine Ehrengabe zu veranstalten, deren Wert allerdings
dreitausend Kronen nicht übersteigen dürfte.«
»Herr Vorsitzender!«
»Herr Doktor Haberfeld!«
»Nein, ich war es, Eriksson, ich bitte ums Wort!«
»Ach so! Nun! Eriksson hat das Wort!«
»Ich möchte darauf hinweisen, daß nicht der Arbeiter die Kommune in
Paris gemacht hat; sie ist gemacht von Beamten, Advokaten, Offizieren,
gerade von den Wehrpflichtigen -- und von Zeitungsschreibern. Wenn ich
das Wort in der Gewalt hätte, so würde ich die Herren bitten, ihre
Gefühle in einem Album zur Konfirmation auszudrücken!«
»Hält der Verband den Antrag des Arbeitsausschusses für angenommen?«
»Ja! Ja!«
Und nun begann ein Schreiben der Schreiber und ein Kollationieren und
ein Schwatzen wie im Reichstag selbst.
»Geht das hier immer so zu?« fragte Falk.
»Finden Sie das lustig, Herr?« antwortete Eriksson. »Man möchte sich
die Haare ausreißen! Ich nenne dies Korruption und Verrat. Lauter
Eigennutz und Schändlichkeit; keiner, der ein Herz hätte, der sich der
Sache annimmt; deshalb kommt es auch, wie es kommt!«
»Was kommt denn?«
»Wir werden ja sehen!« sagte der Tischler und ergriff Olles Hand.
»Bist du bereit?« fuhr er fort. »Sieh dich nur vor, denn hier wirst du
kritisiert!«
Olle nickte schlau.
»Ornamentbildhauergeselle Olof Montanus will einen Vortrag über
Schweden halten,« begann der Vorsitzende. »Das Thema ist sehr
umfangreich, finde ich, und etwas allgemein gehalten, aber wenn er
verspricht, es in einer halben Stunde zu erledigen, so wollen wir
zuhören; oder was meinen die Herren?«
»Jawohl!«
»Herr Montanus, bitte, treten Sie vor!«
Olle schüttelte sich wie ein Hund, ehe er zum Sprung ansetzt, und ging
durch die Menge hindurch, die ihn mit den Blicken musterte.
Der Vorsitzende eröffnete eine kleine Unterhaltung mit der ersten Bank,
und der Sekretär gähnte, ehe er eine Zeitung zur Hand nahm, um zu
zeigen, wie wenig er auf den Vortrag zu hören gedenke.
Olle aber stieg auf die Tribüne, senkte seine großen Augenlider, kaute
ein paarmal, um die Zuhörer glauben zu machen, er wolle anfangen, und
als es wirklich stillgeworden war, so still, daß man hören konnte, was
der Vorsitzende zu dem Rittmeister sagte, begann er.
»Über Schweden. -- Einige Gesichtspunkte.«
Eine Pause entstand.
»Meine Herren! Es dürfte wohl mehr als eine unverbürgte Annahme sein,
daß die fruchtbarste Idee, die kraftvollste Bestrebung unserer Zeit die
ist, das kurzsichtige Nationalgefühl aufzuheben, das die Völker trennt
und sie als Feinde einander gegenüberstellt; wir haben die Mittel
gesehen, die hierbei angewendet werden -- Weltausstellungen und ihre
Wirkungen -- die Ehrendiplome!«
(Man sah sich fragend an. »Was war das für eine Stichelei?« sagte
Eriksson. »Das kam etwas unerwartet, sonst war es gut!«)
»Die schwedische Nation marschiert, wie immer, so auch hier, an der
Spitze der Zivilisation; sie hat in höherem Grade als irgendein anderes
Kulturvolk die kosmopolitische Idee fruchtbar zu machen gewußt und
hat, wenn man nach der Statistik urteilen darf, schon sehr vieles
erreicht. Hierzu haben ungewöhnlich günstige Umstände beigetragen,
über die ich jetzt einen kurzen Überblick geben will, um dann zu etwas
Leichterverständlichem wie der Regierungsform, der Grundsteuer und
ähnlichem überzugehen.«
(»Das wird lang,« sagte Eriksson und puffte Falk in die Seite; »aber er
ist amüsant!«)
»Schweden ist, wie man weiß, ursprünglich eine deutsche Kolonie,
und die Sprache, die sich bis in unsere Tage ziemlich rein
erhalten hat, ist Plattdeutsch in zwölf Dialekten. Dieser Umstand,
nämlich die Schwierigkeit für die Provinzen, sich untereinander zu
verständigen, hat als mächtiger Faktor der Entwicklung des ungesunden
Nationalitätsbegriffs entgegengearbeitet. Andere glückliche Umstände
wieder haben einem einseitigen deutschen Einfluß entgegengewirkt, der
früher einmal so weit gegangen ist, daß Schweden eine Deutschland
einverleibte deutsche Provinz war, nämlich unter Albrecht von
Mecklenburg. Hierzu rechne ich zunächst die Eroberung der dänischen
Provinzen, Schonen, Halland, Blekinge, Bohuslän und Dalsland. Schwedens
reichste Provinzen sind von Dänen bewohnt, die noch heute die Sprache
ihres Landes sprechen und sich weigern, die schwedische Herrschaft
anzuerkennen.«
(»Worauf in Jesu Namen will er hinaus? Ist er verrückt?«)
»Der Schone zum Beispiel sieht noch heutigentags Kopenhagen als
Hauptstadt an, und die Vertreter Schonens bilden im Reichstag die
regierungsfeindliche Partei. Ähnlich ist auch die Situation in dem
dänischen Göteborg, das Stockholm nicht als Reichshauptstadt anerkennt.
Da haben aber jetzt die Engländer die Initiative ergriffen und eine
Kolonie angelegt. Diese Nation, die englische, fischt längs der Küste
und hat während des Winters in der Stadt fast den gesamten Großhandel
in den Händen; im Sommer fahren sie wieder nach Hause und genießen
die gesammelten Schätze in ihren Landhäusern im schottischen Hochland.
Übrigens ein prächtiges Volk! Die Engländer halten sich auch eine
große Zeitung, in der sie ihre eigenen Taten rühmen, ohne die fremden
geradezu zu schmähen.
Dann haben wir die zahlreichen Einwanderungen in Betracht zu ziehen,
die dann und wann stattgefunden haben. Wir haben Finnen in den
finnischen Wäldern, haben sie aber auch in der Hauptstadt, wohin
sie unter den schwierigen politischen Verhältnissen in ihrer Heimat
ausgewandert sind.
In unseren größeren Eisenwerken gibt es eine Unmenge von Wallonen,
die im siebzehnten Jahrhundert ins Land kamen und noch heute ihr
gebrochenes Französisch sprechen. Bekanntlich hat ein Wallone in
Schweden die neue Staatsverfassung eingeführt, die Wallonien entlehnt
ist. Tüchtige Leute, und sehr ehrlich!«
(»Nein, was in ... soll das heißen!«)
»Zu Gustaf Adolfs Zeiten strömte eine Menge schottischen Gesindels ins
Land und verdingte sich als Soldaten, wodurch viele von ihnen auch ins
Ritterhaus kamen!
An der Ostküste gibt es viele Familien, deren Traditionen von der
Einwanderung aus Livland und den andern slawischen Provinzen sprechen,
weshalb man hier oft rein tatarische Typen trifft.
Ich stelle die Behauptung auf, daß das schwedische Volk auf dem besten
Wege ist, sich zu entnationalisieren! Schlagen Sie das Wappenbuch des
schwedischen Adels auf, und zählen Sie die schwedischen Namen, die Sie
treffen. Wenn das mehr als fünfundzwanzig Prozent sind, so können Sie
mir die Nase abschneiden, meine Herren!
Schlagen Sie aufs Geratewohl das Adreßbuch auf; ich habe selbst den
Buchstaben G nachgezählt: von vierhundert Namen waren zweihundert
ausländische. Welches sind die Ursachen? Es gibt ihrer viele,
die vornehmsten aber sind: die ausländischen Dynastien und die
Eroberungskriege. Wenn man sich überlegt, wieviel Gesindel auf dem
schwedischen Thron gesessen hat, so wundert man sich, daß die Nation
noch heute so monarchisch ist. Hätte unsere Verfassung eine Bestimmung
aufzuweisen, wonach der schwedische König stets ein Ausländer sein
müßte, so würde dadurch unbedingt unser Ziel, die Entnationalisierung,
geradeswegs erreicht werden, und das ist auch geschehen! Daß das Land
durch Anschluß an fremde Nationen gewinnen kann, ist meine Überzeugung,
denn verlieren kann es nichts, weil man nichts verlieren kann, was man
nicht hat. Der Nation fehlt ganz einfach die Nationalität; das hat
Tegnér im Jahre 1811 entdeckt und kurzsichtigerweise beklagt; da war
es jedoch bereits zu spät, denn die Rasse war durch die Aushebungen
während der dummen Eroberungskriege schon verdorben. Von der einen
Million Einwohner, die es zu Gustaf Adolfs Zeiten im Lande gab, wurden
siebzigtausend zeugungsfähige Männer ausgehoben und ruiniert. Wie viele
Karl +X.+, +XI.+ und +XII.+ ruiniert haben, ist mir
nicht bekannt, aber man kann sich vorstellen, was für eine Rasse die
Zuhausebleibenden erzeugen konnten, da sie ja doch Ausschuß waren.
Ich kehre zu meinem Auspruch zurück, daß uns die Nationalität fehlt.
Kann jemand mir etwas Schwedisches in Schweden nennen, außer unsern
Fichten, Tannen und Eisenbergwerken, die für den Weltmarkt bald
überflüssig sein werden? Was sind unsere Volkslieder? Französische,
englische und deutsche Romanzen, in schlechten Übersetzungen! Was sind
die Volkstrachten, deren Verschwinden wir bedauern? Alte Überbleibsel
von den Trachten der Edelleute des Mittelalters. Schon zu Gustafs
+I.+ Zeit verlangten die Talmänner, man solle alle die bestrafen,
die ausgeschnittene und bunte Kleider trügen. Wahrscheinlich waren
die bunten Hofgewänder, die burgundische Tracht, noch nicht zu den
Talfrauen hinuntergekommen! Und sicher haben sie seitdem viele
Modeveränderungen durchgemacht.
Nennen Sie mir eine schwedische Dichtung, ein Kunstwerk, eine
Musikschöpfung, die so spezifisch schwedisch ist, daß sie sich von
allem Nichtschwedischen unterscheidet! Zeigen Sie mir ein schwedisches
Gebäude! Es gibt keins, und wenn es eins gibt, so ist es entweder
schlecht oder es ist nach ausländischem Muster gemacht.
Ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich behaupte, daß die
schwedische Nation eine unbegabte, hochmütige, sklavische, neidische,
kleinliche und rohe Nation ist! Und deshalb geht sie ihrem Untergang
entgegen, und zwar mit Riesenschritten!«
(Jetzt erhob sich Lärm im Saal! Vereinzelte Hochrufe auf Karl
+XII.+ übertönten jedoch den Spektakel.)
»Meine Herren, Karl +XII.+ ist tot, lassen wir ihn bis zum
nächsten Jubelfeste ruhen! Ihm in der Hauptsache haben wir unsere
Entnationalisierung zu danken, und deshalb bitte ich die Herren,
mit mir in ein vierfaches Hurra einzustimmen: Meine Herren! Karl
+XII.+ lebe hoch!«
»Ich muß die Versammlung zur Ordnung rufen!« schrie der Vorsitzende.
»Kann man sich wohl etwas Dümmeres denken, als daß ein Volk vom
Ausland lernen muß, Dichter zu werden? Was sind das für Ochsen,
die sechzehnhundert Jahre hinter dem Pfluge hergehen und nicht auf
den Gedanken kommen, Lieder zu dichten! Da aber kam ein lustiger
Bruder von Karls +XI.+ Hof und zerstörte das ganze Werk der
Entnationalisierung! Früher schrieb man deutsch, jetzt sollte
schwedisch geschrieben werden! Ich muß deshalb die Herren bitten,
mit mir in den Ruf einzustimmen: Nieder mit dem dummen Hund Georg
Stjernhelm!«
(»Wie hieß er? Edvard Stjernström!« Der Vorsitzende schlägt mit dem
Hammer auf den Tisch. Unruhe. »Es ist genug! Nieder mit dem Verräter!
Er macht sich über uns lustig!«)
»Die schwedische Nation kann nur schreien und schlagen, das höre ich!
Und da ich nicht weitersprechen darf und nicht zur Regierung und auf
die Krongüter komme, so will ich nur sagen, daß solche servilen Lümmel,
wie ich heute abend hier gehört habe, reif für den Absolutismus sind.
Und ihr werdet ihn bekommen! Verlaßt euch drauf! Ihr bekommt den
Absolutismus!«
(Ein Puff von hinten stieß dem Redner, der sich jetzt an das Pult
klammerte, um sich festzuhalten, das Wort aus dem Halse.)
»Und ein undankbares Geschlecht, das die Wahrheit nicht hören will ...«
(»Schmeißt ihn raus! Haut ihn kaputt!« Olle wurde von der Tribüne
hinuntergeworfen, aber noch im letzten Augenblick schrie er wie ein
Wahnsinniger, während er Püffe und Schläge hinnahm: »Es lebe Karl
+XII.+! Nieder mit Georg Stjernhelm!«)
Olle und Falk waren auf der Straße.
»Was war dir nur?« fragte Falk; »warst du von Sinnen?«
»Ja, das war ich, glaube ich! Ich hatte fast sechs Wochen lang meine
Rede gelernt, ich wußte aufs Haar, was ich sagen wollte, aber als
ich dann dastand und all diese Augen sah, da zerbrach es; meine
ganze kunstvolle Beweisführung stürzte zusammen wie ein Gerüst, ich
fühlte den Boden unter den Füßen schwinden und alle Gedanken kamen
durcheinander. War es sehr falsch?«
»Ja, es war schlimm, und die Zeitungen werden über dich herfallen.«
»Ja, es ist zu traurig! Und ich dachte, es sei alles so klar! Aber es
war doch schön, ihnen eins zu versetzen!«
»Auf diese Weise schadest du deiner Sache und kannst nie mehr
öffentlich sprechen!«
Olle seufzte.
»Was um Gottes willen hattest du mit Karl +XII.+ zu schaffen? Das
war das Schlimmste von allem!«
»Frage mich nicht, ich weiß nichts!«
»Liebst du den Arbeiter noch?« fuhr Falk fort.
»Ich bedaure ihn, weil er sich von Glücksrittern verführen läßt, und
ich werde seine Sache nie im Stich lassen, denn seine Sache ist das
Problem der nächsten Epoche, und eure ganze Politik ist dagegen nicht
einen roten Heller wert!«
Olle und Falk wanderten durch die Straßen, kamen dann wieder in die
Stadt hinunter und schritten die Neue Straße entlang, wo sie ins Café
Naples gingen.
Es war jetzt zwischen neun und zehn Uhr, und das Café war sozusagen
leer. Nur ein einziger Gast saß an einem Tisch in der Nähe des Büfetts.
Er las aus einem Buch der Kellnerin vor, die neben ihm saß und nähte.
Es sah sehr nett und gemütlich aus, mußte aber Falk stark irritieren,
denn er machte eine heftige Bewegung, und sein Gesichtsausdruck
veränderte sich.
»Sellén! Bist du hier! Guten Abend, Beda!« sagte Falk mit einer
erkünstelten Herzlichkeit, die ihm sehr fremd war, indem er die Hand
des jungen Mädchens ergriff.
»Ach, Bruder Falk!« sagte Sellén. »Verkehrst du hier auch? Ich habe
mir schon gedacht, daß so etwas los sei, da wir uns so selten im Roten
Zimmer sehen!«
Falk und Beda wechselten einen Blick. Das junge Mädchen hatte für
seine Stellung ein distinguiertes Aussehen; ein feines, intelligentes
Gesicht, das einen leidvollen Ausdruck trug; eine schlanke Gestalt,
mit einem eigenwilligen, aber keuschen Linienspiel; die Augen gingen
an den Winkeln etwas nach oben, als wollten sie ein Unglück vom
Himmel erspähen, konnten aber im übrigen alle Spiele spielen, die eine
momentane Laune zu ersinnen vermochte.
»Wie ernst du bist,« sagte sie zu Falk und blickte auf ihre Näherei
nieder.
»Ich bin in einer ernsten Versammlung gewesen,« sagte Falk und errötete
wie ein Mädchen. »Was lest ihr denn da?«
»Ich habe die Zueignung zum Faust gelesen,« sagte Sellén und streckte
seine Hand aus, um mit Bedas Nähzeug zu spielen.
Eine dunkle Wolke zog über Falks Gesicht. Das Gespräch wurde gezwungen
und unerträglich. Olle saß in Betrachtungen versunken da, die sich um
Selbstmord zu drehen schienen.
Falk ließ sich eine Zeitung geben und bekam den »Unbestechlichen«.
Plötzlich fiel ihm ein, daß er nachzusehen vergessen habe, was der
über seine Gedichte schrieb. Er schlug die Zeitung auf und richtete
die Augen auf die dritte Seite; da fand er, was er suchte. Es waren
keine Schmeicheleien, aber auch keine Grobheiten, denn der Artikel
war von wirklichem und tiefem Interesse diktiert. Der Rezensent fand
Falks Poesie nicht schlechter und nicht besser als die der sonstigen
Zeitgenossen, aber ebenso egoistisch und bedeutungslos; sie handele
nur von den Privatangelegenheiten des Verfassers, von unerlaubten
Beziehungen, erdichteten oder wirklichen, kokettiere mit kleinen
Sünden, trauere aber nicht über die großen; sie sei keine Spur besser
als die englische Boudoirpoesie, und der Verfasser hätte ruhig sein
Porträt vor den Text setzen sollen, dann wäre das Buch wenigstens
illustriert gewesen usw. Diese einfachen Wahrheiten machten einen
tiefen Eindruck auf Falk, der nur die Reklame im »Graumützchen«, die
Struve geschrieben hatte, und die von persönlichem Wohlwollen diktierte
Rezension im »Rotkäppchen« gelesen hatte. Er verabschiedete sich kurz
und stand auf, um zu gehen.
»Willst du schon fort?« fragte Beda.
»Ja. Treffen wir uns morgen?«
»Ja, wie gewöhnlich. Gute Nacht!«
Sellén und Olle gingen mit ihm.
»Das ist ein nettes Kind!« sagte Sellén, nachdem sie eine Weile stumm
dahingegangen waren.
»Ich möchte dich bitten, dich etwas zurückhaltender über sie zu
äußern!«
»Ach, du bist in sie verliebt, scheint mir?«
»Ja, das bin ich, und ich hoffe, du verzeihst es mir!«
»Bitte sehr, ich will dir nicht hinderlich sein!«
»Und ich bitte dich, nichts Schlechtes von ihr zu denken ...«
»Nein, das tue ich auch nicht! Sie ist beim Theater gewesen ...«
»Woher weißt du das? Das hat sie mir nie erzählt!«
»Nein, aber mir! Man darf diesen kleinen Teufeln nie glauben!«
»Nun, dabei ist ja nichts Schlimmes! -- Ich gedenke sie sobald ich kann
aus dieser Stellung wegzunehmen; unser Verkehr beschränkt sich darauf,
daß wir morgens um acht nach dem Hagapark gehen und Wasser aus der
Quelle trinken.«
»Wie unschuldig! Soupiert ihr nie abends zusammen?«
»Ich bin noch nie auf den Gedanken gekommen, ihr einen so unpassenden
Vorschlag zu machen, den sie mit Verachtung zurückweisen würde. Du
lachst! Tu es nur! Ich glaube noch an ein Weib, das liebt, welcher
Klasse es auch angehören, ja, was für Abenteuer es auch früher gehabt
haben mag. Sie hat mir gesagt, ihr Weg sei nicht rein gewesen, aber ich
habe versprochen, sie nie nach dem Vergangenen zu fragen!«
»Es ist also ernst?«
»Ja, es ist ernst!«
»Das ist etwas anderes! Gute Nacht, Bruder Falk! Olle, du kommst wohl
mit mir!«
»Gute Nacht!«
»Armer Falk,« sagte Sellén zu Olle; »jetzt muß er auch das
Spießrutenlaufen durchmachen; aber es muß so sein! Das ist wie
Zahnwechsel; es wird kein Mann aus einem, ehe man nicht seine
Geschichte gehabt hat!«
»Wie ist das Mädel denn?« fragte Olle aus reiner Höflichkeit, denn
seine Gedanken waren weit weg.
»Sie ist in ihrer Art recht nett; aber Falk nimmt die Sache ernst; das
tut sie scheinbar auch, solange sie glaubt, ihn erobern zu können;
zieht es sich aber in die Länge, so wird sie der Sache überdrüssig,
und es ist nicht sicher, daß sie sich nicht doch unterdes anderweitig
Zerstreuung sucht. Nein, ihr könnt solche Affären nicht richtig
behandeln; man muß nicht so lange trödeln, sondern gleich zupacken,
sonst kommt einem ein anderer in den Weg. Hast du nie so etwas erlebt,
Olle?«
»Ich hatte ein Kind mit unserer Magd daheim auf dem Lande; deshalb hat
Vater mich aus dem Hause geworfen. Seitdem hab ich die Weiber nicht
mehr anspucken mögen!«
»Das war ja nicht sehr verwickelt! Aber betrogen zu werden, wie man
es nennt, das spürt man, das kannst du mir glauben. Oh! Oh! Oh! Man
muß Nerven haben wie Geigensaiten, wenn man dies Spiel spielen will.
Wir werden sehen, wie Falk die Feuerprobe besteht; manche nehmen so
etwas sehr tief, und das ist dumm! -- Ach so, die Tür ist auf! Tritt
ein, Olle! Ich hoffe, das Bett ist gemacht, damit du recht gut liegst!
Aber du mußt meine alte Aufwärterin entschuldigen, daß sie die Betten
nicht ordentlich aufschüttelt; sie hat so schwache Hände, daher wird es
vielleicht ein bißchen knollig und hart sein.«
Sie waren die Treppen hinaufgeklettert und langten nun oben an.
»Tritt ein, tritt ein!« sagte Sellén. »Es scheint, daß Stafva hier
gelüftet hat oder auch gescheuert; ich finde, es riecht so feucht.«
»Du machst Witze! Hier kann doch niemand scheuern, es ist ja kein
Fußboden da!«
»Ist kein Fußboden da? Das ist etwas anderes. Wo ist er denn geblieben?
Vielleicht ist er verbrannt worden? Nun, einerlei! Dann werden wir auf
unserer Mutter Erde schlafen, oder auf dem Schutt, was es nun auch
ist.«
Und sie legten sich in den Kleidern auf die Bodenfüllung, nachdem sie
mit Stücken Malerleinwand und alten Skizzen ein Lager hergerichtet
hatten, und schoben sich beide ihre Brieftasche unter den Kopf. Olle
machte Feuer, holte einen Stearinkerzenstummel aus der Hosentasche und
stellte ihn neben sich auf den Fußboden; ein schwacher Lichtschein
irrte in dem großen leeren Atelier umher und schien den Massen von
Finsternis, die sich durch die kolossalen Fenster hereinstürzen
wollten, heftigen Widerstand entgegenzusetzen.
»Es ist kalt heute abend,« sagte Olle und holte ein schmieriges Buch
heraus.
»Kalt! Aber nein! Es sind zwanzig Grad draußen, da sind hier im Zimmer
mindestens dreißig, wo wir so hoch wohnen. Wie spät mag es wohl sein?«
»Mir war, als hätte es vorhin von Johannis eins geschlagen.«
»Johannis? Die haben gar keine Uhr! Die sind so arm, daß sie sie
versetzt haben.«
Eine lange Pause entstand, die erst von Sellén unterbrochen wurde.
»Was liest du, Olle?«
»Das ist egal!«
»Ist das egal? Mußt du nicht höflich sein, wenn du zu Besuch bist?«
»Es ist ein altes Kochbuch, das Ygberg mir geliehen hat.«
»Nein, Teufel auch, das ist es? Oh, dann wollen wir etwas lesen; ich
habe heute nichts gegessen als eine Tasse Kaffee und drei Glas Wasser!«
»Was willst du denn haben?« sagte Olle und blätterte in dem Buch.
»Willst du ein Fischgericht haben? Weißt du, was Mayonnaise ist?«
»Mayonnaise? Nein! Lies das! Das klingt gut!«
»Also hör zu. Nummer 139, Mayonnaise. Butter, Mehl und etwas englischer
Senf werden geschwitzt und mit guter Bouillon verquirlt. Wenn es kocht,
werden einige Eigelb hineingequirlt, worauf die Soße erkalten muß ...«
»Nein, zum Teufel, davon wird man nicht satt ...«
»Oh, es ist noch nicht zu Ende. Feines Speiseöl, Weinessig, etwas Sahne
und weißen Pfeffer -- ja, jetzt sehe ich, daß es nichts taugt. Willst
du etwas Kräftigeres haben?«
»Schlage Kohlrollen auf; das ist mein Leibgericht!«
»Nein, ich kann nicht mehr laut lesen, laß mich!«
»Ach, lies doch!«
»Nein, laß mich jetzt in Ruh!«
Es wurde wieder still. Dann erlosch das Licht, und es wurde ganz
dunkel.
»Gute Nacht, Olle! Deck dich gut zu, damit du nicht frierst!«
»Womit soll ich mich zudecken?«
»Ja, das weiß ich nicht! Findest du dies Dasein nicht herrlich?«
»Ich möchte wissen, warum man sich nicht das Leben nimmt, wenn es so
kalt ist.«
»Das darf man nicht. Ich finde es interessant, zu sehen, wie es
schließlich kommt.«
»Hast du Eltern, Sellén?«
»Nein, ich bin unehelich; und du?«
»Ja! Aber das ist egal!«
»Du mußt der Vorsehung dankbar sein, Olle! Man muß der Vorsehung immer
dankbar sein -- obwohl ich nicht weiß, was es eigentlich für einen
Zweck hat! Es muß wohl so sein!«
Es wurde wieder still; diesmal war Olle der Störenfried.
»Schläfst du?«
»Nein, ich liege und denke an die Gustav-Adolf-Statue; willst du
glauben, daß ...«
»Frierst du nicht?«
»Frieren? Hier ist es doch so warm!«
»Mein rechter Fuß ist ganz abgestorben!«
»Zieh dir den Farbenkasten über und stopfe die Pinsel neben dich, dann
wird es besser.«
»Glaubst du, daß je ein Mensch es so schwer gehabt hat wie wir?«
»Schwer? Haben wir es schwer? Wir haben doch ein Dach überm Kopf!
Es gibt Professoren der Akademie, mit Dreimaster und Degen, die es
viel schlechter haben. Professor Lundström hat den halben April im
Hopfenparktheater geschlafen! Das finde ich stilvoll! Er hatte die
ganze linke Loge für sich, und er behauptet, es sei nach ein Uhr nachts
nicht ein Parkettplatz freigewesen, im Winter immer gut besucht, aber
im Sommer schlecht! Gute Nacht, du, jetzt schlafe ich!«
Und Sellén schnarchte. Olle jedoch stand auf und ging im Zimmer hin und
her, bis es im Osten hell wurde; da erbarmte der Tag sich seiner und
schenkte ihm die Ruhe, die die Nacht ihm nicht gegönnt hatte.
Fünfundzwanzigstes Kapitel
In letzter Stunde
Und der Winter verging, langsam für die Unglücklichen, schneller für
die weniger Unglücklichen. Und der Frühling kam mit seinen zunichte
gewordenen Hoffnungen auf Sonne und Grün, bis der Sommer da war als
eine kurze Vorbereitung auf den Herbst.
Eines Maimorgens ging der Schriftsteller Arvid Falk in glühender
Sonnenhitze über die Schiffsbrücke nach der Redaktion der
»Arbeiterfahne« und sah zu, wie am Hafen die Schiffe aus- und
eingeladen wurden. Sein Äußeres war nicht so gepflegt wie früher,
sein schwarzes Haar länger, als die Mode guthieß, und sein Bart a la
Henri +IV.+ gewachsen, was seinem abgemagerten Gesicht einen fast
wilden Ausdruck gab. Seine Augen brannten in einem unheilverkündenden
Feuer, das den Fanatiker oder den Trinker zu verraten pflegt. Er schien
unter den Schiffen zu wählen, konnte sich aber schwer entschließen.
Nach langem Zögern trat er auf einen Matrosen zu, der einen Karren mit
Warenballen auf eine Brigg rollte. Er lüftete höflich den Hut.
»Wollen Sie mir bitte sagen, wohin dies Schiff geht?« fragte er
schüchtern, obwohl er in einem sehr kühnen Ton zu sprechen glaubte.
»Schiff? Ich sehe kein Schiff!«
Und die Umstehenden lachten.
»Aber wenn Sie wissen wollen, wohin die Brigg geht, so lesen Sie da!«
Falk fühlte sich aus der Fassung gebracht, stachelte sich aber selber
auf und fuhr in heftigem Ton fort:
»Können Sie auf eine höfliche Frage nicht eine höfliche Antwort geben?«
»Sie? Scher dich zur Hölle und steh nicht herum und schimpfe! --
Aufgepaßt!«
Das Gespräch war zu Ende, und Falk faßte endlich einen Entschluß.
Er machte kehrt, ging durch eine Gasse über den Kaufmannsmarkt
und bog in die Kindstustraße ein. Hier blieb er vor der Tür eines
schmutzigen Hauses stehen. Wieder zögerte er, denn seine Hauptsünde,
die Unentschlossenheit, konnte er nicht überwinden. Da kam ein
kleiner, zerlumpter, schielender Bengel gelaufen, die Hand voll langer
Korrekturfahnen, und wollte an Falk vorbei, als dieser ihn anhielt.
»Ist der Redakteur oben?« fragte er.
»Ja, er ist schon seit sieben Uhr da,« antwortete der Junge außer Atem.
»Hat er nach mir gefragt?«
»Ja, schon mehrmals!«
»Ist er böse?«
»Ja, das ist er immer!«
Und der Junge schoß wie ein Pfeil die Treppen hinauf. Falk aber
folgte ihm unmittelbar und betrat das Redaktionszimmer. Es war ein
Loch mit zwei Fenstern nach der dunklen Straße; vor jedem stand ein
ungestrichener Holztisch mit Papier, Federhaltern, Zeitungen, Schere
und Leimflasche.
An dem einen Tisch saß unser alter Freund Ygberg, in einem zerlumpten
schwarzen Gehrock, und las Korrektur; an dem andern Tisch, der Falk
gehörte, saß ein Herr in Hemdärmeln, mit einer schwarzseidenen Mütze
auf dem Kopf, ähnlich wie die Kommunards sie tragen. Sein Gesicht war
mit einem roten Vollbart bewachsen, und seine untersetzte Gestalt mit
den groben Formen verriet den Arbeiter. Als Falk eintrat, machte der
Kommunard eine heftige Bewegung mit den Beinen unter dem Tisch und
krempelte die Hemdärmel auf, wobei eine blaue Tätowierung, bestehend
aus einem Anker und einem angelsächsischen +R+, sichtbar wurde.
Darauf ergriff er die Schere, stach sie mitten durch das erste Blatt
einer Morgenzeitung, machte einen Ausschnitt und sagte in rauhem Ton,
dem angeredeten Falk den Rücken kehrend:
»Wo sind Sie gewesen, Herr?«
»Ich war krank,« sagte Falk trotzig, wie er selbst meinte, aber
demütig, wie Ygberg hinterher versicherte.
»Das ist gelogen! Sie haben gesoffen, Herr! Sie sind gestern abend im
Naples gewesen; ich habe Sie gesehen!«
»Nun, das darf ich doch tun ...«
»Sie können sitzen, wo Sie wollen, Herr, aber hier haben Sie pünktlich
zu sein, auf den Glockenschlag, nach Vereinbarung! Jetzt ist es schon
ein Viertel nach acht! Ich weiß, solche Herren, die sich an der
Universität herumgetrieben haben, wo sie so schrecklich viel zu lernen
glauben, können sich nicht an Ordnung und Lebensart gewöhnen. Ist es
nicht ungeschliffen, zu spät zu kommen? Benehmen Sie sich nicht wie
ein Tölpel, Herr, wenn Sie Ihren Arbeitgeber Ihre Arbeit tun lassen?
Wie? Augenblicklich ist alles auf den Kopf gestellt, das sehe ich! Die
Arbeitnehmer kujonieren die Meister, das heißt die Arbeitgeber, und die
Kapitalisten sind die Unterdrückten! So ist es!«
»Seit wann haben Sie diese Ansicht, Herr Redakteur?«
»Seit wann? -- Seit eben, Herr! Seit eben! Aber ich hoffe, deswegen
ist die Ansicht doch gut! Ich habe jedoch auch noch etwas anderes
entdeckt! Sie sind ja ein ungebildeter Mensch, Herr! Sie können ja
nicht Schwedisch! Bitte, sehen Sie her! Was steht hier? Lesen Sie! ›Wir
hoffen, daß alle, die im nächsten Jahr zur Übung eingezogen werden‹ --
hat man so etwas schon gehört? ›alle, die ...‹«
»Ja, das ist richtig,« sagte Falk.
»Das ist richtig? Wie können Sie das behaupten, Herr! Es heißt: alle
die, welche; also muß man schreiben: ›alle die, welche‹.«
»Ja, wenn ...«
»Oh, keine gelehrten Redensarten; damit kommt man nicht weiter! Solchen
Unsinn müssen Sie mir nicht vorsetzen, Herr! -- Nun, und dann schreiben
Sie exserzieren nur mit x, obwohl es ex-serzieren heißt! Schweigen Sie!
Heißt es ex-erzieren oder ex-serzieren? Antworten Sie!«
»Man sagt allerdings ...«
»Man sagt, also heißt es ex-serzieren; denn es kann nicht anders
heißen, als man sagt! Vielleicht bin ich dumm, alles in allem,
vielleicht kann ich nicht einmal Schwedisch sprechen! Ich habe es
jedenfalls korrigiert! Sehen Sie her! Lesen Sie jetzt weiter und seien
Sie ein andermal pünktlicher!«
Er sprang mit einem Aufschrei vom Stuhl auf und gab dem Korrekturjungen
eine schallende Ohrfeige.
»So, du sitzt am hellen Tage da und schläfst, du Lümmel! Dich will ich
lehren, wachzubleiben! Du bist noch nicht zu alt, Prügel zu kriegen!«
Er nahm das Opfer beim Gürtel, warf es auf einen Haufen unverkaufter
Zeitungen und prügelte es mit seinem Leibriemen, den er abgeschnallt
hatte.
»Ich habe nicht geschlafen, ich habe nicht geschlafen, ich habe nur die
Augen zugemacht!« schrie der Junge unter Schmerzen.
»So, du leugnest auch noch! Du hast lügen gelernt; aber ich werde dich
lehren, die Wahrheit zu sagen! -- Hast du geschlafen, oder hast du
nicht geschlafen? Sage jetzt die Wahrheit, sonst gibt es ein Unglück!«
»Ich habe nicht geschlafen,« stotterte der Unglückliche, der noch zu
jung und zu unschuldig war, um sich mit einer Lüge aus dem Dilemma
retten zu können.
»So, du leugnest noch! Du bist mir ein verstockter Lümmel! So frech zu
lügen!«
Er wollte gerade daran gehen, den jungen Wahrheitsfanatiker noch weiter
zu bestrafen, als Falk aufstand, auf den Redakteur zuging und mit
fester Stimme sagte:
»Schlagen Sie den Jungen nicht; ich habe gesehen, daß er nicht
schlief!«
»Nein, höre einer an! Sie sind mir ein netter Knabe! ›Schlagen Sie den
Jungen nicht!‹ Wer hat das gesagt? Mir war, als hätte ich eine Mücke
vorm Ohr summen hören! Ich habe mich wohl verhört! Das hoffe ich! Das
hoffe ich zu Gott! -- Herr Ygberg! Sie sind ein anständiger Mann! Sie
haben nicht studiert! Hören Sie, haben Sie vielleicht zufällig gesehen,
ob der Junge, den ich hier wie einen Fisch an den Hosenträgern halte,
haben Sie gesehen, ob er geschlafen hat, Herr?«
»Wenn er nicht geschlafen hat,« erwiderte Ygberg sanftmütig und
einschmeichelnd, »so war er wohl gerade im Begriff, einzuschlafen.«
»Das ist die rechte Antwort! Herr Ygberg, wollen Sie mir bitte den
Hosenbund festhalten, während ich mit meinem Stock einen Jüngling die
Wahrheit sprechen lehre!«
»Sie haben kein Recht, ihn zu schlagen,« sagte Falk. »Wenn Sie ihn
anrühren, öffne ich das Fenster und rufe einen Polizisten herauf.«
»Ich bin der Prinzipal, und ich schlage meine Lehrlinge! Er ist ein
Lehrling, denn er soll später in die Redaktion! Das soll er, obwohl
manche akademisch gebildeten Leute glauben, daß man eine Zeitung nicht
ohne ihre Hilfe redigieren kann. Sag einmal, Gustav, lernst du nicht
das Zeitungswesen? Was? Antworte jetzt, aber sprich die Wahrheit, sonst
...«
Die Tür öffnete sich, und ein Kopf sah herein -- es war ein sehr
ungewöhnlicher Kopf, der an diesem Ort recht ungewohnt wirkte, aber es
war ein sehr bekannter Kopf, denn er war fünfmal abgebildet worden.
Jedenfalls hatte dieser bedeutungslose Kopf die Wirkung, daß der
Redakteur in einen Rock schlüpfte und den Leibriemen umschnallte, sowie
eine Verbeugung machte und ein Grinsen aufsteckte, das von großer Übung
zeugte.
Der Staatsmann fragte, ob der Herr Redakteur zu sprechen sei, worauf
eine befriedigende Antwort erfolgte, während der letzte Rest des
Arbeiters verschwand, indem die Barrikadenmütze vom Kopf genommen
wurde.
Die beiden Herren traten in das Privatgemach des Redakteurs, und die
Tür wurde gut hinter ihnen verschlossen.
»Mich soll wundern, was der Graf jetzt für Pläne hat,« sagte Ygberg und
setzte sich selbstherrlich auf seinen Stuhl, wie ein Schuljunge, wenn
der Lehrer fortgeht.
»Das soll mich gar nicht wundern,« sagte Falk, »denn jetzt glaube
ich zu wissen, was für ein Schelm er ist, und was für ein Schelm der
Redakteur ist; aber mich wundert das eine, wie du aus einem Rindvieh
ein ehrloser Hund hast werden können, der sich zu Schändlichkeiten
hergibt.«
»Du mußt nicht so heftig sein, lieber Freund! -- Aber du warst ja über
Nacht nicht im Plenum!«
»Nein! Nach meiner Ansicht ist der Reichstag für andere als private
Interessen bedeutungslos. Wie ist es mit der schlechten Geschäftslage
des Triton abgelaufen?«
»In allgemeiner Abstimmung wurde beschlossen, der Staat solle, in
Anbetracht der großen nationalen Idee des patriotischen Unternehmens,
die Obligationen übernehmen, während die Gesellschaft liquidiert ...
das heißt die laufenden Geschäfte abwickelt!«
»Das heißt -- der Staat stützt das Haus, während das Fundament
einstürzt, so daß die Direktoren Zeit haben, sich in Sicherheit zu
bringen.«
»Du hättest lieber gesehen, daß all die kleinen ...«
»Weiß schon! Weiß schon! All die kleinen Rentiers -- jawohl, ich würde
lieber sehen, daß sie mit ihrem kleinen Kapital arbeiten, als daß sie
faulenzen und damit wuchern, aber am liebsten würde ich sehen, daß die
Betrüger ins Zuchthaus kämen, dann würden betrügerische Unternehmungen
nicht ermutigt. Das nennt man politische Ökonomie! Pfui Teufel! --
Übrigens: Du trachtest nach meinem Posten! Du sollst ihn haben! Du
sollst nicht da in deiner Ecke sitzen und bittere Gedanken gegen mich
hegen, weil du in der Korrektur hinter mir auskehren und aufräumen
mußt. Ich habe da drinnen bei diesem Freiheitshund, den ich verachte,
zu viele Artikel ungedruckt liegen, als daß ich hier noch länger sitzen
und Räubergeschichten für ihn aufschneiden möchte. Das ›Rotkäppchen‹
war mir zu konservativ, die ›Arbeiterfahne‹ aber ist mir zu schmutzig!«
»Gut, daß du deine Hirngespinste aufgibst und vernünftig wirst! Geh du
zum ›Graumützchen‹, da hast du eine Zukunft!«
»Ich gebe das Hirngespinst auf, daß die Sache der Unterdrückten
in guten Händen liegt, und ich glaube, es wäre eine große Aufgabe,
die Allgemeinheit darüber aufzuklären, was die öffentliche Meinung,
besonders die gedruckte, in Wirklichkeit ist, und wie sie entsteht,
aber die Sache selbst gebe ich nie auf!«
Die Tür zum Zimmer des Redakteurs öffnete sich wieder, und herein kam
der Redakteur selbst. Er blieb mitten im Zimmer stehen und sagte mit
unnatürlich geschmeidiger, fast höflicher Stimme:
»Herr Assessor, wollen Sie bitte die Redaktionsgeschäfte führen in
meiner Abwesenheit -- ich muß auf einen Tag in einer höchst wichtigen
Angelegenheit verreisen. Der Assistent kann Ihnen bei den laufenden
Arbeiten helfen. Der Herr Graf bleibt eine Weile in meinem Zimmer --
ich hoffe, die Herren werden dem Herrn Grafen behilflich sein, wenn er
etwas wünscht.«
»Bitte sehr, das ist nicht nötig!« rief der Graf aus dem Zimmer, wo er
über ein Manuskript gebeugt saß, das im Entstehen war.
Der Redakteur ging, und merkwürdigerweise entfernte sich der Graf
ungefähr zwei Minuten später, das heißt nach genau so langer Zeit,
wie nötig war, um sich nicht in Begleitung des Redakteurs der
»Arbeiterfahne« zeigen zu müssen.
»Bist du sicher, daß er gleich abreist?« fragte Ygberg.
»Ich hoffe es!« sagte Falk.
»Dann gehe ich nach der Mönchsbrücke und sehe zu, wie die Frauen
einkaufen. Übrigens, hast du Beda seitdem getroffen?«
»Seit wann?«
»Ach, seit sie das Café Naples verlassen und sich eine Wohnung gemietet
hat!«
»Woher weißt du das?«
»Du mußt versuchen, ruhig zu sein, Falk! Sonst nimmt es ein schlimmes
Ende mit dir!«
»Ja, ich muß es wohl versuchen, sonst verliere ich den Verstand! Dies
Mädchen, das ich so geliebt habe, so sehr! Sie hat mich so schändlich
betrogen! Was sie mir verweigerte, das hat sie diesem dicken Krämer
gegeben! Und weißt du, was sie mir geantwortet hat? Sie sagte: das
beweise die Reinheit ihrer Liebe zu mir!«
»Das ist eine feine Dialektik! Und sie hat recht, denn die Prämisse ist
ganz richtig: sie liebt dich noch immer?«
»Sie verfolgt mich wenigstens!«
»Und du?«
»Ich hasse sie, so tief man hassen kann; aber ich fürchte ihre Nähe!«
»Das heißt, du liebst sie noch!«
»Laß uns von etwas anderm reden!«
»Du mußt dich beruhigen, Falk! Sieh mich an! Jetzt gehe ich aber weg
und sonne mich; man muß doch sein Dasein in seiner zeitlichen Existenz
genießen. Gustav, du kannst auf eine Stunde an den deutschen Brunnen
hinuntergehen und Knopf spielen, wenn du magst.«
Falk war allein. Die Sonne schien mit aller Macht auf das schräge
Dach gegenüber und durchglühte jetzt das Zimmer; er öffnete das
Fenster und blickte hinaus, um frische Luft zu schöpfen, aber ihm
schlug der betäubende Geruch aus der Gosse entgegen; er ließ den
Blick nach rechts hinüberschweifen durch die engen Gassen, und sah
ganz hinten in der Ferne ein Stück von einem Dampfer, ein paar
Wellen des Mälar, die im Sonnenschein glänzten, und eine Partie des
Schinderbuchtberges, der jetzt erst hier und da in den Schluchten
etwas Grün aufwies. Er dachte an die Leute, die auf diesem Dampfer
in die Sommerfrische fahren würden, die in den Wellen baden und ihr
Auge an dem Grün erlaben konnten. Nun aber begann der Klempner unten
zu hämmern, daß Haus und Fensterscheiben zitterten. Ein paar Arbeiter
fuhren einen rasselnden, stinkenden Karren vorbei, und aus der Kneipe
gegenüber strömte ein Geruch von Branntwein, Dünnbier, Sägespänen und
Tannenreisern. Er zog den Kopf zurück und setzte sich an seinen Tisch;
vor ihm lagen wohl hundert Provinzzeitungen zum Ausschneiden bereit.
Er zog die Manschetten aus und begann die Durchsicht. Sie rochen nach
Kienruß und Öl und färbten ab -- das war der Haupteindruck; was er
des Ausschneidens wert fand, durfte er nicht nehmen, denn er mußte an
das Programm seiner Zeitung denken. Wenn die Arbeiter einer Fabrik
dem Werkmeister eine silberne Schnupftabaksdose geschenkt hatten, so
war das sofort auszuschneiden; wenn aber ein Prinzipal der Kasse der
Arbeiter fünfhundert Kronen stiftete, so mußte er daran vorbeigehen.
Wenn der Herzog von Halland einen Rammblock eingeweiht und Direktor
Trälund ein Gedicht darauf gemacht hatte, so mußte er das mit Gedicht
und allem ausschneiden, »denn so etwas lesen die Leute gern«;
konnte er etwas Geringschätziges hinzufügen, so war es um so besser,
sie kriegten es dann wenigstens zu hören. Im übrigen galt für das
Ausschneiden die folgende Regel: alles Rühmliche über Journalisten und
Arbeiter, alles Schmähliche über Geistliche, Militärs, große Kaufleute
(nicht kleine), Akademiker, berühmte Schriftsteller und Juristen.
Außerdem mußte er mindestens einmal wöchentlich die Direktion des
königlichen Theaters angreifen, sowie die leichtsinnigen Singspiele
der kleinen Theater im »Namen der Moral und der Sittlichkeit«
herunterreißen, denn der Redakteur hatte bemerkt, daß die Arbeiter
diese Theater nicht liebten. Einmal monatlich mußten Stadtverordnete
der Verschwendung bezichtigt (und verurteilt) werden, wobei, so oft
sich die Gelegenheit bot, die Regierungsform angegriffen werden sollte,
aber nicht die Regierung. Strenge Zensur hatte der Redakteur sich bei
Attentaten auf gewisse Reichstagsabgeordnete und gewisse Minister
vorbehalten. Auf welche? Das war ein Geheimnis, das nicht einmal der
Redakteur kannte, denn das hing von den Konjunkturen ab, und die
vermochte nur der geheime Verleger der Zeitung zu beurteilen.
Falk arbeitete mit seiner Schere, bis seine eine Hand schwarz war, und
er klebte; aber die Leimflasche gab einen so ekelhaften Geruch von
sich, und die Sonne brannte so heiß; die arme Aloe, die wie ein Kamel
dursten und alle Stiche einer gereizten Stahlfeder ertragen konnte,
sah sehr betrübt aus und machte den wüstenartigen Eindruck grauenhaft
lebendig; sie hatte lauter schwarze Punkte von Stichen, und ihre
Blätter schossen wie ein Bündel Eselsohren aus der wie Schnupftabak
trocknen Erde auf. Etwas Ähnliches mochte Falk vorschweben, denn er
saß in Gedanken versunken, und ehe er es bereuen konnte, hatte er alle
Ohrzipfel abgeschnitten. Dann, vielleicht um das Gewissen zu betäuben,
vielleicht um etwas zu tun zu haben, strich er Leim auf die Wunden und
sah zu, wie die Sonne es trocknete; darauf überlegte er eine Weile, wo
er Mittagessen herbekommen werde, denn er war auf den Weg geraten, der
zur Verdammnis führt, das heißt auf den Weg der sogenannten »schlechten
Verhältnisse«; schließlich steckte er sich eine Pfeife Knaster an und
ließ den betäubenden Rauch aufsteigen und sich in dem kurzlebigen
Sonnenschein baden. Das stimmte ihn milder gegen das arme Schweden,
wie es sich nach der Meinung der Leute in den Tages-, Wochen- und
Halbwochenbulletins, die man Zeitungen nennt, darstellte. Er legte
die Schere beiseite, warf die Zeitungen in eine Ecke und teilte mit
der Aloe brüderlich den Inhalt der Tonkaraffe; dabei fand er, daß die
Ärmste aussah, als seien ihr die Flügel beschnitten -- wie eine Ente
zum Beispiel, die auf dem Kopf im Schlamm steht und nach irgend etwas
gräbt -- vielleicht nach Perlen, oder doch wenigstens nach Muscheln
ohne Perlen. Dann packte ihn wieder die Verzweiflung, wie der Gerber
mit seinen langen Haken, und stieß ihn zu Boden, hinunter in den
Schmutz, wo er präpariert werden sollte, bevor das Messer kam und ihm
die Haut abschabte, damit er würde wie andere Menschen. Und er fühlte
keine Gewissensbisse, keine Reue über ein verfehltes Leben, sondern
ganz einfach Verzweiflung darüber, in seiner Jugend sterben zu müssen,
den geistigen Tod, bevor er hatte wirken können, Verzweiflung darüber,
wie ein unnützes Rohr, wie dürres Holz ins Feuer geworfen zu werden!
Von der Deutschen Kirche schlug es elf, und nun setzte das Glockenspiel
ein: »Wie groß ist des Allmächtigen Güte« und »Mein Leben ist ein
Wellenspiel«; gewissermaßen von derselben Idee erfaßt begann ein
italienischer Leierkasten mit der obligaten Flötenstimme »An der
schönen blauen Donau« aufzuspielen; soviel Musik auf einmal brachte
neues Leben in den Klempner, der mit verdoppeltem Eifer sein Blech
vornahm; all dieser Lärm war schuld, daß Falk nicht hörte, wie die
Tür sich öffnete und zwei Personen eintraten. Die eine war eine
lange, magere, finstere Gestalt mit Habichtsnase und Polkahaar, die
andere ein dicker, blonder, untersetzter Mann, dessen Gesicht blank
vom Schweiß war und große Ähnlichkeit mit dem Tier hatte, das bei den
Hebräern für das unreinste von allen galt. Ihr Äußeres deutete auf eine
Beschäftigung hin, die weder die Seelen- noch die Körperkräfte zu sehr
in Anspruch nahm; es war jenes unbestimmte Etwas, das Unregelmäßigkeit
in Arbeit und Lebensweise verrät.
»Pst!« flüsterte der Lange; »bist du allein?«
Falk schien von dem Besuch halb angenehm, halb unangenehm überrascht zu
sein.
»Ich bin sogar ganz allein; der Rote ist verreist.«
»Oh, dann komm mit und iß mit uns!«
Dagegen hatte Falk nichts einzuwenden; er schloß das Büro zu und ging
mit den beiden in die Kneipe »Stern« in der Österlangstraße, wo sie
sich in der dunkelsten Ecke niederließen.
»Ach, sieh da, Branntwein!« sagte der Dicke, und seine erloschenen
Augen leuchteten beim Anblick der Branntweinflasche.
Aber Falk, der hauptsächlich deshalb mitgegangen war, um Teilnahme und
Trost zu finden, schenkte den aufgetischten Herrlichkeiten nicht die
gebührende Aufmerksamkeit.
»Ich habe mich schon lange nicht so unglücklich gefühlt,« sagte er.
»Nimm dir ein Brötchen mit Hering!« sagte der Lange. »Wir wollen
Rydinger Kümmelkäse essen. -- Pst! Kellner! Mischung Blomberg!«
»Könnt ihr mir jetzt einen guten Rat geben?« versuchte Falk wieder;
»ich halte es bei dem Roten nicht länger aus und muß suchen ...«
»Pst! Kellner! Bergmanns Hartbrot! -- Trink doch, Falk, und rede keinen
Unsinn!«
Falk war aus dem Sattel geworfen und machte keine weiteren Versuche,
auf diese Art Linderung seiner geistigen Not zu finden; er schlug einen
andern nicht ungewöhnlichen Weg ein.
»Sagtest du, wir wollten trinken? Für mein Leben gern!«
Es floß wie Gift durch seine Adern, denn er war nicht an Alkohol am
Vormittag gewöhnt; aber er empfand ein wunderliches Wohlbehagen
bei den Essensgerüchen und dem Fliegengesumme und dem Duft des
halbverfaulten Blumenstraußes, der neben dem schmutzigen Tafelaufsatz
stand. Sogar die schlechte Gesellschaft mit der unsauberen Wäsche, den
fleckigen Anzügen und den ungekämmten Galgenphysiognomien harmonierte
so sehr mit seiner eigenen Erniedrigung, daß er eine wilde Freude
empfand.
»Gestern sind wir im Tiergarten gewesen und haben gesoffen!« sagte
der Dicke, um in der Erinnerung die verflossenen Genüsse noch einmal
durchzukosten.
Dagegen hatte Falk nichts einzuwenden, und seine Gedanken schlugen
sofort eine andere Richtung ein.
»Ist es nicht schön, einmal vormittags frei zu sein?« sagte der Lange,
der die Rolle des Versuchers übernommen zu haben schien.
»Ja, das ist schön,« antwortete Falk und wollte mit einem Blick durch
das Fenster seine Freiheit gewissermaßen messen, aber er sah nur eine
Feuerleiter und einen Müllkasten auf dem Hof, auf den nur der schwache
Widerschein des Sommerhimmels hinunterdrang.
»Jetzt trinken wir einen Schnaps! So! -- Ah! -- Nun, und der Triton?
Hahahaha!«
»Du mußt nicht lachen,« sagte Falk; »es werden so viele arme Leute
darunter leiden!«
»Was für arme Leute? Arme Kapitalisten? Hast du Mitleid mit Leuten,
die nicht arbeiten, sondern von ihrem Gelde leben? Nein, mein Junge,
du hast immer noch deine Vorurteile! Aber in der ›Hornisse‹ stand
eine lustige Geschichte von einem Großhändler, der der Kinderkrippe
Bethlehem 20000 Kronen geschenkt und dafür den Wasa-Orden bekommen
hatte; nun stellt sich aber heraus, daß es Triton-Aktien mit
solidarischer Haftung waren, und jetzt muß die Krippe Konkurs machen!
Ist das nicht köstlich? Die Aktiva bestehen aus fünfundzwanzig
Kinderbetten und einem Ölbilde eines unbekannten Meisters. Das ist doch
herrlich! Das Porträt wird auf fünf Kronen geschätzt! Ist das nicht
köstlich? Hahahaha!«
Falk fühlte sich von dem Thema, das er besser kannte als die andern,
unangenehm berührt.
»Nun, hast du gesehen, daß das ›Rotkäppchen‹ den Schwindel mit
Skönström entlarvt hat, der Weihnachten diese elenden Gedichte
herausgegeben hat?« sagte der Dicke. »Es war direkt erfreulich, einmal
ein wahres Wort über diesen Kerl zu lesen. Ich habe ihm in der ›Natter‹
ein paar Hiebe versetzt, daß es nur so pfiff.«
»Ja, aber du bist etwas ungerecht gegen ihn gewesen, seine Verse waren
nicht schlecht,« sagte der Lange.
»Schlecht? Sie waren doch viel schlechter als meine, die das
›Graumützchen‹ so heruntergerissen hat -- du erinnerst dich wohl!«
»Apropos, Falk, bist du im Tiergartentheater gewesen?« fragte der
Lange.
»Nein.«
»Schade!«
»Da grassiert jetzt die Lundholmsche Räuberbande! Das ist ein frecher
Lümmel, kann ich dir sagen. Er hatte der ›Natter‹ keine Billette
geschickt, und als wir gestern hingingen, schmeißt er uns raus! Das
soll er büßen! Willst du dir den Hund nicht vornehmen? Hier hast du
Papier und Bleistift. Erst schreibe ich! ›Theater und Musik. Das
Tiergartentheater.‹ Nun schreibst du.«
»Aber ich habe seine Truppe ja nicht gesehen!«
»Was tut das, zum Teufel? Hast du noch nie über etwas geschrieben, was
du nicht gesehen hast?«
»Nein, das habe ich nicht; ich habe Schwindel entlarvt, aber ich habe
nie Unschuldige angegriffen, und seine Truppe kenne ich nicht.«
»Oh, die ist elend! Lauter Pack!« bestätigte der Dicke. »Spitze deinen
Bleistift und stich ihn in die Ferse, was du so gut kannst!«
»Warum stecht ihr nicht selbst?« fragte Falk.
»Weil die Setzer unseren Stil kennen, und die pflegen abends da draußen
eine Rolle zu spielen. Übrigens ist Lundholm ein so jähzorniger Kerl,
der kommt sicher ins Büro gerast, und dann muß man es ihm unter die
Nase reiben können, daß es eine Meinungsäußerung eines Unparteiischen
ist! Ja, wenn Falk über Theater schreibt, so nehme ich mir die Musik
vor. Es ist doch in dieser Woche in der Kirche in Ladugaardsland ein
Konzert gewesen. -- Hieß er nicht Daubry mit y?«
»Nein, mit i,« antwortete der Dicke. »Vergiß nur nicht, daß er Tenor
war und das +Stabat mater+ gesungen hat!«
»Wie schreibt sich das?«
»Das können wir gleich nachsehen,« sagte der dicke Redakteur der
›Natter‹ und nahm einen Stoß schmieriger Zeitungen vom
Gasmesserschrank.
»Hier hast du das ganze Programm, und ich glaube, es steht auch eine
Rezension in der Zeitung.«
Falk konnte sich eines Lachens nicht erwehren.
»Es kann doch nicht eine Rezension drinstehen am selben Tag, wo die
Annonce erscheint?«
»Das kann es schon! Aber es ist nicht nötig, denn ich werde dies
französische Pack schon noch rezensieren. -- Nimm du dir nur die
Literatur vor, Dickus!«
»Schicken die Verleger der ›Natter‹ Bücher?« fragte Falk.
»Bist du verrückt?«
»Kauft ihr sie selbst, nur um das Vergnügen zu haben, sie zu
rezensieren?«
»Kaufen? -- Grünschnabel! Nimm dir noch ein Glas und mache ein heiteres
Gesicht, dann kriegst du ein Kotelett!«
»Ihr lest wohl die Bücher gar nicht, die ihr rezensiert?«
»Wer sollte denn Zeit haben, Bücher zu lesen, he? Genügt es nicht, daß
man darüber schreibt? Man liest die Zeitungen, das ist hinreichend!
Übrigens ist es unser Prinzip, alle runterzumachen!«
»Aber das ist doch ein dummes Prinzip!«
»Unsinn! Dadurch zieht man alle Gegner und Neider der Dichter auf seine
Seite -- und da hat man doch die Majorität. Die Neutralen lesen lieber
Grobheiten über andere als Lobesworte! Es liegt für den Unbeachteten
etwas Erbauliches und Tröstliches darin, zu sehen, wie dornenvoll der
Weg des Ruhms ist. Nicht wahr?«
»Ja, aber wie kann man so mit den Schicksalen der Menschen umgehen!«
»Oh, das tut Alten und Jungen sehr gut, das weiß ich, denn ich habe in
meiner Jugend nie etwas anderes als Grobheiten zu hören bekommen!«
»Aber ihr führt das Urteil des Publikums irre.«
»Das Publikum will gar kein Urteil haben, das Publikum will seine
Passionen befriedigt sehen. Wenn ich deinen Gegner lobe, windest du
dich wie ein Wurm und sagst, ich hätte kein Urteil; wenn ich deinen
Freund lobe, sagst du, ich habe Urteil! Nimm dir das letzte Stück des
Dramatischen Theaters vor, Dickus, das soeben veröffentlicht ist!«
»Bist du sicher, daß es schon erschienen ist?«
»Aber gewiß! Du kannst jedenfalls betonen, daß es keine Handlung hat;
daß man das sagt, ist das Publikum gewohnt; ferner kannst du dich über
die ›schöne Sprache‹ mokieren; das ist ein altes, gutes, abschätziges
Lob, und dann falle über die Direktion des Theaters her, die das Stück
angenommen hat; sprich auch davon, daß der sittliche Gehalt des Stückes
zweifelhaft ist, das kann man immer sagen; sage aber nichts über die
Aufführung, das ›verschieben wir auf ein andermal, aus Mangel an Raum‹,
kannst du hinzufügen, dann verhaust du dich nicht, weil du doch das
Zeug nicht gesehen hast.«
»Wer ist der Unglückliche, der dies Stück geschrieben hat?« fragte
Falk.
»Das weiß man noch nicht!«
»Denkt doch an seine Eltern und Geschwister; vielleicht lesen sie diese
Dinge, die ja höchst ungerecht sein können.«
»Nun, was haben sie mit der ›Natter‹ zu tun? Sie wollten doch sicher
etwas Abfälliges über ihre Gegner lesen; sei überzeugt: sie wissen
genau, was die ›Natter‹ zu enthalten pflegt.«
»Ihr habt also kein Gewissen?«
»Hat das Publikum, das geehrte Publikum, das uns unterhält, Gewissen?
Meinst du, wir würden leben, wenn sie uns nicht hielten? Willst du
einen Erguß über den augenblicklichen Stand der Literatur hören, den
ich geschrieben habe? Er ist nicht dumm, das kann ich dir sagen! Ich
habe einen Abzug bei mir! Aber wir wollen erst ein Glas Porter trinken!
Kellner! Pst! -- Paß jetzt auf, dann sollst du was hören! Du kannst es
auch auf dich beziehen, wenn du willst!«
»Seit langer Zeit hat man nicht solchen Jammer in der schwedischen
Versfabrik gehabt; es ist ein Gewimmer, das zum Verzweifeln ist;
große, ausgewachsene Männer winseln wie Katzen im März! Und diese
Leute wollen, wenn sie auf andere Art nicht imstande dazu sind,
das Interesse der Welt durch Bleichsucht und Polypen erregen; mit
Schwindsucht wagen sie nicht zu kommen, das ist zu alt. Dabei haben
sie einen Rücken so breit wie Bierwagenpferde und ein Gesicht so rot
wie ein Weinzapfer. Da jammert einer über die Untreue des Weibes, der
nie etwas anderes kennen gelernt hat als die bezahlte Treue der Hure;
und jener andere, der da schreibt, er habe kein Gold, er habe nur
seine Leier -- so ein Lügner --, der hat fünftausend Kronen Zinsen
jährlich und Anwartschaft auf einen Sitz in der Schwedischen Akademie.
Und dieser treulose, zynische Spötter, der seinen Mund nicht auftun
kann, ohne unreinen Atem auszustoßen, der predigt Gottseligkeit. Ihre
Poesien sind nicht um ein Haar besser, als sie vor dreißig Jahren für
Pastorentöchter in Gitarrenmusik gesetzt wurden; sie sollten für den
Zuckerbäcker schreiben, für zwölf Pfennig den Zoll, nicht aber von
Verlegern, Druckern und Rezensenten verlangen, sie zu Dichtern zu
machen! Worüber schreiben sie? Über nichts, das heißt über sich selbst!
Es ist unpassend, von sich selbst zu sprechen, aber schreiben darf man!
Worüber jammern sie? Über ihre Unfähigkeit, Erfolg zu haben. Erfolg!
Das ist das Wort! Hätten Sie einem einzigen Gedanken Ausdruck gegeben,
der in irgendeinem andern, in der Epoche, in der Gesellschaft Wurzel
schlüge; hätten sie ein einziges Mal sich zum Sprecher der Elenden
gemacht, so sollten ihre Sünden ihnen verziehen sein, aber das haben
sie nicht getan; deshalb sind sie ein tönendes Erz -- nein, wie ein
gellendes Eisen und eine zersprungene Narrenschelle -- denn sie haben
Liebe nur für die nächste Auflage von Bjurstens Literaturgeschichte,
für die Schwedische Akademie und sich selbst! -- Das ist scharf! Was?«
»Das ist ungerecht, finde ich,« sagte Falk.
»Ich finde es forsch,« sagte der Dicke. »Du mußt jedenfalls zugeben,
daß es gut geschrieben ist. Nicht wahr? Der Lange hat eine Feder, die
durch Sohlleder geht!«
»Haltet jetzt den Mund, Jungens, und schreibt, dann kriegt ihr nachher
Kaffee und Kognak!«
Und sie schrieben über Wert und Unwert der Menschen und knickten
Herzen, wie man Eier zerschlägt.
Falk hatte ein unbeschreibliches Verlangen nach frischer Luft; er
öffnete das Fenster nach dem Hof, aber es war ein so hoher, schmaler,
dunkler Hof, in dem man sich wie in einem Grabe fühlte, und wo man nur
ein Viereck vom Himmel sehen konnte, wenn man den Kopf nach hinten bog.
Und er hatte auch das Gefühl, tief unten in seinem Grabe zu sitzen,
mitten in Branntweindunst und Speisengerüchen, im Begriff, seine
Jugend, seine guten Vorsätze und seine Ehre zu Grabe zu trinken; er
versuchte an dem Flieder zu riechen, der auf dem Tisch stand, aber der
verbreitete nur einen Duft von Fäulnis; er versuchte noch einmal durch
das Fenster irgendeinen Gegenstand zu erspähen, der ihm keinen Ekel
einflößte; doch er sah nur den frischgeteerten Müllkasten, der dastand
wie ein Sarg mit seinem Inhalt von weggeworfenen Zieraten, ausgedienten
Gebrauchsgegenständen; er ließ seine Gedanken die Feuerleiter
hinaufklettern, die aus Schmutz und Gestank und Schande direkt in den
blauen Himmel zu führen schien, aber da stiegen keine Engel auf und
nieder, und hoch oben war kein freundliches Gesicht zu sehen, nur das
leere blaue Nichts.
Falk faßte die Feder und begann die Buchstaben in der Überschrift
»Theater« zu schraffieren, als eine kräftige Hand ihn beim Arm faßte
und eine energische Stimme sagte:
»Komm mit, ich muß mit dir sprechen!«
Falk blickte auf, betroffen und beschämt. Borg stand neben ihm und
schien ihn nicht loslassen zu wollen.
»Darf ich vorstellen ...«, begann Falk.
»Nein, das darfst du nicht,« unterbrach Borg; »mit Branntweinliteraten
möchte ich nicht bekannt werden. Komm nur mit!«
Und er zog Falk mit nach der Tür, unwiderstehlich.
»Wo ist dein Hut? So! Komm jetzt nur!«
Sie waren draußen auf der Straße; Borg faßte ihn unter und führte ihn
nach dem Eisenmarkt; dort zog er ihn in einen Laden für Schiffsartikel
und kaufte ein Paar Segelschuhe, darauf schleppte er ihn über die
Schleuse nach dem Hafen hinunter; da lag ein Kutter vertäut, fertig zur
Abfahrt; auf dem Kutter saß der junge Levi, studierte eine lateinische
Grammatik und aß ein Butterbrot.
»Hier«, sagte Borg, »siehst du den Kutter Uria; das ist ein häßlicher
Name, aber er fährt gut und ist beim Triton versichert; da sitzt der
Reeder des Schiffes, der Judenjunge Isaak, und lernt Rabes Grammatik
-- der Idiot möchte studieren --, und nun bist du sein Lehrer für den
Sommer; und jetzt fahren wir nach unserer Sommerfrische auf Nämdö. Alle
Mann an Bord! Keine Widerrede! -- Fertig? -- Abfahrt!«
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Briefwechsel
Brief von Kandidat Borg an Journalist Struve
Nämdö, Juni 18..
Alter Skandalschreiber!
Da ich ganz sicher bin, daß weder Du noch Levin Eure Abschlagszahlungen
auf unser Darlehn in der Schuhmacherbank geleistet habt, so schicke ich
hiermit einen Schuldschein für ein neues Darlehn in der Baumeisterbank.
Das wenige, was nicht für die Abschlagszahlungen draufgeht, ist
christlich zu teilen; meinen Anteil bitte ich mir mit dem Dampfer nach
Dalarö zu schicken, wo ich ihn mir abhole.
Bruder Falk habe ich jetzt einen Monat lang in meiner Behandlung
gehabt, und ich glaube, er ist auf dem Wege der Besserung. Du erinnerst
dich, daß er uns unmittelbar nach dem Olaischen Vortrag verließ und,
statt sich seinen Bruder und seine Beziehungen zunutze zu machen,
in die »Arbeiterfahne« eintrat, wo er für fünfzig Kronen monatlich
mißhandelt wurde. Die freiheitliche Luft in der Kindstustraße muß
aber demoralisierend auf ihn gewirkt haben, denn er begann bessere
Leute zu meiden und sich schlecht zu kleiden. Ich hatte jedoch die
ganze Zeit ein Auge auf ihn mit Hilfe der bewußten Dirne Beda, und
als ich ihn für reif hielt, diese Kommunardbeziehungen abzubrechen,
habe ich ihn geholt. Ich traf ihn in der Kneipe Stern, wo er mit zwei
Skandalschreibern saß und Schnaps trank -- ich glaube, sie schrieben
auch! Sein Zustand bei dieser Abholung war, was ihr traurig nennen
würdet! Wie du weißt, betrachte ich die Menschen mit dem Blick
absoluter Gleichgültigkeit; ich nehme sie als geologisches Präparat,
als Mineralien; einige kristallisieren in dem einen System, andere
in einem andern; warum sie das tun, ja, das hängt von Gesetzen
oder Umständen ab, denen gegenüber wir uns gleichgültig verhalten
müssen; ich weine nicht über den Kalkspat, weil er nicht hart ist wie
Bergkristall; deshalb kann ich Falks Lage auch nicht traurig nennen;
sie ist ganz einfach das Produkt seines Temperaments (seines Herzens,
wie ihr sagt), plus der Umstände, die sein Temperament hervorgerufen
hat. Immerhin war er in diesem Falle etwas »+down+«. Ich brachte
ihn an Bord, und er verhielt sich passiv. Aber gerade als wir
losgemacht hatten und Fahrt bekamen, drehte er sich um, und da, ich
weiß nicht, wie sie dahingekommen ist, stand die bewußte Beda am Ufer
und winkte. Da wurde der Mann toll; er wolle an Land, schrie er, und
drohte, ins Wasser zu springen. Ich nahm ihn beim Arm und steckte ihn
in die Kajüte, worauf die Tür verschlossen wurde. Als wir an Vaxholm
vorbeifuhren, gab ich zwei Briefe zur Post, einen an den Redakteur
der »Arbeiterfahne« mit der Bitte, Falks dauerndes Ausbleiben zu
entschuldigen, den andern an seine Wirtin, mit dem Ersuchen, seine
Kleider hierher zu schicken.
Inzwischen beruhigte er sich, und als er das große Wasser und die
Schären erblickte, wurde er sentimental und redete eine ganze Masse
Unsinn, wie: er habe nicht geglaubt, Gottes (!) grüne Erde noch
einmal wiederzusehen und so weiter. Dann aber überkam ihn eine Art
Gewissensbisse. Er glaubte nicht das Recht zu haben, so glücklich
zu sein und so in Muße genießen zu dürfen, wo so viele Menschen
unglücklich seien; er meinte, seine Pflicht gegen den Lumpen von der
»Arbeiterfahne« versäumt zu haben, und wollte umkehren; er erklärte auf
meine schreckliche Beschreibung seiner letzten Zeit, es sei die Pflicht
der Menschen, füreinander zu leiden und zu arbeiten. Diese Ansicht
hat bei ihm einen religiösen Charakter angenommen. (Ich habe sie aber
jetzt mit Selterwasser und Seebädern beseitigt.) Der Mann schien ganz
kaputt zu sein, und ich habe viel Mühe gehabt, ihn zu kurieren, denn
psychisch und physisch war hier schwer zu unterscheiden. Ich muß sagen:
in gewisser Beziehung erregt er meine Verwunderung -- bewundern tue ich
nie. -- Es muß eine besondere Manie sein, die ihn treibt, genau gegen
seine Interessen zu handeln. Denke doch, wie gut er es gehabt hätte,
wenn er in seiner ruhigen Beamtenkarriere geblieben wäre, besonders da
der Bruder versprochen hatte, ihm in diesem Falle mit einer größeren
Summe zu helfen. Statt dessen geht er hin und vertut sein Ansehen und
wird der Sklave eines rohen Arbeiters -- alles um der Ideen willen!
Das ist zu wunderlich!
Jetzt scheint er jedoch in der Besserung zu sein, besonders nach der
letzten Lektion. Kannst du Dir denken, er hat den Fischer hier draußen
Herr genannt und hat den Hut vor ihm abgenommen. Außerdem hat er sich
in kleine kordiale Unterhaltungen mit der Bevölkerung eingelassen und
wollte sich informieren, wie sie lebten. Die Folge war, daß der Fischer
es mit der Angst bekam und eines schönen Tages mich fragte, ob »dieser
Falk« seine Miete selber bezahlen, oder ob der Herr Doktor (ich) das
tun werde! Ich erzählte es Falk, und er war traurig, wie immer, wenn
er seine gute Meinung von etwas verliert. Einige Zeit darauf sprach
er über das allgemeine Wahlrecht mit dem Fischer; die Folge war, daß
dieser zu mir kam und fragte, ob Falk in schlechten Verhältnissen sei.
In den ersten Tagen ist er hier am Strande umhergelaufen und hat sich
wie ein Irrsinniger benommen; manchmal hat er lange Schwimmtouren
gemacht, als wolle er überhaupt nicht wieder umkehren, und da ich den
Selbstmord stets für eins der heiligsten Rechte des Menschen gehalten
habe -- denn er hat diese Gabe von der Natur empfangen --, so habe ich
nicht in seine Gewohnheiten eingegriffen. Isaak erzählte, Falk habe
ihm sein Herz ausgeschüttet über diese Nymphe Beda, die ihn gründlich
hineingelegt zu haben scheint.
Übrigens Isaak, das ist ein feiner Kopf, kann ich Dir sagen. Er hat
sich in einem Monat den Rabe einverleibt und liest den Cäsar, wie wir
das »Graumützchen« lesen, und was mehr ist, er weiß, was drinsteht,
was wir nie gewußt haben. Aber sein Kopf ist im Grunde rezeptiv, das
heißt empfänglich, und dabei berechnend, und das ist eine Gabe, mit
der mancher ein Genie geworden ist, obwohl er ein Dummkopf war. Seine
praktische Veranlagung muß sich bisweilen Luft machen, und wir hatten
neulich ein glänzendes Beispiel seines kaufmännischen Talents. Ich
bin über seine pekuniäre Lage nicht orientiert, denn er ist in dieser
Beziehung sehr geheimnisvoll, aber eines Tages legte er eine gewisse
Unruhe an den Tag, denn er hatte ein paar hundert Kronen zu bezahlen.
Da er sich nicht an den Bruder im Triton wenden konnte, mit dem er
gebrochen hat, so kam er zu mir. Ich konnte ihm nicht helfen. Da nahm
er einen Briefbogen und schrieb einen Brief, den er durch Eilboten
befördern ließ; darauf war es einige Tage still.
Vor dem Hause, in dem wir wohnen, stand ein schönes Eichengehölz, das
angenehmen Schatten gab und zugleich Schutz vor den Seewinden bot.
Ich verstehe mich im allgemeinen nicht auf Bäume und Natur, aber ich
liebe Schatten, wenn es heiß ist. Eines Morgens, als ich das Rouleau
aufzog, fand ich mich nicht zurecht. Der Fjord lag frei vor den
Fenstern, und eine Kabellänge vom Lande war eine Jacht verankert. Das
ganze Eichengehölz war gefällt, und auf einem Baumstumpf saß Isaak,
studierte Euklid und zählte die Bäume, die auf die Jacht gebracht
wurden. Ich weckte Falk; er war verzweifelt und wütend und geriet in
einen Wortwechsel mit Isaak, der bei diesem Geschäft tausend Kronen
in die Tasche steckte. Der Fischer bekam zweihundert -- er hatte
nicht mehr verlangt. Ich war wütend -- nicht wegen der Bäume, sondern
weil ich nicht selber auf diese Idee gekommen war. Falk sagt, es sei
unpatriotisch, Isaak aber behauptet, die Aussicht sei viel besser, nun
da »dies Gestrüpp« entfernt sei, und er gedenkt in der nächsten Woche
sich ein Boot zu nehmen und die Nachbarinseln zu dem gleichen Zweck zu
besuchen. Die Frau des Fischers hat den ganzen Tag geweint, doch der
Alte fuhr nach Dalarö, um ihr ein hübsches Kleid zu kaufen; er blieb
zwei Tage lang weg, und als er wiederkam, war er besoffen, aber das
Boot war leer, und als seine Frau nach dem Stoff fragte, erklärte der
Alte, er habe ihn vergessen.
Adieu einstweilen! Schreibe bald und erzähle ein paar
Skandalgeschichten, und besorge das mit dem Darlehn gut!
Dein Todfeind und Bürge
H. B.
+P. S.+ Ich habe aus den Zeitungen ersehen, daß man im Begriff
ist, eine Beamtenbank zu gründen. Wer wird da Geld hineinstecken?
Behalte das jedenfalls im Auge, dann können wir später ein Papierchen
anbringen.
Bitte die folgende Notiz hinsichtlich meiner bevorstehenden Promotion
ins »Graumützchen« zu lancieren:
Wissenschaftliche Entdeckung. +Cand. med.+ Henrik Borg,
einer unserer jüngeren, bedeutenderen Ärzte, hat bei seinen
zootomischen Forschungen in den Stockholmer Schären eine neue Art
der Familie +Clypeaster+ entdeckt, der er den sehr treffenden
Namen +maritimus+ gegeben hat. Der Charakter läßt sich kurz
folgendermaßen bestimmen: Hautplatten in fünf mit Poren durchbohrten
Ambulacralfeldern und fünf Interambulacralfelder mit Knöpfen an
Stelle der Stacheln. Das Tier hat in der gelehrten Welt lebhafte
Aufmerksamkeit erregt.
Brief von Arvid Falk an Beda Petterson.
Nämdö, August 18..
Wenn ich am Meeresstrande wandere und sehe, wie der Weiderich aus
Schreibsand und Kieselsteinen emporsprießen kann, denke ich daran, wie
Du einen ganzen Winter lang in einem Krug in der Neuen Straße blühen
konntest.
* * * * *
Ich kenne nichts Lieblicheres, als lang ausgestreckt auf den
Strandklippen zu liegen und zu fühlen, wie die Gneisscherben meine
Rippen kitzeln, während ich aufs Meer hinausschaue; denn dann werde ich
hochmütig und fühle mich als Prometheus, aber der Geier -- das bist Du
-- muß in einem Federbett in der Sandbergstraße liegen und Quecksilber
schlucken.
* * * * *
Am Tang hat man keine Freude, wenn er auf dem Meeresgrunde wächst;
kommt er aber an Land und vermodert, dann riecht er nach Jod, das ist
gut für die Liebe, und nach Brom, und das ist gut für Verrücktheit.
Es gab keine Hölle auf Erden, bevor das Paradies ganz fertig war, das
heißt bevor das Weib kam! (Alt!)
* * * * *
Weit draußen im Meer wohnt ein Eiderpaar in einer ausgesetzten
Schnupftabakkiste. Wenn man weiß, daß die Eider zwei Fuß zwischen den
Flügelspitzen messen, so muß man an ein Wunder denken -- und die Liebe
ist ein Wunder! Ich habe jetzt in der ganzen Welt nicht mehr Platz!
Brief von Beda Pettersson an Assessor Falk.
Stockholm, August 18..
Geliebter Freund!
Ich erhielt Deinen Brief gerade eben, aber ich kann nicht sagen, daß
ich ihn verstanden habe; aber ich hörte, daß Du denkst, ich bin in der
Sandbergstraße, aber das ist eine ewige Lüge, und ich kann mir wohl
denken, daß dieser Lump sie verbreitet hat, es ist eine ewige Lüge,
und ich beteure, daß ich Dich noch ebensosehr liebe wie früher, ich
sehne mich oft danach, Dich zu sehen, aber das wird wohl so bald nicht
geschehen.
Deine getreue Beda.
Postskriptum. Lieber Arvid, wenn Du mir bis zum 15. mit dreißig Kronen
helfen könntest, wärst Du sehr lieb, Du bekommst sie am 15. bestimmt
zurück, denn dann bekomme ich selber Geld. Ich bin sehr krank gewesen
und bin manchmal so traurig, daß ich sterben möchte. Die Mamsell im
Café war ein Unmensch, sie war eifersüchtig auf mich wegen des dicken
Berglund, deshalb bin ich da ausgetreten. Alles, was sie über mich
reden, ist nur Verleumdung und Lüge. Laß es Dir immer gutgehen und
vergiß nicht
Deine
Dieselbe.
Du kannst das Geld an Hulda im Café schicken, dann bekomme ich es.
Brief von Kandidat Borg an Journalist Struve.
Nämdö, August 18..
Konservativer Schurke!
Hast Du das Geld unterschlagen? Erstens habe ich keins zu sehen
bekommen, zweitens habe ich einen Mahnbrief von der Schuhmacherbank
erhalten. Denkst Du, man darf stehlen, weil »man Weib und Kind hat«?
Schreibe sofort, oder ich komme in die Stadt und mache Skandal!
Die Notiz habe ich gelesen, aber natürlich mußten Druckfehler drin
sein: da stand zoologische statt zootomische und Crypeaster statt
Clypeaster. Ich hoffe, sie hat trotzdem gewirkt.
Falk ist total verrückt geworden, seit er dieser Tage einen Brief von
Damenhand bekommen hat. Bald klettert er die Bäume hinauf, bald taucht
er auf den Meeresgrund hinunter. Das ist wahrscheinlich die Krisis, --
nachher werde ich vernünftig mit ihm reden.
Isaak hat seine Jacht verkauft, ohne mich um meine Zustimmung zu
fragen, weshalb wir momentan verfeindet sind; er liest jetzt das zweite
Buch Livius und ist im Begriff, eine Fischerei-Aktiengesellschaft zu
gründen.
Außerdem hat er ein Strömlingsnetz gekauft, eine Seehundsflinte, 25
Pfeifenschäfte, eine Lachsleine, zwei Barschnetze, einen Netzschuppen
und -- eine Kirche. Dies letzte klingt unglaublich, ist aber wahr!
Sie ist freilich von den Russen etwas angesengt worden (1719), aber
die Mauern stehen noch (die Gemeinde hat eine neue Kirche, die auf
die gewöhnliche Art benutzt wird; die alte diente als Speicher). Er
gedenkt sie der Akademie der Wissenschaften zum Geschenk zu machen, um
den Wasa-Orden zu bekommen. Man hat ihn schon für weniger gekriegt!
Sein Onkel, der Gastwirt ist, bekam den Wasa-Orden dafür, daß er die
Taubstummen mit Bier und Butterbrot traktierte, wenn sie im Herbst in
der Reitbahn waren. Das hat er sechs Jahre lang getan, aber schließlich
ist es geglückt. Jetzt bekommen die Taubstummen kein Butterbrot mehr,
ein Beweis, wie schädlich der Wasa-Orden ist.
Wenn ich den Kerl nicht ersäufe, ruht er nicht eher, bis er ganz
Schweden aufgekauft hat.
Raffe Dich jetzt auf und sei redlich, sonst komme ich über Dich wie
Jehu, und dann bist Du verloren.
H. B.
+P. S.+ Wenn Du Notizen über Badegäste in Dalarö schreibst, so
nenne mich und Falk (Assessor), aber nicht Isaak; ich beginne mich von
seiner Gesellschaft etwas geniert zu fühlen -- und da ging er hin und
verkaufte die Jacht.
Schicke mir ein paar Wechselformulare (blaue, Sola-) mit, wenn das Geld
kommt.
Brief von Kandidat Borg an Journalist Struve.
Nämdö, September 18..
Ehrenmann! Moneten eingetroffen! Schienen gewechselt zu sein, denn die
Baumeisterbank pflegt immer in Schonenschen Fünfzigkronenscheinen zu
zahlen. Nun! Einerlei!
Falk ist gesund und hat die Krise wie ein Mann überstanden; er hat
wieder Selbstgefühl bekommen, ein sehr wichtiges Organ für unser
Vorwärtskommen im Leben, das aber, wie die Statistik beweist, in hohem
Grade geschwächt ist bei Kindern, die ihre Mutter früh verlieren.
Ich habe ihm jetzt ein Rezept gegeben, das er akzeptiert hat, um so
mehr, als er selbst auf den Gedanken gekommen ist. Er kehrt zu der
Beamtenlaufbahn zurück -- ohne Geld von dem Bruder anzunehmen (das ist
seine letzte Dummheit, und ich kann sie nicht respektieren); kehrt
zurück in die Gesellschaft, registriert sich in die Herde ein, wird
respektabel, erlangt eine gesellschaftliche Stellung und hält den Mund
-- so lange, bis sein Wort Autorität hat. Dies letzte ist unbedingt
notwendig, wenn er weiterleben soll, denn er hat Anlage zum Wahnsinn
und würde verdunsten, wenn er sich nicht alle seine Ideen aus dem Kopf
schlüge, -- die ich im Grunde nicht verstehe; ich glaube auch nicht,
daß er selber sagen kann, was er eigentlich will.
Er hat die Kur schon angefangen, und ich staune über die Fortschritte,
die er macht. Er endet bestimmt in irgendeiner Hofcharge. So dachte
ich; jawohl! Aber da ist ihm jetzt ein Zeitungsblatt in die Hände
gefallen, und darin hat er von der Pariser Kommune gelesen. Sofort
bekam er einen Rückfall und fing wieder an, auf die Bäume zu klettern
-- doch es gab sich, und jetzt wagt er keine Zeitung mehr anzusehen. Er
hat jedoch kein Wort gesagt. Ihr könnt euch alle vor dem Mann in acht
nehmen, wenn er einmal fertig ist!
Isaak hat jetzt mit dem Griechischen angefangen! Er findet die
Lehrbücher sehr dumm und sehr lang, deshalb nimmt er sie auseinander
und schneidet das Wichtigste heraus; das klebt er in ein Kontobuch, das
er sich als Kompendium für das Abiturium eingerichtet hat.
Die zunehmenden Kenntnisse in den klassischen Sprachen machen ihn aber
frech und unangenehm. Er hat neulich beim Schach mit dem Pastor über
Religion zu disputieren gewagt und dabei behauptet, das Christentum sei
von den Juden erfunden, und alle Christen seien Juden. Das Lateinische
und Griechische ist ein Verderb! Ich fürchte, ich habe einen Lindwurm
an meinem bärtigen Busen genährt; wenn es so ist, so muß des Weibes
Same der Schlange den Kopf zertreten.
Adieu.
H. B.
+P. S.+ Falk hat sich seinen amerikanischen Bart abrasiert und
nimmt vor den Fischern nicht mehr den Hut ab.
Jetzt wirst Du aus Nämdö nichts mehr von uns hören; wir kehren am
Montag in die Stadt zurück.
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Genesung
Und es ist wieder Herbst; es ist ein klarer Novembermorgen, als
Arvid Falk sich von seiner jetzigen eleganten Wohnung in der Großen
Straße nach dem ....manschen Mädchenpensionat am Karlsmarkt begibt,
wo er als Lehrer für Schwedisch und Geschichte eintreten soll. Er
hat die Herbstmonate gut genutzt, um sich wieder in die zivilisierte
Gesellschaft hineinzufinden, und hat dabei erfahren, was für ein
Barbar er auf seinen Streifzügen geworden war; er hat seinen Räuberhut
abgelegt und sich einen neuen hohen angeschafft, der anfangs gar nicht
sitzen wollte; er hat sich Handschuhe gekauft, war aber so verwildert,
daß er, als das Fräulein im Laden nach seiner Nummer fragte, fünfzehn
antwortete, was einiges Lächeln bei den vielen Verkäuferinnen
hervorrief; die Mode hatte große Veränderungen durchgemacht, seit er
sich zuletzt einen Anzug gekauft hattet; er kommt sich vor wie ein
Stutzer, wenn er durch die Straßen geht, und spiegelt sich dann und
wann in den Schaufenstern, um zu sehen, ob alles ordentlich sitzt.
Jetzt geht er auf dem Trottoir vor dem Dramatischen Theater auf und ab
und wartet, daß die Uhr von Sankt Jakob neun schlagen soll; er fühlt
sich unruhig und erregt, ganz als solle er selber in die Schule gehen;
das Trottoir ist zu kurz, und er meint wie ein Hund an einer Kette
zu laufen, wenn er wieder und immer wieder in seinen Spuren umkehrt;
einen Augenblick denkt er ernstlich daran, die Promenade etwas weiter
auszudehnen, denn er weiß, daß man nach Lill-Jans kommt, wenn man die
Straße verfolgt, und er erinnert sich des Morgens, als das gleiche
Trottoir ihn aus der Gesellschaft, die er floh, zur Freiheit, zur Natur
und -- zur Sklaverei hinausführte.
Es wird neun Uhr! Er steht auf dem Flur; die Türen zur Aula sind
geschlossen; im Zwielicht sieht er so viele kleine Kleidungsstücke an
den Wänden umherhängen; Hüte, Boas, Häubchen, Kapuzen, Handschuhe,
Muffe liegen auf dem Tisch und in den Fensternischen, und auf dem
Fußboden stehen ganze Regimenter von Überschuhen. Aber es riecht nicht
nach feuchten Kleidern und nassem Leder wie im Vestibül des Reichstags
oder im Arbeiterverein Phönix, oder -- oh, da strich ein Duft wie von
frischgemähtem Heu vorbei -- der kam bestimmt von dem kleinen Muff, der
weiß ist wie ein Kätzchen mit schwarzen Flecken; blauseidenes Futter
hat er und hängende Quasten; er kann nicht umhin, ihn in die Hand zu
nehmen und das Parfüm +New-mown hay+ zu riechen -- aber da öffnet
sich die Flurtür, und herein kommt eine kleine Zehnjährige, von ihrem
Fräulein begleitet; sie sieht den Lehrer mit großen, unerschrockenen
Augen an und macht einen kleinen koketten Knix, den der Lehrer fast
verlegen mit einer Verbeugung erwidert, über die die kleine Schönheit
lächelt, und das Fräulein auch! Sie kommt zu spät, aber das scheint
sie nicht anzufechten, denn sie läßt sich von dem Fräulein Mantel und
Überschuhe mit so ruhiger Miene ausziehen, als komme sie zu einem Ball.
Da -- was dringen da für Töne aus dem Zimmer -- ihm klopft das Herz --,
was war das? -- Ah! Das war ja die Orgel! Hm! Die alte Orgel! Jawohl!
Und ein ganzes Heer von Kinderstimmen singt: »Jesus, laß mich stets
beginnen.« Ihm ist nicht ganz wohl, und er muß an Borg und Isaak
denken, um die Fassung wiederzugewinnen. Aber nun wird es noch
schlimmer. »Vater unser, der du bist im Himmel!« -- Herrgott, ja!
Das alte Vaterunser! Das ist lange her ... Es wird still, so still,
daß man das ganze Heer kleiner Köpfe sich aufrichten und Kragen und
Schürzen knistern hört, und dann öffnen sich die Türen, und ein ganzes
Blumenbeet junger Mädchen von acht bis vierzehn Jahren wogt hin und
her. Er wird verlegen und kommt sich fast wie ein ertappter Dieb vor,
als die alte Vorsteherin ihm die Hand reicht und ihn willkommen heißt;
da entsteht eine Bewegung im Blumenbeet, und es wird geflüstert, und
Blicke werden gewechselt, und es wird getuschelt und gezischelt.
Und jetzt sitzt er an dem einen Ende eines langen Tisches, umgeben
von zwanzig frischen Gesichtern mit frohen Blicken, zwanzig Kindern,
die das bitterste Leid des Erdenlebens, die Demütigungen der Armut,
nie kennen gelernt haben; und sie begegnen seinen Blicken keck und
neugierig, er aber ist verlegen, bis er sich zusammennimmt; bald
aber ist er sehr intim mit Anne-Charlotte und Georgine und Lisen und
Henny, und der Unterricht ist ein Vergnügen; fünf muß gerade sein,
und Ludwig +XIV.+ und Alexander sind wieder große Männer, wie
alle, die Erfolg gehabt haben, und die Französische Revolution war
ein entsetzliches Ereignis, das für den edlen Ludwig +XVI.+
und die tugendsame Marie Antoinette ein schlimmes Ende nahm, und
so ähnlich. Und als er dann nachher ins Amt für Heubelieferung der
Kavallerieregimenter ging, fühlte er sich ganz warm und verjüngt.
In dem besagten Kollegium, wo er den »Konservativen« las, saß er bis
elf Uhr, dann ging er in die Kanzlei für Branntweinfabrikation. Dort aß
er Frühstück und schrieb zwei Briefe -- an Borg und Struve.
Punkt eins ist er im Departement für Erbschaftssteuern. Dort
kollationiert er eine Vermögensaufnahme, an der er hundert Kronen
verdient, worauf er bis zum Mittagessen noch so viel Zeit hat,
Korrektur einer neu durchgesehenen Auflage des Forstgesetzes zu
lesen, die er herausgibt. Und so wird die Uhr drei. Wer dann über den
Ritterhausmarkt geht, wird auf der Brücke einem jungen Herrn begegnen,
der eine wichtige Miene aufsetzt und, mit Dokumentenrollen in den
Taschen, die Hände auf dem Rücken verkreuzt, gemächlich dahinwandert
neben einem alten, mageren, graugesprenkelten Herrn in den Fünfzigern.
Das ist der Aktuar aus dem Erbschaftsamt. Alle, die im Bereich der
Stadt sterben, müssen diesem Manne angeben, was sie besitzen; davon
erhebt er seine Prozente; einige sagen, das sei sein Amt, andere
meinen, er repräsentiere die Erde und müsse aufpassen, daß die
Gestorbenen nichts mit wegnehmen von hier, wo alles ein Darlehn ist --
ein zinsloses Darlehn! Jedenfalls ist er ein Mann, der sich mehr für
die Toten als für die Lebenden interessiert; deshalb fühlt Falk sich
in seiner Gesellschaft so wohl; daß er sich an Falk anschließt, hat
seinen Grund darin, daß dieser gleich ihm selber Münzen und Autographen
sammelt, und daß er so frei von Opposition ist, etwas so Ungewöhnliches
bei jungen Leuten. Nun gehen die beiden alten Freunde zu Rosengren,
wo sie ziemlich sicher davor sind, junge Leute zu treffen, und wo sie
über Numismatik und Autographie sprechen. Darauf trinken sie Kaffee auf
einem Sofa bei Rydberg und sehen Münzkataloge durch bis sechs Uhr; dann
kommt die Postzeitung, und sie lesen die Ernennungen. Sie fühlen sich
gegenseitig in ihrer Gesellschaft so glücklich, denn sie geraten nie
in Streit; Falk ist so frei von Ansichten, daß er der liebenswürdigste
Mensch geworden ist; daher ist er bei Vorgesetzten und Kollegen gleich
beliebt und geschätzt. Manchmal bleiben sie noch zusammen, essen
dann in der »Hamburger Börse« und trinken nachher einen Bittern,
vielleicht auch zwei, im Opernkeller. Wenn man sie dann um elf Uhr nach
Ladugaardsland hinaufpilgern sieht, Arm in Arm, so ist das wirklich ein
erfreuliches Bild. Er ist sehr oft zu Diners und Soupers in Familien
geladen, bei denen Borgs Vater ihn eingeführt hat; die Damen finden ihn
interessant, aber sie wissen nie, wie sie mit ihm dran sind, denn er
lächelt immer und sagt ihnen bisweilen reizende Bosheiten.
Wenn er aber das Familienleben und die gesellschaftliche Lüge satt
hat, dann geht er hinunter ins Rote Zimmer; dort trifft er den
schrecklichen Borg, seinen Bewunderer Isaak, seinen heimlichen
Feind und Neider Struve, der nie Geld hat, und den sarkastischen
Sellén, der nun allmählich beginnt, zum zweitenmal Glück zu haben,
nachdem all seine Nachahmer das Publikum an die neue Manier gewöhnt
haben. Lundell, der mit dem religiösen Gefühl Schluß gemacht hat,
als sein Altarbild vollendet war, lebt jetzt vom Porträtmalen, eine
Beschäftigung, die unendlich viele Einladungen zu Diners und Soupers
mit sich bringt, die er für das Studium der Charaktere für unerläßlich
erklärt; er ist ein fetter Epikuräer geworden, der nur immer dann ins
Rote Zimmer kommt, wenn er nassauern möchte. Olle, der noch immer
bei dem Ornamentbildhauer arbeitet und düster und menschenfeindlich
ist nach seiner großen Niederlage als Politiker und Redner, will die
Gesellschaft nicht »genieren«, sondern bleibt für sich. Falk ist feurig
und wild, wenn er ins Rote Zimmer kommt, und Borg meint, viel Ehre mit
ihm einzulegen; ja, er ist ein wirklicher Sappeur, dem nichts heilig
ist -- außer der Politik; an die rührt er nie. Aber sieht er dann,
wenn er zur Belustigung der andern seine Raketen abbrennt, auf der
andern Seite des Saales durch die Rauchwolken den düsteren Olle, so
wird er finster wie eine Nacht auf dem Meer und nimmt große Quantitäten
starker Getränke zu sich, als wolle er ein Feuer auslöschen oder
verbrennen. Jetzt aber hat Olle sich schon lange nicht mehr blicken
lassen.
Achtundzwanzigstes Kapitel
Von jenseits des Grabes
Der Schnee fällt so leicht, so leise, so weiß auf die neue
Königsholmbrücke, als Falk und Sellén abends an der Feuermühle und dem
Seraphimlazarett vorbeiwandern, um Borg ins Rote Zimmer abzuholen.
»Merkwürdig, was der erste Schnee für einen, ich will nicht gerade
sagen feierlichen Eindruck macht,« sagte Sellén. »Die schmutzige Erde
wird ...«
»Bist du sentimental?« unterbrach Falk höhnisch.
»Nein, ich äußerte mich nur als Landschaftsmaler.«
Sie gingen schweigend weiter durch den Schnee, der ihnen um die Füße
wirbelte.
»Der Königsholm mit seinen Lazaretten ist mir immer etwas unheimlich
vorgekommen,« bemerkte Falk.
»Bist du sentimental?« sagte Sellén höhnisch.
»Nein, das bin ich nicht, aber dieser Stadtteil macht immer einen
gewissen Eindruck auf mich.«
»Ach, Unsinn! Er macht gar keinen Eindruck; das ist ein Irrtum von dir!
Sieh, jetzt sind wir da, und bei Borg ist Licht. Mich soll wundern, ob
er heute abend ein paar nette Leichen hat.«
Sie standen jetzt vor der Pforte des Instituts; das riesige Gebäude
blickte mit seinen großen, dunklen Fenstern auf sie nieder, als wolle
es fragen, wen sie zu dieser späten Stunde suchten; sie wateten durch
den Gang an dem Rondell vorbei und betraten das kleine Gebäude rechts.
Ganz hinten im Saal saß Borg allein bei seiner Lampe und arbeitete an
dem Körper eines abgeschnittenen Gehängten, den er auf die furchtbarste
Art entstellt hatte.
»Guten Abend, Kinder,« sagte Borg und legte das Messer hin. »Wollt ihr
einen Bekannten sehen?«
Er wartete nicht auf die Antwort, die ausblieb, sondern steckte eine
Laterne an, griff nach seinem Überzieher und nahm ein Schlüsselbund in
die Hand.
»Ich hätte nicht gedacht, daß wir hier Bekannte haben,« sagte Sellén,
der den Humor nicht verlieren wollte.
»Kommt!« sagte Borg.
Sie gingen über den Hof nach dem großen Gebäude; die Tür kreischte
und schloß sich hinter ihnen, und der Stearinlichtstumpf, der bei dem
letzten Kartenspiel übriggeblieben war, warf seinen roten, machtlosen
Schein über die weißen Wände. Die beiden Fremden versuchten in Borgs
Gesicht zu lesen, ob es sich um einen Scherz handle, aber da stand
nichts geschrieben.
Jetzt bogen sie links in einen Korridor ein, in dem der Laut ihrer
Schritte widerhallte, als gehe jemand hinter ihnen her. Falk hielt sich
dicht hinter Borg, um Sellén im Rücken zu wissen.
»Hier!« sagte Borg und blieb mitten im Gang stehen.
Keiner sah etwas anderes als Wände. Aber man hörte ein Geräusch wie
einen sachten Regen, und ein sonderbarer Duft wie von einem feuchten
Gartenbeet oder einem Nadelwald im Oktober schlug ihnen entgegen.
»Rechts!« sagte Borg.
Die rechte Wand war aus Glas, und hinter ihr sah man drei weiße Körper
auf dem Rücken liegen.
Borg holte einen Schlüssel heraus, öffnete die Glastür und ging hinein.
»Hier!« sagte er und blieb vor dem zweiten von den dreien stehen.
Es war Olle! Er hatte die Arme über der Brust verkreuzt, als halte er
Mittagsschlaf; die Lippen hatten sich nach oben gezogen, so daß er zu
lächeln schien; im übrigen war er gut erhalten.
»Ertrunken?« fragte Sellén, der sich zuerst faßte.
»Ertrunken. -- Kennt einer von euch seine Kleider?«
An der Wand hingen drei traurige Hüllen, unter denen Sellén sofort die
richtige herausfand, eine blaue Joppe mit Matrosenknöpfen und eine
schwarze Hose mit weißen Knien.
»Bist du ganz sicher?«
»Ich muß doch meinen eigenen Rock kennen, -- den ich von Falk gepumpt
habe.«
Aus der Brusttasche der Joppe holte Sellén ein großes, sehr dickes
Notizbuch heraus, das von Wasser klebrig und mit grünen Algen behängt
war, die Borg enteromorph nannte. Er öffnete es beim Lichtschein und
sah den Inhalt durch -- ein paar verfallene Pfandscheine und ein Stoß
beschriebener Zettel, auf denen geschrieben stand: »An den, der es
lesen will!«
»Habt ihr jetzt genug gegafft?« sagte Borg. -- »Dann gehen wir nach der
Piperschen Mauer!«
Die drei Trauernden (Freunde war ein Wort, das nur von Lundell und
Levin angewendet wurde, wenn sie Geld haben wollten) konstituierten
sich in der nächsten Kneipe als Ausschuß des Roten Zimmers. Bei einem
flammenden Feuer im Ofen und einer Batterie starker Getränke begann
Borg die Verlesung der nachgelassenen Papiere, mußte aber dann und wann
Falks Fertigkeit als Autograph in Anspruch nehmen, denn das Wasser
hatte die Tinte verwischt, so daß es aussah, als habe der Schreiber
geweint, wie Sellén scherzhaft bemerkte.
»Still jetzt!« sagte Borg und trank seinen Grog mit einer Grimasse, daß
die Backenzähne zu sehen waren. »Jetzt fange ich an, und bitte mich
nicht zu unterbrechen!«
»An den, der es lesen will!
Daß ich mir jetzt das Leben nehme, ist mein Recht, um so mehr, als ich
damit in die Rechte keines andern Menschen eingreife, sondern vielmehr
einen glücklich mache, wie man es nennt; ein Arbeitsposten und 400
Kubikfuß Luft täglich werden frei.
Ich begehe diese Tat nicht aus Verzweiflung, denn ein denkender Mensch
verzweifelt nie, sondern ziemlich ruhigen Herzens; daß ein solcher
Schritt Erregung hervorrufen muß, wird man wohl verstehen; diese
Handlung aus Furcht vor dem, was hinterher kommt, aufzuschieben, vermag
wohl nur der Erdensklave, der diesen Vorwand sucht, um hierbleiben zu
dürfen, wo er es sicherlich nicht so schlecht gehabt hat. Ich fühle
mich befreit bei dem Gedanken, dies Dasein verlassen zu dürfen, denn
schlechter kann ich es nicht bekommen, wohl aber besser. -- Bekomme
ich überhaupt nichts, -- so ist der Tod an sich schon eine Seligkeit,
so groß wie die, nach schwerer körperlicher Arbeit in einem guten
Bett schlafen zu dürfen; wer beobachtet hat, wie dann der Körper sich
gewissermaßen in allen Gliedern löst und die Seele sich allmählich
fortstiehlt, der wird den Tod nicht fürchten.
Wenn die Menschen so viel Aufhebens von dem Tode machen, so liegt das
daran, daß sie sich zu tief in die Erde eingegraben haben, als daß sie
das Herausreißen nicht schmerzlich empfinden müssen. Ich habe mich
längst losgemacht; keine Familienbande, keine wirtschaftlichen, keine
staatsrechtlichen oder juristischen Bande halten mich, und ich gehe
von hinnen, weil ich ganz einfach die Lust zum Leben verloren habe.
Keineswegs will ich damit andere, denen es gutgeht, auffordern, zu
tun, was ich tue; sie haben ja keinen Grund dazu und können deshalb
meine Tat nicht beurteilen; ob sie feig ist oder nicht, darüber habe
ich nicht nachgedacht, denn das ist gleichgültig; übrigens ist es
eine Angelegenheit ganz privater Natur. Ich habe nie darum gebeten,
hierherkommen zu dürfen; folglich habe ich das Recht, zu gehen, wann es
mir paßt.
Warum ich gehe? Das hat viele und tiefe Gründe, und ich habe weder
die Zeit noch die Fähigkeit, sie hier auseinanderzusetzen. Deshalb
halte ich mich an die nächsten, die für mich und meine Tat besondere
Bedeutung haben.
In meiner Kindheit und Jugend war ich Arbeiter; ihr, die ihr nicht
wißt, was es heißt, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu arbeiten,
um dann in einen tierischen Schlaf zu versinken, ihr habt euch dem
Fluch des Sündenfalls entzogen -- denn es ist ein Fluch, zu fühlen,
wie die Seele in ihrem Wachstum stillsteht, während der Körper sich in
die Erde hineinwühlt. Geh hinter dem Ochsen her, der den Pflug zieht,
und laß tagaus, tagein das Auge an der grauen Erdscholle haften, so
wirst du schließlich vergessen, zum Himmel aufzublicken; steh mit dem
Spaten da und hebe in brennender Sonnenhitze einen Graben aus, und du
wirst empfinden, wie du in den sumpfigen Boden einsinkst und deiner
Seele das Grab gräbst. Das wißt ihr nicht, die ihr euch's den ganzen
Tag über wohl sein laßt und in einer müßigen Stunde zwischen Frühstück
und Mittag arbeitet, um dann eure Seelen im Sommer auszuruhen, wenn die
Felder grün sind, -- wenn ihr die Natur genießt wie ein Schauspiel,
das veredelt und erhebt. Für den Erdarbeiter ist die Natur so nicht
vorhanden; der Acker ist Brot, der Wald Holz, das Meer ein Waschfaß,
die Wiese Käse und Milch -- alles ist Erde ohne Seele. Als ich sah, daß
die eine Hälfte der Menschheit mit ihren Seelen, die andere mit ihren
Körpern arbeitete, da dachte ich anfangs, die Welt habe zwei Arten von
Menschen vorgesehen; aber dann kam die Vernunft und stellte das in
Abrede. Da empörte sich meine Seele, und ich beschloß, mich ebenfalls
dem Fluch des Sündenfalls zu entziehen -- und ich wurde Künstler.
Den vielbesprochenen Künstlertrieb kann ich analysieren, da ich ihn
selber besessen habe. Er beruht zunächst auf einer breiten Basis von
Sehnsucht nach Freiheit, nach Befreiung von nützlicher Arbeit; deshalb
hat auch ein deutscher Philosoph das Schöne als das Unnützliche
definiert; denn wenn ein Kunstwerk nützlich sein will, eine Absicht
oder eine Tendenz verrät, so ist es schlecht; ferner beruht dieser
Trieb auf Hochmut; der Mensch will in der Kunst Gott spielen, nicht
als ob er etwas Neues schaffen könnte (das kann er nicht!), sondern er
will umgestalten, verbessern, zusammenstellen. Er fängt nicht damit an,
die Vorbilder, das heißt die Natur, zu bewundern, sondern er fängt mit
Kritik an. Man findet alles so mangelhaft und will es besser machen.
Dieser Hochmut, der einen treibt, und diese Befreiung vom Fluch des
Sündenfalls, der Arbeit, bewirkt, daß der Künstler über andern Menschen
zu stehen glaubt, was er in gewisser Weise auch tut; aber er muß sich
beständig hieran erinnern, sonst kommt er leicht hinter seine eigenen
Schliche -- das heißt er erkennt, wie nichtig seine Tätigkeit und
wie unberechtigt seine Flucht vor dem Nützlichen ist. Dies ständige
Bedürfnis, seine unnütze Arbeit anerkannt zu sehen, macht ihn eitel,
unruhig und oft tief unglücklich; wird er sich über sich selbst klar,
so hört häufig sein Produktionsvermögen auf, und er geht unter, denn
zurückkehren ins Joch, wenn er einmal die Freiheit gekostet hat, das
kann nur der Religiöse.
Einen Unterschied zwischen Genie und Talent zu machen, das Genie als
eine neue Eigenschaft hinzustellen, ist dumm, denn dann müßte man auch
an die besondere Offenbarung glauben. Der größte Künstler hat gewisse
Anlagen zu einer technischen Fertigkeit bekommen; ohne Übung sterben
diese; deshalb hat jemand gesagt: Genie sei Fleiß; das kann man sagen;
ebensogut wie so vieles andere, was zu einem Viertel wahr ist: kommt
Bildung hinzu (was nicht häufig ist, weil Wissen bald zur Erkenntnis
des Irrtums führt, so daß der Gebildete sich selten der Kunst zuwendet)
und ein guter Verstand, so entsteht das Genie als Produkt einer ganzen
Reihe von günstigen Umständen.
Ich verlor bald den Glauben an das Höhere in meinen Neigungen (meinem
Beruf, Gott behüte mich), denn meine Kunst konnte keine einzige
Idee ausdrücken, sie konnte allenfalls den Körper darstellen in
der Situation, die eine den Gedanken begleitende Gemütsbewegung zu
bezeichnen scheint, -- konnte also aus dritter Hand einen Ausdruck
geben. Das ist wie der Feldtelegraph -- sinnlos für alle, die nicht die
Bedeutung der Signale kennen. Ich sehe nur eine rote Flagge, der Soldat
aber sieht den Befehl: Vorgehen! Übrigens hat bereits Plato, der doch
ein so feiner Kopf und dazu ein Idealist war, das Nichtige der Kunst
erkannt, als einen Schein vom Schein (der Wirklichkeit), weshalb er aus
seinem Idealstaat auch den Künstler vertrieb. Es war ihm Ernst.
Da versuchte ich in die Sklaverei zurückzukehren, aber das war
unmöglich. Ich versuchte in ihr meine höchste Pflicht zu finden, ich
versuchte zu resignieren, aber das ist mir nicht gelungen. Meine Seele
nahm Schaden, und ich war auf dem Wege, ein Vieh zu werden; ich fand
bisweilen, die viele Arbeit sei geradezu Sünde, weil sie dem höheren
Ziel, der Entwicklung der Seele, entgegenwirkte; da schwänzte ich und
floh für einen Tag hinaus in die Natur, wo ich in Meditationen lebte,
die mich unaussprechlich glücklich machten -- doch dies Glück erschien
mir als ein selbstsüchtiger Genuß, ebenso groß, ja größer als das
Glück, das ich bei der künstlerischen Arbeit empfunden hatte, und da
kam das Gewissen, das Pflichtgefühl wie eine Furie über mich, und ich
floh zurück in mein Joch, das nun wieder lieblich war -- für einen Tag!
Um mich von diesem unerträglichen Zustand zu befreien und Klarheit und
Frieden zu finden, gehe ich dem Unbekannten entgegen! Ihr, die ihr
meine Leiche sehen werdet -- sehe ich unglücklich aus im Tode?«
Gelegentliche Aufzeichnungen bei Wanderungen im Freien
Der Plan der Welt ist die Befreiung der Idee von der Sinnlichkeit, die
Kunst aber versucht die Idee in eine sinnliche Hülle zu kleiden, damit
sie sichtbar wird. Also ...
Alles korrigiert sich selbst. Als die Künstlerwirtschaft in Florenz zu
bunt wurde, kam Savonarola -- o dieser tiefe Mann! -- und sprach sein:
Das ist nichts! Und die Künstler -- und was für Künstler! -- machten
einen Scheiterhaufen aus ihren Kunstwerken. O dieser Savonarola!
* * * * *
Was mögen die Bilderstürmer in Konstantinopel gewollt haben? Was
wollten die Anabaptisten und Bilderstürmer in den Niederlanden? Das
wage ich nicht zu sagen, denn dann erscheinen am Samstag Karikaturen
von mir -- vielleicht auch schon am Freitag!
* * * * *
Die große Idee unserer Zeit: die Arbeitsverteilung führt zum
Fortschritt der Gattung und zum Tod der Individuen! Was ist denn
die Gattung? Das ist der Totalitätsbegriff, die Idee, sagen die
Philosophen, und die Individuen glauben es und sterben für die Idee!
* * * * *
Es ist merkwürdig, daß die Fürsten immer wollen, was das Volk nicht
will. Sollte einem solchen Mißverhältnis nicht auf sehr einfache und
leichtverständliche Art abzuhelfen sein?
* * * * *
Als ich in reiferen Jahren meine Schulbücher wieder las, wunderte ich
mich nicht, daß wir Menschen solche Dummköpfe sind! Ich habe neulich
Luthers Katechismus gelesen und machte dabei
Einige Bemerkungen und Entwurf zu einem Katechismus.
(Nicht der Kommission einzureichen; das hier Mitgeteilte ist alles, was
ich geschrieben habe.)
Das erste Gebot. Vernichtet den Glauben an einen Gott, denn es setzt
voraus, daß es noch andere Götter gibt, etwas, was das Christentum auch
anerkennt.
Anm. Der so gefeierte Monotheismus hat einen schlechten Einfluß auf die
Menschen gehabt, denn er hat sie der Achtung und Liebe für den Einzigen
und Wahren beraubt dadurch, daß die Erklärung des Bösen ausgeblieben
ist.
Das zweite und dritte Gebot enthalten wirkliche Lästerungen, weil der
Verfasser unserm Herrgott so kleinliche und dumme Vorschriften in den
Mund legt, die eine Beleidigung seiner Allweisheit sind, und die dem
Verfasser einen Prozeß zugezogen haben würden, wenn er in unsern Tagen
gelebt hätte.
Das vierte Gebot müßte folgenden Wortlaut haben: Du sollst dich von
deiner angeborenen Ehrfurcht vor deinen Eltern nicht verleiten lassen,
auch ihre Fehler zu bewundern, und du brauchst sie nicht mehr zu
ehren, als sie verdienen. Du bist unter keinen Umständen den Eltern
irgendwelche Dankbarkeit schuldig, denn sie haben dir keinen Gefallen
damit getan, daß sie dich in die Welt gesetzt haben; daß sie dich
ernähren und dich kleiden, das gebietet ihnen sowohl ihr Egoismus
als auch das bürgerliche Gesetz. Die Eltern, die von ihren Kindern
Dankbarkeit erwarten (es gibt sogar Eltern, die Dank verlangen), sind
wie Wucherer: sie setzen gern das Kapital aufs Spiel, wenn sie nur
Zinsen bekommen.
Anm. 1. Wenn die Eltern (besonders die Väter) ihre Kinder häufiger
hassen als lieben, so liegt das daran, daß die Kinder ihren Wohlstand
einschränken. Es gibt Eltern, die ihre Kinder wie Aktien behandeln, von
denen sie unaufhörlich Dividenden verlangen.
Anm. 2. Dies Gebot hat die ungeheuerlichste aller Regierungsformen
geschaffen, die Familientyrannei, gegen die schwerlich eine Revolution
helfen kann. Die Menschheit würde mit Kinderschutzvereinen mehr Ehre
einlegen als mit Tierschutzvereinen.
(Fortsetzung folgt.)
* * * * *
Schweden ist eine Kolonie, die ihre Blütezeit, die Epoche der
Großmacht, gehabt hat, und nun gleich Griechenland, Italien und Spanien
in den ewigen Schlaf einzugehen scheint.
Die schreckliche Reaktion, die nach 1865, dem Todesjahr der Hoffnungen,
eingetreten ist, hat demoralisierend auf das neue Geschlecht gewirkt,
das herangewachsen ist. Eine größere Gleichgültigkeit gegen die
Allgemeinheit, einen größeren Egoismus, eine größere Irreligiosität hat
man seit langer Zeit in der Geschichte nicht gesehen. Es stürmt draußen
in der Welt, und die Völker brüten vor Wut gegen die Tyrannei, doch
hier im Lande feiert man nur Jubelfeste.
Der Pietismus ist die einzige Äußerung von Seelenleben bei dem
schlafenden Volk; das Mißvergnügen wirft sich der religiösen
Resignation in die Arme, um nicht in Verzweiflung oder ohnmächtige
Raserei zu verfallen.
Pietisten und Pessimisten gehen von dem gleichen Grundsatz aus: von der
Erbärmlichkeit des Daseins, und streben dem gleichen Ziele zu: der
Welt zu entsagen, mit Gott zu leben.
Aus Berechnung konservativ zu sein ist die größte Sünde, die ein
Mensch begehen kann. Das ist ein Attentat gegen die Weltidee, für drei
Silberlinge, denn der Konservative sucht die Entwicklung zu hindern;
er stemmt den Rücken gegen die rollende Erde und sagt: steh still! Es
gibt nur eine Entschuldigung: Dummheit; schlechte Geldverhältnisse sind
keine Entschuldigung, wohl aber ein Motiv.
* * * * *
Ich frage mich, ob Norwegen für uns nicht ein neuer Flicken auf einem
alten Kleide wird.
* * * * *
Stjernhelm, der ein dummer Kerl war, schrieb schon im siebzehnten
Jahrhundert folgendes über Schweden:
Entweder ist unser Land versetzt, vertauscht und verändert,
Oder die Schweden sind einstmals auch mit den Goten gewandert
fort von der Kälte; ausländisch Volk ist statt ihrer geblieben,
kärglich an Weisheit und Witz, aber in Torheit seltsam gerieben.
Wenn an bestimmtem Orte die Stämme sich ballten,
man fänd unter tausend kaum fünfzig, die noch glichen den Alten.
»Nun, was sagt ihr dazu?« fragte Borg, als er die Lektüre beendet und
einen Kognak getrunken hatte.
»Ach, gar nicht so übel; es hätte freilich etwas witziger sein können,«
sagte Sellén.
»Nun, was sagst du denn, Falk?«
»Es ist ja das übliche Gewinsel -- nichts weiter. Wollen wir jetzt
gehen?«
Borg sah ihn an, um festzustellen, ob es Ironie sei, aber er sah nichts
Beunruhigendes.
»Ja,« sagte Sellén, »Olle hat seligere Gefilde aufgesucht; nun, jetzt
hat er es ja gut; jetzt braucht er sich nicht mehr ums Mittagessen zu
sorgen. Ich möchte wissen, was der Wirt im ›Knopf‹ hierzu sagen wird.
Er hatte doch wohl einen kleinen Klaps, wie er es nannte. Ja ja!«
»Was für eine Herzlosigkeit! Was für eine Roheit! Pfui Teufel, diese
Jugend!« brach Falk los, warf Geld auf den Tisch und griff nach seinem
Mantel.
»Bist du sentimental?« höhnte Sellén.
»Ja, das bin ich! Adieu!«
Und er ging.
Neunundzwanzigstes Kapitel
Rundschau
Brief von Doktor Borg, Stockholm, an Landschaftsmaler Sellén, Paris.
Lieber Sellén!
Du hast jetzt ein ganzes Jahr lang auf einen Brief von mir gewartet,
aber nun habe ich wenigstens etwas zu schreiben. Ich wollte meinen
Grundsätzen getreu zuerst von mir selber sprechen, aber ich habe
mich in Höflichkeit zu üben, denn ich muß mir jetzt bald mein Brot
verdienen; ich fange also mit Dir an! Ich gratuliere mir, daß Dein
Bild in der Ausstellung angenommen worden ist und dort solchen Effekt
gemacht hat. Isaak hat die Notiz ins »Graumützchen« gebracht, ohne
Wissen des Redakteurs, so daß dieser vor Wut schäumte, als er es las,
denn er hatte geschworen, aus Dir sollte nie etwas werden. Da Du nun
aber im Ausland anerkannt bist, hast Du natürlich auch hier daheim
einen Namen, und ich brauche mich Deiner nicht mehr zu schämen.
Um nichts zu vergessen und um mich kürzer fassen zu können, denn ich
bin faul und müde nach anstrengendem Dienst in der Entbindungsanstalt,
verfasse ich meinen Brief in Notizenform, ganz wie im »Graumützchen«,
so daß Du auch leichter das überspringen kannst, was dich nicht
interessiert.
Die ~politische Lage~ wird immer interessanter; alle Parteien
haben sich gegenseitig mit Geschenken und Gegengeschenken bestochen,
so daß sie nun alle miteinander grau sind. Diese Reaktion wird
wahrscheinlich mit Sozialismus enden. Es ist stark die Rede davon,
die Zahl der Kreise auf achtundvierzig zu erhöhen, denn in der
Ministerkarriere wird man jetzt am schnellsten befördert, besonders
da nicht einmal das Volksschullehrerexamen dazu erforderlich ist. Ich
sprach neulich mit einem meiner Schulkameraden, der schon Minister a.
D. ist, und er behauptete, es sei viel leichter, Minister zu sein als
Expeditionssekretär. Die Tätigkeit soll sehr an die Arbeit erinnern,
die man zu tun hat, wenn man eine Bürgschaft leistet: man braucht nur
zu unterschreiben! Mit der Bezahlung wird es nicht so genau genommen,
man hat ja den zweiten Bürgen.
Was die ~Presse~ betrifft -- ja, die kennst Du! Im allgemeinen hat
sie sich als Geschäft konstituiert, das heißt, sie folgt der Ansicht
der momentanen Majorität, und die Majorität, das heißt die meisten
Abonnenten, ist reaktionär. Ich habe eines Tages einen liberalen
Zeitungsmann gefragt, warum er so gut über Dich schreibe, ohne Dich zu
kennen. Er sagte, das liege daran, daß Du die öffentliche Meinung, das
heißt die meisten Abonnenten, für Dich hättest. »Nun, aber wenn die
öffentliche Meinung sich gegen ihn wendet?« -- »Dann stürze ich ihn
natürlich!«
Unter solchen Verhältnissen ist es Dir wohl verständlich, daß die ganze
nach 65 herangewachsene Generation, die nicht im Reichstag vertreten
ist, die Lage verzweifelt findet; deshalb sind sie auch Nihilisten, das
heißt sie ....... auf alles oder sehen ihren Vorteil darin, konservativ
zu werden, denn unter solchen Verhältnissen liberal bleiben, das ist
des Teufels!
Die ~wirtschaftliche Lage~ ist gedrückt; der Banknotenvorrat,
meiner wenigstens, reduziert; auch die feinsten Papiere, von zwei
Doktoren unterzeichnet, werden von keiner Bank angenommen.
Die ~Aktiengesellschaft Triton~ liquidierte, wie Du weißt, in
der Weise, daß Direktoren und Liquidatoren alle gedruckten Aktien
übernahmen, während Aktionäre und Depositäre von der bekannten
Norrköpinger Gesellschaft (der einzigen, die sich in diesen
Schwindelzeiten gut gehalten hat) allerlei lithographische Papiere
bekamen; ich habe eine Witwe gesehen, die die Hand voll Obligationen
für einen Marmorbruch hatte; es waren große, schöne Bogen, rot und blau
bedruckt, auf denen immer wieder 1000 Kronen graviert war, und darunter
standen, ganz als hätten sie Bürgschaft geleistet, die Namen von
Leuten, von denen mindestens drei das Ehrengeläut für die Inhaber des
Seraphimerordens bekommen, wenn sie aufhören, in dieser Welt Aktionäre
zu sein.
Der Freund und Bruder ~Nikolaus Falk~, der seiner privaten
Darlehnswirtschaft überdrüssig geworden ist, weil sie ihm kein
volles bürgerliches Ansehen schenkte, was doch die öffentliche
tut, beschloß, sich mit einigen sachverständigen (!) Personen
zu vereinigen und eine Bank zu gründen. Das Neue an dem Programm
wurde folgendermaßen angekündigt: »Da die Erfahrung gelehrt hat --
wahrlich eine betrübende Erfahrung! -- (Levin ist der Verfasser,
das merkst Du!), daß Depositenscheine nicht hinlängliche Sicherheit
bieten, um anvertraute Wertsachen, das heißt deponiertes Geld, auch
wirklich zurückzubekommen, so haben die Unterzeichneten, erfüllt von
uneigennützigem Eifer für die vaterländische Industrie, und um dem
wohlhabenden Publikum eine größere Sicherheit zu bieten, sich als Bank
konstituiert, unter dem Namen Depositen-Garantie-Aktiengesellschaft.
Das Neue und Sichere, denn nicht alles Neue ist sicher, in unserer
Idee ist, daß die Depositäre statt der wertlosen Depositenscheine
Wertpapiere im vollen Betrag der hinterlegten Summe bekommen usw. Das
Geschäft ist noch im Gange, und Du kannst Dir denken, was für Papiere
statt des Depositenscheins ausgehändigt werden. Mit seinem scharfen
Blick erkannte Falk, wie großen Vorteil er aus einem Menschen mit
so weitgehender ökonomischer Erfahrung ziehen kann, wie Levin sie
besitzt, der außerdem, durch seine Pumpgeschäfte, ungeheuer viele
Menschen kennt; um ihn aber richtig vorzubereiten und ihn mit allen
Irrwegen eines Geschäfts und besonders der juristischen Seite voll
vertraut zu machen, schlug Falk ihn mit seinem Schuldschein zu Boden
und zwang ihn zum Konkurs. Dann trat er als Retter auf und machte ihn
zu einer Art finanziellem Beirat mit dem Titel Direktionssekretär,
und nun sitzt Levin da in einem kleinen Privatzimmer, darf sich
aber in der Bank nicht sehen lassen. Kassierer ist Isaak. Er hat das
Abiturium gemacht (mit Lateinisch, Griechisch und Hebräisch, ebenso
den juristischen und philosophischen Doktor mit den höchsten Nummern
in allen Fächern -- sein Examen wurde natürlich im »Graumützchen«
erwähnt). Er arbeitet jetzt zum juristischen Staatsexamen und schachert
einstweilen auf eigene Faust. Er ist wie der Aal, er hat neun Leben
und lebt von nichts! Er trinkt keinen Alkohol, genießt kein Nikotin
in irgendeiner Form; ob er sonst irgendwelche Laster hat, weiß ich
nicht, aber er ist furchtbar! Er hat eine Eisenhandlung in Härnösand,
ein Zigarrengeschäft in Helsingfors und ein Galanteriewarengeschäft
in Södertelge; außerdem hat er im Süden von Stockholm ein paar kleine
Häuser! Er ist ein Mann der Zukunft, sagen die Leute, er ist ein Mann
der Gegenwart, finde ich. Der Bruder Levi hat sich nach Abwicklung der
Geschäfte des Triton mit einem recht hübschen Vermögen, wie man sagt,
zu Privatgeschäften zurückgezogen. Er soll das Waldkloster haben kaufen
wollen, um es in einem neuen Stil zu restaurieren, den sein Onkel von
der Kunstakademie erfunden hat. Das Angebot ist aber abgelehnt worden.
Levi war sehr beleidigt darüber und schrieb im »Graumützchen« eine
Notiz mit der Überschrift: Judenverfolgung im neunzehnten Jahrhundert,
wodurch er sich die lebhaften Sympathien der gebildeten Kreise zuzog;
er kann durch diesen Coup Reichstagsabgeordneter werden, wenn er Lust
hat. Er bekam sogar eine Dankadresse von seinen Glaubensgenossen
(als wenn Levi einen Glauben hätte!), in der sie ihm dafür dankten
(sie war im »Graumützchen« abgedruckt), daß er die »Rechte« der Juden
verteidige (nämlich das Waldkloster zu kaufen!). Die Adresse wurde
bei einem Fest im Grünen Jäger überreicht, zu dem auch eine ganze
Menge Schweden (ich führe die Judenfrage immer auf das richtige Gebiet
-- das ethnographische -- zurück) eingeladen waren, zu verdorbenem
Lachs und offnem Wein. Bei dieser Gelegenheit wurde dem Helden des
Tags unter großer Rührung (siehe »Graumützchen«) eine Ehrengabe von
zwanzigtausend Kronen (in Kroppaktien) überreicht, für das »Heim für
verwahrloste Kinder evangelischen Glaubens« (immer muß der Glaube
herhalten). Ich bin auch auf dem Fest gewesen und habe -- was ich
noch nie erlebt -- Isaak betrunken gesehen! Er erklärte, er hasse
mich und Dich und Falk und alle Weißen -- er nannte uns abwechselnd
Weiße und Eingeborene und »Roche«; das letzte Wort kenne ich nicht,
aber als er es aussprach, scharten sich sofort zahllose »Schwarze«
um uns und machten so unheimliche Gesichter, daß Isaak mich in ein
Nebenzimmer schleppte. Dort brach er los: sprach von seinen Leiden
als Kind in der Klara-Schule, wie Lehrer und Kameraden ihn mißhandelt
und zurückgesetzt, wie die Straßenjungen ihn auf der Straße geprügelt
hätten; das Rührendste war eine Erzählung aus seiner Soldatenzeit: er
war bei der Andacht vor die Front gerufen worden, um das Vaterunser
zu beten, und als er das nicht konnte, wurde er verhöhnt. Seine
Schilderung hat mich veranlaßt, meine Ansichten über ihn und seine
Rasse zu ändern.
Der ~Religionssnobismus und die Wohltätigkeitscholera~ grassieren
in hohem Maße und machen den Aufenthalt im Vaterlande sehr angenehm.
Du kennst zwei von diesen Haaren des Teufels: Frau Falk und Frau
Revisor Homan; die beiden kleinlichsten, eitelsten und boshaftesten
Geschöpfe, die nur je müßig herumgelaufen sind; Du erinnerst Dich an
ihre Kinderkrippe und deren Ende; jetzt haben sie ein Magdalenenheim
gegründet, und die erste, die aufgenommen wurde, war -- auf meine
Empfehlung -- die Marie aus der Neuen Gasse! Die Arme hatte ihre ganzen
Ersparnisse einem Handwerksburschen geliehen, der damit durchgebrannt
ist. Jetzt ist sie froh, alles umsonst zu haben und die bürgerliche
Achtung wiederzugewinnen. Das viele Gotteswort, das mit all solcher
Wirksamkeit verbunden ist, erklärt sie aushalten zu können, wenn sie
nur morgens ihren Kaffee habe.
Du erinnerst Dich auch ~Pastor Skaares~; er hat die Stelle des
Pastor primarius nicht bekommen; aus Ärger darüber ist er jetzt
dabei, eine neue Kirche zusammenzubetteln; gedruckte Bettellisten,
unterzeichnet von den reichsten Magnaten Schwedens, rufen die
allgemeine Barmherzigkeit an. Die Kirche, die dreimal so groß wie
die Blasieholmskirche werden und einen wolkenhohen Turm haben soll,
wird da stehen, wo jetzt die Sankt-Katarinenkirche steht; diese soll
nämlich angekauft und niedergerissen werden, weil sie sich als zu
klein erwiesen hat für das große geistige Bedürfnis, das jetzt das
schwedische Volk reitet. Die zusammengebettelten Mittel sind schon
so groß, daß man zu ihrer Verwaltung bereits einen Rendanten (mit
freier Wohnung und Heizung) hat ernennen müssen. Kannst Du raten, wer
dieser Rendant ist? -- Hör zu! Struve! -- Er ist in letzter Zeit etwas
religiös geworden -- ich sage etwas, weil es nicht viel ist, aber doch
hinreichend für seine kleinen Verhältnisse, denn nun wird er von den
Gläubigen protegiert. Das hindert ihn nicht, seine Zeitungsschreiberei
und sein Trinken fortzusetzen; aber sein Herz ist nicht weich; er ist
im Gegenteil erbittert auf alle, die dem Verfall entgangen sind, denn,
unter uns, er ist entsetzlich verkommen; deshalb haßt er Falk und Dich
und hat sich vorgenommen, Euch niederzuschlagen, sobald Ihr wieder
von Euch hören laßt. Um aber die Rendantenwohnung beziehen und die
Heizung verbrennen zu können, hat er sich trauen lassen müssen, was in
aller Stille oben auf dem Weißen Berge vor sich gegangen ist. Ich war
Trauzeuge (betrunken natürlich) und habe mir die Szene angesehen. Die
Frau hat sich ebenfalls auf das Gottesgnadentum geworfen, nachdem sie
erfahren hat, daß es vornehm ist. -- ~Lundell~ hat das religiöse
Gefühl völlig +ad acta+ gelegt und malt nur noch Bilder von
geschäftsführenden Direktoren, wodurch er Lehrer an der Kunstakademie
geworden ist. Er ist jetzt auch unsterblich, weil ein Bild von ihm sich
im Nationalmuseum befindet. Die Methode war sehr einfach und ist zur
Nachahmung zu empfehlen: Smith hat dem Museum ein von Lundell gemaltes
Genrebild geschenkt, dafür hat Lundell ihm gratis sein Porträt malen
müssen! -- Das ist fein? Was?
~Schluß eines Romans.~ Ich sitze eines Sonntags vormittags, in
der kurzen Stunde, wenn der Sabbatfriede nicht von den schrecklichen
Glocken gestört wird, in meinem Zimmer und rauche. Da klopft es an die
Tür, und herein kommt ein großer, hübscher Kerl, den ich zu kennen
glaube -- es ist Rehnhjelm. Gegenseitiges Examen. Er ist Verwalter
eines großen Betriebes und recht zufrieden mit seiner Welt. Es klopft
noch einmal. Herein kommt Falk (mehr von ihm weiter unten). Alte
Erinnerungen und gemeinsame Bekannte werden erörtert. Dann kommt der
bekannte Augenblick nach einem eifrigen Gespräch, wo es still wird und
eine sonderbare Pause entsteht! Rehnhjelm griff nach einem Buch, das
ihm gerade zur Hand lag, blätterte darin und begann laut zu lesen:
»›Ein Kaiserschnitt. Akademische Abhandlung, die mit Genehmigung der
hohen medizinischen Fakultät im kleinen Hörsaal des Gustavianums
öffentlich verteidigt wird.‹ Das sind ja schreckliche Figuren; wer ist
denn so unglücklich, daß er nach seinem Tode auf diese Weise umgehen
muß?«
»Sieh nach!« sagte ich, »das steht auf Seite zwei.«
Er las weiter:
»Das Becken, das unter Nr. 38 in der pathologischen Sammlung der
Akademie -- Nein, das war es nicht. Unverehelichte Agnes Rundgren.«
Der Mann wurde weiß wie Kalk und mußte aufstehen und Wasser trinken.
»Hast du sie gekannt?« fragte ich, um ihn etwas abzulenken.
»Ob ich sie gekannt habe! Sie war in X-köping am Theater und ist später
nach Stockholm gegangen in ein Restaurant, wo sie sich Beda Pettersson
nannte.«
Jetzt hättest Du Falk sehen müssen. Es gab eine Szene, die damit
endete, daß Rehnhjelm die Frauen im allgemeinen verfluchte, worauf Falk
sehr erregt erwiderte, es gebe zwei Arten von Frauen, darauf bitte er
aufmerksam machen zu dürfen, und zwischen Frauen und Frauen sei ein so
großer Unterschied wie zwischen Engeln und Teufeln. Und er sprach mit
solcher Rührung, daß Rehnhjelm die Tränen in die Augen traten.
Ja, Falk! Den habe ich mir bis zuletzt aufgehoben. Er hat sich verlobt!
Wie das zugegangen ist? Er selbst hat das folgendermaßen erzählt: »Wir
sahen uns!« Wie Du weißt, habe ich niemals fertige Ansichten, sondern
warte immer noch auf neue Erfahrungen, aber was ich bisher gesehen
habe, scheint unstreitig zu beweisen, daß die Liebe etwas ist, worüber
wir Junggesellen nicht urteilen können -- was wir mit diesem Namen
bezeichnen, ist nur Liederlichkeit! Lache nur, Du alter Spötter!
Ich habe sonst nur in schlechten Theaterstücken eine so rasche
Charakterentwicklung gesehen wie damals bei Falk. Mit der Verlobung
ging es nicht sehr rasch, das mußt Du nicht denken. Der Vater war ein
alter Witwer, Egoist, Pensionär, der seine Tochter als ein Kapital
betrachtete: durch eine reiche Heirat sollte sie ihm ein angenehmes
Alter schaffen (ein sehr häufiger Fall). Er sagte rundheraus nein! Da
hättest Du Falk sehen sollen. Er ging ein Mal übers andere zu ihm und
wurde hinausgeworfen, aber er kam wieder und sagte dem Alten gerade ins
Gesicht, sie würden ohne seine Einwilligung heiraten, wenn er nicht
nachgebe; ich weiß nicht, aber ich glaube, sie haben sich geprügelt.
Dann eines Abends begleitete Falk seine Braut von Verwandten, bei denen
er sich eingeführt hatte, nach Hause. Als sie in die Straße kamen,
sahen sie beim Laternenschein den Alten im Fenster liegen -- er hat ein
kleines Haus in der Hornzollstraße, das er allein bewohnt. Falk rüttelt
an der Gartentür; er rüttelt eine Viertelstunde lang, niemand öffnet!
Er klettert über den Zaun, wird von einem großen Hund angefallen, den
er überwältigt und in den Müllkasten sperrt (denke Dir den ängstlichen
Falk); darauf zwingt er den Hausmann, aufzustehen und zu öffnen;
jetzt standen sie auf dem Hof; blieb noch die Haustür; er schlägt
mit einem großen Stein gegen die Tür, aber von innen hört man keinen
Laut. Da holt er aus dem Garten eine Leiter und klettert zum Fenster
des Alten hinauf (genau wie ich es selbst auch gemacht haben würde)
und ruft: Aufmachen, sonst schlage ich das Fenster ein! Da ertönt von
innen die Stimme des Alten: »Schlag, du Lümmel, dann schieße ich dich
nieder!« Falk schlug das Fenster ein. Es blieb eine Weile totenstill.
Schließlich hörte er durch die zerschmetterte Scheibe: »Das war
stilvoll (der Alte war Soldat gewesen)! Du bist mein Mann!« -- »Ich
schlage nicht gern Fenster ein,« sagte Falk, »aber für Ihre Tochter tue
ich alles!« und damit war die Sache in Ordnung.
Er verlobte sich! Du mußt bedenken, daß vor kurzem der Reichstag die
große Reorganisation der Ämter vorgenommen hat, wobei Gehälter und
Stellen verdoppelt wurden, so daß ein junger Mann sich schon in der
untersten Gehaltsklasse verheiraten kann! Er will im Herbst heiraten.
Sie bleibt Lehrerin, das ist sie nämlich! Ich weiß sehr wenig von der
Frauenfrage, denn sie geht mich nichts an, aber ich glaube, nach dem,
was ich gesehen habe, daß unsere Generation das Asiatische abschaffen
wird, das der Ehe noch anhaftet. Beide Parteien schließen einen freien
Vertrag, keiner gibt seine Selbständigkeit auf, keiner versucht den
andern zu erziehen, jeder lernt die Schwächen des andern respektieren,
und man hat eine Kameradschaft fürs Leben, die nicht dadurch langweilig
wird, daß der eine Teil auf Zärtlichkeit pocht. Frau Nikolaus Falk,
Du weißt, diese wohltätige Teufelin, halte ich für nichts anderes als
eine +femme entretenue+, und so sieht sie sich selbst auch an;
die meisten Frauen verheiraten sich, um es gut zu haben und nicht
mehr arbeiten zu müssen, um selbständig zu werden; daß so wenig Ehen
geschlossen werden, das ist die Schuld der Frau, aber auch die des
Mannes.
Falk aber ist undurchdringlich; er hat sich auf die Numismatik
geworfen mit einem Eifer, der nicht ganz natürlich ist, ja ich habe
ihn sogar neulich davon reden hören, er sei mit der Ausarbeitung eines
Lehrbuchs der Numismatik beschäftigt und wolle versuchen, es in den
Schulen einzuführen, wo die Münzenkunde Lehrfach werden solle; nie
liest er eine Zeitung; nie weiß er, was in der Welt passiert; und die
Schriftstellerei scheint er sich ganz aus dem Sinn geschlagen zu haben.
Er lebt nur für seinen Dienst und seine Braut, die er vergöttert; aber
ich glaube nicht an dies alles. Falk ist ein politischer Fanatiker,
der weiß, daß er verbrennen würde, wenn er der Flamme Spielraum gäbe,
deshalb löscht er sie durch strenge, trockne Studien aus; ich glaube
jedoch nicht, daß es ihm gelingt, denn wenn er sich derartig Zwang
antut, befürchte ich einmal eine Explosion; übrigens -- unter uns --
glaube ich, daß er einer der heimlichen Gesellschaften angehört, die
Reaktion und Militarismus auf dem Kontinent hervorgerufen haben. Als
ich ihn neulich im Reichstag sah, als Herold bei der Thronrede, im
roten Purpurmantel, mit der Feder am Barett und dem Stab in der Hand,
zu Füßen des Thrones (zu Füßen des Thrones!) -- da dachte ich: ja, es
ist eine Sünde, das zu sagen; als aber der Minister Seiner Majestät
des Königs gnädige Propositionen über Zustand und Bedürfnisse des
Reiches vorbrachte, da sah ich einen Blick in Falks Augen, der ungefähr
sagte: »Was weiß Seine Majestät von der Lage und den Bedürfnissen des
Reiches?« Der Mann, der Mann!
Nun habe ich wohl meine Rundschau beendet, ohne jemanden vergessen zu
haben. Leb also für diesmal wohl! Du wirst bald wieder von mir hören!
H. B.
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
August Strindberg
Ausgewählte Romane in fünf Bänden
Das Rote Zimmer
Die Leute auf Hemsö
Am offenen Meer
Die Gotischen Zimmer
Schwarze Fahnen
*
Ferner erschienen:
August Strindberg
Inferno
Berechtigte Übertragung von Chr. Morgenstern
*
Heiraten (Ehegeschichten)
*
In Vorbereitung:
Ausgewählte Dramen in fünf Bänden
Die Kronbraut / Schwanenweiß / Ein Traumspiel
Nach Damaskus
Totentanz / Der Vater / Fräulein Julie / Kameraden
Kammerfestspiele / Jahresfestspiele
Geschichtliche Dramen
August Strindberg
Ausgewählte Romane
[Illustration]
[Illustration: Buchdeckel]
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ROTE ZIMMER ***
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