Topik : Organon V

By Aristotle

The Project Gutenberg eBook of Topik
    
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Title: Topik
        Organon V

Author: Aristotle

Translator: Eugen Rolfes


        
Release date: May 24, 2026 [eBook #78739]

Language: German

Original publication: Hamburg: Meiner, 1922

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/78739

Credits: Alexander Bauer and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TOPIK ***

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                     Anmerkungen zur Transkription

  Der vorliegende Text wurde anhand des unveränderten Nachdrucks
  der Buchausgabe von 1922 so weit wie möglich originalgetreu
  wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend
  korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete
  Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
  Verschiedene Schreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, sofern
  der Wortsinn erhalten bleibt.

  Die Einträge im Inhaltsverzeichnis für die Anmerkungen, sowie das
  Sachregister wurden vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit halber
  eingefügt.

  Die Endnoten befinden sich einem gesonderten Abschnitt ‚Anmerkungen‘.
  Diese wurden in der gedruckten Version für das Erste bis Achte
  Buch getrennt nummeriert, beginnen dort also jeweils bei 1. In der
  elektronischen Fassung erfolgt die Nummerierung dagegen durchgehend.
  Die betreffenden Verweise im Text wurden dementsprechend angepasst.

  In den Randnotizen finden sich Hinweise zu den entsprechenden Stellen
  in der kritischen Aristoteles-Gesamtausgabe von Immanuel Bekker aus
  den Jahren 1831 bis 1837.

  Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
  folgenden Symbole gekennzeichnet:

        fett:        =Gleichheitszeichen=
        gesperrt:    +Pluszeichen+

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                              ARISTOTELES

                                 TOPIK

                              (Organon V)

                     Übersetzt und mit Anmerkungen
                              versehen von
                              EUGEN ROLFES

                             [Illustration]

                        VERLAG VON FELIX MEINER
                                HAMBURG




                   PHILOSOPHISCHE BIBLIOTHEK BAND 12

                      Unveränderter Nachdruck 1968
                      der zweiten Auflage von 1922

           Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks
           und der photomechanischen Wiedergabe, vorbehalten
               Herstellung: R. Himmelheber & Co., Hamburg
                           Printed in Germany




Einleitung.


Die Topik des Aristoteles enthält die Lehre von den einen
Wahrscheinlichkeitsschluß begründenden allgemeinen Sätzen, nach denen
sie auch benannt ist: topica sc. scripta, von Topos, Ort. Das Wort
Topos hat Aristoteles zu einem Kunstausdruck geprägt, den er vorzüglich
in dieser Schrift und in der mit ihr verwandten Rhetorik gebraucht.
In der Rhetorik steht auch eine Erklärung des Wortes. „Wir reden“,
so heißt es da, „von Örtern mit Beziehung auf die dialektischen und
rhetorischen Schlüsse. Die Örter sind es, die sich gleichmäßig auf
rechtliche, physikalische, politische und viele andere der Art nach
verschiedene Gegenstände beziehen, wie es z. B. von dem Orte aus dem
Mehr und Minder gilt: aus ihm kann man, ebensogut wie über Gegenstände
des Rechts, über andere, die der Physik oder jeder beliebigen
Wissenschaft angehören, einen Syllogismus oder ein Enthymema gewinnen,
obwohl diese Disziplinen der Art nach voneinander verschieden sind.
Dagegen sind eigentümliche Prinzipien alle die, die zur Zahl der in
eine einzelne Art und Gattung einschlagenden Sätze gehören, wie es
z. B. in der Physik Sätze gibt, die keinen Schluß und kein Enthymem
in ethischen, und umgekehrt in der Ethik Sätze, die keines von beiden
in physikalischen Fragen gestatten“ a. a. O. I, 2. 1358a 10 ff.
Einen leisen Hinweis auf die Ähnlichkeit zwischen einem allgemein
verwendbaren Vordersatz und einem Ort im gewöhnlichen, räumlichen Sinne
des Wortes, und somit eine Art Rechtfertigung des Ausdrucks, kann man
in einer späteren Stelle der Rhetorik finden: „Mir ist Element dasselbe
wie Ort. Element und Ort sind etwas, worunter viele Enthymeme fallen“
II, 26. 1403a 18. Theophrast bestimmt nach Alexander den Begriff Topos
„als ein Prinzip oder Element, das uns, wenn wir gehörig aufmerken, die
Prinzipien oder Vordersätze zu einem beliebigen Schluß verschafft“,
Scholia in Arist. 252a 12.

Die Topik als Wissenschaft oder Kunst wird von Aristoteles selbst im
ersten Satze der Schrift als „eine Methode“ bezeichnet, „nach der wir
über jedes aufgestellte Problem aus wahrscheinlichen Sätzen Schlüsse
bilden können“.

Es erhebt sich aber an dieser Stelle sogleich die schwierige Frage,
in welchem Sinne Aristoteles die Vordersätze der Topik wahrscheinlich
nennt.

Silvester Maurus meint in der Paraphrase zur Topik in der Einleitung,
die begründenden Sätze, deren man sich beim Disputieren bedient,
seien darum wahrscheinlich, weil die Dialektik oder Topik die Kunst
sei, sowohl für als wider eine These zu disputieren. Man könne aber
nur in einem der beiden Fälle die Wahrheit für sich haben, weil
Kontradiktorisches nicht gleichzeitig wahr sein kann, und da Falsches
nicht aus Wahrem begründet werden könne, so bleibe hierfür nur
Wahrscheinliches übrig.

Allein das möchte ein Irrtum und ein greifbarer Widerspruch mit der
Lehre des Aristoteles sein.

Nachdem er im Proömium B. 1 K. 1. Absatz 4 gesagt hat, ein
dialektischer Schluß entspringe aus wahrscheinlichen Sätzen, erklärt
er im Absatz 5 ausdrücklich, wahrscheinliche Sätze seien die, die
allen oder den meisten oder den Weisen wahr zu sein schienen. Das sind
aber doch wohl nicht die Sätze, mit denen man alles mögliche beweist.
Wenn der Dialektiker pro und contra disputiert, ist es ja auch nicht
derselbe Satz, bei dem er das tut, sondern je ein anderer: er tritt
eben bald als Defendent, bald als Opponent auf. B. 8, K. 9 wird eigens
gefordert, man solle sich keiner unwahrscheinlichen Sätze annehmen.
Auch scheinen die in der Topik vorkommenden Örter sämtlich nicht von
der Art zu sein, daß man sie als bloß wahrscheinliche oder gar als
Sätze von einiger, aber geringer Wahrscheinlichkeit im mathematischen
Sinne bezeichnen könnte: sie sind so ziemlich alle wahr.

Aber wenn das zutrifft, so entsteht eine neue Schwierigkeit: sind
die Topen des Aristoteles wahre Sätze, warum nennt er sie dann
wahrscheinlich?

Man wird antworten müssen, daß nicht sowohl die fraglichen Sätze an
sich bloß wahrscheinlich sind, sondern vielmehr die Berechtigung, sie
auf die gegebenen Fälle anzuwenden. Das liegt ja auch bereits in der
Stelle der Rhetorik I, 2. Die fraglichen Sätze sind allgemeiner Natur
und darum dem jeweiligen behandelten Gegenstand mehr äußerlich. Es
kann also vorkommen, daß sie auf ihn nicht passen, und dementsprechend
stoßen wir in der Topik selbst nicht selten auf Fälle, für die
Aristoteles dies erklärt.

Dementsprechend läßt er auch öfter, wo er in einer einzelnen Disziplin
einen Satz beweisen will, dialektische oder wahrscheinliche Gründe
vorausgehen, um dann, eben der wissenschaftlichen Gewißheit wegen,
der Sache eigentümliche folgen zu lassen. Als ein Beispiel diene die
Stelle Physik III, 5. 204b ff. Es handelt sich dort um die Frage, ob
ein unendlich großer Körper möglich ist. Für das Nein führt er zuerst
zwei „logische“ Gründe an: 1. den Begriff des Körpers: er ist das durch
Flächen Begrenzte, die Begrenztheit schließt aber die Unendlichkeit
aus; 2. den Begriff der Zahl: sie ist durch die Einheit gemessene
Vielheit, unendlich viele Teile aber, wie sie der unendlich große
Körper haben müßte, lassen sich nicht messen oder zählen; denn das
Unendliche läßt sich nicht durchschreiten.

In diesem Sinne also schließt die Topik aus Wahrscheinlichem und auf
Wahrscheinliches. Darum nimmt sie auch die Mitte ein zwischen der Lehre
vom wissenschaftlichen und vom Trugschlusse: jene ergeben Wahres,
diese Falsches, die dialektischen Schlüsse Wahrscheinliches.

Die Topik wird von Aristoteles Dialektik genannt. Mit diesem
Sprachgebrauch weicht er von Plato ab, der vielfach unter Dialektik
die Metaphysik als Abschluß der Philosophie versteht. Das Wort kommt
von διαλέγεσθαι, disputieren, und zeigt an, daß die Dialektik die
Kunst ist, eine Aufstellung einem Gegner gegenüber zu verteidigen oder
anzugreifen.

Der Nutzen der Dialektik wird von Aristoteles B. 1 K. 2 kurz angegeben.
Sie macht uns geübt, einen vorgelegten Gegenstand logisch und
methodisch zu behandeln; die Vertrautheit mit ihr befähigt uns, die
geltenden Meinungen sachkundig zu beurteilen und selbständig und mit
Erfolg entweder zu vertreten oder anzugreifen. Auch ist sie für die
philosophischen Wissenschaften nützlich, da durch die Vergleichung
des Für und Wider die Wahrheit an den Tag kommt. Eine Beleuchtung
dieses Gedankens sind die Aporien, die im dritten Buche der Metaphysik
aufgestellt und erörtert werden, um dann in den späteren Büchern die
streng wissenschaftliche Untersuchung der Probleme folgen zu lassen.
Endlich klärt sie uns über die Prinzipien der Einzelwissenschaften auf,
die von diesen selbst vorausgesetzt, nicht bewiesen werden. So gewinnt
Aristoteles Metaphysik I, 2 den Begriff der Philosophie, indem er die
Meinungen der Menge über den Weisen zu Rate zieht. Es sind also überall
annehmbare, angesehene, wahrscheinliche Meinungen, ἔνδοξα, an deren
Hand die Wahrheit ermittelt wird.

Der Plan und der Inhalt der acht Bücher der Topik ist folgender.

Das erste Buch ist mehr einleitend und allgemein. Zuerst werden die
Dialektik und ihr Objekt, die dialektischen Schlüsse, ihrem Begriffe
nach bestimmt und wird der Nutzen der Dialektik beschrieben. Dann folgt
gleich im 4. K. eine Einteilung der dialektischen Schlüsse, die für
die ganze nachfolgende Erörterung grundlegend ist: es handelt sich bei
ihnen entweder um ein Akzidenz oder die Gattung oder das Proprium oder
die Definition. Diese vier Genera stehen sich aber nicht so gegenüber,
daß nicht die Topen für das eine vielfach auch für das andere gälten.
Solche Sätze heißen nach der Rhetorik, im Gegensatz zu den Topen im
engeren Sinne, auch εἴδη, Formen. Vom zwölften bis zum achtzehnten,
dem letzten Kapitel dieses Buches werden vier Werkzeuge oder allgemein
verwendbare Mittel zur Gewinnung von probablen Sätzen besprochen. Sie
sind eine Zusammenfassung dessen, was die Topen im einzelnen sind. Das
erste ist die Auswahl der den Schluß begründenden Sätze, das zweite die
Unterscheidung der verschiedenen Bedeutung der Wörter, das dritte die
Auffindung des Unterschiedes der Dinge und das vierte die Auffindung
ihrer Übereinstimmung.

Das zweite und dritte Buch bringt die Topen für das Akzidenz, das
vierte die für die Gattung, das fünfte die für das Proprium und das
sechste und siebente die für die Definition.

Das achte Buch unterweist in der Technik des Disputierens und lehrt die
Ordnung, in der man fragen und wie man überhaupt die ganze Erörterung
gestalten soll, um nicht nur die gewollte Begründung oder Widerlegung
tatsächlich zustande zu bringen, sondern auch den Widerpart klar zu
überzeugen oder doch außer Gefecht zu setzen.

Wir haben diese Schrift wieder nach der großen Bekkerschen Ausgabe
des Aristoteles von 1831 übersetzt. Der Text der Topik ist sehr
gut erhalten. Hier und da haben wir bei der Übertragung ein oder
mehrere Worte in Klammern beigefügt, um die Anmerkungen nicht zu sehr
anschwellen zu lassen. Von diesen haben wir die eine und die andere,
die uns in der Folge nicht mehr haltbar schien und durch spätere
Anmerkungen richtiggestellt wird, gleichwohl in der ursprünglichen
Fassung stehen lassen, um gleichsam vor den Augen des Lesers
schrittweise in das mühevolle Verständnis dieser Schrift einzudringen
und ihm an diesem Beispiel zu zeigen, wie die bessere Auffassung
von der Meinung des Aristoteles oft erst durch die Fortsetzung der
Untersuchung gewonnen wird. Von deutschen Übersetzungen haben wir die
von Zell, Bender und von Kirchmann eingesehen und zu Rate gezogen.
Die vortreffliche lateinische Übertragung von Julius Pacius haben wir
verglichen. Die lateinische Paraphrase von Silvester Maurus S. J.:
Aristotelis opera omnia Paris 1885 Lethielleux hat uns dankenswerte
Dienste geleistet, wenn wir dem Autor auch nicht in allem glaubten
beipflichten zu können.

  Köln-Lindenthal, den 9. November 1918.

                                                           =Rolfes.=




Inhaltsverzeichnis.


=Erstes Buch=.

                                                                   Seite

  +Kapitel 1.+ Die Topik oder Dialektik und ihr Objekt                 1

  +Kapitel 2.+ Ihr Nutzen                                              3

  +Kapitel 3.+ Der naturgemäße Grad ihrer Vollkommenheit               4

  +Kapitel 4.+ Die wahrscheinlichen Schlüsse als Objekt der
  Dialektik. Es handelt sich bei ihnen entweder um ein Akzidenz
  oder die Gattung oder das Proprium oder die Definition               4

  +Kapitel 5.+ Erklärung dieser vier Begriffe                          5

  +Kapitel 6.+ Die Einteilung der wahrscheinlichen Schlüsse nach
  diesen Genera ist nicht zu pressen. Die Probleme der einen Art
  können gleichzeitig zu anderen Arten gehören                         8

  +Kapitel 7.+ Das Identische, sofern es die Übereinstimmung einer
  Definition mit ihrem Gegenstand bedingt. Seine Arten                 9

  +Kapitel 8.+ Beweis für die Richtigkeit der Einteilung der
  Schlüsse nach den genannten vier Genera des Akzidenz, der Gattung,
  des Proprium und der Definition                                     10

  +Kapitel 9.+ Verhältnis der vier Genera zu den Kategorien:
  Definition und Gattung können zu allen Kategorien, Proprium und
  Akzidenz können nicht zu der Kategorie der Substanz gehören         11

  +Kapitel 10.+ Satz und Problem als Objekte der Disputationen.
  Der dialektische Satz                                               12

  +Kapitel 11.+ Das dialektische Problem. Die These                   14

  +Kapitel 12.+ Induktion und Syllogismus, die beiden dialektischen
  Begründungsweisen                                                   16

  +Kapitel 13.+ Vier Werkzeuge oder allgemein verwendbare Mittel,
  um Induktionen und Syllogismen zu erhalten. Das erste Mittel: die
  Ausfindigmachung und Auswahl der den Schluß begründenden Sätze      16

  +Kapitel 14.+ Regeln für die Auswahl der Sätze                      17

  +Kapitel 15.+ Das zweite Mittel: die Unterscheidung der
  verschiedenen Bedeutung der Wörter                                  18

  +Kapitel 16.+ Das dritte Mittel: die Auffindung des
  Unterschiedes der Dinge                                             24

  +Kapitel 17.+ Das vierte Mittel: die Auffindung ihrer
  Übereinstimmung                                                     25

  +Kapitel 18.+ Von dem mannigfachen Nutzen, den die drei
  letztgenannten Mittel gewähren. — Die dialektischen Örter oder
  τόποι als begründende Sätze im einzelnen                            25


Zweites Buch.

  +Kapitel 1.+ Örter aus dem Akzidenz. Vorbemerkungen                 28

  +Kapitel 2.+ Widerlegende Örter. Das Akzidenz ist nicht Gattung.
  Die Akzidenzien der Genera sind nach den Arten zu beurteilen,
  die der verschiedenen Subjekte nach der Definition der letzteren.
  Aus dem Problem muß man einen Satz machen und ihn beanstanden.
  Man muß sehen, worin die Menge und worin die Weisen maßgebend
  sind                                                                29

  +Kapitel 3.+ Örter, die gleichzeitig widerlegen und begründen.
  Verschiedene Bedeutung der Wörter                                   32

  +Kapitel 4.+ Weitere Örter. Ersatz eines undeutlichen durch ein
  deutlicheres Wort. Wenn demselben Subjekt Entgegengesetztes
  zukommen kann, muß man die Gattung und ihre Arten beachten. Grund
  und Folge. Nichtüberstimmung der Zeit, für die die Attribute
  gelten                                                              35

  +Kapitel 5.+ Digressionen im Interesse der eingenommenen
  Position. — Widerlegung aus den Konsequenzen                        37

  +Kapitel 6.+ Attributive Akzidenzien. Urgierung der Begriffe
  zur Begründung eines Satzes. Notwendige, gewöhnliche und
  zufällige Attribute. Attribute, die mit ihrem Subjekt identisch
  sind                                                                38

  +Kapitel 7.+ Behandlung der Sätze mit entgegengesetztem Subjekt
  oder Prädikat                                                       40

  +Kapitel 8.+ Die vier Arten der Entgegensetzung                     42

  +Kapitel 9.+ Begriffsverwandtes und durch abgeleitete Wörter
  Bezeichnetes. Werden und Vergehen, Schaffen und Zerstören           44

  +Kapitel 10.+ Örter aus dem sich ähnlich Verhaltenden, dem mehr
  und minder Zukommenden und dem gleich sehr Zukommenden              46

  +Kapitel 11.+ Örter aus dem Zusatz, dem mehr oder minder
  Vorhandenen und dem beziehungsweise und irgendwann und irgendwo
  Vorhandenen                                                         48


Drittes Buch.

  +Kapitel 1.+ Örter aus dem Akzidenz zur Begründung vergleichender
  Werturteile. — Vorbemerkung. — Wünschenswerter ist vor allem was
  in sich wertvoll ist, also länger dauert, wesenhaft etwas ist, für
  sich selbst Ursache des Guten ist usw.                              50

  +Kapitel 2.+ Wünschenswerter ist sodann, was mit höheren Werten
  zusammenhängt, größer an Zahl ist, mit Lust verbunden ist und
  dergleichen                                                         53

  +Kapitel 3.+ Wünschenswerter ist, was die der Art eigene Güte hat,
  seinen Inhaber gut macht, das Bessere und Herrschende gut macht
  usw.                                                                57

  +Kapitel 4.+ Die angeführten Örter zeigen nicht nur das Bessere,
  sondern auch das schlechthin Gute an                                59

  +Kapitel 5.+ Sie sind zur Erhöhung ihrer Brauchbarkeit möglichst
  allgemein zu fassen                                                 60

  +Kapitel 6.+ Örter für partikuläre Probleme. Alle im 2. und 3.
  Buch angeführten Örter sind, weil allgemein, auch für die
  partikulären Probleme verwendbar, einige ganz besonders.
  Begründung und Umstoßung der partikulären Probleme, der
  unbestimmten wie der bestimmten. Verwendung des Ortes aus der
  Teilung nach B. 2, K. 2, Abs. 3                                     61


Viertes Buch.

  +Kapitel 1.+ Örter aus der Gattung. Die Disputierenden bekümmern
  sich selten um Gattung und Proprium. Die einem Ding zugewiesene
  Gattung ist verkehrt, wenn ein Verwandtes nicht unter sie fällt,
  statt der Gattung das Akzidenz steht, Gattung und Art nicht zur
  selben Kategorie gehören, das der Gattung Untergeordnete weiter
  reicht als sie selbst usw.                                          66

  +Kapitel 2.+ Die Gattung ist ferner verkehrt, wenn die Art noch
  zu einer anderen Gattung gehört, die weder die angegebene Gattung
  umfaßt, noch von ihr umfaßt wird, wenn die Gattung selbst an der
  Art teilhat, so daß diese von ihr ausgesagt wird, wenn man die
  Differenz oder den Unterschied der Art für das Genus ausgibt oder
  sie in das Genus aufnimmt usw.                                      69

  +Kapitel 3.+ Die Gattung ist verkehrt, wenn das unter ihr
  Begriffene an etwas teilhat, was ihr konträr ist, wenn die Art
  mit der Gattung nur den Namen gemein hat, wenn die Gattung nur
  eine Art haben soll, wenn man etwas metaphorisch Ausgedrücktes
  als Gattung bezeichnet, wenn die Art ein konträres Gegenteil hat,
  die Gattung aber nicht, und doch die konträren Arten nicht in
  derselben Gattung stehen usw.                                       74

  +Kapitel 4.+ Ein Maßstab für die Richtigkeit oder Verkehrtheit
  der Gattung ist die Gleichheit des Verhältnisses zweier Begriffe
  zu zwei anderen Begriffen, mag es nun das Verhältnis des
  Bewirkenden zum Bewirkten sein oder das der Art zur Gattung, und
  mag es sich bei solchen Verhältnissen um ein Positives oder um
  einen Mangel oder eine Negation, und mag es sich um Absolutes
  oder Relatives handeln                                              77

  +Kapitel 5.+ Die Gattung ist verkehrt, wenn man den Habitus unter
  den Aktus reiht und umgekehrt, wenn man ihn unter ein mit ihm
  verbundenes Vermögen ordnet; das, was irgendwie mit der Art
  verbunden ist, als Gattung setzt, wenn Art und Gattung nicht in
  demselben Subjekt ruhen usw.                                        82

  +Kapitel 6.+ Die Gattung ist verkehrt, wenn sie überhaupt von
  nichts Gattung ist. Wenn sie ein transszendentaler Begriff ist,
  wenn sie an und in der Art als ihrem Subjekte sein soll, wenn sie
  mit der Art nicht synonym ist, d. h. von der einen Art in einem
  anderen Sinne ausgesagt wird, als von der anderen; ferner, wenn
  sie sich nicht zu allen Arten als Wesensbestimmung verhält. Sie
  kann verkehrt sein, wenn sie bloß auf das unter eine Gattung zu
  Bringende folgt                                                     86


Fünftes Buch.

  +Kapitel 1.+ Örter aus dem Proprium. Vier Arten desselben. Wir
  fragen besonders nach dem immer und an sich gültigen Proprium       91

  +Kapitel 2.+ Zuerst fragt es sich, ob das Proprium gut angegeben
  ist oder nicht. Es ist es nicht, wenn es durch Unbekannteres
  bestimmt wird, als es selbst ist. Die für das Proprium
  gebrauchten Wörter dürfen nicht mehrdeutig sein, auch das nicht,
  dessen Proprium angegeben wird. Man darf bei der Bestimmung
  des Proprium nicht mehrmals dasselbe sagen und keine
  transszendentalen Bezeichnungen verwenden                           93

  +Kapitel 3.+ Man darf zur Erklärung der Eigentümlichkeit einer
  Sache nicht diese Sache selbst heranziehen, überhaupt nichts
  verwenden, was nicht bekannter ist als das zu Erklärende selbst.
  Man darf nicht für ein Proprium ausgeben was der Sache nicht
  immer folgt und was nur vorübergehend an ihr wahrgenommen
  worden ist. Das Proprium darf nicht mit der Definition
  verwechselt, auch nicht angegeben werden, ohne daß man die
  Gattung anführt                                                     98

  +Kapitel 4.+ Zweitens fragt es sich, ob das angegebene Proprium
  überhaupt ein solches ist, ob also ein Ort wirklich ein Proprium
  liefert. Das wahre Proprium muß allem zukommen, was zu einer Art
  gehört, und muß ihm zukommen, sofern es zu ihr gehört; es muß
  ihm allein zukommen; es darf nicht das Subjekt bezeichnen, dessen
  Proprium es sein soll usw.                                         102

  +Kapitel 5.+ Das Proprium darf nicht als das immer, sondern nur
  als das naturgemäß Vorhandene bezeichnet werden. Überhaupt muß
  man es einmal in der rechten Art und Weise aufstellen und dann
  auch genau sagen, welches das eigentliche Subjekt des Proprium
  sein soll. Das Proprium des Ganzen muß auch von den Teilen wahr
  sein, wenn sie dieselbe Beschaffenheit mit ihm haben               108

  +Kapitel 6.+ Über die Richtigkeit eines Proprium entscheidet auch
  die Prüfung des Entgegengesetzten: des Konträren, des Relativen,
  des Gegensatzes von Habitus und Privation, endlich der
  Kontradiktion                                                      112

  +Kapitel 7.+ Man muß auch die Beugungsfälle und das sich ähnlich
  oder gleich Verhaltende in Betracht ziehen. Ebenso muß man das
  Verhältnis von Sein und Werden, desgleichen die Idee des Dinges
  berücksichtigen                                                    115

  +Kapitel 8.+ Ferner ist zu berücksichtigen das mehr und minder
  Zukommende und ebenso das gleich sehr Zukommende                   118

  +Kapitel 9.+ Bei dem Proprium, das etwas Potenzielles besagt,
  darf sich das Potenzielle nur auf Wirkliches beziehen. Das durch
  den Superlativ ausgedrückte Proprium kann leicht aufhören, das
  Proprium des ursprünglichen Subjekts zu sein                       121


Sechstes Buch.

  +Kapitel 1.+ Örter aus der Definition. Die Erörterung hat an sich
  fünf Teile. Drei scheiden aus, weil sie schon bei den Topi aus
  Akzidenz, Gattung und Proprium erledigt worden sind. Bleiben also
  nur die Fälle, daß man nicht gut oder gar nicht definiert hat.
  Man definiert nicht gut, wenn man undeutlich definiert oder wenn
  die Definition zu viel enthält                                     124

  +Kapitel 2.+ Man definiert nicht deutlich, wenn man Homonyma
  verwendet, wenn das Definierte selbst nicht eindeutig ist, wenn
  man metaphorisch spricht, ungewöhnliche Wörter gebraucht
  u. dergl.                                                          125

  +Kapitel 3.+ Die Definition enthält zu viel, wenn sie enthält,
  was von allem Seienden gilt oder von allem, was mit dem
  Definierten unter eine Gattung fällt, wenn sie entbehrliche
  Propria enthält oder gar Zusätze, die nicht auf alles unter sie
  Fallende passen, wenn sie mehrmals dasselbe sagt und wenn sie zu
  dem allgemeinen Ausdruck einen partikulären hinzufügt              127

  +Kapitel 4.+ Man definiert gar nicht, wenn man nicht aus
  Bekannterem und Früherem definiert. Man definiert nicht aus
  Bekannterem, wenn man nicht aus solchem definiert, was
  schlechthin oder für uns bekannter ist. Ist es bloß für uns
  bekannter, so erklärt man nicht das Wesen des Definierten. Man
  definiert ferner nicht aus Bekannterem, wenn man Ruhendes durch
  Bewegtes definiert. Man definiert nicht aus Früherem, wenn man
  1. das Gegenteil durch das Gegenteil definiert, 2. das
  Definierte selbst verwendet und 3. ein Glied einer Einteilung
  durch das andere, oder auch wenn man das Übergeordnete durch das
  Untergeordnete definiert                                           130

  +Kapitel 5.+ Man definiert ferner gar nicht, wenn der Begriff
  oder das Ding in einer Gattung stehen und man sie nicht in ihr
  unterbringt. So verabsäumt man die Angabe des Was oder des
  Wesens. Wenn man nicht alles angibt, genauer nicht das Beste,
  wofür das Definierte Geltung hat; auch wenn man die Gattungen
  übergeht                                                           134

  +Kapitel 6.+ Man definiert ferner gar nicht, wenn man die die Art
  bezeichnenden Unterschiede gar nicht oder verkehrt angibt. Hier
  kommen viele Fehler vor: wenn man angibt was gar keine Differenz
  sein kann, wie lebendig oder Substanz, was naturgemäß nicht zwei
  Arten derselben Gattung unterscheiden kann; wenn man ebenso
  angibt, was kein Gegenteil hat; wenn man die Gattung durch
  Negation einteilt, was gegen die Anhänger der Ideenlehre gilt;
  wenn man statt der Differenz, die die Art bildet, diese selbst
  setzt oder statt der Differenz die Gattung usw.                    136

  +Kapitel 7.+ Man definiert ferner gar nicht, wenn das Ding was es
  ist, nicht auf Grund des angegebenen Begriffs ist, wenn es selbst
  ein Mehr zuläßt, der Inhalt der Definition dagegen nicht und wenn
  man disjunktiv definiert                                           142

  +Kapitel 8.+ Es ist auch keine Definition, wenn sie auf Relatives
  geht und den Beziehungspunkt verschweigt, wenn sie die Qualität
  oder Quantität bei dem Gegenstand einer Neigung nicht bestimmt,
  oder nicht anzeigt, ob sie auf das Gute oder das bloß gut
  Scheinende gerichtet ist                                           144

  +Kapitel 9.+ Ferner muß man, um nicht verkehrt zu definieren, bei
  einem Habitus darauf achten, seinen Inhaber und seinen Sitz in
  der rechten Weise zu bestimmen, bei Relativem, den
  Beziehungspunkt der Art nach Maßgabe des Beziehungspunktes der
  Gattung anzugeben und für Konträres konträre Begriffe
  aufzustellen. Man darf auch das, was kein Mangel ist, nicht als
  einen Mangel bestimmen                                             146

  +Kapitel 10.+ Die Beugungsformen des Begriffes müssen denen des
  Wortes für das Definierte entsprechen. Der Begriff muß auch zu
  der Idee des Definierten und bei Homonymem auf alles durch das
  Wort Bezeichnete passen                                            149

  +Kapitel 11.+ Definition des Zusammengesetzten                     151

  +Kapitel 12.+ Definition der Differenz. — Die Definition darf
  nichts Unmögliches enthalten. Den Beziehungspunkt der Relativa
  darf man nicht zu weit fassen; man muß ihn an sich, nicht
  mitfolgend bezeichnen. Das seiner selbst wegen Wünschenswerte
  darf man nicht wie ein eines anderen wegen Wünschenswertes
  definieren                                                         153

  +Kapitel 13.+ Definition eines Dinges als das und das oder als
  bestehend aus dem und dem oder als das mit dem. Definitionen, die
  nur scheinbar unter die letzte Weise fallen                        155

  +Kapitel 14.+ Man darf ein Ding, z. B. den Menschen, nicht als
  eine Synthese oder Verbindung definieren und darf einem Ding, dem
  gleichmäßig Konträres beiwohnen kann, nicht nur das eine Glied
  des Gegensatzes beiwohnen lassen. — Regeln, um die Definition
  des Widerparts zu widerlegen oder zu verbessern oder selbst gut
  zu definieren                                                      159


Siebentes Buch.

  +Kapitel 1.+ Zu der Lehre von den Örtern aus der Definition
  gehört auch eine positive Aussprache über die richtige
  Definition. Da in der Definition Wort und Begriff identisch sein
  müssen, so fragt sich, wann das der Fall ist. Dies muß nach den
  Beugungsformen, dem Begriffsverwandten und dem Entgegengesetzten
  beurteilt werden. Ist ferner eines etwas am meisten und ein
  anderes es auch, so sind beide identisch, wenn jedes der Zahl
  nach eins ist. Weitere Regeln zur Feststellung der Identität       161

  +Kapitel 2.+ Die Identität von Wort und Begriff beweist aber
  noch nicht die Richtigkeit einer Definition                        164

  +Kapitel 3.+ Bezüglich der Richtigkeit der Definition bemerke
  man zunächst, daß man die Definitionen nicht zu beweisen, sondern
  nach Art der Mathematiker vorauszusetzen pflegt, sodann, daß es
  Sache der Analytik ist, anzugeben, was definieren heißt und wie
  man definieren soll. Hier sei nur betont, daß man die Definition
  durch Schluß gewinnt. Die Örter, sie zu gewinnen, lehrt genauer
  die Analytik. Hier genügen die folgenden Gesichtspunkte.
  Konträres wird konträr definiert. Dann sind es die
  Beugungsformen, das Begriffsverwandte, das, was in demselben
  Verhältnis zu einander steht, endlich das Mehr und das Ebenso,
  woraus man die Definitionen begründen muß                          164

  +Kapitel 4.+ Für besonders zahlreiche Fälle läßt sich eine
  Definition aus dem Sinnverwandten und den Beugungsformen
  rechtfertigen. Man achte auch sorgfältig auf die konkreten
  Einzeldinge, um zu sehen, ob der für die Art angegebene Begriff
  auf sie paßt                                                       168

  +Kapitel 5.+ Eine Definition ist schwerer zu begründen als zu
  widerlegen. Dieses wird im einzelnen nachgewiesen. Ihr kommt
  hierin das Proprium am nächsten. Es umzustoßen ist leicht, es zu
  begründen sehr schwer. Am leichtesten von allen vier Stücken zu
  begründen ist das Akzidenz, aber es ist am schwersten zu
  widerlegen                                                         168


Achtes Buch.

  +Kapitel 1.+ Nachdem gezeigt worden, wie der Disputierende die
  nötigen Sätze gewinnt, um sachlich seinen Standpunkt zu
  begründen, gilt es, das Erforderliche über die Technik beim
  Disputieren zu sagen. Der Dialektiker will nicht nur das Wahre
  oder Wahrscheinliche dartun, sondern auch in der Disputation den
  Sieg über den Gegner davontragen. Dem entsprechend muß er beim
  Fragen und Antworten eine gewisse Weise und eine gewisse Ordnung
  beobachten. Die notwendigen Sätze, aus denen der Schlußsatz oder
  dessen unmittelbare Vordersätze gewonnen werden, dürfen, um den
  Gegner nicht aufmerksam zu machen, nicht gleich im Anfang
  vorgetragen werden. Auch bei der Führung des Induktionsbeweises
  und im Interesse der größeren Deutlichkeit der Rede oder um den
  Schlußsatz zu verschleiern, sind gewisse Regeln zu beobachten      173

  +Kapitel 2.+ Induktion und Syllogismus. Weisungen für das
  Verfahren bei der Induktion                                        178

  +Kapitel 3.+ Es kann bei denselben Voraussetzungen für ein
  Problem schwer sein, sie anzugreifen, und leicht, sie zu
  verteidigen. Verhalten beim Angriff                                182

  +Kapitel 4.+ Ziel und Aufgabe des Antwortenden oder Defendenten    185

  +Kapitel 5.+ Regeln für den Antwortenden                           185

  +Kapitel 6.+ Antwort auf wahrscheinliche und unwahrscheinliche,
  zur Sache gehörende und nicht gehörende Behauptungen               188

  +Kapitel 7.+ Antwort auf undeutliche oder vieldeutige, sowie auf
  deutliche und eindeutige Fragen oder Einwürfe                      189

  +Kapitel 8.+ Der Verteidiger, der etwas nicht zugibt, ohne eine
  entgegenstehende Meinung oder einen Gegengrund zur Verfügung zu
  haben, macht leere Schwierigkeiten. Freilich ist oft die Antwort
  auf einen Einwurf schwer, wie z. B. auf die Einwürfe Zenos gegen
  die Bewegung. Aber gegen Zeno steht die allgemeine Meinung         189

  +Kapitel 9.+ Der Verteidiger nehme sich keiner unwahrscheinlichen
  Sätze an                                                           190

  +Kapitel 10.+ Haltlose Einwürfe entkräfte man, indem man den
  wahren Grund ihrer Haltlosigkeit aufdeckt. Vier Instanzen gegen
  einen gegnerischen Schluß                                          191

  +Kapitel 11.+ Eine Beweisführung kann an sich und kann in der
  Form, die sie durch eine gegnerische Frage erhält, mangelhaft
  und tadelnswert sein. Schadhaftigkeit durch Schuld der anderen
  Seite. Fünffacher Tadel, den sie an sich verdienen kann. Ein
  schlüssiger Beweis kann schlechter sein als ein nichtschlüssiger.
  Was ist ein Philosophem, ein Epicheirem, ein Sophisma und ein
  Aporem? Der Schlußsatz kann wahrscheinlicher sein als die
  Vordersätze                                                        192

  +Kapitel 12.+ Wann ist die Beweisführung klar? wann ist sie
  falsch? Drei Fragen bei einer Beweisführung an sich                197

  +Kapitel 13.+ Beweisführung aus unzulässigen Vordersätzen;
  petitio principii und Postulierung des Gegenteils des zu Anfang
  Gefragten                                                          198

  +Kapitel 14.+ Wie wird man ein tüchtiger und gewandter
  Dialektiker                                                        200


Anmerkungen                                                          205


Sachregister                                                         226




Erstes Buch.




+Erstes Kapitel.+


[Sidenote: 100a 18]

Unsere Arbeit verfolgt die Aufgabe, eine Methode zu finden, nach
der wir über jedes aufgestellte Problem aus wahrscheinlichen Sätzen
Schlüsse bilden können und, wenn wir selbst Rede stehen sollen, in
keine Widersprüche geraten[1].

Demnach müssen wir zuerst erklären, was ein Schluß ist und welches
seine verschiedenen Arten sind, damit wir den dialektischen Schluß
erhalten. Denn dieser ist es, den wir in der vorliegenden Arbeit suchen.

Ein Schluß ist also eine Rede, in der bei bestimmten Annahmen etwas
anderes als das Vorausgesetzte auf Grund des Vorausgesetzten mit
Notwendigkeit folgt[2].

Es ist nun eine Demonstration (Apodeixis), wenn der Schluß aus wahren
und ersten Sätzen gewonnen wird oder aus solchen, deren Erkenntnis aus
wahren und ersten Sätzen entspringt. Dagegen ist ein dialektischer
Schluß ein solcher, der aus wahrscheinlichen Sätzen gezogen wird[3].

[Sidenote: 100b 18]

Wahre und erste Sätze sind solche, die nicht erst durch anderes,
sondern durch sich selbst glaubhaft sind. Denn bei den obersten
Grundsätzen der Wissenschaften darf man nicht erst nach dem Warum
fragen, sondern jeder dieser Sätze muß durch sich selbst glaubhaft
sein. Wahrscheinliche Sätze aber sind diejenigen, die Allen oder den
Meisten oder den Weisen wahr scheinen, und auch von den Weisen wieder
entweder Allen oder den Meisten oder den Bekanntesten und Angesehensten.

Ein eristischer Schluß (Streitschluß) aber ist ein solcher, der auf
nur scheinbar, nicht wirklich wahrscheinlichen Sätzen fußt, und ein
solcher, der auf wahrscheinlichen oder scheinbar wahrscheinlichen
Sätzen zu fußen scheint[4]. Denn nicht alles, was wahrscheinlich
scheint, ist es auch. Kein Satz, den man als wahrscheinlich bezeichnet,
sieht nur ganz an der Oberfläche so aus, wie es bei den Prinzipien der
eristischen Begründungen der Fall zu sein pflegt. Denn der Charakter
der Falschheit verrät sich bei ihnen sofort und in den meisten Fällen
für solche, die auch nur wenig Überblick haben.

[Sidenote: 101a 1]

Der erste der genannten eristischen Schlüsse möge auch Schluß heißen,
der andere immerhin eristischer Schluß, aber nicht Schluß, da er zwar
dem Scheine nach schließt, aber nicht wirklich.

Außer den verschiedenen jetzt angeführten Schlüssen gibt es
noch Fehlschlüsse auf Grund der eigentümlichen Sätze bestimmter
Wissenschaften, wie sie in der Geometrie und den ihr verwandten
Disziplinen vorzukommen pflegen. Diese Art scheint sich von den
genannten Schlüssen zu unterscheiden. Der Pseudograph (Zeichner
falscher geometrischer Figuren) schließt weder aus wahren und ersten,
noch aus wahrscheinlichen Sätzen. Denn die von ihm verwandten Prämissen
fallen nicht unter die Begriffsbestimmung des Wahrscheinlichen: er
nimmt zu Vordersätzen weder was Allen, noch was den Meisten, noch was
den Weisen, und von den Weisen weder was ihnen Allen, noch was den
Meisten, noch was den Berühmtesten wahr scheint, sondern er folgert
aus Annahmen, die zwar seiner Wissenschaft eigentümlich, die aber
nicht wahr sind. Denn er gewinnt den Fehlschluß, indem er entweder die
Halbkreise nicht beschreibt, wie es sein müßte, oder bestimmte Linien
nicht so zieht, wie sie gezogen werden müßten[5].

Dieses mögen denn, im allgemeinen Umriß beschrieben, die verschiedenen
Arten der Schlüsse sein. Wir wollen aber überhaupt, wie alles
Angeführte, so auch das noch weiter Auszuführende nur so weit, also
nur im allgemeinen, behandeln. Denn es ist nicht unser Vorhaben, über
irgend eines dieser Dinge genaue Rechenschaft zu geben, sondern wir
wollen alles nur im Umriß darstellen, indem es uns für die vorliegende
Disziplin vollkommen zu genügen scheint, wenn man sich mit allem
Einzelnen in ihr auch nur annähernd bekannt machen kann.




+Zweites Kapitel.+


Auf das Gesagte mag passend eine Andeutung darüber folgen, für wie
viele und was für Dinge diese Kunst nützlich ist.

Sie ist für dreierlei Dinge nützlich: für die Übung, für den
Gedankenaustausch und für die philosophischen Wissenschaften.

Daß sie für die Übung nützlich ist, versteht sich von selbst: wenn wir
im Besitz einer festen Methode sind, so werden wir einen vorgelegten
Gegenstand leichter in Angriff nehmen können.

Und auch für den Gedankenaustausch muß sie nützlich sein. Denn wir
werden, wenn wir mit ihr vertraut sind, im Verkehr mit anderen die
Meinungen der Menge aufzählen und alles, was uns von der Gegenseite
nicht recht gesagt scheint, nicht auf fremde Ansichten, sondern auf die
eigene gestützt, widerlegen können.

Endlich ist sie für die philosophischen Wissenschaften nützlich. Denn
wenn wir imstande sind, nach beiden Seiten Bedenken zu erheben, werden
wir leichter erkennen, was hier und was dort wahr oder falsch ist.

[Sidenote: 101b 1]

Sie kann uns aber auch für die Erkenntnis dessen nützlich sein,
was bei den Prinzipien der Einzelwissenschaften das Erste ist[6].
Hierüber läßt sich auf Grund der besonderen Prinzipien einer gegebenen
Wissenschaft unmöglich etwas ausmachen, weil die Prinzipien das erste
von allem sind; man muß hier vielmehr mit Hilfe der wahrscheinlichen
Sätze über den jeweiligen Gegenstand der Sache beikommen. Das ist aber
die eigentümliche oder doch ihr besonders zukommende Leistung der
Dialektik. Sie ist eine Kunst der Erfindung, und darum beherrscht sie
den Weg zu den Prinzipien aller Wissenschaften.




+Drittes Kapitel.+


Wir werden diese Disziplin vollkommen inne haben, wenn wir sie in
der gleichen Weise inne haben, wie man es von der Beredsamkeit, der
Heilkunde und ähnlichen Künsten fordert.

Diese Vollkommenheit besteht darin, daß wir unser Vorhaben so weit zur
Ausführung bringen, als es möglich ist. Der Rhetor wird nicht in allen
Fällen überzeugen und der Arzt nicht die Heilung herbeiführen; wenn er
nur nichts von dem, was möglich ist, unterläßt, werden wir schon sagen,
daß er seine Wissenschaft gehörig inne hat[7].




+Viertes Kapitel.+


Wir müssen nun zuerst sehen, woraus diese Disziplin erwächst. Wir
dürften diese Frage genügend beantwortet haben, wenn wir ermitteln,
auf wie viele und was für Dinge sich die Disputationen beziehen, mit
welchen Gründen sie beweisen und wie wir diese Gründe finden.

Es sind der Zahl nach die gleichen und es sind dieselben Dinge, aus
denen die Disputationen erwachsen und um die sich die Schlüsse drehen.
Die Disputationen erwachsen aus den Sätzen und das, worum sich die
Schlüsse drehen, sind die Probleme. Jeder Satz und jedes Problem
bezeichnet aber entweder eine Gattung oder eine Eigentümlichkeit oder
ein Akzidenz. Die spezifische Differenz muß man hier, als mit der
Gattung verwandt, mit ihr zusammenstellen. Da die eine Eigentümlichkeit
das Wesen bezeichnet, die andere nicht, so werde die Eigentümlichkeit
überhaupt nach den beiden jetzt genannten Teilen unterschieden, und
es heiße der das Wesen bezeichnende Teil Definition, der andere soll
dann nach der gemeinsamen Benennung, die wir ihnen gegeben haben,
als Eigentümliches, Proprium, bezeichnet werden. So erhellt denn aus
dem Gesagten, daß auf Grund dieser jetzt gemachten Unterscheidung im
ganzen vier Stücke herauskommen müssen: Proprium, Definition, Genus und
Akzidenz.

Es möge aber niemand uns so verstehen, als wäre schon jedes von diesen
Stücken, für sich allein genommen, ein Satz oder ein Problem, sondern
wir wollen nur sagen, daß die Probleme und Sätze von ihnen kommen und
durch sie veranlaßt werden.

Problem und Satz unterscheiden sich durch die Form. Sagt man: Ist auf
Füßen gehendes zweibeiniges Sinnenwesen die Definition von Mensch? und:
Ist Sinnenwesen Gattung von Mensch? so gibt es einen Satz. Sagt man
dagegen: Ist auf Füßen gehendes zweibeiniges Sinnenwesen die Definition
von Mensch oder ist sie es nicht? und: Ist Sinnenwesen Gattung von
Mensch (oder nicht)? so gibt es ein Problem. Und so auch im übrigen.

Man versteht hiernach, daß Probleme und Sätze sich an Zahl gleich sind.
Aus jedem Satz kann man mit Änderung der Form ein Problem machen.




+Fünftes Kapitel.+


Wir müssen jetzt angeben, was Definition, was Proprium, was Gattung und
was Akzidenz ist.

[Sidenote: 102a]

Definition ist eine Rede, die das Wesen anzeigt. Man setzt hier
entweder eine Rede an die Stelle eines Wortes oder eine Rede an die
Stelle einer Rede. Denn man kann auch manches definieren, was durch
eine Rede ausgedrückt ist.

Wer etwas wie immer durch ein Wort erklärt, gibt offenbar keine
Definition des Dinges, da jede Definition eine Rede ist. Doch muß man
zugeben, daß es sich der Definition nähert, wenn man z. B. sagt: Das
sittlich Gute ist das Geziemende. Gleiches gilt für den Fall, daß man
erklärt, ob Sinneserkenntnis und Wissenschaft dasselbe oder verschieden
ist; denn auch bei den Definitionen besteht die größte Schwierigkeit
darin, zu entscheiden, ob Identität oder Verschiedenheit gegeben ist.
Wir wollen darum überhaupt alles, was mit den Definitionen unter
dasselbe Verfahren fällt, definitiv[8] nennen. Daß das jetzt Angeführte
ausnahmslos diesen Charakter hat, versteht sich von selbst. Können wir
schulgerecht darüber disputieren, ob etwas dasselbe wie ein anderes
oder von ihm verschieden ist, so können wir es auf dieselbe Weise auch
mit den Definitionen angehen. Denn wenn wir gezeigt haben, daß es nicht
dasselbe ist, haben wir die Definition widerlegt. Freilich kann man das
eben Gesagte nicht umkehren. Zur Aufstellung einer Definition genügt
der Nachweis der Identität gewiß nicht; wohl aber genügt es vollständig
zu ihrer Widerlegung, wenn man zeigt, daß die Identität nicht vorhanden
ist.

Eigentümlich, proprium, ist was zwar nicht das Wesen eines Dinges
bezeichnet, aber nur ihm zukommt und in der Aussage mit ihm
vertauscht wird. So ist es eine Eigentümlichkeit des Menschen, daß
er der Grammatik[9] fähig ist; denn wenn er ein Mensch ist, ist er
der Grammatik fähig, und wenn er der Grammatik fähig ist, ist er
ein Mensch. Niemand nennt eigentümlich, was einem anderen zukommen
kann, nennt z. B. den Schlaf eine Eigentümlichkeit des Menschen,
auch nicht, wenn der Schlaf zufällig vorübergehend nur ihm zukommen
sollte. Würde mithin etwas Derartiges auch eigentümlich genannt, so
gälte diese Bezeichnung doch nicht schlechthin, sondern nur zeitweilig
und beziehungsweise. Rechtsstehen ist für ein Subjekt zeitweilig
eigentümlich, und zweibeinig sein mag ihm beziehungsweise als
Eigentümlichkeit beigelegt werden, dem Menschen z. B. mit Beziehung auf
Pferd und Hund[10]. Aber es ist klar, daß nichts von dem, was einem
anderen zukommen kann, in der Aussage mit seinem Subjekte vertauscht
wird. Wenn etwas schläft, braucht es deshalb kein Mensch zu sein.

[Sidenote: 102b]

Gattung ist, was von mehreren und der Art nach verschiedenen Dingen bei
der Angabe ihres Was oder Wesens prädiziert wird. Bei Angabe des Wesens
prädiziert werden werde von solchem verstanden, was man auf die Frage
antworten muß, was das vorliegende Ding ist. So muß man z. B. beim
Menschen auf die Frage, was er ist, sagen, er sei ein Sinnenwesen[11].
Zur Frage nach der Gattung gehört auch die Frage, ob etwas mit einem
anderen in derselben oder in einer verschiedenen Gattung steht. Eine
solche Frage fällt unter dieselbe wissenschaftliche Behandlung wie die
Frage nach der Gattung. Haben wir dargetan, daß Sinnenwesen gleichmäßig
Gattung von Mensch und Ochs ist, so haben wir dargetan, daß sie in
derselben Gattung stehen. Haben wir dagegen gezeigt, daß etwas Gattung
des einen ist, aber nicht des anderen, so haben wir dargetan, daß die
beiden nicht in derselben Gattung stehen.

Akzidenz ist was keines von diesen ist, nicht Definition, nicht
Proprium, nicht Gattung, aber dem Dinge zukommt, und was einem und
demselben, sei es was immer, zukommen und nicht zukommen kann, wie es
z. B. einem und demselben zukommen und nicht zukommen kann, daß es
sitzt. Gleiches gilt von dem Weißen. Nichts hindert ja, daß dasselbe
Ding bald weiß, bald nicht weiß ist.

Von den Begriffsbestimmungen des Akzidenz ist die zweite besser. Um die
zuerst aufgestellte zu verstehen, muß man zuvor wissen, was Definition,
Gattung und Proprium ist, dagegen genügt die zweite für sich, um uns
erkennen zu lassen, was das Akzidentelle an sich ist.

Zum Akzidenz wollen wir auch die Vergleichungen von Dingen ziehen,
die in irgendeiner Weise von ihm den Namen haben, Vergleichungen,
wie sie z. B. in der Frage vorkommen, ob das sittlich Gute oder das
Vorteilhafte den Vorzug verdient, ob das Leben nach der Tugend oder
ein Leben nach den Eingebungen der Sinnlichkeit genußreicher ist, und
dergleichen. Denn bei allen solchen Fragen will man wissen, wem von
beiden das betreffende Prädikat eher akzidentell mitfolgt.

Diese Fragen zeigen aber, daß ein Akzidenz stellenweise auch ohne
Anstand mit bezug auf bestimmte Subjekte zum Proprium werden kann. So
wird das Sitzen, das ein Akzidenz ist, wenn man der einzige Sitzende
ist, zum Proprium, und wenn man nicht der einzige ist, wird es
gegenüber den nicht Sitzenden den Charakter des Proprium annehmen. Und
so kann dann das Akzidenz relativ und stellenweise zum Proprium werden,
schlechthin aber wird es kein Proprium sein.




+Sechstes Kapitel.+


Man bemerke wohl, daß alles über Proprium, Gattung und Akzidenz
Gesagte füglich auch von der Definition gelten kann. Wenn man zeigt,
daß etwas dem Gegenstande der Definition nicht allein zukommt, und
dasselbe ist von dem Proprium zu sagen, oder daß die in der Definition
angegebene Gattung nicht die rechte ist, oder daß ein in die Definition
aufgenommenes Merkmal nicht zutrifft, und das gelte auch vom Akzidenz,
so hat man damit die Definition selbst aufgehoben. So hat denn nach
dem eben vorgetragenen Grunde alles, was wir aufgezählt haben,
gewissermaßen definitiven Charakter.

Darum darf man jedoch nicht eine gemeinsame Methode für alle Probleme
ohne Unterschied fordern.

[Sidenote: 103a]

Einmal wäre eine solche Methode nicht leicht ausfindig zu machen,
und dann wäre sie, wenn auch gefunden, ganz unbestimmt und für die
vorliegende Aufgabe unverwendbar. Wird dagegen für eine jede der von
uns unterschiedenen Gattungen eine eigene Methode angegeben, so läßt
sich der jeweilige Gegenstand aus den ihm angemessenen Gesichtspunkten
leichter behandeln. So muß man denn, wie vorhin gesagt, unsere
Einteilung bloß allgemein verstehen und von dem Übrigen dasjenige in
die eine oder in die andere Gattung einbeziehen, was ihr am nächsten
verwandt ist. Man bezeichne dieses dann als zur Definition gehörig,
zur Gattung gehörig und so fort. So haben wir ja auch das, was wir
bereits angeführt haben, so ziemlich an seinem Orte untergebracht[12].




+Siebentes Kapitel.+


Zu allererst müssen wir von dem Identischen handeln, und angeben, in
wie vielfacher Bedeutung man von ihm spricht[13].

Das Identische, um es nur in einem allgemeinen Umriß zu beschreiben,
scheint drei verschiedene Bedeutungen zu haben. Wir nennen etwas
identisch der Zahl oder der Art oder der Gattung nach: der Zahl nach
identisch das, was mehr als einen Namen hat, aber nur ein Ding ist, wie
Gewand und Kleid; der Art nach, was mehr als eines ist, aber keinen
Unterschied in der Art aufweist, wie z. B. Mensch mit Mensch und Pferd
mit Pferd identisch ist; denn man nennt solches der Art nach identisch,
was unter dieselbe Art fällt. Ebenso nennt man der Gattung nach
identisch, was unter dieselbe Gattung fällt, wie Pferd, verglichen mit
Mensch.

Wasser aus derselben Quelle scheint sich, wenn es identisch genannt
wird, von den genannten Weisen zu unterscheiden. Gleichwohl möge auch
solches Wasser mit denjenigen Dingen in einer Reihe stehen, die wie
immer identisch genannt werden, weil sie zu einer Art gehören. Alles
solches scheint sich verwandt und ähnlich zu sein. Alles Wasser wird
allem Wasser der Art nach identisch genannt, weil es eine gewisse
Ähnlichkeit hat, und Wasser aus derselben Quelle unterscheidet sich nur
dadurch, daß hier die Ähnlichkeit besonders stark hervortritt. Daher
wollen wir es nicht von den Dingen trennen, die wie immer identisch
genannt werden, weil sie zu einer Art gehören.

Es versteht sich wohl von selbst, daß man allgemein mit identisch
besonders das der Zahl nach meint. Aber auch dieses pflegt den
Dingen in mehrfachem Sinne zugesprochen zu werden: im eigentlichsten
und ersten Sinne, wenn die Identität dem Worte oder der Definition
beigelegt wird, wie wenn Kleid mit Gewand, und gehendes[14],
zweibeiniges Sinnenwesen mit Mensch identisch ist; zweitens, wenn sie
dem Proprium beigelegt wird, wie das der Wissenschaft Fähige mit Mensch
und das von Natur nach oben Steigende mit Feuer identisch ist, und
drittens, wenn sie einem Objekte auf Grund seines Akzidenz beigelegt
wird, in der Weise z. B., wie sitzend oder gebildet mit Sokrates sich
deckt. Alles dieses will das der Zahl nach Eine anzeigen.

Daß dem wirklich so ist, erkennt man am besten an dem Verfahren derer,
die die Bezeichnungen der Dinge miteinander vertauschen. Wenn wir aus
einer Zahl sitzender Personen eine rufen lassen wollen, ändern wir
wohl die Bezeichnung, wenn uns der Beauftragte nicht versteht, in der
Erwartung, daß er uns auf Grund eines Akzidenz eher verstehen wird, und
befehlen, den Sitzenden oder Plaudernden zu uns zu rufen, natürlich in
der Annahme, daß wir Identisches bezeichnen, ob wir nun den Namen oder
das Akzidenz nennen.




+Achtes Kapitel.+


[Sidenote: 103b]

Das Identische werde also, wie gesagt, dreifach unterschieden. Was dann
aber die Begründungen angeht, so kann ein erster Beweis dafür, daß die
vorhin genannten Gattungen es sind, woraus und wodurch und mit Bezug
worauf man sie gewinnt, durch Induktion geführt werden[15].

Wenn man nämlich die Prämissen und Probleme betrachtet, so zeigt sich,
daß jede und jedes entweder aus der Definition oder aus dem Proprium
oder aus der Gattung oder aus dem Akzidenz genommen ist.

Ein zweiter Beweis wird durch den Syllogismus geführt. Alles, was
von etwas prädiziert wird, läßt notwendig entweder die Umkehrung
von Subjekt und Prädikat zu oder nicht. Läßt es sie zu, so ist das
Prädizierte entweder Definition oder Proprium: gibt es das Wesen des
Subjekts an, so ist es Definition, wo nicht, Proprium. Das galt uns ja
als Proprium, was zwar mit dem Subjekt vertauscht wird, aber sein Wesen
nicht angibt. Läßt es aber die Umkehrung von Subjekt und Prädikat nicht
zu, so ist es entweder ein Bestandteil der Definition des Subjekts,
oder nicht. Und ist es ein Bestandteil von ihr, so muß es Gattung oder
Differenz sein, da die Definition aus Gattung und Differenz besteht;
ist es aber kein Bestandteil von ihr, so ist es offenbar ein Akzidenz;
denn als Akzidenz bezeichneten wir was weder Definition, noch Gattung,
noch Proprium ist, aber dem Ding, von dem man spricht, zukommt[16].




+Neuntes Kapitel.+


Nach diesem nun sind die Gattungen der Kategorien zu denen die
genannten vier Stücke gehören, anzugeben. Ihrer sind zehn an der Zahl:
Was (Quiddität, Wesen), Quantität, Qualität, Relation, Wo, Wann,
Liegen, Haben, Wirken, Leiden. Zu einer von diesen Kategorien müssen
das Akzidenz, die Gattung, das Proprium und die Definition immer
gehören. Denn alle durch sie zustande kommenden Prämissen enthalten
entweder eine Aussage über ein Was, oder über eine Qualität oder eine
Quantität oder über sonst eine Kategorie.

Es ist aber selbstverständlich, daß der, der das Was angibt, bald die
Substanz angibt, bald die Qualität, bald sonst eine Kategorie. Denn
wenn er, wo es sich um einen Menschen fragt, erklärt, das Fragliche sei
ein Mensch oder ein Sinnenwesen, so sagt er, was es ist, und gibt die
Substanz an; und erklärt er, wo es sich um die weiße Farbe handelt, das
Fragliche sei weiß oder Farbe, so sagt er, was es ist, und gibt die
Qualität an. Und wenn er, wo es sich um die Größe einer Elle handelt,
erklärt, das Fragliche sei eine Größe von einer Elle, so wird er in
gleicher Weise sagen, was es ist, und gibt die Quantität an. Und mit
den anderen Kategorien verhält es sich ebenso: von einem jeden unter
sie fallenden Ding gibt man, mag es von sich selbst oder mag die
Gattung von ihm ausgesagt werden, an, was es ist. Wenn es dagegen von
einem anderen ausgesagt wird, gibt man nicht an, was es ist, sondern
man gibt die Quantität oder die Qualität oder sonst eine Kategorie
an[17].

[Sidenote: 104a]

So sind es denn diese und so viele Dinge, um die sich die Disputationen
drehen und durch die sie veranlaßt werden. Wie wir diese Dinge aber
erhalten und wodurch wir sie finden, müssen wir nach diesem erklären.




+Zehntes Kapitel.+


Zuerst soll nun bestimmt werden, was ein dialektischer Satz (πρότασις
διαλεκτική) und was ein dialektisches Problem ist. Denn man darf nicht
jeden Satz und jedes Problem für dialektisch halten. Wird doch kein
Verständiger einen Satz aufstellen, den niemand für wahr hält, und ein
Problem aus etwas machen, was allen oder den meisten einleuchtet. Das
eine bietet keine Schwierigkeit und das andere wird niemand behaupten.

Es ist aber ein dialektischer Satz eine Frage[18], die entweder allen
oder den meisten oder den Weisen und von den Weisen entweder allen oder
den meisten oder den Angesehensten glaubwürdig erscheint, ohne (für
die gemeine Meinung) unglaubwürdig zu sein. Denn man wird dasjenige
als wahr verfechten, was die Weisen dafür halten, falls es nicht den
Ansichten der Menge zuwiderläuft.

Zu den dialektischen Sätzen gehört auch was dem Glaubwürdigen Ähnliches
behauptet, was dem glaubwürdig Scheinenden Entgegengesetztes verneint
wird, und alles, was die Meinungen wiedergibt, die den von den
Menschen erfundenen Wissenschaften und Künsten gemäß sind.

Denn wenn es glaubwürdig ist, daß die Wissenschaft des
Entgegengesetzten dieselbe ist, so muß es auch glaubwürdig scheinen,
daß die Wahrnehmung des Entgegengesetzten dieselbe ist, und wenn es
glaubwürdig ist, daß es der Zahl nach nur eine Grammatik gibt, so muß
es auch glaubwürdig scheinen, daß es der Zahl nach nur eine Kunst des
Flötenspiels gibt, und wenn mehrere grammatische Wissenschaften, auch
mehrere Künste des Flötenspiels. Denn alles dieses scheint sich ähnlich
und verwandt.

Ebenso muß glaubwürdig erscheinen, was dem glaubwürdigen
Entgegengesetztes verneint wird. Ist es glaubwürdig, daß man den
Freunden Gutes tun muß, so ist es auch glaubwürdig, daß man ihnen
nichts Böses tun darf. Das konträre Gegenteil hiervon wäre, daß man den
Freunden Böses tun müßte, das bloß verneinende oder kontradiktorische
Gegenteil aber ist, daß man ihnen nichts Böses tun darf. Ebenso
braucht man, wenn man den Freunden Gutes tun muß, es nicht den Feinden
zu tun. Auch dieses entspricht der Verneinung des Gegenteils; das
(eigentliche, konträre) Gegenteil wäre, daß man den Feinden Gutes tun
müßte. Und ebenso ist es in anderen dergleichen Fällen. Es wird auch
bei der Vergleichung so scheinen, als ob das Gegenteil, vom Gegenteil
prädiziert, glaubwürdig oder wahrscheinlich sei, z. B.: wenn man den
Freunden Gutes tun muß, muß man auch den Feinden Böses tun. Auch könnte
es so scheinen, als ob den Freunden Gutes tun das Gegenteil wäre von
den Feinden Böses tun. Ob dem aber wirklich so ist, oder nicht, soll
erklärt werden, wenn wir auf die Lehre vom Konträren zu sprechen kommen
(unten 2. Buch, 7. Kap., 2. Abs.).

Es ist auch klar, daß alle solche Meinungen, die den Wissenschaften
und Künsten gemäß sind, dialektische Sätze abgeben. Man wird
solchen Ansichten das Wort reden, die den Leuten vom Fach annehmbar
erscheinen, in Sachen der Heilkunde dem, was die Ärzte, in Fragen der
Geometrie dem, was die Geometriker darüber glauben, und so fort.




+Elftes Kapitel.+


[Sidenote: 104b]

Ein dialektisches Problem (Vorwurf) ist ein Theorem
(Forschungsgegenstand), das entweder auf Wahl und Flucht oder auf
Wahrheit und Erkenntnis abzielt[19], sei es unmittelbar oder als
Beihilfe zu einem anderen Satz dieser Art, und über das die Menge
und die Weisen entweder keine bestimmte Meinung haben, oder jene
entgegengesetzt denkt wie diese, oder diese wie jene, oder beide unter
sich selbst. Denn die Kenntnis mancher Probleme ist für das Wählen
oder Fliehen nützlich, z. B. ob die Lust begehrenswert ist oder nicht;
bei manchen dagegen liegt der Nutzen nur im Wissen, z. B. ob die Welt
ewig ist oder nicht; und manche haben an und für sich weder für das
eine, noch für das andere einen Nutzen, tragen aber zur Lösung solcher
Probleme bei. Denn manches wollen wir nicht an und für sich wissen,
sondern um eines anderen willen, das wir aus ihm zu erkennen hoffen.

Es gibt auch Probleme, für die man entgegengesetzte Schlüsse hat —
denn es kann zweifelhaft sein, ob etwas sich so verhält, oder nicht,
weil es für beides glaubwürdige Gründe gibt —, und wieder solche, über
die wir, obwohl sie groß und bedeutend sind, nicht Rede stehen können,
da wir es für schwer halten, das Warum anzugeben, z. B. ob die Welt
ewig ist, oder nicht; denn man mag auch wohl nach so etwas fragen[20].

So seien denn die Probleme und Sätze in der Art beschrieben, wie wir
jetzt getan haben. Eine These aber ist eine paradoxe Meinung eines
angesehenen Philosophen, z. B. daß es keinen Widerspruch geben kann,
wie Antisthenes behauptete, oder daß, wie Heraklit will, alles sich
bewegt, oder daß das Seiende eins ist, wie Melissus sagt. Denn sich
um den ersten Besten zu kümmern, der den gewöhnlichen Meinungen
Entgegengesetztes aufgestellt hat, wäre einfältig.

Oder Thesen sind Aufstellungen, bezüglich deren wir einen (scheinbaren)
Grund haben, der den (gewöhnlichen) Meinungen entgegensteht, z. B.
wie die Sophisten sagen, daß nicht alles Seiende entweder geworden
oder ewig ist, da wer ein Musiker sei, ein Grammatiker sei, ohne (es)
geworden und ohne (es) ewig zu sein. Denn wenn man das auch nicht
glaubt, so kann man es doch glauben, weil es einen Grund für sich
hat[21].

[Sidenote: 105a]

Auch die These ist ein Problem; doch ist nicht jedes Problem eine
These, da manche Probleme so beschaffen sind, daß wir nach keiner von
beiden Seiten eine bestimmte Ansicht über sie haben. Daß aber auch
die These ein Problem ist, ist klar. Denn nach dem Gesagten muß über
eine These entweder die Menge mit den Weisen geteilter Ansicht sein,
oder beide unter sich, da ja die These eine paradoxe Meinung ist.
Gegenwärtig aber bezeichnet man durchgängig alle dialektischen Probleme
als Thesen. Es soll auch nichts austragen, wie man sie nennt. Denn
nicht um neue Namen aufzubringen, haben wir beide so unterschieden,
sondern um den Unterschied nicht zu übersehen, der zwischen ihnen
besteht.

Man soll nicht jedes Problem und jede These untersuchen, sondern nur
solche, wo es zur Lösung obwaltender Zweifel der Vernunft bedarf,
nicht der Züchtigung oder der gesunden Sinne. Die etwa zweifeln, ob
man die Götter ehren und die Eltern lieben soll, oder nicht, bedürfen
der Züchtigung, und die zweifeln, ob der Schnee weiß ist, oder nicht,
bedürfen der gesunden Sinne. Auch darf man nicht solches dialektisch
behandeln, wofür der Beweis nahe oder allzu fern liegt: das eine bietet
keine, das andere größere Schwierigkeit, als bloße Übung verträgt.




+Zwölftes Kapitel.+


Nachdem dieses festgestellt ist, müssen wir angeben, wie viele
verschiedene Arten dialektischer Begründungen es gibt. Die eine ist
Induktion, die andere der Syllogismus.

Was ein Syllogismus ist, haben wir oben erklärt (1. K.).

Die Induktion aber ist der Aufstieg vom Besonderen zum Allgemeinen,
z. B.: wenn der beste Steuermann ist, wer seine Sache versteht, und
Gleiches von dem Wagenlenker gilt, so ist auch der Beste überhaupt,
wer seine jeweilige Sache versteht. Die Induktion ist überzeugender,
deutlicher, sinnlich faßbarer und der Menge vertrauter, der Syllogismus
zwingender und für die Widerlegung wirksamer.




+Dreizehntes Kapitel.+


Die Gattungen, um die die von uns gesuchten Begründungen und Sätze
sich drehen und aus denen sie entnommen werden, seien in der Weise
festgestellt, wie vorhin (K. 8) angegeben worden.

Der Mittel (Werkzeuge) aber, die uns Syllogismen und Induktionen finden
helfen, sind vier: das eine ist die Ermittelung der Sätze, das zweite
die geschickte Unterscheidung der mannigfachen Bedeutung der Wörter,
das dritte die Auffindung des Unterschiedes der Dinge und das vierte
die Aufsuchung ihrer Übereinstimmung.

In gewisser Weise sind aber auch die drei zuletzt genannten Hilfsmittel
Sätze. Denn man kann jedes von ihnen so behandeln, daß ein Satz daraus
wird, der Satz z. B., daß das Begehrenswerte entweder das sittlich
Gute oder das Angenehme oder das Nützliche ist, und: daß der Sinn sich
insofern von der Wissenschaft unterscheidet, als man diese nach ihrem
Verluste wieder erlangen kann, jenen aber nicht, und: daß das Gesunde
sich zur Gesundheit verhält wie das Kräftige zur Kraft. Dem ersten
Satz liegt die Mannigfaltigkeit der Bedeutung zugrunde, dem zweiten der
Unterschied der Dinge, dem dritten ihre Übereinstimmung.




+Vierzehntes Kapitel.+


[Sidenote: 105b]

Was nun die Sätze betrifft, so muß man sie in so vielfacher Weise
auswählen, wie wir es oben (K. 10) bezüglich des Satzes festgestellt
haben, muß also entweder die Meinungen nehmen, an denen alle festhalten
oder die Meisten oder die Weisen, und von den Weisen entweder Alle
oder die Meisten oder die Angesehensten, oder muß auch die Meinungen
nehmen, die den geläufigen entgegengesetzt sind, und die, die in den
Künsten und Wissenschaften gelten. Die den geläufigen entgegengesetzten
Meinungen muß man aber in dem vorhin angezeigten Sinne aufstellen,
d. h. verneinend.

Es ist auch nützlich, sie so aufzustellen, daß man nicht nur wirklich
wahrscheinliche auswählt, sondern auch ihnen ähnliche, daß z. B.
die Wahrnehmung des Entgegengesetzten dieselbe ist — ist doch die
Wissenschaft für beide Seiten des Gegensatzes eine —, und daß wir
sehen, indem wir etwas in uns aufnehmen, nicht etwas aussenden (keinen
Lichtstrahl). Denn es ist auch bei den anderen Sinnen so. Wir hören,
indem wir etwas in uns aufnehmen, nicht etwas aussenden, und ebenso
schmecken wir, und so fort.

Man muß auch das, was bei allen oder den meisten Dingen zutage tritt,
als Prinzip und geltende These nehmen. Denn diejenigen, die nicht
gewahren, daß es sich in einem bestimmten Falle nicht so verhält, sehen
so etwas für eine These an.

Man muß seine Sätze auch aus geschriebenen Ausführungen nehmen und die
Angaben so machen, daß man sie gesondert über jede Gattung anbringt,
z. B. über das Gute oder über das Lebendige, und zwar über alles Gute,
angefangen mit seinem Was. Auch muß man die Meinungen der jeweiligen
Gewährsmänner als solche bezeichnen, muß z. B. anmerken, daß Empedokles
vier körperliche Elemente gelehrt hat. Denn was ein angesehener Mann
gesagt hat, wird man einem bereitwillig als haltbare These gelten
lassen.

Es gibt, um es nur im Umriß zu sagen, drei Klassen von Sätzen und
Problemen: die einen sind ethische, die andern physikalische und
die dritten logische (erkenntnistheoretische) Sätze[22]. Ethische
sind Sätze, wie, ob man im Falle einer Kollision der Pflichten mehr
den Eltern gehorchen soll als den Gesetzen, logische z. B., ob die
Wissenschaft der Gegensätze dieselbe ist, oder nicht, physikalische,
ob die Welt ewig ist, oder nicht. Ein Gleiches gilt von den Problemen.
Was für Sätze je zu einer dieser Klassen gehören, ist begrifflich nicht
leicht zu erklären, man muß sie einzeln durch fortgesetzte Induktion
kennen zu lernen suchen, indem man sich die obgenannten Beispiele
gegenwärtig hält.

Um über solche Sätze und Probleme ein philosophisches Urteil zu
gewinnen, muß man sie freilich nach dem Maßstabe der Wahrheit
behandeln, um sich aber lediglich eine Meinung über sie zu bilden,
ist das dialektische Verfahren am Platz. Man muß aber alle Sätze
möglichst allgemein fassen, um sodann aus dem einen Satze viele zu
machen, muß z. B. zuerst den Satz nehmen, daß Entgegengesetztes
derselben Wissenschaft unterliegt, dann, daß dieses von dem konträr
Entgegengesetzten und von dem Relativen gilt. Ebenso muß man wieder
diese Sätze teilen, so lange eine Teilung angeht, z. B. daß das Gute
und das Böse, das Weiße und das Schwarze, das Kalte und das Warme Einem
Wissen untersteht usw.




+Fünfzehntes Kapitel.+


[Sidenote: 106a]

Bezüglich des Satzes möge das jetzt Vorgetragene genügen. Was aber
dann die mannigfaltige Bedeutung der Wörter angeht, so muß man nicht
nur darlegen, was alles auf verschiedene Weise ausgesagt wird, sondern
auch die Gründe dafür zu erklären suchen. Man muß z. B. nicht bloß
sagen, daß auf eine andere Weise Gerechtigkeit und Starkmut und auf
eine andere das Kräftige und Gesunde gut genannt wird, sondern auch,
daß man deshalb so verschieden davon spricht, weil das eine selbst eine
bestimmte Beschaffenheit hat, das andere sie bewirkt und nicht selbst
hat, usf.

Ob ein Wort dem Begriffe nach mehrfach oder einfach gebraucht wird, muß
man durch folgende Mittel zu erkennen suchen.

Erstens muß man bei seinem Gegenteil zusehen, ob man verschieden
davon redet, mag es nun eine Verschiedenheit im Begriff, d. h. in der
Bedeutung, oder im Wort sein. Vieles ist auch schon dem Worte nach
verschieden, so ist dem Scharfen (Hohen, Spitzen) in der Stimme das
Schwere (Tiefe), in der Raumgröße das Stumpfe entgegengesetzt. Demnach
ist klar, daß man vom Gegenteil von scharf mehrfach redet. Wenn aber
das, dann auch von scharf (selbst). Denn das Gegenteil wird für jedes
dieser beiden verschieden sein. Denn es ist nicht dasselbe Scharfe das
Gegenteil von stumpf und von schwer, von beiden aber ist scharf das
Gegenteil. Wiederum ist dem Schweren bei der Stimme das Scharfe (Hohe),
bei der Raumgröße oder Masse das Leichte entgegengesetzt, so daß man
von schwer in mehrfachem Sinne spricht, weil auch von seinem Gegenteil.
Ebenso ist dem Schönen an Mensch oder Tier das Häßliche, dagegen dem
Schönen an einem Hause das Schlechte entgegengesetzt und demnach schön
homonym.

Bei vielen Dingen aber tritt zwar im Wort keine Abweichung hervor, wohl
aber zeigt sich bei ihnen sofort ein Unterschied in der Bedeutung,
so z. B. bei weiß und schwarz. Man spricht von einer weißen und
schwarzen (klaren und unklaren) Stimme und ebenso von der Farbe. So
weicht denn beides dem Worte nach gar nicht voneinander ab, aber der
Unterschied der Bedeutung tritt hier sofort zutage. Die Farbe wird
nicht in demselben Sinne klar genannt wie die Stimme. Das verrät
auch die sinnliche Wahrnehmung. Was dem begrifflichen Wesen nach
dasselbe ist, fällt unter denselben Sinn, das Helle in Stimme und
Farbe aber beurteilen wir nicht mit demselben Sinn, sondern dieses mit
dem Gesicht, jenes mit dem Gehör. Ebenso ist es mit dem Scharfen und
Stumpfen bei Geschmäcken und bei Körpern, nur daß man dieses mit dem
Getast, jenes mit dem Geschmack beurteilt. Auch hier zeigt sich keine
Abweichung im Worte, weder bei den genannten Dingen selbst, noch bei
ihrem Gegenteil. Denn auch das Gegenteil von beiden heißt stumpf.

[Sidenote: 106b]

Ferner muß man zusehen, ob das eine ein Gegenteil hat, das andere
dagegen schlechthin keines. So ist z. B. von der Lust des Trinkens
das Gegenteil die Unlust des Dürstens, aber die Lust der Betrachtung,
daß die Diagonale mit der Seite nicht kommensurabel ist, hat kein
Gegenteil, und so folgt, daß man von der Lust mehrdeutig spricht. Und
von der geistigen Liebe ist das Gegenteil der Haß, aber die sinnliche
Liebe, die auf leiblicher Funktion beruht, hat kein Gegenteil, und so
ist klar, daß Liebe homonym ist.

Ferner muß man bei dem in der Mitte Stehenden achtgeben, ob das eine
ein Mittleres hat, das andere keines, oder ob beide ein Mittleres
haben, aber nicht dasselbe. Z. B. zwischen weiß und schwarz (hell und
dunkel oder tief) steht bei Farben das Braune, bei der Stimme dagegen
nichts in der Mitte, und wenn schon etwas, so müßte es die Belegtheit
sein, wie denn einige sagen, daß die belegte Stimme zwischen hell
und tief in der Mitte stehe. Demnach ist weiß homonym und schwarz
desgleichen. Ferner muß man sehen, ob das eine mehrere Mittlere hat,
das andere nur eines, wie bei weiß und schwarz. Bei den Farben gibt es
da vieles Mittlere, bei der Stimme nur eins, die Belegtheit.

Wiederum muß man bei dem kontradiktorischen Gegenteil achtgeben, ob es
mehrdeutig gesagt wird. Denn wenn dieses mehrdeutig gesagt wird, wird
auch sein Gegenteil mehrdeutig gesagt werden. So wird z. B. „nicht
sehen“ mehrdeutig gesagt: einmal, wenn man kein Gesicht hat, und dann,
wenn man nicht aktuell sieht. Wenn aber dieses, so muß auch „sehen“
mehrdeutig gesagt werden; nämlich von „kein Gesicht haben“ ist das
Gegenteil eins haben, und von „nicht aktuell sehen“ ist es aktuell
sehen.

Auch muß man achtgeben auf das, was Beraubung und Haben besagt.
Wird das eine mehrdeutig gesagt, dann auch das andere; wird z. B.
αἰσθάνεσθαι (eigentlich durch die Sinne wahrnehmen, aber auch mit dem
Verstand erkennen, merken) mit bezug auf Seele und Leib gesagt, so
wird auch ἀναίσθητον εἶναι (ohne Empfindung, aber auch ohne geistige
Spürkraft sein) mit bezug auf Seele und Leib gesagt werden. Daß sich
aber das jetzt Angeführte wie Beraubung und Haben gegenübersteht, ist
klar, da ja die Lebewesen von Natur darauf angelegt sind, beide Sinne,
den seelischen und den leiblichen, zu haben[23].

[Sidenote: 107a]

Ferner sind die Umbildungsformen der Wörter (πτώσεις) ins Auge zu
fassen. Wenn gerechter Weise (δικαίως) mehrdeutig gesagt wird, wird
auch das Gerechte mehrdeutig ausgesagt werden. Es ist in verschiedenem
Sinne gerecht, je nachdem man das „gerechter Weise“ verschieden
versteht. Wenn man z. B. mit dem Ausdruck „gerechter Weise“ sowohl
ein Rechtsprechen nach der eigenen Überzeugung, als ein solches, wie
es (nach dem wirklichen Sachverhalt) sein müßte, meint, so meint man
das Gerechte ebenso. Auf die nämliche Weise wird, wenn das Gesunde
mehrdeutig ausgesagt wird, es auch bei dem Adverbium gesund der Fall
sein, wird z. B., wenn bald gesund ist, was die Gesundheit bewirkt,
bald was sie erhält, bald was sie anzeigt, auch das Adverbium gesund
bald im Sinne von Bewirken, bald von Erhalten, bald von Anzeigen
gebraucht werden. Ebenso wird sonst, wenn das Betreffende selbst
mehrdeutig ausgesagt wird, auch die von ihm abgeleitete Flexion
mehrdeutig ausgesagt werden, und wenn die Flexion, dann auch es selbst.

Achten muß man auch auf die Gattungen der Kategorien, denen ein Wort
angehören kann, und sehen, ob sie überall dieselben sind. Denn wenn sie
nicht dieselben sind, so ist der Ausdruck offenbar homonym. So ist das
Gute bei einer Speise das, was die Lust bewirkt, und in der Heilkunde
das, was die Gesundheit bewirkt. Für die Seele dagegen bedeutet es eine
Qualität, wie Mäßigkeit, Starkmut oder Gerechtigkeit, und ebenso für
den Menschen. Hin und wieder aber bedeutet es das Wann, wie es z. B.
das Gute tut, das zur rechten Zeit geschieht. Denn was so geschieht,
heißt gut. Oft auch bedeutet es die Quantität, z. B. bei mäßig. Denn
auch das Mäßige nennt man gut. So folgt denn, daß gut homonym ist.
In derselben Weise ist das Weiße (Helle) bei einem Körper die Farbe
(Qualität), aber beim Ton das leicht Hörbare (wirkend). Ähnlich das
Scharfe: es bedeutet nicht in allen Fällen dasselbe: ein scharfer
(hoher) Ton ist der schnelle (wirkend), wie die mathematische Harmonik
lehrt, ein scharfer (spitzer) Winkel der, der kleiner ist als ein
rechter (relativ), und ein scharfes (spitzes) Messer das, dessen Klinge
in einen spitzen Winkel ausläuft (Kategorie der Qualität).

Achten muß man auch auf die Gattungen dessen, was unter derselben
Benennung steht, und sehen, ob sie verschieden und sich nicht
untergeordnet sind, wie z. B. Esel in der doppelten Bedeutung von Tier
und Zugmaschine. Denn der Begriff des Wortes ist hier verschieden:
das eine wird für ein bestimmtes Tier, das andere für eine bestimmte
Maschine erklärt werden. Sind sich aber die Gattungen untergeordnet, so
brauchen die Begriffe der Wörter nicht verschieden zu sein. So ist für
Rabe Tier und Vogel Gattung. Sagen wir nun, der Rabe sei ein Vogel, so
sagen wir auch, er sei ein Tier von einer bestimmten Beschaffenheit,
so daß beide Gattungen von ihm ausgesagt werden. Ebenso sagen wir,
wenn wir den Raben ein geflügeltes, zweibeiniges Tier nennen, er sei
ein Vogel; und so werden denn beide Gattungen und ihr Begriff von dem
Raben ausgesagt. Das trifft aber bei den sich nicht untergeordneten
Gattungen nicht zu: sagen wir Maschine, so sagen wir nicht Tier, und
sagen wir Tier, so sagen wir nicht Maschine. Man muß aber nicht nur
darauf achten, ob das Vorliegende zu verschiedenen und sich nicht
untergeordneten Gattungen gehört, sondern auch das Gegenteil darauf
ansehen. Wenn das Gegenteil mehrdeutig ausgesagt wird, dann offenbar
auch das Vorliegende.

[Sidenote: 107b]

Es ist auch nützlich, auf die Definition zu achten, die man von dem
Zusammengesetzten, wie weißer Körper, weiße (helle) Stimme, erhält.
Es muß hier, wenn man das Eigentümliche davon nimmt, derselbe Begriff
übrig bleiben. Das ist aber bei Homonymem, z. B. dem jetzt Genannten,
nicht der Fall. Das eine wird ein Körper von der und der Farbe sein,
das andere eine leicht hörbare Stimme. Zieht man Körper und Stimme
ab, so ist das, was bleibt, bei beiden nicht dasselbe. Das müßte aber
sein, wenn das von beiden ausgesagte Weiße synonym wäre (d. h. ebenso
denselben Sinn hätte, wie es denselben Namen hat).

Oft aber wird man es nicht gewahr, daß sich die Homonymie auch in die
Begriffe selbst einschleicht. Man muß daher sein Augenmerk auch auf die
Begriffe richten. Wenn man z. B. sagte, das die Gesundheit Anzeigende
und Bewirkende sei das im richtigen Verhältnis zur Gesundheit Stehende,
so müßte man es damit nicht genug sein lassen, sondern zusehen, was
mit dem Ausdruck „im richtigen Verhältnis“ beidemal gemeint war, ob
z. B. nicht das, daß das eine seiner Beschaffenheit nach die Gesundheit
bewirkt und das andere den Stand des Befindens anzeigt.

Ferner (muß man zusehen), ob etwas nicht nach dem Mehr oder Gleich
vergleichbar ist, wie etwa helle Stimme und helles Kleid, scharfer
Geschmack und scharfe (hohe) Stimme. Hier läßt sich von hell und scharf
je in bezug auf beide Objekte weder sagen, daß es in gleichem, noch daß
es in höherem Grade bei ihnen vorhanden ist. Und so folgt, daß hell und
scharf homonym ist. Denn alles Synonyme ist vergleichbar: es wird den
Dingen entweder in gleichem oder dem einen in höherem Grade beigelegt
werden.

Da die verschiedenen und sich nicht untergeordneten Gattungen auch der
Art nach verschiedene Differenzen haben, wie z. B. Sinnenwesen und
Wissenschaft — denn diese beiden haben verschiedene Differenzen —,
so muß man zusehen, ob die gleichbenannten Eigenschaften Differenzen
verschiedener und sich nicht untergeordneter Gattungen sind, wie scharf
(hell, spitz) bei Stimme und Körper. Denn Stimme unterscheidet sich von
Stimme, wie ebenso auch Körper von Körper, durch die Schärfe. Und so
folgt, daß scharf homonym ist: es bezeichnet Differenzen verschiedener
und sich nicht untergeordneter Gattungen.

Wiederum (muß man zusehen), ob die gleichnamigen Dinge selbst
verschiedene Differenzen haben, wie Farbe bei den Körpern und in
der Musik (χρῶμα, chromatisch). Die Farbe bei den Körpern hat die
Differenz, daß sie das Gesicht zerstreut und sammelt (das Weiße
erscheint dem Auge größer, das Schwarze kleiner), aber die Farbe in der
Musik hat nicht dieselbe Differenz. Und so folgt, daß Farbe homonym
ist: dasselbe hat ja dieselbe Differenz.

Da ferner die Art von nichts (gemeinsam unter sie Fallendem) Differenz
ist (muß man sehen), ob von gleichnamigem das eine Art ist, das andere
Differenz, wie z. B. das Weiße am Körper eine Art der Farbe, dagegen
das Weiße (Helle, Klare) in der Stimme eine Differenz ist. Denn Stimme
unterscheidet sich von Stimme dadurch, daß sie hell ist.




+Sechzehntes Kapitel.+


[Sidenote: 108a]

Was also die Vieldeutigkeit der Wörter angeht, so muß man sie nach
diesen und ähnlichen Gesichtspunkten beurteilen. Der gegenseitige
Unterschied der Dinge sodann muß sowohl innerhalb der Gattungen
selbst betrachtet werden — indem man z. B. fragt, worin sich die
Gerechtigkeit von dem Starkmut und die Klugheit von der Mäßigkeit
unterscheidet, was alles aus derselben Gattung ist —, als auch aus dem
Verhältnisse der nicht allzu weit voneinander entfernten Gattungen,
wie z. B. bei dem Unterschiede von Sinneswahrnehmung und Wissenschaft.
Bei den weit voneinander entfernten Gattungen sind die Unterschiede ja
ganz offenbar.




+Siebenzehntes Kapitel.+


Die Übereinstimmung muß man einmal bei den in verschiedenen Gattungen
stehenden Dingen betrachten, und sich klar werden, daß wie sich
Verschiedenes zu Verschiedenem, so Anderes zu Anderem verhält, z. B.
wie Wissenschaft zu wißbar, so Sinn zu sinnlich, und wie Verschiedenes
in Verschiedenem, so Anderes in Anderem, z. B. wie Gesicht im Auge,
so Verstand in der Seele, und wie Meeresstille im Meer, so Windstille
in der Luft. Und hier muß man sich besonders in den weit voneinander
abstehenden Gattungen üben. Dann wird man die Übereinstimmung auch
sonst leichter herausfinden. Dann muß man auch die in derselben Gattung
stehenden Dinge betrachten, und sich klar werden, ob allen etwas
Identisches zukommt, z. B. dem Menschen, dem Pferde und dem Hunde. Denn
soweit ihnen etwas Identisches zukommt, soweit stimmen sie überein.




+Achtzehntes Kapitel.+


Der Nutzen, den es gewährt, wenn man die Vieldeutigkeit der Wörter
in Betracht zieht, liegt einmal in der Klarheit — man wird sich der
Bedeutung eines Satzes besser bewußt sein, wenn sich zeigt, in wie
vielfachem Sinne etwas gesagt wird —, sodann darin, daß die Schlüsse
der Sache selbst gemäß erfolgen und nicht nur auf Worte gehen. Weiß
man nicht, in wie vielfachem Sinne etwas gesagt wird, so denkt der
Antwortende (Defendent) möglicherweise an etwas anderes als der
Fragende (Opponent). Hat sich aber gezeigt, in wie vielfachem Sinne
etwas gesagt wird und woran man bei seiner Behauptung denkt, so machte
der Fragende sich lächerlich, wenn er nicht hiergegen argumentierte.

Der Nutzen liegt aber auch darin, daß man nicht durch Trugschlüsse
hintergangen wird, selber aber den Gegner durch Trugschlüsse
hintergehen kann. Sind wir mit den verschiedenen Bedeutungen eines
Wortes bekannt, so können wir nicht hintergangen werden, sondern müssen
es merken, wenn der Fragende nicht gegen eben das argumentiert, was
zur Erörterung steht. Sind wir aber selbst der Fragende, so können
wir den Antwortenden hintergehen, wenn er etwa nicht weiß, wie viele
Bedeutungen ein Wort hat. Das ist aber nicht überall möglich, sondern
nur, wenn von den vielen Bedeutungen die eine wahr, die andere falsch
ist. Jedoch gehört diese Weise nicht in die Dialektik[24]. Daher sollen
die Dialektiker es durchaus vermeiden, gegen das Wort zu disputieren,
es sei denn, daß man den Gegenstand sonst gar nicht erörtern könnte.

[Sidenote: 108b]

Die Auffindung des Unterschieds der Dinge ist von Nutzen einmal, um
Schlüsse über Identisches und Verschiedenes zu bilden, und dann, um
zu erkennen, was jedes ist. Daß sie für die Schlüsse über Identisches
und Verschiedenes von Nutzen ist, ist klar. Haben wir in dem, was
zur Erörterung steht, irgendeinen Unterschied aufgefunden, so haben
wir gezeigt, daß keine Identität stattfindet. Für die Erkenntnis
dessen, was jedes ist, ist sie es auch, weil wir den eigentümlichen
Wesensbegriff eines jeden Dinges durch die jeweiligen besonderen
Differenzen zu bestimmen und so von anderen Begriffen zu trennen
pflegen.

Die Betrachtung der Übereinstimmung ist von Nutzen für die induktiven
Begründungen, die hypothetischen Schlüsse und die Angabe der Begriffe.
Für die induktiven Begründungen, weil wir durch Anführung einzelner
übereinstimmender Fälle das Allgemeine zu beweisen glauben. Es ist ja
nicht leicht, induktiv zu schließen, wenn man das Übereinstimmende
nicht kennt. Für die hypothetischen Schlüsse, weil es wahrscheinlich
ist, daß es sich so, wie in einem von mehreren übereinstimmenden
Fällen, auch in den übrigen verhält. Und so werden wir, wo immer wir
über eine Reihe verwandter Dinge reichlichen Stoff zur Verfügung
haben, zuvor übereinkommen, daß es sich, wie mit ihnen, so auch mit
dem Vorliegenden verhält. Haben wir aber dort den Sachverhalt gezeigt,
so werden wir hypothetisch auch das Vorliegende gezeigt haben. Denn
wir haben für die Führung des Beweises die Hypothese gemacht, daß es
sich, wie dort, so auch mit dem Vorliegenden verhält. Für die Angabe
der Begriffe endlich ist sie von Nutzen, weil wir, wenn wir beurteilen
können, was jeweilig identisch ist, nicht in Verlegenheit darüber sein
werden, unter welche Gattung das Vorliegende bei der Begriffsbestimmung
zu bringen ist: Gattung muß sein, was von den gemeinsamen Prädikaten am
meisten das Wesen ausdrückt. Auch für die Bestimmung sehr voneinander
verschiedener Begriffe ist die Betrachtung der Übereinstimmung von
Nutzen, die Betrachtung z. B., daß Meeresstille im Meere dasselbe ist
wie Windstille in der Luft — beides ist ja Stille —, und daß der
Punkt das in der Linie ist, was die Einheit in der Zahl — beides ist
ja Prinzip —. Und so werden wir, indem wir das allem Gemeinsame als
Gattung angeben, gewiß nicht verkehrt definieren. Auf diese Weise
pflegen ja auch wohl tatsächlich die Definierenden die Begriffe zu
bestimmen. Sie sagen, daß die Einheit das Prinzip der Zahl und der
Punkt das Prinzip der Linie ist. Sie setzen also offenbar die Gattung
in das beiden Gemeinsame.

Das wären denn die Hilfsmittel zur Gewinnung von Schlüssen. Die Örter
dagegen, für die das Gesagte von Nutzen ist, sind folgende.




Zweites Buch.




+Erstes Kapitel.+


[Sidenote: 109a]

Einige Probleme sind allgemein, andere partikulär: allgemein ist
z. B. das Problem, daß jede Lust gut ist und daß keine Lust gut ist,
partikulär z. B. das Problem, daß einige Lust gut ist und daß einige
Lust nicht gut ist[25].

Für beide Gattungen von Problemen sind die allgemein begründenden
und umstoßenden Örter gemeinsam: haben wir gezeigt, daß etwas allem
zukommt, so haben wir auch gezeigt, daß es einigem zukommt, und
haben wir ebenso gezeigt, daß es keinem zukommt, so haben wir auch
gezeigt, daß es nicht allem zukommt. Darum müssen wir zuerst von den
allgemein umstoßenden Örtern handeln, einmal, weil solche Örter für
die allgemeinen und die partikulären Probleme gemeinsam sind, und
dann, weil man eher positive als negative Sätze aufstellt und die
Disputierenden es sich zur Aufgabe machen, sie umzustoßen[26].

Es ist sehr schwer, die eigentümliche Benennung nach dem Akzidenz
(mit dem Subjekt des Akzidenz) zu vertauschen. Denn es kommt nur bei
den Akzidenzien vor, daß etwas nur in gewisser Hinsicht und nicht
allgemein und schlechthin gilt. Daß man den Tausch mit der Definition,
dem Proprium und der Gattung vornehmen könne, ist notwendig. Wenn es
z. B. einem Subjekte zukommt, auf Füßen gehendes zweibeiniges Wesen zu
sein, so wird man mit Wahrheit umgekehrt von ihm sagen können, daß es
ein auf Füßen gehendes zweibeiniges Wesen ist. Ebenso ist es, wenn man
von der Gattung ausgeht: wenn es einem Subjekte zukommt, Sinnenwesen
zu sein, so ist es ein Sinnenwesen. Gleiches gilt vom Proprium: kommt
es einem Subjekte zu, der Grammatik fähig zu sein, so wird es der
Grammatik fähig sein. Keine von diesen Bestimmungen kann einem Subjekte
nur in gewisser Hinsicht, sondern nur schlechthin zukommen oder nicht
zukommen. Bei den Akzidenzien dagegen hindert nichts, daß sie dem
Subjekte in gewisser Hinsicht zukommen, z. B. die Weiße oder die
Gerechtigkeit, und so genügt es (beim Disputieren) nicht, zu zeigen,
daß einem Subjekte Weiße oder Gerechtigkeit zukommt, um zu zeigen, daß
es weiß oder gerecht ist. Daher brauchen die Akzidenzien nicht mit dem
Subjekt konvertibel zu sein.

Noch muß man betonen, daß die Fehler bei den Problemen zweifach sind,
indem sie entweder in einer falschen Behauptung oder in der Abweichung
von der üblichen Redeweise bestehen. Es fehlen diejenigen, die Falsches
behaupten und den Dingen zukommen lassen, was ihnen nicht zukommt;
diejenigen aber, die sie mit fremden Namen bezeichnen, wie z. B. die
Platane als einen Menschen, weichen von der üblichen Redeweise ab.




+Zweites Kapitel.+


Ein Ort nun ist, daß man zusieht, ob man das, was einem Dinge in
anderer Weise zukommt, etwa für ein Akzidenz erklärt hat. Dieser Fehler
kommt besonders bei den Gattungen vor, wenn man z. B. behauptet, dem
Weißen sei es akzidentell, Farbe zu sein; denn es ist dem Weißen nicht
akzidentell, Farbe zu sein, sondern die Farbe ist seine Gattung.

[Sidenote: 109b]

Es mag nun der, der einen Satz aufstellt, auch förmlich erklären, daß
es z. B. der Gerechtigkeit mitfolgt (ihr akzidentell ist), eine Tugend
zu sein, aber oft wird man sich, auch ohne einen Begriff aufgestellt
zu haben, sagen müssen, daß man die Gattung wie ein Akzidenz behandelt
hat, wie wenn man z. B. sagte, die Weiße sei gefärbt oder das Gehen
werde bewegt. Denn von keiner Gattung wird ein Wort abgeleitet, um
damit (paronymisch, denominativ) die Art zu bezeichnen, sondern alle
Gattungen werden von den Arten synonymisch ausgesagt, da die Arten so
den Namen wie den Begriff der Gattungen annehmen. Wer also das Weiße
für ein Gefärbtes erklärt, hat damit weder die Gattung angegeben, da
er ja ein von Farbe abgeleitetes Wort dafür gebraucht hat, noch das
Proprium, noch die Definition. Denn Definition und Proprium kommen
keinem anderen zu, aber gefärbt ist auch sonst manches, wie Holz,
Stein, Mensch, Pferd. So erklärt er es denn offenbar für ein Akzidenz.

Ein anderer Ort ist die Betrachtung der Objekte, von denen der Gegner
behauptet hat, daß ein Attribut entweder ihnen allen oder keinem
zukommt. Man muß sie nach Arten, nicht in den Individuen prüfen,
die ja ohne Zahl sind. So verläuft die Untersuchung methodischer
und verliert sich nicht ins Weite. Man muß aber mit der Prüfung der
obersten Klassen anfangen und von da bis zu den nicht weiter teilbaren
Arten fortschreiten. Hat man z. B. gesagt, daß die Wissenschaft des
Entgegengesetzten dieselbe ist, so muß man sehen, ob die Wissenschaft
des Relativen, des Konträren, des Mangels und des Habitus, und des
Kontradiktorischen dieselbe ist. Und ist es hierbei noch nicht klar,
so muß man wieder weiter unterscheiden bis zu den nicht mehr teilbaren
Arten, muß z. B. sehen, ob der Satz gilt für Gerechtes und Ungerechtes,
Doppeltes und Halbes, Blindheit und Gesicht, oder Sein und Nichtsein.
Denn wenn von irgend etwas erwiesen ist, daß sie bei ihm nicht dieselbe
ist, so haben wir das Problem umgestoßen. Ebenso ist es, wenn ein
Attribut keinem zukommen soll. Dieser Ort paßt übrigens gleichmäßig für
Aufhebung und Behauptung von Problemen. Sieht man etwas bei allen oder
vielen Objekten, die man durch Unterscheidung erhält, sich bestätigen,
so kann man verlangen, daß man es auch allgemein behauptet oder im
Falle der Beanstandung sagt, wo es sich nicht bestätigt. Wer keins von
beidem tut, macht sich mit seiner Ablehnung der These lächerlich.

[Sidenote: 110a]

Ein anderer Ort ist, Begriffe für das Mitfolgende (Akzidentelle) und
das, dem es mitfolgt, sei es für beides besonders, oder nur für eines,
aufzustellen, und dann zuzusehen, ob etwas nach den Begriffen nicht
Wahres für wahr genommen worden ist. Ist das Problem z. B., ob man Gott
Unrecht tun kann, so ist zu fragen, was Unrecht tun heißt. Heißt es
freiwillig schaden, so kann Gott offenbar kein Unrecht getan werden.
Denn Gott kann keinen Schaden erleiden. Und ist das Problem, ob der
Tugendhafte neidisch ist, so fragt es sich: was ist neidisch und was
ist Neid? Ist Neid Unlust über anscheinendes Wohlergehen eines guten
Mannes, so ist der Tugendhafte offenbar nicht neidisch. Denn er müßte
ja schlecht sein. Und wenn das Problem ist, ob der Unwille im Sinne
der Nemesis als Neid gelten muß, so ist zu fragen: wie sind diese
beiden Begriffe zu bestimmen? Denn so wird sich herausstellen, ob es
wahr ist, wenn man es bejaht. Besteht z. B. der Neid darin, daß man
Unlust über das Wohlergehen der Guten, dagegen der Unwille im Sinne der
Nemesis darin, daß man Unlust über das Wohlergehen der Bösen empfindet,
so können offenbar der Neid und dieser gerechte Unwille nicht eins
sein. Hierher gehört auch, daß man an die Stelle der in der Definition
vorkommenden Worte eigene Begriffe setzt und damit nicht aufhört,
bis man vom minder Bekannten zum Bekannten kommt. Denn das Gesuchte
ist oft, wenn man nur den ganzen Begriff angibt, noch nicht klar und
wird es erst, wenn man für eines der Worte der Definition den Begriff
einsetzt[27].

Ferner kann man sich aus einem Problem einen Satz machen und dagegen
einen Einwand erheben. Denn der Einwand wird ein Angriff gegen die
These sein. Dieser Ort ist fast derselbe, wie wenn man die Objekte
betrachtet, die alle ein Attribut entweder haben oder nicht haben
sollen. Der Unterschied liegt nur in der Form (vgl. Abs. 3).

Ferner muß man unterscheiden, über was für Dinge man mit der Menge
reden muß, und über was für Dinge nicht. Das ist gleichmäßig für
Begründung und Widerlegung der Probleme von Nutzen. Man muß nämlich
bei der Benennung der Dinge mit der Menge gehen[28]; wenn es sich aber
fragt, was für Dinge einer Benennung unterliegen, und was für Dinge
nicht, hat man sich an die Menge nicht mehr zu kehren. Man muß z. B.
gesund nennen, was die Gesundheit bewirkt, wie die Menge sagt. Ob aber
das Vorliegende die Gesundheit bewirkt, oder nicht, muß nicht nach der
Meinung der Menge, sondern nach dem Urteil des Arztes bestimmt werden.




+Drittes Kapitel.+


Wenn ferner etwas vieldeutig gesagt wird, aber einem Subjekte zukommen
oder nicht zukommen soll, so muß man eines von dem vieldeutig Gesagten
zeigen, wenn man nicht beides kann. Man muß dieses da tun, wo die
Vieldeutigkeit verborgen ist; wo das nicht der Fall ist, wird der
Gegner insistieren und sagen, es sei nicht über das von ihm selbst in
Zweifel Gezogene disputiert worden, sondern über das andere.

[Sidenote: 110b]

Dieser Ort paßt gleichmäßig für Begründung und Widerlegung. Wollen wir
ein Problem begründen, so werden wir zeigen, daß dem Subjekte eines
von beiden zukommt, wenn wir beides nicht zeigen können; bestreiten
wir es, so werden wir zeigen, daß eines ihm nicht zukommt, wenn wir es
von beiden nicht können. Nur braucht der Widerlegende durchaus nicht
auf Grund einer vorausgegangenen Verständigung zu disputieren, sei
es, daß etwas allem oder keinem zukommen soll. Denn wenn wir gezeigt
haben, daß es irgendeinem nicht zukommt, so haben wir die Behauptung
entkräftet, daß es allem zukommt, und ebenso werden wir, wenn wir
zeigen, daß es einem zukommt, die Behauptung entkräften, daß es keinem
zukommt. Diejenigen dagegen, die etwas behaupten, müssen sich zuvor
dahin verständigen, daß wenn ein Attribut irgendeinem zukommt, es
allen zukommt, vorausgesetzt, daß dieses Postulat glaubhaft ist. Denn
um zu zeigen, daß etwas allem zukommt, genügt es nicht, über eines zu
disputieren; wenn z. B. die Seele des Menschen unsterblich ist, genügt
dieses nicht, um zu zeigen, daß jede Seele unsterblich ist, und so muß
man sich zuvor verständigen, daß, wenn irgendeine Seele unsterblich
ist, jede unsterblich ist. Man muß das aber nicht immer tun, sondern
nur dann, wenn wir keinen gemeinsamen Grund für alles anführen können,
wie der Mathematiker für den Satz, daß die Winkelsumme des Dreiecks
zwei Rechte beträgt.

Ist die Vieldeutigkeit nicht verborgen, so muß man angeben, in wie
vielfacher Bedeutung etwas gesagt wird, und hiernach das Problem
widerlegen und begründen. Wenn z. B. das Gebotene das Nützliche oder
das sittlich Gute ist, so muß man für den vorliegenden Fall beides zu
begründen oder zu bestreiten suchen, daß es nämlich sittlich gut und
nützlich, oder daß es weder sittlich gut noch nützlich ist. Kann man
nicht beides, so muß man eines zeigen, und dabei bemerken, daß das
Gebotene das eine sei, das andere nicht. Dieselbe Rede gilt, wenn der
Bedeutungen, die ein Wort hat, mehrere sind.

Wiederum (ist alles das zu beachten), was nicht auf Grund der Homonymie
(Gleichheit des Wortes bei verschiedener Bedeutung), sondern auf andere
Weise mehrdeutig ist, wie z. B. die Wissenschaft mehrerer Dinge eine
ist, entweder als Wissenschaft des Zieles und der Mittel, wie die
Heilkunst auf die Bewirkung der Gesundheit und auf die Diät geht, oder
als Wissenschaft beider Ziele, wie die Wissenschaft der Gegensätze
dieselbe genannt wird — denn der eine Gegensatz ist nicht mehr Ziel
als der andere —, oder endlich als Wissenschaft dessen, worauf sie an
sich und worauf sie mitfolgend (per accidens) geht, wie sie an sich
z. B. von dem Dreieck, mitfolgend aber von dem gleichseitigen Dreieck
weiß, daß seine Winkelsumme zwei Rechte beträgt; denn weil es dem
gleichseitigen Dreieck mitfolgt (akzidentell ist), Dreieck zu sein, so
erkennen wir daraus, daß seine Winkelsumme zwei Rechte beträgt.

[Sidenote: 111a]

Wenn nun die Wissenschaft mehrerer Dinge in keiner Weise dieselbe
sein kann, so kann sie es offenbar überhaupt nicht sein, oder kann
sie es irgendwie sein, so kann sie es offenbar sein. Man muß aber nur
so viele Unterscheidungen machen, als ersprießlich ist. Wollen wir
z. B. begründen, so müssen wir lauter solche Fälle vorbringen, wo die
behauptete Sache möglich ist, und nur solche Unterscheidungen machen,
die für die Begründung von Nutzen sind; wollen wir aber widerlegen, so
müssen wir alle Fälle vorbringen, wo das Behauptete nicht möglich ist,
und die anderen übergehen. Man muß das auch bei Mehrdeutigkeiten dieser
Art in dem Falle tun, wo es unbekannt ist, wie viele der Bedeutungen
sind. Und auch daß das auf das geht oder nicht geht, ist auf Grund
derselben Örter zu zeigen, z. B. daß die und die Wissenschaft auf
das und das geht, sei es wie auf ihr Ziel, oder wie auf Mittel zur
Erreichung des Zieles, oder wie auf das, was dem Objekte mitfolgt, oder
wiederum daß etwas nach keiner der genannten Weisen zutrifft. Dasselbe
gilt von dem Begehren und allem, was sonst noch auf mehreres geht. Denn
das Begehren geht auf eine Sache entweder als Ziel, wie die Gesundheit,
oder als Mittel, wie das Arzneinehmen, oder als Mitfolgendes, wie etwa
der Freund von Süßigkeiten nach dem Weine begehrt, nicht weil er Wein,
sondern weil er süß ist. Denn er begehrt nach dem Süßen an und für
sich, nach dem Weine aber mitfolgend; denn wenn er herb ist, begehrt er
ihn nicht mehr. Er begehrt ihn also mitfolgend.

Dieser Ort ist bei den Relativa von Nutzen; denn zu ihnen gehören
gewöhnlich die Dinge, die in der angezeigten Weise vieldeutig sind.




+Viertes Kapitel.+


Auch muß man ein Wort mit einem anderen, bekannteren vertauschen,
muß z. B., wenn es sich um eine Ansicht handelt, statt genau klar
sagen, ebenso statt πολυπραγμοσύνη (Lage dessen, der viel zu tun hat),
φιλοπραγμοσύνη (Art dessen, der sich gern zu tun macht). Denn wenn
man bekanntere Ausdrücke braucht, läßt sich leichter über eine These
disputieren. Auch dieser Ort ist für beides, das Begründen und das
Widerlegen, gemeinsam.

Um zu zeigen, daß die Gegensätze demselben Subjekte zukommen, muß man
die Gattung betrachten. Wenn wir z. B. zeigen wollen, daß es in der
Wahrnehmung Wahrheit und Irrtum gibt, und Wahrnehmen Urteilen ist, man
aber wahr und nicht wahr urteilen kann, so muß es in der Wahrnehmung
Wahrheit und Irrtum geben.

Dieser Beweis war ein Schluß von der Gattung auf die Art. Urteilen
ist Gattungsbegriff von Wahrnehmen. Denn der Wahrnehmende urteilt
gewissermaßen. Man kann aber auch umgekehrt von der Art einen Schluß
für die Gattung machen. Denn was der Art zukommt, kommt auch der
Gattung zu. Wenn es z. B. eine schlimme und eine gute Wissenschaft
gibt, so gibt es auch eine schlimme und eine gute Verfassung. Denn
Verfassung ist Gattungsbegriff von Wissenschaft.

Der erste von diesen beiden Orten ist, für die Begründung verwandt,
falsch, der zweite wahr. Nicht alles, was der Gattung zukommt,
braucht auch der Art zuzukommen. Das Sinnenwesen ist geflügelt und
vierfüßig, der Mensch nicht. Alles aber, was der Art zukommt, muß auch
der Gattung zukommen. Ist der Mensch tugendhaft, so ist es auch das
Sinnenwesen[29]. Dagegen für die Widerlegung verwandt, ist der erste
wahr, der zweite falsch. Alles, was der Gattung nicht zukommt, kommt
auch der Art nicht zu, aber nicht alles, was der Art nicht zukommt,
braucht der Gattung nicht zuzukommen.

[Sidenote: 111b]

Weiterhin muß, wem die Gattung zugeschrieben wird, auch eine der Arten
zugeschrieben werden, und was die Gattung hat oder ein Paronymon[30]
der Gattung ist, auch eine der Arten haben oder ein Paronymon von ihr
sein. Wird einem z. B. die Wissenschaft zugeschrieben, so wird ihm auch
die Grammatik oder die Musik oder sonst eine Wissenschaft zugeschrieben
werden, und wenn einer eine Wissenschaft inne hat oder mit einem
paronymen Namen bezeichnet wird, wird er auch die Grammatik inne haben
oder die Musik oder sonst eine Wissenschaft oder mit einem von diesen
Künsten hergenommenen Namen bezeichnet werden, z. B. als Grammatiker
oder Musiker.

Wird nun in einer Behauptung etwas wie immer nach der Gattung
bezeichnet, z. B. gesagt, daß die Seele bewegt wird, so muß man
zusehen, ob die Seele nach einer der Arten der Bewegung bewegt werden
kann, ob sie z. B. wachsen oder vergehen oder entstehen kann, und was
sonst noch für Arten der Bewegung sind. Denn wenn sie es nach keiner
kann, wird sie offenbar nicht bewegt.

Dieser Ort gilt gemeinsam für beides, Widerlegung und Begründung. Was
nach einer der Arten bewegt wird, wird offenbar bewegt, und was nach
keiner der Arten bewegt wird, wird offenbar nicht bewegt.

Wer aber keinen Stoff hat, um über die These zu disputieren, muß die
Sache vom Standpunkte der Definitionen des betreffenden Gegenstandes,
der wirklichen oder wahrscheinlichen, und nicht bloß einer, sondern
mehrerer, in Angriff nehmen. Hat man die Definitionen angeführt, so ist
leichter disputieren. Denn Definitionen bieten mehr Möglichkeit, etwas
zu erörtern[31].

Man muß ferner bei einer Behauptung zusehen, was sein muß, damit das
Behauptete sei, oder was sein muß, wenn das Behauptete ist. Will man
beweisen, so muß man zusehen, was sein muß, damit das Behauptete sei
— denn ist gezeigt, daß es ist, so ist auch das Behauptete gezeigt
—; will man aber widerlegen, so muß man zusehen, was ist, wenn das
Behauptete ist. Denn wenn wir gezeigt haben, daß das, was auf die
Behauptung folgt, nicht ist, haben wir die Behauptung entkräftet.

Auch muß man auf die Zeit sehen, ob sie etwa mit einer Behauptung
disharmoniert, wenn z. B. jemand sagt, daß das, was sich ernährt,
notwendig wächst. Die Tiere ernähren sich immer, wachsen aber nicht
immer. Ebenso ist es mit der Behauptung, Wissen sei Erinnerung. Das
eine geht auf die Vergangenheit, das andere auch auf Gegenwart und
Zukunft. Man sagt, daß man das Gegenwärtige und das Zukünftige weiß,
z. B. den Eintritt einer Finsternis, aber Erinnerung kann es nur an
Vergangenes geben.




+Fünftes Kapitel.+


[Sidenote: 112a]

Ferner (kommt hier) die sophistische Weise (in Betracht), die darin
besteht, daß man die Disputation auf einen Punkt bringt, wo einem viele
Gründe zur Verfügung stehen müssen. Das wird bald wirklich nötig sein,
bald scheinbar, bald weder scheinbar noch wirklich. Wirklich nötig ist
es, wenn der Antwortende etwas leugnet, was für den Beweis der These
von Nutzen ist, und Gründe dagegen geltend macht, das Bestrittene aber
von der Art ist, daß man vieles zu seinen Gunsten anführen kann. Ebenso
wenn er, die aufgestellte Behauptung benutzend, auf irgendeinen Punkt
das induktive Verfahren anwendet mit der Absicht, ihn umzustoßen.
Denn mit diesem Punkte fiele auch die Behauptung. Nur scheinbar nötig
ist das gedachte Verfahren, wenn der Punkt, gegen den sich die Reden
kehren, zwar brauchbar und zur These gehörig scheint, es aber nicht
wirklich ist, mag nun derjenige, der sich für den Einwurf einsetzt, ihn
dadurch umzustoßen suchen, daß er einfach leugnet, oder mag auf Grund
der These eine scheinbare Induktion gegen ihn erbracht werden. Der
noch übrige Fall ist gegeben, wenn das, wogegen die Reden sich kehren,
weder nötig ist noch scheint, aber eine andere falsche Widerlegung
gegen den Antwortenden zur Hand wäre. Vor dieser letzten Weise muß man
sich hüten. Sie gehört gar nicht in die Dialektik und ist ihr gänzlich
fremd. Darum darf auch der Antwortende bei solchen Einreden keine
Schwierigkeit machen, sondern muß alles, was für die These ohne Belang
ist, gelten lassen, indem er es immer beifügt, wenn er etwas nicht
glaubt, aber doch gelten läßt. Denn die Fragenden kommen meistens in
ärgere Verlegenheit, wenn ihnen alles Derartige eingeräumt wird, und
sie gleichwohl nicht zum Ziele gelangen.

Wer ferner irgend etwas gesagt hat, hat gewissermaßen vieles gesagt, da
aus jedem notwendig mehreres folgt. Wer z. B. von etwas gesagt hat, daß
es ein Mensch ist, hat auch gesagt, daß es ein Sinnenwesen, zweibeinig
und der Einsicht und Wissenschaft fähig ist, und so wird, wenn
irgendeine Folge umgestoßen wird, auch die ursprüngliche Behauptung
umgestoßen. Man muß sich aber (bei dem Angriff auf eine Behauptung)
auch hüten, etwas mit dem Schwereren zu vertauschen. Denn es ist bald
leichter die Folgerung, bald den Hauptsatz selbst umzustoßen.




+Sechstes Kapitel.+


Wo dem Subjekt notwendig nur eines von beiden, dem Menschen z. B.
Krankheit oder Gesundheit, zukommt, werden wir, wenn wir von dem einen
leicht darlegen können, daß es ihm zukommt oder nicht zukommt, es auch
von dem anderen können. Das gilt also umgekehrt für beides, Widerlegung
und Behauptung. Haben wir gezeigt, daß einem das eine zukommt, so haben
wir gezeigt, daß ihm das andere nicht zukommt, und wenn wir gezeigt
haben, daß es ihm nicht zukommt, haben wir gezeigt, daß ihm das andere
zukommt. Der Ort ist also offenbar für beides nützlich.

[Sidenote: 112b]

Um einen weiteren Ort zu erhalten, greift man die Sache in der Weise
an, daß man ein Wort auf seinen Begriff zurückführt und betont, daß man
es durchaus diesem gemäß auffassen müsse, statt so, wie es gewöhnlich
genommen wird. So sei εὔψυχος (guten Mutes, tapfer) nicht der Mutige,
wie das Wort jetzt verstanden wird, sondern ein Mann, mit dessen Seele
es wohl bestellt ist, wie εὔελπις ein Mann ist, der gutes hofft, und
sei ebenso εὐδαίμων (glücklich) ein Mann, dessen Dämon tugendhaft ist,
in dem Sinne des Xenokrates, der glücklich nennt, wer eine tugendhafte
Seele hat; denn diese sei des Menschen Dämon (guter Geist).

Da ferner von den Dingen die einen notwendig, die anderen gewöhnlich,
noch andere zufällig sind, so schafft man jedesmal einen Ort für
einen Angriff, wenn man das Notwendige als das Gewöhnliche oder das
Gewöhnliche als das Notwendige setzt, sei es nun das Gewöhnliche selbst
oder sein Gegenteil. Setzt man das Notwendige als das Gewöhnliche, so
sagt man damit offenbar, daß es nicht allem zukommt, da es doch allem
zukommt, muß also fehlen. Und sagt man umgekehrt, daß was gewöhnlich
ist, notwendig ist, so ist es in gleicher Weise gefehlt. Denn man
läßt allem zukommen was doch nicht allem zukommt. Ebenso ist es, wenn
man das Gegenteil des Gewöhnlichen notwendig sein läßt. Das Gegenteil
des Gewöhnlichen ist immer das Seltenere, wie wenn etwa die Menschen
gewöhnlich schlecht sind, sie seltener gut sind. Und so ist es noch
ärger gefehlt, wenn man sie notwendig gut sein läßt. Dasselbe ist der
Fall, wenn man das Zufällige notwendig oder gewöhnlich sein läßt. Denn
das Zufällige ist weder das eine, noch das andere.

Man kann auch, wenn einer nicht unterscheidet, ob etwas gewöhnlich oder
notwendig sein soll, die Sache aber nur gewöhnlich ist, so gegen ihn
disputieren, als sollte es ihm zufolge notwendig sein. Hat er z. B. die
Enterbten unterschiedslos schlecht genannt, so kann man so gegen ihn
disputieren, als sollten sie es ihm zufolge notwendig sein.

Ferner (setzt man sich einem Angriffe aus), wenn man etwas sich selbst
wie ein Verschiedenes mitfolgen läßt, weil das Wort verschieden
ist, wie z. B. Prodikus die Lüste in Freude, Ergötzung und Frohsinn
unterschied. Das sind ja lauter Namen für etwas mit der Lust
Identisches. Läßt man also die Freude dem Frohsinn mitfolgen, so muß
man etwas sich selbst mitfolgen lassen.




+Siebentes Kapitel.+


Da ferner Entgegengesetztes sechsfach miteinander verbunden wird,
aber nur in vier Verbindungen einen Gegensatz bildet, so muß man es
so verwenden, wie es für die Widerlegung und die Begründung nützen
kann. Daß es sechsfach verbunden wird, ist klar. Entweder wird beides
Entgegengesetzte mit beidem (jedes von zwei Prädikaten mit jedem von
zwei Subjekten) verbunden werden, und zwar zweifach, wie den Freunden
Gutes und den Feinden Böses, oder hinwieder den Freunden Böses und
den Feinden Gutes tun, oder man sagt beides von dem einen, und auch
das zweifach, wie den Freunden Gutes und den Freunden Böses, oder den
Feinden Gutes und den Feinden Böses, oder man sagt das eine von beiden,
und auch das zweifach, wie den Freunden Gutes und den Feinden Gutes,
oder den Freunden Böses und den Feinden Böses.

[Sidenote: 113a]

Die zwei erstgenannten Verbindungen bilden nun keinen Gegensatz: den
Freunden Gutes und den Feinden Böses tun steht sich nicht entgegen:
beides ist zu tun und ist Sache derselben Gesinnung. Auch den Freunden
Böses und den Feinden Gutes tun steht sich nicht entgegen: beides ist
wieder gleichmäßig zu meiden und Sache derselben Gesinnung. Ein Ding,
das zu meiden ist, steht aber einem anderen Ding, das auch zu meiden
ist, nicht entgegen, es müßte denn das eine ein Zuviel, das andere
ein Zuwenig besagen. Denn das Zuviel gehört zu den Dingen, die zu
meiden sind, ebenso, wie das Zuwenig. Dagegen bilden alle anderen vier
Opposita einen Gegensatz. Den Freunden Gutes tun ist der Gegensatz von
den Freunden Böses tun: es kommt von entgegengesetzter Gesinnung, und
das eine ist zu tun, das andere ist zu meiden. Ebenso ist es mit den
anderen Opposita. Bei jeder Verbindung ist das eine zu tun, das andere
zu meiden und das eine Ausfluß einer guten, das andere Ausfluß einer
schlechten Gesinnung.

Aus dem Gesagten erhellt also, daß es von ein und demselben mehrere
Gegensätze gibt. Den Freunden Gutes tun hat zum Gegensatz sowohl den
Feinden Gutes tun, als auch den Freunden Böses. Ebenso werden sich
hier, wenn man auf dieselbe Weise zusieht, von jedem anderen zwei
Gegensätze ergeben. Man muß also von den beiden Gegensätzen jedesmal
den verwenden, der für die These nützlich ist.

Ferner, wenn das Akzidenz ein Gegenteil hat, muß man sehen, ob es dem
Subjekt zukommt, dem das Akzidenz zukommen soll. Wenn es ihm zukommt,
kann jenes ihm nicht zukommen. Dann demselben Subjekt kann unmöglich
gleichzeitig Entgegengesetztes zukommen.

Oder (man muß zusehen) ob von einem Subjekt etwas Derartiges gesagt
worden ist, daß ihm, wenn es wahr ist, Entgegengesetztes zukommen
muß. Nehmen wir z. B. die Behauptung, daß die Ideen in uns sind. Es
würde da folgen, daß sie gleichzeitig bewegt werden und ruhen, und daß
sie sinnlich und intelligibel sind. Denn denen, die Ideen annehmen,
scheinen die Ideen zu ruhen und intelligibel zu sein. Wenn sie aber in
uns sind, können sie unmöglich unbewegt sein. Denn notwendig muß, wenn
wir bewegt werden, auch alles, was in uns ist, mitbewegt werden. Sie
sind aber offenbar auch, wenn sie in uns sind, sinnlich; denn die Form
an jedem Ding erkennen wir mit dem Gesichtssinn[32].

[Sidenote: 113b]

Wenn wiederum einem Subjekt ein Akzidenz, das ein Gegenteil hat,
zugeschrieben wird, muß man sehen, ob dieses Subjekt ebenso für das
Gegenteil empfänglich ist. Denn dasselbe Ding ist für Entgegengesetztes
empfänglich. So müßte, wenn man behauptet hätte, daß der Haß dem Zorn
folgt, der Haß in dem iraszibeln Teile des Strebevermögens sein, weil
der Zorn in ihm ist. Man muß also sehen, ob auch das Gegenteil, die
Liebe, in dem iraszibeln Teile ist. Denn ist das nicht der Fall, ist
die Liebe vielmehr in dem konkupiszibeln Teile, so kann nicht der Haß
dem Zorne folgen. Ebenso ist es auch, wenn man behauptet hat, daß der
konkupiszible Seelenteil unwissend ist; denn er wäre des Wissens fähig,
da er ja auch des Nichtwissens fähig sein soll, das aber nimmt man
nicht an, daß der konkupiszible Teil des Wissens fähig ist.

Hat man nun die Aufgabe, etwas zu widerlegen, so muß man diesen Ort in
der angegebenen Weise verwenden. Soll man aber etwas begründen, so kann
man ihn nicht verwenden, um zu zeigen, daß das Akzidenz dem Subjekt
zukommt, sondern nur um zu zeigen, daß es ihm zukommen kann. Haben
wir gezeigt, daß es das Gegenteil nicht zuläßt, so haben wir gezeigt,
daß ihm das Akzidenz weder zukommt, noch zukommen kann. Wenn wir aber
gezeigt haben, daß ihm das Gegenteil zukommt oder daß es das Gegenteil
zuläßt, so haben wir noch nicht gezeigt, daß ihm auch das Akzidenz
zukommt: es ist nur so viel gezeigt, daß es ihm zukommen kann.




+Achtes Kapitel.+


Da vier Gegensätze sind (Kateg. 10: Relation, Kontrarietät, Privation
und Habitus, Kontradiktion), so muß man bei (dem einen von ihnen)
der Kontradiktion zusehen, was aus ihr folgt, wenn man (Subjekt und
Prädikat) umkehrt, mag man nun widerlegen oder begründen. Man muß es
aus der Induktion entnehmen. Ist z. B. der Mensch ein Sinnenwesen,
so ist was nicht Sinnenwesen ist, nicht Mensch. Und ebenso ist es
sonst. Hier gilt die Folge bei Umkehrung von Subjekt und Prädikat: dem
Menschen folgt das Sinnenwesen, aber dem Nichtmenschen folgt nicht
das Nichtsinnenwesen, sondern umgekehrt dem Nichtsinnenwesen das
Nichtmensch. So ist dieses denn überall zu postulieren: ist z. B.
das Schöne genußreich, so ist auch das Nichtgenußreiche nicht schön.
Ist es aber dieses nicht, so auch nicht jenes. Ebenso ist, wenn das
Nichtgenußreiche nicht schön ist, das Schöne genußreich. So erhellt
denn, daß die Folgerung nach der Kontradiktion für beides (Subjekt und
Prädikat) gilt, wenn man sie umgekehrt zieht.

Bei der Kontrarietät muß man, ob man nun widerlegt oder begründet,
zusehen, ob auf Konträres Konträres folgt, wenn man Subjekt und
Prädikat auf derselben Stelle läßt, oder wenn man sie umkehrt. Auch
dies muß man aus der Induktion entnehmen, so weit es zweckdienlich ist.

Bleibt Subjekt und Prädikat auf seinem Platz, so gilt die Folge z. B.
für den Mut und die Feigheit: dem einen folgt die Tugend, der anderen
die Schlechtigkeit. Und dem einen folgt das Wählenswerte, der anderen
das Fliehenswerte. So gilt denn auch hier die Folge, wenn beides seinen
Platz behält. Denn Wählenswert ist das Gegenteil von Fliehenswert. Und
ebenso ist es sonst.

[Sidenote: 114a]

Dagegen gilt die Folge bei der Umkehrung, wenn es sich z. B. um gutes
Befinden und Gesundheit handelt: gutem Befinden folgt die Gesundheit,
schlechtem Befinden aber nicht Krankheit[33], sondern der Krankheit
schlechtes Befinden. So gilt denn hier die Folge offenbar bei der
Umkehrung. Doch ist letztere bei der Kontrarietät selten am Platz, und
meistens gilt hier die Folge ohne sie.

Wenn also dem Konträren das Konträre weder ohne noch mit Umkehrung
folgt, so ergibt sich offenbar auch für das in der Disputation
aufgestellte Konträre, daß das eine dem anderen nicht folgt. Folgt
aber eins dem anderen beim Konträren, dann notwendig auch bei dem
Aufgestellten.

In gleicher Weise wie bei dem Konträren muß man da verfahren, wo es
sich um Mangel und Habitus handelt. Nur gibt es bei dem Mangel keine
Umkehrung, sondern die Folgerung muß immer ohne sie gezogen werden,
wie dem Gesichte der Sinn, dagegen der Blindheit die Anästhesie folgen
muß. Sinn und Anästhesie stehen sich wie Habitus und Mangel gegenüber:
hier ist das eine Habitus, das andere Mangel.

Ebenso wie bei Habitus und Mangel ist die Sache bei den Relativis
anzugehen. Auch hier gilt die Folgerung für dieselbe Reihenfolge
der Attribute, d. h. ohne Umkehrung. Ist z. B. das Dreifache
vielfach, so ist auch das dreimal Kleinere vielmal kleiner. Denn
dreifach wird verstanden im Vergleich zu dem dreimal Kleineren und
vielfach im Vergleich zu dem vielmal Kleineren. Und wiederum: ist
Wissen Fürwahrhalten, so ist auch das Objekt des Wissens Objekt des
Fürwahrhaltens, und ist Sehen Wahrnehmung, so ist auch das Sichtbare
wahrnehmbar.

Ein Einwand wäre, daß die Folge bei den Relativis nicht notwendig
so, wie behauptet, Platz greift: das Wahrnehmbare ist wißbar, die
Wahrnehmung aber nicht Wissen. Aber der Einwand scheint nicht auf
Wahrheit zu beruhen: Viele leugnen, daß es vom Wahrnehmbaren ein
Wissen gibt. Ferner läßt sich auf Grund des Gesagten nicht minder das
Gegenteil beweisen, daß nämlich das Wahrnehmbare (formell als solches)
nicht wißbar ist: die Wahrnehmung ist ja auch nicht Wissenschaft.




+Neuntes Kapitel.+


Man muß ferner auf das Begriffsverwandte (σύστοιχα) und auf die
abgeleiteten Wörter (πτώσεις) achten bei der Widerlegung sowohl wie bei
der Behauptung.

Begriffsverwandt ist z. B. das Gerechte und der Gerechte mit der
Gerechtigkeit, und das Mutige und der Mutige mit dem Mute. Ebenso gilt
das, was etwas bewirkt oder erhält, als begriffsverwandt mit dem, was
es bewirkt oder erhält, wie das Gesunde mit der Gesundheit, das, was
zum Wohlbefinden hilft, mit dem Wohlbefinden. Und dieselbe Weise gilt
sonst. Wie nun derartiges begriffsverwandt genannt zu werden pflegt,
so bezeichnet man als abgeleitete Wörter Formen wie δικαίως (gerechter
Weise), ἀνδρείως (mit Mut) und ὑγιεινῶς (zum Besten der Gesundheit)
und alles, was in dieser Weise gesagt wird. Es scheint nun auch das
durch abgeleitete Wörter Bezeichnete[34] begriffsverwandt zu sein, wie
δικαίως mit δικαιοσύνη (Gerechtigkeit), ἀνδρείως mit ἀνδρία (Mut), aber
begriffsverwandt heißt alles, was zu derselben Begriffsreihe gehört,
insgesamt, wie Gerechtigkeit, der Gerechte, das Gerechte, gerecht
(gerechter Weise).

[Sidenote: 114b]

Ist nun irgendeines, was in derselben Begriffsreihe steht, als gut
oder lobenswert erwiesen, so ist offenbar auch alles andere als
solches erwiesen; gehört z. B. die Gerechtigkeit zu dem Lobenswerten,
so gehört auch der Gerechte und das Gerechte und das Gerecht zu dem
Lobenswerten. Wovon man aber sagt gerechterweise, davon wird man auch
sagen lobenswerterweise (ἐπαινετῶς) nach derselben Ableitung von dem
Lobenswerten, wie das Gerecht von Gerechtigkeit abgeleitet ist.

Man muß aber nicht nur aus eben dem folgern, was in der Disputation
angeführt worden ist, sondern auch aus dem Konträren das Konträre
ableiten. So ist z. B. das Gute nicht notwendig genußreich; denn es ist
auch das Schlechte nicht unlusterregend; oder wenn dieses ist, dann
auch jenes. Und wenn die Gerechtigkeit eine Wissenschaft ist, so ist
auch die Ungerechtigkeit eine Unwissenheit. Und ist das Gerecht ein
Wissentlich und ein Erfahren (Kundig, ἐμπείρως), so ist das Ungerecht
ein Unwissentlich und ein Unerfahren. Und wenn dieses nicht ist, dann
auch jenes nicht, wie es bei dem eben Angeführten zutrifft. Denn man
möchte eher sagen, daß was ungerechterweise geschieht, nach Erfahrung
als nach Unerfahrenheit aussieht. Dieser Ort ist schon vorhin bei den
Folgerungen ex contrario angeführt worden; denn wir postulieren jetzt
nichts anderes, als daß Konträrem Konträres folgt.

Ferner kommen Werden und Vergehen, Bewirkendes und Zerstörendes in
Betracht, mag man widerlegen oder behaupten.

Ist das Werden eines Dinges vom Guten, so ist es auch selbst gut, und
ist es selbst gut, so ist es auch sein Werden. Ist aber sein Werden
vom Bösen, so ist es auch selbst vom Bösen. Aber beim Vergehen ist es
umgekehrt: ist das Vergehen vom Guten, so ist es selbst vom Bösen, und
ist das Vergehen vom Bösen, so ist es selbst vom Guten. Gleiches gilt
von dem Bewirkenden und Zerstörenden: ist das, wodurch ein Ding bewirkt
wird, gut, so ist es auch selbst vom Guten, ist aber das, wodurch es
zerstört wird, gut, so ist es selbst vom Bösen.




+Zehntes Kapitel.+


Wiederum muß man bei Ähnlichem zusehen, ob nämlich etwas sich ähnlich
verhält, ob es z. B. wenn Eine Wissenschaft, dann auch Eine Meinung
von Mehrerem gibt, und ob, wenn ein Gesicht haben sehen, dann auch ein
Gehör haben hören ist. Ebenso ist es sonst, sowohl bei dem, was ist,
als bei dem, wovon man meint, daß es ist. Der Ort ist für beides zu
gebrauchen. Denn wenn es sich bei Einem Ähnlichen so verhält, dann auch
bei dem anderen Ähnlichen, und wenn bei Einem nicht, dann auch bei dem
anderen nicht.

Man muß auch zusehen, ob sich etwas bei einem und ob es sich bei vielem
in der gleichen Weise verhält. Denn bisweilen ergibt sich da eine
Unstimmigkeit. Wenn z. B. wissen nachdenken ist, ist auch vieles wissen
über vieles nachdenken. Dem ist aber nun nicht so. Denn man kann vieles
wissen, aber nicht (gleichzeitig) über vieles nachdenken. Ist nun
dieses nicht wahr, dann auch jenes nicht, was bei einem Objekt gelten
soll, daß nämlich wissen nachdenken ist.

Ein weiterer Gesichtspunkt liegt in dem Mehr und Minder. Er liefert
vier Örter.

[Sidenote: 115a]

Der eine beruht darauf, daß dem Mehr das Mehr folgt. Ist z. B. die
Lust ein Gut, so ist auch die größere Lust ein größeres Gut, und ist
Unrechttun ein Übel, so ist auch größeres Unrechttun ein größeres Übel.
So ist denn der Ort für beides brauchbar. Denn wenn, wie gesagt, dem
Zuwachs des Subjekts der Zuwachs des Akzidenz folgt, so ist es offenbar
ein Akzidenz von ihm, und wenn er nicht folgt, ist es keines. Man muß
dies durch Induktion nachweisen.

Ein anderer Ort. Wo eines von zweien gesagt wird, gilt die Regel: kommt
es dem nicht zu, dem es eher, dann auch dem nicht, dem es weniger
zukommen sollte, und kommt es dem zu, dem es weniger, dann auch dem,
dem es eher zukommen sollte.

Wiederum, wo zweierlei von einem gesagt wird, gilt die Regel: wenn ihm
nicht zukommt was ihm eher zuzukommen scheint, dann auch nicht was
weniger, oder wenn ihm zukommt was ihm weniger zuzukommen scheint, dann
auch was eher.

Ferner, wo zweierlei von zweien gesagt wird, gilt die Regel: wenn dem
einen nicht zukommt was ihm eher zuzukommen scheint, dann auch das
andere dem anderen nicht, oder wenn dem einen zukommt was ihm weniger
zuzukommen scheint, dann auch das andere dem anderen.

Ferner kann man daraus, daß einem etwas in gleicher Weise zukommt oder
zuzukommen scheint, dreifach schließen, gerade so, wie es bei dem Mehr
bei den drei zuletzt genannten Örtern angegeben worden ist.

Wo ein Eines zweien in gleicher Weise zukommt oder zuzukommen scheint,
gilt die Regel: kommt es dem einen nicht zu, dann auch nicht dem
anderen, kommt es aber dem einen zu, dann auch dem anderen.

Wo zweierlei demselben in gleicher Weise zukommt, gilt die Regel: kommt
ihm das eine nicht zu, dann auch nicht das andere, kommt ihm aber das
eine zu, dann auch das andere.

Auf dieselbe Weise gilt die Regel, wo zweierlei zweien in gleicher
Weise zukommt: kommt das eine dem einen nicht zu, dann auch nicht das
andere dem anderen, kommt aber das eine dem einen zu, dann auch das
andere dem anderen.




+Elftes Kapitel.+


Auf Grund des Mehr und Minder und des gleich Sehr kann man sich also
an einem Problem auf so vielerlei Weise versuchen. Man kann dies aber
ferner auch auf Grund des Zusatzes.

Wenn eines, zum anderen hinzugesetzt, es gut oder weiß macht, da es
vorher nicht weiß oder gut war, so wird das Hinzugesetzte weiß oder gut
sein, also eben die Eigenschaft haben, die es dem Ganzen mitteilt. Wenn
ferner etwas, zu schon Vorhandenem hinzugesetzt, ein Ding noch mehr zu
einem so beschaffenen macht, als es schon zuvor war, so wird es auch
selbst so beschaffen sein. Und ebenso ist es sonst.

[Sidenote: 115b]

Der Ort ist aber nicht überall brauchbar, sondern nur wo Raum für ein
Mehr ist. Aber dieser Ort läßt sich nicht umkehren, so daß er auch für
die Widerlegung verwendbar wäre. Macht ein Hinzugesetztes nicht gut, so
ist noch nicht entschieden, daß es selbst nicht gut ist. Denn Gutes,
zum Schlechten hinzugesetzt, macht nicht notwendig das Ganze gut, so
wenig es das Weiße tut, wenn man es zum Schwarzen hinzusetzt.

Wiederum ist etwas, wenn es mehr oder minder vorhanden sein soll, auch
schlechthin vorhanden. Was nicht gut oder nicht weiß ist, wird man
auch nicht als mehr oder minder gut oder weiß bezeichnen. Denn von dem
Schlechten kann man nicht sagen, daß es mehr oder minder gut ist als
ein anderes, sondern nur, daß es mehr oder minder schlecht ist.

Auch dieser Ort läßt sich nicht umkehren, so daß er auch für die
Widerlegung verwendbar wäre. Denn es gibt vieles, wo man von keinem
Mehr oder Minder spricht. Man ist nicht mehr oder minder Mensch, aber
daraus folgt nicht, daß kein Mensch ist.

Ebenso muß man bei dem zusehen, was beziehungsweise und irgendwann
und irgendwo Geltung hat. Ist es beziehungsweise möglich, dann auch
schlechthin. Ebenso, wenn es irgendwann oder irgendwo gilt. Schlechthin
Unmögliches kann weder beziehungsweise, noch irgendwo, noch irgendwann
gelten.

Ein Einwand (hiergegen liegt darin), daß es Menschen gibt, die von
Natur beziehungsweise tugendhaft, wie freigebig oder anspruchslos, aber
keine, die von Natur schlechthin tugendhaft sind; denn niemand ist
von Natur klug[35]. Ebenso vergeht ein Vergängliches möglicherweise
zeitweilig nicht, aber es ist unmöglich, daß es schlechthin nicht
vergehen sollte. Ebenso ist die Einhaltung einer bestimmten Lebensweise
irgendwo nützlich, z. B. an ungesunden Orten, aber nicht schlechthin.
Auch ist es möglich, daß an einem bestimmten Orte nur Einer ist, aber
es kann nicht überhaupt nur Einer sein. Auf dieselbe Weise ist es
irgendwo recht, den Vater zu opfern, wie bei den Triballern, aber nicht
recht überhaupt. Doch hier fragt es sich vielleicht nicht um das Wo,
sondern um das Wem. Denn es verschlägt nichts, wo sie sind: überall
gilt es ihnen als Triballern für recht. Wiederum ist es zeitweilig
nützlich, Arznei zu nehmen, nämlich wenn man krank ist, aber nicht
überhaupt. Doch auch hier fragt es sich vielleicht nicht um das Wann,
sondern um den Zustand. Denn das Wann verschlägt nichts, wenn nur der
kranke Zustand gegeben ist.

Aber schlechthin ist das, wovon man ohne Zusatz sagen wird, daß es
recht oder das Gegenteil ist. Man wird z. B. nicht sagen, daß es recht
ist, seinen Vater als Opfer zu schlachten, sondern daß es für bestimmte
Leute recht ist; mithin ist es nicht schlechthin recht. Aber man wird
ohne Zusatz sagen, daß es recht ist, die Götter zu ehren; denn es ist
schlechthin recht. Also das, was ohne Zusatz gut oder schlecht und
dergleichen zu sein scheint, wird man schlechthin so nennen[36].




Drittes Buch.




+Erstes Kapitel.+


[Sidenote: 116a]

Was von zwei oder mehr Dingen wünschenswerter oder besser ist, muß man
nach folgenden Gesichtspunkten zu entscheiden suchen. Zuvor aber sei
bemerkt, daß unsere Untersuchung sich auf keine Dinge bezieht, die
weit voneinander abstehen und einen großen Unterschied aufweisen —
denn niemand plagt sich mit der Frage, ob die Glückseligkeit oder der
Reichtum den Vorzug verdient —, sondern auf solches, was sich nahe
steht und wo wir zweifeln, auf welche Seite wir uns schlagen sollen,
weil wir nicht sehen, was das eine vor dem anderen voraus hat. Bei
solchen Dingen wird also offenbar, wenn auf der einen Seite einer oder
mehr Vorzüge nachgewiesen werden, das Denken sich dahin entscheiden,
daß das wünschenswerter ist, was die Vorzüge hat, sei es das eine oder
das andere.

Erstens ist nun das Dauerhaftere oder Festere wünschenswerter als das,
was diese Beschaffenheit weniger hat. Und das, dem der kluge oder der
gute Mann oder das rechte Gesetz den Vorzug gibt, oder was die in der
jeweiligen Sache Tüchtigen als solche zu bevorzugen pflegen, oder die
in einem Fache Kundigen, seien es die meisten oder alle, wie z. B.
in der Arznei- oder Baukunde das, was die meisten oder alle Ärzte
vorziehen, oder was überhaupt die meisten oder alle Menschen oder alle
Tiere verfolgen, wie z. B. das Gute; denn alles strebt nach dem Guten.
Man muß aber seine Aufstellung mit dem Gesichtspunkt in Beziehung
bringen, der gerade tauglich ist. Es ist aber schlechthin besser und
wünschenswerter was zur besseren, aber für den Einzelnen, was zu seiner
eigentümlichen Kunst oder Wissenschaft gehört.

Sodann ist das, was wesenhaft etwas ist, (wünschenswerter) als was
nicht zu der (betreffenden) Gattung gehört, so z. B. die Gerechtigkeit
wünschenswerter als der Gerechte[37]. Denn das eine gehört zur Gattung,
dem Guten, das andere nicht, und das eine ist wesenhaft gut, das andere
nicht. Denn nichts erhält die Gattung als Wesensbezeichnung, was nicht
zu der Gattung gehört; so ist der weiße Mensch nicht wesenhaft Farbe.
Und ebenso ist es sonst.

Und, das wegen seiner selbst Wünschenswerte ist wünschenswerter als das
wegen eines anderen Wünschenswerte, wie gesund sein wünschenswerter ist
als Gymnastik. Denn das eine ist wegen seiner selbst wünschenswert,
das andere wegen eines anderen. Und, was es an sich ist, ist es mehr,
als was es mitfolgend (per accidens) ist, wie es wünschenswerter ist,
daß die Freunde, als daß die Feinde gerecht sind. Denn das eine ist
wünschenswert an sich, das andere mitfolgend. Denn daß die Feinde
gerecht seien und nicht ungerecht, wünschen wir mitfolgend, damit
sie uns nicht schaden. Dieser Fall ist derselbe wie der vorige,
unterscheidet sich aber von ihm durch die Weise. Daß die Freunde
gerecht sind, wünschen wir seiner selbst wegen, wenn es auch +für uns+
keine Folgen hat, auch wenn sie bei den Indern sind; daß es aber die
Feinde sind, wünschen wir eines anderen wegen, damit sie +uns+ nicht
schaden.

[Sidenote: 116b]

Und, was an sich Ursache des Guten ist, ist wünschenswerter, als was
es mitfolgend ist, wie z. B. die Tugend wünschenswerter ist als die
Schickung. Jene ist an sich, diese mitfolgend Ursache des Guten.
Dasselbe gilt von anderen dergleichen Dingen. Ebenso ist es mit dem
Gegenteil. Was an sich Ursache des Schlechten ist, ist mehr zu fliehen,
als was es mitfolgend ist, wie z. B. die Schlechtigkeit und die
Schickung. Jene ist an sich schlecht, diese mitfolgend.

Und, das schlechthin Gute ist wünschenswerter als das für den Einzelnen
Gute, wie Gesundsein mehr als Geschnittenwerden. Jenes ist schlechthin
gut, dieses für einen Einzelnen, für den eine solche Operation nötig
ist. Und das natürlich Gute ist es mehr als das nicht natürlich Gute,
wie z. B. die Gerechtigkeit mehr als der Gerechte[38]. Das eine ist von
Natur gut, das andere ist erworben. Und wünschenswerter ist, was der
Bessere und Würdigere hat, wünschenswerter z. B. was Gott, als was der
Mensch, und was die Seele, als was der Leib hat. Und das Eigentümliche
des Besseren ist besser als das des Schlechteren, besser z. B. das
Eigentümliche Gottes als das des Menschen. Denn nach dem Gemeinsamen in
beiden sind sie nicht voneinander unterschieden, aber der eine muß den
anderen durch seine Eigentümlichkeiten übertreffen. Und was sich an dem
Besseren oder Früheren oder Würdigeren findet, ist besser, besser z. B.
Gesundheit als Stärke und Schönheit. Jene hat ihren Sitz in dem Nassen
und Trockenen, dem Warmen und Kalten, kurz in den ersten Bestandteilen
des Lebewesens, diese haben ihn in den späteren Bestandteilen. Die
Stärke liegt in den Sehnen und Knochen, und die Schönheit scheint ein
gewisses Gleichmaß der Glieder zu sein.

Und, das Ziel scheint wünschenswerter zu sein als die Mittel, und von
zwei Mitteln das, das dem Ziele näher steht. Und überhaupt ist was
sich auf das Ziel des Lebens bezieht, wünschenswerter, als was auf ein
sonstiges Ziel geht, wünschenswerter z. B. was auf Glückseligkeit, als
was auf Klugheit abzielt. Und das (moralisch) Mögliche ist es mehr
als das Unmögliche. Ferner von zwei bewirkenden Faktoren der, dessen
Ziel besser ist. Wenn es sich aber um Bewirkendes und Ziel fragt,
richtet sich die Entscheidung nach dem Verhältnis, darnach, wollen wir
sagen, ob ein Ziel das andere um mehr übertrifft, als dieses die ihm
eigentümliche bewirkende Ursache. Wenn z. B. die Glückseligkeit die
Gesundheit um mehr übertrifft, als die Gesundheit das Gesunde, so ist
die bewirkende Ursache der Glückseligkeit besser als die Gesundheit.
Denn um so viel, als die Glückseligkeit die Gesundheit übertrifft,
übertrifft die bewirkende Ursache der Glückseligkeit das Gesunde. Nun
übertraf uns aber die Gesundheit das Gesunde weniger[39], so daß die
bewirkende Ursache der Glückseligkeit das Gesunde um mehr übertrifft,
als es die Gesundheit tut. Mithin ist die bewirkende Ursache der
Glückseligkeit offenbar wünschenswerter als die Gesundheit. Denn sie
übertrifft das Nämliche um mehr.

[Sidenote: 117a]

Ferner, was an sich schöner (sittlich besser), würdiger und
lobenswerter ist; so Freundschaft mehr als Reichtum, Gerechtigkeit
mehr als Stärke. Denn das eine gehört an sich zu dem Würdigen und
Lobenswerten, das andere nicht an sich, sondern eines anderen wegen.
Niemand schätzt den Reichtum seinet-, sondern eines anderen wegen, aber
die Freundschaft schätzt man an sich, wenn man sich auch sonst keinen
Vorteil von ihr verspricht.




+Zweites Kapitel.+


Wenn sich ferner zwei Dinge sehr ähnlich sind und wir keinen Vorzug
des einen vor dem anderen entdecken können, so muß man sehen, was mit
ihnen verbunden ist (auf sie folgt). Denn das, womit ein größeres Gut
verbunden ist, ist wünschenswerter. Ist aber das mit ihnen Verbundene
schlecht, so ist das wünschenswerter, dem das kleinere Übel folgt.
Denn wenn auch beide gut sind, so hindert doch nichts, daß etwas
Mißliebiges mit ihnen verknüpft ist. Die Beurteilung nach dem, was sich
an die Dinge knüpft, kann aber in zweifacher Weise geschehen. Denn es
kann etwas vorher und nachher mit ihnen verknüpft sein: so ist mit
dem Lernen das Nichtwissen vorher und das Wissen nachher verknüpft.
Meistens ist aber das später Verknüpfte besser. Man muß also beim
Disputieren von dem Verknüpften jedesmal das verwenden, was für den
Fall brauchbar ist.

Ferner sind mehr gute Dinge wünschenswerter als weniger, entweder
schlechthin, oder wenn sich die einen unter den anderen befinden,
die Minderzahl unter der Mehrzahl. Einen Einwand liefert der Fall,
daß das eine des anderen wegen ist; denn da sind die beiden nicht
wünschenswerter als das eine; so ist Gesundung und Gesundheit nicht
wünschenswerter als Gesundheit, da wir die Gesundung der Gesundheit
wegen wünschen. Aber es hindert auch nichts, daß Nichtgutes
wünschenswerter ist als Gutes; so ist die Glückseligkeit und noch etwas
dazu, was nicht gut ist, wünschenswerter als Gerechtigkeit und Mut.

Und, dasselbe mit Lust ist es mehr als ohne Lust. Und dasselbe ohne
Unlust ist es mehr als mit Unlust.

Und, jedes ist zu der Zeit, wo es mehr vermag, auch wünschenswerter,
so die Schmerzlosigkeit im Alter mehr als die in der Jugend, da sie
im Alter mehr vermag. Dementsprechend ist auch die Klugheit im Alter
wünschenswerter. Denn niemand wählt die jungen Leute zu Führern,
weil man nicht glaubt, daß sie klug sind. Mit dem Mute aber ist es
umgekehrt; denn mutvolles Handeln ist nötiger in jungen Jahren. Ebenso
ist es mit der Enthaltsamkeit. Denn die jungen Leute werden mehr als
die alten von den Begierden belästigt.

Und, was zu jeder Zeit oder zu den meisten Zeiten nützlicher ist. So
ist z. B. Gerechtigkeit und Mäßigkeit wünschenswerter als Mut. Jene
sind immer nützlich, dieser ist es nur zu Zeiten.

[Sidenote: 117b]

Und, wünschenswerter ist was, wenn alle es haben, uns des anderen
nicht bedürfen läßt, als was sie haben können, ohne daß wir aufhören,
noch des anderen zu bedürfen, wie es z. B. bei Gerechtigkeit und Mut
zutrifft. Sind alle gerecht, so braucht es keinen Mut. Sind aber alle
mutig, so braucht es Gerechtigkeit.

Ferner kann man den Vorzug der Dinge beurteilen aus ihrem Untergang
und Verlust, Werden und Gewinn und dem Konträren. Wessen Untergang
mehr zu fliehen ist, das ist selbst wünschenswerter. Ebenso ist es
mit dem Verlust und dem Konträren. Wessen Verlust oder Konträres mehr
zu fliehen ist, das ist selbst wünschenswerter. Mit dem Werden und
dem Gewinn aber ist es umgekehrt. Wessen Gewinn und wessen Werden
wünschenswerter ist, das ist auch selbst wünschenswerter.

Ein anderer Ort ist: was dem Guten näher ist, ist besser und
wünschenswerter.

Und, was dem Guten ähnlicher ist; so ist z. B. die Gerechtigkeit
wünschenswerter als der Gerechte.

Und, was dem ähnlicher ist, was besser ist, als es selbst; wie z. B.
Einige sagen, daß Ajax besser sei als Odysseus, weil er dem Achilleus
ähnlicher sei. Ein Einwand hiergegen ist, daß es nicht wahr ist, indem
nichts hindert, daß Ajax dem Achilleus nicht in der Hinsicht ähnlicher
ist, in der er besser ist, während der andere gut ist, ohne ihm ähnlich
zu sein. Man muß hier auch an den Fall denken, wo die Ähnlichkeit ins
Lächerliche ginge, wie z. B. der Affe dem Menschen ähnlicher ist,
während das Pferd es nicht ist. Denn der Affe ist nicht schöner, aber
dem Menschen ähnlicher.

Wiederum, wenn bei zweien das eine dem Besseren, das andere dem
Schlechteren ähnlicher ist, muß besser sein was dem Besseren ähnlich
ist. Aber auch dieses leidet einen Einwand: nichts hindert, daß das
eine dem Besseren wenig, das andere dem Schlechteren (minder Guten)
sehr ähnlich ist, wie wenn z. B. Ajax dem Achilleus wenig und Odysseus
dem Nestor sehr ähnlich wäre. Und wenn das dem Besseren Ähnliche ihm
nach der schlechteren und das dem Schlechteren Ähnliche ihm nach der
besseren Seite ähnlich wäre, wie das Pferd dem Esel und der Affe dem
Menschen.

Ein anderer Ort: das Edlere ist wünschenswerter als das minder Edle;
und ebenso das Schwerere; denn es gilt uns mehr, zu haben was nicht
leicht zu erlangen ist. Und das Eigentümlichere ist es mehr als das
Gemeinere; und ebenso was weniger dem Übel zugänglich ist; denn
wünschenswerter ist wem nichts Mißliebiges folgt, als wem es folgt.

Wenn ferner dieses schlechthin besser ist als dieses, ist auch das
Beste unter diesem besser als das Beste unter dem anderen. Wenn z. B.
Mensch besser ist als Pferd, ist auch der beste Mensch besser als das
beste Pferd. Und wenn das Beste besser ist als das Beste, ist dieses
auch schlechthin besser als dieses. Wenn z. B. der beste Mensch besser
ist als das beste Pferd, ist auch Mensch schlechthin besser als Pferd.

[Sidenote: 118a]

Dasjenige ferner, woran die Freunde teilnehmen können, ist
wünschenswerter als das, woran sie es nicht können. Und was wir
lieber für den Freund tun wollen als für den ersten Besten, das ist
wünschenswerter. So ist es z. B. wünschenswerter, gerecht zu handeln
und Gutes zu tun, als nur so zu scheinen. Denn den Freunden wollen wir
lieber Gutes tun, als nur so scheinen, aber wenn es sich um den ersten
Besten handelt, halten wir es umgekehrt.

Und, was zum Überflusse gehört, ist besser als das Notwendige, zuweilen
auch wünschenswerter. Denn besser als leben ist gut leben, gut leben
aber gehört zum Überflusse, während das Leben selbst notwendig ist.
Zuweilen aber ist das Bessere nicht auch wünschenswerter. Denn wenn
etwas besser ist, ist es nicht notwendig auch wünschenswerter. Ist
doch philosophieren zwar besser als Geld erwerben, aber für den
Dürftigen nicht wünschenswerter als das Notwendige. Wenn aber etwas zum
Überflusse gehört, so besagt das, daß man das Notwendige hat und sich
dazu noch anderes, Schönes erwirbt. In der Regel ist vielleicht das
Notwendige wünschenswerter, aber was zum Überflusse gehört, ist besser.

Und, wünschenswerter ist was durch keinen anderen, als was auch durch
einen anderen ersetzt werden kann, wie es z. B. bei der Gerechtigkeit
im Vergleich zum Mute der Fall ist.

Und, wenn zwar das eine ohne das andere wünschenswert ist, aber
nicht dieses ohne jenes. So ist z. B. Macht ohne Klugheit nicht
wünschenswert, wohl aber Klugheit ohne Macht.

Und, wenn wir von zweien das eine leugnen, damit wir das andere zu
haben scheinen, so ist dasjenige wünschenswerter, was wir zu haben
scheinen wollen. So leugnen wir z. B., daß wir fleißig sind, um begabt
zu scheinen.

Und, wo bei einer Sache kleinerer Tadel angebracht ist, wenn man ihren
Abgang bedauert, da ist sie wünschenswerter; und wo bei einer Sache
größerer Tadel angebracht ist, wenn einer ihren Abgang nicht bedauert,
da ist sie wünschenswerter[40].




+Drittes Kapitel.+


Ferner ist unter Dingen derselben Art das wünschenswerter, was die der
Art eigentümliche Güte hat, als das, was sie nicht hat. Haben beide
sie, so ist es das, was sie in höherem Grade hat[41].

Ferner, wenn das eine seinen Inhaber gut macht, das andere nicht, so
ist das wünschenswerter, was ihn gut macht, wie auch das Wärmende
wärmer ist als das nicht Wärmende[42]. Machen beide ihn gut, so
ist es das, was ihn in höherem Grade gut macht. Oder etwas ist
wünschenswerter, wenn es das Bessere und Herrschendere gut macht, z. B.
wenn das eine die Seele gut macht, das andere den Leib.

Ferner, der Vorzug einer Sache ist nach den abgeleiteten Formen, den
Gebrauchsweisen, den Handlungen und den Werken zu beurteilen, aber
auch umgekehrt diese nach jener. Denn das eine folgt auf das andere.
Ist z. B. das Gerecht (δικαίως, gerechter Weise) wünschenswerter als
das Mutig, so ist auch die Gerechtigkeit wünschenswerter als der Mut.
Und ist die Gerechtigkeit wünschenswerter als der Mut, so ist auch
das Gerecht wünschenswerter als das Mutig. Und ähnlich ist es in den
anderen Fällen, die wir genannt haben.

[Sidenote: 118b]

Ferner, wenn eines von zweien ein größeres, das andere ein kleineres
Gut ist als ein drittes, oder (anders ausgedrückt), wenn es größer ist
als ein größeres, so ist das größere wünschenswerter.

Aber auch wenn zwei Dinge wünschenswerter sind als ein drittes, so ist
dasjenige es mehr, das in höherem, als dasjenige, das in geringerem
Grade wünschenswert ist.

Ferner, wessen Mehr wünschenswerter ist als das Mehr eines
anderen Dinges, das ist auch selbst wünschenswerter. So ist es
z. B. Freundschaft mehr als Geld, weil ein Mehr an Freundschaft
wünschenswerter ist als ein Mehr an Geld.

Und, wünschenswerter ist was man sich lieber selbst verschafft, als
das, was man lieber einem anderen dankt; so muß man z. B. lieber
Freunde haben wollen als Geld.

Ferner (muß man das Wünschenswertere) nach dem Zusatz (beurteilen),
wenn (nämlich) etwas, zu demselben Ding hinzugesetzt, das Ganze
wünschenswerter macht (als ein anderer Zusatz es tut). Man darf diese
Regel aber nicht auf den Fall ausdehnen, wo das Gemeinsame (dem der
Zusatz zuteil geworden) den einen Zusatz gebraucht oder sonst mit
seiner Hilfe wirkt, während es den anderen nicht gebraucht und nichts
mit ihm tut, wie wenn man z. B. Säge und Sichel mit dem Zimmergewerbe
zusammennimmt. Denn so ist die Säge wohl das Wünschenswertere, aber
(noch) nicht schlechthin.

Wiederum (etwas ist wünschenswerter), wenn es, zu Kleinerem hinzugetan,
das Ganze größer macht.

Ebenso (muß man das Wünschenswertere) nach dem Abzug (beurteilen). Was,
von einem und demselben in Abzug gebracht, das Kleinere übrig läßt, muß
größer sein, da es ja, vom Ganzen abgezogen, den Rest kleiner macht
(als ein anderer Abzug).

Und, wenn das eine wegen seiner selbst, das andere wegen des Ansehens
wünschenswert ist; wie z. B. die Gesundheit es mehr ist als die
Schönheit. Die Definition dessen, was für das Ansehen geschieht, ist
diese: ein Ding, worum man sich nicht bemüht, wenn keiner weiß, daß
man es hat.

Und, wenn das eine wegen seiner selbst und zugleich wegen des
Ansehens, das andere aber nur wegen des einen oder wegen des anderen
wünschenswert ist, (ist es das Erste mehr).

Und, was von zweien seiner selbst wegen Wert hat, das ist auch besser
und wünschenswerter. An sich wertvoller aber muß sein was wir seiner
selbst wegen vorziehen, ohne sonst einen Vorteil von ihm zu erwarten.

Ferner, man muß unterscheiden, in wie vielfachem Sinne man von dem
Wünschenswerten spricht und wofür es wünschenswert sein soll, ob, weil
es vorteilhaft oder sittlich gut oder genußreich ist. Denn was für
alles oder für mehr Dinge nützlich ist, muß wünschenswerter sein, als
was es nicht ist.

Haben beide dasselbe, so muß man sehen, welches es in höherem Grade
hat, welches also genußreicher oder sittlich besser oder nützlicher ist.

Wiederum, was des Besseren wegen wünschenswert ist, ist es in höherem
Grade, so das der Tugend wegen Wünschenswerte in höherem Grade als das
des Genusses wegen Wünschenswerte.

Ebenso ist es mit dem Fliehenswerten: man muß mehr fliehen was das
Wählenswerte in höherem Grade verhindert; so ist die Krankheit mehr
als die Häßlichkeit zu fliehen. Denn die Krankheit ist ein größeres
Hindernis für den Genuß und die Tugendwerke.

Ferner (erkennt man) daraus (was wünschenswerter ist), daß man von der
vorliegenden Sache zeigt, sie sei ebenso zu fliehen als zu wünschen.
Denn was man gleichmäßig wünscht und flieht, ist weniger wünschenswert
als das andere, das nur wünschenswert ist.




+Viertes Kapitel.+


[Sidenote: 119a]

Man muß also die gegenseitigen Vergleiche so anstellen, wie wir
angegeben haben. Dieselben Örter sind aber auch brauchbar, um zu
zeigen, daß etwas (schlechthin) zu wünschen oder zu fliehen ist. Man
muß dabei nur das Mehr des einen vor dem anderen weglassen. Ist das
Würdigere wünschenswerter, so ist auch das Würdige wünschenswert,
und ist das Nützlichere wünschenswerter, so ist auch das Nützliche
wünschenswert, und mit den anderen Vorzügen, die so miteinander
verglichen werden, ist es ebenso. Denn bei manchen Dingen sagen wir auf
Grund ihrer Vergleichung sofort, daß wir beide oder das eine wählen
müssen, wenn wir z. B. sagen, daß das eine von Natur, das andere
nicht von Natur gut ist. Denn das von Natur Gute verdient offenbar,
(schlechthin) gewünscht zu werden.




+Fünftes Kapitel.+


Man muß aber die Örter, die sich um das Mehr und das Größere drehen,
möglichst allgemein fassen. Denn so gefaßt, müssen sie in desto
weiterem Umfange brauchbar sein. Manchen von den angeführten Örtern
läßt sich diese allgemeinere Fassung durch eine kleine Umbiegung des
Ausdrucks geben. Man sage z. B.: was eine bestimmte Beschaffenheit von
Natur hat, hat sie mehr, als was sie nicht von Natur hat. Und, wenn das
eine seinen Inhaber oder das, dem es beiwohnt, so und so beschaffen
macht, das andere nicht, so ist das, was es so beschaffen macht, in
höherem Grade so beschaffen als das, was es nicht tut; tun es aber
beide, dann das, was es mehr tut.

Ferner, wenn das eine eine bestimmte Beschaffenheit in höherem, das
andere in niederem Grade hat als ein und dasselbe Dritte; und wenn das
eine sie in höherem, das andere nicht in höherem Grade hat als ein
gleichbeschaffenes Drittes, so hat offenbar das erste die betreffende
Beschaffenheit in höherem Grade.

Ferner (muß man das Mehr), nach dem Zusatz (abschätzen), wenn nämlich
etwas, zu demselben hinzugesetzt, das Ganze mehr zu einem so und so
Beschaffenen macht, oder wenn es, zu dem, was weniger so beschaffen
ist, hinzugesetzt, das Ganze mehr zu einem so Beschaffenen macht.

Ebenso muß man es nach dem Abzug schätzen: nach wessen Abzug der Rest
eine Beschaffenheit in geringerem Grade hat, das hat sie selbst in
höherem Grade.

Und, was weniger mit seinem Gegenteil vermischt ist, hat eine bestimmte
Beschaffenheit in höherem Grade. So ist z. B. weißer was weniger mit
schwarz vermischt ist.

Ferner, außer den vorhin angegebenen Fällen ist hier dasjenige
zu nennen, woran sich die eigentümliche Definition eines Dinges
vollkommener erfüllt. Ist z. B. der Begriff von weiß: eine Farbe, die
das Gesicht zerstreut, so ist weißer was in höherem Grade das Gesicht
zerstreuende Farbe ist.




+Sechstes Kapitel.+


Wenn das Problem partikulär und nicht allgemein gestellt ist, so sind
erstens die genannten allgemein begründenden oder widerlegenden Örter
sämtlich brauchbar. Wenn wir allgemein widerlegen oder begründen,
beweisen wir auch das Partikuläre: wohnt etwas allem bei, dann auch
einem, und wenn keinem, dann auch nicht einem.

[Sidenote: 119b]

Besonders brauchbar und umfassend sind unter den Örtern diejenigen,
die aus dem Entgegengesetzten, dem Begriffsverwandten und den
Ableitungsformen entnommen sind. Das Postulat: wenn jede Lust ein Gut
ist, ist auch jede Unlust ein Übel, ist ebenso wahrscheinlich wie das
Postulat: wenn eine Lust ein Gut ist, ist auch eine Unlust ein Übel.
Wenn ferner eine bestimmte Wahrnehmung kein Vermögen ist, so ist auch
eine bestimmte Anästhesie kein Unvermögen. Und wenn das Objekt einer
Meinung Objekt eines Wissens ist, ist auch eine bestimmte Meinung
Wissen. Wiederum, wenn ein einzelnes Unrecht gut ist, ist auch ein
einzelnes Recht schlecht. Und ist ein Einzelnes, das dem Rechte
gemäß (δικαίως, gerechterweise) geschieht, schlecht, so ist auch ein
Einzelnes, das ungerecht geschieht, gut. Und ist ein Genußreiches zu
fliehen, so ist ein Genuß zu fliehen. Nach derselben Regel muß aber
auch, wenn ein Genußreiches nützlich ist, ein Genuß nützlich sein.

Ebenso ist es aber auch mit dem, was ein Vergehen bewirkt, und mit
dem Entstehen und Vergehen. Wenn etwas, was das Vergehen einer Lust
oder eines Wissens bewirkt, gut ist, so muß eine Lust oder ein Wissen
vom Bösen sein. Ebenso wird, wenn ein Vergehen des Wissens vom Guten
oder seine Entstehung vom Bösen ist, ein bestimmtes Wissen vom Bösen
sein. Ist z. B. das Vergessen häßlicher Taten, die man begangen hat,
vom Guten, oder die Erinnerung daran vom Bösen, so muß das Wissen um
die häßlichen Taten, die man begangen hat, vom Bösen sein. Ebenso ist
es sonst. Überall findet sich die Wahrscheinlichkeit der Folgerung in
gleichem Maße.

Ferner kann man von dem Mehr und Minder und Gleich ausgehen. Wenn etwas
mehr (eher) als ein anderes, das zu einer anderen Gattung gehört,
eine bestimmte Beschaffenheit hat, aber nichts zu ihm Gehöriges sie
hat, so kann auch das Genannte sie nicht haben. Z. B. wenn eine
Wissenschaft mehr (eher) als eine Lust ein Gut ist, aber keine
Wissenschaft es ist, so kann es auch keine Lust sein. In der nämlichen
Weise kann man von dem Gleich und Minder ausgehen, kann widerlegen und
begründen, nur daß man auf Grund des Gleich beides, aber auf Grund
des Weniger nur erhärten, nicht widerlegen kann. Ist ein Vermögen
gleich (wahrscheinlich) ein Gut wie eine Wissenschaft, und ist ein
Vermögen ein Gut, so ist es auch eine Wissenschaft. Ist es aber kein
Vermögen, dann auch keine Wissenschaft. Ist aber ein Vermögen weniger
(wahrscheinlich) ein Gut als eine Wissenschaft, und ist ein Vermögen
ein Gut, dann auch eine Wissenschaft. Ist aber kein Vermögen ein Gut,
so ist nicht notwendig auch keine Wissenschaft ein Gut. So kann man
denn offenbar auf Grund des Weniger nur erhärten. Man kann aber ein
Problem nicht nur auf Grund von Dingen verschiedener, sondern auch auf
Grund von Dingen derselben Gattung entkräften, indem man das aus ihr
nimmt, was eine bestimmte Beschaffenheit im höchsten Grade hat. Soll
z. B. eine Wissenschaft gut sein und wird gezeigt, daß die Klugheit es
nicht ist, so kann es auch keine andere sein, da selbst die es nicht
ist, die den größten Schein der Güte für sich hat.

[Sidenote: 120a]

Ferner kann man hypothetisch schließen auf Grund der Forderung, daß
etwas, wenn einem, dann gleicherweise auch allen beiwohnt oder nicht
beiwohnt; daß z. B., wenn die Seele des Menschen unsterblich ist, auch
die anderen Seelen es sind, wenn aber sie nicht, auch die anderen
nicht. Soll nun etwas einem beiwohnen, so muß man zeigen, daß es einem
nicht beiwohnt; denn auf Grund der Voraussetzung wird folgen, daß es
keinem beiwohnt. Soll es aber einem nicht beiwohnen, so muß man zeigen,
daß es einem beiwohnt; denn auch so wird folgen, daß es allen beiwohnt.
Wer die Voraussetzung zugrunde legt, macht hier offenbar ein partikulär
gestelltes Problem allgemein: er fordert, daß wer partikulär zustimmt,
allgemein zustimmt, indem er das Zugeständnis fordert, daß was einem,
gleicherweise allen beiwohnt.

Ist nun das Problem unbestimmt, so kann man es nur in einer Weise
entkräften, wie wenn z. B. der andere behauptet, eine Lust sei gut oder
nicht gut, ohne sonst etwas hinzuzusetzen. Denn wenn er behauptet hat,
daß eine bestimmte Lust gut ist, so muß man, wenn man die Behauptung
entkräften will, allgemein zeigen, daß keine es ist. Ebenso muß man,
wenn er behauptet hat, eine Lust sei nicht gut, allgemein zeigen,
daß jede gut ist; anders ist der Satz nicht zu widerlegen. Denn wenn
wir zeigen, daß eine bestimmte Lust nicht gut oder gut ist, ist die
Behauptung noch nicht widerlegt. Es ist also klar, daß man nur auf
eine Weise widerlegen kann, begründen dagegen kann man auf zweifache
Weise. Mögen wir allgemein erhärten, daß jede Lust, oder partikulär,
daß eine Lust ein Gut ist, so wird die Behauptung erhärtet sein. Und
ebenso werden wir, wenn wir beweisen sollen, daß einige Lust kein Gut
ist, entweder durch den Nachweis, daß keine ein Gut, oder durch den
Nachweis, daß einige kein Gut ist, zweifach, allgemein und partikulär,
bewiesen haben, daß einige Lust kein Gut ist.

Ist aber die These bestimmt, so kann man sie auf zweifache Weise
widerlegen, z. B. wenn die Behauptung lautet, einer Lust komme es zu,
gut zu sein, einer anderen komme es nicht zu. Denn mag man zeigen, daß
jede, oder daß keine Lust ein Gut ist, so wird die Behauptung widerlegt
sein. Hat aber der andere behauptet, daß nur eine Lust gut ist, so kann
man dieses dreifach widerlegen: wir werden die Behauptung widerlegt
haben, indem wir zeigen, daß jede, oder daß keine, oder daß mehr als
eine gut ist. Ist die These aber noch weiter bestimmt, soll z. B. die
Klugheit allein unter den Tugenden ein Wissen sein, so läßt sie sich
vierfach widerlegen: diese Behauptung wird widerlegt sein, wenn gezeigt
worden ist, daß jede Tugend, oder daß keine, oder daß auch sonst noch
eine, wie die Gerechtigkeit ein Wissen ist, oder daß die Klugheit
selbst keines ist.

[Sidenote: 120b]

Es ist aber (hier, bei den partikulären Problemen), wie bei den
allgemeinen Problemen, auch nützlich, auf das Einzelne, dem etwas
zukommen oder nicht zukommen soll, zu sehen. Ferner muß man bei den
Gattungen wohl zusehen, indem man sie in Arten zerlegt, bis sie nicht
mehr weiter teilbar sind, wie wir oben angegeben haben[43]. Denn möge
das Betreffende allem oder keinem zuzukommen scheinen, so hat man
jedenfalls, wenn man zugunsten seiner These viele Einzelfälle angeführt
hat, das Recht zu fordern, daß der andere den Satz entweder allgemein
einräumt, oder als Instanz einen gegenteiligen Fall bringt. Ferner muß
man, wo das Akzidenz nach der Art oder nach der Zahl unterschieden
werden kann, zusehen, ob keines von diesen so unterschiedenen
Akzidenzien dem Subjekt zukommt[44], indem man z. B. zur Behauptung
des Satzes, daß die Zeit sich nicht bewegt und keine Bewegung ist, die
verschiedenen Arten der Bewegung aufzählt. Denn wenn keine von diesen
Arten der Bewegung der Zeit zukommt, so bewegt sie sich offenbar nicht
und ist nicht Bewegung. Ebenso muß man zum Schutze des Satzes, daß die
Seele keine Zahl ist, die Zahl unterscheiden und sagen, daß jede Zahl
entweder ungerade oder gerade ist. Denn wenn die Seele weder ungerade
noch gerade ist, so ist sie offenbar keine Zahl.

Mit bezug auf das Akzidenz also muß man die Sache mit solchen Mitteln
(mit Verwendung der angeführten Örter) und auf solche Weise angehen[45].




Viertes Buch.




+Erstes Kapitel.+


Hiernach müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf das Verfahren bei der
Gattung und dem Proprium richten[46]. Sie bilden die Grundlage für die
Erörterungen über die Definitionen[47], aber die Untersuchungen der
Disputierenden haben es mit ihnen nur selten zu tun[48].

Wenn für etwas eine Gattung aufgestellt wird, muß man zuerst sein
Augenmerk auf alles dem Betreffenden Verwandte richten, um zu sehen,
ob etwas darunter ist, von dem sie nicht ausgesagt wird, wie es beim
Akzidenz der Fall ist. Soll z. B. für die Lust das Gute Gattung sein,
so muß man sehen, ob eine Lust nicht gut ist. Wenn es so ist, kann das
Gute offenbar nicht Gattung von Lust sein. Denn die Gattung wird von
allen Arten (εἰδῶν statt εἶδος Zeile 20, S. 120b) ausgesagt, die unter
demselben (Begriff) stehen.

Sodann muß man sehen, ob etwas dem Subjekt, statt im Sinne des Wesens,
etwa nur als Mitfolgendes beigelegt wird, wie wenn man vom Schnee sagt,
daß er weiß, oder von der Seele, daß sie ein durch sich selbst Bewegtes
ist. Der Schnee ist nicht wesenhaft weiß, weshalb weiß nicht Gattung
von Schnee ist, und die Seele nicht wesenhaft bewegt, vielmehr folgt
ihr die Bewegung mit, wie es dem (ganzen) Lebewesen oft mitfolgt, zu
gehen und Gehendes zu sein. Ferner ist bewegt kein Was, sondern scheint
ein Wirkendes oder Leidendes zu bezeichnen. Dasselbe gilt von weiß. Es
gibt nicht an, was der Schnee ist, sondern ist Qualitätsbezeichnung.
So wird denn keines von beiden seinem Subjekt im Sinne des Wesens
beigelegt.

Besonders muß man die Definition des Akzidenz berücksichtigen, um
zu sehen, ob sie auf die betreffende Gattung, wie z. B. das jetzt
Angeführte, paßt. Etwas kann sich selbst bewegen und nicht bewegen,
weiß und nicht weiß sein. So ist denn keines von beiden Gattung,
sondern Akzidenz, da wir als Akzidenz bezeichnet haben was einem
Subjekt zukommen und nicht zukommen kann[49].

[Sidenote: 121a]

Man muß ferner zusehen, ob etwa der Fall vorliegt, daß die Gattung
und die Art nicht in derselben Abteilung stehen, vielmehr das eine
Substanz, das andere Qualität, oder das eine Relation und das andere
Qualität ist, wie z. B. Schnee und Schwan Substanz sind, während das
Weiße nicht Substanz ist, sondern Qualität. Somit kann weiß nicht
Gattung von Schnee oder Schwan sein. Die Wissenschaft wiederum gehört
zum Relativen, das Gute und Schöne dagegen ist qualitativ. Somit kann
gut oder schön nicht Gattung von Wissenschaft sein. Denn die Gattungen
des Relativen müssen auch selbst zum Relativen gehören, wie man z. B.
bei doppelt sieht: das Vielfache, als Gattung von doppelt, ist auch
selbst ein Relativum. Die Gattung muß, um es allgemein zu sagen, in
derselben Abteilung stehen wie die Art: ist die Art Substanz, dann auch
die Gattung, und ist die Art qualitativ, dann ist auch die Gattung
ein Qualitatives, ist z. B. das Weiße ein Qualitatives, dann auch die
Farbe. Und ebenso ist es sonst.

Wiederum hat man darauf zu sehen, ob die Gattung an etwas, was zu ihr
gehören soll, teilhaben muß oder kann. Teilhaben heißt den Begriff
dessen zulassen, woran etwas teilhat. Daraufhin ist klar, daß die Arten
an den Gattungen, aber die Gattungen nicht an den Arten teilhaben[50].
Man muß also sehen, ob eine angegebene Gattung an der Art teilhat oder
teilhaben kann, z. B. für den Fall, daß man eine Gattung für das
Seiende oder das Eine angäbe. Hier müßte folgen, daß die Gattung an den
Arten teilhat. Denn das Seiende und das Eine und somit auch der Begriff
beider wird von allen Dingen ausgesagt[51].

Ferner muß man zusehen, ob eine angegebene Art in Wahrheit von etwas
ausgesagt wird, nicht aber die Gattung, wie wenn z. B. das Seiende
oder das Wißbare als Gattung dessen, was Gegenstand der Meinung ist,
aufgestellt wird. Von dem Nichtseienden läßt sich sagen, daß es ein
solcher Gegenstand ist. Man kann ja manches meinen, was nicht ist. Daß
aber seiend und wißbar nicht von dem Nichtseienden ausgesagt wird, ist
klar. Mithin ist das Seiende und das Wißbare nicht Gattung dessen, was
man meinen kann. Denn wovon die Art ausgesagt wird, davon muß auch die
Gattung ausgesagt werden.

Wiederum muß man zusehen, ob das, was zu einer Gattung gehören soll,
etwa an keiner von den Arten teilhaben kann. Denn es kann nicht an der
Gattung teilhaben, wenn es an keiner von den Arten teilhat, es müßte
denn eine von den Arten sein, die auf der ersten Einteilung beruhen;
denn diese haben nur an der Gattung teil[52]. Wird also die Bewegung
als Gattung der Lust gesetzt, so muß man sehen, ob die Lust weder
örtliche Bewegung, noch qualitative Veränderung, noch sonst eine von
den angenommenen Arten der Bewegung ist. Sie würde dann offenbar an
keiner von den Arten teilhaben und so auch nicht an der Gattung, da
das, was an der Gattung teilhat, auch an einer von den Arten teilhaben
muß. Mithin kann die Lust keine Art der Bewegung sein[53] und auch
nicht den individuellen Bewegungen der betreffenden Art zugesprochen
werden. Denn auch das Individuelle hat teil an Gattung und Art. So hat
z. B. der einzelne Mensch teil an Mensch und an Sinnenwesen.

[Sidenote: 121b]

Ferner muß man sehen, ob das, was in eine Gattung gehören soll,
weiter reicht als die Gattung, wie z. B. das, was Gegenstand einer
Meinung sein kann, einen größeren Umfang hat als das Seiende. Denn
Gegenstand des Meinens kann Seiendes und Nichtseiendes zugleich
sein, und so wird wohl was Gegenstand der Meinung ist, keine Art des
Seienden sein[54]. Denn die Gattung reicht weiter als die Art. Wieder:
ob Art und Gattung von gleich vielem ausgesagt wird, wie wenn z. B.
von zwei transszendenten Prädikaten, etwa Seiendes und Eines, dieses
als Art, jenes als Gattung gesetzt würde. Denn jedem Seienden muß das
Eine folgen, und so ist keines Genus des anderen, da es von gleich
vielem ausgesagt wird. Gleiches gilt, wenn Erstes und Prinzip Gattung
voneinander sein sollen. Prinzip ist Erstes, und Erstes Prinzip, so
daß entweder beide Genannten dasselbe sind, oder keines für das andere
Genus ist. Allen diesen Regeln liegt die Maxime zugrunde, daß die
Gattung von größerem Umfange ist als die Art und die Differenz. Denn
auch die Differenz ist von kleinerem Umfang als die Gattung.

Man muß auch bei Dingen, die der Art nach ununterschieden sind, sehen,
ob die für sie aufgestellte Gattung für eines von ihnen nicht Gattung
ist oder nicht scheint, und wo einem die Begründung obliegt, ob sie
es wohl für eines ist. Denn die Gattung ist für alles der Art nach
Ununterschiedene dieselbe. Ist sie also für eines als Gattung erwiesen,
dann offenbar für alles, und ist sie es erweislich für eines nicht,
dann offenbar für keines, wie wenn z. B. jemand, der unzerschneidbare
Linien setzt, behauptete, ihre Gattung sei das Unteilbare. Denn die
Linien, die eine Teilung zulassen, haben die gedachte Gattung nicht, da
sie doch der Art nach (von den anderen) nicht unterschieden sind. Denn
alle geraden Linien sind der Art nach nicht voneinander verschieden.




+Zweites Kapitel.+


Man muß auch acht geben, ob die angegebene Art zu einer anderen Gattung
gehört, die weder die angegebene Gattung umfaßt, noch unter ihr steht,
wie wenn z. B. jemand die Wissenschaft als Gattung der Gerechtigkeit
setzte. Denn die Gattung ist hier die Tugend, und keine der beiden
Gattungen umfaßt die andere; und so kann die Wissenschaft nicht wohl
die Gattung für die Gerechtigkeit darstellen. Denn wenn eine Art unter
zwei Gattungen steht, scheint die eine Gattung von der anderen umfaßt
zu werden.

Diese Regel bringt einen aber stellenweise in Verlegenheit: Manche
halten die Klugheit für eine Tugend und eine Wissenschaft zugleich,
ohne daß doch eine von diesen Gattungen unter der anderen stehen soll.

[Sidenote: 122a]

Indessen wird nicht allgemein zugegeben, daß die Klugheit eine
Wissenschaft ist. Wenn man aber nun zugibt, daß das Gedachte wahr
ist, so scheint doch wenigstens so viel notwendig zu sein, daß die
Gattungen desselben Dinges subaltern sind oder beide unter derselben
Gattung stehen, wie es auch mit der Tugend und der Wissenschaft der
Fall ist. Sie stehen beide unter derselben Gattung, da jedes von ihnen
einen Habitus und eine Verfassung darstellt. Man muß also achtgeben, ob
keines von beiden Verhältnissen der angegebenen Gattung zukommt. Wenn
die Gattungen weder subaltern (eine der anderen untergeordnet) sind,
noch beide unter derselben Gattung stehen, so kann das angegebene Genus
nicht wirklich das Genus sein.

Man muß auch auf die Gattung der angegebenen Gattung und so immer auf
die nächst höhere Gattung achtgeben, ob sie alle von der Art ausgesagt
werden, und ob sie ihr im Sinne des Wesens beigelegt werden. Denn alle
höheren Gattungen müssen der Art im Sinne des Wesens beigelegt werden.
Wenn es nun an einer Stelle damit nicht stimmt, so ist die angegebene
Gattung offenbar nicht die wirkliche.

Wiederum muß man sehen, ob die Gattung an der Art teilhat, entweder sie
selbst oder eine der ihr übergeordneten Gattungen. Denn das Höhere hat
an keinem Niederen teil.

Der Widerlegende muß diesen Gesichtspunkt in der angegebenen Weise
verwenden. Der Begründende braucht, wenn man zugibt, daß das gedachte
Genus der Art zukommt, aber bezweifelt, ob es ihr auch formell als
Genus zukommt, nur zu zeigen, daß irgendeines der höheren Genera von
der Art im Sinne des Wesens ausgesagt wird. Denn wenn eines in diesem
Sinne ausgesagt wird, werden alle, höhere und niedere Genera, wenn sie
anders von der Art ausgesagt werden, in eben diesem Sinne prädiziert
werden, und so muß das auch von dem angegebenen Genus gelten. Daß aber,
wenn eines, dann auch alle anderen, wenn anders sie prädiziert werden,
im Sinne des Wesens prädiziert werden, muß auf induktivem Wege gezeigt
werden.

Wenn aber der Gegner schlechthin bezweifelt, daß das angegebene Genus
der Art zukommt, so kann der Nachweis, daß eines der höheren Genera von
der Art prädiziert wird, nicht genügen. So genügt es z. B., wenn man
als Genus von Gehen die Ortsbewegung (φορά) angibt, zum Erweis dieser
Behauptung nicht, zu zeigen, daß das Gehen eine Bewegung ist, da es
auch andere Bewegungen gibt, sondern es muß auch noch gezeigt werden,
daß das Gehen an keiner der durch dieselbe Teilung gewonnenen Arten
teilhat außer an der Ortsbewegung. Denn was an der Gattung teilhat,
muß auch an einer durch die erste Teilung gewonnenen Arten teilhaben.
Wenn also das Gehen weder an der Zunahme, noch an der Abnahme, noch an
den anderen Bewegungen teilhat, so muß es offenbar an der Ortsbewegung
teilhaben, und so muß für Gehen die Ortsbewegung das Genus sein.

[Sidenote: 122b]

Wiederum: wo eine aufgestellte Spezies als Genus prädiziert wird, ist
zuzusehen, ob auch das angegebene Genus, und desgleichen die höheren
Genera, von eben dem im Sinne des Wesens prädiziert werden, wovon es
die Spezies wird. Wenn es damit an einer Stelle nicht gehen will, ist
das angegebene Genus offenbar nicht das wirkliche. Wäre es Genus,
so würden alle höheren Genera und es selbst von eben dem im Sinne
des Wesens ausgesagt werden, wovon auch die Spezies im Sinne des
Wesens ausgesagt wird. Dieser Gesichtspunkt ist für den Widerlegenden
verwendbar, wenn das Genus nicht von dem im Sinne des Wesens prädiziert
wird, wovon die Spezies es wird, und für den Begründenden, wenn das
Genus wohl so prädiziert wird. Denn es muß sich die Folge ergeben,
daß von einem und demselben Subjekt Genus und Spezies im Sinne des
Wesens prädiziert wird, und so kommt dasselbe Subjekt unter zwei
Genera zu stehen. Demnach müssen die Genera subaltern sein. Ist also
nachgewiesen, daß das von uns gewollte Genus nicht unter der Spezies
steht, so muß die Spezies offenbar unter ihm stehen, und somit ist
dieses als Genus erwiesen.

Man muß auch zusehen, ob die Begriffe der Gattungen auf die angegebene
Art und das an der Art Teilhabende passen. Die Begriffe der Gattungen
müssen von der Art und dem an ihr Teilhabenden ausgesagt werden. Wenn
es also damit an einer Stelle nicht gehen will, so ist die angegebene
Gattung offenbar nicht die wirkliche.

Wiederum ist zuzusehen, ob der andere die Differenz als Genus,
etwa unsterblich als Genus Gottes, angegeben hat. Für Lebewesen
ist unsterblich Differenz. Da die Lebewesen teils sterblich, teils
unsterblich sind. So ist denn hier offenbar gefehlt worden. Die
Differenz kann für kein Ding Genus sein. Daß das wahr ist, muß
einleuchten. Keines Dinges Differenz besagt ein Was, sondern vielmehr
eine Qualität, wie gehend und zweibeinig.

Und: ob der Gegner die Differenz (nach Art einer Spezies) in die
Gattung aufgenommen, z. B. das Ungrade hat Zahl sein lassen. Ungrad ist
Differenz der Zahl, nicht Spezies. Auch scheint die Differenz nicht
an der Gattung teilzuhaben. Alles, was an der Gattung teilhat, ist
entweder Spezies oder Individuum, die Differenz ist aber weder Spezies
noch Individuum. Mithin hat die Differenz offenbar nicht an der Gattung
teil. Also kann ungrad nicht Spezies, sondern nur Differenz sein, da es
nicht an der Gattung teilhat.

Ferner: ob er die Gattung (nach Art eines Teiles) in die Art
aufgenommen, z. B. die Berührung hat Stetigkeit (Kontinuität) sein
lassen, die Mischung überhaupt (μίξις, Verbindung von Stoffen in
beliebigem Aggregatszustande) Mischung von Flüssigkeiten (κρᾶσις), oder
wenn er mit Plato die Ortsbewegung als φορά (latio, getragen werden)
definiert. Die Berührung muß nicht Kontinuität, wohl aber umgekehrt
die Kontinuität Berührung sein. Nicht alles, was sich berührt (z. B.
Wasser und Luft) ist kontinuierlich, aber alles Kontinuierliche (z. B.
die Luftteilchen) berührt sich. Ebenso ist es mit dem Übrigen. Nicht
jede Mixis ist Krasis — die Mischung trockener Stoffe ist nicht Krasis
—, und nicht jede Ortsveränderung ist Phora. Das Gehen ist doch wohl
keine Phora[55]. Von Phora spricht man gewöhnlich bei solchen Dingen,
die mechanisch, nach Art des Seelenlosen, ihren Ort wechseln. In den
angegebenen Fällen hat auch die Art einen größeren Umfang als die
Gattung, da es doch umgekehrt sein müßte.

[Sidenote: 123a]

Wiederum: ob man den Unterschied in die Art aufgenommen, etwa das
Unsterbliche hat Gott sein lassen. Denn da müßte die Art folgerichtig
gleichen oder größeren Umfang bekommen (als der Unterschied, was nicht
sein kann). Denn der Unterschied wird immer von gleich vielen oder mehr
Subjekten ausgesagt als die Art.

Ferner: ob man die Gattung in den Unterschied aufgenommen, etwa
behauptet hat, Farbe sei wesenhaft oder begrifflich was das Gesicht
sammelt (das Gesehene kleiner erscheinen läßt, wie schwarz), oder Zahl
sei das, was ungrad ist.

Und: ob man die Gattung für den Unterschied genommen hat. Denn es
kann vorkommen, daß man auch Sätze wie diese aufstellt: Mixis ist
Differenz von Krasis, oder: die Ortsveränderung ist Differenz von
Phora. Alle diese Fälle muß man nach denselben Grundsätzen beurteilen.
Die Gesichtspunkte sind hier (für den vorliegenden und die zwei
vorausgehenden Örter) gemeinschaftlich. Die Gattung muß weiter reichen
als die Differenz und darf an der Differenz nicht teilhaben. Wenn sie
aber so (wie vorhin) angegeben wird, kann keins von beiden stattfinden:
die Gattung reichte minder weit und hätte an der Differenz teil.

Wiederum: wenn keiner von den Unterschieden der Gattung von der
angegebenen Art ausgesagt wird, so wird auch die Gattung nicht von
ihr ausgesagt werden. Von der Seele wird z. B. weder ungrad noch grad
ausgesagt, und so auch nicht die Zahl.

Ferner: wenn die Art der Natur nach früher ist und zugleich auch die
Gattung aufhebt (kann sie nicht Gattung sein). Denn das Gegenteil
scheint zuzutreffen.

Ferner: wenn sich die Art von dem, was Genus oder Differenz sein
soll, trennen läßt, wie z. B. die Seele von dem Bewegtwerden und die
Meinung von Wahrheit und Falschheit, so kann keines dieser beiden das
Genus oder die Differenz sein. Denn Genus und Differenz müssen überall
folgen, wo die Art auftritt.




+Drittes Kapitel.+


Man muß auch sehen, ob das in einer Gattung Begriffene an etwas, was
der Gattung konträr ist, teilhat oder teilhaben kann. Es würde da ein
und dasselbe gleichzeitig an Konträrem teilhaben, da es sich nie von
seiner Gattung trennt, und doch auch an etwas, was ihr konträr ist,
teilhat oder teilhaben kann.

Ferner: ob die Art an etwas Anteil hat, was dem unter der Gattung
Begriffenen gar nicht zukommen kann. Wenn z. B. die Seele am Leben
Anteil hat und keine Zahl leben kann, kann die Seele nicht Spezies von
Zahl sein.

Man muß auch darauf achten, ob die Spezies dem Genus homonym ist, indem
man sich hierbei der Prinzipien bedient, die wir zur Ermittelung des
Homonymen entwickelt haben. Genus und Spezies sind synonym[56].

Da jedes Genus mehrere Spezies hat, muß man sehen, ob nicht noch eine
zweite Spezies zu dem vorgeblichen Genus gehören kann. Gibt es keine,
so ist offenbar das vorgebliche Genus überhaupt keines.

Man muß auch sehen, ob der Gegner etwas metaphorisch Gesagtes als Genus
angegeben, etwa die Mäßigkeit oder Besonnenheit für Einklang erklärt
hat. Jedes Genus wird von der Spezies im eigentlichen, Einklang wird
aber von Besonnenheit nicht im eigentlichen, sondern im übertragenen
Sinne ausgesagt. Aller Einklang liegt in Tönen.

[Sidenote: 123b]

Ferner muß man in dem Falle zusehen, wo die Spezies ein Kontrarium hat.
Diese Untersuchung muß in mehrfacher Weise geschehen. Erstens fragt es
sich, ob das Konträre in derselben Gattung steht, während die Gattung
kein Konträres hat. Konträres muß in derselben Gattung stehen, wenn die
Gattung kein Konträres hat[57].

Hat die Gattung ein konträres Gegenteil, so muß man sehen, ob das
Konträre in der konträren Gattung steht. Denn das muß sein, wenn die
Gattung ein konträres Gegenteil hat. Dies erhellt im einzelnen durch
Induktion[58].

Wiederum: ob das konträre Gegenteil der Art überhaupt in keiner Gattung
steht, sondern selbst Gattung ist, wie z. B. das Gute. Steht dieses in
keiner Gattung, so wird auch sein Kontrarium in keiner Gattung stehen,
sondern selbst Gattung sein, wie es bei dem Guten und Schlechten
zutrifft: keines von ihnen steht in einer Gattung, aber beide sind
Gattung.

Ferner: ob etwas sowohl ein konträres Genus als eine konträre Spezies
hat, und die einen ein Mittleres haben, die anderen nicht. Haben die
Gattungen ein Mittleres, dann auch die Arten, und wenn die Arten, dann
auch die Gattungen, wie bei Tugend und Schlechtigkeit, Gerechtigkeit
und Ungerechtigkeit. Eine Instanz dagegen ist, daß Gesundheit und
Krankheit kein Mittleres haben, Schlechtes und Gutes aber wohl.

Oder: ob zwar beide, Art und Gattung, ein Mittleres haben, aber nicht
so, daß es in gleicher Weise, sondern das eine Mal negativ, das andere
Mal positiv, ausgedrückt wird. Denn es ist wahrscheinlich, daß sie es
beide in gleicher Weise haben, wie es bei Tugend und Schlechtigkeit und
Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit der Fall ist: bei beiden wird das in
der Mitte zwischen ihnen Stehende negativ ausgedrückt.

Ferner muß man, wenn die Gattung kein konträres Gegenteil hat, nicht
nur sehen, ob das Konträre, sondern auch ob das Mittlere in derselben
Gattung steht. Denn in der Gattung, in der die Extreme stehen, steht
auch das jeweilige Mittlere, z. B. bei weiß und schwarz. Denn die Farbe
ist Gattung für dieses und alle mittleren Farben. Eine Instanz ist,
daß das Zuwenig und Zuviel derselben Gattung — beides dem Übel —
angehört, während das Mäßige, in der Mitte zwischen dem einen und dem
anderen, nicht dem Übel, sondern dem Guten angehört.

Man muß auch untersuchen, ob die Gattung Kontrarium von etwas ist,
die Art aber nicht. Ist die Gattung Kontrarium von etwas, dann auch
die Art, wie z. B. die Tugend dem Laster und die Gerechtigkeit der
Ungerechtigkeit konträr ist. Und ebenso muß einem das einleuchten,
wenn man andere Begriffe in Betracht zieht. Eine Instanz hat man an
der Gesundheit und der Krankheit. Alle Gesundheit ist der Krankheit
schlechthin konträr entgegengesetzt, die einzelne Krankheit aber,
Spezies der Krankheit, ist keinem konträr, wie z. B. Fieber,
Augenleiden usw.

[Sidenote: 124a]

Alle diese verschiedenen Weisen der Betrachtung sind für die
Widerlegung zu verwenden. Denn wenn die angegebenen Erfordernisse nicht
erfüllt sind, ist die aufgestellte Gattung offenbar nicht richtig. Für
die Begründung aber bleiben drei Gesichtspunkte.

Erstens fragt es sich, ob das konträre Gegenteil der Art in der
angegebenen Gattung steht, während die Gattung kein Kontrarium hat.
Steht das Gegenteil in der Gattung, dann offenbar auch die fragliche
Art[59].

Zweitens ist die Frage, ob das Mittlere in der angegebenen Gattung
steht. Was das Mittlere umfaßt, umfaßt auch die Extreme[60].

Drittens muß man, wenn die Gattung ein Kontrarium hat, sehen, ob auch
die konträren Spezies in konträren Gattungen stehen. Ist dem so, so
steht auch offenbar die fragliche Spezies in der fraglichen Gattung[61].

Wiederum muß man, sei es, um etwas anzugreifen, oder um es zu
verteidigen, bei den Ableitungsformen und dem Begriffsverwandten
zusehen, ob die Begriffe sich gleicherweise fordern. Denn was einem,
muß allem zukommen oder nicht zukommen. Ist z. B. die Gerechtigkeit
eine Wissenschaft, so geschieht auch was gerechterweise geschieht, der
Wissenschaft gemäß und ist der Gerechte ein Wissender. Und umgekehrt:
gilt eines dieser Momente nicht, dann auch kein anderes.




+Viertes Kapitel.+


Man muß ferner sein Augenmerk auf die Dinge richten, die in gleichem
Verhältnis zueinander stehen. So verhält sich lustbringend zur Lust,
wie nützlich zur Güte. Beides bewirkt beides. Wenn also die Lust
wesenhaft gut ist, wird auch das Lustbringende wesenhaft nützlich sein.
Denn es muß offenbar, da die Lust gut ist, Gutes bewirken.

Ebenso ist es mit dem Werden und Vergehen. So ist, wenn Bauen Wirken
ist, Gebauthaben Gewirkthaben, und wenn Lernen Sicherinnern ist,
Gelernthaben Sicherinnerthaben, und wenn Aufgelöstwerden Vergehen ist,
Aufgelöstsein Vergangensein und Auflösung ein Untergang.

Ebenso ist es aber auch mit allem, was Werden und Vergehen bewirkt, und
mit den Vermögen und ihren Betätigungen, und überhaupt muß man, sei es
als Opponent oder Defendent, jeden derartigen Fall von Analogie in der
Weise, wie wir es beim Werden und Vergehen angegeben haben, in Betracht
nehmen. Ist das, was Untergang bewirkt, Auflösung bewirkend, so ist
auch Untergehen Aufgelöstwerden; und ist das, was Entstehung bewirkt,
schaffend, so ist Entstehen Geschaffenwerden und Entstehung Schöpfung.
Ebenso ist es mit den Vermögen und ihren Betätigungen. Ist das Vermögen
Anlage, so ist auch Vermögenhaben Anlagehaben, und ist die Betätigung
eines Vermögens Tätigkeit, so ist das Betätigen Tätigsein und das
Betätigthaben Tätiggewesensein.

[Sidenote: 124b]

Ist das Gegenteil der Art ein Mangel, so kann man (ein aufgestelltes
Problem über das Genus) in zweifacher Weise widerlegen, erstens, wenn
das Gegenteil in der angegebenen Gattung steht. Denn der Mangel steht
entweder schlechthin nie in derselben Gattung, oder doch dann nicht,
wenn es die letzte (nächste) Gattung ist. Wenn z. B. für Gesicht die
letzte Gattung sinnliches Vermögen ist, so wird die Blindheit kein
sinnliches Vermögen sein. Wenn zweitens der Mangel oder die Privation
das Gegenteil der Gattung und der Art zugleich ist, ohne daß das
(privative) Gegenteil unter dem Gegenteil steht, so kann auch die
angegebene Art selbst nicht unter der angegebenen Gattung stehen. Wer
also beim Disputieren widerlegt, muß diesen Ort in der jetzt erklärten
Weise verwenden. Wer aber etwas begründen will, darf ihn nur in einer
Weise benützen: steht das Gegenteil unter dem Gegenteil, so muß auch
das Positive unter dem Positiven stehen: ist Blindheit Anästhesie oder
Beraubung eines Sinnes, so ist Gesicht eine Sinneswahrnehmung.

Bei den Negationen hinwieder muß man umgekehrt verfahren, so wie es
oben beim Akzidenz angegeben worden ist[62]. So ist z. B., wenn das
Genußreiche wesenhaft gut ist, das Nichtgute nicht genußreich. Sonst
könnte ja auch ein Nichtgutes genußreich sein. Es kann aber unmöglich,
wenn gut Gattung von genußreich ist, ein Nichtgutes genußreich sein.
Denn wovon die Gattung nicht ausgesagt wird, davon kann auch keine
der Arten ausgesagt werden. Auch wer etwas begründen will, muß dieses
nämliche Verfahren beobachten. Ist das Nichtgute nicht genußreich, so
ist das Genußreiche gut, mithin gut Gattung von genußreich.

Ist die Art relativ, so muß man sehen, ob auch die Gattung es ist.
Denn wenn die Art zum Relativen gehört, dann auch die Gattung, wie
man z. B. an dem Zweifachen und Vielfachen sieht: beides gehört zum
Relativen. Ist aber die Gattung ein Relativum, so braucht es nicht auch
die Art zu sein: die Wissenschaft ist ein Relativum, die Grammatik ist
keines. Oder vielleicht ist auch das vorhin Gesagte nicht richtig: die
Tugend ist wesenhaft sittlich und gut, aber während sie selbst zu den
relativen Begriffen zählt[63], ist das bei dem Guten und Sittlichen
nicht der Fall, sondern beides ist qualitativ.

Wiederum: ob die Art ihre Bezeichnung nicht mit Bezug auf denselben
Terminus hat, mag man sie für sich nehmen, oder sie unter den
Gattungsbegriff stellen. Nennt man z. B. das Doppelte Doppeltes der
Hälfte, so muß man auch das Vielfache Vielfaches der Hälfte nennen,
sonst könnte vielfach nicht Gattung von doppelt sein.

Ferner: ob die Art ihre Bezeichnung nicht mit Bezug auf denselben
Terminus hat, mag man sie unter den Begriff der Gattung oder aller
Gattungen der Gattung stellen. Denn wenn das Doppelte ein Vielfaches
der Hälfte ist, so wird man auch sagen, daß es die Hälfte überragt,
und daß ihm überhaupt alle Bezeichnungen der höheren Gattungen im
Verhältnis zur Hälfte zukommen. Eine Instanz ist, daß etwas nicht auf
denselben Terminus bezogen zu werden braucht, wenn man es an sich
nimmt, und wenn man es unter die Gattung stellt: von Wissenschaft redet
man mit Bezug auf das Wißbare, aber von Habitus und Anlage nicht mit
Bezug auf das Wißbare, sondern mit Bezug auf die Seele.

[Sidenote: 125a]

Wiederum: ob Gattung und Art denselben Kasus haben, den Genitiv,
Dativ usw. Die Gattung muß hier mit der Art übereinstimmen, wie bei
doppelt und seinen höheren Gattungen: wie das Doppelte, so ist das
Vielfache Doppeltes und Vielfaches eines Dinges. Ebenso ist es mit
der Wissenschaft: wie sie selbst Wissenschaft eines Dinges ist, so
auch ihre Genera, Anlage und Habitus. Eine Instanz hiergegen ist, daß
es sich hin und wieder nicht so verhält: man sagt (im Griechischen)
verschieden (διάφορον) und Gegenteil (ἐναντίον) von etwas (griech.
Dativ: τινί), dagegen bei dem anderen (ἕτερον), das Gattung dieser
beiden ist, sagt man nicht von etwas (gr. Dativ), sondern als etwas
(gr. Genitiv: τινός). Denn man sagt: es ist ein anderes als jenes
(ἕτερον γάρ τινος λέγεται).

Wiederum: ob die Relativa, deren Termini den gleichen Kasus haben, ihn
nicht auch bei der Umkehrung fordern; wie bei doppelt und vielfach. Wie
hier beides für sich denselben zweiten Fall für den Beziehungspunkt der
Relation verlangt, so auch bei der Umkehrung. Denn bei Hälfte, Drittel,
Viertel usw. steht das Korrelativum, Doppeltes, Dreifaches, Vierfaches
usw., im Genitiv. Ebenso ist es mit der Wissenschaft und der Meinung.
Sie sind (im Griech.) Wissenschaft und Meinung eines Dinges (als
Objekt, worauf sie sich beziehen), und bei der Umkehrung ist es ebenso
(Gewußtes und, allgemeiner, Gemeintes ist Sache der Wissenschaft und
der Meinung). Und ebenso ist Gewußtes und Gemeintes solches durch etwas
(Dativ, τινί, durch Wissen und Meinung, und dasselbe gilt umgekehrt:
Wissen und Meinung ist was es ist, durch das Gewußte und das Gemeinte).
Wenn also irgendwo eine solche Umkehrung nicht stattfindet, so kann das
eine offenbar nicht Genus des anderen sein.

Wiederum: ob Art und Gattung gleich viele Beziehungen haben. Denn beide
scheinen die gleichen und gleich viele Beziehungen zu haben, wie man an
dem Beispiel von Geschenk und Gabe sieht. Man sagt Geschenk von etwas
oder für einen (τινος ἢ τινί) und Gabe von etwas und für einen. Gabe
ist aber Genus von Geschenk: Geschenk ist eine Gabe, die man nicht
wiederzugeben braucht. Bei einigen Dingen aber trifft es nicht zu,
daß sie gleich viele Beziehungen haben. Das Doppelte ist Doppeltes
von etwas, beim Überragenden und Größeren aber tritt das zweifache
Verhältnis auf: zu dem Gegenstand und zu der Beziehung, in der etwas
überragend und größer ist. Denn alles Überragende und Größere überragt
durch etwas und etwas. Mithin sind die angegebenen Begriffe keine
Genera von doppelt, da hier der Beziehungen nicht gleich viele sind
wie bei der Art. Oder wäre es etwa nicht ausnahmslos wahr, daß Art und
Gattung gleich viele Beziehungen haben?

Auch muß man sehen, ob das relative Gegenteil Gattung des Gegenteils,
ob z. B. das Vielfache Gattung von doppelt, der aliquote Teil Gattung
von halb ist. Denn das Gegenteil muß Gattung des Gegenteils sein.
Behauptet man also, Wissenschaft sei wesenhaft Wahrnehmung, so muß auch
Wißbares wesenhaft wahrnehmbar sein. Es ist es aber nicht. Nicht alles
Wißbare ist wahrnehmbar. Manches Wißbare ist auch intelligibel[64].
Mithin ist wahrnehmbar nicht Gattung von wißbar. Wenn aber das nicht,
dann ist auch Wahrnehmung nicht Gattung von Wissenschaft.

[Sidenote: 125b]

Von dem Relativen ist das eine notwendig in oder an dem, worauf es
sich bezieht. So Anlage, Habitus, Gleichmaß — denn solches kann
nur in dem sein, worauf es Bezug hat. — Anderes ist in dem, worauf
es Bezug hat, nicht notwendig, aber möglicherweise — so z. B. wenn
die Seele ein Wißbares ist; denn es hindert nichts, daß die Seele
Wissenschaft von sich selbst hat, aber das Wißbare ist nicht notwendig
in ihr. Denn möglicherweise ist die Wissenschaft (von der Seele) auch
in einem anderen —. Noch anderes endlich kann schlechthin nicht
in dem sein, worauf es Bezug hat, wie Konträres in Konträrem oder
Wissenschaft im Wißbaren, es müßte denn das Wißbare Seele oder Mensch
sein. Man muß nun sehen, ob der Gegner ein solches Relatives in ein
verkehrtes Genus weist, ob er z. B. das Gedächtnis für ein Beharren
des Wissens ausgibt. Jedes Beharren ist in und an dem Beharrenden,
folglich auch das Beharren des Wissens in dem Wissen. Mithin ist das
Gedächtnis im Wissen, da es ein Beharren des Wissens ist. Das ist aber
unmöglich. Denn alles Gedächtnis ist in der Seele. Dieser Ort hat
auch beim Akzidenz seine Stelle. Denn es ist kein Unterschied, ob man
das Beharren als Genus des Gedächtnisses bezeichnet, oder sagt, es
folge ihm mit. Denn mag das Gedächtnis so oder so als ein Beharren des
Wissens gedacht werden, der angegebene Grund gilt bei ihm auf jeden
Fall.




+Fünftes Kapitel.+


Wiederum: ob der Gegner den Habitus unter den Aktus oder den Aktus
unter den Habitus reiht, z. B. den Sinn als Bewegung durch den Körper
setzt. Der Sinn ist Habitus, die Bewegung Aktus. Ebenso wenn er das
Gedächtnis für ein habituelles Festhalten einer Meinung erklärt. Kein
Gedächtnis ist Habitus, sondern vielmehr Aktus[65].

Es fehlen aber auch diejenigen, die einen Habitus unter ein mit ihm
verbundenes Vermögen ordnen, z. B. Sanftmut als Enthaltung von Zorn,
Mut und Gerechtigkeit als Enthaltung von Furcht und Gewinnsucht
bezeichnen. Mutig und sanftmütig heißt der des Affektes Ledige,
enthaltsam aber der mit Affekten Behaftete, der sich aber nicht
durch sie bestimmen läßt. Nun ist ja wohl ein solches Vermögen mit
beiden Tugenden verbunden, so daß man, wenn man affiziert wird, nicht
unterliegt, sondern obsiegt, aber darin liegt das Wesen des Mutes und
der Sanftmut nicht, sondern darin, daß man solche Affekte gar nicht hat.

[Sidenote: 126a]

Zuweilen setzt man auch alles, was irgendwie mit der Art verbunden
ist, als Genus, die Unlust als Genus von Zorn und die Meinung als
Genus von Glaube. Beide sind zwar in gewisser Weise mit den gedachten
Arten verbunden, doch kann keine Genus sein. Der Zürnende hat zwar
Unlustgefühle, aber nur, sofern sie in ihm dem Zorne vorhergehen. Denn
der Zorn ist nicht Ursache der Unlust, sondern die Unlust ist Ursache
des Zornes. Folglich ist der Zorn nicht Unlust schlechthin. Demnach
ist aber auch Glaube nicht Meinung. Denn man kann dieselbe Meinung
haben, auch ohne zu glauben. Das ist aber nicht möglich, wenn der
Glaube eine Art der Meinung ist. Denn etwas kann nicht mehr dasselbe
bleiben, wenn es ganz aus der Art herausfällt[66], wie auch dasselbe
Lebendige nicht bald Mensch sein kann, bald nicht. Wollte man aber
sagen, wer meint, müsse auch glauben, so bekäme Meinung und Glaube
gleichen Umfang. Folglich wäre die Meinung auch so nicht Genus. Denn
das Genus muß größeren Umfang haben.

Man muß auch sehen, ob beide ihrer Natur nach in einem und demselben
Subjekt sein können. Wo die Art ihren Sitz hat, da auch die Gattung.
So ist die Farbe in dem, worin das Weiße, und das Wissen in dem, worin
die Grammatik ist. Wenn man also das Schamgefühl als Furcht oder den
Zorn als Unlustgefühl bezeichnet, so kann nicht folgen, daß Art und
Gattung in demselben Subjekt ruhen. Denn das Schamgefühl ist in dem
verständigen, dagegen die Furcht in dem iraszibeln Seelenteile, und die
Unlust ist in dem konkupiszibeln Teile — in ihm ist ja auch die Lust
—, dagegen der Zorn in dem iraszibeln. Folglich können die angegebenen
Genera nicht die richtigen sein, da sie ihrer Natur nach nicht in
denselben Seelenteilen wie die Arten ihren Sitz haben können. Ebenso
kann die Liebe (die geschlechtliche), wenn sie in dem konkupiszibeln
Teile ist, kein Wollen sein. Denn alles Wollen ist in dem verständigen
Teile. Dieser Ort ist auch für das Akzidenz verwendbar. Das Akzidenz
oder Mitfolgende ist in demselben Subjekte wie das, dem es mitfolgt, so
daß es, wenn es nicht in demselben Subjekte erscheint, offenbar nicht
mitfolgt.

Wiederum: ob die Art (nur) nach einem (Teile) an der vorgeblichen
Gattung teilhat. An einer Gattung wird doch nicht bloß nach einem Teile
partizipiert. Nicht bloß einem Teile nach ist der Mensch Sinnenwesen,
die Grammatik Wissenschaft usw. Man muß also sehen, ob an der Gattung
seitens bestimmter Arten nur teilweise, secundum quid, partizipiert
wird, wenn z. B. das Sinnenwesen wesenhaft sinnlich wahrnehmbar oder
sichtbar sein soll. Es ist das nur secundum quid, ist dem Leibe, nicht
der Seele nach sichtbar, und so kann sichtbar und sinnlich nicht
Gattung von Sinnenwesen sein.

Zuweilen stellt man auch unvermerkt das Ganze unter den Teil, etwa das
Sinnenwesen unter den belebten Körper. Der Teil wird aber auf keine
Weise von dem Ganzen ausgesagt, und so kann Körper nicht Gattung von
Sinnenwesen sein, da er ein Teil ist.

[Sidenote: 126b]

Man muß auch den Fall ins Auge fassen, daß der Gegner etwas, was zu
tadeln oder zu fliehen ist, als ein Vermögen oder ein Vermögendes
hinstellt, daß z. B. ihm zufolge Sophist oder Ränkeschmied oder Dieb
wäre wer fremdes Gut heimlich wegzunehmen oder Ränke zu schmieden oder
sich mit Sophismen abzugeben vermag. Keiner von diesen Leuten heißt
so, weil er so etwas vermag. Auch Gott und der tugendhafte Mann kann
das Schlechte tun, aber sie sind nicht solche, sind nicht schlecht.
Denn alle Schlechten heißen so nur auf Grund freier Wahl. Auch ist
jedes Vermögen etwas Wünschenswertes, weshalb wir es eben auch Gott
und dem tugendhaften Manne beilegen[67], indem wir erklären, sie seien
vermögend, das Schlechte zu tun. So kann denn das Vermögen nicht
Gattung von etwas Schlechtem sein. Soll das aber nicht gelten, so müßte
folgen, daß etwas Tadelnswertes wünschenswert wäre. Denn es müßte dann
ein Vermögen tadelnswert sein.

Und, ob man ein seiner selbst wegen Wertvolles oder zu Wählendes für
ein Vermögen oder Vermögendes oder Bewirkendes ausgegeben hat. Jedes
Vermögen und alles Vermögende oder Bewirkende wird eines anderen wegen
gewählt[68].

Oder, ob man ein in zwei oder mehr Gattungen Stehendes nur in eine
gestellt hat. Manches läßt sich nicht in nur eine Gattung stellen,
wie Betrüger und Ränkeschmied. Weder wer es sein möchte, aber nicht
sein kann, noch wer es sein kann, aber nicht sein möchte, ist
ein Ränkeschmied oder ein Betrüger, sondern bei wem sich beides
zusammenfindet. Mithin darf man die Genannten nicht in eine, sondern
muß sie in beide Gattungen stellen.

Ferner gibt man zuweilen statt des spezifischen Unterschiedes die
Gattung und statt der Gattung den spezifischen Unterschied an,
bestimmt z. B. das Staunen als ein Übermaß von Verwunderung, und den
Glauben als einen hohen Grad von Meinen. Das Übermaß ist so wenig
wie der hohe Grad Gattung, sondern Differenz. Staunen möchte doch
übermäßige Verwunderung, und Glaube übermäßiges Meinen sein. Somit
ist Verwunderung und Meinen Gattung, und Übermaß und Hochgradigkeit
Differenz. Wollte man Übermaß und Hochgradigkeit für die Gattung
ausgeben, so müßte auch das, was (streng logisch gesprochen) keine
Seele hat, glauben und staunen. Hochgradigkeit und Übermaß von etwas
wohnt ja immer dem bei, dem die Hochgradigkeit und das Übermaß zukommt.
Wenn also das Staunen ein Übermaß von Verwunderung ist, muß das
Staunen der Verwunderung beiwohnen und somit die Verwunderung staunen.
Ebenso muß der Glaube, wenn er anders ein hoher Grad des Meinens ist,
diesem beiwohnen und somit das Meinen glauben. Auch müßte man in
Konsequenz dieser Auffassung die Hochgradigkeit hochgradig und das
Übermaß übermäßig nennen. Der Glaube ist hochgradig. Ist also Glaube
Hochgradigkeit, so gäbe es eine hochgradige Hochgradigkeit. Ebenso ist
das Staunen übermäßig. Ist also Staunen ein Übermaß, so gäbe es ein
übermäßiges Übermaß. Es ist aber keines von beiden anzunehmen, wie auch
die Wissenschaft nicht gewußt und die Bewegung nicht bewegt wird.

[Sidenote: 127a]

Zuweilen fehlt man auch dadurch, daß man ein Leiden oder eine
Eigenschaft in die Gattung stellt, die die Eigenschaft hat, wie
z. B. wenn man sagt, die Unsterblichkeit sei ewiges Leben. Die
Unsterblichkeit ist doch wohl eine Eigenschaft oder Inhärenz des
Lebens. Daß dem so ist, kann man sehen, wenn man den Fall setzt, daß
jemand aus einem Sterblichen ein Unsterblicher wird. Hier wird niemand
sagen, daß er ein anderes Leben erhält, sondern daß eben diesem Leben
eine neue Inhärenz oder Eigenschaft zuteil geworden ist. Mithin ist das
Leben nicht Gattung von Unsterblichkeit.

Man fehlt auch, wenn man das Subjekt oder den Träger einer Eigenschaft
zur Gattung der Eigenschaft macht, z. B. den Wind als bewegte Luft
bestimmt. Der Wind ist vielmehr Bewegung der Luft. Dieselbe Luft
bleibt, wenn sie bewegt wird und wenn sie still steht. Somit ist der
Wind überhaupt keine Luft. Es müßte ja Wind sein, auch ohne daß die
Luft bewegt wird, da ja dieselbe Luft bleibt, die Wind sein sollte.
Ebenso ist es mit anderen solchen Dingen.

Wollte man nun aber auch in diesem Falle zugeben, daß Wind bewegte
Luft ist, so ist doch ein solches Zugeständnis nicht für alle Dinge
statthaft, von denen die Gattung nicht wahrheitsgemäß ausgesagt wird,
sondern nur für solche, die man im Einklang mit der Wahrheit einer
bestimmten Gattung zuweist. Das trifft bei manchen Dingen, wie z. B.
bei dem Lehm und dem Schnee, nicht zu. Man bestimmt den Schnee als
erstarrtes Wasser, und den Lehm als durchfeuchtete Erde. Aber der
Schnee ist so wenig Wasser, als der Lehm Erde, und mithin kann keines
dieser beiden Gattung sein. Denn die Gattung muß von ihren Arten immer
wahrheitsgemäß prädiziert werden können. Ebenso ist auch der Wein kein
gegohrenes Wasser, wie Empedokles sagt:

  „Wasser gegohren im Holz“;

denn Wein ist überhaupt kein Wasser.




+Sechstes Kapitel.+


Ferner: ob eine angegebene Gattung überhaupt von nichts Gattung ist.
Sie kann in diesem Falle offenbar auch nicht Gattung der betreffenden
Art sein. Man kann dies daran sehen, daß die Dinge, die an der
aufgestellten Gattung teilhaben sollen, sich der Art nach in keiner
Weise unterscheiden, wie z. B. das Weiße. Das eine ist hier von dem
anderen in keiner Weise verschieden. Nun sind aber die Arten einer
jeden Gattung verschieden, und somit kann weiß von nichts Gattung sein.

Wiederum: ob der Gegner einen Begriff, der allen Dingen folgt (oder mit
ihnen gegeben ist, einen transszendenten Begriff), für die Gattung oder
die Differenz ausgibt. Es gibt dergleichen Begriffe mehrere, so gehören
z. B. das Seiende und das Eine zu ihnen. Hat man nun das Seiende als
Gattung aufgestellt, so muß es offenbar Gattung von allem sein, da es
von allem ausgesagt wird. Denn die Gattung wird von keinem anderen
als von den Arten ausgesagt. Somit müßte auch das Eine eine Art des
Seienden sein. Es ergibt sich also die Folge, daß die Art von allem
ausgesagt wird, wovon die Gattung ausgesagt wird, indem Seiendes und
Eines schlechthin von allem ausgesagt wird, während doch die Art einen
kleineren Umfang haben muß. Hat der Gegner aber den transszendenten
Begriff für die Differenz ausgegeben, so muß die Differenz gleichen
oder größeren Umfang als die Gattung bekommen, gleichen, wenn auch die
Gattung transszendent ist, größeren, wenn sie es nicht ist.

[Sidenote: 127b]

Ferner: ob die vorgebliche Gattung in und an der Art als ihrem Subjekte
sein soll, wie z. B. das Weiße am Schnee. Sie kann dann nicht die
Gattung sein. Die Gattung wird nur von der Art als ihrer Trägerin
ausgesagt.

Man muß auch sehen, ob die Gattung mit der Art nicht synonym ist. Die
Gattung wird von allen Arten synonymisch ausgesagt.

Ferner: ob man, wenn Art und Gattung ein Kontrarium haben, das bessere
Konträre in die schlechtere Gattung stellt. Die Folge wird dann sein,
daß das andere Konträre in die andere Gattung zu stehen kommt, da
Konträres in konträren Gattungen steht. Mithin kommt das Bessere in
die schlechtere und das Schlechtere in die bessere Gattung zu stehen.
Es möchte aber doch das Bessere auch eine bessere Gattung haben.

Und: ob man, falls eine und dieselbe Art sich gleichmäßig zu beiden
verhält, sie in die schlechtere, statt in die bessere Gattung stellt,
z. B. die Seele als Bewegung oder Bewegtes bestimmt. Die Seele möchte
doch ebensogut Prinzip der Ruhe als der Bewegung sein. Ist somit die
Ruhe besser, so gehört sie in diese Gattung.

Ferner kann man aus dem Mehr und Minder folgern, und zwar wenn man
etwas widerlegen soll, wenn die Gattung ein Mehr zuläßt, die Art aber
nicht, weder sie selbst, noch das nach ihr Benannte. Wenn z. B. die
Tugend ein Mehr zuläßt, dann auch die Gerechtigkeit und der Gerechte.
Man sagt ja, daß der eine gerechter ist als der andere. Wenn also die
angegebene Gattung das Mehr zuläßt, die Art aber nicht, weder sie
selbst, noch das nach ihr Benannte, so kann die angegebene Gattung
nicht die richtige sein.

Wiederum: wenn das, was eher oder gleich sehr Gattung zu sein scheint,
es nicht ist, so ist es offenbar auch die angegebene Gattung nicht. Der
Ort ist besonders für solche Fälle nützlich, wo dem Anscheine nach von
der Art mehrere Genera im Sinne des Wesens ausgesagt werden, und es
unentschieden ist und man nicht sagen kann, welches von ihnen das Genus
ist. So scheint z. B. von dem Zorne sowohl der Schmerz als der Verdacht
erlittener Geringschätzung im Sinne des Wesens ausgesagt zu werden.
Denn einerseits fühlt der Zornige Schmerz, anderseits besorgt er,
geringgeschätzt zu werden. Dieselbe Erwägung ist angezeigt, wenn eine
Art mit einer anderen in Vergleich kommt. Wenn diejenige Art, die eher
oder gleich sehr unter einer angegebenen Gattung zu stehen scheint,
nicht unter ihr steht, so steht offenbar auch die angegebene Art nicht
unter ihr.

[Sidenote: 128a]

Bei der Widerlegung ist also das bezeichnete Verfahren anzuwenden,
bei der Behauptung dagegen ist der Ort, wenn sowohl die angegebene
Gattung als die Art das Mehr zuläßt, nicht verwendbar. Denn wenn
auch beide es zulassen, so hindert doch nichts, daß das eine nicht
Gattung des anderen ist. Schön und weiß lassen beide ein Mehr zu, und
doch ist keines Gattung des anderen. Dagegen führt die Vergleichung
der Gattungen und der Arten zum Ziele. Wenn z. B. das eine so sehr
Gattung ist wie das andere, so ist es, wenn das eine, dann auch das
andere. Gleiches gilt im Falle des Minder und des Mehr. Ist Gattung
für Enthaltsamkeit eher Vermögen als Tugend, und ist Tugend Gattung,
dann auch Vermögen. Dasselbe läßt sich füglich von der Art behaupten.
Ist dieses und dieses gleich sehr Art der behaupteten Gattung, so ist,
wenn das eine wirklich Art ist, es auch das andere; und wenn das, was
weniger Art zu sein scheint, es doch ist, dann auch das, was einen
stärkeren Schein für sich hat.

Ferner muß man bei der Behauptung, wenn nicht nur eine Art angegeben
wird, sondern ihrer mehr und verschiedene sind, sehen, ob die Gattung
von den Arten, für die sie gelten soll, im Sinne des Wesens prädiziert
wird. Denn sie wird in diesem Falle offenbar die Gattung sein. Ist es
aber nur von einer Art ausgemacht, daß die Gattung von ihr im Sinne
des Wesens ausgesagt wird, so muß man sehen, ob sie auch von anderen
Arten in diesem Sinne ausgesagt wird. Denn so wird neuerdings die Folge
herauskommen, daß sie von mehreren und verschiedenen Arten ausgesagt
wird. Da man aber mancherseits meint, auch die Differenz werde von
den Arten in Weise einer Wesensbezeichnung ausgesagt, so gilt es, die
Gattung von der Differenz zu unterscheiden, wobei die angegebenen
elementaren Regeln in Betracht kommen, einmal, daß die Gattung größeren
Umfanges ist als die Differenz, sodann daß man zur Bezeichnung des
Wesens passender die Gattung nennt als die Differenz: wer Sinnenwesen
sagt, zeigt mehr, was der Mensch ist, als wer gehend sagt. Endlich,
daß die Differenz immer eine Qualität der Gattung bezeichnet, die
Gattung aber keine Qualität der Differenz: wer sagt, gehend, legt dem
Sinnenwesen eine Qualität bei, wer aber Sinnenwesen sagt, legt dem
Gehenden keine Qualität bei.

So ist also die Differenz von der Gattung zu unterscheiden. Da aber das
Gebildete, sofern es gebildet ist, ein Wissendes und die Bildung ein
Wissen zu sein scheint, und da ebenso, wenn sich das Gehende durch das
Gehen bewegt, das Gehen eine Bewegung zu sein scheint, so muß man bei
der Frage, in welche Gattung man etwas stellen soll, auf eben diese
Weise verfahren. So z. B. bei der Frage, ob man das Wissen wesenhaft
als Glaube fassen soll, wenn der Wissende, sofern er weiß, glaubt. Denn
offenbar muß so das Wissen ein Glaube sein. Und ebenso ist in anderen
solchen Fällen zu verfahren.

[Sidenote: 128b]

Da endlich das, was immer logische Folge eines Begriffs ist, ohne daß
es auch umgekehrt so wäre, von der Gattung schwer zu unterscheiden
ist, wenn zwar das eine immer auf das andere, dieses aber nicht immer
auf jenes folgt, so z. B. auf Windstille Ruhe, auf Zahl Teilbarkeit,
aber nicht umgekehrt — denn nicht alles Teilbare ist Zahl, noch jede
Ruhe Windstille —, nun, so kann man, wenn man selbst einen Satz
aufstellt, ein solches immer beifolgendes Attribut als Genus verwenden,
vorausgesetzt, daß das andere nicht ebenso folgt. Stellt aber ein
anderer den Satz auf, so muß man ihn nicht allgemein zugeben. Denn man
kann z. B. dagegen einwenden, daß das Nichtseiende allem Werdenden
folgt — was wird, ist nicht — und hier keine Umkehrung gilt — nicht
alles Nichtseiende wird —, und doch Nichtseiendes nicht Gattung von
Werdendem ist. Denn es gibt überhaupt keine Gattungen des Nichtseienden.

Mit der Gattung hat man es also in der bezeichneten Weise anzugehen.




Fünftes Buch.




+Erstes Kapitel.+


Ob aber etwas Proprium ist oder nicht, ist nach folgenden
Gesichtspunkten zu beurteilen.

Man stellt etwas in dem Sinne als Proprium auf, daß es einem Subjekt
entweder an sich und immer, oder im Verhältnis zu einem anderen und
zeitweilig zukommen soll. So ist z. B. Proprium an sich für den
Menschen das Merkmal: von Natur zahmes Sinnenwesen; Proprium im
Verhältnis zu einem anderen ist z. B. für die Seele im Verhältnis zum
Leibe, daß das eine herrscht, das andere dient; ein immer vorhandenes
Proprium ist z. B. für Gott das Merkmal: unsterbliches Lebewesen[69];
und endlich ist ein zeitweilig vorhandenes Proprium z. B. für einen
einzelnen Menschen, daß er auf dem Übungsplatz spazieren geht (und
sonst niemand).

Dasjenige, was im Verhältnis zu einem anderen das Proprium eines
Subjektes sein soll, liefert entweder für zwei oder für vier Probleme
Stoff. Zwei Probleme kommen heraus, wenn man dasselbe Merkmal dem
einen beilegt und dem anderen abspricht, wie z. B. bei dem Proprium
der Zweibeinigkeit des Menschen im Verhältnis zum Pferde. Man kann da
sowohl beweisen wollen, daß der Mensch nicht zweibeinig, als auch, daß
das Pferd zweibeinig ist, und auf beide Weisen würde man das Proprium
aufheben. Wenn man aber beides beiden beilegt und beiden abspricht,
müssen vier Probleme herauskommen, sofern das Proprium des Menschen im
Verhältnis zum Pferde darin liegt, daß er zwei, es vier Beine hat. Denn
man kann beweisen wollen, daß der Mensch nicht zweibeinig, und auch,
daß er von Natur vierbeinig ist, und ebenso ist es möglich, den Beweis
zu versuchen, daß das Pferd zweibeinig und daß es nicht vierbeinig ist.
Mag man nun aber seinen Satz wie immer bewiesen haben, so ist es um die
aufgestellte Behauptung geschehen.

[Sidenote: 129a]

Proprium an sich ist was allem gegenüber als Eigentümlichkeit eines
Dinges angegeben wird und es von allem unterscheidet. So ist Proprium
des Menschen: sterbliches der Wissenschaft fähiges Sinnenwesen[70].
Proprium im Verhältnis zu anderem (relatives Proprium) ist was ein
Ding nicht von allem, sondern von einem besonders Aufgestellten
unterscheidet. So ist Proprium der Tugend gegenüber der Wissenschaft,
daß das eine seiner Natur nach in mehreren, das andere nur in dem
verständigen Seelenteile und seinen Inhabern anzutreffen ist. Immer
vorhandenes Proprium ist was zu jeder Zeit gilt und nie aufhört, wie
es z. B. die Eigentümlichkeit des Menschen ist, daß er ein Kompositum
aus Seele und Leib darstellt. Zeitweilig vorhandenes Proprium endlich
ist was zu bestimmter Zeit gilt und seinem Träger nicht immer zu folgen
braucht, wie wenn es z. B. einem einzelnen Menschen eigentümlich ist,
auf dem Markte spazieren zu gehen[71].

Die Angabe des relativen Propriums besteht darin, daß man den
Unterschied bestimmt, der eine Art entweder in allen ihren
Individuen und immer, oder vorwiegend und in den meisten Individuen
charakterisiert. So ist ein überall und immer geltendes Proprium des
Menschen dem Pferde gegenüber die Zweibeinigkeit. Jeder Mensch ist
jederzeit, kein Pferd ist jemals zweibeinig. Ein vorwiegend und für
die Mehrheit der Individuen gültiges Proprium ist es z. B. bei dem
verständigen gegenüber dem konkupiszibeln und iraszibeln Seelenteile,
daß das eine befiehlt, während das andere gehorcht. Nicht in allen
Fällen befiehlt der verständige Teil, er läßt sich wohl auch befehlen,
und der begehrende und zürnende Teil läßt sich nicht immer befehlen,
sondern befiehlt auch wohl, wenn die Seele des Menschen schlecht ist.

Logisch (für die Dialektik fruchtbar) sind vorzüglich die an sich
und immer geltenden und die relativen Propria. Das relative Proprium
liefert, wie schon gesagt, mehrere Probleme: es kommen ihrer notwendig
entweder zwei oder vier heraus, und so müssen denn der logischen
Gründe in bezug auf solche problematische Sätze mehr werden. Das an
sich und immer gültige Proprium läßt sich im Verhältnis zu vielen
Dingen erörtern und mit Rücksicht auf verschiedene Zeiten betrachten.
Näherhin ist es das Erstgenannte, das Proprium an sich, was sich im
Verhältnis zu vielen Dingen erörtern läßt, weil ihm die betreffende
Eigentümlichkeit im Vergleich zu jedem Seienden derart zukommen
muß, daß das Proprium nicht richtig angegeben sein kann, wenn durch
dasselbe sein Subjekt nicht von allem anderen sich unterscheiden
würde. Ein immer vorhandenes Proprium sodann läßt sich mit Rücksicht
auf verschiedene Zeiten betrachten: mag es dem Subjekt nicht zukommen,
nicht zugekommen sein, oder in Zukunft nicht zukommen, in keinem Falle
könnte es Proprium sein. Dagegen betrachten wir das nur zeitweilig
Vorhandene bloß für die betreffende Zeit, und so kann es da nicht viele
Erörterungen geben. — Logisch ist aber ein Problem dann, wenn es zu
vielen guten Begründungen Gelegenheit gibt.

Bei dem sogenannten relativen Proprium sind es die Örter für das
Akzidenz, wonach man urteilen muß, ob es dem einen mitfolgt, dem
anderen nicht[72]. Für die immer und an sich gültigen Propria dagegen
gelten die folgenden Gesichtspunkte.




+Zweites Kapitel.+


[Sidenote: 129b]

An erster Stelle muß man sehen, ob das Proprium nicht gut angegeben
ist, oder doch.

Hierfür ist ein erster Gesichtspunkt die Frage, ob das Proprium nicht
durch Bekannteres bestimmt wird, oder doch, und zwar fragt es sich bei
der Widerlegung, ob es nicht durch Bekannteres, bei der Behauptung, ob
es durch Bekannteres bestimmt wird. Nicht durch Bekannteres bestimmt
wird es einmal, wenn das angegebene Proprium überhaupt unbekannter ist
als das, dessen Proprium es sein soll. In diesem Falle ist das Proprium
nicht richtig angegeben. Wir stellen es ja der Erkenntnis wegen auf,
und deshalb muß es durch Bekannteres bestimmt werden. Denn nur so wird
sein Subjekt besser erkennbar. Wer z. B. die Eigentümlichkeit des
Feuers darein setzt, daß es der Seele am meisten gleicht, gebraucht
zur Erklärung etwas, was weniger als das Feuer bekannt ist, die Seele
— wissen wir doch eher, was das Feuer, als was die Seele ist —, und
darum kann das Merkmal: der Seele am ähnlichsten, als Proprium des
Feuers nicht richtig angegeben sein. Sodann liegt dieser Fehler vor,
wenn es nicht bekannter ist, daß das und das dem und dem zukommt. Denn
das Proprium muß nicht nur bekannter sein als das Ding, sondern es muß
auch bekannter sein, daß es ihm zukommt[73]. Denn wer nicht weiß, daß
es ihm zukommt, wird auch nicht wissen, daß es ihm allein zukommt. Mag
also das eine oder das andere vorliegen, so bleibt das Proprium unklar.
Wer somit als Eigentümlichkeit des Feuers das Merkmal nennt: das,
worin die Seele ihrer Natur nach ihren ersten Sitz hat, läßt das Feuer
unbekannter sein als den Umstand, daß die Seele in ihm ihren Sitz,
ihren ersten Sitz hat, und aus diesem Grunde kann es keine richtige
Bestimmung der Eigentümlichkeit des Feuers sein, wenn sie darin liegen
soll, daß die Seele von Natur in ihm ihren ersten Sitz hat.

Bei der Behauptung dagegen muß man sehen, daß man das Proprium
durch Bekannteres bestimmt, und zwar durch Bekannteres nach jeder
der zwei Weisen. Demgemäß bestimmt, ist es richtig bestimmt. Denn
von den begründenden Gesichtspunkten für eine richtige Bestimmung
der Eigentümlichkeit werden die einen nur nach dieser Weise
ergeben (secundum quid), daß eine Bestimmung gut ist, die anderen
Gesichtspunkte dagegen werden eben dieses schlechthin und geradezu
erhärten. Da z. B. die Bestimmung der Eigentümlichkeit des Sinnenwesens
als „Besitz sinnlicher Wahrnehmung“ das Proprium nach beiden Weisen,
durch Bekannteres und als bekanntere Tatsache, ausspricht, so hat
„Besitz der Wahrnehmung“ als gute Bestimmung von Sinnenwesen secundum
quid zu gelten.

[Sidenote: 130a]

Sodann muß man, wenn es sich um die Widerlegung handelt, sehen, ob
eines der für das Proprium gebrauchten Wörter mehrdeutig ist, oder
auch die ganze Rede einen verschiedenen Sinn zuläßt. Denn dann wäre
das Proprium nicht richtig angegeben. Da z. B. wahrnehmen mehreres
bedeutet, einmal Wahrnehmung besitzen, und dann, Wahrnehmung betätigen,
so bestimmt man die Eigentümlichkeit des Sinnenwesens nicht gut, wenn
man sagte, es sei von Natur zur Wahrnehmung veranlagt. Deshalb darf man
zur Bestimmung des Proprium weder ein Wort noch einen Satz verwenden,
der vieldeutig ist, weil Vieldeutigkeit die Rede unklar macht, indem
derjenige, der sich an einem Satz versuchen will, nicht weiß, in
welcher von seinen vielen Bedeutungen er gemeint ist. Das Proprium
wird ja doch des Lernens wegen angegeben. Zudem muß auch für die, die
das Proprium so bestimmen, eine Widerlegung erwachsen, wenn man da, wo
Vieldeutigkeit vorliegt, den Schluß auf Grund des abweichenden Sinnes
bildet. Bei der Behauptung dagegen ist darauf zu achten, daß weder die
einzelnen Worte, noch die ganze Rede mehrsinnig sein dürfen. So wird
eine gute Bestimmung des Proprium secundum quid gewonnen. Da z. B.
weder das Wort Körper mehrdeutig ist, noch das Merkmal: was sich am
leichtesten nach dem oberen Orte bewegt, noch das hieraus gebildete
Ganze, so hat man die Eigentümlichkeit des Feuers in diesem Betracht
richtig bestimmt, wenn man sagt: der Körper, der sich am leichtesten
nach dem oberen Orte bewegt[74].

Sodann muß man sehen, und zwar wenn es sich um die Widerlegung
handelt, ob das, dessen Proprium man angibt, mehrdeutig ist, ohne daß
bestimmt wird, was von dem möglicherweise Gemeinten es sein soll,
dem das Proprium beiwohnt. Denn dann wäre das Proprium nicht richtig
aufgestellt. Weshalb es das nicht wäre, kann nach dem schon Gesagten
nicht zweifelhaft sein: muß sich doch dieselbe Folge einstellen.
Z. B. der Ausdruck: „dieses wissen“ (ἐπίστασθαι τοῦτο, kann auch
heißen, daß dieses weiß) ist vieldeutig — er kann sagen wollen, daß
es selbst Wissen hat, dann, daß es selbst das Wissen betätigt, dann,
daß man ein Wissen von ihm hat, endlich, daß man ein Wissen von ihm
betätigt —, und darum würde man das Proprium von „dieses wissen“ nicht
richtig aufstellen, wenn man nicht bestimmte, wem es hier als Proprium
beiwohnen soll[75]. Bei der Behauptung dagegen ist darauf zu achten,
daß das, dessen Proprium man angibt, nicht vieldeutig, sondern eins und
einfach sei. Dann ist das Proprium in diesem Betracht richtig bestimmt.
So wäre der Mensch z. B., da man von Mensch nur in einem Sinne redet,
nach seiner Eigentümlichkeit richtig mit der Angabe bestimmt: ein von
Natur zahmes Sinnenwesen.

[Sidenote: 130b]

Sodann muß man, wenn es sich um die Widerlegung handelt, sehen, ob
man bei Angabe der Eigentümlichkeit mehrmals dasselbe sagt. Man tut
das oft, ohne es zu merken, bei den Propria grade so, wie bei den
Definitionen. Ein solches Proprium wäre nicht richtig aufgestellt.
Es muß den Hörer verwirren, mehrmals dasselbe zu vernehmen, und so
wird denn die Rede unklar, und außerdem scheint der Redende leeres
Geschwätz zu verführen. Es kann auf zweierlei Weise geschehen, daß man
mehrmals dasselbe sagt: einmal, wenn man dasselbe Wort wiederholt,
wie wenn man die Eigentümlichkeit des Feuers so bestimmte: es sei
der dünnste Körper unter den Körpern — hier hat man zweimal Körper
gesagt —; dann, wenn man statt der Wörter die Begriffe setzt, wie
wenn man z. B. die Eigentümlichkeit des Elementes der Erde mit der
Wendung bestimmte, die Substanz, die unter den Körpern am meisten nach
dem unteren Orte strebt, und dann statt: unter den Körpern, sagte:
unter den betreffenden (d. i. körperlichen) Substanzen. Denn Körper
und entsprechende Substanz ist eines und dasselbe. So hätte man denn
hier den Ausdruck Substanz zweimal verwandt. Es kann also keine der
beiden Eigentümlichkeiten richtig angegeben sein. Bei der Behauptung
dagegen ist darauf zu achten, daß man kein Wort wiederholt. Dann ist
das Proprium richtig bestimmt. Da man z. B. bei der Angabe, es sei dem
Menschen eigentümlich, wissensfähiges Sinnenwesen zu sein, kein Wort
mehr als einmal verwendet, so ist die Eigentümlichkeit des Menschen in
diesem Betracht richtig bestimmt.

Sodann muß man, wenn es sich um die Widerlegung handelt, sehen, ob der
Gegner bei Angabe der Eigentümlichkeit ein Wort, das allem zukommt
(eine transszendentale Bezeichnung) gebraucht hat. Eine Bezeichnung,
die nach keiner Seite eine Grenze zieht, wäre unbrauchbar, da der
Gegenstand durch das Proprium, nicht anders wie durch die Definitionen,
unterschieden werden muß. Mithin wäre die Eigentümlichkeit nicht
richtig angegeben. Wer z. B. die Eigentümlichkeit der Wissenschaft
dahin bestimmt, daß sie eine durch keine Gegengründe zu erschütternde
Meinung und ein Eines sein soll, verwendet für das Proprium etwas,
was allem zukommt, das Eine, und somit wäre die Eigentümlichkeit der
Wissenschaft nicht richtig angegeben. Bei der Behauptung dagegen
ist darauf zu achten, daß man keine gemeinsame, sondern eine nach
einer bestimmten Seite unterscheidende Bezeichnung verwendet. Dann
ist das Proprium in diesem Betracht richtig bestimmt. Wer z. B. als
Eigentümlichkeit des ζῷον (des Lebewesens mit Einschluß der Pflanzen)
den Besitz der Seele nennt, verwendet keine gemeinsame Bezeichnung, und
so ist die Eigentümlichkeit des Lebewesens in diesem Betracht durch das
Merkmal: Besitz der Seele, richtig bestimmt[76].

Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob einer mehrere
Eigentümlichkeiten desselben Dinges angegeben hat, ohne zu erklären,
daß er ihrer mehrere aufstellt. Das Proprium wäre dann nicht richtig
bestimmt. Wie bei den Definitionen außer dem das Wesen bezeichnenden
Begriff nichts weiter hinzukommen darf, so darf auch bei den Propria
außer dem das betreffende Proprium ausmachenden Begriff nichts
hinzugesetzt werden, da ein solcher Zusatz unnütz wäre. Wer es z. B.
die Eigentümlichkeit des Feuers sein läßt, daß es der feinste und
leichteste Körper ist, hat mehrere Propria genannt — denn beides kann
wahrheitsgemäß nur vom Feuer ausgesagt werden —, und darum wäre mit
dem Merkmal: der feinste und leichteste Körper, die Eigentümlichkeit
des Feuers nicht gut wiedergegeben. Bei der Behauptung dagegen ist
darauf zu achten, daß man nicht mehr als ein Proprium für dasselbe Ding
angibt. Wer z. B. sagt: Proprium des Feuchten ist: ein Körper, der sich
in jede Gestalt bringen läßt, hat nur eine Eigentümlichkeit genannt
und in diesem Betracht die Eigentümlichkeit des Feuchten richtig
bestimmt[77].




+Drittes Kapitel.+


[Sidenote: 131a]

Sodann muß man beim Widerlegen sehen, ob man eben das, dessen
Eigentümlichkeit man angeben soll, oder etwas unter ihm Begriffenes
verwandt hat. Dann wäre das Proprium nicht richtig angegeben. Man
gibt es ja an, damit der andere lerne. Nun aber wird es dadurch nicht
bekannter, daß man es selbst wieder nennt; und etwas unter ihm ist,
weil später als es selbst, ebenfalls nicht bekannter. Somit lernt
man durch solche Mittel nichts Neues. Wer z. B. sagt: Proprium des
Sinnen- oder Lebewesens (ζῷον) ist: eine Wesenheit, von der der Mensch
eine Spezies ist, verwendet etwas unter dem Lebewesen Begriffenes
und bestimmt somit das Proprium nicht richtig. Beim Behaupten aber
ist darauf zu achten, daß man es weder selbst noch etwas unter ihm
verwendet, dann gibt man in dieser Beziehung das Proprium richtig an.
Wer z. B. sagt: Proprium des Lebewesens ist: Kompositum aus Seele und
Leib, verwendet es weder selbst noch etwas unter ihm, und gibt somit
das Proprium von Lebewesen in diesem Betracht richtig an.

Auf dieselbe Weise muß man bei den anderen Bestimmungen zusehen, ob
sie den Gegenstand bekannter machen oder nicht[78], beim Widerlegen,
ob der Gegner nichts verwendet, was dem zu erklärenden Objekt
entgegengesetzt oder ihm von Natur gleichzeitig oder später als es
ist. Denn das Proprium ist dann nicht richtig bezeichnet. Gegensätze
sind von Natur gleichzeitig, und von Natur Gleichzeitiges und Späteres
macht kein Ding bekannter. Wer z. B., um die Eigentümlichkeit des
Guten anzugeben, sagt: der größte Gegensatz des Schlechten, verwendet
das Gegenteil des Guten und gibt darum seine Eigentümlichkeit nicht
richtig an. Beim Behaupten aber sehe man, daß man nichts verwende, was
Gegensatz oder überhaupt von Natur gleichzeitig oder später ist. In
diesem Betracht ist dann das Proprium recht bestimmt. Wer z. B., um die
Eigentümlichkeit der Wissenschaft anzugeben, sagt: die zuverlässigste
Meinung, verwendet keinen Gegensatz, kein von Natur Gleichzeitiges,
kein Späteres, und gibt darum in diesem Betracht die Eigentümlichkeit
der Wissenschaft richtig an.

[Sidenote: 131b]

Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob der Gegner das, was dem
Dinge nicht immer folgt oder ihm zuweilen nicht eigentümlich ist, als
Proprium angibt. Dann wäre das Proprium nicht richtig bezeichnet.
Einerseits würde für das Objekt, dem wir es zukommen sehen, nicht
auch der Name notwendig zutreffen, anderseits würde dem Objekt, dem
es nach unserer Beobachtung nicht zukommt, der Name nicht notwendig
abzusprechen sein. Zudem wäre es auch bei der Bestimmung der
Eigentümlichkeit nicht sicher, daß sie dem Dinge zukommt, da sie ihm
möglicherweise abgeht. Und so wäre das Proprium nicht einleuchtend.
Wer z. B. als Eigentümlichkeit des Sinnenwesens nennt: was sich je
und je bewegt und stillsteht, gibt eine Eigentümlichkeit an, die ihm
zuzeiten nicht eigentümlich ist, und stellt deshalb das Proprium
nicht richtig auf. Bei der Behauptung dagegen achte man darauf, als
Proprium anzugeben was notwendig immer ist. Dann ist das Proprium in
diesem Betracht richtig aufgestellt. Wer z. B., um die Eigentümlichkeit
der Tugend zu bestimmen, sagt: was seinen Inhaber gut macht, hat als
Proprium angegeben was immer folgt, und deshalb in diesem Betracht die
Eigentümlichkeit der Tugend richtig angegeben.

Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob der Gegner das, was
einem Ding nur für den Augenblick eigentümlich ist, angibt, ohne
es ausdrücklich zu sagen. Dann wäre das Proprium nicht richtig
aufgestellt. Erstens fordert das, was man gegen die Gewohnheit
tut, eine Erklärung; alle haben doch die Gewohnheit, mit Vorzug
dasjenige als Eigentümlichkeit zu bezeichnen, was einem Ding immer
folgt; und zweitens weiß man, wenn er es nicht sagt, nicht, ob einer
gerade das jetzt geltende Proprium aufstellen will. Man soll ja doch
keinen Vorwand zu einer Ausstellung bieten. Wer es z. B. für die
Eigentümlichkeit eines einzelnen Menschen erklärt hat, daß er bei
jemanden sitzt, stellt das jetzt gültige Proprium auf und hat darum das
Proprium nicht richtig angegeben, sofern er das nicht eigens gesagt
hat. Bei der Behauptung dagegen achte man darauf, daß man bei der
Angabe des jetzt gültigen Proprium das ausdrücklich sage. Dann ist es
in diesem Betracht richtig aufgestellt. Wer z. B. die Eigentümlichkeit
eines einzelnen Menschen dahin bestimmt, daß er jetzt spazieren geht,
macht seine Angabe mit Unterscheidung und stellt darum das Proprium
richtig auf.

Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob der Gegner etwas als
Proprium angegeben hat, was nur durch die Wahrnehmung als vorhanden
erkannt wird. Dann ist das Proprium nicht richtig aufgestellt. Denn
alles Wahrnehmbare wird ungewiß, wenn es der Wahrnehmung entzogen
wird. Man weiß dann, da es nur durch Wahrnehmung erkannt wird, nicht,
ob es dem Ding noch beiwohnt. Dies ist überall wahr, wo etwas seinem
Träger nicht notwendig immer folgt. Wer z. B. als Eigentümlichkeit
der Sonne angibt, daß sie der glänzendste über die Erde ziehende
Himmelskörper ist, hat mit der Eigentümlichkeit, daß sie über die Erde
zieht, ein Merkmal verwandt, das durch die Wahrnehmung erkannt wird,
und hat deshalb die Eigentümlichkeit der Sonne nicht richtig angegeben.
Denn wenn die Sonne untergegangen ist, weiß man nicht mehr, ob sie über
die Erde zieht, weil uns dann die Wahrnehmung im Stich läßt. Bei der
Behauptung dagegen achte man darauf, etwas als Proprium anzugeben, was
nicht durch die Wahrnehmung feststeht, oder, wenn auch wahrnehmbar,
doch offenbar seinem Träger notwendig beiwohnt. Dann ist das Proprium
in diesem Betracht richtig angegeben. Wer z. B. als Eigentümlichkeit
der Fläche angibt, daß sie die erste Trägerin der Farbe ist[79], hat
zwar mit dem Moment, Trägerin der Farbe, etwas Sinnliches verwandt,
aber ein solches, das seinem Subjekt offenbar immer beiwohnt, und
hat darum in diesem Betracht die Eigentümlichkeit der Fläche richtig
angegeben.

[Sidenote: 132a]

Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob der Gegner die Definition
als Proprium angegeben hat. Dann ist es nicht richtig aufgestellt.
Das Proprium darf nicht erklären, was ein Ding ist. Wer es z. B. als
Eigentümlichkeit des Menschen bezeichnet, daß er ein auf Füßen gehendes
zweibeiniges Sinnenwesen ist, hat etwas, was das Wesen des Menschen
angibt, für seine Eigentümlichkeit erklärt und hat sie darum nicht
richtig angegeben. Bei der Behauptung dagegen achte man darauf, als
Proprium etwas zu nennen, was wechselweise mit dem Subjekt ausgesagt
wird, aber nicht sein Wesen ausspricht. Dann ist das Proprium in
diesem Betracht richtig angegeben. Wer es z. B. als Proprium des
Menschen hinstellt, daß er ein von Natur zahmes Sinnenwesen ist, hat
ein Proprium angegeben, das wechselweise mit Mensch ausgesagt wird,
aber nicht sein Wesen ausspricht, und hat darum in diesem Betracht die
Eigentümlichkeit des Menschen richtig angegeben[80].

Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob der Gegner das Proprium
aufgestellt hat, ohne es in das Wesen einzureihen. Bei den Proprien muß
man, wie bei den Definitionen, zuerst die Gattung angeben, und dann
das übrige hinzusetzen und so die Abgrenzung vornehmen. Somit ist ein
nicht auf diese Weise aufgestelltes Proprium nicht richtig angegeben.
Wer es z. B. als Eigentümlichkeit des Sinnenwesens bezeichnet, daß
es eine Seele hat[81], hat das Sinnenwesen nicht in die Wesenheit
eingewiesen und hat deshalb die Eigentümlichkeit des Sinnenwesens
nicht richtig aufgestellt. Bei der Behauptung achte man darauf, das
Ding, dessen Proprium man bestimmt, in das Wesen einzureihen und das
übrige beizufügen. Dann hat man in diesem Betracht das Proprium richtig
angegeben. Wer es z. B. als Eigentümlichkeit des Menschen bezeichnet,
daß er ein des Wissens fähiges Sinnenwesen ist, hat das Proprium durch
Einstellung ins Wesen angegeben und hat deshalb in diesem Betracht die
Eigentümlichkeit des Menschen richtig aufgestellt.




+Viertes Kapitel.+


Ob also das Proprium gut angegeben ist oder nicht, muß nach diesen[82]
Gesichtspunkten ermittelt werden. Ob aber ein angegebenes Proprium
überhaupt ein solches ist oder nicht, muß man aus den folgenden
Gesichtspunkten entnehmen. Die Örter, die dartun, daß ein Proprium
schlechthin richtig aufgestellt ist, müssen dieselben sein mit denen,
die überhaupt das Proprium ergeben. Haben wir mithin diese bezeichnet,
so werden in und mit ihnen auch sie angegeben sein[83].

[Sidenote: 132b]

Erstens muß man also bei der Widerlegung bei jedem Ding, dessen
Eigentümlichkeit angegeben wird, zusehen, ob sie keinem zukommt, oder
ob sie für das Ding nicht auf Grund seiner eigentümlichen Natur
zutrifft, oder ob sie nicht jedem von den zu einer Gruppe gehörenden
Dingen nach derjenigen Natur eigen ist, deren Eigentümlichkeit
angegeben wird. In diesem Falle kann das vorgebliche Proprium es
nicht wirklich sein. Weil es z.B. bei dem Geometriker nicht zutrifft,
daß er durch keinen Grund getäuscht werden kann — der Geometriker
täuscht sich ja, wenn er falsche Figuren zeichnet —, so kann es
keine Eigentümlichkeit des Wissenden sein, daß er durch keinen Grund
getäuscht wird. Bei der Behauptung dagegen achte man darauf, daß die
Eigentümlichkeit sich bei allem und sofern es das Betreffende ist,
erwahre. Dann ist die vorgegebene die wirkliche Eigentümlichkeit. Weil
z. B. das Merkmal: wissensfähiges Sinnenwesen von jedem Menschen und
sofern einer Mensch ist, gilt, muß die Eigentümlichkeit des Menschen
wirklich darin liegen, daß er ein wissensfähiges sinnliches Wesen
ist[84].

Dies ist ein Gesichtspunkt für die Widerlegung, wenn man fragt, ob da,
wo bei einem Dinge der Name zutrifft, der Begriff es nicht tut, und da,
wo der Begriff zutrifft, der Name es nicht tut; desgleichen für die
Behauptung, wenn man fragt, ob da, wo der Name, auch der Begriff, und
da wo der Begriff, auch der Name von etwas ausgesagt wird.

Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob von wem der Name, von
dem nicht auch der Begriff, und ob von wem der Begriff, von dem nicht
auch der Name ausgesagt wird. Dann kann das vorgebliche Proprium nicht
das wirkliche sein. Weil z. B. das Merkmal: am Wissen teilhabendes
Lebewesen sich in Gott erfüllt, das Prädikat Mensch ihm aber nicht
beigelegt wird, so kann das Merkmal: am Wissen teilhabendes Lebewesen,
nicht die Eigentümlichkeit des Menschen bezeichnen[85]. Bei der
Behauptung aber muß man darauf sehen, ob auch von wem der Begriff, von
dem der Name, und von wem der Name, von dem der Begriff ausgesagt wird.
Dann wird Proprium sein was es nicht sein soll. Z. B., von wem es
wahr ist, daß es eine Seele hat, von dem ist es auch wahr, daß es ein
Lebendiges ist, und von wem es wahr ist, daß es ein Lebendiges ist, von
dem ist es wahr, daß es eine Seele hat, und darum drückt das Merkmal:
eine Seele haben, die Eigentümlichkeit des Lebendigen (ζῷον)[86] aus.

Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob der Gegner das Subjekt
als Proprium seiner Eigenschaft angibt. Dann kann das vorgebliche
Proprium nicht das wirkliche sein. Wer z. B. für das Proprium des
feinsten Körpers das Feuer ausgibt, gibt das Subjekt für das Proprium
des Attributes aus, und deshalb kann das Feuer nicht das Proprium des
feinsten Körpers sein. Das Subjekt kann aber darum nicht das Proprium
der Eigenschaft des Subjekts sein, weil das Nämliche das Proprium
mehrerer und der Art nach verschiedener Dinge sein würde. Denn dem
Nämlichen kommen mehrere der Art nach verschiedene Bestimmungen zu,
die von ihm allein ausgesagt werden und für die alle, bei solcher
Fassung des Proprium, das Subjekt das Proprium wäre. Bei der Behauptung
dagegen muß man darauf achten, das dem Subjekte Anhaftende als die
Eigentümlichkeit des Subjekts anzugeben. Dann wird dasjenige das
Proprium sein, was es nach dem Gegner nicht sein sollte, vorausgesetzt,
daß es von den Dingen ausschließlich ausgesagt wird, deren Proprium
es sein soll. Z. B. wer es als Proprium der Erde bezeichnet, daß sie
der der Art nach schwerste Körper ist, gibt die Eigentümlichkeit
des Subjekts an, die nur von diesem Ding gilt und als seine
Eigentümlichkeit ausgesagt wird, und hat deshalb die Eigentümlichkeit
der Erde richtig bestimmt.

[Sidenote: 133a]

Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob der Gegner das Proprium
nach der Teilnahme (der logischen Unterordnung unter eine Gattung)
angibt. Dann kann das vorgebliche Proprium nicht das wirkliche
Proprium sein. Was nach der Teilnahme angegeben wird, gehört mit zur
Quiddität des Dinges. Es wäre eine von einer einzelnen Art geltende
Differenz. Z. B. wer es als ein Proprium des Menschen bezeichnet, daß
er ein zweibeiniges gehendes Wesen ist, hat das Proprium nach der
Teilnahme angegeben, und deshalb kann zweibeiniges gehendes Wesen kein
Proprium des Menschen sein. Bei der Behauptung aber muß man darauf
achten, daß man das Proprium nicht nach der Teilnahme angebe und
nichts anführe, was die Quiddität bezeichnet, mit der das Ding selbst
wechselweise ausgesagt wird. Dann wird dasjenige das Proprium sein,
was es dem Gegner zufolge nicht sein sollte. Z. B. wer es als eine
Eigentümlichkeit des Sinnenwesens bezeichnet, daß es die natürliche
Anlage zur sinnlichen Wahrnehmung hat, hat weder die Eigentümlichkeit
nach der Teilnahme angegeben, noch das die Quiddität Bezeichnende
angeführt, mit dem das Ding selbst wechselweise ausgesagt wird, und
darum ist die natürliche Anlage zur sinnlichen Wahrnehmung eine
Eigentümlichkeit des Sinnenwesens.

Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob das Proprium nicht
gleichzeitig, sondern nur früher oder später als das Subjekt einer
Benennung sein kann. In diesem Falle ist das, was Proprium sein soll,
es nicht, entweder überhaupt nicht, oder doch nicht immer. Z. B. kann
es einem früher und auch später zukommen, auf dem Markte herumzugehen,
als Mensch zu sein[87], und deshalb ist es entweder überhaupt nie
oder doch nicht immer eine Eigentümlichkeit des Menschen, auf dem
Markte herumzugehen. Bei der Behauptung sehe man, daß das Betreffende
dem Subjekt notwendig immer gleichzeitig zukomme, ohne Definition
oder Differenz zu sein. Dann ist was nach dem Gegner nicht Proprium
sein sollte, es wohl. Z. B. das Merkmal: wissensfähiges sinnliches
Wesen findet sich notwendig immer gleichzeitig mit Mensch, ohne
Differenz oder Definition zu sein, und deshalb ist es ein Proprium des
Menschen[88].

Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob dasselbe als dasselbe
nicht dasselbe Proprium hat. In diesem Falle ist das, was ein Proprium
sein soll, es in Wirklichkeit nicht. Z. B. ist es kein Proprium des
Erstrebenswerten, manchen Menschen gut zu scheinen, und darum kann
das auch kein Proprium des Wählens- oder Wünschenswerten sein. Denn
erstrebens- und wünschenswert ist dasselbe. Bei der Behauptung dagegen
sehe man, ob dasselbe, sofern es dasselbe ist, dasselbe Proprium hat.
Dann ist das, was kein Proprium sein sollte, es trotzdem. Z. B. von dem
Menschen als Menschen gilt es als eine Eigentümlichkeit, eine dreifache
Seele zu haben, und deshalb muß eben dieses auch eine Eigentümlichkeit
des Sterblichen als Sterblichen sein. Dieser Ort läßt sich auch bei dem
Akzidenz verwenden. Denn demselben als demselben muß dasselbe beiwohnen
oder nicht beiwohnen.

[Sidenote: 133b]

Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob der Art nach Identisches
nicht immer der Art nach Identisches zu eigen hat. Dann kann die
vorgebliche Eigentümlichkeit auch nicht für das aufgestellte Subjekt
gelten. Mensch und Pferd sind z. B. der Art (Gattung) nach identisch.
Es ist aber dem Pferde nicht immer eigen, von selbst still zu stehen,
und darum ist es auch dem Menschen nicht eigen, sich von selbst zu
bewegen. Denn von selbst sich bewegen und von selbst still stehen ist
der Art nach identisch, da es jedem von beiden, dem Menschen und dem
Pferde, zukommt, sofern sie sinnliche Wesen sind. Bei der Behauptung
dagegen sehe man, ob das der Art nach Identische immer Identisches zu
eigen hat. Dann ist das, was nach dem Gegner kein Proprium sein sollte,
es trotzdem. Es ist z. B. dem Menschen eigen, ein zweibeiniges durch
Gehen sich fortbewegendes Sinnenwesen zu sein, und deshalb ist es auch
dem Vogel eigen, ein zweibeiniges durch Fliegen sich fortbewegendes
Sinnenwesen zu sein. Denn hier ist jedesmal jedes der Art nach
identisch, sofern Mensch und Pferd Arten derselben Gattung Sinnenwesen
darstellen, und zweibeiniges Gehendes und zweibeiniges Fliegendes
Differenzen der Gattung Sinnenwesen sind. Dieser Ort ist trügerisch,
wenn das eine von beiden nur einer, das andere vielen Arten zukommt,
wie bei dem Prädikat: vierbeiniges Gangtier.

[Sidenote: 134a]

Da man aber von dem Identischen und dem Verschiedenen in vielfachem
Sinne spricht, so ist es gegenüber einem Widersacher, der diese
Begriffe sophistisch nimmt, schwer, für eines und nur eines ein
Proprium anzugeben. Was einem Dinge zukommt, dem eine Bestimmung
mitfolgt, wird auch dem Mitfolgenden zukommen, wenn man es mit dem
zusammen nimmt, dem es mitfolgt. Z. B. wird das, was dem Menschen
zukommt, auch dem weißen Menschen zukommen, wenn der Mensch weiß ist,
und das, was dem weißen Menschen zukommt, wird auch dem Menschen
zukommen. Man kann nun aber die meisten Propria in verschmitzter Weise
unter dem Vorgeben anfechten, das Subjekt sei ein anderes an sich und
ein anderes mit dem Akzidenz, ein anderes sei z. B. der Mensch und
ein anderes der weiße Mensch; ein anderes sei ferner der Habitus und
wieder ein anderes das nach ihm benannte Subjekt. Denn was dem Habitus,
das müsse auch dem nach ihm benannten, und was diesem, auch jenem
zukommen. Weil z. B. dem Wissenden dieser Vorzug auf Grund des Wissens
zuerkannt werde, könne es dem Wissen nicht eigentümlich sein, daß kein
Grund gegen es aufkomme, weil auch gegen ihn keiner aufkommen kann.
Bei der Behauptung aber muß man betonen, daß das Subjekt das Akzidenz
und dieses selbst, mit ihm genommen, nicht schlechthin verschieden
ist, sondern nur insofern für je ein anderes ausgegeben wird, als der
Begriff beider verschieden ist. Denn Menschsein beim Menschen ist nicht
dasselbe, wie weißer Mensch sein beim weißen Menschen (die Attribute
sind begrifflich verschieden). Auch muß man auf die Wortbeugungen
sehen, und sagen, der Wissende sei nicht das, sondern der, die
Wissenschaft nicht das, sondern die, wogegen keine Gründe aufkommen.
Wer alle Instanzen anruft, muß sich auch alle Abwehrmittel gefallen
lassen.




+Fünftes Kapitel.+


Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob der Gegner, während er
das von Natur Vorhandene angeben will, dem Ausdrucke eine Fassung
gibt, nach der das immer Vorhandene bezeichnet wird. In diesem Falle
müßte das Proprium, das er aufgestellt hat, seinen Halt verlieren.
Wer es z. B. als eine Eigentümlichkeit des Menschen bezeichnet,
daß er zweibeinig ist, will zwar das von Natur Vorhandene angeben,
bezeichnet aber mit dem gewählten Ausdruck das immer Vorhandene, und
deshalb kann es dem Menschen in diesem Sinne nicht eigentümlich sein,
daß er zweibeinig ist. Denn es gibt auch Menschen, die keine zwei
Beine haben. Bei der Behauptung dagegen achte man, wenn man ein von
Natur vorhandenes Proprium angeben will, darauf, es auch im Ausdruck
entsprechend zu fassen. Dann kann es in diesem Betracht seinen Halt
nicht einbüßen. Wer es z. B. für ein Proprium des Menschen ausgibt,
daß er ein wissensfähiges Sinnenwesen ist, will nicht nur ein von
Natur vorhandenes Proprium bezeichnen, sondern trifft es auch mit dem
gewählten Ausdruck, und darum kann in diesem Betracht die Aufstellung,
daß der Mensch seiner Eigentümlichkeit nach ein der Wissenschaft
fähiges sinnliches Wesen ist, ihren Halt nicht verlieren.

Es ist auch schwer, von solchen Dingen, die entweder nach einem anderen
als Erstem benannt oder selbst als Erstes bezeichnet werden, das
Proprium anzugeben. Gibt man es von dem nach einem anderen Benannten
an, so wird es auch für das ursprüngliche Subjekt gelten, und stellt
man es für dieses auf, so wird es auch von jenem ausgesagt werden. Gibt
man z. B. das Gefärbtsein als Proprium der Fläche an, so wird es auch
für den Körper gelten, und gibt man es als Proprium des Körpers an, so
wird es auch von der Fläche ausgesagt werden. Wovon mithin der Begriff
(Gefärbtsein) als Proprium gilt, davon wird nicht auch der Name (Fläche
oder Körper) gelten.

Bei manchen Proprien kommt ein Fehler vor, weil man nicht bestimmt, wie
man das Proprium aufstellt und wessen Proprium es sein soll.

[Sidenote: 134b]

Alle suchen nämlich ein Proprium anzugeben, das entweder von Natur
vorhanden ist, wie beim Menschen die Zweibeinigkeit, oder tatsächlich,
wie bei einem gewissen Menschen, daß er vier Finger hat, oder der
Art nach, wie beim Feuer die höchste Feinheit, oder schlechthin, wie
beim Lebewesen, daß es lebt, oder auf Grund eines anderen, wie bei
der Seele die Klugheit, oder ursprünglich, wie bei dem verständigen
Teil der Seele wieder die Klugheit, oder auf Grund des Habens, wie bei
dem Wissenden, daß kein Gegengrund gegen ihn aufkommt — denn einzig
darum, weil er etwas Bestimmtes hat, kommt kein Grund gegen ihn auf
—, oder weil es gehabt wird, wie bei der Wissenschaft, weil wieder
kein Grund sie erschüttert, oder weil an ihm teilgenommen wird, wie
beim Sinnenwesen das Wahrnehmen — denn auch anderes, der Mensch z. B.,
nimmt sinnlich wahr, aber nur darum, weil er schon an ihm teilnimmt
—, oder endlich, weil man an ihm teilnimmt, wie bei einem gewissen
Lebewesen, daß es lebt.

[Sidenote: 135a]

Läßt man nun den Zusatz: von Natur, weg, so fehlt man, weil es
vorkommen kann, daß das von Natur Vorhandene dem Subjekt, dem es
von Natur beiwohnt, nicht beiwohnt, wie z. B. dem Menschen, daß er
zwei Füße hat. Erklärt man nicht, daß man das Vorhandene angibt, so
fehlt man, weil das Subjekt nicht so beschaffen ist, wie jetzt, wo
z. B. der Mensch vier Finger hat. Macht man nicht deutlich, daß man
etwas als Ursprüngliches oder als Abgeleitetes setzt, so wird wieder
gefehlt, weil davon, wovon der Begriff gilt, nicht auch der Name
gilt, wie z. B. beim Gefärbtsein, soll es nun die Eigentümlichkeit
der Fläche, oder die des Körpers ausmachen. Bemerkt man nicht zum
voraus, daß man das Proprium auf das Haben oder das Gehabtwerden
gründet, so ist es abermals gefehlt, weil es dann kein Proprium sein
kann. Denn wenn man das Proprium auf das Gehabtwerden gründet, wird
es (auch) dem Habenden, und wenn man es nach dem Habenden bestimmt,
(auch) dem Gehabten beiwohnen, wie z. B. daß kein Vernunftbeweis
dagegen aufkommt, wenn dieses Merkmal ein Proprium des Wissens oder
des Wissenden sein soll. Fügt man nicht bei, ob das Proprium sich auf
das Teilnehmen (des logisch Untergeordneten an dem Übergeordneten)
oder auf das Teilnehmenlassen (von seiten des Übergeordneten)
gründet, so wird es auch manchem anderen beiwohnen: gründet man es
auf das Teilnehmenlassen, dem Teilnehmenden, im umgekehrten Falle,
dem Teilnehmenlassenden, wie wenn man z. B. die Lebenstätigkeit als
Proprium eines einzelnen Sinnenwesens oder des Sinnenwesens (überhaupt)
bezeichnet. Läßt man weiterhin das Distinktivum: der Art nach, weg, so
wird das Proprium im ganzen Bereiche, dem es eigen sein soll, nur einem
zukommen; denn das Übermaß wird nur einem beiwohnen, wie beim Feuer
z. B. das Höchstmaß der Leichtigkeit. Zuweilen ist es aber auch dann
gefehlt, wenn man das: der Art nach, hinzusetzt. Denn bei einem solchen
Zusatz müßte das Betreffende auch wirklich nur eine Art ausmachen.
Das ist aber bei manchen Dingen, wie z. B. auch bei dem Feuer, nicht
der Fall. Es gibt nicht bloß eine Art von Feuer: Kohle, Flamme und
Licht sind zwar sämtlich Feuer, aber der Art nach verschieden. Das
betreffende Ding darf aber bei dem Zusatz: der Art nach, darum keine
weitere Art haben, weil die betreffende Eigentümlichkeit dem einen
mehr, dem anderen weniger zukommen wird, wie z. B. beim Feuer die
höchste Feinheit. Denn das Licht ist feiner als die Kohle und die
Flamme. Das darf aber nicht sein, wenn nicht auch der Name dem eher
zukommt, bei dem der Begriff sich eher erfüllt. Wenn nicht, so würde
dem, bei dem der Begriff sich eher erfüllt, nicht auch der Name eher
zukommen. Zudem wird noch die Folge sein, daß das Proprium dasselbe ist
für das, was den Namen schlechthin hat, und für das, was im Bereich des
schlechthin so Genannten die Eigentümlichkeit am meisten hat, wie es
beim Feuer mit dem Feinsten der Fall ist, da auch das Licht eben diese
Eigentümlichkeit haben wird.

Wenn also ein Anderer das Proprium so angibt, muß man ihn hierin
angreifen, ihm selbst aber darf man zu einer solchen Beanstandung
keinen Anlaß geben, sondern muß gleich bei Aufstellung des Proprium
bestimmen, in welcher Weise man es aufstellt.

Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob der Gegner das Ding selbst
als sein Proprium setzt. Dann kann das vorgebliche Proprium es nicht
wirklich sein. Denn jedes Ding zeigt durch sich selbst das Sein an,
was aber das Sein anzeigt, ist nicht Proprium, sondern Definition.
Wer z. B. sagt, das Proprium des Schönen (sittlich Guten) sei das
Geziemende, gibt das Ding selbst als sein Proprium an — denn schön
und geziemend ist dasselbe —, und daher kann das Geziemende nicht das
Proprium des Schönen sein. Bei der Behauptung dagegen achte man darauf,
statt das Ding selbst als sein Proprium anzugeben, etwas zu setzen, was
wechselweise mit ihm ausgesagt wird. So wird das, was kein Proprium
sein soll, es dennoch sein. Wer z. B. als Proprium des Sinnenwesens das
Merkmal setzt: Beseelte Substanz, gibt, statt das Ding selbst als sein
Proprium zu setzen, etwas an, was wechselweise mit ihm ausgesagt wird,
und darum muß beseelte Substanz das Proprium des Sinnenwesens sein[89].

[Sidenote: 135b]

Sodann muß man, wo es sich um Dinge aus gleichen Bestandteilen handelt,
bei der Widerlegung sehen, ob das Proprium des Ganzen nicht von dem
Teile gilt, oder ob das des Teiles nicht von dem Ganzen ausgesagt wird.
In diesem Falle kann das vorgebliche Proprium es nicht wirklich sein.
Dieses kann bei manchen Dingen vorkommen. Man kann bei Gleichteiligem
das Proprium angeben, indem man bald auf das Ganze sieht, bald sein
Augenmerk auf den Teil richtet. Keines von beiden ist dann richtig
angegeben. Handelt es sich um das Ganze, so kann man es z. B. als
die Eigentümlichkeit des Meeres bezeichnen, daß es die größte
Menge Salzwasser ist. Weil man aber dann zwar das Proprium eines
Gleichteiligen setzt, aber ein solches angibt, das nicht von dem Teile
gilt — denn ein einzelnes Meer ist nicht die größte Menge Salzwasser
—, so kann es kein Proprium des Meeres sein, daß es die größte Menge
Salzwasser ist. Handelt es sich aber um den Teil, so führt man etwa
als eine Eigentümlichkeit der Luft an, daß man sie einatmen kann. Weil
man aber dann zwar das Proprium eines Gleichteiligen nennt, aber ein
solches angibt, das zwar von einer bestimmten Luft gilt, aber nicht von
der Luft überhaupt — denn nicht jede Luft läßt sich einatmen —, so
kann es gewiß kein Proprium der Luft sein, daß man sie einatmen kann.
Bei der Behauptung dagegen muß man darauf sehen, daß das Proprium zwar
von jedem der Teile des Gleichteiligen wahr ist, ihnen aber auf Grund
des Ganzen eignet. Dann muß das, was dem Gegner zufolge nicht Proprium
sein sollte, es dennoch sein. Es gilt z. B. von aller Erde, daß sie
naturgemäß nach unten strebt, es ist das aber auch der einzelnen Erde
als Erde eigen, und deshalb ist es der Erde eigentümlich, daß sie von
Natur nach unten strebt.




+Sechstes Kapitel.+


Wo es sich sodann um Gegensätze handelt, ist erstens das Konträre ins
Auge zu fassen und bei der Widerlegung nach ihm zu urteilen, ob das
Konträre kein Konträres zum Proprium hat. Dann wird auch sein Konträres
kein Konträres zum Proprium haben. Von Gerechtigkeit ist z. B. das
konträre Gegenteil Ungerechtigkeit, und vom Besten das Schlechteste.
Nun ist es aber keine Eigentümlichkeit der Gerechtigkeit, daß sie
am besten ist, und deshalb kann es auch keine Eigentümlichkeit der
Ungerechtigkeit sein, daß sie am schlechtesten ist. Bei der Behauptung
dagegen muß man darauf achten, daß Konträres Konträres zum Proprium
habe. Dann muß auch sein Konträres Konträres zum Proprium haben. So
ist dem Guten das Schlechte und dem Wünschenswerten das zu Fliehende
konträr entgegengesetzt. Nun ist es aber dem Guten eigen, daß es
wünschenswert ist, und deshalb wird es dem Schlechten eigen sein, daß
man es fliehen muß.

Zweitens muß man nach dem Relativen urteilen, bei der Widerlegung,
ob das Relative kein Relatives zum Proprium hat. Dann wird auch sein
Relatives kein Relatives zum Proprium haben. So spricht man von doppelt
mit Bezug auf halb, und von übertreffend mit Bezug auf übertroffen.
Nun hat aber doppelt nicht zum Proprium übertreffend, und deshalb kann
halb nicht zum Proprium übertroffen haben. Bei der Behauptung muß man
darauf achten, daß Relatives Relatives zum Proprium habe. Dann muß das
auch bei seinem Relativum der Fall sein. So spricht man von doppelt mit
Bezug auf halb, und von zwei mit Bezug auf eines. Nun ist es aber dem
Doppelten eigen, daß es sich wie zwei zu eins verhält, und deshalb wird
es dem Halben eigen sein, daß es sich wie eins zu zwei verhält.

[Sidenote: 136a]

Drittens muß man bei der Widerlegung sehen, ob dem Habitus das nach
ihm Benannte nicht eigentümlich ist. Dann wird es auch der Beraubung
das nach ihr Benannte nicht sein. Und wenn der Beraubung das nach ihr
Benannte nicht eigentümlich ist, wird auch dem Habitus das nach ihm
Benannte es nicht sein. So wird es nicht als Eigentümlichkeit der
Taubheit bezeichnet, daß sie Anästhesie ist, und daher kann es auch
dem Hören nicht eigentümlich sein, daß es Wahrnehmung ist. Bei der
Behauptung sehe man, daß das nach dem Habitus Benannte ihm eigentümlich
sei. Dann wird auch das nach der Beraubung Benannte ihr eigentümlich
sein. Und wenn der Beraubung das nach ihr Benannte eigentümlich ist,
dann auch dem Habitus das nach ihm Benannte. So ist dem Gesicht das
Sehen eigentümlich, durch das wir diesen Sinn haben, und deshalb muß
es auch der Blindheit, der gemäß wir trotz der natürlichen Anlage kein
Gesicht haben, eigentümlich sein, daß man nicht sieht.

Sodann muß man nach der Kontradiktion urteilen, und zwar erstens
nach den Prädikaten selbst. Dieser Ort dient aber nur für die
Widerlegung. Es sei z. B. die Bejahung oder das bejahend Gesagte
einem Dinge eigentümlich, dann kann ihm nicht die Verneinung oder das
verneinend Gesagte eigentümlich sein. Und wenn ihm die Verneinung
oder das verneinend Gesagte eigentümlich ist, kann es ihm nicht die
Bejahung oder das bejahend Gesagte sein. Da dem Sinnenwesen z. B. die
Beseeltheit eigentümlich ist, so kann ihm nicht die Unbeseeltheit
eigentümlich sein.

Zweitens muß man urteilen nach dem, was ausgesagt oder nicht ausgesagt
wird, und nach dem, wovon es ausgesagt oder nicht ausgesagt wird, und
zwar muß man bei der Widerlegung sehen, ob die Bejahung der Bejahung
nicht eigen ist. Dann kann auch die Verneinung der Verneinung nicht
eigen sein. Und wenn die Verneinung der Verneinung nicht eigen ist,
kann auch die Bejahung der Bejahung nicht eigen sein. Da es z. B. keine
ausschließliche Eigenschaft des Menschen ist, daß er ein Sinnenwesen
ist, so kann es auch keine solche Eigenschaft des Nichtmenschen
sein, daß er kein sinnliches Wesen ist. Und wenn es als keine
Eigentümlichkeit des Nichtmenschen erscheint, daß er kein sinnliches
Wesen ist, so kann es auch keine Eigentümlichkeit des Menschen sein,
daß er ein sinnliches Wesen ist. Bei der Begründung muß man sehen,
ob die Bejahung der Bejahung eigentümlich ist. Dann muß es auch die
Verneinung der Verneinung sein. Ist aber die Verneinung der Verneinung
eigentümlich, so muß es auch die Bejahung der Bejahung sein. Da es
z. B. dem Nichtsinnenwesen eigentümlich ist, daß es nicht lebt, so muß
es dem Sinnenwesen eigentümlich sein, daß es lebt[90]. Und wenn es dem
sinnlichen Wesen eigentümlich erscheint, daß es lebt, so muß es dem
nichtsinnlichen Wesen eigentümlich erscheinen, daß es nicht lebt.

[Sidenote: 136b]

Drittens endlich muß man nach den Subjekten (der Aussage) selbst
urteilen, und zwar muß man bei der Widerlegung sehen, ob die angegebene
Eigentümlichkeit der Bejahung eigentümlich ist. Dann kann die nämliche
nicht auch der Verneinung eigentümlich sein. Und ist die angegebene
Eigentümlichkeit der Verneinung eigentümlich, so kann sie es nicht der
Bejahung sein. Da z. B. dem Lebewesen die Beseeltheit eigentümlich
ist, so kann sie es nicht dem Nichtlebewesen sein. Bei der Behauptung
folgt man dem Satz: Ist das Gegebene nicht der Bejahung, so ist es
der Verneinung eigen. Aber dieser Ort trügt. Die Bejahung ist der
Verneinung und die Verneinung der Bejahung nicht eigentümlich. Denn die
Bejahung kommt der Verneinung überhaupt nicht zu, die Verneinung aber
kommt der Bejahung zwar zu, aber nicht als Proprium[91].

Sodann kommt der Fall in Betracht, daß die Glieder einer Einteilung
denen einer anderen gegenüberstehen. Hier muß man bei der Widerlegung
sehen, ob sonst kein Glied der einen Einteilung einem Gliede der
anderen eigentümlich ist. Dann kann es auch das vorgebliche Glied dem,
dem es soll, nicht sein. Da z. B. sinnlich wahrnehmbares Lebewesen
keinem sterblichen Lebewesen als unterscheidende Eigentümlichkeit
zukommt, so kann intelligibles Lebewesen kein Proprium Gottes sein[92].
Bei der Behauptung muß man sehen, ob je ein Glied der einen je einem
der anderen Einteilung eigentümlich ist. Dann muß auch das noch übrige
Glied dem eigentümlich sein, dem es dem Gegner zufolge es nicht sein
sollte. So ist es der Klugheit eigen, daß sie von Natur eine Tugend
des verständigen, den anderen Tugenden, je für sich genommen, daß sie
ebenso Vorzüge eines bestimmten Seelenteils sind. Daher ist es der
Mäßigkeit eigen, daß sie von Natur Tugend des begehrenden Teils ist[93].




+Siebentes Kapitel.+


Sodann muß man nach den Beugungsfällen urteilen und muß bei der
Widerlegung sehen, ob der eine Fall dem anderen nicht eigentümlich ist.
Dann wird es auch der entsprechende Fall dem entsprechenden nicht
sein. So ist dem Gerechterweise das Sittlicherweise nicht eigentümlich,
und darum wird es auch dem Gerechten nicht das Sittliche sein. Bei der
Behauptung muß man sehen, ob der eine Fall dem anderen eigentümlich
ist. Dann wird es auch der entsprechende dem entsprechenden sein. So
wird es, da zweifüßiges Gehendes des Menschen Eigentümlichkeit ist,
auch dem Menschen eigentümlich sein, zweifüßiges Gehendes genannt
zu werde[94]. Man muß aber nicht bloß das, was den Beugungsfällen
untersteht, sondern auch seine Gegensätze ins Auge fassen, wie wir
auch schon bei den früheren Örtern bemerkt haben[95], und muß bei der
Widerlegung sehen, ob der Fall des Gegenteils dem seines Gegenteils
nicht eigentümlich ist. Dann wird es auch der des entsprechenden
Gegenteils dem des entsprechenden Gegenteils nicht sein. So ist dem
Gerechterweise das Tugendhafterweise nicht eigentümlich, und darum wird
es auch dem Ungerechterweise das Sündhafterweise nicht sein. Bei der
Behauptung muß man sehen, ob der Fall des Gegenteils dem des Gegenteils
eigentümlich ist. Dann wird es auch der des entsprechenden Gegenteils
dem des entsprechenden Gegenteils sein. So ist die Eigentümlichkeit
des Tugendhaften das Beste, und darum wird auch die des Sündhaften das
Schlechteste sein.

[Sidenote: 137a]

Sodann muß man nach dem urteilen, was sich ähnlich verhält, und bei der
Widerlegung sehen, ob das sich ähnlich Verhaltende in dem einen Falle
kein Proprium des sich ähnlich Verhaltenden ist. Dann wird es auch im
anderen keines sein. So verhält sich der Baumeister zur Herstellung
eines Hauses ähnlich wie der Arzt zur Herstellung der Gesundheit. Es
ist aber dem Arzte nicht eigentümlich, daß er die Gesundheit herstellt,
und deshalb auch dem Baumeister nicht, daß er ein Haus herstellt. Bei
der Behauptung muß man sehen, ob das sich ähnlich Verhaltende in dem
einen Falle ein Proprium des sich ähnlich Verhaltenden ist. Dann wird
es auch im anderen eines sein. So verhält sich der Arzt zu dem Merkmal:
ein Mann, der ein Hersteller der Gesundheit ist, ähnlich wie der
Lehrer der Gymnastik zu dem Merkmal: ein Mann, der ein Hersteller des
Wohlbefindens ist. Nun ist es aber eine Eigentümlichkeit des letzteren,
daß er ein Hersteller des Wohlbefindens ist, und daher wird es auch
eine Eigentümlichkeit des ersteren sein, daß er ein Hersteller der
Gesundheit ist[96].

Sodann nach dem, was sich gleich verhält, bei der Widerlegung, ob das
sich gleich Verhaltende kein Proprium des sich gleich Verhaltenden
ist. Dann wird auch das sich gleich Verhaltende kein Proprium des
sich gleich Verhaltenden sein. Ist aber das sich gleich Verhaltende
ein Proprium des sich gleich Verhaltenden, so doch nicht dessen,
dessen Proprium es sein soll. So verhält sich die Klugheit ebenso
zu dem sittlich Schönen wie zu dem sittlich Häßlichen, indem sie
die Wissenschaft von beiden ist. Es ist aber der Klugheit nicht
eigentümlich, daß sie die Wissenschaft des Schönen ist, und deshalb
kann es der Klugheit auch nicht eigentümlich sein, daß sie die
Wissenschaft des Häßlichen ist. Ist es der Klugheit aber eigentümlich,
daß sie die Wissenschaft des Schönen ist, so kann es ihr nicht
eigentümlich sein, daß sie die Wissenschaft des Häßlichen ist. Denn
das nämliche kann nicht mehreren eigentümlich sein. Für die Behauptung
läßt sich dieser Ort in keiner Weise verwenden. Denn das sich gleich
verhaltende Eine wird mit mehrerem verglichen[97].

[Sidenote: 137b]

Sodann, bei der Widerlegung: ob das nach dem Sein Gesagte (durch das
Hilfszeitwort sein mit dem Subjekt Verbundene) kein Proprium des nach
dem Sein Gesagten ist. Dann kann auch das Vergehen kein Proprium des
nach dem Vergehen, und das Werden kein Proprium des nach dem Werden
Gesagten sein. Da es z. B. kein Proprium des Menschen ist, daß er
ein Sinnenwesen ist, so kann es auch kein Proprium seines Werdens
sein, daß ein solches wird, oder seines Vergehens, daß eines vergeht.
Auf dieselbe Weise, wie nach dieser Regel vom Sein auf Werden und
Vergehen, muß man auch vom Werden auf Sein und Vergehen und vom
Vergehen auf Sein und Werden schließen. Bei der Behauptung dagegen, ob
dem nach dem Sein Gesagten das nach dem Sein Gesagte eigentümlich ist.
Dann wird auch dem nach dem Werden Gesagten das nach ihm, und dem nach
dem Vergehen Gesagten das nach diesem Angegebene eigentümlich sein. Da
es z. B. dem Menschen eigentümlich ist, daß er das sterbliche Wesen
ist[98], so muß es es auch seinem Werden sein, daß das sterbliche Wesen
wird, und seinem Untergang, daß es untergeht. Auf dieselbe Weise, wie
es für die Widerlegung angegeben worden ist, muß man aus dem Werden und
Vergehen auf das Sein, sowie auch auf die gedachte Übereinstimmung bei
dem Werden und Vergehen selbst, die Folgerung ziehen.

Sodann muß man auf die Idee des Dinges sehen und sich bei der
Widerlegung fragen, ob das Proprium ihr nicht, oder nicht insofern
zukommt, als sie das Ding, dessen Eigentümlichkeit man angibt,
vertritt. Dann kann das, was dem Ding eigentümlich sein soll, es nicht
wirklich sein. So kommt dem Menschen an sich die Ruhe nicht zu, sofern
er Mensch, sondern sofern er eine Idee ist, und deshalb kann die Ruhe
keine Eigentümlichkeit des Menschen sein. Bei der Behauptung muß man
sehen, ob das Proprium der Idee zukommt, und zwar insofern sie eben das
konkrete Ding vertritt, dem es nicht eigentümlich sein soll. Dann wird
das, was ihm nicht eigentümlich sein sollte, es doch sein. So kommt es
dem Sinnenwesen an sich, und sofern es Sinnenwesen ist, zu, daß es aus
Seele und Leib besteht, und deshalb muß dieses eine Eigentümlichkeit
des Sinnenwesens sein[99].




+Achtes Kapitel.+


[Sidenote: 138a]

Sodann nach dem Mehr und Minder, erstens, bei der Widerlegung: ob das
Mehr dem Mehr nicht eigentümlich ist. Dann wird es auch das Minder dem
Minder nicht sein, der tiefste nicht dem tiefsten, der höchste nicht
dem höchsten Grad, und das Schlechthin nicht dem Schlechthin. So ist
kein Mehr im Gefärbtsein Proprium eines Mehr im Körpersein, und deshalb
kann auch kein Minder dort Proprium eines Minder hier sein, und kein
Gefärbtsein schlechthin Proprium von Körper. Bei der Behauptung: ob das
Mehr dem Mehr eigentümlich ist. Dann muß es auch das Minder dem Minder
sein, der tiefste dem tiefsten, der höchste dem höchsten Grad, und das
Schlechthin dem Schlechthin. So ist einem Mehr im Lebendigsein ein Mehr
sinnlicher Wahrnehmung eigentümlich, und daher muß es auch einem Minder
im Lebendigsein ein Minder an Wahrnehmung sein[100], und dem höchsten
der höchste, dem tiefsten der tiefste Grad, und dem Schlechthin das
Schlechthin. Man muß aber auch aus dem Schlechthin auf eben diese
Bestimmungen schließen, und demgemäß bei der Widerlegung zusehen, ob
das Schlechthin dem Schlechthin nicht eigentümlich ist. Dann kann es
auch nicht das Mehr dem Mehr, der höchste dem höchsten und der tiefste
dem tiefsten Grade sein. So ist dem Menschen nicht die Tugendhaftigkeit
eigentümlich, und deshalb kann auch keinem Mehr des Menschen ein
Mehr der Tugend eigentümlich sein[101]. Bei der Behauptung: ob das
Schlechthin dem Schlechthin eigentümlich ist. Dann muß es auch das Mehr
dem Mehr sein, das Minder dem Minder und der höchste Grad dem höchsten
Grade. So ist es dem Feuer eigentümlich, daß es von Natur nach oben
strebt, und daher muß es auch dem, was mehr Feuer ist, eigentümlich
sein, daß es von Natur mehr nach oben strebt[102]. Auf dieselbe Weise
muß man aus den anderen Momenten auf alle diese Bestimmungen schließen.

Zweitens, bei der Widerlegung: ob das Mehr dem Mehr nicht eigentümlich
ist. Dann wird es auch das Minder dem Minder nicht sein. So ist
die Wahrnehmung dem Lebewesen eher eigentümlich, als dem Menschen
die Wissenschaft. Nun ist aber dem Lebewesen die Wahrnehmung nicht
eigentümlich, und daher auch dem Menschen nicht die Wissenschaft.
Bei der Behauptung: ob das Minder dem Minder eigentümlich ist. Dann
wird es auch das Mehr dem Mehr sein. So ist es dem Menschen minder
eigentümlich, daß er von Natur ein zahmes Wesen ist, als dem Lebewesen,
daß es lebt. Nun ist es aber dem Menschen eigentümlich, daß er von
Natur ein zahmes Wesen ist, also auch dem Lebewesen, daß es lebt[103].

Drittens, bei der Widerlegung: ob etwas dem, dem es eher eigen ist,
es nicht ist. Dann kann es auch dem nicht eigen sein, dem es weniger
eigen scheint. Ist es diesem aber eigen, dann nicht jenem. So ist
Gefärbtsein eher der Fläche als dem Körper eigen. Es ist es ihr aber
nicht. Somit kann es nicht dem Körper eigen sein. Ist es aber der
Fläche eigen, dann nicht dem Körper. Für die Begründung ist dieser Ort
nicht zu gebrauchen. Denn das nämliche kann nicht mehrerem eigentümlich
sein[104].

Viertens, bei der Widerlegung: ob das, was dem Ding eher eigen ist,
es nicht ist. Dann wird auch das es nicht sein, was ihm weniger eigen
scheint. So scheint dem Sinnenwesen das Wahrnehmbar eher eigen als das
Teilbar. Es ist ihm aber nicht eigen[105]. Mithin kann es ihm nicht
das Teilbar sein. Bei der Behauptung: ob was ihm minder eigen ist, ihm
eigen ist. Dann wird es ihm auch das sein, was es ihm eher ist. So
ist dem Sinnenwesen die Wahrnehmung minder eigen als das Leben. Die
Wahrnehmung ist ihm aber eigen. Also muß ihm das Leben eigen sein[106].

[Sidenote: 138b]

Sodann nach dem, was gleichmäßig beiwohnt, erstens, bei der
Widerlegung: ob das, was gleich eigen ist, dem nicht eigen ist, dem es
gleich eigen ist. Dann wird auch das, was gleich eigen ist, dem nicht
eigen sein, dem es gleich eigen ist. Wenn (ἐπεὶ) z. B. dem begehrenden
Seelenteil das Begehren gleich eigentümlich ist, wie dem denkenden Teil
das Denken, dem begehrenden Teil aber das Begehren nicht eigentümlich
ist, so kann es dem denkenden Teil nicht das Denken sein[107]. Bei
der Behauptung: ob das, was gleich eigen ist, dem eigen ist, dem es
gleich eigen ist. Dann wird auch das, was gleich eigen ist, dem eigen
sein, dem es gleich eigen ist. So ist es dem verständigen Teil gleich
eigentümlich, erstes Subjekt der Klugheit, wie dem begehrenden Teil,
erstes Subjekt der Mäßigkeit zu sein. Jenem ist aber das Genannte
eigentümlich, also auch dem begehrenden Teil, das erste Mäßige zu sein.

Zweitens, bei der Widerlegung: ob was einem Ding gleich eigen ist
(wie ein anderes), ihm nicht eigen ist. Dann wird ihm auch das nicht
eigen sein, was ihm gleich eigentümlich ist. So ist es dem Menschen
gleich eigen, zu sehen und zu hören. Es ist ihm aber nicht eigen, zu
sehen, also auch nicht zu hören. Bei der Behauptung: ob was ihm gleich
eigentümlich ist, ihm eigentümlich ist. Dann wird es ihm auch das sein,
was ihm gleich eigentümlich ist. So ist es der Seele gleich eigen,
erstes Subjekt des begehrenden, wie erstes Subjekt des denkenden Teils
zu sein. Es ist ihr aber eigen, erstes Subjekt des begehrenden Teils zu
sein. Daher muß es der Seele auch eigen sein, daß sie erstes Subjekt
des denkenden Teils ist.

Drittens, bei der Widerlegung: ob etwas dem, dem es gleich eigen ist,
nicht eigen ist. Dann wird es auch dem, dem es gleich eigen ist, nicht
eigen sein. Ist es ihm aber eigen, dann wird es dem anderen nicht eigen
sein[108]. So ist es der Flamme gleich eigen wie der Kohle zu brennen.
Es ist aber der Flamme nicht eigen zu brennen, und daher wird es der
Kohle nicht eigen sein zu brennen. Ist es ihr aber eigen, dann nicht
der Kohle. Für die Behauptung ist dieser Ort gar nicht verwendbar.

Der Ort aus dem sich gleich Verhaltenden unterscheidet sich von dem
anderen aus dem gleich sehr Zukommenden dadurch, daß dort nach dem
Verhältnis ohne Rücksicht auf das Zukommende geschlossen wird, während
man hier ein Ding darauf ansieht, ob es dem Subjekt zukommt oder nicht.




+Neuntes Kapitel.+


[Sidenote: 139a]

Sodann, bei der Widerlegung: ob der Gegner bei der Angabe dessen, was
einem Ding der Potenz nach eigen ist, dieses so Eigentümliche auch mit
Bezug auf Nichtseiendes angibt, wenn die Potenz dem Nichtseienden nicht
zukommen kann. Dann kann das behauptete Proprium kein wirkliches sein.
Wer es z. B. der Luft eigen sein läßt, daß sie respirabel ist, gibt das
potenziell Eigentümliche an — respirabel ist ja, was geatmet werden
kann —, gibt es aber auch mit Bezug auf Nichtseiendes an. Denn Luft
kann auch sein, wenn es kein von Natur zum Atmen der Luft veranlagtes
Tier gibt; dagegen ist kein Atmen möglich, wenn kein Tier ist, und so
kann es der Luft dann nicht eigen sein, daß sie geatmet werden kann,
wenn kein Tier ist, das sie atmen kann. Mithin kann es der Luft nicht
eigentümlich sein, daß sie respirabel ist. Bei der Behauptung: ob man
bei der Angabe dessen, was einem Ding der Potenz nach eigen ist, das
Proprium entweder mit Bezug auf Seiendes angibt, oder mit Bezug auf
Nichtseiendes, wenn die Potenz dem Nichtseienden zukommen kann. Dann
wird, was kein Proprium sein sollte, es dennoch sein. Wer es z. B. dem
Seienden eigen sein läßt, daß es leiden oder wirken kann, gibt zwar
potenziell Eigentümliches an, aber mit Bezug auf Seiendes. Denn zur
Zeit, wo es Seiendes ist, hat es auch das Vermögen, etwas zu leiden
oder zu wirken. Mithin muß es dem Seienden eigen sein, daß es leiden
oder wirken kann.

Sodann, bei der Widerlegung: ob der Gegner das Proprium durch den
Superlativ ausdrückt. Dann wird das, was Proprium sein soll, es nicht
sein. Denn gibt man es so an, so kann es einem begegnen, daß von dem,
wovon der Begriff gilt, der Name nicht gilt. Denn wenn auch das Ding
zugrunde gegangen ist, kann der Begriff gleichwohl fortbestehen, indem
er irgendeinem von dem, was noch ist, am meisten zukommt. Dieses gilt
z. B., wenn man es als Proprium des Feuers bezeichnet, daß es der
leichteste Körper ist. Denn wenn das Feuer zugrunde gegangen ist,
wird es doch einen unter den Körpern geben, der am leichtesten ist,
so daß das Feuer nicht die Eigentümlichkeit besitzt, der leichteste
Körper zu sein. Bei der Behauptung muß man sehen, daß man das Proprium
nicht durch den Superlativ ausdrückt. Dann wird es in diesem Betracht
richtig aufgestellt sein. Wenn man es z. B. als Proprium des Menschen
aufstellt, daß er von Natur ein zahmes sinnliches Wesen ist, so hat man
das Proprium nicht im Superlativ angegeben und hat es daher in diesem
Betracht richtig aufgestellt.




Sechstes Buch.




+Erstes Kapitel.+


Die Erörterung über die Definitionen hat fünf Teile.

Entweder ist es überhaupt nicht wahr, daß das, was den Namen hat,
auch unter den Begriff gehört — muß doch z. B. der Begriff Mensch
von jedem Menschen gelten —, oder man bringt das Ding, obwohl
eine Gattung vorhanden ist, nicht unter sie oder nicht unter die
eigentümliche Gattung — denn beim Definieren muß man das Ding in
eine Gattung gewiesen haben, um dann die Unterschiede hinzuzufügen,
da in der Definition die Gattung doch wohl am ersten das Wesen des zu
Definierenden wiedergibt, — oder der Begriff ist dem Ding nicht allein
eigen — die Definition muß, wie schon gesagt, dem Ding eigentümlich
sein —, oder man beobachtet alles Angegebene, definiert aber
gleichwohl nicht und bezeichnet die Quiddität des Dinges nicht. Dazu
kommt endlich der Fall, daß man zwar definiert, aber nicht so, wie man
soll.

[Sidenote: 139b]

Ob nun das, wovon der Name gilt, nicht ebenso in Wahrheit unter den
Begriff fällt, muß man nach den Örtern für das Akzidenz beurteilen.
Denn die ganze dortige Untersuchung gilt der Frage, ob die Aussage
wahr ist oder nicht. Zeigen wir, daß das Akzidenz dem Ding zukommt, so
sagen wir: es ist wahr, und zeigen wir, daß es ihm nicht zukommt, so
sagen wir: es ist nicht wahr. Ob man sodann das Ding nicht unter seine
besondere Gattung gebracht hat, oder ob ihm der aufgestellte Begriff
nicht eigentümlich ist, muß man aus den für Gattung und Proprium
angegebenen Örtern entnehmen.

So bleibt denn nur noch darzulegen, wie man es mit der Frage angehen
muß, ob man überhaupt nicht, oder doch nicht gut oder nicht so, wie man
soll, definiert hat. Hier gilt unsere Aufmerksamkeit zuerst der Frage,
ob man nicht gut definiert hat. Denn alles läßt sich leichter tun, als
gut tun. Hier wird also häufiger gefehlt werden, weil es schwerer ist,
und so muß der Angriff bei diesem Punkte leichter sein als bei jenem.

Nicht gut definieren kann man auf zweierlei Weise, einmal, wenn man
sich undeutlich ausdrückt — denn bei der Definition muß man so
deutlich wie möglich sein, da sie der Erkenntnis wegen gegeben wird
—, dann, wenn man in dem Begriffe mehr angibt, als nötig ist, da jede
weitere Zugabe zu der Definition überflüssig ist.

Jedes dieser beiden Momente zerfällt wieder in mehrere Teile.




+Zweites Kapitel.+


Ein erster Ort, um wegen Undeutlichkeit Einspruch zu erheben, liegt
vor, wenn die aufgestellte Definition eine Homonymie enthält, wenn
man z. B. sagt: Werden ist der Weg zum Sein, oder: Gesundheit ist der
Ausgleich von Wärme und Kälte. Weg und Ausgleich sind Homonyma, und so
weiß man nicht, welche von den Bedeutungen der doppelsinnigen Ausdrücke
gemeint ist.

Der gleichen Undeutlichkeit begegnet man, wenn das Definierte
vieldeutig ist und man nicht mit Unterscheidung von ihm spricht. Man
kann dann nicht wissen, ob die Definition dem einen oder dem anderen
gelten soll, und man kann in schikanöser Weise einwenden, daß der
Begriff nicht auf alles paßt, dessen Definition angegeben wird.
Dieses böswillige Verfahren läßt sich besonders dann anwenden, wenn
die Homonymie versteckt ist. Man kann aber auch selbst angeben, wie
viele Bedeutungen das durch die Definition Bestimmte hat, und so einen
Gegenschluß ziehen. Denn wenn der Begriff nach keiner der verschiedenen
Weisen gehörig erklärt wird, kann er offenbar auch nicht nach der Weise
bestimmt sein, die in Frage steht.

[Sidenote: 140a]

Ein anderer Ort ist gegeben, wenn der Gegner metaphorisch spricht, etwa
die Wissenschaft ein Unumstößliches sein läßt, oder die Erde eine Amme,
oder die Mäßigkeit einen Einklang. Jede Metapher ist undeutlich. Man
kann auch den, der von ihr Gebrauch macht, schikanieren, als habe er es
eigentlich gemeint. Dann wird die gegebene Bestimmung nicht passen, wie
z. B. bei der Mäßigkeit, da jeder Einklang in Tönen liegt. Auch müßte,
wenn Einklang Gattung für Mäßigkeit ist, das nämliche in zwei Gattungen
stehen, von denen keine die andere umfaßt. Denn der Einklang umfaßt
nicht die Tugend, und die Tugend nicht den Einklang.

Ferner: wenn man Worte verwendet, die durch keinen Gebrauch feststehen,
z. B. mit Plato das Auge wimpernumschattet sein läßt, oder die Spinne
voll Bissefäulnis, oder das Mark knochenentstammt. Alles Ungewöhnliche
ist undeutlich.

Einige Ausdrücke beruhen, ohne eigentliche zu sein, weder auf Homonymie
noch auf Übertragung, wie z. B. die Wendung: das Gesetz ist Maß oder
Bild des Naturrechts. Solche Ausdrücke sind schlimmer als die Metapher.
Die Metapher macht das durch die Ähnlichkeit Erklärte in gewisser Weise
bekannter. Denn wer sich einer Übertragung bedient, gebraucht sie auf
Grund irgendeiner Ähnlichkeit. Dagegen macht ein Ausdruck wie der
gedachte nichts bekannter, weil weder eine Ähnlichkeit vorliegt, auf
die hin das Gesetz Maß oder Bild sein könnte, noch es Brauch ist, so zu
reden, wenn man eigentlich sprechen will. Läßt man also das Gesetz im
eigentlichen Sinne Maß oder Bild sein, so sagt man die Unwahrheit. Denn
Bild ist etwas, dessen Entstehung auf Nachahmung beruht, was bei dem
Gesetze nicht zutrifft. Soll die Rede aber nicht im eigentlichen Sinne
gelten, so ist sie offenbar undeutlich und ein schlechterer Ausdruck
des Gedankens, als es eine Metapher nur sein kann.

Ferner: wenn aus der gebotenen Definition nicht der Begriff des
Konträren ersichtlich wird. Gut bestimmte Begriffe erklären auch ihr
Konträres.

Oder, wenn der Begriff, für sich angegeben, nicht klarmacht, was damit
definiert sein soll, sondern einen eher wie die Bilder der alten Maler
anmutet, wo man, wenn man es nicht darüber schrieb, nicht wußte, was
sie vorstellten.




+Drittes Kapitel.+


Ob demnach eine Definition nicht deutlich ist, muß man nach diesen und
ähnlichen Gesichtspunkten beurteilen.

Ob sie zu viel enthält, muß man erstens danach bemessen, ob der Gegner
eine zusätzliche Bestimmung gemacht hat, die entweder allem Seienden
überhaupt, oder allem mit dem Definierten zur selben Gattung Gehörigen
zukommt. Damit enthielte die Definition notwendig zu viel. Die Gattung
muß das Ding von den anderen Gattungen, die Differenz von dem, was in
derselben Gattung steht, absondern. Nun sondert aber das schlechthin
allem Zukommende einen Gegenstand von nichts ab, was aber allem in
derselben Gattung Stehenden zukommt, scheidet ihn nicht von dem zur
selben Gattung Gehörenden. Mithin hat ein solcher Zusatz keinen Zweck.

[Sidenote: 140b]

Oder man bemißt es danach, ob das hinzugesetzte Merkmal dem
Gegenstand zwar eigentümlich ist, der Rest der Beschreibung jedoch,
auch wenn der Zusatz wegbleibt, ihm eigentümlich ist und sein Wesen
ausspricht. So ist es im Begriff des Menschen überflüssig, das
Wissensfähig hinzuzusetzen[109]. Denn auch wenn man es wegläßt, ist
die übrigbleibende Beschreibung ihm eigentümlich und gibt sein Wesen
wieder. Kurz: überflüssig ist alles, was so wegbleiben kann, daß doch
der Rest das, was man definiert, erklärt. Diesen Mangel hat auch
die Definition der Seele, wenn sie eine sich selbst bewegende Zahl
sein soll. Denn schon das sich selbst Bewegende ist Seele, wie Plato
definiert hat. Oder das Letztgenannte ist zwar der Seele eigentümlich,
erklärt aber, wenn die Zahl wegbleibt, ihr Wesen nicht. Ob es sich so
oder so verhält, ist schwer auszumachen[110]. Jedenfalls muß man diesen
Ort bei allen derartigen Dingen verwenden, soweit es einen Nutzen
verspricht. So z. B. wenn die Definition für Schleim lauten soll:
erste unverdaute Feuchtigkeit aus der Nahrung. Das Erste ist eines,
nicht vieles, so daß der Zusatz: unverdaut, überflüssig scheint, da
die übrige Beschreibung der Sache ihr auch ohne ihn eigentümlich ist.
Denn es kann nicht gleichzeitig das Unverdaute und sonst noch etwas
aus der Nahrung Kommendes das Erste sein. Oder ist es hiermit etwa
so, daß der Schleim nicht schlechthin von dem Feuchten, was aus der
Nahrung entsteht, sondern von dem Unverdauten das Erste ist? Somit
dürfte dieser Zusatz nicht fehlen, und ohne ihn wäre der Begriff nicht
richtig, da der Schleim nicht das Erste von allem überhaupt ist.

Ferner danach, ob etwas in der Begriffsbestimmung nicht allem zur
selben Art Gehörigen zukommt. Wer sie so gibt, definiert schlechter,
als wenn man etwas allem Seienden Zukommendes in sie hineinbringt.
In letzterem Falle muß, wenn die sonstige Beschreibung eine
eigentümliche ist, es auch die ganze sein. Man mag zu dem Proprium
Wahres hinzutun, was man will, immer wird die ganze Bestimmung dem
Ding eigentümlich sein. Kommt aber etwas in der Begriffsbestimmung
nicht allen zur selbigen Art gehörigen Dingen zu, so kann die ganze
dem Objekt unmöglich eigentümlich sein: sie ist nicht mehr mit ihm
konvertibel. So z. B. die Definition: gehendes zweifüßiges vier Ellen
großes Lebendiges. Sie ist mit ihrem Gegenstand, dem Menschen, nicht
konvertibel, weil nicht allen zu ebendieser Art gehörenden Individuen
das Merkmal: vier Ellen groß, zukommt.

Wiederum: ob man mehrmals dasselbe sagt, indem man z. B. das Gelüste
als Verlangen nach Süßem oder Lustbringendem bezeichnet; denn jedes
Gelüste geht auf Lustbringendes, so daß das auch das mit ihm Identische
tun muß. So bekommen wir als Definition des Gelüstes: Verlangen nach
dem Lustbringenden. Es ist ja kein Unterschied, ob man sagt: Gelüste
oder Verlangen nach Lustbringendem, und es geht jedes von beiden auf
das Lustbringende.

[Sidenote: 141a]

Indessen möchte die Wahrheit sein, daß hierin nichts Unzukömmliches
liegt. Ist doch auch der Mensch ein zweifüßiges Wesen und wird es
daher auch das mit ihm Identische sein. Das ist aber: durch Gehen
sich bewegendes zweifüßiges Lebendiges. Er ist mithin ein durch Gehen
sich bewegendes zweifüßiges Lebendiges. Aber hieraus erwächst keine
Unzuträglichkeit. Denn das Zweifüßig wird nicht von gehendem Lebendigen
prädiziert — das wäre zweimal von dem nämlichen —, sondern es wird
von gehendem zweifüßigen Lebendigen gesagt, und demnach wird es nur
einmal prädiziert. Ebenso ist es mit dem Gelüste. Die Bestimmung:
„nach Lustbringendem“ wird nicht von dem Verlangen, sondern von dem
Ganzen ausgesagt, so daß die Aussage auch hier nur einmal gemacht wird.
Eine Unzukömmlichkeit liegt nicht darin, daß dasselbe Wort zweimal
ausgesprochen, sondern darin, daß von etwas mehrmals dasselbe gesagt
wird, wie es z. B. von Xenokrates geschieht, wenn ihm die Klugheit es
ist, die die Dinge bestimmt und betrachtet. Wer bestimmt, betrachtet
auch, so daß er mit dem Zusatz: „und betrachtet“ zweimal das nämliche
sagt. Denselben Fehler begeht man, wenn man die Erkältung die Beraubung
(Privation, στέρησις) der natürlichen Wärme sein läßt. Jede Beraubung
raubt, was von Natur da ist, und so ist der Zusatz: natürlich, müßig.
Es genügte zu sagen: Beraubung der Wärme, da schon der Ausdruck
Beraubung besagt, daß sie etwas Natürliches betrifft.

Wieder: ob man nach dem allgemeinen Ausdruck einen partikulären
hinzusetzt, die Epikie z. B. für eine Verkürzung des Nützlichen und
Gerechten erklärt. Das Gerechte ist doch etwas Nützliches und somit in
dem Nützlichen bereits einbegriffen. Es ist also müßig: man hat dem
allgemeinen Ausdruck einen partikulären beigegeben. Dasselbe geschieht,
wenn man die ärztliche Kunst zur Wissenschaft von dem macht, was für
Lebendes und Mensch gesund ist, oder das Gesetz zum Bilde dessen,
was von Natur sittlich und gerecht ist. Ist doch alles Gerechte ein
Sittliches, und demnach die Folge, daß man in einer solchen Definition
zweimal das nämliche sagt.




+Viertes Kapitel.+


Ob man demnach gut oder nicht gut definiert hat, ist nach diesen und
ähnlichen Gesichtspunkten zu beurteilen, ob man dagegen das Wesen
angegeben und bestimmt hat oder nicht, nach den folgenden.

[Sidenote: 141b]

Erstens muß man sehen, ob der Gegner die Definition nicht mittelst
früherer und bekannterer Begriffe gewonnen hat. Man definiert, damit
der fragliche Gegenstand erkannt werde. Wir erkennen aber etwas nicht
aus jedwedem, sondern aus Früherem und Bekannterem, nicht anders als
bei den Demonstrationen — denn das ist der Weg alles Lehrens und
Lernens —, und so erhellt denn, daß einer, der für die Definition
nicht solche Begriffe verwendet, nicht definiert hat. Sollte das nicht
gelten, so müßte ein und dasselbe Ding mehrere Definitionen haben. Denn
wer für die Begriffsbestimmung Früheres und Bekannteres verwendet,
hat offenbar besser definiert, und so gingen denn beide Definitionen
auf dasselbe. Das hat aber keinerlei Schein für sich. Für jedes Ding
ist sein wesenhaftes Sein eines. Sollte es daher für ein und dasselbe
mehrere Definitionen geben, so müßte das durch beide beschriebene Sein
des Definierten dasselbe sein. Das beiderseits beschriebene Sein ist
aber nicht dasselbe, da die Definitionen verschieden sind. Folglich hat
man offenbar nicht definiert, wenn man es nicht vermittelst früherer
und bekannterer Begriffe tut.

Ob nun eine Definition nicht auf bekannteren Begriffen fußt, läßt sich
in zweifacher Weise feststellen. Man muß sehen, ob sie aus Begriffen
gewonnen ist, die schlechthin, oder aus solchen, die für uns minder
bekannt sind. Denn beides kann der Fall sein. Schlechthin bekannter ist
das Frühere im Vergleich zum Späteren, so der Punkt im Vergleich zur
Linie, die Linie mit der Fläche, die Fläche mit dem Körper verglichen.
Desgleichen die Einheit gegenüber der Zahl. Denn die Einheit ist für
jede Zahl das Frühere und Prinzip. Ebenso ist es der Buchstabe für
die Silbe. Für uns dagegen ist es oft umgekehrt. Der Körper fällt am
meisten in die Sinne, die Fläche mehr als die Linie und die Linie mehr
als der Punkt. Denn die Menge lernt das Körperliche besser kennen, da
der erste beste es erfaßt, während das andere einen schärferen und
bevorzugten Verstand erfordert. Es ist nun ja schlechthin besser,
daß man das Spätere durch das Frühere zu erkennen sucht, weil diese
Weise mehr der Wissenschaft entspricht. Für diejenigen jedoch, die auf
solchem Wege nicht zur Erkenntnis gelangen können, ist es vielleicht
notwendig, den Begriff durch ihnen bekanntere Merkmale zu erklären.
Solcher Art sind die Definitionen des Punktes, der Linie und der
Fläche. Alle diese Begriffsbestimmungen erklären das Frühere aus dem
Späteren: sie sagen uns, daß das eine die Grenze der Linie, das andere
die der Fläche und das dritte die des Körpers ist.

Man bemerke aber wohl, daß solche Definitionen nicht das Wesen des
Definierten erklären können, wenn nicht dasselbe schlechthin und für
uns bekannter ist. Muß doch eine gute Definition mittelst der Gattung
und der Differenz zustande kommen. Diese beiden sind aber schlechthin
bekannter und früher als die Art. Denn Gattung und Differenz heben,
selbst aufgehoben, auch die Art auf. Sie sind mithin früher als sie.
Aber sie sind auch bekannter. Denn wenn man die Art kennt, kennt man
notwendig auch Gattung und Differenz — wer den Menschen kennt, kennt
auch Sinnenwesen und Zweifüßiges —; wenn man aber die Gattung oder
die Differenz kennt, kennt man nicht notwendig auch die Art. Die Art
ist mithin weniger bekannt.

[Sidenote: 142a]

Auch müssen die, die solche Bestimmungen aus dem, was der Einzelne
besser kennt, für eigentliche Definitionen erklären, folgerichtig
sagen, daß ein und dasselbe Ding viele Definitionen zuläßt. Dem einen
ist dieses, dem anderen jenes, nicht allen dasselbe bekannter, und so
hätte man für jeden eine andere Bestimmung nötig, wenn die Definition
aus dem erwachsen soll, was den Einzelnen bekannter ist.

Auch ist für dieselben Personen zu einer Zeit dieses, zu anderer
Zeit jenes bekannter, anfangs das Sinnliche, später mit zunehmender
Geistesschärfe das Entgegengesetzte, und so dürfte man selbst nicht für
die nämliche Person immer die nämliche Definition angeben, wenn die
Begriffsbestimmung aus dem hergestellt werden soll, was jedem bekannter
ist.

Es ist also klar, daß die Definition nicht auf solchen, sondern nur auf
schlechthin bekannteren Merkmalen fußen darf. Nur so gewinnt man immer
eine und dieselbe Begriffsbestimmung.

Vielleicht ist aber auch das schlechthin Bekannte nicht was allen,
sondern was Menschen mit einem guten Verstande bekannt ist,
gleichwie das schlechthin Gesunde ist was es für Leute mit guter
Körperbeschaffenheit ist.

Alle diese Punkte wollen scharf aufgefaßt und in der Disputation
nützlich verwandt sein, am leichtesten ist aber unstreitig eine
Definition zu entkräften, wenn der Gegner den Begriff weder aus dem
schlechthin, noch aus dem für uns Bekannteren abgeleitet hat.

So besteht denn eine Weise, nicht aus Bekannterem zu definieren, wie
jetzt ausgeführt worden ist, darin, daß man das Frühere durch das
Spätere bestimmt; eine andere hat man, wenn Ruhendes und Bestimmtes
durch Unbestimmtes und Bewegtes erklärt wird. Denn das Bleibende
und Bestimmte ist früher als das Unbestimmte und in Bewegung
Befindliche[111].

Es kann aber der Fehler, daß man nicht aus Früherem definiert, auf
dreifache Weise begangen werden: erstens, indem man das Gegenteil durch
das Gegenteil, z. B. das Gute durch das Schlechte, definiert. Denn das
Gegenteilige ist seiner Natur nach gleichzeitig. Manche sind aber auch
des Glaubens, daß die Wissenschaft der beiden Opposita dieselbe und
demnach auch das eine nicht bekannter als das andere sei[112].

Man bemerke aber, daß manches sich vielleicht nicht anders definieren
läßt, wie z. B. das Doppelte nicht ohne das Halbe und alles, was an
sich relativ ist. Denn für alles solche besteht das Sein gleichmäßig in
einem bestimmten Verhalten zu etwas, so daß man das eine unmöglich ohne
das andere kennen kann, weshalb auch in der Definition des einen das
andere mit einbegriffen ist.

Man muß also alle diese Regeln kennen und sie so verwenden, wie es
einem nützlich scheint.

[Sidenote: 142b]

Eine zweite Form dieses Verstoßes liegt vor, wenn man das Definierte
selbst verwendet. Dieser Fehler versteckt sich aber, wenn man nicht
seinen Namen selbst verwendet, indem man z. B. die Sonne als den am
Tage leuchtenden Himmelskörper definiert. Wer Tag sagt, sagt Sonne. Um
einen solchen Schnitzer aufzudecken, muß man an die Stelle des Namens
den Begriff setzen, daß z. B. der Tag die Bewegung der Sonne über die
Erde ist. Es ist klar, daß man Sonne sagt, wenn man sagt: die Bewegung
der Sonne über die Erde, und demnach hat man die Sonne verwandt, wenn
man den Tag verwendet.

Drittens fehlt man so, wenn man von den zwei Gliedern einer Einteilung
das eine durch das andere definiert, z. B. ungrad als um eins größer
als grad. Die Teile derselben Gattung sind von Natur zugleich; ungrad
und grad sind aber solche Teile: beide sind Unterschiede der Zahl.

Ähnlich fehlt man, wenn man das Übergeordnete durch das Untergeordnete
definiert, z. B. die grade Zahl als eine solche, die sich halbieren
läßt, oder das Gute als einen tugendhaften Habitus (Verfassung).
Halbieren muß begrifflich von zwei abgeleitet werden, das grade ist,
und die Tugend ist etwas Gutes, und so sind die beiden zur Erklärung
gebrauchten Momente dem zu Erklärenden untergeordnet. Auch muß, wer das
Untergeordnete gebraucht, auch das, dem es das ist, gebrauchen: wer das
Moment Tugend gebraucht, gebraucht das des Guten, da die Tugend ein
Gut ist; ebenso gebraucht, wer halbieren sagt, den Begriff grad, da
halbieren in zwei Teile zerlegen heißt, und zwei grade ist.




+Fünftes Kapitel.+


Der Fehler, daß man die Definition nicht von Früherem und Bekannterem
nimmt, macht im ganzen einen Ort aus, dessen Teile wir angegeben haben.

Ein zweiter Ort ist, wenn das Ding in einer Gattung steht und man es
nicht in ihr unterbringt. Diesen Fehler haben alle Definitionen, die
nicht die Quiddität des Begriffes vorlegen, wie die Definition des
Körpers: das Dreidimensionale, oder wenn man den Menschen definierte:
was zu rechnen versteht. Hier fehlt die Angabe, was das ist, das drei
Dimensionen hat oder zu rechnen versteht. Was aber die Quiddität
anzeigen will, ist die Gattung: sie muß in der Definition voranstehen.

[Sidenote: 143a]

Ferner: wenn das Definierte für mehreres Geltung hat und man gleichwohl
nicht alles, wofür es gilt, angibt, wenn man z. B. die Grammatik als
die Fertigkeit bestimmt, Vorgetragenes zu schreiben. Es gehört dazu
noch: und die Fertigkeit zu lesen. Die Fertigkeit zu schreiben gehört
nicht mehr in die Definition als die Fertigkeit zu lesen, und so hat
man weder wirklich definiert, wenn man bloß das eine, noch wenn man
bloß das andere, sondern nur, wenn man beides sagt. Es kann ja doch
für Eines nicht mehr als eine Definition geben. Oft ist es nun in
Wahrheit so, wie angegeben, in manchen Fällen jedoch wieder nicht,
und zwar immer, wenn eine Bestimmung nicht an und für sich für beides
gilt, wie z. B. für die Heilkunde, daß sie Gesundheit und Krankheit
bewirkt. Sie bewirkt das eine an sich, sofern sie Heilkunde ist, das
andere per accidens (mitfolgend). Denn schlechthin ist es der Medizin
fremd, daß sie Krankheit bewirkt. Mithin ist die Definition, die beide
Seiten hervorhebt, nicht eher eine wirkliche Begriffsbestimmung, als
die andere, die nur eine Seite berücksichtigt, sondern selbst wohl noch
weniger, da auch jeder Nichtarzt krank machen kann.

Ferner: wenn das Definierte für mehreres gilt, wovon man statt des
Besseren das Schlechtere angibt. Jede Wissenschaft und Kunst geht doch
wohl auf das Beste, was sie weiß und kann[113].

Ob hinwieder etwas nicht in seine eigentümliche Gattung zu stehen
gekommen ist, muß man nach den oben entwickelten Grundregeln über die
Gattungen beurteilen.

Ferner: wenn man beim Definieren die Gattungen übergeht[114], z. B.
die Gerechtigkeit definiert als Gleichheit herstellenden oder Gleiches
zuteilenden Habitus. Wer so definiert, übergeht die Tugend und gibt
somit, da er die Gattung für Gerechtigkeit ausläßt, ihr Wesen nicht
an. Denn das Wesen ist für jedes Ding an seine Gattung gebunden. Es
ist das dieselbe Weise wie jene, wo das Objekt nicht unter die nächste
Gattung gebracht wird. Eine Bestimmung, die das Objekt unter die
nächste Gattung bringt, gibt damit alle höheren an, da diese sämtlich
von den niederen Gattungen ausgesagt werden. Man muß demnach entweder
den Begriff unter die nächste Gattung bringen, oder der höheren Gattung
alle Differenzen beigeben, wodurch die nächste Gattung bestimmt wird.
Denn so läßt die Definition nichts aus, sondern gibt statt des Namens
den Begriff der niederen Gattung an. Eine Bestimmung dagegen, die nur
die höhere Gattung selbst angibt, gibt nicht auch die niedere an. Denn
wer Pflanze sagt, sagt nicht Baum.




+Sechstes Kapitel.+


Ebenso ist wieder bei den Differenzen darauf zu achten, ob die
Definition auch die Differenzen der Gattung angibt. Enthält sie nicht
die eigentümlichen Differenzen der Gattung, oder gibt sie gar etwas an,
was für keinen Gegenstand eine Differenz bilden kann, wie das Merkmal
Lebendiges oder Substanz, so wird offenbar nicht definiert, weil solche
Merkmale überhaupt keine Differenz bilden.

[Sidenote: 143b]

Man muß aber auch sehen, ob die angegebene Differenz ein Gegenteil
hat. Ist es nicht der Fall, so kann sie offenbar keine Differenz der
Gattung sein. Denn jede Gattung zerfällt in gegenteilige Differenzen,
so z. B. Sinnenwesen (ζῷον) in Gangtier, Flugtier, Wassertier und
Zweifüßig (Mensch). Oder ob eine gegenteilige Differenz zwar da ist,
aber für die Gattung nicht gilt. Denn dann kann offenbar keine von
beiden Differenz der Gattung sein, weil alle gegenteiligen Differenzen
für die eigentümliche Gattung gelten. Ebenso, ob sie gilt, aber keine
Art bildet, wenn man sie der Gattung beigibt. Dann kann sie offenbar
auch keine spezifische (artbildende) Differenz der Gattung sein. Denn
jede spezifische Differenz bildet zusammen mit der Gattung eine Art.
Ist sie aber keine Differenz, dann auch die vorgebliche nicht, da sie
ihr Gegenteil ist.

Es ist ferner ein Fehler, wenn man die Gattung durch Negation einteilt,
wie wenn man z. B. die Linie dahin bestimmt, daß sie eine Länge ohne
Breite sei. Denn das heißt nichts anderes, als daß sie keine Breite
hat. Es müßte dann folgerichtig die Gattung an der Art teilnehmen.
Denn jede Länge hat entweder keine Breite oder wohl, da von jedem
Ding entweder die Bejahung oder die Verneinung gilt, und so muß auch
die Gattung der Linie als Länge entweder ohne Breite sein oder Breite
haben. Nun ist aber Länge ohne Breite Begriff der Art, aber ebenso
auch Länge, die Breite hat. Denn ohne Breite und Breite habend sind
Differenzen, und aus Differenz und Gattung besteht der Artbegriff.
Mithin träte die Gattung unter den Begriff der Art. Aber ebenso auch
unter den der Differenz, da die andere Differenz notwendig von der
Gattung ausgesagt wird.

Dieser Ort ist gegen die verwendbar, die das Dasein von Ideen
behaupten. Gibt es eine Länge an sich, wie kann man da die Gattung eine
Breite oder keine haben lassen? Es müßte ja von aller Länge nur eins
von beiden gelten, wenn es von der Gattung gelten soll. Es ist aber
nicht wahr, da es Längen ohne und mit Breite gibt. So ist denn dieser
Ort nur gegen die verwendbar, die die Gattung der Zahl nach eine sein
lassen, wie die Verteidiger der Ideen, die eine Länge an sich und ein
Sinnenwesen an sich zur Gattung machen[115].

[Sidenote: 144a]

Bei einigen Dingen ist man aber vielleicht gezwungen, für die
Definition auch die Verneinung zu verwenden, so z. B. bei den
Privationen. Denn blind ist, was kein Gesicht hat, zur Zeit wo es von
Natur es haben sollte. Es macht aber keinen Unterschied, ob man die
Gattung durch Verneinung oder durch eine Bejahung einteilt, deren
Gegenteil notwendig eine Verneinung ist, wie wenn man definiert: eine
Länge, die Breite hat. Denn von dem, was Breite hat, ist das Gegenteil,
was keine hat, und sonst nichts, und so wird hier die Gattung wieder
durch Verneinung eingeteilt.

Ferner: wenn man statt der Differenz die Art angibt, etwa die
Beschimpfung als eine Unbilde mit Verspottung definiert. Die
Verspottung ist eine bestimmte Unbilde, mithin nicht Differenz, sondern
Art.

Ferner, wenn man statt der Differenz die Gattung setzt, die Tugend etwa
eine gute oder rechtschaffene Verfassung nennt. Gut ist Gattung von
Tugend.

Doch möchte vielleicht gut nicht Gattung sein, sondern Differenz,
wofern es wahr ist, daß das nämliche nicht in zwei Gattungen stehen
kann, deren keine die andere umfaßt. Verfassung ist nicht in gut, und
gut nicht in Verfassung begriffen. Denn nicht jede Verfassung ist gut,
und nicht alles Gute Verfassung. Folglich sind nicht beide Gattungen.
Wenn nun Verfassung Gattung von Tugend ist, so ist gut offenbar
nicht Gattung, sondern vielmehr Differenz. Auch zeigt Verfassung an,
was die Tugend ist, gut dagegen zeigt keine Quiddität, sondern eine
Qualität an. Nun dürfte es aber grade eine Qualität sein, die durch die
Differenz angezeigt wird.

Man muß auch sehen, ob die angegebene Differenz kein Qualitatives,
sondern ein Dieses bezeichnet. Jede Differenz scheint ein Qualitatives
anzuzeigen.

Man muß auch darauf achten, ob die Differenz dem Definierten
akzidentell zukommt. Keine Differenz, wie auch die Gattung nicht,
gehört zu den Akzidenzien: von der Differenz darf es nicht gelten, daß
sie einem Dinge ebensogut zukommen wie nicht zukommen kann.

Ferner: wenn die Differenz oder die Art oder etwas der Art
Untergeordnetes von der Gattung ausgesagt wird, hat man nicht
definiert. Nichts von alledem kann der Gattung zukommen, da sie einen
größeren Umfang hat als alles dieses.

[Sidenote: 144b]

Ferner: wenn die Gattung von der Differenz ausgesagt wird. Die Gattung
scheint nicht von der Differenz, sondern von dem ausgesagt zu werden,
dem die Differenz beigelegt wird, so das Sinnenwesen von Mensch, Ochs
und den anderen Gangtieren, nicht von der spezifischen Differenz
selbst. Denn soll von jeder Differenz Sinnenwesen gesagt werden,
so würden viele Sinnenwesen von der Art ausgesagt werden, da die
Differenzen von der Art ausgesagt werden. Auch sind alle Differenzen
entweder Arten oder Individuen, wofern sie Sinnenwesen sein sollen.
Denn jedes sinnliche Wesen ist entweder Art oder Individuum[116].

Ebenso muß man sehen, ob die Art oder etwas der Art Untergeordnetes
von der Differenz ausgesagt wird. Das ist unmöglich, da die Differenz
einen weiteren Umfang hat als die Arten. Auch würde folgen, daß die
Differenz eine Art wäre, indem ja eine von den Arten von ihr ausgesagt
wird. Denn wenn Mensch von ihr ausgesagt wird, so ist sie offenbar
Mensch[117].

Wiederum: ob die Differenz nicht früher ist als die Art. Die Differenz
muß später sein als die Gattung, aber früher als die Art[118].

Auch muß man sehen, ob die angegebene Differenz noch einem anderen als
dem in der Definition angeführten Genus, das weder in ihm enthalten
ist, noch es enthält, zukommt. Dieselbe Differenz scheint nicht zweien
Gattungen zuzukommen, deren keine die andere enthält. Sonst wäre die
Folge, daß auch dieselbe Art zu zweien Gattungen gehörte, deren keine
die andere enthielte. Denn jede Differenz bringt die ihr eigene Gattung
mit sich, wie z. B. Gehend und Zweifüßig das Sinnenwesen. Wovon also
die Differenz, davon wird auch jedes der beiden Genera ausgesagt, und
so stände die Art offenbar unter zweien sich nicht umfassenden Genera.
— Oder ist es vielleicht nicht unmöglich, daß dieselbe Differenz zweien
sich nicht umfassenden Gattungen zukommt, und muß man vielmehr noch
beifügen: zweien Gattungen, die auch nicht beide unter +einer+ höheren
Gattung stehen? Gehendes Sinnenwesen und fliegendes Sinnenwesen sind
Gattungen, die sich nicht umfassen, und ihrer beiden Differenz ist
das Merkmal zweifüßig. Man muß mithin beifügen: die auch nicht beide
unter +einer+ höheren Gattung stehen, da diese beide unter der Gattung
Sinnenwesen stehen. Es ist auch klar, daß, da dieselbe Differenz zweien
sich nicht umfassenden Gattungen zukommen kann, sie deshalb doch nicht
notwendig jede ihre eigene Gattung mit sich bringt, sondern nur eine
von beiden und die ihr übergeordnete, wie z. B. zweifüßig fliegendes
oder gehendes Sinnenwesen mit sich bringt.

[Sidenote: 145a]

Man muß sein Augenmerk auch darauf richten, ob man als
Wesensunterschied angibt, daß etwas in einem ist. Eine Wesenheit kann
sich doch von einer anderen Wesenheit nicht dadurch unterscheiden, daß
ihr Subjekt da ist oder dort. Daher tadelt man es auch, wenn Tier in
Land- und Wassertier eingeteilt werden soll, da Land- und Wassertier
auf das Wo des Aufenthalts hinweise. Oder ist vielleicht der Tadel in
diesem Punkte nicht berechtigt? Besagt doch Wassertier nicht, daß etwas
in einem oder irgendwo ist, sondern daß es eine bestimmte Qualität hat.
Ein Tier ist ein Wassertier, auch wenn es auf dem Lande ist, und ebenso
ist ein Landtier ein Landtier und kein Wassertier, wenn es auch im
Wasser ist. Aber gleichwohl hat man, falls die Differenz etwa besagt,
daß etwas in einem ist, offenbar gefehlt.

Wiederum: ob man die passive Qualität als Differenz angegeben hat[119].
Durch jede solche Qualität tritt, wenn sie gesteigert wird, ihr
Subjekt aus seiner Wesenheit heraus. Aber der Differenz ist eine
solche Wirkung nicht eigen. Sie muß doch ihr Subjekt eher erhalten,
und es muß schlechterdings unmöglich erscheinen, daß etwas ohne seine
eigentümliche Differenz ist. Denn wenn kein Gehendes ist, kann kein
Mensch sein. Es kann überhaupt nichts, worin ein Subjekt qualitativ
verändert wird, seine Differenz sein. Denn durch alles Derartige tritt,
wenn es gesteigert wird, das Ding aus seiner Wesenheit heraus. Mithin
hat man, wenn man irgendeine solche Differenz angibt, gefehlt. Denn
es gibt überhaupt auf dem Boden der Differenzen keine qualitativen
Veränderungen für uns.

Und: ob man die Differenz eines Relativen ohne den Terminus der
Relation angegeben hat. Das Relative hat auch relative Differenzen, wie
z. B. die Wissenschaft. Man unterscheidet die theoretische, praktische
und poietische (hervorbringende) Wissenschaft, deren jede eine
Relation, eine Beziehung, besagt. Die theoretische Wissenschaft ist
Wissenschaft von etwas (dem Theoretischen) und die poietische von etwas
und die praktische von etwas.

Man muß auch darauf achten, ob der Definierende das angibt, wozu
das jeweilige Relative von Natur da ist. Manches Relative läßt sich
nur für das gebrauchen, wozu es von Natur da ist, und für sonst
nichts, manches wieder auch noch für anderes. Das Gesicht kann man
nur zum Sehen gebrauchen, mit dem Striegel wohl auch Wasser schöpfen.
Gleichwohl fehlte man, wollte man den Striegel als ein Gerät zum
Schöpfen definieren. Denn dafür ist er von Natur nicht da. Fragt man
für den Ausdruck: wozu es von Natur da ist, nach einer Definition,
so wäre sie: wozu der Kluge als Kluger und die jeweilige besondere
Wissenschaft es gebraucht.

Oder: ob man etwas nicht auf sein erstes Subjekt zurückgeführt hat,
wenn es mit Bezug auf mehrere Subjekte ausgesagt wird, ob man z. B.
die Klugheit für eine Tugend des Menschen oder der Seele, und nicht
für eine Tugend des Denkvermögens ausgegeben hat. Die Klugheit ist an
erster Stelle eine Tugend des Denkvermögens, und erst mit Rücksicht auf
dieses spricht man sie auch der Seele und dem Menschen zu.

[Sidenote: 145b]

Man hat auch gefehlt, wenn das, dem die definierte Affektion,
Verfassung und dergleichen zukommen soll, nicht ihr aufnehmendes
Prinzip sein kann. Jede Verfassung und jede Affektion entsteht ja
doch naturgemäß in dem, was sie hat, die Wissenschaft z. B. in der
Seele, deren Verfassung sie ist. Hierin fehlt man nun zuweilen, z. B.
wenn man sagt, der Schlaf sei ein Unvermögen des Sinnes, der Zweifel
das Gleichgewicht konträrer Schlüsse, der Schmerz ein gewaltsames
Auseinanderziehen von Teilen, die naturgemäß zusammengehören.
Der Schlaf kommt nicht dem Sinne zu, was er doch müßte, wenn er
ein Unvermögen des Sinnes ist. Und ebenso kommt auch der Zweifel
nicht konträren Schlüssen zu und der Schmerz nicht den naturgemäß
zusammengehörenden Teilen. Es müßte ja das Seelenlose Schmerz fühlen,
wenn ihm der Schmerz beiwohnen soll. Von dieser Beschaffenheit ist auch
die Definition der Gesundheit, wenn sie das Gleichmaß von Wärme und
Kälte sein soll. Denn da müßte die Wärme und die Kälte gesund sein.
Das Gleichmaß eines Dinges wohnt doch dem bei, was das Gleichmaß hat;
mithin müßte der Wärme und der Kälte die Gesundheit beiwohnen.

Wenn man in dieser Weise definiert, begegnet es einem auch, daß
man die Wirkung an Stelle der Ursache setzt und umgekehrt. Das
Auseinanderzerren zusammengehöriger Teile ist nicht Schmerz, sondern
seine Ursache, und das Unvermögen des Sinnes ist nicht Schlaf,
sondern je eines ist die Ursache des anderen. Wir schlafen entweder
vor Unvermögen, oder sind unvermögend vor Schlaf. Ebenso sollte es
scheinen, daß das Gleichgewicht konträrer Schlüsse die Ursache des
Zweifels ist. Denn wenn wir nach beiden Seiten Schlüsse ziehen und sich
auf beiden Seiten alles gleichmäßig verhält, so zweifeln wir, was von
beiden wir tun sollen.

Man muß ferner auf die verschiedenen Zeiten achten und sehen, ob
etwa die Übereinstimmung fehlt, wie wenn man z. B. definierte, das
Unsterbliche sei ein jetzt unvergängliches Lebendiges. Das jetzt
unvergängliche Lebendige wäre ja ein jetzt Unsterbliches. Oder
trifft das vielleicht in diesem Falle nicht zu? Der Ausdruck: jetzt
unvergänglich, ist ja zweideutig. Er kann entweder bedeuten: es ist
jetzt nicht vergangen, oder: es kann jetzt nicht vergehen, oder: es
ist jetzt so, daß es nie vergehen kann. Sagen wir also, ein Wesen sei
ein jetzt unvergängliches Lebendiges, so sagen wir, es sei jetzt ein
solches Lebendiges, daß es nie vergehen kann. Das hieße aber so viel
wie unsterblich, und mithin folgte nicht, daß es jetzt unsterblich
wäre. Aber wenn es sich gleichwohl trifft, daß das begrifflich
Bestimmte jetzt oder früher wäre, dagegen das, was den Namen hat,
nicht, so fehlt die Identität zwischen der Definition und dem
Definierten. — Demnach wäre dieser Ort in der bezeichneten Weise zu
verwenden.




+Siebentes Kapitel.+


[Sidenote: 146a]

Man muß auch sehen, ob ein Ding, das man definiert hat, seinen Namen
mehr auf Grund eines anderen trägt als auf Grund des aufgestellten
Begriffs, wie wenn z. B. die Gerechtigkeit das Vermögen sein soll,
das Gleiche zuzuteilen. Gerechter ist, wer den Vorsatz, als wer das
Vermögen hat, Gleiches zuzuteilen. Mithin kann die Gerechtigkeit nicht
das Vermögen sein, das Gleiches zuteilt. Denn dann wäre auch am meisten
gerecht, wer am meisten Gleiches zuzuteilen vermöchte.

Ferner: ob das Ding ein Mehr zuläßt, dagegen der Inhalt der Definition
nicht, oder ob umgekehrt der Inhalt der Definition es zuläßt, dagegen
nicht das Ding. Beide müssen es zulassen oder keines von beiden, da ja
der Inhalt der Definition mit dem Ding dasselbe ist.

Ferner: ob zwar beide ein Mehr zulassen, aber nicht beide gleichzeitig
eine Zunahme erfahren, wie wenn z. B. der Eros (die Liebe) das Gelüste
nach der Beiwohnung ist. Wer mehr liebt, den gelüstet nicht mehr nach
der Beiwohnung; mithin lassen beide das Mehr nicht gleichzeitig zu, was
doch sein müßte, da sie dasselbe sein sollten.

Ferner: ob, wo es sich um zwei Dinge handelt, von dem einen, wovon das
Ding mehr ausgesagt wird, der Inhalt der Definition weniger ausgesagt
wird, wie wenn z. B. das Feuer der feinste Körper ist. Die Flamme ist
mehr Feuer als das Licht, aber die Flamme ist weniger als das Licht der
feinste Körper, und doch müßte beides demselben mehr zukommen, da es
dasselbe sein sollte.

Wiederum: ob das eine (der Name) beiden Dingen, um die es sich handelt,
gleichmäßig, das andere (die Definition) ihnen nicht gleichmäßig,
sondern dem einen von ihnen mehr zukommt.

Man fehlt ferner, wenn man die Definition disjunktiv für zweierlei
Dinge aufstellt, wenn man z. B. das Schöne als das bestimmt, was für
das Gesicht oder das Gehör genußbringend ist, und das Seiende als das,
was leiden oder wirken kann. Es müßte dann dasselbe zugleich schön und
nichtschön, seiend und nichtseiend sein. Denn das, was für das Gehör
genußbringend ist, wird mit dem Schönen, und mithin das, was für das
Gehör nicht genußbringend ist, mit dem Nichtschönen identisch sein.
Denn für Identisches ist auch das Gegenteil identisch. Nun ist aber
das Gegenteil von schön nichtschön und von genußbringend für das Gehör
nichtgenußbringend für das Gehör. Das für das Gehör nicht Lustbringende
ist also offenbar identisch mit nichtschön. Wenn demnach etwas für das
Gesicht lustbringend, aber für das Gehör nicht lustbringend ist, so
wird es sowohl schön als nichtschön sein. Und ebenso werden wir zeigen,
daß dasselbe seiend und nichtseiend ist.

Ferner muß man für die Genera, die Differenzen und alles, was sonst
noch in den Definitionen angegeben wird, die Begriffe statt der Namen
setzen, und so sehen, ob etwas nicht übereinstimmt.




+Achtes Kapitel.+


[Sidenote: 146b]

Ist das Definierte entweder an sich oder seiner Gattung nach relativ,
so muß man sehen, ob in der Definition der Terminus der Relation
fehlt, die es an sich oder seiner Gattung nach hat, ob man z. B. die
Wissenschaft als unumstößliche Meinung oder den Wunsch als unlustfreies
Begehren bestimmt. Die Wesenheit alles Relativen hat eine Beziehung
auf ein anderes, da für jedes Relative das Sein dasselbe ist, wie sich
zu etwas in bestimmter Weise verhalten. Man müßte also sagen, die
Wissenschaft sei eine Meinung, die auf das Wißbare geht, und der Wunsch
sei ein Begehren des Guten. Ähnlich wäre es, wenn man die Grammatik
als die Wissenschaft der Buchstaben definierte, da man doch in ihrer
Definition angeben müßte, worauf sie sich entweder selbst bezieht
(nämlich auf die Kunst, die Buchstaben zu lesen und zu schreiben), oder
worauf sich ihre Gattung bezieht (auf das Wißbare, das, was seiner
Natur nach gewußt werden kann).

Oder man muß sehen, ob das, wovon man mit Beziehung auf etwas spricht,
nicht mit Beziehung auf sein Ziel beschrieben wird. Ziel ist in allem
das Beste oder dasjenige, um dessentwillen das andere ist oder wird
oder geschieht. Man muß also das Beste oder das Letzte angeben, muß
z. B. sagen, daß das Gelüste nicht auf das Genußbringende, sondern auf
den Genuß geht, da wir seinetwegen auch das Genußbringende wünschen.

Man muß auch sehen, ob der angegebene Terminus der Relation ein
Werden oder eine Tätigkeit ist. Nichts Derartiges kann Ziel sein. Das
Getanhaben und Gewordensein ist mehr Ziel als das Werden und Tun.
Indessen gilt dieser Satz vielleicht nicht allgemein. Die meisten
wollen wohl lieber genießen als zu genießen aufhören. Sie machen
mithin das Tun oder Tätigsein mehr zum Ziele als das Getanhaben oder
Tätiggewesensein.

Manchmal wieder muß man sehen, ob das Moment der Quantität oder der
Qualität oder der Örtlichkeit oder der anderen Kategorien nicht gehörig
bestimmt ist, ob z. B. bei dem Ehrgeizigen nicht angegeben ist, welche
und wieviel Ehre er begehrt; denn alle begehren nach Ehre. Mithin ist
es nicht genug, zu sagen, ehrgeizig sei, wer nach Ehre begehrt, sondern
man muß die angegebenen Bestimmungen hinzufügen. Ebenso muß man bei dem
Habsüchtigen hinzufügen, nach wieviel Habe er begehrt, oder bei dem
Unmäßigen, in welchen Genüssen er kein Maß hält. Denn nicht derjenige
wird unmäßig genannt, der von irgendeiner, sondern der, der von einer
bestimmten Lust überwunden wird. Oder wieder: wie man die Nacht als
Schatten der Erde definiert, oder das Erdbeben als Bewegung der Erde,
oder die Wolke als Verdichtung der Luft, oder den Wind als Bewegung
der Luft: man muß nämlich beifügen, von wieviel und von was für einem
Ding es gelten und wodurch es geschehen soll, und dasselbe ist in den
anderen Fällen dieser Art zu tun. Denn wenn man irgendeine Bestimmung
ausläßt, gibt man das Wesen nicht an Man muß diese Bestimmung aber
immer mit Rücksicht auf die Forderung des Falles zu treffen suchen:
es gibt kein Erdbeben, wenn Erde, und ebenso keinen Wind, wenn Luft
beliebig und in beliebiger Quantität bewegt wird.

[Sidenote: 147a]

Ferner, ob bei den Begierden und wo es sich sonst noch gehört, nicht
der Zusatz: anscheinend oder scheinbar steht, ob z. B. der Wunsch die
Begierde des Guten und das Gelüste die Begierde des Genußreichen sein
soll, nicht dessen, was gut oder genußreich scheint. Denen, die etwas
begehren, ist es oft verborgen, was gut oder genußreich ist, so daß es
nicht gut oder genußreich zu sein, sondern nur zu scheinen braucht.
Man müßte also entsprechend auch die Angabe machen. Wenn man das aber
auch tut, so muß man doch die Definition auf die Ideen zurückführen,
wenn man Ideen setzt. Denn nichts, was bloß scheint, hat eine Idee, von
einer Idee aber spricht man doch wohl mit Beziehung auf eine andere,
und sagt z. B.: das Gelüste an sich geht auf das Genußreiche an sich,
und der Wunsch an sich auf das Gute an sich. Sie gehen mithin auf kein
scheinbar Gutes und kein scheinbar Genußreiches; denn es ist ungereimt,
daß es ein Scheingut an sich und ein scheinbar Genußreiches an sich
geben soll.




+Neuntes Kapitel.+


Ferner muß man, wenn die Definition den Habitus betrifft, auf den
Inhaber, und wenn sie den Inhaber betrifft, auf den Habitus achten.
Gleiches gilt von anderen solchen Fällen. Ist z. B. das Genußreiche
das Nützliche, so ist auch der Genießende, wer den Nutzen hat. Man
kann überhaupt sagen, daß der Definierende in solchen Definitionen
gewissermaßen mehr als eines definiert. Wer die Wissenschaft definiert,
definiert in gewisser Weise auch die Unwissenheit, und ebenso
definiert man mit dem Wissenden den Unwissenden und mit dem Wissen
das Nichtwissen. Wenn das Erste erklärt ist, wird in gewisser Weise
auch das Übrige erklärt. Man muß also bei allen diesen Dingen sehen,
daß nirgendwo der Einklang fehlt, indem man die Regeln heranzieht, die
über das Konträre und das zu einer Begriffsreihe Gehörende aufgestellt
worden sind[120].

Man sehe ferner bei den Relativa, ob da, wo für die Gattung der
Terminus der Relation allgemein angegeben wird, für die Art ein unter
ihm stehender einzelner Terminus auftritt, ob z. B., wenn man die
Meinung auf das Objekt der Meinung bezieht, eine bestimmte Meinung auf
ein bestimmtes Objekt bezogen wird, und wenn man das Vielfache auf das
Vielteilige bezieht, ein Soundsovielfaches auf ein Soundsovielteiliges
bezogen wird. Macht man es nicht so, so hat man offenbar gefehlt.

Man habe auch acht, ob für das Entgegengesetzte der entgegengesetzte
Begriff, z. B. für das Halbe der dem Begriffe des Doppelten
entgegengesetzte Begriff auftritt: wenn doppelt ist, was ein anderes um
soundso viel übertrifft, ist halb, was um ebensoviel übertroffen wird.

[Sidenote: 147b]

Ebenso wie mit diesen relativen Gegensätzen ist es mit dem Konträren.
Für das Konträre gilt der konträre Begriff, der diesen Charakter der
Kontrarietät nach der einen oder der anderen der möglichen Verbindungen
des Konträren besitzt. Wenn z. B. nützlich ist, was Gutes bewirkt, so
muß schädlich sein, was Böses bewirkt oder Gutes zerstört. Denn eines
dieser beiden muß dem anfangs Genannten konträr sein. Wenn ihm demnach
keines von beiden konträr ist, so kann offenbar keiner der an zweiter
Stelle angegebenen Begriffe der Begriff des Konträren sein, und mithin
ist dann auch der an erster Stelle angegebene Begriff nicht richtig
angegeben. Da manches Konträre durch den Mangel des anderen ausgedrückt
wird, wie z. B. die Ungleichheit ein Mangel der Gleichheit zu sein
scheint — denn ungleich wird genannt, was nicht gleich ist —, so muß
man offenbar das in der Form des Mangels ausgedrückte Konträre durch
das andere definieren, dieses aber nicht wieder durch das in der Form
des Mangels Ausgedrückte; denn da folgte, daß man jedes von beiden
durch jedes erkännte. Man muß also bei dem Konträren auf diesen Fehler
achtgeben, wie wenn man z. B. die Definition aufstellte, die Gleichheit
sei das konträre Gegenteil der Ungleichheit: die Gleichheit würde da
durch das in der Form des Mangels Ausgedrückte definiert. Auch muß der,
der so definiert, das Definierte selbst verwenden, wie sich zeigt, wenn
man statt des Namens den Begriff nimmt: es trägt nichts aus, ob man
Ungleichheit sagt oder Mangel der Gleichheit, mithin wird Gleichheit
das konträre Gegenteil des Mangels der Gleichheit sein, und so hat man
das Definierte selbst in der Definition verwandt.

Wird keines von zwei Kontraria in der Form des Mangels ausgedrückt und
der Begriff ebenso bestimmt, wie z. B.: gut ist das konträre Gegenteil
von bös, so wird offenbar bös das konträre Gegenteil von gut sein. Denn
man muß für das so Konträre den Begriff auf gleiche Weise bestimmen.
Demnach folgt wieder, daß man das Definierte verwendet. Denn in dem
Begriff von bös kommt gut vor. Ist demnach gut das Kontrarium von bös,
und ist zwischen bös und Kontrarium von gut kein Unterschied, so wird
gut das Kontrarium des Kontrariums von gut sein, und so hat man denn
offenbar das Definierte selbst verwandt.

[Sidenote: 148a]

Ferner: ob man bei der Definition eines Mangels nicht angibt, worauf er
sich bezieht, ob z. B. auf einen Habitus oder sein konträres Gegenteil
oder auf was sonst, und ob man nicht beifügt, worin er seiner Natur
nach auftritt, entweder überhaupt nicht, oder nicht, worin als erstem
er von Natur auftritt, ob man z. B. die Unwissenheit einen Mangel,
aber nicht einen Mangel des Wissens nennt oder nicht beifügt, worin
er von Natur auftritt, oder dieses zwar tut, aber nicht angibt, worin
als erstem er auftritt, indem man z. B. nicht sagt: in dem denkenden
Seelenteile, sondern in dem Menschen oder der Seele. Tut man
irgendeines davon nicht, so fehlt man. Ebenso, ob man die Blindheit
nicht als einen Mangel des Gesichts im Auge bezeichnet: wer richtig
angeben will, was der Mangel ist, muß angeben, worauf er sich bezieht,
aber auch, welches sein Subjekt ist.

Ferner: ob man etwas, was keinen Mangel besagt, als einen Mangel
definiert, ein Fehler, der denen auch bei der (entsprechenden
Definition der) Unwissenheit vorhanden scheint, die die Unwissenheit
nicht im Sinne der Verneinung (des Mangels) verstehen. Denn nicht das,
was kein Wissen hat, scheint unwissend zu sein, sondern vielmehr das
Getäuschte, weshalb wir auch nicht sagen, daß das Seelenlose und die
Kinder (die nicht getäuscht werden können) unwissend sind. Also wird
die Unwissenheit nicht von dem Mangel des Wissens verstanden.




+Zehntes Kapitel.+


Ferner: ob gleichen Beugungsformen des Wortes gleiche des Begriffes
entsprechen; z. B. wenn nützlich ist was gesund macht, ist auch
nützlicherweise (ὠφελίμως) was auf eine Weise geschieht, die gesund
macht (ποιητικῶς ὑγιείας), und ist was genützt hat, was gesund gemacht
hat.

Auch ist zu prüfen, ob die angegebene Definition zu der Idee paßt.
Denn dieses ist bei manchen Definitionen nicht der Fall, z. B. nicht
bei der Weise wie Plato die verschiedenen Sinnenwesen definiert,
indem er das Wort sterblich hinzusetzt. Die Idee, wie z. B. Mensch
an sich, ist nicht sterblich, und mithin paßt der Begriff nicht zu
der Idee. Überhaupt muß bei den Begriffen, die das Moment des Wirkens
oder Leidens in sich schließen, die Definition mit der Idee verzwistet
sein. Denn die Ideen sind für die, die sie annehmen, unfähig zu leiden
und bewegt zu werden. Gegen sie sind mithin auch solche Gründe am
Platze[121].

Weiter: ob man bei homonymen Dingen (wo das gleiche Wort ungleiches
bedeutet) nur einen gemeinsamen Begriff für alle angibt. Dinge, wo
der Sinn der Bezeichnung einer ist, sind synonym, und somit kommt die
aufgestellte Begriffsbestimmung keinem der durch das Wort bezeichneten
Dinge zu, da sie gleichmäßig auf alles Homonyme passen soll. Diesen
Fehler hat auch die Definition des Lebens durch Dionysius, sofern das
Leben die Bewegung der sich ernährenden Gattung sein soll, die ihr
angeboren ist und ihr folgt; denn das haben die Tiere nicht mehr als
die Pflanzen. Das Leben scheint aber nicht nur als eine Art verstanden
zu werden, und ein anderes den Tieren, ein anderes den Pflanzen
zuzukommen. Man kann nun zwar den Begriff auch absichtlich so fassen,
auf Grund der Vorstellung, daß alles Leben synonym, wie von einer
Art, gedacht wird, aber es kann auch wohl geschehen, daß man sich der
Homonymie eines Wortes bewußt ist und nur nach der einen Bedeutung
definieren will und dennoch unvermerkt einen Begriff aufstellt, der
nicht einer Bedeutung eigentümlich ist, sondern für beide Bedeutungen
gilt. Gleichwohl fehlt man, möge man es so machen oder so[122].

[Sidenote: 148b]

Da manches Homonyme sich als solches verbirgt, so muß der Fragende das
Homonyme beim Disputieren als synonym behandeln — denn die Definition
für das eine wird für das andere nicht zutreffen, so daß es den
Anschein gewinnt, daß nicht in richtiger Weise definiert worden ist,
da die Begriffsbestimmung für alles Synonyme zutreffen muß —, dagegen
muß der Antwortende (der den Satz aufstellt) selbst (von sich aus) die
verschiedenen Bedeutungen unterscheiden.

Da aber manche von denen, die zu antworten haben (Defendenten), das
Synonyme für homonym erklären, wenn der angegebene Begriff nicht auf
alles paßt, und das Homonyme für synonym, wenn er auf beides paßt, so
muß man sich vorher mit dem Gegner hierüber verständigen oder durch
logischen Schluß dartun, daß etwas das eine oder das andere, homonym
oder synonym ist. Denn man gibt es dann eher zu, weil man die Folgen,
die sich daraus ergeben, nicht voraussieht.

Wenn aber keine Einigung vorausgegangen ist und der Gegner das Synonyme
für homonym erklärt, weil der angegebene Begriff nicht auch auf dieses
paßt, so muß man sehen, ob der Begriff, den man von ihm aufstellt,
auf das übrige paßt. Denn dann muß es offenbar mit dem übrigen
synonym sein. Wäre es das nicht, so gäbe es für das übrige mehrere
Definitionen. Denn es paßten die beiden Erklärungen des Wortes darauf,
die vorher und die nachher gegebene.

Wenn aber jemand hinwieder bei der Definition eines vieldeutigen
Ausdrucks, falls der Begriff nicht auf alles paßte, ihn zwar nicht für
homonym erklärte, aber bestritte, daß das Wort auf alles passe, indem
es auch der Begriff nicht tue, so wäre einem solchen zu bemerken, daß
man die überlieferte und gewöhnliche Benennung auf alle Fälle anwenden
müsse und an solches nicht rühren dürfe, wohl aber dürfe man manches
nicht so sagen wie der große Haufe[123].




+Elftes Kapitel.+


Wird die Bestimmung eines zusammengesetzten Begriffs gegeben, so muß
man den Begriff des einen der beiden Stücke wegnehmen und sehen, ob
auch der Begriff des Restes auf den Rest paßt. Wenn nicht, so paßt auch
nicht der Begriff des Ganzen auf das Ganze. Definiert man z. B. eine
begrenzte grade Linie als das Ende einer Fläche, die Enden hat, dessen
Mitte die Enden verdeckt, so muß, wenn der Begriff der begrenzten Linie
ist: Ende einer Fläche, die Enden hat, der Begriff der graden Linie der
Rest sein: dessen Mitte die Enden verdeckt. Aber die unbegrenzte Linie
hat weder Mitte noch Enden und ist doch grade. Mithin ist der Rest
nicht die Definition des Restes[124].

[Sidenote: 149a]

Ferner: ob der Begriff, wenn das Definierte zusammengesetzt ist,
gleichgliedrig mit ihm aufgestellt wird. Der Begriff heißt
gleichgliedrig, wenn so viele Nomina und Verba in ihm vorkommen,
als das Zusammengesetzte Teile hat. In solchen Definitionen findet
notwendig ein Umtausch der Bezeichnungen, ihrer aller oder einiger,
statt, da nun nicht mehr Bezeichnungen gebraucht werden als zuvor. Aber
man muß beim Definieren statt der Worte Begriffe angeben, am besten für
alle, wo nicht, doch für die meisten. Sonst hätte man auch definiert,
wenn man bei einem einfachen Ausdruck nur den Namen vertauschte und
z. B. statt Obergewand Mantel sagte.

Noch schlimmer wäre der Fehler, wenn man an Stelle eines Wortes ein
noch unbekannteres setzte und z. B. für weißer Mensch sagte: lichter
Sterblicher. So hat man einmal nicht definiert, und dann ist eine
solche Rede auch noch weniger deutlich.

Man muß auch bei der Vertauschung der Worte achtgeben, ob sie nicht
mehr dasselbe bezeichnen, wie wenn man z. B. die theoretische
Wissenschaft für eine theoretische Meinung erklärt. Meinung ist nicht
dasselbe wie Wissenschaft, was doch sein müßte, wenn auch das Ganze
dasselbe sein soll. In beiden Wendungen ist ja der Ausdruck theoretisch
gemeinsam, während der andere verschieden ist.

Ferner: ob man bei der Vertauschung des einen Wortes mit einem anderen
nicht eine andere Differenz, sondern eine andere Gattung angegeben
hat, wie es in dem angeführten Beispiel der Fall ist. Theoretisch ist
weniger bekannt als Wissenschaft: dieses ist Gattung, jenes Differenz,
die Gattung ist aber das Bekannteste von allem. Somit müßte man nicht
mit der Gattung, sondern mit der Differenz einen Umtausch vornehmen, da
sie minder bekannt ist. Doch diese Ausstellung ist wohl lächerlich. Es
kann sehr wohl geschehen, daß die Differenz im Gegensatz zur Gattung
durch ein sehr bekanntes Wort ausgedrückt ist[125].

Tauscht man aber nicht ein Wort gegen ein Wort aus, sondern will man
für ein Wort dessen Begriff setzen, so muß man offenbar eher die
Definition der Differenz als die der Gattung angeben, da man die
Definition um der Erkenntnis willen gibt. Denn die Differenz ist
weniger bekannt als die Gattung.




+Zwölftes Kapitel.+


Hat der andere aber den Begriff der Differenz angegeben, so muß man
sehen, ob dieser Begriff nicht etwa zu allgemein ist, indem er noch
anderes als die fragliche Differenz umfaßt. Hat man z. B. die ungrade
Zahl als eine Zahl bezeichnet, die eine Mitte hat, so muß man auch noch
angeben, wie sie eine Mitte hat. Das Wort Zahl kommt hier in beiden
Wendungen zugleich vor, während man mit dem Ausdruck für ungrad einen
Tausch vorgenommen hat. Es haben aber auch die Linie und der Körper
eine Mitte und sind doch nicht ungrad. Mithin haben wir hier keine
Definition von ungrad. Ist aber der Ausdruck: was eine Mitte hat,
vieldeutig, so muß man angeben, wie es eine Mitte hat. Mithin ist hier
entweder für einen Tadel Raum oder für den logischen Schluß, daß keine
Definition erbracht ist.

[Sidenote: 149b]

Wiederum: ob das Objekt des aufgestellten Begriffes zwar zu dem
Seienden gehört, dasselbe aber mit seinem Inhalt nicht der Fall ist,
wie wenn man z. B. das Weiße als eine mit Feuer vermischte Farbe
definierte. Es ist unmöglich, daß das Unkörperliche mit einem Körper
vermischt sei, und mithin kann es keine mit Feuer vermischte Farbe
geben, aber es gibt ein Weißes[126].

Ferner: alle, die bei den Relativa nicht unterscheiden, worauf sie sich
beziehen, sondern mehreres mit ihrer Angabe umfassen, geben eine ganz
oder teilweise falsche Definition, so z. B. wenn man die Heilkunde
für die Wissenschaft des Seienden erklärte. Ist die Heilkunde die
Wissenschaft gar keines Seienden, so ist diese Bestimmung offenbar
ganz und gar falsch, ist sie aber die Wissenschaft des einen Seienden
und des anderen nicht, so ist sie teilweise falsch. Denn sie muß die
Wissenschaft alles Seienden sein, wenn sie an sich und nicht mitfolgend
die Wissenschaft des Seienden sein soll, wie es bei den anderen
Relativa der Fall ist. Auf die Wissenschaft wird alles Wißbare bezogen,
und ebenso ist es bei den anderen Begriffen, da alles Relative sich
umkehren läßt.

Es würde auch, wenn es richtig wäre, den Beziehungspunkt nicht an sich,
sondern mitfolgend zu bezeichnen, jedes Relative nicht auf eines,
sondern auf mehreres bezogen werden. Denn es kann gar wohl dasselbe
Ding Seiendes, Weißes und Gutes sein, und somit hätte man, welchen von
diesen Beziehungspunkten man auch angäbe, ihn richtig angegeben, wenn
jemand, der den Beziehungspunkt mitfolgend angibt, ihn richtig angibt.

Ein solcher Begriff kann aber auch unmöglich dem angegebenen Objekt
eigentümlich sein. Denn nicht bloß die Heilkunde, sondern auch die
meisten anderen Disziplinen werden auf das Seiende bezogen, und
so wäre jede die Wissenschaft des Seienden. So gilt denn offenbar
diese Definition für keine Wissenschaft; denn die Definition muß
eigentümlich, sie darf nicht gemeinsam sein.

Zuweilen definiert man ein Ding nicht schlechthin, sondern nach seiner
guten Beschaffenheit oder nach seiner Vollendung. Von dieser Art ist
die Definition des Redners und des Diebes, wofern ein Redner sein soll,
wer es versteht, bei jedem Ding das Überzeugende herauszufinden und
nichts zu übergehen, und ein Dieb wer heimlich wegnimmt. Offenbar wird
bei solcher Beschaffenheit beider der eine ein guter Redner, der andere
ein guter Dieb sein. Denn nicht wer heimlich wegnimmt, sondern wer
heimlich wegnehmen will, ist ein Dieb[127].

Wiederum hat man gefehlt, wenn man das seiner selbst wegen
Wünschenswerte für ein Bewirkendes oder Tätiges oder wie immer eines
anderen wegen Wünschenswertes erklärt, wie wenn man z. B. von der
Gerechtigkeit angibt, daß sie die Gesetze erhält, oder von der
Weisheit, daß sie die Glückseligkeit bewirkt. Was bewirkt oder erhält,
ist eines anderen wegen wünschenswert. Oder ist es damit etwa so, daß
ein seiner selbst wegen Wünschenswertes gar wohl auch wegen eines
anderen wünschenswert sein kann? Aber man hat nichtsdestoweniger
gefehlt, wenn man das seiner selbst wegen Wünschenswerte so definiert.
Denn bei jedem Ding ist dasjenige sein Bestes, was am meisten in seinem
Wesen liegt. Besser ist aber was seiner selbst, als was eines anderen
wegen wünschenswert ist. Mithin müßte die Definition vielmehr dieses
zum Ausdruck bringen.




+Dreizehntes Kapitel.+


[Sidenote: 150a]

Man muß auch sehen, ob einer ein Ding so definiert, daß er sagt: es ist
diese Dinge (τάδε), oder: es besteht aus ihnen, oder: es ist das mit
dem.

Ist es diese Dinge (τάδε), so muß es folgerichtig beiden oder keinem
zukommen. So z. B., wenn man die Gerechtigkeit als Mäßigkeit und
Starkmut definiert. Wenn zwei Personen sind, deren jede je eine dieser
beiden Eigenschaften besitzt, so werden beide gerecht sein und keiner,
da beide zusammen die Gerechtigkeit haben, während jeder für sich sie
nicht hat.

Wenn aber das Gesagte noch nicht sehr ungereimt ist, da solches auch
sonst vorkommt — denn zwei können ganz gut eine Mine haben, ohne
daß sie einer von beiden hat —, so muß es aber doch ganz ungereimt
erscheinen, daß ihnen Konträres beiwohnt. Das muß aber wirklich der
Fall sein, wenn der eine von ihnen Mäßigkeit und Feigheit hat, der
andere Starkmut und Unmäßigkeit. Denn da werden beide Gerechtigkeit
und Ungerechtigkeit haben. Denn wenn die Gerechtigkeit Mäßigkeit
und Starkmut ist, wird die Ungerechtigkeit Feigheit und Unmäßigkeit
sein. Überhaupt dient alles, woran sich zeigen läßt, daß Teile und
Ganzes nicht dasselbe sind, dem Gesagten zur Stütze, da man bei einer
solchen Weise der Begriffsbestimmung die Teile mit dem Ganzen zu
identifizieren scheint, aber die treffendsten Gründe dafür liefern doch
die Dinge, bei denen, wie z. B. bei einem Hause und dergleichen, die
Zusammensetzung der Teile auf der Hand liegt; denn da kann offenbar,
obschon die Teile da sind, das Ganze nicht da sein, so daß also die
Teile nicht dasselbe sind wie das Ganze. Hat der andere aber nicht
gesagt, es sei dieses (ταῦτα, diese Dinge), sondern das Kompositum
aus ihm, so muß man zuerst sehen, ob aus dem Genannten (den genannten
Dingen) von Natur eins werden kann. Manches steht zueinander in einem
solchen Verhältnis, daß nichts aus ihm wird, wie z. B. Linie und Zahl.

Dann muß man sich fragen, ob zwar das Definierte von Natur in etwas
Einheitlichem als erstem Subjekt Dasein gewinnen, dagegen seine
vorgeblichen Bestandteile nicht in einem solchen, sondern jeder nur in
je einem anderen entstehen können. Dann kann das Definierte offenbar
nicht aus diesen Teilen bestehen. Denn worin die Teile, darin muß auch
das Ganze vorhanden sein, mithin ist das Ganze nicht in einem, als
seinem ersten Subjekt, sondern in mehreren.

Haben aber sowohl die Teile als das Ganze ein einheitliches erstes
Subjekt, so muß man sehen, ob sie nicht dasselbe Subjekt haben, sondern
ein anderes das Ganze und ein anderes die Teile.

Wiederum: ob die Teile zugleich mit dem Ganzen vergehen: es muß
umgekehrt sein, daß, wenn die Teile vergangen sind, das Ganze vergeht.
Wenn aber das Ganze vergangen ist, brauchen nicht auch die Teile
vergangen zu sein.

[Sidenote: 150b]

Oder: ob das Ganze gut oder schlecht ist, die Teile aber keines von
beiden, oder umgekehrt die Teile gut oder schlecht, das Ganze aber
keines von beidem. Aus dem, was keines von beidem ist, kann weder Gutes
noch Schlechtes werden, und ebenso aus dem, was schlecht oder gut ist,
nichts, was keins von beiden ist.

Oder: ob das eine mehr gut ist als das andere schlecht, das Kompositum
aus beidem aber nicht mehr gut als schlecht, wie wenn z. B. die
Unverschämtheit aus Mut und falscher Meinung bestehen soll. Der Mut ist
mehr gut, als die falsche Meinung schlecht ist. Es müßte also auch das
Kompositum aus beidem dem Mehr folgen und entweder schlechthin gut oder
mehr gut als schlecht sein.

Indessen ist das vielleicht nicht notwendig, es müßte denn jedes von
beiden an sich gut oder schlecht sein. Vieles, was Gutes bewirkt, ist
an sich nicht gut, wohl aber gemischt, oder umgekehrt ist jedes von
beiden gut, gemischt dagegen schlecht oder keins von beidem. Dieses
zeigt sich am deutlichsten bei dem, was der Gesundheit nützlich oder
schädlich ist. Manche Mittel sind so beschaffen, daß jedes für sich gut
ist, gibt man sie aber beide gemischt, so schaden sie.

Wiederum: ob das Ganze, wenn es aus einem Besseren und einem
Schlechteren besteht, nicht schlechter ist als das Bessere, aber besser
als das Schlechtere. Doch ist wohl auch das nicht notwendig, wenn die
Bestandteile nicht an sich gut sind, vielmehr kann es wohl geschehen,
daß ein Ganzes herauskommt, das nicht gut ist, wie in dem eben
angeführten Beispiel.

Ferner: ob das Ganze mit einem Teil synonym ist. Das darf nicht sein,
wie es auch bei den Silben nicht vorkommt. Die Silbe ist mit keinem von
den Buchstaben, aus denen sie besteht, synonym.

Ferner: ob der andere die Weise der Zusammensetzung nicht angibt.
Um etwas zu erkennen, genügt es nicht zu sagen: aus dem und dem.
Denn nicht darauf, daß etwas aus dem und dem, sondern darauf, daß es
soundso daraus ist, beruht das Wesen eines jeden der zusammengesetzten
Dinge, wie z. B. bei einem Hause. Wenn man die Materialien beliebig
zusammengestellt hat, ist es noch lange kein Haus.

Hat der andere aber gesagt, das zu Definierende sei das mit dem, so
ist dazu fürs erste zu bemerken, daß das mit dem dasselbe ist entweder
mit dieses (τάδε) oder mit das aus ihm Bestehende. Wer sagt: Honig mit
Wasser, sagt entweder: Honig und Wasser, oder: etwas aus Honig und
Wasser, und so wird man ihm, mag er sein „das mit dem“ dem einen davon
oder dem anderen gleichsetzen, füglich dasselbe bemerken können, was
wir vorhin aufs eine und andere bemerkt haben.

Ferner muß man unterscheiden, in wie vielfachem Sinne man sagt: das
eine mit dem anderen, und sehen, ob es in keinem Sinne zutrifft, daß
das mit dem ist. Sagt man z. B.: das eine mit dem anderen wie in
demselben aufnehmenden Subjekt, wie etwa Gerechtigkeit und Mut in der
Seele sind, oder wie an demselben Ort oder in derselben Zeit, und
erfüllt sich das Gesagte an dem Genannten in keiner Weise, so kann die
angegebene Definition offenbar auf keines davon passen, da es in keiner
Weise wahr ist, daß das mit dem ist.

[Sidenote: 151a]

Wenn sich aber von den unterschiedenen Weisen die erfüllt, daß
jedes von beiden in derselben Zeit da ist, so muß man sehen, ob
möglicherweise nicht jedes auf dasselbe bezogen wird, in dem Falle
z. B., daß man den Mut als Kühnheit mit richtiger Überlegung definiert.
Denn möglicherweise hat man Kühnheit zu rauben und richtige Überlegung
in Dingen, die die Gesundheitspflege angehen. Man ist aber noch nicht
mutig, wenn man zu gleicher Zeit dieses mit diesem hat.

Aber auch wenn beides auf dasselbe, z. B. das Heilverfahren, bezogen
wird, ist man es noch nicht. Man kann in Dingen, die dieses Verfahren
betreffen, gar wohl Kühnheit und richtige Überlegung haben, und dennoch
ist man deshalb, weil man das eine mit dem anderen besitzt, noch nicht
mutig. Denn so wie keins von beiden auf ein anderes bezogen werden
darf, ebenso darf auch, wenn sie auf dasselbe bezogen werden, dieses
nicht das erste beste sein, sondern es muß das Ziel des Mutes sein,
nämlich die Bestehung von Gefahren im Kriege oder vielleicht sonst
etwas, was noch mehr als das das Ziel und die Vollendung alles Mutes
ausmacht[128].

Manches, was in dieser Art als Definition angegeben wird, fällt
keineswegs unter die gedachte Unterscheidung, z. B. wenn man den
Zorn definiert als ein Unlustgefühl mit der Vorstellung, daß man
geringgeschätzt wird. Denn das will sagen, daß die Unlust durch die
gedachte Vorstellung entsteht. Daß aber etwas durch das entsteht, ist
nicht dasselbe, wie wenn das mit ihm ist, und zwar nach keiner der
genannten Weisen.




+Vierzehntes Kapitel.+


Wenn der andere hinwieder das Ganze als die Verbindung von dem und
dem, etwa das Sinnenwesen als eine Verbindung von Seele und Leib,
bezeichnet, so muß man erstens sehen, ob er nicht gesagt hat, was
für eine Verbindung es sein soll, wie etwa, ob er, um Fleisch oder
Knochen zu definieren, sie als die Verbindung von Feuer, Erde und
Luft bezeichnet hat[129]. Es genügt nicht, sie als eine Verbindung
zu bezeichnen, man muß auch die Art der Verbindung angeben. Denn es
entsteht kein Fleisch, wenn diese Elemente beliebig verbunden sind,
sondern Fleisch, wenn sie so, Knochen, wenn sie so verbunden sind.

Es scheint aber auch überhaupt keine der beiden Substanzen mit
Verbindung identisch zu sein. Jede Verbindung hat ihr konträres
Gegenteil an einer Auflösung, die beiden aber haben keines[130].

Wenn es endlich gleichen Glauben verdient, daß alles Zusammengesetzte,
und daß keines eine Verbindung ist, und wenn jedes Lebewesen zwar
zusammengesetzt, aber keine Verbindung ist, so kann auch wohl sonst
kein Zusammengesetztes eine Verbindung sein[131].

[Sidenote: 151b]

Wenn einem Dinge hinwieder von Natur gleichmäßig Konträres beiwohnen
kann und man es durch einen der Gegensätze definiert, so hat man es
offenbar nicht definiert. Sonst hätte man folgerichtig für denselben
Gegenstand mehrere Definitionen. Denn warum sollte der eine ihn eher
richtig angegeben haben, der ihn durch dieses, als der andere, der
ihn durch jenes definiert, da von Natur gleichmäßig beide in ihm Raum
finden? Diesen Charakter hat z. B. die Definition der Seele, wenn sie
eine der Wissenschaft fähige Wesenheit sein soll: sie ist ja ebenso der
Unwissenheit fähig.

Man muß auch, wenn man nicht die ganze Definition angreifen kann, weil
einem das Ganze nicht bekannt ist, einen ihrer Teile angreifen, wenn er
bekannt ist und nicht richtig bestimmt worden zu sein scheint. Ist der
Teil umgestoßen, so wird es auch die ganze Definition.

Die unklaren Definitionen muß man in der Weise behandeln, daß man sie
gemeinsam mit dem Defendenten berichtigt und ihnen eine Fassung gibt,
die einen bestimmten, anfechtbaren Sinn ausdrückt. Der Defendent muß
dann entweder die Auffassung des Opponenten gelten lassen oder selbst
erklären, was seine Definition sagen will.

Und wie man in den Volksversammlungen ein Gesetz einzubringen pflegt
und das frühere aufhebt, wenn das eingebrachte besser ist, so muß man
es auch mit den Definitionen machen und selbst eine bessere Definition
vortragen. Wenn sie offenbar besser ist und das zu Definierende klarer
beschreibt, so ist damit selbstredend die Definition des Defendenten
umgestoßen, da es für einerlei Sache keine zwei Definitionen gibt.

Für alle Definitionen aber ist eine Hauptregel, daß man den
vorliegenden Gegenstand bei sich selbst zutreffend definiert oder eine
gut gefaßte Definition von ihm wieder hervorlangt. Dann wird man, als
blickte man auf ein Muster, sowohl das, was der gegnerischen Definition
an den gebührenden Angaben fehlt, als auch das, was ihr unnötig
beigefügt ist, notwendig gewahr werden und so für die Disputation desto
reicheren Stoff zur Verfügung haben.

So viel sei also von den Regeln gesagt, die sich auf die Definitionen
beziehen.




Siebentes Buch.




+Erstes Kapitel.+


Ob aber etwas mit etwas identisch oder von ihm verschieden ist —
identisch meinen wir im eigentlichsten Sinne dieses Wortes gemäß
unseren obigen Unterscheidungen, also im Sinne von der Zahl nach
identisch —, muß man nach den Beugungsformen, dem Begriffsverwandten
und dem Entgegengesetzten beurteilen[132].

Denn wenn Gerechtigkeit identisch ist mit Mut, so ist es auch der
Gerechte mit dem Mutigen und gerechterweise mit mutigerweise[133].

Ebenso ist es mit dem Entgegengesetzten. Ist das und das identisch, so
ist es auch sein Gegensatz, und zwar nach jeder von den angegebenen
Arten der Entgegensetzung: es trägt nichts aus, ob man das diesem oder
das diesem Entgegengesetzte nimmt, da es identisch ist.

[Sidenote: 152a]

Endlich muß man die Identität beurteilen nach dem Hervorbringenden und
Zerstörenden, dem Werden und Vergehen und überhaupt nach allem, was zu
beiden das gleiche Verhältnis hat: bei allem, was schlechthin identisch
ist, ist es auch sein Werden und Vergehen, was es hervorbringt und was
es zerstört.

Man muß auch sehen, ob, falls von zwei Dingen eines irgend etwas
am meisten sein soll, auch von dem anderen in ebendieser Hinsicht
das Prädikat „am meisten“ gilt, wie z. B. Xenokrates die Identität
des glückseligen und des tugendhaften Lebens damit beweist, daß
die tugendhafte und die glückselige Lebensweise von allen am
wünschenswertesten ist; denn das Wünschenswerteste und Größte ist
eins; und gleiches läßt sich von anderen Dingen dieser Art sagen.
Es muß aber jedes von beidem, was das Größte und Wünschenswerteste
sein soll, der Zahl nach eins sein, sonst ist seine Identität nicht
bewiesen. Wenn die Peloponnesier und Lazedämonier die tapfersten unter
den Griechen sind, so sind die Peloponnesier nicht notwendig mit den
Lazedämoniern identisch, da der Zahl nach nicht nur ein Peloponnesier
oder Lazedämonier ist.

Dagegen ist wohl notwendig, daß der eine von dem anderen umfaßt wird,
wie es die Lazedämonier von den Peloponnesiern werden. Sonst wären,
wenn die einen von den anderen nicht umfaßt werden, folgerichtig die
einen jedesmal besser als die anderen. Die Peloponnesier müßten besser
sein als die Lazedämonier, wenn die einen von den anderen nicht umfaßt
werden. Denn sie sind besser als alle übrigen. Ebenso müßten aber auch
die Lazedämonier besser als die Peloponnesier sein. Sind doch auch sie
besser als alle übrigen. Mithin werden die einen je besser als die
anderen. Es muß also offenbar das, was je das Beste und Größte sein
soll, der Zahl nach eines sein, wenn seine Identität bewiesen werden
soll.

Daher führt auch Xenokrates keinen Beweis. Das glückselige und ebenso
das tugendhafte Leben ist nicht der Zahl nach eines. Mithin braucht es
deshalb, weil beide am wünschenswertesten sind, nicht identisch, wohl
aber muß eins dem anderen untergeordnet sein[134].

Wiederum muß man sehen, ob mit dem, womit das eine identisch ist, es
auch das andere ist. Sind nicht beide mit demselben Dritten identisch,
so sind sie es offenbar auch nicht untereinander.

Auch muß man nach dem urteilen, was dem vorgeblich Identischen
mitfolgt, und nach dem, dem es selbst mitfolgt. Was dem einen mitfolgt,
muß es auch dem anderen, und wenn das eine davon mitfolgt, muß auch das
andere mitfolgen. Steht eines dieser Stücke nicht in dem erforderlichen
Einklang, so ist offenbar keine Identität vorhanden.

[Sidenote: 152b]

Man muß auch sehen, ob beides nicht in derselben Gattung der Kategorie
steht, sondern das eine ein Qualitatives, das andere ein Quantitatives
oder Relatives besagt, wiederum, ob die Gattung beider nicht dieselbe,
sondern das eine etwas Gutes, das andere etwas Schlechtes, oder das
eine eine Tugend, das andere eine Wissenschaft ist, oder, ob die
Gattung zwar dieselbe ist, aber nicht dieselben Differenzen von beidem
ausgesagt werden, sondern von dem einen, daß es eine theoretische, von
dem anderen, daß es eine praktische Wissenschaft ist. Ebenso hat man es
in den anderen Fällen zu halten.

Ferner kann man nach dem Mehr urteilen, wenn das eine das Mehr
zuläßt, das andere nicht, oder wenn zwar beides es zuläßt, aber nicht
gleichzeitig. So begehrt z. B. wer mehr liebt, nicht mehr nach der
Beiwohnung, und somit ist Liebe und Begierde nach der Beiwohnung nicht
dasselbe[135].

Ferner nach dem Zusatze, wenn jedes von beidem, zu demselben Dritten
hinzugesetzt, das Ganze nicht identisch macht.

Oder wenn von jedem dasselbe weggenommen wird und dann der Rest
verschieden ist, wenn man z. B. behauptet, das Doppelte vom Halben und
das Vielfache vom Halben sei dasselbe. Es müßte, wenn man von jedem
dasselbe wegnimmt, der Rest dasselbe bedeuten, tut es aber nicht, weil
doppelt und vielfach nicht dasselbe bedeutet.

Man muß aber nicht bloß sehen, ob unmittelbar vermöge der These etwas
Unmögliches herauskommt, sondern auch, ob eine Unmöglichkeit kraft
einer Hypothese vorliegen kann, wie es denen begegnet, nach denen das
Leere und das mit Luft Gefüllte identisch sein soll. Denn es ist klar,
daß die Leere beim Entweichen der Luft nicht minder, sondern noch mehr
vorhanden ist, während es kein mit Luft Gefülltes mehr gibt. Mithin
wird bei einer bestimmten Voraussetzung, sei sie falsch oder richtig,
darauf kommt es nicht an, das eine der beiden Dinge aufgehoben, das
andere nicht, und mithin sind sie nicht identisch.

Überhaupt muß man alles ins Auge fassen, was wie immer von jedem der
beiden ausgesagt wird und wovon beide ausgesagt werden, und muß sehen,
ob irgendwo die Übereinstimmung fehlt. Was von dem einen, muß von dem
anderen, und wovon das eine, von dem muß auch das andere ausgesagt
werden.

Da ferner das Wort identisch mehr als eine Bedeutung hat, muß man
sehen, ob etwas noch nach einer anderen Weise identisch ist. Das der
Art oder der Gattung nach Identische muß nicht oder kann nicht der Zahl
nach identisch sein. Wir untersuchen aber eben, ob etwas in diesem
Sinne identisch ist oder nicht[136].

Endlich muß man sehen, ob das eine ohne das andere sein kann; in diesem
Falle ist keine Identität vorhanden.




+Zweites Kapitel.+


[Sidenote: 153a]

Der Örter, die sich auf das Identische beziehen, wären hiernach
so viele anzuführen. Man sieht aber aus dem Gesagten, daß alle
widerlegenden Örter, die sich so auf das Identische beziehen, auch
für die Definition verwendbar sind, wie oben bemerkt worden ist.
Denn wenn das Wort und der Begriff nicht dasselbe bedeutet, so kann
der angegebene Begriff keine Definition sein. Dagegen ist hier kein
begründender Ort für die Definition verwendbar. Denn der Nachweis der
Identität des unter den Begriff und des unter die Benennung Fallenden
genügt nicht, um den Begriff als Definition zu erhärten, vielmehr muß
diese auch sonst alles Vorgeschriebene enthalten.




+Drittes Kapitel.+


Was also die Widerlegung einer Definition angeht, so muß man sie immer
auf diese Weise und mit diesen Mitteln zu erzielen suchen.

Handelt es sich aber darum, eine Definition als richtig zu erhärten,
so muß man zunächst wissen, daß beim Disputieren[137] niemand oder
nur wenige eine Definition schlußweise gewinnen, sondern alle die
betreffenden Bestimmungen als Prinzip ansprechen. So verfahren
beispielsweise alle, die es mit Geometrie, Algebra und anderen solchen
Disziplinen zu tun haben.

Sodann bemerke man, daß es einer anderen Disziplin (den zweiten
Analytiken) obliegt, genauer anzugeben, was eine Definition ist und wie
man definieren soll, und es gegenwärtig genug sein muß mit dem, was der
augenblickliche Zweck erheischt, und so sei denn nur so viel gesagt,
daß man auf die Definition und das Was des Dinges durch Schluß kommen
kann. Denn wenn eine Definition eine das Wesen des Dinges anzeigende
Rede und das in der Definition Ausgesagte auch das einzige ist, was
bei der Beschreibung seines Wesens ausgesagt werden darf, und wenn
wieder bei der Beschreibung seines Wesens die Gattung und die Arten von
ihm ausgesagt werden — nun, so muß offenbar, wenn man in die Aussage
über das Wesen des Dinges dieses, Gattung und Art aufnimmt, die dieses
enthaltende Rede die Definition sein; eine andere Definition kann es
nicht geben, da nichts anderes bei der Beschreibung des Wesens eines
Dinges ausgesagt wird.

Man sieht also, daß man auf die Definition durch Schluß kommen kann.
Aus welchen Örtern man sie aber gewinnen muß, ist anderswo (im 2.
Buch der 2. Analytiken) genauer auseinandergesetzt worden, für die
vorliegende Untersuchung sind aber dieselben Gesichtspunkte verwendbar.

Man muß nämlich zu diesem Ende sein Augenmerk auf das Konträre
und die anderen Gegensätze richten und dabei sowohl die ganzen
Begriffe als ihre einzelnen Teile in Betracht nehmen. Denn wenn dem
entgegengesetzten Ding der entgegengesetzte Begriff entspricht, so muß
auch dem vorliegenden Ding der aufgestellte Begriff entsprechen. Da
das Konträre aber mehrere Verknüpfungen zuläßt, so muß man dasjenige
Konträre nehmen, dem die konträre Definition am meisten konträr
erscheint.

So muß man also Umschau halten, wenn es sich um die Definition im
ganzen handelt. Fragt es sich aber um ihre Teile, so ist folgendes zu
beachten.

Zuerst überzeugt man sich, daß die angegebene Gattung richtig angegeben
ist. Steht das konträre Ding in der konträren Gattung und steht das
vorliegende Ding nicht in derselben Gattung, so muß es offenbar in der
konträren stehen, da Konträres notwendig in derselben oder in konträren
Gattungen steht[138].

[Sidenote: 153b]

Aber auch bei den Differenzen fordern wir, daß konträre von Konträrem
ausgesagt werden, wie z. B. von weiß und schwarz. Das eine hat die
Eigenschaft, das Gesicht zu zerstreuen, das andere es zu sammeln[139].
Wenn mithin von dem konträren konträre, so müssen von dem vorliegenden
Ding die angegebenen Differenzen ausgesagt werden. Da mithin beides,
Gattung und Differenzen, richtig angegeben sind, so muß die Definition
die angegebene sein.

Oder ist es etwa nicht notwendig, daß von Konträrem konträre
Differenzen ausgesagt werden, wenn es nicht in derselben Gattung
steht, und kann bei Dingen konträrer Gattungen gar wohl dieselbe
Differenz beiden beigelegt werden, wie z. B. der Gerechtigkeit und der
Ungerechtigkeit? Ist doch das eine ein Vorzug, das andere ein Mangel
der Seele, so daß das Merkmal „der Seele“ beiden beigelegt wird, da
es auch einen Vorzug und einen Mangel des Leibes gibt. Indessen gilt
immerhin das, daß Konträres entweder konträre Differenzen hat oder
dieselben. Wird mithin von seinem konträren Gegenteil die konträre
Differenz ausgesagt, von dem fraglichen Ding selbst aber nicht, so muß
offenbar die angegebene von ihm selbst ausgesagt werden.

Und überhaupt wird, da die Definition aus Gattung und Differenzen
besteht, wenn die Definition seines konträren Gegenteils einleuchtend
ist, auch die Definition des fraglichen Dinges einleuchtend sein. Denn
da das Konträre in derselben oder der konträr entgegengesetzten Gattung
steht und ebenso von dem Konträren entweder konträre oder identische
Differenzen ausgesagt werden, so muß offenbar von dem vorliegenden Ding
entweder dieselbe Gattung wie von seinem konträren Gegenteil ausgesagt
werden, während die Differenzen, seien es alle, oder nur einige im
Gegensatz zu den übrigen, identischen, konträr sind, oder es sind
umgekehrt die Differenzen identisch und die Gattungen konträr, oder es
sind beide, Gattungen und Differenzen, konträr. Denn identisch können
nicht beide sein, da sonst dieselbe Definition für konträre Gegenstände
gelten würde.

Ferner muß man die Definitionen aus den Beugungsformen und dem
Begriffsverwandten begründen. Denn notwendig folgen die Gattungen den
Gattungen und die Definitionen den Definitionen. Ist beispielsweise
die Vergessenheit ein Verlust des Wissens, so muß auch das Vergessen
ein Verlieren des Wissens und das Vergessenhaben ein Verlorenhaben
des Wissens sein. Wird somit hiervon das eine zugegeben, so muß auch
das andere zugegeben werden. Ebenso ist auch, wenn der Untergang
eine Auflösung der Substanz ist, das Untergehen ein Aufgelöstwerden
der Substanz und das „untergangbewirkenderweise“ (τὸ φθαρτικῶς) ein
„auflösenderweise“ (διαλυτικῶς). Und ist das den Untergang Bewirkende
ein die Auflösung der Substanz Bewirkendes, so ist auch der Untergang
eine Auflösung der Substanz. Und ebenso ist es überall sonst. Nimmt
man mithin nur eines, sei es was es wolle, so wird auch alles andere
zugegeben.

[Sidenote: 154a]

Man muß sie aber auch aus dem begründen, was in demselben Verhältnis
zueinander steht. Bewirkt das Gesunde die Gesundheit, so wird auch das
Bekömmliche das Wohlbefinden und das Nützliche das Gute bewirken. Jedes
dieser Dinge steht in demselben Verhältnis zu seinem besonderen Zweck;
hat somit eines von ihnen zur Definition, daß es die Realisierung
seines Zweckes bewirkt, so muß diese Definition auch für jedes von den
übrigen gelten.

Ferner muß man sie aus dem Mehr und dem Ebenso begründen, soweit es
durch die Vergleichung von zweien mit zweien geschehen kann. Ist z. B.
das mehr Definition von dem als das von dem, und ist das Definition,
was weniger Definition ist, so ist es auch das, was es mehr ist. Und
ist das ebenso Definition von dem wie das von dem, so ist, wenn das
eine Definition des einen ist, auch das andere Definition des anderen.

Werden aber entweder eine Definition mit zwei Objekten oder zwei
Definitionen mit einem Objekt verglichen, so ist der Gesichtspunkt
des Mehr zu nichts nütze. Denn es kann weder eine Definition für zwei
Objekte, noch zwei Definitionen für dasselbe Objekt geben.




+Viertes Kapitel.+


Unter allen Örtern sind aber auch nebst den jetzt genannten die aus dem
Sinnverwandten und die aus den Beugungsformen die brauchbarsten. Daher
muß man diese auch ganz besonders im Gedächtnis und zur Hand haben,
da sie für sehr viele Probleme verwandt werden können. Auch merke man
sich von den anderen Örtern besonders die gemeinsten, da diese von den
anderen die besten Dienste leisten, z. B. daß man das Einzelne ins
Auge fassen und sehen muß, ob der Begriff darauf paßt, da die Art nur
gleichartige Dinge umfaßt. Dieses Verfahren ist, wie schon gesagt, den
Vertretern der Ideenlehre gegenüber angezeigt[140]. Auch prüfe man,
ob der Gegner ein Wort metaphorisch gebraucht oder etwas, als wäre
es verschieden, von sich selbst aussagt. Und wenn sonst noch ein Ort
gemein und zweckdienlich ist, so verwende man ihn ebenso.




+Fünftes Kapitel.+


Daß es aber schwerer ist, eine Definition zu begründen als sie zu
widerlegen, soll die Betrachtung zeigen, die wir hiernach folgen lassen.

Es handelt sich bei den Sätzen, die die Richtigkeit einer
aufgestellten Definition als Schluß ergeben, entweder darum, sie selbst
zu finden, oder sie durch Fragen von der anderen Seite herauszuholen.
Mag aber nun das eine oder das andere der Fall sein, so ist dieses
nicht leicht. Wir meinen die Sätze, daß von den in dem angegebenen
Begriff enthaltenen Stücken das eine die Gattung, das andere die
Differenz ist, und daß in der Beschreibung des Wesens die Gattung und
die Differenzen angegeben werden. Ohne diese Sätze ist es unmöglich,
durch Schluß auf die Definition zu kommen. Denn wenn noch etwas anderes
in der Beschreibung des Wesens angegeben wird, so weiß man nicht, ob
für das betreffende Ding die aufgestellte Definition gilt oder eine
andere, da die Definition eine Rede ist, die das Wesen anzeigt.

Daß aber das eine schwerer ist als das andere, erhellt auch aus
folgendem. Es ist leichter, einen Schluß zu ziehen als viele. Nun
ist es aber für die Widerlegung genug, wenn man gegen je einen Punkt
disputiert — denn haben wir auch nur einen Punkt, gleichviel welchen,
widerlegt, so haben wir den Begriff umgestoßen —, bei der Konstruktion
dagegen muß man sich darüber einig werden, daß alles zusammen geleistet
ist, was zur Definition gehört.

[Sidenote: 154b]

Ferner muß man bei der Konstruktion für den Schluß in seiner
Allgemeinheit aufkommen, Denn die Definition muß von allem gelten, was
den betreffenden Namen hat, und das muß sich überdies noch umkehren
lassen, wenn die gegebene Definition dem Gegenstande eigentümlich
sein soll. Dagegen bedarf es bei der Widerlegung nicht mehr des
Nachweises einer allgemeinen Geltung. Es genügt zu beweisen, daß sich
der Begriff bei einem unter dem Namen befaßten Ding nicht erfüllt. Und
wenn man auch allgemein widerlegen müßte, so wäre doch auch so bei
der Widerlegung keine Umkehrung notwendig. Denn für eine allgemeine
Widerlegung genügt es, wenn man zeigt, daß der Begriff von etwas, wovon
der Name ausgesagt wird, nicht ausgesagt wird, und es bedarf keiner
Umkehrung, um zu zeigen, daß der Name von etwas ausgesagt wird, wovon
der Begriff nicht ausgesagt wird.

Auch wird eine Definition umgestoßen, wenn sie auf alles paßt, was
unter das Wort fällt, aber nicht darauf allein.

Ebenso verhält es sich mit dem Proprium und der Gattung: bei beiden
ist es leichter zu widerlegen als zu begründen. Das erhellt für das
Proprium aus dem Gesagten. Das Proprium wird meistens in einem Komplex
von Worten angegeben, und so läßt die Widerlegung sich erbringen, indem
man nur eines umstößt, während für die Begründung alles durch Schluß
erhärtet werden muß. Man kann aber füglich auch fast alles andere für
das Proprium geltend machen, was für die Definition gilt. Denn einmal
muß man bei der Begründung zeigen, daß es allem zukommt, was unter die
Benennung fällt, während es für die Widerlegung genügt, zu zeigen, daß
es einem nicht zukommt, und dann wird es auch in dem Falle widerlegt,
daß es allem zukommt, aber nicht ihm allein, wie wir bei der Definition
sagen.

Bei der Gattung aber erhellt es daraus, daß man auf eine Weise
begründen muß, indem man zeigt, daß sie allem zukommt, während für die
Widerlegung zwei Wege offen stehen: man mag zeigen, daß sie keinem
zukommt, und man mag zeigen, daß sie einem nicht zukommt, so hat man
beide Male die zu Anfang aufgestellte Gattung umgestoßen. Auch genügt
es bei der Begründung nicht, zu zeigen, daß sie einem Gegenstand
zukommt, man muß auch zeigen, daß sie ihm als Gattung zukommt; bei der
Widerlegung aber reicht es hin, zu zeigen, daß sie einem nicht zukommt
oder nicht allem zukommt. Es scheint daher, daß, wie überhaupt das
Zerstören leichter ist als das Aufbauen, so auch hier das Widerlegen
leichter ist als das Begründen.

[Sidenote: 155a]

Was das Akzidenz angeht, so ist das allgemeine Akzidenz leichter zu
widerlegen als zu begründen; denn bei der Begründung muß man zeigen,
daß es allem zukommt, bei der Widerlegung aber genügt es zu zeigen,
daß es einem nicht zukommt. Ein partikuläres Akzidenz ist umgekehrt
leichter zu begründen als zu widerlegen. Denn für die Behauptung genügt
es zu zeigen, daß es einem, zur Widerlegung aber muß man zeigen, daß es
keinem zukommt.

Es ist aber auch klar, daß von allen diesen vier Stücken die
Definition am leichtesten zu widerlegen ist. Für sie sind die Daten
am zahlreichsten, da vieles angegeben worden ist, was man bei ihr
beobachten muß. Je mehr dessen aber ist, desto schneller wird ein
Schluß aus ihm gewonnen. Denn es ist natürlich, daß bei vielen
Bestimmungen eher ein Fehler vorkommt als bei wenigen.

Weiterhin kann man eine Definition auch mit Hilfe der anderen Stücke
angreifen. Denn mag der aufgestellte Begriff dem Gegenstand nicht
eigentümlich, oder die vorgebliche Gattung nicht die rechte sein, oder
mag etwas, was in dem Begriffe enthalten ist, dem Gegenstand nicht
zukommen, so wird damit die Definition umgestoßen. Zu einem Angriff
auf die anderen Stücke aber kann man weder die aus den Definitionen
sich darbietenden Gründe, noch sonst alles verwenden; denn nur die
Bestimmungen für das Akzidenz gelten gemeinsam für alle genannten
Stücke. Ein jedes von ihnen muß dem Gegenstande zukommen, kommt ihm
aber die Gattung nicht als Proprium zu, so ist sie damit noch nicht
aufgehoben. Ebenso braucht ihm das Proprium nicht als Gattung und das
Akzidenz nicht als Gattung oder Proprium zuzukommen, sondern es braucht
ihm nur zuzukommen. Mithin kann man aus dem einen keine Schlüsse gegen
das andere ziehen außer bei der Definition.

Man sieht also, daß die Definition von allen Stücken am leichtesten
umzustoßen und am schwersten zu begründen ist. Denn einmal muß man hier
alles nachweisen, was zu den anderen Stücken erforderlich ist — daß
dem Ding zukommt was man angegeben hat, daß die Gattung die behauptete,
der Begriff ihm eigentümlich ist —, und dann noch außerdem, daß der
Begriff das Wesen anzeigt. Das alles will aber auch gut getan sein.

Von den anderen Stücken kommt der Definition in dieser Beziehung das
Proprium am nächsten. Es umzustoßen ist leichter, weil es meistens
durch viele Worte ausgedrückt wird, es aber zu begründen ist sehr
schwer, da man einerseits zu diesem Ende vieles beibringen und
begründen muß, und es anderseits dem Ding allein zukommt und mit ihm
konvertibel ist.

Am leichtesten von allen zu begründen ist das Akzidenz. Bei den anderen
Stücken muß man nicht nur zeigen, daß sie dem Ding zukommen, sondern
auch, daß sie ihm so zukommen, bei dem Akzidenz aber reicht es hin, zu
zeigen, daß es ihm zukommt. Aber es zu widerlegen ist am schwersten,
weil es die wenigsten Daten enthält. Es besagt nichts weiter, als daß
es dem Ding zukommt, über die Weise, wie das sein soll, sagt es nichts.
Mithin lassen sich die anderen Stücke auf zweierlei Weise umstoßen:
durch den Nachweis, daß sie dem Subjekt nicht zukommen, und durch den
Nachweis, daß sie ihm nicht so zukommen, das Akzidenz aber läßt sich
nur durch den Nachweis umstoßen, daß es ihm nicht zukommt.

So sind denn die Örter, die uns helfen können, in bezug auf jedes
Problem dialektische Schlüsse zu ziehen, annähernd vollständig
aufgezählt[141].




Achtes Buch.




+Erstes Kapitel.+


[Sidenote: 155b]

Nach diesem aber müssen wir von der Ordnung und Weise der Fragestellung
handeln.

Man muß, wenn man fragen will, erstens den Ort ausfindig machen, aus
dem der dialektische Schluß erfolgen soll, zweitens die einzelnen
Fragen bei sich selbst stellen und in eine bestimmte Ordnung bringen
und sie endlich drittens dem anderen entsprechend vorlegen.

Solange es sich nun um die Auffindung des Ortes handelt, gehört
die Untersuchung dem Philosophen und dem Dialektiker gemeinsam an,
dagegen bildet die nachfolgende Anordnung und Fragestellung die
eigentümliche Aufgabe des Dialektikers. Denn alles hier Einschlägige
hat seine Bedeutung lediglich dem anderen gegenüber, während es den
Philosophen, der ja für sich selbst forscht, nicht kümmert, daß die
Prämissen des Schlusses wahr und bekannt sind, der Antwortende jedoch
sie nicht aufstellt, weil sie der anfänglichen Frage nahestehen
und er die Folgerung voraussieht, vielmehr wird er sich wohl noch
bemühen, möglichst bekannte und mit dem Problem verschwisterte Axiome
zum Ausgangspunkt zu nehmen, weil das die Sätze sind, aus denen die
wissenschaftlichen Schlüsse entspringen[142].

Woher man nun die Örter nehmen muß, davon ist im obigen gehandelt
worden, um aber von der Ordnung und der Fragestellung zu handeln,
müssen wir die verschiedenen Sätze unterscheiden, die man noch außer
den notwendigen Sätzen verwenden muß. Notwendig werden die Sätze
genannt, durch die der Schluß zustande kommt. Der Sätze aber, die noch
außer diesen verwendet werden, sind vier Arten: sie werden verwendet
entweder zum Zwecke der Induktion, damit so das Allgemeine zugestanden
wird, oder zur Erweiterung der Rede, oder zur Verschleierung des
Schlußsatzes, oder zur Verdeutlichung der Rede. Außer diesen darf man
keinen Satz verwenden, sondern man muß die Fragestellung, wenn man ihr
einen weiteren Umfang geben will, auf sie beschränken. Die Fragen zum
Zwecke der Verschleierung werden des Streites wegen gestellt, da aber
diese ganze Kunst ihre Bedeutung lediglich einem anderen gegenüber hat,
so muß man sich auch ihrer bedienen.

[Sidenote: 156a]

Dementsprechend muß man die notwendigen Sätze, durch die der Schluß
erfolgt, nicht sogleich aufstellen, sondern sie so weit als möglich
zurückstellen, indem man z. B. nicht fordert, daß die Wissenschaft
des Konträren dieselbe ist, wenn man dieses erhärten will, sondern
die des Entgegengesetzten. Ist das angenommen, so kann man auch
folgern, daß die Wissenschaft des Konträren dieselbe ist, da das
Konträre entgegengesetzt ist. Nimmt der Gegner es aber nicht an, so
muß man es durch Induktion erhärten, indem man Sätze über das einzelne
Entgegengesetzte aufstellt. Denn man muß die notwendigen Sätze
entweder durch Schluß oder durch Induktion gewinnen, oder die einen
durch Induktion und die anderen durch Schluß, die ganz klaren aber
muß man unmittelbar aufstellen; denn bei der Zurückstellung und der
Induktion ist die Folge, die sich ergibt, immer weniger absehbar, und
anderseits steht es einem auch frei, die tauglichen Sätze unmittelbar
aufzustellen, wenn man sich ihrer auf jenem ersten Wege nicht
versichern kann. Die sonst noch genannten Sätze aber muß man wegen der
notwendigen Sätze heranziehen.

Im einzelnen muß man hier so verfahren. Bei der Induktion muß man
vom Besonderen zum Allgemeinen und vom Bekannten zum Unbekannten
fortschreiten. Bekannter, schlechthin oder für die Menge, ist das
Sinnenfällige.

Bei der Verschleierung muß man zuvor auf dasjenige schließen, wodurch
der Schluß auf die ursprüngliche These zustande kommen soll, und zwar
auf möglichst vieles; was geschieht, wenn man nicht nur Schlüsse auf
die notwendigen Sätze bildet, sondern auch auf den einen oder anderen
Satz, der auf diese führt.

Man darf ferner den jeweiligen Schlußsatz nicht angeben, sondern muß
ihn erst zuletzt aus allem Vorausgeschickten ableiten. So muß er am
weitesten von der ursprünglichen These abstehen.

Um aber die Hauptsache zu sagen, man muß es bei diesem versteckten
Verfahren so einrichten, daß der andere, nachdem man selbst die ganze
Begründung durch Fragen gesichert und den Schlußsatz ausgesprochen
hat, nach dem Warum fragt, und das wird man besonders auf die vorhin
angegebene Weise erreichen. Denn wenn man nur den letzten Schlußsatz
nennt, so weiß der Antwortende nicht, wie er gewonnen wird, weil er
nicht voraussieht, kraft welcher Prämissen er gewonnen wird, wenn die
vorausgehenden Schlüsse nicht entsprechend zergliedert werden. Das
geschieht aber mit dem Schluß auf die Konklusion dann am wenigsten,
wenn wir nicht die Requisite dieser Konklusion, sondern die jenes
Schlusses vorlegen.

Es empfiehlt sich auch, die Axiome, aus denen der jeweilige Schluß
erfolgen soll, nicht stetig aufeinander folgen zu lassen, sondern erst
die für die eine und dann die für die andere Folgerung zu bringen.
Denn wenn man die zu einem Schlusse gehörigen Vordersätze unmittelbar
aneinander reiht, sieht man deutlicher, was aus ihnen folgen muß.

[Sidenote: 156b]

Man muß auch wo es angeht, den allgemeinen Vordersatz (der unmittelbar
den gewollten Schluß ergibt) durch eine Definition zu erhalten suchen,
die nicht für das Gewollte selbst, sondern für Sinnverwandtes gilt.
Denn man redet sich, wenn die Definition auf Sinnverwandtes bezogen
wird, fälschlich ein, man habe damit noch nicht jenen allgemeinen Satz
zugegeben. Man setze z. B. den Fall, wo man zugestanden haben müsse,
der Zornige begehre wegen scheinbarer Geringschätzung nach Rache, und
es werde einem zugestanden, der Zorn sei ein Begehren nach Rache wegen
scheinbarer Geringschätzung. Offenbar hat man mit diesem Zugeständnis
das, worauf es einem ankommt. Wer aber geradezu auf das Gewollte
losgeht, mag bei dem Antwortenden oft auf Widerspruch stoßen, weil es
ihm eher einen Einwand liefert, in unserem Falle etwa, daß der Zornige
mitnichten nach Rache und Strafe begehrt. Zürnen wir doch auch wohl
unseren Eltern, ohne deshalb Rache an ihnen nehmen zu wollen. Nun ist
ja dieser Einwand freilich wohl nicht triftig. Denn an manchen Personen
ist es eine ausgiebige Rache, wenn man es dazu bringt, daß sie ihr
Verhalten einfach bedauern und bereuen. Gleichwohl wohnt dem Einwurf in
dem Sinne etwas Überzeugendes bei, daß man den behaupteten Satz nicht
grundlos zu bestreiten scheint. Bei der bloß abstrakten Definition des
Zornes aber ist es nicht ebenso leicht, einen Einwurf zu finden.

Es empfiehlt sich auch, die Sätze so zu stellen, als handelte es sich
nicht um die Sache selbst, sondern um etwas anderes. Vor dem, was für
die These dienlich ist, ist man auf der Hut.

Eine Hauptregel ist, es nach Möglichkeit im unklaren zu lassen, ob man
einen Satz oder sein Gegenteil zugestanden haben will. Wenn es dem
Gegner ungewiß bleibt, was zur Begründung dienlich ist, sagt er eher
seine Meinung.

Man muß ferner den Gegner in der Weise ausholen, daß man ihn nach
Ähnlichem fragt. Das ist einerseits überzeugender für ihn, und
anderseits bleibt so der allgemeine Satz, aus dem der gewollte Schluß
erfolgen soll, besser verborgen. Es ist z. B., wie das Wissen und
Nichtwissen des Konträren dasselbe ist, auch die sinnliche Wahrnehmung
des Konträren dieselbe, oder umgekehrt ist, da die Wahrnehmung
dieselbe ist, das Wissen es ebenso. Dieses Verfahren ist der Induktion
ähnlich, aber freilich nicht mit ihr identisch. Denn dort erhält man
aus dem Besonderen das Allgemeine, bei dem Ähnlichen aber ist das, was
man erhält, nicht das Allgemeine, unter dem alles Ähnliche befaßt wäre.

Man muß sich auch zuweilen selbst einen Einwurf machen. Denn die
Antwortenden haben keinen Argwohn gegen einen Gegner, der bei der
Erörterung redlich zu verfahren scheint.

Es nützt auch, in der Disputation anzumerken, daß das und das bekannt
und anerkannt sei. Man scheut sich, etwas anzugreifen, was gewöhnliche
Meinung ist, wenn man keine Gegengründe hat. Zugleich hütet man sich
auch darum, gegen solche Aufstellungen anzugehen, weil man selbst von
ihnen Gebrauch macht.

Ferner ist es vorteilhaft, sich nicht mit großem Eifer für etwas
einzusetzen, wenn es auch durchaus wichtig ist. Einem Gegner, der Eifer
verrät, setzt man größeren Widerstand entgegen.

Und: den Satz in einem Gleichnis vorzulegen. Man nimmt leichter an, was
eines anderen wegen behauptet wird und nicht sich selbst zum Zwecke hat.

Ferner: nicht das aufzustellen, was man erhalten muß, sondern das,
worauf das Gewollte folgt. Einmal räumt man dasselbe leichter ein, weil
man nicht so deutlich sieht, was seine Folge ist, und dann hat man ja
mit ihm auch das Gewollte.

[Sidenote: 157a]

Und: zuletzt zu fragen was man vor allem zugestanden haben will.
Man steift sich am hartnäckigsten gegen das Erste, weil die meisten
Opponenten das zuerst aufstellen, worauf es ihnen am meisten ankommt.
Manchen gegenüber aber ist es besser, sich solcher Sätze zuerst zu
versichern. Anmaßende Personen räumen das Erste am ehesten ein, wenn
die daraus erfließende Folge nicht vollkommen klar ist, am Ende aber
werden sie frech und schwierig. Ebenso machen es die, die scharfsinnig
beim Disputieren zu sein glauben: nachdem sie das meiste zugegeben
haben, verlegen sie sich zuletzt auf windiges Gerede, mit dem sie
dartun wollen, daß das Ergebnis aus dem Zugestandenen nicht erfließt.
Sie sind aber so rasch mit Zugeständnissen bei der Hand, weil sie sich
auf ihre Gewandtheit verlassen und meinen, man könne ihnen nichts
anhaben.

Endlich: weitläufig zu sein und nach Art der Pseudographen (Zeichner
falscher Figuren) Dinge einzuflechten, die für die Erörterung keinerlei
Bedeutung haben[143]. Wird vieles gesagt, so weiß man nicht, wo der
Fehler steckt. Deshalb bringen auch die Fragenden zuweilen unbemerkt
nur so nebenher Zusätze, die man ihnen nicht hingehen ließe, wenn sie
für sich allein aufgestellt würden.

Wo es sich also um die Verschleierung der Beweisführung handelt,
muß man sich der angeführten Mittel bedienen, zur Ausschmückung des
Vortrags aber ist die Induktion und die Unterscheidung des Verwandten
zu benutzen.

Was die Induktion ist, bedarf keiner Erklärung. Man unterscheidet
aber, wenn man z. B. sagt: die eine Wissenschaft ist wertvoller
als die andere, entweder weil sie genauer ist, oder weil sie ein
vorzüglicheres Objekt hat[144], oder: die Wissenschaften sind teils
theoretisch (betrachtend), teils praktisch (handelnd), teils poiëtisch
(hervorbringend). Solche Unterscheidungen schmücken den Vortrag als
Beiwerk, brauchen aber nicht um des Schlußsatzes willen gemacht zu
werden.

Zum Behuf der Deutlichkeit endlich muß man Beispiele und Vergleiche
anführen, aber Beispiele, die auf die Sache passen und von bekannten
Dingen hergenommen sind, wie sie Homer, nicht wie sie Chörilus[145]
bringt. Denn so wird das Behauptete deutlicher.




+Zweites Kapitel.+


Man muß beim Disputieren den Schluß mehr den Dialektikern als der Menge
gegenüber anwenden, die Induktion hingegen mehr der Menge gegenüber.
Hiervon war schon vorhin die Rede[146].

Bei manchen Dingen ist es möglich, bei der Induktion das Allgemeine
durch Fragen zu erhalten, bei anderen ist es deshalb nicht leicht, weil
nicht für alles Ähnliche eine gemeinsame Bezeichnung vorhanden ist,
sondern, wenn man das Allgemeine erhalten muß, sagt man, daß es so bei
allem Derartigen ist. Aber grade das ist am schwersten auszumachen,
was von dem Angeführten derartig ist, und was nicht. Und überdies
hintergeht man sich in der Disputation oft, indem der eine etwas für
ähnlich ausgibt, was es nicht ist, und der andere das, was ähnlich ist,
nicht als solches gelten läßt. Deshalb muß man für alles Derartige
selbst einen Namen zu erfinden suchen, damit weder der Antwortende
bezweifeln kann, daß das Angeführte ähnlich ist, noch der Fragende die
Ähnlichkeit fälschlich behaupten kann, da vieles, was keine ähnliche
Bedeutung hat, sie doch zu haben scheint[147].

Wenn der Gegner, obschon man die Induktion an vielen Einzelheiten
durchführt, die Allgemeingültigkeit nicht zugibt, dann ist es billig,
von ihm zu verlangen, daß er eine Gegeninstanz anführt. Sagt man aber
selbst nicht, in welchen Fällen es so ist, so ist es nicht billig, vom
Gegner zu verlangen, daß er sage, in welchen Fällen es nicht so ist.
Denn erst muß man die Induktion durchführen, dann kann man erst nach
einer Instanz fürs Gegenteil fragen.

[Sidenote: 157b]

Auch muß man fordern, daß man die Instanzen (Verwahrungen gegen die
Einwürfe des Gegners) nicht an Hand des Behaupteten selbst bringt, es
wäre denn das einzige, das so beschaffen wäre, wie einzig die Zwei
unter den graden Zahlen die erste Zahl ist. Denn der sich Verwahrende
muß seine Verwahrung an Hand eines anderen Objekts bringen, oder muß
sagen, daß einzig das und das so beschaffen sei[148].

Wider solche aber, die sich gegen die Allgemeingültigkeit einer
Behauptung verwahren, aber die Verwahrung nicht an Hand des Dinges
selbst bringen, sondern sich auf ein Homonymes berufen, die z. B.
behaupten, es könne jemand eine Farbe oder einen Fuß oder eine Hand
haben, die nicht die seine sei — kann doch der Maler eine Farbe, der
Schlächter[149] einen Fuß haben, der nicht der seine ist —, nun, bei
solchen Dingen muß man mit Anwendung einer Unterscheidung fragen. Denn
solange die Homonymie versteckt bleibt, hat es den Schein, als ob man
sich mit Recht gegen den aufgestellten Satz verwahre.

Wenn der Gegner aber die Entscheidung der Frage dadurch aufhält, daß
er seinen Einwurf nicht vom Homonymen, sondern von dem Ding selbst
hernimmt, so muß man mit Aufgabe dessen, was von dem Einwurf getroffen
wird, den Rest allgemein fassen, bis man den tauglichen Vordersatz
erhält. Nehmen wir zur Erläuterung das Beispiel vom Vergessenhaben und
der Vergeßlichkeit! Man gibt nämlich nicht zu, daß jemand, der ein
Wissen eingebüßt hat, vergaß, was er wußte, weil er, wenn das Ding in
sein Gegenteil umgeschlagen ist, zwar das Wissen von ihm eingebüßt
hat, es aber nicht vergessen hat. Man muß also mit Aufgabe dessen,
was von dem Einwurf wirklich getroffen wird, den Rest der Behauptung
aufrechterhalten, daß er nämlich, wenn er trotz der Fortdauer des
Dinges das Wissen darum eingebüßt hat, es vergessen hat.

Ebenso muß man denen begegnen, die dagegen insistieren, daß das höhere
Gut sein Gegenteil an dem größeren Übel hat. Sie machen geltend, daß
der Gesundheit, die ein geringeres Gut ist als das gute Befinden,
ihr Gegenteil an einem größeren Übel hat; denn die Krankheit sei ein
größeres Übel als das schlechte Befinden. Man gebe also auch hier das
auf, was von dem Einwurf getroffen wird. Denn nach dessen Aufgabe wird
man den Rest leichter zugestanden bekommen, daß nämlich das größere Gut
sein Gegenteil an dem größeren Übel hat, wenn nicht das eine das andere
mit sich bringt, wie das gute Befinden die Gesundheit.

Man muß das aber nicht nur tun, wenn der Gegner insistiert, sondern
auch wenn er ohne Instanz leugnet, weil er voraussieht, daß etwas
herauskommt, was ihn widerlegt. Denn wenn dasjenige aufgegeben wird,
worauf der Einwand zutrifft, so wird er genötigt sein, seine Zustimmung
zu geben, weil er nicht sieht, wo es bei dem Rest anders sein sollte.
Gibt er aber seine Zustimmung nicht, so wird er, nach einer Instanz
gefragt, keine zur Verfügung haben. Von der Art sind die Sätze, die zum
Teil wahr und zum Teil falsch sind. Man kann sie so einschränken, daß
der Rest wahr bleibt. Wenn man aber einen Satz an vielen Einzelfällen
erhärtet und der Gegner keinen Einwand bringt, so muß man fordern, daß
er ihn gelten läßt. Denn ein Satz, der sich in vielen Fällen so bewährt
und gegen den keine Instanz spricht, ist ein dialektischer Satz.

[Sidenote: 158a]

Wenn man das nämliche sowohl ohne das Unmögliche wie durch das
Unmögliche erschließen kann, so trägt es für den Demonstrierenden
und nicht Disputierenden nichts aus, ob er so oder so schließt, wer
aber wider einen anderen disputiert, darf nicht den Schluß durch das
Unmögliche anwenden. Denn mit jemand, der ohne das Unmögliche schließt,
läßt sich nicht rechten, schließt man aber auf das Unmögliche, so
leugnen die Gegner, wenn die Falschheit der Behauptung nicht sehr
einleuchtend ist, ihre Unmöglichkeit, und erreichen somit die Fragenden
ihren Zweck nicht.

Man muß behaupten was sich in vielen Fällen so verhält und einen
Einwand entweder überhaupt nicht oder doch keinen solchen zuläßt, der
an der Oberfläche liegt. Denn wenn die Gegner nicht abzusehen vermögen,
in welchen Fällen es nicht so sein soll, so nehmen sie an, daß es wahr
ist.

Man darf den Schlußsatz nicht als Frage fassen. Sonst scheint, wenn
der Gegner die Frage verneint, kein Schluß erfolgt zu sein. Denn er
bestreitet oft einen Satz schon, auch wenn man nicht fragt, sondern ihn
als Folgerung vorträgt, und wenn er das tut, halten ihn solche, die das
Ergebnis der zugestandenen Sätze nicht absehen, nicht für widerlegt.
Wenn man nun auch nicht erklärt, daß etwas logisch folge, sondern
fragt, und der Gegner verneint, scheint schon gar kein Schluß erfolgt
zu sein.

Nicht jeder allgemeine Satz scheint ein dialektischer Satz zu sein,
z. B. nicht der Satz: was ist ein Mensch? oder: in wie vielfachem Sinne
spricht man von dem Guten? Dialektisch ist ein Satz, auf den man mit
ja oder nein antworten kann, was bei den angeführten Sätzen nicht der
Fall ist. Deshalb sind solche Fragen nicht dialektisch, wenn man nicht
selbst eine Unterscheidung und Gegenüberstellung in sie hineinbringt,
und z. B. sagt: spricht man von dem Guten in dem oder in dem Sinne?
Denn auf solche Fragen ist leicht bejahend oder verneinend antworten.
Deshalb muß man die betreffenden Sätze so zu fassen suchen. Dann mag es
auch wohl billig sein, den Gegner zu fragen, in wie vielfachem Sinne
man von dem Guten spricht, wenn man selbst die Fragen einteilt und er
in keinem Sinne zustimmt.

Wer lange um eine Begründung herumfragt, verstößt gegen die Regeln der
Fragestellung. Denn wenn er das in der Erörterung mit einem Gegner tut,
der auf das Gefragte antwortet, so stellt er offenbar viele Fragen oder
des öfteren die nämlichen, und verführt somit entweder leeres Geschwätz
oder erhält keinen Schluß. Denn zum Schluß gehören immer nur wenige
Prämissen. Antwortet der andere aber nicht, so fehlt man insofern, als
man ihn nicht tadelt oder die Erörterung nicht fallen läßt.




+Drittes Kapitel.+


Es kann bei denselben Voraussetzungen schwer sein, sie anzugreifen, und
leicht, sie zu verteidigen.

[Sidenote: 158b]

Von dieser Art sind das von Natur Erste und das Letzte. Denn das
Erste bedarf der Definition, und das Letzte wird, wenn man vom Anfang
bis zum Ende die Kontinuität wahren will, durch eine Vielheit von
Sätzen gewonnen, oder die Schlüsse müssen sophistisch erscheinen, da
man nichts demonstrieren kann, wenn man nicht mit den eigentümlichen
Prinzipien der Sache beginnt und in ununterbrochener Folge bis zum
Letzten fortschreitet[150]. Was nun das Definieren angeht, so fordern
die Antwortenden es weder, noch geben sie, wenn der Fragende definiert,
darauf acht. Wenn man aber nicht weiß, was das Vorliegende eigentlich
ist, so ist nicht leicht dagegen angehen. Am meisten aber gilt dieses
von den Prinzipien. Denn das andere wird aus ihnen bewiesen, sie selbst
aber können nicht aus anderem bewiesen werden, sondern jedes Prinzip
muß man mit Hilfe der Definition gewinnen.

Aber auch solches ist schwer anzugreifen, was den Prinzipien sehr
nahesteht. Man kann dagegen nicht viele Gründe anführen, weil zwischen
ihm und den Prinzipien weniges in der Mitte liegt, und doch aus diesem
Wenigen das Folgende erhärtet werden müßte.

Von allen Definitionen sind aber diejenigen am schwersten anzugreifen,
die solche Bezeichnungen verwenden, von denen man einmal nicht weiß,
ob sie eines oder vieles bedeuten, und dann nicht, ob der Urheber
der Definition sie im eigentlichen oder im übertragenen Sinne
versteht. Weil die Bezeichnungen nicht deutlich sind, bieten sie
keine Anhaltspunkte zum Angriff, und weil man ungewiß ist, ob ihre
Undeutlichkeit auf der metaphorischen Redeweise beruht, rechtfertigen
sie keinen Tadel.

Überhaupt muß man von jedem schwer anzugreifenden Problem annehmen,
daß entweder eine Definition dazu gegeben werden muß, oder daß
es zweideutig oder metaphorisch ausgedrückt ist, oder daß es die
Prinzipien nahe berührt, oder daß wir zunächst ebendieses nicht
wissen, auf welche von diesen Arten die Schwierigkeit, die es
bietet, zurückgeht. Denn wenn man sich die Art der Schwierigkeit zum
Bewußtsein bringt, so zeigt sich, daß man entweder zu definieren oder
zu distinguieren oder die Mittelsätze beizubringen hat, aus denen die
letzten Sätze bewiesen werden müssen.

Bei vielen Sätzen ist es deshalb nicht leicht, über sie zu disputieren
und sie anzugreifen, weil man keine gute Definition aufstellt, so z. B.
bei dem Problem, ob einem eines oder mehreres konträr ist. Ist aber
das Konträre richtig definiert, so ist es leicht abzunehmen, ob ein
und demselben mehreres konträr sein kann oder nicht. Und ebenso ist es
sonst, wo sich eine Definition gehört.

[Sidenote: 159a]

Es scheint aber auch in der Mathematik manches wegen des Abgangs einer
Definition nicht leicht erweislich[151], so z. B. der Satz, daß das
Perpendikel, das (in einem gleichschenkligen Dreieck) die Figur an der
Grundlinie zerteilt, Linie und Fläche gleichmäßig zerlegt. Gibt man
aber die Definition an, so leuchtet der Satz sofort ein. Der Abzug hebt
sich nämlich bei den Flächen und den Linien gleichmäßig gegen den Rest
auf, und das ist eben die Definition desselben Verhältnisses. Überhaupt
sind in dieser Disziplin, wenn man einmal die Definitionen hat, wie
z. B. von Linie und Kreis, die Anfangsgründe sehr leicht zu beweisen,
nur daß sich bei jedem dieser obersten Sätze nicht viel disputieren
läßt, weil der Zwischenglieder nicht viele sind. Werden aber die
Definitionen der Prinzipien nicht angegeben, so sind diese Beweise
schwer, wo nicht gar unmöglich. Ähnlich nun wie bei den Elementen der
Geometrie liegt die Sache auch, wenn man es bei den dialektischen
Disputationen mit elementaren Sätzen zu tun hat.

Man muß also wissen, daß, wenn gegen einen Satz schwer disputieren
ist, immer eine von den bezeichneten Ursachen zugrunde liegt. Trifft
es sich aber, daß gegen ein Axiom[152] oder eine Prämisse schwerer
disputieren ist, als gegen die These selbst, so kann man zweifeln,
ob man eine solche These zugeben soll oder nicht. Gibt man sie nicht
zu und will vielmehr auch jenes Axiom oder jenen Vordersatz erörtert
haben, so verlangt man von dem Gegner etwas, was weiter ausschaut als
der ursprüngliche Gegenstand der Erörterung. Gibt man sie aber zu, so
wird man glauben auf Grund von weniger Glaubhaftem.

Wenn man also ein Problem nicht erschweren darf, so muß man sie
zugeben; wenn man aber aus Bekannterem schließen muß, so darf man sie
nicht zugeben. Oder sagen wir lieber: wer lernen will, soll sie nicht
zugeben, wer aber bloß der Übung wegen disputiert, soll sie zugeben,
wenn sie nur wahr scheint. Man darf demnach offenbar dem Fragenden
und dem Lernenden nicht in gleicher Weise zumuten, daß sie solche
Vordersätze einräumen.




+Viertes Kapitel.+


Wie also und in welcher Ordnung man fragen muß, mag mit dem Bisherigen
zur Genüge erklärt sein, bezüglich der Antwort aber müssen wir zuerst
angeben, welches die Aufgabe dessen ist, der gut antworten will,
verglichen mit der Aufgabe dessen, der gut fragen will.

Wie es die Aufgabe des Fragenden ist, die Rede so zu lenken, daß er
den Antwortenden nötigt, von dem, was aus der These notwendig folgt,
das Unwahrscheinlichste einzuräumen, so ist es an dem Antwortenden,
dafür zu sorgen, daß die Unmöglichkeiten oder Paradoxien als
Folgerungen nicht auf seine Rechnung, sondern auf Rechnung der These
zu kommen scheinen. Ist es doch wohl ein anderer Fehler, etwas als
These voranzustellen, was man nicht hätte behaupten sollen, und das
Aufgestellte nicht gehörig zu vertreten wissen[153].




+Fünftes Kapitel.+


Da aber diejenigen, die der Übung und Probe wegen disputieren, keine
bestimmten Regeln vor sich haben — denn es sind nicht dieselben Ziele,
die Lernende und Lehrende und die Streitende verfolgen, und anderes
wieder als sie haben diejenigen im Auge, die der Untersuchung wegen
sich miteinander besprechen; denn der Lernende muß immer zugeben, was
er für wahr hält, da ja auch niemand etwas Falsches lehren will; von
den Streitenden aber muß der fragende Teil unter allen Umständen den
Schein erwecken, daß er den Gegner in die Enge treibt, der antwortende
Teil hinwieder muß den Schein hervorrufen, daß ihm solches nicht
widerfährt. Für die dialektischen Erörterungen aber, wo man das
Gespräch nicht des Wettstreites, sondern der Probe und der Untersuchung
wegen führt, ist bis jetzt noch nichts Bestimmtes darüber gelehrt
worden, worauf der Antwortende es abzusehen hat, und was er zugeben und
nicht zugeben muß, um eine These gut oder nicht gut zu behaupten —,
da wir also von den anderen bezüglich dieser Kunst nichts überkommen
haben, so wollen wir unserseits einiges über sie vorzutragen suchen.

[Sidenote: 159b]

Der Antwortende muß also Rechenschaft geben, nachdem er einen Satz
aufgestellt hat, der entweder wahrscheinlich oder unwahrscheinlich oder
keines von beiden ist, und der entweder schlechthin wahrscheinlich
oder unwahrscheinlich ist, oder in einer bestimmten Beziehung, nämlich
für den und den, den Defendenten selbst oder sonst jemanden. Es macht
keinen Unterschied, in welchem Sinne auch immer der Satz wahrscheinlich
oder unwahrscheinlich sein mag: die Weise, recht zu antworten und das
Gefragte zuzugeben oder nicht zuzugeben, wird dieselbe sein.

Ist nun die These unwahrscheinlich, so muß der Schlußsatz (auf den der
Opponent lossteuert) wahrscheinlich, ist sie wahrscheinlich, so muß
er unwahrscheinlich werden. Denn der Fragende schließt immer auf das
Gegenteil der These. Ist aber das Behauptete weder unwahrscheinlich
noch wahrscheinlich, so wird auch der Schlußsatz diese Beschaffenheit
haben.

Da aber einer, der gut schließt, seinen Vorwurf aus Wahrscheinlicherem
und Bekannterem beweist, so ist klar, daß, wenn das Behauptete
schlechthin unwahrscheinlich ist, der Antwortende weder solches
zugeben darf, was schlechthin nicht wahr scheint, noch solches, was
zwar wahr scheint, aber weniger wahr als der Schlußsatz. Denn wenn
die These unwahrscheinlich ist, ist der Schlußsatz wahrscheinlich,
und demgemäß muß alles, was man (zu seiner Begründung) verwendet,
wahrscheinlich sein und mehr noch wahrscheinlich als das Vorliegende
(der Schlußsatz des Opponenten), wenn das minder Bekannte aus dem
Bekannteren gefolgert werden soll. Wenn mithin etwas von dem Gefragten
diese Beschaffenheit nicht hat, darf der Antwortende es nicht
zugestehen.

Ist die These dagegen schlechthin wahrscheinlich, so ist der Schlußsatz
offenbar schlechthin unwahrscheinlich. Man muß mithin sowohl alles
zugestehen, was wahr scheint, als auch alles von dem nicht wahr
Scheinenden, was minder unwahrscheinlich ist als der Schlußsatz. Auf
diese Weise wird man vortrefflich disputiert haben.

Ebenso verfahre man bei einer These, die weder unwahrscheinlich noch
wahrscheinlich ist. Man gebe auch in diesem Falle alles Glaubwürdige,
und von dem nicht Glaubwürdigen so viel zu, als minder unwahrscheinlich
ist denn der Schlußsatz. So müssen die Begründungen wahrscheinlich
werden.

Ist also das Behauptete schlechthin wahrscheinlich oder
unwahrscheinlich, so muß man die einzelnen Aufstellungen des Opponenten
unter dem Gesichtspunkte des schlechthin Wahrscheinlichen vergleichen,
ist es aber nicht schlechthin, sondern für den Antwortenden
wahrscheinlich oder unwahrscheinlich, so muß man, was Glauben verdienen
soll, was keinen, nach sich selbst beurteilen und so die Zugeständnisse
bald geben, bald verweigern.

Daher räumen auch diejenigen, die fremde Meinungen vortragen, etwa
daß Gut und Schlecht dasselbe sei, wie Heraklit sagt, nicht ein, daß
Konträres nicht zugleich einem und demselben Ding beiwohnt, nicht als
ob sie es selbst glaubten, sondern weil man es nach Heraklit behaupten
muß. Das tun auch diejenigen, die die Sätze voneinander übernehmen: sie
suchen sie im Sinne ihrer Urheber zu erhärten.




+Sechstes Kapitel.+


Man sieht also, worauf der Antwortende sein Absehen richten muß, sei
nun das Behauptete schlechthin oder subjektiv wahrscheinlich.

[Sidenote: 160a]

Da aber alles Gefragte notwendig entweder wahrscheinlich oder
unwahrscheinlich oder keins von beidem ist und entweder in die
Disputation gehört oder nicht, so muß man, wenn das Gefragte wahr
scheint und nicht in die Disputation gehört, es zugeben und sagen, es
scheine wahr; scheint es aber nicht wahr und gehört es nicht in die
Disputation, so muß man es zwar zugeben, aber dabei, um den Schein
der Einfältigkeit zu vermeiden, bemerken, daß es einem nicht wahr
vorkomme. Gehört es aber in die Disputation und scheint es wahr,
so muß man sagen, es scheine wahr, aber stehe der ursprünglichen
Behauptung zu nahe, und es werde mit ihrer Annahme das nun Behauptete
aufgehoben. Wenn es aber in die Disputation gehört, indessen ein
sehr unwahrscheinliches Axiom ist, so muß man sagen, bei seiner
Voraussetzung gelte zwar die Folgerung des Gegners, aber der Satz sei
sehr einfältig.

Ist es aber weder unwahrscheinlich noch wahrscheinlich, so muß man
es, wenn es für die Sache nichts ausmacht, ohne weitere Bemerkungen
zugeben, im anderen Falle gebe man zu verstehen, daß mit seiner Annahme
die ursprüngliche Behauptung umgestürzt wird. Denn so kann auf den
Antwortenden kein Schein fallen, als ob er durch eigene Schuld in
Verlegenheit käme, wenn er jegliches vorschauend zugibt, und gewinnt
der Fragende einen Schluß, wenn ihm alles, was wahrscheinlicher ist
als der Schlußsatz, zugestanden wird. Solche Gegner aber, die aus
Prämissen schließen wollen, die unwahrscheinlicher als der Schlußsatz
sind, schließen offenbar nicht richtig, und deshalb darf man sie den
Fragenden nicht zugeben.




+Siebentes Kapitel.+


Ähnlich muß man dem Opponenten begegnen, wenn er sich undeutlich
und vieldeutig ausdrückt. Da es dem Defendenten gestattet ist, wenn
er etwas nicht versteht, zu sagen: ich verstehe nicht, und er, wenn
der Gegner vieldeutig spricht, seine Sätze nicht einzuräumen oder zu
bestreiten braucht, so muß er offenbar zuerst, wenn das, was der andere
vorbringt, nicht deutlich ist, ohne Bedenken erklären, daß er es nicht
verstehe. Denn man gerät oft, wenn man, nicht deutlich gefragt, etwas
zugibt, in Schwierigkeiten.

Sodann muß er, wenn es zwar bekannt, aber vieldeutig ist, folgendes
beobachten: ist die Behauptung in jedem Sinne richtig oder falsch, so
muß er sie glattweg zugeben oder ablehnen, ist sie aber in einem Sinne
falsch und in einem anderen Sinne richtig, so muß er erklären, daß sie
vieldeutig und in dem einen Sinne falsch, in dem anderen richtig ist.
Denn wenn er später unterscheidet, weiß man nicht, ob er die Amphibolie
schon zu Anfang bemerkt hat.

Hat er aber die Amphibolie nicht schon zuvor bemerkt, sondern die
Behauptung im Hinblick auf die eine ihrer möglichen Bedeutungen
zugegeben, so muß er dem Gegner, der auf die andere Bedeutung
hinauswill, erklären: ich habe meine Zustimmung nicht mit Bezug auf
diese, sondern mit Bezug auf die andere Bedeutung ausgesprochen.

Ist das Gefragte endlich klar und eindeutig zugleich, so muß man darauf
mit ja oder nein antworten.




+Achtes Kapitel.+


[Sidenote: 160b]

Da aber jeder Satz in einem Schlusse entweder zu denen gehört, woraus
die Folgerung unmittelbar erfließt, oder um eines dieser Sätze
willen auftritt —daß etwas um eines anderen willen herbeigezogen
wird, verrät sich dadurch, daß man mehreres Ähnliche fragt; denn das
Allgemeine erhält man meistens durch Induktion oder durch Ähnlichkeit
—, nun, so muß man das Einzelne alles zugeben, wenn es wahr und
wahrscheinlich ist, aber gegen die allgemeine Folgerung muß man
eine Instanz[154] zu erbringen suchen. Denn eine Begründung ohne
Instanz, sie sei wirklich oder scheinbar, aufhalten, heißt, unnötige
Schwierigkeiten machen. Wenn man mithin, wo für das Allgemeine viele
Erscheinungen sprechen, es dennoch nicht zugibt, ohne eine Instanz
für sich zu haben, so liegt es auf der Hand, daß man bloß unnötige
Schwierigkeiten macht. Und diesem Schein könnte man sich um so mehr
aussetzen, wenn man auch nicht imstande wäre, den Gegner mit Gründen zu
widerlegen.

Gleichwohl reicht dieses doch nicht aus (um den Schein zu
rechtfertigen). Denn wir haben viele den feststehenden Meinungen
entgegengesetzte Gründe, die schwer zu entkräften sind, wie die des
Zeno, daß keine Bewegung sein und man die Rennbahn nicht durchlaufen
kann. Und doch folgt daraus nicht, daß man nicht das Gegenteil davon
behaupten muß.

Wenn man also etwas nicht zugibt, obwohl man weder eine Gegeninstanz
(eine entgegengesetzte angesehene Meinung), noch Gegengründe zur
Verfügung hat, so ist es klar, daß man grundlose Schwierigkeiten macht.
Denn bei den Disputationen grundlose Schwierigkeiten machen, heißt,
eine den angegebenen Regeln zuwiderlaufende Antwort geben, die den
Schluß umstürzt.




+Neuntes Kapitel.+


Man muß sich einer These und einer Definition erst annehmen, nachdem
man sie bei sich selbst überlegt hat. Denn man hat offenbar die
Aufgabe, den Argumenten zu begegnen, mit denen die Fragenden das
Behauptete umstürzen wollen.

Eines unwahrscheinlichen Satzes sich anzunehmen vermeide man. Ein Satz
kann in zweifacher Weise unwahrscheinlich sein: einmal, wenn er zu
ungereimten Folgerungen führt, wie wenn man beispielsweise behauptete,
daß alles oder daß nichts sich bewegt; dann, wenn es Sätze sind, deren
Wahl eine minderwertige Gesinnung verrät und die mit rechtschaffenem
Wollen nicht vereinbar sind, wie z. B. daß die Lust das höchste Gut und
daß es besser ist, Unrecht zu tun als Unrecht zu leiden. Denn man wird
gegen die Anwälte solcher Sätze eingenommen, indem man sich vorstellt,
daß sie sie nicht der logischen Übung halber verteidigen, sondern als
ihre wahre Meinung vortragen.




+Zehntes Kapitel.+


Die Schlüsse, die Falsches ergeben, muß man entkräften, indem man den
Punkt umstößt, auf dem die falsche Folgerung beruht.

Um sie zu entkräften, genügt es nicht, das erste beste umzustoßen, auch
wenn es etwas Falsches ist. Der Schluß kann ja mehrere Fehler haben,
wie wenn man z. B. die Prämissen nimmt, daß der Sitzende schreibt
und Sokrates sitzt. Denn aus diesen Prämissen folgt, daß Sokrates
schreibt. Ist nun der Satz umgestoßen, daß Sokrates sitzt, so ist für
die Entkräftung der Begründung noch nichts gewonnen, und doch ist der
Vordersatz falsch. Aber es liegt nicht an ihm, daß die Begründung
falsch ist. Denn wenn jemand zufällig sitzt, aber ohne zu schreiben,
so paßt hierauf diese Art, den Schluß zu entkräften, noch lange nicht.
Mithin muß man nicht diesen Vordersatz umstoßen, sondern den anderen,
daß der Sitzende schreibt. Denn nicht jeder Sitzende schreibt.

So hat man denn durch die Umstoßung des Satzes, auf dem der Fehler
beruht, jedenfalls den Schluß entkräftet, aber ein Wissen um die
Entkräftung hat doch nur, wer weiß, daß der Schluß auf ihm beruht, wie
es bei den falsch gezeichneten geometrischen Figuren[155] der Fall ist.
Denn da genügt es nicht, eine Instanz anzurufen, wenn auch das durch
sie Umgestoßene falsch ist, sondern man muß zeigen, warum es falsch
ist. Denn nur so kann man sehen, ob man die Instanz in Voraussicht
ihrer Tragweite anruft oder nicht.

[Sidenote: 161a]

Es gibt aber vier Weisen, die Gewinnung eines Schlusses zu verhindern,
entweder durch Umstoßung des Satzes, auf dem der Irrtum beruht, oder
durch Anrufung einer Instanz, die nur für den Fragenden ihre Wirkung
hat. Damit ist zwar nicht der Schluß entkräftet, aber der Fragende
kann gleichwohl nicht weiter. Drittens durch Anrufung einer Instanz,
die ihre Wirkung auf das Gefragte äußert. Denn es kann geschehen, daß
das von dem Gegner Gewollte auf Grund seiner Frage nicht herauskommt,
weil er verkehrt gefragt hat, während der eine oder andere Zusatz den
Schluß ergeben würde. Wenn also der Fragende nicht weiter kann, so ist
das eine Instanz in bezug auf den Fragenden, wenn aber wohl, so ist
es eine Instanz in bezug auf das Gefragte. Die vierte Instanz endlich
und die schlechteste erborgt man sich von der Zeit. Denn manche rufen
Instanzen an, die zu ihrer Erledigung mehr Zeit erfordern würden, als
die gepflogene Erörterung zuläßt.

So lassen sich denn Instanzen auf vierfache Art erbringen. Eine
Entkräftung des gegnerischen Schlusses aber ist unter den genannten nur
die erste, die anderen sind lediglich Mittel, ihn aufzuhalten und zu
behindern.




+Elftes Kapitel.+


Der Tadel einer Beweisführung aber ist nicht derselbe, wenn man die
Begründung an sich betrachtet, und in der Form, die sie bei einer Frage
erhält.

Oft wird der Gefragte an der Mangelhaftigkeit einer Beweisführung
schuld sein, weil er etwas nicht einräumt, womit sich eine gute
Widerlegung seiner These hätte gewinnen lassen. Denn es steht nicht nur
bei einem, wenn die gemeinsame Aufgabe gut gelöst wird.

Man ist somit zuweilen genötigt, gegen den Redenden, nicht gegen seine
These zu argumentieren, wenn der Antwortende sich eigenwillig auf das
Gegenteil von dem versteift, was der Fragende will. So verschulden es
also die leeren Ausflüchte, die man macht, daß die Erörterungen aus
dialektischen zu agonistischen (reinen Streitreden) werden.

Auch muß man, da solche Reden der Übung und Probe, nicht der Lehre
wegen geschehen, offenbar nicht nur auf das Wahre, sondern auch auf
Falsches schließen, und nicht immer aus wahren, sondern hin und wieder
auch aus falschen Sätzen. Denn der Disputierende muß oft, wo etwas
Wahres aufgestellt ist, es umstoßen und sich dabei folgerichtig auf
falsche Prämissen stützen. Zuweilen muß er auch einen falschen Satz
durch falsche Sätze umstoßen. Denn es kann wohl geschehen, daß jemand
etwas Unwahres eher glaubt als die Wahrheit, und wenn man mithin auf
Grund seiner Vorstellungen argumentiert, so wird ihn das nicht sowohl
im Irrtum bestärken, als vielmehr von der Wahrheit überzeugen.

Man muß aber, wenn man in rechter Weise (von dem eigentlichen Ziele
und von dem eigentlichen Wege) ablenken will, dabei dialektisch, nicht
eristisch (rechthaberisch) verfahren, wie der Geometriker bei der
geometrischen Manier bleiben muß, mag nun das Gefolgerte falsch oder
wahr sein. Welches aber dialektische Schlüsse sind, ist oben (I, 1)
erklärt worden.

[Sidenote: 161b]

Da aber ein schlechter Genosse ist wer das gemeinsame Werk hindert,
so gilt das offenbar auch bei der Rede. Denn auch hier besteht eine
gemeinsame Aufgabe, außer für die, die nur disputieren, um im Streite
ihre Kräfte zu messen; denn siegen kann nicht mehr als einer.

Es ist aber gleichgültig, ob man den Schaden durch das Antworten oder
durch das Fragen verursacht. Wer eristisch fragt, disputiert ebenso
schlecht, wie wer beim Antworten nicht zugibt was den Schein für sich
hat, und sich auf nichts einläßt, was der Fragende herausbringen möchte.

So erhellt denn aus dem Gesagten, daß man die Beweisführung an sich
nicht auf dieselbe Weise tadeln darf wie den Fragenden. Denn es kann
wohl sein, daß die Beweisführung schlecht ist und der Fragende trotzdem
wider den Antwortenden so gut disputiert hat, als nur möglich war. Denn
gegen Quertreiber kann man vielleicht nicht sofort Schlüsse ziehen, wie
man möchte, sondern nur so, wie es möglich ist.

Da es aber unbestimmt ist, wann die Menschen das Gegenteil annehmen und
wann sie ihre ursprüngliche Ansicht festhalten — denn oft sagen sie,
wenn sie mit sich selbst sprechen, Entgegengesetztes und geben hernach
zu was sie zuvor verneint haben, daher sie denn oft auf eine Frage dem
Gegenteil von dem beipflichten, was sie im Anfang gesagt haben — nun,
so müssen die Disputationen aus diesem Grunde mißraten. Die Schuld hat
der Antwortende, weil er das eine nicht zugibt und anderes von der und
der Art zugibt. Es ist also klar, daß man die Fragenden nicht ebenso
tadeln darf wie die Beweisführungen.

Es kann aber die Beweisführung an sich einem fünffachen Tadel
unterliegen: dem ersten, wenn aus den Prämissen, in denen der
Schlußsatz enthalten ist, weder das Behauptete noch überhaupt etwas
folgt, weil sie falsch oder unwahrscheinlich sind, alle oder die
meisten, und wenn sich der Schlußsatz weder durch Weglassungen noch
durch Zusätze noch durch beide zugleich formell korrekt erzielen läßt;

dem zweiten, wenn der Schluß, den man aus solchen Prämissen und auf
solche Art, wie eben gesagt worden, gewinnt, sich nicht gegen die These
kehrt;

dem dritten, wenn einige Zusätze, die man machen könnte, den Schluß
zustande kommen lassen, diese Zusätze aber schlechter sind als das
Gefragte (die Prämissen) und weniger wahrscheinlich als der Schlußsatz;

wiederum, wenn der Schluß zustande kommt, wofern man einiges wegläßt.
Denn man nimmt zuweilen mehr, als notwendig ist, in die Begründung auf,
und so gilt der Schluß nicht darum, weil dieses ist;

endlich, wenn man aus solchen Vordersätzen schließt, die
unwahrscheinlicher und weniger glaubhaft sind als der Schlußsatz, oder
aus solchen, die wahr, aber schwerer zu beweisen sind als das Problem.

[Sidenote: 162a]

Man kann aber nicht verlangen, daß die Prämissen bei allen Problemen
gleich wahrscheinlich und überzeugend seien, da unter den Problemen die
einen von vornherein von Natur leichter, die anderen schwerer sind,
und wenn man darum die Ergebnisse aus so wahrscheinlichen Vordersätzen
gewinnt, als jeweilig möglich ist, so hat man gut argumentiert. Daraus
sieht man nun, daß auch für die Beweisführung der Tadel nicht derselbe
sein kann, wenn man das zur Erörterung stehende Problem, und wenn man
sie selbst in Betracht nimmt. Denn die Beweisführung kann an sich
gar wohl Tadel, in Rücksicht auf das Problem aber Lob verdienen, und
umgekehrt an sich Lob, in Rücksicht auf das Problem aber Tadel, dann
nämlich, wenn man den Folgesatz leicht aus vielem Wahrscheinlichen und
Wahren gewinnen kann.

Es ist aber auch wohl einmal eine schlüssige Beweisführung schlechter
als eine nichtschlüssige, wenn die eine von einfältigen Vordersätzen
zu einem nicht so gearteten Problem gelangt, während die andere noch
einiger wahrscheinlichen und wahren Prämissen bedarf und der Beweis
doch nicht auf dem noch Beizufügenden beruht.

Die aber, die aus Falschem Wahres schließen, trifft kein gerechter
Vorwurf. Falsches muß man immer aus Falschem schließen, Wahres aber
kann man zuweilen auch aus Falschem schließen, wie aus der Analytik
erhellt (Prior. II, 2).

Wenn ein angegebener Grund der Beweis (Demonstration, Apodeixis) für
etwas ist und noch etwas anderes gefolgert wird, was gar nicht in die
Konklusion gehört, so gilt der Schluß hierfür nicht, und scheint es
doch so, so wird die Folgerung zum Sophisma und ist kein Beweis mehr.

Es ist aber ein Philosophem ein beweisender (demonstrativer,
apodiktischer) Schluß, ein Epicheirem ein dialektischer Schluß, ein
Sophisma ein eristischer Schluß (Streitschluß) und ein Aporem ein
dialektischer Schluß auf das kontradiktorische Gegenteil[156].

Wird etwas aus Sätzen bewiesen, die beide wahrscheinlich, aber nicht
gleich wahrscheinlich sind, so hindert nichts, daß das Bewiesene (an
sich, abgesehen von seiner Ableitung) wahrscheinlicher ist als jeder
der beiden Sätze. Ist aber der eine Satz wahrscheinlich, der andere
keins von beidem (auch nicht unwahrscheinlich), oder ist der eine
wahrscheinlich, der andere nicht wahrscheinlich, so ist das Bewiesene
(in Betracht der Ableitung), wenn sie es gleich sehr sind, gleich
wahrscheinlich und nicht wahrscheinlich, ist aber ein Satz in höherem
Grade unwahrscheinlich, so muß es ihm folgen[157].

Auch das ist ein Fehler, der bei den Schlußfolgerungen vorkommt, daß
man zu weitläufig beweist, obschon es kürzer geschehen könnte, mit
Beschränkung auf die Prämissen, die innerlich zum Beweisgrund gehören,
so z. B. wenn man zum Erweis des Satzes, daß eine Meinung mehr eine
solche ist als die andere (glaubwürdiger), forderte, daß das, was an
sich das Jeweilige sei, es am meisten sei; nun gebe es aber ein Objekt
wahrer Meinung an sich; also sei es mehr Objekt der Meinung als die
anderen Objekte. Es sei aber das Genannte ein Mehr für das Mehr (der
Meinung). Es gebe nun aber auch eine wahre Meinung an sich, die genauer
(und glaubwürdiger) sein müsse als die einzelnen Meinungen. Nun hat
man die Postulate: einmal, daß es eine wahre Meinung an sich gibt, und
dann, daß jedes Ansich am meisten das Betreffende ist. Also ist diese
am meisten wahre Meinung genauer. Welches ist hier das Gebrechen? Doch
wohl dieses, daß bei einer solchen Argumentation der Beweisgrund ins
Dunkel gerückt wird.




+Zwölftes Kapitel.+


[Sidenote: 162b]

Eine Beweisführung ist klar: in einer, der gewöhnlichsten Weise, wenn
sie so gewonnen wird, daß es keiner weiteren Fragen (Vordersätze)
bedarf; in einer zweiten sodann, nach der sie auch vornehmlich so
heißt, wenn sie Vordersätze verwendet, aus denen der Schlußsatz
notwendig folgt und die selbst durch Schluß erhalten werden; endlich,
wenn sie nur solcher Hilfssätze ermangelt, die sehr wahrscheinlich sind.

Falsch heißt eine Beweisführung in vierfachem Sinne: einmal, wenn
sie durch Schluß zu erfolgen scheint, ohne daß es wirklich der Fall
ist, eine Weise, die als eristischer Schluß bezeichnet wird; dann
zweitens, wenn sie zwar durch Schluß erfolgt, der Schluß aber nicht
auf das führt, worum es sich handelt, ein Fehler, der besonders bei
der Zurückführung aufs Unmögliche vorkommt; oder drittens, wenn der
Schluß zwar den Satz ergibt, um den es sich handelt, aber nicht nach
der dem Gegenstande entsprechenden Methode. Das ist der Fall, wenn
er nicht medizinisch ist, aber so scheint, oder geometrisch scheint,
es aber nicht ist, oder dialektisch, und es wieder nicht ist, mag
nun das Ergebnis richtig oder falsch sein. Endlich viertens ist die
Beweisführung noch in einem anderen Sinne falsch, wenn sie mit Hilfe
falscher Vordersätze zustande kommt. Der Schlußsatz einer solchen
Deduktion wird bald falsch, bald wahr sein. Denn Falsches wird immer
aus Falschem geschlossen, Wahres aber kann auch aus Nichtwahrem
geschlossen werden, wie wir schon vorhin erklärt haben.

Daß nun eine Beweisführung falsch ist, ist mehr ein Fehler des
Beweisenden als des Beweises, und auch nicht immer des Beweisenden,
sondern nur dann, wenn er ihn nicht bemerkt, da wir sie uns an sich
lieber als viele wahre gefallen lassen, wenn sie durch möglichst wahr
Scheinendes etwas Wahres umstößt. Denn bei solcher Beschaffenheit
wird sie zum Beweis, daß anderes wahr ist. Denn es ist dann durchaus
notwendig, daß eine Voraussetzung nicht stimmt, und mithin kann die
Argumentation zum Beweis des Gedachten dienen[158]. Leitete sie
aber Wahres mit Hilfe falscher und sehr einfältiger Vordersätze ab,
so wäre sie schlechter als viele Beweisführungen, die auf Falsches
herauskommen, und das gälte auch, wenn sie Falsches folgerte.

Man sieht also, daß die erste Frage bei einer Beweisführung an
sich[159] die ist, ob sie schließt, die zweite, ob auf Wahres oder
Falsches, und die dritte, aus was für Prämissen. Wenn aus falschen,
aber wahrscheinlichen, so ist sie logisch, wenn aus wahren, aber
unwahrscheinlichen, so ist sie schlecht. Wenn sie aber auf Falsches und
dabei noch sehr Einfältiges schließt, so ist sie offenbar schlecht,
absolut oder im Verhältnis zum Gegenstand.




+Dreizehntes Kapitel.+


Wie der Fragende das ursprünglich zur Erörterung Stehende und das
Gegenteil fordert, ist, wenn das Gespräch um der Wahrheit willen
geführt wird, in der Analytik (Prior. II, 16) erklärt worden; wie man
aber diese Forderung erhebt, wenn es sich um Wahrscheinliches handelt,
soll jetzt erklärt werden.

Was die petitio principii betrifft, so scheint man sie auf fünferlei
Weise zu begehen.

[Sidenote: 163a]

An erster Stelle und am augenscheinlichsten, wenn man eben das fordert,
was zu beweisen wäre. Dieses Verfahren bleibt, wo man die Sache selbst
nennt, nicht leicht verborgen, dagegen eher bei den Synonyma und da, wo
das Wort dasselbe besagt wie die beschreibende Rede[160].

Zweitens, wenn man etwas, was eines partikulären Beweises bedürfte,
allgemein postulierte, wenn man z. B. beweisen wollte, daß konträr
Entgegengesetztes unter dieselbe Wissenschaft fällt, und postulierte,
daß diese Regel für Entgegengesetztes überhaupt gilt. Auf diese Weise
scheint man etwas, was man für sich beweisen sollte, zusammen mit
anderem und umfassenderem zu postulieren.

Drittens, wenn man, wo etwas allgemein zu beweisen ist, etwas
Partikuläres postuliert, z. B. wo zu beweisen ist, daß die Wissenschaft
für alles Entgegengesetzte dieselbe ist, postuliert, daß sie es für
einiges Entgegengesetzte ist. Hier scheint man was man mit anderem
zusammen beweisen sollte, gesondert für sich zu postulieren.

Ferner, wenn man das Problem in der Art postuliert, daß man es teilt,
z. B. wo man beweisen sollte, daß die Heilkunde auf das Gesunde und das
Ungesunde geht, beides getrennt postuliert.

Endlich, wenn man von zwei Dingen, die sich notwendig folgen, eines
postuliert, z. B. daß die Seite des Quadrats mit der Diagonale
inkommensurabel ist, wo man beweisen sollte, daß die Diagonale mit der
Seite inkommensurabel ist.

Auf gleich viele Weisen postuliert man das Gegenteil des zu Anfang
Gefragten.

Erstens nämlich, wenn man die entgegengesetzte Bejahung und Verneinung
postuliert.

Zweitens, wenn man konträr Entgegengesetztes zugestanden haben will,
daß beispielsweise ein und dasselbe gut und schlecht ist.

Drittens, wenn man zuerst das Allgemeine annimmt, und dann wieder die
partikuläre Kontradiktion postuliert, wenn man z. B. erst annimmt,
daß es für Konträres nur eine Wissenschaft gibt, und dann wieder für
Gesundes und Ungesundes je eine andere Wissenschaft fordert, oder
zuerst dieses postuliert, und dann für das Allgemeine das Gegenteil zur
Geltung bringen möchte.

Ferner, wenn man das konträre Gegenteil von dem postuliert, was mit
Notwendigkeit aus den zugestandenen Vordersätzen folgt.

Und endlich, wenn man zwar das Gegenteilige selbst nicht annimmt,
aber auf zwei Postulaten besteht, die den Widerspruch zugunsten des
Gegenteils ergeben.

Die Postulierung des Gegenteils unterscheidet sich von der petitio
principii dadurch, daß sich bei dieser der Fehler auf den Schlußsatz
bezieht — denn ihn hat man im Auge, wenn man von einer petitio
principii spricht —, das Gegenteil dagegen zielt auf die Vordersätze,
sofern sie ein bestimmtes Verhältnis zueinander haben.




+Vierzehntes Kapitel.+


Um aber in dieser Art von Beweisführungen Übung und Gewandtheit zu
erlangen, muß man sich erstens gewöhnen, die Schlüsse umzukehren. So
wird man einmal die Probleme geschickter begründen können und dann
die volle Fertigkeit gewinnen, in wenigen Schlüssen gleichsam viele
zu erhalten. Denn einen Schluß umkehren heißt, das Gegenteil der
Konklusion nehmen und mit ihm und den übrigen Prämissen einen von
den gegebenen Sätzen umstoßen (Anal. prior. II, 8). Denn wenn die
Schlußfolgerung nicht gilt, wird notwendig einer von den Vordersätzen
aufgehoben, da ja die Konklusion ihre Notwendigkeit aus ihrer
Gesamtheit schöpfte.

[Sidenote: 163b]

Sodann muß man sich bei jeder These, für die Bejahung und die
Verneinung, nach Gründen umsehen, und hat man sie gefunden, sofort die
Entscheidung suchen; so hat man zugleich die beste Übung fürs Fragen
wie fürs Antworten. Und kann man mit keinem anderen disputieren, so muß
man sich auf diese Weise für sich selbst üben. Und man muß parallele
dialektische Argumente zusammenstellen und sie mit Rücksicht auf den
Widerspruch des Gegners auswählen. Denn es ist für die Erhärtung einer
Sache ein großer Vorteil und für die Widerlegung eine große Hilfe, wenn
man für das Ja wie für das Nein Argumente zur Verfügung hat. Da muß
der Gegner nach beiden Seiten auf der Hut sein.

Auch für die Erkenntnis und die philosophische Klugheit ist es
kein geringes Hilfsmittel, wenn man die Konsequenzen zweier
entgegengesetzten Annahmen übersehen kann und übersehen hat. Denn dann
bleibt weiter nichts zu tun, als unter beiden die richtige Wahl zu
treffen. Dazu bedarf es aber einer guten Naturanlage, und das ist recht
eigentlich eine gute Anlage, daß man fähig ist, das Wahre richtig zu
wählen und das Falsche zu meiden. Das ist eben die Kunst gut angelegter
Menschen: sie begegnen dem, was man ihnen vorträgt, mit der rechten
Liebe und dem rechten Haß und entscheiden richtig, was das Beste ist.

Man muß auch für die am häufigsten erörterten Probleme und besonders
für die obersten Grundsätze die Beweisführungen gut innehaben. Denn bei
diesen machen die Antwortenden oft Schwierigkeiten.

Ferner muß man über viele Definitionen verfügen und diejenigen unter
ihnen, die sich auf die vornehmsten und ersten Begriffe beziehen, in
Bereitschaft haben. Denn durch sie kommen die Schlüsse zustande.

Man muß auch danach trachten, diejenigen Stücke, auf die man sonst
beim Disputieren des öfteren zurückkommt, innezuhaben. Denn wie es in
der Geometrie von Vorteil ist, in den Elementen beschlagen zu sein,
und wie in der Arithmetik die Vertrautheit mit der Multiplikation der
Grundzahlen viel für die Gewandtheit in der Multiplikation der anderen
Zahlen austrägt, so ist es auch bei den Disputationen nützlich, wenn
man die Prinzipien gegenwärtig hat und die Vordersätze auswendig kann.
Denn wie der Mnemoniker (der in der Gedächtniskunst Bewanderte) nur
die mnemonischen Örter vor sich zu haben braucht, um durch sie sofort
an die Sache selbst erinnert zu werden, so werden einen auch diese
Stücke im Schließen geschickt machen, weil man die gedachten Prinzipien
und Sätze in bestimmter Zahl vor sich hat. Man präge sich aber lieber
einen allgemeinen Vordersatz (einen Ort) als eine Beweisführung ins
Gedächtnis. Denn es ist nicht eben schwer, sich mit einem Vorrate von
Prinzipien und Voraussetzungen auszurüsten.

[Sidenote: 164a]

Ferner muß man sich darin üben, aus einer Beweisführung möglichst
versteckt viele zu machen. Dies geschieht, wenn man sich soweit als
möglich aus dem Bereich der Dinge, die zur Erörterung stehen, entfernt.
Diesem Verfahren fügen sich am besten die allgemeinsten Sätze, z. B.
der Satz, daß es nicht eine Wissenschaft für Mehreres gibt; denn so
allgemein gefaßt, gilt der Satz auch von dem Relativen, dem Konträren
und dem Begriffsverwandten[161]. Man muß aber auch, wenn man an die
Sätze des Gegners erinnert, sie in eine allgemeine Fassung bringen,
wenn er sie auch in beschränktem Sinne aufgestellt hat. Denn auch so
kann man aus einem Satze mehrere machen. Ähnlich verfährt man in der
Rhetorik mit den Enthymemen[162]. Dagegen muß man sich für den eigenen
Zweck möglichst davor hüten, seine Schlüsse zu verallgemeinern.

Auch muß man immer darauf achten, ob die Schlüsse auf Grund genereller
Prämissen gewonnen werden. Denn alle partikulären Schlüsse sind auch
allgemein gezogen, und in dem partikulären Beweis ist der Beweis für
das Allgemeine enthalten, weil ohne das Allgemeine nichts gefolgert
werden kann.

Die Gewandtheit in der Induktion muß man gegenüber einem jungen, die
Gewandtheit im Schlußverfahren gegenüber einem geübten Gegner zur
Geltung bringen. Von denen, die in der Syllogistik beschlagen sind, muß
man die Vordersätze, von denen, die induktiv verfahren, die Beispiele
zu entlehnen suchen, weil beide hierin geschickt sind.

[Sidenote: 164b]

Überhaupt muß man sehen, aus den Disputierübungen entweder einen Schluß
über etwas mitzunehmen oder eine Lösung oder eine Aufstellung oder eine
Beanstandung oder ein Urteil darüber, ob man richtig oder nicht richtig
gefragt hat, man selbst oder sonst einer, und inwiefern das eine oder
das andere geschehen ist. Denn darin liegt die Kunst, derenthalben man
sich übt, und besonders in den Aufstellungen und Anständen. Denn um in
zwei Worten alles zu sagen: ein Dialektiker ist wer etwas aufzustellen
und zu beanstanden weiß. Aufstellen heißt, aus Mehrerem Eines machen
— denn das, was zu begründen ist, muß zu einem Ganzen zusammengefaßt
werden —, und Beanstanden heißt, aus Einem Vieles machen. Denn
man unterscheidet entweder oder man widerlegt, indem man die eine
Aufstellung zugibt, die andere nicht.

Man darf aber nicht mit jedem disputieren und sich nicht mit dem
ersten besten einlassen; denn je nachdem der Gegner ist, kann aus den
Disputationen nichts Rechtes werden. Wollte man einen Widerpart, der
um jeden Preis den Schein behaupten will, daß ihm nicht beizukommen
sei, um jeden Preis matt stellen, so wäre das zwar gerecht, aber man
würde sich selbst vergeben. Deshalb darf man nicht leichthin mit
jedwedem anbinden. Denn da kann nichts herauskommen als böses Gerede.
Würden doch auch die, die sich bloß üben wollen, kaum umhin können, bei
solchen Disputationen in einen streitsüchtigen und rechthaberischen Ton
zu verfallen.

Endlich muß man noch für solche Probleme Beweise bereit haben, bei
denen man nur über sehr wenige Gründe verfügt, aber solche, die für
sehr vieles verwandt werden können. Das sind die allgemeinen Gründe und
solche, zu denen man von den elementaren Beobachtungen und Begriffen
aus schwerer den Weg findet[163].




Anmerkungen.


Zum ersten Buche.

[1] Man steht Rede in der Antwort, als Defendent. Die Bildung der
Schlüsse, von der unmittelbar vorher verlautet, ist als Sache des
Opponenten gedacht; es sind also Gegenschlüsse oder Widerlegungen
gemeint. Das Opponieren scheint also die erste Aufgabe des Dialektikers
sein zu sollen, vgl. unten II. l, Abs. 2, Ende. Daher vielleicht auch
der Titel der letzten logischen Schrift: Sophistische Widerlegungen,
nicht Schlüsse. In diesem Absatz ist auch der Charakter der Dialektik
gegenüber der streng philosophischen Erörterung gekennzeichnet: Für
den Opponenten handelt es sich um Bildung von Schlüssen, für den
Defendenten um Vermeidung von Widersprüchen.

[2] Vgl. An. pr. I, 1. 24b 18ff.

[3] Die Eigentümlichkeit des dialektischen gegenüber dem apodiktischen
Schlusse besteht in keinem formellen Mangel — alle Schlüsse schließen
nach dem vorausgehenden Absatz notwendig —, sondern in einem
materiellen Mangel: die Vordersätze sind bei ihm nicht sicher.

[4] Die erste Art eristischer Schlüsse ist materiell, die zweite
formell oder zugleich auch materiell falsch. Man vergleiche im Text den
folgenden Absatz.

[5] Es wäre z. B. ein pseudographischer Schluß, wenn man behauptete,
ein Kreis sei doppelt so groß als ein anderer, wenn er einen doppelt
großen Durchmesser hat. Der stillschweigend vorausgesetzte Obersatz
ist zwar ein geometrisches Prinzip, aber ein falsches, das auch nicht
wahrscheinlich ist. Man kann aber auch in der Geometrie sonst wahre
Prinzipien verwenden, die aber in ihr nicht gelten, und schließt so
eristisch oder sophistisch. Wollte man z. B. sagen, es müsse eine
Quadratur des Kreises geben, weil das um den Kreis gezeichnete Quadrat
größer, das in ihn gezeichnete kleiner als der Kreis sei, und wo ein
Größeres und ein Kleineres sei, auch ein Gleiches sein müsse, so hätte
man sich mit dem letzten Satz auf ein nicht geometrisches Prinzip
berufen, vgl. d. soph. el. 11.

[6] Der Nutzen der Dialektik für die philosophische Erkenntnis ist also
zweifach: sie hilft die Einzelfragen lösen und die Vorfragen zu den
einzelnen Wissenschaften beantworten.

[7] Da die Dialektik nur Wahrscheinliches ergibt, so braucht sie nicht
förmlich zu überzeugen.

[8] Griech. ὁρικόν, von ὅρος, Definition. Das Wort ist unübersetzbar,
es bedeutet: was definiert oder zur Definition dient oder gehört.

[9] Fähig, die Elementarfächer, Lesen und Schreiben, sich anzueignen;
vgl. B. 6, K. 5, Absatz 3, 142 b 31.

[10] Aber nicht überhaupt; denn auch die Vögel haben zwei Füße.

[11] ζῷον heißt nicht Tier, nicht lebendes Wesen und nicht Geschöpf.
Tier heißt griech. θηρίον. Die Bedeutung lebendes Wesen ist hier nicht
gemeint, weil sie zu allgemein ist. In der Definition muß das Genus
proximum, die nächste Gattung, angegeben werden. ζῷον aber kommt z. B.
auch in der Definition Gottes vor, met. XII, 7. 1072 b 28. Darum darf
man das Wort auch nicht mit Geschöpf übersetzen, ganz abgesehen davon,
daß auch diese Bedeutung zu allgemein wäre. Das Wort kann auch lebendes
Wesen mit Einschluß der Pflanzen bedeuten. So sagt z. B. Aristoteles,
daß die Seele das Prinzip der ζῷα, der lebenden Wesen, ist, d. anima I,
1. 402a 6; cf. ib. I, 5. 411b 27.

[12] Aristoteles will sagen, daß die Einteilung in Akzidenz, Genus,
Proprium und Definition mangelhaft ist, sofern manches was bezüglich
der Auffindung der Örter für das eine gilt, auch für das andere gilt.
Trotzdem will er für jedes Genannte besondere Anweisungen geben. Was
nicht ausgesprochen zum Akzidenz, Genus usw. gehört, soll nach seiner
näheren Verwandtschaft damit untergebracht werden. — Zur Gattung
gehörig heißt γενικός, wie zur Definition gehörig ὁρικός, vgl. Anm. 8.

[13] Vgl. oben, K. 5, Absatz 3.

[14] Πεζός geht auf die Art der Fortbewegung, im Gegensatz z. B. zu
Fliegen und Schwimmen.

[15] Schon zu Anfang des 4. Kap. waren als die Materie, um die die
dialektischen Schlüsse sich bewegen, die Definition, das Proprium usw.
bezeichnet worden. Jetzt folgt die Begründung hierfür durch Induktion
und Schluß.

[16] Ein Beispiel für den ersten Fall ist der Satz, der die
Definition des Kreises ausspricht, für den zweiten Fall der Satz:
alles Erschaffene ist in der Zeit geworden, für den dritten der Satz:
der Mensch ist ein sinnliches Wesen, für den vierten der Satz: alle
Menschen schlafen.

[17] Definition oder Wesen und wesentliche Prädikate, Gattung und Art,
können in allen Kategorien stehen, da die übrigen Kategorien so gut
eine Definition zulassen, wie die Substanz; dagegen können Proprium
und Akzidenz nicht in der Kategorie der Substanz stehen. — Bei der
Definition wird ein Ding von sich selbst oder wird von ihm die Gattung,
bei dem Proprium und dem Akzidenz, wird, wie schon im Wort liegt, von
dem einen Ding ein anderes ausgesagt.

[18] Frage kann auch eine Prämisse bedeuten, die der Opponent durch
Fragen gewinnt, bedeutet es hier aber nicht. Ebenso kann πρότασις auch
Prämisse heißen, heißt es hier aber nicht. Vgl. zu diesem Absatz B. l,
K. l, Abs. 5 und K. 4, vorletzter Abs.

[19] Theoretische oder praktische Frage.

[20] Hier wird die Ewigkeit der Welt als ein unlösbares Problem
bezeichnet, wobei aber glaubhaft ist, daß die Unmöglichkeit der Lösung
nicht schlechthin gemeint ist, sondern subjektiv, für Personen von
geringerer philosophischen Einsicht. In der Metaphysik XII, 6. 1071 b
7, beim Beweis des ersten göttlichen Bewegers, legt Aristoteles die
Ewigkeit der Welt und der Bewegung zugrunde. Er wird daher besser mit
sich selbst im Einklang stehen, wenn wir die erste Stelle in dem von
uns bevorzugten Sinne auffassen. In der Schrift de gener. animal.
freilich, III, 11. 762 b 28 ff., bespricht er mit wissenschaftlichem
Ernste die Hypothese, nach der die ersten Individuen der Menschen
und Vierfüßler aus der Erde entsprossen sind, indem er es für
wahrscheinlicher bezeichnet, daß in diesem Falle diese Individuen aus
einem Wurm, nicht aus einem Ei entstanden sind. Aber es handelt sich
hier erstens nicht um die Ewigkeit der Welt, sondern der Zeugungen,
und zweitens können sich nach Aristoteles die Entstehung und der
Untergang der irdischen Organismen von jeher periodisch gefolgt sein.
Wir möchten aber zu der Stelle, die uns auf diese Anmerkung geführt
hat, besonders folgendes erinnern. Man darf nicht glauben, mit dem
Philosophen in Übereinstimmung zu bleiben, wenn man die Frage nach der
Ewigkeit der Welt der anderen Frage nach ihrer Ursprungslosigkeit und
Unerschaffenheit gleichsetzt. Ob die Welt in Gott ihren Ursprung hat
oder nicht, kann doch unmöglich als ein unlösbares Problem bezeichnet
werden. Das wäre der Verzicht auf alle Philosophie, die keine andere
Aufgabe hat, als die Dinge aus ihrem letzten Grunde zu erklären. Von
einer solchen Frage kann man darum auch nicht sagen, was am Ende des
Absatzes steht: man kann auch nach so etwas fragen. So spricht man
nicht von der ersten und letzten Frage aller Forschung. Vielmehr
scheint diese Fassung grade daraus verständlich zu werden, daß der
Gedanke einer erschaffenen und doch ewigen Welt befremden muß. Auch
das paßte auf die Frage von der Schöpfung nicht, was im vorausgehenden
Absatz von der Ewigkeit der Welt gesagt wird, es sei eine theoretische,
keine praktische Frage, weshalb sie auch förmlich als Beispiel einer
theoretischen Frage auftritt. Die praktische Tragweite dürfte doch hier
größer sein als irgendwo anders. Man muß also annehmen, daß Aristoteles
die beiden Momente der Ewigkeit und der Geschaffenheit nicht für
unverträglich angesehen, mit anderen Worten, daß er eine anfangslose
Schöpfung für denkbar und möglich gehalten hat. Abhängigkeit und
Ewigkeit des Seins waren ihm kein Widerspruch, hat er doch auch eine
ewige von Gott bewirkte Bewegung gelehrt.

[21] Das Sophisma beruht auf dem Schluß: der Musikus kann kein
Grammatikus geworden sein; denn da würde ein Akzidenz das Subjekt
eines anderen Akzidenz; er ist aber auch nicht von Ewigkeit her ein
Grammatikus; also ist etwas, was weder geworden, noch ewig ist. Der
Fehler liegt darin, daß die eine Eigenschaft Subjekt der anderen werden
soll, da doch beide ihr gemeinsames Subjekt an dem Menschen haben.

[22] Das ist auch die bekannte alte Einteilung der ganzen Philosophie.

[23] Beraubung ist nicht dasselbe wie Nichtvorhandensein. Sie ist das
Nichtvorhandensein dessen, was man von Natur haben sollte. So ist z. B.
der Blinde, nicht der Stein, des Gesichtes beraubt.

[24] Zu einem solchen Schluß kommt man mit Hilfe der Zweideutigkeit nur
dann, wenn die Bedeutung, die man zugrunde legt, nicht gilt. Indessen
ist das kein dialektisches, sondern ein sophistisches Verfahren, das
man nur anwenden darf, wem man sich sonst nicht mehr zu helfen weiß.


Zum zweiten Buche.

[25] Dieser und die drei anderen Absätze dieses Kapitels enthalten je
eine Vorbemerkung zu den Topi für das Akzidenz.

[26] Weil die Örter für die partikulären Probleme dieselben sind,
wie die für die allgemeinen Probleme, so brauchen eigentlich nur die
letzteren behandelt zu werden, doch ist den ersteren das K. 6 des 3.
Buches gewidmet. Von den allgemein umstoßenden Örtern wird nur zu
Anfang eigens gehandelt. Bald werden sie mit den begründenden oder
behauptenden Örtern gemeinsam vorgenommen, doch so, daß sie in den
einzelnen Absätzen meistens zuerst an die Reihe kommen. Wenn die
umstoßenden Örter zuerst behandelt werden sollen, so folgt daraus
nicht, daß in der Dialektik die Opposition die Hauptsache ist. Vgl.
unten B. 7, Anm. 6. Der 1. Absatz in B. 1, K. 1 läßt sich auch so
erklären, daß das Redestehen nachträglich genannt wird, um einmal
daran zu erinnern, daß die Dialektik das Für und Wider erörtert, und
dann anzumerken, daß in ihr wenigstens die formelle Richtigkeit beim
Schließen gewahrt werden muß.

[27] Wenn die Unzulässigkeit eines Urteils noch nicht aus der
Definition des Subjekts und seines Akzidenz hervorgeht, so muß man die
einzelnen Bestandteile der Definition definieren, um sie zu zeigen.

[28] Vielleicht interessiert die Notiz, daß Thomas von Aquino
diese Stelle im ersten Satz seiner Philosophischen Summa zitiert:
Multitudinis usus, quem in rebus nominandis sequendum Philosophus
censet Top. II, 2, communiter obtinuit, ut sapientes dicantur qui res
directe ordinant et bene gubernant. Unde, inter alia quae homines
de sapiente concipiunt, a Philosopho ponitur Metaphys. I, 2, quod
sapientis est ordinare. — Vgl. B. 6, Anm. 15.

[29] Wenn es in der Gattung Sinnenwesen Geflügeltes und Vierfüßiges
gibt, so ist darum die Art Mensch doch weder das eine noch das andere.
Wenn aber die Art Mensch tugendhaft ist, so ist es auch die Gattung
Sinnenwesen, indem der Mensch ein tugendhaftes Sinnenwesen ist.

[30] „Paronym, nach etwas benannt, heißen Worte, von denen das eine so
nach dem anderen gebildet ist, daß es nur durch seine Beugungsform sich
von ihm unterscheidet; so ist Grammatiker nach Grammatik, mutig nach
Mut gebildet.“ Cat. 1, 1 a 12.

[31] Wenn man nicht weiß, ob die Arten einer Gattung von etwas
ausgesagt werden, so muß man seine Zuflucht zu den verschiedenen
Definitionen über die Arten nehmen, um ins klare zu kommen. Der Absatz
leidet an einer gewissen Dunkelheit wegen der schwankenden Bedeutung
von ἐπιχειρεῖν und ἐπιχείρημα, vgl. hierüber Trendelenburg, elem. log.
Arist. § 33. p. 108 sqq. Ἐπιχειρεῖν heißt nicht bloß angreifen, um zu
widerlegen, sondern auch etwas in Angriff nehmen, um pro et contra zu
disputieren. Ἐπιχείρημα heißt geradezu dialektischer Schluß, vgl. unten
B. 8, K. 11. Den letzten Satz unseres Absatzes darf man nicht, wie es
wohl geschieht, so übersetzen: gegen Definitionen ist der Angriff oder
das Disputieren leichter. Es wird ja ausdrücklich geraten, sich nach
Definitionen umzusehen. Die Partikel πρός, die hier steht, heißt ja
nicht nur gegen, wider, sondern auch mit Bezug auf etwas. Daher die
Kategorie des πρός τι.

[32] Wenn die platonischen Ideen unsere Vorstellungen sind, so
sind sie weder unbewegt noch intelligibel. Das eine nicht, weil
die Vorstellungen sich mit uns bewegen, das andere nicht, weil die
Vorstellungen unserer Seele von außen durch die Dinge eingedrückt
werden und darum sinnlich sind. Sie sind die Abbilder ihrer Form, die
als sensibile commune zwar auch mit dem Getast, doch besonders mit dem
Gesicht erkannt wird, vgl. d. an. II, 6. 418a 17ff.

[33] Man kann z. B. an momentaner Eingenommenheit des Kopfes leiden,
ohne krank zu sein.

[34] Begriffsverwandt ist also im Vergleich zu abgeleitet der weitere
und übergeordnete Begriff.

[35] Da die Klugheit eine Tugend ist, so ist man ohne sie nicht
schlechthin tugendhaft. Man scheint also, da man von Natur freigebig
oder anspruchslos, aber nicht von Natur klug sein kann — wird diese
Tugend doch nur durch Erfahrung erworben —, etwas beziehungsweise sein
zu können, ohne es schlechthin zu sein.

[36] Das ist also die Lösung des Einwands. Wenn z. B. etwas auch mäßig
warm ist, so ist es doch schlechthin warm, und wenn man an einem Orte
oder zu einer Zeit deutsch sprechen kann, so kann man es schlechthin,
weil einem diese Fähigkeit zuerkannt werden muß, ohne daß man einen
Zusatz macht.


Zum dritten Buche.

[37] Die Gerechtigkeit ist wünschenswerter oder besser als der Gerechte
soll heißen, sie macht ihn besser als seine übrigen Eigenschaften, die
keine sittlichen Güter sind. In ähnlichem Sinne sagt die Heil. Schrift:
„Fürchte Gott, und halte seine Gebote; denn das ist der ganze Mensch.“
Eccles. 12. 13.

[38] Vgl. die vorausgehende Anm.

[39] Nach der Voraussetzung, daß die Glückseligkeit die Gesundheit
an Wert um mehr übertrifft, als diese ihre bewirkende Ursache, das
Gesunde. Setzen wir mithin als wirkende Ursache der Glückseligkeit die
Tugend, so folgt, daß diese besser ist als die Gesundheit. Der Wert des
Gesunden sei z. B. = 1, der der Gesundheit das Doppelte, = 2, der der
Glückseligkeit das Dreifache hiervon, = 6. Dann ist der Wert der Tugend
= 3, also größer als der Wert der Gesundheit. Sie übertrifft eben das
Nämliche, das Gesunde, um mehr, als diese es tut.

[40] Wer z. B. bedauert, daß ihm die Tugend abgeht, ist weniger zu
tadeln, als wer bedauert, daß ihm der Reichtum abgeht. Daher ist die
Tugend wünschenswerter als der Reichtum.

[41] So z. B. ein Schwert, das gut ist für seinen Zweck, den Kampf.

[42] So ist z. B. die Tugend besser als die Lust.

[43] II, 2, Abs. 3.

[44] Man muß nicht nur das Subjekt, sondern auch das Prädikat, das
Akzidenz, in Arten unterscheiden. Wenn es heißt, man solle das Akzidenz
nach Art oder nach Zahl unterscheiden, so scheint der Ausdruck Zahl
für die Fälle vorbehalten zu sein, wo man nicht gut von Arten sprechen
kann. Vielleicht ist das der Fall bei den graden und ungraden Zahlen in
zweiten Beispiel.

[45] Mit angehen haben wir ἐπιχειρητέον übersetzt; vgl. Anm. II, 31.


Zum vierten Buche.

[46] Die Ordnung, in der die vier Gegenstände der Probleme und der
Disputationen, Akzidenz, Gattung, Proprium und Definition, sich folgen,
mag durch folgende Rücksicht bestimmt sein: das Akzidenz wohnt dem
Subjekt bei, steht aber nicht als Wesensbestimmung und läßt sich nicht
mit ihm vertauschen; z. B. Markus ist blind. Die Gattung wohnt nicht
nur dem Subjekt bei, sondern gehört zur Bestimmung seines Wesens;
Beispiel: Der Mensch ist ein sinnliches Wesen. Das Proprium wohnt
nicht nur dem Subjekt bei, sondern wird mit ihm vertauscht; Beispiel:
Der Mensch lacht, was lacht, ist Mensch. Die Definition endlich wohnt
nicht nur dem Subjekt bei, sondern steht als Wesensbestimmung und
wird mit ihm vertauscht; Beispiel: jeder Mensch ist ein vernünftiges
Sinnenwesen, jedes vernünftige Sinnenwesen ist ein Mensch; nach Silv.
Maurus, in 1. II. Top. Synopsis.

[47] Denn die Definition enthält die Gattung und ist ein Proprium des
Definierten. Auch darum also kommt die Definition zuletzt an die Reihe.

[48] Auch darum kommen die Gattung und das Proprium erst nach dem
Akzidenz an die Reihe.

[49] Vgl. oben I, 5. 102 b 6.

[50] Sinnenwesen läßt nicht den Begriff des Menschen, wohl aber Mensch
den Begriff des Sinnenwesens zu: das Sinnenwesen ist kein Mensch, aber
der Mensch ein Sinnenwesen.

[51] Es müßte also das Seiende oder das Eine ein Lebendiges oder ein
Körperliches oder zu einer anderen der höchsten Gattungen Gehöriges
sein, was nicht der Fall ist. Somit steht Seiendes und Eines unter
keiner Gattung.

[52] Eine schwierige Stelle! Es ist hier die Rede von einer Art, die
zu einer Gattung gehört, auf der ersten Einteilung beruht und an
keiner Art, sondern nur an einer Gattung teilhat. — Was an der Gattung
teilhat, muß doch auch, wie es gleich weiter unten in diesem Absatz
heißt, an einer der Arten teilhaben. Und was ist das für eine Art,
die an keiner Art teilhat? — Art, εἶδος, hat hier die Bedeutung von
Begriff: die auf der ersten Einteilung beruhenden Arten oder Gattungen
sind die zehn Kategorien als oberste Begriffe. Sie zerfallen nicht
in Arten. Die Substanz z. B. zerfällt in geistige und körperliche
Substanzen, was keine Arten sind, die Größe in stetige und diskrete
Größen, Raumgrößen und Zahlen, was wieder keine Arten sind.

[53] Die Lust als Bewegung soll eine Art Erregung sein, freudige
Erregung. Bewegung, κίνησις, hat einen weiten Sinn, in welchem sie die
Ortsbewegung, die Zu- und Abnahme, die qualitative Veränderung und die
substantiale Veränderung, das Werden und Vergehen, umfaßt (Alexander zu
dieser Stelle, pag. 156). Da nun die Lust keine dieser Bewegungen ist,
so ist sie überhaupt keine Bewegung.

[54] Dagegen ist eine Art des Seienden, Wahren, Gegenstand der
Wissenschaft, der ἐπιστήμη, dasjenige Seiende nämlich, das man aus
seinen Gründen erkennt. Ein falsches Urteil über solches aus seinen
Gründen erkennbares Seiendes wäre kein Wissen, sondern Meinung, δόξα,
irrige Meinung, oder einfach ψεῦδος, Irrtum. Das unmittelbar, aus sich
erkannte Seiende ist Gegenstand des νοῦς, der geistigen Anschauung; so
die obersten Grundsätze.

[55] Alexander hat folgendes: „Platos gedenkt er, um diesen Ort
hervorzuheben und seinen Nutzen zu zeigen, da er auch dazu dienen
könne, die Redeweise eines berühmten Mannes zu rügen. Aber er hat
sich unbewußt selbst eine Rüge erteilt, da er im 5. Buch der Physik
226b 32 ff., nachdem er bemerkt hat, die Ortsbewegung habe keinen
eigenen Namen, sie Phora nennt.“ Man kann zur Rechtfertigung des
Aristoteles sagen, daß er unter Phora die physikalische Ortsbewegung
versteht, die wirklich nichts anderes ist als ein totes, willenloses
Dahingetragenwerden.

[56] Vgl. 1. B. 15. Kap.

[57] Steht also in diesem Falle das konträre Gegenteil der Art nicht
in derselben Gattung wie sie selbst, so ist die Gattung schlecht
angegeben. Vgl. cat. 11, 14a 19ff.: „Alles Konträre muß entweder in
derselben Gattung stehen oder in den konträren Gattungen oder muß
selbst Gattung sein. Weiß und Schwarz stehen in derselben Gattung —
ihre Gattung ist Farbe —, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in den
konträren Gattungen — die Gattung des einen ist Tugend, die des anderen
Laster —, und Gut und Bös stehen in keiner Gattung, sondern sind selbst
Gattungen.“

[58] Beispiel: „die natürliche Neigung zum Guten steht nicht in der
Gattung Tugend. Denn das Kontrarium von Tugend ist Laster. Es müßte
also auch die natürliche Neigung zum Laster in der Gattung Laster
stehen. Das aber ist nicht der Fall. Denn das Laster kann nicht
natürlich sein. Also.“ Nach Silv. Maurus.

[59] Steht weiß in der Gattung Farbe, die kein Kontrarium hat, dann
auch schwarz.

[60] Rot liegt in der Mitte zwischen weiß und schwarz und steht in der
Gattung Farbe, die kein Kontrarium hat, also auch weiß und schwarz.

[61] Wie Ungerechtigkeit der Gerechtigkeit, so ist das Laster der
Tugend konträr. Die Tugend ist aber Gattung für Gerechtigkeit. Also ist
das Laster Gattung für Ungerechtigkeit. Denn wo die Gattungen konträr
sind, müssen konträre Arten zu konträren Gattungen gehören.

[62] Vgl. B. 2, K. 8.

[63] Die Tugend ist relativ, sofern sie sich auf bestimmte Güter
bezieht, die Gerechtigkeit z. B. auf das Recht.

[64] Griechisch heißt es: καὶ γὰρ τῶν νοητῶν ἔνια ἐπιστητά. Man darf
das nicht übersetzen: „denn auch solches, was rein intelligibel ist,
gehört zum Gewußten“; noch weniger: „da auch von dem durch die Vernunft
Erkannten einiges wißbar ist“. Julius Pacius hat richtig: „quoniam in
rerum intelligibilium numero nonnulla scibilia sunt“.

[65] Gedächtnis, μνήμη, ist hier der Akt der Erinnerung.

[66] Was geschähe, wenn der Glaube Gattung von Meinung wäre. Denn man
kann meinen, ὑπολαμβάνειν, ohne zu glauben, πιστεύειν.

[67] Aristoteles irrt, wenn Gott das Schlechte soll tun können.
Jedenfalls aber beweist dies, daß er Gott Willensfreiheit zugeschrieben
hat. Hiermit streitet nicht, daß er das höchste Wesen immer das Beste
tun läßt, womit vielleicht auch seine Meinung von der Ewigkeit der
Welt zusammenhängt. Denn da das Sein besser ist als das Nichtsein, so
erscheint es besser, daß die Welt von jeher war, als daß sie erst in
der Zeit ins Dasein gerufen wurde. Aber diese Notwendigkeit, immer
das Beste zu tun, ist im Sinne des Aristoteles die höchste Freiheit.
Nur scheint hier übersehen, daß es im Bereich des Geschaffenen kein
absolut Bestes gibt, da es immer noch höhere Grade der Vollkommenheit
geben kann. Gott tut immer das Beste, indem er die Ratschlüsse seiner
Weisheit und Güte aufs beste ausführt. Übrigens muß man an unserer
Stelle, um Aristoteles gerecht zu werden, noch folgendes bedenken. Er
sagt: jedes Vermögen ist etwas Wünschenswertes. Vermögen ist aber die
Fähigkeit, etwas gut zu machen, die gleichzeitig Fähigkeit ist, etwas
absichtlich nicht gut zu machen. Wer gut schließen kann, kann auch
verkehrt schließen. So hat Gott die Wahlfreiheit, sofern sie ein Gut
ist. Denn sie beruht auf Erkenntnis und Willensmacht. Sofern sie nun
auf Konträres geht, scheint mit ihr, absolut zu reden, das Vermögen
schlecht zu wählen verbunden zu sein. — Silvester Maurus will der
Schwierigkeit anders Herr werden, indem er in seiner Paraphrase statt
Gott angelus setzt, als wäre etwa an einen Sphärengeist gedacht.

[68] So ist die Glückseligkeit kein Vermögen, weil man sie ihrer selbst
wegen wünscht und wählt. Die Wahlfreiheit hat ihren Wert insofern, als
man einen guten Gebrauch von ihr machen kann.


Zum fünften Buche.

[69] Lebewesen = ζῷον, vgl. Anm. I, 11.

[70] Nachdem die vier Arten des Proprium im 2. Absatz paarweise genannt
und an Beispielen kurz verdeutlicht worden sind, werden sie hier jede
für sich näher erklärt. — Proprium des Menschen an sich ist sterbliches
wissensfähiges Sinnenwesen. Es sind scheinbar zwei Attribute, aber
sterblich soll Sinnenwesen nur von den Geistern unterscheiden. K.
4. Abs. 2 ist wissensfähiges Sinnenwesen Proprium des Menschen. Das
Merkmal wissensfähig unterscheidet ihn von den Tieren, sofern sie nicht
wissen, und von Gott, sofern er nicht des Wissens bloß fähig ist,
oder es passiv aufnimmt, δεκτικός. Aber obschon ein solches Proprium
seinem Subjekte an sich und immer zukommt, so ist es doch keine
Wesensbestimmung, wie etwa die Gattung, sondern etwas, was zum Wesen
hinzutritt. So ist es z. B. auch ein Proprium des ebenen Dreiecks, daß
seine Winkelsumme zwei Rechte beträgt, aber das folgt erst aus der
Definition, nach der es eine von drei graden Linien umschlossene Figur
ist. So folgt auch wissensfähig beim Menschen aus seiner vernünftigen
Natur.

[71] Man geht ja nicht immer spazieren, wie man immer ein Kompositum
aus Leib und Seele ist. Daß dieses Proprium auch nur dann vorliegt,
wenn man zufällig der einzige Spaziergänger ist, sagt Absatz 2.

[72] Das relative Proprium ist zugleich ein Akzidenz. Denn im Vergleich
zu dem einen ist es ein Proprium seines Inhabers, im Vergleich zu dem
anderen ist es kein Proprium. Akzidenz aber ist, was einem Subjekte
zukommen und nicht zukommen kann. Mithin gelten die Örter für das
Akzidenz auch für das relative Proprium.

[73] Seite 129b hat Bekker γνωριμώτερον ὑπάρχει. Wir korrigieren
ὑπάρχειν, gleich εἶναι. ὑπάρχει steht auch als Kopula wie ἐστίν.

[74] Nach der alten Physik gibt es eine dreifache natürliche Bewegung
der Körper, nach oben, nach unten und im Kreise. Am höchsten nach oben
steigt das Feuer, nach ihm die Luft. Am tiefsten nach unten steigt die
Erde, nach ihr das Wasser. Die ätherischen Himmelskörper, die Sphären
und Gestirne, bewegen sich im Kreise.

[75] Die Übersetzer sind hier unklar, weil sie nicht gesehen haben, daß
ἐπίστασθαι τοῦτο nicht bloß heißen kann: dieses wissen, sondern auch,
daß dieses weiß, z. B. dieses Geschöpf oder dieses Kollegium. Das ist
nach Aristoteles die eine Zweideutigkeit, die andere ist, daß es ein
aktuelles und ein habituelles Wissen gibt. Aus der Kombination der
beiden Paare ergibt sich ein vierfacher Sinn. Schon vorher war gesagt
worden, daß wahrnehmen, αἰσθάνεσθαι, zweierlei bedeutet: den Sinn haben
und den Sinn gebrauchen. Die böhmische Sprache hat für den doppelten
Sinn des Zeitworts eine doppelte Form.

[76] Vgl. Anm. I, 11.

[77] Es heißt hier, wie schon früher wiederholt, daß das Proprium in
gewissem Betracht richtig angegeben sei. Es liegt an sich näher, das
Feuchte oder das Wasser, ὑγρόν, nach seiner Eigentümlichkeit anders
zu bestimmen als durch das Merkmal, daß es sich in die Gestalt des
umschließenden Körpers fügt. Man kann seine Eigentümlichkeit etwa
ähnlich wie beim Feuer nach seinem eigentümlichen Orte bestimmen. Aber
es liegt Aristoteles daran, mit den Beispielen zu wechseln, um die
vielen möglichen Rücksichten zu zeigen, die hier in Betracht kommen.
Jedenfalls soll das κατὰ τοῦτο, in diesem Betracht, keinen Mangel
besagen, als ob das Proprium nur in einer Beziehung richtig angegeben
wäre, vgl. unten Anm. 83.

[78] Im Griechischen heißt es wörtlich: „bei den anderen Bestimmungen,
die etwas nicht bekannter machen oder bekannter machen“.

[79] Erste Trägerin der Farbe oder, wie es wörtlich heißt: „das, was
zuerst gefärbt ist“, ist die Fläche insofern, als zwar der Körper
gefärbt ist, aber nur, sofern er eine Fläche hat. Das ist auch eine der
etwas gezwungenen und fernliegenden Weisen, das Proprium anzugeben;
deshalb wieder der Zusatz: in diesem Betracht, κατὰ τοῦτο, ist es gut
bestimmt.

[80] Daß die Definition des Menschen sei: animal gressibile bipes,
setzt Aristoteles hier frei voraus. Es ist seine Art, mitunter, wo der
Ort nicht ist, genau zu sein, unbestimmt und nach der vulgären Meinung
zu reden. Die richtige Definition des Menschen ist: animal rationale.
Darüber, daß das Proprium nicht zum Wesen gehört, vergleiche man die
Anm. 70. Von Natur zahmes Wesen wird als Proprium gelten gelassen, weil
es mit Mensch vertauscht wird. Katze, Hund und Rind usw. sind zwar auch
zahm, aber sie kommen auch wild vor, sind also nicht von Natur zahm.

[81] Auch vom reinen Geist kann man sagen, daß er eine Seele hat, wie
z. B. Plato von Zeus, den er als das höchste Wesen denkt, sagt, es
wohne ihm eine königliche Seele ein, Philebus 30 D. Es ist also hier
eigentlich ζῷον im Sinne von Lebewesen gemeint; vgl. K. 4, Abs. 4, wo
Gott wieder ζῷον heißt. Was Aristoteles tadelt, ist nicht die Sache,
sondern die Form: das Genus fehlt. Im 4. Kapitel wird er uns sagen, daß
auf eben diese Weise das Proprium sachlich richtig angegeben wird. Man
vergleiche dort den 4. Absatz, Ende.

[82] Im Griechischen steht διὰ τῶνδε, das sonst auf nachfolgendes
weist; besser stände διὰ τούτον.

[83] Das vorige Kapitel hat gezeigt, wie das Proprium in einem
bestimmten Betracht richtig angegeben wird. Jetzt soll gezeigt werden,
wie es schlechthin richtig angegeben wird. Das ist der Fall, wenn es
überhaupt, ὅλος, ein Proprium ist. Letzteres ist weniger, als wenn es
in jedem Betracht richtig angegeben wird.

[84] Vgl. oben Anm. 2.

[85] Am Wissen teilnehmend, ἐπιστήμης μετέχον, ist zu unterscheiden
von das Wissen aufnehmend, ἐπιστήμης δεκτικόν, oder des Wissens fähig.
Teilhaben besagt keine Passivität, die in Gott, der lauteren Aktualität
und Wirklichkeit, keine Stelle findet, obwohl für das höchste Wesen
und das Prinzip alles Seins auch der Ausdruck teilnehmend nicht recht
paßt und nur gewählt ist, um ein gemeinsames Attribut für Gott und die
endlichen Geister zu haben.

[86] Vgl. oben Anm. 13. Der vorausgehende Absatz 2 scheint müßig und
unterschoben. Er deckt sich vollständig mit dem folgenden Absatz 4.
Silvester Maurus geht in seiner Paraphrase anscheinend über ihn hinweg.

[87] Der Ausdruck ist auffallend, der Sinn ist einfach: noch bevor man
selbst ist und Mensch ist, und auch später, kann von einem anderen, das
Subjekt oder Träger des Namens Mensch ist, etwas ausgesagt werden, was
nicht zum Wesen oder den wesentlichen Bestimmungen des Menschen gehört.
Wenn dasselbe also von einem selbst als Proprium ausgesagt wird, so
kann dies nur zeitweilig gelten.

[88] Vgl. Anm. 2.

[89] Beseelte Substanz ist Proprium des Sinnenwesens oder besser des
Lebewesens, nicht Definition. Das Verhältnis der Seele zur Substanz
wird nicht angegeben; es ist bei den Sinnenwesen das der Form, bei den
reinen Geistern ist die Form selbst Substanz. Beim Lebewesen überhaupt
ist die Beseeltheit das Proprium, das es von den anderen Substanzen
unterscheidet.

[90] Vgl. die vorige Anmerkung. Leben ist dasselbe wie Beseeltsein.
Vgl. de anima II, 2. 413a 20: „Wir sagen, das Beseelte sei von dem
Unbeseelten dadurch unterschieden, daß es lebt“.

[91] Dieser ganze dritte Ort trügt. Dem Nichtlebewesen kommt überhaupt
nichts zu, da es nichts ist. Dem Lebewesen aber ist es nicht
eigentümlich, daß es kein Nichtbeseeltes ist, da das etwas Negatives
ist. Anders Silv. Maurus: „Proportionalis locus est: quod non est
proprium unius contradictorii, est proprium alterius. At hic locus
non est universaliter verus. Non enim valet, sentire non est proprium
hominis; ergo est proprium non hominis.“

[92] Lebewesen heißt hier wieder auch mit Bezug auf Gott ζῷον. Dem
Menschen, dem Tier und der Pflanze kommt das Prädikat sinnlich
wahrnehmbar zu, es ist also für keines von ihnen ein Proprium. Im
Griechischen steht: keinem anderen sterblichen Lebewesen, statt: keinem
anderen Lebewesen, das sterblich ist, wie man in dieser Sprache auch
sagt: die Griechen und die anderen Barbaren, d. h.: die Griechen und
die anderen, die Barbaren sind. Für Gott ist das Prädikat intelligibel
kein Proprium, weil er es mit den Sphärengeistern teilt.

[93] Vgl. oben B. 5, K. 1, Abs. 4, bei Bekker 128b 37ff.

[94] Das Griechische ist nicht wörtlich übersetzbar. Es ist hier das
Verhältnis des Nominativus und des Dativus gemeint. Der Text heißt:
ἐπεὶ τοῦ ἀνθρώπου ἐστίν ἴδιον τὸ πεζὸν δίπουν, καὶ τῷ ἀνθρώπῳ εἴη ἂν
ἴδιον τὸ πεζῷ δίποδι λέγεσθαι 136b 20ff.

[95] Vgl. B. 2, K. 9.

[96] Der Arzt stellt nicht allein die Gesundheit her, sondern auch die
Arznei, die Diät oder einer, der einen guten medizinischen Rat gibt,
und der Baumeister macht nicht allein ein Haus, sondern auch wohl
einmal ein Farmer. Dagegen ein Mann, der ein Hersteller der Gesundheit
ist, ist nur der Arzt, und ein Mann, der ein Hersteller von Häusern
ist, nur der Baumeister.

[97] Dieser Ort ist unter den vielen schwierigen Örtern, die sich
um das Proprium drehen, wohl einer der schwierigsten. Man kann ihn
mit Anwendung des aristotelischen Beispiels so erklären. Ist es der
Klugheit nicht eigentümlich, Wissenschaft des Schönen zu sein, dann
auch nicht, Wissenschaft des Häßlichen zu sein. Denn sie hat zu beiden
dasselbe Verhältnis. Wenn es ihr aber eigentümlich ist, Wissenschaft
des Schönen zu sein, dann kann es ihr wieder nicht eigentümlich
sein, daß sie Wissenschaft des Häßlichen ist. Denn eines kann nicht
Proprium für zwei sein. Diese Folge ergäbe sich aber. Denn man kann
Klugheit mit Wissenschaft des Schönen und des Häßlichen vertauschen
und darum auch diese beiden unter sich, und so wäre es der Klugheit
und der Wissenschaft des Schönen gleich eigentümlich, Wissenschaft
des Häßlichen zu sein. — Aristoteles bemerkt dem Sinne nach, daß sich
dieser Ort von dem vorigen unterscheidet, weil er nicht zwei, sondern
nur ein Ding im Verhältnis zu zweien betrachtet. Daher ist er nur für
die Widerlegung zu gebrauchen.

[98] Im Griechischen steht nicht θνητός, was dem Menschen nicht
eigentümlich, sondern mit den Tieren gemeinsam ist, sondern βροτός, die
eigentümliche Bezeichnung für ihn, sofern er sterblich ist.

[99] Im Begriff des ζῷον, Mensch, Tier und Pflanze, liegt, daß es
ihm eigentümlich ist, aus Leib und Seele zu bestehen, dagegen nicht
im Begriff des Menschen, daß es ihm eigentümlich ist, zu ruhen, wohl
aber ist ihm dies zwar nicht eigentümlich, kommt ihm aber zu, wenn man
ihn als Idee betrachtet. Denn die Ideen ruhen nach der Ansicht ihrer
Vertreter. Hiergegen erhebt sich ein Bedenken: es scheint dem animal
nicht eigentümlich, sondern wesentlich zu sein, aus Seele und Leib zu
bestehen. Hierauf ist zu sagen, daß das Wesentliche beim animal das
Verhältnis von Seele und Leib, Sein und Leben gebender Form und Sein
und Leben empfangendem Stoff ist. Davon ist das Zusammengesetztsein
zu schlechthinniger Einheit die Folge; es ist also ein notwendiges
Proprium.

[100] Die vollkommeneren Tiere haben alle fünf Sinne, die
unvollkommensten nur einen oder zwei, das Getast und den Geschmack.

[101] Dem Menschen ist die Tugendhaftigkeit nicht eigentümlich: es
gibt auch böse Menschen. Darum, sagt der Text sehr frei, ist auch dem
mehr Mensch kein mehr Tugendhaft eigentümlich. Davon, daß es kein mehr
Mensch gibt, wird abgesehen. Es gibt aber z. B. ein mehr Lebendigsein,
wie bei den Tieren der höheren Stufen. Alexander bemerkt zu 137b, 14,
daß die Wesenheiten kein Mehr und Minder zulassen.

[102] Die höchste Schicht zwischen Luft und Äther ist dem Aristoteles
Feuer, das freilich nicht leuchtet wie die Flamme, sonst würde man es
in der Nacht sehen.

[103] In diesem Absatz entsteht für das Verständnis des Griechischen
eine Schwierigkeit, weil μᾶλλον hier nicht mehr, sondern eher heißt
und dem entsprechend auch die Bedeutung von ἧττον, weniger, sich
modifiziert. Eine Schwierigkeit in diesem Absatz ist auch, daß dem
ζῷον die Wahrnehmung nicht eigentümlich sein soll, aber es bezeichnet
auch die Pflanze und den reinen Geist, die nicht sinnlich wahrnehmen.
Dem Menschen ist das Wissen nicht eigentümlich, weil auch Gott es
hat. Noch eine Schwierigkeit bietet der Ort mit dem zahmen Menschen
und dem lebenden ζῷον. Wir legen ihn uns auf folgende Weise zurecht.
Beim Menschen kann man zweifeln, weil viele Menschen bösartig sind,
beim ζῷον, weil die Pflanze im Vergleich zum Tier nicht zu leben
scheint. Indessen ist der Zweifel hier geringer, weil schon das Wort
ζῷον auf ζῆν, leben, hinweist. Nun ist es dem Menschen aber wirklich
eigen, daß er ein zahmes ζῷον ist, vgl. Anm. 80; die Bösartigkeit
kann nicht zur Natur des Menschen gehören, vgl. B. 4, Anm. 58. Also
ist es auch dem ζῷον eigen, daß es lebt. Daß sie leben, ist bei
den ζῷα Proprium, nicht Wesensbestimmung, weil das Leben das Wesen
voraussetzt. Bei den Organismen ist es logisch später als das Was,
weil es auf die substantielle Einheit von Leib und Seele erst folgt,
daß das Kompositum aus beiden lebt, bei den reinen Geistern aber folgt
es auf die Geistigkeit. — Silv. Maurus teilt die loca in diesem und
dem vorausgehenden und den zwei folgenden Absätzen so ein: im ersten
Ort wird eines von einem gesagt, im zweiten zwei Dinge von zweien,
im dritten eines von zweien und im vierten zwei Dinge von einem. Man
vergleiche hierzu Alexander zu 137b 14.

[104] Vielleicht ist daran gedacht, daß auch das Innere des Körpers
gefärbt ist und sich beim Bruch gefärbt zeigt, zumal da nach
Aristoteles die Farbe nicht vom Lichte kommt, sondern durch das Licht
nur sichtbar wird. Wenn es der Oberfläche nicht eigentümlich ist,
gefärbt zu sein, so ist es dem Körper darum nicht eigentümlich, weil
zwei Dinge nicht dieselbe Eigentümlichkeit haben können.

[105] Dem Sinnenwesen scheint wahrnehmbar eher eigen als teilbar.
Teilbar sind auch Linien und Flächen, aber sie sind, streng
mathematisch genommen, nicht wahrnehmbar, nur denkbar. Aber auch
wahrnehmbar ist ihm nicht eigen, alle Körper sind es. — Wahrnehmbar
darf nicht mit wahrnehmend übersetzt werden: αἰσθητόν ist nicht
αἰσθητικόν.

[106] Dieses Beispiel bereitet Schwierigkeiten. Zwei Absätze vorher
138a 7 hieß es: dem ζῷον ist die Wahrnehmung nicht eigen, hier heißt
es: sie ist ihm eigen, auch ist es schwer zu sagen, warum man weniger
geneigt sein soll, dem ζῷον die Wahrnehmung als Proprium beizulegen
denn das Leben; eher scheint das Gegenteil der Fall. Auch vorhin schon
war eine unmögliche Annahme gemacht worden mit dem mehr Mensch sein,
vgl. Anm. 101. So legt sich denn der Gedanke nahe, ja, drängt sich
auf, daß die Sätze, die uns hier begegnen, nur hypothetisch stehen.
Für ihren hypothetischen Charakter spricht auch ihre Konstruktion
im Urtext. Es heißt 138a 27–29 wörtlich so: „da oder wenn, ἐπεὶ,
dem ζῷον das Wahrnehmen weniger eigentümlich ist als das Leben, das
Wahrnehmen ihm aber eigentümlich ist, so möchte es ihm eigentümlich
sein, daß es lebt.“ Hiernach würde sich auch die Erklärung früherer
loca vereinfachen. Die Anm. 103 z. B. würde sich in folgender Weise
modifizieren. ζῷον wäre als Sinnenwesen zu denken, wie es ja auch
an unserer Stelle diesen engeren Sinn hat, und die Zeilen 10–12
im griechischen Text wären in dieser Umschreibung wiederzugeben:
nehmen wir an, es liege nicht so nahe, dem Menschen als Proprium
zuzuschreiben, daß er von Natur zahm ist, wie daß er lebt, da wäre es,
wenn er gleichwohl von Natur zahm ist, gewiß eine Eigentümlichkeit von
ihm, daß er lebt.

[107] Hier bekommt man wieder den Eindruck, daß die Annahme rein
hypothetisch ist.

[108] Weil ein und dasselbe nicht die Eigentümlichkeit von zweien sein
kann.


Zum sechsten Buche.

[109] Ebendarum kann wissensfähig Proprium des Menschen sein; vgl. B.
5, Anm. 70.

[110] Vgl. bei Aristoteles d. anima I, 4. 408b 32 ff.; bei Plato
Phädrus K. 24, 245 C. Übrigens will Aristoteles sonst nicht, daß die
Seele sich selbst bewegt, weil sie überhaupt nicht bewegt werde, l. c.
Zeile 30 f. Wenn man freilich das Wort bewegen in dem weiteren Sinne
von tätigsein nimmt, so würde er eine Selbstbewegung der Seele nicht
bestreiten, da die vernünftige Seele sich selbst erkennt und liebt.
Daß es schwer sein soll, zu sagen, ob die Seele Zahl und sich selbst
bewegend Proprium ist, ist wohl so zu nehmen: man weiß nicht, ob nach
den Platonikern Zahl Gattung und sich selbst bewegend spezifischer
Unterschied sein soll.

[111] Was sich bewegt, hat eben damit ein unbestimmtes Sein. Es wäre
nach diesem Orte verkehrt, das Geometrische aus der Bewegung zu
bestimmen, die Linie z. B. als den Fluß des Punktes.

[112] Der Sinn scheint zu sein, daß bei der gedachten Annahme die
Definition doppelt fehle, weil sie das Objekt nicht aus Früherem und
nicht aus Bekannterem bestimmt.

[113] Wie man auch bei der Angabe der Leistungsfähigkeit das Höchste
nennt.

[114] S. 143a 15 liest man: εἰ ὑπερβαίνειν λέγει τὰ γένη. Wir haben
übersetzt, als stände da: ὑπερβαίνων, und als bedeutete λέγει: er
definiert. Ist ὑπερβαίνειν, wie es scheint, richtig, so wäre so
zu übersetzen: (man weist dem anderen die Mangelhaftigkeit seiner
Definition nach) wenn man erklärt und betont, daß er die Gattungen
überschlägt.

[115] Das ist freilich ein schlagender Beweis gegen die Ideen, wie
Aristoteles sie deutet, ohne daß die Schriften Platos diese Deutung
irgendwie rechtfertigen. Es sollten nach Aristoteles konkrete Genera,
wirklich existierende Allgemeinheiten sein, eine contradictio
in adiecto! Alles Wirkliche ist individuell. Gibt es also eine
subsistierende Länge, so ist sie entweder unausgebreitet oder sie hat
Breite. Ist sie unausgebreitet, so ist sie nicht Gattung für Linie,
sondern selbst Linie. Hat sie Breite, so ist sie wieder nicht Gattung
für Linie, weil die Linie keine hat und sich der Begriff der Gattung
doch in der Art erfüllen müßte; der Mensch z. B. muß ein Sinnenwesen
sein, und so müßte die Linie Breite haben, wenn die subsistierende
ausgebreitete Länge ihre Gattung wäre. — Die Gattung ist der Zahl nach
eine, wenn man sie subsistieren läßt. In Wirklichkeit ist sie eben nur
als Gattung eine, in ihren Arten aber mehreres und noch mehr nach der
Zahl der unter sie fallenden Individuen.

[116] Die Gattung darf von der Differenz nicht so ausgesagt werden,
als befasse sie die Differenz unter sich; sie befaßt die Art unter
sich, der die Differenz zukommt, so Sinnenwesen das vernünftige
Sinnenwesen, den Menschen, nicht die Vernünftigkeit, wie die Tugend
die Gerechtigkeit umfaßt. Wohl aber sagt man: das Vernünftige ist ein
Sinnenwesen, das Vernunft hat, wobei man von den Geistern, die auch
Vernunft haben, absieht. Sagt man von den Differenzen die Gattung
so aus, als wären sie begrifflich von ihr umfaßt, so wäre die Folge
einmal, daß die Gattung öfter genannt würde, so, wenn gehend und
zweifüßig den Begriff Sinnenwesen einschlössen und Differenzen des
Menschen wären. Eine weitere Folge wäre die Absurdität, daß die
Differenzen entweder Art oder Individuum wären, da alles, wovon die
Gattung ausgesagt wird, eines von beiden ist.

[117] Dieser Fall ist mit dem vorigen verwandt. Die Differenz hat
einen weiteren Umfang als die Art, zweifüßig z. B. oder auf Füßen
gehend einen weiteren Umfang als Mensch, und doch müßte sie ihrem
ganzen Umfang nach unter die Art fallen. Auch würde die Differenz Art,
zweifüßig z. B. Mensch sein, was absurd ist.

[118] Die Differenz steht in der Mitte zwischen Gattung und Art, sie
setzt die Gattung voraus, zweifüßig z. B. das Sinnenwesen, wird aber
ihrerseits von der Art vorausgesetzt, zweifüßig z. B. von Mensch: sie
begründet die Art.

[119] Das scheint hier πάθος zu bedeuten, nicht Leiden oder Passivität
oder Zustand, sondern ποιότης παθητική, besonders Trockenheit und
Nässe. Weiter in diesem Absatz wird erklärt, daß die Qualitäten
überhaupt, also auch Wärme und Kälte hier in Betracht kommen; vgl. de
gen. et corr. II, 2. 329b 24 ff. Eher scheint aber, nach der Definition
von πάθος, die Metaph. V, 21 an erster Stelle gegeben wird, der Begriff
in unserem Text noch einen weiteren Umfang zu haben. Es heißt dort:
πάθος heißt in einer Weise die Qualität, nach der etwas qualitativ
verändert werden kann, wie weiß und schwarz, süß und bitter, Schwere
und Leichtigkeit und dergleichen.

[120] Vgl. B. 2, K. 7 u. 9, B. 5, K. 6.

[121] Sind die Ideen ewige Wesenheiten, so kann das Sterbliche, sind
sie ohne Wirken und Leiden, so kann das Wirkende und Leidende nicht an
ihnen teilhaben. Sind sie aber schöpferische Gedanken, so brauchen ihre
Erzeugnisse ihnen nicht gleichartig zu sein: mit ewigem Gedanken kann
Zeitliches und ohne Bewegung kann Bewegtes gedacht werden.

[122] Ein Sophist Dionysius wird in der Physiognomik 3, 808a 16
genannt. Wenn man das Leben definiert wie er, so paßt die Definition
nur auf die Tiere, nicht auf die Pflanzen. Man kann auch die Absicht
haben, ein zweideutiges Wort nur nach einer Bedeutung zu erklären, und
gleichwohl eine Erklärung geben, die auf beide Bedeutungen paßt. In
beiden Fällen kommt die Mehrdeutigkeit nicht zu ihrem Recht. Das eine
Mal wird sie von dem Definierenden übersehen, das andere Mal stellt die
Definition keine Scheidung her.

[123] Silv. Maurus bemerkt hier: loquendum cum multis, sentiendum cum
paucis; vgl. 2. B. 2. K. letzter Absatz. Es ist falsch zu übersetzen:
„wenn auch manches nicht nach der allgemeinen Ausdrucksweise zu
bezeichnen ist“, oder: „wenn man auch einzelnes nicht so wie die Menge
bezeichnen könne“.

[124] Von jedem Punkt der Geraden kann man nach hinten und vorn nicht
über den nächsten Punkt hinaussehen, weil er die folgenden verdeckt. So
paßte die Definition vielleicht auf jede Grade.

[125] In diesem Falle muß also eher die Bezeichnung für die Gattung als
die für die Differenz vertauscht werden.

[126] Feuer galt der alten Physik als Körper, aber Farbe ist kein
Körper, sondern eine Qualität des Körpers.

[127] Wer heimlich und unbemerkt etwas wegnehmen will, es aber nicht
fertig bringt, ist ein Dieb, aber kein guter Dieb.

[128] Man vergleiche nikomachische Ethik III, 9 und dazu die Anm. 17 in
unserer Übers. d. Ethik.

[129] Vgl. B. 5, Anm. 99. Ob eine Verbindung Fleisch oder Knochen ist,
soll sich danach richten, welche Elemente in dem Kompositum überwiegen,
vgl. d. anim. I, 5. 410a 1 ff.

[130] Es gibt kein kontrares Gegenteil von Fleisch und Knochen, wie es
z. B. eines von weiß und hell gibt.

[131] Mit dem bloßen Wort Zusammensetzung hat man keine Definition des
Zusammengesetzten.


Zum siebenten Buche.

[132] Ob eine Definition richtig ist, hängt davon ab, ob sie mit dem
Definierten identisch ist. Daher folgen auf die Örter bezüglich der
Definition die Örter bezüglich des Identischen. B. 1, K. 5, Abs. 3 hieß
es: „auch bei den Definitionen besteht die größte Schwierigkeit darin,
zu entscheiden, ob Identität oder Verschiedenheit vorliegt.“ Zu den
verschiedenen Bedeutungen von identisch vgl. B. 1, K. 7.

[133] Man sieht hier wieder, wie die Annahmen ziemlich willkürlich
gemacht werden; vgl. B. 5, Anm. 38.

[134] Xenokrates, auch 2,6 und 6,3 zitiert, war Schüler Platos
und zweiter Leiter der Akademie. In der Nik. Ethik B. 10, K. 7–9
wird gelehrt, daß das glückselige Leben einmal in der Pflege der
dianoëtischen Tugenden, oder der Betrachtung, dann auch in der
Übung der sittlichen Tugenden besteht und daß zu ihm auch die Gunst
der äußeren Verhältnisse gehört. Hierin liegt schon, daß auch das
tugendhafte Leben nicht der Zahl nach eines ist. Das tugendhafte Leben
ist, weil es auch das beste ist, dem glückseligen Leben untergeordnet,
wie das Mittel dem Zwecke.

[135] Vgl. B. 6, K. 7, Abs. 3.

[136] Vgl. K. 1, Abs. 1.

[137] Im Griechischen heißt es: οὐδεὶς τῶν διαλεγομένων, niemand von
denen, die disputieren. Disputieren hat eine weitere Bedeutung, so
daß darin auch die Mitteilung des Lehrvortrages einbegriffen ist.
Das beweist das angeführte Beispiel der Mathematiker. Entsprechend
heißt es auch in den sophistischen Widerlegungen im Anfang des 2.
Kapitels: „Es gibt vier Arten von Beweisführungen beim Disputieren,
τῶν ἐν τῷ διαλέγεσθαι λόγων: die didaskalischen, die dialektischen,
die peirastischen und die eristischen Beweisführungen. Didaskalische
Beweisführungen sind solche, die aus den jeder Wissenschaft
eigentümlichen Prinzipien und nicht aus den Meinungen des Antwortenden
schließen — denn der Lernende muß glauben —, dialektische solche,
die aus dem Wahrscheinlichen auf die ἀντίφασις (den Widerspruch, das
kontradiktorische Gegenteil oder auch das Für und Wider) schließen
usw.“ Diese Bestimmung über die dialektische Beweisführung dürfte uns
auch einen endgültigen Aufschluß darüber verschaffen, ob wirklich,
wie wir in der ersten Anmerkung zum ersten Buche vermuten, der
Angriff oder die Widerlegung die Hauptaufgabe des Dialektikers und
somit auch die Anweisung dazu das Hauptanliegen der Topik ist. Wir
möchten es bezweifeln. Widerspruch bedeutet für und wider im Sinne
der Bejahung und Verneinung. Demnach ist die Dialektik die Kunst, aus
wahrscheinlichen Prämissen auf einen Satz oder seine Kontradiktion
zu schließen. — Somit dürfte auch die Vermutung, die wir in der
gedachten Anmerkung zu B. 1 über den Sinn der Bezeichnung „sophistische
Widerlegungen“ ausgesprochen haben, kaum haltbar sein. Die Bezeichnung
steht nicht darum für sophistische Schlüsse, als ob in der Dialektik
die Widerlegung die Hauptsache wäre, sondern sie bedeutet:
sophistisches Verfahren bei der Begründung des Für und Wider. Demnach
möchten wir auch jene Vermutung zurücknehmen, die wir in der Einleitung
zur Übersetzung der sophistischen Widerlegungen geäußert haben, als
ob die sophistischen Widerlegungen als solche vom Standpunkte der
philosophischen Wahrheit bezeichnet würden, gegen die die Trugschlüsse
der Sophisten angehen.

[138] So steht weiß und schwarz in derselben Gattung Farbe,
Freigebigkeit und Geiz in den konträren Gattungen Tugend und Laster.

[139] Darum pflegen hin und wieder korpulente Personen, um nicht
aufzufallen, schwarz zu tragen.

[140] Vgl. B. 6, Anm. 121.

[141] Es heißt im Text: οἱ τόποι δι’ ὥν εὐπορήσομεν πρὸς ἕκαστα τῶν
προβλημάτων ἐπιχειρεῖν. Dies muß so, wie geschehen, übersetzt werden.
Hier wird der Inhalt aller vorausgegangenen Bücher bezeichnet. An
dieser Stelle hat ἐπιχειρεῖν wieder die Bedeutung von etwas angehen
oder dialektische Schlüsse ziehen. Wenn man überträgt: „Gesichtspunkte,
um jedes Problem anzugreifen“, oder: „um jeden Streitsatz anzugreifen“,
so paßt das nicht auf das Vorhergehende, und die Anordnung des Stoffes
wird verwirrt. Silvester Maurus paraphrasiert richtig: ex quibus
possumus ducere argumenta accomodata cunctis generibus problematum.
Julius Pacius überträgt minder glücklich: loci, ex quibus adversus
singula problemata argumentorum copia nobis suppetat. Er nimmt das πρός
im Sinne von adversus und εὐπορεῖν im Sinne von reich sein; es heißt
aber hier imstande sein, wie der folgende Infinitiv zeigt.


Zum achten Buche.

[142] Dem Philosophen liegt daran, den Zusammenhang der Prämissen
mit der Konklusion hervortreten zu lassen, dem Dialektiker ihn zu
verbergen. Wenn es heißt, daß Philosoph und Dialektiker, gleichmäßig
nach Vordersätzen für den beabsichtigten Schluß suchen, so bleibt dabei
der B. 1, K. 1, Abs. 5 angegebene Unterschied der Vordersätze bestehen.

[143] Silv. Maurus bemerkt hierzu: „Die Pseudographen ziehen viele
Linien, die teils einen Zweck haben, teils nicht, damit der Gegner, der
die einen von den anderen nicht unterscheidet, getäuscht wird.“

[144] Man vergleiche die einleitende Periode im Proömium zu de anima:
„Da wir die Wissenschaft zu den schönen und würdigen Dingen rechnen,
die eine aber vor der anderen, entweder mit Rücksicht auf ihre
Genauigkeit oder ihren besseren und erhabeneren Gegenstand, so können
wir die Seelenkunde füglich nach diesen beiden Rücksichten zugleich in
die erste Reihe stellen.“

[145] Chörilus von Samos, Zeitgenosse des Euripides, besang in einem
Epos den Sieg der Griechen über Xerxes. Von ihm steht ein Vers in der
Rhetorik III, 14. 1415a 4; auch ist dort wohl aus ihm das Zitat Zeile
16 ff.

[146] Vgl. B. 1, K. 12.

[147] Silv. Maurus hat folgendes Beispiel. Hat man durch Induktion
gezeigt, daß das Pferd, der Hund, der Ochs usw. ein Maul haben, um
damit die Nahrung aufzunehmen, und einen Magen, um sie zu verdauen, so
ist leicht zu schließen: also haben alle Tiere zu dem und dem Zweck
ein Maul und einen Magen, weil man den feststehenden Namen Tier hat.
Hat man aber viele Tiere mit zahnlosem Oberkiefer angeführt, so ist es
mißlich zu folgern: also hat alles solche einen zahnlosen Oberkiefer,
weil man nicht weiß, was nun zu dem solchen gehört und was nicht. Es
hat eben keinen eigenen Namen. Man erdenke also einen und sage z. B.:
alle gehörnten Tiere.

[148] Gegen die Instanzen des Gegners darf man nicht das Behauptete,
sondern nur etwas anderes geltend machen, außer in dem Falle, daß das
Behauptete einzig in seiner Art ist. So ist z. B. zwei die einzige
unter den geraden Zahlen, die die erste Zahl überhaupt ist, alle
anderen geraden Zahlen zerfallen naturgemäß in andere, frühere Zahlen.
Eins ist keine Zahl, sondern Prinzip und Maß der Zahl.

[149] Zeile 6 bedeutet μάγειρος Schlächter oder Koch, nicht Bäcker.

[150] Demnach ist es schwer, das Gegenteil von dem, worauf der
Widerpart hinaus will, schulgerecht zu beweisen.

[151] Für leicht erweislich steht im Text ῥαδίως γράφεσθαι, eigentlich
leicht zu zeichnen. Zeichnen steht für beweisen, weil es die Geometrie
mit der körperlichen Ausdehnung und ihren Grenzen zu tun hat, die
der Anschaulichkeit wegen gezeichnet werden. Darum bedeutet auch
ψευδογράφος, Pseudograph, nicht nur den, der falsche geometrische
Figuren zeichnet, sondern auch den, der falsche mathematische Schlüsse
zieht.

[152] Trendelenburg: „ἀξιώματα fere idem atque προτάσεις“ Elem. logices
Arist., § 42, p. 127. Er leitet dort das Wort von ἀξιοῦν, postulieren,
fordern, ab: „aliquid tamquam syllogismi propositionem tacite assumere“.

[153] Vgl. B. 1, K. 1, Abs. 1 und die Anm. dazu.

[154] Die Instanz, ἔνστασις, besteht darin, daß man einen der
Vordersätze des gegnerischen Schlusses umstößt. Trendelenburg l. c.
§ 41: „instantiam, propositionem propositioni contrariam, latine
cum iurisconsultis exceptionem dixeris.“ Man vergleiche den ganzen
Paragraphen 41 bei Tr.

[155] Vgl. Anm. 151.

[156] Die hier gegebene Definition von Epicheirem bestätigt das über
die verschiedene Bedeutung von ἐπιχειρεῖν in der Anm. 148 zu B. 8
Gesagte. Aporem ist ein Schluß auf die Antiphasis, das heißt das Für
und das Wider, auf die Bejahung und auf die Verneinung. Daher der Name
Aporem von ἀπορεῖν: in Verlegenheit sein, nicht wissen, zweifeln. Auf
das Aporem paßt das B. 1, K. 11, Abs. 2, Anfang Gesagte.

[157] Die Parenthesen berücksichtigen die logische Forderung, daß keine
Konklusion gewisser oder wahrscheinlicher sein kann als die Prämissen.

[158] Wenn eine Beweisführung nach der letzten der vier im vorigen
Absatz genannten Weisen falsch ist, d. h. materiell falsch und
formell richtig, und wahres umstößt, so folgt die Falschheit einer
der Prämissen, durch die sie zustande kommt. Denn aus lauter wahren
Prämissen könnte bei formell richtiger Schlußfolgerung nur wahres sich
ergeben. Die Falschheit einer Prämisse fordert aber die Wahrheit von
etwas anderem, nämlich die Wahrheit ihres kontradiktorischen Gegenteils.

[159] Beweisführung an sich. In dem drittletzten Absatz dieses
Kapitels war die Beweisführung auch mit Rücksicht auf ihren Gegenstand
betrachtet worden. Das zweite Glied der dortigen Einteilung bildeten
die Schlüsse, die nicht zu dem in Frage kommenden Ergebnis führen, das
dritte die Schlüsse, die nicht der vom Gegenstande geforderten Methode
entsprechen.

[160] Bei den Synonyma. Wenn man ein Wort für ein anderes,
gleichbedeutendes Wort setzt, wie Oberkleid für Mantel, und wenn man
die Definition für das Wort setzt. Alexander von Aphrodisias will
synonym im Sinne von homonym erklären; vgl. hierüber und über den
terminus petitio principii sowie die fünf hier unterschiedenen Fälle
Trendelenburg l. c. § 42.

[161] Der Satz ist in seiner Allgemeinheit falsch, wenn er auch
bestechend ist. Denn Konträres steht unter einer Wissenschaft, aber man
sollte meinen, daß es nicht eine Wissenschaft für mehreres geben kann.

[162] Enthymema ist eine Erwägung oder Schlußfolgerung, die auf äußeren
Anzeichen, σημεῖα, oder auf gewöhnlich Vorkommendem, εἰκότα, fußt; vgl.
Trendelenburg l. c. § 37.

[163] Je allgemeiner ein Grund ist, desto mehr befaßt er unter sich,
desto schwerer ist er aber auch zu finden, weil er in der Reihe des
Intelligibeln am höchsten steht und somit zwar in sich am klarsten, für
uns aber am unklarsten ist, vgl. Met. II, 1. 993 b 7–11. Aristoteles
will sagen, daß metaphysischer Tiefblick auch für den Dialektiker die
beste Mitgift ist.




Sachregister.


  +Abgeleitete+ Wörter, Ptoseis 44, 61, 77, 161, 167, 168.

  +Akzidenz+, Begriff 7, Örter aus dem Akzidenz 28 ff.
        Vergleichende Werturteile aus d. Akz. 50 ff.

  +Apodiktischer+ Schluß, s. Demonstration.

  +Aporem+ 14, 196

  +Auswahl+ der Sätze 16 ff.

  +Axiom+ 184.


  +Bedeutung+, verschiedene der Wörter 18 ff.

  +Begriffsverwandtes+, zu derselben Begriffsreihe Gehöriges 44, 175;
        vgl. abgeleit. Wörter.

  +Bekannteres+ an sich und für uns 131.

  +Beugungsformen+, s. abgel. Wörter.

  +Bewegung+, der Körper 95, der Seele 128, von Zeno bestritten 190.


  +Definition+, Begriff 5, 165. Örter aus der Def. 124 ff., 161 ff.

  +Demonstration+ 1.

  +Dialektik+, Begriff 1 Kunst der Erfindung, Wegweiserin zu den
    Prinzipien 3 f., ergibt Wahrscheinlichkeit 18.

  +Dialektischer+ Schluß 1, dialekt. Problem 14, dial. Satz 12.

  +Differenz+, Artunterschied 139, 140, 153, 166.

  +Digressionen+ 37, vgl. auch 178.

  +Disputieren+ 164.


  +Enthymema+ 202.

  +Epicheirein+ 36, 172.

  +Epicheirema+ 196.

  +Eristischer+ Schluß 2.

  +Erweiterung+ der Rede 174.

  +Ethische+ Sätze 18.

  +Ewigkeit+ der Welt ein Problem 14.


  +Forderung+ der Einräumung des Gegenteils 198 ff.

  +Frage+ 12, Ordnung beim Fragen 173 ff., Fragen nach Ähnlichem 176 f.


  +Gattung+ Begriff 7, Örter aus ihr 66 ff., Gattungen der
    dialektischen Örter 4.

  +Gegensätzlichkeit+, vierfache 42.

  +Glaubwürdige+ Sätze 12 f.

  +Grammatik+ 6, 134.


  +Habitus+ 43, 82, 113, 146.

  +Homonyma+ 22 ff.


  +Ideen+, platonische 41, 137, 149.

  +Identisches+ 6, 9 f., 161 ff.

  +Induktion+ 16, 178 f.

  +Instanz+ 179, 190 f.


  +Kategorien+ 11, 21 f., 163.

  +Kontradiktorisches+ 113 ff.

  +Konträres+ 74, 112, 147 f., 159 f.


  +Logische+, erkenntnistheoretische Sätze 18.


  +Mangel.+ Privation 21, 43 f., 148 f.

  +Metaphorische+ Ausdrücke 126.


  +Ort+, dialektischer 27, 28 ff.


  +Paronyma+ 36.

  +Pathos+ 140.

  +Petitio+ principii 198 ff.

  +Philosophem+ 196.

  +Physikalische+ Sätze 18.

  +Problem+ 4 f., 14, 201.

  +Probleme+, für die man entgegengesetzte Schlüsse hat, Aporem, 14
    und Probleme, über die einer keine Rede stehen kann 14.

  +Proprium+, Eigentümlichkeit, Begriff 6, Arten 91 ff.,
    dialektische Örter aus dem Proprium 93 ff.

  +Protasis+, Prämisse, Satz 12.

  +Pseudographischer+ Schluß 2, 178, vgl. S. 184 und die Anm. 151.


  +Relation+, ihr Beziehungspunkt 144, 153 f.

  +Relativa+ 44, 79 ff., 92 f.


  +Satz+, Gegenstand der Disputation 4 f., 12 f., 14 f.

  +Schluß+, Begriff 1, s. auch Syllogismus.

  +Sinnenwesen+ 7, 91 f., 114, 118.

  +Sophisma+ 196.

  +Sophistische+ Mittel 37.

  +Subjekt+ 146, erstes Subjekt 141, 156.

  +Substanz+ 11.

  +Syllogismus+ sicherer als Induktion 16, mehr gegenüber dem
    Dialektiker als gegenüber der Menge angebracht 178 f.

  +Synonyma+ 198.


  +Technik+ des Disputierens 173 ff.

  +Teil+ 155 ff., 160.

  +Teilhaben+ 67 f., 70 ff., 74.

  +These+ 15.

  +Topos+ s. Ort.


  +Übereinstimmung+ der Dinge, ihre Auffindung 25.

  +Überflüssige+ Zusätze 127 ff.

  +Umkehrung+ der Schlüsse 200.

  +Undeutlichkeit+ 125 ff., 189.

  +Unterschied+ der Dinge, seine Auffindung 24 f.


  +Verdeutlichung+ der Rede 174, 178.

  +Vergleiche+ 178.

  +Verhalten+, Verhältnis 77 ff.

  +Verschleierung+ der Absicht 174 ff.


  +Wahrheit+, Vorzug des philosophischen Urteils 18.

  +Wahre+ und erste Sätze 1.

  +Wahrscheinliche+ Ergebnisse 18.

  +Wahrscheinliche+ Sätze 1, 195.

  +Wegnahme+ 163.

  +Werkzeuge+, Organe, Mittel um induktive und dialektische Schlüsse
    zu erhalten 16.

  +Wesen+, Was, Quiddität 11.

  +Willensfreiheit+, göttliche 84.


  +Zusammensetzung+, Verbindung 159.

  +Zusatz+ 163.



*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TOPIK ***


    

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg

Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s
goals and ensuring that the Project Gutenberg collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state’s laws.

The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza #516,
Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website
and official page at www.gutenberg.org/contact

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
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While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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International donations are gratefully accepted, but we cannot make
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Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
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Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
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