The Project Gutenberg eBook of Empfindungen aus meinem Leben
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Title: Empfindungen aus meinem Leben
Author: Franz Xaver Amand Berghofer
Release date: April 7, 2026 [eBook #78383]
Language: German
Original publication: Wien: Joseph Kurzböcken, 1774
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/78383
Credits: Richard Illner, Alpo Tiilikka and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images made available by The Austrian National Library)
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EMPFINDUNGEN AUS MEINEM LEBEN ***
Anmerkungen zur Transkription
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nicht korrigiert. Poetische Formulierungen sind unverändert geblieben.
Empfindungen aus meinem Leben.
[Illustration]
~WIEN~,
gedruckt bey Joseph Kurzböcken kais. kön. illyrischen
und aller orientalischen Sprachen Hofbuchdruckern,
und Buchhändlern.
1774.
Vorrede.
Da man meistens noch niedere und falsche Begriffe von den schönen
Wissenschaften hat; so möchte ich gern ein kleines Liecht
vorausstellen, welches die Schatten zerstreuen soll, womit finstere
Köpfe die schönere Natur anschwärzen. Will die fühllose Dummheit
ihr kaltes Herz nie zu einer edlen Empfindung erwärmen, so soll sie
wenigstens ihre unheiligen Blicke wegwenden; sie soll sich in die ewige
Nacht ihrer Unwissenheit einhüllen, und mich ungekränkt und unbemerkt
den sanften und stillen Umgang der Musen genießen lassen.
Wisse, unbilliges Vorurtheil! wahre Poesie ist Würde und Hoheit des
Menschen — vergieb mir diesen stolzen Ausdruck, ergeht nicht auf meine
Person; sondern auf die Sache, die ich behandle.
Die höchste Würde des Menschen bestehet in der Hoheit seines Geistes,
und in dem Adel seines Herzens, die Erhebung des Geistes der sich mit
einer außerordentlichen Fülle äußert, ist Begeisterung, die gereinigte
Zärtlichkeit eines gefühlvollen Herzen, ist ihr Adel: der höchste Grad
der Begeisterung und Zärtlichkeit, wo sich Wahrheit und Natur mit aller
Stärke und Anmuth schildern, ist der höchste Grad der Dichtkunst.
Ihr, derer lieblose, verwilderte Herzen keiner feinen Empfindung fähig
sind, die ihr die Erhöhung der menschlichen Seele, das Gefühl des
wahren Schönen, den Enthusiasmus der Weisheit und Tugend nicht kennet!
eitle, unbedeutende, kriechende Geschöpfe! die ihr auf niederen Gewinn
bedacht, nur nach eurem Futter wiehert; nie euern Verstand speiset, und
schon zu leben glaubet, wenn ihr gleich dem Vieh, esset, schlaffet, und
euch begattet, — widerleget, wenn ihr könnt!
Uebrigens habe ich nur die ächte Dichtkunst vertheitigen wollen, deren
Ausdruck Harmonie, und deren Inhalt begeisterte Weisheit ist. — Denn
bloß zum Zeitvertreib witzig zu tändeln, die Einbildungskraft auf
Kosten des Verstandes zu unterhalten, oder durch den unverschämten
Muthwillen der in der Brumft gehenden Litteraturstuzer die
grobe Sinnlichkeit zu reizen, ist wohl der Endzweck der schönen
Wissenschaften nicht. Sie sind zur Beglückung des Menschen, zu seinem
edleren Vergnügen, und nicht zur Nahrung seiner Ausschweifungen
geschaffen.
Und die unmännlichen Figuranten, die sich ewig mit süssen Kleinigkeiten
beschäftigen; die, wann sie schwätzen, zu denken, und wann sie
schwärmen zu empfinden glauben; die die Natur durch Künsteley ersetzen
wollen; beständig mit Endsilben in Geburtsnöthen liegen, und sich mit
Ach und Weh begeistern — soll man diese auch Dichter nennen? nein,
Stümper, die die Wissenschaften entehren. Lichtwer weist ihnen ihre
Stellen an.
Ihr Thoren, lernt dafür nähn,
hobeln, oder schmieden!
Minervens Priesterthum ist
Stümpern nicht beschieden.
Weder diesen, noch mir selbst will ich das Wort reden; ich habe nur
zeigen wollen, was für ein Ziel ich mir gestecket habe: wie weit ich es
erreiche, müssen unparteyische Kenner entscheiden, derer Einsicht ich
meine Versuche willig unterwerfe.
[Illustration]
~Inhalt.~
Seite.
I. Aussöhnung mit meinem Schicksale. 1.
II. Die zärtliche Schwermuth. 12.
III. Aufmunterung. 14.
IV. Die Weisheit im Schoose der Natur. 19.
V. Die Begeisterung. 27.
VI. Das Glück der Zärtlichkeit. 29.
VII. Verträulichkeit zwischen Liebe und Natur. 31.
VIII. Schutzort der Weisheit. 35.
IX. Einladung auf das Land. 37.
X. Die Gaben des Weisen. 39.
XI. Sehnsucht nach Vergnügen. 41.
XII. Meine Geliebte. 43.
XIII. Das freywillige Leiden. 44.
XIV. Kampf einer Leidenschaft. 48.
XV. Die Quelle des Unmuths. 50.
XVI. Erinnerung an die Jahre der Unschuld. 55.
XVII. Der Gottesacker. 59.
XVIII. Die philosophische Melancholie. 68.
XIX. Die Mitternacht. 79.
XX. Die Seele an ihren schlaffenden Leib. 87.
XXI. Die Ruhe. 91.
XXII. Meine Grabschrift. 95.
~Aussöhnung~ mit meinem Schicksale.
[Illustration]
Mein Geist drang mit einem edlen Unwillen sich von dem Pöbel hinweg;
aber meine Glieder fühlen noch die Mühe, womit sie den unsicheren
Weg zurück gelegt haben. Wie schwer ist das Geblüt in meinen Adern
geworden; seit dem ich in deinen feindseligen Mauern, o Stadt!
gewandelt habe! Hart ist das Pflaster, worauf glänzende Sorgen, mit
Thorheit beladen, wo drückende Laster prächtig einher treten! Nun bin
ich — der Vorsicht sey Dank — hinaus aus dem Schwarm der Lieblosen. Wie
weit wollt ihr mir noch nachschleichen, ihr schwarzen Gedanken der
Schwermuth und des Kummers? Verlaßt mich, ach verlaßt mich! ich habe
genug mit Unglück und Verfolgungen gekämpfet. Ich fliehe euch nicht,
ich hasse euch nicht, ihr Menschen, o nein, mein Herz klopfet stets zu
eurem Besten; es fließt vor Empfindung gegen die Redlichen über, die
des Mitleids und der Gegenliebe fähig sind, und die übrigen bedaure
ich ihres Unglückes wegen, daß sie Menschenfeinde sind. Ich fliehe
nicht sie, nur ihre Lieblosigkeit. Das Leben ist kurz: schwermüthiger
Tiefsinn, Ernst und Kummer fangen an, meine Nerven zu schwächen, und
heimlich meine Gesundheit zu untergraben. Ich bedarf der Erquickung.
Genug ward ich bey dem inneren Ruf meiner Seele von den lauten Stimmen
der Dummheit und des Eigennutzes übertäubt, ungerecht gegen mich
selbst, Muth und Zutrauen zu verlieren. Ein heißhungriches Geschrey
tönte mir überall entgegen: das Studium der Wahrheit und Pflichten
ist nicht zum Brod gewinnen; Weisheit und Tugend, Erhabenheit des
Geistes, Adel des Herzens sind unbekannte Nahmen. Ich ward in meinen
zartesten Jahren zum rauhen Pöbel verstossen, wo ich verkennet und
ungetröstet, mich im Verborgenen nach Menschenliebe sehnte, und ach!
vergebens sehnte. Die schweren Seufzer meiner Betrübniß haben meine
Brust beklemmet, und nun will ich wieder einmal freyen Athem hohlen. —
In deinem wohlthätigen Schoose, liebreiche und weisheitsvolle Natur!
Will ich von meinem Schicksale ausruhen, und aus deiner inbegriffenen
Göttlichkeit überirdische Hofnung, und den Trost des Mitleids schöpfen,
den mir die Sterblichen versagen. — Verlaßt mich, ach verlaßt mich,
ihr schwarzen Gedanken der Schwermuth und des Kummers! Zurück! Hier
sind die Gränzen der unverdorbenen Natur. Mit unverwandtem Blicke will
ich mich dem Schutzorte der Unschuld nähern. O Glück! Noch etliche
Schritte, und dann bin ich der Natur im Arm! Schon ist der Boden
gelinder und die Luft reiner. Zephir bringt Wohlgeruch auf seinen
Flügeln, und ich athme Gesundheit in mich. — Sey mir gesegnet, heiliges
Dunkel, das ehrfurchtvoll in diesen verjährten Tannen schwebet! kein
feindseliger Sturm müße je durch diese ruhige Dämmerung fahren. — Ich
will hinein gehen. —
Hier ist der wundersame Baum, der von obenher seinen Ursprung genommen
hat, seine Wurzeln kriechen an Felsen. — Sie haben einen bequemen
Sitz geflochten; ich will hier ruhen — Sein Stamm neiget sich unter
mir herunter, als wollte er der Erde seiner Mutter danken, die ihm
Nahrung auch ausser ihrem Schoose reichet! Aber er hebt sich wieder
von der Mitte empor. Sein Saamen wuchs wie der Gedanken des Weisen,
von sich gegen die Erde, und von der Erde gegen den Himmel. — Hier
ist der Sitz der Begeisterung, hoch von Natur, nicht durch Zwang und
Uebermuth, abseits vom Getümmel, ungebahnt für träge Unwissenheit, weit
erhaben über die Denkmäler der Ueppigkeit und Herrschsucht, worunter
die niedern Seelen wie Gewürme im Schutthaufen herum kriechen. Die
Spitze der Thürme, die falsche Hoheit in die Luft gehoben hat, um über
Mitmenschen hinaus zu sehen, reichen nicht zu meinen Füßen. Ich bin
verborgen und sicher. Voll erhabener Wildheit hangen die Zotten des
Reisicht über mir her; und ewig grünende Fichten streuen ehrwürdige
Schatten auf den Felsen, dessen bemooste Höhlung mir zur weichen Lehne
dienet. Horchende Stille wachet einsam in diesem Tempel der Schöpfung,
den nie unheilige Blicke entweyhten; denn der Pöbel verirret sich nicht
in dein Heiligthum, o Natur! Dein Freund ist der einsame Dichter, der
aus dem Gedränge verscheuchet, dem Felsen die Gefühllosigkeit seiner
Mitmenschen klaget. Hier ist das Vaterland meiner Empfindungen, hier
ists, wo mein Geist, in die Zaubergegend der Dichtkunst hingerücket,
von dem Nektar der begeisternden Weisheit kostete. — Kommet ihr
ländlichen Kamönen, einzige Trösterinnen meines Lebens! reichet mir
noch einen stärkenden Trunk und weyhet mich euren Geheimnißen ein;
schließet mir eure verborgenen Schätze auf: ich will mit Popen und
St. John die Kleinigkeiten der Welt dem niederen Ehrgeize und dem
Stolze der Könige lassen. In euren liebvollen und freundlichen Wohnsitz
will ich vergessen, daß es störische und harte Menschen giebt; in
Unschuld und Ruhe, in Gesundheit und Freyheit will ich künftig meines
Lebens froh werden. Mäßigkeit wird die Bewegungen meines Geblüts
besänftigen, und mein Herz nur den gereinigten Empfindungen der Natur
und Menschenliebe offen seyn. In einer ruhmlosen Hütte will ich ein
redliches Alter erreichen, unbeneidet, genügsam und sicher. Verborgen
vor dem Hof sollen meine Tage so still und ruhig dahin gleiten wie
die kleinen Silberwellen durch das einsame Veilchenthal. Nie wird ihr
heller Boden von kriegerischen Rossen zerwühlet, nie ihr klares Naß
von schwärmenden Städtern trübe gemacht. Bey einem stillen häußlichen
Glücke will ich zwischen Lilien und Rosen, den Spuren der Unschuld und
Liebe treten, und auf den sanften Boden der Natur wandeln. Dort wo
Gebüsche unter hangenden Felsen den Eingang mit feyerlicher Dämmerung
decken, in der träumerische Grotte wird mich meine Muse in süsse
Begeisterung einschlummern. Oft werde ich den einsamen Hügel besuchen,
wo mein Herz hinschmolz, und mein Geist in sanfte Wehmuth zerfloß. Oft
werde ich am Abend empfindungsvoll mich unter den Schatten eines Baumes
vergessen. Oft wird zum Dank der Wohlthaten meines Schöpfers, oft
zum Andenken meiner Freunde eine zärtliche Thräne auf den blumichten
Hügel hingleiten, worauf ich mein Haupt stütze; dann wird aus der
nahen Hütte meine fromme Gattinn kommen, und meiner Empfindung den
stillen Beyfall in ihren sanften Blicken zulächeln; sie wird mit ihrer
Hand mein gerührtes Herz fühlen, und mit mir die erhabene Wollust
der Zärtlichkeit und tugendhafter Gesinnungen theilen. An ihrem Arm
will ich — — Süsser Traum! Von welch entzückenden Vorstellungen ward
mein Geist betrunken! Hab Dank, wohlthätige Muse! Daß du Mitleid mit
meinem Schicksale hast, und Oel in meine Wunde gießest. Begeistre mich
mit Hofnung; wenn auch in dem Rathschluße des Ewigen mir nie so ein
schmeichelhaftes Glück sollte vorbehalten seyn. Gott, du kannst kein
Mißfallen an unschuldigen Wünschen deiner Geschöpfe haben; du selbst
hast den Trieb zum Vergnügen tief in ihre Herzen gepflanzet, du hast
sie zur Glückseligkeit bestimmet. Du magst diese Bestimmung hier
schon oder dort erfüllen; ich will sie mit Dank zum voraus empfinden,
und mich durch die Hofnung der Zukunft mit Standhaftigkeit für das
Gegenwärtige bewaffnen. Ich hoffe und wünsche; — aber, Herr! was du
thust, ist gerecht; sollte auch hienieden mein Leiden beschlossen seyn.
In der Schule des Unglücks verlernet man Leichtsinn und Thorheit, und
vor den Blicken des Geistes verschwindet der Nebel, der die höhere
Aussicht verdunkelt. Mich stärket der grosse Gedanken der Ewigkeit,
wodurch mein Geist, vom Staube ungesättiget, sich mit dem Vorgeschmack
der Seligkeit nähret; mich tröstet die Hoffnung, daß meine Seele, durch
Trübsale gebessert, sich von eingebildeten Bedürfnissen entwähne, und
einst zum Genuße deiner Wohlthaten fähiger seyn wird. Die sanfte und
stille Landlust, Unschuld und Einfalt, diese schöne Natur, die so
voller Spuren der Liebe ist, und die Erinnerung, Herr! daß ich mich
bestrebet habe, dir zu gefallen und rechtschaffen zu seyn, o die wird
mir jedes Ungemach meines Lebens versüssen. In deiner Vorsicht will ich
mich ganz beruhigen; keine Klage wider den Lauf der Dinge soll jemals
meinen Lippen entfahren; mit einem Blicke in deine göttliche Weisheit
werde ich alle menschliche Thorheit vergessen, und wie leicht vergesse
ich dann auch das Glück der Welt, — das mich bisher getäuscht hat.
[Illustration]
Die zärtliche Schwermuth.
Am stillen Hügel, den der Schatten
Des Baumes deckt, wo unverrathen
Mein Herz geheime Wehmuth nährt;
Wo durchs Gebüsch die blassen Stralen
Des Mondes einsam, schüchtern fallen
Und nichts die leisen Seufzer stört.
Hier wo verschwiegne Dunkelheiten
Den Trauerflor um mich verbreiten,
Hier sinken, von dem harten Loos
Des Schicksals müde, meine Glieder
Auf schwarz bethautem Mose nieder —
Hin in der stillen Schwermuth Schoos.
Dir Nacht vertrau ich meinen Kummer,
Der meinen Geist in düstern Schlummer
Der Wehmuth senkt: verhüll mein Leid;
Laß mich in deine Tiefe weinen,
Und meinen Schmerz mit dir vereinen;
Sey Zeuge meiner Zärtlichkeit.
Ach dieses Herzens tiefe Wunden!
Die noch kein Mitleid mir verbunden!
Ach sie verbluten! Liebe quillt
Heraus — verkennte Menschenliebe.
Kommt, theilt mit mir die sanften Triebe
Dieß Herz — das allzu zärtlich fühlt.
[Illustration]
Aufmunterung.
Auf träger Geist! die Zeit verflieht;
Der Lenz, der Jugend Flor verblüht:
Sey dankbar und genieß dein Gut!
Sey Jüngling! Lern voll edlen Muth,
Wann stürmend Ungewitter blitzen,
Mit Weisheit dich, und grauer Klugheit schützen.
* * * * *
Der Gram entehrt, ermuntre dich!
Er setzt die Seele unter sich
Bis zur Unthätigkeit herab,
Und baut aus uns ein wandelnd Grab.
Die Embrionen edler Thaten
Erstickt in dir des Unmuths düstrer Schatten.
* * * * *
In Tiefsinn wandelst du herum,
Gleich deinem Schatten traurig stumm;
Geselligkeit und freyer Muth
Weicht vom Gesicht; dein junges Blut
Eilt nicht mehr froh, von Gram gehemmet,
Der in den Adern schleicht, dein Herz beklemmet.
* * * * *
Dein scheuer Blick, dein trüber Sinn
Kriecht niedrig an der Erde hin.
Flieh, flieh von dir, von deinem Gram!
Soll Unmuth, unverdiente Scham.
Und Blödigkeit die Stirn umhüllen?
Die Ehre ist im Herzen: lern sie fühlen.
* * * * *
Vor andern arm, verachtet, klein,
Lern, ohne Zeugen groß zu seyn.
Sey standhaft; denn auch dein Geschick
Steht in der Vorsicht Buch. Dein Glück,
Das itzt noch schläft, wird einst erwachen,
Und doppelt dich die Freuden Fühlen machen.
* * * * *
Noch lebt so mancher Menschenfreund,
Der Kunst mit Redlichkeit vereint,
Der Recht und Tugend noch vertheidigt,
Den Deine Armuth nicht beleidigt,
Der Menschen gerne glücklich siehet,
Zum Mitleid nicht zu vornehm, dich nicht fliehet;
* * * * *
Der an den Seufzern Antheil nimmt,
Die Thräne, die im Auge schwimmt,
Als Freund zu trocknen sich bemüht;
Als Freund, wann er dich fehlen sieht,
Dir nachsichtvoll entgegen eilet,
Und den Verstand von Wahn und Irrthum heilet.
* * * * *
Noch läßt das Schicksal — Deiner Jugend
Den Trieb zur Redlichkeit und Tugend;
Noch kann dein zärtliches Gefühl,
Wenn dich das Glück auch hassen will,
Im stillen Schatten seelger Linden
Des Frühlings Lust, und die Natur empfinde.
* * * * *
Sey größer, als dein Unglück ist,
Erhabner, als die niedre List
Und Frechheit eines Pöbels reicht,
Der, Würmern gleich, im Finstern schleicht,
Der das, woran er stoßt, nur fühlet,
Durch sich gestraft, im Stoffe Blindlings wühlet.
* * * * *
Ist dieser Vorzug dir zu klein;
so must du selbst unedel seyn.
Ein edler Geist, in sich beglückt,
Zu stolz, was ihm die Welt entrückt,
Um Pupentand, und Eitelkeiten
Den Müssigen, den Thoren zu beneiden,
* * * * *
Kriecht sklavisch nicht um Ehr und Glück
Ihm schwärzt kein niedres Bubenstück.
Die heitern Mienen im Gesicht.
Gelassen thut er seine Pflicht;
Sieht aufrecht auf der Tugend Wegen,
Sich selbst bewußt, der Ewigkeit entgegen.
Die Weisheit im Schoose der Natur.
Wer küßt und drückt und lästert,
hat Verstand;
Wer redlich spricht, gehöret auf das
Land.
Kleist.
* * * * *
Du Wohnsitz stiller Musen,
Empfang mich, heitre Flur,
Auf deinem grünen Busen!
Sanft lächelnde Natur,
Aus deinem reichen Schoose
Trink ich des Frühlings Lust,
So wie den Thau die Rose,
Nun in die freye Brust.
* * * * *
Ein Blick der Weisheit stralet
Aus jedem Reiz hervor,
Und bessre Freude wallet
In meiner Brust empor.
Ich brauch, mich zu beglücken,
Nur Mensch, nicht reich zu seyn;
Ein edleres Entzücken
Nimmt meine Seele ein,
* * * * *
Rührt, ohne zu verletzen,
Mein jugendlich Gemüth
Mit zärtlichen Ergötzen.
Ein reineres Geblüt
Wallt schon durch meine Glieder;
Der Geist wird heiterer,
Er öffnet sich hier wieder,
Denkt frey, und fühlet mehr.
* * * * *
Hier drohn nicht rasche Pferde
Dem müden Wanderer;
Kein Wagen, von der Heerde
Vergoldter Diener schwer,
Worin der Unterthanen,
Der Bürger theure Last,
Müd vom Verdienst der Ahnen,
Mit dummen Lächeln rastt.[A]
* * * * *
Durchlauchtgen Rossen schnauben
Nicht feile Menschen vor.
In Schatten sicherer Lauben
Irrt froher Hirten Chor
Mit sanften Schäferinnen.
Lieb und Zufriedenheit
Geht segnend neben ihnen,
Nicht Rangsucht, Stolz und Neid.
* * * * *
Der Menschheit Recht verdrehet
Kein hochgebohrnes Thier,
Das sich in Sänften blähet;
Nur Menschen sieht man hier.
Die Tugend giebt den Titel,
Die Eintracht den Gewinnst;
Nicht Zufall, Rang und Mittel
Verdrängen das Verdienst.
* * * * *
Zum Laster ungeschicket,
Das sich aus Hochmuth neigt,
Krumm, heuchlerisch gebücket,
In heiligen Tempeln schleicht,
Und das im Harmeline
Bey Hof mit frechen Schritt
Und tückisch hoher Miene
Bis zu dem Fürsten tritt,
* * * * *
Durch Einfalt glücklich, irret
Im Thal die Schäferinn;
In Unschuld, sittsam führet
Sie ihre Lämmer hin,
Wo ruhig ihre Jugend
Der Schöpfung Freuden fühlt;
Wo unbemerkte Tugend
Dem Schöpfer sich enthült.
Frey wandelt in Gesträuchen
Ihr Fuß längst einem Bach;
Nicht freche Buben schleichen
Dort ihrer Unschuld nach.
Die Kunst des süssen Herren,
Der geil aus Wohlstand spricht,
Geld, Ordensband entehren
Verwaiste Mädchen nicht.
* * * * *
Hier schwärmt durch grüne Schatten
Kein Midas, groß durch Gold,
Berühmt durch fremde Thaten,
Der seinem Bauch nur hold,
Standtsmäßig auszuschweifen,
Und durch des Bürgers Schweiß
Sich Tafeln aufzuhäufen,
Sich fett zu prassen weiß.
* * * * *
Taub, Mitleid zu empfinden,
Zu fühllos, selbst sein Glück
In anderer Glück zu finden,
Sieht er sich nicht zurück,
Der Große, wann Bedrängte
Mit Thränen nach ihm sehn;
Wann ohne Schuld gekränkte
Um seinen Beystand flehn.
* * * * *
Dich, sanfte Stimm vom Himmel,
Natur! Dich überschreyt
Das irdische Getümel
Der prächtgen Eitelkeit!
Weg ihr verhaßten Thürme,
Wo, in den Schlamm getaucht,
Dieß irdische Gewürme
Nur giftge Laster haucht!
* * * * *
In lärmenden Pallästen,
Da herrscht die Weisheit nicht;
Nur feige Schmeichler mästen
Sich, wo der Bösewicht
Und Thor den Lüsten frohnet,
Wo Fleiß und Tugend trauert,
Wo Tod im Lächeln wohnet,
Und das Verderben lauert,
* * * * *
Wo alle Mienen trügen,
Sich Mädchen klug durch Geld,
Und schön durch Schminke lügen,
Dem Wuchrer preis gestellt!
Wo tausend wilde Triebe,
Der Leidenschaft Gewühl
Die zärtlich keusche Liebe,
Das reinere Gefühl
* * * * *
Der Menschlichkeit ersticken;
Wo Untreu, Buhlerey
Aus finstern Mauern blicken;
Wo faule Schwelgerey,
In Schlössern stolz bewachet,
Wo hämisch Schadenfreud
Aus halben Vorhang lachet,
Im Sitz der Ueppigkeit.
* * * * *
Fern von der Gratulanten,
Betrüger, Schmeichler Heer,
Von Stutzern und Pedanten,
Kann ich hier ruhiger
Natur, Nach deinem leisen,
Verborgnen Triebwerk spähn;
Dich und die stillen Weisen
Des Alterthums verstehn!
* * * * *
Nicht in betrogne Spiele
Des Witzes eingewebt; —
In feyerlicher Stille,
Von Grazien umschwebt,
In edler Einfalt glänzet
Sie, auf beblümten Pfad,
Die Weisheit, unumgränzet,
Verscheucht von Hof und Stadt.
[A] Die Wahrheit wird von selbst die Verehrungswürdigen, die den Adel
nicht nur in ihren Wappen, sondern auch in ihrer Seele führen, gegen
die =Usurpatores= ihrer Vorrechte vertretten.
[Illustration]
Die Begeisterung.
Welch eine geheimnißvolle Schönheit dringet überall aus deinen
manigfältigen und wundervollen Scenen hervor, o Natur! Meine Sinnen
sind trunken von deinen zauberischen Reizen! mein Geist ist ganz voll,
ganz in die Tiefe einer unbekannten Anmuth hingerissen! — Was fühle
ich? Wie ahnungsvoll, wie stark klopfet es in meinem Herzen! — Ja,
hier ist die Quelle der Liebe, sie fließet durch mich, und ergießet
sich in die ganze Natur. — Wie wallen meine Adern! Feuer ist in meiner
Brust, und meine Augen sind mit heissem Oele durchströmmet! — — Sättige
mich, Natur! mit deiner Schönheit! in dich, in deine inbegriffene
Göttlichkeit bin ich entzücket. Ihr Geschöpfe, Ausflüße der Gottheit,
von kleinsten bis zum größten, alles, was in der Natur ist, was lebet
und schwebet, was mich umgiebt, seyd mir gesegnet! gedeyhet mir, neiget
euch gefällig zu meinem Wohl; theilet eure Richtigkeit, Ordnung und
Schönheit, theilet euch mir mit, drücket die Spuren eures Ursprungs
euer Glückseligkeit tief in mein Herz, nähret meine Begeisterung mit
der Weisheit und meine Empfindungen mit der Seeligkeit eures Schöpfers;
damit meine Handlungen nach dem erhabensten Muster, nach den ewigen
Gesetzen der Schöpfung gebildet werden.
[Illustration]
Das Glück der Zärtlichkeit.
Ein Herz, das durch erhabne Triebe,
Durch Zärtlichkeit und Menschenliebe
Von der Natur geadelt ist,
Ein fühlbar Herz ist jene Quelle,
Die unversieglich in die Seele
Der Liebe süsse Wollust gießt.
* * * * *
Ein Geist, der frey und edel denket,
Durch niedern Vortheil nicht gelenket,
Nicht prächtgen Sklaven zinnsbar ist,
Wo Sanftmuth, edle Einfalt wohnet,
Zufriedne stille Tugend thronet,
Die stets wohlthätig überfließt;
* * * * *
Ein redlich Antlitz, sanfte Blicke,
Wo bey des Nächsten Ungelücke
Des Mitleids edle Zähre fließt:
Sind Güter, die der Thor nicht kennet,
Der fühllos auf dem Throne gähnet,
Wo er der Menschheit Recht vergißt.
[Illustration]
Verträulichkeit zwischen Liebe und Natur.
In einer hohen Felsengrotte
mit Gebüsch umwachsen.
Verbirg mich, dämmerndes Gebüsch! in deine heilige Stille! Einsames
Dunkel! schütze meine Sinnen vor dem Blendwerke des Ehrgeizes und
der Wollust, die aufrührisch in mein zu weiches Herz stürmen! hier
sey die Ruhe wieder meiner Seele geschenket, die unter dem Joche
schmachtet, das allgemeine Thorheit den Menschen aufleget. Unwillig,
daß sich ihre kräftigen Aeußerungen unter den sclavischen Hauffen
verirret, kehret sie wieder auf die einfache Pfade der Natur zurück.
Friede mit euch, ihr Gegenstände der ländlichen Einfalt! Flöße mir
hier, unverdorbene Natur, deine Unschuld und Heiterkeit ein! Hier soll
mein Herz nur sanfte Regungen fühlen, und ihre reine Zärtlichkeit in
dieser verschwiegenen Grotte ausgiessen. Das Geheimniß einer Liebe,
die in meinem Innersten brennet, und womit eine Gottheit diesen Staub
begeistert, sey dir, holdselige, freundliche Natur, allein anvertrauet!
Du verspottest, sie nicht, diese verborgenen Triebe, die du selbst in
meinen Busen geleget, diesen Funken der Gottheit, der die Menschen
belebet, um sie zu beglücken, Menschen, die in ihr eigenes Eingeweyd
wüthen, und das eingefleischte Gesetz ihrer Wesenheit, das heiligste
Geschenk der Natur — Die Liebe verkennen; oder mißbrauchen; die sich
aus der Kränklichkeit der Einbildung, oder des Körpers einen Beruf
lügen, in der Unterdrückung der sanften, geselligen Neigungen, in der
Untüchtigkeit und Verwahrlosung der Lebensgeister, in der trägen,
unentwickelten Einförmigkeit ihres Daseyns ein Verdienst suchen, und
um einseitige, lieblose Absichten zu erreichen, das Grundgesetz der
Schöpfung durch leeres Aussenwerk, durch eitle Gepränge unkennbar
machen. Ungerechte, die ihr die Natur hintergehen wollet, und der
edelsten Thätigkeit unseres Daseyns durch Zwang, Künsteley und stolz
ewige Dämme setzet! Dämme, von welchen unsere Leidenschaften mit
Ungestüm in unser Gemüth zurück brausen, gleich jenem Bach, der ruhig
und still in seinem Rinnsale nach dem Ziele eilet, bis er an einem
Felsen zerbrellet. Erbost wühlet er in seinen eigenen Grund, und
sprühet unruhig um sich her. Doch weg ihr stürmischen Bilder aus meiner
Seele! störet nicht meine friedlichen, einsamen Betrachtungen! Stilles,
ruhiges Vergnügen will ich itzt in mich athmen, und nur gelinde Weste
sollen meine Schläfe umsäuseln. Hier, wo jede Spur in der Schöpfung
von Wohlthun und Liebe des Schöpfers zeuget, hier herrschet nicht
feige Eitelkeit, nicht fühllose Dummheit, die Unthat für Keuschheit,
und wohlthätige Liebe zur Beleidigung rechnet. Dieses sanfte Gefühl
der Menschheit wird nicht durch Pracht, Rang und Wucher, nicht durch
Leichtsinn und Meineyd mißhandelt — aber ach! kehret nicht so oft
zurück, ihr traurigen Gestalten des Hofes! Laßt mich, in Frieden
unter diesem bemoosten Felsen hier ruhen! verträglich will ich mit mir
selbst, und mit dieser schönern Natur seyn; vertraut will ich ihr meine
geheimen Wünsche entdecken; meine Gedanken sollen sich sanft und frey
entwickeln, wie diese Sprossen des Frühlings um mich aus dem Schoose
der Natur hervorkeimen. Besänftiget durch ihren Einfluß, begeistert
von ihrer Schönheit, will ich hier auf diesem samtenen Moose in süße
Hofnungen einschlummern.
[Illustration]
Schutzort der Weisheit
Noch seyd ihr, unschuldvolle Freuden
Der Schöpfung! Trost in meinem Leiden.
Wann harte Menschen mich verscheun,
Soll euch mein Herz noch offen seyn.
Ich will, die Leyer in den Händen,
In seligern Gefilden wandeln;
Gold soll mein heitres Aug nicht blenden,
Kein falsches Glück mich mehr mißhandeln.
* * * * *
Natur! in deinem Arm beschützet
Die Weisheit mich, wann Bosheit blitzet.
Hier will, wann Vorurtheil und Neid
Voll schwarzen Geifer um sich speyt,
Ich über niedre Bubenstücke
Und Dummheit, die im Finstern irren;
Hier will ich über mein Geschicke
In stiller Wollust triumphiren.
[Illustration]
Einladung auf das Land
Ihr Freunde, und ihr Schönen,
Besucht die stille Flur,
Die anmuthvollen Scenen
Der Unschuld, und Natur!
* * * * *
Eilt, dankbar zu genießen
Nach weiser Vorsicht Ziel:
Das Leben zu versüssen,
Gab sie uns das Gefühl.
* * * * *
Die fremde Pracht der Speisen
Verderbt die Sinnen nur;
Es gnüget hier dem Weisen
Die Einfalt der Natur.
Wo mit den zarten Zweigen
Die reiffen Früchte sich
Gefällig zu ihm neigen,
Da speist er königlich.
* * * * *
Die Einfalt reiner Sitten
Herrscht unter reiner Luft,
In ländlich stillen Hütten,
Bey Florens Blumenduft.
* * * * *
Kommt, dort im Grünen wollen
Wir, eins dem andern gleich,
Uns Früchte, Blumen hollen,
— Dann sind wir groß, und reich.
[Illustration]
Die Gaben des Weisen.
Daß sich das Wasser in dem Magen
Mit den Speisen kann vertragen,
Das kann wohl seyn:
Jedoch der Rebensaft
Giebt auch der Seele Kraft.
Das Wasser rinnt so todt hinein.
Der Necktar öffnet unsere Herzen
Bey seinem Witz und keuschen Scherzen:
Ein Weiser trinkt gleich Göttern Wein.
* * * * *
Daß Schreiberey und Rechnen nütze,
Der Gradus vor dem Hunger schütze,
Das kann wohl seyn:
Jedoch des Dichters Glut
Begeistert unser Blut;
Flößt edlere Empfindung ein;
Kann unser Herz erhaben rühren;
Den trägen Geist zum Aether führen:
Ein Weiser muß ein Dichter seyn.
* * * * *
Daß es sich gut in Klöstern lebe,
Kastraten, alte Jungfern gebe,
Das kann wohl seyn:
Jedoch der Menschheit Trieb
Erzeugt in uns die Lieb
Ihn schuf die Vorsicht allgemein,
Nicht, daß wir wieder ihn vernichten,
Nein, nur zum rechten Endzweck richten.
Ein Weiser muß auch menschlich seyn.
[Illustration]
Sehnsucht nach Vergnügen.
Willst du durch Gram und Mißvergnügen
Um meiner Jugend frohen Scherz,
Verhängniß, ewig mich betrügen?
Soll ein der Freude offnes Herz
Nicht über deine Härte siegen?
* * * * *
Hab ich, als Bürger, leer an Schätzen,
Als Mensch kein Recht auf edle Lust?
Soll ich beym Pöbel mich ergötzen?
Soll ich das Leere meiner Brust
Durch Niederträchtigkeit besetzen?
* * * * *
Soll ich die Freuden nie genießen,
Die Jugend, Lieb und Freundschaft giebt?
Soll stets mein Geist in Gram zerfließen?
Kein Mädchen, das mich zärtlich liebt,
Kein Freund mein Schicksal mir versüßen?
* * * * *
Die Jugend glüht auf meinen Wangen,
Die Freude lächelt auf der Flur:
Soll ich stets wünschen, nie erlangen?
Hab ich umsonst von der Natur
Ein zärtliches Gefühl empfangen?
[Illustration]
Meine Geliebte.
Das nicht vom stolzen Zwange schwillet,
Mit buhlerischer Sprödigkeit
Auf unverschämte Buhler schielet,
Ein Kind, voll sanfter Heiterkeit,
Das fühlend denkt, und edel fühlet;
* * * * *
Wo reine Lust im Busen schwimmet,
Ein edler Geist bey Witz und Scherz
Im jugendlichen Auge glimmet, —
Solch seltner Mädchen treues Herz,
Ach, wär doch eins für mich bestimmet!
[Illustration]
Das freywillige Leiden.
Nach dem Französischen des Thibault, Grafen
von Champagan und König von Navarra.
Aus dem 12ten Jahrhundert.
O dürft ich deiner Augen
Zauberblicke nicht sehen!
O könnt ich, Doris! Die Töne
Der reizenden Stimme nicht hören;
So würde mein Leiden sich enden.
Ach! aber ach, mein Herz verblutet
Sich ohne dich! und meine Augen
Sind trüb, und meine Ohren
Sind nur an deine Stimm gewöhnet.
Ich will dich lieber sehen,
Ich will dich lieber hören,
Und lieber alles leiden.
* * * * *
Doch leid ich ohne Hofnung,
Und hoffe stets vergebens;
Die Wehmuth wird mich tödten.
* * * * *
=Las! Si javois pouvoir doublier
Sa beauté, sa beauté, son biendire,
Et son tres doux, tres doux regarder,
Finiroit mon Martyre;
Mais las! mon cœur je nen puis ôter,=
* * * * *
=Et grande affolage
Mest desperer.=
* * * * *
Doch eben diese Wehmuth,
Der Liebe süsse Wehmuth
Versüsset alles Leiden;
Die Liebe giebt mir Kräfte.
Und wie, wie könnt ich, Doris!
Wie deine Zauberblicke,
Den sanften Ton vergessen?
Ich will dich lieber sehen,
Ich will dich lieber hören,
Und lieber alles leiden.
* * * * *
=Mais telle Servage
Donne Courage
Atout endurer.
Et puis comment, comment oublier
Sa beaute, sa beaute, son biendire?
Et son tres doux, tres doux regarder?
Mieux aime mon Martyre.=
[Illustration]
Kampf einer Leidenschaft.
O Liebe! stürme nicht so sehr in meiner Brust, höre auf diese Adern
zu durchwühlen, mächtigste der Leidenschaften! Verschone, o verschone
dieses Herz! Hier, ja, hier fühle ich die wüthende Aufruhr: wie pocht
es!
Ihr Elemente, zur Bereinigung geschaffen, warum empöret ihr euch in
mir? Ist dieß die harmonische Oekonomie, welche die Seele mit dem
Körper führen sollte? Soll eine Hand die andere verletzen? Sollen
gemeinschaftliche Theile sich von ihrer Bestimmung, von dem ganzen
entfernen? Uebermüthige Knochen selbsten einander aufreiben, und durch
die Raserey überflüssiger Gesundheit ihren eigenen Körper untergraben?
Wenn kein schwarzer Trübsinn die Säfte stocket, sollen sie von
jugendlichen Unsinn aufschwellen, und die Däme der Natur zerreißen?
Soll ich ein kranker Philosoph, oder ein gesunder Thor seyn? Wer zeiget
mir den Mittelweg? — Du o Tugend! mitten in seinem Kampfe wirft mein
Geist noch einen schmachtenden Blick nach dir: rette, o rette ihn!
Besänftige dich, tobendes Gemüth! Warum willst du mich, lieblose
Leidenschaft, aus dem Geleise der Natur hinaus reißen? Vereinige dich
mit der Tugend; wo nicht, so flieh, so flieh mich auf ewig.
[Illustration]
Die Quelle des Unmuths.
Flieht, flieht ihr melancholischen Schatten! soll nie ein Schimmer
zufriedener Hoffnung durch meine finstere Seele dringen? Mein Blick
mit schwerer Sehnsucht immerhin zu Boden sinken? Soll mein Gesicht
sich stets in Wolken hüllen — nie lächeln? — Weg, weg schleichender,
unwürdiger Trübsinn! — Dort im Thale, wo würbelnd, grüne Dunkelheiten
das Aug mit angenehmen Phantasien täuschen, wo eine heimlich anziehende
Kraft mich mir selbst, und meinem Grame entäußert; der Bäche leises
Gemurmel, das sich labyrintisch unter Stauden verbirgt; der kunstlosen
Sänger freyere Conzerte, und die rührenden Gemälde der Natur sollen
dort den in sich geschrumpften Geist zur Heiterkeit öffnen, und durch
die besänftigten Sinnen in das empörte Herz Frieden, und Erquickung
flößen. Dort herrschet der edlen Einfalt glückliche Ruhe; Gesundheit
träufelt von bethauten Früchten, und dustet aus dem ländlichen Boden;
Genügsamkeit, und harmonische Freude sumset fern durch die Tiefe des
Waldes. Die kleineren Geschöpfe, zu klein von Thoren gesehen, zu
groß von Weisen begriffen zu werden, locken das junge, benachbarte
Echo. Ueber Blumen gauckelnd oder über die leichten Spitzen des
Grases, ruffen sie der mütterlichen Natur Dank zu, und ihrem Schöpfer
verständig, frolocken ihre Sprachen durch die munteren Gefilde — und
ich allein, o mich verworffenen! Ich soll durch schmachtenden Unmuth
diese blühenden Triften entweihen? Wie, wann sich die Sonne den Blumen
entzieht, die schüchterne Nacht den Boden schwärzet, so verfinstern
meine trüben Blicke die jugendliche Röthe. Auf den Wangen Rosen, und im
Herzen Dörner; unfühlbar gegen die stillen Reize der Schöpfung, soll
ich so manchen Frühling ohne Genuß verblühen sehn? Nein! so tief soll
mich mein Schicksal nicht beugen. Wenn schon die größere Welt mir ihre
Freuden versaget, so seyd doch ihr, ihr Freuden der Schöpfung, Für alle
Menschen geschaffen!
Ruhig fließet der Bach durch den Rinnsal, der ihm in dem allgemeinen
Plane der Schöpfung ausgezeichnet ist. Von wirthlichen Schatten
umwölbt, erfrischet sein hellbrauner Grund das Auge des Wanderers, der
sich in den Spiegel hinabneiget, sein frisches Naß in den lächzenden
Gaumen zu schlürfen. Sanft gleitet er über Kiesel dahin, und tragt
Blüthen, und Wohlgeruch auf seiner gekräuselten Silberfläche.
So fließen die Tage des Weisen in stiller Genügsamkeit fort: dankbar
nimmt er die Freuden mit sich, die ihm die wohlthätige Natur auf
seinem Pfade darbeut; voll Sanftmuth und Liebe führet er seine nach
Glücke dürstende Mitmenschen zu jener Quelle, aus welcher er itzund
Zufriedenheit schöpfet, und von der sie so oft sich verirren; dadurch
verdoppelt er sein Vergnügen, genießet, was er andern mittheilet, und
ist glücklich. Der Thor feindet die Natur an, irret heißhungerig durch
Rosengebüsche, und ritzt sich an Dörnern: tückische Leidenschaften
verfinstern seine Seele; schleichen aufrührisch in das Geblüt, und
ersticken daselbst die sanfteren Empfindungen.
Mürrisches Geschöpf! sieh die Natur in ihrer zweckvollen Thätigkeit!
wie willig jeder Theil an das Ganze sich schmieget! welche Richtigkeit
in ihren Durchkreutzungen! welche Harmonie in ihrer Manigfaltigkeit!
Soll diese, in allen übrigen eine weisheitsvolle Wohlthäterinn, gegen
den Menschen allein Stiefmutter seyn? Willst du Kurzsichtiger, dich
unter das Gestirn setzen, um über Elemente zu richten? Willst du dich
erkühnen in den allerweisesten Plane der Schöpfung Verbesserungen
vorzuschlagen? du, der du allein demselben entstehest! Reiße das
Unkraut aus deinem Herzen; bringe deine Triebe in Richtigkeit, und
versöhne dich mit der Natur — mit dir selbst. In dir ist die Quelle,
aus welcher, wenn sie Eigensinn, und Stolz trübe gemacht, schwarze
Galle, Unmuth, und Verzweiflung fließen. Deine trübe Seele sieht dann
auf alles, was um sie ist, wie durch ein gefärbtes Glas. Dir lächelt
der Frühling vergebens; dir düften die Blumen nicht mehr; dein Ohr
ist jeder Harmonie verstopfet; du stampfest unwillig auf den Boden,
und zerquetschest die schönsten Blumen, die sich sanft unter deine
Füsse geschmieget. Armer Unglücklicher! wie ist dir zu helfen, da du
mitten in den Scenen der Anmuth den eckeln Spröden spielest? Nimm
deine Einbildungskraft zu Hülf, baue dir eine andere Welt, und sey
glücklicher, als du hier seyn könntest — wenn du klug wärest.
[Illustration]
Erinnerung an die Jahre der Unschuld.
Die Jahre sind vorbey geflossen,
Wo ich, ins Grüne hingegossen,
Voll heimlich süsser Trunkenheit
Empfindungen der Zärtlichkeit
In unerfahrner Unschuld träumte,
Wo meine ahnungsvolle Brust,
Von innen dunkel sich bewußt,
Entzückt in ländlich stiller Lust,
Nur Regungen der Liebe keimte.
* * * * *
Wie heiter irrten meine Blicke —
Noch ungestört durch das Geschicke,
Und nicht durch niedre Leidenschaft
Mit ungestüm dahin geraft —
Hin von des Berges halben Höhen,
Dem Feilchenthal, der Quelle hold
Die einsam über Kiesel rollt,
Der Sonne glänzend Morgengold,
Die Schätze der Natur zu sehen.
* * * * *
Noch eh des Urtheils Kräfte reiffen,
Die eigne Bosheit zu begreiffen;
Da, wo noch kein verbotnes Ach
Die stillen Freuden unterbrach;
Noch eh durch die verderbten Sinnen
Ich Zwist und Tücke, jene Spur
Des Fluchs, durch dich, O Welt! erfuhr,
Wie friedsam schien mir die Natur!
Wie offen waren meine Mienen!
* * * * *
Umschwebt von frohen Amoretten,
Lauscht ich in Florens Blumenbetten,
Auf junge Weste; sah am Bach
Den Spielen kleiner Wellen nach,
Durch Büsche schlüpft ich, gleich der Sonne,
Im Hayn mit leichten Füssen fort —
Oft stund ich plötzlich still: ein Ort
Von gäher Aussicht zeigte dort
Mir tausend Scenen voller Wonne.
* * * * *
Ich stund betäubt; im Antlitz glühte
Ein fremdes Feuer, das vom Geblüte
Sanft wallend stieg: ein Reiz zoh ihn,
Den truncknen Geist ins Tiefe hin.
Ich fühlte, ohne zu verstehen.
Ein Etwas, ein geheimer Zug
Bewog mein Herz, das stärker schlug;
Mein Aug konnt sich nicht satt genug
Die anmuthvolle Schöpfung sehen.
* * * * *
Ihr seyd dahin, ihr goldnen Stunden!
Nach euch hab ich nicht mehr empfunden,
Was Unschuld, jugendlicher Scherz,
Ein folgsam, unentweihtes Herz
Für Freuden aus der Schöpfung ziehet.
Ihr Fluren, wo der Frühling lacht!
Seitdem mich Ehrgeiz, Stolz und Pracht
Für eure Einfalt fühllos macht,
Ist euer Schmuck für mich verblühet.
[Illustration]
Der Gottesacker.
Hier ist also jener unfruchtbare Acker der Verwesung, wo der Saamen
unzähliger Geschlechter ersticket, wo Menschen ins vorige Nichts
zurück faulen. Hier liegt sie zerbrochen, die wunderbare Maschine, die
von Allmacht gebaut und mit Unsterblichkeit belebt war. Hier modert
im Staube der Staub, in dem ein Geist sich entwickelt, die Gottheit
gedacht hat. Hier liegen die Bürger der glänzenden Welt, nun Bürger des
dunklen Schattenreichs. Hier ist der Ruhepunkt irdischer Bestrebungen.
Hieher, ihr Sterblichen! wo wollt ihr anders hinwandern als in den Tod!
Hier ist der Sammelplatz, wohin das Verhängniß uns ausirrenden
Pilgrimen die Loosung gegeben. Hier will ich der blassen Schwermuth
zur Seite, unter zerschelten Gebeinen und verstümmelten Statuen,
unter fatalen Gräbern herumwandeln; hier— kalt tritt das Geblüt in
meinen Adern zurück, ein heimlicher Schauer schweret mich abwärts. — —
Entsetzet euch nicht, baufällige Knochen, über die Ueberbleibsel eures
Gleichen zu klettern! Feiger Körper, was bebst du zurück? Laßt mich
verzärtelte Sinnen! laßt mich! hier will ich ganz Geist die Spuren des
Verhängnißes tretten; steif will ich dem Tode ins Angesicht schauen.
Zeige mir, despotischer Würger, zeige mir deine Eroberungen, die
aufgethürmten Leichen, meine Mitmenschen; und empfang mich Sterblichen
dann auch! wisse, du kömmst mir nicht unerwartet; lange schon hab ich
dich gedacht; vertraut will ich in deine Arme sinken. Empfang mich
hier in dem Vorgemach der Ewigkeit! hier haben meine Mitgefährten
die gröberen Hüllen zurückgelassen, nachdem ihr entbundener Geist
der düsteren Sphäre entflohen. Ich bin ein Mitglied dieser erblaßten
Gesellschaft. Ich kenne deine Gewißheit; zeige mir deine Schreckniße!
denn sieh, ich bebe nicht, ich will sie bewundern, und mit
unerschrockener Ahnung in deine kalten Finsterniße hinab staunen.
Oedes Thal der Verwelkung, wo zarte Sprößlinge frühzeitig geknücket,
und verjährte Eichen aus den Wurzeln gerissen liegen, gleich einer
winterlichen Einöde, durch welche ein reissender Sturmwind geheulet,
oder ein feindliches Heer gestreifet hat. Die Natur wurde hier durch
die verheerende Macht des Todes verfolget. Zeichen seines Lagers,
nackte Kreutze hat er auf melancholischen Hügeln ausgestecket. Ein
gottischer Kreuzgang, wo Fama in Leichenschleyer verhüllt, gegen die
Krüfte hinab trauert, wirft ernste Schatten in die einsamen Ecke. Dürre
Schedeln, zerspaltene Gerüppe, wie verdorrte ausgeweydete Eichen, die
ein Donner zu Boden geschmettert, liegen in wilder Vermischung dahin
geworffen. Ist daß die redliche Stirn meines Freundes? der edle Stolz
seiner Mienen? Wo ist das gefühlvolle Lächlen meiner Geliebten? die
glühende Unschuld auf ihren Wangen? Und welche Spuren finde ich jener
frommen Verträulichkeit in den sanften Gesichtszügen meiner Schwester?
Geliebte, Freunde, Geschwistert liegen in wüster Vereinigung, Meiner,
Ihrer selbst unbewußt! die zärtliche Gattin, aus dem Schoose der
stillen häußlichen Glückseligkeit gerissen, verweset nun mit ihrem
nachgestorbenen Gatten in ungeseliger Fühllosigkeit: beyde vom Tode
getrennet, vereiniget! alle gemißhandelt, entstellet!
Das ist unser Loos, elende Menschen! Das war das ihrige! Nun ruhen
sie hier in tiefes Schweigen verhüllet — sie ruhen, denn ihre Kämpfe
sind vorbey; dieß sind noch die Spuren des menschlichen Elends; noch
lese ich in denselben die Empörung der Natur! wie sie ihre ganze
noch übrige Kraft aus dem Innersten zusammen gehollet, den lezten
Seufzer von sich gestossen hat; noch seh ich die sich ohnmächtig
regenden, dahin sterbenden Blicke — itzt — itzt fällt der Vorhang über
diese verloschenen Lichter des Geistes, der sich aus seinem Kerker
losgefesselt hat. Feyerliches Entsetzen, nächtlicher Tiefsinn dämmert
in schwarzen Gemächern; bethränte, blasse Gesichter harren in stummer
Entrüstung umher. Der Leichenglocke ächzender Sterbeton durchbebet
die kalten Gewölber — Dort bringen sie ein Behältniß voll Erde, in
welche der Schöpfer Unsterblichkeit blies, dort bringen sie ihn,
den Abkömmling Adams, den Menschen, den Unsterblichen — den Todten.
Seine Famillie, seine Freunde schleichen, wie gebeugte Phantomen, in
finsterer Pracht einher; ihre Thränen bezeichnen den Pfad, der einst
ihnen selbsten, der uns allen zu wandern verhängt ist.
Fühlet euch, Menschen! der Tod wandelt in eurem Geblüte; jede Minute
schlägt euer Puls Theile des Daseyns hinweck! Ihr lebet — ihr sterbet.
Sehet hinab zu euren Füssen! in solch schaudervolle Höhlen werden
eure aufgethürmten Anschläge, die tobenden Wünsche, eure irdischen
Hoffnungen stürzen. Durchforschet mit denkenden Blicken dieß Eingeweyde
der Erde, das mit Gebeine durchwühlt ist. Grausenvolle Verwüstung! wie
ein durch Ueberschwemmung zerrissenes Gestad! Hier ruhen die Trümmer
der erschütterten Menschheit! hier trauert die zerstörte Natur!
Glieder, welche die Gesellschaft der Lebendigen verworffen, ein
gleiches Loos zusammen gerafft hat, zerschleuderte Körper, von
thätigen Geistern durch die Welt geschleppet, befördern sich durch
gemeinschaftliche Faulniß ihre Vernichtung. Hier sind der brausenden
Thätigkeit ewige Däme gesetzet; Berge von Leichen schwellen sich über
diese Schranken der Natur; Millionen Geschlechter stürzen aus dem
Wirbel der Welt in die Tiefe der Ewigkeit. — Ewigkeit! Zukunft! welche
geheimnißvolle, glänzende Aussicht! welch ein Weg führet dahin? Ein
Weg voll Nacht, die Auflösung der Natur: von Nichts ins Etwas, von der
Zernichtung ins Unendliche — Mensch, welch ein Räthsel bist du dir?
Du kommst aus dem Nichts, um in kurzen wieder zerstöret zu werden, du
hörest auf, um ewig seyn zu können.
Noch hauche ich Leben von mir, noch klopfet mein Puls, eine Hand kann
die andere noch fühlen, noch blühet mein Gesicht, noch kann ich das
blasse Antlitz des Todes betrachten — Bald wird man an mir des Todes
Ebenbild schauen!— Schon fühle ich den kalten Schauer, der durch die
Gräber fährt, in meinen Gebeinen. Aus einer ahnungsvollen Dunkelheit
thauet auf meinen Geist Betäubung herab; kalte Todestropfen träufeln
auf die Stirn, und meine Sinnen erstarren bey dem stummen Anblick des
Verhängnißes. So sinket der Staub, der dich denket, in sich selbst
zurück, tiefeste Vorsicht! So verliert sich der Geist in seiner
eigenen Dunkelheit, wann er sich in übermenschliche Sphären waget! wie
undurchdringlich sind deine Rathschlüße! wir verworren deine Wege! im
scheuslichen Dunkel, unserer eigenen Schritte unbewust, wandern wir
dem Tode entgegen. Wir taummeln im nächtlichen Sumpfe, und blinken
liechtscheu in die Ferne der Zukunft; gaukelnde Schatten täuschen unser
träummerisches Daseyn. Erst dort wissen wir, was wir hier gewesen,
aber hier wissen wir nicht, was wir dort seyn werden. Blöd wähnen die
Sinnen im Gesichtskreise des Gegenwärtigen herum, und die Phantasie
schweifet ausser demselben im Raume: jene wähnen was wir sind; und
diese träumet, was wir seyn werden. Zwischen Seyn und Werden tritt
der Tod in die Mitte. Dieser sondert Gedanken vom Stoffe; reisset von
der Seele die mummischen Lappen, und bauet seinen Triumph auf Nichts.
Unumschränkt herrschet er hier im entvölkerten Gebiete; täglich mehret
sich sein Reich mit ausgestorbenen Familien, alle Opfer seiner Wuth,
die seinem Machtspruche gehuldiget. Geschöpfe von Gott, Glückseligkeit
dürstende Geschöpfe, sie, denen Unendlichkeit gewiß, die Welt zu eng
war, schrumpfen hier ins Nichts zusammen. Tiefsinnig schweigende
Statuen, aus welchen das Verhängniß staunet, panegyrischer Marmor soll
ihr faulendes Andenken versteinern; doch Jahrhunderte von Jahrhunderten
verdrängt, wälzen sich in die Nacht der Vergessenheit zurück. Nichts
bleibt übrig von dem, was vergehet (und alles vergeht) als leere Töne
in die Luft gehauchet, als ein flüchtiges Gerücht, daß es nicht mehr
ist; nichts überlebet den Tod, als ein todter Laut, ein röchelndes
Echo der Natur, von den Klippen der Welt zurück geseufzet.
Wer hienieden nach Wesenheit haschet, der greift Elemente, und wer
Elemente festhalten will, der greift nach Nebel. Berge entwerfen
in herbstliche Thäler nur einen welken Schatten von den verblüthen
Schätzen des Frühlings. So mähet die Zeit um sich, bis der Tod selbst,
über die angerichtete Verwüstung erstaunt, und durch seine eigene
Kräfte aufgerieben, in die allgemeine Niederlage fällt; bis Berge und
Klippen an einander stürzen, und die Welt, aus ihren Angeln gerissen,
den Tod der ganzen Natur vollendet.
[Illustration]
Die philosophische Melancholie.
Die stille Schwermuth zeugt die
göttlichsten Gedanken;
Sie hebet unsern Geist aus seinen
engen Schranken:
Es herrscht ein sanfter Ernst auf
heiliger Weisheit Bahn,
Und zeiget uns den Weg zu bessern
Welten an.
Kronegk.
Sanfte Melancholie! Tochter der Nacht, in ernsten Stunden gebohren, du
höhere Wollust der Seele! bezaubre durch deine stille Umschattung den
Geist; damit er, in holden Schlummer erhabener Empfindungen gewiegt,
weit über den Staub sich in tiefer Betrachtung der Zukunft verliere.
Flöße tröstendes Entzücken in das Gefühl der Unsterblichkeit: lehre
mich denken, und staunen!
Oeffne mir, ernste Weisheit! deinen heiligen Busen, und laß mich Labsal
in mein schmilzendes Herz saugen! komm, Urania! keuscheste der Musen!
laß mich müden von zeitlichen Ungemach in deine Arme sinken! fühle
meine Brust: Liebe wallet in derselben, komm, und theile sie mit mir;
dieses Feuer, das durch meine Adern eilet, brennet sonst in sich selbst
zurück. Sey du, Tochter des Himmels! Der Gegenstand meiner Liebe, die
Sterbliche verachten, oder verkennen! einer Liebe, die allzu enge
eingeschlossen, ihr eigenes Behältniß verzehret.
Dein sanfter Einfluß ist ein kühlender Thau am Morgen meines Lebens.
Liebst du den Jüngling, der voll Ehrfurcht deine weisen Eingebungen
aufhorcht; o so sey mir zu Seite! begeistre mich mit feyerlichen
Tiefsinn! laß in erhabener Stille männliche Gedanken aus der Tiefe
meiner Seele empor steigen, wie die Todten aus den Gräbern durch die
Stimme der Ewigkeit gewecket! laß deinen rührenden Ernst die gekränkte
Sehnsucht der menschlichen Natur in die Höhe lenken!
Weisheit giebt uns unser Herz zurück, dessen Zärtlichkeit, durch
heuchlerische Liebkosungen eines Scheinglückes gemißhandelt, endlich
aufhöret, für die verrätherische Gegenwärtigkeit zu schmachten. Deine
heilsame Trauer, tiefdenkende Melancholie! ist der Seele, was die
Thränen dem Körper. Du schließest vor uns unser Innerstes auf, und
schaffest der Betrübniß Ausgang. Die schweren Seufzer, die das Herz
stossen, schütteln die Last von demselben, und der harte Stein, den
das Verhängniß auf unsere Schwachheit gewälzet hat, schmilzt in sanfte
Thränen, in welchen der Schmerz wegfließt. — Laß meine Seele über
das Loos der Menschheit weinen! Wer reichet sonst dem von irdischen
Tändeleyen betrogenen Geiste einen wichtigen Stoff, an dem er sich
würdig entwickeln, und seine Unsterblichkeit denken kann? Wo findet er
wider die Verfolgungen der gleißenden Laster eine Freystatt, als in der
düsteren Grotte der Schwermuth, in der einsamen Betrachtung, in der
stillen Hofnung eines künftigen, besseren Lebens?
Statt prächtigen Kleinigkeiten nachzujagen, müde vom Kampfe des Lebens,
sinket mein Geist in melancholischen Schlummer dahin, durchdenket die
Tiefe der Ewigkeit — und alles wird Nacht in der Schöpfung; die ganze
Natur schwärzet sich mit dem Schatten des Todes. Die Pracht der Erde,
der Glanz der Welt verschwindet unter mir.
Da ihr mich leider, lange genug getäuschet habt, da ich euren
Unbestand, ihr zeitlichen Güter! einsehe; so will ich über euch hinweg,
jenseits dieser Welt meine bethränten Blicke kehren; nicht mehr, nein,
nicht mehr will ich mein Herz an euch heften: Euer blendender Schimmer
ist verloschen; ihr seyd nun nakt, und bloß vor meinen Augen; die Welt
hat den Putz ihrer Eitelkeit ausgezogen; öde und entstellt trauert die
Natur. Wie schnell hat die wandernde Sonne diesem Abend wieder unseren
Gesichtskreis verlassen! O unbefestigte Dauer irdischer Auftritte!
Ich strecke voll Sehnsucht meine Arme aus, und will Gegenstände der
Glückseligkeit, des Vergnügens und der Liebe umfassen; allein es faulet
alles unter meinen Füßen weg; ich steh auf nichts als Gräbern, und
greiffe nichts, als Zerstörung. Eh noch als dieser wohlthätige Baum,
woran ich mein trauerndes Haupt stütze, sinket mein Körper in die
finstere Erde hinab.
Finsterniß und Tod ist hienieden; Liecht und Leben kömmt von oben: dort
ist ewiger Tag. Nur einsame stille Funken der Hoffnung blinken aus der
Zukunft herab, gleich jenen Edelgesteinen des Firmamentes, die von fern
her in stiller Majestät glänzen, und derer hellere Gegend uns zeiget,
daß wir im Dunkeln stehn.
Verlassen, traurig und schüchtern irre ich in diesen Thälern herum. —
Ihr furchtsamen Glieder! Stützet noch eine kurze Zeit diesen morschen
Körper. Reiche mir deine Hand, O Vorsicht! damit ich auf dem Pfade des
Todes tröstlich dort hinüberschreiten möge, wo meine Seele, entkleidet
von allem, was trüglich und eitel ist, in ihr glückseliges Vaterland
aufgenommen wird. Was Geist ist, kann sie nun, durch diese Hülle
verfinstert, nicht sehen; dort wird sie sich selbst, dort wird ihr die
Gottheit sichtbar, in deren Vereinigung das Liecht der Wahrheit als der
Morgenstern ewiger Glückseligkeit aufgehet.
Vergebens suche ich hier unter Täuschung, und Nacht den Gegenstand
meiner Liebe. Oben ist er: auf, meine Seele! laß die heiße Flamme in
dir zur Gottheit hinauf lodern; sie ist der würdigste, und erhabenste
Gegenstand, von dessen Herrlichkeit nur ein dunkler Wiederschein in der
Natur verborgen schwebet. Ihr Vorwürfe der menschlichen Begierden, ihr
sollt meine Seele nicht mehr fesseln; ich will euch schon itzt, eh ich
muß, entbehren lernen: in euer Hinfälligkeit will ich die untrügsame
Zukunft ausspüren, und dich, o Unsterblichkeit, dich, o Ewigkeit!
denken.
Die du mit dem schwarzen Schleyer der Finsterniß die ganze Natur
umhüllest, und die gewesenen Gegenstände des Schimmers zu Monumente
des Schröcken machest — öde Nacht! begünstige meinen Gesang! fülle
mit deinen bedeutenden Bildern die Einbildung; damit mein Geist die
schweigenden Spuren der Allmacht in stummer Geschäftigkeit durchstaune;
damit er, wann der Leib mit den Sinnen zur trunknen Vergessenheit dahin
starret, in den mystischen Tiefen der mitternächtlichen Dämmerung
herum schwebe, und unter heilige Phantasien versenket, in süsse
Schwermuth zerfließe — jene weise, erhabene Schwermuth, welche der
Selbstgenügsamkeit des leichtsinnigen Thoren ewig ungefühlt bleibet.
Dein schwarzer Pinsel male mir an allem, was stolz und Eitelkeit über
den Staub empor gethürmet hat, und was einst der Schutt seiner eigenen
Nichtigkeit seyn wird — finstere Gräber; damit ich, mit dem Tode
vertraut, nur vor einem unheiligen Leben erbebe.
Ihr schaudernden Thäler, voll melancholischer Krümungen! Ihr dürren
Anger, wo schwarze, in Finsterniß zerflossene Bäume auf einsamen
Hügeln trauern, wie auf Gräbern, wo ächzende Phatomen sitzen! und ihr
ausgestorbenen Gründe, voll staunenden Ernstes! seyd mir ein dunkler
Abriß des Todes!
Wie dort die Eiche mit sich verlängernder Dunkelheit einsam empor
raget, so steh ich itzt, durch Betäubung versteinert, auf dem verödeten
Schauplatze der Natur. Rings um mich her tritt stille Erwartung und
einsamer Schrecken auf; Ernst und Schauder schwängern die Finsterniß;
und Hügel und Thäler verwildern vor meinen Blicken. Drohend strecken
die Tannen ihre schwarzen Aeste aus, wie Schatten von Risen, die mit
wüthenden Armen den Aether zerreißen. Die Zotten des wüsten Gestades
hangen in den räuberischen Fluß, der mit tückischen Murren den Boden
naget, und zwischen schlangenhaarichten Felbern in unwirthbare Haine
hinein wühlt.
Schattengebirge reichen dort bis an das gestirnte Vorgebäude der
Seeligkeit. In stiller Sehnsucht irret mein Geist in denselben, und
dringt ins Ewige. Trächtige Heere zerrissener Wolken steigen über den
Horizont, wie ungeheure Felsenstücke, in prächtiger Unordnung herauf.
Ein schwarzes Chaos scheinet die donnerschwangeren Lasten aus Nacht
und Grauen hervor zu drängen. Fürchterlich herrlich wälzen sie sich im
endlosen Raume, und Gottheit ists, die majestätisch unter den Wolken
hervor drohet. Schüchtern verbergen sich Weste zwischen zitternde
Laube. Unter ihrem leisen Gemurmel schlummert furchtsam das Echo im
starrenden Haine, und mit heiligen Schauer unterreden sich Schatten
in einsamen Thälern von der Gottheit. Himmel und Erde verkündigen
Allmacht; die ganze Natur ist schüchtern, und feyert ehrfurchtsvoll dem
Ewigen. Ewigkeit! — Gottheit! — Angebettete Geheimniße! — Ich fühle —
ich bewundere — ich staune! heilige Ahnungen durchströmmen mein Blut;
der Geist wallet unruhig durch dasselbe, er suchet Ausgang; meine Brust
athmet stärker, Begeisterung reißt mich dahin — Schwacher Sterblicher!
dein Körper hält dich zurück: gefesselt an das Loos der Menschheit,
eilet der Geist umsonst zu seiner Aufklärung. Begnüge dich mit der
Hoffnung, bald auf den Wink des Beherrschers der Schicksale da oben
zu schweben, woher ein stiller Einfluß schon dich ganz zu berauschen
vermag. Begnüge dich, überirdische Seele, mit ihrem Vorgeschmack!
einst — bezaubernder Gedanken! einst wirst du sie — die ganze
Seeligkeit trinken.
[Illustration]
Die Mitternacht.
Welch tiefen Ernst verbreiten
Die einsam stillen Dunkelheiten!
In Schlummer, Furcht und Nacht
Liegt nun das Irdische verhüllet;
Von bessrer Hoffnung angefüllet,
Ist nun mein Geist erwacht.
* * * * *
Ich kann in höhern Sphären
Itzt reinre Harmonien hören,
Da alles horcht und denkt,
Da das Gepolter reicher Thoren,
Die Pracht der Höfe Aug und Ohren
Itzt nicht mehr abwärts lenkt.
* * * * *
Der Städte stolz Getümmel
Steigt nicht mehr frech bis zu dem Himmel
Mit ihrem Staub empor.
Ein stiller Ernst, ein drohender Schatten
Bedeckt die unverschämten Thaten
Mit einem schwarzen Flor.
* * * * *
Es staunt in dunkeln Bildern,
Und einer Gottheit Spuren schildern
Bey blassen Schimmer sich.
Tiefsinnig schwillt von ihrer Fülle
Die ganze Schöpfung; schüchtern, stille
Feyert die Natur um mich.
* * * * *
Zum Wunder dieser Erden
Stellt des Gestirnes feurge Heerden
Der Himmel schaarweis aus;
Dem Aug, von heilger Ahnung trunken,
Wallt Gottesblick aus jedem Funken
Geheimnißvoll heraus.
* * * * *
In unermeßnen Höhen
Der Frommen Zukunft auszuspähen,
Erweitert sich mein Geist;
Prophetischer Trost hat mich entzücket,
Da ich des Himmels Bau erblicket,
Der so viel Wunder weist.
* * * * *
Voll von geheimen Trieben
Schwillt itzt, was Grosses auszuüben,
Unruhig meine Brust;
Geschwinder wallet jeder Tropfen
Des Bluts, mir macht ein innres Klopfen
Unsterblichkeit bewußt.
* * * * *
Es lodern reine Flammen
In mir, die von der Gottheit stammen,
Zur Ewigkeit hinauf.
Entbrannt vom höhern Gegenstande,
Zerreißt der Geist die irdischen Bande,
Und flieht zum Ursprung auf.
* * * * *
Voll feurigem Entzücken,
Seh ich itzt mit erhabnen Blicken
Ins Buch der Ewigkeit.
Erhabnster Geist, der alle Geister
Aus Nichts schuf, unerschaffner Meister,
Dein Pfad ist Herrlichkeit!
* * * * *
Das Größte in den Dingen
Weißt du aus Nichts hervor zu bringen,
Unendlich mächtiger Geist!
Das Kleinste unter deinen Werken
Kann uns viel tausendmal bestärken,
Daß du das größte seyst.
* * * * *
Ihr, von euch selbst verführet,
Die ihr im Staube euch verlieret,
Verkennt nicht euren Gott!
Seht ihn in Allmacht eingehüllet,
Seht, wie mit Donner angefüllet,
Euch jede Wolke droht.
* * * * *
Er straft — an jedem Orte
Herrscht Beben; Donner sind die Worte;
Sein Wink stürze Welten um:
Er droht — und die Natur erzittert,
Das Meer schäumt Wuth, die Erde splittert.
Er winkt — Erd, Meer wird stumm.
* * * * *
Gott! unbegriffner Namen!
Dein Ursprung heißt: von Niemand stammen.
Dein End: unendlich seyn.
Dein Thun: auf Wunder Wunder häufen.
Du bists, den Niemand kann begreifen,
Als Gott, als du allein!
* * * * *
O Herr! durch deine Größe
Seh ich beschämt itzt meine Blöße.
Kurzsichtiger Verstand!
Ein Nichts will Gott, will Alles deuten,
Ein Sterblicher Unsterblichkeiten,
Ein Wurm, verhüllt in Sand!
* * * * *
Hier, wo durch Wahn verführet,
Die Seel im Schutt des Eiteln irret,
Und mit dem Stoffe ringt,
Und, selbst geblendet von dem Schimmer
Des Lichts, nie in die Heiligthümer
Des Ueberirdischen dringt,
* * * * *
Wo sie sich selbst nicht kennet,
Ach! Hier ist es ihr nicht vergönnet,
Den Himmel auszuspähn.
Erlaube, von den Seligkeiten
In unerfahrnen Trunkenheiten
Das Aussenwerk zu sehn!
Erlaub demüthgen Blicken,
Daß sie mit heiligem Entzücken
Hinschmachten zu der Höh,
Wo nach der Nacht im ewigen Liechte
Ich einst mit hellerem Gesichte
Ganz deine Wunder seh.
[Illustration]
Die Seele an ihren schlaffenden Leib.
Ruhe sanft, unaufgeklärter Gefährte dieses schwächeren Lebens! ruhe sie
durch diese dunkleren Stunden des Daseyns! erholle dich — vielleicht
zum letztenmal — im finsteren irdischen Thale. Lebe sie durch diese
todten Stunden der Nächte, bis mir und dir vergönnet seyn wird, in
den heiteren Gefilden des ewigen Frühlings zu wandeln. Erholle dich,
müder Fremdling! denn mit anbrechendem Tage sollst du wieder deine
beschwerliche Reise fortsetzen. Unsicher ist diese Herberg hienieden,
und kurz die Erquickung; aber sey getröstet, bald wirst du von allem
Ungemach — im sicheren Grabe ausruhen.
Und du, aufrührisches Herz! klopfe nicht so, und wecke durch deine
Begierden den schlaffenden Wanderer nicht! —Noch stosset die Brust
halbe Seufzer hervor. Da die Natur in nächtlicher Todesstille
schlummert, da die Sinnen betäubt, und die Glieder unthätig liegen,
noch itzt wachet der Schmerz, und drücket dem Jüngling Thränen aus. Sie
starren auf seinem Antlitz, und benarben die glühenden Wangen. Das Loos
des Menschen beängstiget mit melancholischen Bildern die Phantasie,
und trauert auf den erstorbenen Mienen. Unglücklicher Sterblicher! nur
durch die Unsterblichkeit glücklich, laß die Hofnung der Zukunft dein
Gesicht erheitern! — versieget, oder eilet flüchtiger über die rötheren
Wangen: euch hat sie noch nicht das Alter ausgefurchet, kein blasser
Neid, kein schwarzes Gewissen gehöhlet! — doch nein, fließet, ihr
sanften Thränen! ihr seyd Zeugen der Ungenügsamkeit an dem Irdischen:
— keine Thränen des Weichlings, Thränen der Unsterblichkeit sind sie;
diese hoffende Sehnsucht schwimmt in ihrem halb verschlossenen Liechte.
Die Handvoll Erde, hier liegt sie, und trauert um ihren Liebling, den
Tag, indessen ich, meiner Würde bewußt, über Wolken dahin schwimme,
Triebe der Unsterblichkeit aus erhabneren Sphären sammle, und sie
mitleidig auf den weichen, mit Unkraut bewachsenen Boden des Herzens
verpflanze.
Täusche nicht, schwarzer Morpheus! Die Einbildungskraft mit über
Schatten dahin gauckelnden Tändeleyen der Höfe! täusche sie nicht mit
auf Sand gebauten Schlößern zeitlicher Glückseligkeit! denn sie werden
wie Träume vor den aufgeklärten Stralen der Zukunft verschwinden: so
wird die noch hinter den Bergen glimmende Morgensonne anbrechen; die
Nacht und ihre düsteren Kinder, die Nebeln siegreich zerstreuen; über
die Welt mit vollem Glanze herschen, und der ganzen schmachtenden Natur
neues Leben, und Herrlichkeit mittheilen.
Schon hat die Nacht
Ihr trauriges Gefieder
Zum leztenmale geschüttelt,
schon schmilzt sie hinter die Berge
Dämpfend zurück
In den Abgrund des Undings;
Denn itzund droht
Das Liecht den Finsternissen.
Es schlief der Aether im Nebel;
Er wacht. Schon schwimmet in Wolken
Milderes Weiß,
Das allmählich erröthet.
Schon brennt er dort
Mit rothgestreiften Stralen,
Der Phönix, zwischen den Bergen
Im goldnen Neste herüber:
Hofnung glänzt so
Aus der seligen Zukunft.
[Illustration]
Die Ruhe.
Du Freude, und ihr ruhigen Tage, wo seyd ihr? in der Kindheit, in der
Jugend, oder im Alter? Unvermögen lallet aus dem Kinde; sein Gefühl
— oder wie nenn ich die Gährung emprionischer Säfte? — gleichet dem
Chaos, mit dem es vor kurzen noch rang: kaum ist man als Kind seiner
selbst sich bewußt. Als Jüngling ganz Gefühl, aber unreif zur Wahl und
Mäßigung. Im kalten Alter, des Genußes der Güter unfähiger, weis man
die Regeln des Lebens — und stirbt.
So brausen die Tage des Menschen in rastloser Bestrebung nach Ruhe
vorüber! nur im kalten Schoose des Todes trocknen die Schweistropfen
unserer Müseligkeit. Wären wir hier ruhig, so könnten wir nicht
unsterbliche Seelen haben. Soll ein unauflöslicher Geist an
Gegenständen der Vernichtung, sollen mit der Gottheit vertraute
Geschöpfe, mit dem Vieh sinnlich an dem Gegenwärtigen kleben? Zur
Unendlichkeit überlodernde Flammen, können sie im Schlamme des
Zeitlichen verlöschen? Zu sehr sind wir für eine Ewigkeit geschaffen,
als daß ein Etwas von so mystischem Selbstgefühle, fähig bis zur
Gottheit hinauf zu denken, hienieden sich sättige.
Ruhe auf der Reise zur Glückselligkeit entehret den Wanderer. Geduld
ist seine Zufriedenheit und Hofnung sein Genuß. Dann erst wann er
seine Laufbahn vollendet, die Wüste des Lebens durchgewandert hat,
in jenen seligen Gefilden wird sein heisser Durst nach Vergnügen die
ächte Quelle finden. Aus jener Urquelle aller seligen Freude wird er
seine eigene schöpfen; aber ihr reiner Ausfluß verirret sich nicht
zur trüben Erde herab, und irdische Gefässe fassen ihn nicht. Das
Behältniß unserer Empfindsamkeit, der Wohnsitz der Seele ist von einer
Handvoll gebrechlicher Erde gebildet; die äussere Form ist Schatten
und Liecht, das Innere hinfälliger Staub, ohne Festigkeit, ohne Dauer.
Hier drähet sich alles unter der Sonne in unruhigen Wirbel herum, und
reibet sich auf. Hier ist Zerrüttung, Unsicherheit, Zusammenstoß und
Wechsel der Dinge, ein beständiger Tod der Materie, der eine Minute
nach der andern unser Daseyn auslöschet. Ein Abend sieht stets auf
die verflossenen Zerstreuungen des Tages mit müder Gleichgiltigkeit
zurück, und jede Periode des Menschenalters entdecket neuen Betrug in
unseren Vergnügungen. Die Zeit entehret ihr eigenes Andenken, wenn sie
sich nicht über sich selbst hinaus setzet; zeitliche Geschäfte und
Ergötzungen bekommen erst ihren Werth von der Ewigkeit, erst dadurch,
daß sie nicht augenblickliche Lust, nicht Täuschung und Possen; sondern
unvergängliche Wahrheit, Weisheit und Tugend zum Grund haben. Alles,
was in der Zeit nur für die Zeit geschieht, führet heimlichen Eckel,
und Reue nach sich. Diese Zeit, in die sich der unsterbliche Geist zu
seiner Erniedrigung einschränken muß, machet uns das Bedürfniß der
Ewigkeit fühlen; in ihr beunruhigen wir uns über die Unvollkommenheit
dessen, was hienieden ist, so sehr, als wir selbsten nicht vollkommen
sind. Vollkommene Ruhe ist nicht das Loos der Menschen! — Menschen
ruhig? nein, wir müßten entweder ganz Seele, mit Engeln Seligkeit
athmen; oder ganz Körper seyn, mit dem Wurme genügsam über den Staub zu
herrschen.
Stärke mich, o Vorsicht, noch eine kurze Zeit auf dem Wege zur
Ewigkeit! stärke mich durch Hofnung und Gedult! Ihr Menschen, unter
denen ich gelebet, und so oft gefehlet habe, vergebet, daß ich euch
beleidiget — vielleicht oft durch Liebe beleidiget habe! hasset mich
darum nicht! vergönnet mir, ihr Brüder! den Frieden unter euch! seht,
wenige Schritte, und dann bin ich am ausgesteckten Ziele — am Grabe.
Dort finde ich dich, sehnlich gewünschte Ruhe, in jener heiligen
Stille, welche die öden Gefilde der Verwesung durchschauert! und
du, ernste Freude! Wonne der Zukunft, nach der ich so oft in heilig
melancholischen Tiefsinn geschmachtet, du steigst mir jenseits des
Grabes als eine ewige Morgensonne herauf. Nun ist er mit Kothe
verschwistert, dort wird er, der befremdete Geist, den Klumpen von sich
streifen, und über die Gränzen der gebrechlichen Natur hinaustretten;
dort werde ich aufhören, ihr gebrechlicher Theil — ein Mensch zu seyn.
In meiner Leiche werden vielleicht, schmeichelhafter Gedanken!
redliche Freunde — den Freund, den Redlichen beweinen. Ein heiliger,
ahnungsvoller Schauer wird dann meine zurückgelassenen Reisegefährten
anhalten, wenn sie bey meinem Leichensteine vorüberwandernd, diesen
Machtspruch des Verhängnisses eingeätzet finden.
+Er ist todt, euer Freund, mit dessen Hofnung zu leben ihr erst
kurz die eurige vertauschet hättet. Verweilet, und betrachtet
die wenigen Ueberbleibsel! erkennet in ihm euer Loos, in dem
durchlöcherten Gerüppe! des Todes unerbittliche Pfeile wütheten
durch alle Gebeine. Entfleischet liegen sie da, die Grundsäulen
der menschlichen Maschine, die Stützen des Lebens, die verwäisten
Knochen; wie die rindlosen Wurzeln sich in der wüsten Einöde
zwischen Moder und Faulniß dahin strecken. Er ist todt, euer
Freund, und hat im Grabe die Ruhe gefunden, — die ihm kein Alter,
die ihm eine Welt nicht gegönnet.+
[Illustration]
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EMPFINDUNGEN AUS MEINEM LEBEN ***
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